Der Bur und der Bürle

1.

Nördlich von Kaltbrunn, wo Andreas I. einst Bauernfürst war, und nur durch wenige, aber hohe Waldberge davon getrennt, liegt im Gebiete der Wolf ein kleines, waldiges Tälchen. Es heißt der Holdersbach, nach dem Bergwasser, das vom »roten Grund« herab der Wolf zueilt.

In einer tiefen Mulde eingeschlossen, liegen in diesem Tälchen zwei große Bauernhöfe, einer ehedem fast noch so groß als der andere. Drum hieß von altersher der Besitzer des großen »der Bur« und der des kleinern »der Bürle«.

Eigentlich hätte er »das Bürle« heißen sollen; aber wir wissen, die Kinzigtäler Buren geben etwas Rechtem stets den männlichen Artikel.

Und der Bürle, der auf dem unteren, kleineren Hof saß, war allzeit was Rechts; denn sein Hof umfaßt gut 280 Morgen und hätte im unteren und mittleren Kinzigtal zu den größten gezählt.

Der Bur aber besaß zur Zeit, als die Namen entstanden, und bis in unsere Tage herauf 500 Morgen, war also weit erhaben über dem Bürle.

Von zweien dieser Hofbesitzer, die in unserer Zeit im Holdersbach hausten, will ich jetzt erzählen. Beide gehören zu den Erzbauern, der Bur durch die Größe seines Hofes und durch den selbstbetriebenen Erzbau, der Bürle aber durch seine Idealgestalt von einem Buren, wie er sein soll. Denn wenn ein Bur im Kinzigtal den Namen Erzbauer im idealen Sinne verdient, so ist es der Bürle aus dem Holdersbach.

Beginnen wir mit dem Bur.

Dem alten Bur, der mit seinem Vornamen Simon hieß und zu Anfang des 19. Jahrhunderts im Holdersbach residierte, waren in zwei Ehen 23 Kinder geboren worden, aber nur sieben am Leben geblieben, ein Meidle und sechs Buben.

Der jüngste derselben, auch Simon genannt, war, während seine Brüder groß und stark geraten, von Natur aus schwächlich, klein und verwachsen.

Das war jedoch sein Glück; denn seinen körperlichen Defekten verdankte er die Herrschaft im Holdersbach. Das kam aber also:

Die Anwartschaft auf den Hof gehörte alten, ungeschriebenen Rechts wegen dem jüngsten Sohn aus des regierenden Buren erster Ehe, dem Gottfried.

Der souveräne Bauernfürst Simon im Holdersbach stieß aber dies Erbrecht des Gottfried um zugunsten des Jüngsten aus der zweiten Ehe. Und warum?

Da nur einer Fürst werden konnte auf dem Stammhof, so mußten die übrigen Prinzen des Hauses, wenn sie nicht die Erbtochter eines andern Hofes zum Weib bekamen, Knechte oder Taglöhner werden. Dazu war aber Simon, der jüngere, zu unkräftig.

Als regierender Fürst kommt auch ein körperlich schwacher Mensch fort; drum erhob in weiser Vorsicht der alte Bur seinen von der Natur verkümmerten Jüngsten auf den Thron im Holdersbach.

Es ist uralte Sitte bei den Buren im Kinzigtal, dem Thronerben den Hof möglichst billig zu geben, auf daß »der Stammen sein Fortkommen habe und erhalten bleibe«. Und es liegt ein Stück Weisheit in dieser Sitte, nach der auch der alte Bur im Holdersbach handelte, trotzdem er das Erbfolgegesetz gewalttätig umgestoßen hatte.

So bekam Simon, der jüngere, den Hof um ein Spottgeld. Er mußte jedem seiner Geschwister 1000 Gulden geben, ebensoviel dem Vater bei seinem Abzug auf das Leibgeding und dem Gottfried noch außer seinem Anteil 200 Gulden für die Enterbung.

Alle waren zur größten Ehre »des Stammens« und in demütiger Unterwerfung unter den Willen des Vaters damit zufrieden, und der schwächliche Simon erhielt einen Hof, der unter Brüdern 40 000 Gulden wert war, für 7200 Gulden.

Jetzt war er Bur und ein gemachter Mann. Seine Brüder verließen den Holdersbach und wurden Bergleute und Taglöhner, und die Schwester heiratete den »Krämerjörgle« droben im Schappe.

In der Regel verleiht die Natur dem, welchen sie leiblich vernachlässigt hat, dafür geistig eine Zugabe.

Dies traf auch beim jungen Bur im Holdersbach zu. Er hatte Ueberfluß an gesundem Menschenverstand, faßte alles leicht und rasch auf und war über jede Sache gleich unterrichtet.

Drum wurde er trotz seiner leiblichen Fehler und Mängel ein tüchtiger Bauer und, wie sein Nachbar gegen Süden, der Vogtsbur von Kaltbrunn, ein kluger Berater seiner Standesgenossen.

Auf einen großen, spottbilligen Hof eine reiche Frau zu bringen, ist kein Kunststück, auch wenn der Bur kein Adonis ist.

Die Meidle im Kinzigtal heiraten, wie wir wissen, nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Kopf. Und die Verstandes-Ehen sind bekanntlich allermeist glücklicher, als jene, bei denen sich das Herz zum Herzen gefunden, aber in der Regel bald wieder verloren hat.

Da Simon, der jüngere, die Herrschaft im Holdersbach antrat, stand noch im obern Wolftal auf waldiger Höhe unter dem Grafenloch der große Bauernhof auf dem Schmidsberg.

Hier hauste ein Bauern-Dynasten-Geschlecht, fast so mächtig und so reich wie das vom Stamme Harter über der Bergwand drüben im Kaltbrunn. Es gab von jeher seine vielgesuchten Töchter auf die stolzesten Höfe an der Wolf ab, und wenn ein Meidle vom Schmidsberg Hochzeit hielt, so waren alle Buren und alle Bürinnen und alle Völker zwischen Rippoldsau und Wolfe auf den Beinen.

»Wenn die Könige bauen,« sagt Schiller, »haben die Kärrner zu tun,« und wenn ein Bauernprinz und eine Bauernprinzessin »Hofig« halten, haben die Völker zu essen und zu trinken im Ueberfluß.

Von allen Seiten, aus Berg und Tal strömen sie, ob reich oder arm, der Morgensuppe und am Vorabend dem »Schäpel-Hirschen« zu, um auf Kosten der beiden Hoheiten zu essen und zu trinken, »was Platz het«.

Auf den Schmidsberg war auch der alte Bur vom Holdersbach mit seinem Erbprinzen gezogen und hatte um die Tochter Magdalene »angehalten« und selbstverständlich keinen Korb bekommen.

Die Magdalene war die letzte Prinzessin, die vom Schmidsberg herabstieg, um Bäuerin im Tal zu werden. Ihre Geschwister starben ledig, und der Riesenhof kam, wie wir später erfahren werden, in fremde Hände.

In den sechziger Jahren erwarb ihn ein Senator von Frankfurt, baute auf dem Schmidsberg eine Villa, wohnte den größten Teil des Jahres daselbst und beweinte den Untergang der Republik seiner Vaterstadt.

Söhne Israels bekamen nach seinem Tod die alte Bauernherrschaft und verkauften die Güter im Detail. Die Villa aber ging in den Besitz eines Karlsruher Professors über, der Geld genug hat, um leben zu können ohne Vorlesungen, und in der schönen Jahreszeit die Welt vom Schmidsberg aus betrachtet.

Oft hab' ich im Frühjahr 1897 die Residenz dieses Professors auf einsamer, waldiger Höhe mit den Augen des Enterbten angeschaut und den reichen Mann beneidet um seine Villa im grünen Waldfrieden des Wolftales. –

Die Magdalene vom Schmidsberg brachte nicht bloß »einen schönen Klumpen« Geld mit in die Ehe, sie sollte auch nach dem Tode ihrer Stiefmutter die Haupterbin des väterlichen Riesenhofes werden, und der junge Bur im Holdersbach saß nach der Hochzeit schon schuldenfrei auf seinem Rittergut und hatte noch Kapital dazu.

Simon, der jüngere, hieß nicht bloß der Bur, er war auch, wie schon angedeutet, ein Bur, ein echter und rechter, der die Land- und Forstwirtschaft so rationell betrieb, wie keiner seiner Mitburen im Wolftal.

Er war der erste, der Oedungen mit Wald anpflanzte, und die herrlichen Fichtenwälder auf den Höhen im Holdersbach verkünden heute noch seinen Ruhm und seine Weisheit.

Er war auch der erste Bur, der seinen Hof geometrisch aufnehmen und planieren ließ und zwar durch einen Feldmesser von Hasle.

In Alt-Hasle, wie es vor und zu meiner Knabenzeit bestand, gab es Intelligenzen und Talente jeder Art, Menschen, die ohne Schule Künste kannten, die man sonst nur in Schulen lernt. Zu diesen gehörte auch der Geometer Buelander, den ich nicht mehr kannte, von dem ich aber noch viel hörte.

Seine Kunst war damals eine ziemlich brotlose. Haslacher Bürger ließen sich bei Käufen oder Verkäufen von Aeckern und Wiesen wohl bisweilen vom Buelander das Maß bestimmen, oder er half der Gemeinde bei Anlegung von Wegen und Fertigung von Plänen. Die vielen Bauern im Tal aber dachten nicht daran, einen »Landvermesser« auf ihre Scholle kommen zu lassen. Drum saß der Buelander im Städtle Hasle meist ziemlich trocken neben seinem vielen Durst. Er war aber, ob er Geld hatte oder keines, allzeit kreuzfidel wie die alten Haslacher alle und einer der Bannerträger der Fidelität von Alt-Hasle.

Sein Vater, ein armer Maurer, war aus Württemberg nach Hasle eingewandert und hatte sich da niedergelassen. Der Sohn wurde aus sich selbst ein äußerst geschickter Geometer, der namentlich seiner Vaterstadt die schönsten Situationspläne zeichnete, die ihm heute noch alle Ehre machen.

Sein Ruf kam bis hinauf in den Holdersbach, wohin Simon, der Bur, ihn berief, um den Plan zu einem neuen Haus zu entwerfen und eine geometrische Aufnahme der ganzen Herrschaft zu machen.

Das geschah in den Jahren 1833 bis 1836, in der Blütezeit unseres Waldfürsten Simon, der in jenen Jahren sein Erbteil am Schmidsberger Hof um 120 000Gulden bares Geld verkauft hatte.

Das war nach heutigem Geldwert gut eine halbe Million Mark, also viel Geld für einen Buren.

Drum ließ der Bauernfürst sich nicht nur seinen Hof, sondern auch ein wahrhaftiges Bauernschloß planieren vom Buelander und von dessen Vater es ausführen. Die steinerne Freitreppe und die Terrassen sind wahre Meisterstücke des Geometers von Hasle und seines Maurer-Vaters.

Beim Bur im Holdersbach verlebte der Buelander seine besten und schönsten Tage voll Wohlleben und Freude; denn der reiche und freigebige Fürst Simon war ein großer Freund von lustigen und durstigen Leuten.

Er selber ging selten in ein Wirtshaus, war ein mäßiger und genügsamer Mann und ein Freund vom Daheimbleiben; aber auf seinem Hofe sah er, wie ein echter Fürst, gern heitere Leute um sich.

Der Erzbauer im Holdersbach war anders geartet als sein gleichzeitiger Rivale, Andreas I. im Kaltbrunn. Der ging, wir wissen es, viel auswärts, machte gerne Fahrten ins Land hinab und suchte die große Welt und große Herren auf. Simon, der Bur, blieb daheim und amüsierte sich mit kleinen Leuten, wie der Buelander und sein Meßgehilfe im Holdersbach, der Pfiferjörgle, es waren.

Was an großen Fürstenhöfen einst der Hofnarr war, als das fungierte beim Dynasten im Holdersbach der Pfiferjörgle, ein Original von Gottes Gnaden.

Der Pfiferjörgle stammte aus dem Holzwald am westlichen Abhang des Kniebis, verbrachte aber seine meiste Lebenszeit im Wolftal bei den Schapbachern.

Als Knabe war er zu ihnen herabgekommen und Hirtenbub geworden beim »Heinrichsbur«, dessen Enkel heute noch den malerischsten Bauernhof im Schappe bewohnt, weil er bis jetzt nicht die schreckliche Falzziegel-Sucht der andern Schapbacher Buren nachgeahmt hat.

Beim Viehhüten und wenn er schlaflos, wie alle begabteren Leute, auf seinem Strohlager in der nächtlichen Kammer saß, übte Jörgle, der Hirtenbub, sich auf einer »Schwefelpfeife« und erlangte darauf eine solche Virtuosität, daß er den Namen bekam und all seiner Lebtage behielt – der Pfiferjörgle.

Jede Melodie und alle Töne, die er einmal gehört, konnte er im Kopf behalten und auf seiner Pfeife nachmachen. Wenn eine Hochzeit droben an der Landstraße im Ochsen war, verließ der Jörgle, der unterhalb des Wirtshauses seines Buren Vieh hütete, seine Herde und lauschte, unter der Türe des Tanzbodens stehend, dem Spiel der Dorfmusikanten. Dann setzte er sich wieder in die Nähe seiner Tiere oder nachts auf seinen Strohsack und studierte, was er gehört, auf seiner Schwefelpfeife ein.

Er spielte bald die Pfeife so schön, daß die Knechte, so mit ihm die Kammer teilten, es gerne hörten, wenn er ihnen Schlafmusik machte und beliebte Volkslieder und Tanzweisen spielte, bis sie einschliefen.

Das Ideal, welches der Jörgle erstrebte, war, ein Dorf- und Hochzeitsmusikant zu werden. Aber die Mannen, welche damals diese poetische Kunst im Schappe trieben, hatten strenges Monopol und lachten den Hirtenbuben aus, als er um Aufnahme in ihren Bund nachsuchte.

Da half ihm nach Jahr und Tag ein ehemaliger Knecht beim Heinrichsbur zu seinem Ziele. Dem Knecht hatte der Jörgle oft Schlafmusik gemacht und jener ihm manchmal gesagt: »Wenn i amol Hosig ha, muaß der Jörgle ufspiele.«

Als nun der Knecht Bur wurde im Tiefenbach, da eine Witwe ihm Hand und Hof gab, so erinnerte ihn der Jörgle an sein Versprechen. Der Mann hielt Wort. Und da die Monopolisten sich abermals weigerten, den Jörgle mitspielen zu lassen, ging der Hochzeiter hinauf ins Dorf zum Schulmeister und bat ihn, bei seiner Hochzeit des Jörgles Pfeife mit der Geige zu begleiten. Der brave Lehrer sagte zu, der Hochzeiter aber den Monopolmusikanten ab.

Jetzt, da sie ihren Ring gefährdet sahen, gaben sie nach und nahmen den Pfiferjörgle in ihre Kompagnie auf. Der Schulmeister lehrte ihn das Geigen, und bald war der Jörgle als Geiger und Pfeifer weit und breit unerreicht und die Seele der Schapbacher Hochzeits-Musikanten.

Eine Flöte, eine schöne Geige und ein Piccolo von Ebenholz waren bald sein Eigentum und sein Stolz.

Indes war er herangewachsen und vom Hirtenbub zum Knecht avanciert. Der Bauernfürst im Holdersbach hatte kaum Kunde von den Tönen und Taten des Pfiferjörgle, als er denselben in seinen Dienst nahm. Denn der Jörgle hatte sich vom Pfeifer und Hirtenbuben nicht bloß zum Knecht, sondern auch zum Künstler, Komiker, Sänger und Deklamator ausgebildet.

