Thukydides aus Athen hat den Krieg beschrieben, welchen 
 die Peloponnesier und die Athener miteinander geführt 
 haben. Er hat damit gleich bei Ausbruch des Krieges angefangen, 
 indem er voraussah, daß er groß und denkwürdiger werden würde 
 als alle früheren Kriege, da beide Teile schwer gerüstet hinein­ 
 gingen und auch die übrigen griechischen Staaten entweder 
 gleich Partei ergriffen oder doch gewillt waren, es bei erster 
 Gelegenheit zu tun. In der Tat hat denn auch dieser Krieg 
 nicht nur die Griechen, sondern auch einen Teil der Barbaren, 
 ich möchte sagen der Menschheit, aufs tiefste erschüttert. Über 
 das, was sich vor ihm oder in noch älterer Zeit zugetragen, 
 habe ich mir bei der Größe des Zeitraums zwar kein sicheres 
 Urteil bilden können, aber auf Grund meiner doch recht weit 
 zurückgreifenden Forshcungen die Überzeugung gewonnen, daß 
 Begebenheiten von besonderer Wichtigkeit bis dahin nicht vor­ 
 gekommen waren, weder im Kriege noch überhaupt.

Offenbar nämlich hatte das heutige Griechenland noch lange 
 keine fest ansässige Bevölkerung, vielmehr war es in älterer 
 Zeit nichts Ungewöhnliches, daß ein Stamm seinen Wohnsitz 
 wechselte und den alten ohn? l weiteres aufgab, wenn er von 
 einem zahlreicheren Volke gedrängt wurde. Handel gab es 
 nicht, auch keinen gesicherten Verkehr, weder zu Lande noch zur 
 See. Man lebte von der Hand in den Mund und dachte 
 nicht daran, Reichtümer zu sammeln oder das Land sorgfältiger 
 zu bebauen, da man nie wissen konnte, ob nicht ein anderer 
 kommen und alles nehmen würde, zumal die Wohnsitze nicht 
 befestigt waren. Was man zum täglichen Leben nötig hatte, 
 war eben überall zu haben, und so wanderte man unbedenklich 
 aus. Darum aber ist eS auch damals zu großen Städten oder 
 höherem Wohlstand nicht gekommen. Von solchen Wanderungen 
 aber wurden die fruchtbarsten Länder am meisten betroffen, so 
 daS heutige Thessalien, Böotien, der größte Teil deS Pelo­ 
 ponneS mit Ausnahme von Arkadien, und die sonst besonders 
 gesegneten Gegenden. Denn grade die bei der Ergiebigkeit 
 
 ihres Bodens schon zu einem gewissen Wohlstände gelangten, 
 infolgedessen aber auch in innere Zerwürfnisse geratenen und 
 dadurch in ihrer Widerstandekraft geschwächten Länder waren 
 es, welche die Begehrlichkeit fremder Stämme am meisten 
 reizten. Attika dagegen mit seinem mageren Boden, wo seit 
 ältester Zeit keine inneren Kämpfe vorgekommen waren, hat 
 stets dieselbe Bevölkerung gehabt, und besonders hierauf kann 
 ich mich für meine Ansicht berufen, daß die übrigen Länder eben 
 der Wanderungen wegen nicht zu gleicher Blüte gelangt sind. 
 Denn die kräftigsten Bewohner anderer griechischer Länder, 
 wenn sie durch Krieg oder innere Unruhen zum Auswandern 
 gezwungen waren, wandten sich nach Athen, wo sie sich sicher 
 fühlten, wurden hier Bürger und vermehrten so die Einwohner­ 
 zahl der Stadt dergestalt, daß die Athener nachmals sogar 
 Kolonien nach Jonien aussenden mußten, weil in Attika kein 
 Platz mehr war.

Wie schwach es in alter Zeit mit den Kräften bestellt war, 
 entnehme ich namentlich auch daraus, daß es vor dem Troja­ 
 nischen Kriege offenbar noch zu keinen gemeinsamen Unter­ 
 nehmungen der Hellenen gekommen ist. Meiner Meinung nach 
 gab es damals auch diesen Gesamtnamen noch gar nicht; und 
 er scheint vor Hellen, dem Sohne Deukalions, überhaupt nicht 
 vorgekommen zu sein. Vielmehr führten die einzelnen Völker­ 
 schaften, so namentlich die Pelasger, alle noch ihre besonderen 
 Namen. Erst als Hellen und seine Söhne in der Phthiotis 
 mächtig geworden und dann auch von anderen Städten zu 
 Hilfe gerufen worden waren, wurde es mehr und mehr üblich, 
 auch die übrigen schlechtweg Hellenen zu nennen, wenn es auch 
 gewiß längerer Zeit bedurft hat, bis der Name für alle Geltung 
 gewann. Der beste Beweis dafür ist Homer; denn obgleich 
 dieser erst lange nach dem Trojanischen Kriege lebte, so ge­ 
 braucht er den Namen Hellenen doch nirgends als Gesamt­ 
 bezeichnung, sondern nennt niemand so außer Achills Lands­ 
 leuten aus der Phthiotis, also eben nur jene ursprünglichen 
 Hellenen. Meint er sie alle, so nennt er sie in seinen Gedichten 
 Danaer, Argeier oder Achäer. Ja auch von Barbaren redet 
 
 er noch nicht, und nach meiner Meinung eben deshalb nicht, 
 weil man die Hellenen als solche noch durch keinen Gesamt­ 
 namen von ihnen unterschied. Diese Völkerschaften aber,mochten 
 nun bloß einzelne von ihnen oder schon alle, soweit sie eine 
 Sprache redeten, den Namen Hellenen führen, schwach und 
 ohne Zusammenhang unter sich, wie sie waren, haben vor dem 
 Trojanischen Kriege nichts Gemeinsames unternommen und 
 sich auch zu diesem Zuge erst verbunden, nachdem sie mit der 
 See schon vertrauter geworden waren.

Der Erste, von dem wir hören, daß er eine Flotte gehabt, 
 ist Minos. Seine Herrschaft erstreckte sich über den größten 
 Teil der heutigen Griechischen See und die Kykladen, die er 
 zumeist erst selbst besiedelte und nach. Vertreibung der Karer 
 der Botmäßigkeit seiner Söhne unterstellte. Gewiß hat er auch 
 den Seeräubern möglichst das Handwerk gelegt, um sich den 
 Bezug seiner Einkünfte zu sichern.

Die alten Griechen nämlich und die Barbaren auf den 
 Inseln und in den Küstenländern legten sich, nachdem sie auch 
 über See in lebhafteren Verkehr miteinander getreten waren, als­ 
 bald auf den Seeraub, wobei die Mächtigsten, teils um eigenen 
 Gewinstes willen, teils um auch den Armeren Unterhalt zu 
 verschaffen, die Führung übernahmen. Sie überfielen die un­ 
 befestigten, noch aus einzelnen Ortschaften bestehenden Städte 
 und plünderten sie, ja, das bildete gradezu ihren Haupterwerbs­ 
 zweig. Auch galten solche Raubzüge nicht etwa für schimpflich, 
 sondern eher für Heldentaten. Gibt es doch auf dem Festlande 
 auch jetzt noch Gegenden, wo man sich darauf was zugute tut, 
 wie denn auch bei den alten Dichtern an Seefahrer bei ihrer 
 Ankunft regelmäßig die Frage gerichtet wird, ob sie Räuber 
 seien, ohne daß sie selbst daran Anstoß nehmen oder die Fra­ 
 genden ihnen damit einen Vorwnrf machen wollen. Übrigens 
 war daS Räuberwesen auf dem festen Lande nicht minder im 
 Schwange. Bis auf den heutigen Tag herrscht ja in Griechen­ 
 land vielfach noch die alte Wohnweise, so bei den ozolischen 
 Lokrern, den Ätoliern, den Akarnaniern und in den ihnen be­ 
 nachbarten Landesteilen, und das bei der dortigen Bevölkerung 
 
 immer noch übliche Waffentragen ist ein Rest des alten Räuber­ 
 wesens.

Damals, wo die Wohnsitze unbefestigt und die Straßen 
 unsicher waren, war es in Griechenland ganz allgemein, Waffen 
 zu tragen; auch im gewöhnlichen Leben ging man, wie die 
 Barbaren, immer bewaffnet. Und eben daraus, daß das in 
 solchen Gegenden Griechenlands, wo sich die alte Wohnweise 
 erhalten hat, auch jetzt noch Sitte ist, können wir schließen, 
 daß sie früher allgemein gewesen sein wird. Mit die Ersten, welche 
 das Waffentragen aufgaben und eine bequemere, beinah üppige 
 Lebensweise annahmen, waren die Athener. Es ist so lange 
 noch nicht her, daß hier die älteren Herren der besseren 
 Stände, verwöhnt wie sie waren, leinene Unterkleider trugen 
 und das Haar auf dem Kopfe mit der goldenen Cikade auf­ 
 steckten. Bei unseren ionischen Vettern haben sich die älteren 
 Leute noch länger so getragen. Die heutige schlichte Tracht ist 
 erst bei den Lakedämoniern aufgekommen, wo sich die Lebens­ 
 weise der Reichen dem Zuscknitt der Gesamtheit überhaupt 
 am meisten angepaßt hat. Bei ihnen wurde es auch zuerst 
 Sitte, sich beim Turnen nackt auszuziehen und vor aller Augen 
 den bloßen Leib mit Ä einzureiben. Auch bei den olympischen 
 Spielen traten die Wettkämpfer früher mit einem Schamgürtel 
 auf, und erst vor wenigen Jahren ist das abgekommen. Wo 
 bei den Barbaren, namentlich den Asiaten, heutzutage Faust­ 
 oder Ringkämpfe gehalten werden, wird immer noch ein solcher 
 Gürtel getragen. So ließe sich auch sonst wohl noch manches 
 anführen, worin die altgriechischen Sitten mit denen der 
 heutigen Barbaren übereinstimmten.

Die erst aus jüngerer Zeit stammenden Städte, wo man 
 sich schon besser auf die Schiffahrt verstand und reicher ge­ 
 worden war, wurden mit Mauern umgeben und unmittelbar 
 an der See oder auch auf Landengen angelegt, um hier den 
 Handel bequemer betreiben und die Machtstellung den Nach­ 
 barn gegenüber um so eher behaupten zu können. Die alten 
 Städte auf den Inseln wie auf dem Festlande dagegen wurden 
 meist in einiger Entfernung von der See gegründet der be­ 
 
 ständigen Räubereien wegen, welche man untereinander, nament­ 
 lich aber gegen die selbst nicht seefahrende Bevölkerung an der 
 Wasserkante verübte, und so liegen sie auch jetzt immer noch 
 weiter im Binnenlande.

Die ärgsten Räuber aber waren die Inselbewohner, Karer 
 und Phönizier, die ja doch auf den meisten Inseln ihre Nieder­ 
 lassungen hatten. DaS zeigte sich auch, als die Athener im 
 Laufe dieses Krieges Delos reinigten und die Särge der früher 
 dort Verstorbenen von der Insel entfernen ließen, indem sich 
 dabei herausstellte, daß über die Hälfte Karer gewesen, waS 
 man an der Beschaffenheit der in den Gräbern gefundenen 
 Waffen und an der bei den Karern noch jetzt üblichen Be­ 
 stattungSweise erkennen konnte. Seit der Entstehung der See­ 
 macht des Minos aber konnte sich die Schiffahrt ungehinderter 
 entwickeln; denn er vertrieb die Räuber von den Inseln und 
 besetzte die meisten von ihnen selbst mit Ansiedlern. Auch die 
 Küstenbevölkerung wurde jetzt wohlhabender, klebte fester an 
 der Scholle und war hie und da schon reich genug, ihre Städte 
 mit Mauern zu umgeben. Da jeder auf seinen Vorteil bedacht 
 war, ließen sich die Schwachen den Druck der Mächtigen ge­ 
 fallen, die Mächtigen und Reichen aber unterwarfen sich die 
 kleinen Städte. Das etwa die Zustände der Griechen, als sie 
 den Zug nach Troja unternahmen.

Nach meiner Meinung hat Agamemnon die übrigen durch 
 seine Übermacht, und nicht weil er sie als Freier der Helena 
 durch ihren TyndareoS geleisteten Eid am Bande hatte, zu 
 diesem Zuge vermocht. Sagen doch auch die besten Kenner der 
 alten peloponnesischen Geschichte, daß PelopS durch den Reich­ 
 tum, mit dem er bei seiner Ankunft aus Asien unter der ärm­ 
 lichen Bevölkerung aufgetreten, so mächtig geworden und das 
 Land sogar nach ihm, dem Fremdling, benannt sei, seine Nach­ 
 kommen aber ihre Macht dann noch erweitert hätten. Euryftheus 
 nämlich habe vor seinem Auszuge den Bruder seiner Mutter, 
 den damals nach der Ermordung des EhrysippoS vor seinem 
 Vater flüchtigen Atreus, als einen Angehörigen seines HauseS 
 zum Reichsverweser in Mykene bestellt. Als er dann in Attika 
 
 im Kampfe gegen die Herakliden gefallen und nicht zurück­ 
 gekehrt sei, habe sich Atreus die Herrschaft über Mpkene und 
 das ganze Reich des Eurystheus selbst angeeignet, und die 
 Mykener seien damit auch einverstanden gewesen, teils aus 
 Furcht vor den Herakliden, teils weil sie Atreus, der es über­ 
 dies verstanden, sich bei den Leuten beliebt zu machen, die 
 nötige Kraft zugetraut hätten, und so seien die Pelopiden den 
 Persiden über den Kopf gewachsen. So hat auch Agamemnon 
 als Erbe dieser Macht und dabei im Besitz einer den anderen 
 überlegenen Flotte die Griechen denn doch wohl mehr auS 
 Furcht als aus Liebe zu ihm zur Heerfolge bewogen. Denn 
 er tritt nicht nur selbst mit den meisten Schiffen auf, sondern 
 versieht damit auch die Arkadier, wie uns Homer sagt, wenn 
 man den überhaupt als Beweis gelten lassen will, der ihn dann 
 auch in der Erzählung von der Vererbung des Zepters „über 
 viele Inseln und ganz Argos" herrschen läßt. Inseln aber 
 hätte er, abgesehen von den doch wohl nur wenigen in un­ 
 mittelbarer Nähe der Küste, nicht beherrschen können, wenn er 
 nicht eine ansehnliche Flotte gehabt. Auch aus diesem Zuge können 
 wir auf die früheren Zustände in Griechenland schließen.

Wollte man daraus, daß Mykene nur klein war und von 
 manchen der damaligen Städte jetzt kaum noch die Rede ist, 
 folgern, der Zug könne so groß nicht gewesen sein, wie Dichtung 
 und Sage uns glauben machen wollen, so wäre das mehr alS 
 gewagt. Wenn jetzt die Hauptstadt der Lakedämonier zerstört 
 würde und nichts von ihr übrigbliebe als die Tempel und die 
 Fundamente der Baulichkeiten, so würde man in späterer Zeit 
 kaum glauben, daß die Macht der Lakedämonier deren Ruf 
 entsprochen habe. Gegenwärtig sind sie Herren von zwei 
 Fünfteln des Peloponnes und Vormacht nicht nur der ganzen 
 Halbinsel, sondern auch zahlreicher auswärtiger Bundes­ 
 genossen. Trotzdem könnte es scheinen, daß ihre Macht nicht 
 so groß gewesen, weil die Stadt keine stolzen Tempel und 
 Prachtbauten hatte und nicht zusammenhängend gebaut war, 
 sondern nach altgriechischer Weise aus einzelnen Ortschaften 
 bestand. Umgekehrt, wenn es Athen so ginge, würde man an­ 
 
 gesichts der erhaltenen Reste der Stadt glauben, die Macht der 
 Athener sei noch mal so groß gewesen, wie sie wirklich ist. 
 Wir dürfen uns also dadurch nicht irremachen lassen und 
 müssen mehr die wirkliche Macht als das bloße Aussehen der 
 Städte in Betracht ziehen. So ist es wohl glaublich, daß jeneS 
 Kriegsheer größer gewesen ist als alle früheren. Mit heurigen 
 Verhältnissen freilich darf man es nicht vergleichen. Denn selbst 
 wenn wir Homer, der als Dichter natürlich eher noch etwaS 
 übertreibt, auch hier wieder als Zeugen gelten lassen wollen, 
 so hat es damit nicht allzuviel auf sich gehabt. Nach ihm hatten 
 von den zwölfhundert Schiffen die der Böotier je hundert- 
 zwanzig, die des Philoktetes je fünfzig Mann an Bord, womit 
 er meiner Meinung nach die größten und die kleinsten anführen 
 will; wenigstens wird die Größe der übrigen bei Aufzählung 
 der Schiffe nicht angegeben. Daß die ganze Mannschaft zu­ 
 gleich mit dem Ruder und mit der Waffe diente, sehen wir 
 bei ihm an PhilokteteS' Schiffen, wo er sagt, daß die Ruder­ 
 knechte alle auch Bogenschützen gewesen seien. Außer der 
 Mannschaft aber werden sich, abgesehen von den Königen und 
 einigen hochgestellten Personen, sicher nicht allzuviel? an Bord 
 befunden haben, schon weil man Waffen und sonstigen Kriegs­ 
 bedarf mitnehmen mußte, und die Schiffe kein Verdeck hatten, 
 sondern noch wie die alten Seeräuberschiffe gebaut waren. 
 Nimmt man hiernach den Durchschnitt zwischen den größten 
 und den kleinsten Schiffen, so ist die Zahl derer, welche den 
 Zug mitgemacht, für eine Unternehmung ganz Griechenlands 
 offenbar nicht sehr groß gewesen.

Schuld daran war nicht, daß es an Menschen, sondern 
 daß es an Geld fehlte. Weil man die Leute nicht ernähren 
 konnte, mußte man mit einem kleinen Heere zu Felde ziehen, 
 so wie man hoffen durfte, es während deS Krieges in Feindes­ 
 land erhalten zu können. Nachdem die Griechen gleich bei 
 ihrer Ankunft einen Sieg erfochten hatten - sonst hätten sie 
 ja ihr Lager nicht befestigen können -, haben sie von ihrer 
 ganzen Macht ja nicht mal mehr Gebrauch gemacht, sondern 
 sich auS Mangel an Lebensmitteln auch mit Landbau auf dem 
 
 Chersones und mit Seeraub befaßt. Darum konnten ihnen 
 auch bei solcher Zersplitterung ihrer Kräfte die Troer um so 
 eher die zehn Jahre widerstehen; denn den ihnen jeweilig gegen­ 
 über befindlichen Kräften waren sie voll gewachsen. Hätten 
 die Griechen genug zu leben gehabt und, statt Seeraub und 
 Landbau zu treiben, den Krieg mit vereinten Kräften ununter­ 
 brochen fortgeführt, so hätten sie die Troer leicht besiegen und 
 ihre Stadt nehmen können; haben sie sich doch trotz solcher 
 Zersplitterung selbst mit dem noch zur Stelle befindlichen Bruch­ 
 teil ihrer Kräfte ihnen gegenüber behauptet. Auch würden sie 
 Troja wohl schneller und leichter erobert haben, wenn sie eS 
 förmlich belagert hätten. Aber aus Mangel an Geld war man 
 damals zu schwach zu größeren Unternehmungen, und selbst 
 dieser über alle früheren Kriege berühmt gewordene Trojanische 
 Krieg ist bei Lichte besehen doch lange nicht das gewesen, wozu 
 ihn Sage und Dichtung jetzt bei unS gemacht haben.

Auch nach dem Trojanischen Kriege gab es in Griechen­ 
 land immer noch Wanderungen und Neusiedelungen, so daß 
 es sich nicht ruhig entwickeln konnte. Da die Griechen nicht 
 so bald von Troja zurückkehrten, kam eS in den Städten viel­ 
 fach zu inneren Kämpfen und Umwälzungen und infolgedessen 
 zu Auswanderungen und zur Gründung neuer Städte. So 
 haben sich die jetzigen Böotier, nachdem sie sechzig Jahr nach 
 der Eroberung Trojas von den Thessalern aus Arne verdrängt 
 worden waren, im heutigen Böotien niedergelassen, das vor­ 
 her das Kadmeiische Land hieß. Ein Zweig wohnte freilich 
 auch schon vorher in diesem Lande, und ihm gehörten die 
 Böotier an, die mit nach Troja zogen. Achtzig Jahr nach 
 jenem Zeitpunkt nahmen die Dorier mit den Herakliden den 
 Peloponnes in Besitz. Nachdem Griechenland endlich zu Ruhe 
 gekommen war und das Wandern aufgehört hatte, sandte es 
 Kolonien aus; die Athener besiedelten Jonien und die Mehr­ 
 zahl der Inseln, die Peloponnesier den größten Teil von Italien 
 und Sizilien sowie einige andere Gegenden in Griechenland. 
 Alle diese Gründungen aber fallen erst in die Zeit nach dem 
 Trojanischen Kriege.

Als das Land kräftiger und mit der Zeit immer reicher 
 geworden war, gerieten die Städte, deren Einnahmen auch 
 gewachsen waren, unter die Herrschaft von Tyrannen, während 
 es früher ein erbliches Königtum mit bestimmten Ehrenrechten 
 gegeben hatte. Jetzt warf man sich in Griechenland auf die 
 See und baute Schiffe. Zuerst sollen die Korinther die Schiff- 
 fahrt schon annähernd in jetziger Weise betrieben haben, in 
 Korinth auch die ersten Trieren in Griechenland gebaut sein. 
 Angeblich hat auch ein Schiffsbauer aus Korinth, Ameinokles, 
 den Samiern vier Schiffe gebaut. Seit AmeinokleS' Ankunft!' 
 auf Samos bis zum Ende dieses Krieges sind ungefähr drei-i: 
 hundert Jahr. Die älteste Seeschlacht, von der wir wissen, 
 hat zwischen Korinthern und Kerkyräern stattgefunden, und 
 von da bis zu demselben Zeitpunkt sind ungefähr zweihundert- 
 sechzig Jahr. Bei seiner Lage auf dem Isthmus war Korinth 
 von jeher ein Handelsplatz. Da die Griechen in alter Zeit 
 mehr zu Lande als zur See verkehrten und der ganze Verkehr 
 von und nach dem Peloponnes über Korinth ging, so wurde 
 dies eine reiche Stadt, wie es ja auch schon bei den alten 
 Dichtern das reiche Korinth heißt. Als dann der Verkehr zur 
 See bei den Griechen zunahm, legten die Korinther mit ihren 
 Schiffen den Seeräubern das Handwerk, und so wurde ihre 
 für den Land- und Seehandel gleich günstig gelegene Stadt 
 noch reicher und mächtiger. Später, zur Zeit des Kyros, des 
 ersten Perserkönigs, und seines Sohnes Kambyses, hatten auch 
 die Jonier eine ansehnliche Flotte und beherrschten damit 
 während ihres Krieges mit Kyros eine Zeitlang die dortigen 
 Gewässer. Auch Polykrates, der zu Kambyses' Zeit Tyrann 
 von Samos war, besaß eine starke Flotte, womit er verschiedene 
 Inseln unterwarf, namentlich auch Rheneia eroberte, das er 
 dann dem delifchen Apollon weihte. Endlich haben auch die 
 Phokäer, die sich in Massalia niederließen, die Karthager in 
 einer Seeschlacht besiegt.

Das waren zu der Zeit die vornehmsten Seemächte. Aber 
 obgleich damals seit dem Trojanischen Kriege schon viele 
 Menschenalter vergangen waren, hatten auch sie erst wenig 
 
 Trieren, sondern fuhren noch immer mit dem langen Fnnf­ 
 zigruderer wie zur Zeit jenes Krieges. Kurz vor den Perser­ 
 kriegen und dem Tode des Dareios, der nach Kambyses in 
 Persien regierte, hatten dann aber die Tyrannen in Sizilien 
 und die Kerkyräer bereits zahlreiche Tricren, und daS waren 
 in der letzten Zeit vor dem Zuge des Xerxes die bedeutendsten 
 griechischen Seemächte. Denn waS die Agineten, die Athener 
 und etwa noch einige andere an Schiffen besaßen, war nicht 
 der Rede wert, und dazu waren es meist nur Funfzigruderer. 
 Ja selbst die Schiffe, welche die Athener später Ar den Krieg 
 mit Agina und den damals auch schon drohenden Perserkrieg 
 auf Rat des Themistokles bauten und mit denen sie nachher 
 auch ihre Schlachten schlugen, hatten noch kein volles Verdeck.

So stand es in den ältesten und den folgenden Zeiten 
 bei den Griechen um die Seefahrt. Immerhin sind alle, die 
 sich darauf legten, durch Erwerbung von Reichtümern und 
 Ausdehnung ihrer Herrschaft beträchtlich vorangekommen; denn 
 mit Hilfe ihrer Flotten unterwarfen sie sich die Inseln, nament­ 
 lich wenn ihnen ihr eigenes Gebiet nicht genügte. Zu Lande 
 aber ist es niemals zu einem Kriege gekommen, durch den die 
 Machtverhältnisse auch nur einigermaßen verrückt worden wären. 
 Freilich führte man auch zu Lande Kriege genug, aber immer 
 nur Grenzkriege gegen seine Nachbarn. Auf auswärtige Unter­ 
 nehmungen aber, um in fernen Ländern Eroberungen zu machen, 
 ließ man sich in Griechenland nicht ein. Abhängige Bundes­ 
 genossen, deren Kräfte man dazu hätte aufbieten können, hatten 
 auch die größeren Staaten noch nicht, und ebensowenig dachten 
 diese daran, sich auf gleichem Fuße zu gemeinsamen Unter­ 
 nehmungen zu verbinden. Man führte wohl Krieg, aber jeder 
 nur auf eigene Hand mit seinen Nachbarn. Nur etwa in 
 dem Kriege zwischen Chalkis und Eretria haben die übrigen 
 Griechen schon in alter Zeit mal Partei ergriffen und sich am 
 Kampfe beteiligt.

Ihrem weiteren Wachstum aber stellte sich bald dies, 
 bald jenes Hindernis in den Weg. So den Joniern, die schon 
 zu hoher Blüte gelangt waren, die Persermacht unter Kyros, 
 
 der, nachdem er das Reich des Kroisos vom Halys bis an 
 die See unterworfen, nun auch über sie hereinbrach und der 
 Freiheit ihrer Städte auf dem Festlande ein Ende machte, 
 worauf dann später Dareios mit seiner phönizischen Flotte 
 auch die Inseln unterwarf.

Die Tyrannen in den griechischen Städten waren nur 
 auf ihren eigenen Vorteil bedacht, und ihre Politik lief wesent­ 
 lich auf die Sorge für ihre Person und ihre Familie und die 
 Befestigung ihrer Stellung hinaus. Auf größere Unternehmungen 
 haben sie sich nicht eingelassen, höchstens daß mal einer einen 
 Krieg gegen seine Nachbarn führte. Nur in Sizilien haben 
 sie es allerdings zu bedeutender Macht gebracht. So ist Griechen­ 
 land aus mancherlei Gründen längere Zeit nicht vorangekommen. 
 Gemeinsame größere Unternehmungen machte man nicht, und 
 in den einzelnen Städten fehlte es an Unternehmungsgeist.

Schließlich wurde dann aber der TyranniS in Athen und 
 den übrigen, meist schon länger von Tyrannen beherrschten 
 griechischen Städten durch die Lakedämonier, mit Ausnahme! 
 von Sizilien, fast überall ein Ende gemacht. In Lakedämon 
 hat es seit der Einwanderung seiner jetzigen dorischen Bevöl­ 
 kerung, obgleich dort, soviel wir wissen, die inneren Kämpfe 
 kaum jemals abrissen, von jeher gute Gesetze und niemals 
 Tyrannen gegeben. Etwas über vierhundert Jahr sind es 
 ungefähr bis zu Ende dieses Krieges, daß die Lakedämonier ^ 
 immer dieselbe Verfassung gehabt haben, und dem verdanken 
 sie ihren Einfluß auch auf die Verfassung anderer Staaten. 
 Wenige Jahre nach der Vertreibung der Tyrannen aus Griechen­ 
 land wurde zwischen Persern und Athenern die Schlacht bei 
 Marathon geschlagen. Zehn Jahr später unternahm der 
 Perserkönig dann nochmals jenen gewaltigen Zug zur Unter­ 
 werfung Griechenlands. Angesichts dieser großen Gefahr über­ 
 nahmen die Lakedämonier als die Mächtigsten die Führung 
 der verbündeten griechischen Heere, die Athener aber entschlossen 
 sich, bei Ankunft der Perser ihre Stadt zu verlassen und sich 
 mit Hab und Gut auf die Schiffe zu begeben und von nun 
 an ihr Heil auf dem Wasser zu suchen. Aber schon bald. 
 
 nachdem sie die Angriffe der Perser mit vereinten Kräften 
 abgewiesen hatten, schieden sich die Griechen, sowohl die bis­ 
 herigen Bundesgenossen wie die früheren Untertanen des Königs, 
 in zwei Parteien, von denen die eine sich den Athenern, die 
 andere den Lakedämoniern anschloß. Denn daS waren jetzt 
 entschieden die beiden ersten Mächte, die eine zur See, die 
 andere zu Lande. Eine Zeitlang hielt die alte Waffenbrüder­ 
 schaft noch vor, dann aber zerfielen beide miteinander, und 
 es kam zwischen ihnen und ihren Bundesgenossen zum Kriege. 
 Wo immer es seitdem in Griechenland Händel gab, schloß 
 man sich jetzt ohne weiteres einem von ihnen an. So haben 
 . sie in der ganzen Zeit von den Perserkriegen bis zu diesem 
 Kriege bald Verträge miteinander geschlossen, bald unter sich 
 oder auch mit aufsässigen Bundesgenossen Krieg geführt und 
 dabei Gelegenheit gehabt, ihr Kriegswesen zu vervollkommnen, 
 und unter mancherlei Gefahren eine vortreffliche Schule für 
 den Krieg durchgemacht.

Die Lakedämonier benutzten ihre Vormachtstellung nicht 
 dazu, ihre Bundesgenossen zu besteuern, beschränkten sich viel­ 
 mehr darauf, sie überall in ihrem Sinne zur Einführung olig­ 
 archischer Verfassungen zu nötigen. Die Athener aber über­ 
 nahmen mit der Zeit die Schiffe ihrer Bundesgenossen, mit 
 Ausnahme der Chier und Lesbier, für eigene Rechnung, 
 schlugen die Leistung eines jeden zu Gelde an und machten 
 eine Steuer daraus. Infolgedessen waren Fe in der Lage, 
 für sich allein so stark gerüstet in diesen Krieg zu gehen, wie 
 sie das vorher, auch als der Bund noch in voller Blüte stand, 
 nie gewesen waren.

Das ist es, was ich über die ältere Zeit ermittelt habe. 
 Man darf aber ja nicht jeder uns überlieferten Nachricht 
 gleich Glauben schenken. Denn die Menschen sind nur zu 
 geneigt, alles, was man ihnen von älteren Zeiten erzählt, 
 ohne weiteres für Wahrheit zu nehmen, selbst wenn es sich 
 dabei um die eigene Heimat handelt. So glaubt man zum Beispiel 
 in Athen allgemein, daß Hipparchos Tyrann gewesen, als er 
 von Harmodios und Aristogeiton ermordet wurde, und weiß 
 
 nicht, daß damals Hippias als ältester Sohn des Peisistratos 
 regierte, Hipparchos und Thessalos aber nur seine Brüder 
 waren. Da aber Harmodios und Aristogeiton an dem Tage, 
 als sie die Tat grade ausführen wollten, Verdacht schöpften, 
 daß der Plan von einem ihrer Mitwisser verraten und Hippias 
 bereits gewarnt sei, so ließen sie diesen leben, und um wenigstens 
 nicht umsonst gefangen und gehangen zu werden, ermordeten 
 sie Hipparchos, der ihnen beim Leokorion, wo er den Pan­ 
 athenäenzug ordnete, zufällig in den Weg kam. Auch anderswo 
 hat man in Griechenland über Dinge, die nicht etwa der 
 grauen Vorzeit, sondern noch ganz der Gegenwart angehören, 
 vielfach falsche Vorstellungen; so glaubt man zum Beispiel, 
 daß in Lakedämon jeder der beiden Könige bei der Abstimmung 
 nicht nur eine, sondern zwei Stimmen habe, und daß es dort 
 eine Pitanatische Schar gebe, die es nie gegeben hat. Die 
 meisten Menschen geben sich gar nicht die Mühe, zu unter­ 
 suchen, ob es mit einer Sache auch seine Richtigkeit hat, sondern 
 essen eben den Brei, wie er ihnen vorgesetzt wird.

Bei alledem wird man meine Darstellung der Ereignisse 
 auf Grund der beigebrachten Beweise unbedenklich für glaub­ 
 würdiger halten dürfen als das, was Dichter mit poetischer 
 Übertreibung davon gesungen, oder Logographen, um ihrer 
 Erzählung größeren Reiz zu geben, wohl auch mal auf Kosten 
 der Wahrheit daraus gemacht oder an unglaubwürdigen und 
 gradezu fabelhaften alten Geschichten darüber zusammengetragen 
 haben. Denn darauf kann man sich verlassen, daß ich, soweit 
 das für jene alten Zeiten überhaupt möglich war, nur aus 
 den besten Quellen geschöpft habe. Nun pflegen die Menschen 
 freilich jeden Krieg, den sie eben jetzt selbst zu führen haben, 
 für den wichtigsten zu halten und erst, wenn er vorbei ist, 
 auch die Vergangenheit wieder besser zu würdigen. Aber an­ 
 gesichts der Tatsachen kann denn doch kein Zweifel darüber 
 sein, daß der jetzige Krieg auch wirklich bedeutender gewesen 
 ist als alle früheren.

Die verschiedenen Reden, so wie sie vor Beginn oder im 
 Laufe des Krieges gehalten sind, wörtlich wiederzugeben, war 
 
 nicht wohl möglich, mochte ich sie nun selbst mit angehört 
 oder durch Dritte Kenntnis davon erhalten haben. Ich gebe 
 sie deshalb so, wie sie der betreffende Redner nach meiner 
 Auffassung unter den jeweiligen Umständen hätte halten müssen, 
 schließe mich dabei jedoch dem Gedankengange der wirklich 
 gehaltenen Rede so eng wie möglich an. Die Begebenheiten 
 des Krieges selbst habe ich nicht aufs Geratewohl oder nach 
 Gutdünken aufgezeichnet, sondern ich habe nur Dinge auf­ 
 genommen, die mir entweder aus eigener Anschauung bekannt 
 waren oder über die ich bei anderen die sorgfältigsten Er­ 
 kundigungen eingezogen hatte. Es war nicht immer leicht, 
 den Sachen auf den Grund zu kommen, weil die Berichte der 
 Augenzeugen darüber verschieden lauteten, je nachdem ihr 
 Parteistandpunkt dabei mitsprach oder auch ihr Gedächtnis sie 
 im Stich ließ. So wird das Buch seines nüchternen Inhalts 
 wegen manchem Leser vielleicht langweilig vorkommen. Mir 
 soll es genügen, wenn auch nur diejenigen, welche wissen 
 möchten, wie es gewesen ist und mehr oder weniger zu allen 
 Zeiten in der Welt zugehen wird, es für ein nützliches Buch 
 halten. Dem Verfasser war es um ein Werk von dauerndem 
 Wert, nicht um einen augenblicklichen Erfolg bei der Leserwelt 
 zu tun.

Bis dahin war der Perserkrieg das wichtigste Ereignis 
 gewesen, und doch war in ihm schon nach je zwei Schlachten 
 zu Lande und zur See die Entscheidung gekommen. Dieser 
 Krieg dagegen hat sehr lange gedauert, und Griechenland hat 
 in ihm Leiden durchgemacht wie nie zuvor in einer gleichen 
 Spanne Zeit. Niemals waren so viele Städte erobert und 
 zerstört, sei es durch Barbaren, sei es durch die kriegführenden 
 Mächte selbst - einige von ihnen wurden auch nach ihrer 
 Einnahme mit anderen Einwohnern besetzt -, niemals so viel 
 Menschen von Haus und Hof vertrieben und entweder durch 
 den Krieg selbst oder in Parteikämpfen ums Leben gekommen. 
 Dinge, von denen man bis dahin zwar wohl gehört, aber kaum 
 jemals selbst was erlebt hatte, waren jetzt an der Tagesordnung. 
 Gewaltige Erdbeben, die sich über einen großen Teil der Erde 
 
 erstreckten, Sonnenfinsternisse, welche häufiger eintraten, als 
 man sich dessen von früher erinnerte, Zeiten großer Dürre mit 
 Hungersnot im Gefolge, vor allem aber die furchtbare Pest, 
 welche die Menschen so massenhaft hinraffte, das alles stellte 
 sich in diesem Kriege miteinander ein. Den aber begannen 
 die Athener und die Peloponnesier mit dem Bruch des dreißig- 
 jährigen Friedens, den sie nach der Unterwerfung von Euboia 
 miteinander geschlossen hatten. Um von vornherein der Frage 
 zu begegnen, wie es in Griechenland zu einem so furchtbaren 
 Kriege kommen konnte, führe ich zuerst die Ursachen und die 
 Streitigkeiten an, welche den Bruch herbeiführten. Der eigent­ 
 liche Grund, so wenig von ihm die Rede gewesen ist, war 
 nach meiner Überzeugung die Furcht der Lakedämonier vor der 
 wachsenden Macht Athens, die sie zum Kriege trieb. Die 
 Gründe aber, worauf sich beide Teile für den Rücktritt vom 
 Vertrage und den Wiederbeginn des Krieges vor der Welt 
 beriefen, waren folgende.

Epidamnos ist eine Stadt, die man bei der Einfahrt in 
 den Ionischen Meerbusen zur Rechten hat. Das Hinterland 
 wird von Barbaren, den Taulautiern, einer illyrischen Völker­ 
 schaft, bewohnt. Die Stadt ist eine Kolonie von Kerkyra und 
 wurde gegründet unter Führung des Phalios, Eratokleides' 
 Sohns, eines Herakliden aus Korinth, den man dazu, wie 
 daS ja in solchem Fall alter Brauch war, aus der Mutterstadt 
 berufen hatte. Doch waren auch einige Korinther und sonstige 
 Angehörige des dorischen Stammes an der Gründung be­ 
 teiligt. Im Laufe der Zeit war Epidamnos eine große und 
 volkreiche Stadt geworden, dann aber hatte sie, angeblich nach 
 langen inneren Kämpfen, in einem Kriege mit den benachbarten 
 Barbaren schwere Verluste erlitten und ihre frühere Macht 
 gutenteils eingebüßt. Kurz vor dem Ausbruch dieses Krieges 
 Vertrieb das Volk die Aristokraten aus der Stadt, die sich 
 darauf zu den Barbaren begaben und im Verein mit ihnen 
 die Einwohner zu Wasser und zu Lande beraubten. In dieser 
 ihrer Bedrängnis schickten die Epidamnier in der Stadt Ge­ 
 sandte nach Kerkyra mit der Bitte, als ihre Mutterstadt möge 
 
 sie sie in ihrer Not nicht im Stich lassen, sondern einen Aus­ 
 gleich zwischen ihnen und ihren vertriebenen Landsleuten 
 herbeiführen und den Krieg mit den Barbaren beizulegen suchen. 
 Die Gesandten trugen auch ihre Bitte im Heratempel in Kerkyra 
 als Schutzflehende vor, fanden aber damit kein Gehör und 
 mußten unverrichteter Sache wieder abziehen.

Als die Epidamnier sahen, daß auf Hilfe von Kerkyra 
 nicht zu rechnen war, und sich nicht zu helfen wußten, schickten 
 sie nach Delphi, um den Gott zu befragen, ob sie sich Korinth 
 als ihrer Mutterstadt übergeben und versuchen sollten, von 
 dort Hilfe zu erhalten. Der Gott riet ihnen auch, das zu tun 
 und sich unter die Führung der Korinther zu stellen. Sie 
 wandten sich also nach Korinth, um sich nach dem Ausspruch 
 des Orakels dort als Tochterstadt zu übergeben, wiesen darauf 
 hin, daß der Gründer ihrer Stadt aus Korinth gewesen sei, 
 und baten, sie in der Not nicht im Stich zu lassen, sondern 
 sich ihrer anzunehmen. Die Korinther erklärten sich dazu auch 
 bereit, da sie Epidamnos mit Fug und Recht so gut als eine 
 Kolonie von Korinth wie von Kerkyra ansehen zu können glaubten. 
 Zudem haßten sie die Kerkyräer, die es als ihr Pflanzvolk an 
 der schuldigen Rücksicht gegen sie fehlen ließen. Denn man 
 gab ihnen dort bei festlichen Gelegenheiten nicht die schuldigen 
 Ehren, ließ auch keinem Korinther den Vortritt beim Opfer, 
 wie das in Kolonien sonst üblich ist, sondern behandelte sie 
 von oben herab, weil man sich damals als Geldmacht den 
 reichsten Griechenstädten an die Seite stellte, für den Krieg 
 besser als andere gerüstet war und sich zuweilen rühmen konnte, 
 die stärkste Flotte zu besitzen. Denn wie ihre Insel schon ehe­ 
 mals von dem berühmten Seevolke der Phäaken bewohnt ge­ 
 . Wesen war, so hatten sich auch die Kerkyräer besonders auf 
 die Flotte gelegt und es zur See zu hoher Macht gebracht; 
 denn bei Beginn des Krieges hatten sie nicht weniger als 
 hundertundzwanzig Trieren.

War das alles den Korinthern ein Dorn im Auge, so 
 schickten sie jetzt die erbetene Hilfe nicht mehr wie gern nach 
 Epidamnos, stellten jedem frei, sich dort anzusiedeln, und ließen 
 
 eine Anzahl bewaffneter Amprakier, Leukadier und eigener 
 Landeskinder zur Besetzung dorthin ziehen. Der Zug ging zu 
 Lande nach Apollonia, einer korinthischen Kolonie, aus Furcht, 
 die Kerkyräer könnten ihm den Seeweg verlegen. Die Kerkyräer 
 aber waren außer sich, als sie von der Ankunft der neuen An­ 
 siedler und der Truppen in Epidamnos und der Übergabe der 
 Kolonie an die Korinther hörten. Sofort sandten sie fünfund­ 
 zwanzig Schiffe und bald nachher noch ein zweites Geschwader 
 nach Epidamnos und verlangten drohend die Wiederaufnahme 
 der Vertriebenen sowie die Ausweisung der korinthischen Be­ 
 satzung und der neuen Ansiedler. - Die aus Epidamnos ver­ 
 triebenen Aristokraten hatten sich nämlich inzwischen nach Ker­ 
 kyra begeben und hier bei den Gräbern der Vorfahren und 
 der Stammverwandtschaft um ihre Zurückführung gebeten. - 
 Die Epidamnier aber wollten von alledem nichts hören. Und 
 nun eröffneten die Kerkyräer, denen sich jetzt auch die Illyrier 
 angeschlossen hatten, in Gemeinschaft mit den Vertriebenen, 
 deren Wiederaufnahme sie verlangten, mit vierzig Schiffen die 
 Feindseligkeiten gegen Epidamnos. Sie legten sich vor die 
 Stadt und boten sowohl den Epidamniern selbst wie den Fremden 
 freien Abzug an, widrigenfalls sie alS Feinde behandelt werden 
 würden. Als davon kein Gebrauch gemacht wurde, begannen 
 sie, die Stadt, die auf einer Landzunge liegt, förmlich zu be­ 
 lagern.

Sobald die Korinther durch Boten aus Epidamnos die 
 Nachricht von der Belagerung erhalten hatten, rüsteten sie zum 
 Kriege. Zugleich ließen sie öffentlich bekanntmachen, daß in 
 Epidamnos eine Kolonie gegründet werden solle und jedem 
 freigestellt werde, sich dabei zu gleichem Recht zu beteiligen. 
 Wer keine Lust habe, gleich mitzufahren, und sich doch an der 
 Gründung beteiligen wolle, könne zu Hause bleiben, habe solchen- 
 falls aber fünfzig korinthische Drachmen zu hinterlegen. Auch 
 fanden sich Leute genug, die entweder gleich mitfahren oder 
 das Geld einzahlen wollten. Mit Rücksicht auf etwaige Hinder­ 
 nisse, die ihnen auf der Fahrt von seiten der Kerkyräer be­ 
 reitet werden könnten, erbaten sie sich von Megara Schiffe zum 
 
 Geleit. Megara stellte auch acht Schiffe, die sie geleiten sollten, 
 und ebenso Paleis auf Kephallenia vier. Epidauros, an das 
 sie sich auch gewandt hatten, stellte fünf, Hermione eins, Trotzen 
 zwei, Leukas zehn und Amprakia acht. Theben und Phlius 
 ersuchten sie um Geld, Elis um Geld und leere Schiffe. In 
 Korinth selbst aber wurden dreißig Schiffe und dreitausend 
 Hopliten eingestellt.

Als die Kerkyräer von diesen Rüstungen hörten, begaben 
 sie sich mit lakedämonischen und sikyonischen Gesandten, deren 
 gute Dienste sie erbeten hatten, nach Korinth und verlangten 
 von den Korinthern die Abberufung der Besatzung und der 
 Kolonisten aus Epidamnos; denn in Epidamnos hätten sie 
 nichts zu schaffen. Sollten indes auch sie dort Ansprüche zu 
 haben vermeinen, so möge die Sache einigen Städten im Pelo­ 
 ponnes, über die man sich beiderseits vereinigt, zu schiedsrichter­ 
 licher Entscheidung überwiesen werden, und wem die Kolonie 
 dann zugesprochen werden würde, dem solle sie gehören. Auch 
 sei es ihnen recht, wenn die Entscheidung dem Delphischen 
 Orakel überlassen würde. Nur Krieg sollten sie darüber nicht 
 anfangen, sonst würden auch sie gezwungen sein, sich anderswo 
 nach neuen Freunden umzusehen, und zwar notgedrungen grade 
 solchen, die den Korinthern recht unbequem sein würden. Die 
 Korinther erwiderten ihnen, wenn sie ihre Schiffe und die 
 Barbaren von Epidamnos zurückzögen, wollten sie sich die Sache 
 weiter überlegen, vor Aufhebung der Belagerung aber würde 
 es unter ihrer Würde sein, mit ihnen zu prozessieren. Dem­ 
 gegenüber erklärten die Kerkyräer, dazu seien sie bereit, falls 
 auch die Korinther ihre Leute aus Epidamnos zurückzögen; 
 übrigens hätten sie auch nichts dagegen, wenn beide Teile in 
 ihren jetzigen Stellungen blieben und bis zu richterlicher Ent­ 
 scheidung der Sache einen Waffenstillstand schlössen.

Die Korinther aber wollten davon nichts wissen. Sobald 
 ihre Schiffe bereit und die Bundesgenossen zur Stelle waren, 
 ließen sie den Kerkyräern durch einen vorausgesandten Herold 
 den Krieg erklären und gingen dann mit fünfundsiebzig Schiffen 
 und zweitausend Hopliten nach Epidamnos unter Segel, um 
 
 den Streit mit Kerkyra mit den Waffen auszutragen. Die 
 Schiffe befehligte Aristeus, Pellichos' Sohn,Kallikrates,Kallias' 
 Sohn, und Timanor, Timanthes' Sohn, die Truppen Arche­ 
 timos, Enrytimos' Sohn, und Jsarchidas, Jsarchos' Sohn. 
 Als sie bei Aktion im Gebiet von Anaktorion angekommen 
 waren, wo der Apollontempel steht, am Ausgange des Ampra­ 
 kischen Meerbusens, schickten ihnen die Kerkyräer in einer Scha­ 
 luppe einen Herold entgegen und ließen ihnen Halt gebieten. 
 Zu gleicher Zeit bemannten sie ihre Flotte, nachdem sie die 
 alten Schiffe versteift, um sie seefähig zu machen, und die 
 übrigen ausgebessert hatten. Als der Herold von den Korinthern 
 keine friedliche Antwort mitbrachte und sie ihre Schiffe bemannt 
 hatten - im ganzen achtzig, denn vierzig lagen noch vor 
 Epidamnos -, fuhren sie den Korinthern entgegen, stellten sich 
 in Schlachtordnung und lieferten ihnen eine Schlacht. Auch er­ 
 fochten sie einen glänzenden Sieg und vernichteten den Korinthern 
 fünfzehn Schiffe. Das Glück wollte, daß auch das belagerte 
 Epidamnos sich an demselben Tage ergab auf die Bedingung, 
 daß die Fremden verkauft, die Korinther aber bis auf weiteres 
 kriegsgefangen bleiben sollten.

Nach der Schlacht errichteten die Kerkyräer am Vorgebirge 
 Leukimme auf Kerkyra ein Siegeszeichen und töteten alle ihnen 
 in die Hände gefallenen Feinde bis auf die Korinther, die sie 
 zu Gefangenen machten. Da die Korinther und ihre Verbün­ 
 deten nach ihrer Niederlage wieder nach Hause gefahren waren, 
 beherrschten die Kerkyräer von nun an alle Gewässer in der 
 Runde. Sie fuhren nach Leukas, der korinthischen Kolonie, 
 und verheerten das Land und steckten Kyllene, die Hafenstadt 
 der Euer, in Brand, weil diese die Korinther mit Schiffen 
 und Geld unterstützt hatten. Auch blieben sie nach der Schlacht 
 noch längere Zeit Herren der See und fügten mit ihren Schiffen 
 den Bundesgenossen der Korinther viel Schaden zu, bis dann 
 die Korinther angesichts der Leiden ihrer Bundesgenossen Schiffe 
 und Truppen aussandten, die sich bei Aktion und am thespro­ 
 tischen Vorgebirge Cheimerion lagerten, um Leukas und die 
 übrigen ihnen befreundeten Orte zu schützen. Die Kerkyräer 
 
 aber nahmen ihnen gegenüber mit Heer und Flotte Stellung 
 bei Leukimme. Zu einem Angriff kam es jedoch von keiner 
 Seite. Den ganzen Sommer standen sie sich einander gegen­ 
 über und gingen dann bei Eintritt des Winters wieder nach 
 Hause.

Die Korinther, die den unglücklichen Krieg mit Kerkyra 
 nicht verschmerzen konnten, waren das ganze nächste und das 
 folgende Jahr nach der Schlacht eifrig darauf aus, Schiffe 
 zu bauen und ihre Flotte instand zu setzen. Auch sparten sie 
 kein Geld, um im Peloponnes selbst und überall in Griechen­ 
 land Seeleute zu werben. Als die Kerkyräer davon hörten, 
 wurden sie doch bange, da sie keinem der in Griechenland be­ 
 stehenden Bündnisse angehörten, auch sich weder in den Athe­ 
 nischen noch den Lakedämonischen Bund eingeschrieben hatten. 
 Sie beschlossen deshalb, die Athener um ein Bündnis anzu­ 
 gehen und zu versuchen, ob sie von da nicht Hilfe erhalten 
 könnten. Kaum aber hatten die Korinther davon gehört, als 
 sie ebenfalls Gesandte nach Athen schickten, um nicht durch 
 eine Vereinigung der athenischen Flotte mit der kerkyräischen 
 Flotte verhindert zu werden, den Krieg nach Wunsche zu be­ 
 enden. In einer zu dem Ende anberaumten Volksversammlung 
 kamen beide Teile zu Worte, und zunächst ließen sich die Kerky­ 
 räer folgendermaßen vernehmen.

„Mit Recht, Athener, fordert man von jedem, der, wie 
 wir jetzt, einen anderen um Hilfe bittet, ohne sich dabei auf 
 besondere Verdienste oder Bundesgenossenschaft berufen zu 
 können, zunächst den Beweis, daß die Gewährung dieser Bitte 
 auch ihm nützen, mindestens nicht schaden werde, und daß er 
 dafür mit Sicherheit auf Dank rechnen könne. Vermag der 
 Bittsteller ihn davon nicht zu überzeugen, so darf er sich nicht 
 wundern, wenn er einen Korb kriegt. In der Meinung, euch 
 in dieser Hinsicht volle Sicherheit bieten zu können, haben uns 
 die Kerkyräer gesandt, euch um ein Bündnis zu bitten. Leider 
 ist unsere bisherige Politik nicht darnach gewesen, uns ein An­ 
 recht auf eure Hilfe zu erwerben, und wir sind dadurch eben 
 jetzt in eine böse Lage geraten. Wir, die wir uns bis dahin 
 
 mit niemand freiwillig auf ein Bündnis eingelassen, sind jetzt 
 hier, um vor fremden Türen selbst darum zu bitten. In dem 
 bevorstehenden Kriege mit den Korinthern sind wir auf uns 
 allein angewiesen, und was wir früher für weise Selbstbeschrän­ 
 tung hielten, unsere Haut nicht in Koalitionskriegen für fremde 
 Rechnung zu Markte zu tragen, erweist sich jetzt als eine fehler­ 
 haste und schwächliche Politik. Allerdings haben wir in jener 
 Seeschlacht die Korinther auch allein geschlagen, jetzt aber, 
 wo sie uns besser gerüstet mit Verstärkungen aus dem Pelo­ 
 pvnnes und ganz Griechenland zu Leibe wollen und wir keine 
 Aussicht haben, uns ihrer mit eigenen Kräften zu erwehren, 
 im Fall einer Niederlage aber in große Gefahr geraten würden, 
 sind wir gezwungen, uns bei euch und überall nach Hilfe um­ 
 zusehen, und man wird es uns zugute halten, wenn wir damit 
 der Neutralitätspolitik entsagen, die wir bisher nicht in böser 
 Absicht, sondern aus Irrtum befolgt haben.

„Wenn es sich jetzt so trifft, daß wir eurer Hilfe bedürfen, 
 so kann das auch euch, falls ihr uns unsere Bitte gewährt, 
 in mancher Hinsicht nur erwünscht sein, zunächst schon deshalb, 
 weil ihr jemand helfen könnt, der Unrecht leidet und selbst 
 niemand waS zu Leide tut, sodann aber, weil ihr, wenn ihr 
 uns in dem Augenblick, wo alles für uns auf dem Spiel steht, 
 nicht im Stich laßt, für alle Zeit zu größter Dankbarkeit ver­ 
 pflichtet, und zu guter Letzt, weil wir nach euch die stärkste Flotte 
 haben. Nehmt mal an, welch seltenes Glück ist es für euch 
 und wie verdrießlich für eure Feinde, wenn eine Macht, die 
 ihr nur zu gern für Geld und Gunst auf eure Seite gebracht 
 hättet, jetzt von selbst kommt und sich euch ohne Gefahr und 
 Kosten in die Arme wirft. Habt ihr doch auf diese Weise 
 Gelegenheit, zu gleicher Zeit euren Edelmut vor der Welt zu 
 zeigen, euren Freunden Wohltaten zu erweisen und eure Macht 
 zu mehren. Das alles auf einmal ist kaum jemals einem in 
 den Schoß gefallen, und es wird nicht leicht vorkommen, 
 daß ein Staat einen anderen um ein Bündnis bittet, dem er 
 an Macht und Ansehen ebensoviel zubringt, wie er sich selbst 
 von ihm verspricht. Glaubt man hier etwa, daß es zu keinem 
 
 Kriege kommen werde, in dem wir euch von Nutzen sein könnten, 
 so ist man im Irrtum und verkennt, daß die Lakedämonier es 
 aus Furcht vor euch schon lange auf Krieg abgesehen haben, 
 und daß die Korinther, eure bei ihnen so einflußreichen Feinde, 
 nur erst mit uns fertig werden wollten, bevor ihr an die Reihe 
 kommt. Sie wollen uns nur nicht beide zu gleicher Zeit zu 
 Feinden haben und Zeit gewinnen, um entweder erst unS un­ 
 schädlich zu machen oder wenigstens sich selbst fester in den 
 Sattel zu setzen. Darum nehmt die Freundeshand an, die 
 wir euch bieten, damit wir zuerst auf dem Platze sind, statt 
 hinterher das Nachsehen zu haben.

„Sollten sie behaupten, es sei unrecht von euch, ihnen 
 ihre Kolonie abwendig zu machen, so mögen sie sich gesagt sein 
 lassen, daß jede Kolonie ihre Mutterstadt hochhält, solange sie 
 gut behandelt wird, sich aber von ihr lossagt, wenn man sie 
 unter die Füße tritt. Denn man schickt keine Kolonisten dazu 
 aus, damit sie Sklaven der Daheimgebliebenen werden, sondern 
 um gleiches Recht mit ihnen zu genießen. Daß sie uns aber 
 solches Recht nicht zugestehen, liegt auf der flachen Hand; denn 
 als wir ihnen vorschlugen, unseren StreitumEpidamnos richter­ 
 lich austragen zu lassen, wollten sie darauf nicht eingehen, 
 sondern ihre Ansprüche lieber mit Waffengewalt durchsetzen. 
 Und wenn sie es so mit uns, ihren Anverwandten, machen, so 
 mag das auch euch eine Lehre sein, euch nicht von ihnen hinters 
 Licht führen zu lassen, oder ihnen in Dingen, die sie gradezu 
 von euch verlangen, zu Willen zu sein. Mit Liebenswürdig­ 
 keiten gegen seine Feinde kommt man nicht weit; je kürzer man 
 sie hält, um so besser.

„Auch verstößt es keineswegs gegen euren Vertrag mit 
 den Lakedämoniern, wenn ihr uns in euren Bund aufnehmt; 
 denn es heißt darin: Jedem griechischen Staate, der weder dem 
 einen noch dem anderen Bunde angehört, soll es freistehen, sich 
 einem von beiden anzuschließen. Es wäre ja auch unerhört, 
 wenn sie die Mannschaft für ihre Schiffe nicht nur aus den 
 ihnen verbündeten, sondern auch aus anderen griechischen Staaten, 
 ja selbst aus euren Besitzungen nehmen dürften und uns ver­ 
 
 bieten könnten, eurem Bunde beizutreten oder uns sonstwo 
 nach Hilfe umzusehen, oder wenn sie euch die Gewährung unserer 
 Bitte zum Verbrechen machen wollten. Weit eher hätten wir 
 Grund, uns zu beschweren, wenn ihr sie uns nicht gewähren . 
 wolltet. Denn uns, die wir in Gefahr und nicht eure Feinde 
 sind, würdet ihr abweisen, die Feinde aber, die euch zu Leibe 
 wollen, gewähren lassen und ihnen sogar gestatten, ihre Streit­ 
 kräfte aus eurem Reiche zu ergänzen. Und das wäre sehr un­ 
 recht. Entweder müßt ihr ihnen die Werbung bei euch ver­ 
 bieten oder auch uns irgendwie unter die Arme greifen, wo­ 
 möglich uns offen als Bundesgenossen annehmen und uns mit 
 eurer Flotte zu Hilfe kommen. Wie wir schon angedeutet, 
 bieten auch wir euch mancherlei Vorteile. Vor allem haben 
 wir beide dieselben Feinde, und das ist ja doch der beste Kitt 
 eines Bündnisses, und zwar Feinde, denen es nicht an Macht 
 fehlt, uns unseren Übergang zu euch entgelten zu lassen. Auch 
 sind wir keine Landmacht, sondern bringen euch eine Flotte mit, 
 und eS kann euch nicht gleichgültig sein, daß euch die entgeht, 
 wenn ihr das euch angebotene Bündnis von der Hand weist. 
 Womöglich solltet ihr überhaupt nicht leiden, daß jemand außer 
 euch eine Flotte hätte, wenn ihr das aber nicht hindern könnt, 
 wenigstens den, der die stärkste hat, auf eure Seite zu haben 
 suchen.

„Solltet ihr unsere Vorschläge zwar an sich für vorteil­ 
 haft halten, aber doch Bedenken tragen, darauf einzugehen, 
 weil darin ein Vertragsbruch liegen könnte, so können wir euch 
 versichern, daß diese Bedenken auf den Gegner erst recht Ein­ 
 druck machen werden, wenn die nötige Macht dahintersteht, 
 einen mächtigen Feind aber wenig rühren würden, wenn ihr 
 euch ohne sie lediglich darauf verlassen wolltet, uns die Tür 
 gewiesen zu haben. Auch handelt es sich jetzt keineswegs nur um 
 Kerkyra, sondern nicht minder um Athen; dem aber wäre schlecht 
 damit gedient, wäre man hier kurzsichtig genug, sich lange zu 
 besinnen, für den bevorstehenden, ja im Grunde schon auS­ 
 gebrochenen Krieg sich das Bündnis eines Landes zu sichern, 
 auf dessen Freundschaft oder Feindschaft so viel ankommt. 
 
 Kerkyra liegt besonders günstig für die Fahrt nach Italien 
 und Sizilien; es kann einer von dort kommenden Flotte den 
 Weg nach dem Peloponnes versperren und einer nach drüben 
 gehenden als Stützpunkt dienen und bietet auch sonst noch mancher­ 
 lei Vorteile. Kurzum, es kommt alles darauf hinaus, daß ihr 
 uns nicht im Stich lassen dürft. In Griechenland gibt eS nur 
 drei Flotten von Bedeutung, eure, unsere und die korinthische. / 
 Laßt ihr eS zur Vereinigung der beiden kommen und die Korinther 
 uns erst mal in den Sack stecken, so habt ihr es nachher mit 
 Kerkyräern und Peloponnesiern zugleich zu tun; geht ihr aber 
 mit uns ein Bündnis ein, so könnt ihr den Kampf durch unsere 
 Flotte verstärkt gegen sie aufnehmen."

So redeten die Kerkyräer, nach ihnen aber die Korinther 
 folgendermaßen: 
 „Da die Kerkyräer nicht nur über Aufnahme in euren Bund 
 geredet, sondern auch behauptet haben, daß sie unwürdig von 
 uns behandelt und widerrechtlich mit Krieg überzogen würden, 
 so müssen auch wir, bevor wir zur Sache kommen, zunächst 
 auf beides eingehen, damit ihr von vornherein wißt, was wir 
 wollen, und daß ihr guten Grund habt, ihre Bitte abzulehnen. 
 Sie sagen, aus weiser Selbstbeschränkung hätten sie sich bis­ 
 her mit niemand auf ein Bündnis eingelassen. Dem ist nicht 
 so; sie haben das nicht aus Rechtlichkeit, sondern in böser Ab­ 
 sicht getan. Sie wollten auf ihren schlechten Wegen keine 
 Bundesgenossen zu Zeugen bei sich haben, vor denen sie sich 
 hätten schämen müssen. Auch macht es die glückliche Insellage 
 ihrer Stadt ihnen um so eher möglich, wo sie anderen unrecht 
 tun, ihr eigener Richter zu sein, wenn sie durch keine Bundes- 
 verträge gebunden sind; denn sie selbst kommen selten in die 
 Lage, fremde Häfen aufzusuchen, während andere vielfach ge­ 
 zwungen sind, Kerkyra anzulaufen. Die ehrbare Neutralitäts­ 
 maske haben sie nicht angenommen, um sich nicht an fremdem 
 Unrecht beteiligen zu müssen, sondern um auf eigene Hand 
 Unfug treiben, andere, wo sie die Macht haben, vergewaltigen 
 oder, wo es niemand merkt, übervorteilen und bei jeder Gelegen­ 
 heit unverschämt zugreifen zu können. Wären sie wirklich die 
 
 Biedermänner, wie sie behaupten, so hätten sie als solche um 
 so eher ihr Licht leuchten und Recht Recht sein lassen sollen, 
 je weniger andere ihnen beikommen können.

„So aber haben sie sich weder gegen uns noch gegen 
 andere benommen. Obgleich unsere Kolonie, haben sie sich 
 völlig von uns getrennt und führen jetzt Krieg mit uns, indem 
 sie sagen, sie seien nicht dazu ausgesandt, um schlecht von uns 
 behandelt zu werden. Wir aber sagen, daß auch wir sie nicht 
 ausgesandt haben, um uns von ihnen mit Füßen treten zu 
 lassen, sondern um unseren Rang als Mutterstadt ihnen gegen­ 
 über zu behaupten und die uns gebührenden Ehren zu genießen. 
 Alle unsere anderen Kolonien geben uns diese Ehren, und 
 niemand hält lieber zu unS als unsere alten Landsleute. Wenn 
 aber die anderen alle mit uns zufrieden sind, so beweist das 
 eben, daß sie keinen Grund haben, allein mit uns unzufrieden 
 zu sein, und daß wir uns nur infolge ausgesuchter Beleidi­ 
 gungen zu diesem unnatürlichen Kriege gegen unsere eigene 
 Tochterstadt entschlossen haben. Ihnen hätte es Ehre gemacht, 
 selbst wenn wir gefehlt, unsere Empfindlichkeit zu schonen, uns 
 aber zur Schande gereicht, solcher Bescheidenheit gegenüber 
 dann doch Gewalt zu gebrauchen. In ihrem Übermut aber 
 und auf ihren Reichtum pochend, glauben sie sich alles gegen 
 uns erlauben zu können, und so haben sie jetzt auch Epidamnos, 
 das uns gehört und um das sie sich, solange es in Not war, 
 nie bekümmert hatten, als wir ihm zu Hilfe kamen, eingenommen 
 und sich gewaltsam angeeignet.

„Weiter sagen sie, sie seien bereit gewesen, sich einer schieds­ 
 richterlichen Entscheidung zu unterwerfen. Aber das hat ja 
 nichts zu bedeuten, wenn einer das erst vorschlägt, nachdem er 
 sein Schäfchen schon geschoren und nichts mehr davon zu be­ 
 fahren hat. Da muß man sich doch, ehe man zu den Waffen 
 greift, mit dem Gegner auf gleichen Fuß stellen. Sie aber 
 sind mit dem schönen Vorschlage eineS Schiedsgerichts erst 
 hervorgetreten, als sie die Stadt schon belagerten und über­ 
 zeugt waren, daß wir dem nicht ruhig zusehen würden. Und 
 nicht genug an dem dort begangenen Unrecht, jetzt kommen sie 
 
 auch hierher und möchten euch gern zu ihren Bundesgenossen, 
 sagen wir gleich, zu ihren Mitschuldigen machen und in ihrem 
 Streit mit uns von euch in Schutz genommen werden. Damals 
 hätten sie kommen sollen, als sie noch nichts zu fürchten hatten, 
 nicht erst jetzt, wo sie es mit uns verdorben haben und eS 
 ihnen an den Kragen geht. Damals in ihrer Macht habt ihr 
 von ihnen nichts gehabt, und jetzt in der Not sollt ihr ihnen 
 helfen. Damit aber würdet ihr euch uns gegenüber gleich ihnen 
 ins Unrecht setzen, auch wenn ihr an ihren Vergehungen keinen 
 Teil habt. Hätten sie sich seinerzeit mit euch eingelassen, so 
 würde ihnen das jetzt von selbst zugute kommen.

„Damit haben wir euch bewiesen, daß wir ein Recht 
 haben, uns über sie zu beschweren, sie dagegen Räuber und 
 Schelme sind. Nun müssen wir euch auch noch zeigen, daß 
 ihr nicht das Recht habt, sie zu Bundesgenossen anzunehmen. 
 Wenn es nämlich in dem Vertrage heißt, daß es den unein­ 
 geschriebenen Staaten freistehen solle, sich nach Belieben einem 
 der beiden Bündnisse anzuschließen, so ist das nicht so gemeint, 
 daß sie das auch dann dürfen, wenn es einem Dritten zum 
 Schaden gereicht, sondern es bezieht sich nur auf den Fall, 
 wo einer Schutz begehrt, ohne sich damit bestehenden Verpflich­ 
 tungen zu entziehen, und der um Schutz angegangene Staat, 
 falls er nur sonst vernünftig handelt, nicht zu besorgen hat, 
 dadurch aus dem Frieden zu fallen und in Krieg verwickelt 
 zu werden. Das aber habt ihr zu gewärtigen, wenn ihr nicht 
 auf uns hört; denn ihr würdet als ihre Beschützer auch unsere 
 Feinde werden, statt daß ihr jetzt Frieden mit uns habt. Denn 
 geht ihr mit ihnen, so sind wir selbstvertsändlich genötigt, euch 
 so gut wie sie zu bekämpfen. Wollt ihr korrekt handeln, so 
 müßt ihr neutral bleiben oder aber mit uns gemeinschaftliche 
 Sache gegen sie machen. Mit Korinth habt ihr doch wenigstens 
 Frieden, zwischen Kerkyra und euch dagegen hat niemals, auch 
 nur für kürzere Zeit, etwas Derartiges bestanden. Führt es nicht 
 ein, abgefallene fremde Orte in Schutz zu nehmen! Damals, 
 als die Samier von euch abgefallen und die Meinungen im 
 Peloponnes geteilt waren, ob man ihnen beistehen solle, haben 
 
 wir uns auch nicht gegen euch erklärt, sondern entschieden dafür 
 ausgesprochen, daß es keinem verwehrt sein dürfe, seine Bundes­ 
 genossen im Zaume zu halten. Nehmt ihr jetzt dieses Volk in 
 Schutz, das sich so ungebührlich gegen uns benimmt, so werdet 
 ihr erleben, daß eure Bundesgenossen erst recht zu uns über­ 
 gehen. Eure Neuerung würde also mehr zu eurem eigenen 
 als zu unserem Schaden gereichen.

„Das sind die Rechtsgründe, auf die wir uns berufen 
 können, und nach griechischen Begriffen ist eS damit genug. 
 Wir haben uns aber auch noch durch besondere Verdienste 
 Anspruch auf euren Dank erworben, die ihr uns - da wir 
 wenn auch nicht grade Busenfreunde, doch keine Todfeinde 
 sind - unserer Meinung nach jetzt vergelten müßt. Damals 
 nämlich, vor dem Perserkriege, als es euch im Kampfe mit 
 Älgina an Kriegsschiffen fehlte, habt ihr von Korinth zwanzig 
 Schiffe erhalten, und unsere wohlwollende Haltung bei jener 
 Gelegenheit wie dann später beim Abfall von Samos, das 
 auf unsere Veranlassung aus dem Peloponnes keine Hilfe er­ 
 hielt, hat es euch möglich gemacht, Agina zu besiegen und Samos 
 zu züchtigen. Und daS war unter Umständen, wo es einem im 
 Kampfe gegen den Feind auf nichts als den Sieg anzukommen 
 pflegt. Jeden, der uns beisteht, hält man alsdann für einen 
 Freund, wäre er bis dahin auch unser Feind gewesen, und 
 jeden, der uns in den Weg tritt, für einen Feind, sollte er 
 sonst auch unser Freund sein; hat man doch in der Kampfes­ 
 hitze kaum Zeit, an sich selbst zu deuten.

„Daran erinnert euch, und ihr Jüngeren laßt es euch von 
 den Alten sagen, um uns jetzt Gleiches mit Gleichem zu ver­ 
 gelten. Glaubt nicht, unsere Sache sei zwar gerecht, aber wenn 
 es zum Kriege käme, weise euer Vorteil euch doch andere Wege; 
 denn der rechte Weg ist schließlich doch immer der beste. Ob 
 es zum Kriege kommen wird, womit die Kerkyräer euch schrecken 
 und zum Unrecht verführen wollen, kann man noch nicht wissen. 
 Hütet euch also, darauf hineinzufallen, denn ihr würdet euch 
 damit unsere Feindschaft zuziehen, nicht etwa später mal, sondern 
 unzweifelhaft schon jetzt. Weit gescheiter wäre es, das alte 
 
 Mißtrauen wegen Megara endlich zu begraben. Schon eine 
 kleine Gefälligkeit zur rechten Zeit kann ja selbst eine starte 
 Spannung ausgleichen. Laßt euch auch nicht durch die Hoffnung 
 auf die große Flotte betören, zu der euch ein Bündnis mit 
 Kerkyra verhelfen würde. Besser, seinem Nächsten kein Unrecht 
 tun, als sich durch die Aussicht auf augenblickliche Vorteile zu 
 einem denn doch nicht ungefährlichen Haschen nach Macht­ 
 erweiterung verleiten zu lassen.

„Wir sind jetzt in die Lage gekommen, nach dem von uns 
 in Lakedämon vertretenen Grundsatze zu verfahren, daß es 
 niemand verwehrt sein dürfe, seine Bundesgenossen im Zaume 
 zu halten, und erwarten von euch, daß auch ihr uns in dieser 
 Beziehung keine Hindernisse in den Weg legt und, wie euch 
 damals unsere Abstimmung zugute gekommen ist, jetzt auch nichts 
 zu unserem Nachteil beschließen werdet. Vergeltet unS viel­ 
 mehr Gleiches mit Gleichem und bedenkt, daß eben jetzt wieder 
 solch ein Augenblick ist, wo jeder, der für uns, als Freund, 
 wer wider uns ist, als Feind gilt. Nehmt diese Kerkyräer 
 nicht uns zum Trotz als Bundesgenossen an und leistet ihren 
 Übergriffen keinen Vorschub. Dann handelt ihr nicht nur kor­ 
 rekt, sondern auch im eigenen, wohlverstandenen Interesse." 
 So die Korinther.

Die Athener hörten beide an und hielten zweimal eine 
 Volksversammlung. In der ersten war man überwiegend geneigt, 
 sich für Korinth zu entscheiden, in der zweiten aber schlug die 
 Stimmung um, und es wurde beschlossen, ein Bündnis mit 
 Kerkyra einzugehen, allerdings keines zu Schutz und Trug, weil 
 ein etwaiges Verlangen der Kerkyräer, die Athener sollten sich 
 mit ihrer Flotte an einem Angriff auf Korinth beteiligen, für 
 sie den Bruch ihres Vertrages mit den Peloponnesiern bedeutet 
 hätte, wohl aber ein Schutzbündnis, wonach man sich gegen­ 
 ; seitig für den Fall eines Angriffes auf Kerkyra oder Athen 
 f oder auch einen ihrer Bundesgenossen zu bewaffnetem Beistand 
 verpflichtete. Die Athener waren nämlich überzeugt, daß es 
 mit den Peloponnesiern sowieso zum Kriege kommen werde, 
 und wollten Kerkyra mit seiner starken Flotte den Korinthern 
 
 nicht in die Hände fallen, sondern beide sich untereinander 
 erst aufreiben lassen, um es für alle Fälle in einem Kriege 
 mit Korinth oder einer anderen Seemacht mit einem schon 
 geschwächten Gegner zu tun zu haben. Zither auch die für die 
 Fahrt nach Italien und Sizilien in der Tat besonders günstige ^ 
 Lage der Insel leuchtete ihnen ein.

So sahen die Athener die Sache an, als sie sich zum 
 Bündnis mit den Kerkyräern entschlossen. Auch schickten sie 
 ihnen gleich nach der Abreise der korinthischen Gesandten zehn 
 Schiffe zu Hilfe, über welche Lakedaimonios, Kimons Sohn, 
 Diotimos, Strombichos' Sohn, und Proteas, Epikles' Sohn, 
 den Oberbefehl führten. Diese waren jedoch angewiesen, sich 
 auf keine Schlacht mit den Korinthern einzulassen, es sei denn, 
 daß sie sich mit ihrer Flotte gegen Kerkyra oder eine seiner 
 Besitzungen wenden und dort eine Landung beabsichtigen würden; 
 das aber sollten sie nach Kräften zu verhindern suchen. Diese 
 Weisung hatte man ihnen erteilt, um einen Vertragsbruch zu 
 vermeiden. Die Schiffe kamen auch in Kerkyra an.

Die Korinther aber segelten nach Beendigung ihrer Rüstungen 
 mit hundertfunfzig Schiffen nach Kerkyra. Zehn davon waren 
 auS Elis, zwölf aus Megara, zehn auS Leukas, siebenundzwanzig 
 aus Amprakia, eins aus Anaktorion, aus Korinth selbst neunzig. 
 Die Schiffe der einzelnen Städte standen unter ihren besonderen 
 heimischen Befehlshabern, die Korinther aber befehligte Zteno­ 
 kleidos, Euthyklos' Sohn, felbfünfter. Als sie von Leukas her 
 daS Festland Kerkyra gegenüber erreicht hatten, gingen sie 
 bei Cheimerion im Lande der Thesproten vor Anker. Das ist 
 ein Hafenplatz, über dem etwas weiter landeinwärts die Stadt 
 Ephyra in der thesprotischen Elaiatis liegt. Nicht weit von 
 ihr mündet der Acherusische See ins Meer. In ihn ergießt 
 sich der durch Thesprotien fließende Acheron, von dem auch der 
 See seinen Namen hat. Dort in der Nähe fließt auch der 
 Thyamis, welcher die Grenze zwischen Thesprotien und Kestrine 
 bildet. Zwischen beiden Flüssen erhebt sich daS Vorgebirge 
 Cheimerion, wo die Korinther vor Anker gingen und ein Lager 
 bezogen.

Auf die Nachricht, daß ihre Flotte im Anzüge sei, be­ 
 mannten die Kerkyräer hundertzwölf Schiffe unter Meikiades, 
 Aiflmedes und Eurybates und stellten sich damit bei einer der 
 Inseln auf, welche den Namen Sybota führen, mit ihnen auch 
 die zehn attischen Schiffe. Ihr durch tausend Hopliten auS 
 Zakynthos verstärktes Landheer befand sich am Vorgebirge 
 Leukimme. Auch den Korinthern hatten sich auf dem Festlande 
 zahlreiche Barbaren angeschlossen, wie denn die Bewohner des 
 Festlandes dort von jeher ihre guten Freunde gewesen sind.

Nachdem die Korinther alles fertig gemacht und für drei 
 Tage Lebensmittel eingenommen hatten, stachen sie bei Nacht 
 von Cheimerion in See in der Absicht, eine Schlacht zu liefern. 
 Bei Tagesanbruch sichteten sie am Horizont die auf sie zu­ 
 fahrenden Schiffe der Kerkyräer. AlS beide sich in Sehweite 
 gekommen waren, stellten sie sich einander gegenüber in Schlacht­ 
 ordnung. Auf dem rechten Flügel der Kerkyräer standen die 
 attischen Schiffe, auf dem anderen ihre eigenen, die sie in 
 drei Geschwader geteilt hatten, deren jedes von einem der 
 drei Feldherren befehligt wurde. So die Aufstellung der Ker­ 
 kyräer. Auf seiten der Korinther bildeten die Schiffe von Me­ 
 igara und Amprakia den rechten Flügel, die Mitte die übrigen 
 Bundesgenossen alle nach der Reihe, den linken Flügel, den 
 Athenern und dem rechten Flügel der Kerkyräer gegenüber, 
 die Korinther selbst mit den besten Schiffen.

Nun wurde auf beiden Seiten das Zeichen zum Angriff 
 gegeben, und die Schlacht begann. Beide aber waren noch 
 l recht unzweckmäßig nach alter Weise gerüstet und hatten viele 
 Hopliten und eine Menge Wurf- und Bogenschützen auf dem 
 Verdeck. Man schlug sich auf beiden Flotten mit großer Tapfer­ 
 keit, aber die Geschicklichkeit stand nicht auf gleicher Höhe, und 
 die Schlacht glich eher einem Gefecht auf dem festen Lande, 
 denn wenn Schiffe aneinander gerieten, konnten sie im Gedränge 
 so leicht nicht wieder loskommen; auch rechnete man für den 
 Sieg hauptsächlich auf die Hopliten auf dem Verdeck, welche 
 hier, während sich die Schiffe nicht von der Stelle bewegten, 
 Mann gegen Mann fochten. Von einem Umfahren der feind­ 
 
 lichen Schiffe war keine Rede; man kämpfte eben weniger kunst- 
 gerecht als tapfer und mit Ungestüm. Überall aber herrschte 
 gewaltiger Lärm und wildes Schlachtgetümmel. Die athenischen 
 Schiffe beschränkten sich einstweilen darauf, wo die Kerkyräer 
 ins Gedränge gerieten, die Gegner durch ihre Anwesenheit zu 
 schrecken, vermieden es aber, selbständig in den Kampf einzu­ 
 greifen, weil die Befehlshaber dadurch die ihnen von Athen 
 mitgegebene Weisung zu übertreten fürchteten. Am meisten 
 litt der rechte Flügel der Korinther. Denn die Kerkyräer mit 
 zwanzig Schiffen schlugen ihn in die Flucht und verfolgten 
 ihre einzeln das Weite suchenden Gegner bis zum Festlande, 
 gelangten auch mit ihren Schiffen bis an das feindliche Lager, 
 wo sie landeten und die leerstehenden Zelte in Brand steckten 
 und plünderten. Hier also waren die Korinther und ihre 
 Bundesgenossen geschlagen und die Kerkyräer Sieger geblieben. 
 Auf dem linken Flügel dagegen, wo die Korinther selbst standen, 
 waren sie entschieden im Vorteil, da die Kerkyräer, schon an 
 sich in der Minderzahl, der Verfolgung wegen zwanzig von 
 ihren Schiffen nicht zur Stelle hatten. Als die Athener die 
 Kerkyräer ernstlich in Gefahr kommen sahen, trugen sie nicht 
 länger Bedenken, auch ihrerseits in die Gefechtslinie einzurücken. 
 Zunächst freilich vermieden sie es noch, mit dem Gegner hand­ 
 gemein zu werden; als dann aber die Kerkyräer offenbar ge­ 
 schlagen und von den Korinthern verfolgt wurden, gab es 
 keinen Halt mehr, aller Unterschied hörte auf, und in der Hitze 
 des Gefechts kamen nun auch die Athener und die Korinther 
 miteinander ins Handgemenge.

Nach ihrem Siege gaben sich die Korinther nicht lange 
 damit ab, die von ihnen leck gemachten feindlichen Schiffe in 
 Schlepptau zu nehmen, sondern fuhren an sie heran, um ihre 
 Wut an den darauf befindlichen Leuten auszulassen, die sie 
 bis auf den letzten Mann schonungslos niedermachten. Weil 
 sie aber nicht wußten, daß sie auf ihrem rechten Flügel selbst 
 - geschlagen waren, töteten sie hin und wieder unabsichtlich auch 
 ihre eigenen Freunde. Denn da die Zahl der Schiffe auf 
 beiden Seiten groß und die See weithin davon bedeckt war. 
 
 konnten sie im Gewirr nicht immer gleich unterscheiden, ob 
 einer zu den Siegern oder den Besiegten gehörte. In An­ 
 sehung der Zahl der Schiffe nämlich war dies die größte See­ 
 schlacht, in welcher bis dahin Griechen gegen Griechen ge­ 
 fochten hatten. 
 Nachdem die Korinther die Kerkyräer bis ans Land verfolgt 
 hatten, machten sie kehrt, um sich nach ihren schadhaft ge­ 
 wordenen Schiffen und ihren Toten umzusehen, die sie dann 
 auch größtenteils bergen konnten und nach Sybota, einem ab­ 
 gelegenen Hafenplatze in Thesprotien, brachten, wo sich das 
 ihnen zu Hilfe gekommene Barbarenheer befand. Als sie dies 
 besorgt und sich wieder gesammelt hatten, wandten sie sich mit 
 ihrer Flotte von neuem gegen die Kerkyräer. Diese aber fuhren 
 ihnen mit den noch feefähigen, namentlich ihren bei den Athe­ 
 nern gebliebenen frischen Schiffen aus Furcht, sie könnten bei 
 ihnen eine Landung versuchen, auch ihrerseits entgegen. Es war 
 schon spät, und sie hatten ihr Schlachtlied schon angestimmt, als 
 die Korinther plötzlich rückwärts ruderten, weil sie zwanzig athe­ 
 nische Schiffe kommen sahen, die man den zehn ersten aus Athen 
 nachgeschickt hatte, da man dort besorgte, was ja auch nicht 
 ausblieb, die Kerkyräer könnten geschlagen werden und die 
 zehn Schiffe zu ihrem Schutz zu wenig sein. Die Korinther 
 vermuteten nämlich, die Schiffe, die sie in der Ferne gesehen, 
 könnten von Athen kommen und ihrer wohl gar noch mehr sein, 
 als bereits in Sicht waren, und deshalb zogen sie sich zurück.

Die Kerkyräer aber, welche die Schiffe nicht gesehen 
 hatten, da diese in der Richtung, aus der sie kamen, noch außer­ 
 halb ihres Gesichtskreises waren, begriffen nicht, weshalb die 
 Korinther rückwärts ruderten, bis dann auch sie ihrer ansichtig 
 wurden und der Ruf „Segel in Sicht" erscholl. Darauf zogen 
 sie sich ebenfalls zurück; denn es wurde schon dunkel, und die 
 Korinther waren verschwunden. So kam es nicht zur Schlacht, 
 und die Nacht machte weiteren Feindseligkeiten ein Ende. Jene 
 zwanzig Schiffe unter Glaukon, Leagros' Sohn, und Ando­ 
 kides, Leogoras' Sohn, aber setzten ihren Weg durch Leichen 
 und Schiffstrümmer bis Leukimme fort, wo die Kerkyräer 
 
 stehen geblieben waren, und langten nicht lange, nachdem sie 
 in Sicht gekommen, dort an. Die Kerkyräer fürchteten anfangs, 
 denn es war Nacht, es könnten Feinde sein, sahen jedoch bald 
 ihren Irrtum ein, worauf die Athener vor Anker gingen.

Am folgenden Tage lichteten die dreißig attischen Schiffe 
 und die noch seefähigen Schiffe der Kerkyräer die Anker und 
 fuhren auf den Hafen Sybota zu, wo die Korinther lagen, 
 um sich zu überzeugen, ob sie eine Schlacht annehmen würden. 
 Auch die Korinther gingen in See und stellten sich draußen 
 in Schlachtordnung. Indessen rührten sie sich nicht und machten 
 keine Miene, den Kampf zu beginnen, da sie die von Athen 
 gekommenen frischen Schiffe sich gegenüber sahen und sich auch 
 sonst in mancher Hinsicht in mißlicher Lage befanden; hatten 
 sie doch die Gefangenen an Bord, die sie bewachen mußten, 
 und in jener abgelegenen Gegend keine Möglichkeit, ihre Schiffe 
 wieder auszubessern. Ihnen war es eigentlich nur darum zu 
 tun, glücklich wieder nach Hause zu gelangen; denn sie fürch­ 
 teten, nachdem es zur Schlacht gekommen, würden die Athener 
 den Frieden für gebrochen halten und ihnen den Rückweg ver­ 
 legen.

Sie beschlossen also, ihnen zunächst mal auf den Zahn zu 
 fühlen, setzten ein paar Leute in ein Boot und schickten sie, 
 ohne Heroldsstab, an sie ab mit dem Auftrage, ihnen folgendes 
 zu sagen: „Das ist unrecht von euch, Athener; ihr fangt 
 Krieg an und brecht den Frieden. Wir wollen unsere Feinde 
 züchtigen, und ihr tretet uns dabei mit Waffengewalt in den 
 Weg. Wollt ihr wirklich den Frieden brechen und uns hindern, 
 nach Kerkyra oder nach Belieben sonst wohin zu fahren, so 
 greift uns nur hier gleich an und behandelt uns als Feinde." 
 Die Leute richteten denn auch ihren Auftrag aus. Die Kerkyräer 
 auf der Flotte aber, die das mit angehört, schrien gleich, man 
 sollte sie greifen und totschlagen. Die Athener aber erwiderten 
 ihnen: „Wir fangen keinen Krieg an, Peloponnesier, und 
 wollen den Frieden nicht brechen. Wir kommen nur den Ker­ 
 kyräer«, unseren Bundesgenossen, zu Hilfe. Wollt ihr also 
 sonst wohin fahren, so haben wir nichts dagegen. Einen An­ 
 
 griff auf Kerkyra aber oder eine seiner Besitzungen werden 
 wir nach Kräften zu verhindern wissen."

Nach dieser Antwort bereiteten sich die Korinther zur 
 Rückreise und errichteten bei Sybota auf dem Festlande ein 
 Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber bargen ihre Leichen und 
 Schiffstrümmer, womit die Strömung und der Wind, der sich 
 über Nacht aufgemacht, den Strand weit und breit übersäet 
 hatte, und errichteten dann auf der Insel Sybota ebenfalls 
 ein Siegeszeichen, weil auch sie sich den Sieg zuschrieben. Daß 
 sich aber beide den Sieg zuschrieben, erklärte sich so: Die 
 Korinther waren in der Schlacht bis zum Eintritt der Nacht 
 Sieger gewesen, sie hatten ihre schadhaft gewordenen Schiffe 
 und ihre Toten größtenteils geborgen, über tausend Gefangene 
 gemacht und gegen siebzig Schiffe außer Gefecht gesetzt. Des­ 
 halb errichteten sie ein Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber 
 taten es, weil sie ungefähr dreißig Schiffe vernichtet und nach 
 Ankunft der Athener ihre Leichen und Schiffstrümmer geborgen, 
 die Korinther aber tags vorher ihnen gegenüber beim Anblick 
 der attischen Schiffe rückwärts gerudert und den Rückzug an­ 
 getreten, auch sich von Sybota nach Ankunft der Athener nicht 
 wieder gegen sie vorgewagt hatten. So glaubten beide gesiegt 
 zu haben.

Auf dem Heimwege bemächtigten sich die Korinther durch 
 List der von Korinth und Kerkyra gemeinsam gegründeten Stadt 
 Anaktorion am Ausgange des Amprakischen Meerbusens, be­ 
 setzten sie mit korinthischen Kolonisten und fuhren darauf nach 
 Hause. Von den gefangenen Kerkyräern verkauften sie acht­ 
 hundert, was Sklaven waren, zweihundertfunfzig dagegen be­ 
 hielten sie in Gefangenschaft und behandelten sie gut, damit 
 sie nach der Rückkehr in Kerkyra für sie wirken möchten; denn 
 zufällig gehörten sie alle zu den angesehensten Einwohnern 
 der Stadt. So hatte Kerkyra den Krieg mit Korinth glücklich 
 bestanden, und die athenischen Schiffe fuhren wieder nach Hause. 
 Das aber wurde die erste Veranlassung zum Kriege der Ko­ 
 rinther mit den Athenern, daß diese im Frieden mit ihren 
 Schiffen auf seiten der Kerkyräer gegen sie gefochten hatten.

Unmittelbar nachher wurde noch ein anderes Ereignis 
 ein weiterer Anlaß zum Kriege zwischen den Athenern und den 
 Peloponnesiern. Die Korinther brannten darauf, sich an Athen 
 zu rächen, und den Athenern waren ihre feindlichen Absichten 
 kein Geheimnis geblieben. Sie befahlen deshalb der korin­ 
 thischen Kolonie Potidäa auf der Landenge von Pallene, einer 
 der steuerpflichtigen Städte ihres Bundes, ihre Mauer auf der 
 Seite nach Pallene abzubrechen, Geiseln zu stellen und die 
 Epidemiurgen, von Korinth alljährlich dorthin geschickte Be­ 
 amte, auszuweisen und auch künftig nicht mehr aufzunehmen. 
 Sie fürchteten nämlich, Potidäa könnte sich von Perdikkas 
 und Korinth zum Abfall verleiten lassen und ihnen auch ihre 
 übrigen thrakischen Bundesstädte abtrünnig machen.

Es war gleich nach der Seeschlacht bei Kerkyra, als sich 
 die Athener zu diesem Schritt gegen Potidäa entschlossen; 
 denn schon damals waren die Korinther ihre ausgesprochenen 
 Feinde, und auch ihr bisheriger Freund und Bundesgenosse, 
 König Perdikkas von Makedonien, der Sohn Alexanders, hatte 
 sich mit ihnen überworfet, weil sie mit seinem Bruder Philipp 
 und mit Derdas, seinen gemeinsamen Gegnern, ein Bündnis 
 geschlossen hatten. In seiner Besorgnis knüpfte Perdikkas 
 überall Verhandlungen an, schickte Gesandte nach Lakedämon, 
 um im Peloponnes gegen Athen zu schüren, brachte die Ko­ 
 rinther, denen es um den Abfall von Potidäa zu tun war, 
 auf seine Seite und suchte auch die Chalkidier und Bottiaier 
 im thrakischen Küstenlande zum Abfall zu bewegen, in der 
 Hoffnung, im Bunde mit diesen seinen Nachbarn den Krieg 
 leichter bestehen zu können. Die Athener aber, die dahinter­ 
 gekommen waren, wollten dem Abfall der Städte vorbeugen, 
 und da grade dreißig Schiffe und tausend Hopliten unter 
 Archestratos, Lykomedes' Sohn, und zehn anderen nach Make- . 
 donien abgehen sollten, wiesen sie die Befehlshaber der Schiffe 
 an, sich in Potidäa Geiseln geben und die Mauer abbrechen 
 zu lassen, auch auf die anderen Städte dort ein wachsames 
 Auge zu haben, um deren Abfall zu verhüten.

Die Potidäer aber schickten Gesandte an die Athener, 
 
 um sie womöglich zu bewegen, von den neuerdings gegen sie 
 beschlossenen Maßregeln Abstand zu nehmen; indessen wandten 
 sie sich in Verbindung mit Korinth auch nach Lakedämon, um 
 sich dort für alle Fälle nach Beistand umzusehet. Da sie in 
 Athen auch nach längeren Verhandlungen nichts erreichten 
 und die nach Makedonien gehenden Schiffe nun doch zugleich 
 auch gegen sie bestimmt wurden, die lakedämonische Regierung 
 aber ihnen für den Fall eines Angriffs der Athener auf Poti­ 
 däa einen Einfall nach Attika in Aussicht stellte, hielten sie 
 es jetzt für an der Zeit, mit den Chalkidiern und Bottiaiern, 
 die sich zu dem Ende mit ihnen verbunden hatten, von Athen 
 abzufallen. Perdikkas aber überredete die Chalkidier, ihre 
 Städte an der See aufzugeben und zu zerstören und sich weiter 
 landeinwärts in Olynth anzusiedeln nnd nur dies zu einer 
 festen Stadt zu machen. Auch räumte er den abziehenden 
 Einwohnern für die Dauer des Krieges mit den Athenern ein 
 Stück der ihm gehörenden Landschaft Mygdonia am See Bolbe 
 zur Benutzung ein. Diese zerstörten auch ihre Städte, siedelten 
 sich weiter landeinwärts an und rüsteten zum Kriege.

Inzwischen langten die dreißig athenischen Schiffe an der 
 thrakischen Küste an und fanden Potidäa und die anderen 
 Orte bereits abgefallen. Die Feldherren hielten es aber nicht 
 für möglich, mit den vorhandenen Kräften den Krieg zugleich 
 gegen Perdikkas und die abgefallenen Orte zu führen. Sie 
 wandten sich deshalb nach Makedonien, wo sie landeten und 
 in Gemeinschaft mit Philipp und Derdas'Brüdern, die mit ihren 
 Scharen aus dem Inneren nach Makedonien eingefallen waren, 
 die Feindseligkeiten eröffneten.

Jetzt aber, wo Potidäa abgefallen und die athenische 
 Flotte in den makedonishcen Gewässern erschienen war, wurden 
 die Korinther um die Stadt denn doch besorgt, und da sie 
 darin auch eine Gefahr für sich selbst erblickten, schickten auch 
 sie Truppen dahin, teils korinthische Freiwillige, teils Ge­ 
 worbene aus den übrigen peloponnesischen Staaten, im ganzen 
 sechzehnhundert Hopliten und vierhundert Leichtbewaffnete. 
 Den Oberbefehl führte Aristeus, Adeimantos' Sohn, und be­ 
 
 sonders ihm zuliebe, der von jeher ein guter Freund der Poti­ 
 däer gewesen, hatten die meisten Freiwilligen aus Korinth 
 sich gemeldet. Vierzig Tage nach dem Abfall von Potidäa 
 kamen sie an der thrakischen Küste an.

Aber auch die Athener erhielten alsbald Nachricht vom 
 Abfall der Städte, und als sie dann weiter hörten, daß Aristeus 
 mit Truppen zu ihnen gestoßen sei, schickten sie vierzig Schiffe 
 mit zweitausend athenischen Hopliten an Bord gegen die Auf­ 
 ständischen ab, worüber Kallias, Kalliades' Sohn, selbfünfter " 
 den Oberbefehl führte. Bei ihrer Ankunft in Makedonien 
 trafen sie die ersten Tausend, welche Therme soeben erobert 
 hatten und jetzt Pydna belagerten. Nun beteiligten auch sie 
 sich an der Belagerung von Pydna, mußten sich aber bald zu 
 einem Vergleich und Bündnis mit Perdikkas verstehen, weit 
 Potidäa, wo Aristeus inzwischen angekommen war, ihnen auf 
 den Nägeln brannte. Infolgedessen zogen sie aus Makedonien 
 ab, kamen bis Beroia und von da bis Strepsa, von wo sie 
 nach einem vergeblichen Versuch, sich der Stadt zu bemächtigen, 
 zu Lande den Weg nach Potidäa fortsetzten, insgesamt drei­ 
 tausend athenische Hopliten mit zahlreichen Bundesgenossen 
 und sechshundert makedonische Reiter unter Philipp und Pausa­ 
 nias. Die Flotte fuhr ihnen, sechzig Segel stark, längs der 
 Küste zur Seite. Auch gelangten sie in drei kurzen Tagemärschen 
 nach Gigonos, wo sie ein Lager aufschlugen.

Die Potidäer aber und die Peloponnesier unter Aristeus 
 bezogen vor der Stadt auf der Landenge auf der Seite nach 
 Olynth ebenfalls ein Lager und richteten dort einen Markt 
 ein, um die Athener zu erwarten. Die Verbündeten hatten ihr 
 gesamtes Fußvolk unter AristeuS' Befehl, die Reiterei aber 
 unter den Befehl des Perdikkas gestellt. Der hatte sich nämlich 
 von den Athenern gleich wieder getrennt und den Potidäern 
 angeschlossen, die Regierung aber an seiner Statt dem IolaoS 
 übertragen. Aristeus' Absicht war, mit den Truppen unter 
 seinem unmittelbaren Befehl den Angriff der Athener auf der 
 Landenge zu erwarten, während die Chalkidier und die übrigen 
 Bundesgenossen von jenseits der Landenge mit den zweihundert 
 
 Reitern deS Perdikkas in Olynth bleiben sollten, um den Athe­ 
 nern im Falle eines Angriffs auf seine Stellung in den Rücken 
 zu fallen und den Feind in die Mitte zu nehmen. KalliaS 
 aber, der Anführer der Athener, und seine Mitfeldherren 
 schickten ihrerseits wieder die makedonishcen Reiter zu ihrer 
 Deckung gegen einen etwaigen Angriff von daher gegen Olynth 
 vor und brachen dann selbst aus ihrem Lager gegen Potidäa 
 auf. Als sie an die Landenge kamen und den Feind hier zur 
 Annahme einer Schlacht bereit sahen, stellten sie sich ihm gegen­ 
 über in Schlachtordnung, und nach kurzer Zeit kam eS zum 
 Gefecht. Der Flügel des Aristeus mit den von ihm selbst 
 befehligten Korinthern und anderen Kerntruppen brachte die 
 ihm gegenüberstehenden Feinde zum Weichen und verfolgte 
 sie eine Strecke weit. Das übrige Heer der Potidäer und 
 Peloponnesier dagegen wurde von den Athenern geschlagen 
 und flüchtete in die Stadt.