Beim Bur im Holdersbach ging fortan – und das wollte Simon, der Fürst, – an den Sonntagen keiner der Knechte ins Wirtshaus; jeder hatte Unterhaltung genug, wenn der Jörgle beim Bur in der großen Stube saß und spielte oder seine Schnurren losließ.

Und wenn der Pfiferjörgle zum Schluß noch irgend einen lustigen Streich vorschlug, so war der Bur mit seinen Knechten auch dabei.

Da lebte in den dreißiger Jahren noch unweit der Residenz des Buren, im »Strowersloch«, ein altes Wibervolk in einem einsamen Leibgedinghaus.

Sie war Bürin gewesen auf dem Hermenazishof am Eingang in den Holdersbach und die Base des Bauernfürsten Simon, eine Schwester seines Vaters.

Sie hielt was auf ein gut Glas Wein, und so barg ihr Keller stets ein Fäßchen vom besten unteren Kinzigtäler. Sie geizte aber damit andern, selbst ihrem Neffen, dem Bur im Holdersbach, gegenüber, der ihr deshalb oft drohte, einmal heimlich von ihrem Wein zu holen. Das sei unmöglich, meinte jeweils die Base; denn ihren Kellerschlüssel habe sie tagsüber stets in der Tasche und nachts unter dem Kopfkissen ihres Bettes.

In einer stillen, dunklen Nacht kamen nun der Pfiferjörgle, der Bur und seine zwei Knechte, der Gumwendel und der Gebelejok, ins Strowersloch, während die Alte den Schlaf der Gerechten schlief.

Sie unterminierten die Kellertüre, der Bur, als der kleinste und schmälste, schlüpfte durch die Bresche und öffnete seinen Spießgesellen die Pforte.

Nun tranken sie von dem guten Wein, so viel ihnen schmeckte, holten dann im Stall die Ziege der Leibgedingerin und banden sie an den Hahnen des Fasses; auf dieses selbst aber schrieben sie:

Hätt' die Alt' nit gesöppelt,
So hätt' d'Geiß nit geschöppelt.

Die Dame ahnte am andern Morgen alsbald die Täter und drohte ihnen mit Klage, wenn sie ihr den Schaden nicht auf Heller und Pfennig ersetzten.

Wegen Diebstahls wollte der Fürst im Holdersbach nicht verklagt werden, und eines Tages erschien bei der Alten im Strowersloch sein Hofnarr, der Jörgle, und brachte ihr den verlangten Schadenersatz in lauter Hellern und Pfennigen.

Die Bürin wurde ob dieses Spottes teufelswild, verweigerte die Annahme der zahllosen Heller und reichte Klage ein. Sie fiel aber mit ihrer Klage durch und wurde in die Kosten verfällt.

Das Amtsgericht zu Wolfe hatte damals noch seinen Sitz im fürstenbergischen Schloß, in welchem eine Kapelle sich befindet. Empört über ihre Niederlage, eilt das Wibervolk in die Kapelle und fängt an mit Macht das Glöcklein zu ziehen.

Befragt, was sie zu läuten habe, gab sie zur Antwort: »Ich läute der Gerechtigkeit das Scheidzeichen!« –

Als Mitte der dreißiger Jahre der Buelander von Hasle in den Holdersbach kam, wurde ihm vom Bur der Pfiferjörgle als Meßgehilfe beigegeben.

Vom Buelander lernte er nun nicht bloß das höhere Genre des Haslacher Humors, sondern auch ein gutes Stück Geometrie, das den Jörgle befähigte, später lange Jahre hindurch den Bauern ringsum ihre Wiesen und Wege in Plan zu legen ohne jedes technische Instrument.

Viele, viele Jahre war der Jörgle fast beständig im Dienst des Bauernfürsten im Holdersbach: nur vorübergehend diente er dessen Nachbarn als Geometer. Aber wenn irgendwo im Schappe und bis hinauf auf den Kniebis Tanzmusik gespielt werden sollte, ließ der Jörgle seinen Bur und dessen Nachbarn, kurz, alle im Stich, um seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen.

Seine Gefährten, deren Dirigent er alsbald wurde, waren in den ersten Jahrzehnten seines Ruhmes: der Beckefranz und der Beckeengel, zwei Bäckersbuben aus dem Schappe, und der »Gigerle von Halbmeil«, drüben im Kinzigtal.

Am meiste Furore machte der Jörgle mit seiner Bande, wenn sie auf den Kniebis kamen, wo damals noch die Harzdiebe und die Harzhändler, die wir aus den »Waldleuten« kennen, florierten und viel Geld »aus dem Land« brachten, das sie dann unter den Tönen und Schnurren Jörgles, des Pfifers, Komikers, Sängers und Deklamators, verjubelten.

Die Kirchweih- und die Fastnachtstage verbrachte der Jörgle stets auf dem Kniebis, wo am meisten Spiellohn fiel von den »Kniebutzern«, die, wenn alles verjubelt war, in nächtlichen Wald-Prozessionen wieder Harz holten und damit ins Land zogen.

2.

Simon, der Bur und Fürst im Holdersbach, wurde auch ein Erzbauer im buchstäblichen Sinne des Wortes.

Die schon öfters genannten Erzgruben im Wildschapbach, der Friedrich Christian und der Herrensegen, standen seit Jahrhunderten nie allzulange still, weil die Sage von ihrem Erzreichtum niemals ruhte, auch wenn die Gruben zeitweilig ins Freie gefallen waren.

Vom Jahre 1790–1834 hatte die fürstenbergische Standesherrschaft den Herrensegen im Betrieb. Im letzteren Jahre wurde die Grube aber wieder aufgelassen und in den folgenden Jahren nur zeitweilig durch das württembergische Haus Dörtenbach in Calw auf Raub gemutet.

Simon, der Bur, gründete nun im Jahre 1838 eine Gewerkschaft von Bauern auf Aktien, um die Erze im Herrensegen zu heben.

Direktor war der Fürst Simon selber, Verwaltungsräte der Beckemichel im Dorf und der Bühlisidor in der Sulz, Kassier der Steigmarx und Mitaktionäre die reichsten Buren im Wolftal.

Technischer Berater und Bergingenieur war der Buelander von Hasle, Obersteiger der Steigermichel im Wildschapbach, ein gewandter Bergmann, und als Kassenbote und Vereinsdiener fungierte der Pfiferjörgle.

Bei den meisten Aktiengesellschaften nimmt man es bekanntlich nicht so genau beim Anpreisen des Unternehmens, und diesen Brauch verstanden schon die Erbauern im Wolftale.

Hauptagenten für den Vertrieb der Aktien waren der äußerst gewandte Pfiferjörgle und der Bolderbur, ein ehemaliger Lehrer.

Er war als Unterlehrer in den Schappe gekommen, wo ihm die Bauern wegen seiner karierten Hosen alsbald den Namen »der Schäck« gaben, eine reiche Bürin und Witwe ihm aber ihre Hand reichte und ihn zum Bur machte.

Der Bolderbur war einer derjenigen, die dem Fürsten im Holdersbach am meisten huldigten und seiner geistigen Ueberlegenheit sich unterwarfen.

Der Pfiferjörgle und der Schäck trugen nun den Ruhm der Gewerkschaft und den Reichtum der Grube Herrensegen weithin, auch über den Kniebis hinüber und hinab ins schwäbische Murgtal, wo sie einen reichen Müller in Baiersbronn angelten.

Der war aber als kluger Württemberger nicht so dumm, eine Katze im Sack zu kaufen, sondern wollte sich vom Silberreichtum im Wildschapbach zuerst überzeugen, ehe er Aktien nahm.

Solche Fälle waren aber schon vorhergesehen vom Ingenieur Buelander von Hasle und für den Besucher in irgend einem Gang glänzendes Bleierz freigelegt; so auch, als der reiche Müller über den Kniebis herübergestiegen kam.

Als Häuer, der dem Schwaben die Grube zeigen sollte, ward der Cyprian Breitsch, den wir aus dem »Fürsten vom Teufelstein« kennen, auserkoren. Er führte den biederen Müller in einen Gang und hielt seine Lampe an den Bleiglanz »vor Ort«, wo alles glitzerte und funkelte. Der Murgtäler riß die Augen auf und war sprachlos.

Da stellte ihn der Häuer in einen andern Gang, um von dem Silbergestein lossprengen zu können. Als der Schuß gekracht hatte und der dickste Rauch verzogen war, holte er den Mann aus Schwaben wieder herbei und zeigte ihm, was des Bergmanns Schuß angerichtet. Da lagen auf dem Boden glitzernde Silbererze in schwerer Menge, und ebenso reichhaltig standen sie wieder vor Ort an und blendeten den reichen Müller.

Jetzt brach sein Staunen in Worten los, und er sprach begeistert zum Cyprian: »Do isch bei Gott Glück ouf! Do sieht's guat ous! Do geit's Silber, und so word's furtgau, nit wohr, Bergma?« Und der Bergmann, der's mir selbst noch erzählt, meinte: »'s word so sei!« Und von Stund an war der Müller von Baiersbronn Mitaktionär höchster Zeichnung.

Solche Kapitalisten gaben der Bauern-Gewerkschaft Mut, und sie nahm alsbald zwei neue Gruben in Angriff, die eine beim »steinernen Kreuz bei der Walk« im untern Wolftal und die andere im silberreichen Witticher Tal. Die erste taufte der Direktor Simon, der Bur, »Ausdauer und Glück« und die zweite »Leo«. Trotzdem machte der Erzbauern-Verein bei beiden Fiasko, weil sie nichts ergaben als taubes Gestein.

Bei der Leo-Grube war Obersteiger der »Hauptmann« der Leibgarde des Fürsten Andreas I. von Kaltbrunn. Er schickte seine und seiner Bergleute Arbeitsliste jeweils ein mit der Überschrift: »Lohnliste, wo ich selber dabei war«.

Und nobel waren die Erzbauern im Schappe in ihrem Lohn. Während damals der badisch-englische Bergbauverein, welcher im benachbarten Heuwich mutete, für die Schicht nur 36 Kreuzer vergütete, zahlten die Buren 42.

Sie arbeiteten nur mit 40–50 Bergleuten und nur vier Jahre lang und alljährlich mit Defizit, im Bergmannsdeutsch mit Zubuße.

Der Pfiferjörgle, der in seinen von Botengängen freien Tagen auch als Bergmann arbeitete, hatte bald schweren Stand, wenn er zu den Aktionären kam und die Zubuße holte. Er tröstete die Leute, so gut er konnte, bis sie ihm schließlich nichts mehr glaubten und die Zubuße verweigerten.

Jetzt mußte die Gewerkschaft »ihr Gezäh austragen lassen«, und ihre Herrlichkeit hatte ein Ende; die Aktien waren wertlos, meist aber, wie's heute noch Mode ist, nicht mehr in den Händen – der Gründer.

Der lustige Bergingenieur Buelander aber hatte sich in den Erzgängen den Tod geholt; er kehrte nach Hasle heim und legte sich jung nieder zum Sterben.

Sein Sohn mußte ein Schneider werden und war, wie ich in dem Buche »Aus meiner Studienzeit« erzählt, in Rastatt mein Leibschneider, da er dort bei den Dragonern stand und ich unter den Gymnasiasten. Er ist einige Jahre älter als ich und lebt heute als Mann einer in Amerika reich gewordenen Haslacherin in New-York.

Die Dame sah bei einem Besuch in Hasle den alternden und armen Schneidersmann, der als Polizeidiener seiner Vaterstadt funktionierte. Seine vom Vater ererbte Frohnatur und seine Eleganz im Auftreten besiegten das Herz der Amerikanerin, und sie machte den allzeit fidelen Buelander über Nacht zu einem Rentier. –

Der Pfiferjörgle, welcher als Aktienempfehler und Zubußeneintreiber am wenigsten beliebt war bei den einstigen Aktionären, schüttelte bald nach dem Untergang der Bauern-Gewerkschaft den Staub des Wolf- und Wildschapbach-Tales auf einige Zeit von seinen Füßen.

Er hatte Freude gewonnen am Bergbau und gehört, daß unweit Freiburg, im Gebiet des Feldbergs, im Zastler und bei Oberried, Arbeit sei für Bergleute und Holzmacher. Aber wissend, daß die Menschen überall Musik und Tanz lieben, suchte er seine Kapelle mitzunehmen in die Täler um den Feldberg.

Der Gigerle von Halbmeil, der leicht sein Brot fand drüben im Kinzigtal, wollt' nit in die Fremde; doch der Beckefranz und der Beckeengel gingen mit, wohl überzeugt, daß Dorfmusikanten unter einem Impresario wie der Pfiferjörgle nicht zugrunde gehen und ihnen die Welt offen stehe.

Nun machte der Pfiferjörgle einige Jahre – es waren die mittleren vierziger des 19. Jahrhunderts – Musik im Zastler, in Oberried und bis hinab nach Kirchzarten, zwei Stunden oberhalb Freiburg. Und die Meidle tanzten, und die Burschen jauchzten, und die Buren und Bürinnen losten (lauschten), wenn der Jörgle musizierte, sang und deklamierte.

In der übrigen Zeit schlug er Holz in den großen Wäldern zwischen Feldberg und Schauinsland oder mutete in den alten Erzgängen unter den Tannen.

Der Beckeengel war ein so tüchtiger Vollhäuer, daß ein »englischer Bergherr« ihn bestimmte, mit ihm nach England zu ziehen. Später ging dieser Schapbacher Musikant nach Amerika, wo er starb. Sein Bruder, der Beckefranz, wurde krank in der Fremde, ging heim und starb ebenfalls.

Jetzt hatte der Pfiferjörgle keine Musikanten mehr. Seine Kapelle hatte sich aufgelöst, und der Maestro zog wieder dahin, von wo er gekommen, ins Wolftal.

3.

In den Jahren, da der Pfiferjörgle in der Fremde war und die Menschen des westlichen Schwarzwalds erheiterte, war der Bur im Holdersbach auch nicht müßig gewesen.

Sein Reichtum hatte unter dem Bergbau nicht gelitten und der Fürst im Holdersbach schon vor Gründung der Gewerkschaft seinen Besitz vergrößert. Aehnlich wie sein Rivale im Kaltbrunn hatte er zwei angrenzende Höfe gekauft im Tälchen des Tiefenbachs und alle ihre Oedungen in rühmlichster Art aufgeforstet.

Er besaß jetzt so viele Waldungen, daß er einen eigenen Waldhüter hielt, der sie bewachen sollte und bei ihm wohnte. Es war dies der »Schwob«, ein Bruder seiner Mutter, die einst Pfarrersköchin und aus dem Schwabenland gewesen war.

Als Vetter des Bauernfürsten spielte der Schwob eine Art Beiförster und war nicht wenig stolz auf seine poesievolle Hofcharge, obwohl er vor seiner Ernennung zum Forstmeister das ehrsame Handwerk eines Schusters betrieben hatte.

Jedes Jahr sandte der Waldherr zahlreiche Flöße die Wolf hinab bis an deren Mündung in die Kinzig, und wenn der Bur aus dem Holdersbach in Wolfe anfuhr, um den Schifferherrn seine Holländer-Tannen zu verkaufen, ward er mit dem gleichen Respekt empfangen, wie der Fürst aus dem Kaltbrunn, ja fast noch mit größerem, weil der Fürst Simon auch sonst ein Mann von reichem Wissen war.

Da sein Körperbau ihn nicht zu strenger Arbeit befähigte, so studierte er in Stunden, in denen das Kommando in der Land- und Forstwirtschaft ihn nicht beschäftigte, alle Gesetzbücher, deren er habhaft werden konnte.

Drum war er in allen Gerichts- und Verwaltungssachen bewandert wie ein Advokat und übertraf darin weit den Fürsten im Kaltbrunn. Der spannte seine Gäule ein, wenn er keinen Rat wußte, und fuhr ins Land hinab, um einen solchen zu holen; der Bur im Holdersbach aber langte nur nach seinen Büchern und gab seinen Bescheid an Ort und Stelle.

Die Buren im Schappe konnten darum keinen besseren zu ihrem Vogt und Meister wählen als den Gelehrten im Holdersbach. Sie taten dies zweimal und hätten es wohl noch öfters getan, wenn jener es gewollt. Aber Dorf und Rathaus waren zu entfernt von seinem Hof, und das Amt eines Vogts führte zu viel von Hause weg, was, wie wir wissen, der Bur nicht liebte.

Am liebsten, und das ehrt ihn, blieb er daheim. An Sonntagen mit seinen Knechten ein Spiel zu machen oder dem Pfiferjörgle, so lange er im Tale war, zuzuhören, war seine Lust, und an Werktagen seine Kinder und die aus den nachbarlichen Gehöften um sich spielen zu sehen, seine Freude.

Er lud die Kinder seiner Nachbarn besonders dazu ein, bewirtete sie und freute sich, wenn sie, während er an seinem Schreibtisch saß, jeden möglichen Kinderunfug verübten.

Er hat zweifellos bessere Nerven gehabt, der Bauernfürst im Holdersbach, als unsereiner, dem Kinderspektakel und Hundegebell das Giftigste für seine Nerven sind.

Ging Simon, der Bur, auch selten in die Welt, so kamen doch Weltmenschen zu ihm in die stille, einsame Mulde in Holdersbach, angelockt von seinem Reichtum und seiner Gastfreundschaft, und das war sein Unglück.

Um das Jahr 1840 kam der Fabrik-Teufel, der heute Fürst und Herr in fast ganz Deutschland ist und dem alles zu Füßen liegt, zum erstenmal ins Kinzigtal, um zu schauen, wo er sich niederlassen und seinen Unsegen verbreiten könnte.

Sein Apostel bei dem ersten Einzug ins Kinzigtal war ein Klettgauer aus Thiengen. Er sah an der Kinzig und Wolf hin die schönsten Wasserkräfte nutzlos von dannen ziehen und meinte, es sei schade, daß sie nicht dem Fabrik-Teufel dienten.

Da er wenig eigenes Geld hatte, suchte er einen kapitalkräftigen Kompagnon. Als solcher ward ihm der Bur im Holdersbach empfohlen, der zweifellos, den Vogtsbur im Kaltbrunn nicht ausgenommen, am meisten bares Geld besaß im obern Kinziggebiet.

Drum zog der Agent des Fabrik-Teufels zum Bur, malte ihm alle Herrlichkeiten eines Fabrikherrn vor und bestimmte ihn, sein vieles Geld in einer mechanischen Spinnerei anzulegen. Diese bringe ihm nicht bloß schwere Zinsen für sein Kapital, sondern gebe ihm auch Gelegenheit, viele arme Leute zu beschäftigen und dieselben sich zum Dank zu verpflichten.

Der Gedanke, Verdienst in die Gegend zu bringen, lockte den braven Mann im Holdersbach mehr an als die Aussicht auf große Dividenden, und er ging dem Klettgauer in die Falle.

Draußen, wo der Holdersbach in die Wolf mündet, sollte die Fabrik angelegt werden; aber der gesunde Menschenverstand der Schapbacher Bauern, auf deren Gemarkung die Teufelsfalle errichtet werden sollte, verhinderte es.

Als die erste Spinnmaschine in England aufgestellt wurde, rotteten sich die Handweber zusammen und schlugen sie kurz und klein. Die Leute ahnten, daß diese Erfindung sie zu Fabriksklaven erniedrigen werde, und handelten in weiser Voraussicht.

Aehnlich merkten gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts schon die Buren im Wolftal, daß eine Fabrik ein Unsegen sei für die Landwirtschaft und für das Volkstum.

Drum protestierten sie mit Macht gegen Errichtung einer solchen in ihrem Tal, und sie fanden auch die richtigen Gründe für ihre Ablehnung. Sie sagten sich: Durch eine Fabrik verlieren wir unsere Knechte, Mägde und Taglöhner, wir müssen höhere Löhne bezahlen, weil die Arbeiter rarer werden, und bekommen eine Fabrikbevölkerung, die früher oder später uns zur Last fällt.

Alle Hochachtung vor diesen Schapbacher Buren des Jahres 1840! Die waren weit gescheiter als die heutigen Bauern und Bürger in vielen Dörfern und Städtchen, die es nicht genug begrüßen können, wenn eine oder die andere Fabrik bei ihnen errichtet, und wahre Feste feiern, wenn eine solche Anstalt in ihren Mauern eröffnet wird.

»Das gibt Verdienst in den Ort!« – rufen diese Blechhauben. Ja, es gibt Verdienst – für die Fabrikherren; die Arbeiter aber werden, wie ich anderwärts nachgewiesen, leiblich, seelisch und ökonomisch ruiniert, und wenn sie ihre Kräfte im Fabrikleben erschöpft haben, fallen sie den Gemeinden zur Last, weil sie von der Invaliden- und Altersrente allein nicht leben können. –

Im Wolftal abgewiesen, führte der Fabrik-Teufel den Bur hinüber ins Kinzigtal, zeigte ihm unterhalb Schilte, »am Hohenstein«, eine alte Sägmühle und sprach: »Da will ich dir zum Ruhme eine Fabrik herstellen, wenn du dein Geld mir anvertraust.«

Zwei Schiltacher redeten dem Bauernfürsten auch noch zu und traten in die Kompagnie, deren einziger, bedeutender Kapitalist der kleine Mann und der große Bur aus dem Holdersbach war. Ein Jahr später stand die »mechanische Spinnerei und Zwirnerei am Hohenstein«; der Bur war Fabrikherr und hatte seine 100 000Gulden in dem Geschäfte stecken, in einem Geschäft, von dem er gar nichts, seine Mitgründer blutwenig verstanden.

Teure Maschinen wurden gekauft, nach kurzem Betrieb für untauglich befunden und durch neue, noch teurere ersetzt. Ehe noch die Spindeln recht im Gange waren, hatte der Bur sein ganzes Barvermögen eingebrockt.

Jetzt traten die Geschäftsteilhaber, die den Lunten rochen, aus der Kompagnie aus, und der gute Simon aus dem Holdersbach ward alleiniger Herr der Fabrik am Hohenstein.

Seinen Hof trieb er aufs beste um, und seine Knechte halfen ihm getreulich mit; denn der Bur war ein braver, leutseliger Mann, der mit seinen »Völkern« wie ein Vater und Freund verkehrte und sie wie Glieder seiner Familie behandelte.

Im Fabrikwesen aber war er gänzlich auf seine Buchhalter und Reisenden angewiesen, die um so leichter mehr auf ihr Interesse schauen konnten als auf das ihres Herrn, weil dieser vom Betrieb so wenig verstand als die Knechte auf seinem Hof. Dazu kam noch, daß der Bur selten nach seiner Fabrik schaute, weil er die stille Residenz im Holdersbach nicht gerne verließ. Es konnte ein Vierteljahr vergehen, bis er beim Hohenstein vorfuhr, um nach seiner Spinnerei und Zwirnerei zu schauen. Aber der sonst so klare Kopf schaute dann nur durch die Brille, welche andere ihm aufsetzten, und sah darum nicht ein, daß die Fabrik sein Verderben werde.

Das Sprichwort, daß der »Schuster beim Leisten und der Bauer beim Pflug bleiben solle,« kannte er wohl; aber er war hypnotisiert von dem Wahn, ein Fabrikherr und ein großer Arbeitgeber zu sein, was man noch keinem Bur im Kinzigtal nachsagen konnte. Es ließen ihn wohl auch die Lorbeeren des Kaltbrunner Bauernfürsten nicht ruhen. Tatsache ist, daß beide nicht gut miteinander standen und einer auf den andern eifersüchtig war.

Wer will ihnen aber das verübeln? Machen es denn die wirklichen und echten Fürsten anders? Ein französischer Schriftsteller sagt: »In jedem Bauer steckt etwas von einem großen Herrn.« Sollte drum in den Bauernfürsten im Holdersbach und im Kaltbrunn nicht auch die Eifersucht der großen Herren stecken?

Diese Sucht, größer oder wenigstens so groß zu sein als die anderen, ist bei Bauernfürsten lange nicht so gefährlich wie bei ihren Kollegen auf den Thronen der Welt.

Diese beginnen oft, um ihrer Eifersucht und ihrem Größenwahn zu genügen, freventlich Kriege, in denen sie Blut und Leben, Hab und Gut ihrer Untertanen vergeuden. Und wenn sie unterliegen, geht es ihnen trotzdem meist immer noch besser als ihren dummen und unglücklichen »Untertanen«.

Die Bauernkönige dagegen, wie schon einmal gesagt, stürzen, wenn sie im Größenwahn sündigen, nur sich und ihre Familien ins Unglück.

Drum sind mir nicht bloß die Bauern lieber als die Herren, sondern auch die Bauernfürsten lieber als die echten Kronenträger, weil sie in alleweg viel weniger Unglück anrichten, als ihre Vettern, die Hirten der Völker, auf den Thronen.

Was für Unglück haben die zwei Napoleone im 19. Jahrhundert über Länder und Völker gebracht, und doch hat keiner von ihnen, als sie besiegt waren, auch nur eine Stunde Hunger und Durst gelitten, noch war einer von der Armut geplagt!

Im alten Heidentum verloren die besiegten Könige in der Regel mit dem Thron auch das Leben, sei es, daß man sie um den Kopf kürzer machte oder auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Das war nicht mehr als recht und billig. Wer das Schwert zieht, soll durch das Schwert umkommen!

Heute ist das anders. Aber es ist eben die alte Geschichte vom Unrecht in der Menschheit. Wer in seinem Interesse einen Menschen tötet, ist ein Mörder. Wer aber dem eigensten Größenwahn Millionen auf dem Schlachtfeld opfert und über Millionen Blut und Elend bringt, der kommt in die Geschichtsbücher, erhält Bildsäulen, und über seine Siege singt man das »Großer Gott, wir loben dich!«

In den Tagen, da ich dies schreibe, ist ein spanischer General aus Kuba zurückgekehrt, der den Hungertod von 200 000unschuldigen Landleuten verschuldet hat. Er wurde in Spanien, anstatt gehenkt zu werden, mit Jubel empfangen.

O Menschheit, dein Name ist Narrenhaus! –

Nachdem das Bargeld des bäuerlichen Fabrikherrn alle war, ging es an seinen Kredit. Gegen schwere Prozente wurde Geld in Basel aufgenommen und damit wieder weiter gezwirnt und gesponnen am Hohenstein.

Aber große Zinsen und ungetreue Mitarbeiter fraßen dem Buren im Holdersbach den Gewinn weg, so daß er immer wieder neue Schulden machen mußte, um die Fabrik über Wasser zu halten.

Dem Sinkenden ist bekanntlich ein Strohhalm willkommen, wenn er meint, sich daran halten zu können. Und darum war es dem Bur nicht zu verübeln, wenn er alles tat, um dem Untergang seiner Fabrik zu wehren, wenn er jeder ihm vorgeschwindelten Hoffnung Glauben schenkte und seine Bauernherrschaft immer schwerer belastete, um die Würde eines Fabrikherrn aufrecht halten zu können.

Und es hätte ihm trotz alledem nichts getan, so wenig als dem Fürsten im Kaltbrunn, wenn nicht die Revolutionsjahre und deren Rückschlag im Kreditwesen ihn niedergeworfen hätten, wie Andreas I., seinen Rivalen in der Volksgunst und in der Erzbauernschaft.

Fast zu gleicher Zeit sanken diese zwei Bauernfürsten, und ihre Habe ward versteigert.

Beide wollten für ihre Mitmenschen das beste; beide waren voll Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit gegen alle, die ihres Rates und ihrer Hilfe bedurften; keiner von ihnen war ein Trinker oder Schlemmer, und beide sanken. Warum? Abgesehen von der Ungunst der Zeit, welcher sie in erster Linie zum Opfer fielen, war ihr Untergang ihre Bauerngröße.

»Niemand wandelt ungestraft unter Palmen,« d. h. selten sind außergewöhnliche Vorzüge und Gaben den Menschen nicht zum Schaden. Diese Wahrheit kann man tausendmal im Leben erprobt finden.

Welchen Gefahren sind geistig hochbegabte Menschen ausgesetzt, und was leiden sie nicht um ihrer geistigen Ueber- und Unnatur willen – leiblich und seelisch! Und wie viele von ihnen gehen elend zugrunde!

Welches Los hatten Weltmonarchen – von den babylonischen Großkönigen an bis zu dem Korsen Napoleon!

So oft der sterbliche Mensch über das gewöhnliche Maß, das seinem Geschlechte und Stande bestimmt ist, hinausreicht, wandelt er unter Palmen und wird in der Regel in irgend einer Art gestraft.

Von diesem Gesetze sind auch die Bauernfürsten nicht ausgenommen, und darum gehen sie meist unter, weil sie für ihren Stand zu groß sind. Bauernfürsten haben eben so wenig langen Bestand wie Weltmonarchen. Ihre Größe ist vielfach ihr Unglück.

Ich meine deshalb immer und immer wieder, daß Glück und Bestand in alleweg bei der Mittelmäßigkeit wohnen und auf dem goldenen Mittelweg zu treffen sind.

Drum sind billige Denker und solche, die gar nicht denken, glücklicher als die Geniemenschen, und ein Hirtenbüblein aus dem Schwarzwald ist in sich selber ein weit zufriedener Mensch als ein Goethe und Schiller.

Kleine Monarchen sind glücklicher als Weltmonarchen oder Großkönige.

Bettler sind viel sorgenlosere Leute als Millionäre – und kleine Bauern besser daran als große.

Gerade wie Andreas I. wurde auch Simon, dem Bur, seine Habe verkauft um einen Spottpreis. Die Fabrik am Hohenstein, für die er weit über 100 000Gulden aufgewendet hatte, fiel einem Basler Gläubiger zu für 36 000Gulden, und der stolze Hof im Holdersbach, den der Bauernfürst in fürstlichen Stand gesetzt und großartig verbessert hatte, ging, wie die Höfe und Wälder Andreas I., in fürstenbergische Hände über um das Schnupftabaksgeld von 42 000Gulden. So wertlos waren in jenen Tagen die Güter geworden.

Schapbacher Bauern, die bei der Steigerung erschienen waren, sahen wohl ein, daß sie das Fürstengut im Holdersbach nicht so billig fahren lassen sollten.

Aber ähnlich, wie bei dem Verkauf des Fürstenguts im Kaltbrunn, entging ihnen »der Schick« durch Intriganten, diesmal aus dem eigenen Lager.

Das gemeine Volk hat ja immer und überall, besonders auch in politischen Dingen, das Unglück, daß seinesgleichen ihm zum Verräter werden.

Es muß aber wahrscheinlich so sein in der Menschengeschichte, sonst würde es dem gemeinen Volk zu wohl, und wenn es der Mehrheit der Sterblichen so wohl würde wie den obern Zehntausend, dann wären der Teufel in der Hölle und unser Herrgott im Himmel nicht mehr sicher.

Drum hat das Volk auch allzeit seine Verräter, seine Blutsauger und Schinder gehabt und wird sie haben, so lange die derzeitige Menschenrasse diese Erde bewohnt. –

Als der Pfiferjörgle heim kam aus dem südlichen Schwarzwald, hatte sein Bur keinen Hof und sein Hofnarr keine Musikkapelle mehr. Beide aber wehrten sich tapfer und mannhaft gegen ihr Geschick, und der eine dachte an die Wiedergewinnung seines Hofes, der andere aber an die Neuerrichtung einer Musikbande.