Aristeus, der die Verfolgung aufgegeben hatte, als er sein 
 übriges Heer geschlagen sah, war anfangs zweifelhaft, wohin 
 er sich wenden sollte, um sich aus der Gefahr zu ziehen, ob 
 nach Olynth oder nach Potidäa, entschloß sich dann aber, 
 seine Truppen möglichst eng zusammenzuziehen und sich mit 
 ihnen im Sturmschritt nach Potidäa durchzuschlagen. Auch 
 gelang es ihm, vom Hasendamme her durchs Wasser um die 
 Stadt herumzukommen und, wenn auch beschossen und nur 
 mit Mühe und nicht ganz ohne Verluste, das meiste in Sicher­ 
 heit zu bringen. Die Truppen, welche von Olynth Potidäa, 
 das etwa sechzig Stadien von Olynth entfernt und von dort 
 sichtbar ist, zu Hilfe kommen sollten, setzten sich, als die Schlacht 
 begann und die Signale hochgingen, eine kurze Strecke weit 
 in Marsch, um in den Kampf einzugreifen, und um sie daran 
 zu hindern, ritten die makedonishcen Reiter gegen sie auf. 
 Als sich jedoch der Sieg so bald für die Athener entschied 
 und die Signale verschwanden, zogen sie sich in die Stadt, 
 die Makedonier aber auf die Athener zurück, so daß die Reiterei 
 von keiner Seite ins Gefecht kam. Nach der Schlacht errich­ 
 teten die Athener ein Siegeszeichen und gewährten den Poti­ 
 
 däern zur Bestattung ihrer Toten einen Waffenstillstand. Ge­ 
 blieben waren auf seiten der Potidäer und ihrer Bundes­ 
 genossen nicht ganz dreihundert, auf seiten der Athener hundert­ 
 funfzig Bürger, darunter auch Kallias, ihr Feldherr.

Die Athener führten der Stadtmauer gegenüber auf der Seite 
 nach der Landenge sogleich eine zweite Mauer auf und besetzten 
 sie. Auf der Seite nach Pallene dagegen hatten sie keine Mauer. 
 Denn sie fühlten sich nicht stark genug, um die Landenge be­ 
 setzt zu halten und gleichzeitig nach Pallene hinüberzugehen 
 und auch dort eine Mauer herzustellen, da sie im Fall einer 
 solchen Teilung ihrer Kräfte einen Überfall der Potidäer und 
 ihrer Verbündeten zu gewärtigen gehabt hätten. Als man 
 aber in Athen hörte, daß auf der Seite von Pallene noch 
 keine Mauer wäre, schickte man bald darauf sechzehn hundert 
 athenische Hopliten unter Phormion, Asopios' Sohn, von dort 
 noch nach. Der setzte sich nach seiner Ankunft auf Pallene 
 von Amphytis, das er zum Stützpunkt nahm, mit seinem Heere 
 in Bewegung und rückte, das Land beizu verwüstend, langsam 
 gegen Potidäa vor und führte, als sich ihm niemand zur Schlacht 
 stellte, auch auf der Seite von Pallene der Stadtmauer gegen­ 
 über eine Mauer auf. So wurde Potidäa nunmehr zu Lande 
 von beiden Seiten hart belagert, während es zugleich durch 
 die Flotte von der See abgeschnitten war.

Nachdem die Stadt auf diese Weise eingesperrt war, hatte 
 Aristeus keine Hoffnung auf Errettung, wenn nicht vom Pelo­ 
 ponnes oder sonst woher wider Erwarten noch Hilfe käme. 
 Er schlug deshalb vor, damit die Lebensmittel länger vorhielten, 
 sollten alle bis auf fünfhundert beim ersten günstigen Winde 
 die Stadt zu Schiffe verlassen, und erbot sich, selbst mit drin 
 zu bleiben. Damit fand er jedoch keinen Anklang. Um trotzdem 
 nichts zu versäumen und auch auswärts für die Stadt sein 
 möglichstes zu tun, setzte er sich selbst in ein Schiff und ge­ 
 langte damit unbemerkt durch die athenischen Posten. Während 
 seines Aufenthaltes in Chalkidike beteiligte er sich dort mehrfach 
 an kriegerischen Unternehmungen, insbesondere brachte er den 
 Sermyliern durch einen ihnen in der Nähe ihrer Stadt gelegten 
 
 Hinterhalt eine blutige Niederlage bei. Zugleich setzte er auch 
 im Peloponnes alle Hebel in Bewegung, um von dort Hilfe 
 zu erhalten. Unterdessen verheerte Phormion mit seinen sech­ 
 zehnhundert Hopliten Chalkidike und Bottike und eroberte dort 
 auch einige kleinere Plätze.

Dies aber wurde die zweite Veranlassung zum Kriege 
 zwischen den Athenern und den Peloponnesiern, weil die Ko­ 
 rinther den Athenern nicht vergeben konnten, daß sie ihre 
 Pflanzstadt Potidäa und die darin befindlichen Korinther und 
 Peloponnesier belagerten, die Athener aber sich dadurch gekränkt 
 fühlten, daß die Peloponnesier eine steuerpflichtige Stadt ihres 
 Bundes zum Abfall verleitet und mit den Potidäern offen gegen 
 sie gefochten hatten. Förmlich ausgebrochen aber war der 
 Krieg damit noch nicht, sondern das Schwert steckte einstweilen 
 noch in der Scheide, denn bis dahin hatten die Korinther 
 nur auf eigene Hand gehandelt.

Denen aber ließ die Belagerung von Potidäa keine Ruhe, 
 nicht nur weil ihre Landsleute sich in der Stadt befanden, 
 sondern auch weil sie sich selbst Sorge darüber machten. Sie 
 luden auch gleich zu einer Versammlung nach Lakedämon ein, 
 wo sie dann gegen die Athener, die Friedensbrecher, die sich 
 gegen den Peloponnes jede Gewalttat erlaubten, gewaltig ins 
 Zeug gingen. Auch die Ägineten, welche zwar aus Furcht 
 vor den Athenern die Versammlung nicht offen beschickt hatten, 
 hetzten dort unter der Hand um so eifriger zum Kriege, indem 
 sie sich darüber beschwerten, daß man die ihnen vertragsmäßig 
 gewährleistete Unabhängigkeit ihnen vorenthalte. Aber auch 
 die Lakedämonier luden ihre Bundesgenossen und alle, die sich 
 sonst über die Athener zu beshcweren hätten, zu einer ihrer 
 regelmäßigen Versammlungen ein und forderten sie auf, ihre 
 Beschwerden vorzubringen. Und da traten sie denn einer nach 
 dem anderen auf, um sich zu beschweren, insbesondere beklagten 
 sich die Megarer namentlich auch darüber, daß man ihnen 
 vertragswidig die Häfen innerhalb des athenischen Macht­ 
 bereichs und den attischen Markt verschlossen habe. Zuletzt 
 traten die Korinther auf, die damit gewartet hatten, um die 
 
 Lakedämonier durch die anderen erst scharf machen zu lassen, 
 und redeten also:

„Ehrlichkeit in Politik und Verkehr versteht sich bei euch 
 zu Lande so sehr von selbst, Lakedämonier, daß ihr immer un­ 
 gläubig seid, wenn wir anderen uns über jemand beshcweren. 
 Allerdings schützt euch das vor Übereilungen, ist aber doch 
 auch wieder schuld daran, daß ihr über auswärtige Verhält­ 
 nisse vielfach so schlecht unterrichtet seid. Wie oft haben wir 
 euch vorhergesagt, was die Athener gegen uns im Schilde 
 führten, aber niemals habt ihr es der Mühe wert gehalten, 
 die Richtigkeit unserer Behauptungen ernstlich zu prüfen, weil 
 ihr uns immer im Verdacht hattet, daß es nur kleinliche Sonder­ 
 interessen seien, deretwegen man solche Rede führe. Deshalb 
 habt ihr auch diesmal die Bundesgenossen nicht beizeiten zu­ 
 sammenberufen, sondern erst jetzt, wo es ihnen bereits an den 
 Kragen geht. Unter denen aber kommt es uns hier um so mehr 
 zu, das Wort zu nehmen, je mehr grade wir Ursache haben, 
 uns über den Übermut der Athener und über eure Gleichgültig­ 
 keit zu beklagen. Wenn die Athener ihren Unfug in Griechen­ 
 land im verborgenen getrieben hätten, dann müßte man frei­ 
 lich denken, daß euch nichts davon bekannt geworden sei, und 
 euch darüber belehren. Aber bedarf es jetzt noch langer Reden? 
 Seht ihr doch selbst, wie sie die einen schon unterjocht haben 
 und im Begriff sind, es mit anderen, und zwar grade unseren 
 Bundesgenossen, ebenso zu machen, und auch für den Fall 
 eines Krieges mit ihren Rüstungen längst fertig sind. Sonst 
 hätten sie uns ja Kerkyra nicht mit Waffengewalt nehmen und 
 Potidäa nicht belagern können, von denen dies für die Aus­ 
 nutzung deS thrakischen Küstenlandes so günstig liegt, jenes 
 aber den Peloponnesiern eine vortreffliche Flotte verschafft 
 haben würde.

„Und daran seid ihr schuld; denn ihr habt sie nach den 
 Perserkriegen erst ihre Stadt befestigen und dann die langen 
 Mauern bauen lassen und damit nicht nur ihre bisherigen 
 eigenen Untertanen, sondern jetzt auch eure Bundesgenossen 
 für immer der Freiheit beraubt. Nicht wer die Ketten schmiedet, 
 
 sondern wer das hindern kann und nicht hindert, ist der wirk­ 
 lich Schuldige, mag er sich auch noch soviel darauf zugute tun, 
 der Befreier Griechenlands zu heißen. Mit knapper Not sind 
 wir hier jetzt wenigstens zusammengekommen, wissen aber immer 
 noch nicht, wozu. Nicht darum handelt eS sich jetzt, erst lange 
 zu untersuchen, ob man uns wirklich auf die Füße tritt, sondern 
 darum, uns unserer Haut zu wehren. Denn unser Gegner 
 weiß, was er will, und wird sich nicht lange besinnen, unS zu 
 Leibe zu gehen. Wir kennen ja die Methode der Athener, 
 Schritt für Schritt gehen sie gegen die anderen vor. Solange 
 sie glauben, daß ihr mit eurem Fischblut kein Arg daraus habt, 
 lassen sie sich Zeit; merken sie aber erst, daß ihr Bescheid wißt 
 und sie doch gewähren laßt, so werden sie uns bald ganz 
 anders kommen. Unter allen Griechen seid ihr Lakedämonier 
 die einzigen, die sich dadurch in ihrer Ruhe nicht stören lassen. 
 Statt dem Feinde die Zähne zu zeigen, meint ihr, es sei schon 
 mit dem guten Willen genug, um ihn sich vom Leibe zu halten. 
 Nur ihr laßt den Feind erst seine Kräfte verdoppeln, statt 
 jeden Versuch dazu gleich im Keime zu ersticken. Es heißt 
 freilich, auf euch könne man sich verlassen. Aber eure Taten 
 sind nicht danach gewesen. Wir wissen noch, wie die Perser 
 damals ihr Heer von den Enden der Welt schneller nach dem 
 Peloponnes führten, als ihr eures glücklich auf die Beine 
 brachtet. Auch jetzt wieder macht ihr euch um die Athener 
 keine Sorgen, obgleich diese nicht wie die Perser hinten fern 
 in Asien, sondern hier vor euren Toren wohnen. Statt dem 
 Feinde zuerst zu Leibe zu gehen, meint ihr, euch auf die Ver­ 
 teidigung beschränken zu können, um es im Kampfe mit einem 
 so mächtigen Gegner schließlich auf gut Glück ankommen zu 
 lassen. Bekanntlich haben sich die Perser ihre Niederlagen 
 meist durch eigene Schuld zugezogen, und auch wir haben unsere 
 gelegentlichen Erfolge den Athenern gegenüber ihren Fehlern, 
 nicht etwa eurer Hilfe zu verdanken gehabt. Schon manchem, 
 der sich nicht selbst vorgesehen, weil er sich auf euch verließ, 
 ist das zum Verderben geworden. Glaubt nicht, daß wir das 
 hier aus Feindschaft gegen euch sagen. O nein; es ist uns 
 
 nur um die Wahrheit zu tun. Mit dem Feinde, der uns be­ 
 leidigt, geht man ins Gericht; einem Freunde, der sich nur auf 
 falschem Wege befindet, sagt man die Wahrheit.

„Jedenfalls halten wir uns so gut wie jeder andere für 
 berechtigt, den Leuten offen zu sagen, was wir an ihnen aus­ 
 zusetzen haben, zumal in einer so kritischen Lage, wo Interessen 
 auf dem Spiel stehen, von deren Bedeutung ihr anscheinend 
 keine Ahnung habt. Wahrscheinlich habt ihr noch nie daran 
 gedacht, mit wem ihr es zu tun habt und wie sehr die Athener 
 euch in vieler Beziehung überlegen sind. Bei ihnen macht man 
 sich jede Erfindung gleich zunutze, hat immer neue Ideen und 
 weiß sie sofort praktisch zu verwerten. Ihr dagegen hängt 
 immer am Alten, habt überhaupt keine Ideen, und selbst das 
 Notwendigste unterbleibt. Und weiter: Bei ihnen gilt nichts 
 für unmöglich, sie wagen das Unglaubliche und lassen auch im 
 Unglück den Kopf nicht hängen. Ihr dagegen meint immer, 
 alles gehe über eure Kräfte; ist die Gelegenheit noch so günstig, 
 habt ihr Bedenken, und wenn euch mal was fehlschlägt, gebt 
 ihr gleich alles verloren. Sie die Tätigkeit selbst, hier alles 
 Schlendrian; sie beständig unterwegs, ihr bleibt zu Hause; sie 
 überzeugt, daß jede auswärtige Unternehmung sich bezahlt macht, 
 ihr in ewiger Furcht, dabei wohl gar vom Kapital zuzusetzen. 
 Einen Sieg wissen sie wohl auszunutzen und auch nach einer 
 Niederlage dem Feinde immer noch an der Klinge zu bleiben. 
 Für ihre Stadt lassen sie ihr Leben, als ob nichts daran ge­ 
 legen wäre, und nur in der Hingebung an daS Vaterland er­ 
 blicken sie ihr wahres Selbst. Jeden mißglückten Plan be­ 
 trachten sie als ein persönlich zugefügtes Unrecht und jede ge­ 
 lungene Unternehmung nur als den ersten Schritt zu neuen, 
 größeren Erfolgen. Schlägt ihnen ein Unternehmen fehl, so 
 haben sie gleich einen neuen Plan bei der Hand und hoffen 
 damit das Loch wieder zu verstopfen. Nur bei ihnen ist, wo 
 es was zu erreichen gilt. Hoffen und Haben schon dasselbe, 
 weil bei ihnen daS Vollbringen dem Wollen auf dem Fuße 
 folgt. So arbeiten sie sich unter Mühen und Gefahren Tag 
 für Tag ab, ohne ihres Besitzes wirklich froh zu werden, weil 
 
 sie immer noch mehr haben wollen. Außer der Erfüllung ihrer 
 Pflicht kennen sie kein Vergnügen, und müheloses Nichtstun 
 ist ihnen mehr zuwider alS angestrengte Arbeit. So könnte 
 man nicht unzutreffend mit einem Worte sagen, sie seien dazu 
 geschaffen, nie zur Ruhe zu kommen und andere nicht in Ruhe 
 zu lassen.

„Solcher Stadt gegenüber, Lakedämonier, verzichtet ihr 
 auf jede aktive Politik und wollt nicht glauben, daß man 
 niemand lieber in Ruhe läßt als einen schlagfertigen Gegner, 
 der selbst niemand zu nahe tritt, aber zeigt, daß er gegebenen­ 
 falls den Krieg nicht fürchten wird. Ihr möchtet selbst niemand 
 angreifen, aber einen feindlichen Angriff ohne Schaden bestehen 
 können und dabei beidem zugleich gerecht werden. Aber daS 
 wird euch schwerlich gelingen, selbst wenn eure Herren Nachbarn 
 ebenso dächten. Augenblicklich sind, wie schon gesagt, eure Ein­ 
 richtungen ihnen gegenüber völlig veraltet. Wie in technischen 
 Betrieben, so läuft man mit den neuesten Erfindungen anderen 
 eben überall den Rang ab. In Zeiten politischen Stillebens 
 hat es ja viel für sich, an den bestehenden Einrichtungen nicht 
 zu rütteln; sieht man sich aber dann mit einmal vor eine Fülle 
 neuer Aufgaben gestellt, so wird es unvermeidlich, hie und da 
 die bessernde Hand anzulegen. Darum ist es auch bei den 
 rührigen Athenern weit mehr zu Neuerungen gekommen als 
 bei euch. Laßt es also endlich mal mit eurem Zuwarten genug 
 sein und kommt euren Freunden, namentlich, wie ihr es ver­ 
 sprochen habt, Potidäa zu Hilfe. Fallt unverzüglich nach Attika 
 ein, um nicht eure Freunde und Stammesgenossen ihren ärgsten 
 Feinden preiszugeben und uns alle zu nötigen, uns aus Ver­ 
 zweiflung nach neuen Bundesgenossen umzusehen. Weder in 
 den Augen der Götter unseres Bundes noch nach dem Urteil 
 einsichtiger Menschen würden wir damit ein Unrecht tun. Denn 
 nicht wer sich in der Not nach neuer Hilfe umsieht, sondern 
 wer seinen Bundesgenossen in der Not im Stich läßt, ist der 
 Bundbrüchige. Wollt ihr uns helfen, so bleiben wir; denn 
 dann wäre es gegen unser Gewissen, die Farbe zu wechseln, 
 würden wir doch auch niemand finden, mit dem wir lieber 
 
 gingen als mit euch. Das also überlegt euch und hütet euch, 
 den Peloponnes unter eurer Herrschaft schwächer werden zu 
 lassen, als ihr ihn von euren Vätern überkommen habt."

So die Korinther. Zufällig waren damals schon vorher 
 auch aus Athen in einer anderen Angelegenheit Gesandte nach 
 Lakedämon gekommen. Als sie von diesen Reden hörten, glaubten 
 sie auch vor den Lakedämoniern auftreten zu müssen, nicht um 
 sich vor ihnen gegen die Klagen der Städte zu verteidigen, 
 sondern um ihnen zu empfehlen, keinen übereilten Beschluß zu 
 fassen, und sich die Sache erst reiflich zu überlegen. Zugleich 
 wollten sie ihnen einen Begriff von der Macht ihrer Stadt 
 beibringen und die Alteren an die Dinge erinnern, die sie selbst 
 mit durchgemacht, den Jüngeren aber, die sie noch nicht mit­ 
 erlebt, davon erzählen, um ihnen dadurch die Kriegslust zu be­ 
 nehmen. Sie wandten sich also an die Lakedämonier und er­ 
 klärten, sofern dem nicht etwa Bedenken entgegenstünden, 
 wünschten auch sie in der Volksversammlung ein Wort zu sagen. 
 Nachdem man ihnen das freigestellt, traten sie denn auch auf 
 und redeten also:

„Wir sind allerdings nicht gesandt, um mit euren Bundes­ 
 genossen zu streiten, sondern um die uns von unserer Stadt 
 aufgetragenen Geschäfte zu erledigen; da wir jedoch von schweren 
 Vorwürfen hören, die hier gegen uns erhoben werden, so treten 
 auch wir hier auf, nicht um uns gegen die Beschuldigungen 
 der Städte zu verteidigen - wärt ihr ja auch nicht die Richter, 
 um zwischen uns und ihnen zu entscheiden -, sondern damit 
 ihr euch in dieser ernsten Sache nicht etwa in blindem Ver­ 
 trauen auf die Behauptungen eurer Bundesgenossen zu törichten 
 Beschlüssen verleiten laßt; zugleich wollen wir alle den Schwätzern, 
 die uns hier was am Zeuge flicken wollen, das Maul stopfen 
 und euch beweisen, daß wir alle unsere Besitzungen redlich er­ 
 worben haben und daß mit unserer Stadt denn doch nicht zu 
 spaßen ist. Wozu von alten Zeiten reden, von denen man hier 
 höchstens noch von Hörensagen, aber nicht mehr aus eigener 
 Anschauung weiß. Dagegen können wir nicht umhin, von den 
 Perserkriegen zu reden, die ihr selbst noch miterlebt habt, 
 
 wenn ihr es auch wohl nachgrabe überdrüssig seid, sie euch 
 immer wieder vorrücken zu lassen; denn damals haben wir unsere 
 Haut fürs gemeine Beste zu Markte getragen, und da auch 
 euch das mit zugute gekommen ist, werdet ihr uns schon ge­ 
 statten müssen, darauf jetzt, soweit es im Interesse der Sache 
 liegt, mit einigen Worten zurückzukommen. Es geschieht das 
 nicht, um uns weiß zu waschen, sondern um euch einen Be­ 
 griff davon zu geben, mit wem ihr es zu tun haben werdet, 
 wenn ihr einen unüberlegten Beschluß faßt. Wir rühmen uns, 
 bei Marathon allein gegen die Perser für Griechenland in die 
 Bresche getreten zu sein, und dann, als sie zum zweiten Male 
 kamen und wir uns ihrer zu Lande nicht erwehren konnten, 
 mit Weib und Kind die Schiffe bestiegen und in der Schlacht 
 bei Salamis mitgekämpft zu haben. Das allein aber hinderte 
 sie, mit ihrer Flotte nach dem Peloponnes zu fahren und dort 
 eine Stadt nach der anderen zu verwüsten. Denn bei der 
 Größe ihrer Flotte wärt ihr alle miteinander nicht imstande 
 gewesen, euch gegen sie zu wehren. Der beste Beweis ist der 
 Perserkönig selbst, der sich nach der Niederlage seiner Flotte 
 uns nicht mehr für gewachsen hielt und mit dem größten Teile 
 seines Heeres schleunigst den Rückzug antrat.

„Damals also ist daS Schicksal Griechenlands durch die 
 Flotte entschieden, und wir haben zum glücklichen Erfolge durch 
 drei Dinge das meiste beigetragen; wir hatten die meisten Schiffe, 
 den klügsten Feldherrn und die größte Opferwilligkeit. Denn 
 beinah zwei Drittel von den vierhundert Schiffen gehörten uns, 
 und unser Feldherr war Themistokles, der es hauptsächlich 
 fertigbrachte, daß es in der Meerenge zur Schlacht kam, waS 
 dann den glücklichen Erfolg herbeiführte. Habt ihr ihn doch 
 selbst hier bei seinem Besuch, wie niemals sonst einen fremden 
 Gast, gefeiert. Endlich haben wir auch die größte Opferwillig­ 
 keit bewiesen. Da wir zu Lande keinen Beistand fanden und 
 alles bis zu uns sich dem Feinde unterworfen hatte, mußten 
 wir uns dazu verstehen, unsere Stadt zu verlassen und Hab 
 und Gut aufzugeben. Unsere Bundesgenossen im Stich lassen 
 wollten wir nicht, und da wir ihnen in der Zerstreuung nichts 
 
 nützen konnten, begaben wir uns aufs Geratewohl zu Schiff, 
 ohne euch nachzutragen, daß ihr uns nicht früh genug zu Hilfe 
 gekommen wart. Wir dürfen also dreist behaupten, daß wir 
 mehr für euch getan haben als ihr für uns. Solange uns 
 noch zu helfen war, hattet ihr euch nicht blicken lassen. Wir 
 dagegen hatten keine Stadt mehr, als wir uns aufmachten, 
 und kaum noch Hoffnung, dermaleinst eine wiederzuhaben, als 
 wir in den Kampf gingen, und trotzdem haben wir dann doch 
 auch zu eurer Rettung das Unsrige beigetragen. Wären wir 
 wie die anderen aus Furcht für unser Land auch zu den 
 Persern übergegangen, oder hätten wir uns später in unser 
 Schicksal ergeben und nicht gewagt, die Schiffe zu besteigen, 
 so konntet ihr mit euren paar Schiffen nur einpacken, und den 
 Persern wäre alles glatt nach Wunsche gegangen.

„Hätten wir mit unserer damaligen Opferwilligkeit und Klug­ 
 heit nicht verdient, Lakedämonier, der Herrschaft wegen, die wir 
 nun mal haben, in Griechenland nicht so scheel angesehen zu 
 werden? Wir haben sie doch nicht mit Gewalt erworben, sondern 
 weil ihr nicht mehr mitwolltet, als es galt, den Persern vollends 
 den Rest zu geben, kamen uns die Bundesgenossen freiwillig 
 mit der Bitte, den Oberbefehl zu übernehmen. Erst die Verhält­ 
 nisse selbst haben uns dann später genötigt, das daraus zu machen, 
 was inzwischen daraus geworden ist; hauptsächlich war es unsere 
 eigene Sicherheit, dann unsere Ehre und schließlich auch unser 
 Vorteil, waS unS dazu nötigte. Die meisten haßten uns, einige 
 waren schon abgefallen und erst mit Gewalt wieder unterworfen, 
 und auch eure Freundschaft zu unS war nicht mehr die alte, 
 sondern durch Mißtrauen und Verstimmung getrübt, so daß es 
 höchst bedenklich für uns gewesen wäre, locker zu lassen und 
 dadurch neue Gefahren heraufzubeshcwören; denn sie würden 
 alle zu euch übergegangen sein. Kann man es doch keinem 
 verdenken, wenn er angesichts solcher Gefahren auf seine Sicher­ 
 heit Bedacht nimmt.

„Ihr, Lakedämonier, führt euer Regiment ja auch so, daß 
 ihr den peloponnesischen Städten Verfassungen in eurem Sinne 
 aufzwingt. Hättet ihr damals den Oberbefehl bis zuletzt be­ 
 
 halten und dabei so viel Haß geerntet wie wir, so würdet ihr 
 die Bundesgenossen auch nicht mit Sammethandshcuhen an­ 
 gefaßt und, wolltet ihr nicht selbst zu Schaden kommen, nicht 
 umhin gekonnt haben, die Zügel scharf anzuziehen. Wir haben 
 also durchaus nichts Wunderbares oder gar Unerhörtes getan, 
 wenn wir eine uns angebotene Herrschaft angenommen und 
 sie dann auch behauptet haben, weil uns drei mächtige Trieb­ 
 federn, Ehre, Furcht und Vorteil, dazu drängten. Sind wir 
 doch nicht die ersten, die es so gemacht, vielmehr ist es in der 
 Welt von jeher so gewesen, daß sich der Schwächere dem 
 Stärkeren hat fügen müssen. Und nach unserer Meinung kam 
 uns das zu, und der Meinung seid ihr früher selbst gewesen, 
 bis ihr es neuerdings vorteilhaft fandet, den Rechtsstandpunkt 
 ins Feld zu führen; durch den aber hat sich noch niemand ab­ 
 halten lassen, unbedenklich zuzugreifen, wo sich ihm zur Aus­ 
 breitung seiner Macht Gelegenheit bot. Wenn aber ein Volk 
 trotz des dem Menschen nun mal angeborenen Bedürfnisses, 
 über andere zu herrschen, dann doch mit Gerechtigkeit regiert, 
 auch wo seine Macht ihm das Gegenteil gestatten würde, so 
 sollte man das anerkennen. Wie milde unsere Herrschaft ge­ 
 wesen ist, würde sich wahrscheinlich erst recht zeigen, wenn ein 
 anderer an unsere Stelle träte; aber statt das anzuerkennen, 
 macht man uns in seiner Verbissenheit selbst unsere Milde 
 zum Verbrechen.

„Eigentlich vergeben wir uns schon was damit, daß wir 
 unseren Bundesgenossen in den Austrägen und vor unseren 
 eigenen Gerichten völlige Rechtsgleichheit zugestehen, und trotz­ 
 dem jammern sie noch über das ewige Prozesiseren. Sie be­ 
 denken gar nicht, weshalb man anderen Staaten, die auch aus­ 
 wärtige Besitzungen haben und ein weit härteres Regiment 
 über ihre Untertanen führen als wir, solchen Vorwurf nicht 
 macht. Wer Gewalt brauchen kann, hat eben nicht nötig, die 
 Gerichte anzurufen. Sie kennen es aber nicht anders, als daß 
 sie von uns auf gleichem Fuße behandelt werden, und wenn 
 sie mal bei einer gerichtlichen Entscheidung oder einer Anord­ 
 nung der Regierung auch nur um ein Haarbreit schlechter weg­ 
 
 kommen, als sie es nach ihrer Meinung sollten, so danken sie 
 uns nicht etwa, daß sie es bei uns immer noch so gut haben, 
 sondern regen sich über eine solche Kleinigkeit mehr auf, als 
 wenn wir uns von vornherein um kein Gesetz bekümmert und 
 einfach vom Rechte des Stärkeren Gebrauch gemacht hätten. 
 Dann freilich würden sie schon eingesehen haben, daß der 
 Schwächere sich dem Stärkeren fügen muß. Aber, wie eS 
 scheint, können die Menschen ein ihnen vermeintlich angetanes 
 Unrecht schwerer ertragen als die drückendste Herrschaft; denn 
 dabei glaubt man sich durch seinesgleichen übervorteilt, hierin 
 dagegen erblickt man höhere Gewalt, die man eben über sich 
 ergehen lassen muß. Von den Persern haben sie sich ganz 
 andere Dinge ruhig gefallen lassen, unsere Herrschaft aber ist 
 ihnen lästig. Kein Wunder, das Joch auf dem Nacken drückt 
 am meisten. Solltet ihr uns wirklich besiegen und zur Herr­ 
 schaft gelangen, so würdet ihr die Liebe, die man euch jetzt auS 
 Furcht vor uns entgegenbringt, bald genug verlieren, wenigstens 
 wenn ihr es immer noch so machtet wie damals während der 
 kurzen Zeit eures Oberbefehls gegen die Perser. Bei euch zu­ 
 lande hat man eben andere Gewohnheiten als anderswo, und 
 obendrein richten sich eure Leute, einer wie der andere, sobald 
 sie außer Landes sind, darnach so wenig wie nach dem, was 
 sonst in Griechenland Landesbrauch ist.

„Faßt also keinen übereilten Beschluß; denn es handelt 
 sich um keine Kleinigkeit. Laßt euch nicht durch Wünsche und 
 Beklemmungen Dritter dazu drängen, euch für sie die Finger 
 zu verbrennen. Bedenkt auch wohl, bevor ihr den Degen zieht, 
 wie wenig man im voraus berechnen kann, was einem im 
 Kriege begegnen mag. Dauert er länger, so muß man immer 
 auf allerlei Wechselfälle gefaßt sein, von denen ihr so gut be­ 
 troffen werden könnt wie wir, und wer kann wissen, wie der 
 Hase läuft. Bei Beginn eines Krieges läßt man sich nur zu 
 leicht im ersten Augenblick zu Schritten hinreißen, für die es später 
 immer noch früh genug gewesen wäre, um dann erst hinterher 
 durch Schaden klug zu werden. Da es dazu ja bis jetzt bei 
 euch so wenig wie bei uns gekommen ist, können wir, solange 
 
 es für uns beide noch Zeit zu vernünftiger Überlegung ist, 
 euch nur dringend raten, den beschworenen Frieden nicht zu 
 brechen, sondern unseren Streit, wie es im Vertrage vorgesehen 
 ist, durch schiedsrihcterliche Entscheidung schlichten zu lassen. 
 Wollt ihr nicht, nun denn, so rufen wir die Götter, die über 
 den Eid wachen, zu Zeugen an, und wenn ihr Krieg anfangt, 
 werden wir eurem Beispiel folgen und uns mit den Waffen 
 in der Hand zu wehren wissen."

So die Athener. Nachdem die Lakedämonier sowohl die 
 Beschwerden der Bundesgenossen als die Rede der Athener 
 angehört hatten, ließen sie alle abtreten, um unter sich darüber 
 zu beraten, was nunmehr zu tun sei. Die Mehrheit entschied 
 sich übereinstimmend dafür, die Athener wären im Unrecht, und 
 man müsse ihnen auf der Stelle den Krieg erklären. Da aber 
 trat ihr König Archidamos auf, ein anerkannt kluger und be­ 
 sonnener Mann, und sagte:s

„Ich habe selbst schon Kriege mitgemacht, Lakedämonier, 
 und sehe auch unter euch hier manche, die schon alt und er­ 
 fahren genug sind, um sich nicht, wie wohl die große Mehr­ 
 heit hier, nach Krieg zu sehnen und ihn für ein Glück oder 
 für ein Kinderspiel zu halten. Daß der Krieg, über den ihr 
 jetzt verhandelt, ein gewaltiger werden wird, müßt ihr euch 
 bei ruhiger Überlegung selbst sagen. Unseren Nachbarn hier 
 im Peloponnes sind wir mit unserer Macht ja so ziemlich ge­ 
 wachsen und können ihnen nötigenfalls auch leicht ins Land 
 fallen. Aber mit Leuten in einem ferneren Lande, die zudem 
 seetüchtig und mit allem aufs beste versehen sind, - großem 
 Wohlstand, vollen Kassen, Schiffen, Pferden, Waffen, auch mit 
 Menschen mehr als irgend sonstwer in Griechenland, - und 
 überdies noch eine Menge steuerpflichtiger Bundesgenossen haben, 
 - was sollen wir mit denen so ohne weiteres Krieg anfangen, 
 und worauf können wir zählen, um darauf, unvorbereitet wie 
 wir sind, solche Eile zu haben? Auf unsere Flotte? Damit 
 sind sie uns überlegen, und eine brauchbare Flotte schafft man 
 sich nicht im Handumdrehen. Auf unser Geld? Daran fehlt 
 es uns erst recht. Unsere Kassen sind leer, und selbst den 
 
 Beutel zu ziehen, ist man bei uns auch nicht sonderlich ge­ 
 neigt.

„Vielleicht meint man, bei unserer Überlegenheit an schwerem 
 Fußvolk könnten wir unbedenklich einen Einfall nach Attika 
 wagen und ihr Land verwüsten. Aber sie haben auch anderswo 
 noch Land genug und können alle ihre Bedürfnisse über See 
 beziehen. Wollten wir dann etwa noch versuchen, ihre Bundes­ 
 genossen zum Abfall zu bewegen, so würden wir diesen, die ja 
 meist auf Inseln wohnen, auch mit der Flotte unter die Arme 
 greifen müssen. Was wird also aus dem Kriege werden? So­ 
 lange wir ihnen nicht zur See überlegen sind und Mittel und 
 Wege zur Unterhaltung ihrer Flotte abschneiden können, werden 
 wir ihnen gegenüber regelmäßig den kürzeren ziehen. Solchen- 
 falls aber würden wir schon Schimpfs halber die Hand zum 
 Frieden nicht bieten dürfen, zumal wenn es hieße, daß wir 
 es im Grunde doch gewesen, die den Streit angefangen. Denn 
 wir dürfen uns nicht einbilden, daß der Krieg bald zu Ende 
 sein würde, wenn wir ihnen ihr Land verwüsten. Im Gegen­ 
 teil, ich fürchte, wir werden ihn auch noch unseren Kindern 
 hinterlassen. So viel ist gewiß, die Athener sind viel zu stolz, 
 als daß sie ihrer Scholle zuliebe klein beigeben sollten, und 
 haben der Gefahr schon zu oft ins Auge gesehen, um sich durch 
 ein bißchen Krieg gleich ins Bockshorn jagen zu lassen.

„Nun ist es ja keineswegs meine Meinung, den Übergriffen 
 der Athener gegen unsere Bundesgenossen ruhig zuzusehen 
 oder ihnen nicht auf den Dienst zu passen, wo sie Böses im 
 Schilde führen; wohl aber halte ich es für besser, nicht gleich 
 zu den Waffen zu greifen, sondern zunächst mal Gesandte an 
 sie zu schicken, um mit ihnen zu verhandeln, ohne schon mit 
 dem Säbel zu rasseln, aber auch ohne den Schein zu erwecken, 
 daß man den Krieg unbedingt zu vermeiden wünsche. Unter­ 
 dessen müssen wir selbst rüsten und uns nach Bundesgenossen > 
 umsehen, seien es Griechen oder Barbaren, um womöglich 
 irgend-woher Hilfe an Schiffen oder an Geld zu erhalten. In 
 einer Lage wie der unserigen, wo es sich um einen Kampf auf 
 Leben und Tod mit den Athenern handelt, kann uns niemand 
 
 verdenken, wenn wir nicht nur Griechen, sondern auch Bar­ 
 baren zu Hilfe nehmen. Inzwischen können wir dann auch 
 unsere eigenen Rüstungen vollenden. Geben sie unseren Ge­ 
 sandten Gehör, um so besser! Wenn nicht, so können wir 
 immer noch zwei oder drei Jahre darüber hingehen lassen, um 
 alsdann, wenn es sein muß, besser gerüstet den Kampf mit 
 ihnen aufzunehmen. Wenn sie sich überzeugen, daß wir fertig 
 und bereit sind, jeden Augenblick loszuschlagen, und auch die 
 Reden hier alsdann denselben Geist atmen, werden sie vielleicht 
 schon eher geneigt sein, andere Saiten aufzuziehen, und sich 
 dazu entschließen, bevor ihr Land verwüstet wird und sie ihre 
 Habseligkeiten in Rauch aufgehen sehen. Immer aber würdet 
 ihr ihr Land nur als Pfand in Besitz nehmen dürfen, grade 
 weil es so gut angebaut ist; denn wenn wir es nicht möglichst 
 schonen und sie dadurch zur Verzweiflung bringen, werden wir 
 erst recht nicht mit ihnen fertig werden. Lassen wir uns jetzt 
 durch die Klagen der Bundesgenossen dazu drängen, nngerüstet 
 wie wir sind, ihr Land zu verwüsten, so sollt ihr mal sehen, 
 wie es uns erst im Peloponnes gehen würde. Beschwerden 
 einzelner Städte lassen sich noch beilegen; kommt es aber solcher 
 Sonderinteressen wegen zu einem allgemeinen Kriege, dessen 
 Ausgang nicht abzusehen ist, so wird man ihn mit Anstand 
 so leicht nicht wieder los.

„Hattet es nicht für Feigheit, wenn so viele eine einzelne 
 Stadt nicht gleich angreifen wollen; denn auch dort haben 
 sie Bundesgenossen, und zwar solche, die ihnen Steuern zahlen, 
 und dadurch Geld die Menge. Im Kriege aber kommt es 
 schließlich weniger auf die Waffen als darauf an, wer den 
 letzten Taler hat, zumal im Kriege einer Landmacht gegen eine 
 Seemacht. Sorgen wir also erst mal für Geld, statt uns von 
 unseren Bundesgenossen vorschnell zum Kriege überreden zu 
 lassen. Uns trifft denn doch ganz überwiegend die Verant­ 
 wortung für den Ausgang der Sache, und darum wollen wir 
 sie uns vorher in aller Ruhe überlegen.

„Den Vorwurf der Schwerfälligkeit und übermäßiger Be­ 
 dächtigkeit, den man uns immer macht, könnt ihr euch gern 
 
 gefallen lassen. Wolltet ihr die Sache jetzt hastig und unvor­ 
 bereitet angreifen, so würdet ihr damit nur um so später zu 
 Ende kommen. Wir sind immer ein freier und hochangesehener 
 Staat gewesen, und jene Schwerfälligkeit bedeutet in der Tat 
 nichts weiter als eine vorsichtige und besonnene Politik. Denn 
 ihr verdanken wir, daß nur wir im Glück nicht übermütig werden 
 und im Unglück nicht so leicht wie andere verzagen. Will man 
 uns durch Schmeichelei zu gefährlichen Unternehmungen ver­ 
 locken, so lassen wir uns nicht aus Eitelkeit gegen unsere 
 bessere Überzeugung fortreißen, und wenn man uns durch 
 spöttische Bemerkungen dazu reizen wollte, so würde uns das 
 ebensowenig rühren, und wir würden auch damit nicht zu 
 haben sein. Wir stehen unseren Mann im Kriege wie im 
 Rate, und das verdanken wir unserer strengen Mannszucht. 
 Jenes, weil Ehrgefühl mit guter Zucht, Ehrgefühl aber mit 
 Tapferkeit aufs engste zusammenhängt, dieses, weil man uns 
 nicht durch Überbildung dazu erzieht, die Gesetze zu verachten, 
 sondern uns durch strenge Zucht von Jugend auf daran ge­ 
 wöhnt, ihnen zu gehorchen. Wir verstehen uns nicht genug aufbrot­ 
 lose Künste, um erst in wohlgesetzten Reden über die verkehrten 
 Maßregeln des Feindes den Stab zu brechen und dann doch, 
 wenn es zum Klappen kommt, nicht draufzugehen. Wir halten 
 andere auch nicht für dümmer als uns und glauben nicht, 
 daß man sich den Verlauf der Dinge im voraus an den Fingern 
 abzählen könne. Bei unseren Vorbereitungen zum Kriege 
 müssen wir immer davon ausgehen, daß wir es mit einem 
 Gegner zu tun haben, der seine Sache versteht. Man darf 
 seine Rechnung nie auf die Fehler des Gegners machen, sondern 
 sich nur auf seine eigene Schlagfertigkeit verlassen. Glaubt 
 nur, die Menschen sind an sich nicht so sehr voneinander ver­ 
 schieden; die aber bringen es am weitesten, in denen man die 
 notwendigsten Fähigkeiten ausgebildet hat.

„Das sind die Grundsätze, die wir von unseren Vätern 
 überkommen und bisher auch selbst zu unserem Besten stets 
 befolgt haben, und ihnen laßt uns treu bleiben. Hüten wir 
 uns, hier in ein paar Stunden einen Beschluß zu fassen, an 
 
 dem das Leben so vieler Menschen, das Schicksal vieler Städte, 
 so viel Geld und Gut und schließlich auch unser guter Name 
 hängt, sondern laßt uns die Sache erst ruhig überlegen. Wir 
 können uns das bei unserer Macht ja eher als andere gestatten. 
 Schickt also zunächst mal Gesandte an die Athener, um mit 
 ihnen über Potidäa und die übrigen Beshcwerden der Bundes­ 
 genossen zu verhandeln. Sie sind ja bereit, sich einem Schieds­ 
 gerichte zu unterwerfen, und wer das ist, dem darf man nicht 
 ohne weiteres als Friedensbrecher den Krieg erklären. Zu gleicher 
 Zeit rüstet euch zum Kriege. Das ist der beste Beschluß, den 
 ihr fassen könnt, und er wird seinen Eindruck auf die Gegner 
 nicht verfehlen." 
 So Archidamos. Zuletzt trat Stenela'idas auf, der damals 
 Ephor war, und ließ sich unter den Lakedämoniern also ver­ 
 nehmen:

„Das lange Geschwätz der Athener verstehe ich nicht. Erst 
 eine lange Selbstberäucherung, dann aber nicht ein Wort, um 
 die ihnen schuldgegebenen Übergriffe gegen unsere peloponne­ 
 sischen Bundesgenossen auch nur in Abrede zu stellen. Wenn 
 sie sich damals gegen die Perser gut gemacht haben und sich 
 jetzt gegen uns so nichtswürdig benehmen, so sind sie doppelt 
 strafbar, weil sie aus ehrenhaften Leuten zu Halunken ge­ 
 worden sind. Wir sind noch dieselben, jetzt wie damals, und 
 müßten den Verstand verloren haben, wollten wir unsere 
 Bundesgenossen, denen es bereits an den Kragen geht, jetzt 
 im Stich lassen, statt ihnen sofort zu Hilfe zu kommen. Haben 
 andere Geld, Schiffe und Pferde die Menge, so haben wir 
 wackere Bundesgenossen, und die dürfen wir den Athenern 
 nicht ausliefern. Mit Schiedsgerichten aber und mit Worten 
 läßt sich das nicht abmachen. Wie man auch ihnen nicht 
 bloß mit Worten zu Leibe geht, sondern mit den Waffen in 
 der Hand, so müssen auch wir ihnen beistehen, und zwar 
 schleunigst und mit aller Macht. Laßt euch nicht weismachen, 
 daß es uns, den Beleidigten, zukäme, die Sache noch lange zu 
 überlegen; nein, grade der Störenfried hätte sie sich erst drei­ 
 mal überlegen sollen. Darum, Lakedämonier, beschließt, wie 
 
 eS Spartas würdig ist, den Krieg. Laßt die Athener nicht 
 noch mächtiger werden, und liefert ihnen unsere Bundes­ 
 genossen nicht aus, sondern mit den G.ötteru drauflos gegen 
 die Spitzbuben!"

Nach diesen Worten ließ er, da er selbst Ephor war, in 
 der Versammlung der Lakedämonier abstimmen. Nach der Ab­ 
 stimmung, die bei ihnen nicht durch Marten, sondern mündlich 
 erfolgt, aber sagte er, er sei zweifelhaft, wofür die Mehrheit 
 gewesen sei, und um sie um so auffälliger Farbe bekennen zu 
 lassen und dadurch erst recht zum Kriege zu Hetzen, fügte er 
 hinzu: „Wer dafür stimmt, Lakedämonier, daß ein Friedens- 
 bruch vorliegt und die Athener die Schuldigen sind, trete auf 
 jene Seite," - indem er mit dem Finger dahin zeigte, - „wer 
 dagegen stimmt, hier auf die andere." Hierauf standen sie 
 alle auf und traten nach beiden Seiten auseinander, und eS 
 ergab sich, daß die, welche den Frieden für gebrochen erklärten, 
 die große Mehrheit bildeten. Darnach ließ man die Bundes­ 
 genossen wieder vortreten und eröffnete ihnen, man habe sich 
 dafür entschieden, daß die Athener im Unrecht seien, wolle 
 aber auch sämtlichen Bundesgenossen Gelegenheit geben, dar­ 
 über ebenfalls abzustimmen, um den Krieg gegebenenfalls in 
 allseitigem Einverständnis führen zu können. Nachdem die 
 Sache abgemacht, reisten die Bundesgenossen wieder ab, und 
 darauf, nachdem sie das Geschäft, welches sie hergeführt, er­ 
 ledigt hatten, auch die athenischen Gesandten. Diese Ent­ 
 scheidung der Versammlung, wodurch der Friede für gebrochen 
 erklärt wurde, erfolgte im vierzehnten Jahre des dreißig-'' 
 jährigen Friedens, welcher nach dem Euböischen Kriege ge-j ^ 
 schlossen war.

Den Beschluß, daß der Friede gebrochen und der Krieg 
 unvermeidlich sei, faßten die Lakedämonier aber nicht sowohl 
 ihren Bundesgenossen zu Gefallen, als vielmehr aus Furcht 
 vor dem weiteren Anwachsen der Macht der Athener, die ja 
 schon damals weitaus den größten Teil aller Griechen ihrer 
 Herrschaft unterworfen hatten.

Daß aber die Athener mit der Zeit^zu solcher Macht ge­ 
 
 langt waren, hing so zusammen. Nachdem die Perser, zu 
 Wasser und zu Lande besiegt, aus Europa abgezogen und auch 
 die zu Schiff entkommenen Reste ihres Heeres bei Mykale ver­ 
 nichtet worden waren, ging Leotychides, der König der Lake­ 
 dämonier, der bei Mykale den Oberbefehl über die Griechen 
 geführt hatte, mit den Bundesgenoffen aus dem Peloponnes 
 wieder nach Hause. Die Athener aber und die inzwischen vom 
 Könige abgefallenen Bundesgenossen aus Jonien und vom 
 Hellespont hielten aus und belagerten Sestos, wo sich die 
 Perser noch behaupteten. Auch brachten sie, nachdem der Winter 
 darüber hingegangen und die persische Besatzung schließlich 
 abgezogen war, die Stadt in ihre Gewalt. Darauf kehrten 
 sie mit ihren Schiffen vom Hellespont alle in ihre Heimat 
 zurück. 
 Die athenische Regierung aber ließ, sobald der Feind das 
 Land geräumt hatte, Weiber und Kinder und was an fahren­ 
 der Habe noch vorhanden war, aus den Orten, wohin man 
 sie in Sicherheit gebracht hatte, wieder in die Stadt schaffen 
 und traf Anstalt, Stadt und Mauern wieder aufzubauen. Von 
 der Ringmauer nämlich war nur wenig stehen geblieben, und 
 auch die Häuser lagen meist in Trümmern bis auf einige 
 wenige, die den vornehmen Persern selbst als Wohnung ge­ 
 dient hatten.

Als die Lakedämonier davon hörten, schickten sie Gesandte 
 nach Athen, um die Sache zu hintertreiben; denn auch sie selbst 
 hätten es lieber gesehen, wenn es in Athen und an anderen 
 Orten keine Mauern gegeben hätte; hauptsächlich aber wurden 
 sie dazu gedrängt durch die Furcht ihrer Bundesgenossen vor 
 der neuerdings entstandenen Seemacht und der im Perserkriege 
 bewiesenen Tatkraft der Athener. Sie ersuchten sie deshalb, 
 ihre Stadt nicht zu befestigen und ihnen auch zur Beseitigung 
 der in anderen Städten außerhalb des Peloponnes vorhandenen 
 Mauern die Hand zu bieten. Ihre eigentliche Absicht aber und 
 ihre Hintergedanken ließen sie dabei nicht durchblicken. Wenn 
 die Perser mal wiederkämen, sagten sie, dürften sie keinen festen 
 Platz finden, auf den sie sich stützen könnten, wie diesmal auf 
 
 Theben, den Griechen aber werde der Peloponnes als Zufluchts­ 
 ort und als Stützpunkt für ihre Unternehmungen genügen. 
 Die Athener erwiderten ihnen auf Rat des Themistokles, sie 
 würden dieserhalb selbst eine Gesandtschaft an sie schicken, und 
 -ließen sie damit wieder abziehen. Nun aber riet Themistokles 
 weiter dazu, ihn selbst unverzüglich als Gesandten nach Lake­ 
 dämon abzufertigen, die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft 
 aber nicht gleich mitreisen zu lassen, sondern in Athen zurück­ 
 zuhalten, bis die Mauer so weit fertig sei, daß man sie im 
 Notfall verteidigen könne. Unterdessen müsse die ganze Stadt 
 Hand anlegen, alles, Männer, Weiber und Kinder, mauern 
 helfen; weder Privathäuser noch öffentliche Gebäude solle man 
 schonen, sendet? einfach alles niederreißen, wenn der Bau 
 dadurch gefördert werden könnte. Nachdem er das in die 
 Wege geleitet und ihnen dann noch angedeutet hatte, daß er 
 das Weitere dort schon selbst besorgen werde, reiste er ab. 
 Nach seiner Ankunft in Lakedämon machte er bei den Herren 
 der Regierung zunächst keinen Besuch, sondern wußte das unter 
 allerlei Vorwänden zu verschieben, und wenn ihn einer von 
 der Regierung darauf anredete, weshalb er sich denn bei ihnen 
 nicht sehen ließe, sagte er, die übrigen Gesandten, die zufällig 
 verhindert gewesen seien, gleich mitzureisen, seien immer noch 
 nicht angekommen, er erwarte sie aber jeden Augenblick und 
 könne nicht begreifen, weshalb sie so lange ausblieben.

Die Lakedämonier trugen kein Bedenken, Themistokles das 
 alles aufs Wort zu glauben. Als dann aber Reisende aus 
 Athen kamen und aufs bestimmteste versicherten, daß die Mauer 
 gebaut würde und bereits eine ziemliche Höhe erreicht habe, 
 konnten sie im Grunde nicht länger zweifelhaft sein. Themistokles, 
 aber, der auch davon hörte, bat sie, auf bloße Gerüchte nichts zu 
 geben, sondern zunächst selbst mal einige zuverlässige Leute 
 nach Athen zu schicken, um sich die Sache anzusehen und ihnen 
 darüber auf Glauben zu berichten. Das taten sie auch. Themi­ 
 stokles aber ließ die Athener insgeheim verständigen, sie möchten 
 sie, ohne viel Aufsehen davon zu machen, dort festhalten, bis 
 sie selbst aus Lakedämon zurück sein würden; denn inzwischen 
 
 waren auch die übrigen Gesandten, Abronichos, Lysikles' Sohn, 
 und Aristeides, Lysimachos' Sohn, mit der Nachricht, daß die 
 Mauer schon hoch genug sei, bei ihm eingetroffen. Er fürchtete 
 nämlich, wenn die Lakedämonier die Wahrheit erführen, würden 
 sie auch sie nicht abreisen lassen; die Athener hielten denn 
 auch seiner Anheimgabe gemäß die Gesandten fest.. Und nun 
 kam Themistokles den Lakedämoniern gegenüber endlich mit 
 der Sprache heraus und erklärte ihnen unverhohlen, die Mauer 
 sei bereits fertig und Athen hinlänglich befestigt, um den Ein­ 
 wohnern den nötigen Schutz zu gewähren. Für den Fall aber, 
 daß die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen mal wieder 
 Gesandte nach Athen schicken wollten, möchten sie sich merken, 
 daß sie dort Leute finden würden, die man nicht erst darüber 
 zu belehren brauche, was für sie und Griechenland das Beste 
 sei. Auch damals hätten sie den Beschluß, daß es für sie das 
 Beste sei, ihre Stadt aufzugeben und zu Schiff zu gehen, auf 
 . eigene Gefahr ohne fremde Hilfe gefaßt und auch nahcher bei 
 den gemeinsamen Beratungen mit ihnen wieder gezeigt, daß 
 . sie nicht dümmer seien als andere Leute. So seien sie auch 
 jetzt der Meinung, daß es für sie das Beste sei, ihre Stadt 
 zu befestigen, und allen Bundesgenossen damit nicht minder 
 gedient sein würde wie ihren eigenen Bürgern. Wenn es 
 nicht allen Bundesgliedern freistehen solle, gleichmäßig für ihre 
 Sicherheit zu sorgen, sei eine gesunde Bundesverfassung über­ 
 haupt unmöglich; entweder also müßte man allen Bundes­ 
 genossen verbieten, ihre Städte zu befestigen, oder den Athenern 
 gestatten, es auch zu tun.

Äußerlich ließen die Lakedämonier es sich den Athenern 
 gegenüber nicht merken, wie sie diese Erklärung verschnupft 
 hatte. Natürlich war es ja doch auch bei der Gesandtschaft 
 nicht auf einen Einspruch gegen den Bau, sondern nur auf 
 einen wohlgemeinten Rat an eine befreundete Regierung ab­ 
 gesehen gewesen, wie sie denn damals mit den Athenern wegen 
 ihres im Perserkriege bewiesenen Eifers überhaupt noch auf 
 gutem Fuße standen. Im Grunde aber war es ihnen doch 
 sehr ärgerlich, daß sie ihren Zweck nicht erreicht hatten. Die 
 
 Gesandten aber ließ man beiderteils unbehelligt wieder ab­ 
 reisen.

Auf diese Weise gelang es den Athenern, ihre Stadtmauer 
 in kurzer Zeit wiederherzustellen. Noch jetzt sieht man dem 
 Bau die Eile an, mit der er ausgeführt wurde. Der Unter­ 
 kau besteht aus Steinen aller Art, wie und wo sie grade zu 
 haben gewesen waren. Zahlreiche Grabsteine und halbfertige 
 Gildwerke wurden mit eingemauert, und da der Umfang der 
 Stadt allenthalben erweitert wurde, schleppte man, was irgend 
 brauchhax war, von allen Seiten zusammen. Auch setzte Themi­ 
 stokles jetzt durch, daß die Bauten im Peiraieus wieder auf­ 
 genommen wurden, womit schon im Jahre seines Archontats 
 der Anfang gemacht worden war. Denn nach seiner Ansicht 
 bot der Ort mit seinen drei natürlichen Häfen den Athenern, 
 nachdem sie sich auf die See geworfen, zu weiterer Entwick­ 
 lung ihrer Macht die beste Gelegenheit. Er zuerst hatte den 
 großen Gedanken gefaßt, ihren Blick auf die See zu lenken, 
 und so hatte er auch den Beginn jener Bauten gleich selbst 
 mit in die Hand genommen. Auf seinen Rat machte man 
 die Mauer um den Peiraieus so dick, wie es jetzt noch zu sehen 
 ist, so daß zwei Wagen, welche Steine herauffuhren und sich 
 darauf begegneten, einander ausweichen konnten. Inwendig 
 war weder Kalk noch Mörtel. Mächtige Steine, an den 
 Schnittflächen winkelrecht behauen, wurden aufeinander ge­ 
 packt und auf der Außenseite durch eiserne Klammern und Blei 
 verbunden. Fertig freilich wurde sie nur halb so hoch, wie 
 sie nach seiner Absicht werden sollte. Er wollte sie nämlich 
 hoch und dick genug machen, um beim Feinde den Gedanken 
 an einen Angriff auf die Mauer gar nicht aufkommen zu 
 lassen, indem seiner Meinung nach dann schon wenige, ja selbst 
 Invaliden zu ihrer Bewachung genügen, alle übrigen aber auf 
 der Flotte verwendbar sein würden. Denn die Flotte lag 
 ihm immer zuerst am Herzen, und doch wohl deshalb, weil 
 er sich sagte, daß es für ein persisches Heer leichter sein würde, 
 zur See nach Griechenland zu kommen als zu Lande. Darum 
 war auch in seinen Augen der Peiraieus wichtiger als die 
 
 obere Stadt, und immer wieder empfahl er den Athenern, sich 
 im Fall einer Niederlage zu Lande dahin zurückzuziehen, um 
 von dort auf ihren Schiffen einer Welt in Waffen Trotz zu 
 bieten. So befestigten die Athener gleich nach dem Abzüge 
 der Perser ihre Stadt und richteten sich auch sonst für alle 
 Fälle ein.

Nun aber wurde Pausanias, Kleombrotos' Sohn, aus 
 Lakedämon als Oberbefehlshaber der Griechen vom Peloponnes 
 mit zwanzig Schiffen ausgesandt, und auch die Athener mit 
 dreißig Schiffen und viele andere Bundesgenossen schlossen 
 sich dem Zuge an. Es ging zunächst nach Cypern, das man 
 größtenteils unterwarf, und darauf nach Byzanz, das damals 
 noch im Besitz der Perser war und nun noch unter seinem 
 Oberbefehl belagert und erobert wurde.

Schon längst aber waren die Griechen über sein herrisches 
 Wesen empört und niemand mehr als die Jonier und alle, 
 die eben erst von der Herrschaft des Königs befreit worden 
 waren. Sie wandten sich deshalb an die Athener und baten 
 sie, als ihre alten Landsleute, den Oberbefehl über sie zu über­ 
 nehmen und die Übergriffe des Pausanias nicht länger zu 
 dulden. Die Athener ließen sich das nicht zweimal sagen und 
 nahmen gern die Gelegenheit wahr, auf diese Weise das Heft 
 überhaupt in die Hand zu bekommen. Inzwischen wurde Pau­ 
 sanias von den Lakedämoniern abberufen und mit Rücksicht 
 auf die Dinge, die ihnen zu Ohren gekommen waren, in Unter­ 
 suchung gezogen. Mehrfach nämlich hatten sich Griechen, die 
 nach Sparta gekommen, über den Mißbrauch seiner Gewalt 
 beklagt, und er war darnach offenbar eher wie ein Tyrann 
 als wie ein Feldherr aufgetreten. Die Abberufung erfolgte 
 grade in dem Augenblick, wo die Bundesgenossen, mit Aus­ 
 nahme der Mannschaften aus dem Peloponnes, aus Erbitterung 
 über ihn zu den Athenern übergingen. In Lakedämon an­ 
 gekommen, wurde er auch wegen verschiedener Vergehen, die 
 er sich gegen diesen und jenen hatte zuschulden kommen lassen, 
 verurteilt, in der Hauptsache dagegen freigesprochen. Der 
 Hautvorwurf aber, den man ihm machte, war der, daß er mit 
 
 den Persern durchgesteckt habe, und nach der allgemeinen 
 Meinung unterlag das auch keinem Zweifel. Auch schickte 
 man ihn als Oberbefehlshaber dann auch nicht wieder hinaus, 
 sondern statt seiner Dorkis und ein paar andere mit nur wenig 
 Mannschaft, welche die Bundesgenossen sich jedoch als Ober­ 
 befehlshaber nicht mehr gefallen lassen wollten und die dann 
 auch, als sie das merkten, wieder abzogen. Nachher schickten 
 die Lakedämonier niemand mehr hinaus aus Furcht, ihre Leute 
 könnten draußen auf schlechte Wege kommen, wie sie das ja 
 an Pausanias erlebt hatten. Überhaupt beteiligten sie sich 
 von nun an nicht weiter am Kriege gegen die Perser, weil 
 sie annahmen, daß die Athener damit schon fertig werden 
 würden und einstweilen mit ihnen noch auf gutem Fuße 
 ständen.

Nachdem die Athener den ihnen von den Bundesgenossen 
 aus Haß gegen Pausanias angetragenen Oberbefehl übernommen 
 hatten, bestimmten sie, welche Orte zum Kriege gegen die 
 Perser Geld tseuern und welche Schiffe stellen sollten, um, wie 
 es hieß, die ausgestandenen Leiden durch Verheerung der Länder 
 des Königs zu vergelten. Damals wurde auch das Bundes­ 
 schatzmeisteramt von den Athenern zuerst eingerichtet, welches 
 den Phoros, so nannte man die Steuer, zu erheben hatte. 
 Als diese zum erstenmal umgelegt wurde, betrug sie vierhundert­ 
 sechzig Talente. Schatzkammer war Delos, und in dem Tempel 
 dort fanden auch die Versammlungen statt.

Ich erwähne nun zunächst, was die Athener in der Zeit 
 dieser ihrer Hegemonie über die anfangs noch unabhängigen 
 und auf den Versammlungen stimmberechtigten Bundesgenossen 
 zwischen diesem und dem Perserkriege durch ihre Politik und 
 durch Kriege gegen Perser, unbotmäßige Bundesgenossen und 
 die überall mit dazwischentseckenden Peloponnesier zuwege ge­ 
 bracht haben. Ich habe das hier mit aufgenommen und mir 
 diese Abschweifung gestattet, weil sich über diesen Zeitraum bei 
 allen meinen Vorgängern nichts findet, da sie entweder nur 
 die griechische Geschichte vor den Perserkriegen oder die Perser­ 
 kriege selbst behandelt haben. Auch Hellanikos, der in seinem 
 
 Werke über Attika diese Dinge allerdings berührt, geht nur 
 kurz darüber hinweg und ist in den Zeitangaben ungenau. 
 Zugleich gewährt es einen Überblick über die Entstehung der 
 athenischen Macht.

Zuerst belagerten und eroberten sie unter Kimon, dem 
 Sohne des Miltiades, das noch von den Persern besetzte 
 E'ion am Strymon und verkauften die Einwohner als Sklaven. 
 Darauf eroberten sie die von Dolopern bewohnte Insel Skyros 
 im Agäischen Meere, verkauften auch hier die Einwohner und 
 besetzten sie mit eigenen Kolonisten. Dann führten sie einen 
 Krieg gegen die Karystier auf Euboia, an dem sich jedoch 
 die übrigen Euboier nicht beteiligten, und nötigten sie schließ­ 
 lich auch, sich auf gewisse Bedingungen zu ergeben. Hierauf 
 folgte ein Krieg gegen Naxos, welches von ihnen abgefallen 
 war, das sie belagerten und zur Unterwerfung zwangen, der 
 erste Fall, wo einem ihrer Bundesstaaten gegen das bis­ 
 herige Bundesrecht seine Selbständigkeit entzogen wurde. 
 Später sind andere dann freilich auch an die Reihe ge­ 
 kommen.

Den Anlaß zu solchen Abfällen gaben hauptsächlich Rück­ 
 stände bei Entrichtung der Steuern und der Stellung von 
 Schiffen, auch etwa vorkommende Verweigerungen des Kriegs­ 
 dienstes; denn die Athener trieben die Abgaben streng ein und 
 ließen mit Zwangsmaßregeln nicht lange auf sich warten; da- 
 durch aber wurden sie den Bundesgenossen, die solche Plackereien 
 nicht gewohnt waren und verwünschten, in hohem Grade un­ 
 bequem. Überhaupt war der Oberbefehl der Athener nicht 
 mehr so beliebt wie zuerst; sie behandelten die Bundesgenossen 
 im Felde wie Untertanen, und wenn ja einer von ihnen ab­ 
 fiel, so unterwarfen sie ihn mit Leichtigkeit wieder. Daran 
 aber waren die Bundesgenossen selbst schuld. Denn aus Ab­ 
 neigung gegen den Kriegsdienst hatten sich die meisten, um nur 
 nicht mit zu müssen, zur Steuer einschätzen lassen und zahlten, 
 statt selbst Schiffe zu stellen, lieber den dafür auf sie entfallenden 
 Betrag. Durch das Geld aber, das sie den Athenern zahlten, 
 setzten sie diese in den Stand, ihre Flotte zu vergrößern, 
 
 während sie selbst, wenn sie abfielen, völlig wehrlos und im 
 Kriege unerfahren waren.

Dann aber kam es zwischen den Persern und den Athenern 
 und ihren Bundesgenossen zu jener Land- und Seeschlacht am 
 Flusse Eurymedon in Pamphylien, wo die Athener unter Kimon, 
 Miltiades' Sohn, einen Doppelsieg erfochten und den Phöniziern 
 im ganzen an die zweihundert Trieren wegnahmen und zer­ 
 störten. Bald nachher fielen die Thasier von ihnen ab, die 
 wegen der Handelsplätze gegenüber in Thrakien und der dort 
 von ihnen betriebenen Bergwerke mit den Athenern in Streit 
 geraten waren. Die Athener schickten eine Flotte nach Thasos> 
 gewannen eine Schlacht und landeten auf der Insel. Um die­ 
 selbe Zeit schickten sie zehntausend Kolonisten, teils aus Athen 
 selbst, teils aus den anderen Bundesstaaten, nach dem Strymon, 
 um sich bei den Neun-Wegen, wie es damals hieß, dem 
 jetzigen Amphipolis, anzusiedeln. Diese bemächtigten sich auch 
 der im Besitz der Edoner befindlichen Neun-Wege, wurden 
 dann aber bei weiterem Vordringen ins Innere bei Drabeskos 
 im Lande der Edoner von den Thrakern, die in der Gründung 
 der Kolonie eine Feindseligkeit sahen, gänzlich aufgerieben.

Die Thasier aber, mehrfach besiegt und dann auch be­ 
 lagert, riefen die Lakedämonier um Hilfe an und baten sie, 
 ihnen durch einen Einfall nach Attika Luft zu machen. Die 
 versprachen ihnen das auch hinter dem Rücken der Athener 
 und machten bereits Anstalt dazu, als sie durch den Eintritt 
 des Erdbebens daran verhindert wurden, bei dem auch die 
 Heloten und die Periöken in Thuria und Aithaia sich empörten 
 und Ithome besetzten. Die Heloten waren meist Nachkommen 
 der seinerzeit unterjochten alten Messenier und wurden deshalb 
 alle Messenier genannt. So wurden die Lakedämonier in einen 
 Krieg mit den Messeniern in Ithome verwickelt, und die Thasier 
 ergaben sich im dritten Jahre der Belagerung den Athenern. 
 Sie mußten ihre Mauern schleifen, die Schiffe ausliefern, 
 sofort eine ihnen auferlegte Summe Geld entrichten und von 
 nun an Steuern zahlen, auch allen Ansprüchen auf das Fest­ 
 land und die Bergwerke entsagen.

Als sich der Krieg gegen Jthome in die Länge zog, 
 riefen die Lakedämonier Bundesgenossen zu Hilfe, namentlich 
 auch die Athener, die dann auch mit einem ansehnlichen Heere 
 unter Kimons Befehl erschienen. Sie hatten sie hauptsächlich 
 gerufen, weil sie im Festungskriege für besonders erfahren 
 galten. Da aber die Belagerung so lange dauerte, schien es 
 ihnen damit nicht allzuviel auf sich zu haben; sonst hätten sie 
 das Nest doch bezwingen müssen. Erst seit diesem Feldzuge trat 
 die Verstimmung zwischen den Athenern und den Lakedämoniern 
 auch äußerlich zutage. Da man den Platz nicht nehmen konnte, 
 fürchteten die Lakedämonier bei der kecken und sprunghaften 
 Politik der Athener, zumal sie nicht mit ihres Stammes waren, 
 sie könnten sich bei längerem Bleiben zur Veränderung wohl 
 gar mit den Messeniern in Jthome einlassen, und schickten sie, 
 und zwar sie allein unter allen Bundesgenossen, wieder nach 
 Hause. Ihren Verdacht ließen sie dabei nicht durchblicken, 
 sondern erklärten einfach, daß sie ihrer Hilfe nicht weiter be­ 
 dürften. Die Athener aber, weit entfernt zu glauben, daß es 
 damit so böse nicht gemeint gewesen sei, merkten recht gut, 
 daß sie nur deshalb weggeschickt wurden, weil man ihnen nicht 
 traute, waren darüber empört und nicht gewillt, sich eine solche 
 Behandlung von den Lakedämoniern gefallen zu lassen. Auch 
 sagten sie sich gleich nach der Rückkunft von dem noch seit den 
 Perserkriegen bestehenden Bündnis mit den Lakedämoniern los 
 und schlossen mit deren Feinden, den Argeiern, ein Bündnis, 
 dem dann als Dritte auch die Thessaler beitraten.

Als sich die Messenier in Jthome im zehnten Jahre der 
 Belagerung nicht länger halten konnten, trafen sie ein Ab­ 
 kommen mit den Lakedämoniern, wonah csie freien Abzug aus 
 dem Peloponnes haben, ihn aber nie wieder betreten sollten 
 und jedermann das Recht haben sollte, wenn einer von ihnen 
 sich dort betreffen ließe, ihn festzunehmen und als Sklaven zu 
 behalten. Schon früher nämlich hatten die Lakedämonier ein 
 pythisches Orakel erhalten, den Schutzflehenden des Zeus von 
 Jthome sollten sie ziehen lassen. So zogen denn die Messenier 
 mit Weib und Kind von bannen, die Athener aber nahmen sie 
 
 auf, schon aus Haß gegen die Lakedämonier, und wiesen ihnen 
 Naupaktos als Wohnsitz an, das sie kurz vorher den opuntischen 
 Lokrern abgenommen hatten. Auch Megara fiel infolge eines 
 Grenzkriegs, in den es mit Korinth verwickelt worden war, 
 von den Lakedämoniern ab und trat dem Athenischen Bunde 
 bei. Die Athener besetzten Megara und Pegai und bauten 
 den Megarern die langen Mauern von der Stadt nach Nisaia 
 und besetzten sie mit attischem Kriegsvolk. Von der Zeit aber 
 rührt eigentlich erst der erbitterte Haß der Korinther gegen 
 die Athener.

Jnaros, PsammitichoS' Sohn, König der Libyer an der 
 ägyptischen Grenze, hatte von der Pharos gegenüberliegenden 
 Stadt Mareia aus in Ägypten einen Aufstand gegen König 
 Artaxerxes erregt, der sich über den größten Teil des Landes 
 verbreitete, und, nachdem er sich selbst dort zum Herrscher auf­ 
 geworfen, die Athener zu Hilfe gerufen. Diese, die damals 
 mit ihren Bundesgenossen und zweihundert Schiffen einen Zug 
 nach Cypern unternommen hatten, gaben Cypern auf und 
 wandten sich nach Ägypten. Sie fuhren von der See den Nil 
 hinauf, machten sich zu Herren des Stromes und von zwei 
 Dritteln von Memphis und richteten nun ihren Angriff gegen 
 das letzte Drittel, die sogenannte weiße Mauer, wohin sich die 
 flüchtigen Perser und Meder und die dem König treugebliebenen 
 Ägypter zurückgezogen hatten.

Bei einer Landung der Athener im Gebiet der Halier 
 hatten sie ein Gefecht mit Korinthern und Epidauriern, in dem 
 die Korinther siegten; hinterher aber erfochten die Athener in 
 einer Seeschlacht bei Kekryphaleia einen Sieg über die pelo­ 
 ponnesische Flotte. Dann brach der Krieg zwischen den Athenern 
 und den Ägineten aus, und es kam zwischen ihnen und ihren 
 beiderseitigen Bundesgenossen bei Agina zu einer großen See­ 
 schlacht, in der die Athener siegten und den Ägineten siebzig 
 Schiffe abnahmen. Darauf landeten sie auf Ägina und be- 
 lagerten unter Leokrates, Stroibos' Sohn, die Stadt. Die 
 Peloponnesier aber warfen zur Unterstützung der Agineten 
 dreihundert Hopliten, die vorher bei den Korinthern und Epi­ 
 
 dauriern gedient hatten, auf die Insel. Auch besetzten sie den 
 Kamm der Geraneia, von wo die Korinther und ihre Ver­ 
 bündeten nach Megaris einfielen. Sie glaubten nämlich, da 
 die Athener schon so viel Truppen auf Ägina und in Ägypten 
 hatten, würden sie nicht imstande sein, Megara zu Hilfe zu 
 kommen, oder wenn sie es trotzdem wollten, von Agina ab­ 
 ziehen müssen. Die Athener ließen jedoch ihre Truppen vor 
 Hgina ruhig stehen, bildeten aus den zu Hause gebliebenen 
 k ältesten und jüngsten Jahrgängen ein neues Heer und schickten 
 es unter Myronides' Befehl nach Megara. Nach einer un­ 
 entshciedenen Schlacht mit den Korinthern gingen beide in 
 ihre Stellungen zurück, und beide schrieben sich den Sieg zu. 
 Hinterher aber zogen die Korinther ab, und die Athener, die 
 im Grunde doch auch die Sieger gewesen waren, errichteten 
 ein Siegeszeichen. Als die Korinther dann aber zu Hause von 
 ihren alten Leuten deshalb verhöhnt wurden, nahmen sie etwa 
 vierzehn Tage später die Waffen nochmals zur Hand und er­ 
 schienen von neuem auf der Walstatt, um dort auch ihrerseits 
 ein Siegeszeichen zu errichten, als wenn sie die Schlacht ge­ 
 wonnen hätten. Die Athener aber machten aus Megara einen 
 Ausfall, hieben die Leute nieder, welche das Siegeszeichen 
 errichten wollten, und lieferten den übrigen ein siegreiches 
 Gefecht.

Besiegt, wie sie waren, traten die Korinther den Rück­ 
 zug an. Dabei geriet eine unter dem Nachdrängen des Feindes 
 vom Wege abgekommene größere Abteilung auf einen Bauer­ 
 hof, der mit einem breiten Graben umgeben war und auf der 
 anderen Seite keinen Ausgang hatte. Als die Athener das 
 gewahr wurden, stellten sie am Eingange schweres Fußvolk, 
 rings herum aber ihre Leichten auf und töteten alle, die darin 
 waren, durch Steinwürfe. Für die Korinther ein schmerzlicher 
 Verlust; doch gelangte der größte Teil ihres Heeres wieder 
 nach Hause.

Um diese Zeit begannen die Athener den Bau der langen 
 Mauern bis an die See, sowohl der nach Phaleros als der 
 nach dem Peiraieus. Die Phokier sielen nach Doris ein, die 
 
 alte Heimat der Lakedämonier, Boion, Kytinion und ErineoS, 
 und bemächtigten sich auch einer dieser Städte. Die Lake­ 
 dämonier aber unter Nikomedes, Kleombrotos' Sohn, der für 
 den unmündigen König Pleistoanax, den Sohn des Pausanias, 
 regierte, kamen den Doriern mit fünfzehnhundert ihrer eigenen 
 Hopliten und zehntausend Bundesgenossen zu Hilfe. Nachdem 
 sie die Phokier zum Vergleich und zur Herausgabe der Stadt 
 gezwungen, wollten sie den Rückweg antreten. Auf dem See­ 
 wege, über den Golf von Krisa, würden die dort mit ihren 
 Schiffen kreuzenden Athener ihnen wahrscheinlich Hindernisse 
 bereitet haben. Auch den Weg durch die Geraneia hielten sie 
 für unsicher, da die Athener noch in Megara und Pegai 
 standen. Die Wege in der Geraneia waren schlecht und be­ 
 ständig von den Athenern besetzt, die, wie man soeben noch 
 gehört hatte, in der Tat beabsichtigten, sie dort nicht durchzu­ 
 lassen. Sie beschlossen also, einstweilen in Böotien zu bleiben 
 und abzuwarten, wie sie am besten wieder nach Hause kämen. 
 Indessen waren sie dazu unter der Hand wohl auch von einigen 
 Athenern veranlaßt, welche mit ihrer Hilfe die Demokratie 
 stürzen und den Bau der langen Mauern verhindern zu 
 können hofften. Gegen sie zogen nun die Athener ins Feld, 
 sie selbst Mann für Mann und mit ihnen tausend Argeier und 
 die Kontingente der übrigen Bundesgenossen, alles in allem 
 vierzehntausend Mann. Die Athener aber unternahmen diesen 
 Zug teils, weil sie glaubten, die Lakedämonier würden keines- 
 falls durchkommen können, teils aber auch wohl aus dem 
 Grunde, weil sie in ihnen eine Gefahr für die Demokratie 
 witterten. Der Bundespflicht gemäß hatten sich auch thessalische 
 Reiter bei ihnen eingefunden, die jedoch in der Schlacht zu 
 den Lakedämoniern übergingen.

Als es dann bei Tanagra zur Schlacht kam, siegten die 
 Lakedämonier und ihre Bundesgenossen; aber beide Teile hatten 
 große Verluste. Hierauf zogen die Lakedämonier nach Megara 
 .ab, wo sie die Felder verwüsteten, und von da über die Gera­ 
 neia und die Landenge wieder nach Hause. Zweiundsechzig 
 Tage nach der Schlacht sielen die Athener unter Myronides 
 
 in Böotien ein, schlugen die Böotier bei Oinophyta und unter­ 
 warfen ganz Böotien und Phokis. Sie schleiften die Mauern 
 von Tanagra, ließen sich von den opuntischen Lokrern die 
 hundert reichsten Bürger zu Geiseln geben und brachten nun 
 endlich ihre langen Mauern zustande. Bald nachher ergaben 
 sich auch die Agineten den Athenern, sie mußten ihre Mauern 
 niederreißen, die Schiffe ausliefern und von nun an Steuern 
 zahlen. Die Athener fuhren auch unter Tolmides, TolmaioS' 
 Sohn, mit ihren Schiffen um den Peloponnes, steckten die 
 Schiffswerft der Lakedämonier in Brand und eroberten die 
 korinthische Stadt Chalkis, worauf sie im Gebiete der Sikyoner 
 landeten und ihnen ein glückliches Gefecht lieferten.

In Ägypten aber hielten die Athener und ihre Verbün­ 
 deten immer noch aus und kämpften dort mit wechselndem 
 Kriegsglück. Anfangs war ihnen das ganze Land in die Hände 
 gefallen. Darauf schickte der König den Perser Megabazos 
 mit einem Sack voll Geld nach Lakedämon, um die Peloponnesier 
 zu einem Einfall nach Attika zu vermögen und die Athener 
 dadurch zum Abzüge aus Ägypten zu nötigen. Da es Mega­ 
 bazos damit jedoch nicht glückte und er sein Geld umsonst 
 ausgab, reiste er mit dem Reste wieder ab nach Affen. Hierauf 
 schickte der König den Perser Megabyzos, Zopyros' Sohn, 
 mit einem großen Heere nach Ägypten. Der kam zu Lande, 
 schlug die Ägypter und ihre Bundesgenossen, vertrieb die Griechen 
 aus Memphis und schloß sie endlich auf der Insel Prosopitis 
 ein. Hier belagerte er sie anderthalb Jahre, bis es ihm endlich 
 gelang, den Kanal durch Ableitung des Wassers trocken zu 
 legen, die Schiffe auf den Sand zu setzen und die Insel größten­ 
 teils landfest zu machen, worauf er dann mit seinem Heere 
 hinüberging und sie eroberte.

So nahm es hier nach sechs Kriegsjahren mit den Griechen 
 ein klägliches Ende. Von dem ganzen Heere retteten sich nur 
 einige wenige durch Libyen nach Kyrene, während die meisten 
 elend umkamen. Damit geriet ganz Ägypten bis auf das Ge­ 
 biet des Königs Amyrtaios in den sumpfigen Deltaniederungen 
 wieder unter persische Herrschaft. Dem aber konnte man in 
 
 seinen weiten Sümpfen nichts anhaben, und außerdem sind 
 die Bewohner jener Niederungen auch die besten Soldaten 
 in Ägypten. Jnaros aber, der Urheber des ganzen AufstandeS, 
 fiel durch Verrat den Persern in die Hände und wurde ge­ 
 kreuzigt. Fünfzig Trieren, welche aus Athen und dem übrigen 
 Bundesgebiete als Ablösung nach Ägypten geschickt und, ohne 
 von diesen Ereignissen zu wissen, in den mendesischen Nilarm 
 eingelaufen waren, wurden hier gleichzeitig vom Lande aus 
 und von der phönizischen Flotte von der See her angegriffen 
 und größtenteils vernichtet. Nur wenigen gelang es, zu ent­ 
 kommen. So endete der große ägyptische Feldzug der Athener 
 und ihrer Bundesgenossen.

Orestes, der aus Thessalien vertriebene Sohn des thessa­ 
 lischen Fürsten Echekratides, bewog die Athener, ihn zurück­ 
 zuführen, und diese zogen in Gemeinschaft mit den damals 
 mit ihnen verbündeten Böotiern und Phokiern gegen Pharsalos 
 in Thessalien zu Felde. Sie brachten das platte Land in ihre 
 Gewalt, soweit sie sich dabei nicht allzuweit von ihrem Lager 
 zu entfernen brauchten, da sie beständig von thessalischer Reiterei 
 umschwärmt wurden, konnten aber die Stadt nicht nehmen. 
 Überhaupt kamen sie mit ihrem Feldzuge nicht zum Zweck und 
 mußten unverrichteter Sache mit Orestes wieder abziehen. 
 Nicht lange nahcher gingen tausend Athener aus dem damals 
 in ihrem Besitz befindlichen Pegai in See und fuhren unter 
 Perikles, dem Sohne des Xanthippos, nach Sikyon, wo sie 
 landeten und die Sikyoner, die sich ihnen entgegentsellten, be­ 
 isegten. Gleich darauf fuhren sie, durch Achäer verstärkt, nach 
 Oiniadai in Akarnanien hinüber, rückten vor die Stadt und 
 belagerten sie. Indessen gelang es ihnen nicht, sie zu nehmen, 
 und so kehrten sie wieder nach Hause zurück.

Drei Jahre nachher wurde zwischen den Peloponnesiern 
 und den Athenern ein Waffenstillstand auf fünf Jahre ge­ 
 schlossen. Infolgedessen gaben die Athener den Krieg in Griechen­ 
 land auf und unternahmen nun mit zweihundert Schiffen, 
 teils eigenen, teils solchen ihrer Bundesgenossen, unter Kimon 
 einen Zug nach Cypern. Fünfzig davon wurden jedoch auf 
 
 Ansuchen deS Königs Amyrtaios in den Deltasümpfen nach 
 Ägypten entsandt; die übrigen belagerten Kition. Als Kimon 
 starb und ihnen die Lebensmittel ausgingen, zogen sie von 
 Kition ab und fuhren auf die Höhe von Salamis auf Cypern, 
 wo es zur See mit der phönizisch-kilikischen Flotte und gleich­ 
 zeitig zu Lande zur Schlacht kam; hier wie dort siegten die 
 Athener und kehrten darauf nach Hause zurück und die auS 
 Ägypten zurückgekommenen Schiffe mit ihnen. Darauf zogen 
 die Lakedämonier in den sogenannten heiligen Krieg, bemäch­ 
 tigten sich des delphischen Heiligtums und übergaben es den 
 Delphiern. Nach ihrem Abzüge aber erschienen die Athener 
 dort mit einem Heere, brachten das Heiligtum in ihre Gewalt 
 und gaben es den Phokiern zurück.

Da sich inzwischen Scharen böotischer Flüchtlinge in 
 Orchomenos, Chäronäa und anderen böotischen Orten festgesetzt 
 hatten, unternahmen die Athener nach einiger Zeit mit tausend 
 Hopliten und den Kontingenten ihrer Bundesgenossen unter 
 Tolmides, Tolmaios' Sohn, einen Feldzug gegen diese nun­ 
 mehr in Feindeshand befindlichen Orte. Nachdem sie Chäronäa 
 erobert und eine Besatzung hineingelegt hatten, zogen sie wieder 
 ab. Auf dem Rückwege aber wurden sie von den böotischen 
 Flüchtlingen aus Orchomenos, denen sich Lokrer, euböische 
 Flüchtlinge und andere Gesinnungsgenossen angeschlossen hatten, 
 bei Koronaia angegriffen und in offener Schlacht besiegt und 
 dabei gutenteils niedergemacht oder gefangengenommen. In­ 
 folgedessen räumten die Athener ganz Böotien, nachdem sie 
 sich die Herausgabe der Gefangenen ausbedungen hatten. Die 
 böotischen Flüchtlinge aber und die übrigen kehrten in ihre 
 Heimat zurück, und alle wurden wieder unabhängig.

Nicht lange nachher fiel Euboia von den Athenern ab. 
 Schon war Perikles mit einem athenischen Heere nach Euboia 
 hinübergegangen, als er die Nachricht erhielt, daß Megara ab­ 
 gefallen wäre und die Peloponnesier einen Einfall nach Attika 
 beabsichtigten, auch die athenische Besatzung, soweit sie nicht 
 nach Nisaia entkommen, von den Megarern niedergemacht 
 worden sei. Die Megarer hatten sich nämlich mit Korinth, 
 
 Sikyon und Epidauros im Bunde von Athen losgesagt. In­ 
 folgedessen führte Perikles sein Heer schleunigst wieder aus 
 Euboia zurück. Hierauf fielen die Peloponnesier unter dem 
 lakedämonischen Könige Pleistoanax, dem Sohne des Pausanias, 
 nach Attika ein, kamen bis Eleusis und Thria und verheerten 
 das Land, zogen dann aber wieder ab, ohne weiter vorzudringen. 
 Nun gingen die Athener unter Perikles von neuem nach Euboia 
 hinüber, unterwarfen die ganze Insel und ordneten die dortigen 
 Verhältnisse durch Verträge mit den Einwohnern in ihrem 
 Sinne. Nur die Hestiaier vertrieben sie aus ihrem Lande und 
 nahmen es selbst in Besitz.

Nicht lange nach ihrem Abzüge aus Euboia schlossen sie 
 mit den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen einen dreißig- 
 jährigen Frieden, wobei sie die in ihren Händen befindlichen 
 peloponnesischen Plätze, Nisaia, Pegai, Troizen und Achaia, 
 wieder Herausgaben. Sechs Jahre nahcher kam es zwischen 
 Samos und Milet Prienes wegen zum Kriege. Als die Mileter 
 darin den kürzeren zogen, wandten sie sich nach Athen und 
 beklagten sich dort über die bösen Samier. Doch auch in 
 Samos selbst hielten es einzelne, welche eine Verfassungs­ 
 änderung erstrebten, mit Milet. Die Athener fuhren also mit 
 vierzig Schiffen nach Samos, setzten dort eine demokratische 
 Regierung ein und ließen sich von den Samiern Geiseln geben, 
 fünfzig Knaben und eine gleiche Anzahl Männer, die sie nach 
 Lemnos brachten. Auf Samos aber ließen sie eine Besatzung 
 zurück und fuhren dann wieder ab. Indessen hatten einige 
 Samier die Ankunft der Athener nicht abgewartet, sondern 
 sich nach dem Festlande davongemacht und in Sardes mit ver­ 
 schiedenen einflußreichen Persönlichkeiten und dem damaligen 
 Statthalter Pissuthnes, Hystaspes' Sohn, einen Handstreich 
 gegen Samos verabredet. Sie brachten auch siebenhundert 
 Mann zusammen, setzten damit bei Nacht nach der Insel über 
 und suchten sich zunächst der Häupter der demokratischen Re­ 
 gierung zu bemächtigen, die ihnen auch größtenteils in die 
 Hände fielen. Nachdem sie ihre Geiseln heimlich aus Lemnos 
 entführt hatten, erklärten sie sich für unabhängig und lieferten 
 
 die dortige athenische Besatzung und die in ihre Gewalt ge­ 
 ratenen Beamten an Pissuthnes aus. Darauf rüsteten sie 
 sich sogleich zu einem Zuge gegen Milet. Zugleich mit ihnen 
 hatte sich auch Byzanz für unabhängig erklärt.

Als die Athener davon hörten, fuhren sie mit sechzig 
 Schiffen nach Samos, von denen freilich sechzehn abgingen, 
 weil sie teils nach Karien zur Beobachtung der phönizischen 
 Flotte entsandt wurden, teils nach Chios und Lesbos, um dort 
 die Bundesgenossen aufzubieten. Mit den übrigen vierund­ 
 vierzig, welche Perikles selbzehnter befehligte, kam es bei der 
 Insel Tragia zur Schlacht gegen siebzig samische Schiffe, unter 
 denen sich zwanzig Transportschiffe befanden - da die ganze 
 Flotte grade von Milet kam -, in welcher die Athener siegten. 
 Nachdem sie dann noch durch vierzig Schiffe aus Athen und 
 fünfundzwanzig aus Chios und Lesbos verstärkt worden waren, 
 landeten sie auf Samos, erfochten auch zu Lande einen Sieg 
 und schlossen die Stadt durch drei Mauern und zugleich von 
 der See mit der Flotte ein. Perikles aber war auf die 
 Meldung, daß eine phönizische Flotte im Anzüge sei, unver­ 
 züglich mit sechzig Schiffen des Blokadegeschwaders nach 
 Kauuos und den karischen Gewässern aufgebrochen. Gleich­ 
 zeitig aber hatten sich auch Stesagoras und einige andere mit 
 fünf Schiffen heimlich aus Samos aufgemacht, um der phö­ 
 nizischen Flotte entgegenzufahren.

Unterdessen machten die Samier mit ihrer Flotte plötz­ 
 lich einen Ausfall; sie übersielen das ungeschützte Schiffslager, 
 bohrten die Wachtschiffe in den Grund und schlugen die gegen 
 sie vorgeführten Schiffe in die Flucht. Dadurch wurden sie 
 auf etwa vierzehn Tage Herren ihrer heimischen Gewässer 
 und konnten ein- und ausführen, was sie wollten. Als aber 
 Perikles zurückkam, wurden sie durch die Flotte von neuem 
 eingeschlossen. Auch erhielten die Athener später noch weitere 
 Verstärkungen, aus Athen vierzig Schiffe unter Thukydides, 
 Hagnon und Phormion und zwanzig unter Tlepolemos und 
 Antikles und außerdem aus Chios und Lesbos noch dreißig. 
 Die Samier ließen sich zwar nochmal auf ein kleines See­ 
 
 gefecht ein, konnten sich dann aber nicht länger halten und 
 ergaben sich im neunten Monat der Belagerung. Sie mußten 
 sich dazu verstehen, ihre Mauern niederzureißen, Geiseln zu 
 geben und die Schiffe auszuliefern, auch die Kriegskosten zu 
 übernehmen und in bestimmten Terminen zu bezahlen. Auch 
 die Byzanzer verstanden sich dazu, wie bisher im athenischen 
 Untertanenverbande zu bleiben.

Schon wenige Jahre nachher kam eS zu den vorhin er- 
 wähnten Ereignissen von Kerkyra und Potidäa und dem, was 
 sonst Veranlassung zu diesem Kriege wurde. Alle diese Kämpfe 
 der Griechen unter sich und gegen die Perser fallen in die 
 etwa fünfzig Jahre vom Rückzüge des Xerxes bis zum Beginn 
 dieses Krieges. Im Laufe dieser Jahre hatte Athen nicht nur 
 seine, äußere Herrschaft befestigt, sondern sich auch im Innern 
 mächtig entwickelt. Den Lakedämoniern war das nicht ent­ 
 gangen ; sie hatten aber den Athenern niemals oder doch höchstens 
 nur vorübergehend etwas in den Weg gelegt, sondern sich 
 .dabei beruhigt, einmal weil sie sich ohne Not überhaupt nicht 
 leicht auf einen Krieg einließen, dann aber auch, weil sie durch 
 Kriege im eigenen Lande in Anspruch genommen waren. Als 
 dann aber das gewaltige Athen offen gegen sie in die Schranken 
 trat und seine Hand selbst nach ihren Bundesgenossen ausstreckte, 
 wurde es ihnen schließlich zu viel, und sie beschlossen, nunmehr 
 Ernst zu machen und den mächtigen Gegner womöglich mit 
 Waffengewalt zu demütigen. Sie selbst hatten sich zwar schon 
 dahin entschieden, daß der Friede gebrochen und Athen der 
 Schuldige sei, schickten dann aber doch noch Gesandte nach 
 Delphi, um den Gott zu befragen, ob es rätlich für sie sei, 
 den Krieg anzufangen, und wie es heißt, gab der ihnen zur 
 Antwort, wenn sie ihn nachdrücklich führten, würden sie siegen, 
 er selbst aber, gerufen oder ungerufen, auf ihrer Seite sein.

Nun entboten sie ihre Bundesgenossen abermals zu sich, 
 um sie darüber abstimmen zu lassen, ob der Krieg erklärt 
 werden solle. Nachdem die Bundesgesandten eingetroffen, fand 
 eine Versammlung statt, in der jeder seine Meinung sagte und 
 die meisten sich in Klagen über die Athener ergingen und für 
 
 den Krieg waren. Die Korinther, welche sich auch eingefunden 
 und aus Furcht, Potidäa könne inzwischen fallen, die einzelnen 
 Staaten schon vorher unter der Hand bearbeitet hatten, für 
 den Krieg zu stimmen, traten auch diesmal wieder zuletzt auf 
 und hielten folgende Rede:

„Jetzt, geehrte Bundesgenossen, können wir die Lake­ 
 dämonier wenigstens nicht mehr der Unlust zum Kriege zeihen, 
 da sie ihn selbst beschlossen und auch unS zu dem Zweck hierher 
 entboten haben. Es gehört sich auch für die Vormacht des 
 Bundes, nicht nur ihre eigenen Interessen, sondern grade 
 auch die der Gesamtheit wahrzunehmen, wie sie ja auch in 
 anderen Dingen ihre Ehrenvorzüge genießt. Uns alle, die 
 wir mit den Athenern schon zu tun gehabt haben, braucht 
 man nicht erst zu belehren, wie man sich vor ihnen in. acht 
 nehmen muß; alle die aber, welche weitab von der See im 
 Binnenlande wohnen, mögen bedenken, daß ihnen die Ausfuhr 
 ihrer Erzeugnisse und die auch dem Oberlande unentbehrliche 
 Einfuhr von der See erheblich erschwert werden wird, wenn, 
 sie den Seestädten jetzt nicht beistehen. Nichts wäre verkehrter, 
 als zu glauben, die Sache ginge sie nichts an. Sie dürfen 
 nicht daran zweifeln, daß auch sie über kurz oder lang an die 
 Reihe kommen, wenn sie die Seestädte im Stich lassen, und 
 daß eS sich hier auch jetzt schon um ihre Angelegenheiten han­ 
 delt. Also, nichts mehr von Frieden, sondern mutig alle in 
 den Krieg! Gewiß tut jeder wohl, Frieden zu halten, so­ 
 lange man ihn in Ruhe läßt; aber nur der Feige will Frieden 
 um jeden Preis und schreckt vor dem Kriege auch dann noch 
 zurück, wenn man in seine Rechte eingreift. Auch der Tapfere 
 bietet die Hand zum Frieden, wenn ihm sein Recht wird, er 
 überhebt sich auch in einem glücklichen Kriege nicht, läßt sich 
 aber um des lieben Friedens willen kein Unrecht gefallen. 
 Denn wer den Krieg meidet, um nicht in seiner Ruhe gestört 
 zu werden, wird sich der Ruhe, die er sich davon verspricht, 
 nicht lange erfreuen; und wer in einem glücklichen Kriege zu 
 hoch hinaus will, bedenkt nicht, wie leicht er sich dabei ver­ 
 rechnen kann. Zwar ist mitunter wohl auch mal ein schlechter 
 
 Plan geglückt, weil der Gegner seine Sache noch schlechter 
 machte; weit öfter aber sind auch anscheinend wohlberechnete 
 Unternehmungen trotzdem elend abgelaufen. Denn nicht alles, 
 was man sich vornimmt und zutraut, führt man auch gleich 
 aus. Zu Hause, in Sicherheit, ist jeder ein Held; draußen in 
 der Gefahr aber gibt mancher klein bei.

„Jetzt fangen wir Krieg an, weit man uns gekränkt 
 und gerechten Anlaß dazu gegeben hat; haben wir uns der 
 Athener erst erwehrt, so werden wir zur rechten Zeit schon 
 wieder Frieden machen. Allen Umständen nach werden wir 
 siegen; wir verstehen den Krieg besser als sie, sind ihnen an 
 Zahl überlegen und alle ohne Unterschied bereit, den aus­ 
 gegebenen Befehlen willig zu gehorchen. Eine Flotte, worin 
 sie uns überlegen sind, werden wir uns schon beschaffen, teils 
 aus Mitteln der einzelnen Bundesstaaten, teils mit Hilfe der 
 Tempelschätze von Delphi und Olympia; und wenn wir eine 
 Anleihe aufnehmen, werden wir ihnen ihr geworbenes Schiffs­ 
 volk durch höhere Löhnung abwendig machen können. Denn 
 bei den Athenern dienen mehr geworbene Fremde als Landes­ 
 kinder. Wir sind in dieser Hinsicht besser gestellt als sie; denn 
 unsere Macht beruht mehr auf unserem Menschenmaterial als auf 
 Geld. Wahrscheinlich werden sie sich schon nach Verlust der 
 ersten Seeschlacht geben; sollten sie dennoch länger aushalten, 
 so werden wir uns mit der Zeit im Seedienst immer mehr 
 vervollkommnen und, sind wir darin erst so geschickt wie sie, 
 ihnen durch unseren Mut überlegen sein. Denn der Mut ist 
 uns angeboren und lernt sich nicht, ihren Vorsprung an Ge- 
 schicklichkeit aber können wir ihnen durch fleißige Übung ab­ 
 gewinnen. Das nötige Geld werden wir schon aufbringen. 
 Weigern sich doch ihre Bundesgenossen nicht, ihre Steuern 
 zu zahlen, obwohl sie nur dazu dienen, sie vollends zu knechten. 
 Da wäre es doch eine Schande wert, wollten wir nicht den 
 Beutel ziehen, um uns unserer Haut zu wehren und unsere 
 Feinde zu züchtigen, statt uns unser Geld von den Athenern 
 nehmen und uns mit dessen Hilfe von ihnen an die Wand 
 drücken zu lassen.