4.

Simons, des Buren, Weib war, lange bevor seine Herrschaft zusammenbrach, hinaufgetragen worden auf den Gottesacker am Kirchberg von Schappe.

Sie hatte also die Katastrophe nicht mehr erlebt. Als sie 1843 das Zeitliche segnete, war der Bur noch im Flor und dazu Fabrikherr am Hohenstein.

Ihre Kinder bekamen ein schönes Stück Geld als Erbteil, für dessen Sicherung die Vormundschaft die zwei Höfe des Buren im Tiefenbach als Pfand nahm.

Diese entgingen deshalb der Gantmasse und wurden den Kindern erhalten. Ihr Vater aber war ein armer Mann; doch er ließ, im Gegensatz zum Fürsten Andreas I., den Mut nicht sinken und noch weniger seine zweite Frau, eines armen Webers Tochter, aber ein Muster in Fleiß und Tüchtigkeit.

Dazu kam noch, daß sein Sturz allgemeines Bedauern und Mitleid hervorrief, weil er stets für sich ein anspruchsloser Mann und ein Freund der Armen und Bedrängten gewesen war.

Selbst der Massenpfleger seines Gantwesens, der kein anderer war als Theodor, der Seifensieder, bezeugt von dem Bur im Holdersbach, daß er »gut gegen die Armen gewesen sei und ein jeder Bettler bei ihm Obdach und reichliche Unterstützung gefunden habe.«

Seine einstigen Knechte, bei seinem Sturz vielfach Bauern, hielten treu zu ihm in seiner Not. So ward es ihm möglich, seinen Herrensitz und die Aecker und Matten desselben vom Fürsten von Fürstenberg zu pachten und Bauer im kleinen zu werden.

Er hatte zehn eigene und zwei Stiefkinder, aber alle, besonders die letzteren, halfen dem Vater so getreulich bei der Arbeit, daß bald wieder Friede und Freude einkehrte auf dem stattlichen Hof im Holdersbach.

Der Bur lud wieder wie ehedem die Kinder der Nachbarschaft ein, um an ihren Spielen sich zu erfreuen. Und wenn er die Kleinen auch nicht mehr so splendid bewirten konnte wie vormals, so gab er doch zum Abschied jedem ein Stück Brot. Und ein Stück »fremdes Brot« ist für ein Kind bekanntlich ein Leckerbissen.

Selbst der Pfiferjörgle erschien wieder und machte seine Späße und sang seine Lieder.

Eben, als sein liebster Meister um Hab und Gut gekommen, war der Jörgle, wie wir erwähnt, aus der Fremde heimgekehrt. Zu seinem alten Herrn konnte er aber nimmer; der brauchte keine Knechte mehr; seine eigenen Söhne waren seine Helfer.

Da der Jörgle jedoch ums Leben gern im Holdersbach gewesen wäre, so ging er zum Nachbar des Buren, zum – Bürle. Der nahm den geschickten Planeur, Weg- und Mattenmacher in seine Dienste und war so zufrieden mit ihm, daß er ihn behielt bis zum Jahre 1870.

Der Bürle, den wir bald kennen lernen, war ein tiefernster, strengreligiöser Mann, bei dem der lustige Jörgle nicht austoben konnte. Drum ging er an Winterabenden und an Sonntagnachmittagen hinüber zu seinem alten Bur und gab bei diesem und seinen Söhnen Gastrollen.

Kaum hatte er aber wieder beim Bürle einen festen Stand, als er an die Neugründung einer Musik ging; denn ohne Musik konnte der Jörgle nicht leben.

Es gelang ihm bald, einen Renchtäler, den Hodapp von Oppenau, einen Kinzigtäler, den Spieß aus Alpirsbach, und den Vizetoweis und den Steiglepold aus dem Wolftal unter seiner Direktion zu vereinigen.

Die neue Kapelle wurde noch berühmter als die alte, und der Jörgle spielte und sang bei Hochzeiten wie noch nie.

Wenn auf dem Tanzboden Pause war, so zog er in der Wirtsstube von Tisch zu Tisch und trug unter Begleitung seiner Geige Lieder vor.

Dabei richtete er den Text seiner meist selbst fabrizierten Gesänge stets ein nach den Personen, welchen er sie vortrug.

Saß an einem Tisch ein Bursche mit seinem Schatz, so begeisterte er beide durch folgenden Sang:

Meidle, wenn ich dich erblicke.
Find' ich keine Ruhe mehr;
Drum in meine Nähe rücke.
Denn ich lieb' dich gar so sehr.

Ich verlier' dich zwar aus meinen Augen,
Aber nicht aus meinem Sinn;
Liebster Schatz, du darfst mir's glauben.
Daß in dich verliebt ich bin.

Und so lang die Tannen rauschen
Und die Reben tragen Wein,
Und so lang die Wasser fließen.
Sollst und mußt mein eigen sein.

Und nicht bloß der Bursche, auch das Meidle gab dem Pfiferjörgle ein Stück Geld für das »schöne Lied«. –

Dort hinten beim Ofen haben ein paar alte Soldaten, die noch unter Napoleon gedient und es nicht weiter gebracht als zu Taglöhnern oder Knechten, Platz genommen. Auch diesen lockt der Jörgle das Geld aus den Kniehosen, indem er ihnen ein Soldatenlied aus der Napoleonszeit singt, das da anhebt:

Ach Gott, wie geht's im Kriege zu.
Was wird für Blut vergossen!

Vorn in der Herrgottsecke sitzen die Buren. Auf die hat's der Jörgle besonders abgesehen, denn die haben am meisten Geld in der Tasche.

Unter ihnen ist der lustigste der alte Bernetsbur aus der Sulz. Wenn dem der Jörgle dessen Lieblingslied singt, ist ihm ein Sechsbätzner gewiß. Des Bernetsburen Lieblingslied aber ist »Hans und Vrene«, dessen erste Strophe wie allbekannt lautet:

Es g'fallt mir numme eine,
Un selli g'fallt mir gwiß.
O, wenn i doch des Meidle hätt',
Es isch so hübsch un dundersnett,
So dundersnett, so dundersnett,
I wär' im Paradies.

Wenn der Jörgle so zu singen anfing, da sang der Bernetsbur jeweils mit ihm, und nachdem die elf Strophen des Liedes gesungen waren, da standen dem Bur die Tränen in den Augen, Tränen der Wehmut und der Lust.

Neben dem Bernetsbur saß ernst und feierlich des Pfiferjörgles Herr, der Bürle. Dem durfte sein Knecht nur was Ernstes singen, wenn er sein Wohlgefallen gewinnen wollte.

Aber auch für solche Fälle war der Jörgle gesattelt. Er fing also an:

Wenn ich betracht' mein Lebenslauf,
Erstarrt mir meine Zung';
Es gehen mir die Augen auf.
Ich zitt're um und um, –
Daß ich die edle Zeit verschwend't,
So wenig an mein Gott gedenkt.
Der Tod steht schon vor meiner Tür',
Ach Gott, wie geht es mir! –

Und dann sang er so schön von der Vergänglichkeit alles Irdischen, daß auch der Bürle gerührt seinen Geldbeutel auftat und seinen lustigen Knecht lohnte.

Auf diese Art ward der vielseitige Sänger und Musikant allen gerecht. Und wenn er sich müde gesungen, gespielt und deklamiert hatte bei einer Hochzeit, so lud ihn am späten Abend der »hintere Bur« im Tiefenbach regelmäßig ein zu einer Flasche – Kirschenwasser.

Wenn die getrunken war, bestieg der Bur seinen Fuchsen und ritt dem waldigen Tiefenbach zu, der Pfifer aber nahm seine Geige und wanderte singend in die Mulde im Holdersbach.

Wenn heutzutag, wo die liebe Kultur überall hinleckt und die Menschen zu Krüppeln macht, ein Bauer und ein Musikant am Abend, nachdem sie den ganzen Tag über Wein getrunken, noch eine Flasche Kirschenwasser vertilgten, könnte sicher der Bur nimmer sein Pferd besteigen und der Pfeifer nimmer singend heimwandern. –

Während der Pfiferjörgle mit seiner neuen Kapelle Furore machte an der Wolf hin und Geld verdiente, gelang es auch seinem einstigen Herrn, dem Bur im Holdersbach, sich mehr und mehr wieder heraufzuarbeiten.

Er trat eines Tages vor den Repräsentanten des Fürsten von Fürstenberg, den Rentmeister zu Wolfe, und sprach: »Was kostet mein Hof ohne Wald? Ich will ihn wieder kaufen!« Die Fürstenberger, eingedenk dessen, daß sie des Bauern Hof mit den wunderbaren Waldungen so billig gekauft, machten seinem einstigen Besitzer einen billigen Preis. Um 10 000Mark erhielt Simon, der Bauernfürst, seine Residenz und die meisten Aecker und Wiesen seines Fürstentums wieder. Er ward wieder ein Bur, wenn auch keiner, wie er gewesen.

So weit hatte es seine eigene Tatkraft, die im Unglück nicht untergegangen war, mit Hilfe seines braven Weibes und seiner wackeren Söhne gebracht.

Aber kaum hatte er sich seinen Hof wieder errungen, als 1864 der Tod kam und ihn fortholte dorthin, wo arm und reich, Bur und Knecht, Fürst und Bettler gleich sind, und wo es gar nicht darauf ankommt, was einer im Leben gewesen ist.

Seinen Kindern aber hinterließ er drei Höfe. Im Holdersbach sitzt sein Jüngster als Stammhalter und bedauert nur, daß die schönen Wälder zu seinen Häupten, die einst seinem Vater gehört haben, nicht die seinen sind. –

Daß der Pfiferjörgle seinem alten Herrn »mit der Leich« ging, versteht sich von selbst.

Er spielte nach dem Tod seines braven Buren noch zu manch einer Hochzeit auf und sang noch manch ein Lied.

1870 schied auch er, zwar nicht aus dem Leben, wohl aber aus dem Holdersbach. Der Bürle hatte nichts mehr zu planieren: drum rief ein Sohn »des Buren«, der sich einen vierten Hof beim Bad in Rippoldsau erworben, den Geometer Jörgle dorthin, damit er auch ihm seine Matten in Plan lege.

Nebenbei fungierte der Jörgle noch in seinen alten Tagen als »Flötzer«, was er schon früher oft getan. Doch brach er bei diesem lebensgefährlichen Beruf eines Tages einen Fuß und wurde dauernd arbeitsunfähig.

Unterstützungswohnsitz, Unfall- und Krankenversicherung gab es damals noch nicht, was zu bedauern ist, nicht wegen der günstigeren Lage, in die der alte Pfeifer gekommen wäre, sondern weil der sonst sicher ein Lied gemacht hätte auf die verschiedenen Klebegesetze, die mehr Unheil als Heil gebracht, haben und die so kompliziert find, daß einer, der nicht mindestens Oberamtmann ist, sie gar nicht begreift.

Nur das begreifen die Leute, daß sie jahrelang schinden und schaffen und kleben können und, wenn sie dann einmal was wollen, von Pontius zu Pilatus laufen müssen, bis sie was bekommen.

Mir ist noch nie ein Mensch der Arbeit begegnet, der mit dieser ebenso bureaukratischen als unpraktischen sozialen Gesetzmacherei zufrieden gewesen wäre. –

Als echter Musikant und Dichter, zwar nicht vom Nil, wohl aber von der Wolf, hatte der Jörgle keinen Pfennig erspart, da seine »Invalidität« eintrat. Drum nahm er, krank und alt geworden, sein Käs in ein Bündel, seine Geige unter den Arm und wanderte von Rippoldsau aufwärts dem Holzwald zu, wo einst seine Wiege gestanden. Hier in des Waldes düstern Gründen, aus deren Lichtungen malerische Hütten ins Tal herabschauen, ließ er sich nieder und wartete auf den, der allen Musikanten das Geigen und Pfeifen einstellt.

Die wenigen Buren und die zahlreicheren Taglöhner im Holzwald »hatten den Jörgle um«, und friedlich wanderte dieser von Hof zu Hof und von einer Taglöhnerhütte zur andern und fand seinen Unterhalt.

Er machte dann seinen jeweiligen Kostherren noch Besen oder spaltete Holz oder hütete die Kinder. Und am Abend, wenn alle beisammen in der Stube saßen, erzählte der greise Troubadour von seinen Sänger- und Spiel- und Bergmannsfahrten.

Er wurde warm dabei, und seine Zuhörer lauschten. Und begeistert von der Erinnerung an bessere Tage, griff dann der alte Barde nach seiner Geige und sang und spielte voll bacchantischer Lust.

Drum, wenn der Jörgle in ein Haus kam, da freute sich alt und jung; denn der Pfifer wußte zu erzählen und zu spielen, daß allen das Herz aufging. Ende der siebziger Jahre haben sie den großen Volksmann hinabgetragen zum Klösterle und ihn zur ewigen Ruhe gebettet.

Seine letzten Musikanten sind ihm längst nachgefolgt. Nur einer von ihnen lebt noch, der Steiglepold. Der ist Bauer weit drüben im südlichen Kinziggebiet, im Gremmelsbach, und zu seinem Hof gehört die sagenumwobene Burgruine Althornberg, von der ich anderorts schon erzählt und in deren Nähe mein Urahne gewohnt hat, der Vogelhans.

Der Steiglepold aber ist ein Bruderssohn des großen Erzbauern, auf den ich jetzt zu sprechen komme, des Bürle im Holdersbach.

5.

Man sagt mir im Kinzigtal nach, daß ich die Helden meiner Erzählungen bisweilen zu gut gemacht und einzelne ihrer Fehler und Mängel beschönigt oder verschwiegen hätte.

Ich gebe das zu. Es geht eben einem Schriftsteller meiner Art, wie dem Maler und dem Photographen, die ihre Bilder auch nach dem Leben aufnehmen. Sie machen ihre Porträts möglichst genau, glätten und retouchieren jedoch Falten und Warzen aus dem Gesicht des Originals, damit dieses nicht beleidigt und unzufrieden ist. Jedermann aber, der das Original kennt, wird das Bild getroffen finden, auch wenn die Verunstaltungen fehlen.

So muß auch ich es manchmal machen; aber mein Original bleibt doch ein solches, wenn ich auch der Nächstenliebe den gebührenden Tribut zolle und nicht von allen menschlichen Schwächen meines Helden rede. So was tut man in der Regel bei sich selber nicht, darf es also auch nicht bei andern tun. Wenn ich aber jetzt vom Bürle im Holdersbach rede, da brauche ich nicht zu retouchieren und nicht zu beschönigen. Von ihm kann man sagen, was Salomon im »Hohen Lied von der schönen Sulamith« sagt: »Ein Makel ist nicht an ihm.«

Der Bürle ist ein Erzbauer im besten und im einzigen Sinne dieses Wortes; er ist der Erzbauer aller Erzbauern, ein Muster- und Idealbauer, wie wohl kein zweiter im 19. Jahrhundert auf dem Schwarzwald gelebt hat. Wer seine Geschichte erzählen darf, der kann mit dem Dichter Bürger ausrufen: »Gottlob, daß ich singen und preisen kann, zu singen und preisen den braven Mann!«

Als ich im Mai 1897 in dem schon erwähnten Häuschen am Wolfbach saß, sprach ich mit meinem Gastgeber, dem Ochsenwirt, oft über die Bauern des Tales.

Da sagte er mir einmal: »Der Musterbauer unserer Gegend ist leider nimmer hier. Er privatisiert drunten in Wolfach. Es ist der Bürle, der da drüben im Holdersbach seinen Hof umgetrieben hat. Er ist der brävste Mann der beste Bauer, den ich im Leben kennen gelernt habe.«

So sprach der Ochsenwirt und nicht anders; denn er hat in Pruntrut im Jura die Kaufmannschaft gelernt, war im großen Krieg Einjähriger und spricht deshalb nicht bloß hochdeutsch, sondern auch französisch.

Seine Worte fielen auf gutes Erdreich bei mir, und sie trugen alsbald Früchte. Am andern Morgen schon schrieb ich hinab nach Wolfe an Theodor, den Seifensieder. Der hatte versprochen, am kommenden Sonntag mich in meiner Einsiedelei zu besuchen, und drum bat ich ihn, wenn immer möglich, den Bürle mitzubringen, da ich den Mann gerne kennen lernen möchte.

Es geschah. Ich sah den ernsten, stillen Mann mit dem Kopfe eines Fürstabts und ward von ihm so eingenommen, daß ich ihm keine Ruhe ließ, bis ich seinen Lebensgang so genau wußte, daß ich ihn auch meinen Lesern erzählen kann als das Leben eines Numero-Eins-Bauern und eines Christenmenschen, wie es wenige gibt.

Ein Numero-Eins-Mann hat sicher auch Eltern gehabt, die darnach waren; denn auch die Eigenschaften, die zu einem Idealmenschen gehören, bekommt man durch Erbschaft, so gut wie körperliche Vorzüge und Gebrechen.

Es kann allerdings vorkommen, daß kreuzbrave Eltern ein oder das andere ungeratene Kind haben; aber dann hat dieses Kind eben seine diesbezügliche Anlage von einem Vorahnen geerbt, der auch nicht vom besten Butter war.

Daß die guten und die schlechten Eigenschaften der Eltern auf die Kinder übergehen, dafür spricht auch die Tatsache, daß »ungeratene« Kinder in den Städten viel häufiger sich finden als auf dem Land, wo die Eltern nicht so vielen Lumpereien und Leidenschaften ausgesetzt sind als in der Stadt, und wo bei den Vätern und Müttern in alleweg noch mehr Gottesfurcht herrscht.

So waren auch der alte Bürle im Holdersbach, Jakob, und seine Ehefrau Luitgarde gar gottesfürchtige Eltern. Sie hatten elf lebendige Kinder. Und das jüngste war unser Held, der des Vaters Namen bekam und als der letztgeborene der Erbprinz des Hofes wurde.

Er war, als Simon, der Bur, 1829 Hochzeit hielt, vier Jahre alt und erinnert sich noch wohl daran, weil am gleichen Tage auch schon sein ältester Bruder, der Wendel, ein Weib heimführte und ein Taglöhner wurde in der Nähe des väterlichen Hofes.

Hirtenbub und »Schulerbub« wurde Jakob, der jüngere, zwei Jahre später, anno 1831. So gerne er das erste war, so beschwerlich ward ihm zur Winterszeit der Besuch der Schule.

Doch war der Schulbesuch in jenen Jahren noch praktisch eingerichtet für die Kinder auf dem Lande. Im Sommer hatten sie nur einen Tag in der Woche zur Schule zu wandern, im Winter dagegen fünf ganze Tage. So hatten die Bauern im Sommer ihre Kinder daheim, und die Kinder konnten den Eltern auf dem Felde behilflich sein, während sie im Winter nichts versäumten.

Aber die Buben und Meidle aus dem Holdersbach hatten zur Winterszeit einen beschwerlichen Weg hinauf ins Dorf Schapbach. Sie mußten bergauf und bergab drei Viertelstunden wandern bis zur Kirche und zum Schulhaus.

Da die Wege über die einsame Talmulde, »die Bäch« genannt, und von da über »die Steig« nur Pfade waren, konnte kein Bahnschlitten dieselben den Kindern gangbar machen, wenn Schnee im Lande lag.

Die Kleinen mußten dies selber tun und taten es auf sinnige Art. Auf dem Hof des alten Bürle sammelten sich sämtliche Kinder vom ganzen Tälchen Holdersbach, stets 6–8 an der Zahl. Und nun ging's, da noch die Nacht im Tale lag, im Gänsemarsch bergauf in die jungfräulichen Schneefelder.

Voraus schritt möglichst der älteste und stärkste Knabe; den Zug schlossen die Meidle. Oft war der Schnee fast meterhoch, und der Anführer mußte gewaltig stampfen, um sich und seinen Nachfolgern eine Gasse zu machen.

War er müde, so trat er zurück und sein nächster Hintermann mußte vor. So wechselten die wackeren Buben ab, bis alle todmüde und in Schweiß gebadet bei der Kirche ankamen.

»Das ärgste,« so sagt heute noch der Bürle, »war, daß wir zuerst in die kalte Kirche gehen und die heilige Messe anhören mußten. Wer nicht hinein ging, erhielt sechs Tatzen.«

Der Unsinn und die Barbarei, Schulkinder, die zur Winterszeit stundenweit durch den Schnee gestampft sind, alsbald nach ihrer Ankunft in die eisige Kirche zu zwingen, existiert heute noch in manchen Pfarreien des Schwarzwalds.

Das halte ich aber für keinen Gottesdienst, sondern für eine Sünde wider den heiligen Geist, der uns den gesunden Menschenverstand gegeben hat, um einzusehen, daß Kinderqual und Gefährdung von Kinderleben kein Dienst ist, der Gott gefällt.

Aehnlich tadelnswert ist es, wenn derartige Kinder in der Schule hart angefahren oder bestraft werden, wenn sie, nach langem Marsch in der Kälte draußen in die Schulstube gekommen, müde und schläfrig werden. –

Ueber Mittag konnten die Holdersbacher so wenig als die andern Kinder, welche »ab den Bergen« kamen, heim zum Essen, wie ihre Genossen aus dem Dorf.

Sie hatten deshalb ein kaltes Mittagessen von daheim mitgenommen, und das bestand aus Brot und Aepfeln oder, wenn's hoch herging, aus Brot und einem Stückchen rohen Speck. Zu diesem Mahle setzten sie sich in einer »Rußhütte« nieder, die in der Nähe der Schule war und dem Bolderbur gehörte.

Da war es warm, und die Harzkuchen, welche zu Ruß gebrannt wurden, gaben einen Wohlgeruch, den die Kinder liebten.

Um eins ging die Schule wieder an, und um drei Uhr sandte der Lehrer Hirt, derselbe, welcher später das Musikkorps des Fürsten Andreas I. organisierte, einen Buben zur Kirche, damit er die Glocke läute und so das Zeichen gebe zum Schluß der Vorlesungen und zugleich den Eltern die Heimkunft der »Schuler« verkünde.

Alsbald brachen die Holdersbacher Studenten wieder auf, um ihren Gänsemarsch anzutreten. Daheim fanden sie »im Oefele« noch etwas Warmes, was die andern vom Mittagessen übrig gelassen hatten.

Wenn die Stadtjugend aus der Schule kommt, so hat sie Freipaß zum Spielen. Auf dem Land beginnt jetzt erst die Arbeit fürs Haus. So hieß es auch, wenn die Kinder des Bürle-Buren heimkamen und sich ein wenig erwärmt hatten: Holz tragen, Rüben und Erdäpfel schneiden und stampfen, Stroh holen, Ställe putzen, das Vieh an den Brunnen jagen!

Während die gesottenen Kartoffeln für die Schweine zerstoßen wurden, eine leichte Arbeit, mußte, so war's Uebung auf dem Bürlehof, nebenher gebetet werden.

Um sechs Uhr zur Winterszeit wurde zu Nacht gespeist: Kartoffeln und Gerstensuppe und zum Dessert süße Milch. Dann kam das Nachtgebet des Gesamthauses. Dieses bestand vom Rosenkranzsonntag im Oktober bis zum heiligen Ostertag in einem Rosenkranz und dem Salve regina. Von Ostern bis Herbst wurde wegen der vielen Feldarbeiten nur an Samstag- und Sonntagabenden der Rosenkranz gebetet, an den übrigen Tagen waren die Leute müde und deshalb das Gebet ein kürzeres.

So verband man damals und verbindet heute noch das Landvolk auf dem Schwarzwald das tägliche Gebet mit der täglichen Arbeit, die Erde mit dem Himmel. Es erhebt sich dadurch unendlich hoch über gar viele Stadtmenschen, die keine andere Abwechslung kennen als die zwischen Arbeit und Genuß und vom täglichen Gebet so wenig mehr wissen als ihre Hunde und Katzen. –

Besser waren die Tage und Stunden, welche der Benjamin des alten Bürle als Hirte verlebte. Etliche zwanzig Stück Großvieh waren dem Schulknaben anvertraut, und er weidete sie getreulich auf den Höhen über seines Vaters Hof.

Wie alle Hirten im Schwarzwald, vertrieb er sich die Zeit mit Singen. Die Lieder lernte er von seinen Brüdern, die an Winterabenden regelmäßig ihre Konzerte gaben in des Vaters Stube.

Mit der Zeit konnte der kleine Jakob fünfzig Hirtenlieder, die er abwechselnd von der Höhe in die Mulde »der Bäch« zu Tal sandte.

Auch an das Spottlied erinnert er sich noch, das in jenen Tagen die Bauern und ihre Söhne und Knechte über die Schifferzunft von Wolfe sangen.

Diese hatten, wie ich in den »Waldleuten« erzählt, das Privilegium, daß die Bauern der einstigen Grafschaft Fürstenberg ihr Holz nur ihnen, den Schiffern von Wolfe, verkaufen durften.

Sie beanspruchten dieses Monopol noch lange, nachdem Land und Leute badisch geworden waren, und die Bauern mußten sich von den privilegierten Wolfachern den Preis für ihre Tannen machen lassen. Sie erhielten für die floßbare Tanne kaum 18–20 Gulden; wenn sie ihre Waldbäume zum Harzen aufrissen, lösten sie mehr aus dem Harz als aus dem Holz.

Ueberall regten sich die Bauern in den zwanziger und dreißiger Jahren gegen das alte Monopol. Droben im Kaltbrunn warf es, wie wir wissen, der Fürst Andreas nieder, im Schappe und seinen Tälern der »Ferdisbur«.

Er baute, weil er sein Holz nicht »verflößen« konnte, ohne den Schifferherrn in Wolfe, die auch das Monopol der Flößerei auf der Kinzig hatten, in die Hände zu fallen, im Wildschapbach eine Sägmühle. Auf dieser schnitt er sein Holz zu Brettern und verkaufte diese über den Berg hinüber an die Holzhändler im Renchtal.

Als die Schiffer dahinterkamen und Lärm schlugen, machte der Ferdisbur alle Buren im Wolftal rebellisch und beschritt den Rechtsweg.

Der damalige Obervogt Müller in Wolfe, ein braver Mann, hielt es mit den Buren und bestimmte die fürstenbergische Standesherrschaft, die dem Privileg der Schifferschaft sich bisher auch unterworfen hatte, mitzumachen.

Die Sache wurde – so mächtig waren die Schifferherren damals noch – so geheim betrieben, daß ein alter Jude, der in der Gegend mit Bändeln handelte, heimlich die Korrespondenz der Buren mit dem Obervogt und den Fürstenbergern besorgte.

Im Jahre 1833 gewannen die Buren den Prozeß. Flugs entstanden die Spottlieder, die von des Bürles erwachsenen Söhnen komponiert und bald überall an der Wolf hin gesungen wurden.

Leider ist es mir nur gelungen, zwei Zeilen eines dieser Lieder zu erfahren:

Den Schiffern geht's wie dem Bonapart,
Der einst auch so florieret hat.

Jetzt florierten die Bauern; denn für das »Hundert-Holz«, wie sie die floßbare Tanne hießen, erhielten sie fortan 38–40 Gulden. –

Der Erbprinz, Jakob der jüngere, war kaum zehn Jahre alt, als sein Vater das Zeitliche segnete, und er hatte das zwölfte noch nicht erreicht, als die Mutter dem Vater nachfolgte. »Da war es geschehen um die Heimat; die selige, gute Mutter hatte alles mit ins Grab genommen,« sagt heute noch der Bürle.

Da unter den elf Kindern vier unmündige waren, mußte der Bürlehof versteigert werden. Draußen im Ochsen war die Versteigerung. Der junge Stammhalter war auch dabei, wurde aber plötzlich so krank, daß er im Wirtshaus zu Bett gebracht werden mußte.

Der Wundarzt Dimmler, der damals im Schappe funktionierte und zu meiner Knabenzeit in Hasle praktizierte, rettete das Büble von der Lungenentzündung und zwar zur rechten Zeit; denn bei der Steigerung war er Hofbauer geworden.

Sein Vormund, der »Xaverisbur« im Schappe, ein gescheiter Mann, hatte gesteigert, bis der Bürlehof ihm blieb für seinen Mündel. Er konnte am meisten geben, weil sein Schützling als Jüngster den »Vorteil«, d. i. das Erbrecht auf den Hof hatte und deshalb von der Kaufsumme den achten Teil abziehen durfte.

Gesteigert hat der Xaverisbur den Hof für 21 500 Gulden und dafür erhalten: 250 Morgen Aecker, Wiesen, Waldungen und Reutfeld nebst Haus und Garten. Den gleichen Hof hatte der Großvater des Mündels um 1200 und sein Vater um 2800 Gulden von den Eltern übernommen.

Das Trauerjahr nach der Mutter Tod blieben die Kinder noch auf dem Bürlehof beisammen: aber im Frühjahr 1838 gingen sie auseinander. Die erwachsenen Söhne heirateten und wurden Taglöhner oder kleine Buren, und die Meidle gaben solchen die Hand.

Der drittälteste, Markus, nahm Haus und Wiesen und Felder vom Erbprinzen in Pacht: dieser selbst aber kam hinauf ins Wolftal, wo oberhalb des Dorfes der Vormund seinen Hof hatte.

Eines Aprilmorgens im Jahre 1838 verließ er mit dem Schulsack den Holdersbach und sein Eigentum. Tränen in den Augen und Weh im Herzen, und ging zur Schule.

Als diese zu Ende war, zog er mit den Kindern seines Vormunds ins neue Heim, in welchem eine Schwester seiner Mutter Büre war. Diese versüßte ihm bald das Weh, das ihn ergriffen hatte.

In die Schule war jetzt der Weg besser, und im Frühjahr und Herbst konnte er oft auf den Flößen, die den Wolfbach herab- und am Hof seines Vormunds vorbeikamen, hinabfahren ins Dorf.

In der freien Zeit wurde er wieder Hirte uud Treiber bei den vielen Holzfuhren, die der Xaverisbur zu machen hatte, um Flußholz auf die Spannstatt zu bringen.

Keine Arbeit aber wurde dem zukünftigen Bürle erspart, als er im Jahre 1840 der Schule entlassen ward, und jede Knechtsarbeit in Feld und Wald ihm zugemutet; denn er war groß und stark. Am meisten aber wurde er verwendet zum Waldgeschäft, zum Tannenriesen und zum Floßeinbinden.

Auf den Spannstätten, wo die Flöße eingebunden wurden, gab es nicht bloß schwere Arbeit, sondern auch entsprechend Essen und Trinken.

Da sott damals drunten im Dorf Schappe der Valeri, den ich noch wohl kannte, ein trefflich Bier, die Maß um fünf Kreuzer. Der Valeri war der Schwager des Bockhansen, der in meiner Knabenzeit in Hasle das erste Bockbier schuf.

Beim Valeri holte der junge Bürle täglich ein Fäßlein für die Mannen auf der Spannstatt, und sie tranken nach Herzenslust und er mit ihnen.