„ES bieten sich uns aber auch noch andere Wege, den 
 Krieg zu führen. Wir können ihnen ihre Bundesgenossen ab­ 
 s wendig machen und sie dadurch ihrer Einkünfte, der Haupt­ 
 stütze ihrer Macht, berauben, können Trutzwerke gegen ihr Land 
 anlegen und manches andere, was sich im einzelnen im voraus 
 nicht übersehen läßt. Denn ein Krieg verläuft nicht nach 
 einem ihm vorgeshcriebenen Schema, sondern hat seinen eigenen 
 Kopf und gestaltet sich, wie es die Umstände mit sich bringen, 
 und wer die kaltblütig zu benutzen weiß, geht sicher, so gewiß 
 man stolpert, wenn man unbesonnen und hastig zuführt. Ja, 
 wenn es sich für uns um einen bloßen Grenzkrieg dieses oder 
 jenes Bundesstaats mit einem gleich mächtigen Gegner han­ 
 delte, so wäre das zu tragen; die Athener aber sind uns allen 
 zusammen gewachsen, jedenfalls weit mächtiger als jeder ein­ 
 zelne von uns. Wenn wir also nicht allesamt, Volk für Volk 
 und Stadt für Stadt, einmütig den Kampf gegen sie auf­ 
 nehmen, so werden sie uns einzeln ohne sonderliche Mühe über­ 
 wältigen. Eine Niederlage aber, darüber dürfen wir uns nicht 
 täuschen, würde für uns, so schrecklich es klingt, denn doch 
 nichts anderes als Knechtschaft zur unmittelbaren Folge haben. 
 Von einer solchen Möglichkeit aber auch nur zu reden, wäre 
 eine Schmach für den Peloponnes, eine Schmach, es auch «ur 
 für möglich zu halten, daß so viel Städte sich von einer Stadt 
 mißhandeln lassen sollten. Man müßte dann glauben, daß 
 wir es eben nicht besser verdient hätten, oder daß wir zu feige 
 wären, uns zu wehren. Mit Fingern würde man auf uns 
 weisen als die schwächlichen Söhne unserer Väter. Die haben 
 Griechenland befreit, und wir sind nicht Manns genug, auch 
 nur mal unsere eigene Freiheit zu behaupten, und während 
 wir die Tyrannis in den einzelnen Städten grundsätzlich nicht 
 dulden, lassen wir die eine Stadt sich in Griechenland zum 
 Herrn aufwerfen. Leider sind dabei drei schwere Fehler mit 
 im Spiel gewesen: Unverstand, Schwäche und Gleichgültigkeit. 
 Denn dadurch seid ihr in jenen verderblichen Hochmut, mit 
 anderen Worten grade jenen Kleinmut verfallen, an dem 
 schon so mancher zugrunde gegangen ist.

„Doch wozu noch länger über alte Sünden miteinander 
 ins Gericht gehen, soweit das augenblicklich keinen Zweck mehr 
 hat? Jetzt gilt es, keine Anstrengung zu scheuen, wenn wieder 
 bessere Zeiten kommen sollen. Von alters her heißt er ja bei 
 euch, daß Mühe die Mutter der Tugend sei. Dabei laßt eS 
 auch ferner bleiben, auch wenn ihr jetzt etwas reicher seid 
 und euch schon mehr erlauben könnt als eure Väter. Es 
 wäre ein Jammer, solltet ihr das, was in Armut erworben 
 wurde, jetzt im Reichtum verlieren. Nein, geht nur mit vollem 
 Vertrauen in den Krieg, wozu ihr in verschiedener Hinsicht 
 alle Ursache habt. Ihr habt das Orakel des Gottes; hat er 
 euch doch selbst seinen Beistand versprochen. Ganz Griechen­ 
 land wird teils aus Furcht, teils seines Vorteils willen eurer 
 Fahne folgen. Ihr werdet damit auch nicht die ersten sein, 
 die den Frieden brechen; auch der Gott sieht ihn ja bereits 
 als gebrochen an, indem er euch zum Kriege auffordert; - 
 im Gegenteil, ihr tretet für den Frieden ein, nachdem er von 
 anderer Seite gebrochen ist. Denn nicht, wer sich wehrt, 
 sondern wer zuerst angreift, ist der Friedensbrecher.

„Habt ihr somit in jeder Beziehung die besten Aussichten 
 für den Krieg, fordern wir alle euch einmütig dazu auf, und 
 ist Gemeinsamkeit der Interessen denn doch die beste Bürg­ 
 schaft wie unter einzelnen so in der Politik, so dürft ihr nicht 
 länger säumen, Potidäa zu Hilfe zu kommen und für die Frei­ 
 heit auch der übrigen Staaten einzutreten. Die Potidäer sind 
 doch Dorier und werden jetzt von Ioniern belagert, während 
 es früher immer umgekehrt war. Unmöglich können wir länger 
 mit ansehen, wie eine Stadt nach der anderen vergewaltigt 
 wird; denn wie heute diese, so kommt morgen jene an die 
 Reihe, sobald bekannt wird, daß wir hier zusammengekommen 
 sind, aber nicht den Mut gefunden haben, den Degen zu ziehen. 
 Darum, teure Bundesgenossen, glaubt uns, es ist die höchste 
 Zeit, und wir reden zu eurem Besten. Stimmt also für den 
 Krieg und laßt euch durch die damit verbundenen Beshcwerden 
 nicht abschrecken. Denn erst durch den Krieg gelangt man zu 
 einem dauerhaften Frieden, und es bringt größere Gefahr, 
 
 ihn um des lieben Friedens willen zu vermeiden. Unzweifel­ 
 haft will diese Stadt, die sich in Griechenland zum Herrn 
 aufgeworfen hat, ihre Herrschaft über das ganze Land aus­ 
 dehnen. Wie sie sich die einen schon unterworfen hat, so wird 
 sie es alsbald auch mit den anderen machen. Darum wollen 
 wir sie unverzüglich angreifen und zu Boden werfen, um künftig 
 nicht nur selbst vor ihr sicher zu sein, sondern auch um unsere 
 jetzt unter ihrem Joch schmachtenden Brüder zu befreien." 
 So die Korinther.

Nachdem sie alle angehört, ließen die Lakedämonier die 
 Bundesgenossen, so viel ihrer da waren, ohne Unterschied 
 zwischen größeren und kleineren Staaten, der Reihe nach ab­ 
 stimmen, und die große Mehrheit stimmte für den Krieg. So­ 
 gleich ausführbar freilich war der Beschluß denn doch nicht, 
 weil man auf einen Feldzug nicht genügend vorbereitet war. 
 Indes wurde beschlossen, jeder Staat solle die nötigen Vor­ 
 bereitungen treffen und sich damit möglichst beeilen. Dennohc 
 verging darüber längere Zeit, wenn auch nicht ganz ein Jahr, 
 bis es zum Einfall nach Attika und damit zum offenen Aus­ 
 bruch des Krieges kam.

In der Zwischenzeit schickten die Lakedämonier wieder­ 
 holt Gesandte nach Athen, um dort allerlei Beschwerden zu 
 erheben, damit sie, wenn sie erfolglos blieben, um so besseren 
 Vorwand zum Kriege hätten. Das erstemal ließen sie die 
 Athener aufforden, den Frevel gegen die Göttin zu sühnen. 
 Mit diesem Frevel aber hing es so zusammen. 
 Vorzeiten lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein angesehener 
 Mann aus vornehmem Hause, der in Olympia gesiegt und eine 
 Tochter des Tyrannen Theagenes in Megara zur Frau hatte. 
 Dieser Kylon erhielt auf eine Anfrage beim delphischen Orakel 
 vom Gotte die Antwort, er solle sich am größten Feste des 
 Zeus der Burg von Athen bemächtigen. Mit Hilfe einer Hand­ 
 voll Bewaffneter, die ihm Theagenes geschickt, und im Verein 
 mit seinen Anhängern bemächtigte er sich denn auch in der 
 Absicht, sich zum Tyrannen zu machen, der Burg zu der Zeit, 
 wo im Peloponnes die olympischen Spiele gehalten wurden. 
 
 Er nahm nämlich an, daS wäre das größte Fest des Zeus, 
 und er zumal als Sieger in Olympia dürfe die Sache so an­ 
 sehen. Ob aber dabei nicht etwa das größte Fest in Attika 
 oder sonstwo gemeint gewesen war, daran hatte er nicht ge­ 
 dacht, und auch das Orakel hatte sich darüber nicht ausge­ 
 sprochen. In Athen nämlich gibt es auch ein Fest, die Diasia, 
 das man das größte Fest des Zeus Meilichios nennt und 
 außerhalb der Stadt feiert, an dem alle Welt opfert, viele 
 freilich keine Opfertiere, sondern nur die landesüblichen Opfer­ 
 kuchen. Er glaubte das Orakel eben richtig verstanden zu 
 haben und führte sein Vorhaben aus. Kaum aber war das 
 in Athen ruchbar geworden, als die Athener von den Feldern 
 in hellen Haufen zusammenströmten, vor die Burg rückten und 
 ihn und seine Anhänger darin belagerten. Als es ihnen mit 
 der Belagerung dann aber doch zu lange dauerte, verlief sich 
 die Menge, und man überließ die Bewachung der Burg und 
 alle weiter erforderlichen Anordnungen den neun Archonten 
 nach eigenem Ermessen. Damals nämlich lag das Stadtregiment 
 so gut wie ganz in den Händen der neun Archonten. Kylon 
 aber und seine Leidensgefährten gerieten infolge der Belage­ 
 rung in große Not, da sie nichts mehr zu essen und zu trinken 
 hatten. Ihm selbst und seinem Bruder freilich gelang es, zu 
 entkommen. Die übrigen aber, soweit sie nicht bereits Hungers 
 gestorben waren, setzten sich in der Verzweiflung auf den Burg­ 
 altar. Als die Athener, welche die Wache hatten, sahen, daß 
 sie hier an geweihter Stätte sterben würden, sicherten sie ihnen 
 freies Geleit zu und führten sie hinaus, töteten sie aber hinterher 
 dann doch. Einige, die sich unterwegs' auf die Altäre der 
 hehren Göttinnen gesetzt hatten, wurden ebenfalls von ihnen 
 umgebracht. Seitdem galten diese Leute und ihre Nachkommen 
 als ein fluchbeladenes Geschlecht und als Frevler gegen die 
 Göttin. Die Athener aber vertrieben dies fluchbeladene Ge-E 
 schlecht, und später wurde es von dem Lakedämonier Kleomenes 
 und der in den Verfassungskämpfen in Athen ans Ruder ge­ 
 langten Partei abermals vertrieben, wobei diesmal nicht nur 
 die Lebenden auSgetrieben, sondern auch die Gebeine der Toten 
 
 ausgegraben und in alle Winde zerstreut wurden. NachmalS 
 kehrte es dann freilich doch zurück, und es findet sich in seinen 
 Nachkommen noch heute in der Stadt.

Diesen Frevel zu sühnen, verlangten die Lakedämonier 
 also von den Athenern, angeblich, um die Götter zu versöhnen, 
 in Wahrheit aber, weil sie wußten, daß Perikles, der Sohn 
 des Xanthippos, durch seine Mutter mit jenem Geschlechte 
 verwandt war, und sie nach dessen Vertreibung mit den Athe­ 
 nern leichter fertig zu werden dachten. Und wenn sie auch 
 nicht grade darauf rechneten, daß es wirklich dazu kommen l 
 würde, so durften sie immerhin hoffen, seine Stellung in der 
 Stadt würde darunter leiden, wenn es hieße, daß es doch mit 
 um dieser Verwandtschaft wegen zum Kriege komme. Denn 
 Perikles war zu der Zeit der mächtigste Mann und, solange 
 er an der Spitze stand, stets ein Gegner der Lakedämonier. 
 Von Nachgiebigkeit gegen sie wollte er nichts wissen, sondern 
 die Athener zum Kriege treiben.

Demgegenüber verlangten die Athener aber auch von 
 den Lakedämoniern, sie sollten den Frevel von Tainaron sühnen. 
 Die Lakedämonier hatten nämlich früher mal Heloten, welche 
 in dem Poseidontempel zu Tainaron Schutz gesucht, von dort 
 abgeführt und getötet, und daS war auch nach ihrer eigenen 
 Meinung die Ursache des großen Erdbebens in Sparta gewesen. 
 Außerdem aber verlangten sie von ihnen die Sühne des Frevels 
 gegen die Chalkioikos. Damit aber hatte es folgende Bewandt­ 
 nis. Nachdem der Lakedämonier Pausanias von den Spar­ 
 tanern das erstemal vom Oberbefehl am Hellespont ab­ 
 berufen und in Untersuchung gezogen, aber freigesprochen war, 
 wurde er von Staats wegen nicht wieder hinausgeschickt. Da­ 
 gegen nahm er auf eigene Hand eine hermionische Triere und 
 fuhr damit ohne Auftrag der Lakedämonier nach dem Hellespont, 
 angeblich, um mit für die Griechen zu fechten, in der Tat aber, 
 um dort die Geschäfte des Perserkönigs zu betreiben, wie er 
 das früher auch schon getan hatte, weil er selbst König von 
 Griechenland werden wollte. Eine Aufmerksamkeit, die er dem 
 König erwies, war der erste Schritt gewesen, um mit ihm 
 
 anzuknüpfen. Bei der Einnahme von Byzanz, damals bei seiner 
 ersten Anwesenheit dort nach dem Abzüge von Cypern, waren 
 unter der persischen Besatzung der Stadt auch mehrere nahe 
 Verwandte des Königs in seine Hand gefallen. Diese schickte 
 er, ohne daß die übrigen Bundesgenossen darum wußten, dem 
 König heimlich zurück, indem er vorgab, sie seien ihm entflohen. 
 Er bediente sich dazu der Hilfe des Eretriers Gongylos, dem 
 er die Stadt Byzanz und die Gefangenen anvertraut hatte. 
 Auch gab er Gongylos einen Brief an den König mit, in 
 dem er ihm, wie sich das später herausstellte, folgendes ge­ 
 schrieben hatte: „Ich, Pausanias, Spartas Oberfeldherr, will 
 Dir eine Freude machen und schicke Dir deshalb diese meine 
 Kriegsgefangenen. Sofern es auch Dir genehm ist, bin 
 ich bereit, Deine Tochter zu heiraten und Sparta und ganz 
 Griechenland unter Deine Herrschaft zu bringen. Dazu glaube 
 ich im Bunde mit Dir imstande zu sein. Bist Du geneigt, 
 darauf einzugehen, so schicke mir einen zuverlässigen Mann 
 an die See, durch den wir weiter miteinander verhandeln 
 können."

So viel ergab sich aus dem Briefe. Xerxes aber war 
 über den Brief sehr erfreut und schickte Artabazos, Pharnakes' 
 Sohn, an die See, den er zugleich an Stelle deS Megabates, 
 des bisherigen Statthalters der Satrapie Daskylion, zu dessen 
 Nachfolger ernannte. Auch befahl er ihm, ein ihm für Pau­ 
 sanias mitgegebenes Antwortschreiben diesem unter Hinweis 
 auf das Siegel schleunigst zustellen zu lassen und alle in An­ 
 gelegenheiten des Königs ihm von Pausanias erteilten Befehle 
 pünktlich zu befolgen. An seinem Bestimmungsorte angelangt, 
 übersandte Artabazos den ihm erteilten Befehlen gemäß auch 
 das Schreiben an Pausanias. Die Antwort lautete: „König 
 Xerxes erwidert dem Pausanias folgendes: Der gute Dienst, 
 den Du mir dadurch erwiesen, daß Du mir die Männer wohl­ 
 behalten von drüben aus Byzanz zurückgesandt hast, soll Dir in 
 unserem Hause für immer angeschrieben sein; auch bin ich mit 
 Deinen Vorschlägen völlig einverstanden. Laß Dich Tag und 
 Nacht nicht abhalten, Deinen mir angedeuteten Plan weiter 
 zu verfolgen. An Gold und Silber und allem, was Du an 
 
 Truppen dazu etwa bedarfst, soll es Dir nickt fehlen. Ich 
 habe Dir Artabazos, einen zuverlässigen Mann, geschickt; ihm 
 kannst Du trauen und mit ihm alles Weitere verabreden, wie 
 es meinen und Deinen Interessen entspricht."

Pausanias, der schon vorher als Oberbefehlshaber bei 
 Platää als großer Herr aufgetreten war, überhob sich nach 
 Empfang dieses Schreibens erst recht; er meinte schon nicht 
 mehr nach Landessitte leben zu können, legte persische Kleidung 
 an, umgab sich nach dem Aufbruch von Byzanz auf dem Wege 
 durch Thrakien mit einer aus Persern und Ägyptern bestehenden 
 Leibwache, richtete seine Tafel persisch ein und vermochte auS 
 seiner Gesinnung so wenig Hehl zu machen, daß er schon da­ 
 mals im kleinen verriet, wie er es später im großen treiben 
 würde. Nicht leicht erhielt man Zutritt bei ihm, und sein 
 hochfahrendes Benehmen gegen jedermann ohne Unterschied 
 machte jeden Verkehr mit ihm unmöglich. Hauptsächlich da­ 
 durch wurden ja auch die Bundesgenossen den Athenern in 
 die Arme getrieben.

Eben darum hatten ihn auch die Lakedämonier, als sie 
 davon gehört, schon das erstemal abberufen, und diesmal, wo 
 er ohne ihr Geheiß mit dem hermionischen Schiffe ausgefahren 
 war, machte er es anscheinend wieder ebenso. Als ihm die 
 Athener in Byzanz den Stuhl vor die Tür gesetzt hatten, war 
 er nicht nach Sparta zurückgekehrt, sondern hatte sich nach 
 Kolonai in Troas begeben und dem Vernehmen nach mit den 
 Persern eingelassen, so daß man sich von seinem längeren 
 Aufenthalt dort nichts Gutes versprechen konnte. Das wurde 
 den Lakedämoniern schließlich doch zu viel, und die Ephoren 
 schickten ihm einen Herold mit einem Bandschreiben und dem 
 Befehl, im Geleit des Heroldes sofort zurückzukommen, widrigen­ 
 falls ihm Sparta damit den Krieg erkläre. Er aber kehrte, 
 um sich nicht noch verdächtiger zu machen, und in der Hoff­ 
 nung, sich mit Geld aus der Schlinge ziehen zu können, zum 
 zweitenmal nach Sparta zurück. Hier ließen die Ephoren ihn 
 zunächst gefangennehmen, wozu sie auch den Königen gegenüber 
 befugt sind; nachher aber setzte er dann doch seine Freilassung 
 
 durch, indem er sich bereit erklärte, sich jedem, der ihm etwas 
 beweisen wolle, vor Gericht zu stellen.

Auch hatten die Spartaner, weder die Regierung noch 
 seine Feinde, keine genügenden Beweise in Händen, um einen 
 Mann aus königlichem Hause, der zudem eben jetzt die höchste 
 Würde bekleidete, zur Strafe ziehen zu können. Pausanias 
 war nämlich ein Vetter und als solcher Vormund des noch 
 minderjährigen Königs Pleistoanax, des Sohnes des Leonidas. 
 Immerhin hatte er sich durch Verstoß gegen die heimische Sitte 
 und die Annahme persischer Lebensweise in hohem Grade ver­ 
 dächtig gemacht, daß er sich gegen die bestehende Ordnung 
 auflehnen wolle, und man sah sich deshalb danach um, was 
 er sich in dieser Beziehung etwa noch weiter habe zuschulden 
 kommen lassen. So hatte er sich schon früher herausgenommen, 
 auf den Dreifuß, den die Griechen von der Perserbeute nach Delphi 
 gestiftet hatten, eigenmächtig folgende Inschrift zu setzen: 
 Weil er als Führer der Griechen die Heere der Meder vernichtet, 
 Weihte Pausanias dir, Phoibos, dieses Geschenk. 
 Diese Verse hatten die Lakedämonier auf dem Dreifuß damals 
 gleich wieder beseitigen lassen und statt dessen die Namen der 
 Städte daraus angebracht, von denen das Weihgeschenk nach 
 ihrem gemeinsamen Siege über die Perser gestiftet worden war. 
 Hatte man das Pausanias immer schon verdacht, so machte 
 sein jetziges Gebaren eS vollends wahrscheinlich, daß er schon 
 damals ähnliche Pläne gehabt habe. Weiter hieß es, er habe 
 sich auch mit den Heloten eingelassen, und das war auch an 
 dem; denn er hatte ihnen Freiheit und Bürgerrecht versprochen, 
 falls sie sich auch empören und gemeinschaftliche Sache mit ihm 
 machen würden. Aber wenn auch Aussagen einiger Heloten 
 gegen ihn vorlagen, konnte man sich nach dem in Sparta stets 
 befolgten Grundsatze, niemals übereilt und ohne die unzwei­ 
 deutigsten Beweise einen Spartiaten scharf anzufassen, noch 
 immer nicht zu einem auffallenden Schritt gegen ihn ent­ 
 schließen, bis dann ja, wie es heißt, der Bote, welcher dem 
 Artabazos seinen letzten Brief an den König überbringen sollte, 
 ein junger Mensch aus Argylos, der früher mal sein Lieb­ 
 
 ling und ihm bis dahin treu ergeben gewesen war, ihn an 
 die Ephoren verriet. Dem war es aufgefallen, daß von den 
 früheren Boten keiner wieder zurückgekommen war. Daraus 
 hatte er Verdacht geschöpft und den Brief geöffnet, nachdem 
 er vorher das Siegel nachgemacht, um sich nicht zu verraten, 
 falls er einen falschen Verdacht gehabt haben sollte oder 
 Pausanias, um etwas in dem Briefe zu ändern, ihn zurück- 
 fordern würde. Und wie er etwas derart vermutet, stand auch 
 wirklich darin, man solle ihn töten.

Als er den Brief den Ephoren gezeigt, waren diese im 
 Grunde von der Schuld des Pausanias schon überzeugt, wünschten 
 aber aus dessen eigenem Munde zunächst auch selbst etwas zu 
 hören. Auf ihre Veranlassung begab sich der Mensch als 
 Schutzflehender nach Tainaron, ließ sich dort eine Hütte mit 
 einer Scheidewand darin bauen und ein paar Ephoren sich da­ 
 hinter verstecken. Und hier konnten sie nun, als Pausanias 
 ihn dort aufsuchte und nach dem Grunde seiner Flucht fragte, 
 alles deutlich mit anhören. Wie der Mensch ihm vorhielt, was 
 er seinetwegen in den Brief geschrieben, und alles Punkt für 
 Punkt mit ihm durchging, - daß er ihn, wo immer er sich 
 in den Verhandlungen mit dem Könige seiner Hilfe bedient, 
 niemals bloßgestellt oder in Ungelegenheit gebracht habe und 
 nun zum Lohn dafür wie alle seine anderen Boten obendrein 
 die Ehre haben solle, getötet zu werden, - und wie Pausanias 
 das alles zugab und ihn bat, ihm deshalb jetzt nicht weiter böse 
 zu sein, auch sich dafür verbürgte, daß er sich ohne Gefahr 
 aus dem Heiligtum entfernen könne, und ihn schließlich auf­ 
 forderte, schleunigst abzureisen, damit die Verhandlungen nicht 
 ins Stocken kämen.

Nachdem die Ephoren das alles mit angehört hatten und 
 nunmehr von seiner Schuld völlig überzeugt waren, kehrten sie 
 in die Stadt zurück, um ihn dort verhaften zu lassen. Allein, 
 heißt es,, als man ihn auf der Straße hätte festnehmen wollen 
 und er dabei einem der auf ihn zukommenden Ephoren die 
 Absicht auf dem Gesicht angesehen, auch von einem anderen 
 einen wohlgemeinten Wink erhalten habe, sei er ihnen ent­ 
 
 sprungen und in das in der Nähe befindliche Heiligtum der 
 Chalkioikos geflohen, wo er sich, um nicht unter freiem Himmel 
 den Unbilden der Witterung ausgesetzt zu sein, in ein zum 
 Tempel gehöriges kleines Haus zurückgezogen und ruhig zu­ 
 gegeben habe. Die Ephoren waren diesmal allerdings zu spät 
 gekommen. Hernach aber ließen sie das Dach und die Türen 
 des Hauses abnehmen und ihn, nachdem sie aufgepaßt, daß er 
 wirklich drin war, darin einmauern. Darauf stellten sie Wachen 
 um das Haus, um ihn auszuhungern. Als sie merkten, daß 
 es mit ihm zu Ende ging, brachten sie ihn, eben noch lebend, 
 aus dem Bereich des Tempels ins Freie, wo er gleich darauf 
 verschied. Anfangs wollten sie ihn wie andere Verbrecher in 
 den Kaiadischen Schlund werfen, dann aber ließen sie ihn doch 
 irgendwo in der Nähe begraben. Später gebot der delphische 
 Gott den Lakedämoniern, das Grab an die Stelle zu verlegen, 
 wo er gestorben war - und wo er noch jetzt, wie eine In­ 
 schrift an den Säulen zeigt, im Vorhofe des Tempels liegt 
 auch wegen des Frevels, dessen sie sich durch die Tat schuldig 
 gemacht, der Chalkioikos für ein Mannsbild zwei wiederzu­ 
 geben. Sie ließen denn auch zwei eherne Standbilder an­ 
 fertigen und für Pausanias dort auftsellen.

Die Sühne dieses Frevels, wofür ihn ja auch der Gott 
 selbst erklärt habe, verlangten die Athener also jetzt ihrerseits 
 von den Lakedämoniern. Nach dem Tode des Pausanias 
 schickten die Lakedämonier Gesandte nach Athen, um auch 
 Themistokles zu beschuldigen, daß er sich, wie sich das in der 
 Untersuchung gegen Pausanias herausgestellt, so gut wie dieser 
 mit den Persern eingelassen habe, und verlangten, daß er dafür 
 ebenso bestraft würde, wozu sich die Athener auch bereit er­ 
 klärten. Themistokles aber war bereits durch den Ostrakismos 
 verbannt und befand sich damals in Argos oder doch auf Reisen 
 im Peloponnes. Sie sandten deshalb in Gemeinschaft mit 
 den Lakedämoniern, die dazu gern die Hand boten, Häscher 
 gegen ihn aus mit dem Befehl, wo immer sie ihn anträfen, 
 sich seiner zu bemächtigen.

Themistokles aber erhielt davon rechtzeitig Wind und 
 
 entfloh auS dem Peloponnes zu den Kerkyräern, deren alter 
 Gönner er war, und als die ihm erklärten, sie könnten ihn 
 nicht bei sich behalten, weil sie fürchten müßten, sich dadurch 
 die Feindschaft der Lakedämonier und der Athener zuzuziehen, 
 ließ er sich von ihnen nach dem benachbarten Festlande über­ 
 setzen. Allein die Häscher blieben ihm auf der Spur und ver­ 
 folgten ihn auch dahin, und nun wurde er durch einen un­ 
 glücklichen Zufall genötigt, grade bei seinem Feinde, dem 
 Molosserkönig Admetos, einzukehren. AdmetoS selbst war augen­ 
 blicklich nicht zu Hause, seine Gemahlin aber nahm ihn in 
 ihren Schutz und riet ihm, ihr und AdmetoS' kleines Söhnlein 
 auf den Arm zu nehmen und sich mit ihm auf den Herd zu 
 setzen. AlS Admetos bald darauf nach Hause kam, gab Themi­ 
 stokleS sich ihm zu erkennen und bat ihn, wenn er auch damals, 
 alS er sich um Hilfe nach Athen gewandt, gegen ihn gesprochen 
 habe, ihn daS jetzt nicht entgelten zu lassen. ES würde seiner 
 unwürdig sein, sich hier, wo er wehrlos sei, an ihm zu rächen; 
 ein edler Mann greife nicht zum Schwerte, wo sein Gegner 
 nicht in der Lage sei, ihm mit gleicher Waffe zu begegnen. 
 Auch habe eS sich damals, wo er gegen ihn aufgetreten sei, 
 ja nur um eine Kleinigkeit und nicht um Leben und Tod ge­ 
 handelt; er aber müsse, wenn er ihn jetzt ausliefere, alle Hoff­ 
 nung schwinden lassen, mit dem Leben davonzukommen. Und 
 nun teilte er ihm mit, von wem und weswegen er verfolgt 
 würde.

Hierauf hieß AdmetoS ihn vom Herde aufstehen mit 
 feinem Sohne, den er als daS wirksamste Mittel, sich seinem 
 Schutze zu empfehlen, noch immer auf dem Arme hatte. Und 
 alS bald nachher die Lakedämonier und Athener kamen und 
 ihm gewaltig in den Ohren lagen, lieferte er ihn ihnen nicht 
 auS, sondern ließ ihn, weil er zum Könige wollte, über Land 
 an die andere Küste nach Pydna, der Hauptstadt Alexanders, 
 geleiten. Hier traf er ein Lastschiff, daS grade nach Jonien 
 abgehen wollte, auf welchem er sich einschiffte, mit dem er 
 dann aber an die athenische Flotte vor NaxoS verschlagen 
 wurde. Bis dahin wußte niemand an Bord, wer er war. 
 
 Jetzt aber in seiner Besorgnis teilte er dem Schiffer mit, wer 
 er wäre und weshalb er verfolgt werde. Zugleich drohte er 
 ihm, wenn er ihm nicht durchhülfe, würde er sagen, er habe 
 sich bestechen lassen, ihn mitzunehmen. Seine Sicherheit er­ 
 fordere, daß niemand das Schiff verließe, bevor es weiterführe. 
 Würde er ihm aber zu Willen sein, so solle er zum Dank 
 auch eine gute Belohnung haben. Der Schiffer ging auch 
 darauf ein, blieb vierundzwanzig Stunden außer Bereich ders 
 Flotte in offener See vor Anker liegen und kam nahcher glück­ 
 lich in Ephesos an. Zum Dank aber machte ihm Themistokles 
 ein ansehnliches Geldgeschenk. Inzwischen hatte er nämlich 
 von seinen Freunden aus Athen und Argos sein dort hinter­ 
 legtes Geld erhalten. Mit einem Perser aus dem Westen des 
 Reiches machte er sich alsdann auf die Reise inS Innere und 
 richtete unterwegs an König Artaxerxes, den kürzlich zur Re­ 
 gierung gelangten Sohn des Xerxes, ein Schreiben, das also 
 lautete: „Ich, Themistokles, komme jetzt hier zu Dir. Ich habe 
 eurem Hause mehr Schaden zugefügt als irgendein Grieche, 
 solange ich mich gegen die Angriffe Deines Vaters wehren 
 mußte, ihm aber noch weit mehr Gutes getan, sobald ich nichts 
 mehr von ihm zu befürchten, er aber die Gefahren des Rück­ 
 zugs zu bestehen hatte, und dadurch habe ich Anspruch auf 
 Dank erworben." - Hier berief er sich darauf, daß er den 
 Rat zum Rückzüge von Salamis gegeben und den Abbruch der 
 Brücke verhindert habe, ein Verdienst, das er sich freilich ohne 
 Grund zuschrieb. - „Auch jetzt noch bin ich imstande, Dir 
 gute Dienste zu leisten, und zu Dir gekommen, weil man mich 
 in Griechenland als Deinen Freund verfolgt. Nach Jahres­ 
 frist sollst Du von mir selbst hören, waS mich hergeführt hat."

Der König, sagt man, war darüber sehr erfreut und 
 forderte ihn auf, seine Absicht auszuführen. Er aber benutzte 
 die Zwischenzeit, um möglichst gut Persisch zu lernen und sich 
 über die Verhältnisse des Landes zu unterrichten. Als er sich 
 dann nach Ablauf des Jahres am Hoflager des Königs ein­ 
 gefunden, gewann er bei ihm alsbald eine Stellung, wie sie 
 außer ihm noch nie ein Grieche eingenommen hatte, teils in­ 
 
 folge seines alten Ruhmes, teils weil er ihm Hoffnung auf 
 die Unterwerfung Griechenlands machte, vor allen Dingen aber, 
 weil er ihn als einen ungewöhnlich klugen Mann erkannte. 
 Denn Themistokles war in der Tat ein Genie ersten Ranges 
 und verdient in dieser Beziehung unsere höchste Bewunderung. 
 Gelernt hatte er nichts und das auch später nicht nachgeholt, 
 aber mit angeborenem Verstand traf er in jedem Augenblick 
 nach kurzer Überlegung den Nagel auf den Kopf, und ebenso 
 ging sein Urteil über das, was die Zukunft bringen würde, 
 kaum jemals fehl. Was er auch in die Hand nahm, stetS 
 stand ihm dabei das rechte Wort zu Gebote, und selbst in 
 Dingen, bei denen er nicht hergekommen war, wußte er sich 
 sogleich zurechtzufinden, wie er denn auch dem unscheinbarsten 
 Wölkchen am politischen Horizont gleich ansah, ob Gutes oder 
 Böses dahintersteckte; kurzum, er war ein Mann, der durch 
 natürliche Begabung und Geistesgegenwart in den obwaltenden 
 Schwierigkeiten immer das Beste traf. Er starb an einer 
 Krankheit. Manche sagen allerdings, er habe sich selbst durch 
 Gift das Leben genommen, weil er sich von der Unmöglichkeit 
 überzeugt, dem Könige sein Versprechen zu erfüllen. Auf dem 
 Markte zu Magnesia in Asien steht sein Denkmal; denn dort 
 im Lande war er Statthalter. Der König hatte ihm nämlich 
 Magnesia, das jährlich fünfzig Talente einbrachte, zu Brot ge­ 
 geben, das damals durch seinen Weinbau berühmte Lampsakos 
 zu Wein und Myus zu Gemüse. Seine Gebeine sind, wie 
 seine Angehörigen behaupten, auf seinen Wunsch später in die 
 Heimat gebracht und in Attika beerdigt, aber ohne daß die 
 Athener etwas davon erfuhren; denn da er wegen Hochverrats 
 verbannt war, durfte er dort nicht begraben werden. So 
 endeten die ihrer Zeit berühmtesten Männer Griechenlands, der 
 Lakedämonier Pausanias und der Athener Themistokles.

So viel über die erste Gesandtschaft der Lakedämonier 
 und was sie dabei in betreff der Sühne des Frevels von den 
 Athenern und diese demgegenüber von ihnen verlangt hatten. 
 Nachher schickten sie dann noch mehrfach Gesandte nach Athen 
 und verlangten die Aufhebung der Belagerung von Potidäa 
 
 und die Anerkennung der Unabhängigkeit Hginas, namentlich 
 aber auch, und zwar auf das bestimmteste, solle es nicht zum 
 Kriege kommen, so müsse der Beschluß zurückgenommen werden, 
 wonach die Megarer von den Häfen des athenischen Macht­ 
 bereichs und vom attischen Markte ausgeschlossen waren. Die 
 Athener gingen jedoch auf alle diese Forderungen nicht ein, 
 hoben insbesondere den Beschluß nicht auf, beschwerten sich 
 vielmehr ihrerseits darüber, daß die Megarer das Heilige Feld 
 und die streitige Grenzflur bestellt und ihre entlaufenen Sklaven 
 bei sich aufgenommen hätten. Zuletzt erschienen dann noch 
 Rhamphias, Melanippos und Agesandros als Gesandte aus 
 Lakedämon, beschränkten sich aber, ohne auf» die anderen, 
 früher erörterten Punkte zurückzukommen, einfach auf folgende 
 Erklärung: „Lakedämon will den Frieden, und den könnt ihr 
 haben, wenn ihr die Unabhängigkeit der Griechen anerkennt." 
 Nachdem die Athener in einer zu dem Ende berufenen Ver­ 
 sammlung hierüber unter sich verhandelt hatten, wurde be­ 
 schlossen, die Sache nunmehr ein für allemal abzumachen und 
 den Lakedämoniern eine endgültige Antwort zu erteilen. Unter 
 den zahlreichen Rednern, welche hierauf in der Versammlung 
 auftraten, waren die Ansichten geteilt, die einen waren für den 
 Krieg, während andere meinten, jener Beschluß dürfe den 
 Frieden nicht hindern und müsse aufgehoben werden. Da aber 
 trat auch Perikles auf, der Sohn des Xanthippos, derzeit der 
 erste Mann in Athen, gleich groß als Redner wie als Staats­ 
 mann, und redete sie also an:

„Ich bin nach wie vor der Ansicht, Athener, daß wir den 
 Peloponnesiern nicht nachgeben dürfen, wenn ich auch weiß, 
 daß man den Krieg leichter beschließt als durchführt, und daß 
 mit dem Wechsel des Kriegsglücks auch die Stimmung zu 
 wechseln pflegt. Aber auch jetzt kann ich euch nichts Besseres 
 raten und bin gewiß, daß meine Freunde hier, wenn ihr ihn 
 beschließt, mannhaft dafür eintreten, sollte uns das Glück auch 
 mal im Stich lassen, wie sie es ja auch nicht ihrer Klugheit 
 zuschreiben werden, wenn es uns lächelt. Denn das Glück ist so 
 unberechenbar wie die Gedanken deS Menshcen, weshalb wir 
 
 ja auch ein unverhofftes Mißgeschick dem Zufall in die Schuhe 
 zu schieben pflegen. Offenbar führen die Lakedämonier schon 
 lange Böses gegen uns im Schilde und vollends jetzt. Streitig­ 
 keiten unter uns sollten ja doch vor ein Schiedsgericht gebracht 
 werden und beide Teile sich dessen Ausspruch unterwerfen. 
 Sie aber haben nie ein Schiedsgericht verlangt, gehen auch 
 nicht darauf ein, wenn wir eins begehren, weil sie die Streitig­ 
 keiten lieber durch Waffengewalt als in Güte entschieden sehen 
 wollen. Und jetzt treten sie hier schon nicht mehr als Beshcwerde­ 
 führer, sondern als Befehlende auf; befehlen sie uns doch, von 
 Potidäa abzuziehen, die Unabhängigkeit Aginas anzuerkennen 
 und den Beschluß wegen Megaras aufzuheben, und zu guter 
 Letzt kommen nun noch gar diese Herren hier und verlangen, 
 daß wir die Unabhängigkeit der Griechen anerkennen sollen. 
 Glaubt nicht, daß es einer Kleinigkeit wegen zum Kriege kommt, 
 wenn wir den Beschluß wegen Megaras nicht aufheben; mögen 
 sie noch so viel sagen, wenn wir ihn aufhöben, würde es nicht 
 zum Kriege kommen. Nein, ihr braucht euch keine Gewissens­ 
 bisse zu machen, einer Kleinigkeit wegen Krieg angefangen zu 
 haben. Diese Kleinigkeit ist nur die Kraftprobe, waS man 
 euch bieten kann. Gebt ihr ihnen hierin nach, so werden sie 
 gleich noch mehr von euch verlangen, überzeugt, daß ihr auch 
 diesmal nur auS Furcht nachgegeben habt. Zeigt ihr ihnen 
 aber die Zähne, so werden sie sich schon merken, daß ihr nicht 
 die Leute seid, euch von ihnen befehlen zu lassen.

„Überlegt euch also, ob ihr klein beigeben wollt, ehe ihr 
 zu Schaden kommt, oder ob wir, was ich für das beste halte, 
 Krieg führen und, mögen sie viel oder wenig fordern, unter 
 keinen Umständen nachgeben und unseren Besitz furchtlos be­ 
 haupten wollen. Denn jede Forderung, ob groß oder klein, 
 die man gegen seinesgleichen ohne Urteil und Recht durchsetzt, 
 bedeutet Knechtschaft. Daß wir ihnen mit unseren Streitkräften 
 und Hilfsmitteln gewahcsen sind, werde ich euch jetzt im ein­ 
 zelnen auseinandersetzen. Hört zu. Die Peloponnesier sind 
 Bauern, die von ihrer Hände Arbeit leben; Geld haben sie 
 nicht, weder der einzelne noch der Staat. Auf lange, über­ 
 
 seeische Kriege verstehen sie sich nicht, da sie ihrer Armut wegen 
 untereinander immer nur kurze Kriege führen. Flotten aus­ 
 rüsten können sie nicht und ebensowenig öfter mit Heeren ins 
 Feld ziehen, weil sie sich dabei von Haus und Hof entfernen 
 und auf eigene Kosten leben müssen und ihnen noch dazu die 
 See verschlossen ist. Auch hält man einen Krieg leichter durch, 
 wenn man einen vollen Staatsschatz hat und keine Steuer­ 
 schraube dazu anzusetzen braucht. Der Bauer setzt im Kriege 
 lieber seine Person ein als sein Geld, weil er darauf rechnet, 
 selbst allenfalls mit heiler Haut davonzukommen, während er 
 darauf gefaßt sein muß, sein Hab und Gut im Laufe deS 
 Krieges draufgehen zu sehen, zumal wenn der Krieg, wie dies­ 
 mal doch wahrscheinlich, sich über Erwarten in die Länge zieht. 
 In einer einzelnen Schlacht können es die Peloponnesier und 
 ihre Verbündeten mit ganz Griechenland aufnehmen, einen 
 Krieg aber gegen einen besser gerüsteten Gegner vermögen sie 
 nicht zu führen, solange sie keine einheitliche BundeSgewalt 
 haben und deshalb zu rashcem Handeln unfähig sind; denn 
 bei gleichem Stimmrecht und Stammesverschiedenheit, wobei 
 jeder nur seine besonderen Interessen im Auge hat, kommt so 
 leicht nichts Zweckdienliches zustande. Da will der eine diesem 
 oder jenem zu Leibe gehen, der andere selbst nur möglichst 
 ungeschoren bleiben. Auf ihren Tagsatzungen, wenn es wirklich 
 mal dazu kommt, ist wohl hin und wieder auch von gemein­ 
 samen Aufgaben des Bundes die Rede, zumeist aber handelt 
 eS sich auch hier nur um Angelegenheiten und Sonderinteressen 
 der Einzelstaaten. Jeder glaubt, es werde auch wohl ohne ihn 
 gehen oder ein anderer werde die Sache für ihn schon mit­ 
 besorgen, und eben weil das alle glauben, merken sie nicht, 
 daß aus der Sache überhaupt nichts wird.

„Das Wichtigste aber ist, daß ihnen der Mangel an Geld 
 stets die Hände binden wird, solange sie sich so wenig beeilen, 
 sich damit zu rechter Zeit zu versehen. Die Gelegenheiten im 
 Kriege warten nicht. Auch vor ihren Trutzwerken und Flotten 
 brauchen wir unS nicht zu fürchten. Ein Trutz-Athen zu bauen, 
 würde ihnen schon im Frieden schwer werden, und nun gar 
 
 in Feindesland, und wo auch wir unsere Grenzfestungen gegen 
 sie haben. Sollten sie wirklich irgendeinen kleineren Platz 
 befestigen, so könnten sie uns freilich von dort einen einzelnen 
 Landesteil durch Streifzüge verheeren und unsere Leute zum 
 Ausreißen verlocken, uns aber dadurch nicht hindern, ihnen 
 zu Schiff ins Land zu fallen, um dort auch Festungen anzu­ 
 legen und sie mit unserer überlegenen Flotte zu bekämpfen. 
 Wir haben im Seekriege mehr für den Landkrieg gelernt als 
 sie in ihren Festtandskriegen für den Krieg zur See. Und 
 so leicht werden sie es-nicht dahinbringen, auch tüchtige See­ 
 leute zu werden. Sind wir doch selbst hier in Athen, wo 
 man sich schon seit den Perserkriegen auf die See geworfen 
 hat, in dieser Beziehung immer noch in den Lehrjahren. Wie 
 sollten denn diese Bauern, diese Landratten, gleich brauchbare 
 Seeleute werden, zumal wenn wir mit unseren vielen Schiffen 
 sie in ihre Häfen einsperren und es ihnen dadurch unmöglich 
 machen, sich im Seedienst zu üben. Möglich, daß sie sich im 
 Vertrauen auf ihre Überzahl mal zu einem Gefecht mit ein 
 paar Blockadeschiffen herauswagen; aber einer großen Flotte 
 gegenüber werden sie sich draußen nicht blicken lassen und 
 deshalb bei dem Mangel an Übung immer Stümper bleiben, 
 darum aber auch keine sonderliche Lust zum Fechten haben. 
 Das Seemannshandwerk ist eine Kunst wie nur eine, die man 
 nicht nur so gelegentlich nebenher treiben kann, sondern auf 
 die man sich mit ganzer Kraft verlegen muß.

„Sollten sie wirklich die Tempelschätze von Olympia und 
 Delphi angreifen und versuchen, uns unser fremdes Schiffs­ 
 volk durch höhere Löhne abwendig zu machen, so wäre daS 
 freilich schlimm, wenn wir nicht unter unseren Bürgern und 
 Schutzverwandten selbst die nötige Mannschaft für unsere Flotte 
 hätten. Aber die haben wir auch, und, was die Hauptsache 
 ist, unsere Steuerleute sind Athener, wie wir denn überhaupt 
 eine zahlreichere und tüchtigere seemännische Bevölkerung haben 
 als das ganze übrige Griechenland. Ja selbst von unserem 
 fremden Schiffsvolk würde sich aus Furcht, heimatlos zu werden, 
 so leicht keiner dazu verstehen, bei sonst schlechten Aussichten 
 
 für ein paar Tage höheren Lohns in ihre Dienste zu treten. 
 So etwa steht es meiner Meinung nach bei den Peloponnesiern. 
 Bei unS aber sind nicht nur die bei ihnen angedeuteten Schwie­ 
 rigkeiten nicht vorhanden, sondern wir befinden uns überhaupt 
 in einer ungleich günstigeren Lage. Kommen sie uns zu Lande, 
 so kommen wir ihnen zu Schiff, und es bedeutet mehr, wenn 
 wir ihnen einen Teil des Peloponnes, als wenn sie uns ganz 
 Attika verwüsten; denn sie haben weiter kein Land, auf das 
 sie greifen könnten, sie müßten es denn erst erobern; wir aber 
 haben auch sonst noch Land die Menge, auf den Inseln sowohl 
 wie auf dem Festlande. Die See ist ein mächtiges Bollwerk. 
 Nehmt mal an, wir wohnten auf einer Insel; wer könnte 
 uns was anhaben? Dem müssen wir jetzt möglichst nahe zu 
 kommen suchen, uns auf die Stadt und die See beschränken, 
 das platte Land aber und unsere Besitzungen dort drangeben 
 und uns ja nicht aus Verdruß darüber zu einer Schlacht mit 
 den uns an Zahl überlegenen Peloponnesiern verleiten lassen; 
 denn wenn wir die auch gewönnen, würden wir es alsbald 
 mit ebensoviel Feinden wieder zu tun haben; würden wir aber 
 geschlagen, so wäre es damit auch um unsere Bundesgenossen, 
 das will sagen, um unsere Machtstellung geschehen; denn die 
 stehen auf, sobald wir sie nicht mehr mit Waffengewalt nieder- 
 halten können. Denken wir also nicht an Häuser und Felder, 
 sondern an uns selbst; denn die sind der Menschen wegen, 
 nicht aber die Menschen ihretwegen da. Ja, wenn ich nur 
 hoffen dürfte, euch dazu zu überreden, so würde ich euch vor­ 
 schlagen, gleich selbst hinauszuziehen und sie zu verwüsten, um 
 den Peloponnesiern zu beweisen, daß sie euch damit nicht unter­ 
 kriegen.

„Nach meiner Überzeugung können wir noch aus manchen 
 anderen Gründen darauf rechnen, als Sieger auS dem Kampfe 
 hervorzugehen, nur dürft ihr nicht zugleich Krieg führen und 
 neue Eroberungen machen wollen und euch dadurch nicht in 
 weitere Gefahren stürzen. Unsere eigenen Fehler fürchte ich 
 nämlich mehr als unsere Feinde. Doch davon ein andermal, 
 wenn es wirklich zum Kriege kommt. Jetzt wollen wir zunächst 
 
 die Gesandten abfertigen und ihnen folgende Antwort mit­ 
 geben : 
 Wir werden den Megarern unseren Markt und unsere Häfen 
 öffnen, wenn auch die Lakedämonier es aufgeben, Athener und 
 deren Bundesgenossen auszuweisen - unzulässig nach dem 
 Vertrage ist eins so wenig wie das andere wir werden 
 auch die Unabhängigkeit der Bundesgenossen anerkennen, so­ 
 fern diese zur Zeit des Friedensschlusses unabhängig gewesen 
 sind, wenn auch die Lakedämonier ihren Städten gestatten, sich 
 nach eigenem Ermessen und nicht nur nach Belieben der Lake­ 
 dämonier zu regieren. Auch sind wir bereit, uns in Gemäß­ 
 heit des Vertrags einer schiedsrihcterlichen Entscheidung zu 
 unterwerfen. Krieg werden wir nicht anfangen, uns aber 
 zur Wehr setzen, wenn man uns angreift/ Das ist eine Ant­ 
 wort, wie sie sich gehört und der Würde unserer Stadt ent­ 
 spricht. Denn so viel kann ich euch sagen, um den Krieg 
 kommen wir nicht herum. Die Feinde aber werden um so 
 weniger darauf erpicht sein, je bereitwilliger wir sind, ihn 
 aufzunehmen. Viel Feind, viel Ehr, daS gilt von Staaten 
 wie von einzelnen. Haben es doch unsere Väter mit den Per­ 
 sern aufgenommen, obgleich sie längst nicht die Mittel hatten 
 wie wir, ja sogar Hab und Gut im Stich lassen mußten und 
 es nicht etwa ihrem Glück und ihrer Macht, sondern allein 
 ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit verdanken, daß sie die 
 Fremden besiegt und Athen zu dem gemacht haben, was eS 
 heute ist. Wir wollen es machen wie sie und alles dran­ 
 setzen, uns unserer Feinde zu erwehren, um unsere Stadt 
 auch unseren Nachkommen so groß und mächtig zu hinter­ 
 lassen."

So Perikles. Die Athener aber pflichteten ihm bei und 
 nahmen seine Vorschläge an. Sie antworteten denn auch den 
 Lakedämoniern in seinem Sinne, und zwar wörtlich so, wie 
 er vorgeschlagen hatte, der Hauptsache nach also, sie ließen sich 
 von ihnen nichts befehlen, seien aber bereit, unter Wahrung 
 voller Rechtsgleichheit die Streitigkeiten in Gemäßheit des Ver­ 
 trags schiedsrihcterlich austragen zu lassen. Damit reisten die 
 
 Gesandten wieder ab, und die Lakedämonier schickten dann auch 
 weiter keine mehr.

Das waren die Beshcwerden und Streitigkeiten zwischen 
 beiden Teilen vor Ausbruch des Krieges, welche gleich mit den 
 Ereignissen von Epidamnos und Kerkyra einsetzten. Einstweilen 
 war der Verkehr unter ihnen aber noch nicht abgebrochen. 
 Man reiste noch ohne Heroldsgeleit hin und her, wiewohl man 
 sich gegenseitig schon nicht mehr traute. Denn nach dem, waS 
 vorgekommen, war der Bruch erfolgt und der Krieg in Sicht.

Hier beginnt nun der wirkliche Krieg zwischen den Athenern 
 und den Peloponnesiern und ihren beiderseitigen 
 Bundesgenossen, in dem sie ohne Heroldsgeleit nicht mehr mit­ 
 einander verkehrten und sich beständig in Waffen gegenüber- 
 standen. Was sich darin im einzelnen ereignet hat, wird hier Jahr 
 für Jahr nach Sommer und Winter der Reihe nach erzählt.

Vierzehn Jahre hatte der nach der Eroberung von Euboia 
 geschlossene dreißigjährige Friede vorgehalten. Im fünfzehnten 
 Jahre aber, als Dry sis ahctundvierzig Jahre Priesterin in Argos, 
 Ainesios Ephor in Sparta und das Amtsjahr des Archon 
 ^Pythodoros in Athen bis auf vier Monate abgelaufen war, 
 im sechsten Monat nach der Schlacht bei Potidäa, zu Anfang 
 des Frühlings überfiel eine Anzahl bewaffneter Thebaner, etwas 
 über dreihundert Mann, unter den Böotarchen Pythangelos, 
 Phyleides' Sohn, und Diemporos, Onetorides' Sohn, das 
 mit Athen verbündete böotische Platää und drang, als die 
 Einwohner eben im ersten Schlafe lagen, in die Stadt. Bürger 
 von Platää, Naukleides und seine Anhänger, waren es, die 
 sie gerufen und ihnen das Stadttor geöffnet hatten, weil sie, 
 um selbst ans Ruder zu kommen, ihre Gegner in der Bürger­ 
 schaft stürzen und die Stadt den Thebanern in die Hände 
 spielen wollten. Eurymachos, Leontiades' Sohn, ein besonders 
 einflußreicher Mann in Theben, hatte dabei den Mittelsmann 
 gemacht. Denn da die Thebaner den Krieg kommen sahen, 
 wollten sie Platää, ihre alte Feindin, lieber im Frieden, bevor 
 es förmlich zum Kriege käme, noch schnell in ihre Gewalt 
 bringen. So konnten sie auch um so leichter unbemerkt in 
 die Stadt gelangen, da keine Wachen ausgestellt waren. Als 
 sie hier auf dem Markte haltmachten, forderten ihre Freunde, 
 die sie gerufen hatten, sie dazu auf, gleich in die Häuser der 
 Gegner zu dringen und kurzen Prozeß mit ihnen zu machen. 
 Darauf gingen sie jedoch nicht ein, beschlossen vielmehr, eine 
 versöhnliche Kundgebung zu erlassen, um die Bürgerschaft zu 
 einem gütlichen Vergleich zu bewegen, und ließen auch öffentlich 
 
 ausrufen, alle guten Böotier, welche für den alten Bund wären, 
 möchten sich waffnen und ihnen anschließen. Auf diese Weise 
 hofften sie die Stadt leicht zu sich herüberziehen zu können.

Als die Platäer gewahr wurden, daß die Thebaner ein­ 
 gedrungen waren und ihre Stadt so im Handumdrehen erobert 
 hatten, wurden sie bange, und weil sie die Zahl der Eingedrun­ 
 genen im Dunkeln nicht deutlich erkennen konnten und für weit 
 größer hielten, als sie wirklich war, verstanden sie sich zu einem 
 Vergleich, gingen auf ihre Vorschläge ein und hielten sich 
 ruhig, zumal man bis dahin noch keinem was zuleide getan 
 hatte. Inzwischen überzeugten sie sich jedoch, daß die Thebaner 
 gar nicht so zahlreich waren und durch einen entschlossenen 
 Angriff anscheinend leicht überwältigt werden könnten; denn 
 die große Mehrzahl der Platäer war keineswegs gemeint, sich 
 von den Athenern zu trennen. Sie beschlossen also, sie an­ 
 zugreifen, rotteten sich zusammen, indem sie, um auf der Straße 
 nicht gesehen zu werden, die Wände zwischen den Häusern 
 durchbrachen, verrammelten die Straßen durch ausgespannte 
 Frachtwagen und trafen auch sonst alle ihnen in dem Augen­ 
 blick zweckmäßig erscheinenden Maßregeln. Als alles so weit 
 vorbereitet war, nahmen sie die Nacht oder doch die Dämmerung 
 noch wahr, um aus den Häusern über sie herzufallen, denn 
 bei Hellem Tage wären die Thebaner mutiger und nicht weiter 
 im Nachteil gewesen, während sie so in banger Nacht bei 
 ihrer Ortskenntnis den Fremden gegenüber im Vorteil waren. 
 Auch kam es sogleich zum Angriff und damit zum Hand­ 
 gemenge.

Als die Thebaner sahen, daß sie überlistet waren, schlossen 
 sie sich eng zusammen, um den Feinden nach allen Seiten die 
 Spitze bieten zu können, schlugen auch zwei- oder dreimal einen 
 Angriff ab. Da jedoch die Platäer von neuem ungestüm auf 
 sie eindrangen und auch Frauen und Sklaven mit wildem 
 .Geschrei ihnen Steine und Dachziegel von den Häusern auf 
 die Köpfe warfen, dazu noch in der Nacht viel Regen gefallen 
 war, kriegten sie es mit der Angst, ergriffen die Flucht und 
 zerstreuten sich in der Stadt. Und da die meisten hier nicht 
 
 Bescheid wußten und in Kot und Dunkelheit - denn es war 
 Neumond - den rechten Weg nicht finden und ihren Ver­ 
 folgern, denen jedes Gäßchen bekannt war, nicht entrinnen 
 konnten, so kamen die meisten um. Auch das Tor, durch das 
 sie eingedrungen, das einzige, welches offen war, verschloß ein 
 Platäer, indem er den Schaft seines Spießes anstatt des Pflockes 
 durch den Querbalken stieß, so daß man auch da nicht mehr 
 hinaus konnte. Da man sie in der Stadt überall verfolgte, 
 stiegen einige auf die Stadtmauer und ließen sich nach außen 
 hinabfallen, kamen dabei aber meist ums Leben. Einige ge­ 
 langten durch ein unbewachtes Tor, dessen Querbalken sie mit 
 einem Beil, das ihnen eine Frau gegeben, zerschlagen hatten, 
 unbemerkt ins Freie, allerdings nicht viele, da es bald bemerkt 
 wurde. Auch wurde manchem, der sich in der Stadt verlaufen 
 hatte, der Garaus gemacht. Der größte Haufe aber, der noch 
 einigermaßen zusammenhielt, geriet in ein geräumiges Haus 
 an der Stadtmauer, dessen Torweg zufällig offen stand, in 
 der Meinung, es sei das Stadttor und habe auf der anderen 
 Seite einen Ausgang ins Freie. Als die Platäer sahen, daß 
 sie sich hier gefangen hatten, waren sie unschlüssig, ob sie das 
 Haus anstecken und alle bei lebendigem Leibe dann verbrennen 
 oder was sie sonst mit ihnen anfangen sollten. Schließlich 
 kam es zu einem Abkommen, wonach sie und alle noch am 
 Leben befindlichen, in der Stadt umherirrenden Thebaner die 
 Waffen streckten und sich den Platäern auf Gnade und Un­ 
 gnade ergaben. So endete der Überfall von Platäa.

Als die anderen Thebaner, welche für den Fall, daß den 
 Eindringlingen was in die Quere käme, schon in der Nacht 
 mit ihrer Hauptmacht zur Stelle sein sollten, unterwegs die 
 Nachricht erhielten, wie die Sache abgelaufen, beschleunigten 
 sie ihren Marsch. Platää ist von Theben siebzig Stadien ent­ 
 fernt, und da es über Nacht stark geregnet hatte, kamen sie 
 nur langsam vorwärts. Der Asopos war hoch angeshcwollen. 
 und schwer zu überschreiten. Und da sie im Regen marschieren 
 mußten und beim Übergange über den Fluß viel Zeit verloren 
 hatten, kamen sie zu spät, so daß ihre Landsleute entweder 
 
 schon tot oder gefangen waren. Als sie das erfuhren, suchten 
 sie die außerhalb der Stadt befindlichen Platäer einzufangen; 
 denn da der Überfall so urplötzlich mitten im Frieden erfolgt 
 war, waren noch Leute und Gerätschaften draußen auf dem 
 Lande. Die eingefangenen Platäer aber sollten ihnen als 
 Geiseln dienen für ihre noch am Leben befindlichen gefangenen 
 Landsleute. Während sie sich die Sache noch überlegten, 
 schickten die Platäer, die etwas der Art vermuteten und für 
 ihre Leute draußen fürchteten, aus der Stadt einen Herold 
 an sie ab und ließen ihnen sagen, es sei schon schweres Un­ 
 recht gegen sie gewesen, mitten im Frieden einen solchen Ge­ 
 waltstreich gegen ihre Stadt zu führen, und man solle sie jetzt 
 draußen im Frieden lassen. Wo nicht, so würden auch sie die 
 Gefangenen töten, denen sie bisher das Leben gelassen und die 
 sie ihnen herausgeben würden, wenn sie ihr Gebiet räumten. 
 So wenigstens sagen die Thebaner und versichern sogar, die 
 Platäer hätten sich eidlich dazu verpflichtet. Die Platäer aber 
 stellen in Abrede, die sofortige Herausgabe der Gefangenen 
 versprochen zu haben, behaupten vielmehr, sie hätten sich dazu 
 nur bereit erklärt, falls es auf Grund weiterer Verhandlungen 
 zu einem Vergleich kommen würde, eidlich aber hätten sie sich 
 überhaupt zu nichts verpflichtet. Die Thebaner räumten denn 
 auch ihr Gebiet, ohne dort weiter Schaden zu tun. Die Pla­ 
 täer aber brachten alles, was draußen war, schnell in die Stadt 
 und töteten dann die Gefangenen auf der Stelle. Im ganzen 
 waren es hundertundachtzig, unter ihnen auch Eurymachos, mit 
 dem die Verräter die Sache eingefädelt hatten.

Hierauf sandten sie einen Boten nach Athen, gaben den 
 Thebanern ihre Toten unter freiem Geleit heraus und richteten 
 sich in der Stadt einstweilen auf eigene Hand ein. Die Athener 
 aber, welche von den Ereignissen in Platää gleich Nachricht 
 erhalten hatten, ließen sofort alle Böotier in Attika festnehmen 
 und schickten einen Herold nach Platää mit der Weisung, den 
 gefangenen Thebanern nichts weiter zuleide zu tun, bis man 
 sich auch in Athen ihretwegen schlüssig gemacht hätte; denn 
 davon, daß sie bereits getötet waren, hatten sie noch keine 
 
 Nachricht. Ein erster Bote war nämlich gleich nach dem Ein­ 
 bruch der Thebaner an sie abgegangen, der zweite unmittelbar 
 nachdem sie überwältigt und in Gefangenschaft geraten waren. 
 Seitdem hatten sie nichts weiter gehört. So sandten sie denn 
 auch jetzt ihren Herold ab, ohne zu wissen, wie die Dinge in 
 Platää tsanden, und als dieser dort ankam, fand er die Ge­ 
 fangenen schon nicht mehr am Leben. Darauf schickten die 
 Athener Truppen nach Platää, versahen die Stadt mit Lebens­ 
 mitteln und ließen eine Besatzung darin zurück, nachdem sie 
 die nicht wehrfähigen Männer sowie die Weiber und Kinder 
 hinausgeschafft hatten.

Nachdem das Gewitter in Platää zum Ausbruch gekommen 
 war, konnte natürlich vom Frieden keine Rede mehr sein, und 
 die Athener rüsteten zum Kriege. Die Lakedämonier aber und 
 ihre Bundesgenossen rüsteten ebenfalls. Auch schickten beide 
 Teile gleich Gesandtschaften an den Perserkönig und solche 
 barbarische Völkerschaften, von denen sie sich irgendwelche Hilfe 
 versprachen, wie sie sich auch unter den unabhängigen Staaten 
 nach Bundesgenossen umsahen. Die Lakedämonier wiesen die 
 ihnen befreundeten Städte in Italien und Sizilien an, zur 
 Verstärkung der auf fünfhundert Segel zu bringenden pelo­ 
 ponnesischen Flotte je nach ihrer Größe eine Anzahl Schiffe 
 einzustellen und sich auf bestimmte Geldleistungen einzurichten, 
 im übrigen aber bis zur Vollendung der Rüstungen ruhig zu 
 bleiben und auch die Athener, wenn sie nur mit einem einzelnen 
 Schiffe kämen, nach wie vor in ihren Häfen zuzulassen. Die 
 Athener aber musterten die Kräfte ihres Seebundes und be­ 
 schickten namentlich auch die um den Peloponnes liegenden 
 Orte, Kerkyra, Kephallenia, Akarnanien und Zakynthos, da ihnen 
 einleuchtete, wenn sie mit denen auf gutem Fuße ständen, würden 
 sie den Peloponnes von allen Seiten nachdrücklich bekämpfen 
 können.

Beiden standen die Gedanken nicht niedrig, und sie stürzten 
 sich mit vollem Eifer in den Krieg. Anfangs will eben jeder 
 hoch hinaus, und zumal die zahlreiche Jugend, die es damals 
 im Peloponnes sowohl wie in Attika gab, welche den Krieg 
 
 noch nicht kannte, brannte vor Kriegslust. Ganz Griechenland 
 abei^schwebte in banger Erwartung, als die beiden ersten 
 Staaten gegeneinander in die Schranken traten. Man hörte 
 viel von Weissagungen, und überall ließen sich Propheten ver­ 
 nehmen, nicht nur in den zum Kriege rüstenden Staaten, 
 sondern auch anderswo. Dazu war die Insel Delos kürzlich 
 von einem Erdbeben betroffen, wo bis dahin, soweit man in 
 Griechenland zurückdenken konnte, noch nie ein Erdbeben ge­ 
 wesen war. Auch das, so hieß es und glaubte man, deute 
 auf die Dinge hin, die da kommen sollten. Und allem, was 
 sich der Art etwa sonst zugetragen, wurde eifrig nachgeforscht. 
 Die öffentliche Meinung aber war ganz überwiegend für die 
 Lakedämonier, schon weil sie die Freiheit Griechenlands auf 
 ihre Fahne schrieben. Alle Welt, einzelne wie Staaten, 
 konnte sich nicht genugtun, ihnen mit Wort und Tat be­ 
 hilflich zu sein, und jeder glaubte, er müsse auch mit dabei 
 sein, wenn aus der Sache was werden solle. So allgemein 
 war die Erbitterung gegen die Athener; die einen wollten 
 ihre Herrschaft abschütteln, die andern fürchteten, unter ihre 
 Fuchtel zu geraten.

Mit solchen Rüstungen und Gesinnungen ging man in den 
 Krieg. Bei Ausbruch des Krieges hatten beide Mächte folgende 
 Bundesgenossen: Auf seiten der Lakedämonier waren sämtliche 
 Peloponnesier innerhalb des Isthmus, mit Ausnahme der Argeier 
 und der Achäer, die mit beiden in Frieden lebten. Nur die 
 Pellener unter den Achäern nahmen gleich anfangs am Kriege 
 teil, später dann aber auch alle übrigen. Außerhalb deS Pelo­ 
 ponnes die Megarer, Phokier, Lokrer, Böotier, Amprakier, 
 Leukadier und Anaktorier. Von diesen stellten die Korinther, 
 Megarer, Sikyoner, Pellener, Eleer, Amprakier und Leukadier 
 Schiffe, die Böotier, Phokier und Lokrer Reiterei, die übrigen 
 Staaten Fußvolk. Das waren die Bundesgenossen der Lake­ 
 dämonier. Auf seiten der Athener waren die Chier, Lesbier 
 Platäer, die Messenier in Naupaktos, die meisten Akarnanier, 
 die Kerkyräer, die Zakynther und die ihnen in den vershciedenen 
 Ländern steuerplfichtigen Orte, das karische Küstenland, die 
 
 Dorier an der karischen Grenze, Jonien, Hellespont, das thra­ 
 kische Küstenland, die Inseln im Osten des Peloponnes bis 
 Kreta und alle übrigen Kykladen außer Melos und Thera. 
 Von diesen stellten die Chier, Lesbier und Kerkyräer Schiffe, 
 die übrigen stellten Fußvolk und zahlten Geld. Das waren 
 die Bundesgenossen und Kräfte, welche beiden Teilen für den 
 Krieg zu Gebote tsanden.

Gleich nach dem Vorfall von Platää ließen die Lakedämo­ 
 nier an die Städte im Peloponnes und ihre auswärtigen 
 Bundesgenossen den Befehl ergehen, ihre Truppen marschbereit 
 zu machen und mit dem Bedarf für einen Feldzug außer Landes 
 zu versehen, um nach Attika einzufallen. Als alle damit zur 
 bestimmten Zeit fertig waren, vereinigten sich die sämtlichen 
 Streitkräfte, aus jeder Stadt zwei Drittel der vorhandenen 
 Mannschaft, auf dem Isthmus. Als das ganze Heer hier bei­ 
 sammen war, berief der lakedämonische König Archidamos, der 
 in diesem Feldzuge den Oberbefehl führte, die Feldhauptleute 
 aller Städte sowie die höheren Beamten und sonst angesehenen 
 Personen zu einer Versammlung und redete sie also an:

„Peloponnesier und Bundesgenossen! Unsere Väter sind 
 schon oft nicht nur im Peloponnes, sondern auch auswärts zu 
 Felde gezogen, und die Älteren unter uns haben selbst auch 
 schon mehrfach Kriege mitgemacht, allein mit einem so statt­ 
 lichen Heere wie diesmal sind wir noch nie ins Feld gerückt. 
 Aber es geht auch gegen eine mächtige Stadt, und darum 
 treten auch wir so zahlreich und mit unseren besten Kräften 
 auf den Plan. Ich darf erwarten, daß wir uns nicht schlechter 
 zeigen werden als unsere Väter und unserem alten Ruhm auch 
 diesmal Ehre machen werden. Denn ganz Griechenland sieht 
 mit gespannter Erwartung auf diese unsere Unternehmung und 
 wünscht uns dabei aus Haß gegen die Athener den besten Er­ 
 folg. Wir dürfen uns jedoch nicht etwa im Vertrauen auf 
 unsere Überzahl in Sicherheit wiegen und es in der Meinung, 
 der Feind werde sich gar nicht an uns heranwagen, auf dem 
 Marsche an der nötigen Vorsicht fehlen lassen, vielmehr muß 
 nicht nur jeder Befehlshaber der verschiedenen Städte, sondern 
 
 auch jeder einzelne Mann immer darauf gefaßt sein, daß es 
 im nächsten Augenblick zum Gefecht kommen kann; denn im 
 Kriege weiß man nie vorher, was kommt, und so ein Angriff 
 erfolgt fast immer plötzlich und unangemeldet. Schon manch­ 
 mal hat eine Minderheit, die auf ihrer Hut war, gegen einen 
 überlegenen Feind glücklich gekämpft, weil dieser in seinem 
 Übermut nicht aufgepaßt hatte. Bei einem Feldzuge in Feindes­ 
 land muß man kühn, aber vorsichtig zu Werke gehen. Denn 
 dann kann man den Feind herzhaft angreifen und hat von 
 seinen Angriffen am wenigsten zu fürchten. Wir ziehen auch 
 nicht gegen einen Feind, der sich nicht wehren könnte, sondern 
 gegen eine Stadt, die in jeder Hinsicht vortrefflich gerüstet 
 ist. Wir müssen also unbedingt darauf rechnen, daß es zur 
 Schlacht kommen wird, und wenn sie sich dort auch nicht gleich 
 dazu entschließen, solange wir noch in weiter Ferne sind, so 
 doch ganz gewiß, wenn sie uns erst in ihrem Lande sengen 
 und brennen und Hab und Gut vernichten sehen. Denn wer 
 so was noch nicht erlebt, dem läuft die Galle über, wenn er 
 es selbst mit ansehen muß. Und je weniger sich einer zu be­ 
 herrshcen weiß, um so leidenschaftlicher wird er gleich drein­ 
 schlagen. Von den Athenern aber muß man sich dessen be­ 
 sonders versehen, da sie sich zwar berufen fühlen, andere zu 
 beherrschen und fremde Länder zu verwüsten, aber nicht gewohnt 
 sind, daß es ihnen auch so geht. Weil ihr denn gegen eine 
 solche Stadt ins Feld zieht und dabei, je nachdem, euch und 
 euren Vorfahren die größte Ehre oder aber die ärgste Schande 
 machen werdet, so folgt euren Führern, wohin es auch geht, 
 haltet vor allen Dingen auf Mannszucht und Wachsamkeit 
 und tut stets willig, was euch befohlen wird. Nichts Schöneres 
 und Verläßlicheres als solch ein großes Heer, das gleichsam 
 von einem Willen und vom hohen Geiste der Ordnung be­ 
 seelt scheint."

Nach diesen Worten entließ Archidamos die Versammlung 
 und schickte nun zunächst den Spartaner Melesippos, Dia­ 
 kritos' Sohn, nach Athen, um zu sehen, ob man dort jetzt 
 nicht schon eher mit sich handeln ließe, nachdem man sich über­ 
 
 zeugt, daß das feindliche Heer bereits unterwegs war. Die 
 Athener aber ließen ihn gar nicht in die Stadt und vor dem 
 Volke auftreten; denn schon vorher hatte Perikles den Antrag 
 durchgesetzt, daß weder ein Herold noch eine Gesandtschaft der 
 Lakedämonier aus dem Felde angenommen werden sollte. Sie 
 schickten ihn also, ohne ihn zu hören, wieder weg mit dem 
 Befehl, noch an demselben Tage wieder über die Grenze zu 
 sein und den Lakedämoniern zu sagen, wenn sie sonst was 
 wollten, möchten sie erst wieder nach Hause gehen, ehe sie 
 Gesandte schickten. Und damit er unterwegs mit niemand in 
 Berührung käme, gaben sie ihm einige Leute zum Geleit mit. 
 Als er an die Grenze gelangt und im Begriff war, sich von 
 seinen Begleitern zu trennen, sagte er beim Abschied: „Dieser 
 Tag wird für Griechenland der Anfang großen Herzeleids sein." 
 Als er ins Lager zurückgekehrt war und Archidamos einsah, 
 daß die Athener auf keinen Fall nachgeben würden, brach er 
 unverzüglich mit dem Heere auf und rückte ihnen ins Land. 
 Auch die Böotier ließen ihr Kontingent und ihre Reiterei zu 
 den Peloponnesiern stoßen; mit ihren übrigen Truppen zogen 
 sie nach Platää und verheerten das Land.

Schon während die Peloponnesier sich auf dem Isthmus 
 sammelten und auf ihrem Marsche noch nicht nach Attika ge­ 
 langt waren, vermutete Perikles, Xanthippos' Sohn, damals 
 selbzehnter Feldherr in Athen, als er den Einfall kommen sah, 
 daß Archidamos, als sein Gastfreund, aus persönlicher Freund­ 
 schaft seine Besitzungen außerhalb der Stadt schonen und viel- 
 leicht nicht mit verwüsten würde, oder daß wohl gar die Lake­ 
 dämonier ihm Befehl dazu erteilen könnten, um Mißtrauen 
 gegen ihn zu erregen, wie sie ja auch schon vorher seinetwegen 
 die Sühne des Frevels verlangt hatten. Er erklärte deshalb 
 den Athenern in der Volksversammlung, wenn Archidamos 
 auch sein Gastfreund sei, so solle das seinen Mitbürgern nicht 
 zum Schaden gereichen, und falls etwa die Feinde seine Häuser 
 und Felder nicht ebenso verwüsten würden wie die übrigen, 
 so trete er sie, um nicht in Verdacht zu kommen, hiermit der 
 Stadt zu Eigentum ab. Wie früher riet er ihnen auch jetzt 
 
 wieder, sich auf den Krieg einzurichten, vom Lande alles in 
 die Stadt zu schaffen und sich draußen auf keine Schlacht ein­ 
 zulassen, sondern sich auf die Verteidigung der Stadt zu be­ 
 schränken, namentlich aber die Flotte, worin denn doch ihre 
 Stärke bestehe, in guten Stand zu setzen. Die Bundesgenossen 
 müßten sie in der Hand behalten, denn deren Steuern seien 
 das Rückgrat ihrer Macht, da im Kriege das meiste auf Klug­ 
 heit und Geld ankomme. Übrigens brauchten sie sich keine 
 Sorgen zu machen; denn abgesehen von sonstigen Einkünften 
 nähme die Stadt allein aus Steuern der Bundesgenossen alle 
 Jahre durchschnittlich sechshundert Talente ein, und außerdem 
 befänden sich im Schatze auf der Burg sechstausend Talente 
 geprägtes Silber. - Der höchste Betrag war neuntausendsieben­ 
 hundert Talente gewesen, davon aber waren Auslagen für die 
 Propyläen und andere Bauten betsritten. - Dazu kämen an 
 ungeprägtem Gold und Silber, an öffentlichen und Privat­ 
 weihgeschenken und an dem, was an heiligen Geräten für fest­ 
 liche Aufzüge und Spiele, an Perserbeute und dergleichen vor­ 
 handen sei, mindestens fünfhundert Talente. Nötigenfalls könne 
 man auch noch auf recht ansehnliche Schätze in den übrigen 
 Tempeln und, wenn alle Stricke reißen sollten, auf das goldene 
 Gewand der Göttin greifen, an deren Standbilde, wie er ihnen 
 nachwies, sich vierzig Talente reines Gold befänden, das alles 
 abgenommen werden könne, später freilich, wenn man sich dessen 
 in der Not bediene, voll ersetzt werden müsse. Auf diese Weise 
 suchte er sie über die Zulänglichkeit ihrer Geldmittel zu be- 
 ruhigen. Ihre Streitkräfte anlangend, rechnete er ihnen vor, 
 sie hätten dreizehntausend Mann schweres Fußvolk ohne die 
 Besatzungen in den festen Plätzen und die sechzehntausend zur 
 Bewachung der Mauern. So viel aus den ältesten und jüngsten 
 Jahrgängen und den Schutzverwandten entnommene Hopliten 
 waren nämlich gleich anfangs für den Fall eines feindlichen 
 Angriffs zum Dienst auf den Mauern bestimmt. Die Länge 
 der phalerischen Mauer bis an die Ringmauer der Stadt betrug 
 fünfunddreißig Stadien und die der Ringmauer selbst, soweit 
 sie besetzt wurde, dreiundvierzig Stadien; denn ein Teil, das 
 
 Stück zwischen der langen und der phalerischen Mauer, wurde 
 nicht besetzt. Die langen Mauern nach dem Peiraieus, von 
 denen jedoch nur die äußere besetzt wurde, waren vierzig Stadien 
 lang. Die Mauer um den Peiraieus mit Einschluß von Muny­ 
 chia war im ganzen sechzig Stadien lang, und etwa die Hälfte 
 davon wurde besetzt. An Reiterei, gab er weiter an, hätten 
 sie mit Einschluß der reitenden Bogenschützen zwölfhundert 
 Mann, Bogenschützen zu Fuß sechzehnhundert, an Kriegsschiffen 
 aber dreihundert seetüchtige Trieren. So viel und von allem 
 mindestens so viel hatten die Athener damals in der Tat, als 
 der erste Einfall der Peloponnesier bevorstand und sie in den 
 Krieg gingen. Aber auch sonst sagte ihnen Perikles, wie bei 
 jeder Gelegenheit, auch diesmal noch alles mögliche, um ihnen 
 zu beweisen, daß sie den Krieg siegreich bestehen würden.

Die Athener aber befolgten seinen Rat und schafften 
 Weiber und Kinder, sowie alles, was sie an Hausgerät draußen 
 hatten, ja selbst das Holzwerk der Häuser, die sie abbrachen, 
 vom Lande in die Stadt. Schafe und Zugtiere brachten sie 
 nach Euboia und den benachbarten Inseln hinüber. Es kam 
 sie freilich hart an, so mit Sack und Pack abzuziehen, da sie 
 meist gewohnt waren, immer auf dem Lande zu leben.

Das war nämlich bei ihnen mehr als anderswo schon 
 seit ältester Zeit Sitte gewesen. Unter Kekrops und den ersten 
 Königen bis auf Theseus lebte man in Attika in einzelnen 
 Ortschaften, die ihre eigenen Prytanen und Archonten hatten. 
 Wenn nicht grade eine besondere Gefahr drohte, kam man 
 auch nicht beim Könige zu gemeinsamer Beratung zusammen, 
 sondern die einzelnen Gemeinden halfen und regierten sich selbst, 
 führten wohl gar mal Krieg untereinander, wie die Eleusinier 
 mit Eumolpos gegen Erechtheus. Als aber Theseus König 
 geworden war, der, ein ebenso kluger wie mächtiger Herr, über­ 
 haupt erst Ordnung im Lande schuf, machte er den Prytanen 
 und Archonten in den einzelnen Ortschaften ein Ende und ver­ 
 einigte diese zu der jetzigen einen Stadt mit nur einem Rat 
 und Prytaneum für alle. Er ließ ihnen zwar die selbständige 
 Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten wie bisher, machte 
 
 sie aber politisch zu einem Gemeinwesen, das damit, weil ihm 
 nun alle angehörten, zu einer ansehnlichen Stadt wurde und 
 als solche von Theseus auf seine Nachfolger überging. Darum 
 feiern die Athener bis auf den heutigen Tag von Staats wegen 
 noch ihr Eingemeindungsfest zu Ehren der Göttin. Früher 
 bestand die Stadt nur aus der.Burg und dem südlich daran 
 stoßenden Stadtteil. Das kann man noch daran sehen, daß 
 die Tempel auch anderer Götter auf der Burg selbst oder doch 
 vorzugsweise in diesem Stadtteil liegen, so der Tempel des 
 olympischen Zeus, das Phythion, der Tempel der Ge und der ! 
 des Dionysos im Brühl, dem zu Ehren am Zwölften des E 
 Monats Anthesterion die alten Dionysien gefeiert werden, 
 wie es auch bei den von den Athenern abstammenden Joniern 
 noch jetzt gehalten wird. In dieser Gegend liegen noch mehrere 
 andere alte Tempel. Auch die Quelle dort in der Nähe, welche, 
 seit sie von den Tyrannen in jetziger Weise gefaßt wurde, 
 Enneakrunos heißt, in älterer Zeit aber, wo sie noch ungefaßt 
 war, Kallirrhoe genannt wurde, stand vor alters in besonderem 
 Ansehen, und von der Zeit hat sich bis heute der Glaube er­ 
 halten, daß man bei Hochzeiten und dergleichen feierlichen Ge­ 
 legenheiten das Wasser aus dieser Quelle holen müsse. Und 
 eben, weil man sich hier zuerst angebaut hatte, wird die Burg 
 von den Athenern immer noch die Stadt genannt.

Da die Athener so lange als ihre eigenen Herren auf 
 dem Lande gelebt und auch nach ihrer Vereinigung sowohl in 
 älterer Zeit als auch später noch bis zu diesem Kriege dort 
 vielfach nach alter Gewohnheit nicht nur ihre eingerichteten 
 Wohnungen gehabt, sondern auch wirklich gewohnt hatten, wurde 
 ihnen dieser Aufbruch schwer genug, zumal sie sich dort nach 
 dem Perserkriege eben erst wieder häuslich eingerichtet hatten. 
 Es wollte ihnen nicht in den Sinn und war ihnen schmerzlich, 
 sich von ihren Häusern und den ihnen aus der Zeit der älteren 
 Verfassung immer ehrwürdig und teuer gebliebenen Heiligtümern 
 zu trennen und sich völlig umleben zu müssen; ja es kam ihnen 
 allen gradezu wie ein Abschied von der Heimat vor.

Bei ihrer Ankunft in der Stadt fanden die wenigsten dort 
 
 Wohnungen oder ein Unterkommen bei Freunden und Ver­ 
 wandten. Die meisten behalfen sich auf den freien Plätzen der 
 s Stadt oder quartierten sich überall in den Tempeln der Götter 
 und Heroen ein, ausgenommen allein die Burg und das Eleu­ 
 l sinion und was sonst etwa Schloß und Riegel hatte. Selbst 
 das sogenannte Pelasgikon am Fuße der Burg richtete man 
 jetzt notgedrungen zu Wohnungen ein, obgleich ein Fluch darauf 
 stand, dort zu wohnen, und ein pythisches Orakel ausdrück­ 
 lich davor gewarnt hatte, an dessen Schlüsse es hieß: „Doch 
 besser, das Pelasgikon bleibt unbewohnt." Nach meiner 
 Meinung freilich war das Orakel gar nicht so gemeint, wie 
 man es damals verstand: nicht das unerlaubte Wohnen dort 
 werde die Stadt in Not bringen, sondern der Krieg werde 
 dermaleinst dazu nötigen, dort zu wohnen. Den hatte das 
 Orakel allerdings nicht genannt, wohl aber vorher gewußt, daß 
 nur die Not dazu zwingen würde, auch dort Wohnungen ein­ 
 zurichten. Viele behalfen sich auch in den Türmen der Stadt­ 
 mauer oder wo sie sonst ein Unterkommen fanden. Denn es 
 '.fehlte in der Stadt an Platz für die vielen darin zusammen­ 
 ! gepferchten Menschen, so daß später sogar die langen Mauern 
 uund der größte Teil der Mauer um den Peiraieus zu Woh­ 
 nungen eingerichtet werden mußten, um die Leute unterzubringen. 
 Unterdessen wurden jedoch die Rüstungen fortgesetzt, die Bundes­ 
 genossen aufgeboten und hundert Schiffe zu einer Fahrt nach 
 dem Peloponnes in Dienst gestellt. So weit war man in Athen 
 mit den Anstalten zum Kriege.

Inzwischen gelangte das Heer der Peloponnesier auf seinem 
 Marsche zunächst nach Oinoe, wo der Einfall erfolgen sollte. 
 Hier machte es halt und schickte sich an, die Festung mit Sturm 
 zu nehmen. Denn Oinoe, an der Grenze von Attika und Böotien, 
 war Festung und diente als solche den Athenern, die, wenn 
 es nach Krieg aussah, eine Besatzung hineinlegten. Man kam 
 jedoch über die Vorbereitungen nicht hinaus und verlor hier 
 unnütz seine Zeit. Dadurch aber zog Archidamos sich arge 
 Nackenschläge zu. Meinte man, daß er sich schon vor Beginn 
 des Krieges schwach und als Athenerfreund gezeigt habe, so 
 
 wollte man ihm jetzt, nachdem das Heer beisammen, sein Zaudern 
 auf dem Isthmus und die Langsamkeit des weiteren Vormarsches, 
 namentlich aber den langen Aufenthalt bei Oinoe, erst recht 
 nicht verzeihen. Denn unterdessen hatten die Athener alles in 
 Sicherheit gebracht, während es, wenn er sich nicht so viel Zeit 
 gelassen und seinen Marsch beschleunigt hätte, den Peloponne­ 
 siern wahrscheinlich noch in die Hände gefallen wäre. So war 
 man wegen dieses Aufenthalts im Heere auf Archidamos schlecht 
 zu sprechen. Er aber hielt sich, wie es heißt, deshalb so lange 
 dort aus, weit er immer noch darauf rechnete, die Athener 
 würden nachgeben und es nicht auf die Verwüstung ihres Landes 
 ankommen lassen.

Da alle Versuche der Peloponnesier, das von ihnen be­ 
 lagerte Oinoe zu nehmen, erfolglos blieben, auch die Athener 
 sich nicht auf Verhandlungen einließen, brachen sie, etwa acht­ 
 zig Tage nach dem Überfall von Platää durch die Thebaner, 
 im Sommer, als das Korn zur Reife stand, von dort auf und 
 rückten nach Attika ein. Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, König 
 der Lakedämonier, befehligte das Heer. Nachdem sie ein Lager 
 bezogen, verheerten sie erst Eleusis und die Ebene von Thria, 
 lieferten auch bei den sogenannten Rheitoi ein glückliches Ge­ 
 fecht gegen athenische Reiterei. Darauf zogen sie weiter, das 
 Gebirge Aigaleos zur Rechten, durch Kropeia nach Acharnai, i 
 dem größten unter den sogenannten attischen Demen. Hier ! 
 machten sie halt und schlugen ein Lager auf, von wo sie längere 
 Zeit die Umgegend verheerten.

Angeblich hat sich Archidamos damals, als er hier bei 
 Acharnai schlachtbereit stehen blieb und bei diesem Einfall 
 nicht weiter in die Ebene vordrang, die Sache so gedacht: Er 
 nahm an, daß die Athener, mit ihrer zahlreichen jungen Mann­ 
 schaft und zum Kriege gerüstet wie nie zuvor, sich sicherlich 
 außerhalb der Stadt zur Schlacht stellen und der Verwüstung 
 ihres Landes nicht ruhig zusehen würden. Nachdem es bei 
 Eleusis und in der Ebene von Thria dazu nicht gekommen war, 
 wollte er versuchen, ob sie sich jetzt nicht zu einem Angriff auf 
 seine Stellung bei Acharnai verleiten ließen. Denn wie er 
 
 einerseits Acharnai für einen besonders geeigneten Lagerplatz 
 hielt, so glaubte er anderseits, die Acharner, die einen sehr 
 ansehnlichen Teil der Bürgerschaft ausmachten und dreitausend 
 Hopliten stellten, würden die Verwüstung ihrer Besitzungen 
 schwerlich ruhig mit ansehen, sondern auch die übrigen zu einer 
 Schlacht zu bestimmen suchen. Sollten die Athener trotzdem 
 bei diesem Einfall nicht herauskommen, so würde er ihnen das 
 nächste Mal um so unbedenklicher die Ebene verheeren und bis 
 an die Stadt selbst rücken können; denn dann würden die 
 Acharner, nachdem sie das Ihrige verloren, keine Lust mehr 
 haben, ihre Haut für fremdes Gut zu Markte zu tragen, und 
 die Athener sich infolgedessen untereinander in die Haare ge­ 
 raten. In dieser Weise wird Archidamos bei Acharnai die 
 Sache angesehen haben.

Solange das feindliche Heer noch bei Eleusis und in der 
 Ebene von Thria stand, durften die Athener immer noch hoffen, 
 daß es nicht weiter vorrücken würde. Erinnerte man sich doch, 
 daß auch König Pleistoanax, Pausanias' Sohn, als er vierzehn 
 Jahr vor diesem Kriege mit einem peloponnesischen Heere in 
 Attika bis nach Eleusis und Thria vorgedrungen, hier umgekehrt 
 und wieder abgezogen war. Allerdings war er dafür auch 
 aus Sparta verbannt worden, weil man glaubte, er sei zu 
 diesem Rückzug? bestochen gewesen. Als sie aber das Heer 
 schon bei Acharnai, sechzig Stadien von der Stadt, sahen, 
 wurde es ihnen doch zu viel. Daß das Land so unter ihren 
 Augen verwüstet wurde, wie das die Jüngeren noch nie, die 
 Älteren nur in den Perserkriegen erlebt hatten, schien ihnen 
 begreiflihcerweise entsetzlich, und namentlich die Jüngeren 
 meinten, man könne das unmöglich länger mit ansehen, sondern 
 müsse dem Feinde zu Leibe gehen. Immerhin waren die Mei­ 
 nungen geteilt, und es kam zu lebhaften Erörterungen, indem 
 die einen verlangten, man solle den Feind draußen angreifen, 
 andere aber sich dagegen erklärten. Wahrsager ließen sich mit 
 allerlei Prophezeiungen hören, die jeder sich auf seine Weise 
 zurechtlegte. Die Acharner aber, die in Athen denn doch 
 auch was zu bedeuten glaubten und nun die Verwüstung ihres 
 
 Landes mit ansehen mußten, drängten am meisten zum Angriff. 
 So herrschte in der Stadt allgemeine Aufregung und große 
 Erbitterung gegen Perikles. Uneingedenk der guten Lehren, 
 die er ihnen vorher gegeben hatte, schalten sie auf den Feld­ 
 herrn, der sie nicht vor den Feind führen wolle, und betrachteten 
 ihn als den Urheber aller ihrer Leiden.

Perikles sah recht gut, wie widerwillig sie diesen Zustand 
 ertrugen und wie schlecht sie auf ihn zu sprechen waren, blieb 
 aber nach wie vor bei seiner Ansicht, daß man sich draußen 
 auf keine Schlacht einlassen dürfe. Er ließ es deshalb weder 
 zu einer Volksversammlung noch zu anderen Zusammenkünften 
 kommen aus Furcht, daß eine so vielköpfige Versammlung, 
 statt die Sache verständig zu erwägen, sich von ihrer Stimmung 
 hinreißen lassen und Dummheiten machen könnte. Inzwischen 
 ließ er jedoch die Stadt sorgfältig bewachen und die Ruhe 
 möglichst aufrechterhalten. Auch schickte er beständig Reiter 
 aus, um zu verhindern, daß feindliche Streifpartien in der 
 Nähe der Stadt die Felder verwüsteten. Bei der Gelegenheit 
 kam es bei Phrygioi mal zu einem Gefecht zwischen einer Ab­ 
 teilung athenischer und thessalischer Reiter und der böotischen 
 Reiterei, in dem sich die Athener und Thessaler gut hielten, 
 bis sie sich dann doch zurückziehen mußten, weil den Böotiern 
 schweres Fußvolk zu Hilfe kam. Die Athener und Thessaler 
 hatten dabei einige Tote, die sie jedoch noch an demselben Tage 
 auch ohne Waffenstillstand wieder mitnehmen konnten. Die 
 Peloponnesier aber errichteten am Tage daraufein Siegeszeichen. 
 Die Thessaler waren auf Grund des alten Bundesverhält­ 
 nisses zu den Athenern gestoßen, infolgedessen sich Larisaier, 
 Pharsaler, Parasier, Kranonier, Pyrasier, Gyrtonier und 
 Pheraier bei ihnen eingefunden hatten. Ihre Anführer waren 
 aus Larisa Polymedos und Aristonus, von jeder Partei einer, 
 aus Pharsalos Menon, und ebenso hatten auch die übrigen 
 alle ihre eigenen Befehlshaber.

Da die Athener doch nicht zur Schlacht herauskamen, 
 brachen die Peloponnesier von Acharnai auf und verwüsteten 
 noch einige Deinen zwischen Parnes und Britessos. Während 
 
 sie dort noch im Lande waren, gingen die Athener mit den 
 hundert in Dienst gestellten Schiffen, tausend Hopliten und 
 vierhundert Bogenschützen unter Karkinos, Xenotimos' Sohn, 
 Proteas, Epikles' Sohn, und Sokrates, Antigones' Sohn, nach 
 dem Peloponnes unter Segel und kreuzten damit in den dortigen 
 Gewässern. Die Peloponnesier aber blieben in Attika, solange 
 sie dort zu leben hatten; darauf zogen sie wieder ab, jedoch 
 nicht auf dem Wege, auf dem sie gekommen waren, sondern 
 durch Böotien. Unterwegs verwüsteten sie bei Oropos das 
 sogenannte gra'ische Land, das von Oropiern unter athenischer 
 Hoheit bewohnt wird. Als sie im Peloponnes wieder an­ 
 gekommen waren, ging das Heer auseinander und jeder in 
 seine Heimat.

Nach ihrem Abzüge richteten die Athener über Land und 
 See einen Wachdienst ein, wie sie ihn für die Dauer des 
 Krieges beibehalten wollten. Auch beschlossen sie, aus dem 
 Burgschatz tausend Talente als unangreifbaren Bestand zurück­ 
 zulegen und die Kriegskosten nur aus dem übrigen zu bestreiten, 
 auch jeden, der vorschlagen oder dafür stimmen würde, dies 
 Geld anzugreifen, es sei denn, daß man die Stadt gegen den 
 Angriff einer feindlichen Flotte verteidigen müsse, mit Todes­ 
 strafe zu bedrohen. Weiter beschlossen sie, alljährlich aus den 
 s hundert besten Trieren und den für sie bestimmten Befehls­ 
 habern ein besonderes Geschwader zu bilden, von dem, wie 
 von jenem Gelde, nur in solchem äußersten Notfall Gebrauch 
 gemacht werden sollte.

Die inzwischen noch durch fünfzig Schiffe aus Kerkyra und 
 andere Bundesgenossen aus jener Gegend verstärkten Athener 
 auf den hundert Schiffen kreuzten um die peloponnesischen 
 Küsten und richteten dort mancherlei Schaden an. Sie landeten 
 auch bei Methone in Lakonien und machten einen Angriff auf 
 die nur schwach befestigte und unbesetzte Stadt. Zufällig be­ 
 fand sich der Spartaner Brasidas, Tellis' Sohn, als Befehls­ 
 haber eines Postens dort in der Nähe, der, als er davon hörte, 
 den Einwohnern mit hundert Hopliten zu Hilfe kam. Auch 
 gelang es ihm, sich durch die athenischen Truppen, die sich in 
 
 der ganzen Gegend zerstreut und nur die Stadt im Auge hatten, 
 mit Verlust nur weniger Leute nach Methone durchzuschlagen 
 und die Stadt zu retten. Wegen dieser mutigen Tat war er 
 auch der erste, der in Sparta in diesem Kriege öffentlich be­ 
 lobt wurde. Die Athener gingen hierauf wieder unter Segel 
 und fuhren weiter, zunächst nach Pheia in Elis, verwüsteten 
 zwei Tage das dortige Gebiet und erfochten einen Sieg über 
 eine dreihundert Mann starke auserwählte Schar, welche aus 
 der Umgegend und dem hohlen Elis herbeigeeilt war. Da sich 
 jedoch ein starker Wind aufmachte und sie an der hafenlosen 
 Küste dem Wetter zu sehr ausgesetzt waren, gingen die meisten 
 wieder an Bord und fuhren um das Vorgebirge Jchthys herum 
 in den Hafen von Pheia; die Messenier aber und einige andere, 
 welche die Schiffe nicht mehr hatten erreichen können,Marschierten 
 zu Lande nach Pheia und besetzten die Stadt. Nachher nahmen 
 die inzwischen dort angelangten Schiffe auch sie wieder an 
 Bord und gingen, da auch die Hauptmacht der Eleer bereits 
 im Anzüge war, von Pheia wieder in See. Die Athener aber 
 fuhren fort, die peloponnesischen Küstengegenden von ihren 
 Schiffen aus zu verwüsten.

Um dieselbe Zeit schickten die Athener dreißig Schiffe in 
 die lokrischen Gewässer, welche zugleich die Ausgabe hatten, 
 Euboia zu decken. Den Oberbefehl darüber führte Kleopompos, 
 Kleimas' Sohn. Er landete wiederholt an der Küste, ver­ 
 heerte einige Ortschaften und eroberte Thronion, wo er sich 
 von den Einwohnern Geiseln geben ließ; auch schlug er einen 
 lokrischen Heerhaufen, der sich ihm bei Alope entgegenstellte, 
 in die Flucht.

In demselben Sommer vertrieben die Athener die Ägineten 
 mit Weib; und Kind von ihrer Insel, da sie ihnen schuld 
 gaben, sie seien die Hauptursache an diesem Kriege. Auch 
 hielten sie es zu ihrer Sicherheit für besser, die so nahe am 
 Peloponnes gelegene Insel Ägina mit eigenen Ansiedlern zu 
 besetzen, die sie zu dem Ende denn auch bald darauf dorthin 
 schickten. Die Lakedämonier aber räumten den vertriebenen 
 Agineten Thyrea als Wohnort ein und wiesen ihnen dort Land 
 
 an,, teils aus Haß gegen die Athener, teils mit Rücksicht auf 
 die guten Dienste, welche die Ägineten ihnen zur Zeit des 
 Erdbebens und des Helotenaufstandes geleistet hatten. Die 
 Landschaft Thyreatis liegt zwischen Argolis und Lakonien und 
 reicht bis an die See. Die Agineten ließen sich auch zum Teil 
 dort nieder; die übrigen zerstreuten sich über ganz Griechenland.

In demselben Sommer trat bei Neumond, wo es an­ 
 scheinend auch allein möglich ist, nach Mittag eine Sonnen-' 
 finsternis ein. Hinterher nahm die Sonne ihre vollständige 
 Gestalt wieder an, nachdem sie eine Zeitlang wie eine Mond­ 
 sichel ausgesehen hatte und auch einzelne Sterne sichtbar ge­ 
 worden waren.