So gedieh er bei harter Arbeit bis zu seinem 17. Lebensjahr, als dem Vormund einfiel, seinen Mündel auf eine bessere Schule zu bringen und ihn noch mehr ausbilden zu lassen.

So was wäre im Jahr 1842 keinem Bur um Hasle rum eingefallen, einen zukünftigen Hofbesitzer noch in ein anderes »Studie« zu geben als in das der Volksschule.

Droben im Wolftal waren aber damals schon Herrenbauern, die sich empfänglich zeigten für höhere Bildung. Seitdem das Holzmonopol der Wolfacher Schifferzunft aufgehört, bekamen jene Waldbauern schweres Geld, und mit diesem wächst bekanntlich der Drang nach Kultur und die Lust, für unnötige Dinge Geld auszugeben.

Die ersten Kulturhuber in solchen Gegenden sind in der Regel die Dorfwirte, welche neben ihrer Wirtschaft noch ein Hofgut besitzen.

So hatte auch als der erste der Adlerwirt im Schappe zwei seiner Buben ins Studi gegeben und zwar bei den – Herrenhutern.

Acht Stunden oberhalb des Wolftals, im östlichen Schwarzwald, ließen sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Herrenhuter, damals noch unter württembergischer Landeshoheit, nieder. Sie hatten mitten in einem Waldmeer einen großen Bauernhof gekauft, den Hurulinshof, und hier eine Kolonie gegründet mit dem Namen Königsfeld.

An einem Augusttag des Jahres 1865 betrat ich diese Kolonie auch einmal und staunte über den kleinen, aber feinen, stadtähnlichen Ort. Allein es kam mir darin so still und einsam vor wie auf einem Kirchhof, und das machte mir den Aufenthalt fast unheimlich.

Ueber den Wäldern ringsum lag der hellste Sonnenschein, aber Natur und Menschheit schienen in seiner Wärme zu schlafen. Die sauberen Häuser glänzten friedlich im Lichte, doch Menschen sah ich keine. Im Wirtshaus gab mir ernst, feierlich und wortkarg ein Mann einen Labetrunk, und dann schied ich nicht ungern aus dem toten Felde und durch den Wald hinab ins Tennenbronner Tal.

Allen Respekt vor dem Ernste und der Sittenstrenge der Herrenhuter, aber mir ist diese Auffassung der christlichen Religion nicht sympathisch!

Ich bin zwar Pessimist und der Ansicht, daß wir Menschen keinen Grund hätten, heiter und lustig zu sein; aber in seinem Benehmen und in seinem Gesichte stets zeigen, daß man keine Lebensfreude aufkommen lassen will, das behagt mir nicht.

Es gibt auch viele sogenannte fromme Seelen unter den Katholiken, die jahraus jahrein ein Gesicht machen, als ob sie mit Gott und der Welt zerfallen wären.

Das ist keine gottgefällige Frömmigkeit, und wenn man bei diesen Leuten hinter die Kulissen sieht, so findet man fast ausnahmslos, daß sie mürrisch, hochmütig, lieblos – also alles sind, nur keine echten Christen.

Ich halte es mit unserm Herrgott, der in seiner großen Schöpfung, Natur genannt, stürmen und donnern und blitzen und regnen und schneien läßt, aber zwischenhinein uns auch seine lachenden Frühlingstage schickt, wo alles summt und blüht und jauchzt, und seine Sommerabende mit ihrem heiteren Frieden.

Und drum hat der allzeit lustige und doch ernstgestimmte Abraham a Santa Clara recht, wenn er einmal predigt: »Lustige Leute gefallen mir wohl. Es ist ein Zeichen, daß Gott in ihnen und mit ihnen ist.«

Also zu den Herrenhutern kam unser Jakob. Am 1. Juli 1842 – der zukünftige Bürle war gerade 17 Jahre alt – nahm der Vormund in aller Frühe seinen Mündel auf sein Bennewägele und kutschierte ihn über Berge und Täler bis nach Königsfeld. Zu des Jungen Leid hatte er ihn zuvor in eine »Stadtmontur« gesteckt und ihm dadurch seine schöne Schapbacher Volkstracht zeitlebens genommen; denn wer einmal lange Hosen getragen, der bleibt dem Modeteufel verschworen und trägt keine kurzen mehr, obwohl diese tausendmal schöner sind. –

Was dem jungen Schapbacher nicht gefiel, war die Zumutung, daß er als 17jähriger, starker Bursche mit seinen viel jüngeren Kameraden spielen sollte. Er meinte, die Zeit der Kinderspiele sei für ihn vorüber, und tat drum nicht mit.

Sonst war er zu allem erbötig und mit allem zufrieden. Er lernte jeden Morgen vor dem Frühstück, wie es Vorschrift war, einen Vers aus dem Gesangbuch der Brüdergemeinde auswendig und sagte ihn einem der Lehrer vor, besuchte die Schul- und Betstunden, hörte die Predigten der Brüder an und machte ihre Liebesmahle mit. Diese letztern bestanden in einer Tasse Tee und einem feinen Brötchen.

Nie Frömmigkeit und Sittenstrenge der Leute imponierte ihm, und heute noch geht durch den alten Bürle ein Zug des Ernstes, den er sicher von den Herrenhutern angenommen hat.

Was ihm aber auch Respekt einflößte, war die Verfassung der Brüdergemeinde. Diese hatte keinen Bürgermeister, keinen Gemeinderat, keinen Polizeidiener und keinen Oberamtmann. Sie stellte auch keine Soldaten. Es ging, sagt der Bürle, bei ihnen her wie in einer Klostergemeinde.

An Ostern 1843 sandten die Brüder die Schapbacher Studenten heim, damit sie ihre religiösen Pflichten erfüllten. Es lag noch überall Schnee auf dem Schwarzwald und selbst in den Tälern der Wolf und Kinzig.

Am Osterdienstag nahm der Vormund den zukünftigen Hofbauern im Holdersbach im Schlitten mit hinab zum Ochsen, wo er Zeuge sein sollte, wie ein Stück seines zukünftigen Reiches versteigert wurde.

Zum Bürleshof gehörte noch ein kleines Taglöhnergütle, zwei Stunden vom Holdersbach entfernt – im Wildschapbach gelegen. Dieses verkaufte der Vormund, weil es zu weit entfernt war und der Student in Königsfeld Geld brauchte. –

Doch die Studienzeit war bald zu Ende. Nur bis 1. Juli sollte er noch bei den Herrenhutern bleiben, und drum eilte er gleich wieder Königsfeld zu.

Seine liebste Erinnerung an die letzten Monate im Studi ist ihm heute noch eine Reise, die sämtliche Zöglinge mit ihren Lehrern nach Stuttgart machten.

Am 1. Juli 1842 hatte der Xaverisbur seinen Studenten gebracht, und am gleichen Tag des folgenden Jahres holte er ihn wieder. Der Student wäre damals gerne noch länger geblieben, ist aber in seinen alten Tagen der Meinung, es sei gut gewesen, daß der Vormund ihn geholt, denn er habe »seither erfahren und gesehen, daß es mit den studierten Bauern nicht weit her und daß praktiziert für den Landmann besser ist als überstudiert.«

»Wenn man,« so sagt er in seiner schlichten Art, »alle Arbeiten, die man in unseren Bergen kennen muß, beim Bauer selber mitschafft, ist es etwas anderes, als wenn man's aus den Büchern lernt. In unseren Bergen gibt es viel mehr und mannigfaltigere Arbeiten als auf dem ebenen Lande, die man nur körperlich ausführen und nicht theoretisch lernen kann. Es ist bei uns gar nicht möglich, daß man einem jungen Menschen sage, so und so mußt du es machen, sondern man muß es ihm selber vormachen können, wenn er es lernen soll.«

Sein Vormund weihte den Studenten auch gleich wieder in die Praxis ein. Schon am zweiten Tage nach seiner Rückkehr aus dem Studi gab er ihm die Sense in die Hand und stellte ihn neben seine Knechte zum Mähen.

Als der Heuet vorüber war, ging's ans Floßmachen, und der bei den Herrenhutern am Liebesmahl gesessen im stillen Frieden von Königsfeld, saß nun wieder auf der Spannstatt bei den Flößern bei derbem Trunk und Mahl und bei den Flößerzechen in Wolfe; denn im gleichen Spätjahr wurden noch vier große Flöße die Wolf hinunter in die Kinzig spediert. –

In Königsfeld hatte der zukünftige Bürle auch etwas Musik gelernt und zwar auf dem Waldhorn.

Im ersten Winter nun, da er wieder daheim war und der viele Schnee die Arbeit in Wald und Feld einstellte, ging er mit seinen Kameraden an die Neugründung einer »türkischen Musik«.

Die Schapbacher Buren wetteiferten allezeit mit den Städtchen des Kinzigtales, wenn es galt, etwas Neues einzuführen.

So hatten sie in den zwanziger Jahren schon eine türkische Musik gehabt und in den dreißiger auch Bürgermilitär.

Die Musik hörte Ende der dreißiger Jahre aber wieder auf, da der Pfiferjörgle mit seiner Volksbande Musik für alle machte. Doch seine Kapelle bestand eben nur aus »Schnurranten«, und ihre Volksweisen waren den Schapbachern nicht neumodisch genug. Sie wollten drum wieder eine türkische Musik haben, mit der man auch bei Prozessionen und an Kirchenfesten ausrücken konnte.

Die alten Türken im Schappe saßen nun mit den angehenden Jungtürken im Winter 43 auf 44 zusammen und übten wieder Parademusik.

Schon am Fronleichnamsfest 1844 ließen diese Türken sich hören, und alle Wälder, Berge und Täler an der Wolf hin lauschten mit den Buren und ihren Völkern, die vom Kupferberg, vom Hirschberg, von der Sulz, aus dem Wildschapbach, aus dem Tiefenbach und Holdersbach ins Dorf geströmt waren, um die Prozession mitzumachen und die neue türkische Musik zu hören. –

In jenen Jahren wurden die Waldungen vom großen Schmidsberger Hof ausgeschlachtet, und der Xaverisbur hatte es übernommen, das Holz zu Tal zu schleifen und zu verflößen.

Nicht weniger als zehn große Flöße und anderthalb tausend Klafter Holz wurden aus jenen Wäldern geschafft, und vom frühesten Morgen bis in die sinkende Nacht hinein mußte der Student von Königsfeld bei dieser Arbeit sein.

Mit Wehmut gedenkt er heute der fröhlichen Kameraden, die mit ihm die zehn Flöße verschifften und die alle längst tot sind: seines Vormunds Söhne, der Andres und der Gordian, des Bühlburen Buben, der Philipp, der Gottfried, der Sepp und der Severin, die zwei vom Vize-Buren, der Korneli und der Cölestin, der alte Zanger-Michel und sein Sohn, der Jörg, der kleine Kohler, der schon droben im südlichen Schwarzwald auf der Wutach geflößt hatte, der alte Günter-Bartle und seine Buben, der Joks (Joachim), der Marx und der Jakob.

Hei, war das eine lustige, durstige, schaffige, kräftige Schar von Naturmenschen! Sie alle, bis auf einen, hat der Tod geholt: die Wasser der Wolf aber rauschen noch unentwegt und erzählen den Erlen am Bache hin von den lustigen Flößern, die nicht mehr sind und nie mehr kommen werden.

Der Xaverisbur hatte nicht bloß Buben, sondern auch Meidle. Und diesen letztern war es sicher nicht zu verübeln, wenn sie ein Auge hatten für den jungen, stattlichen Vetter und angehenden Großbauer im Holdersbach. Der aber merkte die Absicht und wurde verstimmt. Die Meidle wurden auch verstimmt und schwatzten, ihr Vater versäume viel Zeit mit der Vormundschaft und schade sich so selber. Drum verließ der Jakob im Frühjahr 1845 das Haus des Vormunds und ging hinab in sein Eigentum im Holdersbach.

Hier war aber bis zur Volljährigkeit des zukünftigen Buren sein Bruder Marx noch Herr und Pächter. Dem half er nun arbeiten wie ein Knecht, und nebenbei beaufsichtigte und beforstete er die Waldungen seines Hofes, die nicht verpachtet waren.

Wenn aber der Vormund ein Floß zu machen und zu verschiffen hatte und er seinen Mündel berief, so kam dieser jeweils mit Vergnügen; aber den Sirenen auf dem Hofe des Xaverisburen ging er gründlich aus dem Weg.

Im Herbst 1845 wurde er Rekrut und bei der »Assentierung« zum Leibdragoner-Regiment gezogen. Doch als er im Frühjahr einrücken sollte und zu gleicher Zeit volljährig und sein eigener Herr geworden war, nahm er einen Beutel voll Geld in die Tasche und reiste gen Karlsruhe. Hier suchte und fand er in der Schwadron, welcher er zugeteilt war, einen Einsteher, einen Trompeter namens Ditt aus Rauenberg. Dem bezahlte er 600 Gulden und war damit für alle Zeiten frei von jeglichem Kriegsdienst.

Das ist eines der wenigen Verdienste, die ich an den Preußen lobend anerkenne, daß sie das Loskaufsrecht, das aus napoleonschen Tagen stammte; abgeschafft haben und jeden zwingen, sein Blut und Leben dem »Vaterland« oder richtiger der Monarchie und Dynastie zum Opfer zu bringen.

Früher hatte der arme Teufel allein zu bluten, und bei den Preußen waren unter dem großen Fritz und seinen königlichen Vorfahren die Söhne vermöglicher Eltern gesetzlich frei. Heute muß auch der vermögliche Bauernsohn und der protzige Bourgeois-Sprößling Soldat werden. Und das ist umsomehr recht und billig, als der arme Teufel weder Haus und Herd, noch seinen Geldsack zu verteidigen hat, wenn »der Erbfeind« kommt, sondern nur anderer Leute Hab und Gut schützen und verteidigen hilft. –

Bei den Herrenhutern hatte der Jakob aus dem Holdersbach das Reisen gelernt. Drum fuhr er auch nicht gleich von Karlsruhe wieder heim, sondern tat noch eine Reise nach Mannheim, Heidelberg, Bruchsal und Straßburg.

Nach Mannheim ging er wegen der berühmten Kettenbrücke über den Neckar, die damals für eines der wenigen badischen Wunderwerke galt. Neben dem Freiburger Münster und den schon genannten Kirchen von Oberharmersbach und Schiltach sprach man vor fünfzig und mehr Jahren im Kinzigtal nur noch von dieser Kettenbrücke als einem Wunderbau.

Die Mannheimer hielten ihre Kettenbrücke natürlich selbst auch dafür, und wer über dieses Wunderwerk auch nur gehen wollte, mußte Brückengeld bezahlen. Auch ich zollte dem Mannheimer Stadtsäckel und seinem Neckarwunder meinen Tribut, als ich anno 1863 das erstemal in Mannheim war. Denn wer in jener Zeit in diese einförmige Stadt kam und die »berühmte« Kettenbrücke nicht besichtigte, war in Rom gewesen und hatte den Papst nicht gesehen. –

Heimgekehrt mit leeren Taschen, zog der junge Bur in seine Waldungen im Hirschbach und schlug Tannen nieder, damit er wieder zu Geld käme.

Aber die Herrschaft konnte er nicht gleich antreten, da sein Bruder Marx noch Pächter war bis zum 1. Januar 1847. Bis dahin half der kommende Mann seinem Pächter schaffen und andern Flöße machen.

Nun zog der Marx aus, hinüber an die Steig, wo er ein eigen Gut gekauft, und fortan war der Jakob alleiniger Herr im Elternhaus; er bekam jetzt auch den alten Hofbesitzers-Titel und ward »der Bürle« genannt bis zur Stunde.

Aber es fehlte die »Bürlese«. Doch auch für die war schon gesorgt. Droben im Schappe, beim Bierwirt Valeri hatte der junge Holdersbacher sie gefunden. Der Valeri war Musikant bei den Türken, und bei ihm hielten diese ihre »Proben« ab. In seiner Wirtschaft aber befand sich des Vogtsbure Heli (Helene) von Rippoldsau.

Der Vogtsbur hatte das Anwesen des verstorbenen Bäckers und Wirts vor dem Burgbach-Tälchen bei Rippoldsau gekauft und für seine Tochter bestimmt. Da sie also eine Wirtin werden sollte, sandte er sie ins Bad Rippoldsau damit sie das Kochen lerne und dann zum Valeri, der noch einen Kaufladen neben seiner Wirtschaft hatte, auf daß sie die nötigen Kenntnisse für eine Wirtin erwerbe.

Hier nun sah der junge Bürle das Meidle, und ihr braves, schaffiges Wesen gefiel ihm, bevor noch des Valeris Weib ihm gesagt hatte, die Heli sei's bravste Meidle, das sie je im Hause gehabt.

Kaum Bürle geworden, ging er am Dreikönigstag 1847 hinauf nach Rippoldsau zum Vogtsbur, hielt um die Heli an und bekam das Jawort; denn der Bürle im Holdersbach war zwar kein Bauernfürst wie sein Nachbar Simon, der Bur, aber doch einer der größeren Buren im Wolftal. Auf solch einen Hof zu kommen, besinnen sich in der Regel weder die Meidle, noch deren Eltern. Drum waren viele Meidle im Schappe auch wild, daß der Bürle hinaufgezogen war ins Rippoldsau und keine von ihnen genommen hatte. Er und seine Heli wurden deshalb scharf durch die Hechel gezogen, als es laut wurde, daß sie sich versprochen.

Es ging ihnen nach den im oberen Kinzigtal üblichen Sprichwörtern:

Wenn man tut wibe oder manne,
So treit man d' Luge in der Wanne. 

Wenn einer wibe tut
Oder eine manne.
So bringt man das Gute im Fingerhut
Und das Böse in der Wanne.

Drum beeilte sich das junge Paar, möglichst bald zu heiraten und so den Hecheleien ein Ende zu machen. Am 8. Februar 1847 wurden der Jakob und die Heli »zusammengegeben« z'Schappe in der Kirche.

Es besteht im Wolftal von altersher und bis heute die schöne Sitte, daß der Hochzeitszug, ehe er das Haus Gottes betritt, auf dem Kirchhof Halt macht. Hier werden fünf Vaterunser und »Herr gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen« gebetet für die verstorbenen Angehörigen der Brautleute.

So Haben auch die Toten in sinniger, christlicher Art ihren Anteil an dem Festtage.

Von der Kirche ging des Bürles Hochzeitszug unter Begleitung der Türken das Tal hinab in den Ochsen.

Von allen Seiten kamen zahlreiche Gäste, wie es Mode ist bei einer großen Bauernhochzeit. Von Rippoldsau, Kniebis, Freudenstadt, Wolfe und Oberwolfe, Kinzigtal, St. Roman, Schenkenzell, Schilte, Kaltbrunn, Schramberg und Peterstal waren so viele Leute gekommen, daß sie kaum Platz fanden in dem großen Wirtshaus, und um ins Freie zu sitzen, dazu war es zu kalt.

Während der Hochzeitstafel konzertierten die Türken in einem Nebenzimmer. Da meldete man dem Hochzeiter, der Kapellmeister habe seinen Musikanten gedroht, wer von ihnen mit der Hochzeiterin tanze, werde von der Musikbande ausgestoßen.

Der Kapellmeister war der Andres, des Xaverisbure Sohn, und der hatte einen Zorn, weil der Bürle keine seiner Schwestern, sondern eine »Fremde« genommen.

Trotz dieser Kränkung hielt aber der Hochzeiter Frieden; denn im Volksmund heißt es, wenn's bei einer Hochzeit Streit und Händel gebe, so sei das kein gutes Zeichen und es folge darauf eine unfriedliche Ehe.

Für diese Riesenhochzeit, bei der nicht einmal alle Gäste an der »Hochzeitstafel« Platz hatten, bezahlte der Bürle bei der Abrechnung nur 55 Gulden; so billig war's dazumal noch in der Welt.

Jetzt waren ein Bur und eine Büre auf dem Bürlehof. Der Bur war aber noch nicht 22 und die Büre erst 19 Jahre alt. Aber wenn je einmal das Sprichwort: »Jung gefreit, hat noch niemand gereut,« in Erfüllung ging, so war's bei dem jungen Ehepaar im Holdersbach.

6.

Es war eine harte Zeit, die vom Jahre 1847. Der Hunger ging im Winter und Frühjahr durchs Land und kehrte fast überall ein, selbst auf großen Bauernhöfen. Nur auf dem Bürlehof gab's keine Not. Der Bruder Marx hatte bei seinem Wegzug so redlich geteilt mit dem Erbfürsten, daß dieser und sein junges Weib und ihre Knechte und Mägde zu leben hatten und noch andern geben konnten.

Denn barmherzig zu sein gegen Arme und Notleidende, das war beim Bürle von Anfang an ein Hausgesetz und blieb es.

Ein armer Zimmermann, welcher der teuren Zeit wegen keine Arbeit finden konnte, nahm Knechtsdienste auf dem Bürlehof und machte dem jungen Bur nebenher all' die Werkzeuge, die man auf einem Bauernhof braucht und die dem Anfänger fehlten.

Wie billig die Knechtsdienste in jenen Tagen noch waren, zeigt die Tatsache, daß der Jahreslohn eines Knechtes 36 Gulden, d. i. 62 Mark, betrug, heute hat ein solcher das Vierfache, aber, wie ich schon oft gesagt, am Ende des Jahres weniger Geld in der Tasche als sein Kollege vor fünfzig und sechzig Jahren. –

So traurig das Jahr 1847 in seiner ersten Hälfte war, so freudig gestaltete es sich im Sommer und Herbst. Es war das beste Ernte- und Weinjahr des Jahrhunderts in Bezug auf die Quantität.

So groß die Not gewesen, eben so groß war der Segen. »An allen Hecken hingen Früchte,« erzählt heute noch der Bürle, »und ich weiß in meinem Leben noch kein besseres Jahr.«

Zu gleicher Zeit wollte aber auch sein Vormund nochmals ernten und sandte seinem einstigen Mündel, entgegen aller Vereinbarung und trotz der vielen Arbeit, die er ihm geleistet, eine Kostgeld-Rechnung für die sieben Jahre, die der Jakob bei ihm zugebracht. Er rechnete allerdings pro Tag nur sechs Kreuzer; es machte aber doch eine hübsche Summe, die der Bur im Holdersbach ohne Widerrede und ohne Prozeß bezahlte.

Zweifellos stunden die jungen Wibervölker des Xaverisburen hinter dem Streich. Sie wollten sich rächen, weil er keine von ihnen genommen hatte. Doch das Geld wollte der Bürle wieder verdienen, und dazu war ihm keine Arbeit zu schwer, trotzdem er einen Hof von weit über 209 Morgen sein eigen nannte.

Rindenhändler aus dem Renchtal hatten im Hirschbach Fichten schälen lassen, und die Rinde führte der Bürle über den steilen Freiersberg hinüber ins Renchtal. Für eine Rindenwelle, sechs Fuß lang und drei Fuß dick, bekam er drei Kreuzer, und er brauchte vier starke Ochsen, um einen Wagen voll über das Gebirg zu bringen.

Aber der brave junge Mann dachte, als Anfänger könne er das wenige Geld wohl brauchen und der Weg zum Gulden führe durch die Kreuzer. –

Still und friedlich wie der Bürle all seiner Lebtag war, nahm er keinen Anteil, als es im März 1848 auch im Wolftal hieß: »Die Franzosen kommen!« – und der Bürgermeister von Schappe in den Holdersbach einen Boten sandte mit dem Befehle, alle verfügbare Mannschaft ins Dorf zu schicken. Vom Bürlehof kamen nur zwei Knechte, mit Heugabeln bewaffnet, und bald zog ein »Bataillon Franzosenwehr« aus dem Schappe dem Kinzigtal zu.

Der Kommandant war ein alter Bauer, der schon einmal genannte Vernet aus der Sulz, welcher noch unter Napoleon Schlachten hatte schlagen helfen und nun, mit einem mächtigen Schleppsäbel umgürtet, an die Spitze der tapferen Schar trat, am Abend aber von Hasle her wieder mit ihr heimkehrte, da der Lärm ein blinder gewesen war. –

Es kamen indes bald wieder schlechte Zeiten, die Revolution und die ersten fünfziger Jahre mit ihren kalten Wintern und ihren nassen Sommern. Viele Bauern, große und kleine, gingen in diesen Jahren zugrund. Der Bürle aber machte sich in dieser Zeit; er bezahlte mit dem Erlös aus seinen Flößen seine Schulden, baute sein Haus um, legte einen schönen, großen Garten bei demselben an und Wege und Stege auf seinem Gut, um es zu verbessern.

Wie war das möglich? Durch Gebet und Arbeit. In diesen beiden häuslichen Tugenden gingen der Bur und die Büre auf dem Bürlehof allen ihren Knechten und Mägden voran.

Morgens, mittags und abends war gemeinschaftliches Gebet vor und nach dem Essen. Erst Dank für Speise und Trank und dann noch besondere Gebete: am Morgen zu Ehren des allerheiligsten Sakraments, dieser Speise zum ewigen Leben, hierauf zum hl. Joseph, dem Haupt der heiligen Familie zu Nazareth, und dann zum hl. Wendelin, dem wunderbaren Hirten und Patron des lieben Viehes; am Mittag ward wieder gebetet »Gelobt und gebenedeit sei das allerheiligste Sakrament des Altars!« und dann das Salve regina; am Abend das Gebet zu den fünf Wunden des Heilandes und vom Rosenkranzsonntag bis zum weißen Sonntag noch ein Rosenkranz.

Bei keiner dieser drei Gebetszeiten wurden die armen Seelen vergessen; auch für sie ward jeweils ein Vaterunser gebetet und ein »Herr gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen!«

Muß auf solchem Gebet, des Tages dreimal gesprochen von Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen, nicht der Segen des Himmels ruhen?

Dem Gebet entsprach auf dem Bürlehof die Arbeit. Und auch hier waren Bur und Büre die ersten; zur Sommerszeit um 3 Uhr und im Winter um 5 Uhr morgens.

Bei der schwersten Arbeit, beim Mähen, war der Bur stets vorne dran und schwang die Sense, 45 Jahre lang, d. i. so lang er auf dem Hof regierte. Im Winter aber drosch er mit seinen Knechten Tag für Tag vom frühen Morgen, bei Laternenschein, bis zum Abend das Getreide des Sommers aus. Vom Musikmachen bei den Türken war schon im ersten Jahre seiner Bauernschaft keine Rede mehr. Auch am Pflug und beim Säen stand der Bürle in erster Linie an der Arbeit. Er hielt sich allzeit an das Sprichwort:

Wenn der Bauer sich nicht bückt,
Wird der Acker nicht gepflügt.

Selbst mitschaffen, meint er heute noch, sei für einen Bur das beste. »Wenn ein Bur mitschafft,« sagt er, »so kann er seine Leute übersehen; dann ist jedes mehr oder weniger angewiesen, seine Pflicht zu tun, und es unterbleiben Schwätzereien und schlechte Reden.«

An Sonntagen ließ der Bürle seine Knechte ins Wirtshaus, und er blieb daheim, damit ein Mannsbild auf dem Hof sei. Wenn er dann am Werktag Lust hatte zu einem Schoppen, so ging er am Abend das Tal hinaus und trank einen beim Ochsenwirt.

»Die Frau,« so sagt ein französisches Sprichwort, »ist nach dem Mann zu taxieren.« Dies Wort traf auch auf dem Bürlehof zu.

Keine Magd arbeitete so, wie die Büre, eine kleine Frau mit einer erstaunlichen Schaffens- und Willenskraft. Sie brachte jährlich bis zu tausend Mark ins Haus für Butter, den sie im Sommer ins Bad Rippoldsau und im Winter über den Kniebis hinüber nach Freudenstadt verkaufte.

Noch weit mehr Geld schaffte sie auf den Hof durch ihre Schweinezucht, die sie allein überwachte und besorgte; oft blieb sie, wenn notwendig, in den Schweineställen übernacht, um bei ihren Pfleglingen zu sein.

Je mehr Gottes Segen kam, um so mildtätiger öffnete die Büre ihre Hand. Brot, Milch, Speck, Eier, Schmalz wanderten in ungezählter Menge in die Schürzen der Bettlerinnen, die namentlich zur Winterszeit vom Kniebis herabkamen und »um Gottes willen« ein Almosen »heischten«. Ein Pfarrer, der jahrelang im Schappe amtete, sagte mir, auf dem Bürlehof sei stets eine Kuh gestanden, deren Milch den Armen gehörte.

Auch jenes Werk der Barmherzigkeit, das da heißt »Fremde beherbergen«, übte man fleißig im Holdersbach. Handwerksburschen, »Buckelkrämer« (Kranitzer) und Söhne Israels, welch' letztere mit Bändel oder Vieh handelten – sie alle fanden Kost und Wohnung beim Bürle und seiner Frau um Gotteslohn.

Doch den Gerechten blühen auch Heimsuchungen, und darum blieben die zwei braven Leute im Holdersbach von solchen gleichfalls nicht verschont. Nicht weniger als fünf Mann erhoben eines Tages gegen sie die Anklage, sie hätten von dem Großvater der Frau, dem »alten Jochemsbur«, 2800 Gulden Geld erhalten und nicht heimbezahlt.

Das Aufstreben des Bürle im Holdersbach, der Segen, den er hatte und verdiente, schrieben die Leute einem Betrug zu, und das war hart für den braven Mann und sein ebenso braves Weib, die ihrer ehrlichen Arbeit und dem Segen Gottes alles verdankten.

Es kam zum Prozeß beim Hofgericht in Karlsruhe, das bei der Verhandlung den Angeklagten den Offenbarungseid zuschob, den sie besten Gewissens schworen, worauf die fünf Biedermänner abgewiesen wurden. »Sie sind schon längst alle tot, meine Widersacher,« so spricht der Bürle heute noch, »unser lieber Herrgott aber möge es ihnen verzeihen. Ich habe es ihnen auch verziehen, trotzdem sie mich an Ehre und Gut schwer schädigen wollten.«

War die Bosheit so besiegt, ging der Bürle aufs neue daran, seine Habe zu mehren. Von den großen Bauernhöfen auf dem Schwarzwald zweigten sich frühzeitig, wie ich schon anderwärts erzählt, kleinere Güter ab, welche die Großbauern ihren Taglöhnern verliehen. Diese, oft die Brüder des regierenden Herrn, mußten dem Bur gewisse Dienste leisten und hatten dafür das Gütchen unbelastet zu Lehen. Dasselbe fiel aber, wenn die Familie des Gütlers ausstarb, an den Bur zurück.

Oft verkaufte dieser solche ihm zurückgefallene Lehen an einen seiner enterbten Brüder, und so kamen die »Gütle« als Eigentum weg vom Hof, wurden von den ersten Besitzern oft wieder verkauft und gelangten in fremde Hände.