In demselben Sommer machten die Athener auch Nympho­ 
 doros, Pythes' Sohn, aus Abdera, dessen Schwester mit Sitalkes 
 verheiratet war, und bei dem er viel galt, zu ihrem Staats­ 
 gatsfreunde. Während sie ihn früher als ihren Feind angesehen 
 hatten, luden sie ihn jetzt nach Athen ein, weil ihnen daran 
 lag, den Thrakerkönig Sitalkes, den Sohn des Teres, als 
 Bundesgenossen zu gewinnen. Dieser Teres, Sitalkes' Vater, 
 hatte den Odrysen erst die Herrschaft über den größten Teil 
 von Thrakien verschafft; gutenteils nämlich sind die Thraker 
 immer noch unabhängig. Übrigens hat dieser Teres mit Tereus, 
 welcher Prokne, die Tochter Pandions aus Athen, zur Frau 
 hatte, nichts zu tun; beide waren gar nicht mal aus dem­ 
 selben Thrakien. Denn Tereus lebte in Daulia, jener damals 
 von Thrakern bewohnten Landschaft, welche jetzt Phokis heißt. 
 Hier war es auch, wo die Weiber die Untat an Jtys verübten, 
 wie denn auch manche Dichter, welche die Nachtigall erwähnen, 
 diese den daulischen Vogel nennen. Wahrscheinlich gab doch 
 auch Pandion seine Tochter lieber einem Manne in der Nähe 
 zur Frau, wo beide was voneinander hatten, als einem dort 
 in dem viele Tagereisen entfernten Odrysenlaude. Teres da­ 
 gegen, der ja auch nicht mal denselben Namen mit ihm 
 führte, war der erste mächtige König der Odrysen. Dessen 
 Sohn Sitalkes also wollten die Athener gern zum Bundes­ 
 genossen haben, weil sie auf seine Hilfe gegen Perdikkas und 
 
 im thrakischen Küstenlande hofften. Nymphodoros kam auch 
 wirklich nach Athen und brachte das Bündnis mit Sitalkes 
 zustande. Er verschaffte dessen Sohne Sadokos das athenische 
 Bürgerrecht und machte sich anheischig, dem Kriege an der 
 thrakischen Küste ein Ende zu machen und Sitalkes zu be­ 
 tsimmen, den Athenern ein aus Reiterei und leichtem Fußvolk 
 gebildetes Heer zu Hilfe zu schicken. Auch söhnte er Perdikkas 
 mit den Athenern aus, die sich dabei ihrerseits dazu verstanden, 
 Therme an Perdikkas zurückzugeben, worauf dieser sich sogleich . 
 mit Phormion und den Athenern zu einem Feldzuge gegen die 
 Chalkidier vereinigte. So wurden Sitalkes, Teres' Sohn, der 
 Thrakerkönig, und Perdikkas, Alexanders Sohn, König von 
 Makedonien, Bundesgenossen der Athener.

Die immer noch um den Peloponnes kreuzenden Athener 
 auf den hundert Schiffen eroberten die korinthische Stadt 
 Sollion und räumten Stadt und Land Akarnaniern, jedoch 
 nur den Palaireern, zum Wohnsitz ein. Astakos, wo Euarchos 
 Tyrann war, nahmen sie mit Sturm, vertrieben den Tyrannen 
 und zwangen die Stadt, dem Athenischen Bunde beizutreten. 
 Darauf fuhren sie nach der Insel Kephallenia, die sich ihnen 
 ohne Schwertstreich ergab. Kephallenia liegt Akarnanien und 
 Leukas gegenüber und besteht aus vier Stadtgemeinden, Paleis, 
 Kranioi, Same und Pronnoi. Bald nachher fuhren die Schiffe 
 nach Athen zurück.

Gegen Ende dieses Sommers fielen die Athener mit ihrem 
 ganzen Heere, Bürger und Schutzverwaudte, unter Perikles, 
 Lanthippos' Sohn, nach Megaris ein. Als die auf ihrer Rück­ 
 fahrt vom Peloponnes grade bei Hgina angelangten Athener 
 auf den hundert Schiffen hörten, daß ganz Athen in Megaris 
 wäre, hielten sie auch dahin ab und vereinigten sich dort mit 
 ihren Landsleuten. Und so wurde dies das größte Heer, 
 welches die Athener noch in ihrer Blütezeit vor Eintritt der 
 Pest auf den Beinen gehabt haben; denn ganz abgesehen von 
 den dreitausend bei Potidäa stellten die Athener selbst mindestens 
 zehntausend Hopliten und ihre Schutzverwandten mindestens 
 dreitausend; dazu kam dann noch die große Menge der Leicht­ 
 
 bewaffneten. Nachdem sie einen großen Teil des Landes ver­ 
 heert hatten, zogen sie wieder ab. Auch im weiteren Verlauf 
 des Krieges machten die Athener alljährlich solche Einfälle nach 
 Megaris, entweder bloß mit der Reiterei oder auch mit dem 
 ganzen Heere, bis sie Nisaia genommen hatten.

Gegen Ende dieses Sommers wurde auch die bisher un­ 
 bewohnte Insel Atalanta an der Küste der opuntischen Lokrer 
 von den Athenern besetzt und zur Festung ausgebaut, um räube­ 
 rischen Unternehmungen aus Opus und dem übrigen Lokrien 
 gegen Euboia einen Riegel vorzuschieben. 
 Das waren die Ereignisse dieses Sommers nach dem Abzüge 
 der Peloponnesier aus Attika.

Im folgenden Winter überredete der Akarnanier Euarchos, 
 der sich der Herrschaft in Astakos wieder bemächtigen wollte, 
 die Korinther, ihn mit vierzig Schiffen und fünfzehnhundert 
 Hopliten dahin zurückzuführen, wozu er selbst auch eine Anzahl 
 Söldner geworben hatte. Euphamidas, Aristonymos' Sohn, 
 Timoxenos, Timokrates' Sohn, und Eumachos, Chrysis' Sohn, 
 befehligten den Zug. Sie führten Euarchos auch wirklich nach 
 Astakos zurück und hofften, sich nun auch sonst noch eines oder 
 des anderen Platzes an der akarnanischen Küste bemächtigen zu 
 können, machten dazu auch einige Versuche. Da es ihnen damit 
 jedoch nicht glückte, fuhren sie wieder nach Hause. Als sie 
 aus dem Rückwege an Kephallenia vorbeikamen, landeten sie im 
 Gebiet der Kranier, ließen sich durch deren scheinbare Unter­ 
 werfung täuschen und verloren infolge eines unerwarteten 
 Überfalls der Kranier eine Anzahl Leute. Sie machten des­ 
 halb, was sie konnten, daß sie wieder unter Segel kamen, und 
 fuhren nach Hause.

In diesem Winter wurden in Athen, wie es dort altes 
 Herkommen ist, die im ersten Kriegsjahre Gefallenen von 
 Staats wegen feierlich bestattet, und zwar in folgender Weise: 
 Drei Tage vorher werden die Gebeine der Gefallenen in einem 
 dazu hergerichteten Zelte zur Schau gestellt, und jeder bringt 
 seinem Toten, wie ihm ums Herz ist, eine Gabe dar. Wenn 
 sich der Leichenzug in Bewegung setzt, werden Särge aus 
 
 Zypressen holz zu Wagen hinausgefahren, für jede Phyle ein 
 Sarg, in dem sich die Gebeine aller, die dieser Phyle angehört 
 haben, befinden. Ein leeres, mit Teppichen belegtes Parade­ 
 bett wird mit hinausgetragen für die Vermißten, die man 
 nicht hat auffinden und mitnehmen können. Jeder, wer will, 
 kann sich dem Zuge anschließen. Einheimische und Fremde; 
 auch Frauen nehmen daran teil, um am Grabe ihrer An­ 
 gehörigen zu weinen. Die Beisetzung erfolgt in dem Staats- 
 grabe in der schönsten Vorstadt von Athen, wo die Athener 
 ihre im Kriege gefallenen Toten immer bestattet haben mit 
 alleiniger Ausnahme der bei Marathon Gebliebenen, welche! 
 zu Ehren ihrer unvergleichlichen Tapferkeit auf der Walstatt, 
 selbst beerdigt wurden. Ist das Grab zugeschüttet, so hält, 
 jemand, den man dazu mit Rücksicht auf Befähigung und An-­ 
 se hen von Staats wegen auswählt, eine Rede zu Ehren der 
 Gefallenen, worin er ihre Verdienste gebührend hervorhebt. 
 Darauf geht jeder wieder nach Hause. In dieser Weise ver­ 
 läuft die Feier, und während des ganzen Krieges wurde es, 
 sooft sie stattfand, immer so damit gehalten. Dies erste Mal 
 war Perikles, Xanthippos' Sohn, zum Redner gewählt, und 
 als es so weit war, trat er vom Grabe her auf eine hohe Bühne, 
 die man dort errichtet hatte, damit man ihn in der Menshcen- 
 menge möglichst weit verstehen könnte, und hielt folgende Rede:

„Die Redner, welche vor mir an dieser Stelle gesprochen, 
 sind in der Regel des Lobes voll darüber gewesen, daß man 
 bei unserer Totenfeier auch diese Rede eingeführt habe, sei eS 
 doch eine schöne Sitte, unsere gefallenen Helden durch eine 
 Rede am Grabe zu ehren. Nach meinem Gefühl hätte man 
 eS lieber dabei lassen sollen, die Verdienste, die sich diese Männer 
 durch ihre Taten erworben, auch nur durch eine Tat zu ehren, 
 ich meine, durch solch ein ehrenvolles Begräbnis, wie ihr es 
 heute wieder mit angesehen habt, anstatt es für die Beginn­ 
 bigung der Verdienste so vieler Helden darauf ankommen zu 
 lassen, ob einer eine gute oder eine schlechte Rede hält. Eine 
 solche Rede zu halten, ist schwer, und eS wird dem Redner 
 kaum gelingen, seine Zuhörer zu überzeugen, daß er jene Ver­ 
 
 dienste zutreffend gewürdigt habe. Denn wer selbst mit dabei 
 gewesen und überhaupt ein guter Athener ist, wird die Rede 
 im Vergleich zu dem, was er erwartet und von der Sache 
 weiß, leicht zu matt finden, wer es aber nicht selbst miterlebt, 
 wird manches für übertrieben halten, weil man keinem ein 
 Lob für Leistungen gönnt, die man sich selbst nicht auch zu­ 
 traut; denn soweit man es anderen noch gleichtun zu können 
 meint, kann man das ihnen erteilte Lob allenfalls ertragen, 
 darüber hinaus aber ist man gleich neidisch und will nicht 
 daran glauben. Da man nun aber seinerzeit der Meinung 
 gewesen ist, daß es so besser sei, so muß auch ich mich der 
 eingeführten Ordnung fügen und werde versuchen, es jedem 
 von euch möglichst nach Wunsch und Sinn zu machen.

„Ich beginne mit unseren Vorfahren; denn wir sind es 
 ihnen schuldig, und es geziemt sich, bei einer solchen Feier 
 ihrer dankbar zu gedenken. Als alteingesessene, mit dem väter­ 
 lichen Boden von jeher festverwachsene Bevölkerung dieses 
 Landes haben sie dessen Freiheit von Geschlecht zu Geschlecht 
 bewahrt und auf uns vererbt. Haben schon unsere Altvorderen 
 Anspruch aus unseren Dank, so vollends unsere Väter. Denn 
 sie haben zu dem altererbten Besitz noch das weite Reich, das 
 jetzt unser ist, hinzuerworben und uns hinterlassen. Wir selbst 
 aber, das jetzige Geschlecht, haben es dann freilich noch weiter 
 vermehrt und die Stadt mit allem, was sie für Krieg und 
 Frieden bedarf, überreichlich ausgestattet. Von den Helden­ 
 taten, denen wir unsere heutige Machtstellung verdanken, und 
 von der Tapferkeit, die wir selbst und unsere Väter in den 
 Kämpfen mit Barbaren oder Hellenen bei jeder Gelegenheit 
 bewiesen haben, will ich nicht weiter reden; es sind das ja 
 euch allen genügend bekannte Dinge. Wohl aber will ich euch, 
 bevor ich mich zur Ehrung unserer Toten wende, ein Wort 
 über den Geist unseres StaatSwesens und der Einrichtungen 
 sagen, worauf die Größe Athens beruht. Denn ich glaube, 
 daß ein Wort darüber bei dieser Gelegenheit nicht unangebracht 
 ist, und daß allen Anwesenden hier, Einheimischen und Fremden, 
 damit gedient sein wird.

„Wir haben bei unserer Verfassung keine fremden Ein­ 
 richtungen zum Muster genommen; im Gegenteil, wir haben 
 anderen eher als Vorbild gedient, als ihnen was nachgemacht. Und 
 weil das Regiment bei uns nicht in der Hand weniger, sondern 
 der Gesamtheit liegt, nennt man unsere Verfassung demokratisch. 
 Denn wie in den Angelegenheiten der einzelnen gleiches Recht 
 für alle gilt, so gibt auch in Beziehung auf Geltung und An­ 
 sehen in Staat und Gemeinde nur persönliche Tüchtigkeit 
 einen Vorzug, nicht aber Zugehörigkeit zu einer bestimmten 
 Klasse, und selbst Armut hindert keinen, der was kann, aus 
 seiner Unansehnlichkeit zu Amt und Würden zu gelangen. Wir 
 sind im öffentlichen Leben nicht engherzig und im täglichen 
 Verkehr untereinander keine Duckmäuser, nehmen es unserem 
 Nächsten nicht übel, wenn er mal über die Stränge schlägt, 
 und machen darüber kein sauertöpfisches Gesicht, um ihn da­ 
 durch, wenn auch nicht umzubringen, doch moralisch zu ver­ 
 nichten. Im persönlichen Verkehr sind wir nichts weniger 
 als Splitterrichter, im öffentlichen Leben aber schämen wir 
 uns jeder Ungesetzlichkeit und gehorchen der jeweiligen Obrigkeit 
 und den Gesetzen, vorzüglich den zum Schutz der Bedrängten 
 gegebenen, und den, wenn auch ungeschriebenen Gesetzen, deren 
 Übertretung jedermann für Schande hält.

„Auch für Gelegenheit zur Erholung von Mühe und Arbeit 
 ist bei uns reichlich gesorgt, durch Spiele und Feste, wie sie 
 hier jahrein jahraus gehalten werden, aber auch durch unser 
 schönes Familienleben, dessen tägliche Freuden die Sorgen 
 vershceuchen. Bei der Größe unserer Stadt kommen die Er­ 
 zeugnisse aller Länder hier zu Markte, die wir so gut als 
 unser Eigentum ansehen können wie die Erzeugnisse unseres 
 eigenen Landes.

„Auch in Beziehung auf das Kriegswesen befolgen wir 
 insofern andere Grundsätze als unsere Gegner, als wir niemand 
 den Aufenthalt hier in der Stadt verwehren. Es kommt nie 
 vor, daß jemand ausgewiesen oder daran gehindert wird, sich 
 hier umzutun und zu belehren, aus Furcht, die Feinde könnten 
 uns Geheimnisse absehen und sich zunutze machen. Denn 
 
 wir verlassen uns nicht sowohl auf Vorsichtsmaßregeln und 
 Überrashcungen als vielmehr auf den im Kampfe bewährten 
 persönlichen Mut. Während man bei ihnen die Knaben schon 
 von klein auf durch Anstrengung und Abhärtung zur Tapferkeit 
 erziehen zu müssen glaubt, gehen wir auch ohne solche harte 
 Zucht nicht minder entschlossen in den Kampf und können es 
 dreist mit ihnen aufnehmen. Das steht man schon daraus, 
 daß die Lakedämonier bei Einfällen in unser Land nicht allein 
 kommen, sondern gleich alle ihre Bundesgenossen aufbieten, 
 während wir unseren Nachbarn allein ins Land fallen und 
 ste, obwohl ste für Haus und Hof fechten, in der Regel ohne 
 große Mühe besiegen. Mit unserer ganzen Macht auf einmal 
 hat es ein Feind noch nie zu tun gehabt, weil wir gleichzeitig 
 immer Mannschaft für die Flotte bedürfen und auch zu Lande 
 unsere Truppen an allen Ecken und Enden verwenden müssen. 
 Kommen aber die Herren mal mit einem unserer Heeresteile 
 ins Gefecht und schlagen sie dabei ein paar Athener aus dem 
 Felde, so wird daraus gleich ein Sieg über das ganze athe­ 
 nische Heer; sind sie dagegen von uns besiegt, so sind sie immer 
 nur unserer ganzen Macht unterlegen. Wenn wir aber auch 
 ohne solchen Zwang getrost in den Kampf gehen und uns dabei 
 nicht auf künstlich gezüchtete Tapferkeit, sondern auf angebo­ 
 renen Mut verlassen, so kommt uns nur das zugute; denn 
 auch ohne unsere Kräfte vorher auszugeben, stehen wir nicht 
 minder unseren Mann als unsere Gegner, die sich bis dahin 
 beständig abgequält haben. Und deshalb bewundert man Athen 
 mit Recht, aber freilich noch aus anderen Gründen.

„Denn wir pflegen die Künste, aber nicht um eiteln 
 Prunkes willen, und lieben die Wissenschaft, aber ohne uns 
 dadurch verweichlichen zu lassen. Wir schätzen den Reichtum 
 als ein Mittel, um nützlichen Gebrauch davon zu machen, 
 nicht aber um damit zu protzen. Seiner Armut braucht sich 
 niemand zu schämen, es sei denn, daß er sie durch Faulheit 
 selbst verschuldet hat. Der Politiker kann sich bei uns auch 
 seinen eigenen Angelegenheiten widmen und der Geschäfts­ 
 mann, der sein Gewerbe treibt, dabei sehr wohl auf Politik 
 
 verstehen. Nur hier hält man den, der sich nicht um Politik 
 bekümmert, nicht für einen guten Bürger, sondern für einen 
 Philister. Bei uns bildet sich jeder wenigstens ein Urteil über 
 solche Fragen, wenn es auch zunächst den berufsmäßigen Poli­ 
 tikern überlassen bleibt, über deren richtige Lösung nachzudenken. 
 Wir glauben nicht, daß die Sachen darunter leiden, wenn 
 man sich erst öffentlich darüber ausspricht; im Gegenteil, wir 
 halten eS für verkehrt, eine Sache anzugreifen, ohne sich darüber 
 vorher durch Rede und Gegenrede belehren zu lassen. Denn 
 auch darin untershceiden wir uns von anderen, daß wir bei 
 unseren Unternehmungen erst wägen und dann wagen, während 
 sie dummdreist draufgehen und, wenn sie zur Besinnung kommen, 
 den Mut verlieren. Der wahre Mut ist es denn doch, sich zu­ 
 nächst klarzumachen, was man zu hoffen und zu fürchten hat, und 
 dann doch nicht vor der Gefahr zurückzushcrecken. Auch über 
 Wohltun deuten wir anders als die meisten; nicht durch Nehmen, 
 sondern durch Geben suchen wir uns Freunde zu machen. Wer 
 einem anderen eine Wohltat erweist, hält fester an der Freund­ 
 schaft und sucht sich dessen Dankbarkeit durch fortgesetztes Wohl­ 
 wollen zu erhalten; der durch eine Wohltat Verpflichtete da­ 
 gegen läßt es schon eher darauf ankommen, weil er sich sagt, 
 daß er sie nicht erwidert, um dem anderen eine Freude zu 
 machen, sondern um eine Schuld abzutragen. Wir sind die 
 einzigen, die nicht aus Berechnung und um eigenen Vorteils 
 willen, sondern als freie Männer auch ohne Nebenabsichten 
 vertrauensvoll und furchtlos anderen Wohltaten erweisen.

„Mit einem Worte, ich sage, unsere Stadt ist die hohe 
 Schule für ganz Griechenland, und glaube, daß auch der ein­ 
 zelne Athener sich mit seiner Gewandtheit und Sicherheit 
 in allen Lebenslagen in der Regel leicht zurechtfinden wird. 
 Und daß ich damit nicht nur bei dieser Gelegenheit den Mund 
 etwas voll nehme, sondern daß dem in der Tat so ist, beweist 
 die große Stellung unserer Stadt, die wir solchen Eigenschaften 
 verdanken. Sie allein ist, bei Lichte besehen, größer als ihr 
 Ruf, die einzige, von der besiegt zu werden auch der Feind 
 sich nicht schämt, der zu gehorchen ihre Untertanen nicht unter 
 
 der Würde halten. Nach einer so glänzenden und wahrlich 
 zur Genüge bezeugten Entfaltung unserer Macht und Größe 
 kann uns die Bewunderung der Mit- und Nachwelt nicht 
 fehlen. Wir brauchen zur Verherrlichung unserer Taten keinen 
 Homer noch sonst einen Sänger, der für den Augenblick ent­ 
 zückt, dessen Fabelwelt dann aber vor der Wahrheit nicht Stich 
 hält. Über Land und Meer, soweit eines Menschen Fuß reicht, 
 sind wir die Heldenbahn geschritten und haben überall bei 
 Freund und Feind ein unvergängliches Andenken hinterlassen. 
 Für diese Stadt haben auch diese Tapferen als deren treue 
 Söhne ihr Leben gelassen, und auch unter uns Überlebenden 
 hier ist gewiß keiner, der nicht mit Freuden für sie in den 
 Tod gehen würde.

„Darum bin ich auch auf die Verhältnisse unserer Stadt 
 eingegangen. Ich wollte euch zeigen, daß für uns denn doch 
 andere Dinge auf dem Spiel stehen als für Leute, bei denen 
 es dergleichen wie hier bei uns nicht gibt, und dadurch zugleich 
 das Verdienst der Männer, denen ich die Grabrede halte, um 
 so Heller ins Licht setzen. Auch ist damit das Beste zu ihrem 
 Ruhm bereits gesagt. Denn alles, was ich zum Ruhm der 
 Stadt gesagt habe, verdankt sie eben der Tüchtigkeit dieser 
 Männer und solcher Helden wie sie, und in ganz Griechenland 
 wird man das nicht von allzuvielen, so wie von ihnen, ohne 
 Übertreibung rühmen können. Ich meine, ein Tod wie ihrer 
 beweist unter allen Umständen die Tüchtigkeit eines Mannes, 
 mag er sie damit zum erstenmal bewähren oder vollends be­ 
 siegeln. Selbst dem Taugenichts kommt es zugute, wenn er 
 schließlich sein Leben auf dem Schlachtfelde fürs Vaterland 
 einsetzt; denn durch solche Tapferkeit hat er seine Fehler be­ 
 deckt und dem Gemeinwesen mehr genützt als durch sein früheres 
 Lotterleben geschadet. Hier unter diesen Tapferen war keiner, 
 der sich in Überfluß und Genußsucht verweichlicht oder in der 
 Hoffnung, aus einem armen Schelm dermaleint snoch ein reicher 
 Mann zu werden, lange besonnen hätte, der Gefahr ins An­ 
 gesicht zu sehen. Sie alle hatten kein größeres Verlangen, als 
 gegen den Landesfeind zu kämpfen, kannten keinen schöneren 
 
 Tod als den fürs Vaterland und, ohne ihr Leben im Kampfe 
 gegen die Feinde zu wagen, hatten auch andere Güter in ihren 
 Augen keinen Wert. Während sie auf den Sieg, den immer 
 ungewissen, nur hoffen konnten, gingen sie im Vertrauen auf 
 ihre eigene Kraft in den Kampf. Und indem sie lieber tapfer 
 kämpfen und sterben, als durch feige Flucht ihr Leben retten 
 wollten, haben sie ihren Heldenmut durch die Tat bewiesen 
 und brauchen keine Lästerzunge zu fürchten. So sind sie in 
 kurzer Schicksalsstunde, vom höchsten Ruhmesglanz umstrahlt, 
 den Heldentod gestorben.

„Diese Tapferen haben ihre Schuldigkeit getan, indem sie 
 für die Stadt ihr Leben ließen. Mögen die Überlebenden 
 immerhin wünschen, daß es ihnen nicht auch das Leben kostet, 
 darum aber doch nicht minder entschlossen sein, es mutig gegen 
 den Landesfeind einzusetzen. Wozu, - das braucht ihr euch 
 von einem Redner, der das nicht besser weiß als ihr, durch 
 einen Vortrag über den Nutzen der Tapferkeit nicht erst aus­ 
 einandersetzen zu lassen; nein, macht nur die Augen auf, um 
 euch tagtäglich von der Macht und Schönheit unserer Stadt zu 
 überzeugen und euch recht eigentlich in sie zu verlieben. Und 
 wenn ihr euch dann ihrer Größe freut, so vergeßt nicht, daß 
 kühne und von Ehrgefühl beseelte Männer, welche wußten, 
 waS ihre Schuldigkeit war, uns das zuwege gebracht haben, 
 Männer, die nicht nach jedem Mißerfolg den Mut sinken ließen, 
 sondern immer wieder bereit waren, ihr Leben auf dem Altar 
 des Vaterlandes zu opfern. Dafür aber, daß sie ihr Leben 
 fürs Vaterland hingegeben haben, ist ihnen denn auch unsterb­ 
 licher Ruhm und das herrlichste Grabmal zuteil geworden, 
 nicht hier, mein' ich, wo sie beigesetzt worden sind, sondern 
 überall da, wo ihr Ruhm fortlebt und sich ein Anlaß bietet, ihrer 
 durch Wort oder Tat zu gedenken. Denn das Grabmal be­ 
 rühmter Männer sind alle Lande, und nicht nur in der Heimat 
 kündet die Inschrift auf dem Grabstein ihren Ruhm, sondern 
 auch in der Fremde bleibt, wenn nicht ihre Tat, so doch ihr 
 Mut auch ungeschrieben bei jedermann in lebendigem Ge­ 
 dächtnis. Sie also nehmt euch zum Beispiel; erblickt auch ihr 
 
 das Glück in der Freiheit, die Freiheit in der Tapferkeit, und 
 steht auch ihr euren Mann, wenn euch von Feinden Gefahr 
 droht! Denn wo man nur ein kümmerliches Dasein führt und 
 nichts Besseres zu hoffen hat, hat man auch keinen Grund, 
 sein Leben in die Schanze zu schlagen, wohl aber da, wo man 
 bei einem Umschwung der Dinge was zu verlieren hat und 
 ein unglücklicher Krieg so viel ausmacht. Dem Mutigen ist 
 feige Jämmerlichkeit schmerzlicher als der Tod, den er im 
 Hochgefühl der Kraft und in der Freudigkeit des Sieges als 
 kein Übel empfindet.

„Darum will ich auch euch, die hier anwesenden Eltern 
 dieser Tapferen, nicht beklagen, sondern zu trösten suchen. Glück 
 und Unglück, das wißt ihr, wechseln beständig im menschlichen 
 Leben; glücklich, wem ein so schönes Ende wie ihnen oder eine 
 so edle Trauer wie euch zuteil wird, wem nach einem glück­ 
 lichen Leben auch ein glücklicher Tod beschieden ist. Ich weiß, 
 es ist schwer, euch über einen Verlust zu trösten, an den ihr, 
 wenn ihr andere ein Glück genießen seht, dessen ihr euch einst 
 auch freuen durftet, immer von neuem erinnert werdet. Ein 
 Glück, das man nie gekannt, zu entbehren, tut nicht weh, weh 
 aber, ein Glück zu verlieren, an das man gewöhnt war. Wer 
 von euch noch in dem Alter ist, daß er auf Kinder hoffen kann, 
 mag sich an solcher Hoffnung aufrichten. Die neuen Kinder 
 werden den Eltern ein Trost für die verlorenen sein, die Stadt 
 aber wird davon den doppelten Vorteil haben, daß sie an 
 Bürgern nicht ärmer wird und an Sicherheit gewinnt. Wer 
 nicht selbst auch Kinder zu verlieren hat, dem wird da, wo es 
 sich um Fragen des Gemeinwohls handelt, auch das volle Ver­ 
 ständnis für die Gefühle und Interessen seiner Mitbürger 
 fehlen. Ihr aber, die ihr über dies Alter hinaus seid, freut 
 euch, daß ihr den größten Teil eures Lebens glücklich gewesen 
 seid, und daß es bald mit euern Tagen zur Neige geht, und 
 zehrt hinfort vom Ruhme eurer Söhne; denn nur der Ehrgeiz 
 altert nicht, und das, woran sich das tatenlose Alter am 
 meisten freut, ist nicht, wie man wohl behauptet, das Geld, 
 sondern die Ehre.

„Euch freilich, ihr hier anwesenden Söhne und Brüder 
 dieser Helden, fürcht' ich, wird es schwer werden, mit ihnen 
 um den Ruhmespreis zu ringen. Denn die Toten pflegt jeder 
 zu rühmen, und auch bei der größten Tapferkeit wird man euch 
 nicht für ihresgleichen, sondern für etwas weniger halten. 
 Denn den Lebenden, der sich hervortut, beneidet man, dem 
 Toten aber, der uns nicht mehr im Wege steht, gönnt man 
 neidlos seine Ehre. Und wenn ich zuletzt auch noch ein Wort 
 über die Tugenden der Frauen sagen soll, die jetzt in den 
 Witwenstand versetzt sind, so kann ich mich ganz kurz auf einen 
 guten Rat beschränken. Euer höchster Ruhm wird sein, echter 
 Weiblichkeit nichts zu vergeben, und die wird für die beste 
 gelten, von der in Lob und Tadel unter Männern am wenigsten 
 die Rede ist.

„Damit hätte ich nun, um der einmal eingeführten Ord­ 
 nung zu genügen, zu Ehren dieser Toten auch eine Rede ge­ 
 halten; durch die Tat aber sind sie bereits durch dieses Be­ 
 gräbnis sowie dadurch geehrt, daß die Stadt ihre Kinder, bis 
 sie zu ihren Jahren kommen, auf öffentliche Kosten erziehen 
 läßt, eine Auszeichnung, womit die Stadt sie und ihre Hinter­ 
 bliebenen für so hervorragende Leistungen zweckmäßig belohnt. 
 Denn wo der Tapferkeit der höchste Lohn winkt, wird man 
 auch die tapfersten Bürger haben. Nun noch eine Träne am 
 Grabe eurer Lieben, und dann geht nach Hause."

Auf diese Weise wurde die Leichenfeier in diesem Winter 
 gehalten, mit dessen Ablauf das erste Kriegsjahr zu Ende ging. 
 Gleich im Beginn des Sommers fielen die Peloponnesier und 
 ihre Bundesgenossen wie schon das erstemal mit zwei Dritteln 
 ihrer Mannschaft von neuem nach Attika ein, wo sie ein Lager 
 bezogen und das Land verheerten. Den Oberbefehl führte 
 Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, König der Lakedämonier. Sie 
 waren erst wenige Tage in Attika, als sich in Athen die ersten 
 Anfänge der Pest zeigten, die, wie es heißt, auch früher schon 
 mehrfach, namentlich in Lemnos und anderswo, aufgetreten 
 war, aber, soweit man sich erinnerte, niemals so furchtbar ge­ 
 wütet und die Menschen so massenhaft hingerafft hatte. Auch 
 
 die Ärzte, die sie noch nicht kannten und anfangs nicht zu be­ 
 handeln wußten, waren ihr gegenüber machtlos, ja, sie sielen 
 ihr, weit sie beständig mit ihr in Berührung kamen, grade 
 selbst am meisten zum Opfer. Auch andere menschliche Kunst 
 half nichts dagegen. Alles Beten in Tempeln, alles Anfragen 
 bei Orakeln und dergleichen war umsonst, und so unterließ 
 man schließlich auch das und ergab sich in sein Schicksal.

Entstanden sein soll sie zuerst in Äthiopien oberhalb 
 Ägyptens, von wo sie sich dann nach Ägypten und Libyen und 
 einen großen Teil des persischen Reiches verbreitete. Ganz 
 plötzlich trat sie dann auch in Athen auf, und zwar kamen die 
 ersten Erkrankungen im Peiraieus vor, ja, es hieß sogar, die 
 Peloponnesier hätten die Brunnen vergiftet; denn damals gab 
 es dort noch keine Röhrenbrunnen. Später kam sie auch in 
 die obere Stadt, und nun erst fing das große Sterben an. 
 Ich überlasse es jedem, er sei Arzt oder Laie, seine Meinung 
 darüber zu äußern, woher sie wahrscheinlich entstanden ist und 
 weshalb sie so merkwürdige Erscheinungen zur Folge haben 
 konnte; ich will nur angeben, wie sie wirklich auftrat, und sie 
 so beschreiben, daß man, falls sie mal wiederkommt, hin­ 
 länglich über sie unterrichtet ist, um sie zu erkennen; denn ich 
 habe sie selbst gehabt und auch andere, die von ihr befallen 
 waren, selbst gesehen.

So viel steht fest, daß in dem Jahre andere Krankheiten 
 so gut wie gar nicht vorkamen, und daß, wenn einem was 
 fehlte, immer diese Krankheit daraus wurde. Bei anderen, 
 bis dahin völlig Gesunden, stellte sich ohne jede äußere Ver­ 
 anlassung plötzlich große Hitze im Kopfe ein mit Röte und 
 Entzündung der Augen. Inwendig wurden Schlund und Zunge 
 gleich blutrot, der Atem widerlich und übelriechend, dazu kam 
 Niesen und Heiserkeit, und nach kurzer Zeit drang die Krank­ 
 heit in die Brust bei starkem Husten. Wenn sie sich auf den 
 Magen warf, kehrte sie ihn um, und es erfolgten alle Ent­ 
 leerungen der Galle, für welche die Ärzte einen Namen haben, 
 und zwar unter großen Schmerzen. Meist kam es dabei zu 
 einem leeren Würgen, verbunden mit heftigem Krampf, was 
 
 bei einigen bald vorüberging, bei anderen aber erst nach 
 längerer Zeit aufhörte. Äußerlich fühlte sich der Körper nicht 
 übermäßig warm an; er war nicht blaß, sondern etwas gerötet, 
 wie mit Blut unterlaufen, und überall mit kleinen Pusteln und 
 Geschwüren bedeckt. Inwendig aber war die Hitze so groß, 
 daß die Menschen es selbst in den leichtesten Kleidern und 
 unter dem feinsten Leinen nicht aushalten konnten, sondern sich 
 alles vom Leibe rissen und sich am liebsten in kaltes Wasser 
 gestürzt hätten, und viele, die sich selbst überlassen waren, taten 
 das auch und sprangen in die Brunnen, weil sie von unauf­ 
 hörlichem Durst gequält wurden, sie mochten trinken, so viel sie 
 wollten. Dazu litt der Kranke beständig an Unruhe und 
 Schlaflosigkeit. Auch wenn die Krankheit länger anhielt, ver­ 
 fiel der Körper dabei nicht, sondern zeigte sich unerwartet 
 widerstandsfähig, so daß die Kranken meist noch ziemlich bei 
 Kräften am neunten oder ; siebenten Tage an innerer Hitze 
 tsarben. Überstanden sie das aber, so warf sich die Krankheit 
 auf den Unterleib, es stellten sich Geschwüre und tsarker Durch­ 
 fall ein, und dann starben sie meist an Entkräftung. Denn 
 das Übel, das im Kopfe anfing, durchzog den ganzen Körper 
 von oben bis unten. Hatte einer das Schlimmste überstanden, 
 so zeigte sich das daran, daß die Krankheit die Extremitäten 
 ergriff; sie warf sich dann auf die Scham teile, auf Finger und 
 Zehen, so daß viele, die mit dem Leben davonkamen, diese 
 Körperteile, manche auch die Augen einbüßten. Einige hatten, 
 wenn sie die Krankheit überstanden, auch das Gedächtnis verloren 
 und kannten sich selbst und ihre Angehörigen nicht mehr.

Das Unheimliche und Auffallende an dieser Krankheit 
 war, daß sie nicht nur die Menschen so grausam hinraffte, 
 sondern daß auch Vögel und andere Tiere, welche sonst Leichen 
 anfressen, die vielen unbeerdigt gebliebenen Toten überhaupt 
 nicht anrührten oder^D^starben, wenn sie davon fraßen, wie 
 sich das daran zeigte, daß solche Vögel gänzlich verschwunden 
 waren und sich bei den Leichen gar nicht mehr sehen ließen. 
 Am besten konnte man das an den Hunden beobachten, weil 
 sie in Gemeinschaft mit den Menschen leben.

Das war, abgesehen von mancherlei besonderen Er­ 
 scheinungen, wie sie sich hier und da zeigten, im allgemeinen 
 die Gestalt, in der die Krankheit auftrat. Andere gewöhnliche 
 Krankheiten aber kamen in jener Zeit nicht vor, und wenn es 
 etwa doch der Fall war, schlugen sie in diese um. Die Menschen 
 starben, mochten sie sich selbst überlassen oder aufs beste ver­ 
 pflegt sein. Es gab in der Tat kein Mittel, das man dagegen 
 mit einiger Aussicht auf Erfolg hätte anwenden können; denn^ 
 was dem einen nützte, schadete dem anderen. Der Krankheit 
 gegenüber verschlug es nichts, ob einer von Haus aus eine 
 feste Gesundheit hatte oder nicht; sie raffte alles hin auch bei 
 der sorgfältigsten Behandlung. Das Schlimmste war die Mut­ 
 losigkeit, wenn einer sich krank fühlte, daß er sich in der Ver­ 
 zweiflung gleich völlig aufgab und keinen Widerstand mehr 
 leistete, und daß infolge der Ansteckung die Menschen starben 
 wie die Fliegen. Und das war grade ein Hauptgrund der 
 großen Sterblichkeit. Denn wenn man es aus Furcht vor An­ 
 steckung vermied, mit den Kranken in Berührung zu kommen, 
 und niemand sich ihrer annahm, so starben diese, wie denn in 
 der Tat manche Häuser, wo es an Pflege fehlte, völlig aus-^ 
 starben. Wer aber die Kranken besuchte, war selbst ein Kind 
 des Todes, und das traf grade vorzugsweise die Mutigen, die 
 es für Pflicht hielten, ihren Mitmenschen hilfreich beizustehen. 
 Denn die sahen es für Ehrensache an, sich selbst nicht zu 
 schonen und ihre Freunde zu besuchen, da deren Angehörige, 
 durch das grenzenlose Elend gebrochen, es schließlich müde 
 wurden, an den Sterbebetten zu jammern. Am meisten aber^ 
 erbarmten sich solche der Kranken und Sterbenden, welche die ^ 
 Krankheit selbst bereits überstanden hatten, weil sie sie aus 
 Erfahrung kannten und sich selbst jetzt davor sicher wußten. 
 Denn zum zweitenmal kriegte sie niemand so, daß er daran 
 gestorben wäre. Darum wurden sie von anderen glücklich ge­ 
 priesen und waren selbst froh, daß sie für diesmal glücklich 
 durchgekommen waren und immerhin hoffen durften, auch bei 
 einer etwaigen neuen Erkrankung wenigstens mit dem Leben 
 davonzukommen.

Zu allem Elend kam dann noch der Zusammenfluß so 
 vieler Menschen vom Lande in die Stadt, und diese selbst 
 hatten darunter am meisten zu leiden. Denn da sie nicht Häuser 
 genug vorfanden und die Sommerzeit in heißen und dumpfigen 
 Buden zubringen mußten, trat unter ihnen ein grauenhaftes 
 Sterben ein. So wie sie übereinander verreckten, blieben sie 
 als Leichen liegen, oder sie wälzten sich halbtot auf den Straßen 
 oder vor Gier nach Wasser um die Brunnen. Selbst die 
 Tempel, in denen sie untergekommen und dann gestorben waren, 
 tagen voller Leichen. Bei dem grenzenlosen Elend wußten die 
 Menschen eben nicht mehr, was sie anfangen sollten, und 
 kümmerten sich nicht länger um Religion und fromme Sitte. 
 Auch über alles, was bis dahin bei Begräbnissen Rechtens ge­ 
 wesen war, setzte man sich hinweg, und jeder begrub seine 
 Toten, so gut er konnte. Manche gingen dabei gradezu scham­ 
 los zu Werke, weil ihnen schon so viele gestorben waren, daß 
 es ihnen an den nötigen Mitteln für ein Begräbnis fehlte. 
 Sie legten ihre Toten auf fremde Scheiterhaufen und zündeten 
 sie an, ehe die Leute, die sie aufgeschichtet hatten, dazu kamen, 
 oder warfen die mitgebrachte Leiche auf den ersten besten, 
 schon brennenden Scheiterhaufen und machten dann, daß sie 
 wegkamen.

Überhaupt war die Pest für Athen der Anfang mehr und 
 mehr um sich greifender Gesetzlosigkeit. Dinge, denen man 
 früher höchstens im geheimen gefrönt, trieb man jetzt mit 
 schamloser Offenheit; hatte man doch die schnellen Glückswechsel 
 vor Augen, wie die Reichen plötzlich starben und Leute, die 
 bis dahin nichts gehabt, mit einmal in den Besitz ihres Ver­ 
 mögens gelangten. Alles trachtete nach hastigem Genuß und 
 stürzte sich in den Taumel der Sinnenlust, da es ja mit dem 
 Leben wie mit dem Gelde über Nacht vorbei sein konnte. Für 
 einen guten Zweck sich abzumühen, hatte keiner mehr Lust; 
 denn wer sagte ihm, ob er nicht längst tot sein würde, bevor 
 er ihn erreicht? Schon der Genuß an sich und alles, waS 
 irgendwie dazu beitragen konnte, galt ohne weiteres auch für 
 gut und löblich. Weder Furcht vor den Göttern noch menshc­ 
 
 liches Gesetz wehrte dem Verbrechen; denn da man alle ohne 
 Unterschied tserben sah, schien es ja doch einerlei zu sein, ob 
 man die Götter fürchtete oder nicht, und niemand glaubte, daß 
 er noch so lange leben würde, bis eine bürgerliche Strafe für 
 seine Verbrechen über ihn verhängt werden könnte; schwebte 
 doch schon ein weit schwereres Verhängnis über seinem Haupte, 
 und bis das auf ihn hereinbrach, wollte er wenigstens sein 
 Leben noch genießen.

So waren die Athener damals in großer Not, in der 
 Stadt starben ihnen die Menschen, und draußen verwüstete der 
 Feind ihr Land. Kein Wunder, daß sie sich in dieser Not 
 auch der Weissagung erinnerten, die ihnen, wie die alten Leute 
 versicherten, vorzeiten mal verkündet worden war: „Es wird 
 kommen der dorische Krieg und damit die Seuche." 
 Nun entstand freilich Streit darüber, ob es in dem alten 
 Spruche die Seuche (Loimos) oder die Hungersnot (Limos) 
 geheißen habe. Unter den damaligen Umständen aber behielt 
 natürlich die Ansicht die Oberhand, daß es die Seuche ge­ 
 heißen, weil man ihn eben dem anpaßte, was man selbst er­ 
 lebte; und ich glaube, wenn einmal wieder ein dorischer Krieg 
 käme und dabei eine Hungersnot einträte, so würde man sich 
 den Spruch wahrscheinlich auch danach zurechtlegen. Allen 
 aber, denen sie bekannt geworden, fiel nun auch die Antwort 
 ein, welche das Orakel den Lakedämoniern auf die Frage, ob 
 sie Krieg anfangen sollten, erteilt hatte: „wenn sie den Krieg 
 nachdrücklich führten, würden sie siegen und der Gott selbst 
 werde auf ihrer Seite sein"; und da fand man nun, daß der 
 bisherige Verlauf der Sache dem völlig entspräche. Denn 
 gleich nach dem Einfall der Peloponnesier war die Pest aus­ 
 gebrochen, der Peloponnes aber so gut wie ganz davon ver­ 
 schont geblieben. Am ärgsten dagegen war sie grade in Athen 
 und danach auch in anderen besonders volkreichen Orten auf­ 
 getreten. So viel von der Pest und ihren Folgen.

Nachdem die Peloponnesier die Ebene verheert hatten, 
 zogen sie in das sogenannte Seeland bis nach Laurion, wo 
 die Athener ihre Silberbergwerke haben, und verwüsteten es 
 
 erst auf der nach dem Peloponnes gerichteten und dann auch 
 auf der Euboia und Andres gegenüberliegenden Seite. Perikles, 
 der auch dies Jahr noch Feldherr war, hielt wie beim vorigen 
 Einfall immer noch an der Ansicht fest, daß die Athener sich 
 außerhalb der Stadt auf keine Schlacht einlassen dürften.

Schon als das feindliche Heer noch in der Ebene stand 
 und noch nicht in die Küstengegend vorgedrungen war, hatte 
 Perikles hundert Schiffe zu einer Fahrt nach dem Peloponnes 
 rüsten lassen und ging damit, als alles fertig war, in See. 
 Er hatte viertausend athenische Hopliten und außerdem auf 
 alten, erst damals für Pferde eingerichteten Transportschiffen 
 dreihundert Reiter an Bord. Auch Chier und Lesbier beteiligten 
 sich mit fünfzig Schiffen an dem Zuge. Als die Athener mit 
 dieser Flotte in See gingen, ließen sie die Peloponnesier im 
 attischen Seelande ihr Wesen ruhig weitertreiben und wandten 
 sich nach Epidauros im Peloponnes, wo sie das Land weit 
 und breit verheerten und einen Angriff auf die Stadt unter­ 
 nahmen. Sie machten sich auch Hoffnung, sie einzunehmen, 
 aber das gelang ihnen nicht. Von EpidauroS fuhren sie weiter 
 und verheerten das Gebiet von Troizen, Halieis und Hermione, 
 alles Orte an der peloponnesischen Küste. Von dort gingen 
 sie wieder in See und kamen nach Prasiai, einer an der See 
 gelegenen Stadt in Latonien, und verheerten die Umgegend, 
 nahmen auch die Stadt selbst ein und zerstörten sie. Danach 
 fuhren sie wieder nach Hause, trafen aber die Peloponnesier, 
 die inzwischen abgezogen waren, in Attika nicht mehr an.

Während der ganzen Zeit, wo die Peloponnesier in Attika 
 und die Athener zu Schiff waren, wütete die Pest unter den 
 Athenern, sowohl auf der Flotte wie in der Stadt. Es hieß 
 sogar, die Peloponnesier hätten das Land schneller geräumt 
 aus Furcht vor der Pest, von deren Auftreten in der Stadt 
 sie durch Überläufer hörten und sich auch durch die vielen Be­ 
 gräbnisse überzeugen konnten. Übrigens waren sie bei diesem 
 Einfall am längsten, nämlich etwa vierzig Tage, in Attika ge­ 
 blieben und hatten das ganze Land verheert.

Noch in demselben Sommer übernahmen Hagnon, NikiaS' 
 
 Sohn, und Theopompos, Kleinias' Sohn, Perikles' Mitfeld­ 
 herren, den Oberbefehl über dessen Heer und Flotte und fuhren 
 damit nach der thrakischen Küste zum Kriege gegen die Chalkidier 
 und Potidäa, das noch immer belagert wurde. Dort ange­ 
 kommen, führten sie ihr Geschütz gegen Potidäa auf und ver­ 
 suchten es auf jede Weise zur Übergabe zu bringen. Sie ver­ 
 mochten es aber weder zu nehmen noch überhaupt Erfolge zu 
 erringen, welche der Mühe wert gewesen wären. Denn auch 
 hier machte die Pest, die sie mitgebracht, den Athenern große 
 Not und räumte unter ihnen furchtbar auf, ja selbst ihre 
 zuerst dorthin geschickten, bis dahin gesund gebliebenen Mann­ 
 schaften wurden jetzt von Hagnons Truppen angesteckt. Phor­ 
 mion mit seinen sechzehnhundert Mann war damals schon 
 nicht mehr in Chalkidike. So kehrte auch Hagnon mit seiner 
 Flotte nach Athen zurück, nachdem er von seinen viertausend 
 Hopliten in etwa vierzig Tagen fünfzehnhundert an der Pest 
 verloren hatte. Das alte Heer aber blieb da und setzte die 
 Belagerung fort.

Nach dem zweiten Einfall der Peloponnesier, bei dem ihr 
 Land nun schon zum zweitenmal verwüstet und die Pest noch 
 dazugekommen war, schlug die Stimmung der Athener um. 
 Sie schalten auf Perikles, der ihnen zum Kriege geraten und 
 all ihr Unglück verschuldet habe, und sehnten sich nach Frieden 
 mit den Lakedämoniern. Auch schickten sie mal Gesandte an 
 sie, die aber unverrichteter Sache zurückkamen. Nun zogen sie, 
 völlig ratlos, wie sie waren, über Perikles her. Als der sah, 
 daß sie, wie er das freilich nicht anders erwartet hatte, so 
 schwer an ihrem jetzigen Zustande trugen, berief er, da er noch 
 Feldherr war, eine Versammlung, um ihnen Mut einzusprechen, 
 ihren Zorn zu beschwichtigen und sie überhaupt zu beruhigen, 
 in der er auftrat und folgende Rede hielt:

„Daß ihr mit mir unzufrieden seid, überrascht mich nicht; 
 denn ich verstehe sehr wohl warum. Deshalb habe ich diese 
 Versammlung berufen, um euch die Meinung zu sagen und 
 eines Besseren zu belehren, sofern ihr keinen Grund habt, mir 
 zu zürnen und im Unglück zu verzagen. Denn ich meine, auch 
 
 dem einzelnen Bürger ist mit dem Bestände des ganzen Gemein­ 
 wesens besser gedient' als mit individueller Wohlfahrt, bei der 
 das Ganze zugrunde geht. Denn geht es dem einzelnen Bürger 
 noch so gut, beim Untergange des Vaterlandes ist er doch mit­ 
 verloren; geht es ihm aber kümmerlich, so wird er sich in 
 einem blühenden Gemeinwesen immer noch am ersten durch­ 
 schlagen. Vermag also der Staat dem einzelnen aufzuhelfen, 
 nicht aber der einzelne dem Staat, müssen da nicht alle für 
 ihn eintreten und es nicht machen wie ihr, die ihr, durch euer 
 häusliches Leid gebrochen, Athen seinem Schicksal überlassen 
 wollt und mich, der ich zum Kriege geraten habe und damit 
 euch selbst, die ihr doch auch dafür gestimmt habt, mit Vor­ 
 würfen überhäuft? Da scheltet ihr einen Mann wie mich, der, 
 sollt' ich denken, doch wie einer imstande ist, zu beurteilen, 
 worauf es ankommt und anderen seine Gründe auseinander­ 
 zusetzen, einen Mann, der sein Vaterland liebt und für Geld 
 nicht zu haben ist. Denn wer die Sache noch so gut versteht, 
 sie aber anderen nicht begreiflich machen kann, ist nichts besser 
 als einer, der selbst nichts davon versteht. Wer beides kann, 
 aber kein Herz fürS Vaterland hat, wird niemals reden, wie 
 es diesem frommt. Dem endlich, dem es auch daran nicht 
 fehlt, der aber dem Gelde nicht widerstehen kann, wird für 
 Geld alles feil sein. Wenn ihr euch also damals auf meinen 
 Rat zum Kriege entschlossen habt, weil ihr mir jene Eigen­ 
 schaften denn doch mindestens wie jedem anderen zutrautet, 
 und mir darüber jetzt Vorwürfe machen wollt, so muß ich mir 
 daS entschieden verbitten.

„Gewiß, wenn man sonst gut zufrieden ist und die Wahl 
 hat, wäre es töricht, Krieg anzufangen. Wenn man aber keine 
 andere Wahl hat, als entweder klein beizugeben und sich fremder 
 Herrschaft zu unterwerfen oder aber der Gefahr die Stirn zu 
 bieten, um sich zu behaupten, so ist es schimpflich, sich aus 
 Furcht vor der Gefahr vor ihr zu drücken. Ich bin noch der­ 
 selbe und stehe auf meinem alten Standpunkt, ihr aber seid 
 umgefallen. Damals im Glück folgtet ihr meinem Rat, jetzt 
 aber im Unglück kriegt ihr es mit der Reue und meint in 
 
 eurer Kurzsichtigkeit, ich hätte euch falsch beraten. Die augen­ 
 blicklichen Nachteile empfindet ihr schon, die späteren Vorteile 
 aber erkennt ihr noch nicht und denkt nicht hoch genug, um 
 auch nach dem großen Glückswechsel, der euch so plötzlich be­ 
 troffen, an euren Beschlüssen festzuhalten. Freilich, so völlig 
 unerwarteten und unbegreiflichen Schicksalsschlägen erliegt der 
 Mensch, und so ist es euch vor allem bei der Pest ergangen. 
 Und doch solltet ihr als Bürger dieser stolzen Stadt, in deren 
 Anshcauungen ihr aufgewahcsen seid, auch im größten Unglück 
 den Mut nicht verlieren und euern Ehrenschild rein halten; 
 denn mit gleichem Recht verachtet man den Feigling, welcher 
 der ihm gebührenden Ehre was vergibt, wie man den Un­ 
 verschämten verabscheut, der sich eine Ehre anmaßt, die ihm 
 nicht zukommt. Darum verschmerzt auch ihr euer häusliches 
 Leid und laßt das Vaterland nicht zugrunde gehen!

„Und eure Furcht, es könnte uns mit den Lasten des 
 Krieges zu viel werden, und wir würden ihn schließlich nicht 
 durchhalten, - so sollte euch eigentlich genügen, was ich euch 
 schon wiederholt über die Grundlosigkeit solcher Befürchtungen 
 gesagt habe. Ich will jedoch noch einen Punkt hervorheben, 
 den ihr anshceinend niemals in Betracht gezogen habt, und den 
 auch ich früher noch nicht erwähnt habe, ich meine die Größe 
 eurer wirklichen Macht. Und wenn ich euch nicht so entsetzlich 
 niedergeschlagen sähe, würde ich das auch heute nicht tun, da 
 es immer etwas nach Prahlerei aussieht. Ihr glaubt, daß 
 ihr nur über eure Bundesgenossen herrscht; ich aber sage, daß 
 ihr von den beiden Hälften der Erdoberfläche, die dem Menschen 
 für seine Zwecke zu Gebote tsehen, von Land und See nämlich, 
 die eine ganz und gar beherrscht, nicht nur so weit ihr sie schon 
 jetzt mit euren Flotten befahrt, sondern auch darüber hinaus, 
 so weit ihr nur wollt. Es gibt zurzeit niemand, der euch die 
 Herrschaft zur See streitig machen könnte, weder einen König 
 noch irgendein Volk. Was wollen denn dieser eurer Macht 
 gegenüber die paar Häuser und Felder besagen, deren Verlust 
 ihr so schmerzlich empfindet? Darum dürfen wir ihn nicht 
 zu schwer nehmen und im Vergleich mit ihr diese Dinge nicht 
 
 viel anders ansehen als etwa ein Gärtchen oder einen Luxus­ 
 gegenstand, und bedenken, daß wir uns das, wenn wir glück­ 
 lich durchkommen und uns behaupten, alles leicht wieder an­ 
 schaffen können, während uns die Fremdherrschaft auch die 
 Freude an dem früheren Besitz vergällen würde. Unseren 
 Vätern wurde auch nicht alles ohne weiteres zuteil, sondern 
 sie haben es im Schweiße ihres Angesichts selbst erworben und 
 es dann auch weiterhin zusammengehalten und uns hinter­ 
 lassen, und in beider Hinsicht gilt es zu zeigen, daß wir nicht 
 schlechter sind als sie. Die Macht, die man hat, nicht be­ 
 haupten zu können, ist schimpflicher als ein mißglückte? Versuch, 
 sie zu erwerben. Den Feinden aber müssen wir nicht nur mit 
 Selbstvertrauen, sondern auch mit Verachtung begegnen. Prahlen 
 kann schließlich jeder Lump, der bei aller Dummheit mal 
 Glück gehabt und den Hals nicht gebrochen hat; den Feind 
 verachtet aber nur, wer sich seiner moralishcen Überlegenheit 
 über ihn bewußt ist, und das ist unser Fall. Das Bewußtsein 
 solcher Überlegenheit macht auch bei gleichem Glück den Mut 
 unerschütterlicher; da gibt man sich keinen trügerischen Hofs­ 
 nungen hin, sondern rechnet mit den vorhandenen Mitteln, 
 auf die man sich verlassen kann.

„Für die Ehre, welche unsere Stadt ihrer Machtstellung 
 verdankt, auf die ihr euch so viel zugute tut, müßt ihr natür­ 
 lich alle Kraft einsetzen und keine Beshcwerden scheuen, solange 
 ihr überhaupt noch Wert auf Ehre legt. Glaubt nicht, daß 
 es sich in diesem Kampfe einzig und allein um Knechtschaft 
 oder Freiheit handelt; es handelt sich auch um den Verlust 
 eurer Herrschaft und um die gefährlichen Folgen deS Hasses, 
 den ihr euch durch eure Herrschaft zugezogen habt. Und diese 
 aufzugeben, seid ihr gar nicht mehr in der Lage, sollte auch 
 dieser oder jener dunkle Ehrenmann unter den jetzigen Um­ 
 ständen um des lieben Friedens willen dazu raten. Denn sie 
 ist längst Gewaltherrschaft geworden, die an sich zu reißen 
 unrecht sein mag, aber wieder aufzugeben gefährlich ist. Solche 
 Schwachköpfe mit ihrem guten Rat würden ein Gemeinwesen 
 bald genug zugrunde richten, wenn sie in die Lage kämen, es 
 
 auf ihre Weise zu regieren. Denn mit Friedensliebe um jeden 
 Preis, der keine Tatkraft zur Seite steht, kommt man nicht durch; 
 jedenfalls schickt sie sich nicht für eine Großmacht, sondern 
 höchstens für einen Vasallenstaat, wo man nichts weiter ver­ 
 langt als ein knechtisches Stilleben.

„Laßt euch also durch solche Spießbürger nicht irremachen 
 und seid mir, mit dem ihr ja selbst für den Krieg gestimmt 
 habt, nicht böse, wenn die Feinde uns jetzt ins Land gekommen 
 sind und es nur gemacht haben, wie eben nicht anders zu er­ 
 warten war, wenn wir nicht zu Kreuze kriechen wollten. Dazu 
 ist dann unerwartet noch die Pest gekommen, allerdings ein 
 schweres Leiden, aber auch das einzige, worauf wir nicht ge­ 
 faßt sein mußten. Ich weiß auch, daß ich ihretwegen noch 
 besonders gehaßt werde, aber sehr mit Unrecht; ihr müßtet es 
 denn auch mir zuschreiben, wenn euch mal ein unerwartetes 
 Glück in den Schoß fiele. Was die Götter schicken, muß man 
 mit Ergebung, was der Krieg bringt, mannhaft ertragen. So 
 hat man die Sache hier in Athen immer angesehen, und so 
 laßt es auch ferner bleiben. Unsere Stadt hat ja eben deshalb 
 in der Welt den großen Namen, weil sie sich dem Unglück nie 
 gebeugt und im Kriege weder Opfer an Menshcenleben noch 
 Beschwerden gescheut hat und dadurch eine Macht geworden 
 ist, wie sie bis dahin denn doch nie dagewesen. Und so wird 
 sie auch für immer im Gedächtnis der Nachwelt fortleben, 
 sollte es auch wirklich jetzt mit uns zurückgehen; denn die Bäume 
 wachsen nun einmal nicht in den Himmel. Haben wir doch 
 als Griechen über die meisten Griechen geherrscht, sowohl der 
 Gesamtheit wie den einzelnen in gewaltigen Kriegen wider­ 
 tsanden und unsere Stadt groß und blühend gemacht wie keine 
 andere. Schlafmützen freilich werden davon nichts hören wollen; 
 wer sich aber fühlt und es selbst zu was bringen will, wird 
 uns nacheifern, und wenn ihm das nicht gelingt, uns wenigstens 
 beneiden. Und wenn man uns jetzt haßt und gern los sein 
 möchte, so ist das noch allen so gegangen, die das Zeug in 
 sich fühlten, über andere zu herrshcen. Wer aber um den 
 Preis von Ruhm und Größe auch Haß und Neid in den Kauf 
 
 nimmt, macht kein schlechtes Geschäft; denn Haß währt nicht 
 lange, der große Name aber, wenn man ihn mal hat, ist un­ 
 sterblich. Nehmt also im voraus darauf Bedacht, was euch 
 künftig Ehre und gegenwärtig keine Schande machen wird, 
 und strebt danach, daß euch beides zuteil werde. Laßt euch 
 mit den Lakedämoniern auf keine Verhandlungen ein, damit 
 es nicht aussieht, als ob euch die jetzigen Beschwerden zu viel 
 würden. Je weniger man im Unglück den Mut verliert, je 
 steifer man den Nacken hält, um so besser wie für die einzelnen, 
 so für die Staaten."

Durch solche Vorstellungen suchte Perikles den Unwillen 
 der Athener zu beschwichtigen und sie über ihre Lage zu be­ 
 ruhigen. Politisch handelten sie auch nach seinem Rat, indem 
 sie nicht wieder nach Lakedämon schickten und den Krieg mit 
 neuem Eifer betrieben; die einzelnen aber trugen immer noch 
 schwer an ihren Leiden: der kleine Mann, weil ihm auch sein 
 Weniges draufgegangen war; die Reichen, weil sie ihre schönen 
 Besitzungen auf dem Lande, ihre Häuser und kostbaren Ein­ 
 richtungen dort verloren hatten; hauptsächlich aber, weil Krieg 
 und kein Friede war. So murrte man immer noch auf ihn 
 und ruhte nicht, bis man ihn wirklich zu einer Geldstrafe ver­ 
 urteilt hatte. Nicht lange nachher freilich - so ist die Menge - 
 wählte man ihn dann doch wieder zum Feldherrn und 
 stellte ihn an die Spitze der Geschäfte, teils weil die einzelnen 
 sich über ihre Verluste nachgerade schon mehr beruhigt hatten, 
 teils weil man ihn doch für den Mann hielt, mit dem der 
 Stadt am besten gedient wäre. Denn in der Tat, solange er 
 im Frieden an der Spitze der Stadt gestanden, hatte er sie 
 mit Weisheit und Gerechtigkeit regiert und sicheren Blicks vor 
 Schaden behütet, und sie war unter ihm zu höchster Blüte ge­ 
 langt. Als es dann zum Kriege kam, zeigte sich, daß er auch 
 in dieser Beziehung ihre Machtmittel richtig eingeschätzt hatte. 
 Nach AuSbruch deS Krieges lebte er noch drittehalb Jahre, 
 und nach seinem Tode überzeugte man sich vollends davon, 
 wie richtig er den Krieg beurteilt. Er hatte den Athenern 
 gesagt, wenn sie sich auf keine Schlacht im offenen Felde ein­ 
 
 ließen, für die Tüchtigkeit ihrer Flotte sorgten und während des 
 Kriegs auf weitere Unternehmungen zur Ausdehnung ihrer 
 Herrschaft verzichteten, um die Stadt dadurch nicht in neue Ge­ 
 fahren zu verwickeln, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber 
 taten grade das Gegenteil und ließen sich zu ihrem und ihrer 
 Bundesgenossen Schaden durch Ehrgeiz und Habgier einzelner 
 zu Unternehmungen verleiten, die mit dem Kriege offenbar 
 nichts zu tun hatten, die, wenn sie gelangen, einzelnen allen­ 
 falls Ehre und Vorteil bringen mochten, aber, da sie fehlschlugen, 
 der Stadt im weitern Verlauf des Krieges zum Verderben 
 wurden. Das kam daher, daß er ein Mann von größtem An­ 
 sehen und höchster Einsicht und über allem Zweifel erhabener 
 Unbestehclichkeit war, der es verstand, die Menge vornehm 
 zu behandeln. Er ließ sich nicht von ihr, sondern sie sich von 
 ihm leiten; denn da er seine Macht nicht durch unerlaubte 
 Mittel gewonnen hatte, brauchte er ihr nicht nach dem Munde 
 zu reden, sondern konnte den Leuten im Zorn bei aller Würde 
 auch mal tüchtig ins Gepäck fallen. Wenn er merkte, daß sie 
 zur Unzeit zu hoch hinaus wollten, wußte er sie durch seine 
 Reden bis zur Zaghaftigkeit zu ducken, und wiederum, wenn 
 sie ohne Not verzagten, ihnen wieder Mut zu machen. Dem 
 Namen nach regierte das Volk, tatsächlich aber war er der 
 erste Mann, der die Stadt regierte. Unter seinen Nachfolgern, 
 von denen im Grunde keiner mehr bedeutete als der andere 
 und doch jeder der erste sein wollte, wurde das anders; sie 
 überließen es dem Volke, auch Politik auf eigene Hand zu treiben, 
 wobei es in einer Stadt von solcher Größe und Machtstellung 
 natürlich nicht ausbleiben konnte, daß Fehler über Fehler gemacht 
 wurden, so namentlich mit dem Zuge nach Sizilien. Bei dem 
 aber lag der Fehler nicht so sehr darin, daß man ihn über­ 
 haupt unternahm, als darin, daß man hinterher für die Leute 
 dort nicht gehörig sorgte und, durch ehrgeizige Intriganten, 
 welche um die Volksgunst buhlten, verführt, das Heer in Sizi­ 
 lien zugrunde gehen ließ, auch seitdem erst infolge innerer Zer­ 
 würfnisse keine einheitliche Politik mehr verfolgte. Aber auch 
 nach der Niederlage in Sizilien, bei der sie ihr Heer mit allem 
 
 Material und den größten Teil ihrer Flotte verloren hatten, 
 und trotz der in der Stadt herrschenden Parteikämpfe behaup­ 
 teten die Athener sich dann noch drei Jahre nicht nur gegen 
 ihre ursprünglichen Feinde, sondern auch gegen die diesen aus 
 Sizilien gewordenen Verstärkungen und ihre der Mehrzahl nach 
 ' zu ihnen übergegangenen Bundesgenossen, ja auch selbst zuletzt 
 nochmals Kur-us, der Sohn des Perserkönigs, sich den Pelo­ 
 ponnesiern zugewandt hatte und sie mit Geld für ihre Flotte 
 unterstützte. Und erst dann gaben sie klein bei, als sie infolge 
 innerer Zerwürfnisse völlig von Kräften gekommen waren. So 
 überreichlich waren die Mittel, welche Perikles damals zu 
 Gebote standen und ihn zu der Annahme berechtigten, daß 
 Athen aus einem Kriege allein mit den Peloponnesiern mit 
 Leichtigkeit als Sieger hervorgehen würde.

Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen unternahmen 
 in diesem Sommer mit hundert Schiffen und tausend lake­ 
 dämonischen Hopliten an Bord unter dem Spartaner Knemos 
 einen Zug nach der von eingewanderten peloponnesischen Achäern 
 bewohnten, damals mit Athen verbündeten Insel Zakynthos, 
 Elis gegenüber. Dort landeten sie und verwüsteten sie größten­ 
 teils; da sich die Einwohner jedoch zu nichts verstehen wollten, 
 fuhren sie wieder nach Hause.

Gegen Ende dieses Sommers machten sich Aristeus, der 
 Korinther, Aneristos, Nikolaos und Stratodemos als lake-s 
 dämonische Gesandte, Timegoras aus Tegea und Pollis aus 
 Argos, der sich ihnen auf eigene Hand angeschlossen hatte, auf 
 die Reise nach Asien zum Könige, um zu versuchen, ob sie ihn 
 nicht zur Zahlung von Subsidien und zur Teilnahme am Kriege ; 
 bewegen könnten. Unterwegs sprachen sie zunächst in Thrakien 
 bei Sitalkes vor, um ihn womöglich zu überreden, dem Bündnis 
 mit Athen zu entsagen und Potidäa zu entsetzen, das die Athener 
 noch belagerten. Von ihm hofften sie dann über den Helles­ 
 pont zu Pharnazes, Pharnabazos' Sohn, befördert zu werden, 
 der ihnen weiter das Geleit zum Könige geben sollte. Zufällig 
 befanden sich damals auch athenische Gesandte bei Sitalkes, 
 Learchos, Kallimachos' Sohn, und Amainiades, Philemons Sohn, 
 
 und die überredeten seinen Sohn Sadokos, der ja athenischer 
 Bürger geworden war, sie ihnen auszuliefern und dadurch zu 
 hindern, zum Schaden von Athen, das ja auch seine zweite 
 Heimat sei, ihre Reise zum Könige fortzusetzen. Der ging auch 
 darauf ein und ließ sie auf der Reise durch Thrakien nach 
 dem Hafen, von wo sie sich einschiffen und über den Helles-, 
 pont setzen wollten, bevor sie an Bord gelangten, durch Leute, 
 die er Learchos und Amaiuiades zu dem Zweck mitgegeben, 
 aufheben und an sie ausliefern, die sie dann nach Athen brachten. 
 Die Athener aber fürchteten, wenn Aristeus, der alte Übeltäter, 
 der ihnen schon bei Potidäa und im thrakischen Küstenlande 
 so viel Unheil eingerührt, jetzt mit dem Leben davonkäme, so 
 würde er ihnen noch weitere Ungelegenheiten bereiten, und 
 ließen sie alle gleich nach ihrer Ankunft, ohne sie vor Gericht 
 zu stellen oder mit ihren Einwendungen zu hören, noch an 
 demselben Tage hinrichten und in die Schlucht werfen. Sie 
 meinten damit nur ein Verfahren zu vergelten, womit die Lake­ 
 dämonier angefangen, indem sie die Kaufleute aus Athen und 
 den Bundesstaaten, die ihnen in den peloponnesischen Gewässern 
 mit ihren Schiffen in die Hände gefallen waren, getötet und 
 in die Schlucht geworfen hatten. Und in der Tat hatten die 
 Lakedämonier im Anfang des Krieges alle, die ihnen auf der 
 See in die Hände gefallen waren, als Feinde behandelt und 
 getötet, mochten sie eS mit den Athenern oder mit keinem von 
 beiden halten.

Um dieselbe Zeit, gegen Ende des Sommers, zogen die 
 Amprakier in Gemeinschaft mit zahlreichen Barbaren, die sie 
 dazu auf die Beine gebracht hatten, gegen Amphilochien, ins­ 
 besondere das amphilochische Argos, zu Felde. Mit der Ent­ 
 stehung ihrer Feindschaft gegen die Argeier hängt es so zu­ 
 sammen: das amphilochische Argos wie Amphilochien überhaupt 
 wurde von Amphilochos, dem Sohne des Amphiaraos, dem 
 nach der Rückkehr auS dem Trojanischen Kriege die Zustände 
 in Argos verleidet waren, am Amprakischen Meerbusen ge­ 
 gründet und von ihm nach seiner alten Heimat benannt. Argos 
 aber war die größte Stadt in Amphilochien und hatte die 
 
 reichsten Einwohner. Als es später nach Verlaufvieler Menschen- 
 alter infolge von Unglücksfällen mit ihnen zurückgegangen war, 
 luden sie die Amprakier aus der Nachbarschaft ein, zu ihnen 
 in die Stadt zu ziehen, und erst von dieser Mischung mit den 
 Amprakiern kommt es, daß dort jetzt Griechisch gesprochen 
 wird; denn die übrigen Amphilochier sind keine Griechen. 
 Nachmals vertrieben die Amprakier die Argeier und machten 
 sich allein zu Herren der Stadt. Infolgedessen suchten die 
 Amphilochier Schutz bei den Akarnaniern, und beide riefen nun 
 die Athener zu Hilfe, die ihnen auch dreißig Schiffe unter 
 Phormion schickten. Nach Phormions Ankunft nahmen sie 
 Argos mit Sturm und verkauften die Amprakier als Sklaven, 
 und seitdem wohnten Amphilochier und Akarnanier miteinander 
 in der Stadt. Darauf erst kam es zu dem Bündnis zwischen 
 den Athenern und den Akarnaniern. Jener Verkauf ihrer Lands­ 
 leute in die Sklaverei aber war der erste Grund der Feind­ 
 schaft der Amprakier gegen Argos, und später in diesem Kriege 
 unternahmen sie dann in Gemeinschaft mit Chaoniern und 
 einigen anderen barbarischen Nachbarstämmen diesen Feldzug. 
 Sie rückten vor Argos und brachten das platte Land in ihre 
 Gewalt, machten auch einen Angriff auf die Stadt, konnten 
 sie aber nicht nehmen. So zogen sie wieder ab, und die ver­ 
 schiedenen Stämme gingen in ihre Heimat zurück. Das waren 
 die Ereignisse dieses Sommers.

Im folgenden Winter schickten die Athener zwanzig Schiffe 
 unter Phormion in die peloponnesischen Gewässer, der sich nach 
 Naupaktos begab, von wo er den Meerbusen von Korinth und Krisa 
 beherrschte und kein Schiff hinein oder heraus ließ. Sechs andere 
 Schiffe unter Melesandros schickten sie nach Karien und Linien, um 
 in jener Gegend Geld einzutreiben und peloponnesische Freibeuter 
 zu verhindern, von dort auf die Handelsschiffe auf der Fahrt von 
 Phaselis und Phönizien und dem dortigen Festlande Jagd zu 
 machen. Bei einem Einfall nach Lykien aber, den Melesandros 
 mit der athenischen Schiffsmannschaft und den Bundesgenossen 
 machte, wurde sein Heer in einem unglücklichen Gefechte 
 gutenteils aufgerieben, und er selbst kam dabei ums Leben.

In diesem Winter konnten sich die Potidäer nicht länger 
 halten, da die Athener trotz der Einfälle der Peloponnesier in 
 Attika die Belagerung nichts aufgegeben hatten und die Lebens­ 
 mittel ihnen ausgingen, so daß sie gezwungen waren, den 
 Hunger auf jede Weise zu stillen, und sogar anfingen, sich 
 untereinander aufzufressen. Sie erklärten sich deshalb den 
 Befehlshabern des athenischen Belagerungsheeres, .Lenophon, 
 Euripides' Sohn, Hestiodoros, Aristikteides' Sohn, und Phano­ 
 machos, Kallimachos' Sohn, gegenüber bereit, über eine Kapi­ 
 tulation zu verhandeln, und diese gingen darauf auch ein, da 
 sie sahen, welchen Beschwerden ihre Leute in dem dortigen 
 Winter ausgesetzt waren und die Athener bereits zweitausend 
 Talente für die Belagerung ausgegeben hatten. So wurde 
 denn ein Abkommen geschlossen, wonach den Einwohnern und 
 ihren Verbündeten freier Abzug mit Weib und Kind gewährt 
 wurde und jeder ein Kleid, die Weiber zwei, und ein be­ 
 stimmtes Reisegeld mitnehmen durfte. Auf Grund dieses Ver­ 
 trags zogen sie ab, um sich in Chalkidike oder sonstwo ein 
 Unterkommen zu suchen. In Athen aber war man unzufrieden 
 mit den Feldherren, da man darauf gerechnet, die Stadt würde 
 sich auf Gnade und Ungnade ergeben müssen. Später schickten 
 die Athener dann selbst Ansiedler nach Potidäa und machten 
 es zur athenischen Kolonie. Das waren die Ereignisse dieses 
 Winters, und damit endete das zweite Jahr des Krieges, den 
 Thukydides beschrieben hat.

Im folgenden Sommer fielen die Peloponnesier nicht 
 wieder nach Attika ein, sondern wandten sich gegen Platää. 
 Den Oberbefehl führte Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, König 
 der Lakedämonier. Er bezog mit seinem Heere ein Lager vor 
 der Stadt und schickte sich eben an, das Land zu verwüsten, 
 als die Platäer Abgeordnete zu ihm sandten und ihm folgendes 
 sagen ließen: „Archidamos und Lakedämonier! Es ist unrecht 
 von euch und eurer und eurer Väter unwürdig, uns und unser 
 Land mit Krieg zu überziehen. Als Pausanias, Kleombrotos' 
 Sohn, euer Landsmann, mit Hilfe der Griechen, welche die 
 furchtbare Schlacht hier unter unseren Mauern mit ihm ge­ 
 
 schlagen, Griechenland von den Persern befreit hatte, übergab 
 er bei einem dem Zeus Elentherios auf dem Markte in Platää 
 dargebrachten Opfer im Beisein aller dazu von ihm geladenen 
 Bundesgenossen den Platäern ihr Land und ihre Stadt zu 
 freiem, unabhängigem Besitz, dergestalt, daß sie fortan niemand 
 ohne gerechten Grund, oder um sie zu Unterdrücken, mit Krieg 
 überziehen dürfe, widrigenfalls aber jeder der anwesenden 
 Bundesgenossen verpflichtet sein solle, ihnen nach Kräften bei­ 
 zuftehen. Damit haben uns eure Väter für die in jenem 
 Kriege von uns bewiesene Tapferkeit und Hingebung belohnt. 
 Ihr aber handelt nicht danach, sondern kommt uns jetzt im 
 Bunde mit den Thebanern, unseren ärgsten Feinden, ins Land, 
 um uns unsere Freiheit zu rauben. Wir aber rufen die 
 Götter, bei denen damals unser Bund beschworen wurde, die 
 Götter euerer Väter und unseres Landes, zu Zeugen an und 
 fordern euch auf, unser Land in Frieden zu lassen, die Eide 
 heilig zu halten und unsere Freiheit nicht anzutasten, so wie 
 es Pausanias uns zugesagt."

Auf diese ihre Ansprache erwiderte Archidamos den Pla­ 
 täern : 
 „Was ihr da sagt, Platäer, ist schon recht, wenn ihr auch 
 nur selbst danach handeln wolltet. Seid immer frei, wie es 
 Pausanias euch zugesagt, aber helft uns auch, die anderen 
 zu befreien, die damals zugleich mit euch gefochten und ge­ 
 schworen haben und jetzt unter dem Joch der Athener schmachten. 
 Denn ihretwegen und für die Freiheit Griechenlands haben 
 wir den Degen gezogen und diesen Krieg angefangen, und 
 nur, wenn ihr euch auch daran beteiligt, bleibt ihr jenen Eiden 
 treu. Wollt ihr das aber nicht, so geht wenigstens in aller 
 Ruhe eueren Geschäften nach und bleibt neutral, wie wir 
 euch das schon früher vorgeschlagen haben. Laßt beide Teile 
 friedlich bei euch aus und ein gehen; als kriegführenden Mächten 
 aber öffnet keinem von ihnen eure Tore. Auch damit wollen 
 wir zufrieden sein." So Archidamos. Mit diesem Bescheide 
 kehrten die Gesandten in die Stadt zurück, berichteten den 
 Platäern, was er ihnen gesagt, und brachten ihm darauf 
 
 deren Antwort, es sei ihnen nicht möglich, seine Vorschläge 
 anzunehmen, ohne auch die Athener darüber zu hören, da ihre 
 Weiber und Kinder noch in deren Händen wären. Auch ihrer 
 Stadt selbst wegen hegten sie die Befürchtung, nach ihrem 
 Abzüge könnten die Athener kommen und die Abmachung ver­ 
 werfen, oder auch die Thebaner, unter dem Vorwande, daß der 
 nach dem Vertrage beiden Teilen zugestandene freie Verkehr auch 
 ihnen nicht verwehrt werden dürfe, von neuem versuchen, sich 
 ihrer Stadt zu bemächtigen. Archidamos aber suchte sie dar­ 
 über zu beruhigen und sagte: „Gebt uns Lakedämoniern doch 
 eure Stadt mit allem, was dazu gehört, in Verwahrung. Ihr 
 beschreibt uns die Grenzen eureS Gebiets, und es wird ein 
 Verzeichnis aufgenommen über alles, was an Bäumen oder 
 an Gegenständen, die ihr uns sonst noch zuzählen wollt, vor­ 
 handen ist. Dann zieht ihr ab, um euch für die Dauer des 
 Krieges nach Belieben anderswo niederzulassen, und wenn der 
 Krieg zu Ende ist, geben wir euch alles zurück, was wir von 
 euch erhalten haben. Bis dahin nehmen wir es in Verwahrung, 
 lassen eure Felder bestellen und euch vom Ertrage so viel ab­ 
 liefern, daß ihr genug zu leben habt."

Mit dieser Antwort kehrten die Gesandten abermals in 
 die Stadt zurück. Es wurde darüber mit der Bürgerschaft 
 beraten und Archidamos darauf erwidert, man wolle seinen 
 Vorschlag zunächst den Athenern mitteilen und, wenn die 
 damit einverstanden seien, ihn annehmen; bis dahin möge er 
 ihnen Waffenstillstand gewähren und ihr Land nicht verheeren. 
 Er gewährte ihnen denn auch Waffenstillstand für so viel Tage, 
 wie sie zur Reise bedurften, und ließ inzwischen das Land 
 nicht verwüsten. Die Gesandten der Platäer aber reisten nach 
 Athen, besprachen die Sache mit den Athenern und kamen 
 von dort mit folgendem Bescheide zurück: Platäer, die Athener 
 sagen, solange sie mit uns verbündet gewesen, hätten sie euch 
 in der Not noch nie im Stich gelassen und würden das auch 
 jetzt nicht tun, sondern euch nach Kräften zu Hilfe kommen. 
 Bei dem Eide unserer Väter beschwören sie euch, dem alten 
 Bunde auch ferner treu zu bleiben.

Auf diesen Bescheid ihrer Gesandten beschlossen die Pla­ 
 täer, sich nicht von den Athenern zu trennen und nötigenfalls 
 die Verheerung ihres Landes und alle etwaigen weiteren Wider­ 
 wärtigkeiten zu ertragen, auch von nun an niemand mehr 
 hinauszuschicken, sondern den Lakedämoniern nur von der 
 Stadtmauer aus zu erwidern, daß sie auf ihre Vorschläge 
 nicht eingehen könnten. Nachdem sie ihnen diese Antwort 
 erteilt, trat König Archidamos vor, rief die Götter und Heroen 
 des Landes zu Zeugen an und sprach: „Ihr Götter und Heroen 
 des Platäerlandes seid Zeugen, daß wir nicht, um falschen 
 Streit anzufangen, sondern weil seine Bewohner bundbrüchig 
 geworden, in dieses Land gekommen sind. Hier im Lande 
 haben unsere Väter euch angerufen und über die Perser ge­ 
 siegt und die Griechen damals mit eurem Beistande die Schlacht 
 gewonnen, und auch jetzt werden wir mit dem, was wir hier 
 weiter beginnen, kein Unrecht tun; denn alle unsere billigen 
 Vorschläge hat man abgelehnt. So helft denn, daß sie, die 
 sich zuerst ins Unrecht gesetzt, ihre Strafe erhalten und wir, 
 die wir sie rechtmäßig vollstrecken, Genugtuung finden."

Nachdem er die Götter also angerufen, ließ er sein Heer 
 die Feindseligkeiten eröffnen und die Stadt, damit niemand mehr 
 herauskönnte, zunächst mit einem Pfahlwerk umgeben, wozu die 
 Bäume bereits gefällt worden waren. Darauf schüttete man 
 einen Damm gegen die Stadt auf, und weil so viele dabei 
 Hand anlegten, hoffte man, sie bald einnehmen zu können. 
 Vermittels kreuzweis zusammengefügter Hölzer, die man auf 
 dem Kithäron geschlagen hatte, wurde zu beiden Seiten des 
 Dammes eine Art Spundwand hergestellt, damit der Schutt 
 nicht zu sehr abschurrte; Holz, Steine, Erde und was sonst 
 Dienliches darauf gebracht werden konnte, schleppte man herbei. 
 Siebzig Tage wurde Tag und Nacht unausgesetzt daran ge­ 
 arbeitet, wobei sich die Arbeiter ablösten, so daß während 
 eine Schicht schanzte, die andere Zeit zum Essen und Schlafen 
 hatte. Die den einzelnen Bundestruppen zugeteilten lake­ 
 dämonischen Befehlshaber waren dabei mit zur Stelle und 
 trieben die Leute zur Arbeit an. Als die Platäer den Damm 
 
 immer höher werden sahen, zimmerten sie ein hölzernes Turm­ 
 werk, das sie da, wo der Damm auf die Stadtmauer stieß, 
 auf der Mauer aufstellten und mit Ziegeln ausmauerten, die 
 sie aus abgebrochenen Häusern dort in der Nähe entnahmen. 
 Das hölzerne Gebälk hielt den Bau zusammen und sollte ihm 
 bis oben Festigkeit geben. Auf der Außenseite wurden Tier­ 
 häute und Leder angebracht, um das Holzwerk und die dort 
 angestellten Leute gegen Feuerpfeile zu schützen. Der Turm 
 erhob sich zu beträchtlicher Höhe, aber mit ihm um die Wette 
 stieg auch der Damm ihm gegenüber empor. Nun verfielen 
 die Platäer auf eine List; sie brachen ein Loch in die Stadt­ 
 mauer, da wo der Damm an sie stieß, durch das sie den Schutt 
 in die Stadt schafften.

Als die Peloponnesier dahinter kamen, füllten sie Lehm 
 in Körbe aus Schilfgesiecht und warfen ihn so in die Sinke, 
 damit er nicht nachschurren und wie das lose Erdreich weg­ 
 geschafft werden könnte. Da den Platäern dieser Weg ver­ 
 legt war, gaben sie die Sache auf, trieben nun aber unter 
 der Erde einen Stollen aus der Stadt hinaus, und nachdem 
 sie sich vergewissert, daß sie damit unter dem Damme waren, 
 räumten sie das Erdreich unten ab und schafften es in die 
 Stadt. Die draußen aber merkten längere Zeit nichts davon, 
 und so kamen sie trotz allen Aufschüttens nicht recht weiter, 
 weil der Damm von unten abgegraben wurde und sich über 
 der leeren Stelle immer wieder senkte. Die Platäer befürch­ 
 teten jedoch, sich bei ihrer geringen Zahl auf die Dauer gegen 
 die große Menge auch so nicht halten zu können, und dachten 
 sich deshalb noch mal was anderes aus: an dem großen Turm 
 dem Damm gegenüber stellten sie die Arbeit ein, bauten aber 
 eine zu dessen beiden Seiten nach innen an die kürzere Stadt­ 
 mauer ansetzende halbmondförmige zweite Mauer innerhalb 
 der Stadt, damit sie, wenn die Hauptmauer genommen würde, 
 noch vorhielte und der Feind genötigt wäre, gegen sie einen 
 neuen Damm aufzuschütten, bei weiterem Vordringen also 
 doppelte Arbeit hätte und dabei außerdem von beiden Seiten 
 besser beschossen werden könnte. Die Peloponnesier aber brachten, 
 
 während sie den Damm aufschütteten, auch ihre Belagerungs­ 
 mashcinen an die Stadt heran, von denen eine, welche dem großen 
 Turm gegenüber aufgestellt war, diesen so heftig erschütterte, 
 daß die Platäer darüber in großen Schreck gerieten. Gleich­ 
 zeitig waren andere an anderen Stellen der Mauer in Tätigkeit. 
 Die Platäer wußten jedoch mit Hilfe von Schlingen deren Stöße 
 abzufangen und unschädlich zu machen. Auch hängten sie 
 mächtige Balken an beiden Enden mit langen eisernen Ketten 
 an zwei auf die Mauer gelegten, über diese hinausragenden 
 Balken auf und zogen sie schräg in die Höhe, und wenn dann 
 der Stnrmbock einen Stoß führen wollte, ließen sie die eine, 
 nachgiebige Kette los und das hohe Ende des Balkens hinunter- 
 fallen, der dann durch die Gewalt des Falles den Kopf des 
 Sturmbocks vorn abschlug.

Da sie mit ihren Maschinen nichts ausrichteten und dem 
 Damme gegenüber das Schutzwerk entstanden war, verzweifel­ 
 ten die Peloponnesier daran, die Stadt mit den bisherigen 
 Mitteln zu nehmen, und machten deshalb Anstalt, sie durch 
 eine förmliche Umwallung einzuschließen. Vorher aber wollten 
 sie es noch mit Feuer versuchen, ob sie die Stadt, die ja nicht 
 groß war, bei günstigem Winde nicht in Brand stecken könnten. 
 Denn sie waren auf jede Weise darauf bedacht, sie womöglich 
 ohne große Kosten und ohne förmliche Belagerung zu bezwingen. 
 Sie trugen also Reisigbündel herbei und warfen sie von der 
 Höhe des Dammes erst in die Lücke zwischen dem Damme 
 und der Stadtmauer, und nachdem diese bei der Menge der 
 Hände schnell ausgefüllt war, auch in die Stadt selbst hinein, 
 so weit ihnen das von oben gelingen wollte. Dann warfen 
 sie Feuer mit Pech und Schwefel darauf und setzten dadurch 
 das Reisig in Brand. Und nun entstand ein Flammenmeer, 
 wie man es, von Menschenhand angelegt, nie gesehen, wenn 
 man es auch wohl schon erlebt hatte, daß ein GebirgSwald 
 dadurch, daß sich die Bäume im Winde aneinander rieben, 
 von selbst in Brand geraten und in Feuer und Flammen auf­ 
 gegangen war. Es war ein furchtbares Feuer, und die Pla­ 
 täer, die bis dahin glücklich durchgekommen waren, wären 
 
 ums Haar verloren gewesen. Denn ein großer Teil der Stadt 
 war dadurch völlig unnahbar geworden, und wenn sich der 
 richtige Wind aufgemacht hätte, worauf die Gegner gerechnet 
 hatten, wäre niemand am Leben geblieben. Da aber, heißt 
 es, sei zu ihrem Glück ein Gewitter mit wolkenbruhcartigem 
 Regen eingetreten und dadurch die Flamme gelöscht und die 
 Gefahr beseitigt.

Als ihnen auch das mißlungen war, entließen die Pelo­ 
 ponnesier einen Teil ihres Heeres, und nur ein Rest blieb an 
 Ort und Stelle. Rings um die Stadt aber führten sie eine 
 Mauer auf, wobei sie die einzelnen Abschnitte des Umkreises 
 auf die verschiedenen Städte verteilten. Auf der Außen­ 
 und der Innenseite war ein Graben, aus dem die Ziegel für 
 den Bau gewonnen wurden. Als sie fertig waren, zu der 
 Zeit, wo der Arktur aufgeht, ließen sie auf der einen Hälfte 
 der Mauer, deren andere Hälfte die Böotier besetzten, eine 
 Besatzung zurück und zogen dann mit den übrigen Truppen 
 ab, die sich alle wieder in ihre Heimat begaben. Die Pla­ 
 täer aber, welche Weiber und Kinder wie auch die Alten und 
 alle unnützen Mäuler schon früher nach Athen gebracht hatten, 
 wurden nun belagert, ihrer vierhundert, die in der Stadt ge­ 
 blieben waren, mit ihnen achtzig Athener und hundertzehn 
 Frauen, die für sie kochen mußten. So viel waren es im 
 ganzen bei Beginn der Belagerung, und weiter befand sich 
 kein Mensch in der Stadt, weder Sklav noch Freier. Auf 
 solche Weise wurde Platää eingeschlossen.

In demselben Sommer, gleichzeitig mit der Unternehmuug 
 gegen Platää, zogen die Athener, als das Korn zur Reife stand, 
 mit zweitausend ihrer Hopliten und zweihundert Reitern gegen 
 die Chalkidier in Vorderthrakien und die Bottiaier zu Felde. 
 Xenophon, Euripides' Sohn, selbdritter, befehligte sie. Sie 
 rückten vor Spartolos im Lande der Bottiaier und verwüsteten 
 die Kornfelder. Anscheinend war auch eine Partei in der 
 Stadt geneigt, sie ihnen zu übergeben; die Gegenpartei aber 
 wandte sich um Hilfe nach Olynth, worauf die Stadt von 
 dort mit Hopliten und anderen Truppen besetzt wurde. Bei 
 
 einem Ausfall der Besatzung aus Spartolos kam es unmittelbar 
 vor der Stadt mit den Athenern zur Schlacht, in der die 
 chalkidischen Hopliten und eine Anzahl ihrer Hilfstruppen von 
 den Athenern geschlagen und zum Rückzüge in die Stadt ge­ 
 nötigt wurden. Die chalkidischen Reiter und Leichtbewaffneten 
 in Verein mit einer Anzahl Peltasten aus dem sogenannten 
 Krusischen Lande aber lieferten ein glückliches Gefecht gegen 
 die Reiter und Leichtbewaffneten der Athener. Gleich nach 
 dem Gefecht trafen aus Olynth noch andere Peltasten bei 
 ihnen ein, und als die Leichten aus Spartolos das sahen, 
 griffen sie, durch den Zuzug und ihren vorher errungenen Sieg 
 ermutigt, mit der chalkidischen Reiterei und den eben einge­ 
 troffenen frischen Kräften die Athener von neuem an, die sich 
 nun auf ihre beim Troß zurückgelassenen beiden Abteilungen 
 zurückzogen. So oft die Athener einen Vorstoß machten, 
 wichen die Gegner aus; wenn sie aber wieder zurückgingen, 
 waren diese gleich hinter ihnen her und beschossen sie mit ihren 
 Speeren. Die chalkidischen Reiter, die sie dabei ständig um­ 
 schwärmten und bei jeder Gelegenheit in sie einsprengten, 
 wurden den Athenern besonders gefährlich, trieben sie dann 
 auch in die Flucht und verfolgten sie eine Strecke weit. Die 
 Athener flüchteten sich nach Potidäa, erwirkten nachher einen 
 Waffenstillstand zur Bestattung ihrer Toten und kehrten darauf 
 mit dem Reste ihres Heeres nach Athen zurück. Athener waren 
 vierhundertdreißig geblieben, darunter sämtliche Feldherren. 
 Die Chalkidier und Bottiaier aber errichteten ein Siegeszeichen 
 und bestatteten ihre Toten. Darauf gingen sie auseinander und 
 alle nach Hause.

In demselben Sommer, nicht lange nach diesen Ereig­ 
 nissen, wollten die Amprakier und Chaoner ganz Akarnanien 
 unterwerfen und es den Athenern abwendig machen. Sie 
 schlugen deshalb den Lakedämoniern vor, von Bundes wegen 
 eine Flotte auszurüsten und tausend Hopliten nach Akarna­ 
 nien zu schicken; denn, so setzten sie ihnen auseinander, wenn 
 sie zugleich zu Lande und zur See dort ershcienen, würden 
 die Akarnanier aus dem Innern ihren Landsleuten nicht zu 
 
 Hilfe kommen können, sie aber in der Lage sein, mit Leich­ 
 tigkeit Akarnanien und dann auch Zakynthos und Kephallenia 
 zu unterwerfen und damit den Athenern die Möglichkeit ab­ 
 zuschneiden, so wie bisher mit ihren Schiffen den Peloponnes 
 zu umfahren, ja selbst Aussicht haben, auch Naupaktos zu 
 nehmen. Die Lakedämonier gingen daraus auch ein und 
 schickten Knemos, der noch Befehlshaber der Flotte war, mit 
 den Hopliten auf ein paar Schiffen sogleich hinaus, gaben 
 aber auch der Flotte Befehl, sich fertigzumachen und nn­ 
 verzüglich nach Leukas abzugehen. Dabei war niemand eifriger 
 für die Amprakier als die Korinther, deren alte Landsleute 
 sie ja waren. Während die Schiffe in Korinth, Sikyon und 
 anderen Orten dort in der Gegend erst noch ausgerüstet wurden, 
 waren die aus Leukas und Amprakia schon zur Stelle und 
 warteten bei Leukas auf die anderen. Nachdem Knemos mit 
 seinen tausend Hopliten an Phormion, der ihm mit zwanzig 
 attischen Schiffen bei Naupaktos aufpaßte, unbemerkt vorbei- 
 gekommen war, traf er sofort Anstalt zu einem Landfeldzuge. 
 An Griechen hatte er Amprakier, Leukadier, Anaktorier und 
 seine tausend Peloponnesier unter sich, an Barbaren tausend 
 Chaoner. Diese, die keinen König haben, standen unter dem 
 Befehl von Photyos und Nikanor, den beiden Mitgliedern des 
 herrshcenden Geschlechts, welche für das Jahr an der Re­ 
 gierung waren. Den Chaonern hatten sich die Thesproten 
 angeschlossen, die auch keinen König haben. Die Molosser 
 und Atintaner führte Sabylinthos als Vormund des noch 
 unmündigen Königs Tharypos, die Parauaier ihr König 
 Oroidos. Tausend Orester, die den Feldzug mitmachten, 
 standen mit Genehmigung ihres Königs Antiochos mit den 
 Paranaiern unter Oroidos'Befehl. Auch Perdikkas schickte, ohne 
 daß die Athener darum wußten, tausend Makedonier, die 
 jedoch zu spät kamen. Mit diesen Truppen setzte Knemos 
 sich in Marsch, ohne die Ankunft der Flotte von Korinth ab­ 
 zuwarten. Auf dem Zuge durchs Argaiische zerstörten sie 
 Limnaia, einen offenen Flecken, und rückten dann vor Stratos, 
 die größte Stadt Akarnaniens, in der Meinung, wenn sie die 
 
 erst erst eingenommen hätten, würde ihnen alles übrige von 
 selbst zufallen.

Als die Akarnanier hörten, daß ihnen ein großes Heer 
 ins Land gefallen und außerdem eine feindliche Flotte gegen 
 sie im Anzüge sei, zogen sie es vor, statt sich mit vereinten 
 Kräften gegen den Feind zu wenden, sich einzeln ihrer Haut 
 zu wehren, schickten aber zu Phormion und baten ihn um Hilfe. 
 Der ließ ihnen jedoch sagen, daß er in diesem Augenblick, wo 
 eben eine Flotte im Begriff sei, von Korinth auszulaufen, 
 Naupaktos unmöglich sich selbst überlassen könne. Inzwischen 
 rückten die Peloponnesier und ihre Verbündeten in drei Heer­ 
 haufen gegen Stratos vor in der Absicht, in der Nähe der 
 Stadt ein Lager zu beziehen und die Stadt, wenn sie sich nicht 
 gutwillig ergäbe, zu erstürmen. In der Mitte marshcierten 
 die Chaoner und die übrigen Barbaren, rechts von ihnen die 
 Leukadier und Anaktorier, und was sich ihnen angeschlossen 
 hatte, links Knemos selbst mit den Peloponnesiern und Am­ 
 prakiern, die einzelnen Heerhaufen in weiten Abständen, mit­ 
 unter so weit, daß sie sich gar nicht sehen konnten. Die Griechen 
 marschierten vorsichtig und in guter Ordnung, bis sie an einen 
 geeigneten Lagerplatz gelangen würden. Die Chaoner dagegen, 
 die sich gewaltig fühlten und dort bei den Bewohnern des 
 Festlandes für die besten Soldaten galten, dachten nicht daran, 
 sich erst lange einen Lagerplatz zu suchen, sondern stürmten 
 mit den übrigen Barbaren ungestüm voran in der Hoffnung, 
 die Stadt gleich im ersten Anlauf zu nehmen und die Ehre 
 des TageS allein zu haben. Die Stratier aber, die sie auf 
 ihrem Marsche beobachteten, dachten, wenn sie die erst einzeln 
 abgetan hätten, würden die Griechen auch schon zahm werden. 
 Sie legten sich also vor der Stadt an vershciedenen Stellen 
 in den Hinterhalt, ließen sie erst nahe herankommen und fielen 
 dann gleichzeitig aus der Stadt aus dem Hinterhalt über sie 
 her. Die Chaoner aber gaben Fersengeld, und viele von ihnen 
 blieben auf dem Platze. Als die übrigen Barbaren sie fliehen 
 sahen, hielten auch sie nicht länger stand, sondern machten sich 
 auf die Flucht. In den beiden griechischen Heerhaufen hatte 
 
 man von diesem Gefechte nichts bemerkt, da die Barbaren 
 weit voraus waren und man glaubte, sie hätten ihren Marsch 
 nur beschleunigt, um sich schneller in den Besitz eines Lager- 
 platzes zu setzen. Als sie dann aber die Barbaren in wilder 
 Flucht auf sie einströmen sahen, zogen sie ihre Heeresteile zu­ 
 sammen und blieben den Tag über dort stehen. Die Stratier 
 gingen auch nicht zum Angriff über, weil die übrigen Akar­ 
 nanier noch nicht eingetroffen waren, begnügten sich vielmehr 
 damit, sie von weitem mit ihren Schleudern zu bewerfen und 
 dadurch zu beunruhigen; denn ohne schwere Rüstung durften 
 sie sich nicht weiter vorwagen. Die Akarnanier gelten nämlich 
 für besonders geschickte Schleuderer.

Als es Nacht geworden war, zog sich Knemos mit dem 
 Heere eilig auf den Fluß Anapos zurück, der von Stratos 
 achtzig Stadien entfernt ist. Am Tage darauf ließ er unter 
 Waffenstillstand die Toten abholen; dann trat er, da inzwischen 
 die befreundeten Oiniaden zu ihm gestoßen waren, in deren 
 Gebiet über, ehe die Stratier weitere Verstärkungen erhielten. 
 Von da gingen alle wieder in die Heimat. Die Stratier aber 
 errichteten wegen des Gefechts mit den Barbaren ein Sieges­ 
 s zeichen.

Die Flotte von Korinth und den übrigen Bundesstädten 
 am Krisäischen Meerbusen, welche sich mit Knemos in Ver­ 
 bindung setzen sollte, um weiteren Zuzug von Akarnaniern 
 aus dem Innern zu verhindern, war ausgeblieben und ge­ 
 nötigt, in den Tagen des Gefechts bei Stratos gegen Phormion 
 und seine zwanzig bei Naupaktos Wache haltenden athenischen 
 Schiffe eine Schlacht zu liefern. Phormion paßte ihr nämlich 
 auf, wo sie auf ihrer Fahrt an der Küste entlang aus dem 
 Meerbusen herauskommen würde, weil er sie lieber in offener 
 See angreifen wollte. Die Korinther und ihre Verbündeten 
 hatten sich eigentlich nicht auf einen Kampf zur See, sondern 
 im Grunde nur auf einen Landfeldzug in Akarnanien ein­ 
 gerichtet, glaubten auch gar nicht, daß die Athener mit ihren 
 zwanzig Schiffen den Kampf gegen ihre siebenundvierzig auf­ 
 nehmen würden. Als sie jedoch, während sie am Lande hin­ 
 
 fuhren, der athenischen Flotte an der ätolischen Küste ansichtig 
 wurden und, eben im Begriff, von Paträ in Achaia nach dem 
 akarnanishcen Festlande hinüberzufahren, die Athener von 
 Chalkis und dem Euenosflusse auf sich zukommen sahen, 
 konnten sie über Nacht dort nicht mehr vor Anker gehen, ohne 
 von ihnen bemerkt zu werden, und so waren sie gezwungen, 
 grade auf der Überfahrt zu schlagen. Die von den einzelnen 
 Städten gestellten Schiffe tsanden unter ihren eigenen Befehls­ 
 habern, die Korinther selbst unter Machaon, Isokrates und 
 Agatharchidas. Die Peloponnesier bildeten mit ihren Schiffen 
 einen möglichst großen Kreis, die Schnäbel nach außen, die 
 Hinterteile nach innen, damit der Feind sie nicht anfahren 
 könnte. Die kleineren Fahrzeuge, die sie bei sich hatten, nahmen 
 sie in die Mitte, und ebenso ihre fünf schnellsten Schiffe, um 
 damit immer auf kürzestem Wege dahin gelangen zu können, 
 wo der Feind angreifen würde.

Die Athener umkreisten, ihre Schiffe in Kiellinie, die 
 feindlichen Schiffe beständig und ließen ihnen keine Luft, indem 
 sie so nahe an sie heranruderten, als wäre es jeden Augen­ 
 blick auf einen Stoß abgesehen. Sie hatten jedoch von Phormion 
 Befehl, nicht eher anzugreifen, als bis er selbst das Zeichen 
 dazu gäbe. Er hoffte nämlich, die Feinde würden ihre Stellung 
 nicht wie ein Heer zu Lande behaupten können, sondern ihre 
 Kriegsschiffe würden zusammenstoßen und durch die übrigen 
 Fahrzeuge vollends in Verwirrung geraten, und wenn sich 
 dann wie gewöhnlich bei Tagesanbruch der Golfwind aufmachte, 
 auf den er eben wartete, im nächsten Augenblick auseinander­ 
 getrieben werden. Bei der größeren Schnelligkeit seiner Schiffe 
 aber glaubte er es in der Hand zu haben, wann er sie an­ 
 greifen wollte, und daß sich dazu grade um die Zeit die beste 
 Gelegenheit bieten würde. Als sich nun jener Wind wirklich 
 aufmachte, gerieten die ohnehin schon eng zusammengedrängten 
 Schiffe unter dem Druck des Windes und der übrigen Fahrzeuge 
 in Verwirrung, stießen zusammen und mußten mit Staken von­ 
 einandergeschoben werden. Bei dem unaufhörlichen Rufen: 
 „In acht nehmen!", dem Schreien und Schimpfen hörte man 
 
 weder die Befehle noch den Taktmeister, und da die ungeübte 
 Mannschaft bei dem lebhaften Seegange die Ruder nicht regieren 
 konnte, wollten die Schiffe dem Steuer nicht mehr gehorchen. 
 In diesem Augenblick gab Phormion das Zeichen, und die Athener . 
 griffen an, bohrten zuerst eins der feindlichen Flaggschiffe in 
 den Grund und setzten dann auch alle übrigen, die ihnen vor­ 
 kamen, außer Gefecht, so daß die Gegner in der eingetretenen 
 Verwirrung jeden Widerstand aufgaben und nach Paträ und 
 Dyme in Achaia flüchteten. Die Athener eroberten auf der 
 Verfolgung noch zwölf Schiffe, deren Mannschaft sie größten­ 
 teils an Bord nahmen, und fuhren darauf nach Molykreion. 
 Nachdem sie hier am Vorgebirge Rhion ein Siegeszeichen er­ 
 richtet und dem Poseidon ein Schiff geweiht hatten, kehrten 
 sie nach Naupaktos zurück. Die Peloponnesier aber fuhren 
 gleich nahcher mit dem Reste ihrer Schiffe von Dyme und 
 Paträ an der Küste entlang nach Kyllene, der Hafenstadt in 
 Elis, wo Knemos nach dem Gefechte bei Stratos mit den 
 Schiffen, die sich mit jenen hatten vereinigen sollen, von Leukas 
 ebenfalls eintraf.

Dem aber stellten die Lakedämonier jetzt Timokrates, 
 Brasidas und Lykophron als Beiräte zur Seite und ließen 
 ihm bedeuten, er möge es das nächste Mal besser machen und 
 sich nicht von ein paar Schiffen von der See wegfegen lassen. 
 Denn die Sache schien ihnen unbegreiflich, hauptsächlich weil 
 sie sich hier zum erstenmal in einer Seeschlacht versucht und 
 von der Minderwertigkeit ihrer Flotte keine Ahnung hatten, 
 sondern glaubten, man sei nicht schneidig genug draufgegangen. 
 Daß die Athener die lange Erfahrung hatten, sie selbst aber 
 erst Anfänger waren, brachten sie nicht in Anschlag. In ihrem 
 Unwillen darüber schickten sie ihm nun die drei Männer. Diese 
 sandten auch gleich nach ihrer Ankunft bei Knemos an alle 
 Städte den Befehl, Schiffe zu stellen, ließen auch die noch 
 vorhandenen wieder ausbessern, um von neuem eine Schlacht 
 zu wagen. Aber auch Phormion sandte nach Athen einen 
 Bericht über die gewonnene Schlacht und die neuen Rüstungen 
 der Feinde mit der Bitte, ihm unverzüglich so viel Schiffe wie 
 
 möglich zu schicken, da er täglich auf eine Schlacht gefaßt sein 
 müsse. Die Athener schickten auch zwanzig Schiffe an ihn ab, 
 trugen aber dem Befehlshaber auf, auch Kreta bei der Ge­ 
 legenheit anzulaufen. Der Kreter Nikias aus Gortyua, ihr 
 dortiger Staatsgastfreund, hatte ihnen nämlich zu einem Ab­ 
 stecher nach Kpdonia geraten und versprochen, ihnen zur Herr­ 
 schaft über diese, ihnen damals feindliche Stadt zu verhelfen. 
 In der Tat aber hatte er es nur den Polichnitern, den Nach­ 
 barn der Kydonier, zu Gefallen getan. Der Athener mit seinen 
 zwanzig Schiffen kam auch wirklich nach Kreta und verheerte 
 dort mit den Polichnitern das Gebiet der Kydonier, wurde 
 darauf aber erst durch widrige Winde, dann durch Windstille 
 längere Zeit dort festgehalten.

Während die Athener bei Kreta festgehalten wurden, 
 hatten sich die Peloponnesier in Kyllene auf eine Seeschlacht 
 eingerichtet und fuhren nun längs der Küste nach Panormos 
 in Achaia, wo das peloponnesische Landheer schon eingetroffen 
 war. Auch Phormion fuhr mit den zwanzig Schiffen, mit 
 denen er schon einmal geschlagen hatte, nach dem molykrischen 
 Rhion und ging mit ihnen außerhalb des Vorgebirges vor 
 Anker. Es war dies das Rhion auf der den Athenern be­ 
 freundeten Seite, dem das andere auf der peloponnesischen 
 grade gegenüberliegt. Der Meeresarm zwischen beiden ist 
 ungefähr sieben Stadien breit und bildet die Mündung deS 
 Krisäischen Meerbusens. Die Peloponnesier machten es wie 
 die Athener und gingen bei dem von Panormos, wo ihr Land­ 
 heer stand, nicht weit entfernten achäischen Rhion mit sechs­ 
 undsiebzig Schiffen ebenfalls vor Anker. Hier lagen sich beide 
 sechs bis sieben Tage gegenüber und bereiteten sich auf eine 
 Schlacht vor. Die Peloponnesier wollten nicht über das Vor­ 
 gebirge hinaus, wo es ihnen das vorige Mal so schlecht gegangen 
 war, die Athener nicht in die Meerenge hinein, überzeugt, daß 
 eS für die Gegner vorteilhaft sei, die Schlacht in dem engen 
 Wasser zu liefern. Knemos nnd Brasidas und die übrigen 
 peloponnesischen Befehlshaber wünschten je eher je lieber zu 
 schlagen, bevor noch weitere Verstärkungen von Athen kämen. 
 
 Sie riefen deshalb ihre Mannschaft zusammen, und da sie sahen, 
 daß die meisten sich von dem Schrecken der ersten Niederlage 
 noch nicht erholt und keinen rechten Mut hatten, suchten sie 
 ihren Mut zu beleben und redeten sie also an:

„Die vorige Schlacht, Landsleute, wenn ihr eucks darum 
 vor einer neuen fürchtet, bietet dazu denn doch wirklich keinen 
 vernünftigen Grund. Damals waren wir, das wißt ihr ja, 
 ungenügend gerüstet und hatten es bei unserer Fahrt gar nicht 
 auf eine Seeschlacht, sondern auf einen Feldzug zu Lande ab­ 
 gesehen. Zufällig kamen dann auch noch verschiedene andere 
 unglückliche Umstände dazu. Außerdem war es unsere erste 
 Seeschlacht, und es fehlte uns deshalb wohl noch an der 
 nötigen Erfahrung. Es lag also nicht an Mangel an Mut, 
 wenn wir geschlagen wurden. Wir haben uns in dieser Be­ 
 ziehung wahrlich nichts vorzuwerfen und unsere Niederlage 
 nicht der größeren Tapferkeit unserer Gegner zuzuschreiben. 
 Es wäre deshalb sehr verkehrt, wollten wir mutlos werden, 
 nur weil wir einmal Unglück gehabt haben. Unglück haben 
 kann jeder, aber wer überhaupt Mut hat, wird ihn auch im 
 Unglück nicht verlieren und seine Unerfahrenheit nicht zum 
 Deckmantel der Feigheit machen. Sind sie euch an Erfahrung 
 voraus, so seid ihr ihnen an Mut um so mehr überlegen, und 
 ihre bessere Ausbildung würde sie nur, wenn zugleich mit 
 Tapferkeit gepaart, in den Stand setzen, das, was sie gelernt, 
 auch in der Gefahr nicht zu vergessen. Ohne Tapferkeit hilft 
 im Augenblick der Gefahr alle Geschicklichkeit nichts; denn 
 Furcht nimmt die Besinnung, und ohne kalten Mut ist alle 
 Geschicklichkeit nichts nütze. Bringt also ihrer größeren Er­ 
 fahrung gegenüber eure größere Tapferkeit in Anschlag, gegen­ 
 über der Furcht wegen der früheren Niederlage aber unsere 
 damalige ungenügende Rüstung. Außerdem habt ihr ja noch 
 den Vorteil der größeren Schiffszahl und daß ihr die Schlacht 
 an der heimischen Küste und im Angesicht unseres Landheeres 
 liefern werdet. In der Regel entscheidet doch die größere Zahl 
 und die bessere Rüstung den Sieg. Wir finden also schlechter­ 
 dings keinen Grund zu der Befürchtung, daß wir die Schlacht 
 
 verlieren würden. Und grade die Fehler, die wir früher ge­ 
 macht haben, werden uns jetzt zur Lehre dienen. Also nur 
 Mut, Steuerleute, Mut, Matrosen; jeder tue seine Schuldig­ 
 keit, und keiner weiche von dem Platze, der ihm angewiesen 
 wird. Wir werden euch ins Gefecht führen und unsere Sache 
 besser machen als die vorigen Befehlshaber, aber auch niemand 
 durch die Finger sehen, der einen Vorwand suchen würde, sich 
 zu drücken. Sollte es trotzdem vorkommen, wird der Betreffende 
 dafür gebührend bestraft werden, wer sich aber gut macht, die 
 verdiente Auszeichnung für Tapferkeit erhalten."

Auf solche Weise suchten die peloponnesischen Befehls­ 
 haber den Mut ihrer Mannschaft zu beleben. Aber auch 
 Phormion machte sich Gedanken um den Mut seiner Leute, und 
 als er sie so zusammenstehen und bei der Menge der feind­ 
 lichen Schiffe bedenkliche Gesichter machen sah, hielt er es für 
 zweckmäßig, sie sich kommen zu lassen, um sie zu ermutigen 
 und ihnen begreiflich zu machen, daß sie sich auch diesmal nicht 
 zu fürchten brauchten. Schon früher hatte er ihnen immer die 
 Meinung beizubringen gesucht, daß sie jeder, auch der größten 
 feindlichen Flotte gewachsen sein würden, und so waren auch 
 seine Leute selbst längst davon durchdrungen, daß sie es als 
 Athener mit noch so viel peloponnesischen Schiffen aufnehmen 
 könnten. Da er sie aber jetzt beim Anblick der vielen Schiffe 
 doch bange werden sah, wollte er das alte Selbstvertrauen in 
 ihnen von neuem erwecken, ließ sie zusammenrufen und redete 
 sie also an:

,Ich habe euch zu mir kommen lassen, Leute, weil ich 
 sehe, daß ihr euch vor der Menge unserer Gegner fürchtet, 
 und es für töricht halte, sich zu fürchten, wo nichts zu fürchten 
 ist. Denn erstens haben sie ihre große Flotte ja nur deshalb 
 zusammengebracht, weil sie schon einmal von uns besiegt sind 
 und es nicht ohne eine gewaltige Überzahl von Schiffen mit 
 uns aufnehmen zu können glauben. Sodann aber gründet sich 
 ihre Zuversicht, als hätten sie die Tapferkeit gepachtet, ledig­ 
 lich darauf, daß sie im Landkriege, vermöge ihrer Erfahrung 
 darin, ihre Sache in der Regel gut machen, und so glauben 
 
 sie nun, zur See würden sie das auch können. Sind sie uns 
 aber wirklich dort überlegen, so sind wir es ihnen hier erst 
 recht; denn da sie nicht tapferer sind als^wir, so wird jeder 
 von uns beiden da, wo er am erfahrensten ist, auch am mutig­ 
 sten draufgehen. Die Lakedämonier, welche beim Oberbefehl 
 über ihre Bundesgenossen nur ihren eigenen Ruhm im Auge 
 haben, führen diese jetzt nur widerwillig ins Gefecht; denn 
 nach der gründlichen Niederlage würden sie sich ganz gewiß 
 nicht von selbst auf eine neue Seeschlacht eingelassen haben. 
 Vor ihrer übergroßen Kühnheit braucht ihr euch also nicht zu 
 fürchten. Im Gegenteil, sie fürchten sich vor euch und haben 
 dazu auch alle Ursache, teils weil wir sie schon einmal besiegt 
 haben, teils weil sie sich nicht denken können, wir würden ihnen 
 die Spitze bieten, wenn wir nicht etwas ganz Besonderes im 
 Schilde führten. Denn die meisten verlassen sich, wenn sie 
 wie sie dem Gegner gewahcsen sind und es zur Schlacht geht, 
 mehr auf ihre Macht als auf ihren Mut. Wer aber, auch 
 ohne dazu gezwungen zu sein, selbst mit geringeren Kräften 
 dem Feinde zu Leibe geht, beweist damit einen hohen Grad 
 von Mut und Entschlossenheit. Davon sind auch unsere Gegner 
 überzeugt, und grade weil wir ihnen so wider Erwarten die 
 Spitze bieten, fürchten sie uns mehr, als wenn wir ihnen mit 
 entsprechenden Kräften begegnen würden. Schon manches Heer 
 ist einer Minderzahl erlegen, weil es ihm an Erfahrung fehlte 
 oder an Mut gebrach. Uns aber fehlt es weder an Mut noch 
 an Erfahrung. Soweit es in meiner Macht steht, werde ich 
 nicht innerhalb des Golfes schlagen und nicht in ihn hinein­ 
 gehen. Denn augenscheinlich würde das enge Wasser einer 
 geringeren Anzahl wohlgeübter schneller Schiffe im Kampfe 
 gegen eine große Menge ungeübter Schiffe keinen Vorteil 
 bieten. Denn man würde den Feind nicht genug von weitem 
 sehen, um zum Stoß richtig auf ihn abhalten zu können, auch 
 nicht imstande sein, sich nötigenfalls aus dem Gedränge wieder 
 loszumachen. Geschicktes Anfahren und Lahmlegen der feind­ 
 lichen Schiffe, worin die Aufgabe schneller Schiffe recht eigent­ 
 lich besteht, wäre ausgeschlossen. Der Schiffskampf würde zur 
 
 Landschlacht werden und damit die Menge der Schiffe das 
 Übergewicht gewinnen. Danach also werde ich mich möglichst 
 einzurichten suchen. Ihr aber haltet gute Ordnung an Bord 
 und tut pünktlich, was euch befohlen wird, zumal die Feinde 
 uns hier in der Nähe auf den Dienst passen. Vor allem im 
 Gefecht selbst haltet auf Ordnung und Stille, wie sich das im 
 Kriege überhaupt, namentlich aber in einer Seeschlacht gehört, 
 und dann geht den Kerls wieder so tapfer zu Leibe wie das 
 vorige Mal. Bei eurem Kampf steht Großes auf dem Spiel; 
 entweder macht ihr die Flottenpläne der Peloponnesier zu­ 
 nichte, oder die Athener werden sich darauf gefaßt machen 
 müssen, daß es mit ihrer Seeherrschaft zu Ende geht. Noch­ 
 mals erinnere ich euch daran, daß eure Gegner meist Leute 
 sind, die ihr schon einmal besiegt habt. Nach einer verlorenen 
 Schlacht aber geht man nicht so zuversichtlich ins Gefecht wie 
 das erstemal."

In dieser Weise suchte auch Phormion den Mut seiner 
 Leute zu beleben. Die Peloponnesier aber wollten die Athener, 
 da sie ihnen nicht von selbst in die Enge und den Golf kamen, 
 auch wider ihren Willen hineinbringen. Bei Tagesanbruch 
 lichteten sie die Anker und fuhren vier Schiffe hoch an ihrer 
 Küste in den Meerbusen hinein, den rechten Flügel voran, 
 wie sie auch vor Anker gelegen hatten. Auf diesen Flügel 
 hatten sie zwanzig ihrer schnellsten Schiffe gestellt, damit die 
 Athener, wenn Phormion glaubte, sie führen nach Naupaktos, 
 und sich zu dessen Schutz aufmachte, ihnen nicht entwischen, 
 sondern von ihnen umfaßt werden könnten. Wie sie vermutet, 
 war Phormion wirklich, als er sie aufbrechen sah, um den augen­ 
 blicklich schutzlosen Platz besorgt geworden und fuhr nun mit 
 seiner Flotte gegen seine eigentliche Absicht eiligst an der Küste 
 ' entlang in den Golf hinein, wobei das Heer der Messenier 
 ihnen zu Lande zur Seite zog. Als die Peloponnesier sie so 
 schon innerhalb des Golfs dicht am Lande in Kiellinie heran­ 
 kommen sahen, grade wie sie es gewünscht hatten, ließen sie 
 auf ein gegebenes Zeichen ihre Schiffe plötzlich einschwenken 
 und, was das Zeug halten wollte, grade auf die Athener los­ 
 
 rudern, in der Hoffnung, sämtliche Schiffe abzufangen. Die 
 elf vordersten waren jedoch schon vor der Schwenkung des 
 peloponnesischen Flügels an diesem vorbei in freies Wasser 
 gelangt, die übrigen aber überholten sie, trieben sie fliehend 
 vor sich her dem Strande zu, machten sie kampfunfähig und 
 töteten die Mannschaft, soweit sie sich nicht durch Schwimmen 
 retten konnte. Einige Schiffe nahmen sie leer in Schlepptau; 
 eins war ihnen schon vorher samt der Mannschaft in die 
 Hände gefallen. Nun aber erschienen auch die Messenier, 
 sprangen in voller Rüstung ins Wasser, erstiegen die Schiffe 
 und nahmen ihnen nach einem Kampf auf dem Verdeck mehrere 
 davon wieder ab, die sie schon im Schlepptau hatten.

Hier also siegten die Peloponnesier und setzten die attischen 
 Schiffe außer Gefecht. Ihre zwanzig Schiffe vom rechten 
 Flügel aber verfolgten die elf Schiffe der Athener, welche vor 
 jener Schwenkung das Weite gewonnen hatten. Diese ge­ 
 langten jedoch mit Ausnahme eines Schiffes vor ihnen nach 
 Naupaktos. Hier machten sie beim Apollontempel halt und 
 stellten sich, das Vorderteil gegen den Feind, für den Fall, daß 
 er ihnen bis ans Land folgen würde, kampfbereit auf. Bald 
 nachher kamen auch die Peloponnesier heran, indem sie auf der 
 Fahrt Siegeslieder anstimmten, als wäre die Schlacht schon 
 gewonnen, und allen voraus verfolgte ein leukadisches Schiff 
 das eine zurückgebliebene Schiff der Athener. Zufällig lag ein 
 Lastschiff außerhalb des Hafens vor Anker, und als das attische 
 Schiff daran vorbeikam, schwenkte es um dieses herum, rannte 
 den Leukadier mittschiffs an und bohrte ihn in den Grund. 
 DieS völlig unerwartete Ereignis setzte die Peloponnesier in 
 Schrecken, und da sie nach ihrem Siege auf der Verfolgung 
 keine Ordnung mehr gehalten hatten, ließen einzelne Schiffe 
 die Ruder sinken, um stillezuhalten und auf die übrigen zu 
 warten, das Verkehrteste, was sie angesichts eines ihnen aus 
 nächster Nähe drohenden feindlichen Vorstoßes tun konnten, 
 während andere aus Unkenntnis des Fahrwassers auf Untiefen 
 gerieten und tsrandeten.

Als die Athener das sahen, faßten sie neuen Mut, und 
 
 auf ein gegebenes Zeichen gingen sie alle zugleich mit Hurra 
 zum Angriff über. Die Peloponnesier aber hielten nach den 
 begangenen Fehlern und infolge der bei ihnen herrschenden 
 Unordnung nur kurze Zeit stand und machten dann kehrt nach 
 Panormos, von wo sie ausgefahren waren. Die Athener er­ 
 beuteten auf der Verfolgung die sechs nächsten Schiffe, nahmen 
 auch ihre eigenen Schiffe den Feinden wieder ab, die sie anfangs 
 am Strande außer Gefecht gesetzt und in Schlepptau genommen 
 hatten. Die Mannschaft machten sie zum Teil nieder, zum Teil 
 fiel sie lebendig in ihre Hände. An Bord des leukadischen 
 Schiffes, das bei dem Lastschiffe gesunken war, befand sich auch 
 der Lakedämonier Timagoras, der sich, als es unterging, selbst 
 in sein Schwert stürzte; seine Leiche wurde nachher im Hafen 
 von Naupaktos angetrieben. Nach der Rückkehr errichteten 
 die Athener an der Stelle, von wo sie ihren Siegeszug be­ 
 gonnen hatten, ein Siegeszeichen. Sie bargen ihre Toten 
 und die bei ihnen ans Land getriebenen Schiffstrümmer und 
 gaben auch den Gegnern die ihrigen unter Waffenstillstand 
 heraus. Aber auch die Peloponnesier schrieben sich den Sieg 
 zu und errichteten ein Siegeszeichen, weil sie die Schiffe in 
 die Flucht geschlagen, die sie nahcher am Lande kampfunfähig 
 gemacht hatten. Das von ihnen erbeutete Schiff aber stellten 
 sie neben dem Siegszeichen am achäischen Rhion als Weih­ 
 geschenk auf. Bald nahcher gingen sie alle, mit Ausnahme 
 der Leukadier, aus Furcht vor der zweiten athenischen Flotte 
 bei Nacht in den Krisäischen Meerbusen und nach Korinth 
 unter Segel. Sie waren noch nicht lange weg, als dann auch 
 die Athener von Kreta mit den zwanzig Schiffen, mit denen 
 sie schon vor der Schlacht hätten bei Phormion sein sollen, 
 bei Naupaktos ankamen. Damit endete der Sommer.

Bevor jedoch die Mannschaft der nach Korinth und in 
 den Krisäischen Meerbusen abgefahrenen Flotte entlassen wurde, 
 wollten Knemos und Brasidas und die übrigen peloponne­ 
 sischen Feldherren auf Anheimgabe der Megarer einen Hand­ 
 streich gegen den Peiraieus, den Hafen der Athener, unternehmen, 
 der ja, da die Athener die See beherrschten, weder besetzt noch 
 
 verschlossen war. Zu dem Ende sollten ihre Seeleute, jeder 
 mit seinem Ruder, Sitzkissen und Ruderriemen, von Korinth 
 zu Fuß hinüber an die andere See gehen, sich schleunigst nach 
 Megara begeben und die dort auf der Werft in Nisaia be­ 
 findlichen vierzig Schiffe der Megarer flott machen, um damit 
 gradeswegs nach dem Peiraieus zu fahren. Denn Kriegs­ 
 schiffe zum Schutze des Hafens waren dort nicht vorhanden, 
 und sein Mensch dachte an die Möglichkeit eines solchen Über­ 
 falls. Einen offenen Angriff aus dem Stegreif, glaubte man, 
 würde der Feind nicht wagen, ein dahin gehender Anschlag 
 aber nicht unbemerkt bleiben können. Der Plan war kaum ge­ 
 faßt, so waren sie auch schon unterwegs. Sie kamen bei Nacht 
 in Nisaia an und holten die Schiffe inS Wasser, fuhren damit 
 aber, weil sie Gefahr fürchteten, angeblich auch durch den Wind 
 gehindert wurden, nicht, wie beabsichtigt, gleich nach dem Pei­ 
 raieus, sondern nach der Megara gegenüberliegenden Spitze 
 von Salamis. Hier befand sich ein Wartturm, bei dem drei 
 Kriegsschiffe auf Posten standen, um allen Schiffsverkehr von 
 und nach Megara zu verhindern. Sie versuchten den Turm 
 zu stürmen, nahmen die Kriegsschiffe teer in Schlepptau und 
 verheerten die Insel, wo niemand eines Überfalles gewärtig 
 war.

In Athen aber erhielt man durch Feuerzeichen Nachricht 
 von der Ankunft des Feindes, und infolgedessen entstand dort 
 eine Bestürzung wie keine zweite im ganzen Kriege. In der 
 Stadt glaubte man, die feindliche Flotte sei schon im Peiraieus, 
 hier, die Feinde hätten Salamis bereits genommen und würden 
 jeden Augenblick in den Hafen einlaufen. Und wären diese 
 nicht so langsam gewesen, so hätte es auch leicht dazu kommen 
 können, und der Wind würde sie schwerlich daran gehindert 
 haben. Bei Tagesanbruch zogen die Athener allesamt nach 
 dem Peiraieus, brachten die Schiffe zu Wasser, die sie mit 
 großer Hast und viel Geschrei bestiegen und fuhren damit nach 
 Salamis hinüber, während sie den Peiraieus mit Fußvolk be­ 
 setzten. Die Peloponnesier aber, welche inzwischen fast die ganze 
 Insel abgestreift und Menschen und Vieh weggetrieben hatten, 
 
 machten sich damit und mit den drei Schiffen von der Warte 
 Budoron, als sie die Athener kommen sahen, auf und davon 
 nach Nisaia. Sie trauten wohl auch ihren Schiffen nicht recht, 
 da diese nach längerer Zeit zum ersten Male wieder ins Wasser 
 gekommen waren und nicht dicht hielten. In Megara an­ 
 gekommen, zogen sie wieder zu Fuß nach Korinth. Auch die 
 Athener, die sie bei Salamis nicht mehr angetroffen, fuhren 
 wieder ab, sorgten aber von nun an durch Sperrung der Häfen 
 und sonstige Vorsichtsmaßregeln besser als bisher für die Sicher­ 
 heit des Peiraieus.

Um dieselbe Zeit, zu Anfang dieses Winters, zog der 
 Thrakerkönig Sitalkes, Teres' Sohn, der Odryse, gegen den 
 König Perdikkas von Makedonien, Alexanders Sohn, und die 
 Chalkidier an der thrakischen Küste zu Felde, teils um die Er­ 
 füllung eines ihm gegebenen Versprechens zu erzwingen, teils 
 um ein seinerseits gegebenes zu erfüllen. Perdikkas hatte ihm 
 nämlich für den Fall, daß er ihn in seiner damaligen gefähr­ 
 lichen Lage mit den Athenern wieder aussöhnen und seinem 
 mit ihm verfeindeten Bruder Philipp nicht zum Thron ver­ 
 helfen würde, gewisse Versprechungen gemacht und ihm diese 
 nicht gehalten. Er selbst aber hatte, als es ihm um das Bünd­ 
 nis mit Athen zu tun war, den Athenern versprochen, dem 
 Chalkidischen Kriege im thrakischen Küstenlande ein Ende zu 
 machen. Aus diesem doppelten Grunde unternahm er jetzt den 
 Feldzug, wobei Amyntas, Philipps Sohn, den er in Make­ 
 donien auf den Thron setzen wollte, und die eben dieser Sache 
 wegen zu ihm gekommenen Gesandten der Athener und der 
 Feldherr Hagnon sich in seinem Gefolge befanden. Die Athener 
 sollten nämlich auch mit einer Flotte und einem möglichst starken 
 Heere in Chalkidike auftreten.

Zu seinem Zuge bot er zunächst die Thraker aus seinem 
 Odrysenlande zwischen Haimos und Rhodope bis zum Schwarzen 
 Meere und dem Hellespont auf; dann auch die Geten und die 
 übrigen Völkerschaften aus den Ländern diesseits der Donau 
 nach dem Schwarzen Meere zu. Die Geten und die anderen 
 dortigen Völker sind Nachbarn der Skythen und wie diese be­ 
 
 waffnet, alles reitende Bogenschützen. Auch von den unab­ 
 hängigen thrakischen Bergvölkern, welche Säbel führen und 
 meist am Rhodope wohnen, den Diern, wie sie heißen, zog er 
 viele an sich, die sich dazu teils gegen Sold, teils aus freien 
 Stücken verstanden. Weiter auch die Agrianer und die Laiaier 
 sowie die übrigen päonischen Völkerschaften, die noch unter 
 seiner - mit ihnen aufhörenden - Herrschaft standen bis zu 
 den päonischen Graiaiern und Laiaiern und an den Strymon, 
 der vom Skomiongebirge kommt und durch das Land der 
 Graiaier und Laiaier fließt, wo sein Reich an das von hier an 
 freie Päonien grenzte. Gegen die ebenfalls unabhängigen 
 Triballer bildeten Trerer und Tilataier die Grenze. Diese 
 wohnen nördlich vom Skomiongebirge und reichen nach Westen 
 bis an den Oskios, der auf demselben Gebirge entspringt wie 
 der Nestos und Hebros, einem großen, mit dem Rhodope zu­ 
 sammenhängenden wilden Gebirge.

Das Reich der Odrysen erstreckte sich an der Seeseite von 
 der Stadt Abdera bis an das Schwarze Meer und die Donau. 
 Auf kürzestem Wege kann ein Lastschiff, wenn es immer Wind 
 mit hat, die Fahrt um das Land in vier Tagen und ebensoviel 
 Nächten zurücklegen. Zu Fuß braucht ein rüstiger Mann auf 
 dem kürzesten Wege von Abdera bis an die Donau elf Tage. 
 So an der Seeseite. Im Innern würde ein guter Fußgänger 
 den Weg von Byzanz bis zu den Laiaiern und an den Strymon, 
 wo sich das Reich am weitesten landeinwärts erstreckt, in drei­ 
 zehn Tagen zurücklegen können. Die von der altheimischen 
 Bevölkerung und den griechischen Städten aufgebrachten Steuern 
 betrugen unter Seuthos, dem Nachfolger des Sitalkes, wo 
 sie freilich am höchsten waren, ungefähr vierhundert Talente 
 Silber und wurden entweder in Silber oder in Gold ent­ 
 richtet. Ebensoviel aber brachten die freiwilligen Geschenke 
 an Gold und Silber, ganz abgesehen von alle den bunten und 
 schlichten Geweben und sonstigen Kostbarkeiten, womit man 
 nicht nur den König, sondern auch Fürsten und vornehme 
 Herren der Odrysen zu beschenken pflegte, denn dort zu Lande, 
 wie in Thrakien überhaupt, galt es umgekehrt wie in Persien 
 
 für anständiger zu nehmen als zu geben, und man schämte sich 
 mehr, ein Ansinnen abzulehnen, als eine Fehlbitte zu tun. Je 
 höher jemand stand, um so mehr machte er sich das zunutze, 
 und wer überhaupt was erreichen wollte, mußte erst den Beutel 
 ziehen. So war hier ein mächtiges Reich entstanden. Unter 
 allen Staaten in Europa, zwischen dem Ionischen und dem 
 Schwarzen Meere, war keiner, der sich ihm an Steuerkrats 
 und Wohlstand an die Seite stellen konnte, während es aller­ 
 dings an kriegerischer Kraft und Zahl der Streiter den Skythen 
 gegenüber erst sehr an zweiter Stelle kam. Denn in dieser Be­ 
 ziehung kann sich mit den Skythen nicht nur in Europa kein 
 Volk vergleichen, sondern auch in Asien gibt es keins, das ihnen, 
 wenn sie einig wären, für sich allein gewachsen sein würde. An 
 Bildung freilich und Verständnis für die Bedürfnisse eineS 
 Kulturvolkes stehen sie mit anderen nicht auf gleicher Stufe.

Aus diesem seinem mächtigen Reiche also bot Sitalkes 
 nun den Heerbann auf, und als alles fertig war, setzte er sich 
 damit nach Makedonien in Marsch, erst durch eigenes Gebiet, 
 dann durch das wilde Kerkinagebirge auf der Grenze zwischen 
 Sintern und Päoniern, und zwar auf demselben Wege, den 
 er dort früher schon auf seinem Feldzuge gegen die Päonier 
 hatte durch den Wald hauen lassen. Auf dem Zuge aus dem 
 Odrysenlande über dieses Gebirge hatte sein Heer die Päonier 
 zur Rechten, die Sinter und Maider zur Linken und gelangte 
 dann auf der andern Seite nach Doberos in Päonien. Ab­ 
 gang an Mannschaft, soweit er nicht etwa durch Krankheit 
 verursacht war, hatte er unterwegs nicht gehabt; im Gegenteil, 
 er hatte noch Zuzug erhalten; denn in der Aussicht auf Beute 
 hatten sich noch viele von den unabhängigen Thrakern frei­ 
 willig angeschlossen, so daß das ganze Heer nunmehr mindestens 
 hundertfunfzigtausend Mann stark gewesen sein soll. Das 
 meiste davon war Fußvolk, nur ungefähr ein Drittel Reiterei. 
 Die Reiterei hatten größtenteils die Odrysen gestellt. Unter 
 dem Fußvolk waren die freien Säbelträger vom Rhodope die 
 streitbarsten. Das übrige war ein buntes Völkergemisch, haupt­ 
 sächlich durch die Menge furchtbar.

Bei Doberos, wo das Heer sich sammelte, machte man 
 Anstalt, von hier oben in das von Perdikkas beherrschte untere 
 Makedonien einzufallen. Zu den Makedoniern gehörten nämlich 
 auch die Lyukester und Elimioten und andere Stämme des 
 Oberlandes, welche ihnen zugetan und untergeben sind, aber 
 eigene Könige haben. Das heutige Makedonien an der Küste 
 hatten Alexander, der Vater des Perdikkas, und dessen Vor­ 
 fahren, ursprünglich Temeniten aus Argos, zuerst an sich ge­ 
 bracht und ihrer Herrschaft unterworfen, indem sie die Pierer 
 mit Waffengewalt aus Pierieu vertrieben, die sich später jen­ 
 seits des Strymon am Pangaion in Phagres und anderen 
 Orten niederließen, wie denn auch jetzt noch der Landstrich 
 vom Pangaion abwärts bis an die See der Pierische Grund 
 heißt. Aus der noch immer Bottiaia genannten Landschaft 
 aber verdrängten sie die Bottiaier, die jetzt Nachbarn der Chal- 
 kidier sind. In Päonien erwarben sie am Axios einen schmalen 
 Strich Landes, der abwärts bis nach Pella und an die See 
 reicht, und jenseits des Axios bis an den Strymon das Gebiet, 
 welches Mygdonien genannt wird, aus dem sie die Edoner 
 vertrieben. Aus der jetzt Eordia heißenden Landschaft ver­ 
 drängten sie die Eorder, von denen die meisten umkamen und 
 nur wenige sich bei Physka wieder ansiedelten, und die Al­ 
 moper aus Almopia. Aber auch noch andere Stämme unter­ 
 warfen sich diese Makedonier, welche noch jetzt unter ihrer 
 Herrschaft tsehen, so Anthemus, Grestonia, Bisaltia und viele, 
 die selbst auch zu den Makedoniern gehören. Alles das heißt 
 jetzt Makedonien, und darüber war Perdikkas König, als Sital­ 
 kes seinen Zug dahin unternahm.

Da diese Makedonier es mit dem großen Heere, das 
 gegen sie heranzog, nicht aufnehmen konnten, zogen sie sich in 
 die im Lande vorhandenen Schlösser und festen Plätze zurück. 
 Allzuviel gab es deren freilich damals nicht. Später erst hat 
 Archelaos, der Sohn des Perdikkas, nachdem er König ge­ 
 worden, die jetzt vorhandenen Festungen gebaut, gebahnte 
 Wege angelegt und die Einrichtungen für den Krieg überhaupt 
 vervollkommnet und dabei für Ausbildung der Reiterei und 
 
 des Fußvolks mehr getan als alle acht Könige vor ihm. Die 
 Thraker rückten mit ihrem Heere zunächst in die früher von 
 Philipp beherrschten Landesteile ein und nahmen Jdomene mit 
 Sturm, während ihnen Gortynia, Atalense und einige andere 
 Plätze freiwillig die Tore öffneten und aus Liebe zu Amynthas, 
 dem im Heere befindlichen Sohne Philipps, zu ihnen über­ 
 gingen. Europos belagerten sie, konnten es aber nicht nehmen. 
 Darauf drangen sie auch in die übrigen Teile von Makedonien 
 vor, links von Pella und Kyrrhos; darüber hinaus aber nach 
 Dottiaia und Pierien kamen sie nicht; dagegen verheerten sie 
 Mygdonien, Grestonien und Anthemus. Die Makedonier dachten 
 gar nicht daran, es mit ihrem Fußvolk gegen sie aufzunehmen; 
 die Reiter aber, die sie sich von ihren Verbündeten im Ober­ 
 lande hatten kommen lassen, brachen bei Gelegenheit trotz ihrer 
 geringen Zahl in die Masse der Thraker ein, und wo diese 
 tapferen Panzerreiter einsetzten, warfen sie alleS vor sich nieder. 
 Jedoch liefen sie dabei doch immer Gefahr, von der so vielfach 
 überlegenen Masse umfaßt zu werden, und so gaben sie es 
 schließlich auf, weil sie sich der Menge gegenüber zu solchen 
 Wagnissen zu schwach fühlten.

Inzwischen knüpfte Sitalkes wegen der Beschwerden, 
 die ihn zu dem Feldzuge veranlaßt hatten, mit Perdikkas Unter- 
 handlungen an, und da die Athener, die an sein Kommen nicht 
 glaubten, zwar mit ihren Schiffen nicht erschienen waren, aber 
 doch Gesandte und Geschenke an ihn geschickt hatten, so ent­ 
 sandte er einen Teil seines Heeres gegen die Chalkidier und 
 Bottiaier, nötigte sie, sich in ihre Städte zurückzuziehen, und 
 verheerte ihnen daS platte Land. Während er mit seinem 
 Heere in jenen Gegenden stand, begannen die Thessaler und 
 Magneter weiter im Süden sowie die übrigen Untertanen der 
 Thessaler und die Griechen bis an die Thermopylen zu 
 fürchten, daß er damit auch ihnen ins Land kommen könne, 
 und machten sich für alle Fälle bereit. Von gleicher Furcht 
 befallen wurden aber auch die weiter im Norden, jenseits des 
 Strymon,in der Ebene sitzenden unabhängigen Thraker, Päonier, 
 Odomanter, Droer und Dersaier. Ja selbst bis nach Griechen­ 
 
 land hinein wurde es den Feinden der Athener bedenklich, ob 
 er sich nicht infolge seines Bündnisses mit den Athenern ver­ 
 anlaßt sehen würde, auch ihnen einen Besuch abzustatten. Er 
 blieb jedoch mit seinem Heere in Chalkidike, Bottike und Make­ 
 donien und verheerte das Land. Da er aber keinen der Zwecke, 
 deretwegen er den Feldzug unternommen hatte, erreichte, auch 
 sein Heer nichts mehr zu leben hatte und unter den Beschwerden 
 des Winterfeldzuges litt, so ließ er sich von Seuthes, dem 
 Sohne des Spardakos, seinem Neffen, der nach ihm der mäch­ 
 tigste Mann war, überreden, plötzlich wieder abzuziehen. Seuthes 
 aber war heimlich von Perdikkas gewonnen, indem er ihm seine 
 Schwester zur Frau und außerdem eine reiche Mitgift ver­ 
 sprochen hatte. Auf seinen Rat also zog Sitalkes, nachdem 
 er dort im ganzen dreißig Tage und davon acht auch den 
 Chalkidiern im Lande gewesen war, mit seinem Heere schleunig 
 wieder nach Hause. Perdikkas aber gab später seine Schwester 
 Stratonike dem Seuthes zur Frau, wie er es ihm versprochen 
 hatte. So verlief der Feldzug des Sitalkes.

Die Athener in Naupaktos unternahmen in diesem Winter, 
 nachdem die peloponnesische Flotte sich aufgelöst hatte, unter 
 Phormion einen Zug nach Akarnanien. Sie landeten in Astakos 
 und brachen von dort mit vierhundert athenischen Hopliten 
 von der Flotte und dreihundert Messeniern ins Innere des 
 Landes auf, vertrieben aus Stratos, Koronta und anderen 
 Orten die ihnen verdächtigen Personen, führten Kynes, den 
 Sohn des Theolytos, nach Koronta zurück und schifften sich 
 dann wieder ein. Denn auch gegen Oiniadai, die einzige 
 Stadt in Akarnanien, deren Bewohner den Athenern immer 
 feindlich gewesen, in dieser Winterzeit noch etwas zu unter­ 
 nehmen, hielten sie nicht für möglich. Der Acheloos, welcher 
 vom Pindos durch das Land der Doloper, der Agraier und 
 der Amphilocher und dann durch die akarnanishce Ebene an 
 Stratos vorüberfließt und bei Oiniadai in die See mündet, 
 bildet nämlich um die Stadt herum ein weites Übershcwemmungs­ 
 gebiet und ist bei Winterwasser für Truppen unpasiserbar. 
 Auch liegen die Echinadischen Inseln größtenteils Oiniadai 
 
 grade gegenüber, unmittelbar vor den Mündungen des Ache­ 
 loos, so daß der Fluß bei hohem Wasser hier beständig an­ 
 schwemmt und mehrere von ihnen schon landfest geworden 
 sind, wie das allen übrigen wahrscheinlich auch über kurz oder 
 lang bevorsteht. Denn der Strom ist groß und führt viel 
 Wasser und Schlamm; die Inseln aber liegen dicht beieinander, 
 so daß der Schlick durch sie gefangen wird. Sie liegen nämlich 
 quer voreinander und nicht in einer Linie und lassen das 
 Wasser nicht auf gradem Wege in die See. Übrigens sind 
 sie nur klein und unbewohnt. Der Sage nach soll Alkmaion, 
 der Sohn des Amphiaraos, als er nach der Ermordung seiner 
 Mutter unstet umhershcweifte, von Apollon durch ein Orakel 
 veranlaßt worden sein, sich dies Land zur Wohnung zu wählen, 
 indem er ihm bedeutete, er würde die Schreckbilder nicht los 
 werden, bis er in einem Lande Unterkunft gefunden, welches 
 zu der Zeit, wo er seine Mutter ermordet, noch kein Land ge­ 
 wesen und noch nicht von der Sonne beschienen sei, weil alles 
 andere Land durch seine Blutschuld befleckt wäre. Lange habe 
 er nicht gewußt, wie er das anfangen solle, endlich aber habe 
 er dann diese Anshcwemmungen an der Acheloosmündung ent­ 
 deckt und sich überzeugt, daß hier in der Zeit seiner langen 
 Wanderungen seit der Ermordung seiner Mutter Neuland 
 genug entstanden wäre, um darauf leben zu können. So habe 
 er sich in der Gegend von Oiniadai niedergelassen und hier 
 die Herrschaft gewonnen. Später sei dann das Land nach 
 seinem Sohne Akarnan benannt worden. So die uns über­ 
 lieferte Sage von Alkmaion.

Die Athener unter Phormion aber fuhren von Akarnanien 
 wieder nach Naupaktos und von da zu Anfang des Frühjahrs 
 nach Athen zurück. Die erbeuteten Schiffe nahmen sie mit 
 und ebenso die freien Leute, die sie in den Seeschlachten zu 
 Gefangenen gemacht hatten, welche dann später Mann gegen 
 Mann ausgewechselt wurden. Damit endete der Winter und 
 das dritte Jahr des Krieges, den Thukydides beschrieben hat.

Im folgenden Sommer, als das Korn zur Reife stand, fielen 
 die Peloponnesier unter dem lakedämonischen König 
 Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, wieder nach Attika ein, wo sie ein 
 Lager bezogen und das platte Land verheerten. Die athenischen 
 Reiter aber machten auch diesmal wieder gelegentlich Ausfälle 
 und hinderten die Schwärme der Leichtbewaffneten daran, sich 
 vom Lager zu entfernen und in der nächsten Umgebung der 
 Stadt Schaden anzurichten. Solange sie Lebensmittel hatten, 
 blieben die Feinde im Lande, dann zogen sie wieder ab und 
 gingen alle nach Hause.

Gleich nach dem Einfall der Peloponnesier fielen die Les­ 
 bier, mit Ausnahme von Methymna, von den Athenern ab. 
 Sie hatten das schon vor dem Kriege gewollt, damals aber 
 hatten die Lakedämonier sie nicht angenommen, und auch jetzt 
 sahen sie sich dazu eher genötigt, als eigentlich ihre Absicht 
 war. Sie wollten nämlich damit warten, bis ihr Hafendamm, 
 ihre Stadtmauer und ihre Flotte fertig, auch alles, was sie 
 an Bogenschützen und was sie sonst vom Schwarzen Meere 
 erwarteten, bei ihnen eingetroffen wäre. Allein ihre Feinde 
 in Tenedos und Methymna und einzelne Parteigänger in Myti­ 
 lene selbst, welche Staatsgatsfreunde der Athener waren, hatten 
 den Athenern gesteckt, daß man die ganze Bevölkerung von 
 Lesbos zwangsweise nach Mytilene versetzen wolle und mit 
 Hilfe der Lakedämonier und stammverwandten Böotier alles 
 zu einem Abfall vorbereite, so daß, wenn man dem nicht zu­ 
 vorkäme, Lesbos für sie verloren sein würde.

Für die Athener, die damals unter der Pest und dem Kriege, 
 der eben jetzt im vollen Gange war, schwer zu leiden hatten, 
 wäre es keine Kleinigkeit gewesen, wenn Lesbos mit seiner 
 Flotte und seiner ungeschwächten Macht nun auch zum Feinde 
 übergegangen wäre. Deshalb wollten sie anfangs solchen Be­ 
 schuldigungen keinen Glauben schenken und lieber gar nichts 
 davon hören. Als sie dann aber selbst Gesandte nach Lesbos 
 geschickt und die Mytilener nicht dahin hatten bringen können, 
 
 jene Versetzung der Bevölkerung und ihre Rüstungen aufzu­ 
 geben, wurden sie doch bange und beschlossen, ihnen zuvor- 
 zukommen. Sie schickten auch gleich vierzig Schiffe, die grade 
 segelfertig waren, um nach dem Peloponnes abzugehen, nach 
 Lesbos, welche Kleippides, Deiuios' Sohn, selbdritter befeh­ 
 ligte. Sie hatten nämlich die Nachricht erhalten, daß man 
 dort in nächster Zeit das Fest des Apollon Maloeis außer­ 
 halb der Stadt feiern würde, an dem sich ganz Mytilene be­ 
 teiligte, und daß sie, wenn sie schnell machten, die Mytilener 
 dabei vermutlich unversehens überfallen könnten. Es kam 
 wenigstens auf den Versuch an. Gelänge er nicht, so sollten 
 die Mytilener aufgefordert werden, die Schiffe auszuliefern 
 und ihre Mauern abzubrechen und, wenn sie das verweigerten, 
 mit Krieg überzogen werden. Die Flotte machte sich auch 
 fordersamst auf den Weg. Die zehn mytilenischen Trieren 
 aber, welche als Bundeskontingent noch bei ihnen waren, 
 hielten die Athener fest und nahmen die Mannschaft in Ge­ 
 wahrsam. Allein jemand, der von Athen nach Euboia über­ 
 gesetzt und zu Lande nach Geraistos gegangen war, hier ein 
 eben abfahrendes Lastschiff getroffen und mit diesem die Reise 
 fortgesetzt hatte und so in drei Tagen von Athen nach Mytilene 
 gelangte, brachte den Mytilenern die Nachricht, daß die Flotte 
 im Anzüge sei. Sie gaben deshalb das Fest am MaloeiStempel 
 auf, legten Pfahlwerke zur Sicherung ihrer halbfertigen Häfen 
 und Mauern an und waren in jeder Beziehung auf ihrer Hut.

AlS die Athener bald darauf mit ihrer Flotte anlangten 
 und das sahen, richteten die Befehlshaber ihren Auftrag auS, 
 und da die Mytilener sich auf nichts einließen, eröffneten sie 
 die Feindseligkeiten. Unvorbereitet und plötzlich zum Kriege 
 gezwungen, wie sie waren, machten die Mytilener vom Hafen 
 aus doch mit ihren Schiffen einen kurzen Vorstoß zu einer 
 Schlacht, wurden aber von den athenischen Schiffen in den 
 Hafen zurückgetrieben. Infolgedessen knüpften sie mit den Be­ 
 fehlshabern Verhandlungen an, um womöglich durch einen leid­ 
 lichen Vergleich die Schiffe zunächst mal wieder loS zu werden. 
 Die athenischen Befehlshaber gingen darauf auch ein, weil 
 
 sie selbst zu einem Kriege mit ganz Lesbos zu schwach zu sein 
 fürchteten. Es wurde also ein Waffenstillstand vereinbart, und 
 die Mytilener schickten Gesandte nach Athen, darunter auch 
 einen jener Angeber, der seinen Schritt bereits bereute, um 
 die Athener zu versichern, daß es nicht die Absicht sei, mit 
 ihnen zu brechen, und sie womöglich zu bewegen, mit ihren 
 Schiffen wieder abzuziehen. Da sie aber bezweifelten, ob es 
 ihnen damit in Athen glücken würde, schickten sie gleichzeitig, 
 ohne daß man auf der bei Malea, im Norden der Stadt, 
 ankernden athenischen Flotte was davon merkte, auf einer 
 Triere auch Gesandte nach Lakedämon, die nach einer be­ 
 schwerlichen Fahrt dort ankamen und es auch fertig brachten, 
 daß ihnen Hilfe zugesagt wurde.

Als die Gesandten dann auch uuverrichteter Sache von 
 Athen zurückkamen, entschlossen sich die Mytilener und mit 
 ihnen bis auf Methymna ganz Lesbos, den Krieg aufzunehmen. 
 Methymna nämlich stand wie Imbros und Lemnos und einige 
 andere Bundesgenossen auf seiten der Athener. Auch kam es 
 bei einem Ausfall, den die Mytilener mit ihrer ganzen Macht 
 gegen das Lager der Athener unternahmen, zu einer Schlacht. 
 Die Mytilener wurden zwar nicht geschlagen, getrauten sich 
 aber nicht, über Nacht draußen zu bleiben, sondern zogen sich 
 in die Stadt zurück. Seitdem ließen sie sich nicht mehr blicken, 
 weil sie sich erst dann wieder auf eine Schlacht einlassen wollten, 
 wenn sie Hilfe aus dem Peloponnes oder anderweit Ver­ 
 stärkungen erhalten hätten. Inzwischen hatten sich nämlich 
 der Lakedämonier Meleas und der Thebaner Hermaiondas 
 bei ihnen eingefunden, die zwar schon vor dem Abfall abge­ 
 sandt, aber da sie der attischen Flotte nicht zuvorkommen 
 konnten, erst nach der Schlacht auf einer Triere unbemerkt 
 an die Stadt gelangt waren, und ihnen geraten, nochmals ein 
 Schiff abzufertigen und mit ihnen eine neue Gesandtschaft 
 abzuschicken, und das hatten sie auch getan.

Die Athener, denen der Mut gewachsen war, weil die 
 Mytilener nicht herauskamen, zogen nun Bundesgenossen heran, 
 die um so bereitwilliger erschienen, da die Mytilener anscheinend 
 
 keine großen Helden waren. Sie schlossen die Stadt jetzt auch 
 auf der Südseite mit ihren Schiffen ein, legten zwei befestigte 
 Lager an, auf jeder Seite der Stadt eins, und sperrten mit 
 ihrer Flotte die Einfahrt beider Häfen. Damit schnitten sie 
 die Mytilener allerdings von der See ab, dagegen waren diese 
 und die inzwischen zu ihnen gestoßenen übrigen Lesbier nach 
 wie vor Herren der Landseite. Selbst in der nächsten Um­ 
 gebung ihrer Lager reichte die Macht der Athener nicht weit, 
 und ihr Hauptstandort für ihre Schiffe und die Zufuhren blieb 
 Malea. So verlief der Krieg bei Mytilene.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer sandten die Athener 
 auch nach dem Peloponnes dreißig Schiffe unter Asopios, dem 
 Sohne Phormions. Die Akarnanier hatten sie nämlich ge­ 
 beten, ihnen einen Sohn oder doch einen Verwandten Phor­ 
 mions als Feldherrn zu schicken. Auf der Fahrt plünderten 
 die Schiffe die Ortschaften an der lakonischen Küste, dann 
 aber schickte Asopios die meisten wieder nach Hause und fuhr 
 selbst mit nur zwölf Schiffen nach Naupaktos. Darauf wandte 
 er sich, nachdem er ganz Arkarnanien auf die Beine gebracht 
 hatte, nach Oiniadai, und während er mit der Flotte vor dem 
 Acheloos erschien, verwüstete das Landheer die Umgegend. Da 
 die Stadt sich aber nicht ergab, ließ er das Landheer wieder 
 abziehen und fuhr selbst mit der Flotte nach Leukas, wo er 
 bei Nerikos eine Landung machte, dabei aber auf dem Rück­ 
 züge von der nicht zahlreichen Besatzung und der aufgestan­ 
 denen Landbevölkerung mit einem Teile seines Heeres erschlagen 
 wurde. Nachher holten die Athener, als sie wieder zu Schiff 
 waren, ihre Toten unter Waffenstillstand von den Leukadiern ab.

Die mit dem ersten Schiffe abgegangenen Gesandten der 
 Mytilener hatten sich nach Olympia begeben, da die Lake­ 
 dämonier sie aufgefordert hatten, sich auch dort einzusinden, 
 damit die übrigen Bundesgenossen ihre Wünsche ebenfalls 
 vernehmen und in Erwägung ziehen könnten. Es war die 
 Olympiade, in der Dorieus aus Rhodos zum zweitenmal siegte. 
 Nach Beendigung der Festlichkeiten wurden sie vorgelassen 
 und hielten folgende Rede:

„Wie man in Griechenland über die Dinge denkt, Lake­ 
 dämonier und Bundesgenossen, wissen wir wohl. Wer im 
 Kriege mit seinem bisherigen Bundesgenossen bricht und 
 von ihm abfällt, den nimmt man eben an, weil er einem 
 nützt, und läßt ihn sich gefallen, hält ihn aber im Grunde 
 doch für einen Verräter und für minder wert als die alten 
 Freunde. Und das nicht mit Unrecht, sofern es sich bei dem 
 Bruch um zwei ehrlich befreundete, gleichmächtige und schlag­ 
 fertige Staaten handelt und kein stichhaltiger Grund zum 
 Abfall vorhanden ist. So aber lag die Sache zwischen uns 
 und den Athenern nicht, und deshalb wird man uns es nicht 
 verargen können, wenn wir, obgleich sie uns im Frieden gut 
 behandelt haben, jetzt im Kriege von ihnen abfallen.

„Zunächst also ein Wort zur Rechtfertigung dieses Ab- 
 falles und über unsere Ehrlichkeit, grade weil uns es um ein 
 Bündnis mit euch zu tun ist. Denn wir wissen, daß, wie 
 zwischen einzelnen keine echte Freundschaft, so auch zwischen 
 Staaten kein wirkliches Einvernehmen möglich ist, wenn sie 
 nicht gegenseitig an ihre Ehrlichkeit glauben und nicht in jeder 
 Beziehung gleiche Anschauungen von Pflicht und Ehre mit­ 
 bringen. Ohne Übereinstimmung darin hat es auch mit dem 
 Bündnis kurze Wege. Unser Bündnis mit den Athenern stammt 
 aus der Zeit, wo ihr euch vom Perserkriege zurückzogt, während 
 sie aushielten, um ihn vollends auszufechten. Dies Bündnis 
 gingen wir aber nicht ein, um den Athenern zur Herrschaft 
 über die Griechen zu verhelfen, sondern um die Griechen von 
 der Herrschaft der Perser zu befreien. Solange sie bei ihrem 
 Oberbefehl niemand zu nahe traten, gingen wir bereitwillig mit 
 ihnen. Als wir aber sahen, wie ihre Feindschaft gegen die 
 Perser nachließ und ihr Absehen immer mehr ans die Unter­ 
 drückung der Bundesgenossen gerichtet war, wurde uns die 
 Sache bedenklich. Die Bundesgenossen aber waren bei ihrer 
 Vielköpfigkeit nicht unter einen Hut zu bringen, konnten sich 
 gegen die Athener nicht wehren und wurden bis auf uns und 
 die Chier ihre Untertanen. Wir blieben allerdings unabhängig, 
 mußten aber unter dem Namen freier Bundesgenossen ihre 
 
 Kriege mitmachen. Nach dem, was anderswo vorgekommen, 
 konnten wir jedoch zu dem Oberbefehl der Athener kein Ver­ 
 trauen mehr haben. Denn wie sie die anderen, welche mit 
 uns ihre Bundesgenossen geworden waren, unterjocht hatten, 
 so würden sie es sicher mit uns beiden bei erster Gelegenheit 
 auch gemacht haben.

„Wären wir alle noch unabhängig, so könnten wir schon 
 eher darauf rechnen, daß sie uns unsere Unabhängigkeit auch 
 ferner lassen würden. Da aber die meisten schon ihre Unter­ 
 tanen sind, während sie mit uns noch auf gleichem Fuß ver­ 
 kehren müssen, so ist ihnen natürlich schon den anderen gegen­ 
 über, die sich ihnen gefügt haben, diese uns allein verbliebene 
 Gleichberechtigung höchst unbequem, zumal sie inzwischen immer 
 mächtiger geworden, wir aber mehr und mehr auf uns allein 
 angewiesen sind. Ein Bündnis hat nur Bestand, wenn beide 
 Teile sich gegenseitig fürchten; denn dann läßt auch der, welcher 
 dem anderen was am Zeuge flicken möchte, ihn doch lieber 
 in Ruhe, weil er weiß, daß er ihn nicht mit überlegener Macht 
 angreifen kann. Uns aber haben sie unsere Unabhängigkeit 
 nur deshalb gelassen, um den Schein zu meiden, als hätten 
 sie ihre Herrschaft nicht durch ehrliche und einsichtige Politik, 
 sondern durch Gewalt erworben. Zugleich dienten wir ihnen 
 als Beweis für die Gerechtigkeit ihrer Sache, da Staaten mit 
 gleichem Stimmrecht denn doch nicht freiwillig mit ihnen zu 
 Felde ziehen würden, wenn der Gegner nicht im Unrecht wäre. 
 Ebenso gingen sie zumeist mit Hilfe der Stärkeren gegen die 
 Schwächeren vor, so daß die letzten, welche sie übergelassen, 
 dann um so schwächer waren. Hätten sie mit uns den Anfang 
 gemacht, als alle noch bei Kräften und noch bündnisfähige 
 Staaten vorhanden waren, so wären sie damit so leicht nicht 
 fertig geworden. Auch fürchteten sie sich wohl vor unserer 
 Flotte, die mit eurer oder einer anderen zusammen ihnen 
 hätte gefährlich werden können. Endlich ließ man uns auch 
 deshalb in Ruhe, weil wir uns ihrer Stadt und den Männern, 
 welche jeweilig an der Spitze standen, beständig gefällig er­ 
 wiesen. Schwerlich aber hätten wir uns noch lange behaupten 
 
 können, wäre nicht dieser Krieg ausgebrochen; so viel konnten 
 wir uns nach dem, wie es den andern ergangen war, an den 
 Fingern abzählen.

„War denn das eine Freundschaft oder eine Gewähr 
 der Freiheit, wenn wir uns einander gegen unseres Herzens 
 Meinung höflich behandelten, sie uns im Kriege aus Furcht 
 um den Bart gingen und wir es im Frieden ebenso machten? 
 Während man sich sonst bei einem Bündnis grade auf gegen­ 
 seitiges Wohlwollen verläßt, war es bei uns Furcht, was uns 
 zusammenhielt; nur aus Furcht, nicht aus Liebe sind wir 
 Bundesgenossen geblieben. Wer von uns beiden es ohne 
 Gefahr zuerst hätte wagen können, würde sich nicht lange be­ 
 sonnen haben, das Bündnis zuerst zu brechen. Also, wenn 
 man etwa meint, es wäre unrecht von uns gewesen, gleich 
 von ihnen abzufallen, weil sie mit dem Beginn der Feind­ 
 seligkeiten noch zögerten, wir hätten vielmehr damit warten 
 sollen, bis wir gewiß waren, daß es wirklich dazu kommen 
 würde, so ist das nicht richtig. Ja, wenn wir in dieser Hin­ 
 sicht jederzeit ihnen gegenüber gleiches Spiel gehabt hätten, 
 so hätten wir uns freilich nach ihnen richten müssen; allein 
 da sie es in der Hand hatten, uns jeden Augenblick anzugreifen, 
 so mußte es auch uns freistehen, uns dagegen beizeiten vor­ 
 zusehen.

„Das, Lakedämonier und Bundesgenossen, sind die Gründe, 
 welche unseren Abfall erklären und rechtfertigen. Sie werden 
 genügen, um euch zu überzeugen, daß wir richtig gehandelt 
 haben, und jedem begreiflich machen, daß wir uns vorsehen 
 und auf unsere Sicherheit Bedacht nehmen mußten. Wir 
 wollten ja schon früher von ihnen abfallen, damals, als wir 
 noch im Frieden deswegen zu euch schickten, aber damals 
 mußten wir die Sache aufgeben, weil ihr uns nicht haben 
 wolltet. Jetzt aber sind wir der Aufforderung der Böotier 
 sogleich nachgekommen und haben uns von unseren bisherigen 
 Bundesgenossen aus dem doppelten Grunde getrennt, einmal 
 um den Athenern nicht länger zur Unterdrückung der Griechen 
 die Hand zu bieten und diese befreien zu helfen, sodann aber 
 
 auch um uns selbst für die Zukunft vor Gewaltstreichen der 
 Athener sicherzustellen. Unser Abfall ist freilich reichlich 
 schnell und unvorbereitet erfolgt. Um so mehr müßt ihr uns 
 deshalb in euren Bund aufnehmen und uns unverzüglich Hilfe 
 schicken, um zu beweisen, daß ihr Manns genug seid, anderen 
 in der Not zu helfen und dadurch zugleich euern Feinden Ab­ 
 bruch zu tun. Dazu aber bietet sich eben jetzt eine Gelegen­ 
 heit wie nie zuvor. Die Kräfte der Athener sind durch die 
 Pest und große Ausgaben erschöpft; ihre Schiffe befinden sich 
 zum Teil hier in euren Gewässern, zum Teil sind sie drüben 
 bei uns beschäftigt. Wahrscheinlich haben sie nicht Schiffe 
 genug, wenn ihr ihnen in diesem Sommer zugleich mit der 
 Flotte und dem Heere zum zweitenmal ins Land fielt; ent­ 
 weder also würden sie sich gegen eure Flotte nicht wehren 
 können oder ihre Schiffe hüben und drüben zurückziehen müssen. 
 Glaubt ja nicht, euch eines fremden Landes wegen in Gefahr 
 zu stürzen. Meint man, Lesbos läge weit weg, so liegen doch 
 die Vorteile, die es bietet, nahe genug. Denn nicht in Attika, 
 wie man glauben möchte, wird der Krieg ausgefochten werden, 
 sondern da, wo die Hilfsquellen der Athener fließen. Ihre 
 Einnahmen aber haben sie von den Bundesgenossen, und die 
 werden noch größer werden, wenn sie auch uns erst unter­ 
 worfen haben. Denn abfallen wird dann niemand weiter; 
 unsere Steuern aber werden hinzukommen, und wahrscheinlich 
 würden wir noch ärger bluten müssen als ihre alten Unter­ 
 tanen. Kommt ihr uns aber bereitwillig zu Hilfe, so gewinnt 
 ihr eine Stadt mit einer tsarken Flotte, woran es euch grade 
 fehlt, und werdet um so eher mit den Athenern fertig werden, 
 indem ihr ihnen ihre Bundesgenossen entzieht; denn dann 
 werden sie Vertrauen zu euch fassen und alle mit Freuden zu 
 euch übergehen, und man wird euch nicht länger vorwerfen 
 können, daß ihr die Städte im Stich ließt, die von den Athenern 
 abfallen wollen. Sieht man nur erst, daß ihr als Befreier 
 kommt, so habt ihr gewonnen Spiet und werdet als Sieger 
 auS dem Kriege hervorgehen.

„Laßt also die Hoffnungen, die man in Griechenland auf 
 
 euch setzt, nicht zuschanden werden und scheut den olympischen 
 Zeus, in dessen Heiligtum wir gleich Schutzflehenden erscheinen. 
 Nehmt uns als Bundesgenossen an und steht uns bei. Laßt 
 uns nicht im Stich in dem Augenblick, wo wir Leib und Leben 
 wagen, ihr alle aber, wenn es uns glückt, den Gewinn - 
 erst recht aber, wenn ihr euch uns versagt und wir das Spiel 
 verlieren, den Verlust mit uns teilen werdet. Bewährt euch 
 als die Männer, für die man euch in Griechenland hält und 
 wie unsere Not sie erheischt."

So die Mytilener. Die Lakedämonier und die Bundes­ 
 genossen, die sie angehört, gaben ihnen recht und nahmen 
 Lesbos in ihren Bund auf. Die Lakedämonier aber befahlen 
 den dort versammelten Bundesgenossen, sich zu dem beabsichtigten 
 Einfall nach Attika unverzüglich mit zwei Dritteln ihrer Mann­ 
 schaft auf dem Isthmus einzufinden, wo sie denn auch selbst 
 als die Ersten zur Stelle waren. Auf dem Isthmus machten 
 sie Anstalt, die Schiffe über Land auf Walzen aus dem Ko­ 
 rinthischen Meerbusen in die Athenische See hinüberzuziehen, 
 um den Feind gleichzeitig zu Wasser und zu Lande anzugreifen. 
 Sie selbst entwickelten dabei großen Eifer, während die übrigen 
 Bundesgenossen, die mit der Ernte beschäftigt waren und keine 
 rechte Lust zum Kriege hatten, sich nur langsam einfanden.

Die Athener merkten recht gut, daß sie diese Rüstungen 
 betrieben, weil man ihre Kräfte unterschätzte, und wollten 
 ihnen beweisen, daß man sich darin geirrt und sie ihrerseits 
 sehr wohl imstande seien, der vom Peloponnes kommenden 
 Flotte die Spitze zu bieten, auch ohne ihre Schiffe von Lesbos 
 zurückzuziehen. Sie stellten gleich hundert Schiffe in Dienst, 
 deren Mannschaft sie teils aus der Bürgerschaft - mit Aus­ 
 nahme der Ritter und Fünfhundertscheffler -, teils aus den 
 Schutzverwandten entnahmen, und gingen damit in See, zeigten 
 sich am Isthmus und landeten im Peloponnes überall nach 
 Belieben. Beim Anblick dieser Flotte, der ihnen völlig uner­ 
 wartet kam, glaubten die Lakedämonier, die Mytilener hätten 
 ihnen nicht die Wahrheit gesagt, und trauten deshalb ihrer 
 Sache nicht. Da überdies die Bundesgenossen ausblieben und 
 
 sie dann gar noch die Nachricht erhielten, daß die um den 
 Peloponnes kreuzenden dreißig Schiffe der Athener die Um­ 
 gegend ihrer Hauptstadt verwütseten, gingen sie wieder nach 
 Hause. Später rüsteten sie dann doch eine Flotte, um sie nach 
 Lesbos zu schicken, zu der die einzelnen Städte im ganzen 
 vierzig Schiffe stellen mußten. Den Oberbefehl darüber erhielt 
 Alkidas, der damit nach Lesbos abgehen sollte. Als die Athener 
 sahen, daß die Gegner abgezogen waren, gingen sie mit ihren 
 hundert Schiffen wieder nach Hause.

Niemals haben die Athener so viel stattliche Schiffe zu­ 
 gleich im Dienst gehabt wie zu der Zeit, wo diese hundert in 
 See gingen; höchstens etwa bei Beginn des Krieges hatten sie 
 ebenso viele, vielleicht gar noch mehr. Hundert nämlich dienten 
 zur Bedeckung von Attika, Euboia und Salamis; weitere 
 hundert befanden sich in den peloponnesischen Gewässern; dazu 
 kamen die bei Potidäa und auf sonstigen Stationen, so daß 
 sie in dem einen Sommer im ganzen zweihuudertfuufzig Schiffe 
 zugleich im Dienst hatten. Namentlich dadurch aber und durch 
 Potidäa waren ihre Kassen allmählich leer geworden. Bei der 
 Belagerung von Potidäa erhielt der Hoplit täglich zwei 
 Drachmen, eine für sich und eine für seinen Diener. Ihre 
 Zahl betrug gleich anfangs dreitausend, und so hoch blieb sie 
 bis zu Ende der Belagerung. Dazu noch die sechzehnhundert 
 unter Phormion, die jedoch schon vorher wieder abzogen. Der­ 
 selbe Sold wurde sämtlichen Schiffen gezahlt. So war das 
 Geld bei ihnen schon vorher nach und nach draufgegangen, 
 und nun hatten sie gar diese gewaltige Flotte ausgerüstet.

Um dieselbe Zeit, wo die Lakedämonier am Isthmus 
 standen, unternahmen die Mytilener mit ihren Hilfsvölkern zu 
 Lande einen Zug gegen Metymna, auf dessen Übergabe durch 
 Verrat sie hofften, und machten auch einen Angriff auf die 
 Stadt. Da sie damit jedoch nicht den erwarteten Erfolg hatten, 
 wandten sie sich nach Antissa, Pyrrha und Eresos, trafen hier 
 Einrichtungen, um sich dieser Städte zu versichern, und ließen 
 deren Mauern verstärken, gingen dann aber schnell wieder 
 nach Hause. Als sie wieder fort waren, zogen nun auch die 
 
 Metymner auf Antissa, wurden aber von den Einwohnern und 
 ihren Hilfsvölkern bei einem Ausfall geschlagen und ließen 
 dabei viele Tote auf dem Platze, worauf die übrigen schleunig 
 wieder abzogen. Als die Athener hörten, daß die Mytilener 
 auf der Insel nach wie vor ihr Wesen trieben und ihre eigenen 
 Streitkräfte dort nicht ausreichten, um die Stadt einzuschließen, 
 schickten sie zu Anfang des Herbstes tausend Hopliten aus der 
 Bürgerschaft unter Paches, Epikuros' Sohn, nach Mytilene. 
 Nachdem diese, die unterwegs den Ruderdienst an Bord selbst 
 verrichtet hatten, dort angekommen waren, umgaben sie die 
 Stadt ringsum mit einer einfachen Mauer, in die jedoch hie 
 und da an den herrshcenden Stellen stärkere Werke eingebaut 
 wurden. So war denn, als der Winter ins Land kam, 
 Mytilene zugleich von der Land- wie von der Seeseite fest 
 eingeschlossen.

Da die Athener für die Belagerung mehr Geld nötig 
 hatten, brachten sie, damals zum ersten Male, eine Kriegssteuer 
 auf im Betrage von zweihundert Talenten, sandten auch, um 
 Steuern bei den Bundesgenossen zu erheben, zwölf Schiffe aus, 
 welche Lysikles selbfünfter befehligte. Der machte mit seinen 
 Schiffen die Runde, um überall Geld einzutreiben, wurde dann 
 aber, als er dabei auch nach Karien kam und über Myus 
 durch die Maiandrosebene bis zur Sandoshöhe vordrang, 
 von den Karern und Anaiiten überfallen und mit vielen seiner 
 Leute ershclagen.

In diesem Winter litten die Platäer, die noch immer 
 von den Peloponnesiern und den Böotiern belagert wurden, 
 große Not, weil ihnen die Lebensmittel ausgingen. Auf Hilfe 
 von Athen war nicht zu rechnen und auch sonst keine Hoff­ 
 nung auf Rettung mehr vorhanden. Sie und die mit ihnen 
 in der Stadt befindlichen Athener faßten deshalb zuerst den 
 Plan, allesamt aus der Stadt abzuziehen, über die Mauer der 
 Feinde zu steigen und sich womöglich durchzuschlagen. Theaine­ 
 tos, Tolmides' Sohn, ein Wahrsager, und Eupompidas, Dai­ 
 machos' Sohn, der auch den Oberbefehl in der Stadt führte, 
 waren es, die das vorgeschlagen hatten. Nachher aber wurde 
 
 etwa die Hälfte doch wieder bedenklich, weil man die Sache 
 für allzu gefährlich hielt. Schließlich blieben nur etwa zwei­ 
 hundertzwanzig fest und entschlossen, den Ausfall zu wagen, 
 den sie dann auch auf folgende Weise ausführten. Sie machten 
 sich Leitern von gleicher Höhe wie die Mauer der Feinde, die 
 i sie an der Zahl der Backsteinschichten abmaßen an einer Stelle, 
 wo die Mauer nach der Stadtseite nicht verputzt war. Die 
 Schichten wurden von mehreren zugleich gezählt, damit, wenn 
 sich dabei der eine oder andere auch verzählte, die Überein­ 
 stimmung der Mehrheit doch das Richtige ergäbe, zumal da 
 wiederholt gezählt wurde und das Stück Mauer, worauf es 
 ankam, ziemlich nah und deutlich zu sehen war. Aus der Dicke 
 des einzelnen Backsteins berechneten sie dann die Höhe und ge­ 
 wannen dadurch das Maß für die nötige Länge der Leitern.

Die Mauer der Peloponnesier aber war auf folgende 
 Weise gebaut. Sie bestand aus zwei Ringmauern, von denen 
 die eine gegen Platää, die andere, äußere, gegen einen etwaigen 
 Angriff von Athen her gerichtet war. Der Abstand zwischen 
 beiden betrug ungefähr sechzehn Fuß. Dieser Zwishcenraum 
 von sechzehn Fuß war zu Wohnungen für die Besatzung ein­ 
 geteilt und ausgebaut, alle so dicht beieinander, daß das Ganze 
 wie eine einzige dicke Mauer aussah, die auf beiden Seiten 
 mit Zinnen versehen war. Bei jeder zehnten Zinne befand 
 sich ein hoher Turm von derselben Breite wie die Mauer, der 
 von der inneren bis zur äußeren Seite reichte, so daß man 
 an den Türmen nicht vorbeigehen konnte, sondern mitten durch 
 sie hindurch mußte. Bei Sturm und Regenwetter aber blieb 
 die Mannschaft nachts nicht an den Zinnen, sondern versah 
 den Wachdienst von den Türmen, die ziemlich nah aneinander 
 standen und oben ein Dach hatten. So war die Mauer be­ 
 schaffen, mit der die Platäer eingeschlossen waren.

Diese warteten, nachdem sie ihre Vorbereitungen getroffen, 
 zu ihrem Ausfall eine mondlose, nasse und stürmische Nacht ab, 
 bei dem dann die Männer, welche den Plan angegeben, auch 
 die Führung übernahmen. Zuerst durchschritten sie den Graben, 
 der um die Stadt ging; darauf gelangten sie an die Mauer 
 
 der Feinde, ohne von den Wachen bemerkt zu werden, die sie 
 im Dunkeln nicht sehen und das Geräusch ihrer Tritte nicht 
 hören konnten, da der Wind gegen den Schall war. Auch 
 gingen sie in größeren Abständen voneinander, um durch das 
 Zusammenstoßen ihrer Waffen keine Aufmerksamkeit zu erregen. 
 Dabei trugen sie bloß leichte Rüstung und nur auf dem linken 
 Fuße einen Schuh, um im Kot sicherer zutreten zu können. 
 Zum Aufstieg auf die Mauer wählten sie eine Stelle zwischen 
 zwei Türmen, weil sie wußten, daß die Zinnen unbesetzt waren. 
 Die Leiterträger gingen voran und setzten ihre Leitern an. 
 Dann stiegen zwölf Leichtbewaffnete, nur mit Dolch und Brust­ 
 harnisch, hinauf, und Ammeas, Koroibos' Sohn, der sie an­ 
 führte, war der erste auf der Mauer. Oben angekommen, 
 wandten sich je sechs gegen einen der beiden Türme. Nach 
 ihnen kamen andere Leichtbewaffnete mit kurzen Spießen, denen, 
 damit sie leichter hinaufkämen, ihre Schilde von anderen nach­ 
 getragen wurden, um sie ihnen erst zu geben, wenn es zum 
 Kampf käme. Als schon eine größere Anzahl oben war, wurden 
 die Wachen auf den Türmen es gewahr. Ein Platäer, der 
 sich an einer Zinne halten wollte, riß nämlich dabei einen 
 Backstein los, der mit Geräusch hinunterfiel. Nun wurde Lärm 
 geschlagen, und die ganze Mannschaft rückte auf die Mauer, 
 wußte aber in der sinsteren stürmischen Nacht immer noch 
 nicht, was wirklich los war. Obendrein machten die in der 
 Stadt gebliebenen Platäer in entgegengesetzter Richtung, wie 
 ihre tapferen Landsleute abziehen wollten, einen Ausfall gegen 
 die Mauer der Peloponnesier, um die Aufmerksamkeit der 
 Feinde von ihnen abzulenken. Diese aber blieben in ihrer 
 Bestürzung da, wo sie waren, wußten nicht, was sie aus der 
 Sache machen sollten, und niemand getraute sich, seinen Posten 
 zu verlassen, um anderen zu Hilfe zu kommen. Die für Not­ 
 fälle bereitgehalteuen Dreihundert rückten außerhalb der Mauer 
 dorthin, wo Lärm geschlagen wurde, und auf der Seite nach 
 Theben zu zündete man Lärmfeuer an. Die Platäer in der 
 Stadt aber zündeten auf der Stadtmauer auch eine Menge 
 Feuer an, worauf sie sich schon vorher eingerichtet hatten, um 
 
 die Feinde irrezumachen und in den Glauben zu versetzen, es 
 hätte etwas anderes zu bedeuten, damit sie nicht herüberkämen, 
 bevor ihre abziehenden Landsleute glücklich durch und in Sicher­ 
 heit wären.

Unterdessen hatten diese gleich, nachdem die ersten oben 
 angekommen waren, die Wachen niedergestoßen und sich beider 
 Türme bemächtigt, zur Sicherung gegen Angriffe von der 
 anderen Seite die Durchgänge besetzt, auch von der Mauer 
 Leitern an die Türme gelegt und eine Anzahl ihrer Leute 
 hinaufsteigen lassen, um sich durch Schießen von unten und 
 oben die Feinde vom Leibe zu halten. Mittlerweile setzten 
 auch alle die übrigen drunten am Fuße der Mauer immer 
 mehr Leitern an, rissen die Zinnen ab und stiegen zwischen 
 den Türmen durch über die Mauer. Wer glücklich hinüber 
 war, stellte sich gleich am Grabenrande auf, um jeden Feind, 
 der sich etwa an der Mauer vorwagen und das Übersteigen 
 hindern wollte, mit Pfeilen und Wurfspießen zu beschießen. 
 Als alle hinüber waren, kamen zuletzt auch die Leute wieder 
 von den Türmen herunter und gelangten mit knapper Not an 
 den Graben grade in dem Augenblick, wo die Dreihundert mit 
 Fackeln in den Händen auf sie zukamen. Die Platäer aber 
 im Dunkeln am Grabenrande konnten diese besser sehen und 
 zielten mit Pfeilen und Wurfspießen auf ihre ungeschützten 
 Körperteile, während sie selbst im Dunkeln beim Fackelschein 
 nicht so gut zu sehen waren. So gelangten sie dann alle bis 
 auf den letzten Mann glücklich über den Graben, allerdings 
 nur unter großen Schwierigkeiten und Anstrengungen; denn er 
 war zwar zugefroren, aber das Eis hielt nicht, sondern war 
 bloßes Wassereis, wie es sich bei dem herrshcenden Nord- oder 
 Ostwinde gebildet hatte, und infolge des dabei die Nacht durch 
 gefallenen Schnees war das Wasser im Graben so gestiegen, 
 daß es ihnen fast bis an den Kopf ging. In mancher Hin­ 
 sicht freilich kam ihnen das Unwetter bei ihrer Flucht auch 
 zustatten.

Vom Graben auS schlugen die Platäer nunmehr in Reih 
 und Glied den Weg nach Theben ein, wobei sie den Tempel 
 
 deS Heros Androkrates rechts liegen ließen. Sie glaubten 
 nämlich, der Feind werde nichts weniger vermuten, als daß 
 sie den Weg in Feindesland wählen würden. Auch konnten 
 sie sich alsbald davon überzeugen, daß die Peloponnesier sie auf 
 dem Wege nach dem Kythäron und Dryos-Kephalai, der nach 
 Athen führt, bei Fackelschein verfolgten. Etwa sechs bis sieben 
 Stadien blieben sie auf dem Wege nach Theben; dann wandten 
 sie sich seitwärts und schlugen den Weg ins Gebirge nach 
 Erythrai und Hysiai ein, gingen über das Gebirge und gelangten, 
 ihrer im ganzen noch zweihundertzwölf Mann, glücklich nach 
 Athen; denn einige von ihnen waren schon, bevor sie über 
 die Mauer stiegen, wieder umgekehrt, und einer, ein Bogen­ 
 schütz, war am äußeren Graben den Feinden in die Hände 
 gefallen. Die Peloponnesier aber gaben die Verfolgung auf 
 und kehrten wieder an die alte Stelle zurück. Die Platäer in 
 der Stadt wußten nichts davon, daß die Sache gut abgelaufen 
 war, hatten vielmehr von den in die Stadt Zurückgekehrten 
 gehört, daß keiner mit dem Leben davongekommen sei. Sie 
 schickten deshalb bei Tagesanbruch einen Herold hinaus, um 
 einen Waffenstillstand zur Bestattung der Toten zu erbitten, 
 beruhigten sich dann aber, als sie die Wahrheit erfuhren. 
 So gelangten die tapferen Platäer über die Mauer und in 
 Sicherheit.

Aus Lakedämon schickte man gegen Ende dieses Winters 
 den Lakedämonier Salaithos auf einer Triere nach Mytilene. 
 Nachdem sein Schiff bei Pyrrha angelegt, ging er von da zu 
 Lande weiter und gelangte durch ein Rinnsal an eine Stelle, 
 wo man über die feindliche Umwallung kommen konnte, un­ 
 bemerkt nach Mytilene. Hier teilte er der Regierung mit, daß 
 wirklich ein Einfall nach Attika gemacht werden solle und die 
 zu ihrem Entsatz bestimmten Schiffe bereits unterwegs seien. 
 Er selbst sei deswegen vorausgeschickt und solle sich überhaupt 
 ihrer annehmen. Nun faßten die Mytilener neuen Mut und 
 wollten von Verhandlungen mit den Athenern nichts mehr 
 . wissen. Damit endete dieser Winter und das vierte Jahr des 
 Krieges, den Thukydides beschrieben hat.

Im folgenden Sommer schickten die Peloponnesier Alkidas, 
 den Befehlshaber ihrer Flotte, mit zweiundvierzig Schiffen 
 nach Mytilene; gleichzeitig fielen sie und ihre Bundesgenossen 
 nach Attika ein, um die Athener von zwei Seiten zu beschäf­ 
 tigen und an der Verfolgung der nach Mytilene gehenden 
 Schiffe zu hindern. Den Oberbefehl führte diesmal Kleomenes 
 an Stelle des noch unmündigen Königs Pausanias, Pleisto­ 
 anax' Sohn, dessen Oheim er war. Sie verwüsteten Attika 
 überall, wo in den früher verheerten Gegenden wieder was 
 gewachsen, oder wo es bei den vorigen Einfällen verschont 
 geblieben war, und dieser Einfall wurde nächst dem zweiten 
 der schlimmste für die Athener. Denn die Feinde, die immer 
 auf Nachricht von Mytilene warteten, ob ihre Schiffe dort 
 glücklich angekommen, durchstreiften mittlerweile das ganze Land 
 und verheerten es weit und breit. Als sie aber immer ver­ 
 gebens warteten und die Lebensmittel ihnen ausgingen, zogen 
 sie wieder ab, ein jeder in seine Heimat.

Inzwischen sahen sich die Mytilener, da die Schiffe vom 
 Peloponnes immer noch nicht ankamen und die Lebensmittel ihnen 
 ausgingen, doch genötigt, sich den Athenern zu ergeben, und 
 das kam so: Salaithos, der selbst schon nicht mehr auf die 
 Schiffe rechnete, beabsichtigte, einen Ausfall gegen die Athener 
 zu machen, und hatte dazu dem Volke, das bis dahin nur leichte 
 Waffen führte, schwere Rüstungen geben lassen. Als die Leute 
 solche Waffen hatten, wollten sie jedoch der Regierung nicht 
 länger gehorchen, rotteten sich zusammen und verlangten, die 
 großen Herren sollten mit ihrem Kornvorrat herausrücken und 
 ihn unter das Volk verteilen, sonst würden sie sich mit den 
 Athenern in Verbindung setzen und ihnen die Stadt übergeben.

Die Mitglieder der Regierung sahen ein, daß dagegen 
 nichts zu machen war, und daß es gefährlich für sie sein würde, 
 wenn der Vertrag ohne sie zustande käme. Sie schlossen des­ 
 halb im Namen der ganzen Bürgerschaft mit Paches und dessen 
 Heere einen Vergleich, wonach sich die Stadt den Athenern 
 auf Gnade und Ungnade ergab, die Mytilener die Truppen 
 in die Stadt aufnehmen, ihrerseits aber Gesandte nach Athen 
 
 schicken sollten, um ihre Sache dort zu führen. Jedoch sollte 
 Paches bis zu deren Rückkehr keinen Mytilener ins Gefängnis 
 legen, als Sklaven verkaufen oder hinrichten lassen. So war 
 es in dem Vergleiche ausgemacht. Die Hauptanhänger der 
 Lakedämonier in der Stadt trauten gleichwohl der Sache nicht, 
 sondern flüchteten beim Einzüge der Athener in der Angst auf 
 die Altäre. Paches aber ließ sie aufstehen, da man ihnen 
 nichts zuleide tun werde, und sie nach Tenedos in Verwahrung 
 bringen, bis in Athen eine Entscheidung getroffen sein würde. 
 Hierauf schickte er ein paar Kriegsschiffe nach Antissa und 
 nahm es ebenfalls in Besitz und traf auch im übrigen in 
 betreff seiner Streitkräfte alle ihm zweckmäßig erscheinenden 
 Anordnungen.

Die Peloponnesier auf den vierzig Schiffen hatten, statt 
 sich möglichst zu beeilen, schon in den peloponnesischen Ge­ 
 wässern viel Zeit verloren und auch nachher ihre Fahrt nur 
 langsam fortgesetzt. In Athen aber hatte man weiter nichts 
 mehr von ihnen gehört, bis sie bei Delos ershcienen waren. 
 Als sie von da nach Mykonos und Ikaros kamen, erhielten sie 
 die erste Nachricht, daß Mytilene genommen wäre. Um sich 
 darüber zu vergewissern, fuhren sie weiter nach Embaton bei 
 Erythrai, wo sie etwa acht Tage nach der Einnahme von 
 Mytilene eintrafen. Nachdem sie hier die volle Gewißheit er­ 
 halten hatten, überlegten sie, was nun zu tun sei, wobei 
 Tautiaplos aus EliS sie also anredete:

„Alkidas und ihr peloponnesischen Befehlshaber hier, ich 
 schlage vor, jetzt auf der Stelle nach Mytilene zu fahren, ehe 
 dort etwas von unserem Kommen verlautet. Denn sicherlich 
 werden wir die Athener in der eben eroberten Stadt in größter 
 Sorglosigkeit überraschen, zumal sie einen feindlichen Angriff 
 von der See für gänzlich ausgeschlossen halten, wo wir ihnen 
 grade jetzt völlig gewahcsen sind. Wahrscheinlich werden sich 
 auch ihre Truppen im Hochgefühl des Sieges ganz sorglos 
 in die Häuser zerstreut haben. Wenn wir also plötzlich und 
 bei Nacht über sie herfallen, so wird es uns hoffentlich mit 
 Hilfe unserer unter der Einwohnerschaft doch wohl immer noch 
 
 vorhandenen Freunde gelingen, uns der Stadt wieder zu be­ 
 mächtigen. Laßt uns deshalb unbedenklich den Versuch wagen, 
 da wir hier einmal Gelegenheit zu einem solchen plötzlichen 
 Überfall haben, vor dem ein Feldherr sich selbst freilich nicht 
 genug hüten kann, die er aber, wenn der Feind sie ihm bietet, 
 ergreifen muß, wenn er überhaupt etwas erreichen will."

Alkidas wollte sich jedoch darauf nicht einlassen. Nun 
 wurde ihm von anderen, ionischen Flüchtlingen und Lesbiern, 
 die mit auf der Flotte waren, empfohlen, wenn er den Vor­ 
 schlag für zu gefährlich hielte, so möge er wenigstens eine der 
 ionischen Städte oder auch das äolische Kyme besetzen und 
 von dort aus Jonien zum Abfall zu bringen suchen. Hoffnung 
 dazu sei vorhanden; denn unerwünscht seien sie hier keinem 
 gekommen. Den Athenern aber würde damit ihre ergiebigste 
 Einnahmequelle entzogen, und wenn sie dann gar zu einer 
 Blockade schritten, würden sie sich obendrein noch in Unkosten 
 stürzen müssen. Wahrscheinlich würde sich auch Pissuthnes wohl 
 zu einem Bündnis mit ihnen verstehen. Aber auch darauf 
 ging Alkidas nicht ein; denn nachdem er bei Mytilene doch 
 einmal zu spät gekommen, war ihm nur darum zu tun, so 
 schnell wie möglich wieder nach dem Peloponnes zu gelangen.

Er ging also von Embaton wieder in See und fuhr an 
 der Küste entlang nach Myonnesos im Gebiete der Tejer, wo er 
 die unterwegs gemachten Gefangenen größtenteils umbringen 
 ließ. Als er darauf bei EphesoS wieder vor Anker ging, er­ 
 schienen bei ihm Gesandte der Samier aus Anaia und er­ 
 klärten ihm, das sei eine schöne Befreiung von Griechenland, 
 Leute umbringen zu lassen, die keine Hand gegen ihn erhoben, 
 Leute, die gar nicht einmal seine Feinde seien, sondern es nur 
 gezwungen mit den Athenern hielten; wenn das so weiter- 
 ginge, so werde er schwerlich viel Feinde auf seine Seite ziehen, 
 wohl aber-sich viele alte Freunde zu Feinden machen. DaS 
 ließ er sich denn auch zur Lehre dienen und setzte eine Anzahl 
 Chier und einige andere, die er noch bei sich hatte, auf freien 
 Fuß. Denn wenn die Leute seine Schiffe kommen sahen, er­ 
 griffen sie nicht etwa die Flucht, sondern gingen ganz un­ 
 
 bedenklich an sie heran, weil sie sie für attische hielten und es 
 ihnen bei der Übermacht der Athener zur See gar nicht in 
 den Sinn kam, daß sich peloponnesische Schiffe nach Jonien 
 herübergewagt haben könnten.

Von Ephesos machte sich Alkidas mit der Flotte eiligst 
 davon auf die Flucht. Schon als er noch bei Klaros vor 
 Anker lag, war er nämlich von der Salaminia und der Paralos, 
 die grade von Athen kamen, gesehen worden. Aus Furcht, 
 daß man ihn verfolgen werde, hielt er sich deshalb von nun 
 an immer in offener See in der Absicht, bis zum Peloponnes 
 ohne Not nirgends wieder anzulaufen. Paches und die Athener 
 aber hatten aus Erythrai und auch sonst von allen Seiten 
 Nachricht davon erhalten. Denn da die Städte in Jonien 
 nicht befestigt waren, fürchtete man, wenn auch die Peloponnesier 
 sich dort nicht dauernd festsetzen wollten, so könnten sie doch 
 auf ihrer Fahrt die Städte gelegentlich überfallen und brand- 
 schätzen. Nun versicherten ihn die Paralos und die Salaminia, 
 daß sie ihn bei Klaros selbst gesehen hätten. Er machte sich 
 also eilig auf, um ihn zu verfolgen, und kam dabei auch bis 
 zur Insel Patmos. Da er hier einsah, daß er ihn doch nicht 
 mehr einholen würde, kehrte er wieder um. Immerhin war es 
 ihm erwünscht, daß er die feindliche Flotte, die er auf hoher 
 See nicht mehr erreicht, nicht noch irgendwo an Land betroffen 
 hatte, wo er sie in ihrem Schiffslager hätte bewachen und 
 beobachten müssen.

Als er auf dem Rückwege an der Küste entlang fuhr, 
 legte er bei Notion an, der Hafenstadt von Kolophon, wo sich 
 Kolophoner aus der oberen Stadt angesiedelt hatten, als diese 
 von Itamenes und den Persern erobert worden war, welche 
 eine Partei in der Stadt bei einem Aufstande gerufen hatte. 
 Erobert war sie etwa um die Zeit, als die Peloponnesier zum 
 zweitenmal nach Attika einfielen. In Notion aber waren die 
 Ansiedler unter sich von neuem in Streit geraten. Die einen, 
 die sich von Piffuthnes arkadische und barbarische Söldner er­ 
 beten hatten, behaupteten einen festungsartig abgeschlossenen 
 Stadtteil und bildeten im Verein mit einer Anzahl persisch 
 
 gesinnter Kolophoner aus der oberen Stadt einstweilen die 
 Stadtgemeinde; die anderen, die das Feld geräumt hatten und 
 aus der Stadt geflohen waren, riefen Paches zu Hilfe. Paches 
 lud Hippias, den Hauptmann der Arkadier in der Feste, zu 
 einer Unterredung ein und versprach, falls sie nicht einig werden 
 würden, werde er ihn gesund und unversehrt in die Feste 
 zurückbringen lassen. Der kam auch heraus; Paches aber ließ 
 ihn festhalten und ganz unvermutet plötzlich einen Sturm auf 
 die Feste unternehmen, wodurch sie in seine Hände fiel. Die 
 Arkadier und Barbaren drin ließ er niedermachen, hinterher 
 auch Hippias, wie er versprochen, wieder hineinbringen, aber 
 als er drin war, verhaften und erschießen. Den Kolophonern, 
 soweit sie es nicht mit den Persern gehalten, räumte er Notion 
 wieder ein. Später schickten die Athener Bevollmächtigte nach 
 Notion und ließen die Stadt nach athenischen Gesetzen ein­ 
 richten und die in vershciedene Städte zerstreuten Kolophoner 
 dahin zusammeWehen.