Diese Gütle, soweit sie zu seinem Hof gehört hatten, suchte der Bürle wieder zu erwerben und zu seinem Hof zu schlagen. So saß auf einem die Tochter des ehemaligen Waldfürsten vom Seebenhof, von dem wir noch mehr hören werden. Sie war wegen ihrer verkrüppelten Leibesgestalt an einen Taglöhner verheiratet worden. Bald abgehaust, verfiel das Paar der Armut, bis es nach dem Tod der Waldfürstin Apollonia, die wir auch noch kennen lernen, wieder zu einigem Gelde kam.

Mit diesem kaufte es ein Gütle beim Bürlehof. Aber die Prinzessin vom Seebenhof, Crescentia war ihr Name, tat auch hier nicht gut. In Saus und Braus erzogen, war sie ein flottes Leben gewöhnt; sie rauchte wie eine russische Großdame – und so wurde den Leuten auch im Holdersbach wieder verkauft.

Käufer war der Bürle. Als aber wenige Jahre später eine Tochter der Verarmten krank und elend und arbeitsunfähig aus der weiten Welt, in der sie gedient hatte, in den Holdersbach zurückkehrte, nahmen der Bürle und sein Weib das unglückliche Meidle in ihr Haus auf und pflegten es um Gotteslohn bis zu seinem Tode.

Ein zweites Gütle erwarb der brave, unermüdliche Mann bald darauf im Jahre 1859. Und als in diesem Jahre der österreichisch-italienische Krieg ausbrach und alle Geschäfte still standen, keine Tanne geschlagen wurde und die Arbeitskräfte brach lagen, stellte der Bürle arbeitslose Leute an. Die halfen ihm seinen Hof planieren und arrondieren und demselben das Gekaufte einverleiben.

Obmann dieser Arbeiter war der Pfiferjörgle, der vor und nachher, wie wir wissen, in des Bürles Diensten stand. –

Nach alter schöner Sitte, die sich schon im dreißigjährigen Kriege findet, ziehen die Buren des Kinziggebiets in Kriegszeiten nach dem Bergdorfe St. Roman, um den Frieden zu erbitten.

Auch im Sommer 59 taten sie dies, und unter den Wallfahrern befand sich natürlich auch der Bürle mit seinen Völkern. »Acht Tage später,« so äußert er heute, »hieß es, der Krieg habe ein Ende. Wir Buren glaubten stark, wir hätten es erbetet. Damals war alles bei der Prozession, reich und arm; aber ich meine, wenn man heute so was anordnen würde, es gäbe kaum ein Dritteil von Teilnehmern gegen dazumal.«

Der Bürle hat hier ein wahres Wort ausgesprochen. In den Jahrzehnten, die seit jener Prozession nach St. Roman verflossen sind, hat nicht bloß im Kinzigtal, sondern auch sonst überall das religiöse Leben an Tiefe und Umfang bedeutend abgenommen. Und wer vierzig und fünfzig Jahre zurückdenken kann, wie der Bürle und ich, der wird uns recht geben.

Was ist aber schuld daran? Die Bildung und die Kultur, die überall die Genußsucht und die Lebsucht wachgerufen und das Christentum mit seiner Entsagung und Selbstverleugnung zurückgedrängt haben. –

Der Bürle war nicht rechtskundig wie sein Nachbar, der Bur, oder wie der Fürst im Kaltbrunn, welch' beide die Berater ihrer Mitburen gewesen waren in allen Prozessen und Rechtssachen, – aber er galt als der praktischste und erfahrenste Landwirt ringsum.

Sein Hof war ein Musterhof geworden und der Bürle ein Musterbur, der in allem, was zum Umtrieb eines Waldhofes gehörte, durch und durch bewandert war und jedem, der es verlangte, Bescheid geben konnte.

Er zählte zu den Wildschapbacher Waldburen. Diese, dreiundzwanzig an der Zahl, deren Höfe alle im Wolftale gelegen sind, haben ihren Hauptwaldbesitz im Wildschapbach, wo sie etwa 1000 Hektar in unzähligen Tälchen und »Döbeln« ihr eigen nennen.

Daß diese dreiundzwanzig Buren nicht zu den kleineren Leuten ihres Standes gehören, ist leicht ersichtlich. Ihr Besitz im Wildschapbach repräsentiert gegenwärtig einen Holzwert von zwei Millionen.

Diese Buren sind aber von jeher auch tüchtige Forstmänner gewesen und haben ihre Waldungen musterhaft bewirtschäftet. Mit Recht behauptet der Bürle heute noch: »Wenn die studierten Forstleute glauben, sie müßten die Buren belehren, wie sie den Wald ›beförstern‹ sollen, so sind sie weit hinten dran. Schon vor 60 Jahren haben die Buren im Wolftal den Ausspruch getan: »Wenn die Förster des Fürsten von Fürstenberg walden täten wie wir, so könnte der Fürst so viel Holz flößen lassen, daß wir Buren das ganze Jahr hindurch keinen Platz hätten auf dem Bach. Und es ist drum ein Glück für uns, daß die studierten Förster so verkehrt walden.«

»Wer,« so fragt der Bürle, »hat bei uns zuerst neue Wälder angesetzt? Wer in den Wäldern zuerst gestümmelt? Antwort: Die Buren, denen die Förster es nachgemacht haben.«

Der Mann hat sicher recht: denn alle Kunst und alle Wissenschaft ging in ihren Anfängen nicht von der Schule, sondern vom Leben, nicht von den Professoren, sondern vom »gemeinen« Volk aus.

Trotzdem die dreiundzwanzig Bauern heute für zwei Millionen Mark Holz in ihren Wäldern haben, meint der Bürle: »Der Waldbur soll nie übermütig werden; denn alles, was schon dagewesen ist, kann wieder kommen, also auch die niederen Holzpreise. Und nichts spürt's eher als das Holz. Wenn es Krieg oder sonst schlechte Zeiten gibt, so sinken vorab die Holzpreise.«

Drum wurde der Bürle nie übermütig in guten und nie kleinmütig in schlechten Zeiten. Seinen Wald behandelte er wie ein Kleinod und fuhr in keinem Jahr mit mehr als einem Floß den Wolfbach hinab. Im Jahre 1881 hat er das letzte Floß auf den Bach gebracht, und er bedauert, wenn auch aus anderen Gründen als ich, daß die Flößerei aufgehört hat und die Buren ihr Holz jetzt im Wald verkaufen an die Sägmüller. »Es ging durch das Aufhören der Flößerei viel Arbeit verloren für die ärmere Klasse,« meint er; »das Holz kam früher rascher aus dem Wald und wurde auf einmal bezahlt. Der Bauer bekam für sein Floß gleich ein groß Stück Geld in die Hand und konnte Schulden und Zinsen zahlen, was für die jungen Buren, die ihre Höfe erst angetreten, von großem Werte war.« –

Das Ansehen, dessen der Bürle sich unter seinen Standesgenossen erfreute, brachte ihm auch alle Ehrenämter in der Gemeinde, soweit er sie nicht ausschlug. Und als in den siebziger Jahren ein neues Steuerkataster angelegt und alle Güter und Felder neu eingeschätzt wurden, war der Bürle einer der Vertreter des Bauernstandes für die Einschätzung des oberen Kinzigtales.

Mannhaft hat er sich als solcher jeweils gewehrt, wenn die dabei tätigen Staatsbeamten es versuchten, möglichst hoch einzuschätzen – und dankbar gedenkt er des Oberförsters Schätzle von Wolfe, der in jenen Tagen unentwegt auf der Seite der Bauern stand und allzeit ein Freund des Volkes gewesen ist.

Merkwürdig findet es der Bürle, daß er, obwohl 45 Jahre Bur im Holdersbach und einer der Höchstbesteuerten der Gemeinde, nie zum Geschworenen gewählt wurde. Der brave Mann übersieht dabei, daß die Geschworenen durchs Los gezogen, die Lose aber mit den Namen der zu Kürenden erst nach weiser Beratung in die Urne geworfen werden und daß der Göttin mit der Binde bisweilen Röntgenstrahlen aus ihren Augen strömen, welche sie schwarz und rot erkennen lassen. Wer das fassen kann, der fasse es. –

Die Buren im mittleren Kinzigtal fahren sehr gern »z'Märkt« nach Hasle, und es gibt manchen Bur, der keinen Wochenmarkt, und sehr viele, die keinen Jahrmarkt dort versäumen.

Die Waldburen im obern Wolftal, trotzdem sie geldkräftiger sind, lieben es gar nicht, in ihr nahes Amtsstädtle Wolfe auf den Markt zu fahren und verachten selbst den Kuchenmarkt, den einzig namhaften Jahrmarkt in Wolfe.

Der Bürle war 45 Jahre Bur im Holdersbach und kam in dieser Zeit nicht dreimal auf den genannten Markt. Dagegen liebte er, wenn auf dem Hofe nichts versäumt wurde, größere Reisen. Seit dreißig Jahren hat er fast alle Katholikenversammlungen im deutschen Reiche mitgemacht, am Rhein, am Bodensee und am Main. Zweimal war er in Oberammergau beim Passionsspiel und oft schon in Einsiedeln, wobei er jeweils Umwege machte, um Land und Leute kennen zu lernen.

Kein Pfarrer und kein Pfarrverweser amtete in den vergangenen vierzig Jahren im Schappe, den er nicht besucht hätte, nachdem derselbe aus dem Wolftal wieder fortgekommen war.

Der Bürle war Freund und Berater aller dieser geistlichen Herren, die in alleweg an ihm eine starke, treue Stütze hatten. Für die Pfarrkirche, ihre Verschönerung, ihre Paramente gab er immer und immer wieder Hunderte von Gulden. Viele Tausende aber stiftete er für den Neubau einer Kirche im Schappe, für den Bonifazius-Verein, für die Trappisten-Niederlassungen in Bosnien und für die Kretinenanstalt in Herthen. Arme Studenten, bedrängte Witwen und Waisen fanden und finden bis heute bei ihm stets eine offene Hand.

So hat er allezeit nicht bloß im Wort fest und unentwegt seine katholische, religiöse Gesinnung gezeigt, sondern auch in der Tat und in den Werken der Barmherzigkeit.

Und mit Recht konnte das kinderlose Ehepaar auf dem Bürlehof sagen, ihre Kinder seien die Armen und die Waisen.

Nahezu ein halbes Jahrhundert haben beide so gearbeitet und gewirkt und Wohltaten gespendet im Holdersbach. Die Büre war indes eine Sechzigerin geworden und konnte die strenge Arbeit, an die sie gewöhnt war, nicht mehr bewältigen. Sie hatte zudem in letzter Zeit noch einen Arm gebrochen.

Drum trachteten beide darnach, sich in die Ruhe zu begeben an einen Ort, wo sie, der Kirche nahe, ihrem Seelenheil leben und sich auf den Tod vorbereiten könnten.

Ein kleines, sonniges Häusle im Städtle Wolfe, unfern der Pfarrkirche an der Landstraße ins Wolftal gelegen, wurde feil und gekauft. Nachdem es her- und eingerichtet war, wurde der musterhaft angelegte und ebenso bewirtschaftete Hof einer Bruderstochter des Buren, die sie erzogen hatten, und einem Bruderssohn der Büre übergeben um einen Preis, wie ihn die Eltern den Kindern machen.

Das junge Paar hielt am 26. Oktober 1891 seine Hochzeit, und zwei Tage später verließen der alte Bürle, wie er jetzt hieß, und sein braves Weib die liebgewordene Heimat.

Acht Tage zuvor hatte der wackere Mann die Waldburen vom Wildschapbach alle zu einer Abschiedsfeier eingeladen hinaus in den Ochsen. Hier gastierte er seine Kollegen und hielt eine Ansprache, in der er sie mahnte, die Einigkeit, auf die er stets gedrungen habe, zu bewahren. Als er mit seiner Helene den Holdersbach verließ und auf einem Wägele talab fuhr Wolfe zu, hatte er im »Sitztrögle« sein bares Geld. Und da er seinem Weib die vielen, vielen Tausende nannte, auf denen sie jetzt saßen und die sie beide in mühsamer Arbeit erworben hatten, meinte es mit Recht: »Was nützt das viele Geld, wenn man krank und alt ist.«

Und in der Tat, die brave Frau konnte sich der wohlverdienten Ruhe nicht allzulange freuen. Näher und näher kam der Tod, und immer wieder meldete er sich an durch Krankheitsfälle.

Sie sah ihm aber entgegen mit dem Mut einer wahren Christin. Gestärkt mit dem Brote des ewigen Lebens, verschied sie unter dem lauten Gebet ihres Mannes am Christtag 1896 unter dem »Hirtenamt«.

Seitdem lebt ihr Mann, jetzt ein Siebziger, einsam in seinem stillen Häusle, betend und Wohltaten spendend, bis auch ihn der Tod holt. Nie versäumt er, so oft das Glöcklein von der nahen, altersgrauen Kirche zum Gottesdienst oder zum Gebet ruft, diesem Ruf zu folgen, sei es am Morgen, am Mittag oder am Abend.

Ist jemand im Städtle gestorben und das Glöcklein tönt am Abend zum Rosenkranz für die Heimgegangene arme Seele, so fehlt dabei nie der Bürle, und er betet stets am Schluß der Andacht die Litanei.

Zur Sommers- und Winterszeit aber, jeden Tag, den Gott vom Himmel gibt, wandert am frühen Nachmittag ein großer, starker Mann mit dem Kopf eines heiligmäßigen Abts oder eines Bischofs des Mittelalters einsam und allein durchs Städtle Wolfe und hinaus in Feld und Wald, beschauend, betrachtend und sinnend.

Nach der Wanderung kehrt er ins Städtle zurück und trinkt bald in diesem, bald in jenem der vielen Wirtshäuser ein Glas Wein. Es ist der Privatier Jakob Dieterle, genannt der Bürle aus dem Holdersbach. –

Von seinen zehn Geschwistern sind alle tot bis auf einen Bruder, Franz. Wer zur Sommerszeit das Wolftal hinauffährt mit dem eleganten Postwagen des Badbesitzers Göringer, der sieht, an der Station Schapbach angekommen, einen greisen Mann mit einem vornehmen Rassekopf die Dienste des Postexpeditors versehen. Das ist der Bruder des Bürle, einst Drechsler, jetzt längst Kleinbauer und Postagent im Schappe.

Nicht vergessen darf ich, daß der Bürle verwandt ist mit dem Waldhüter Dieterle, dem Nachfolger des Fürsten vom Teufelstein. Der Großvater dieses geistreichen Waldmannes, des »Bürles Hannesle«, war der leibliche Bruder des Vaters unseres Erzbauern gewesen und hatte das Taglöhnergütle im Hirschbach besessen, auf dem der heutige Teufelsteiner geboren ist und das einst zum Bürlehof gehörte.

Der Hannesle war es, der das Gütle kaufte, als der Vormund des Erbprinzen vom Bürlehof es versteigern ließ, da dieser bei den Herrenhutern im Studi war.

Und der Kapuzinerpater Fidelis Dieterle, Guardian im Kloster Sigolsheim im Elsaß, fulminanter Fastenprediger an St. Martin zu Freiburg und am Münster in Straßburg ist ein Neffe des Bürle, der Sohn des Forellenwirts in Gremmelsbach unterhalb Triberg.

Auch der Pfarrer Jonas Dieterle, Dekan in Dogern bei Waldshut, ein feuriger Engel Gabriel vor dem Herrn, – ist ein Bruderssohn. Sein Vater war der Markus, der den Bürlehof umtrieb, bis der Erbprinz Jakob ihn selbst übernahm.

So sehen wir, daß der Stamm Dieterle große Männer hat, denen man allen schon im Gesicht die Abstammung von Erzbauern und Bauernfürsten ansieht. Aber ihr Geschlecht ist auch zahlreich. Von drei Menschen im Wolftal heißen zwei sicher Armbruster und der dritte ebenso sicher Dieterle.