Nachdem Paches in Mytilene wieder angekommen war, 
 eroberte er auch Pyrrha und Eresos. Den Lakedämonier Sa­ 
 laithos, der heimlich in der Stadt geblieben und ihm in die 
 Hände gefallen war, und die nach Tenedos in Verwahrung ge­ 
 gebenen Mytilener sowie alle, die seiner Meinung nach sonst 
 noch an dem Abfall schuld gewesen, schickte er nach Athen. 
 Den größten Teil seines Heeres entließ er; mit dem Reste 
 blieb er auf Lesbos und ordnete die Verhältnisse von Mytilene 
 und der übrigen Insel nach seinem Ermessen.

Als die Mytilener und Salaithos in Athen angekommen 
 waren, ließen die Athener diesen sogleich hinrichten, obgleich 
 er ihnen allerlei Anerbietungen machte, so namentlich, daß er 
 die Peloponnesier zum Abzüge aus Platää bewegen wolle, das 
 noch immer belagert wurde. Danach überlegten sie, was sie 
 mit detl Mytilenern machen wollten, und beschlossen in ihrer 
 Erbitterung, nicht nur die nach Athen gebrachten, sondern alle 
 erwahcsenen Mytilener zu töten, Weiber und Kinder aber als 
 Sklaven zu verkaufen. Hatten sie ihnen den Abfall schon an 
 sich schwer verdacht, da sie nicht wie die übrigen als Unter­ 
 
 tanen behandelt waren, so war ihnen vollends die Galle über­ 
 gelaufen, weil eine peloponnesische Flotte gewagt hatte, nach 
 Jonien zu gehen, um ihnen zu Hilfe zu kommen, da das ihrer 
 Meinung nach darauf schließen ließ, daß der Abfall von langer 
 Hand vorbereitet war. Sie schickten auch eine Triere an 
 Paches ab, um ihm den Beschluß zuzustellen mit dem Befehl, 
 die Mytilener unverzüglich zu töten. Am Tage drauf aber 
 kriegten sie es schon mit der Reue und meinten, es sei doch 
 ein gar zu grausamer Beschluß, nicht nur die Schuldigen, 
 sondern eine ganze Stadt umbringen zu lassen. Sobald die an­ 
 wesenden Gesandten der Mytilener und deren * Freunde in 
 Athen das merkten, setzten sie alle Hebel in Bewegung, um die 
 Beamten zu vermögen, einen neuen Beschluß fassen zu lassen, 
 worauf diese um so lieber eingingen, weil sie selbst einsahen, 
 daß es der Mehrzahl der Bürger erwünscht sein würde, wenn 
 man ihnen zu einer erneuten Beratung der Sache Gelegenheit 
 gäbe. Es wurde auch gleich eine VolksverßMmlnng berufen, 
 in der verschiedene Redner das Wort nahmen und ihre Meinüng 
 sagten, insbesondere aber auch Kleon, Kleainetos' Sohn, wieder 
 auftrat, der schon den ersten Beschluß, wonach alle getötet 
 werden sollten, durchgesetzt hatte, ein Mann, der überhaupt 
 wie kein anderer in der Bürgerschaft zu Gewalttätigkeiten 
 neigte und damals den weitaus größten Einfluß beim Volke 
 besaß und folgende Rede hielt:

„Auch sonst habe ich schon oft Gelegenheit gehabt, mich 
 davon zu überzeugen, wie unfähig ein demokratisches Gemein­ 
 wesen ist, über andere zu herrshcen, aber noch niemals so wie 
 heute bei euern Gewissensbissen über Mytilene. Weil ihr im 
 täglichen Leben gemütlich und arglos miteinander verkehrt, 
 meint ihr, es mit den Bundesgenossen ebenso machen zu können, 
 und wenn ihr euch durch sie zu Dummheiten beschwatzen oder 
 durch Mitleid dazu verführen laßt, bedenkt ihr nicht, daß euer 
 gutes Herz euch nur Gefahren, aber keinen Dank der Bundes­ 
 genossen eintragen wird. Daß eure Herrschaft Gewaltherrschaft 
 ist, eure Bundesgenossen euch hassen und nur widerwillig ge­ 
 horchen, kommt euch nicht in den Sinn. Nicht, wenn ihr sie 
 
 zu eigenem Schaden mit Liebenswürdigkeit überhäuft, dürft 
 ihr bei ihnen auf Gehorsam rechnen; denn auf ihre Liebe könnt 
 ihr euch nicht verlassen, sondern nur, wenn ihr sie mit eiserner 
 Faust regiert. Das Schlimmste aber ist, wenn es hier nie 
 dabei bleibt, was nun einmal beschlossen ist; wenn wir nicht 
 einsehen, daß ein Staat mit schlechten Gesetzen, die befolgt 
 werden, besser dran ist als mit den vortrefflichsten Gesetzen, 
 um die man sich nicht kümmert; wenn wir nicht einsehen, daß 
 man ohne viel Wissen mit gesundem Menschenverstand weiter- 
 kommt als mit Gelehrsamkeit und Wankelmut, und daß die 
 einfachen Leute sich in der Regel besser aufs Regieren ver­ 
 stehen als die klugen. Denn die wollen immer noch klüger 
 sein als die Gesetze und etwas Besseres wissen, als was man 
 den Leuten schon gesagt hat, als wenn es nicht sonst noch 
 Gelegenheit genug gäbe, ihre Weisheit auszukramen, was dann 
 dem Staate gemeiniglich nur zum Schaden gereicht. Jene 
 Leute aber, die ihrer eigenen Einsicht nicht trauen, bescheiden 
 sich, nicht klüger zu sein als die Gesetze und nicht das Zeug 
 zu haben, einen tüchtigen Redner zu bekritteln, und grade, 
 weil sie unbefangene Richter und keine Rechtsverdreher und 
 Zungendrescher sind, treffen sie gewöhnlich das Rechte. So 
 müssen auch wir es machen und uns nicht durch unsere Rede­ 
 fertigkeit und den Ehrgeiz, es anderen an Scharfsinn zuvor­ 
 zutun, verleiten lassen, dem Volke die Abänderung seines Be­ 
 schlusses zu empfehlen.

„Ich bin immer noch meiner früheren Meinung und be­ 
 greife nicht, daß man euch noch einmal über Mytilene ver­ 
 handeln läßt und dadurch einen Aufschub herbeiführt, der nur 
 den Schurken zustatten kommt; denn er dient nur dazu, den 
 gerechten Zorn des Beleidigten gegen den Übeltäter abzu­ 
 schwächen, während das Unrecht nur durch eine Vergeltung, 
 die ihm auf dem Fuße folgt, angemessen aufgewogen und ge­ 
 sühnt wird. Es soll mich wundern, wer mir widersprechen wird 
 und euch zu beweisen wagt, daß die Verbrechen der Mytilener 
 uns zum Vorteil, unsere Niederlagen aber den Bundesgenossen 
 zum Nachteil gereichten. Der müßte sich entweder für einen 
 
 Redner halten, der euch beweisen könnte, daß, was hier ein­ 
 stimmig angenommen, kein Beschluß gewesen sei, oder be­ 
 stochen sein, euch durch Spiegelfechterei hinters Licht zu führen. 
 Die Preise solcher Kämpfe verteilt die Stadt an andere, wäh­ 
 rend sie selbst dafür bluten muß. Und daran seid ihr schuld; 
 denn ihr seid schlechte Kampfrichter; ihr seht die Reden und 
 hört die Tatsachen; künftige Dinge seht ihr so, wie sie euch 
 ein Schönredner als möglich vorspiegelt, geschehene Dinge 
 dagegen, bei denen ihr euch lieber auf die Augen als auf die 
 Ohren verlassen solltet, in dem schlechten Lichte, in dem sie 
 euch ein Schandmaul darzustellen weiß. Auf alles Neue, das 
 man euch bringt, hereinzufallen, darin seid ihr groß; von be­ 
 währtem Rate aber wollt ihr nichts hören, Sklaven des Außer­ 
 ordentlichen, Verächter des Gewöhnlichen, die ihr seid. Jeder 
 will möglichst selbst zu Worte kommen, und wenn das nicht, 
 wenigstens mit dem Redner, der es vorbringt, um die Wette 
 dafür eintreten, damit es ja nicht aussieht, als habe man sich 
 seiner Ansicht nur nachträglich angeschlossen. Macht jemand 
 eine treffende Bemerkung, so wollt ihr das immer auch schon 
 gedacht und gemeint haben; aber auch die Folgen zu bedenken, 
 fällt euch nicht ein. Ihr wollt, sozusagen, die Welt ver­ 
 bessern und seid nicht imstande, die, in der wir nun einmal 
 leben, zu begreifen. Dem Reiz, etwas zu hören, könnt ihr ein­ 
 fach nicht widerstehen und sitzt hier wie Maulaffen auf den 
 Bänken der Sophisten und nicht wie Männer, die über Staats­ 
 angelegenheiten verhandeln.

„Ich werde versuchen, euch anderes Sinnes zu machen, 
 und euch zeigen, daß Mytilene sich so nichtswürdig gegen euch 
 benommen hat wie keine andere Stadt. Fällt einer von euch 
 ab, weil ihm eure Herrschaft unerträglich war oder der Feind 
 ihn dazu zwingt, so kann auch ich das verzeihen. Diese Leute 
 aber auf ihrer Insel, hinter festen Mauern, die nur von der 
 See einen Angriff unserer Feinde zu fürchten hatten und sich 
 dagegen mit ihrer vortrefflichen Flotte auch selbst sehr wohl 
 wehren konnten, politisch unabhängig und von euch in jeder 
 Weise verzogen, - wenn die das taten, was war das anders 
 
 als ein Schurkenstreich, kein Abfall - denn über harte Be­ 
 handlung hatten sie nicht zu klagen sondern ein Anfall, 
 was anders als eine Mache mit unseren Todfeinden, um uns 
 zu vernichten? Das ist ja weit schlimmer, als wenn sie sich 
 aus eigener Kraft zum Kriege mit uns aufgerafft hätten. Aber 
 sie haben sich das Schicksal der andern, die schon früher ihren 
 Abfall haben büßen müssen, nicht zur Warnung dienen lassen, 
 und der glückliche Zustand, in dem sie sich bisher befanden, 
 hat sie nicht abgehalten, sich in Gefahr zu stürzen. Weil sie 
 sich von der Zukunft goldene Berge versprachen und auf Er­ 
 folge hofften, die weit über ihre Kräfte, wenn auch lange 
 nicht so weit wie ihre Wünsche gingen, haben sie den Krieg 
 begonnen und sich nicht entblödet, Macht vor Recht gehen zu 
 lassen. Denn sobald sie glaubten, mit uns fertig werden zu 
 können, haben sie uns angegriffen, ohne daß wir ihnen etwas 
 zuleide getan hatten. So aber geht es in der Regel, das 
 Glück, daS einer Stadt allzu schnell und unverhofft zuteil wird, 
 steigt ihr zu Kopfe, und gewöhnlich ist es beständiger, wenn 
 man es sauer verdient hat, als wenn es einem unversehens in 
 den Schoß fällt, ja ich möchte sagen, es ist leichter, sich vor 
 Unglück zu hüten, als das Glück an sich zu fesseln. Schon 
 längst hätten wir die Mytilener nicht besser behandeln sollen 
 als die anderen, dann wären sie nicht so übermütig geworden. 
 Denn so sind die Menshcen, behandelt man sie zu rücksichts­ 
 voll, so überheben sie sich, und es macht ihnen weit mehr Ein­ 
 druck, wenn man sie kurz hält. Darum sollen sie jetzt auch 
 bestraft werden, so wie sie es verdient haben, und ihr dürft 
 nicht nur die paar Stadtjunker maßregeln und das Volk frei 
 ausgehen lassen. Denn alle ohne Unterschied haben sie gegen 
 uns die Waffen ergriffen, während sie durchaus in der Lage 
 waren, sich für uns zu erklären und nach wie vor eine unab­ 
 hängige Stadt zu bleiben. Statt dessen glaubten sie sich besser 
 zu stehen, wenn sie den Adelsputsch mitmachten, und fielen mit 
 ab. Ja, wenn ihr Bundesgenossen, die aus freien Stücken 
 von euch abfallen, nicht anders bestrafen wollt als solche, die 
 vom Feinde dazu gezwungen werden, glaubt ihr denn, sie 
 
 würden nicht alle bei erster Gelegenheit von euch abfallen, da 
 sie Aussicht haben, falls es gut geht, frei zu werden, schlimmsten­ 
 falls aber immer noch leidlich davonzukommen? Wir aber 
 sind dann in keiner Stadt unseres Lebens und unseres Eigen­ 
 tums mehr sicher. Gelingt es uns dann auch, eine Stadt 
 wieder zu unterwerfen und zu zerstören, um die Steuern, 
 worauf unsere Macht beruht, ist es für die Zukunft dann doch 
 geschehen. Werden wir aber gar geschlagen, so haben wir uns 
 zu unseren alten Feinden noch neue auf den Hals gezogen 
 und uns gegen unsere eigenen Bundesgenossen unserer Haut 
 zu wehren, während wir schon unsere liebe Not hatten, mit 
 unseren bisherigen Gegnern fertig zu werden.

„Wir dürfen ihnen also keine Hoffnung machen, daß wir 
 für Geld und gute Worte zu bewegen sein würden, ihnen für 
 diesmal noch durch die Finger zu sehen. Denn sie haben uns 
 nicht unabsichtlich geschadet, sondern es bewußt und vorsätzlich 
 auf unser Verderben angelegt, und nur, was nicht in böser 
 Absicht geschieht, kann verziehen werden. Ich trete also, wie 
 schon das erstaunt, auch jetzt wieder für den Beschluß ein und 
 warne euch, ihn zu ändern, und euch nicht durch Mitleid, Wohl­ 
 gefallen an Redekünsten oder übergroßes Zartgefühl, für einen 
 herrshcenden Staat drei der gefährlichsten Schwächen, zu einer 
 Torheit verleiten zu lassen. Mitleid gehört sich gegen seines- 
 gleichen, aber nicht gegen Leute, die mit uns kein Erbarmen 
 haben würden und notwendig immer unsere Feinde sein werden. 
 Die Redner, die euch einen Ohrenschmaus bereiten möchten, 
 werden schon ein andermal Gelegenheit finden, ihre Künste zu 
 zeigen, auch bei minder wichtigen Dingen als heute, wo die 
 Stadt für das kurze Vergnügen schwer wird büßen müssen, 
 jene Herren selbst freilich für ihre schönen Reden auch schön 
 bezahlt werden. Zartgefühl aber ist nur da angebracht, wo 
 man künftig auch selbst auf eine entsprechende Gesinnung rechnen 
 kann, nicht aber Leuten gegenüber, die nichtsdetsoweniger nach 
 wie vor unsere Feinde bleiben werden. Kurz, wenn ihr meinem 
 Rate folgt, so behandelt ihr die Mytilener, wie sie es verdient, 
 und wie es zugleich zu eurem Besten gereicht; wenn ihr aber 
 
 anders beschließt, so werdet ihr sie damit nicht zu Freunden 
 machen, wohl aber euch selbst das Urteil sprechen. Denn sind 
 sie mit Recht abgefallen, so habt ihr kein Recht, über sie zu 
 herrschen. Wollt ihr eure Herrschaft trotzdem auch wider Ge­ 
 bühr behaupten, so bleibt euch nichts übrig, als sie auch wider 
 Gebühr zu bestrafen; sonst könnt ihr das Herrshcen nur auf­ 
 geben und friedliche Spießbürger werden. Entschließt euch 
 also, ihnen gleiches mit gleichem zu vergelten, und zeigt euch, 
 nachdem ihr der Gefahr entgangen seid, nicht unempsind­ 
 licher als sie, die sie euch zugedacht; denkt auch daran, wie sie 
 es unfehlbar mit euch gemacht hätten, wären sie Sieger ge­ 
 blieben, zumal sie angefangen haben. Denn wer einem andern 
 ohne Ursache Böses tut, ist der unversöhnlichste Feind, und die 
 Furcht, es könne ihm vergolten werden, läßt ihm keine Ruhe, 
 bis der Gegner vernichtet ist. Ein ohne Not gekränkter und 
 dann doch nicht vernichteter Feind ist ja auch gefährlicher als 
 einer, der den Streit mitverschnldet hat. Werdet also nicht zu 
 Verrätern an euch selbst und stellt euch nur lebhaft vor, wie 
 es euch hätte gehen können, und wie ihr alleS drangesetzt haben 
 würdet, sie zu besiegen. Das laßt sie jetzt entgelten und euch 
 durch ihr gegenwärtiges Schicksal nicht erweichen, und vergeßt 
 nicht, wie drohend die Gefahr soeben noch über euren Häuptern 
 schwebte. Bestraft sie, wie sie es verdient, und macht sie auch 
 den übrigen Bundesgenossen zum warnenden Beispiel, daß auf 
 jeden Abfall Todesstrafe steht. Wenn sie das erst wissen, 
 haben die ewigen Balgereien mit den eigenen Bundesgenossen 
 ein Ende, und ihr habt die Hände frei gegen eure Feinde."

So Kleon. Nach ihm trat Diodotos auf, der Sohn des 
 Eukrates, der sich schon in der ersten Versammlung am ent­ 
 schiedensten gegen die Hinrichtung der Mytilener ausgesprochen 
 hatte, und sagte:

„Ich finde nichts dabei zu erinnern, daß man uns heute 
 noch einmal über Mytilene verhandeln läßt, und kann mich 
 keineswegs damit einverstanden erklären, wenn man eine wieder­ 
 holte Beratung über eine so wichtige Angelegenheit für un­ 
 zulässig erklären will. Meiner Meinung nach ist dem Zustande- 
 
 kommen eines vernünftigen Beschlusses nichts hinderlicher als 
 Übereilung und Leidenschaft; jene ist in der Regel die Folge 
 von Unverstand, diese von Beschränktheit und Mangel an 
 Bildung. Wer es für überflüssig erklärt, sich, bevor man 
 handelt, durch Reden belehren zu lassen, ist entweder ein Tor 
 oder ein Schelm, der seinen Zweck dabei hat, ein Tor, wenn 
 er glaubt, sich über die Dinge, die im Dunkel der Zukunft 
 liegen, auf andere Weise Rats erholen zu können, ein Schelm, 
 wenn er eine schlechte Sache durchsetzen will und in der Über­ 
 zeugung, daß es ihm nicht gelingen wird, schwarz weiß zu 
 machen, nun mit Verleumdungen um sich wirft, um Gegner 
 und Zuhörer irrezumachen. Das Niederträchtigste aber ist, 
 einen gar noch zu verdächtigen, er habe seine Rede für Geld 
 zum besten gegeben. Wirft man einem Redner vor, daß er 
 nichts von der Sache verstehe, so hält man ihn, wenn er durch- 
 fällt, wohl für dumm, aber doch nicht für schlecht. Wird ihm 
 aber Bestechung schuld gegeben, so sieht man ihn mit Arg­ 
 wohn, wenn er obsiegt, und wenn ihm das nicht gelingt, nicht 
 nur für einen Dummkopf, sondern auch für einen Schurken 
 an. Damit aber ist der Stadt schlecht gedient; denn aus 
 Furcht davor ziehen sich die besten Kräfte vom öffentlichen 
 Leben zurück. Es wäre ein wahres Glück, wenn solchen Läster­ 
 mäulern das Reden überhaupt verboten würde, denn dann 
 kämen ihre Mitbürger weniger in Gefahr, sich zu Torheiten 
 verleiten zu lassen. Der gute Bürger muß seine Überlegenheit 
 als Redner nicht durch Einschüchterung seiner Gegner, sondern 
 im ehrlichen Kampfe mit gleichen Waffen zu beweisen suchen, 
 und in einem verständigen Gemeinwesen soll man einen be­ 
 währten Redner zwar nicht mit neuen Ehren überhäufen, aber 
 ihm auch die seine nicht schmälern und den, der mit seiner 
 Ansicht nicht durchdringt, nicht nur nicht bestrafen, sondern 
 nicht einmal über die Achsel ansehen. Dann wird so leicht 
 kein siegreicher Redner den Leuten auch gegen seine bessere 
 Überzeugung aus Ehrgeiz nach dem Munde reden und keiner, 
 der unterlegen ist, sich versucht fühlen, mit solchen Mitteln 
 um die Gunst der Menge zu buhlen.

„Wir machen es umgekehrt, ja noch schlimmer. Auch 
 wenn wir überzeugt sind, daß einer recht hat, aber den Ver­ 
 dacht hegen, daß er bestochen sei, so lassen wir ihn zum offen­ 
 baren Schaden der Stadt im Stich, weil wir ihm den dann 
 doch bloß vermuteten Gewinn nicht gönnen. Es ist nun einmal 
 bei uns nicht anders; das Gute, gradeheraus gesagt, ist der 
 Verdächtigung nicht minder ausgesetzt als das Schlechte, und 
 wie der ärgste Bösewicht die Leute durch falsche Vorspiege­ 
 lungen ködern muß, so ist auch der ehrliche Mann genötigt, 
 ihnen Wind vorzumachen, wenn sie ihm glauben sollen. Nur 
 hier in Athen bei unserer Überklugheit ist es unmöglich, dem 
 Staate offen und ehrlich zu dienen. Denn wer offen etwas 
 für ihn tut, wird gleich verdächtigt, im geheimen sein Schäfchen 
 dabei geschoren zu haben. Bei alledem müßt ihr anerkennen, 
 daß wir Redner, wo es sich um die wichtigsten Dinge handelt, 
 doch weiter sehen als ihr in eurer Kurzsichtigkeit, zumal wir 
 für unsere Anträge vor Gericht verantwortlich sind, ihr aber 
 als Zuhörer unverantwortlich seid. Wäre die Sache für den, 
 der den Antrag annimmt, ebenso gefährlich wie für den Redner, 
 der ihn stellt, so würdet ihr nicht so in den Tag hinein be­ 
 schließen. Jetzt aber laßt ihr in irgendeinem augenblicklichen 
 Ärger allein den Antragsteller dafür büßen, wenn ihr euch 
 verhauen habt, während alle anderen frei ausgehen, so viele 
 ihrer auch mitgesündigt haben.

„Ich bin weder aufgetreten, um die Schuld der Mytilener 
 zu bestreiken, noch um sie anzuklagen. Denn für uns kann es 
 sich vernünftigerweise nicht darum handeln, über die Mytilener 
 zu Gericht zu sitzen, sondern nur darum, einen Beschluß zu 
 fassen, wie er unserem Interesse entspricht. Selbst wenn ich 
 der Ansicht wäre, daß sie sich schwer gegen uns vergangen 
 hätten, würde ich dennoch nicht dafür sein, sie hinzurichten, 
 wenn es gegen unser Interesse ginge, und wenn ich ihre Hand­ 
 lungsweise auch für verzeihlich hielte, würde ich sie ihnen nicht 
 hingehen lassen, wenn es unserer Stadt zum Schaden gereichte. 
 Ich meine, wir sollten bei unserem Beschlusse nicht sowohl die 
 Gegenwart wie die Zukunft im Auge haben. Und wenn Kleon 
 
 so bestimmt behauptet, es sei vorteilhaft für uns, sie hinrichten 
 zu lassen, weil es dann in Zukunft weniger Abfälle geben 
 würde, so bin ich grade in dieser Beziehung entschieden anderer 
 Ansicht. Hoffentlich laßt ihr euch durch das Bestechende seiner 
 Rede nicht verleiten, meinen praktischen Rat von der Hand 
 zu weisen. Denn da er in seiner Rede mehr den Rechtspunkt 
 betont, könnte er euch bei eurer augenblicklichen Verbitterung 
 gegen die Mytilener leicht mit fortreißen. Aber wir führen 
 ja keinen Prozeß mit den Mytilenern, so daß es nur auf daS 
 Recht ankäme, sondern es handelt sich für uns darum, so mit 
 ihnen zu verfahren, wie es unser Interesse erheischt.

„Die staatlichen Gesetze bedrohen viele Vergehen mit 
 Todesstrafe, die nicht so schwer, sondern geringfügiger sind als 
 unser Fall. Trotzdem lassen die Menschen sich dadurch nicht 
 abschrecken, weil sie hoffen, glücklich durchzukommen; wer weiß, 
 daß er dazu keine Aussicht hat, wird sich nicht in Gefahr be­ 
 geben. Und wo hätte wohl je eine Stadt einen Abfall gewagt, 
 die nicht geglaubt hätte, mit eigenen Kräften oder fremder 
 Hilfe damit durchzukommen? So sind die Menschen; sie sün­ 
 digen alle, im öffentlichen Leben so gut wie in Privatverhält­ 
 nissen, und lassen sich davon durch kein Gesetz abhalten, so­ 
 lange man schon darauf ausgegangen ist, durch Steigerung 
 aller Strafen die Verbrechen zu bekämpfen und ihre Zahl zu 
 vermindern. Sicher tsanden früher auch auf die schwersten 
 Verbrechen weniger harte Strafen. Da die Gesetze jedoch be­ 
 ständig übertreten wurden, verschärfte man sie mit der Zeit 
 fast alle bis zur Todesstrafe, aber die Verbrechen haben darum 
 nicht abgenommen. Entweder also muß man noch abschreckendere 
 Strafmittel ersinnen, oder es ist überhaupt nichts dagegen zu 
 machen. Bald ist es Armut, denn Not kennt kein Gebot; 
 bald Reichtum, der in frechem Übermut nach fremdem Gut 
 begehrt, oder es sind andere Umstände, welche die Leidenschaften 
 der Menschen mit unwidertsehlicher Gewalt anfachen, was sie 
 immer wieder dazu treibt, mit dem Feuer zu spielen. Überall 
 aber sprechen Hoffnung und Begierde mit; diese geht voran, 
 jene kommt nach; diese macht den Plan, jene verspricht sich 
 
 goldene Berge davon, und diese unsichtbaren Mächte sind wirk­ 
 samer als der abshcreckende Anblick blutiger Exekutionen. Auch 
 das Glück trägt sein Teil dazu bei, die Menschen zu betören. 
 Denn da es sich manchmal ganz unverhofft einstellt, so verführt 
 es einen, selbst mit unzureichenden Mitteln etwas zu wagen, 
 und grade vorzugsweise die Staaten, weil es sich bei ihnen 
 um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um 
 Freiheit handelt, der einzelne aber gedankenlos mitmacht und 
 in der Masse ein Held zu sein glaubt. Mit einem Worte, es 
 ist unmöglich und wäre töricht, sich einzubilden, man könne 
 die Menschen durch strenge Gesetze oder sonstige Abschreckungs­ 
 mittel von Handlungen abhalten, zu denen ihre Natur sie nun 
 einmal treibt.

„Wir dürfen uns also nicht durch den Glauben, daß die 
 Todesstrafe uns Bürgschaft gewähre, zu einem verkehrten Be­ 
 schlusse verleiten lassen, auch unseren abgefallenen Bundes­ 
 genossen nicht alle Hoffnung nehmen, ihr Unrecht je eher desto 
 besser durch Reue wieder gutmachen zu können. Denn ihr 
 müßt wohl berücksichtigen, daß alsdann eine abgefallene Stadt, 
 wenn sie ihre Sache verloren gibt, sich wahrscheinlich schon 
 zu einem Vergleich verstehen wird, solange sie noch imstande 
 ist, die Kriegskosten zu erstatten und fernerweit Steuern zu 
 zahlen. Meint ihr denn, eine Stadt würde sich nicht noch 
 ganz anders zur Wehr setzen und eine Belagerung bis aufs 
 äußerste aushalten, wenn es schließlich doch einerlei ist, ob sie 
 sich früher oder später ergibt? Und wenn sie sich nicht er­ 
 gäbe, würden wir nicht den Schaden davon haben und die 
 Kosten einer langwierigen Belagerung in den Kauf nehmen 
 müssen, um, wenn wir sie dann auch wirklich einnähmen, einen 
 Trümmerhaufen zu gewinnen, der uns dann doch keine Steuern 
 mehr einbrächte? Die Steuern aber sind das Rückgrat unserer 
 Macht. Wir dürfen uns also nicht ins eigene Fleisch schneiden, 
 indem wir mit den Schuldigen allzu scharf ins Gericht gehen, 
 müssen vielmehr darauf sehen, sie nur so zu bestrafen, daß sie 
 uns auch künftig noch Steuern bezahlen können, und uns nickt 
 durch rigorose Anwendung der Gesetze, sondern durch behüt­ 
 
 same Behandlung unserer Bundesgenossen zu schützen suchen. 
 Das Gegenteil aber tun wir, wenn wir glauben, ein freies, 
 nur gewaltsam unterdrücktes Volk, das aus dem natürlichen 
 Wunsche, wieder unabhängig zu werden, von uns abgefallen 
 ist, nachdem wir es wieder unterworfen haben, so grausam 
 bestrafen zu müssen. Nicht scharf bestrafen nach dem Abfall 
 muß man ein freies Volk, sondern es scharf im Auge haben, 
 ehe es zum Abfall kommt, und dafür sorgen, daß es überhaupt 
 nicht auf solche Gedanken verfällt, und wenn man es wieder 
 unterworfen hat, ihm die Sache möglichst wenig zum Ver­ 
 brechen machen.

„Bedenkt auch weiter, wie verkehrt es noch in anderer 
 Hinsicht sein würde, wolltet ihr mit Kleon gehen. Jetzt hält 
 es das Volk in den Städten überall mit euch. Kommt eS zu 
 einem Abfall der herrschenden Minderheit, so beteiligt es sich 
 daran entweder überhaupt nicht oder verharrt doch, wenn es 
 dazu gezwungen wird, ihr gegenüber in einer ausgesprochen 
 feindlichen Stellung. Kommt es dann zum Kriege gegen die 
 aufständische Stadt, so habt ihr das Volk auf eurer Seite. 
 Laßt ihr jetzt in Mytilene das ganze Volk hinrichten, das an 
 dem Abfall nicht teilgenommen und, nachdem man ihm die 
 Waffen gegeben, euch sogar freiwillig die Tore geöffnet hat, 
 so begeht ihr einmal schweres Unrecht, indem ihr eure Wohl­ 
 täter tötet, und tut außerdem grade den Aristokraten aller- 
 orten den größten Gefallen. Denn wenn sie künftig eine 
 Stadt zum Abfall bringen wollen, wird das Volk gleich gemein­ 
 schaftliche Sache mit ihnen machen, da es im voraus weiß, 
 daß ihr den Unschuldigen wie den Schuldigen bestrafen werdet. 
 Aber selbst, wenn es sich wirklich mitschuldig gemacht hätte, 
 müßten wir die Augen davor verschließen, um es mit der ein­ 
 zigen Partei, die es mit uns hält, nicht auch noch zu verderben. 
 Überhaupt ist es für die Behauptung unserer Herrschaft meiner 
 Meinung nach weit ersprießlicher, unter Umständen einmal ein 
 Unrecht hinzunehmen, als Städte zu vernichten, die wir, selbst 
 wenn wir das Recht dazu hätten, nicht vernichten dürfen. 
 Und wenn Kleon meint, nicht nur das Recht, sondern auch 
 
 die Zweckmäßigkeit erfordere eine solche Strafe, so ist mir un­ 
 erfindlich, wie es möglich wäre, hier beides miteinander zu 
 vereinigen.

„Darum, wenn ihr überzeugt seid, daß ich recht habe, 
 und nicht an Mitleid und Milde zu viel tun wollt - denn 
 auch ich bin keineswegs dafür, darin zu weit zu gehen-, so 
 macht es aus den angeführten Gründen, wie ich vorschlage, 
 urteilt die Mytilener, welche Paches als die Schuldigen hierher 
 geschickt hat, ruhig ab, die übrigen aber laßt in Frieden. Das 
 ist für die Zukunft das beste und Warnung genug für unsere 
 Feinde. Mit vernünftiger Überlegung kommt man seinen 
 Feinden gegenüber weiter als mit unverständigen Gewalt­ 
 streichen."

So Diodotos. Trotz der Reue über ihren ersten Beschluß 
 entstand unter den Athenern nach diesen Reden, in denen die 
 vershciedenen Standpunkte am schärfsten zum Ausdruck kamen, 
 ein lebhafter Meinungsstreit, und bei der Abstimmung war die 
 Zahl der Stimmen auf beiden Seiten nahezu gleich; doch war 
 die Mehrheit für Diodotos. Auch schickte man gleich mit 
 größter Eile eine zweite Triere ab, damit die erste, beinah 
 vierundzwanzig Stunden früher abgefahrene, nicht eher ankäme 
 und man die Stadt nicht schon vernichtet fände. Die myti­ 
 lenischen Gesandten hatten Wein und Brot an Bord bringen 
 lassen und der Mannschaft große Versprechungen gemacht, 
 wenn ihr Schiff früher ankäme als das erste. Infolgedessen 
 wurde die Fahrt dergestalt beschleunigt, daß die Leute gleich­ 
 zeitig ruderten und Nahrung zu sich nahmen, Brot mit Wein 
 und Hl angerührt, und während die eine Hälfte schlief, die 
 andere ruderte. Glücklicherweise herrschte niemals widriger 
 Wind, und da das erste Schiff mit dem Blutbefehl an Bord 
 sich nicht sonderlich beeilt, das andere aber den Weg mit 
 solcher Schnelligkeit zurückgelegt hatte, war das erste nur so viel 
 früher angekommen, daß Paches den Beschluß eben hatte lesen 
 können und im Begriff war, den Befehl auszuführen, als daS 
 zweite ankam und die Stadt rettete. Um ein Haar nur, und 
 Mytilene wäre verloren gewesen.

Jene anderen Mytilener aber, welche Paches als die an 
 dem Abfall vorzugsweise Schuldigen herübergeschickt hatte, 
 ließen die Athener auf Kleons Antrag hinrichten; es waren 
 etwas über tausend. Auch schleiften sie die Mauern von 
 Mytilene und ließen sich die Schiffe ausliefern. Hinterdrein 
 legten sie den Lesbiern zwar keine Steuern auf, teilten aber 
 die ganze Insel mit Ausnahme des Gebiets von Methymna in 
 dreitausend Landlose, von denen sie dreihundert als Tempelgut 
 für die Götter ausschieden, die übrigen aber mit athenischen 
 Kleruchen besetzten, denen die Lesbier, die das Land selbst be­ 
 bauten, von jedem Lose jährlich zwei Minen Zins zahlen 
 mußten. Auch die Besitzungen der Mytilener auf dem Fest­ 
 lande fielen in die Hände der Athener und standen von nun 
 an unter athenischer Herrschaft. So endete der Abfall von 
 Lesbos.

In demselben Sommer nach der Unterwerfung von Lesbos 
 unternahmen die Athener unter Nikias, Nikeratos' Sohn, einen 
 Zug nach der Insel Minoa, Megara gegenüber, wo die Me­ 
 garer einen Turm erbaut hatten und eine Besatzung unter- 
 hielten. Nikias hielt es für besser, Megara statt von Budoron 
 auf Salamis künftig von hier ans nächster Nähe überwachen zu 
 lassen, damit die Peloponnesier nicht von da, wie das früher 
 vorgekommen war, unbemerkt mit ihren Trieren und Freibeuter- 
 schiffen auskaufen könnten, zugleich auch, um Megara die Zu­ 
 fuhr abzuschneiden. Zunächst zerstörte er von der See aus 
 mit seinem Geschütz auf der Seite nach Nisaia zu zwei vor­ 
 springende Türme, und nachdem er sich dadurch den Zugang 
 in den Sund zwischen der Stadt und der Insel geöffnet hatte, 
 sperrte er diese durch eine Mauer gegen das Festland ab, wo 
 man der nicht weit vom Lande liegenden Insel auf einer über 
 das flache Wasser geschlagenen Brücke zu Hilfe kommen konnte. 
 Nachdem man damit in wenig Tagen fertig geworden war, 
 legte er auf der Insel eine Schanze an, in der er eine Besatzung 
 zurückließ, und zog darauf mit seinem Heere wieder ab.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer mußten die Platäer, 
 die nichts mehr zu leben hatten und die Belagerung nicht 
 
 länger aushalten konnten, sich den Peloponnesiern ergeben, 
 und das kam so: Die Peloponnesier unternahmen einen Sturm 
 auf die Stadtmauer, und die Platäer konnten ihn nicht ab­ 
 wehren. Der lakedämonische Befehlshaber, welcher merkte, 
 daß ihre Kräfte zu Ende gingen, wollte jedoch die Stadt wo­ 
 möglich nicht mit Sturm nehmen. So war es ihm nämlich 
 aus Lakedämon unter den Fuß gegeben, damit, wenn beim 
 etwaigen Friedensschlüsse mit den Athenern beide Teile sich 
 zur Herausgabe der im Kriege eroberten Plätze verpflichten 
 sollten, Platää als eine freiwillig übergetretene Stadt nicht 
 mit herausgegeben zu werden brauche. Er schickte also einen 
 Herold an sie ab und ließ ihnen sagen, ob sie ihre Stadt nicht 
 lieber freiwillig den Lakedämoniern übergeben und sie als 
 Richter annehmen wollten, wo dann die Schuldigen ihre Strafe 
 erhalten, die Unschuldigen aber frei ausgehen würden. Der 
 Herold richtete seinen Auftrag aus, und da sie mit ihren 
 Kräften völlig zu Ende waren, übergaben sie die Stadt. Die 
 Peloponnesier versahen sie nun einige Tage mit Lebensmitteln, 
 bis die aus Lakedämon erwarteten fünf Richter ankamen. 
 Indessen wurde, als diese eingetroffen waren, eine Anklage 
 überhaupt nicht erhoben, sondern man ließ sie vortreten und 
 legte ihnen einfach die Frage vor, was sie im Laufe deS 
 Krieges für die Lakedämonier und deren Bundesgenossen getan 
 hätten. Sie baten jedoch, sich über die Sache eingehender 
 äußern zu dürfen, und wählten zu dem Ende zwei Männer 
 auS ihrer Mitte, Astymachos, Asopolaos' Sohn, und Lakon, 
 Aeimnesos' Sohn, den dortigen Staatsgastfreund der Lake­ 
 dämonier, welche nun vortraten und also redeten:

„Im Vertrauen auf euch, Lakedämonier, haben wir unsere 
 Stadt übergeben. Wir glaubten bei euch auf ein regelrechtes 
 und kein so formloses Verfahren rechnen zu können, wollten 
 auch niemand als euch, vor denen wir hier tsehen, zu Richten? 
 haben, weil wir von euch am ersten ein gerechtes Urteil er­ 
 warteten. Jetzt aber müssen wir fürchten, uns in beider Hin­ 
 sicht geirrt zu haben. Denn wir haben allen Grund zu ver­ 
 muten, daß kurzer Prozeß mit uns gemacht werden soll, und 
 
 daß wir an euch keine unparteiischen Richter finden werden. 
 Wir schließen das daraus, daß vorher keine Anklage erhoben 
 und uns zur Erklärung mitgeteilt ist - haben wir doch selbst 
 erst ums Wort bitten müssen -, und weil die Frage so kurz 
 ist. Wenn wir diese der Wahrheit gemäß beantworten, so 
 sind wir verloren; sagen wir aber die Unwahrheit, ist der 
 Gegenbeweis leicht geführt. So bleibt uns nichts anderes 
 übrig, als unser Heil wenigstens mit einer Rede zu versuchen. 
 Denn wer in solcher Lage seine Rede für sich behält, wird 
 sich nachher doch sagen lassen müssen: wenn du sie gehalten 
 hättest, wärest du vielleicht glücklich davongekommen. Zu alle­ 
 dem kommt für uns noch die Schwierigkeit, Gehör bei euch 
 zu sinden. Wenn wir einander nicht kennten, so würden wir 
 zu unserer Rechtfertigung vielleicht neue, euch noch unbekannte 
 Beweise beibringen können, so aber vermögen wir nichts an­ 
 zuführen, was euch nicht schon bekannt wäre. Auch fürchten 
 wir nicht sowohl, daß ihr den Stab über uns brecht, weil ihr 
 von vornherein überzeugt seid, unsere Verdienste seien geringer 
 als die euren, als daß ihr uns anderen zu Gefallen vor ein 
 Gericht gestellt habt, welches sein Urteil längst fertig hat.

„Gleichwohl werden wir alles anführen, was wir haben, 
 um unser gutes Recht in den Händeln mit den Thebanern zu 
 beweisen, euch auch an unsere Verdienste um ganz Griechen­ 
 land erinnern und versuchen, euch dadurch günstig zu stimmen. 
 Auf die kurze Frage, was wir im Laufe des Krieges für die 
 Lakedämonier und ihre Bundesgenossen getan, antworten wir: 
 Fragt ihr uns als Feinde, so dürft ihr euch nicht über uns 
 beklagen, wenn wir nichts für euch getan haben; seht ihr uns 
 aber als Freunde an, so war es grade von euch das größte 
 Unrecht, uns mit Krieg zu überziehet. Im Frieden wie im 
 Perserkriege haben wir uns wacker gehalten. Jetzt haben nicht 
 wir den Frieden zuerst gebrochen, und damals sind wir unter 
 allen Böotiern die einzigen gewesen, welche mit für die Frei­ 
 heit Griechenlands gefochten haben. Obgleich wir nicht an 
 der See wohnen, haben wir doch zu Schiff bei Artemision 
 mitgekämpft, und in der hier in unserem Lande geschlagenen 
 
 Schlacht haben wir auf eurer und Pausanias' Seite gestanden. 
 Wo immer zu jener Zeit den Griechen eine Gefahr drohte, 
 sind wir stets über unsere Kräfte mit dabei gewesen. Und 
 euch, Lakedämonier, insbesondere haben wir damals, als Sparta 
 nach dem Erdbeben von den aufständischen Heloten in Ithome 
 das Schlimmste zu befürchten hatte, ein Drittel unserer Bürger­ 
 schaft zu Hilfe geschickt. Das solltet ihr nicht vergessen.

„So haben wir es in den alten großen Zeiten immer mit 
 euch gehalten. Später erst sind wir Feinde geworden, und 
 zwar durch eure Schuld. Denn damals, als die Thebaner uns 
 vergewaltigen wollten und wir euch um ein Bündnis baten, 
 habt ihr uns abgewiesen und unS geraten, uns an die Athener 
 zu wenden, die wir in der Nähe hätten, während ihr uns zu 
 fern wärt. In diesem Kriege aber haben wir euch doch wahr­ 
 lich nichts zuleide getan und würden das auch weiterhin 
 nicht getan haben. Wenn wir von den Athenern nicht ab­ 
 fallen wollten, wie ihr das verlangtet, so war das kein Unrecht. 
 Denn sie haben uns gegen die Thebaner beigestanden, als ihr 
 uns im Stich ließt, und es wäre nicht schön gewesen, wären 
 wir ihnen untreu geworden. Nachdem sie uns so viel Gutes 
 getan, uns auf unsere Bitten als Bundesgenossen angenommen 
 und uns zum Bürgerrechte zugelassen hatten, war es nur unsere 
 Pflicht und Schuldigkeit, ihren Befehlen bereitwillig nachzu­ 
 kommen. Wenn ihr beide euren Bundesgenossen etwas be­ 
 fehlt, was nicht recht ist, und sie gehorchen, so tun sie das 
 nicht auf ihre, sondern auf eure Verantwortung, weil sie euren 
 Willen tun müssen.

„Die Thebaner aber haben schon oft falschen Streit mit 
 uns angefangen; ihr letzter Gewaltstreich ist euch zur Genüge 
 bekannt; ist er doch die Ursache unseres jetzigen Unglücks. 
 Als sie unsere Stadt in tiefem Frieden, noch dazu am heiligen 
 Festtage, überfallen hatten, haben wir sie dafür bestraft mit 
 dem guten Rechte, wonach es in der ganzen Welt erlaubt ist, 
 Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, und eS wäre unverantwort­ 
 lich, uns dafür jetzt ein Haar krümmen zu wollen. Wenn ihr 
 um eures und ihres augenblicklichen Vorteils willen dem Rechte 
 
 eine Nase dreht, so beweist ihr damit, daß es euch hier in 
 Wahrheit nicht um einen gerechten Richterspruch, sondern 
 lediglich um euren Vorteil zu tun ist. Glaubt ihr wirklich, 
 daß die Thebaner euch gegenwärtig nützlich sind, so sind wir 
 und die anderen Griechen das damals erst recht gewesen, als 
 ihr in weit größerer Gefahr wart. Jetzt seid ihr allen anderen 
 mit euren Streitkräfteu überlegen. Damals aber war der 
 Perserkönig drauf und dran, ganz Griechenland zu unterjochen, 
 und damals hielten sie es mit ihm. Und hatten wir auch in 
 der Tat jetzt ein Unrecht begangen, so wäre es nur billig, 
 demgegenüber unsere damalige Opferwilligkeit in Rechnung 
 zu bringen, wobei sich dann doch ein Guthaben zu unseren 
 Gunsten herausstellen würde, zumal wenn ihr in Betracht zieht, 
 wie es zu jener Zeit in Griechenland nicht allzu viele gab, 
 welche den Mut hatten, sich der Macht des Xerxes zu wider- 
 setzen, und wie alle die gepriesen wurden, welche ihr Heil 
 nicht in der Unterwerfung unter den Feind gesucht, sondern 
 furchtlos Leib und Leben gewagt hatten. Und zu denen ge­ 
 hörten wir und sind dafür damals aufs höchste geehrt worden; 
 jetzt aber müssen wir fürchten, daß man uns den Kopf vor 
 die Füße legt, grade weit wir noch die alten sind und lieber 
 den Athenern treu bleiben als um unseres Vorteils willen mit 
 euch gehen wollten. Und doch solltet ihr uns die Gesinnung, 
 die ihr früher so hoch geschätzt, jetzt nicht zum Verbrechen 
 machen und einsehen, daß es auch für euch das beste wäre, 
 wenn sich euer augenblicklicher Vorteil mit dauernder Dankbar­ 
 keit gegen die tapferen alten Freunde vereinigen ließe.

„Jetzt, und auch das solltet ihr bedenken, geltet ihr in 
 Griechenland allgemein als Muster rechtschaffener Gesinnung. 
 Wenn ihr aber gegen uns ein schnödes Urteil sprecht - und 
 bei eurem Ansehen und dem guten Ruf, den auch wir ge­ 
 nießen, wird dieser Prozeß von sich reden machen so sollt 
 ihr die Entrüstung erleben, daß gegen ein tapferes, wenn auch 
 euch nicht gewachsenes Volk solch ein Justizmord verübt und 
 die uns, den Wohltätern Griechenlands, abgenommene Beute 
 in den vaterländischen Heiligtümern aufgestellt werden konnte. 
 
 Ein entsetzlicher Gedanke, daß Platää von Lakedämoniern zer­ 
 stört würde, daß eure Väter den Namen dieser Stadt zu Ehren 
 ihrer Tapferkeit auf dem Dreifuß in Delphi angebracht haben, 
 und daß ihr sie jetzt den Thebanern zuliebe in Griechenland 
 von der Bildfläche vertilgtet. Denn so weit ist es bereits mit 
 uns gekommen. Damals, als die Perser im Lande schalteten, 
 haben sie unsere Stadt zerstört, und jetzt werden wir von euch, 
 unsern alten Freunden, den Thebanern geopfert. Schon zum 
 zweitenmal sehen wir dem Tode ins Angesicht; eben erst waren 
 wir in Gefahr, Hungers zu sterben, wenn wir die Stadt 
 nicht übergaben, und jetzt stehen wir vor diesem Blutgerichte. 
 Wir Platäer, die wir für die Griechen über unsere Kräfte 
 Gut und Blut eingesetzt haben, sind heute verstoßen von aller 
 Welt, verlassen und vogelfrei. Unter unseren damaligen Bundes­ 
 genossen ist nicht einer, der sich unser annimmt; und auch ihr 
 Lakedämonier, unsere einzige Hoffnung, fürchten wir, werdet 
 uns im Stich lassen.

„Und doch, bei den Göttern unseres alten Bundes und 
 um unserer Verdienste um die Griechen willen fordern wir 
 euch auf, lenkt ein und laßt euch erweichen, und wenn ihr 
 wirklich den Thebanern schon etwas versprochen habt, so ver­ 
 langt nun eurerseits von ihnen, daß sie euch freiwillig der 
 Verpflichtung entbinden, eure Wohltäter zu töten, um Dank 
 zu ernten, der euch Ehre und nicht Schande macht, und euren 
 guten Namen nicht anderen zu Gefallen zu verscherzen. Wollt 
 ihr uns das Leben nehmen, so ist das freilich bald getan, 
 aber unser Blut wird euch lange an den Händen kleben. 
 Denn wir sind keine Feinde, die ihr mit gutem Gewissen töten 
 dürftet, sondern eure Freunde und haben nur notgedrungen zu 
 den Waffen gegriffen. Darum wäre es eure heilige Richter- 
 pflicht, uns das Leben zu lassen und nicht zu vergessen, daß 
 wir uns freiwillig ergeben haben und als Schutzflehende zu 
 euch kommen, die man nach griechischem Recht nicht töten darf, 
 und euch zudem allezeit Freundesdienste erwiesen haben. Seht 
 hier die Gräber eurer Väter, die im Perserkriege in unserem 
 Lande gefallen und begraben sind. Iahrein, jahraus haben 
 
 wir sie mit Kleidern und allem, was sonst Sitte ist, von 
 Staats wegen geehrt und ihnen die Erstlinge von den Früchten 
 unseres Landes dargebracht, weil wir ihnen als alten Waffen­ 
 brüdern und Söhnen eines befreundeten Landes ein liebevolles 
 Andenken bewahrten. Und ihr wolltet statt dessen solch ein 
 ungerechtes Urteil gegen uns fällen! Pausanias hat sie ja 
 doch bei uns in der Voraussetzuug bestattet, daß sie hier in 
 Freundesland und unter Freunden ruhen würden. Wolltet ihr 
 unS nun töten und unser Land thebanisch machen, würdet ihr 
 dann nicht eure Väter und Angehörigen in Feindesland und 
 unter ihren Mördern lassen und ihnen die Ehren entziehen, 
 welche sie gegenwärtig genießen? Dazu knechtet ihr ein Land, 
 in dem die Freiheit der Griechen begründet wurde, verödet 
 die Tempel der Götter, mit deren Beistand sie die Perser be­ 
 siegt haben, und beraubt deren Gründer und Erbauer der alt­ 
 hergebrachten Opfer.

„Es würde euch keine Ehre machen, Lakedämonier, wolltet 
 ihr euch an Recht und Sitte der Griechen und an euern Vor­ 
 sahren so versündigen, eure unschuldigen alten Freunde fremdem 
 Hasse aufzuopfern. Darum erweicht euren harten Sinn, habt 
 Mitleid mit uns und laßt uns leben. Bedenkt, wie schrecklich 
 und unverdient unser Los sein würde, und wie unberechenbar 
 das Unglück auch den Besten treffen kann. Wir bitten euch, 
 wie es uns geziemt und die Not gebeut, der Eide eingedenk 
 zu sein, welche' eure Väter uns geschworen haben, und flehen 
 zu den von allen Griechen auf gemeinschaftlichen Altären ver­ 
 ehrten Göttern, daß es uns gelingen möge, euer Herz zu rühren. 
 Als Schutzflehende an den Gräbern eurer Väter rufen wir 
 die Toten an, uns nicht unter die Thebaner kommen zu lassen 
 und uns, ihre besten Freunde, nicht ihren ärgsten Feinden 
 preiszugeben, erinnern sie auch heute in unserer Todesnot an 
 den Tag, wo wir mit ihnen die herrlichsten Taten vollbracht 
 haben. 
 „Nun aber müssen wir schließen, so schwer uns das insunserer 
 Lage wird; denn damit tritt der Tod hart an uns heran. 
 Zum Schluß aber erklären wir nochmals, daß wir die Stadt 
 
 nicht den Thebanern übergeben - lieber wären wir Hungers 
 gestorben sondern uns vertrauensvoll an euch gewandt 
 haben. Wenn ihr uns also nicht erhört, so ist es eure Pflicht, 
 uns wieder in den vorigen Stand zu setzen und uns wenigstens 
 die Wahl zu lassen, welches Todes wir sterben wollen. Damit 
 beschwören wir euch, uns Platäer, die wir so heldenmütig 
 für Griechenland gekämpft haben und euch jetzt im Vertrauen 
 aus euch, Lakedämonier, um euren Beistand anflehen, nicht 
 unseren bittersten Feinden, den Thebanern, auszuliefern. 
 Nehmt uns in euren Schutz und verschmäht es, die ihr euch 
 rühmt, die Befreier Griechenlands zu sein, unsere Henker zu 
 werden."

So die Platäer. Nun aber traten die The baner, welche 
 besorgten, die Rede könnte auf die Lakedämonier denn doch 
 einen Eindruck gemacht haben, ebenfalls vor und verlangten 
 auch ihrerseits das Wort, da man wider Erwarten die Platäer 
 weit länger habe reden lassen, als zur Beantwortung der Frage 
 nötig gewesen wäre. Nachdem auch ihnen das Wort erteilt 
 war, hielten sie folgende Rede:

„Wir würden nicht ums Wort gebeten haben, wenn auch 
 sie die Frage kurz beantwortet hätten, statt sich in Anklagen 
 gegen uns zu ergehen und über Dinge, die nicht hierher ge­ 
 hören und ihnen gar nicht vorgeworfen sind, so viel Worte 
 zur Entschuldigung zu machen und sich mit Verdiensten zu 
 brüsten, die ihnen niemand abgesprochen hat. So aber sind 
 wir genötigt, ihnen nicht nur darin zu widersprechen, sondern 
 sie uns auch hierin mal näher anzusehen. Denn weder 
 unsere Sünden noch ihre Heldentaten dürfen ihnen zugute 
 kommen, sondern ihr sollt in beider Hinsicht die Wahrheit 
 hören, bevor ihr entscheidet. Nachdem wir ganz Böotien in 
 Besitz genommen und darauf auch Platää und noch einige 
 andere Orte, aus denen wir allerlei Volk vertrieben, gegründet 
 hatten, gerieten wir mit ihnen zuerst aneinander, als sie sich 
 der uns ursprünglich zugestandenen Hegemonie entziehen und 
 auS dem Böotischen Bunde ausscheiden wollten, dann aber, 
 als Gewalt gegen sie angewandt werden sollte, zu den Athenern 
 
 übergingen. Mit denen haben sie uns oft genug Schaden ge-­ 
 tan, dafür dann freilich auch gelegentlich selbst wieder büßen 
 müssen.

„Nun sagen sie, nach dem Einfall der Perser in Griechen­ 
 land seien sie die einzigen Böotier gewesen, die es nicht mit 
 ihnen gehalten, tun sich, darauf gewaltig viel zugute und wollen 
 uns damit schlecht machen. Gewiß, mit den Persern haben 
 sie es nicht gehalten, aber doch nur eben deshalb nicht, weil 
 es die Athener nicht taten, und so sind sie denn auch, als diese 
 nachmals ebenso mit den Griechen umsprangen, die einzigen 
 Böotier gewesen, die es mit den Athenern hielten. Nun müßt 
 ihr aber doch die Zustände berücksichtigen, unter denen wir 
 beide damals handelten. Bei uns bestand zu der Zeit weder 
 eine Oligarchie mit Rechtsgleichheit sIsonomie) noch eine Demo­ 
 kratie, überhaupt nichts weniger als eine ordentliche Ver­ 
 fassung, sondern eine Art von Tyrannis, ein Willkürregiment 
 weniger Männer, und diese haben damals, weil sie von einem 
 Siege der Perser die Befestigung ihrer Machtstellung hofften, 
 die Bevölkerung gewaltsam niedergehalten und die Perser ins 
 Land gerufen. Es geschah das also zu einer Zeit, wo die 
 Stadt nicht ihr eigener Herr war, und was hier in jener 
 gesetzlosen Zeit gesündigt worden ist, kann ihr nicht zur Last 
 gelegt werden. Man muß vielmehr die spätere Zeit, wo die 
 Perser abgezogen und wieder gesetzliche Zustände eingetreten 
 waren, in Betracht ziehen, als die Athener über Griechenland 
 herfielen und auch unser Land zu unterwerfen versuchten und es 
 infolge der bei uns herrschenden Parteikämpfe wirklich großen­ 
 teils schon unterworfen hatten. Damals haben wir sie bei 
 Koroneia besiegt und Böotien befreit, wie wir auch jetzt wieder 
 unser Bestes tun, um die übrigen befreien zu helfen, und dazu 
 Roß und Reisige stellen wie sonst keiner der Bundesgenossen. 
 So viel zur Rechtfertigung gegen den Vorwurf, daß wir es 
 mit den Persern gehalten.

„Nunmehr wollen wir zu beweisen suchen, daß ihr Platäer 
 euch an den Griechen weit schlimmer vergangen und jede 
 Strafe reichlicher verdient habt als wir. Um Schutz vor uns 
 
 zu haben, sagt ihr, habt ihr das Bündnis mit den Athenern 
 geschlossen und euch athenisches Bürgerrecht erteilen lassen. 
 Da hättet ihr sie ja nur gegen uns zu Hilfe nehmen sollen 
 und nicht mit ihnen über andere herzufallen brauchen, wie ihr 
 das sehr wohl gekonnt hättet, auch wenn euch die Athener dazu 
 hätten zwingen wollen, da ja schon vom Perserkriege her das 
 Bündnis mit den Lakedämoniern hier bestand, das ihr beständig 
 im Munde führt. Denn dieses gewährte euch nicht nur Schutz 
 gegen uns, sondern auch grade darin volle Freiheit der Ent­ 
 schließung. Nein, freiwillig, nicht weil ihr mußtet, seid ihr 
 mit den Athenern gegangen. Nun sagt ihr, es wäre nicht 
 schön gewesen, euren Wohltätern untreu zu werden. Noch 
 weniger schön und weit unrechter war es, allen euren griechi­ 
 schen Eidgenossen die Treue zu brechen, als bloß den Athenern, 
 die Griechenland knechten, während jene es befreien wollen. 
 Auch reimt sich eure Dankbarkeit mit der euch erwiesenen 
 Wohltat nicht und macht euch keine Ehre. Denn ihr habt sie, 
 wie ihr sagt, zu Hilfe gerufen, weil man euch unrecht tat, 
 ihnen aber geholfen, anderen unrecht zu tun. Gewiß, es ge­ 
 hört sich, Wohltaten, die uns redlich erwiesen werden, in 
 gleicher Weise dankbar zu erwidern, aber doch nur, soweit man 
 das kann, ohne fremdes Unrecht zu befördern.

„Und damit habt ihr bewiesen, daß ihr es auch damals 
 nicht den Griechen zuliebe allein nicht mit den Persern gehalten 
 habt, sondern nur, weil die Athener es auch nicht taten. Ihr 
 wolltet es eben nur so machen wie sie und nicht wie die 
 übrigen. Und nun verlangt ihr, für das, was ihr anderen 
 zuliebe getan habt, von uns hier belohnt zu werden. Aber das 
 gilt nicht. Seid ihr zu den Athenern übergegangen, so seht 
 jetzt zu, wie ihr mit ihnen durchkommt, und beruft euch nicht 
 immer auf das alte Bündnis, als müsse euch das jetzt zugute 
 kommen. Denn dem seid ihr längst untreu geworden und habt 
 euch darüber hinweggesetzt, indem ihr die Hgineten und andere 
 alte Bundesgenossen unterjochen halft, statt ihnen beizustehen, 
 und das aus freien Stücken bei Verfassungszuständen, wie sie 
 noch jetzt bei euch bestehen, und nicht etwa aus Zwang, wie 
 
 es bei uns der Fall war. Auch den letzten Vorschlag vor Be­ 
 ginn der Belagerung, wenigstens neutral zu bleiben, habt ihr 
 nicht angenommen. Wen also könnten die Griechen wohl mit 
 besserem Rechte hassen als euch, die ihr eure Tapferkeit immer 
 nur zu ihrem Verderben zur Schau getragen habt? Und wenn 
 ihr euch, wie ihr sagt, früher gut gemacht habt, so hat sich 
 jetzt herausgestellt, daß das eitel Spiegelfechterei war, und es 
 ist an den Tag gekommen, wohin euch der Sinn in Wahrheit 
 immer gestanden hat; denn ihr seid mit den Athenern auf 
 bösen Wegen gewandelt. So viel über unser erzwungenes 
 Bündnis mit den Persern und euer freiwilliges Beknien der 
 Athener.

„Was aber den letzten Vorwurf betrifft, wir hätten eure 
 Stadt mitten im Frieden und noch dazu im Feste widerrecht­ 
 lich überfallen, so glauben wir auch in dieser Hinsicht nicht 
 schuldiger zu sein als ihr. Haben wir von selbst uns eurer 
 Stadt mit Waffengewalt bemächtigt und euer Land als Feinde 
 verheert, ja, dann sind wir im Unrecht. Haben uns aber eure 
 reichsten und vornehmsten Bürger selbst gerufen, um euch von 
 dem auswärtigen Bündnisse zu befreien und den Wieder- 
 anschluß an den alten Böotischen Bund herbeizuführen, was 
 ist da unser Unrecht? Der Anstifter ist schuldiger als der 
 Täter. Nach unserer Ansicht aber trifft sie so wenig eine 
 Schuld wie uns. Sie waren Bürger so gut wie ihr und hatten 
 mehr zu verlieren als andere, als sie uns ihre Stadt öffneten. 
 Als Freunde, nicht als Feinde haben sie uns eingelassen, damit 
 die Schlechten unter euch nicht noch schlechter würden und die 
 Guten zu ihrem Recht kämen. Sie wollten euch nur für die 
 gute Sache gewinnen, die Stadt um keinen Bürger ärmer 
 machen, sondern sie der alten Stammesgemeinschaft wieder 
 einfügen, euch mit niemand verfeinden, sondern mit allen in 
 Frieden leben lassen.

„Daß wir nicht als Feinde kamen, ergibt sich schon daraus, 
 daß wir niemand was zuleide taten, sondern alle guten Böotier, 
 die für den alten Bund wären, öffentlich auffordern ließen, 
 sich uns anzuschließen. Auch kamt ihr uns ja anfangs ganz 
 
 freundlich entgegen, gingt einen Vergleich mit uns ein utld 
 hieltet euch ruhig. Erst nahcher, als ihr merktet, wie wenige 
 wir waren, euch wohl auch daran stießet, daß wir nicht mit 
 Wissen und Willen der Bürgerschaft gekommen waren, habt 
 ihr dann nicht Wort gehalten und uns trotz der Zusage, keine 
 Gewalt zu brauchen, statt uns in Güte zum Abzüge zu be­ 
 wegen, dem Vergleich zuwider angegriffen. Daß ihr dabei 
 eine Anzahl mit den Waffen in der Hand getötet habt, können 
 wir allenfalls verschmerzen; denn das geschah gewissermaßen 
 nach Kriegsrecht; daß ihr aber auch die Gefangenen, die sich 
 in euren Schutz begeben hatten, trotz des Versprechens, niemand 
 weiter zu töten, widerrechtlich ums Leben gebracht habt, das 
 war heillos. Damit habt ihr euch im Umsehen dreimal schwer 
 vergangen, den Vergleich gebrochen, die Gefangenen nachher 
 getötet und uns mit dem Versprechen belogen, ihr würdet sie 
 nicht töten, wenn wir euch draußen in Ruhe ließen. Trotzdem 
 behauptet ihr, wir wären die Schuldigen, und verlangt selbst 
 straflos auszugehen. Nichts da, wenn anders dies gerechte 
 Richter sind. Für alles das werdet ihr eurer Strafe nicht 
 entgehen.

„Auf diese Dinge, Lakedämonier, sind wir sowohl euret­ 
 wegen als unseretwegen so weit eingegangen, um euch zu über­ 
 zeugen, daß ihr sie mit Recht verurteilen könnt, und um uns 
 vollends von der Pflichtmäßigkeit unserer Rache zu durch- 
 dringen. Laßt euch nicht rühren durch alte Tugenden, die sie 
 im Munde führen und immerhin gehabt haben mögen. Darauf 
 mag der unschuldig Leidende sich berufen, den Nichtswürdigen 
 machen sie nur doppelt strafbar; denn er frevelt dann gegen 
 sein besseres Selbst. Auch ihr Ach und Weh darf ihnen nichts 
 nützen, nicht ihr Jammer über die Gräber eurer Väter und 
 ihre Verlassenheit. Können doch auch wir demgegenüber auf 
 das noch traurigere Los unserer Jugend hinweisen, die unter 
 ihren Streichen bluten mußte. Das waren die Söhne der 
 Väter, die, um euch Böotien zu gewinnen, bei Koroneia fielen 
 oder jetzt alt und verlassen im leeren Hause euch mit größerem 
 Recht um Rache bei den Platäern anstehen. Unverschuldetes 
 
 Mißgeschick ist bedauernswert, trifft es aber den Übeltäter, 
 der es nicht besser verdient, wie sie hier, so kann man sich nur 
 darüber freuen. Auch ihre jetzige Verlassenheit haben sie nur 
 sich selbst zuzuschreiben, denn ihre besten Bundesgenossen haben 
 sie verschmäht. Gegen uns, die wir ihnen nichts zuleide getan 
 hatten, haben sie sich schändlich vergangen, sich über das Recht 
 hinweggesetzt und nur von ihrem Haß leiten lassen, dem ihre 
 Strafe jetzt nicht mal entsprechen wird; denn ihnen wird nur 
 ihr Recht werden, da sie nicht, wie sie sagen, als Schutz­ 
 flehende die Waffen gestreckt, sondern sich bei Übergabe der 
 Stadt freiwillig eurem Richterspruch unterworfen haben. Nun 
 also, Lakedämonier, bringt das Recht der Hellenen, das sie 
 mit Füßen getreten haben, wieder zu Ehren und verschafft uns 
 für das uns angetane Unrecht die Genugtuung, welche wir 
 durch unseren Eifer um die gute Sache verdient haben. Laßt 
 euch durch ihr Gerede nicht an uns irremachen und gebt den 
 Griechen ein Beispiel, daß es bei euch nicht auf Worte, sondern 
 auf Taten ankommt. Sind die danach, so bedarf eS nicht 
 vieler Worte; hapert es aber da, so muß man sich hinter 
 Phrasen verstecken und zu Redekünsten seine Zuflucht nehmen. 
 Wenn ihr aber als Vormacht des Bundes immer so kurz und 
 bündig verfahrt wie diesmal, so wird sich so leicht niemand 
 wieder gemüßigt sehen, sein Unrecht durch lange Reden zu 
 beschönigen."

So die Thebaner. Die Lakedämonier aber glaubten als 
 Richter die Frage, was sie im Laufe des Krieges für sie ge­ 
 tan, sachgemäß gestellt zu haben. Denn da sie schon vorher 
 ihre Aufforderung, sich im Sinne des alten, nach dem Perser­ 
 kriege mit Pausanias geschlossenen Bündnisses stillzuhalten, 
 und dann auch den ihnen vor Beginn der Belagerung ge­ 
 machten Vorschlag, neutral zu bleiben, zurückgewiesen hatten, 
 so waren sie ihrer Ansicht nach durch die Ablehnung dieses be­ 
 rechtigten Verlangens bereits bundbrüchig und ihre Feinde ge­ 
 worden. Sie ließen sie also nochmals einzeln vortreten und 
 ihnen die Frage vorlegen, ob sie im Laufe des Krieges etwas 
 für die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen getan hätten, 
 
 und wenn sie die verneinten, abführen und hinrichten, und 
 zwar alle bis auf den letzten Mann. Im ganzen töteten sie 
 mehr als zweihundert Platäer und die fünfundzwanzig Athener, 
 welche die Belagerung mitausgehalten hatten, die Weiber aber 
 verkauften sie in die Sklaverei. Die Stadt überließen die 
 Thebaner ein Jahr lang den bei einem Aufruhr aus ihrer 
 Heimat vertriebenen Megarern und ihren noch übriggebliebenen 
 alten Anhängern aus Platää. Später aber zerstörten sie die 
 Stadt von Grund aus und bauten neben dem Heratempel eine i 
 Herberge von zweihundert Fuß Länge, oben und unten ringsum ^ 
 mit Zimmern darin, zu der sie Dachsparren und Türflügel aus 
 Platää verwandten. Aus dem, was es sonst an Hausgerät, 
 Erz und Eisen in der Stadt gab, machten sie Ruhebetten und 
 weihten sie der Hera, der sie einen steinernen Tempel von 
 hundert Fuß Länge erbauten. Das Land machten sie zu Staats- 
 eigentum und verpachteten es auf zehn Jahre für Rechnung 
 der Thebaner. Wie denn die Lakedämonier überhaupt, wohl, 
 um den Thebanern zu gefallen, so hart gegen die Platäer ge­ 
 wesen waren, weil sie auf deren Freundschaft damals, wo der 
 Krieg im vollen Gange war, großen Wert legten. So endete 
 Platää, im dreiundneunzigsten Jahre, nachdem es dem Athe­ 
 nischen Bunde beigetreten war.

Die den Lesbiern zu Hilfe gesandten vierzig peloponne­ 
 sischen Schiffe, welche auf der Flucht in offener See von den 
 Athenern verfolgt und durch einen Sturm nach Kreta ver­ 
 schlagen waren, gelangten von dort einzeln wieder nach dem 
 Peloponnes, wo sie in Kyllene dreizehn leukadische und am­ 
 prakische Trieren trafen, und wo auch Brasidas, Tellis' Sohn, 
 als Beirat deS Alkidas sich eingefunden hatte. Die Lake­ 
 dämonier beabsichtigten nämlich nach dem verfehlten Unter­ 
 nehmen auf Lesbos, ihre Flotte zu vermehren und damit nach 
 Kerkyra, wo damals zwei Parteien im Kampfe lagen, zu fahren, 
 bevor die Athener, die augenblicklich bei Naupaktos nur zwölf 
 Schiffe hatten, weitere Verstärkungen aus Athen dorthin 
 schicken würden. Und damit waren Brasidas und Alkidas 
 eben jetzt beschäftigt.

In Kerkyra waren nämlich nach der Rückkehr ihrer in 
 den Seeschlachten wegen Epidamnos in Gefangenschaft ge­ 
 ratenen Landsleute Parteikämpfe ausgebrochen. Die Ge­ 
 fangenen waren von den Korinthern freigelassen, angeblich 
 gegen eine von ihrem dortigen Staatsgatsfreunde übernommene 
 Bürgschaft von achthundert Talenten, in der Tat aber, weil 
 sie sich anheischig gemacht hatten, Kerkyra auf ihre Seite zu 
 ziehen. Die gingen auch bei den Bürgern von Haus zu Haus 
 und suchten die Stadt von den Athenern abwendig zu machen. 
 Inzwischen war sowohl ein athenisches wie ein korinthisches 
 Schiff mit Gesandten an Bord in Kerkyra eingetroffen, und 
 nachdem diese zu Wort gekommen, hatten die Kerkyräer be­ 
 schlossen, an dem Bündnis mit den Athenern zwar festzuhalten, 
 sich aber doch auch wie früher wieder freundlich zu den Pelo­ 
 ponnesiern zu stellen. An der Spitze der demokratischen Partei 
 stand damals ein gewisser Peithias, der zugleich sozusagen 
 freiwilliger Staatsgastfreund der Athener war. Den klagten 
 jene Herren an, er wolle Kerkyra unter athenische Herrschaft 
 bringen. Er wurde jedoch freigesprochen, verklagte nun aber 
 seinerseits die fünf Reichsten unter ihnen, weil sie im heiligen 
 Haine des Zeus und des Alkinoos Weinpfähle gehauen hätten. 
 Darauf aber stand ein Stater Strafe für jeden Pfahl. Sie 
 wurden auch verurteilt, flüchteten sich aber in die Tempel und 
 baten, ihnen bei der Höhe der Strafe wenigstens zu gestatten, 
 sie in selbstgewählten Fristen abzuzahlet. Peithias aber, der 
 damals grade selbst dem Rate angehörte, setzte durch, daß es 
 bei der gesetzlichen Strafe sein Bewenden behielt. Nachdem 
 ihr Gesuch als unzulässig abgeschlagen war und sie überdies 
 erfuhren, daß Peithias beabsichtige, noch vor Ablauf seiner 
 Amtszeit ein Schutz- und Trutzbündnis mit Athen beim Volke 
 durchzusetzen, drangen sie und ihre Anhänger mit Dolchen be­ 
 waffnet plötzlich in den Rat und ermordeten Peithias und 
 gegen sechzig andere Ratsherren und Bürger mit ihm. Nur 
 wenigen seiner Anhänger gelang es, auf das noch im Hafen 
 liegende athenische Kriegsschiff zu entkommen.

Nach vollbrachter Tat riefen sie die Kerkyräer zusammen 
 
 und sagten ihnen, es sei nur zu ihrem Besten geschehen und 
 notwendig gewesen, um nicht unter die Knechtschaft der Athener 
 zu geraten. Von nun an solle man beiden Teilen die Häfen 
 verschließen; kämen sie nur mit einem Schiffe, so könne man 
 sich das gefallen lassen, wenn aber mit mehreren, so seien sie 
 als Feinde zu behandeln. Auch nötigten sie sie gleich, ihren 
 Vorschlag anzunehmen. Nach Athen aber schickten sie sofort 
 Gesandte, um den Vorfall in ihrem Sinne darzustellen, auch 
 ihre dahin geflüchteten Mitbürger zu stempeln, nichts aus der 
 Sache zu machen, damit ihnen die Athener nicht anf die 
 Kappe kämen.

In Athen aber ließ man sowohl die Gesandten wie die 
 Flüchtlinge, die sich mit ihnen eingelassen, als Aufrührer ver­ 
 haften und nach Ägina bringen. Inzwischen schritt die zur 
 Herrschaft gelangte Partei in Kerkyra, nachdem dort ein 
 korinthisches Kriegsschiff mit einer lakedämonischen Gesandt­ 
 schaft angekommen war, zu einem offenen Angriff auf das 
 Volk und trieb es mit Waffengewalt auseinander. Mit Ein­ 
 bruch der Nackt aber zog sich das Volk in die Burg und die 
 oberen Stadtteile zurück, setzte sich hier in Masse fest und 
 bemächtigte sich auch des hylläifchen Hafens. Die Gegner 
 aber behaupteten den Markt, wo die meisten von ihnen ihre 
 Häuser hatten, und den daran stoßenden Hafen dem Festlande 
 gegenüber.

Am folgenden Tage kam es zu ein paar kleinen Schar­ 
 mützeln, und beide Teile schickten ans dem Lande umher und 
 suchten die Sklaven, denen sie die Freiheit versprachen, auf 
 ihre Seite zu ziehen. Die Sklaven schlossen sich fast alle dem 
 Volke an, die Gegenpartei erhielt jedoch vom Festlande einen 
 Zuzug von achthundert Mann.

Erst am zweiten Tage begann der Kampf von neuem, 
 und diesmal siegte das Volk, dem die Hrtlichkeit und seine 
 Überzahl zustatten kam. Auch die Weiber beteiligten sich eifrig 
 daran, warfen Ziegel von den Häusern und hielten im Toben 
 des Kampfes heldenmütig aus. Besiegt, wie sie waren, fürchteten 
 die Gegner bei Einbruch der Nacht, das Volk könne sich im 
 
 ersten Ansturm der Schiffswerft bemächtigen und sie alle nieder­ 
 machen. Um ihm den Weg zu versperren, steckten sie deshalb 
 rings um den Markt herum die Bürgerhäuser und Miet­ 
 wohnungen in Brand, wobei sie weder ihre eigenen noch 
 fremde Häuser vershconten, so daß viel Kaufmannsgut mit 
 draufging und wahrscheinlich die ganze Stadt ein Raub der 
 Flammen geworden wäre, wenn der Wind das Feuer auf sie 
 zugetrieben hätte. Nach Beendigung des Kampfes hielten sich 
 beide Teile ruhig und blieben über Nacht auf ihrer Hut. Das 
 korinthische Schiff machte sich nach dem Siege des Volkes in 
 aller Stille auf und davon, und auch jene Freishcaren zogen 
 größtenteils unbemerkt wieder nach dem Festlande ab.

Tags darauf kam Nikostratos, Diitrephos' Sohn, der athe- 
 nische Feldherr, aus Naupaktos mit zwölf Schiffen und fünf­ 
 hundert messenischen Hopliten in Kerkyra an. In dem Wunsche, 
 die Sache friedlich beizulegen, empfahl er den Kerkyräern, sich 
 zu vertragen, die zehn bereits flüchtigen Hauptschuldigen zu 
 verurteilen, im übrigen aber den Streit zu begraben, um wieder 
 miteinander im Frieden zu leben und ein Schutz- und Trutz­ 
 bündnis mit den Athenern zu schließen. Als er das glücklich 
 fertiggebracht hatte und wieder abfahren wollte, baten ihn die 
 Häupter der Volkspartei, ihnen fünf seiner Schiffe zu lassen, 
 um die Gegner besser in Schach halten zu können, wogegen 
 sie ihm eine gleiche Zahl ihrer eigenen Schiffe bemannen und 
 mitgeben wollten. Er erklärte sich damit auch einverstanden, 
 sie aber nahmen die Mannschaft für die Schiffe nur auS der 
 Gegenpartei. Die Leute fürchteten jedoch, sie sollten nach 
 Athen gebracht werden, und flüchteten in den Tempel der 
 Dioskuren. Nikostratos aber hieß sie von dort aufstehen und 
 suchte sie zu beruhigen. Als ihm das nicht gelang, griff das 
 Volk zu den Waffen, weil es hinter der mißtrauischen Weige­ 
 rung, mitzufahren, böse Absichten witterte, drang in die Häuser 
 der Gegner und würde wahrscheinlich auch einige von ihnen, 
 die ihm in den Wurf kamen, umgebracht haben, wenn Niko­ 
 stratos es nicht verhindert hätte. Als die übrigen das sahen, 
 flüchteten sie sich in den Tempel der Hera, ihrer über vier­ 
 
 hundert an der Zahl. Das Volk aber, das neues Blutvergießen 
 fürchtete, bewog sie durch gute Worte, herauszukommen, und 
 brachte sie auf der Insel vor dem Heratempel unter, wo ihnen 
 Lebensmittel verabreicht wurden.

In diesem Stadium des Parteikampfes, am vierten oder 
 fünften Tage, nachdem die Leute auf die Insel gebracht worden 
 waren, traf die peloponnesische Flotte, dreiundfuufzig Segel 
 stark, von Kyllene ein, wo sie seit ihrer Rückkehr aus Jouien 
 vor Anker gelegen hatte. Den Oberbefehl führte nach wie vor 
 Alkidas, als dessen Beirat Brasidas mitfuhr. Sie ging zunächst 
 im Hafen Sybota am Festlande vor Anker und setzte bei 
 Tagesanbruch die Fahrt nach Kerkyra fort.

Hier aber, wo man sich jetzt nicht nur von der Gegen­ 
 partei, sondern auch von einer feindlichen Flotte bedroht sah, 
 geriet man in die größte Bestürzung, brachte auch gleich sechzig 
 Schiffe zu Wasser und schickte sie, sobald die Mannschaft an 
 Bord war, eins nach dem anderen einzeln gegen den Feind, 
 obgleich die Athener dazu rieten, zunächst sie allein vorgehen 
 zu lassen und selbst erst hinterher mit allen Schiffen zusammen 
 nachzukommen. Wie nun die Schiffe so einzeln an den Feind 
 kamen, gingen gleich zwei von ihnen über, auf anderen geriet 
 die Mannschaft unter sich in Streit, und von Ordnung war 
 dabei keine Rede. Als die Peloponnesier die Unordnung ge­ 
 wahr wurden, wandten sie sich mit zwanzig Schiffen gegen die 
 Kerkyräer, mit den übrigen gegen die zwölf athenischen Schiffe, 
 von denen zwei die „Salaminia" und die „Paralos" waren.

Den Kerkyräern selbst mit ihren verfehlten und zer- 
 splitterten Angriffen ging es übel genug. Die Athener aber, 
 welche sich aus Furcht vor einer Umfassung durch die Überzahl 
 der Schiffe nicht getrauten, den Angriff auf die ganze Flotte 
 oder die Mitte der feindlichen Stellung zu richten, warfen sich 
 auf einen Flügel und bohrten den Feinden ein Schiff in den 
 Grund. Als diese hierauf einen Kreis bildeten, ruderten sie 
 um sie herum und suchten sie in Verwirrung zu bringen. Als 
 die peloponnesischen Schiffe den Kerkyräern gegenüber das be­ 
 merkten und fürchteten, eS könne ein zweites Naupaktos geben, 
 
 kamen sie den anderen zu Hilfe, und nun ging die ganze ver­ 
 einigte Flotte gegen die Athener vor. Darauf ruderten die 
 Athener rückwärts, und zwar ganz langsam, um die Feinde 
 festzuhalten und den Kerkyräern auf der Flucht einen möglichst 
 großen Vorsprung zu vershcaffen. Damit endete die Schlacht 
 gegen Sonnenuntergang.

Die Kerkyräer aber hatten aus Furcht, die Feinde könnten 
 nach ihrem Siege mit der Flotte vor die Stadt kommen, die 
 Leute auf der Insel aufnehmen oder sonstwie Partei für sie 
 ergreifen, diese von der Insel wieder in den Heratempel 
 bringen und die Stadt gut bewachen lassen. Indessen fanden 
 die Feinde trotz der siegreichen Schlacht nicht den Mut, an 
 die Stadt zu kommen, sondern zogen mit dreizehn erbeuteten 
 kerkyräischen Schiffen Heder nach dem Festlande ab, von wo 
 sie gekommen waren. Ebensowenig unternahmen sie am 
 folgenden Tage etwas gegen die Stadt, obgleich dort Furcht 
 und Schrecken herrschte und Brasidas, wie es heißt, dazu ge­ 
 raten hatte; aber nicht er, sondern Alkidas hatte das ent­ 
 scheidende Wort. Doch kam es zu einer Landung beim Vor­ 
 gebirge Leukimme, wo sie das Land verheerten.

Unterdessen versuchte das Volk in Kerkyra aus Furcht vor 
 einem Überfall der Flotte sich mit den Flüchtlingen im Tempel 
 und der Gegenpartei über Maßregeln zum Schutz der Stadt 
 zu verständigen, und einige davon ließen sich auch bereitfindet, 
 mit zu Schiff zu gehen. Bei alledem bemannte man nämlich 
 noch dreißig Schiffe. Die Peloponnesier aber, welche bis 
 Mittag das Land verheert hatten und darauf wieder abgefahren 
 waren, erhielten bei Einbruch der Nacht durch Feuerzeichen 
 die Meldung, daß sechzig athenische Schiffe von Leukas her im 
 Ansegeln seien. Das waren die Schiffe, welche die Athener 
 auf die Nachricht von dem Aufruhr in Kerkyra und Alkidas' 
 Absicht, mit der Flotte dahin abzugehen, unter Eurymedon, 
 Thukles' Sohn, ausgeschickt hatten.

Noch in der Nacht brachen die Peloponnesier in aller 
 Eile auf und machten sich an der Küste entlang auf den Rück­ 
 weg. Bei Leukas zogen sie, um bei der Fahrt um die Insel 
 
 nicht gesehen zu werden, ihre Schiffe über die Nehrung und 
 kamen auch glücklich nach Hause. Als die Kerkyräer hörten, 
 daß die athenische Flotte im Ansegeln nnd die feindliche ab­ 
 gezogen sei, nahmen sie die Messenier, die bis dahin draußen 
 gelegen hatten, in die Stadt auf und ließen die von ihnen be­ 
 mannten Schiffe nach dem hylläischen Hafen herumfahren, 
 töteten auch auf der Fahrt alles, was ihnen von Gegnern in 
 die Hände fiel. Die Leute, welche sich auf ihr Zureden zum 
 Schiffsdienst verstanden hatten, setzten sie wieder an Land und 
 brachten sie um. Dann zogen sie nach dem Heratempel und 
 überredeten etwa fünfzig der darin befindlichen Flüchtlinge, 
 sich einem gerichtlichen Verfahren zu unterwerfen, und ver­ 
 urteilten sie alle zum Tode. Die meisten aber, die sich dem 
 nicht unterworfen hatten und nun sahen, wie es den anderen 
 erging, brachten einander im Heiligtum um, erhängten sich an 
 den Bäumen oder nahmen, so gut eben jeder konnte, sich selbst 
 das Leben. Sieben Tage, solange Eurymedon nach seiner 
 Ankunft mit den sechzig Schiffen dort blieb, währte das Morden 
 der Kerkyräer gegen alle, welche ihrer Meinung nach in der 
 Stadt zu ihren Gegnern gehörten. War es dabei zunächst nur 
 auf diejenigen abgesehen, die den Sturz der Demokratie ver­ 
 schuldet, so wurden doch auch manche aus Privatfeindschaft 
 oder Gläubiger von ihren Schuldnern umgebracht. Ein grausiger 
 Zug des Todes! Was immer bei solchen Gelegenheiten Ent­ 
 setzliches vorzukommen pflegt, wurde hier womöglich noch über­ 
 boten. Väter töteten ihre Söhne; die Menschen wurden von 
 den Altären gerissen und an den Stufen niedergemacht. Einige 
 mauerte man im Tempel des Dionysos ein und ließ sie darin 
 verschmachten.

Zu solch wilder Wut artete der Parteikamps aus, und das 
 machte damals um so tieferen Eindruck, weil es hier eigentlich 
 zum erstenmal vorkam. Später ging es dann freilich in ganz 
 Griechenland sozusagen drunter und drüber, da es überall 
 Parteikämpfe gab, in denen die Führer der Volkspartei die 
 Athener, die Oligarchen aber die Lakedämonier zu Hilfe riefen. 
 Im Frieden hätte man dazu wahrscheinlich weder Veranlassung 
 
 noch Neigung gehabt, jetzt aber, wo sie miteinander im Kriege 
 lagen, bot sich in solchen Kämpfen beiden Parteien die beste 
 Gelegenheit, sich auf diese Weise zur Unterdrückung der Gegen­ 
 partei und zur Befestigung der eigenen Macht fremde Hilfe 
 zu verschaffen. Es waren schwere Leiden, welche damit über 
 die Städte hereinbrachen, Leiden, wie sie freilich in solchen 
 Parteikämpfen je nach Umständen mehr oder weniger zu allen 
 Zeiten vorgekommen sind und vorkommen werden, solange die 
 menschliche Natur dieselbe bleibt. In Frieden und guten Tagen, 
 wo die bittere Not noch nicht an sie herantritt, sind die 
 Staaten wie die Menschen so böse nicht; wenn aber der Krieg 
 sie in die harte Schule nimmt und ihnen ungewohnte Ent­ 
 behrungen auferlegt, entfesselt er damit auch die Leidenschaften 
 der Menge. Dieser beständige Parteikampf in den Städten, 
 und was man von den Dingen hörte, die dabei früher schon 
 vorgekommen, trug nicht wenig dazu bei, die Sinnesart der 
 Menschen völlig umzuwandeln und dem Gegner gegenüber jede 
 Art von Hinterlist und maßloser Rache für erlaubt zu halten. 
 Selbst die gewöhnliche Bedeutung der Wörter änderte man 
 nach Belieben. Unverschämtheit hieß Freiheit und Brüderlich­ 
 keit, vernünftige Überlegung bloße Feigheit, der besonnene 
 Mann war ein Hasensuß, der Bedächtige eine Schlafmütze, 
 tolles Zufahren männlich, ruhiges Nachdenken nur ein Vor- 
 wand, sich zu drücken. Wer auf alles schimpfte, war gesinnungs­ 
 tüchtig, und wer ihm widersprach, verdächtig. Wem ein hinter­ 
 listiger Streich gegen einen anderen geglückt war, galt für 
 klug, für noch klüger aber der andere, der sich nicht hatte 
 hinters Licht führen lassen, und wer sich auf dergleichen über­ 
 haupt nicht einließ, war ein Duckmäuser und eine Bange­ 
 büchse. Wer einem ihm zugedachten Streich zuvorkam oder 
 jemand dazu anstiftete, einem anderen einen solchen Streich zu 
 spielen, der wurde gerühmt. Die Partei war ein festeres 
 Band als selbst die Verwandtschaft, weil bei ihr auf unbedingte 
 Bereitwilligkeit zu jedem Wagnis zu zählen war. Solchen 
 Verbindungen war es nicht um Förderung erlaubter Zwecke, 
 sondern um gesetzwidrige Erweiterung ihrer Macht und ihres 
 
 Einflusses zu tun; man verband sich nicht, um die göttlichen 
 Gesetze zu halten, sondern um sie zu brechen. Versöhnliche 
 Anerbietungen der Gegner nahm man an, wenn sie die Ober­ 
 hand hatten, aber nicht auf Treu und Glauben, sondern nur 
 gegen handfeste Sicherheit. Sich zu rächen, galt für ehren- 
 voller, als sich nichts gefallen zu lassen. Eide, die man einander 
 bei einer Aussöhnung etwa geleistet hatte, betrachtete man nur 
 als einstweiligen Notbehelf und hielt sich dadurch nicht länger 
 für gebunden, bis man anderweit wieder zu Kräften gekommen 
 war. Wer sich dann zufällig zuerst wieder MannS genug 
 fühlte, rächte sich an dem Gegner weit lieber in einem un­ 
 bewachten Augenblick, wo er sich sicher fühlte, als in offenem 
 Kampfe; denn dabei konnte er nicht nur gewisser auf Erfolg 
 rechnen, sondern auch auf den Ruhm, den Gegner durch 
 Schlauheit überlistet zu haben. Die meisten Menschen wollen 
 aber lieber, daß man sie für gescheite Bösewichter als für 
 ehrliche Dummköpfe hält; denn hierüber schämen sie sich, darauf 
 aber tun sie sich was zugute. Schuld an alledem war das 
 Umsichgreifen der Mächtigen und die Leidenschaft, womit sie 
 den Kampf um die Herrschaft führten. Denn während die 
 Häupter beider Parteien in den Städten die schönen Namen 
 Gleichberechtigung aller oder gemäßigte Aristokratie im Munde 
 führten und für das Wohl der Stadt zu kämpfen behaupteten, 
 stritten sie in der Tat nur miteinander um die Herrschaft, 
 schreckten dabei vor keinem Mittel zurück und übten ohne Rück­ 
 sicht auf Recht und Gemeinwohl in fanatischer Parteiwut 
 maßlose Rache an den Gegnern, die sie unbedenklich durch un­ 
 gerechte Abstimmung verurteilen ließen oder mit Gewalt zu 
 Boden schlugen. Gottesfurcht war ein leerer Wahn und jede 
 unter hochtönenden Phrasen verübte Untat ein neuer Ruhmes­ 
 titel. Diejenigen Bürger aber, die es mit keiner Partei 
 hielten, wurden von beiden mißhandelt, teils weil sie nicht 
 mitmachten, teils weil man ihnen nicht gönnte, daß sie un­ 
 geschoren blieben.

So waren in Griechenland infolge der Parteikämpfe Hinter­ 
 list und Tücke jederart im Schwange, redliche Einfalt aber. 
 
 welche mit Adel der Gesinnung so eng zusammenhängt, wurde 
 verlacht und war verschwunden. Fast überall standen sich die 
 Parteien feindlich und mißtrauisch einander gegenüber. Auch 
 die feierlichsten Versicherungen und furchtbare Eide änderten 
 daran nichts; denn über Treu und Glauben war man längst 
 erhaben. Einer traute dem anderen nicht über den Weg, und 
 jeder mußte sehen, wie er sich selbst vor Schaden hütete. Und 
 grade die geistig unbedeutenderen Persönlichkeiten behielten 
 dabei meist die Oberhand; denn im Bewußtsein ihrer Schwäche 
 und aus Furcht, von ihren überlegenen Gegnern auf der 
 Rednerbühne aus dem Felde geschlagen oder durch deren 
 größere Gewandtheit in die Falle gelockt zu werden, griffen 
 sie lieber gleich zu Gewaltmaßregeln. Die anderen aber, die 
 in ihrem Hochmut meinten, ihnen schon auf den Dienst passen 
 und mit ihrer Klugheit auch ohne Gewalt auskommen zu 
 können, waren nicht genug auf ihrer Hut und kamen darüber 
 um so eher zu Fall.

1 Mit diesem Unfug machte man großenteils in Kerkyra 
 den ersten Versuch, mag man nun auf die Handlungen der 
 Rache sehen, welche sie an ihren Regenten verübten, die in 
 dieser Stellung mehr Stolz und Übermut als kluge Mäßigung 
 bewiesen und den Anfang mit harten Ahndungen machten; 
 oder auf die ungerechten Maßregeln, wozu andere die Begierde, 
 sich aus ihrer bisherigen Dürftigkeit zu reißen, oder vielmehr 
 die Sehnsucht nach ihres Nächsten Eigentum verleitete, oder 
 auf die unbändige Hitze, wodurch sich diejenigen, welche nicht 
 in der Absicht, sich zu bereichern, sondern wirklich das Recht zu 
 handhaben, jemandem zu Leibe gingen, hinreißen ließen, höchst 
 grausam und unerbittlich mit ihnen umzugehen. Bei dieser 
 allgemeinen Verwirrung in der Stadt, wo die Gesetze von den 
 natürlichen Neigungen der Menschen, die schon gewohnt sind, 
 auch bei wirklicher Gültigkeit der Gesetze doch dagegen zu 
 sündigen, gänzlich besiegt wurden, zeigte sich's frei, daß der 
 
 Mensch, so wie er von Natur beschaffen ist, nicht Meister über 
 seine Leidenschaften sei, daß er sich nicht durch Begriffe von 
 der Gerechtigkeit in Schranken halten lasse, und daß er keinen 
 über sich leiden könne. Gewiß, man würde nicht die heiligsten 
 Pflichten dem Vergnügen an der Rache, noch das Bewußtsein, 
 niemand unrecht getan zu haben, zeitlichen Vorteilen aufopfern, 
 wo nicht der Neid eine so schädliche Gewalt über die Menschen 
 hätte. So aber pflegen die Menschen die allgemeinen Gesetze 
 dieser Art, auf welche sich alle Hoffnung ihrer eigenen Rettung, 
 wenn es ihnen mißlich geht, gründet, sobald es darauf an­ 
 kommt, sich an anderen zu rächen, gänzlich aufzuheben und 
 sich also selbst auf den Fall, daß sie etwan im Notstande der­ 
 selben benötigt sein sollten, ihren Schutz entziehen.^

Hier also zum erstenmal wüteten die Kerkyräer in der 
 Stadt mit solcher Leidenschaft gegeneinander; Eurymedon und 
 seine Athener aber fuhren mit ihren Schiffen wieder ab. 
 Später bemächtigten sich die kerkyräischen Flüchtlinge, deren 
 gegen fünfhundert entkommen waren, einiger fester Plätze auf 
 dem Festlande und damit der Herrschaft über das dortige 
 städtische Gebiet, unternahmen von da Raubzüge nach der 
 Insel und taten den Einwohnern vielen Schaden, so daß in 
 der Stadt große Hungersnot entstand. Sie schickten auch nach 
 Lakedämon und Korinth und baten, sie nach Kerkyra zurückzu­ 
 führen. Als sie damit keinen Erfolg hatten, versahen sie sich 
 bald nachher selbst mit Schiffen und Soldaten und setzten 
 damit, im ganzen etwa sechshundert Mann, nach der Insel 
 über. Damit ihnen nichts übrigbleibe als die Eroberung des 
 Landes, steckten sie ihre Schiffe in Brand und zogen dann auf 
 den Berg Jstone, wo sie eine Burg erbauten, von der sie die 
 Stadt in Athem hielten und das platte Land beherrschten.

Gegen Ende desselben Sommers schickten die Athener 
 zwanzig Schiffe unter Laches, Melanopos' Sohn, und Charriades, 
 Euphiletos' Sohn, nach Sizilien. Die Syrakuser und die 
 Leontiner waren nämlich miteinander im Kriege. Zu den 
 Syrakusern hielten alle dorischen Städte mit Ausnahme von 
 Kamarina, die sich ja auch gleich bei Beginn des Krieges dem 
 
 Lakedämonischen Bunde angeschlossen, wenn auch bisher am 
 Kriege nicht beteiligt hatten, zu den Leontinern aber Kamarina 
 und die chalkidischen Städte. In Italien hielten es die Lokrer 
 mit Syrakus, die Rhegier der Verwandtschaft wegen mit den 
 Leontinern. Da die leontinischen Bundesgenossen zu Lande 
 und zur See den Syrakusern gegenüber den kürzeren zogen, 
 hatten sie Gesandte nach Athen geschickt und die Athener ge­ 
 beten, ihnen als Joniern und alten Freunden Schiffe zu schicken. 
 Die Athener schickten ihnen auch die Schiffe, und zwar angeb­ 
 lich mit Rücksicht auf die alte Freundschaft, in der Tat aber, 
 um die Getreidezufuhr von dort nach dem Peloponnes zu ver­ 
 hindern und auch um vorläufig mal zu versuchen, ob sie die 
 Hand nicht auf Sizilien legen könnten. Sie landeten bei 
 Rhegion in Italien und beteiligten sich von hier aus am 
 Kriege ihrer Bundesgenossen. Damit endete der Sommer.

Im folgenden Winter trat in Athen die Pest zum zweiten­ 
 mal auf, die zwar niemals ganz aufgehört, aber doch eine 
 Zeitlang erheblich nachgelassen hatte. Diesmal dauerte sie ein 
 volles Jahr und das vorige Mal zwei Jahre, so daß die 
 Macht der Athener durch nichts mehr geschwächt wurde als 
 durch diese Krankheit; denn von der Mannschaft bei den Fahnen 
 waren ihnen mindestens viertausend Hopliten und dreihundert 
 Reiter, von der übrigen Bevölkerung aber Unzählige daran 
 gestorben. Damals traten auch vielfach Erdbeben ein, in 
 Athen, auf Euboia, in Böotien, besonders dem böotischen 
 Orchomenos. -

Die Athener in Sizilien und die Rhegier unternahmen 
 in diesem Winter mit dreißig Schiffen einen Zug nach den 
 Aolischen Inseln, was im Sommer Wassermangels wegen nicht 
 möglich war. Diese Inseln werden von Liparäern, knidischen 
 Kolonisten, bebaut, die jedoch nur eine ziemlich kleine, namens 
 Lipara, bewohnen, von wo aus sie auch die übrigen, Didyme, 
 Strongyle und Hiera, bebauen. Die Leute dort glauben, auf 
 Hiera sei die Schmiede des Hephaistos, weil man des NachtS 
 eine Feuersäule und bei Tage Rauch von der Insel aufsteigen 
 steht. Die Inseln liegen dem Lande der Sikeler und der 
 
 Messenier gegenüber und waren damals mit Syrakus verbündet. 
 Die Athener verwüsteten die Felder und fuhren darauf, da 
 die Einwohner sich nicht ergeben wollten, nach Rhegion zurück. 
 Damit endete der Winter und das fünfte Jahr deS Krieges, 
 den Thukydides beschrieben hat.

Im folgenden Sommer wollten die Peloponnesier und 
 ihre Verbündeten unter König Agis, Archidamos' Sohn, wieder 
 nach Attika einfallen, kamen auch bis' auf den Isthmus, kehrten 
 aber der vielen Erdbeben wegen wieder um, so daß aus dem 
 Einfall nichts wurde. In dieser Zeit beständiger Erdbeben 
 ergoß sich bei Orobiai auf Euboia eine mächtige Flutwelle 
 aus der See, die vorher zurückgewichen war, über einen Teil 
 der Stadt, wobei das Wasser zum Teil die Stadt verschlang, 
 zum Teil wieder zurückströmte, so daß dort jetzt See ist, wo 
 früher Land war. Auch viele Menshcen, die sich nicht schnell 
 genug auf die Höhen retten konnten, kamen dabei ums Leben. 
 Eine ähnliche Flut trat an der der Küste der opuntischen Lokrer 
 gegenüberliegenden Insel Atalanta ein, durch welche ein Teil 
 der athenischen Festungswerke weggerissen und von zwei auf 
 den Strand gezogenen Schiffen eins zertrümmert wurde. Auch 
 bei Peparethos wich die See etwas zurück, aber die Flutwelle 
 trat dann doch nicht ein; dagegen zerstörte das Erdbeben einen 
 Teil der Stadtmauer, das Prytaneum und eine Anzahl Häuser. 
 Meiner Ansicht nach erklärt sich die Sache so, daß die 
 Wassermasse da, wo der Erdstoß am stärksten ist, in der Richtung 
 deS Stoßes aus der Lage gedrängt wird, dann aber zurück­ 
 schnellt und sich mit um so größerer Gewalt über das Land 
 ergießt. Daß so was auch ohne Erdbeben eintreten könnte, 
 möchte ich nicht glauben.

In Sizilien gab es in diesem Sommer Krieg an allen 
 Ecken und Enden; sowohl die dortigen Griechen unter sich als 
 auch die Athener mit ihren Bundesgenossen standen im Felde. 
 Ich erwähne nur das Wichtigste, was von den Athenern und 
 ihren Bundesgenossen sowie von deren Gegnern gegen die 
 Athener unternommen wurde. Der athenische Feldherr Char­ 
 riades war im Kriege gegen die Syrakuser bereits gefallen. 
 
 Laches, der jetzt den Oberbefehl über die ganze Flotte führte, 
 zog nun mit den Bundesgenossen gegen die messenische Stadt 
 Mylai. Die Besatzung von Mylai bildeten zwei Abteilungen 
 Messenier, und diese hatten den von den Schiffen kommenden 
 Feinden einen Hinterhalt gelegt. Die Athener und ihre 
 Bundesgenossen aber schlugen die Leute aus dem Hinterhalt in 
 die Flucht, töteten viele davon und zwangen dann die Gegner 
 durch einen Angriff auf den Wall, die Burg vergleichsweise 
 zu übergeben und mit ihnen gegen Messene zu fechten. Die 
 Messenier aber mußten sich, als die Athener und ihre Ver­ 
 bündeten ihnen darauf vor die Stadt rückten, ebenfalls ergeben, 
 Geiseln stellen und sonstige Sicherheit gewähren.

In demselben Sommer schickten die Athener dreißig Schiffe 
 unter Demosthenes, Alkisthenes' Sohn, und Prokles, Theodoros' 
 Sohn, nach dem Peloponnes, und sechzig mit zweitausend 
 Hopliten unter Nikias, Nikeratos' Sohn, nach Melos. Sie 
 wollten nämlich die Melier, die sich auf ihrer Insel weder 
 ihrer Herrschaft unterwerfen noch ihrem Bunde beitreten 
 wollten, zum Anschluß zwingen. Da diese sich jedoch auch 
 nach Verheerung ihres Landes dazu nicht verstanden, fuhren 
 sie von Melos nach Oropos auf dem Festlande hinüber, wo 
 sie bei Nacht landeten. Von da marschierten die Hopliten so­ 
 gleich nach Tanagra in Böotien, wo das inzwischen aus der 
 Stadt unter Hipponikos, Kallias' Sohn, und Eurymedon, 
 Thukles' Sohn, auf ein gegebenes Zeichen zu Lande aufge­ 
 brochene Hauptheer der Athener zu ihnen stieß. Bei Tanagra 
 bezogen sie ein Lager, verheerten an dem Tage das Land und 
 blieben dort auch über Nacht. Am folgenden Tage schlugen 
 sie einen Ausfall der durch eine Anzahl Thebaner verstärkten 
 Tanagräer siegreich zurück, erbeuteten die Waffen der Gefallenen 
 und errichteten ein Siegeszeichen; darauf zogen sie wieder ab, 
 die einen nach der Stadt, die anderen auf die Schiffe. Nikias 
 mit seinen sechzig Schiffen kreuzte noch eine Zeitlang an der 
 lokrischen Küste und richtete dort Verheerungen an, kehrte dann 
 aber auch nach Hause zurück.

Um diese Zeit gründeten die Lakedämonier die Kolonie 
 
 Herakleia in TrachiS, und zwar aus folgender Veranlassung. 
 Die Melier im ganzen bestehen aus drei Teilen, den Paraliern, 
 Hieräern und Trachiniern. Von diesen wollten die Trachinier 
 nach einer im Kriege mit ihren Nachbarn, den Oitaiern, er­ 
 littenen schweren Niederlage sich anfangs den Athenern an­ 
 schließen, fanden das dann aber doch bedenklich und wandten 
 sich deshalb um Hilfe nach Lakedämon, wozu sie Tisamenos 
 als Gesandten wählten, dem sich zu gleichem Zweck eine Ge­ 
 sandtschaft aus Doris anschloß, dem Mutterlande der Lake­ 
 dämonier, wo man ebenfalls von den Oitaiern viel zu leiden 
 hatte. Infolgedessen beschlossen die Lakedämonier, zum Schutz 
 der Trachinier und der Dorier die Kolonie zu gründen. Zu­ 
 gleich schien ihnen die Stadt dort für den Krieg mit den 
 Athenern sehr gelegen, weil man dort unter Umständen eine 
 Flotte ausrüsten und damit auf kürzestem Wege nach Euboia 
 übersehen, aber auch Thrakien von da leicht erreichen könne. 
 Kurz, sie hielten es für gut, den Platz zu besetzen. Zunächst 
 befragten sie jedoch den Gott in Delphi, und da dieser zuriet, 
 schickten sie Lakedämonier und Periöken als Kolonisten hinaus, 
 stellten aber auch allen übrigen Griechen mit Ausnahme von 
 Joniern, Achäern und einigen anderen Völkerschaften anheim, 
 sich nach Belieben anzuschließen. Die Führung der Kolonie 
 übernahmen die drei Lakedämonier Leon, Alkidas und Damagon. 
 Nachdem sie sich dort niedergelassen, befestigten sie die Stadt 
 von neuem, die jetzt Herakleia heißt und ungefähr vierzig 
 Stadien von den Thermopylen und zwanzig von der See ent­ 
 fernt ist. Sie richteten auch Lagerplätze für Schiffe ein, und 
 zwar zuerst bei den Thermopylen selbst zur Sicherung des 
 Passes.

Die Athener erfüllte die Gründung der Stadt anfangs 
 mit Besorgnis, und sie meinten, daß eS wegen der Kürze der 
 Überfahrt nach Kap Kenaion dabei hauptsächlich auf Euboia 
 abgesehen sei. Es wurde aber damit doch nicht so schlimm, 
 wie sie befürchtet: denn gefährlich ist sie ihnen nie geworden. 
 Das kam davon, daß die thessalischen Machthaber jene Gegend 
 und die Stämme, in deren Land die Kolonie geführt worden 
 
 war, die Ankömmlinge aus Furcht, sie könnten ihnen über den 
 Kopf wachsen, beständig schädigten und bekriegten und schließ­ 
 lich nahezu aufrieben, so zahlreich sie anfangs auch gewesen 
 waren; denn da die Gründung von den Lakedämoniern aus­ 
 ging, hatte jedermann die Stadt für völlig sicher gehalten und 
 sich unbedenklich dort niedergelassen. Freilich trugen auch die 
 dortigen lakedämonischen Beamten wesentlich selbst die Schuld 
 an dem Mißgeschick der Kolonie und dem Rückgange der Be­ 
 völkerung, weil sie sich durch ihr herrisches Regiment verhaßt 
 machten und lauter Dummheiten begingen, so daß es den 
 Nachbarstämmen um so leichter wurde, die Kolonie unterzu­ 
 kriegen.

In demselben Sommer um die Zeit, wo die Athener in 
 Melos waren, hatten die Athener von den dreißig Schiffen am 
 Peloponnes erst bei Ellomenos in Leukadien aus einem Hinter­ 
 halt einen Teil der dortigen Besatzung niedergemacht; später 
 erschienen sie dann vor Leukas mit größeren Kräften, den 
 Akarnaniern, die sich ihnen mit Ausnahme der Oiniader mit 
 ihrem Heerbann angeschlossen hatten, Zakynthiern, Kepha­ 
 leniern und fünfzehn Schiffen aus Kerkyra. Die Leukadier 
 kamen, obwohl ihr Land zu beiden Seiten der Landenge, auf 
 der Leukas und der Tempel des Apollon liegt, verwüstet wurde, 
 nicht heraus, weil sie sich der Übermacht nicht gewachsen 
 fühlten. Die Akarnanier aber verlangten von Demotshenes, 
 dem athenischen Feldherrn, er solle die Stadt durch eine Mauer 
 einschließen, da sie glaubten, sie auf diese Weise leicht zu er­ 
 obern und damit eine ihnen von jeher feindliche Stadt loszu­ 
 werden. Zu gleicher Zeit schlugen ihm die Messenier vor, mit 
 dem unter seinem Befehl vereinigten großen Heere doch gleich 
 gegen die Atolier zu ziehen, die Feinde von Naupaktos, nach 
 deren Unterwerfung es ihm ein leichtes sein würde, auch die 
 übrige festländische Bevölkerung dort für Athen zu gewinnen. 
 Die Atolier wären allerdings ein zahlreiches und kriegerisches 
 Volk, führten aber nur leichte Waffen, wohnten auch in offenen, 
 weit auseinanderliegenden Ortschaften, so daß man ise', ehe 
 sie ihr Heer beisammen hätten, unschwer werde unterwerfen 
 
 können. Ihrer Meinung nach müsse er sich zuerst gegen die 
 Apodoter wenden, dann gegen die Ophioner und nach ihnen 
 gegen die Eurytaner, welche den größten Teil der Bevölkerung 
 Ätoliens bildeten, aber eine unverständliche Sprache sprächen 
 und angeblich rohes Fleisch äßen.

Demosthenes ging den Messeniern zu Gefallen auf den 
 Vorschlag ein. Er glaubte nämlich, auch ohne athenische 
 Truppen mit den Bundesgenossen vom Festlande und dann 
 noch durch die Htolier verstärkt zu Lande nach Böotien ziehen 
 und durch das Gebiet der ozolischen Lokrer nach dem dorischen 
 Kytinion und, dem ParnassoS zur Rechten, zu den Phokiern 
 gelangen zu können, die sich ihm als alte Freunde der Athener 
 wahrscheinlich anschließen würden, nötigenfalls dazu gezwungen 
 werden müßten. Phokien aber grenzt schon an Böotien. Gegen 
 den Wunsch der Akarnanier brach er dann auch mit dem 
 ganzen Heere von Leukas auf und fuhr an der Küste entlang 
 nach Sollion. Hier eröffnete er den Akarnaniern seinen Plan, 
 und als diese darauf nicht eingingen, unternahm er seinerseits 
 mit den übrigen Streitkräften, den Kephaleniern, Messeniern, 
 Zakynthiern und den dreihundert Seesoldaten von der athe­ 
 nischen Flotte - die fünfzehn Schiffe aus Kerkyra waren näm­ 
 lich wieder abgefahren -, den Zug gegen die Ätolier. Von 
 Oineon in Lokris setzte sich das Heer in Bewegung. Die 
 ozolischen Lokrer dort waren Bundesgenossen der Athener und 
 sollten sich mit ihrer ganzen Macht im Innern des Landes 
 dem Zuge anschließen. Denn da sie Nachbarn der Htolier, wie 
 diese bewaffnet, auch mit ihrer Kampfesweise und der Zärtlich­ 
 keit vertraut waren, so erschien ihre Teilnahme daran von be­ 
 sonderem Wert.

Er übernachtete mit dem Heere im Heiligtum des nemei­ 
 schen Zeus, wo der Dichter Hesiodos, dem sein Tod in Nemea 
 prophezeit worden war, von den Einwohnern erschlagen sein 
 soll, und trat bei Tagesanbruch den Marsch nach Ältolien an. 
 Gleich am ersten Tage nahm er Potidania, am zweiten Kroky­ 
 leion, am dritten Trichion, wo er haltmachte und die Beute 
 nach Eupalion in Lokris schickte. Er beabsichtigte nämlich, 
 
 wenn er die übrigen Landesteile unterworfen, zunächst auf 
 Naupaktos zurückzugehen und von da erst später gegen die 
 Ophioner zu ziehen, wenn sie ihm bis dahin nicht von selbst 
 kämen. Den Atoliern war sein Vorhaben von vornherein kein 
 Geheimnis geblieben. Sobald das Heer ihnen ins Land ge­ 
 fallen war, erschienen sie in hellen Haufen gleich alle im Felde, 
 und selbst die Bomieer und Kallieer, ganz hinten aus dem 
 Ophionerlande, deren Sitze sich bis an die Melische Bucht er­ 
 streckten, hatten sich mit ihrer Mannschaft eingefunden.

Die Messenier aber blieben Demotshenes gegenüber noch 
 immer bei ihrer früheren Meinung und stellten ihm vor, mit 
 den Ätoliern könne er leicht fertig werden, er möge nur mög­ 
 lichst schnell von Ort zu Ort ziehen und einen nach dem 
 anderen einzunehmen suchen, bevor sie sich ihm mit vereinten 
 Kräften entgegenstellten. Demotshenes glaubte ihnen auch und 
 rechnete auf sein gutes Glück. Da sich kein Feind sehen ließ, 
 rückte er, ohne die Lokrer abzuwarten, die er bei seinem Mangel 
 an leichten Speerschützen grade sehr nötig gehabt hätte, vor 
 Aigition und nahm es mit Sturm. Die Einwohner hatten sich 
 nämlich davongemacht und in die Berge oberhalb der Stadt 
 geflüchtet. Denn sie lag hoch am Gebirge, ungefähr achtzig 
 Stadien von der See. Die Atolier aber, die inzwischen bereits 
 auf Aigition marschiert waren, richteten nun ihre Angriffe auf 
 die Athener und deren Verbündete, die sie von den Höhen her 
 bald hier, bald dort anfielen und mit Speeren beschossen. 
 Rückte das athenische Heer vor, so wichen sie aus; ging es 
 zurück, so waren sie ihm auf den Fersen. Auf diese Weise 
 schwankte der Kampf längere Zeit zwischen Verfolgung und 
 Rückzug hin und her, und bei beidem waren die Athener im 
 Nachteil.

Solange die Bogenschützen sich noch nicht verschossen 
 hatten und von ihrer Waffe Gebrauch machen konnten, hielten 
 die Athener stand; denn die Atolier, die keine Panzer hatten, 
 wurden durch die Pfeile in Schach gehalten. Als jedoch der 
 Führer der Bogenschützen gefallen war und diese zersprengt, 
 sie selbst aber infolge der langen, unausgesetzten Anstrengung 
 
 erschöpft wurden, auch die Ätolier nun auf sie eindrangen und 
 mit Speerwürfen überschütteten, gaben sie schließlich Fersengeld 
 und suchten daS Weite, wobei sie in unwegsame Schluchten 
 und unbekannte Gegenden gerieten und große Verluste erlitten. 
 Denn zu ihrem Unglück war auch ihr wegkundiger Führer, 
 der Messenier Chromon, gefallen. Die flinken, leichtbewaffneten 
 Ätolier aber mit ihren Speeren ereilten viele von ihnen gleich 
 auf der Flucht und machten sie nieder; die meisten aber, die 
 sich in einen Wald verirrt hatten, aus dem sie sich nicht wieder 
 hinausfinden konnten, verbrannten sie, indem sie ringsherum 
 Feuer anlegten. Unter allen Schrecken der Flucht und des 
 Todes gelangten die Trümmer des athenischen Heeres mit ge­ 
 nauer Not an die See und nach Oineon in Lokris, von wo 
 man aufgebrochen war. Von den Bundesgenossen waren viele, 
 von den Athenern selbst gegen hundertzwanzig Hopliten ge­ 
 fallen. So viele grade ihrer besten Männer im kräftigsten 
 Alter hatte die Stadt Athen auf diesem Feldzuge eingebüßt. 
 Auch Prokles, der eine Feldherr, war geblieben. Nachdem sie 
 unter dem ihnen von den Atoliern gewährten Waffenstillstands 
 ihre Toten gesammelt hatten, zogen sie nach Naupaktos ab, 
 von wo sie später zu Schiff nach Athen zurückkehrten. Demo­ 
 sthenes aber blieb in Naupaktos und in jener Gegend, weil 
 er sich nach den: unglücklichen Ausgange des Feldzugs vor den 
 Athenern fürchtete.

Um dieselbe Zeit fuhren die Athener in den sizilischen 
 Gewässern nach Lokris, schlugen bei einer Landung die Lokrer, 
 die sich zur Wehr setzten, in die Flucht und eroberten eine 
 Schanze am Flusse Hals.

In diesem Sommer erreichten es die Ätolier, die zu dem 
 Ende schon früher den Ophioner Tolophos, den Erytaner 
 BoriadeS und den Apodoter Tysandros als Gesandte nach 
 Korinth und Lakedämon geschickt hatten, daß ihnen von dort 
 Hilfe gegen Naupaktos geschickt wurde, weil dies die Athener 
 ins Land gerufen. Die Lakedämonier schickten ihnen auch im 
 Herbst dreitausend Hopliten aus den Bundesstaaten, darunter 
 fünfhundert aus Herakleia, der damals in Trachis neugegrün­ 
 
 deten Stadt. Den Befehl darüber führten der Spartaner Eury­ 
 lochos und neben ihm Makarios und Menedaios, beide eben­ 
 falls Spartaner.

Als das Heer sich bei Delphi versammelt hatte, setzte 
 sich EurylochoS durch einen Herold mit den ozolischen Lokrern 
 in Verbindung; denn der Weg nach Naupaktos ging durch ihr 
 Land; zugleich aber wollte er sie zum Abfall von Athen be­ 
 wegen. Unter den Lokrern war es besonders Amphissa, das 
 ihm dabei entgegenkam, weil man sich dort vor der Feindschaft 
 der Phokier fürchtete. Das erste war, daß man dort selbst 
 Geiseln stellte und dann auch die anderen, die sich vor dem 
 herankommenden Heere fürchteten, dazu überredete, zuerst die 
 benachbarten Myoneer, bei denen in Lokris mit einem Heere 
 am schwersten durchzukommen ist, und weiter die Jpneer, 
 Messapier, Tritaier, Chalaier, Tolophonier, Heffier und 
 Oiantheer, die sich auch sämtlich dem Zuge anschlossen. Die 
 Olpaier stellten zwar Geiseln, schlossen sich aber nicht an; die 
 Hyaier aber verstanden sich auch dazu erst, nachdem Polis, so 
 heißt ihr Städtchen, eingenommen war.

Nachdem er alles fertig gemacht und die Geiseln nach 
 dem dorischen Kytinion in Verwahrung gegeben hatte, zog er 
 mit dem Heere durch Lokris nach Naupaktos und eroberte unter­ 
 wegs die lokrischen Städte Oineon und Eupalian, die sich ihm 
 nicht anschließen wollten. Als er im Gebiete von Naupaktos 
 angekommen war, begann er mit den Htoliern, die sich dort 
 schon eingefunden hatten, das Land zu verheeren und bemächtigte 
 sich der unbefestigten Vorstadt. Auf einem Streifzuge eroberte 
 man auch die von Korinth gegründete, jetzt aber unter athe­ 
 nischer Herrschaft stehende Kolonie Molykreion. Der Athener 
 Demosthenes aber, der sich seit dem Rückzüge aus Ätolieu noch 
 immer dort in der Gegend aufhielt und bei der Nachricht vom 
 Anzüge des feindlichen Heeres für Naupaktos besorgt geworden 
 war, begab sich zu den Akarnaniern und bewog sie, wenn auch 
 wegen seines Abzugs von Leukas nur mit Mühe, Naupaktos 
 zu Hilfe zu kommen. Sie gaben ihm auch zu Schiff tausend 
 Hopliten mit, welche in die Stadt zogen und sie besetzten. 
 
 Denn bei der Länge der Stadtmauer und der geringen Zahl der 
 Verteidiger würde sie sich sonst schwerlich haben halten können. 
 Angesichts dieserVerstärkung der Besatzung hielten Eurylochos und 
 sein Stab einen Sturm auf die Stadt für aussichtslos, und sie 
 zogen ab, aber nicht nach dem Peloponnes, sondern in die jetzt 
 HoliS genannte Gegend von Kalydon und Pleuron und nach 
 Proschion in Htolien. Die Amprakier hatten sich nämlich mit 
 der Bitte an sie gewandt, sich mit ihnen an einem Zuge gegen 
 Amphilochien, insbesondere das amphilochische Argos, und 
 Akarnanien zu beteiligen, und dabei versichert, nach deren Unter­ 
 werfung würde das ganze Festland dem Lakedämonischen Bunde 
 beitreten. Eurylochos ging darauf auch ein, entließ die Ätolier 
 und blieb mit seinem Heere in jener Gegend stehen, bis es an 
 der Zeit wäre, sich den Amprakiern auf ihrem Zuge gegen 
 Argos anzuschließen. Damit endete der Sommer.

Im folgenden Winter unternahmen die Athener in Sizilien 
 mit ihren dortigen griechischen Bundesgenossen und denjenigen 
 Sikelern, die bisher unter Herrschaft der Syrakuser gestanden 
 hatten und von diesen zu ihnen übergegangen waren, einen 
 Zug gegen die sikelische Stadt Jnessa, deren Burg von den 
 Syrakusern besetzt war, konnten sie aber nicht nehmen und 
 mußten wieder abziehen. Auf dem Rückzüge überfielen die 
 Syrakuser aus der Burg die Bundesgenossen im Nachtrabe der 
 Athener, schlugen auch einen Teil des Heeres in die Flucht 
 und töteten viele. Danach landeten die Athener von der Flotte 
 unter Laches wiederholt in Lokris, erfochten am Flusse Kaikinos 
 einen Sieg über etwa dreihundert Lokrer, die sich ihnen unter 
 Proxenos, Kapatons Sohn, entgegenstellten, erbeuteten die 
 Waffen der Gefallenen und zogen dann wieder ab.

In demselben Winter reinigten die Athener infolge eines 
 Orakelspruchs die Insel Delos. Der Tyrann Peisistratos hatte 
 sie früher auch schon gereinigt, aber nicht ganz, sondern nur 
 soweit man sie vom Tempel übersehen konnte. Diesmal 
 wurde die ganze Insel gereinigt, und zwar auf folgende Weise. 
 Die auf Delos befindlichen Totensärge ließen sie sämtlich von 
 der Insel bringen und bestimmten, daß dort künftig weder 
 
 jemand sterben noch ein Weib gebären, sondern in solchem 
 Fall nach Rheneia hinübergeschafft werden solle. Die Insel 
 Rheneia aber liegt so nahe bei Delos, daß der Tyrann Poly­ 
 krates von Samos, als er mit seiner Flotte eine Zeitlang die 
 See beherrschte und wie die übrigen Inseln auch Rheneia er­ 
 obert hatte, sie mit einer Kette an Delos band und dem delischen 
 Apollon weihte. Damals nach dieser Reinigung begingen die 
 Athener auch zum erstenmal das nachmals alle fünf Jahre ge­ 
 feierte Fest der Delien. Schon von Alters her waren Jonier 
 und Bewohner der benachbarten Inseln auf Delos in Menge 
 zusammengekommen. Sie pilgerten nämlich, wie jetzt die Jonier 
 zu den Ephesien, mit ihren Weibern und Kindern zu den 
 dortigen Festen, bei denen Kampf- und Singspiele gehalten und 
 von den Städten Reigentänze aufgeführt wurden. Das beweist 
 ja schon Homer, wenn es im HymnoS auf Apollon heißt: 
 Aber zumeist, o Phoibos, erfreuet dein Herz sich in Delos, 
 Wo die Jonier sich versammeln in langen Gewändern 
 Mit ihren Kindern zugleich und ihren vortrefflichen Frauen, 
 Um sich in Kämpfen zu messen, in Tanz, Gesängen und 
 Faustkampf, 
 Dir zur Ehre und Freude allda bei festlichen Spielen. 
 Daß auch Sänger dort um den Preis kämpften und dazu nach 
 Delos zogen, sieht man bei ihm wieder aus einer anderen 
 Stelle in demselben Hymnus. Nachdem er nämlich den delischen 
 Frauenchor befangen, schließt er sein Lied mit folgenden Worten, 
 in denen er auch sich selbst erwähnt: 
 Auf denn! Erweise sich uns Apollon mit Artemis gnädig. 
 Seid mir alle, ihr Schönen, gegrüßt und denket auch meiner 
 Später noch, wenn etwa künftig einmal ein fahrender Sänger, 
 Den sein Weg nach Delos führt, euch also befragte: 
 Mädchen, wer war denn der lieblichste euch hier unter den 
 Sängern, 
 Wer hat das Herz euch am meisten entzückt von allen, die kamen? 
 Dann erwidert ihm alle zumal aus freudigem Munde: 
 Jener blinde Mann, der da wohnt in der felsigen Chios, 
 
 So beweist uns Homer, daß schon in alter Zeit auf Delos 
 große Festversammlungen stattfanden. Später haben die Be­ 
 wohner der benachbarten Inseln und die Athener dort auch 
 noch Umgänge und Opferfeste gehalten; die Kampfspiele aber 
 waren, wie überhaupt das meiste, wohl der schlechten Zeiten 
 wegen abgekommen, bis dann die Athener sie wieder einführten 
 und damit auch Pferderennen verbanden, die früher nicht vor­ 
 gekommen waren.

In demselben Winter zogen die Amprakier gegen das 
 amphilochische Argos zu Felde, wie sie das Eurylochos ja ver­ 
 sprochen und ihn dadurch zum Bleiben bewogen hatten. Sie 
 rückten ins Argeiische ein und eroberten Olpai, eine starke 
 Festung auf einer Anhöhe an der See, die von den Akarnaniern 
 vorzeiten erbaut war und ihnen als gemeinsame Malstatt 
 diente. Sie ist von der Stadt Argos, die auch nicht weit von 
 der See liegt, ungefähr fünfundzwanzig Stadien entfernt. Die 
 Akarnanier aber, die nun auch im Felde erschienen, zogen zum 
 Teil Argos zu Hilfe, zum Teil in jene Gegend Amphilochiens, 
 welche Kranai heißt, um dort aufzupassen, daß Eurylochos mit 
 seinen Peloponnesiern nicht etwa unversehens zu den Amprakiern 
 durchkäme. Sie wandten sich auch an Demosthenes, den Führer 
 der Athener im ätolischen Feldzuge, und baten ihn, den Ober­ 
 befehl über sie zu übernehmen, und an die zwanzig athenischen 
 Schiffe, die sich damals unter Aristoteles, Timokrates und 
 Hierophon in den peloponnesischen Gewässern befanden. Aber 
 auch die Amprakier bei Olpai schickten einen Boten nach ihrer 
 Stadt mit der dringenden Bitte, ihnen von dort mit aller 
 Macht zu Hilfe zu kommen, weil sie fürchteten, Eurylochos mit 
 seinem Heere würde nicht durchkommen können und sie dann 
 entweder allein schlagen müssen oder auf dem Rückzüge in eine 
 gefährliche Lage geraten.

Auf die Nachricht, daß die Amprakier in Olpai wären, 
 brachen die Peloponnesier unter Eurylochos von Proschion in 
 Eilmärschen dahin auf. Sie setzten über den Acheloos und 
 durchzogen das infolge des Feldzugs nach Argos augenblicklich 
 von tsreitbarer Mannschaft entblößte Akarnanien, indem sie 
 
 Stadt und Festung Stratos zur Rechten, das übrige Akarnanien 
 zur Linken ließen. Dann ging es durch das Gebiet der Stratier 
 und von da über Phytia und an der Grenze von Medeon 
 weiter über Limnaia in das Land der Agraier, die nicht mehr 
 zu Akarnanien gehören und ihnen freundlich gesinnt waren. 
 Hier erreichten sie das wilde Thyamosgebirge, zogen hinüber 
 und von da, schon bei Nacht, hinunter ins Argaiische, kamen 
 zwischen der Stadt Argos und den ihnen bei Kranai auf­ 
 passenden Akarnaniern glücklich durch und vereinigten sich mit 
 den Amprakiern in Olpai.

Nach der Vereinigung beider Heere rückten sie mit Tages­ 
 anbruch in eine Stellung bei der sogenannten Metropolis und 
 bezogen dort ein Lager. Nicht lange nachher trafen die den 
 Argeiern zu Hilfe kommenden Athener auf den zwanzig Schiffen 
 im Amprakischen Meerbusen ein, und auch Demosthenes erschien 
 mit zweihundert messenischen Hopliten und sechzig athenischen 
 Bogenschützen; die Schiffe gingen der Anhöhe von Olpai gegen­ 
 über vor Anker. Die Akarnanier aber und eine, wenn auch 
 geringe Anzahl Amphilochier - denn die meisten waren durch 
 die Amprakier festgenagelt -, die sich bereits bei Argos ver­ 
 einigt hatten, richteten sich auf eine Schlacht mit ihren Gegnern 
 ein und wählten Demosthenes neben ihren eigenen Führern 
 zum Oberfeldherrn des gesamten Bundesheeres, der damit nun 
 in die Nähe von Olpai rückte und hier ein Lager bezog. Beide 
 Heere waren durch die Schlucht eines Gießbachs voneinander 
 getrennt. Fünf Tage tsanden sie unbeweglich einander gegen­ 
 über; am sechsten aber ordneten beide sich zur Schlacht. De­ 
 motshenes, der bei der größeren Zahl und der überragenden 
 Stellung der Peloponnesier eine Umfassung fürchtete, legte 
 Hopliten und Leichtbewaffnete, zusammen gegen vierhundert 
 Mann, in einem durch dichtes Buschwerk verdeckten Hohlweg 
 in den Hinterhalt, um dem feindlichen Truppenteil, der ihn in 
 der Schlacht etwa überflügeln wollte, von dort in den Rücken 
 zu fallen. Als beide fertig waren, begann die Schlacht. Demo­ 
 sthenes mit den Messeniern und den wenigen Athenern hatte 
 deq rechten Flügel; den anderen bildeten die landsmannschaft­ 
 
 lich geordneten Akarnanier und die im Heere befindlichen amphi­ 
 lochischen Speerschützen. Die Peloponnesier und Amprakier 
 standen durcheinander bis auf die Mantineer, welche alle zu­ 
 sammen auf dem linken Flügel standen; den äußersten linken 
 Flügel aber bildete Eurylochos selbst mit seinen Leuten, Demo­ 
 sthenes und den Messeniern gegenüber.

Als das Gefecht bereits im Gange war und die Pelo­ 
 ponnesier sich anschickten, mit ihrem überragenden Flügel den 
 rechten der Gegner zu umfassen, fielen die Akarnanier aus dem 
 Hinterhalt ihnen in den Rücken und schlugen sie in die Flucht, 
 dergestalt, daß sie vor Schreck allen Widerstand aufgaben und 
 den größten Teil des Heeres mit sich fortrissen. Denn an­ 
 gesichts der Niederlage des Eurylochos und der besten Truppen 
 verging den übrigen vollends der Mut. Die Messenier aber, 
 die hier unter Demotshenes fochten, hatten das beste getan. 
 Dagegen hatten die Amprakier und der rechte Flügel gesiegt 
 und ihre Gegner in der Richtung auf Argos verfolgt. Die 
 Amprakier sind nämlich dortzulande die besten Soldaten. Als 
 sie jedoch bei der Rückkehr das Hauptl^er geschlagen sahen 
 und die übrigen Akarnanier nun auf sie eindrangen, konnten 
 sie sich nur mit genauer Not und unter großen Verlusten in 
 wilder Flucht und völliger Auflösung nach Olpai retten. Nur 
 die Mantineer hielten noch zusammen, und sie waren die ein­ 
 zigen im ganzen Heere, die ihren Rückzug in guter Ordnung 
 bewirkten. Erst gegen Abend endete die Schlacht.

Meneda'ios, der am Tage darauf, da Eurylochos und 
 MekarioS gefallen waren, den Oberbefehl übernommen hatte 
 und hier zu Lande und durch die athenische Flotte auch von 
 der Seeseite eingeschlossen war, wußte nicht, wie er nach der 
 furchtbaren Niederlage in Olpai eine Belagerung aushalten 
 sollte oder im Fall eines Rückzugs sich würde durchschlagen 
 können. Er setzte sich deshalb wegen eines Waffenstillstandes 
 und freien Abzugs sowie wegen Herausgabe der Toten mit 
 Demotshenes und den Feldherren der Akarnanier in Verbindung. 
 Die gaben auch die Toten heraus, errichteten ein Siegeszeichen 
 und bargen ihre etwa dreihundert eigenen Toten. Freien Abzug 
 
 für das ganze Heer dagegen gestanden sie öffentlich nicht zu; 
 unter der Hand aber bewilligte Demotshenes im Einvernehmen 
 mit den übrigen Feldherren der Akarnanier den Mantineern 
 und Menedai'oS samt den anderen peloponnesischen Führern und 
 den sonst unter ihnen befindlichen besonders angesehenen Per­ 
 sonen sofortigen freien Abzug, weil ihm daran lag, die Am­ 
 prakicr und das fremde Söldnervolk dadurch kaltzustellen, 
 namentlich aber die Peloponnesier als selbstsüchtige, nur auf 
 den eigenen Vorteil bedachte Verräter bei den dortigen Griechen 
 in Verruf zu bringen. Sie nahmen denn auch ihre Toten auf 
 und begruben sie in der Eile, so gut eS ging; die Peloponnesier 
 aber, denen unter der Hand freier Abzug bewilligt war, trafen 
 dazu im stillen ihre Vorbereitungen.

Demosthenes aber und den Akarnaniern wurde gemeldet, 
 daß die Amprakier aus der Stadt infolge der ersten Nachricht 
 aus Olpai mit ihrer ganzen Macht durchs Amphilochische im 
 Anzüge seien, um sich mit ihren Landsleuten in Olpai zu ver­ 
 einigen, und von den späteren Ereignissen nichts wüßten. Er 
 schickte auch gleich einen Teil seines Heeres ab, um ihnen an 
 den Straßen Hinterhalte zu legen und die wichtigen Stellen 
 im voraus zu besetzen, und machte sich gleichzeitig fertig, ihnen 
 mit dem übrigen Heere entgegenzugehen.

Unterdessen hatten sich die Mantineer und die übrigen, 
 denen freier Abzug bewilligt war, vorgeblich, um Kräuter und 
 Reisig zu sammeln, aus der Stadt aufgemacht und bei kleinem 
 immer weiter von ihr entfernt, dabei auch wirklich solche 
 Dinge, die sie angeblich sammeln wollten, aufgelesen, dann 
 aber, als sie schon ein gutes Stück von Olpai entfernt waren, 
 spornstreichs das Weite gesucht. AlS die Amprakier und die 
 anderen, welche alle ganz unbefangen mit hinausgegangen 
 waren, sie weglaufen sahen, fingen sie auch an zu laufen, um 
 sie wieder einzuholen. Die Akarnanier glaubten anfangs, sie 
 wollten sich alle miteinander ohne Erlaubnis aus dem Staube 
 machen, und setzten deshalb auch den Peloponnesiern nach. 
 Ja, als einzelne ihrer eigenen Befehlshaber sie daran hindern 
 wollten und sagten, daß denen in der Tat freier Abzug be­ 
 
 willigt sei, warf hier und da wohl gar einer nach ihnen mit 
 dem Speer, weil man sich verraten glaubte. Schließlich aber 
 ließen sie dann doch die Mantineer und die Peloponnesier 
 ziehen und erschlugen nur die Amprakier. Dabei wußte man 
 dann freilich manchmal nicht und stritt darüber, ob einer ein 
 Amprakier oder ein Peloponnesier wäre. Gegen dreihundert 
 von ihnen wurden niedergemacht, die übrigen entkamen in das 
 benachbarte Agraiische, wo Salynthios, der ihnen freundlich 
 gesinnte König der Agraier, sie aufnahm.

Inzwischen waren die Amprakier aus der Stadt bei 
 Jdomene angekommen. Jdomene besteht aus zwei hohen Hügeln; 
 den größten hatten die von Demosthenes vorausgeschickten Ab­ 
 teilungen seines Heeres schon vorher bei Einbruch der Nacht 
 unbemerkt besetzt, auf dem kleineren aber waren die Amprakier 
 zuerst angelangt und blieben dort über Nacht. Am Abend, 
 gleich nach dem Essen, setzte sich Demosthenes auch mit dem 
 Hauptheere in Marsch, er selbst mit der einen Hälfte gegen 
 den Paß, die andere durch das amphilochische Gebirge. Bei 
 Tagesanbruch überfiel er dann die Amprakier, die noch im 
 Schlafe lagen und nichts derart vermuteten, vielmehr die 
 Feinde für ihre eigenen Leute hielten. Demosthenes hatte näm­ 
 lich wohlweislich die Messenier vorangestellt und ihnen ein­ 
 geschärft, die Feinde dorisch anzureden, um die Vorposten in 
 Sicherheit zu wiegen, zumal man sie am Aussehen nicht er­ 
 kennen konnte, weit es noch dunkel war. Nach diesem Überfall 
 ergriffen sie die Flucht und wurden größtenteils an Ort und 
 Stelle niedergemacht. Die übrigen suchten sich in die Berge 
 zu retten. Da jedoch die Wege vorher besetzt und die Amphi­ 
 lochier ihres eigenen Landes kundig und mit ihren leichten 
 Waffen den Hopliten gegenüber im Vorteil waren, sie aber in 
 der ihnen unbekannten Gegend sich nicht zurechtfinden konnten, 
 so gerieten sie in Schluchten und Hinterhalte und kamen elend 
 um. Um nur irgendwie mit dem Leben davonzukommen, flohen 
 einige sogar nach der See, die nicht weit von da war, und da 
 sie hier die attischen Schiffe erblickten, die zur Zeit dieser 
 Kämpfe zufällig grade vorüberfuhren, schwammen sie in der 
 
 Todesangst an sie heran, um, wenn es einmal sein müsse, immer 
 noch lieber dort auf den Schiffen als unter den Händen der 
 verhaßten amphilochischen Barbaren zu sterben. So waren 
 denn die Amprakier gründlich geschlagen, und nur wenigen 
 von dem großen Heere gelang es, sich in die Stadt zu retten. 
 Die^Akarnanier aber nahmen den Toten die Rüstungen ab, 
 errichteten ein Siegeszeichen und gingen dann nach Argos 
 zurück.

Am folgenden Tage erschien bei ihnen ein Herold der 
 aus Olpai ins Agraiische geflüchteten Amprakier, um die Heraus­ 
 gabe der Toten zu erbitten, welche nach der ersten Schlacht 
 unter ihren Streichen gefallen waren, als sie mit den Man­ 
 tineern und Peloponnesiern, ohne wie diese freien Abzug zu 
 haben, aus Olpai entwichen waren. Beim Anblick der Rüstungen 
 der Amprakier aus der Stadt wunderte sich der Herold über 
 die Menge; denn er wußte noch nichts von der verlorenen 
 Schlacht, sondern glaubte, es wären die Rüstungen seiner beim 
 Abzüge aus Olpai gefallenen Kameraden. Nun fragte ihn 
 einer, der ihn seinerseits für den Herold der bei Jdomene ge­ 
 schlagenen Amprakier hielt, worüber er sich wundere, wie viele 
 von ihnen denn gefallen seien? Worauf jener sagte: „Un­ 
 gefähr zweihundert." Der andere aber fiel ihm ins Wort: 
 „Nach der Zahl der Rüstungen hier stimmt das nicht, es 
 müssen über tausend gewesen sein." Darauf jener: „Dann 
 sind sie nicht von uns." „Freilich," erwiderte der erste, „wenn 
 anders ihr gestern bei Jdomene gefochten habt." „Gestern 
 haben wir ja gar nicht gefochten, sondern vorgestern beim Ab­ 
 züge." „Aber wir gestern mit diesen hier, als sie aus der 
 Stadt Amprakia gegen uns ausgerückt waren." Als der Herold 
 das hörte und daraus entnahm, daß auch das Heer aus der 
 Stadt vernichtet worden war, machte er sich, entsetzt über die 
 Größe des Unglücks, mit einem tiefen Seufzer ohne weiteres 
 wieder auf den Weg, ohne auch nur um die Herausgabe der 
 Toten zu bitten. Und wirklich hat im Laufe des ganzen Krieges 
 keine andere griechische Stadt in so wenig Tagen solch ein 
 Unglück erlebt. Die Zahl der Toten führe ich nicht an, weil 
 
 die Angaben darüber im Verhältnis zur Größe der Stadt viel 
 zu hoch sind, um glaublich zu erscheinen. So viel aber ist ge­ 
 wiß, wenn sie gewollt und den Rat des Demotshenes und der 
 Athener befolgt, hätten die Akarnanier und Amphilochier 
 Amprakia im ersten Anlauf nehmen können. Sie fürchteten 
 aber, die Athener, einmal im Besitz der Stadt, würden ihnen 
 noch unbequemere Nachbarn werden.

Darnach überließen sie den dritten Teil der erbeuteten 
 Rüstungen den Athenern und verteilten die übrigen unter ihre 
 Städte. Den Athenern wurden sie jedoch auf der See wieder 
 abgenommen. Was davon jetzt noch in den attischen Tempeln 
 ausgestellt ist, sind die dreihundert schweren Rüstungen, welche 
 für Demosthenes ausgeschieden worden waren, und die er dann 
 selbst zu Schiff mit nach Hause gebracht hat. Denn nach 
 diesen Erfolgen konnte er sich auch nach dem unglücklichen 
 ätolischen Feldzuge unbedenklich wieder sehen lassen. Die 
 Athener auf den zwanzig Schiffen aber fuhren nach Naupaktos 
 ab. Als die Athener und Demotshenes abgezogen waren, be­ 
 willigten die Akarnanier und Amphilochier den zu Salynthios 
 ins Agraiische geflüchteten Amprakiern und Peloponnesiern 
 freien Abzug aus Oiniadai, wohin sie sich von Salynthios be­ 
 geben halten. Für künftig aber schlossen sie mit den Amprakiern 
 Frieden und ein Bündnis auf hundert Jahre. Danach sollten 
 weder die Amprakier gehalten sein, mit den Akarnaniern gegen 
 die Peloponnesier, noch die Akarnanier mit den Amprakiern 
 gegen die Athener ins Feld zu ziehen, beide aber einander 
 gegen feindliche Angriffe Beistand leisten, auch die Amprakier 
 alle noch in ihren Händen befindlichen Besitzungen und Geiseln 
 herausgeben und das mit den Akarnaniern verfeindete Anak­ 
 torien nicht unterstützen. Nach dieser Übereinkunft stellten sie 
 den Krieg ein. Nachher schickten die Korinther gegen drei­ 
 hundert ihrer Hopliten unter Xenokleidas, Eutykles' Sohn, als 
 Besatzung nach Amprakia, die nach einem beschwerlichen Marsche 
 zu Lande dort ankamen. So viel über die Ereignisse bei 
 Amprakia.

In Sizilien unternahmen die Athener in diesem Winter 
 
 eine Landung bei Himera, während die Sikeler gleichzeitig 
 von der Landseite in das dortige Gebiet einfielen, und außer­ 
 dem eine Fahrt nach den Aolischen Inseln. Bei der Rückkehr 
 nach Rhegion fanden sie dort Pythodoros, Jsolochos' Sohn, 
 als athenischen Feldherrn vor, der an Laches' Stelle den Ober­ 
 befehl über die Flotte erhalten hatte. Die Bundesgenossen 
 der Athener in Sizilien hatten sich nämlich nach Athen ge­ 
 wandt und darum gebeten, ihnen noch mehr Schiffe zu schicken. 
 Denn da ihr Land in den Händen der Syrakuser war und 
 diese sie mit ihren paar Schiffen auch von der See verdrängt 
 hatten, wollten sie das nicht länger ertragen und eine Flotte 
 zusammenbringen. Die Athener beschlossen auch, vierzig Schiffe 
 zu bemannen und sie ihnen zu schicken, teils weil sie den 
 dortigen Krieg dann schneller zu beenden hofften, teils um ihre 
 Flotte zu üben. Den einen der Feldherren, Pythodoros, ließen 
 sie mit ein paar Schiffen gleich abgehen, während sie Sophokles, 
 Sostratides' Sohn, und Eurymedon, Thukles' Sohn, mit der 
 Mehrzahl der Schiffe erst später nachschicken wollten. Pytho­ 
 doros, der an Laches' Statt den Oberbefehl über die Flotte 
 inzwischen übernommen hatte, fuhr damit gegen Ende des 
 Winters nach der früher von Laches eroberten lokrischen Schanze, 
 zog aber nach einem unglücklichen Gefecht mit den Lokrern 
 wieder ab.

In diesem Frühling erfolgte ein Ausbruch des Ätna, wie 
 das auch früher schon vorgekommen war, und die Lava ver­ 
 wüstete den am Fuße des Berges wohnenden Kataniern einen 
 Teil ihrer Felder. Der Ätna ist der höchste Berg in Sizilien. 
 Wie es heißt, erfolgte dieser Ausbruch fünfzig Jahr nach dem 
 vorigen; im ganzen aber soll seit der Niederlassung der Griechen 
 in Sizilien dreimal ein Ausbruch stattgefunden haben. Das 
 waren die Ereignisse dieses Winters, und damit endete das 
 sechste Jahr des Krieges, den Thukydides beschrieben hat.

Im folgenden Sommer, zur Zeit, als das Getreide in 
 Ähren schoß, fuhren die Syrakuser mit zehn Schiffen 
 und einer gleichen Anzahl lokrischer Schiffe nach Messene in 
 Sizilien, wohin man sie von dort gerufen hatte, und setzten sich 
 in Besitz der Stadt, die damit von den Athenern abfiel. Die 
 Syrakuser hatten dies hauptsächlich deshalb getan, weil der 
 Ort für eine feindliche Landung auf Sizilien offenbar besonders 
 günstig gelegen war, und sie befürchteten, die Athener könnten 
 ihnen von da gelegentlich mit größerer Macht ins Land kommen, 
 die Lokrer aber aus Feindschaft gegen die Rhegier, die sie da­ 
 durch von beiden Seiten zu fassen dachten. Zu gleicher Zeit 
 waren die Lokrer mit ihrem ganzen Heere in das Gebiet der 
 Rhegier eingefallen, damit sie Messen? nicht zu Hilfe kommen 
 könnten, zugleich aber auch, weil sie von den bei ihnen befind­ 
 lichen Flüchtlingen aus Rhegion dazu aufgefordert waren. 
 Denn in Rhegion standen sich schon länger die Parteien feind­ 
 lich gegenüber, so daß es in dem Augenblick den Lokrern nicht 
 die Spitze bieten konnte, die deshalb der Stadt nur um so 
 mehr zusetzten. Die Lokrer zogen, nachdem sie das Gebiet ver­ 
 heert, mit dem Landheere wieder ab, die Schiffe aber blieben 
 vor Messene liegen, und auch noch andere Schiffe, die bereits 
 ausgerüstet wurden, sollten dort vor Anker gehen, um den 
 Krieg von da aus zu betreiben.

Um dieselbe Zeit im Frühjahr, als das Korn noch nicht 
 in Ahren stand, fielen die Peloponnesier und ihre Bundes­ 
 genossen unter dem lakedämonischen König Agis, ArchidamoS' 
 Sohn, nach Attika ein, bezogen dort ein Lager und verheerten 
 das Land. Die Athener aber schickten die inzwischen ausge­ 
 rüsteten Schiffe unter Eurymedon und Sophokles, den beiden 
 in Athen zurückgebliebenen Feldherren, nach Sizilien ab, wo 
 der dritte, Pythodoros, schon vorher angekommen war. Diese 
 waren angewiesen, bei der Gelegenheit, wenn sie an Kerkyra 
 vorbeikämen, sich der dortigen Stadtbevölkerung anzunehmen, 
 die unter den Streifzügen der Flüchtlinge in den Bergen schwer 
 
 zu leiden hatte. Schon vorher waren sechzig Schiffe der Pelo­ 
 ponnesier zur Unterstützung der Flüchtlinge in den Bergen 
 dahin abgegangen, da man der Stadt bei der dort herrschenden 
 Hungersnot leicht Herr zu werden hoffte. Demotshenes aber, 
 der seit seiner Rückkehr aus Akarnanien als Privatmann lebte, 
 wurden die vierzig Schiffe zur Verfügung gestellt, um davon 
 an der peloponnesischen Küste beliebigen Gebrauch zu machen.

Als sie auf der Fahrt an der lakonischen Küste hörten, die 
 peloponnesischen Schiffe wären schon in Kerkyra, wollten 
 Eurymedon und Sophokles schleunigst nach Kerkyra weiter­ 
 fahren, Demotshenes aber war dafür, zunächst Pylos anzulaufen, 
 um dort das Nötige ins Werk zu setzen, und erst dann nach 
 Kerkyra zu fahren. Die anderen widersprachen zwar, aber da 
 sich zufällig ein Sturm erhob, wurden die Schiffe dann doch 
 nach Pylos verschlagen. Nun riet Demotshenes, den Platz 
 sofort zu befestigen - denn dazu sei er ja grade mitgefahren -, 
 wobei er auf den Überfluß an Holz und Steinen, die natür­ 
 liche Festigkeit des Ortes und dessen Lage in einer weit umher 
 unbewohnten Gegend hinwies. Pylos liegt nämlich ungefähr 
 vierhundert Stadien von Sparta im ehemaligen Messenien 
 und heißt bei den Lakedämoniern Koryphasion. Man wandte 
 ihm ein, wenn er die Stadt durchaus in Unkosten stürzen wolle, 
 so gäbe es ja im Peloponnes noch unbewohnte Landspitzen 
 genug. Er aber hielt grade Pylos zu dem Zweck für besonders 
 geeignet, es habe einen Hafen, läge im alten Messenien, die 
 Messenier sprächen denselben Dialekt wie die Lakedämonier 
 und würden diesen von dort viel Schaden tun können, auch 
 eine zuverlässige Besatzung für den Platz abgeben.

Da er jedoch weder die Feldherren noch die Soldaten für 
 seine, nachher auch den Hauptleuten mitgeteilte Absicht ge­ 
 winnen konnte, so blieb er widrigen Wetters wegen dort liegen 
 und ließ die Sache auf sich beruhen, bis dann die Soldaten 
 aus langer Weile von selbst darauf verfielen, Hand ans Werk 
 zu legen und den Platz zu befestigen. Dabei griffen sie tüchtig 
 zu, und da sie keine eisernen Werkzeuge zum Behauen der 
 Steine hatten, suchten sie sich die Steine danach aus und 
 
 schleppten sie heran, um sie, wie es paßte, zusammenzufügen. 
 Den Lehm aber, wo es ohne den nicht ging, trugen sie in 
 Ermangelung von Trögen auf dem Rücken herbei, indem sie 
 sich, daß er liegen bliebe, vornüberbeugten und beide Hände 
 hinten zusammenfalteten, damit er nicht abrutschte. Überhaupt 
 beeilten sie sich auf alle Weise, an den angreifbarsten Stellen 
 damit fertig zu werden, bevor die Lakedämonier mit ihren Streit- 
 kräften herankämen. Größtenteils war nämlich der Platz schon 
 an sich sturmfrei und bedurfte keiner Mauer.

Als die Lakedämonier, die grade ein Fest feierten, davon 
 hörten, meinten sie, die Sache habe nichts zu bedeuten; wenn 
 sie vor Pylos erschienen, würden die Athener entweder gar 
 nicht standhalten oder leicht von ihnen überwältigt werden 
 können. Vorerst aber waren ihnen auch die Hände einiger­ 
 maßen dadurch gebunden, daß ihr Heer noch in Attika stand. 
 Nachdem die Athener den Platz auf der Landseite und wo es 
 sonst am nötigsten war, in sechs Tagen befestigt hatten, ließen 
 sie Demotshenes mit fünf Schiffen dort als Besatzung zurück 
 und fuhren mit dem größten Teil der Flotte schleunig weiter 
 nach Kerkyra und Sizilien.

Als die Peloponnesier in Attika die Nachricht von der 
 Einnahme von Pylos erhielten, zogen sie eiligst wieder ab. 
 König Agis und die Lakedämonier erblickten nämlich in den 
 Vorgängen bei Pylos eine unmittelbare Gefahr für ihr eigenes 
 Land. Überdies fehlte es, da sie früh im Jahre eingefallen 
 waren und die Ernte noch auf dem Halm stand, an Lebens­ 
 mitteln für das Heer, das unter der für die Jahreszeit un­ 
 gewöhnlich rauhen Witterung zu leiden hatte. So wirkten 
 mancherlei Gründe zusammen, daß sie so schnell wieder ab­ 
 zogen und dieser Einfall der kürzeste wurde. Denn sie waren 
 nur fünfzehn Tage in Attika geblieben.

Um dieselbe Zeit bemächtigte sich der athenische Feldherr 
 SimonideS der mit Athen verfeindeten mendischen Kolonie Eion 
 an der thrakischen Küste durch Verrat. Er hatte dazu außer 
 einigen Athenern aus den Besatzungen auch eine Anzahl Bundes­ 
 genossen an sich gezogen, wurde aber, da die Chaltidier und 
 
 Bottiaier der Stadt sofort zu Hilfe kamen, wieder hinaus- 
 geschlagen und verlor dabei viele Leute.

Nach dem Abzüge der Peloponnesier aus Attika waren die 
 Spartaner selbst mit den Periöken der nächsten Umgegend so­ 
 gleich nach Pylos aufgebrochen, während die übrigen, eben 
 erst aus dem anderen Feldzuge zurückgekehrten Lakedämonier 
 erst allmählich nachkamen. Im ganzen Peloponnes gab man 
 Befehl aus, so schnell wie möglich nach Pylos zu marschieren, 
 und benachrichtigte die sechzig Schiffe bei Kerkyra, die auch, 
 nachdem sie bei Leukas über die Landenge gezogen waren, ohne 
 von der athenischen Flotte bei Zakynthos bemerkt zu werden, 
 bei Pylos eintrafen, wo sich das Landheer inzwischen bereits 
 gesammelt hatte. Schon vorher, als die peloponnesische Flotte 
 noch unterwegs war, hatte Demosthenes heimlich zwei Schiffe 
 an Eurymedon und die Athener auf der Flotte bei Zakynthos 
 abgeschickt, um sie aufzufordern, unverzüglich nach Pylos zu 
 kommen, da der Platz in Gefahr sei. Die Schiffe beschleunigten 
 auch ihre Fahrt, wie DemostheneS ihnen befohlen hatte. Unter­ 
 dessen machten die Lakedämonier Anstalt, die Festung von der 
 Land- und Seeseite anzugreifen, in der Hoffnung, die in der 
 Eile angelegten und nur schwach besetzten Werke leicht nehmen 
 zu können. Da sie auf die Ankunft der athenischen Flotte von 
 Zakynthos gefaßt sein mußten, wollten sie für den Fall, daß 
 sie den Platz bis dahin nicht schon genommen hätten, auch die 
 Einfahrten in den Hafen sperren, damit die Athener mit ihren 
 Schiffen nicht hineinkommen könnten. Die sich nah davor lang 
 hinstreckende Insel Sphakteria nämlich deckt den Hafen und 
 macht die Einfahrten so eng, daß durch die eine auf der Seite 
 von Pylos und der athenischen Festungswerke nur zwei, durch die 
 andere auf der gegenüberliegenden Festlandsseite nur acht bis 
 neun Schiffe gleichzeitig einlaufen können. Die Insel war un­ 
 bewohnt, ganz mit Wald bedeckt und unwegsam und ist un­ 
 gefähr fünfzehn Stadien lang. Die Einfahrten wollten sie in 
 der Weise verschließen, daß sie Schiffe, den Bug nach außen, 
 dicht aneinander legten. Auf die Insel aber setzten sie aus 
 Furcht, die Athener könnten von dort etwas gegen sie unter­ 
 
 nehmen, schweres Fußvolk aus und besetzten damit auch den 
 Rand des Festlandes. So hielten sie die Insel und das hier 
 unzugängliche Festland gegen die Athener für gesichert. Denn 
 da die Küste außerhalb der Einfahrt nach der See zu hafenlos 
 war, würden die Athener ihrer Meinung nach dort nirgends 
 landen können, um ihren Landsleuten von da zu Hilfe zu 
 kommen, sie selbst aber gewiß imstande sein, den nur notdürftig 
 verteidigten und nicht mit Lebensmitteln versehenen Platz zu 
 nehmen, ohne sich der Gefahr einer Seeschlacht aussetzen zu 
 müssen. Diesem ihrem Plane gemäß also hatten sie auch die 
 . Insel mit Hopliten besetzt, die dazu auS allen Abteilungen aus­ 
 gelost wurden. Anfangs wurden sie regelmäßig durch andere 
 abgelöst. Die letzten waren die vierhundertzwanzig, die dann 
 mit ihren Heloten auf der Insel abgeschnitten wurden, und 
 Epitadas, MolobreS' Sohn, war ihr Anführer.

Als Demosthenes sah, daß die Lakedämonier ihn zugleich 
 mit der Flotte und von der Landseite angreifen wollten, traf 
 auch er seine Maßregeln. Die drei Trieren, die er von den 
 ihm gelassenen Schiffen noch hatte, ließ er auf den Strand 
 dicht unter die Mauer ziehen und mit Palisaden umgeben. 
 Die Mannschaft nahm er ans Land und bewaffnete sie mit 
 Schilden, die freilich elend genug und meist nur aus Weiden­ 
 geflecht waren. Denn in dem abgelegenen Erdenwinkel waren 
 keine Schilde zu haben, und auch diese hatte er nur durch ein 
 eben angekommenes messenisches Piratenschiff, einen schnellen 
 Dreißigruderer, erhalten. Gegen vierzig messenische Hopliten, 
 die mit an Bord gewesen waren, stellte er in seine Mannschaft 
 ein. Den größten Teil seiner Leute, mit oder ohne Rüstung, 
 verteilte er auf die festesten und haltbarsten Stellen des Platzes 
 auf der Landseite mit dem Befehl, das feindliche Fußvolk ab­ 
 zuschlagen, wenn es angreifen sollte. Er selbst aber wählte 
 sich auS seiner ganzen Mannschaft sechzig Hopliten und eine 
 Anzahl Bogenschützen aus und stellte sich mit ihnen außerhalb 
 der Mauer am Strande auf, wo der Feind seiner Ansicht nach 
 am ersten eine Landung versuchen würde. Zwar siel das Ge­ 
 lände hier steil und felsig nach der See ab, aber die Mauer 
 
 war an dieser Stelle am schwächsten, was den Feind wahr­ 
 scheinlich grade hier zu einem Angriff verlocken konnte. Die 
 Athener hatten es nämlich nicht für nötig gehalten, die Mauer 
 an dieser Stelle stärker zu machen, weil sie es bei ihrer Über­ 
 macht zur See für völlig ausgeschlossen hielten, daß der Feind 
 hier eine Landung erzwingen und der Platz von da genommen 
 i werden könnte. Um eine solche Landung zu verhindern, stellte 
 er sich also hier am Strande mit seinen Hopliten auf und 
 redete sie also an:

„Glaubt nicht, Kameraden, daß es diesen Augenblick was 
 nütze, sich alle Gefahren auszudenken, die einem in solcher Lage 
 zustoßen könnten. Das einzig Richtige ist, daran gar nicht zu 
 denken, sondern auch diesmal auf unser gutes Glück zu ver­ 
 trauen; dann werden wir schon durchkommen. Wenn es so 
 weit gekommen ist, wie jetzt mit uns, muß man nicht lange 
 überlegen, sondern der Gefahr dreist ins Gesicht sehen. Nach 
 meiner Überzeugung liegt die Sache durchaus günstig für uns, 
 wenn wir nur standhalten und unsere Vorteile nicht aus Furcht 
 vor ihrer Menge aus der Hand geben, denn die Schwierig­ 
 keiten des Geländes sind unser Vorteil und kommen uns, wenn 
 wir aushalten, im Kampfe zustatten. Wenn wir aber das 
 Feld räumen, so werden die Feinde trotz dieser Schwierigkeiten 
 hier ungehindert eindringen, und falls wir sie dann auch wieder 
 zurückschlügen, würden sie sich bei der Schwierigkeit des Rück­ 
 zugs nur um so verzweifelter wehren. Solange sie noch auf 
 den Schiffen sind, können wir sie uns leicht vom Leibe halten, 
 sind sie aber erst am Lande, so sind wir gegen sie nicht weiter 
 im Vorteil. Auch vor ihrer Menge brauchen wir uns nicht 
 allzusehr zu fürchten; denn so viele ihrer auch sind, bei der 
 Beschwerlichkeit einer Landung werden wir es zu gleicher Zeit 
 doch immer nur mit wenigen zu tun haben. Es handelt sich 
 ja nicht um einen Kampf zu Lande, wo die Menge unter sonst 
 gleichen Umständen den Ausschlag gibt, sondern um Aus­ 
 schiffung von Truppen, wobei so viel von Wind und Wetter 
 abhängt. Ich glaube also, daß die Schwierigkeiten, mit denen 
 sie zu kämpfen haben, unsere geringere Zahl voll aufwiegen 
 
 werden, und verlasse mich außerdem darauf, daß ihr Athener 
 seid und aus Erfahrung wißt, wie eine Landung angesichts 
 des Feindes nicht wohl erzwungen werden kann, wenn dieser 
 nur standhält und nicht beim Anblick der brausenden See und 
 unter dem überwältigenden Eindruck der aufkommenden Schiffe 
 vor Schreck davonläuft. Ich erwarte also, daß auch ihr jetzt 
 standhalten und den Kampf schon an der Brandung aufnehmen 
 werdet, um uns selbst und den Platz zu retten."

Durch diese Worte des Demosthenes angefeuert, nahmen 
 die Athener um so mutiger die ihnen unten am Strande an­ 
 gewiesenen Stellungen ein. Die Lakedämonier aber eröffneten 
 nun den Angriff auf die Festung zugleich mit dem Heere auf 
 der Landseite und mit der Flotte, die zurzeit dreiundvierzig 
 Segel stark war und von dem Spartaner Thrasymelidas, Kram­ 
 sikles' Sohn, befehligt wurde. In der Tat griff dieser denn 
 auch da an, wo Demotshenes erwartet hatte. Die Athener 
 aber leisteten tapferen Widerstand, sowohl auf der Land- wie 
 auf der Seeseite. Da man mit einer größeren Flotte hier 
 nicht landen konnte, bildeten die Lakedämonier aus ihren 
 Schiffen kleinere Abteilungen, die sich einander ablösen und 
 Landungsversuche machen mußten. Sie bewiesen dabei die 
 größte Tapferkeit und feuerten einander durch Zuruf an: Nur 
 drauflos, um die Festung zu nehmen! Vor allen tat sich 
 Brasidas dabei hervor, der selbst eine Triere befehligte. Wenn 
 er sah, daß Befehlshaber oder Steuerleute bei der Schwierig­ 
 keit der Landung, wo solche allenfalls noch möglich schien, aus 
 Furcht, ihre Schiffe zu riskieren, nicht vorwärts wollten, fuhr 
 er sie mit Donnerstimme an, sie sollten sich schämen, dem biß­ 
 chen Holz zuliebe den Feind hier im Lande sich seine Festungen 
 bauen zu lassen, und machen, daß sie ans Land kämen, auch 
 wenn ihre Schiffe dabei in Trümmer gingen. Den Bundes­ 
 genossen aber rief er zu, sich nicht lange zu besinnen, den Lake­ 
 dämonier» für ihre großen Verdienste ihre Schiffe zu opfern, 
 sondern sie auf den Strand zu treiben und um jeden Preis 
 anS Land zu kommen zu suchen, um die Feinde und die Festung 
 zu überwältigen.

Während er die anderen auf solche Weise anfeuerte, zwang 
 er seinen eigenen Steuermann, sein Schiff auf den Strand zu 
 setzen, trat selbst auf die Schiffsleiter und versuchte, hinabzu­ 
 steigen, wurde aber von den Athenern daran verhindert und 
 stürzte, mehrfach verwundet, bewußtlos vorn auf das Schiff, 
 wobei sein Schild über Bord fiel, der dann ans Land getrieben 
 und von den Athenern geborgen, später auch an dem Sieges­ 
 zeichen angebracht wurde, welches sie zu Ehren dieses Strand­ 
 gefechts errichteten. Die übrigen machten dann zwar noch 
 weitere Versuche, ans Land zu kommen, scheiterten damit aber 
 an den örtlichen Schwierigkeiten und der Ausdauer der Athener, 
 die keinen Schritt rückwärts wichen. So wunderbar hatte sich 
 das Blatt gewandt, daß die Athener jetzt zu Lande, und oben­ 
 drein in Lakonien, gegen eine Flotte der Lakedämonier kämpfen 
 mußten, die Lakedämonier aber in ihrem eigenen, in Feindes­ 
 hand geratenen Lande den Athenern gegenüber eine Landung 
 versuchten, während sie beide doch damals grade stolz darauf 
 waren, jene zu Lande und diese zur See die Ersten zu sein.

An diesem und zum Teil auch noch am folgenden Tage 
 setzten die Lakedämonier ihre Landungsversuche fort, gaben sie 
 dann aber auf. Am dritten Tage schickten sie einige Schiffe 
 nach Asine, um von dort Holz zu Maschinen zu holen, mit 
 Hilfe deren sie den Platz von der Hafenseite, wo die Mauer 
 zwar hoch, eine Landung aber leichter war, einnehmen zu 
 können hofften. Unterdessen trafen die athenischen Schiffe von 
 Zakynthos ein, jetzt fünfzig; denn sie waren durch einige Wacht­ 
 schiffe aus Naupaktos und vier chiische Schiffe verstärkt. Als 
 sie das feste Land und die Insel von Hopliten besetzt und die 
 Schiffe ruhig im Hafen liegen sahen, fuhren sie, ungewiß, wo 
 sie landen könnten, zunächst nach Prote, einer nicht weit von 
 dort entfernten unbewohnten Insel, wo sie die Nacht blieben. 
 Am folgenden Tage aber gingen sie, klar zum Gefecht, in See, 
 um den Feinden, wenn sie herauskämen, in offenem Wasser 
 eine Schlacht zu liefern, andernfalls aber sie ihrerseits im 
 Hafen anzugreifen. Die kamen indessen nicht heraus, hatten 
 auch die Hafeneinfahrten nicht gesperrt, wie es ihre Absicht 
 
 war, sondern waren noch ruhig am Lande und eben im 
 Begriff, ihre Schiffe zu bemannen, um, falls man sie an­ 
 greifen würde, in dem geräumigen Hafen eine Schlacht anzu­ 
 nehmen.

Als die Athener das merkten, drangen sie durch beide 
 Einfahrten auf sie ein, griffen die Schiffe an, die größtenteils 
 schon flott gemacht und zum Gefecht bereit waren, und trieben 
 sie in die Flucht, beschädigten auch viele auf der Verfolgung, 
 wie das bei den kurzen Entfernungen nicht ausbleiben konnte, 
 während ihnen fünf, darunter eins mitsamt der Mannschaft, 
 in die Hände fielen. Die übrigen, die sich aufs Land geflüchtet 
 hatten, griffen sie dort an; anderen, die erst bemannt werden 
 sollten, stießen sie die Wände ein, bevor sie auslaufen konnten, 
 und einige, deren Mannschaft die Flucht ergriffen hatte, nahmen 
 sie leer in Tau und zogen damit ab. Die Lakedämonier am 
 Lande, die das mit ansahen, außer sich vor Schmerz über daS 
 Mißgeschick, da ihre Leute auf der Insel ja nun abgeschnitten 
 waren, eilten jetzt auch herbei, gingen in voller Rüstung ins 
 Wasser und legten Hand an die Schiffe, um sie wieder ans 
 Land zu ziehen, wobei jeder meinte, eS ginge nicht, wenn er 
 nicht selbst auch irgendwo mit angriffe. Und nun tobte der 
 Kampf um die Schiffe, und auch hier hatten beide wieder ihre 
 Rollen vertauscht; denn die Lakedämonier lieferten vor Eifer 
 und Verzweiflung sozusagen mit dem Landheere eine See­ 
 schlacht, und die Athener, die den erfochtenen Sieg voll aus­ 
 nutzen wollten, kämpften von der Flotte am Lande. Nachdem 
 eS hart hergegangen und viel Blut geflossen war, endete der 
 Kampf; die Lakedämonier brachten ihre leeren Schiffe, soweit 
 sie ihnen nicht gleich anfangs abgenommen waren, in Sicher­ 
 heit, und beide Teile gingen in ihre alten Stellungen zurück. 
 Die Athener errichteten ein Siegeszeichen, gaben die Toten heraus 
 und bargen die Schiffstrümmer, schickten auch gleich Schiffe um 
 die Insel, deren Besatzung nunmehr abgeschnitten war, um sie 
 zu bewachen. Die Lakedämonier auf dem Festlande aber mit 
 den inzwischen von allen Seiten zu ihnen gestoßenen Verstärkungen 
 blieben in ihrer Stellung vor Pylos.

Als die Nachricht von den Ereignissen bei Pylos nach 
 Sparta gelangte, gab man sich dort über die Schwere der er­ 
 littenen Niederlage keiner Täuschung hin, sondern beschloß die 
 höchsten Beamten sogleich selbst zum Heere abgehen zu lassen, 
 um sich die Sache mit eigenen Augen anzusehen und darnach 
 ihre weiteren Entschließungen zu fassen. Als diese sich von der 
 Unmöglichkeit überzeugt, die Leute auf der Insel zu befreien, 
 und diese doch nicht der Gefahr aussetzen wollten, zu ver­ 
 hungern oder von der Übermacht erdrückt oder gefangen zu 
 werden, beschlossen sie, mit den athenischen Feldherren, falls 
 diese dazu bereit, für Pylos einen Waffenstillstand zu schließen, 
 dann aber Gesandte zu Friedensverhandlungen nach Athen zu 
 schicken und zu versuchen, ihre Leute so bald wie möglich wieder­ 
 zubekommen.

Da die Feldherren auf ihren Vorschlag eingingen, kam 
 der Waffenstillstand unter folgenden Bedingungen zustande: 
 Die Lakedämonier sollten den Athenern die Schiffe, mit denen 
 sie gefochten, und sämtliche Kriegsschiffe in Lakonien ausliefern 
 und selbst nach Pylos bringen, auch die Festung weder zu 
 Lande noch zu Wasser angreifen; die Athener dagegen den 
 Lakedämoniern gestatten, den Leuten auf der Insel eine be­ 
 stimmte Menge Mundvorrat vom Festlande her zu verabreichen, 
 und zwar zwei attische Choiniken Brot und zwei Kotylen 
 Wein nebst etwas Fleisch für den Mann und für einen Diener 
 die Hälfte, aber nur unter den Augen der Athener und ohne 
 die Insel heimlich anzulaufen. Die Athener sollten die Insel 
 nach wie vor scharf bewachen dürfen, aber nicht auf ihr landen 
 nnd sich zu Lande und zu Wasser aller Feindseligkeiten gegen 
 das peloponnesische Heer enthalten. Bei jeder, auch der ge­ 
 ringsten Übertretung dieser Bestimmungen von der einen oder 
 anderen Seite sollte der Waffenstillstand aufgehoben, sonst 
 aber bis zur Rückkehr der lakedämonischen Gesandtschaft von 
 Athen geschlossen sein, diese auch von den Athenern auf einem 
 ihrer Kriegsschiffe hin und her gebracht werden. Bei ihrer 
 Rückkehr sollte der Waffenstillstand ablaufen und die Athener 
 die Schiffe in dem Zustande, in dem sie sie erhalten, zurück- 
 
 geben. Nachdem der Waffenstillstand unter diesen Bedingungen 
 geschlossen war, reisten die Gesandten ab. In Athen ange­ 
 kommen, hielten sie folgende Rede:

„Die Lakedämonier haben uns hergeschickt, Athener, um 
 mit euch wegen der Leute auf der Insel zu unterhandeln und 
 womöglich ein Abkommen zu treffen, wie es eurem Interesse 
 entspricht und sich zugleich in diesem Augenblick nach der ver­ 
 lorenen Schlacht mit unserer Ehre am besten verträgt. Wenn 
 wir uns dabei nicht ganz kurz fassen, so verstößt das nicht 
 gegen unseren Brauch, uns kurz zu fassen, wo es nicht vieler 
 Worte bedarf; es ist vielmehr bei uns zu Lande üblich, wo der 
 Sache damit gedient ist, auch länger darüber zu reden. Nehmt 
 uns auch unsere Worte nicht übel, als ob wir an eurer Ein­ 
 sicht zweifelten und euch belehren wollten, sondern haltet euch 
 versichert, daß wir sie grade im Vertrauen auf eure Einsicht 
 an euch richten, um euch eine hochherzige Entschließung zu 
 empfehlen. Denn ihr seid in der glücklichen Lage, das, waS 
 ihr besitzt, zu behalten und euch mit einem Zuwachs an Ruhm 
 und Ehre zu begnügen, und nicht in Gefahr, in den Fehler 
 von Leuten zu verfallen, die, wenn sie ein ungewöhnliches Glück 
 gehabt, gleich meinen, es müsse damit immer so weiter gehen, 
 weil es ihnen diesmal so unverhofft in den Schoß gefallen ist. 
 Wer aber an sich selbst erlebt hat, wie wetterwendisch das 
 Glück ist, hat alle Ursache, gegen dessen Beständigkeit miß­ 
 trauisch zu sein. Das sollte man bei euch aus Erfahrung wissen 
 und sich bei uns erst recht von selbst verstehen.

„Grade unser jetziges Mißgeschick ist der beste Beweis 
 dafür. Wir, die wir in Griechenland das beste Ansehen hatten 
 und uns bis dahin einbildeten, es stände lediglich bei uns, 
 euch unserseits Bitten zu gewähren, kommen jetzt als Bittende 
 zu euch. Und das nicht etwa, weil wir an Macht eingebüßt 
 oder unS unserer Macht überhoben hätten, sondern weil wir 
 unS auf unsere Macht zu sehr verließen; und so kann es 
 jedem gehen. Darum dürft auch ihr nicht jetzt im Vertrauen 
 auf die jetzige Macht eurer Stadt und eures Bundes darauf 
 rechnen, daß euch das Glück beständig treu bleiben werde. 
 
 Verständige Männer, die sich nicht zu fest auf das Glück ver­ 
 lassen, verlieren auch im Unglück nicht gleich den Kopf und 
 wissen, daß der Krieg nicht nach ihrem Belieben verläuft, 
 sondern wie es des Schicksals Wille ist. Und wie sie so leicht 
 kein Unglück trifft, weil ein Erfolg sie nicht übermütig macht, 
 so werden sie gewiß auch im Unglück am ersten bereit sein, 
 die Hand zum Frieden zu bieten. Und das würde auch euch, 
 Athener, jetzt uns gegenüber wohl anstehen, um nicht später, 
 wenn ihr uns abgewiesen und dann, wie das immer kommen 
 kann, auf einmal Unglück habt, eure jetzigen Erfolge nur als 
 einen Glücksfall ansehen zu müssen, während ihr es jetzt in 
 der Hand habt, ohne was dabei zu wagen, den Ruhm eurer 
 Macht und Einsicht auf die Nachwelt gelangen zu lassen.

„Die Lakedämonier schlagen euch vor, den Krieg gütlich 
 beiznlegen, und bieten euch Frieden, Bündnis und Herstellung 
 freundschaftlicher Beziehungen an, verlangen dafür aber ihrer­ 
 seits die Herausgabe der Leute von der Insel in der Meinung, 
 daß es für beide Teile besser sei, es nicht darauf ankommen 
 zu lassen, ob sie sich vielleicht noch glücklich durchschlagen oder 
 nach Eroberung der Insel vollends in eure Hände fallen 
 würden. Nach unserer Überzeugung lassen sich große Feind­ 
 schaften auf die Dauer nicht dadurch beilegen, daß man den 
 Gegner nach einem siegreichen Kriege zur Annahme eines un­ 
 billigen Friedens zwingt, sondern weit eher dadurch, daß man 
 ihn womöglich noch durch Edelmut besiegt und ihm günstigere 
 Bedingungen gewährt, als er selbst mal erwartet. Denn dann 
 hat er keine ihm angetane Schmach zu rächen, sondern die 
 Pflicht, sich auch seinerseits edelmütig zu zeigen, und schon 
 anstandshalber wird er sich alsdann um so eher bei dem 
 Frieden beruhigen. Und dazu sind die Menschen um so eher 
 geneigt, wenn es sich bei einem Kriege um große Gegensätze 
 und nicht um bloße Kleinigkeiten gehandelt hat. Kommt man 
 ihnen bereitwillig entgegen, so sind sie natürlich auch ihrerseits 
 zum Nachgeben bereit, mit dem Hochmut aber reizt es sie, 
 selbst gegen bessere Einsicht den Kampf zu wagen.

„Wenn jemals, so ist es jetzt für uns beide an der Zeit, 
 
 uns zu vertragen, bevor noch irgendein unwiederbringliches Er­ 
 eignis dazwischenkommt, das uns notwendig für immer nicht 
 nur zu Feinden eurer Stadt, sondern auch zu euren persön­ 
 lichen Feinden machen, euch aber der Vorteile berauben würde, 
 die wir euch jetzt anbieten. Ehe es dazu kommt, laßt uns 
 unseren Streit begraben, solange es euch zum Ruhm gereicht 
 und euch unsere Freundschaft einträgt, wir aber ohne allzu 
 schwere Opfer einen Schimpf damit abwenden können, um von 
 nun an nicht nur selbst miteinander in Frieden zu leben, 
 sondern auch den Leiden der übrigen Griechen ein Ende zu 
 machen. Die aber würden das grade jetzt als euer Verdienst 
 ansehen: denn sie sind in den Krieg geraten, ohne recht zu 
 wissen, wer von uns beiden ihn eigentlich angefangen hat, 
 und wenn er jetzt, wo das wesentlich von euch abhängt, bei­ 
 gelegt wird, so werden sie es euch Dank wissen. Ihr habt es 
 also in der Hand, wenn ihr so beschließt, euch nicht durch 
 Zwang, sondern durch Wohlwollen die dauernde Freundschaft 
 der Lakedämonier zu sichern, die sie euch selbst antragen. Denkt 
 auch an die Vorteile, die wir unzweifelhaft beide davon haben 
 würden; denn wenn wir beiden einig sind, hat ja das übrige 
 Griechenland nichts weiter zu bedeuten und muß nach unserer 
 Pfeife tanzen."

Diese ihre Rede hatten die Lakedämonier in dem Glauben 
 gehalten, die Athener hätten sich schon längst nach Frieden 
 gesehnt; nur weil sie ihrerseits nicht dazu bereit gewesen, sei 
 es bisher nicht dazu gekommen, und wenn man ihnen jetzt 
 Frieden anböte, würden sie gern zugreifen und die Leute heraus­ 
 geben. Die Athener aber glaubten, jetzt, wo sie die Leute auf 
 der Insel in ihrer Gewalt hatten, könnten sie jeden Augenblick 
 Frieden haben, und wollten höher hinaus. Wer sie haupt­ 
 sächlich darin bestärkte, war Kleon, Kleainetos' Sohn, der zu 
 der Zeit Führer der demokratischen Partei und der Mann der 
 Menge war. Der bewog sie, zu antworten, erst müßten die 
 Leute auf der Insel die Waffen strecken und sich ergeben und 
 nach Athen gebracht werden; danach die Lakedämonier Nisaia, 
 Pagai, Troizen und Achaia herausgeben, die sie nicht im Kriege 
 
 gewonnen, sondern die Athener in einer Zwangslage, wo sie 
 unbedingt Frieden bedurft, in dem früheren Vertrage ihnen 
 abgetreten hätten; dann könnten sie die Leute bekommen und 
 Frieden schließen auf so lange Zeit, wie es beiden Teilen 
 beliebe.

Auf diese Antwort erwiderten die Lakedämonier nichts 
 weiter, sondern schlugen den Athenern vor, einen Ausschuß zu 
 wählen, mit dem sie die Sache in aller Ruhe besprechen und 
 sich über die einzelnen Punkte verständigen könnten. Nun aber 
 ging Kleon ins Zeug und sagte, er hätte gleich gemerkt, daß 
 sie nichts Gutes im Schilde führten, und das sei jetzt ganz 
 klar, da sie in der Versammlung nicht mit der Sprache heraus 
 wollten und die Sache lieber mit wenigen abkarten möchten. 
 Brauchten ihre Absichten das Licht nicht zu scheuen, so sollten 
 sie hier nur vor der ganzen Versammlung reden. Da die 
 Lakedämonier einsahen, daß sie das nicht durften, selbst wenn 
 sie notgedrungen einzelne Zugeständnisse machen wollten, um 
 nicht von den Bundesgenossen darüber verhöhnt zu werden, 
 daß sie zwar geredet, aber nichts erreicht hätten, die Athener 
 aber auf ihre Vorschläge unter annehmbaren Bedingungen 
 keinenfalls eingehen würden, reisten sie unverrichteter Sache 
 von Athen wieder ab.

Bei ihrer Rückkehr nach Pylos lief der Waffenstillstand 
 ab, und die Lakedämonier forderten nun dem Vertrage gemäß 
 ihre Schiffe zurück. Die Athener aber, die sich über einen 
 vertragswidrigen Angriff auf die Festung und andere anscheinend 
 unerhebliche Vertragsverletzungen beshcwerten, gaben sie nicht 
 heraus, indem sie sich auf den Wortlaut deS Vertrags beriefen, 
 wonach er schon bei der geringsten Übertretung der darin ge­ 
 troffenen Bestimmungen aufgehoben sein sollte. Die Lake­ 
 dämonier wollten das jedoch nicht gelten lassen, erklärten das 
 Verfahren mit den Schiffen für eine Niederträchtigkeit und 
 gingen ihrer Wege, um die Feindseligkeiten von neuem zu er­ 
 öffnen. Auch wurde der Krieg bei Pylos nun von beiden 
 Seiten nachdrücklich wieder aufgenommen. Die Athener um­ 
 kreisten die Insel bei Tage beständig mit zwei Schiffen, bei 
 
 Nacht aber gingen sie mit der ganzen Flotte rings um die 
 Insel vor Anker, nur bei stürmischem Wetter auf der Seeseite 
 nicht. Auch waren sie zu deren Überwachung durch zwanzig 
 Schiffe aus Athen verstärkt, so daß es nun im ganzen siebzig 
 waren. Die Peloponnesier aber machten aus ihrem Lager auf 
 dem Festlande ab und an einen Angriff auf die Festung und 
 lauerten auf eine Gelegenheit, ihre Leute zu befreien.

Unterdessen waren in Sizilien die Syrakuser und ihre 
 Bundesgenossen mit ihren neu ausgerüsteten Schiffen zur Flotte 
 vor Messene gestoßen, um den Krieg von dort aus zu betreiben. 
 Besonders drängten die Lokrer dazu aus Feindschaft gegen die 
 Rhegier, wie sie ihnen auch selbst schon mit ihrer ganzen Macht 
 ins Land gefallen waren. Sie beschlossen, eine Seeschlacht zu 
 wagen, da sie sahen, wie wenig Schiffe die Athener bis jetzt 
 zur Stelle hatten, während die größere Flotte, mit der sie die 
 Insel bezwingen wollten, dem Vernehmen nach schon unterwegs 
 war. Nach einem Siege zur See hofften sie nämlich mit 
 Rhegion durch einen Angriff von der Land- und Seeseite leicht 
 fertig zu werden und alsdann gewonnenes Spiel zu haben. 
 Denn da Rhegion an der äußersten Spitze Italiens Messene 
 auf Sizilien dicht gegenüber liegt, würden die Athener dann 
 nicht mehr in der Lage sein, mit ihren Schiffen dort vor Anker 
 zu gehen und die Meerenge zu beherrshcen, nämlich den Meeres­ 
 arm zwischen Rhegion und Messene, wo der Abstand zwischen 
 Sizilien und dem Festlande am kleinsten ist. Es ist dies die 
 sogenannte Charybdis, durch die Odysseus mit seinem Schiffe 
 gefahren sein soll, die wegen der Enge und der durch die auS 
 zwei großen Meeren, dem Tyrrhenischen und dem Sizilischen, 
 dort eindringenden Wassermassen verursachte Strömung mit 
 Recht für gefährlich galt.

In diesem Sunde wurden nun die Syrakuser und ihre 
 Bundesgenossen mit etwas über dreißig Schiffen spät abends 
 wegen eines SchiffeS, das hindurchfahren wollte, mit sechzehn 
 athenischen und acht rhegischen Schiffen in eine Schlacht ver­ 
 wickelt. Von den Athenern besiegt, fuhren sie schleunigst ab 
 und suchten jeder auf gut Glück wieder an seinen bisherigen 
 
 Standort bei Messene oder Rhegion zu gelangen, wobei sie ein 
 Schiff verloren; die Nacht machte der Sache ein Ende. Hierauf 
 zogen die Lokrer aus dem Gebiete von Rhegion ab, die Schiffe 
 der Syrakuser und ihrer Bundesgenossen aber sammelten sich 
 beim Vorgebirge Peloris im Messenischen und gingen dort vor 
 Anker, wo auch ihr Landheer in der Nähe stand. Als die 
 Athener und die Rhegier hier an sie herankamen und die 
 Schiffe leer sahen, griffen sie an, verloren dabei aber selbst 
 ein Schiff, das durch eiserne Hände erfaßt wurde, dessen 
 Mannschaft sich jedoch durch Schwimmen rettete. Die Syra­ 
 kuser gingen darauf wieder an Bord und ließen ihre Schiffe 
 am Strande entlang an der Leine nach'Messene ziehen. Nun 
 griffen die Athener sie abermals an, verloren dabei aber, da 
 jene in See ausholten und auf sie einschwenkten, noch ein 
 zweites Schiff. So waren die Syrakuser bei ihrer Strand- 
 fahrt und in dem dabei vorgefallenen Gefechte gut weggekommen 
 und gelangten glücklich in den Hafen von Messene. Die Athener 
 aber fuhren auf die Nachricht, daß Kamarina von Archias und 
 seiner Partei den Syrakusern in die Hände gespielt werden 
 sollte, mit ihrer Flotte dorthin. Unterdessen zogen die Messenier 
 zu Lande mit ihrem ganzen Heere und zugleich mit ihrer Flotte 
 gegen ihre Nachbarstadt, das chalkidische Naxos. Am ersten 
 Tage trieben sie die Naxier in die Stadt hinein und verheerten 
 ihr Land; am folgenden Tage fuhren sie mit ihren Schiffen 
 um die Stadt herum nach dem Flusse Akesines und verheerten 
 auch hier das Land, während sie mit dem Landheere einen 
 Angriff auf die Stadt machten. Unterdessen aber kamen die 
 Sikeler in hellen Haufen über ihre Berge herab und fielen 
 über die Messenier her. Als die Naxier das sahen, faßten sie 
 neuen Mut, und da sie sich darauf trösteten, daß auch die 
 Leontiner und andere griechische Bundesgenossen jeden Augen­ 
 blick zu ihrem Entsatz eintreffen würden, machten sie plötzlich 
 einen Ausfall aus der Stadt, überfielen die Messenier und 
 schlugen sie in die Flucht, wobei sie über tausend niedermachten. 
 Auch den übrigen ging es auf dem Rückzüge schlimm genug; 
 denn die Eingeborenen fielen unterwegs noch über sie her und 
 
 rieben sie fast völlig auf. Auch die bei Messene liegenden 
 Schiffe fuhren darauf alle wieder nach Hause. Da die 
 Messenier so gründlich geschlagen waren, zogen die Leontiner 
 und ihre Bundesgenossen mit den Athenern sogleich vor Messene 
 und machten mit dem Landheer einen Angriff auf die Stadt, 
 während die Athener sich mit der Flotte gegen den Hafen 
 wandten. Die Messenier aber und eine Anzahl Lokrer unter 
 Demoteles, die nach der Niederlage dort als Besatzung ge­ 
 blieben waren, machten einen Ausfall, griffen das leontinische 
 Heer unvermutet an, schlugen es größtenteils in die Flucht 
 und töteten viele. Als die Athener das sahen, kamen sie auch 
 von ihren Schiffen herbei, warfen sich auf die in Unordnung 
 geratenen Messenier und trieben sie wieder in die Stadt. 
 Darauf errichteten sie ein Siegeszeichen und kehrten nach 
 Rhegion zurück. Von nun an setzten die Griechen in Sizilien 
 den Krieg zu Lande ohne die Athener untereinander fort.

Bei Pylos hielten die Athener die Lakedämonier auf der 
 Insel immer noch eingeschlossen, und das peloponnesische Heer 
 auf dem Festlande blieb in seiner alten Stellung. Da es den 
 Athenern an Lebensmitteln und an Wasser gebrach, war der 
 Dienst für sie sehr beschwerlich. Denn Quellen gab es nicht 
 außer einer einzigen auf der Burg von Pylos selbst, und auch 
 die war nur unbedeutend. Die meisten gruben sich am Strande 
 Löcher in den Kies und tranken Wasser, wie es eben danach 
 war. Die Truppen konnten auf dem engen Fleck nur not­ 
 dürftig untergebracht werden, die Schiffe aber hatten keinen 
 geschützten Ankerplatz, mußten auch abwechselnd Lebensmittel 
 vom Festlande holen oder in offener See vor Anker liegen. 
 Am meisten ver.droß sie, daß die Sache sich so unvermutet in 
 die Länge zog, während sie geglaubt hatten, die Leute auf der 
 wüsten Insel, wo sie nur brackiges Wasser zu trinken hatten, 
 würden sich schon nach wenigen Tagen ergeben müssen. Das 
 lag daran, daß die Lakedämonier allen, die freiwillig Mehl, 
 Wein, Käse oder andere den Belagerten dienlichen Nahrungs­ 
 mittel auf die Insel schaffen würden, ein ansehnliches Geld­ 
 geschenk in Aussicht gestellt, jedem Heloten aber, dem es gelänge, 
 
 die Freiheit versprochen hatten. Und manche, namentlich He­ 
 loten, brachten es auch mit Lebensgefahr fertig. Sie fuhren 
 irgendwo auf gut Glück vom Peloponnes ab und suchten bei 
 Nacht von der Seeseite an die Insel zu kommen. Meist 
 warteten sie ab, bis sie Wind mit hatten; denn wenn der Wind 
 von der See wehte, wurden sie so leicht nicht von den Kriegs­ 
 schiffen der Athener bemerkt, weil diese dann nicht außerhalb 
 der Insel liegen konnten, während es ihnen einerlei war, wie 
 sie ans Land kamen. Sie ließen nämlich ihre Schiffe vorher 
 abschätzen und dann auf den Strand laufen, wo die Hopliten 
 an den Landungsplätzen schon aufpaßten. Wenn aber einer 
 das auch bei Windstille wagte, wurde er von den Athenern 
 erwischt. Vom Hafen her schwammen auch Taucher unter 
 Wasser nach der Insel, welche Mohn mit Honig vermischt und 
 gestoßenen Leinsamen in Schläuchen am Seile nach sich zogen. 
 Anfangs merkte das niemand, später aber paßte man ihnen auf. 
 So überbot man sich gegenseitig an Findigkeit, die einen, um 
 die Insel mit Lebensmitteln zu versehen, die andern, um ihnen 
 dabei auf den Dienst zu passen.

Als man in Athen von den Beschwerden des Heeres und 
 der andauernden Versorgung der Insel mit Lebensmitteln hörte, 
 wurde man bedenklich und fürchtete, es könne über die Ein­ 
 schließung Winter werden und damit die Unmöglichkeit ein­ 
 treten, dem Heere um den Peloponnes herum Lebensmittel zuzu­ 
 führen, grade in jener öden Gegend, wo es schon zur Sommer­ 
 zeit damit nicht ausreichend hatte versehen werden können. 
 Bei der Schwierigkeit, an der hafenlosen Küste Truppen zu 
 landen und die Insel genügend zu bewachen, würden sich die 
 Leute dort vielleicht durchschlagen oder eine.stürmische Nacht 
 benutzen können, um sich auf den Fahrzeugen, die ihnen Lebens­ 
 mittel gebracht, davonzumachen. Vor allem aber fürchtete man 
 die Lakedämonier und meinte, sie müßten doch wohl irgend­ 
 einen Trumpf im Spiele haben, da sie keine Friedensvorschläge 
 mehr machten, und bereute jetzt, darauf seinerzeit nicht ein­ 
 gegangen zu sein. Kleon, welcher sah, daß man schlecht auf 
 ihn zu sprechen war, weil er den Frieden verhindert hatte, 
 
 behauptete jedoch, die Leute, die solche Nachrichten verbreiteten, 
 sagten die Unwahrheit. Diese, die von Pylos gekommen waren, 
 bestanden indes darauf, wenn man ihnen nicht glaube, so möge 
 man andere hinschicken, um die Sache zu untersuchen, und 
 dazu wurde er nun selbst mit Theagenes von den Athenern 
 erwählt. Überzeugt, daß ihm jetzt nichts übrigbleibe, als ent­ 
 weder seine Behauptung aufrechtzuerhalten oder, wenn er sie 
 zurücknähme, als Lügner dazustehen, riet er den Athenern, deren 
 Kriegslust inzwischen offenbar gewachsen war, doch nicht erst 
 lange jemand zur Untersuchung der Sache hinzuschicken und 
 damit unnütz Zeit zu verlieren, sondern, wenn sie die Nach­ 
 richt für wahr hielten, den Kerls nur gleich mit einer Flotte 
 zu Leibe gehen. Dabei hatte er es auf Nikias, NikeratoS' Sohn, 
 abgesehen, der damals Feldherr war, den er haßte und dem 
 er eins anhängen wollte, indem er sagte, es wäre doch eine 
 Kleinigkeit, wenn die Feldherren nur Manns danach wären, 
 mit einer ordentlichen Flotte die Leute auf der Insel in den 
 Sack zu stecken, und wenn er den Oberbefehl hätte, würde er 
 das bald fertigbringen.

Nun gingen die Athener gegen Kleon inS Geschirr, warum 
 er denn nicht gleich hinführe, wenn ihm die Sache so einfach 
 schiene, und Nikias, der wohl merkte, daß es auf ihn gemünzt 
 war, erklärte, ihretwegen möge er nur Schiffe nehmen, so viel er 
 wolle, und die Sache versuchen. Kleon, der daS für eine bloße 
 Redensart hielt, zeigte sich erst dazu auch bereit, als er jedoch 
 merkte, daß Nikias ihm wirklich sein Amt abtreten wollte, zog 
 er zurück und sagte, er sei nicht Feldherr, sondern Nikias; 
 denn jetzt wurde ihm bange, während er vorher nicht geglaubt 
 hatte, daß er sich zur Abtretung seines Amtes an ihn ver­ 
 stehen würde. Nikias aber forderte ihn nun von neuem dazu 
 auf und verzichtete, indem er die Athener zu Zeugen anrief, 
 seinerseits für Pylos auf den Oberbefehl. Und je mehr Kleon 
 sich der Sache zu entziehen und an seinen Worten zu drehen 
 und zu wenden suchte, um so heftiger bestanden die Athener, 
 wie es in solchen Versammlungen zu gehen pflegt, darauf, 
 Nikias solle ihm sein Amt abtreten, und schrien ihm zu, er 
 
 möge zu Schiff gehen. So konnte er endlich nicht mehr um 
 sein Wort herumkommen und erklärte sich bereit, trat vor das 
 Volk und sagte, vor den Lakedämoniern fürchte er sich nicht 
 und werde in See gehen und nicht mal Bürger, sondern nie­ 
 mand weiter mitnehmen als die Lemnier und Jmbrier, die 
 Peltasten aus Ainos und vierhundert Bogenschützen aus anderen 
 Orten, die grade bei der Hand wären. Damit und mit der 
 Mannschaft in Pylos werde er ihnen die Lakedämonier binnen 
 zwanzig Tagen lebendig bringen oder sie an Ort und Stelle 
 zusammenhauen. Die Athener mußten freilich über seine 
 Prahlerei lachen, den ernsten Leuten aber war die Sache trotz­ 
 dem nicht unerwünshct, da sie ihrer Meinung nach auf alle 
 Fälle ein Gutes hatte: denn entweder würde man Kleon los, 
 worauf sie eigentlich hofften, oder die Lakedämonier fielen 
 ihnen in die Hände.

Nachdem Kleon in der Versammlung alles abgemacht 
 hatte, von den Athenern zum Oberbefehlshaber erwählt und 
 ihm auf seinen Wunsch einer der Feldherren in Pylos, und 
 zwar Demotshenes, beigeordnet worden war, machte er sich 
 unverzüglich zur Abfahrt bereit. Demosthenes hatte er sich 
 ausgebeten, weil er gehört, daß dieser auch selbst schon den 
 Plan zu einer Landung auf der Insel gemacht habe. Seine 
 Soldaten nämlich, eng eingepfercht wie sie waren und fast 
 schlimmer dran wie die von ihnen belagerten Feinde, verlangten 
 dringend, daß etwas gegen die Insel unternommen würde, 
 und auch ihn hatte ein auf ihr entstandener Brand dazu er­ 
 mutigt, während er sich bis dahin davor gefürchtet hatte. Denn 
 darin, daß sie fast ganz mit Wald bedeckt und, weil von jeher 
 unbewohnt, völlig unwegsam war, erblickte er einen Vorteil 
 für die Feinde, die auch einer auf der Insel gelandeten 
 größeren Truppenzahl durch Angriffe aus dem Hinterhalt ge­ 
 fährlich werden könnten. Während die Athener des Waldes 
 wegen Fehler und Stellungen der Feinde nicht so übersehen 
 könnten, würden diese jeden Mißgriff ihres Heeres sofort be­ 
 merken und es, da sie den Angriff hätten, überall nach Be­ 
 lieben unvermutet überfallen können. Und wiederum, wenn er 
 
 sich gezwungen sähe, sich auf ein Waldgefecht einzulassen, so 
 würde die mit der Hrtlichkeit bekannte Minderheit auch der 
 damit nicht vertrauten größeren Menge überlegen sein und sein 
 Heer trotz seiner Stärke aufgerieben werden, da man nicht 
 sehen könne, wo ein Nachschub nötig sei.

Nach dem unglücklichen Ausgange des ätolischen Feldzugs, 
 welcher gutenteils grade durch die Wälder dort verursacht 
 worden war, lagen ihm solche Betrachtungen besonders nahe. 
 Nun aber waren seine Soldaten, weil sie sonst nicht Platz 
 genug hatten, genötigt gewesen, am Rande der Insel zu landen 
 und dort unter Aufstellung von Vorposten abzukochen. Dabei 
 hatte einer aus Versehen eine kleine Stelle im Holze in Brand 
 gesteckt, und als sich darauf ein Wind aufgemacht, war, ehe 
 man sich dessen versah, fast der ganze Wald abgebrannt. Jetzt 
 also konnte er die Lakedämonier besser beobachten und sich 
 überzeugen, daß sich weit mehr auf der Insel befanden, als 
 seiner Meinung nach vorher dort mit Lebensmitteln versorgt 
 waren, und daß es sich für die Athener schon der Mühe lohnen 
 werde, nachdem die Insel zugänglicher geworden, etwas Ernst­ 
 liches gegen sie zu unternehmen. Er richtete sich deshalb auf 
 einen Angriff ein, zu dem er von den Bundesgenossen in der 
 Nähe Verstärkungen an sich zog und alle sonst nötigen Vor­ 
 bereitungen traf. Kleon, der ihn schon im voraus durch einen 
 Boten benachrichtigt hatte, daß er mit den von ihm verlangten 
 Verstärkungen unterwegs sei, kam nun auch bei Pylos an. 
 Gleich nach ihrer Vereinigung sandten sie zunächst einen Herold 
 ins feindliche Lager am Festlande mit der Aufforderung, die 
 Leute auf der Insel anzuweisen, die Waffen zu strecken und 
 sich ohne neues Blutvergießen zu ergeben, welchenfalls sie bis 
 zu weiterer Übereinkunft in anständiger Haft gehalten werden 
 sollten.

Als man das ablehnte, warteten sie noch einen Tag, am 
 folgenden aber schifften sie bei Nacht ihre sämtlichen Hopliten 
 auf wenigen Fahrzeugen ein und landeten damit kurz vor 
 Tagesanbruch auf beiden Seiten der Insel, sowohl von der 
 See wie vom Hafen her, die nun, im ganzen etwa achthundert 
 
 Mann, im Lauftritt gegen den ersten Posten auf der Insel 
 vorgingen. Die Aufstellung hier war folgende: Diesen ersten 
 Posten bildeten etwa dreißig Hopliten; mitten auf der Insel, 
 wo diese am ebensten und wo auch Wasser war, stand die Haupt­ 
 macht unter Epitadas; endlich war auch die äußerste Spitze der 
 Insel, Pylos gegenüber, welche steil nach der See abfällt und auch 
 von der Landseite am schwersten angreifbar ist, wenn auch nur 
 schwach besetzt. Auch befand sich dort ein alter, aus zusammen­ 
 getragenen Steinen erbauter Turm, von dem man sich im 
 Notfall bei einem Rückzüge immerhin einen gewissen Nutzen 
 versprach. So war die Aufstellung der Lakedämonier.

Die Athener hieben den ersten Posten, auf den sie im 
 Sturmschritt eindrangen, sogleich nieder, da die Leute eben erst 
 aus dem Schlaf fuhren und die Waffen anlegten, auch von 
 der Landung nichts gemerkt, sondern geglaubt hatten, daß die 
 Schiffe nur wie gewöhnlich ihren nächtlichen Wachdienst ver­ 
 sähen. Bei Tagesanbruch wurden dann auch die übrigen 
 Truppen aus etwas über siebzig Schiffen, mit Ausnahme der 
 Ruderknechte der untersten Bank, in ihren verschiedenen Waffen 
 auf der Insel gelandet, und zwar achthundert Bogenschützen, 
 ebensoviel Peltasten, die messenischen Hilfsvölker und alle, 
 welche sonst noch bei Pylos standen, soweit sie nicht zur Be­ 
 satzung der Festung gehörten. Wie Demotshenes angeordnet, 
 bildeten sie Abteilungen von mehr oder weniger zweihundert 
 Mann und besetzten die höchsten Punkte der Jnsel^ damit die 
 Feinde, von allen Seiten umringt, nicht vor- und rückwärts 
 könnten und, zwischen zwei Feuer genommen, nicht wüßten, 
 gegen wen sie sich zu wenden hätten; wenn sie gegen einen 
 Angriff von vorn vorgingen, sollten sie von hinten, wenn 
 gegen einen Flankenangriff, von der anderen Seite beschossen 
 werden. Immer aber, wohin sie sich wendeten, sollten die 
 Leichten sie im Rücken fassen; denn ihnen, die mit Bogen, 
 Wurfspeer und Schleuder den Kampf von weitem führten, 
 war nicht beizukommen, während sie selbst auch fliehend noch 
 gefährliche Feinde und dem weichenden Gegner beständig auf 
 den Fersen blieben. So hatte sich Demosthenes den Plan zu 
 
 einer Landung schon vorher ausgedacht, und so setzte er ihn 
 auch ins Werk.

Als EpitadaS und seine Lakedämonier, welche die Haupt­ 
 macht auf der Insel bildeten, sahen, daß der Feind ihren ersten 
 Posten über den Haufen geworfen hatte, stellten sie sich in 
 Reih und Glied und gingen gegen die Hopliten der Athener 
 zum Angriff vor; denn diese standen ihnen grade gegenüber, 
 die leichten Truppen dagegen zur Seite und im Rücken. An 
 die Hopliten aber konnten sie nicht herankommen, um ihre 
 Meisterschaft ihnen gegenüber zu bewähren, denn die Leichten 
 umschwärmten und beschossen sie von den Seiten, während jene 
 stillstanden und sich nicht vom Fleck rührten. Wo sich die 
 Leichten allzudreist an sie heranmachten, schlugen sie sie aller­ 
 dings zurück, die aber gaben darum den Kampf nicht auf; 
 denn mit ihren leichten Waffen gewannen sie in dem beschwer­ 
 lichen, bisher nie bebauten und deshalb unwegsamen Gelände 
 auf der Flucht leicht einen Vorsprung, wobei die Lakedämonier 
 in ihrer schweren Rüstung sie nicht einholen konnten.

So beschossen sie sich einander eine Zeitlang von weitem. 
 AlS aber die Lakedämonier gegen die Angriffe der Leichten 
 nicht mehr so kräftig vorstoßen konnten und diese sahen, wie 
 die Widerstandskraft der Gegner nachließ und sie selbst ihnen 
 an Zahl so vielfach überlegen waren, wurden sie um so ver­ 
 wegener. Auch hatten sie sich schon mehr an den Anblick der 
 Feinde gewöhnt, so daß sie ihnen nicht mehr so furchtbar 
 vorkamen. Waren sie ihnen gegenüber doch weit besser ge­ 
 fahren, als sie erwartet hatten. Während ihnen noch bei der 
 Landung bei dem Gedanken, gegen Lakedämonier fechten zu 
 müssen, angst und bange geworden war, fühlten sie sich ihnen 
 jetzt überlegen und drangen mit lautem Geschrei haufenweise 
 auf sie ein, um sie, wie es ihnen grade zur Hand war, mit 
 einem Hagel von Steinen, Pfeilen und Wurfspeeren zu über­ 
 schütten. DaS wilde Geschrei, womit der Angriff erfolgte, 
 setzte die eineS solchen Kampfes ungewohnten Gegner in 
 Schrecken, die Asche des eben niedergebrannten Waldes wirbelte 
 in Staubwolken empor, und vor Staub und massenhaft ge­ 
 
 schleuderten Steinen und Geschossen sah man die Hand vor 
 Augen nicht. So hatten die Lakedämonier einen schweren 
 Stand. Ihre Filzpanzer schützten sie nicht vor den Pfeilen, 
 und die Wurfspieße, von denen sie getroffen wurden, brachen 
 darin ab. Sie wußten nicht mehr, was sie anfangen sollten, 
 da ihnen jede Fernsicht abgeschnitten war und sie vor lautem 
 Geschrei der Feinde die eigenen Befehle nicht hören konnten. 
 Überall von Gefahren umringt, hatten sie keine Hoffnung 
 mehr, auch bei der größten Tapferkeit mit dem Leben davon­ 
 zukommen.

Endlich, nachdem bei dem beständigen Hin- und Herwogen 
 des Kampfes schon viele verwundet waren, schlossen sie sich 
 eng zusammen und zogen sich nach dem nicht weit entfernten 
 Turme an der äußersten Spitze der Insel und ihrem Posten 
 dort zurück. Jetzt aber, wo sie sich zurückzogen, drangen die 
 Leichtbewaffneten um so übermütiger und mit noch ärgerem 
 Geschrei auf sie ein, und jeder Lakedämonier, der ihnen in die 
 Hände fiel, war ein Kind des Todes. Die meisten aber er­ 
 reichten glücklich den alten Turm', vereinigten sich mit der 
 dortigen Mannschaft und besetzten ringsum die ganze Stellung, 
 um sie da, wo sie angreifbar war, zu verteidigen. Die Athener, 
 die ihnen auf dem Fuße gefolgt waren, sie aber bei der Festig­ 
 keit des Platzes nicht von allen Seiten zugleich fassen konnten, 
 versuchten, sie nun durch einen Angriff von vorn daraus zu 
 vertreiben, und so hielten beide lange Zeit und fast den ganzen 
 Tag bei Durst und Sonnenhitze die Beschwerden des Kampfes 
 aus, die einen bestrebt, die Gegner von dort oben zu ver­ 
 treiben, die anderen, ihre Stellung zu behaupten. Insofern 
 aber waren die Lakedämonier doch jetzt besser dran als vorher, 
 da sie keinen Flankenangriffen ausgesetzt waren.

Als die Sache kein Ende nahm, wandte sich der Feld­ 
 hauptmann der Messenier an Kleon und Demosthenes und 
 sagte ihnen, so sei alles nur verlorene Mühe; wenn man ihm 
 aber eine Anzahl Bogenschützen und Peltasten gäbe, um sich 
 damit selbst einen Weg zu suchen und den Feinden in den 
 Rücken zu fallen, so wolle er den Zugang schon erzwingen. 
 
 Er erhielt auch, was er verlangt hatte, und nun machte er 
 sich an einer Stelle, wo ihn der Feind nicht sehen konnte, auf 
 den Weg und gelangte, die steilen, von den Lakedämoniern 
 im Vertrauen auf die natürliche Festigkeit des Orts nicht be­ 
 wachten Abhänge der Insel geschickt benutzend, wenn auch mit 
 großer Anstrengung unbemerkt hinauf, ebensosehr zur Über­ 
 raschung und zum Schrecken der Verteidiger, denen er so plötz­ 
 lich im Rücken erschien, wie zur Freude und Ermutigung der 
 Angreifer, die sich jetzt am Ziel ihrer Wünsche sahen. Die 
 Lakedämonier aber, von zwei Seiten beschossen, waren jetzt, um 
 Kleines mit Großem zu vergleichen, in derselben verzweifelten 
 Lage, wie jene Tapferen in den Thermopylen, die von den 
 Persern auf einem Bergpfade umgangen und niedergemacht 
 wurden. So mußten auch sie, von zwei Seiten angegriffen, 
 den Widerstand aufgeben und, durch Mangel an Nahrung ent­ 
 kräftet, wie sie waren, der Übermacht weichen, während die 
 Athener die Zugänge besetzten.

Kleon und Demotshenes aber, welche einsahen, daß sie 
 schon beim nächsten Schritt rückwärts unfehlbar alle von ihren 
 Leuten niedergemacht werden würden, geboten den Ihrigen 
 halt und ließen den Kampf einstellen, weil sie sie gern nach 
 Athen bringen wollten, falls sie sich auf ihren Vorschlag bereit- 
 finden lassen würden, die Waffen zu strecken und sich in ihr 
 Schicksal zu ergeben. Sie ließen sie also durch einen Herold 
 fragen, ob sie die Waffen strecken und sich den Athenern auf 
 Gnade und Ungnade ergeben wollten.

Daraufhin senkten die meisten ihre Schilde und erhoben 
 die Hände zum Zeichen, daß sie dazu bereit seien. Während 
 der infolgedessen eingetretenen Waffenruhe traten Kleon und 
 Demosthenes und von jener Seite Stryphon, Pharax' Sohn, 
 zu Unterhandlungen zusammen. Von den bisherigen Befehls­ 
 habern war nämlich der erste, Epitadas, gefallen, Hippagretos, 
 sein Vertreter, lebte zwar noch, aber lag für tot unter den 
 Leichen, und Stryphon war ihnen, wie üblich, für den Fall, 
 daß beiden etwas zustieße, als dritter beigeordnet. Er und 
 die mit ihm ershcienenen Lakedämonier erklärten nun, sie wollten 
 
 durch einen Herold bei den Ihrigen auf dem Festlande an­ 
 fragen lassen, was sie tun sollten. Die Athener aber ge­ 
 statteten keinem von ihnen, die Insel zu verlassen, sondern 
 ließen selbst Herolde vom Festlande kommen, und nach zwei­ 
 bis dreimaligem Hin- und Herfragen brachte der letzte, welcher 
 von den Lakedämoniern vom Festlande herüberkam, den Be­ 
 scheid, sie möchten tun, was sie selbst für gut fänden, nur ihrer 
 Ehre nichts vergeben. Nun überlegten sie die Sache unter 
 sich und beschlossen, die Waffen zu strecken und sich gefangen 
 zu geben. Den Tag und die darauffolgende Nacht bewachten 
 die Athener ihre Gefangenen auf der Insel, am Tage darauf 
 aber errichteten sie ein Siegeszeichen, machten alles zur Ab­ 
 fahrt fertig und gaben die Gefangenen den einzelnen Befehls­ 
 habern ihrer Kriegsschiffe in Gewahrsam. Die Lakedämonier 
 aber schickten einen Herold und ließen ihre Toten abholen. 
 Die Zahl der auf der Insel Gefallenen und lebend Gefangenen 
 anlangend, so waren im ganzen vierhundertundzwanzig Hopliten 
 hinübergebracht; davon wurden zweihundertzweiundneunzig 
 lebend abgeführt, die übrigen waren gefallen. Unter den 
 Lebenden befanden sich über hundertzwanzig Spartiaten. Die 
 Athener hatten nur wenige verloren; denn zu einer eigentlichen 
 Schlacht war es ja nicht gekommen.

Die ganze Zeit, welche die Leute auf der Insel eingeschlossen 
 gewesen waren, von der Seeschlacht bis zu dem Gefechte auf 
 der Insel, betrug zweiundsiebzig Tage. Davon waren ihnen 
 zwanzig Tage, während der Abwesenheit der Gesandten zu 
 Friedensverhandlungen, Lebensmittel geliefert, an den übrigen 
 hatten sie davon gelebt, was ihnen heimlich zugeführt wurde. 
 ES gab noch Mehl auf der Insel, und auch noch andere Eß­ 
 waren wurden dort vorgefunden; denn Epitadas hatte während 
 seines Oberbefehls die Rationen knapper bemessen als nötig 
 gewesen wäre. Die Athener und die Peloponnesier zogen nun 
 beide von Pylos ab und wieder nach Hause, und KleonS Ver­ 
 sprechen, so unsinnig es auch war, ging wirklich in Erfüllung; 
 denn binnen zwanzig Tagen brachte er die Leute ein, wie er 
 sich anheischig gemacht hatte.

Unter allen Ereignissen des Krieges kam keins den 
 Griechen so wider Erwarten wie dies. Denn sie waren über­ 
 zeugt, die Lakedämonier würden trotz Hunger und Not unter 
 keinen Umständen die Waffen strecken, sondern lieber kämpfend, 
 wie sie gekonnt, auf dem Schilde ihr Leben lassen. Ja man 
 bezweifelte, ob die, welche die Waffen gestreckt, ebenso tapfer 
 gewesen wie die Gefallenen. Als später einmal einer der 
 athenischen Bundesgenossen einen Gefangenen von der Insel 
 boshaft fragte, ob es die Tapferen unter ihnen gewesen, die 
 gefallen wären, gab der ihm zur Antwort, das müßte ein merk­ 
 würdiger Pfeil gewesen sein, der die Tapferen hätte unter­ 
 scheiden können, um ihm zu bedeuten, daß eben jeder gefallen 
 sei, den die Pfeile oder die Steine zufällig getroffen.

Als die Leute eingebracht waren, beschlossen die Athener, 
 sie bis auf weiteres in Gefangenschaft zu behalten, wenn aber 
 die Peloponnesier ihnen inzwischen ins Land fallen würden, 
 sie hinausführen und hinrichten zu lassen. Pylos aber hielten 
 sie besetzt, und die Messenier aus Naupaktos, in deren Vater­ 
 lande es ja lag, da eS zum alten Messenien gehörte, schickten 
 ihre besten Leute hin, die nun von dort ins Lakonische streiften 
 und den Lakedämoniern um so gefährlicher wurden, weil sie 
 dieselbe Mundart sprachen. Die Lakedämonier aber, denen 
 solche Streif- und Raubzüge bis dahin nicht vorgekommen 
 waren und die jetzt ihre Heloten zum Feinde überlaufen sahen 
 und fürchteten, die Bewegung unter der Landbevölkerung könne 
 noch weiter um sich greifen, machten sich darüber ernste Sorgen, 
 und wenn sie sich das auch den Athenern gegenüber nicht 
 merken ließen, so schickten sie doch wiederholt Gesandte nach 
 Athen und versuchten Pylos und die Gefangenen zurückzu­ 
 erhalten. Die Athener aber machten immer größere Ansprüche 
 und ließen sie jedesmal unverrichteter Sache wieder abziehen. 
 Das waren die Ereignisse bei Pylos.

Unmittelbar nachher in demselben Sommer unternahmen 
 die Athener mit zweitausend Hopliten auf achtzig Schiffen 
 und zweihundert Reitern auf Transportschiffen für Pferde 
 einen Zug ins Korinthische, an dem auch Bundesgenossen aus 
 
 Milet, Andros und Karystos teilnahmen. Den Oberbefehl 
 führte Nikias, Nikeratos' Sohn, selbdritter. Sie landeten bei 
 Tagesanbruch an der Küste zwischen Chersonesos und dem 
 Rheitos, da, wo sich etwas weiter landeinwärts der Solygische 
 Hügel erhebt, auf dem vorzeiten die Dorier im Kriege mit 
 den damals äolischen Bewohnern der Stadt Korinth mit ihrem 
 Heere gelagert hatten. Jetzt liegt ein Dorf darauf, das Soly­ 
 geia heißt. Von da, wo die Schiffe an der Küste angelegt 
 hatten, ist das Dorf zwölf Stadien entfernt, die Stadt Korinth 
 sechzig und der Isthmus zwanzig. Die Korinther hatten aus 
 Argos bereits Nachricht von dem ihnen bevorstehenden Einfall 
 der Athener erhalten und deshalb schon seit längerer Zeit ihre 
 sämtlichen Streitkräfte, soweit sie sich nicht jenseits des Isthmus 
 befanden, auf dem Isthmus zusammengezogen. Auch waren 
 damals fünfhundert Mann als Besatzung von Amprakia und 
 Leukas außer Landes. Mit der gesamten übrigen Mannschaft 
 paßten sie auf, wo die Athener landen würden. Als diese 
 dann aber doch unbemerkt bei Nacht mit ihrer Flotte ange­ 
 langt waren und die Feuerzeichen kamen, ließen sie für den 
 Fall, daß die Athener sich etwa gegen Krommyon wenden 
 sollten, die Hälfte ihres Heeres bei Kenchreia stehen und setzten 
 sich mit der anderen eiligst gegen sie in Marsch.

Battos, der eine ihrer beiden Feldherren, die in dem 
 Treffen zugegen waren, besetzte mit einer Abteilung das Dorf 
 Solygeia, das unbefestigt war, während Lykophron mit den 
 übrigen das Gefecht begann. Die Korinther richteten ihren 
 Angriff zunächst gegen den eben erst ausgeschifften rechten 
 Flügel der Athener vorwärts Chersonesos nnd dann auch gegen 
 ihr übriges Heer. Dabei kam es zu heißem Kampf und 
 überall zum Handgemenge. Der rechte Flügel der Athener 
 und der Karystier, die den äußersten rechten Flügel bildeten, 
 nahm die Korinther an und trieb sie, wenn auch mit Mühe, 
 zurück. Diese zogen sich nun rückwärts an eine Mauer und 
 bewarfen, da das Gelände hier allenthalben steil abfällt, die 
 Feinde von oben mit Steinen; dann aber stimmten sie ein 
 Schlachtlied an und gingen von neuem gegen die Athener vor, 
 
 wobei es, da die Athener standhielten, wiederum zum Hand­ 
 gemenge kam. Nun aber brachte eine Abteilung der Korinther 
 ihrem linken Flügel Hilfe, trieb den rechten der Athener zurück 
 und verfolgte ihn bis an die See. Bei den Schiffen aber 
 machten die Athener und Karystier wieder kehrt. Auch auf 
 den übrigen Teilen des Schlachtfeldes wurde ununterbrochen 
 gekämpft, besonders auf dem rechten Flügel der Korinther, 
 wo Lykophron selbst dem linken der Athener gegenüberstand, 
 da man einen Angriff der Athener auf das Dorf Solygeia 
 befürchtete.

Lange Zeit hielten beide stand, und keiner wollte dem 
 anderen weichen. Endlich aber mußten die Korinther daS Feld 
 räumen, wobei den Athenern das Eingreifen der Reiterei, 
 woran es dem Gegner fehlte, sehr zustatten kam. Sie zogen 
 sich auf den Hügel zurück, wo sie wieder Fuß faßten und 
 stehen blieben, ohne wieder herunterzukommen. Bei dieser 
 Niederlage auf ihrem rechten Flügel hatten sie die meisten 
 Verluste, und auch ihr Feldherr Lykophron war gefallen. Auch 
 ihr übriges Heer zog sich nach der verlorenen Schlacht, wobei 
 es indes weder zu einer lebhaften Verfolgung noch zu wilder 
 Flucht gekommen war, auf den Hügel zurück und blieb dort 
 stehen. Da die Korinther den Kampf nicht erneuerten, nahmen 
 die Athener den Gefallenen die Rüstungen ab, sammelten ihre 
 Toten und errichteten ein Siegeszeichen. Die andere Hälfte 
 der Korinther, die bei Kenchraia stehen geblieben war, um eine 
 Landung der Athener bei Krommyon zu verhindern, hatte 
 wegen des Oneiosgebirges von der Schlacht nichts gemerkt. 
 Als man aber die Staubwolken sah und daraus schloß, daß es 
 zur Schlacht gekommen, setzte man sich unverzüglich in Marsch. 
 Ebenso waren, sobald die Sache in Korinth bekannt geworden 
 war, die Alten aus der Stadt gleich ausgerückt. Als die 
 Athener sie alle herankommen sahen, glaubten sie, es träfen 
 Verstärkungen aus den benachbarten peloponnesischen Städten 
 ein, und zogen sich mit den erbeuteten Waffen und ihren Toten 
 bis auf zwei, die sie nicht hatten finden können, auf die 
 Schiffe zurück. Darauf fuhren sie nach den gegenüberliegenden 
 
 Inseln ab und schickten von dort einen Herold, um die zurück­ 
 gelassenen Toten unter Waffenstillstand abzuholen. Korinther 
 waren in der Schlacht zweihundertzwölf, Athener nicht ganz 
 fünfzig gefallen.

Von den Inseln gingen sie noch an demselben Tage unter 
 Segel nach Krommyon im Korinthischen, das von der Haupt­ 
 stadt hundertzwanzig Stadien entfernt ist, wo sie Anker warfen, 
 das platte Land verheerten und über Nacht blieben. Ams 
 folgenden Tage fuhren sie an der Küste entlang erst nach 
 Epidanrien und nach einer Landung dort weiter nach Methone 
 zwischen Epidauros und Troizen, besetzten die Landenge der 
 Halbinsel, auf der Methone liegt, und befestigten sie. Dort 
 ließen sie eine Besatzung zurück und plünderten dann eine 
 Zeitlang das Gebiet von Troizen, Halieis und Epidauros. 
 Als die Befestigung fertig war, ging die Flotte wieder nach 
 Hause.

Um die Zeit dieser Vorgänge waren Eurymedon und 
 Sophokles mit der athenischen Flotte auf der Fahrt von Pylos 
 nach Sizilien in Kerkyra angekommen und hatten sich hier 
 mit den Kerkyräern aus der Stadt gegen die Flüchtlinge auf­ 
 gemacht, die sich nach dem Aufstande auf dem Berge Jstone 
 festgesetzt hatten, von dort Landzwang trieben und viel Schaden 
 anrichteten. Deren Burg wurde auch erstürmt, sie selbst aber, 
 die sich samt und sonders auf eine Bergspitze geflüchtet hatten, 
 gingen einen Vergleich ein, wonach sie ihre Söldner aus­ 
 liefern, selbst aber die Waffen abgeben und in Athen durch 
 das Volk abgeurteilt werden sollten. Bis zu ihrer Abführung 
 nach Athen ließen die Feldherren sie unter freiem Geleit auf 
 die Insel Ptychia in Gewahrsam bringen, unter der Be­ 
 dingung jedoch, daß der Vergleich für alle hinfällig werden 
 sollte, wenn auch nur einer von ihnen auf einem Fluchtversuch 
 ertappt werden würde. Die Häupter der Volkspartei in 
 Kerkyra aber besorgten, in Athen könnte man ihnen, wenn 
 sie erst dort wären, dann doch das Leben lassen, und legten 
 ihnen deshalb eine Falle. Sie schickten heimlich zu ein paar 
 Leuten auf der Insel einige mit ihnen befreundete Personen 
 
 mit dem scheinbar wohlgemeinten Rat, sich so schnell wie 
 möglich aus dem Staube zu machen, weil die athenischen Feld­ 
 herren sie dem Volke in Kerkyra ausliefern wollten, wozu sie 
 selbst ihnen ein Fahrzeug verschaffen würden.

AlS die sie dazu auch wirklich überredet und ein Fahr­ 
 zeug für sie bereitgehalten hatten, wurden sie in dem Augen­ 
 blick, wo sie abfahren wollten, ergriffen; damit aber war der 
 Vergleich hinfällig geworden, und sie wurden alle den Kerky­ 
 räern ausgeliefert. Die Urheber jenes Schelmstücks konnten 
 dabei um so eher auf Glauben rechnen und um so unbedenk­ 
 licher zu Werke gehen, weil die athenischen Feldherren in der 
 Tat die Hand wesentlich mit im Spiel gehabt hatten, denen 
 es offenbar unerwünshct gewesen wäre, wenn andere die Ehre 
 gehabt hätten, die Gefangenen nach Athen zu bringen, während 
 sie selbst nach Sizilien mußten. Die Kerkyräer sperrten die 
 ihnen übergebenen Gefangenen in ein großes Gebäude ein 
 und führten sie von da später, jedesmal zwanzig Mann, an­ 
 einandergebunden durch zwei zu beiden Seiten aufgestellte 
 Reihen Bewaffneter zum Richtplatze hinaus, welche, wenn 
 einer einen Feind unter ihnen erblickte, nach ihnen schlugen 
 und stachen. Unterwegs gingen Leute mit Peitschen nebenher, 
 die sie antrieben, wenn sie nicht schnell genug gingen.

Auf diese Weise hatten sie schon gegen sechzig hinaus­ 
 geführt und hingerichtet, ohne daß die Leute in dem Gebäude 
 davon wußten; denn sie glaubten, sie würden nur abgeführt, 
 um anderSwo untergebracht zu werden. Als man es ihnen 
 dann aber hinterbrachte und sie die Wahrheit erfuhren, riefen 
 sie die Athener an und baten, wenn es denn sein solle, so 
 möchten sie ihnen wenigstens selbst den GarauS machen. Aus 
 dem Gebäude gingen sie nicht und würden auch, so viel an 
 ihnen sei, niemand hereinlassen. Die Kerkyräer gaben sich 
 auch nicht lange damit ab, die Türen zu sprengen, sondern 
 stiegen auf daS Dach, deckten eS ab, warfen ihnen Ziegel auf 
 die Köpfe und beschossen sie von oben mit Pfeilen. Sie 
 suchten sich dagegen so gut wie möglich zu schützen, die meisten 
 aber nahmen sich gleich selbst das Leben, stießen sich die Pfeile, 
 
 die man auf sie herabgeschossen, in die Kehle oder erhängten 
 sich an Gurten aus einigen dort befindlichen Bettstellen oder 
 an Schnüren, die sie aus ihren Kleidern gedreht hatten. Fast 
 die ganze Nacht, die darüber hereingebrochen war, dauerte 
 das Morden. Einer nach dem anderen brachte sich um oder 
 wurde von oben getroffen, bis sie alle tot waren. Als es 
 Tag geworden, warfen die Kerkyräer die Leichen über Kreuz 
 auf Wagen und fuhren sie aus der Stadt. Die Weiber aber, 
 welche ihnen in der Burg in die Hände gefallen waren, ver­ 
 kauften sie in die Sklaverei. Auf diese Weise wurden die 
 Kerkyräer vom Berge durch die Volkspartei abgetan, und die 
 langen Parteikämpfe hatten damit, wenigstens für die Dauer 
 dieses Krieges, ein Ende; denn was von der Gegenpartei 
 noch übrig war, hatte nichts mehr zu bedeuten. Die Athener 
 aber fuhren mit ihren Schiffen weiter nach Sizilien, wohin 
 sie ja von vornherein bestimmt waren, um sich dort an den 
 Kämpfen ihrer Bundesgenossen zu beteiligen.

Die Athener in Naupaktos unternahmen gegen Ende 
 dieses Sommers mit den Akarnaniern einen Zug gegen die 
 korinthische Stadt Anaktorion am Ausgange des Amprakischen 
 Meerbusens und bemächtigten sich ihrer durch Verrat. Die 
 Akarnanier aber besetzten, nachdem sie die Korinther ausgewiesen, 
 den Ort nun selbst mit Ansiedlern aus allen ihren Städten. 
 Damit endete der Sommer.

Im folgenden Winter erwischte Aristeides, einer der Be­ 
 fehlshaber der athenischen Schiffe, welche ausgesandt waren, 
 um Steuern bei den Bundesgenossen zu erheben, in Eion am 
 Strymon den Perser Artaphernes auf der Reise vom Könige 
 nach Lakedämon. Man brachte ihn nach Athen, wo seine 
 Briefschaften aus dem Assyrischen übersetzt und gelesen wurden. 
 Die Hauptsache unter allem, was darin stand, war, der König 
 verstehe nicht, was die Lakedämonier wollten, denn alle ihre 
 Gesandten, die zu ihm gekommen, hätten was anderes gesagt. 
 Wenn sie sich also deutlich erklären wollten, so sollten sie jetzt 
 mit dem Perser Gesandte an ihn schicken. Später schickten 
 die Athener Artaphernes auf einem Kriegsschiffe nach Ephesos 
 
 und zugleich mit ihm auch Gesandte. Als diese aber dort 
 hörten, König Artaxerxes, Xerxes' Sohn, sei kürzlich gestorben, 
 wie das wirklich der Fall war, kehrten sie nach Athen zurück.

In demselben Winter brachen die Chier auf Befehl der 
 Athener ihre neue Stadtmauer ab, die sie in Verdacht hatten, 
 sie wollten mit ihnen brechen; aber erst nachdem sie sich seitens 
 der Athener die bündigste Versicherung verschafft hatten, daß 
 diese von weiteren Schritten gegen sie absehen würden. Damit 
 endete der Winter und daS isebente Jahr des Krieges, den 
 Thukydides beschrieben hat.

Gleich zu Anfang des folgenden Sommers bei Neumond 
 trat eine Sonnenfinsternis und noch im ersten Drittel des-I 
 selben Monats ein Erdbeben ein. Die Flüchtlinge aus Mytilene 
 und anderen lesbischen Orten, welche zumeist vom Festlande 
 aus ihr Wesen trieben und eine Anzahl Söldner teils im 
 Peloponnes, teils in der dortigen Gegend geworben hatten, 
 eroberten Rhoiteion; indes taten sie dort niemand was zu­ 
 leide und gaben es gegen Zahlung von zweitausend phokäischen 
 Stateren wieder heraus. Darauf rückten sie vor Antandros, 
 das ihnen durch Verrat in die Hände fiel. Sie hatten es 
 nämlich darauf abgesehen, alle die früher unter mytilenischer, 
 jetzt unter athenischer Herrschaft stehenden sogenannten aktäischen 
 Städte, namentlich aber Antandros, zu befreien und dieses zu 
 ihrem Waffenplatz zu machen; denn von dort aus, wo sich bei 
 der Nähe des Jda und dem Überfluß an Holz und sonstigem 
 Bedarf vortreffliche Gelegenheit bot, Schiffe zu bauen, glaubten 
 sie, werde es ihnen ein leichtes sein, daS nahe Lesbos zu 
 brandschatzen und sich der äolischen Städte auf dem Festlande 
 zu bemächtigen. Das die Pläne, mit denen sie sich trugen.

In demselben Sommer unternahmen die Athener mit 
 sechzig Schiffen, zweitausend Hopliten und etwas Reiterei 
 einen Zug nach Kythera, an dem auch Bundesgenossen aus 
 Milet und einigen anderen Orten teilnahmen. Den Ober­ 
 befehl führten Nikias, Nikeratos' Sohn, Nikostratos, Dio­ 
 trephes' Sohn, und Autokles, Tolmaios' Sohn. Kythera ist 
 eine Insel an der Küste von Lakonien, Malea gegenüber. Die 
 
 Bewohner sind lakedämonische Periöken, und Jahr für Jahr 
 kam ein Jnselvogt als erster Beamter von Sparta herüber, 
 das dort beständig eine Besatzung unterhielt und auf die Insel 
 besonderen Wert legte; denn die Frachtschiffe auf der Fahrt 
 von Ägypten und Libyen legten dort an, und sie gewährte 
 Lakonien von der Seeseite, wo ihm allein beizukommen ist, 
 immerhin einige Sicherheit gegen Seeräuber, da sie ihrer 
 ganzen Länge nach zwischen dem sizilischen und dem kretischen 
 Meere dem Lande vorliegt.

Nachdem die Athener mit ihrer Flotte dort angekommen 
 waren, ließen sie die dort an der See belegene Stadt Skandeia 
 durch zehn Schiffe und zweitausend Hopliten aus Milet be­ 
 setzen. Mit dem übrigen Heere landeten sie auf der Malea 
 gegenüberliegenden Seite der Insel und rückten vor die nicht 
 weit von der See entfernte Stadt Kythera, wo sie sich als­ 
 bald die Einwohner gegenüber sahen, die hier mit ihrer ganzen 
 Macht im Lager standen. Es kam zu einem Gefecht, in dem 
 die Kytherer kurze Zeit standhielten, dann aber geschlagen 
 wurden und in die obere Stadt flohen. Nachher trafen sie 
 jedoch mit Nikias und seinen Mitfeldherren ein Abkommen, 
 wodurch sie sich der Entscheidung der Athener unterwarfen und 
 sich nur das Leben ausbedangen. Schon vorher aber waren 
 zwischen Nikias und einigen Kytherern gewisse Verabredungen 
 getroffen, infolge deren die Sache in dem Augenblick so glatt 
 abging und sich auch weiterhin so günstig für sie gestaltete; 
 sonst hätten die Athener diese lakedämonischen Bewohner von 
 ihrer Lakonien so unmittelbar gegenüberliegenden Insel doch 
 wohl abgeschoben. Nach jenem Abkommen ließen die Athener, 
 welche die Hafenstadt Skandeia bereits besetzt hatten, auch in 
 Kythera eine Besatzung zurück, um nunmehr mit der Flotte 
 Asine, Helos und den ganzen Küstenstrich heimzusuchen, wo sie 
 mehrfach landeten, gelegentlich auch über Nacht blieben und 
 das Land ungefähr sieben Tage lang verheerten.

Obgleich die Lakedämonier Kythera in den Händen der 
 Athener sahen und beständig auf solche Landungen an ihrer 
 Küste gefaßt sein mußten, dachten sie doch nicht daran, ihnen 
 
 mit ihrer gesamten Macht entgegenzutreten, stellten aber durch 
 das ganze Land an den vorzugsweise bedrohten Punkten eine 
 Anzahl Hopliten auf und waren auch sonst möglichst auf ihrer 
 Hut. Sie fürchteten nämlich, es könne bei ihnen zu gewalt­ 
 samen Verfassungsänderungen kommen, da sie wider alles Er­ 
 warten das schwere Unglück auf der Insel betroffen hatte, 
 Pylos und Kythera in Feindeshand, und sie von allen Seiten 
 plötzlichen, unerwarteten Angriffen ausgesetzt waren. Deshalb 
 errichteten sie, jetzt zum erstenmal, auch eine Reiterei von 
 vierhundert Mann und eine Schützentruppe. Zum Kriegführen 
 aber verging ihnen grade jetzt erst recht die Lust, wo sie sich 
 gegen alle ihre bisherigen Gepflogenheiten in einen Seekrieg 
 verwickelt sahen, und obendrein mit den Athenern, die bei 
 allen ihren Unternehmungen immer noch nicht genug getan zu 
 haben glaubten. Auch waren sie durch die mancherlei Schicksals­ 
 schläge, die sie kürzlich so wider Erwarten betroffen, sehr er­ 
 schüttert, und sie lebten in beständiger Furcht, es könne ihnen 
 nochmals ein solches Unglück zustoßen, wie es ihnen aus der 
 Insel begegnet. Infolgedessen war ihnen die Kampfesfreudig­ 
 keit entschwunden, und bis dahin durch das Glück verwöhnt, 
 wie sie waren, hatten sie das Selbstvertrauen verloren und 
 glaubten, alles, was sie anfaßten, müsse ihnen fehlschlagen.

Wenn die Athener, die damals ihre Küstengegenden ver­ 
 heerten, einem ihrer Posten gegenüber landeten, so ließ sich 
 in der Regel niemand blicken, weil sie sich alle, wie die Dinge 
 damals lagen, ihnen gegenüber an Zahl für zu schwach hielten. 
 Nur einer, der Kotyrta und Aphrodisia verteidigte, überfiel 
 einen zerstreuten Haufen Leichtbewaffneter und schlug ihn in 
 die Flucht, zog sich aber, als die Hopliten in den Kampf ein­ 
 griffen, mit Verlust von ein paar Leuten wieder zurück, deren 
 Rüstungen dem Feinde in die Hände ifelen. Die Athener 
 aber errichteten ein Siegeszeichen und gingen dann wieder 
 nach Kythera unter Segel. Von da fuhren sie herum nach 
 Epidauros-Limera, verheerten einen Teil des dortigen Gebiets 
 und erschienen dann vor Thyrea in der Landschaft Kynesuria 
 auf der Grenze zwischen Argos und Lakonien, welches von 
 
 den Lakedämoniern, denen es damals gehörte, den vertriebenen 
 Hgineten eingeräumt war, weil sie ihnen zur Zeit des Erd­ 
 bebens und des Helotenaufstandes gute Dienste geleistet und 
 auch unter athenischer Herrschaft immer große Anhänglichkeit 
 bewiesen hatten.

Schon während die athenische Flotte noch im Ansegeln 
 war, machten sich die Ägineten, die eben mit dem Bau eineS 
 Festungswerks an der See beschäftigt waren, aus dem Staube 
 und zogen sich in die etwa zehn Stadien landeinwärts gelegene 
 obere Stadt zurück, in der sie wohnten. Die Mannschaft eines 
 lakedämonischen Postens in jener Gegend, die mit an dem 
 Bau gearbeitet hatte, wollte jedoch ungeachtet der Bitten der 
 Ägineten nicht mit in die Stadt, auS Furcht, dort eingeschlossen 
 zu werden, zog sich vielmehr in die Berge zurück, ohne von 
 dort, da sie sich für zu schwach hielt, etwas Weiteres zu unter­ 
 nehmen. Die Athener, die inzwischen gelandet und gleich mit 
 dem ganzen Heere vorgegangen waren, nahmen Thyrea, steckten 
 die Stadt in Brand und zerstörten sie bis auf den Grund. 
 Die Ägineten, soweit sie nicht im Kampfe gefallen waren, 
 brachten sie nach Athen und ebenso den lakedämonischen Befehls­ 
 haber Tantalos, Patroklos' Sohn, der sich in der Stadt befand 
 und lebend in Gefangenschaft geraten war. Auch aus Kythera 
 nahmen sie ein paar Leute mit, die der Sicherheit wegen von 
 der Insel entfernt werden sollten. In Athen beschloß man, 
 diese auf die Inseln in Gewahrsam zu geben, die übrigen 
 Kytherer aber auf ihrer Insel zu lassen und ihnen eine Steuer 
 von vier Talenten aufzuerlegen, die Ägineten dagegen wegen 
 ihrer von jeher bewiesenen Feindschaft sämtlich hinzurichten, 
 Tantalos aber zu den Lakedämoniern von der Insel ins Ge­ 
 fängnis zu legen.

In demselben Sommer kam es in Sizilien zuerst zwischen 
 Kamarina und Gela zu einem Waffenstillstände. Nachher 
 fanden sich auch Gesandte aus den übrigen Griechenstädten der 
 Insel zu Friedensverhandlungen in Gela ein. Nachdem man 
 lange hin und her verhandelt, der eine dies, der andere daS 
 verlangt hatte, je nachdem er zu kurz zu kommen glaubte, redete 
 
 HermokrateS, Hermons Sohn, aus SyrakuS, der einflußreichste 
 Mann unter ihnen, die Versammlung also an:

„Als Vertreter der größten, an kriegerischen Ehren reichen 
 Stadt ergreife ich das Wort, Sikelioten, um euch auseinander­ 
 zusetzen, womit nach meiner Ansicht ganz Sizilien am besten 
 gedient sein würde. Wozu soll ich euch die Leiden des Krieges 
 im einzelnen ausmalen und über altbekannte Dinge lange 
 Reden halten? Bei uns läßt sich niemand aus Unkenntnis zu 
 einem Kriege hinreißen, noch aus Furcht davon abhalten, wenn 
 er sich Vorteile von ihm verspricht. Hin und wieder aber 
 überschätzt man dann doch die Vorteile gegenüber der Gefahr 
 oder läßt es auf einen Krieg ankommen, bloß um augenblick­ 
 lich einer Kleinigkeit wegen nicht nachgeben zu müssen. Beides 
 aber kann zur Unzeit geschehen, und dann tut man wohl, zum 
 Frieden zu raten. Und auch für uns wird es jetzt das beste 
 sein, solchem Rat Gehör zu geben. Haben wir doch alle 
 seinerzeit den Krieg nur unserer Sonderinteressen wegen an­ 
 ge fangen, und nur ihretwegen suchen wir uns jetzt hier mit­ 
 einander zu verständigen, und wenn es dabei nicht dazukommt, 
 daß jeder sein Teil mit nach Hause nimmt, so wird der Krieg 
 wieder angehen.

,,Und doch sollten wir uns bei ruhiger Überlegung nicht 
 verhehlen, daß es sich hier für uns nicht nur um unsere be­ 
 sonderen Interessen handelt, sondern darum, ob wir unS in 
 Sizilien überhaupt der Athener noch erwehren können, die eS 
 nach meiner Überzeugung auf die Unterwerfung der ganzen 
 Insel abgesehen haben. Mehr noch als meine Worte müssen 
 die Athener selbst euch lehren, wie notwendig es ist, daß wir 
 unS untereinander vertragen. Sie, die mächtigsten unter den 
 Griechen, die hier jetzt nur erst mit wenigen Schiffen auf­ 
 treten, passen uns auf den Dienst, um sich unsere Fehler zu­ 
 nutze zu machen, und erreichen ihren Zweck, indem sie ihre im 
 Grunde feindlichen Absichten mit der unschuldigen Behauptung 
 beschönigen, nur ihrer Bundespflicht zu genügen. Wenn wir 
 . uns unter uns bekriegen und sie ins Land rufen, - dies Volk, 
 das anderen auch unberufen von selbst ins Land fällt, - uns 
 
 untereinander aufreiben und damit ihrer Herrschaft vorarbeiten, 
 so werden sie uns, sobald sie sehen, daß wir mit unseren 
 Kräften zu Ende sind, natürlich mit einer größeren Flotte 
 kommen, um sich hier alles zu unterwerfen.

„Es wäre doch weit vernünftiger, uns Bundesgenossen zu 
 Hilfe zu rufen, die uns neue Vorteile brächten, als solche, die 
 uns nur Schaden tun und Gefahren bringen. Sicherlich sind 
 diese inneren Streitigkeiten das größte Unglück sowohl für die 
 einzelnen Städte wie für ganz Sizilien. Da suchen wir uns 
 hier auf unserer Insel einer dem anderen den Rang abzu­ 
 laufen, und die einzelnen Städte stehen sich feindlich gegenüber. 
 Das sollte man einsehen, Bürger mit Bürger, Stadt mit 
 Stadt sich vertragen und mit vereinten Kräften ganz Sizilien 
 zu retten suchen, auch sich nicht einbilden, die Athener be­ 
 kämpften nur unsere dorischen Städte, die chalkidischen dagegen 
 hätten, weil sie auch ionischen Stammes sind, nichts von ihnen 
 zu fürchten. Denn nicht aus Haß gegen einen der beiden 
 Stämme hier auf der Insel führen sie den Krieg, sondern 
 weil sie nach den Schätzen Siziliens trachten, die uns beiden 
 zusammen gehören. Das konnte man ja jetzt deutlich sehen, 
 als sie von den chalkidischen Städten zu Hilfe gerufen wurden. 
 Haben sie doch diesen, die ihnen niemals Hilfe geleistet, wozu 
 sie als Bundesgenossen verpflichtet gewesen, solche ihrerseits 
 weit über das Maß ihrer Bundespflicht hinaus nur zu gern 
 gewährt. Daß die Athener auf diese Weise ihre Herrschaft 
 ausdehnen wollen, verdenke ich ihnen gar nicht, tadele über­ 
 haupt niemand, der herrshcen will, wohl aber den, der allzu- 
 schnell bereit ist, sich zu unterwerfen. Denn so geht es nun 
 mal in der Welt: wer sich nicht wehrt, wird unter die Füße 
 getreten; wer uns aber die Zähne zeigt, den läßt man in 
 Frieden. Das wissen wir ja alle recht gut, und wenn wir uns 
 trotzdem nicht gehörig vorsehen und hier zusammenkommen, 
 ohne zu bedenken, daß es hauptsächlich darauf ankommt, der 
 gemeinsamen Gefahr mit vereinten Kräften zu begegnen, so ist 
 das ein schwerer Fehler. Dem aber wäre schnell abzuhelfen,, 
 wenn wir uns miteinander Verträgen. Denn die Athener 
 
 stützen sich bei ihren Unternehmungen nicht auf ihr eigenes 
 Land, sondern auf das Gebiet der Städte, die sie gerufen 
 haben. Wir würden also ohne weiteres Blutvergießen unseren 
 Zwist sehr leicht friedlich beilegen können und die gefährlichen 
 Freunde, die man ins Land gerufen, ohne daß sie ihren Zweck 
 erreicht, mit Anstand wieder loswerden.

„Den Athenern gegenüber also würde sich solch ein ver­ 
 ständiger Entschluß als höchst ersprießlich erweisen. Warum 
 sollten wir denn nicht auch unter uns selbst Frieden machen, 
 den wir doch alle miteinander für das Beste halten? Und 
 wenn jetzt wirklich einer im Vorteil, ein anderer im Nachteil 
 ist, glaubt ihr etwa, daß es nicht für beide leichter sein würde, 
 solche Nachteile und Vorteile im Frieden auszugleichen oder 
 zu wahren als im Kriege? Daß nicht Ruhm und Ehren und 
 andere Freuden, die ich hier so wenig weiter ausmalen will 
 wie die Leiden des Krieges, im Frieden mit geringerer Gefahr 
 zu haben wären? Schlagt darum meine Worte nicht in den 
 Wind, sondern bedenkt, daß ich nur zu eurer aller Bestem rede. 
 Auch wer bei einer Unternehmung im Vertrauen auf die Ge­ 
 rechtigkeit seiner Sache oder auf seine Macht des Erfolgs sicher 
 zu sein glaubt, hüte sich, daß er nicht unversehens zu Schaden 
 kommt. Ist doch schon mancher, der sich für eine Beleidigung 
 rächen wollte oder auf Eroberungen ausging, nicht nur mit 
 seiner Rache nicht zum Zweck gelangt, sondern darüber selbst 
 zugrunde gegangen oder, statt Eroberungen zu machen, auch 
 noch um das Seinige gekommen. Denn die Rache verhilft 
 dem Beleidigten nicht schon darum zu seinem Recht, weil ihm 
 Unrecht geschehen ist, und die Macht ist ihres Erfolgs nicht 
 schon deshalb sicher, weil sie darauf hoffen darf. Vielmehr kann 
 man nie mit Sicherheit darauf rechnen, was die Zukunft 
 bringen wird. Augenscheinlich aber hat diese völlige Ungewiß­ 
 heit auch ihr Gutes; denn weil keiner weiß, was ihm bevor- 
 steht, sind wir um so vorsichtiger, Krieg miteinander anzu­ 
 fangen.

„Aus Furcht vor dieser dunkeln und unberechenbaren Zu­ 
 kunft und angesichts der schon jetzt bedrohlichen Anwesenheit 
 
 der Athener müssen wir die Hörner einziehen und uns dabei 
 beruhigen, wenn wirklich dieser oder jener unserer besonderen 
 Wünsche unerfüllt oder eine beabsichtigte Unternehmung un­ 
 ausgeführt bleiben sollte. Laßt uns also die gefährlichen Feinde 
 aus dem Lande schicken und unter uns Frieden schließen, am 
 besten für immer oder, wenn das nicht, doch auf möglichst 
 lange Zeit, und unsere häuslichen Zwistigkeiten ein andermal 
 ausmachen. So viel ist gewiß, wenn ihr meinem Rate folgt, 
 so werden ^vir alle Bürger freier Städte und als solche in 
 der Lage sein, unsere Wohltäter und Beleidiger ehrlich mit 
 gleicher Münze zu bezahlen. Glaubt man mir aber nicht, und 
 geben wir fremden Einflüsterungen Gehör, so hat es mit dem 
 Rächen ein Ende, und bestenfalls werden wir uns zu einem 
 Bündnis mit unseren schlimmsten Feinden und zur Feindschaft 
 mit unseren natürlichen Freunden gezwungen sehen.

„Und ich, der ich hier, wie schon vorhin gesagt, die größte 
 Stadt vertrete und an sich den Hieb für die beste Deckung 
 halte, bin angesichts der uns drohenden Gefahren auch meiner­ 
 seits bereit, die Hand zum Frieden zu bieten, weil ich es für 
 verkehrt halte, den Gegner auch dann noch weiter zu be­ 
 kämpfen, wenn es einem selbst zum größten Schaden gereicht. 
 Auch bin ich nicht töricht und verbissen genug, zu glauben, 
 das Glück, dem ich nichts befehlen kann, ebenso wie mich selbst 
 in der Gewalt zu haben, und deshalb, soweit es sich mit 
 unserer Ehre verträgt, zum Nachgeben bereit. Von euch aber 
 erwarte ich, daß ihr es auch so macht und euch untereinander 
 zu Zugeständnissen entschließt, ehe der Feind euch dazu zwingt. 
 So nahe Angehörige wie wir brauchen sich wahrlich nicht zu 
 schämen, ihre Streitigkeiten friedlich beizulegen, der Dorier 
 mit dem Dorier, der Chalkidier mit seinen Anverwandten, alle­ 
 samt Nachbaren und Bewohner des einen, meerumflossenen 
 Eilands, die wir sind und Einen Namen, Sikelioten, führen. 
 Gewiß, auch künftig werden wir uns gelegentlich noch unter­ 
 einander bekriegen, aber dann doch auch bald wieder mit­ 
 einander verständigen und Frieden schließen; den fremden Ein­ 
 dringlingen gegenüber aber werden wir so vernünftig sein, 
 
 immer alle für einen Mann zu stehen, da ja auch der Schaden, 
 den der einzelne nehmen würde, uns allen Gefahr bringt. Aus­ 
 wärtige Mächte aber wollen wir künftig niemals als Bundes­ 
 genossen oder Vermittler ins Land rufen. Auf diese Weise 
 verschaffen wir Sizilien sofort den doppelten Vorteil, daß eS 
 die Athener und den Bruderkrieg loswird, und wir werden in 
 Zukunft hier in freiem Lande unsere eigenen Herren und fremder 
 Begehrlichkeit weniger ausgesetzt sein."

Unter dem Eindruck dieser Rede des Hermokrates kamen 
 die Sikelioten unter sich überein, den Krieg einzustellen; jeder 
 sollte behalten, was er hätte, das Gebiet von Morgantion 
 jedoch gegen eine an Syrakus zu zahlende Summe an Kamarina 
 fallen. Die Bundesgenossen der Athener ließen nun deren 
 Spitzen zu sich kommen und teilten ihnen mit, daß sie unter 
 sich Frieden schließen wollten, und daß der Friede auch für 
 sie gelten solle. Da die damit einverstanden waren, wurde 
 der Friede abgeschlossen, und die Schiffe der Athener fuhren 
 hierauf von Sizilien wieder ab. Die Feldherren aber wurden 
 nach der Rückkehr in Athen zur Strafe gezogen, Pythodoros 
 und Sophokles verbannt und der dritte, Eurymedon, zu einer 
 Summe Geld verurteilt, weil man meinte, sie hätten Sizilien 
 sehr wohl unterwerfen können, sich aber bestechen lassen, von 
 dort abzuziehen. Für so unwiderstehlich hielten sich die Athener 
 damals in ihrem Glück, daß sie glaubten, nicht nur das Mög­ 
 liche, sondern auch das Unmögliche müsse ihnen gelingen, mit 
 kleinen Mitteln so gut wie mit großen Kräften. DaS kam 
 davon, daß ihnen nach den überrashcenden Erfolgen, die sie 
 fast überall gehabt, der Kamm gewaltig geschwollen war.

In Megara, wo man unter den Feindseligkeiten der 
 Athener, die dort alle Jahr zweimal mit ihrer ganzen Macht 
 inS Land fielen, und den Räubereien, welche die eigenen, bei 
 einem Aufstande vom Volke vertriebenen Landsleute von Pegai 
 aus verübten, schwer litt, wurde in diesem Sommer vielfach 
 erwogen, ob es nicht das beste sei, die Vertriebenen wieder 
 aufzunehmen, damit die Stadt nicht länger von zwei Seiten 
 heimgesucht würde. Als die Freunde der Flüchtlinge merkten. 
 
 was im Werke war, legten auch sie sich noch offener als vorher 
 dafür ins Zeug. Die Häupter der Volkspartei aber sahen ein, 
 daß sich nach deren Rückkehr die Demokratie in diesen schwie­ 
 rigen Zeiten nicht würde behaupten können, und knüpften des­ 
 halb mit den athenischen Feldherren, Hippokrates, Ariphrons 
 Sohn, und Demotshenes, Alkisthenes' Sohn, Verhandlungen an 
 in der Absicht, ihnen die Stadt zu übergeben, worin sie für 
 sich eine geringere Gefahr erblickten als in der Rückkehr ihrer 
 vertriebenen Mitbürger. Es wurde verabredet, die Athener 
 sollten sich zunächst der langen Mauern bemächtigen, die sich 
 ungefähr acht Stadien lang von der Stadt bis zum Hafen 
 Nisaia erstreckten, damit die Peloponnesier, welche Nisaia als 
 Schlüssel von Megara allein besetzt hielten, von dort nicht an 
 die Stadt kommen könnten. Darnach wolle man versuchen, 
 ihnen auch die obere Stadt zu übergeben, wozu man sich hier, 
 wenn das gelungen, schon eher verstehen würde.

Nachdem man beiderseits über den Plan und dessen Aus­ 
 führung im reinen war, fuhren die Athener bei Nacht nach 
 der megarischen Insel Minoa und versteckten daraus sechs­ 
 hundert Hopliten unter Hippokrates in einer in der Nähe der 
 Mauer befindlichen Lehmgrube, aus der die Ziegel zum Mauer­ 
 bau gewonnen wurden. Die leichtbewaffneten Platäer aber 
 und eine Anzahl Grenzer (Peripoloi) unter dem zweiten Feld­ 
 herrn Demosthenes legten sich bei dem Enyalostempel, noch 
 näher an der Mauer, in einen Hinterhalt, wovon außer denen, 
 die diese Nacht Bescheid wissen mußten, niemand etwas er­ 
 fuhr. Diese aber führten kurz vor Tagesanbruch ihre Absicht, 
 Megara den Athenern in die Hände zu spielen, in folgender 
 Weise auS. Sie hatten das Offnen des Tores in der Mauer 
 schon von langer Hand vorbereitet. Mit Genehmigung des 
 Befehlshabers der Besatzung hatten sie nämlich wiederholt ein 
 Ruderboot, um damit auf Seeraub auszugehen, auf einem 
 Wagen im Graben an die See gefahren und zu Wasser ge­ 
 bracht und es dann vor Tage auf dem Wagen durch das Tor 
 wieder hinter die Mauer gezogen, angeblich damit die Athener 
 auf Minoa nicht wüßten, worauf sie zu passen hätten, wenn 
 
 im Hafen kein Fahrzeug zu sehen wäre. Als nun auch dies­ 
 mal der Wagen eben wieder vor dem Tore war, das wie 
 gewöhnlich für das Boot geöffnet wurde, und die Athener, 
 mit denen die Sache verabredet war, das sahen, brachen sie 
 schnell aus ihrem Hinterhalt hervor, um hineinzukommen, bevor 
 das Tor wieder zugemacht werden konnte und solange der 
 Wagen noch drin stand, der es verhinderte. Darauf stießen 
 sie und die mit ihnen durchsteckenden Megarer die Wachen am 
 Tore nieder. Zuerst drang Demosthenes mit seinen Platäern 
 und Grenzern bis dahin vor, wo jetzt das Siegeszeichen steht. 
 Da jedoch die Peloponnesier in der Nähe die Sache gleich 
 gemerkt hatten und herbeieilten, kam es innerhalb des Tores 
 schon hier zum Gefecht, in welchem die Platäer die Gegner 
 zurückschlugen und den nachdringenden athenischen Hopliten 
 das Tor offen hielten. ,

Die Athener aber richteten, sowie sie drin waren, ihren 
 Angriff auch gleich auf die Mauer. Ein kleines Häuflein der 
 peloponnesischen Besatzung hielt anfangs tapfer stand, und 
 einige davon blieben auf dem Platze. Die meisten aber er­ 
 griffen die Flucht, erschreckt durch den nächtlichen Überfall der 
 Feinde, zumal sie auch die Verräter auS Megara sich gegenüber 
 sahen und glaubten, ganz Megara hätte sie verraten. Oben­ 
 drein hatte der Herold der Athener zufällig auf eigene Hand 
 ausgerufen, alle Megarer könnten, wenn sie wollten, unter 
 Waffen zu den Athenern übertreten. Als sie dies hörten, 
 hielten sie nicht länger stand, sondern flohen nach Nisaia in 
 der Meinung, es in der Tat mit beiden zu tun zu haben. Früh­ 
 morgens, als die Mauer bereits genommen und in der Stadt 
 Megara Lärm geschlagen war, verlangten die dortigen An­ 
 hänger der Athener und andere ihrer zahlreichen Gesinnungs­ 
 genossen, man solle das Stadttor öffnen und gegen den Feind 
 marschieren. Sie hatten nämlich verabredet, sobald das Tor 
 geöffnet würde, sollten die Athener eindringen, sie selbst aber, 
 um kenntlich zu sein, sich zur Sicherheit mit Hl einshcmieren. 
 Auch konnten sie jetzt um so unbedenklicher das Tor öffnen lassen, 
 da inzwischen der Verabredung gemäß viertausend athenische 
 
 Hopliten und sechshundert Reiter nach einem Nachtmarsch von 
 Eleusis eingetroffen waren. Als sie sich schon eingeschmiert 
 und ans Tor begeben hatten, verriet jedoch einer der Mit­ 
 wissenden den übrigen, was im Werke war. Nun rotteten die 
 sich zusammen und erklärten, habe man schon früher nicht ge­ 
 wagt, gegen den Feind zu marshcieren, wo man dazu weit eher 
 imstande gewesen, so dürfe man das auch jetzt nicht tun und 
 die Stadt nicht offenbarer Gefahr aussetzen. Wem das nicht 
 recht sei, der möge nur gleich hier vom Leder ziehen. Sie 
 aber ließen sich nicht merken, daß sie um die Verabredungen 
 wußten, sondern versicherten, sie hätten nur das Beste gewollt, 
 und blieben selbst mit auf Wache am Tore, so daß die Ver­ 
 räter ihren Zweck nicht erreichten.

Als die Feldherren der Athener sich überzeugt, daß etwas 
 dazwishcengekommen, und daß sie die Stadt mit Sturm nicht 
 würden nehmen können, gingen sie sogleich daran, Nisaia mit 
 einer Mauer einzuschließen, in der Meinung, wenn sie Nisaia 
 nehmen könnten, ehe es Hilfe erhielte, würde Megara sich auch 
 wohl eher ergeben. Was man an Eisen, Steinmetzen und 
 sonst noch dazu nötig hatte, wurde aus Athen schnell beschafft. 
 Sie begannen damit bei den bereits in ihrem Besitz befind­ 
 lichen langen Mauern, zwischen denen sie Megara gegenüber 
 eine Quermauer zogen, die sie dann nach beiden Seiten bis 
 an die See bei Nisaia weiterführten, wobei die Arbeit an 
 Mauer und Graben auf die Mannschaft verteilt wurde. Steine 
 und Ziegel wurden aus der Vorstadt entnommen und etwaige 
 Lücken durch Verhaue aus gefällten Bäumen und Reisig aus­ 
 gefüllt, auch die Häuser der Vorstadt mit Brustwehren versehen 
 und zur Verteidigung eingerichtet. Diesen ganzen Tag wurde 
 ununterbrochen gearbeitet, und am folgenden Tage gegen Abend 
 war die Mauer so gut wie fertig. Nun fürchtete man in 
 Nisaia, die Lebensmittel, die man bisher täglich aus der oberen 
 Stadt bezogen hatte, würden ausgehen, und da man auf Ent­ 
 satz durch die Peloponnesier so bald nicht rechnen konnte, über­ 
 dies die Megarer für Feinde hielt, schloß man mit den Athenern 
 einen Vergleich. Danach sollte die Besatzung die Waffen 
 
 strecken und gegen ein bestimmtes Lösegeld für den Mann 
 freien Abzug haben, jedoch alles, was von Lakedämoniern in 
 der Stadt wäre, insbesondere deren Befehlshaber, den Athenern 
 auf Gnade und Ungnade überantwortet werden. Auf diese 
 Bedingungen zog die Besatzung ab. Die Athener aber schleiften 
 den an Megara stoßenden Teil der langen Mauern, besetzten 
 Nisaia und richteten sich dort weiter ein.

Zu der Zeit stand der Lakedämonier Brasidas, TelliS' 
 Sohn, grade in der Gegend von Sikyon und Korinth und 
 machte sich zu einem Feldzuge nach Thrakien bereit. Als dieser 
 die Nachricht von der Eroberung der langen Mauern erhielt, 
 fürchtete er für die Peloponnesier in Nisaia, aber auch, Megara 
 könnte genommen werden. Er schickte deshalb an die Böotier 
 die Aufforderung, schleunigst bei Tripodiskos, einem Dorfe in 
 Megaris am Fuße der Geraneia, mit ihrem Heere zu ihm zu 
 stoßen, und machte sich mit zweitausendsiebenhundert korinthi­ 
 schen Hopliten, vierhundert Phliasiern, sechshundert Sikyonern 
 und einer Anzahl von ihm selbst bereits geworbener Leute auch 
 seinerseits dahin auf, in der Meinung, Nisaia noch unerobert 
 zu finden. Als er aber hörte, es sei bereits genommen, wählte 
 er sich, bevor von seiner Ankunft was verlautete - er hatte 
 nämlich den Weg nach Tripodiskos bei Nacht zurückgelegt 
 aus seinem Heere dreihundert Mann aus und rückte, ohne daß 
 die Athener an der See etwas davon merkten, mit ihnen vor 
 Megara. Angeblich, und womöglich auch wirklich, war es 
 dabei auf einen Handstreich gegen Nisaia abgesehen; haupt­ 
 sächlich aber lag ihm daran, sich in den Besitz von Megara zu 
 setzen und sich die Stadt zu sichern. Er verlangte deshalb, 
 man solle ihn einlassen, da er Hoffnung habe, Nisaia den 
 Athenern wieder zu entreißen.

Von den Parteien in Megara befürchtete die eine, er 
 würde die Flüchtlinge in die Stadt zurückführen und sie selbst 
 vertreiben, die andere, das Volk könnte grade aus Furcht davor 
 über sie herfallen und, während man sich untereinander be­ 
 kämpfe, die Stadt den in der Nähe lauernden Athenern zur 
 Beute fallen. Sie ließen ihn deshalb nicht ein, sondern be­ 
 
 schlossen beide, daS Weitere einstweilen abzuwarten. Denn 
 sie rechneten darauf, es werde zwischen den Athenern und dem 
 Entsatzheere zur Schlacht kommen und darum für beide das 
 geratenste sein, sich ihren Freunden erst nach dem Siege an­ 
 zuschließen. Da man ihn nicht einlassen wollte, zog sich 
 Brasidas wieder auf sein übriges Heer zurück.

Bei Tagesanbruch waren auch die Böotier eingetroffen 
 Angesichts der auch ihnen drohenden Gefahr waren sie, schon 
 ehe Brasidas zu ihnen geschickt, willens gewesen, Megara zu 
 Hilfe zu kommen, und mit ihrem ganzen Heere bereits bis 
 Platää gelangt. Nachdem jedoch sein Bote gekommen, machten 
 sie sich weiter keine Sorgen, schickten ihm zweitausendzwei­ 
 hundert Hopliten und sechshundert Reiter und zogen mit dem 
 größeren Teile ihres Heeres wieder ab. Als die ganze Streit­ 
 macht mit mindestens sechstausend Hopliten nunmehr bei­ 
 sammen war, das schwere Fußvolk der Athener aber bei Nisaia 
 und an der See stand und ihre Leichtbewaffneten sich im Ge­ 
 lände zerstreut hatten, fiel die böotische Reiterei plötzlich über 
 diese her und trieb sie, völlig überrascht, wie sie waren, da 
 Megara bis dahin niemals fremde Hilfe erhalten hatte, vor 
 sich her bis an die See. Nun aber ging auch die athenische 
 Reiterei zum Angriff vor, und es entspann sich weithin ein 
 Reitertreffen, in dem beide Teile sich den Sieg zuschrieben. 
 Denn die Athener hatten den Anführer der böotischen Reiter 
 und eine, wenn auch geringe Anzahl seiner mit ihm bis dicht 
 nach Nisaia vorgedrungenen Leute getötet und ihnen die 
 Waffen abgenommen, hernach aber die in ihren Händen ge­ 
 bliebenen Leichen unter Waffenstillstand herausgegeben und 
 ein Siegeszeichen errichtet. Schließlich war bei der ganzen 
 Sache für beide Teile nichts herausgekommen, und die Böotier 
 zogen sich auf die Ihrigen, die Athener nach Nisaia zurück.

Darauf rückte Brasidas mit seinem Heere näher an die 
 See und die Stadt Megara heran, wo er eine vorteilhafte 
 Stellung einnahm und, eines Angriffs der Athener gewärtig, 
 in Schlachtordnung stehen blieb, da er recht gut wußte, daß 
 die Megarer nur abwarten wollten, wer siegen würde. Er 
 
 versprach sich davon einen doppelten Vorteil, einmal, ohne 
 selbst angreifen und eine Schlacht wagen zu müssen, bei seiner 
 denn doch deutlich genug bewiesenen Absicht, sie anzunehmen, 
 auch ohne das Schwert zu ziehen, als Sieger angesehen zu 
 werden, zugleich aber damit auch Megara gegenüber am besten 
 zu fahren. Denn hätte er sich mit seinem Heere vor der 
 Stadt nicht sehen lassen, so würde er an einen glücklichen 
 Erfolg überhaupt nicht denken können, die Stadt vielmehr, 
 wie wenn er geschlagen wäre, unter allen Umständen für ihn 
 verloren sein. Sollten sich aber die Athener in der Tat auf 
 keine Schlacht einlassen, so würde er den Zweck, der ihn her­ 
 geführt, ohne Schwertstreich erreichen. Und so kam es auch. 
 Die Athener setzten sich allerdings in Marsch und stellten sich 
 an Her langen Mauer in Schlachtordnung, rührten sich aber, 
 da die Gegner nicht angriffen, auch ihrerseits nicht vom Fleck. 
 Nach Ansicht ihrer Führer stand eben für sie mehr auf dem 
 Spiele als für die Gegner; denn wenn sie, denen bisher 
 fast alles geglückt, jetzt die Schlacht gegen eine solche Über­ 
 zahl eröffneten, hätten sie zwar Aussicht, falls sie isegten, in 
 Megara einzuziehen, im Fall einer Niederlage aber zu be­ 
 fürchten, den besten Teil ihres schweren Fußvolks einzubüßen, 
 während die Gegner, die alle nur mit einem Teil ihrer ge­ 
 samten Streitmacht zur Stelle waren, natürlich eher bereit 
 sein würden, eine Schlacht damit zu wagen. Nachdem sich 
 beide Teile eine Zeitlang gegenübergestanden und von keiner 
 Seite ein Angriff erfolgt war, gingen zuerst die Athener auf 
 Nisaia und dann auch die Peloponnesier in ihre frühere 
 Stellung zurück. So hatten denn in Megara die Partei­ 
 genossen der Flüchtlinge nunmehr Oberwasser und öffneten 
 Brasidas und den Befehlshabern der Bundestruppen die Tore, 
 als ob sie gesiegt und die Athener den Kampf vermieden 
 hätten, und knüpften, nachdem sie eingelassen waren, Verhand­ 
 lungen mit ihnen an, da die Anhänger der Athener ihre Sache 
 bereits verloren gegeben hatten.

Darauf entließ Brasidas die Bundesgenossen in die Heimat 
 und begab sich selbst wieder nach Korinth, um sich zu dem ja 
 
 schon vorher beabsichtigten Zuge nach Thrakien zu rüsten. Als 
 dann auch die Athener abgezogen waren, machten sich diejenigen 
 ihrer Anhänger, welche sich hauptsächlich mit ihnen eingelassen 
 hatten und wußten, daß das kein Geheimnis geblieben war, 
 sogleich im stillen aus der Stadt. Die übrigen aber erklärten 
 sich der Partei der Flüchtlinge gegenüber damit einverstanden, 
 daß diesen gestattet würde, aus Pegai in die Stadt zurück­ 
 zukommen. Dabei gelobte man sich gegenseitig mit den feier­ 
 lichsten Eiden, einander altes Unrecht nicht nachzutragen, sondern 
 nur das allgemeine Beste der Stadt im Auge zu haben. Nach­ 
 dem jedoch die Männer der Gegenpartei ins Amt gelangt 
 waren, ließen sie bei einer von ihnen veranstalteten Waffen- 
 schau die Abteilungen auseinandertreten, um sich aus der Zahl 
 ihrer Gegner etwa hundert auszusuchen, die sich ihrer Meinung 
 nach für die Athener besonders eingelegt, und sie dann, indem 
 sie das Volk zwangen, öffentlich abzustimmen, zum Tode ver­ 
 urteilen und hinrichten. In der Stadt aber führten sie eine 
 wesentlich oligarchische Verfassung ein, und bei diesem durch 
 den Sieg einer kleinen Minderheit aus den Parteikämpfen 
 hervorgegangenen Zustande ist es dann in der Tat lange Zeit 
 geblieben.

In demselben Sommer wollten die Mytilener die von 
 ihnen geplante Befestigung von Antandros ins Werk setzen. 
 Damals befanden sich Demodokos und Aristeides als Befehls­ 
 haber der von Athen zur Eintreibung der Steuern ausgesandten 
 Schiffe am Hellespont, während Lamachos, der dritte von 
 ihnen, mit zehn Schiffen ins Schwarze Meer gefahren war. 
 Als sie bemerkten, daß man dabei war, Antandros zu befestigen, 
 fürchteten sie, es könne daraus ein so gefährlicher Platz werden 
 wie Anaia Samos gegenüber, wo die Flüchtlinge aus Samos 
 sich festgesetzt hatten und die Peloponnesier mit Steuerleuten 
 für ihre Flotte versahen, in Samos Unruhen schürten und 
 Flüchtlinge aus der Stadt aufnahmen. Sie boten deshalb 
 Streitkräfte bei den Bundesgenossen auf und segelten damit 
 nach Antandros, besiegten die ihnen von dort entgegengekommenen 
 Mytilener und setzten sich wieder in Besitz des Platzes. Bald 
 
 nachher verlor Lamachos, der inS Schwarze Meer gefahren 
 und im Gebiet von Herakleia in der Mündung des Kalex 
 vor Anker gegangen war, infolge eines im Oberlauf des Flusses 
 eingetretenen Wolkenbruchs durch die plötzlich zu Tal strömenden 
 Wassermassen seine Schiffe. Er selbst mit der Mannschaft 
 gelangte zu Lande durch das Gebiet der bithynischen Thraker, 
 drüben in Asien, nach Chalkedon, der Kolonie von Megara 
 an der Mündung des Schwarzen Meeres.

In demselben Sommer, gleich nach dem Abzüge aus 
 Megaris, kam auch der athenische Feldherr Demotshenes mit 
 vierzig Schiffen in Naupaktos an. Mit ihm und Hippokrates 
 nämlich hatten Angehörige böotischer Städte damals Ver­ 
 handlungen angeknüpft, um dort an Stelle der bestehenden 
 Verfassungen Demokratie nach athenischem Muster einzuführen. 
 Insbesondere war es Pythodoros, ein Flüchtling aus Theben, 
 nach dessen Plan sie die Sache ins Werk setzen wollten. Dar­ 
 nach sollten einige die thespische Hafenstadt Siphai am Krisä­ 
 ischen Meerbusen, andere, aus Orchomenos, das dem früher 
 minyischen, wie es jetzt heißt böotischen OrchomenoS steuer­ 
 pflichtige Chaironeia ihnen in die Hände spielen, wie denn 
 grade die Flüchtlinge aus Orchomenos dabei besonders ge­ 
 schäftig waren, auch bereits eine Anzahl Leute im Peloponnes 
 geworben hatten. Chaironeia ist die äußerste Stadt Böotiens 
 und grenzt ans Phanotifche in Phokis, und auch einige Phokier 
 waren an der Sache beteiligt. Die Athener aber sollten Delion, 
 daS Heiligtum des Apollon im Gebiete von Tanagra, Euboia 
 gegenüber, besetzen, und zwar sollte das alles an einem be­ 
 stimmten Tage geschehen, damit die Böotier nicht mit vereinten 
 Kräften bei Delion auftreten könnten, sondern alle bei sich zu 
 Hause genug zu schaffen hätten. Falls der Anschlag glückte 
 und Delion befestigt wäre, so dürfe man, wenn eS auch nicht 
 gleich zu Verfassungsänderungen in den böotischen Städten 
 käme, doch hoffen, daß die alten Zustände in Böotien auf die 
 Dauer nicht haltbar seien; wenn man jene Plätze nur erst 
 hätte, das Land verheerte und jeder in der Nähe eine Zuflucht 
 fände, die Athener aber den Aufständischen zu Hilfe kämen 
 
 und die Gegner ihnen nicht mit vereinten Kräften begegnen 
 könnten, so werde die Sache mit der Zeit schon nach Wunsche 
 gehen.

Das war der Plan, den man gesponnen hatte. Hippo­ 
 krates selbst wollte, wenn es so weit wäre, mit einem Heere 
 aus Athen nach Böotien aufbrechen; Demotshenes aber schickte 
 er mit den vierzig Schiffen nach Naupaktos voraus, um in 
 jener Gegend ein Heer aus Akarnaniern und anderen Bundes­ 
 genossen zusammenzubringen und dann nach Siphai zu fahren, 
 auf dessen Übergabe durch Verrat gerechnet wurde. Den Tag, 
 an welchem beides gleichzeitig ausgeführt werden sollte, hatten 
 sie miteinander verabredet. Demotshenes, bei dessen Ankunft 
 Oiniadai von den vereinigten Akarnaniern bereits zum Anschluß 
 an den Athenischen Bund genötigt worden war, rief nun seiner­ 
 seits sämtliche Bundesgenossen in jener Gegend zu den Waffen 
 und wandte sich zunächst gegen Salynthos und die Agraier, 
 brachte sie auch auf seine Seite und machte sich dann fertig, 
 zur rechten Zeit vor Siphai einzutreffen.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer war Brasidas mit 
 siebzehnhundert Hopliten nach dem thrakischen Küstenlande 
 aufgebrochen. Als er Herakleia in Trachis erreicht, schickte er 
 einen Boten an seine Freunde nach Pharsalos, um für sich 
 und sein Heer Geleit zu erbitten. Infolgedessen fanden sich 
 Panairos, Doros, Hippolochidas, Torylaos und Strophakos, 
 der Staatsgastfreund der Chalkidier, bei Melitia in Achaia bei 
 ihm ein, worauf er seinen Marsch fortsetzte, bei dem ihm auch 
 noch andere Thessaler, darunter auch Nikonidas aus Larisa, 
 ein Freund des Perdikkas, Geleit gaben. Ohne Geleit war 
 nämlich in Thessalien nicht leicht durchzukommen, und nun gar 
 mit einem Heere, wie es in Griechenland überhaupt nicht ge­ 
 raten war, ohne ausdrückliche Erlaubnis durch fremdes Gebiet 
 zu ziehen. Überdies hatten es die Thessaler im ganzen von 
 jeher stets mit den Athenern gehalten, und wenn es damals 
 dort im Lande nicht mehr Fürstentümer als freie Städte ge­ 
 geben hätte, so wäre er schwerlich durchgekommen; denn selbst 
 so vertraten ihm die Gegner seiner Freunde am Flusse Cni­ 
 
 peus den Weg und erklärten, daß er ohne Erlaubnis des 
 Bundesrats seinen Marsch nicht fortsetzen dürfe. Seine Be­ 
 gleiter erwiderten jedoch, gegen dessen Willen würden sie ihm 
 auch kein Geleit geben, und nur, weil er so unversehens ge­ 
 kommen, hätten sie als seine Gastfreunde sich seiner angenommen. 
 Brasidas selbst aber sagte, er komme als ihr Freund und als 
 Freund ihres Landes und führe die Waffen nicht gegen sie, 
 sondern gegen seine Feinde, die Athener; übrigens sei ihm 
 von einer Feindschaft zwischen Thessalern und Lakedämoniern, 
 so daß sie einander nicht ins Land kommen dürsten, nichts 
 bekannt, und auch jetzt denke er nicht daran, gegen ihren Willen 
 weiterzuziehen, würde dies ja auch gar nicht können, hoffe 
 jedoch, daß sie ihm das nicht verwehren würden. Daraufhin 
 zogen sie denn auch wieder ab. Er aber setzte auf Rat seiner 
 Geleitsfreunde, bevor man ihm etwa neue, ernstlichere Hinder­ 
 nisse in den Weg legte, seinen Zug ohne Aufenthalt in Eil­ 
 märschen fort. Noch an demselben Tage, an dem er von 
 Melitia aufgebrochen war, gelangte er nach Pharsalos, wo 
 er am Flusse Apidanos ein Lager bezog, von da nach Phakion 
 und dann weiter nach Perhaibia. Hier kehrten seine thessa­ 
 lischen Begleiter wieder um, die Perhaibier aber, welche unter 
 thessalischer Herrschaft standen, brachten ihn nach Dion, einem 
 am Fuße des Olympos unweit der thessalischen Grenze gelegenen 
 makedonischen Städtchen im Reiche des Perdikkas.

Auf diese Weise war Brasidas, noch ehe jemand Anstalt 
 machen konnte, ihm den Weg zu verlegen, in Eilmärschen durch 
 Thessalien gezogen und bei Perdikkas und in Chalkidike an­ 
 gekommen. Denn Perdikkas und die von Athen abgefallenen 
 vorderthrakischen Städte, denen bei den Erfolgen der Athener 
 bange geworden war, hatten ihn mit seinem Heere glücklich 
 aus dem Peloponnes herausgebracht, und auch ihre noch nicht 
 abgefallenen Nachbarstädte hatten ihnen dabei unter der Hand 
 Vorschub geleistet. Die Chalkidier glaubten nämlich, die 
 Athener würden sich zunächst gegen sie wenden, und wenn 
 Perdikkas auch nicht in offener Feindschaft mit den Athenern 
 lebte, so fürchtete er sie doch der alten Streitigkeiten wegen; 
 
 vor allen Dingen aber wollte er Arrhibaios, den König der 
 Lynkester, unterwerfen. Dabei war ihnen der Umstand, daß 
 die Lakedämonier neuerdings stark ins Hintertreffen geraten 
 waren, insofern zustatten gekommen, als sie nun um so leichter 
 ein Heer aus dem Peloponnes erhalten hatten.

Denn die Lakedämonier hofften, sich die Athener, die dem 
 Peloponnes und besonders ihrem eigenen Lande so schwer 
 auflagen, am ersten vom Halse zu schaffen, wenn sie ihnen 
 selbst zu Leibe gingen und ein Heer ins Land ihrer Bundes­ 
 genossen schickten, zumal diese sich erboten, dessen Verpflegung 
 zu übernehmen, und sie zu Hilfe riefen, um die Herrschaft der 
 Athener abzuschütteln. Zugleich bot sich ihnen damit ein er­ 
 wünschter Vorwand, eine Anzahl Heloten außer Landes zu 
 schicken, damit diese nicht etwa den Augenblick, wo Pylos in 
 Feindeshand war, benutzten, um sich zu empören. Auch hatten 
 sie aus Furcht vor ihrem zahlreichen jungen Nachwuchs bereits 
 zu einer anderen Maßregel gegen sie gegriffen, wie denn bei 
 ihnen von jeher im Grunde alles darauf hinauslief, die He­ 
 loten im Zaume zu halten. Sie machten bekannt, aber nur 
 um sie auf die Probe zu stellen, wer unter ihnen sich besonders 
 tüchtig zum Kriegsdienst fühle, solle sich melden und dann 
 eingestellt und freigelassen werden; denn vermutlich würden 
 grade die, welche am meisten nach Freiheit verlangten, auch 
 zuerst bei der Hand sein, ihnen den Hals abzuschneiden. Es 
 wurden denn auch gegen zweitausend ausgehoben, die darauf 
 als nunmehr freie Leute bekränzt durch die Tempel zogen. 
 Nach kurzer Zeit aber ließen die Lakedämonier sie sämtlich 
 verschwinden, und niemand erfuhr, wo und wie sie ums Leben 
 gekommen waren. So nahmen sie auch jetzt gern die Gelegen­ 
 heit wahr, siebenhundert Heloten als Hopliten mit Brasidas 
 hinauszuschicken. Im übrigen bestand dessen Heer aus Söldnern, 
 die er im Peloponnes geworben hatte.

Nun schickten die Lakedämonier Brasidas zwar haupt­ 
 sächlich auf seinen eigenen Wunsch hinaus, aber auch die 
 Chalkidier hatten um ihn gebeten, weil er in Sparta für einen 
 unternehmenden und besonders tatkräftigen Mann galt, wie 
 
 re sich denn auch in diesem Feldzuge große Verdienste um die 
 Lakedämonier erwarb. Durch sein gerechtes und maßvolles Auf­ 
 treten den Städten gegenüber brachte er sie meist gleich auf 
 seine Seite oder gewann sie durch Verrat, so daß die Lake­ 
 dämonier in der glücklichen Lage waren, wenn sie Frieden 
 schließen wollten und später wirklich schlossen, solche Plätze 
 gegen andere auszutauschen und sich des Krieges im Peloponnes 
 zu entledigen. Auch war es besonders der damals bewiesenen 
 Tüchtigkeit und Klugheit des Brasidas zu verdanken, die den 
 Bundesgenossen der Athener aus Erfahrung oder doch von 
 Hörensagen bekannt war, daß diese sich in der Zeit nach dem 
 sizilischen Kriege zu den Lakedämoniern hingezogen fühlten. 
 War er doch der erste, der zu ihnen kam, und in jeder Be­ 
 ziehung ein so prächtiger Kerl, daß sie fest glaubten, die Lake­ 
 dämonier müßten alle so sein.

Damals, als die Athener von seiner Ankunft an der 
 thrakischen Küste hörten, meinten sie, Perdikkas habe ihn zu 
 dem Zuge veranlaßt, und behandelten diesen als Feind, hatten 
 seitdem auch ein wachsameres Auge auf ihre dortigen Bundes­ 
 genossen.

Sobald Brasidas mit seinem Heere zu ihm gestoßen war, 
 zog Perdikkas gegen Arrhibaios, Bromeros' Sohn, den König 
 der makedonischen Lynkester, zu Felde, seinen Grenzn ach baren, 
 mit dem er in Streit lag und den er unterwerfen wollte. Als 
 er und Brasidas im Begriff waren, mit dem Heere nach Lynkos 
 einzurücken, erklärte Brasidas, er wolle sich vor Beginn der 
 Feindseligkeiten erst selbst zu Arrhibaios begeben und ihn wo­ 
 möglich in Güte zu einem Bündnis mit den Lakedämoniern 
 zu bewegen suchen. Arrhibaios hatte ihm nämlich schon durch 
 einen Herold seine Bereitwilligkeit andeuten lassen, sich seiner 
 schiedsrihcterlichen Entscheidung zu unterwerfen, und die chalki­ 
 dischen Gesandten, die dabei zugegen gewesen, hatten empfohlen, 
 Perdikkas die Sache nicht gar zu leicht zu machen, damit er 
 auch für ihre Zwecke zu haben wäre. Außerdem hatten auch 
 die Gesandten des Perdikkas in Lakedämon sich dahin geäußert, 
 er werde den Lakedämoniern in seiner Nachbarschaft zahlreiche 
 
 Bundesgenossen verschaffen, so daß Brasidas schon mit Rück­ 
 sicht darauf den Streit mit Arrhibaios lieber durch eine persön­ 
 liche Zusammenkunt sbeizulegen wünschte. Perdikkas aber er­ 
 klärte,^ er habe ihn nicht als Schiedsrichter gerufen, sondern 
 damit er ihm die Leute, die er ihm als seine Feinde bezeichne, 
 bezwingen helfe, und es sei unrecht von ihm, während er 
 seinerseits das Heer zur Hälfte ernähre, sich mit Arrhibaios 
 in Verhandlungen einzulassen. Trotzdem begab sich Brasidas 
 gegen den Willen des Perdikkas nach diesem Wortwechsel zu 
 Arrhibaios und verständigte sich mit ihm, zog auch, noch bevor 
 es zum Einfall in dessen Land kam, mit seinem Heere ab. 
 Perdikkas aber fühlte sich dadurch gekränkt und zahlte seitdem 
 statt der Hälfte nur noch ein Drittel der Verpflegungskosten.

Gleich nahcher in demselben Sommer kurz vor der Ernt 
 rückte Brasidas mit seinem durch Chalkidier verstärkten Heere 
 vor Akanthos, die Kolonie von Andros. Hier kam es zwischen 
 dem Volke und der Gegenpartei, die ihn und die Chalkidier ge­ 
 rufen hatte, darüber zum Streit, ob man ihn einlassen sollte. 
 Aus Furcht für die noch draußen stehende Ernte ließ sich das Volk 
 jedoch von Brasidas überreden, ihn allein einzulassen, um ihn 
 zunächst mal zu hören und darnach weiter zu beschließen, und 
 so wurde er eingelassen. Nun trat er vor der Volksversammlung 
 auf, - für einen Lakedämonier war er nämlich kein schlechter 
 Redner, - und redete sie also an:

,Ich bin mit dem Heere von den Lakedämoniern heraus- 
 geschickt, Akanthier, um den Krieg in Wahrheit zu dem zu 
 machen, was er nach unserer Erklärung zu Beginn desselben 
 von vornherein sein sollte, ein Krieg gegen die Athener für die 
 Freiheit Griechenlands. Wenn wir erst jetzt kommen, nachdem 
 wir uns in der Erwartung getäuscht sahen, auch ohne euch in 
 Mitleidenschaft zu ziehen, im Kriege mit den Athenern dort allein 
 bald fertig zu werden, so mache man uns daraus keinen Vor­ 
 wurf; sind wir doch jetzt, sobald es uns möglich war, erschienen 
 und wollen versuchen, mit euch vereint sie zu bezwingen. Es 
 wundert mich, daß ihr die Tore vor mir verschließt, statt mich 
 mit Freuden aufzunehmen. Denn wir Lakedämonier glaubten 
 
 hier Leute zu finden, die unS als Bundesgenossen willkommen 
 heißen und. sich, auch schon bevor wir wirklich da, als solche 
 fühlen würden. Deshalb haben wir auch die Gefahr nicht ge­ 
 scheut, viele Tage lang durch fremdes Land zu ziehen, und 
 dabei alle Beshcwerden willig ertragen; solltet ihr jedoch die 
 Sache anders ansehen und von eurer Freiheit und der Freiheit 
 Griechenlands nichts wissen wollen, so wäre das ein wahres 
 Unglück. Denn nicht nur, daß ihr mir das Tor verschlößt, 
 sondern auch andere, zu denen ich käme, würden Bedenken 
 tragen, sich mir anzuschließen, wenn ihr, die ersten, zu denen 
 ich komme, die Bürger einer so ansehnlichen Stadt, die ihr für 
 verständige Leute geltet, mich nicht aufgenommen hättet. Und 
 ich wüßte wirklich nicht warum. War es etwa ein Unrecht, 
 euch die Freiheit bringen zu wollen, oder meint ihr, ich wäre mit 
 ungenügenden Kräften gekommen und zu schwach, euch gegen 
 Angriffe der Athener zu schützen? Als ich mit diesem meinem 
 Heere vor Nisaia ershcien, haben die Athener trotz ihrer Über­ 
 zahl ja nicht gewagt, es mit mir aufzunehmen, und es ist doch 
 nicht wahrscheinlich, daß sie euch zu Schiff ein Heer ins Land 
 schicken werden, das auch nur so stark wäre, wie sie bei Nisaia 
 waren.

,Ich bin meinerseits ohne alle Hintergedanken lediglich zur 
 Befreiung der Griechen hierhergekommen und habe überdies 
 die Regierung in Lakedämon vorher mit den heiligsten Eiden 
 verpflichtet, den Bundesgenossen, die ich gewinnen würde, ihre 
 Unabhängigkeit zu lassen. Weit entfernt, euch durch List oder 
 Gewalt zum Bunde mit uns nötigen zu wollen, sind wir viel­ 
 mehr nur hier, um euch behilflich zu sein, die Knechtschaft der 
 Athener abzuschütteln. Meiner Meinung nach habt ihr also 
 weder Grund, nach solchen Bürgschaften, die ich euch gegeben, 
 mir böse Absichten zuzutrauen, noch mich zu eurem Schutz für 
 zu schwach zu halten, und könnt deshalb dreist auf unsere Seite 
 treten. Und wenn etwa einer vom Standpunkte seiner Partei 
 befürchtet, ich würde hier gewisse Herren in den Sattel setzen, 
 und deshalb bedenklich sein sollte, so kann er sich auch darüber 
 völlig beruhigen. Denn ich bin nicht hier, um Parteipolitik zu 
 
 treiben, und denke nicht daran, euch eine so fadenscheinige Freiheit 
 anzubieten, auf die es doch hinauslaufen würde, wenn ich ohne 
 Rücksicht auf hergebrachte Verfassungszustände der Minderheit 
 über die Mehrheit oder der Masse über die Minderheit zur 
 Herrschaft verhelfen wollte. Denn das wäre ja noch schlimmer 
 als Fremdherrschaft, und wir Lakedämonier würden damit für 
 unsere Mühe keinen Dank ernten und uns statt Ruhm und Ehre 
 nur Verwünschungen zuziehen. Was man den Athenern vor­ 
 wirft, und weshalb wir sie bekämpfen, würde sich bei uns noch 
 häßlicher ausnehmen als bei ihnen, denen es auf den guten 
 Namen nicht ankommt. Für einen angesehenen Mann ist es 
 schimpflicher, mit ehrlichem Gesicht auf krummen Wegen seinem 
 Vorteil nachzugehen, als mit offener Gewalt; denn hierbei 
 macht er nur vom Recht des Stärkeren Gebrauch, das ihm das 
 Schicksal gegeben, dabei aber geht er mit Lug und Trug zu 
 Werke. So sehr sind wir gewohnt, bei Abwägung unserer 
 politischen Interessen mit der äußersten Vorsicht zu verfahren.

„Außer jenen Eiden könntet ihr keine bessere Bürgschaft 
 haben, als wenn ihr mir Gelegenheit gäbt, meine Worte wahr 
 zu machen und euch die verheißenen Vorteile wirklich zu ver­ 
 schaffen. Sagt ihr mir aber, ihr könntet auf meine Anerbietungen 
 nicht eingehen, hofftet indes, daß es euch bei eurer Freundschaft 
 für uns nicht zum Schaden gereichen würde, wenn ihr sie ab­ 
 wiest, die Freiheit habe denn doch auch ihre Gefahren, und 
 man dürfe sie niemand anbieten oder aufnötigen, der nicht in 
 der Lage sei, sie anzunehmen, so werde ich Götter und Heroen 
 des Landes zu Zeugen anrufen, daß ich trotz der besten Absicht, 
 in der ich gekommen, in Güte nichts bei euch erreicht habe, 
 euer Land verheeren und euch zu zwingen suchen. Und ich bin 
 mir bewußt, damit kein Unrecht zu tun, sondern halte mich 
 dazu aus zwei triftigen Gründen für berechtigt: Einmal dürfen 
 die Lakedämonier, wenn ihr euch trotz aller Freundschaft uns 
 nicht anschließen wollt, wenigstens nicht darunter leiden, daß 
 ihr Steuern an die Athener zahlt, sodann aber die Griechen 
 durch euer Verhalten nicht gehindert werden, ihr Joch ab­ 
 zuschütteln. Sonst würden wir allerdings dazu kein Recht haben; 
 
 denn wir Lakedämonier sind nicht dazu bestellt, soweit es das 
 Interesse der Gesamtheit nicht erheischt, jemand gegen seinen 
 Willen zu befreien. Wir streben auch nicht nach Herrschaft, 
 aber grade weil wir anderen in dieser Beziehung das Hand­ 
 werk zu legen suchen, wäre es unrecht gegen alle übrigen, 
 wollten wir uns in dem Augenblick, wo wir als deren Befreier 
 kommen, von euch Hindernisse in den Weg legen lassen. Nun 
 also, entschließt euch und begeht keine Torheit. Laßt euch die 
 Ehre nicht nehmen, den Griechen auf der Bahn der Freiheit 
 voranzugehen und euch für immer mit Ruhm zu bedecken. Dann 
 wird keinem von euch ein Haar gekrümmt werden und der 
 Name eurer Stadt den schönsten Klang haben."

So Brasidas. Die Akanthier aber entschieden sich nach 
 vielem Für- und Widerreden, teils unter dem Eindruck seiner 
 Worte, teils aus Furcht für ihre Ernte, in geheimer Abstimmung 
 mit großer Mehrheit für den Abfall von den Athenern. So 
 ließen sie ihn denn mit seinem Heere ein, nachdem sie ihn auf 
 die bei seiner Aussendung von der lakedämonischen Regierung 
 geleisteten Eide auch selbst noch ausdrücklich verpflichtet hatten, 
 wonah cden Bundesgenossen, die er gewinnen würde, ihre Un­ 
 abhängigkeit belassen werden sollte. Bald nachher fiel auch 
 Stageiros, eine Kolonie von Andros, von den Athenern ab. 
 Das waren die Ereignisse dieses Sommers.

Gleich im Beginn des folgenden Winters, wo die böo­ 
 tischen Pläne der athenischen Feldherren Hippokrates und 
 Demotshenes ins Werk gesetzt werden sollten, hätte Demotshenes 
 mit der Flotte bei Siphai und Hippokrates bei Delion eintreffen 
 müssen. Infolge eines Mißverständnisses über den Tag, an 
 welchem beide aufbrechen sollten, war jedoch Demosthenes mit 
 seiner Flotte mit Akarnaniern und zahlreichen Bundesgenossen 
 jener Gegend an Bord nach Siphai in See gegangen, hatte 
 hier aber nichts ausgerichtet, da sein Plan von NikomachoS, 
 einem Phokier aus Phanoteus, den Lakedämoniern und von 
 diesen den Böotiern gesteckt war. Die Böotier hatten auch 
 alle gleich zu den Waffen gegriffen, und da Hippokrates ihnen 
 im Lande noch nichts zu schaffen machte, sowohl Siphai wie 
 
 Chaironeia rechtzeitig besetzt. Als ihre Landsleute, welche die 
 Sache betrieben, einsahen, daß sie mißlungen, gaben sie ihre 
 Pläne auf, und von Verfassungsänderungen war weiter keine 
 Rede.

Hippokrates aber, der ganz Athen, Bürger, Schutzverwandte, 
 ja selbst zeitweilig sich dort aufhaltende Fremde, auf die Beine 
 gebracht hatte, kam erst später bei Delion an, als die Böotier 
 von Siphai schon wieder abgezogen waren. Bei Delion, dem 
 Heiligtum des Apollon, blieb er mit dem Heere stehen und 
 ließ es befestigen, und zwar auf folgende Weise. Rings um 
 das Heiligtum und den Tempel selbst wurde ein Graben aus­ 
 geworfen und das ausgehobene Erdreich statt einer Mauer 
 aufgeschüttet. Auch wurden Pfähle eingerammt aus Reben, 
 die man in den Weinbergen beim Tempel gehauen, sowie 
 Steine und Ziegel aus den in der Nähe befindlichen Trümmern 
 eingefallener Gebäude draufgeworfen, um das Werk auf jede 
 Weise hoch zu bringen. An geeigneten Stellen und wo von 
 Tempelbauten nichts mehr vorhanden war, - eine Halle, die 
 früher dort gestanden, war nämlich eingestürzt, - brachte man 
 hölzerne Türme an. Am dritten Tage nach dem Aufbruch 
 von Athen hatte man sich an die Arbeit gemacht und an diesem 
 und am vierten sowie am fünften bis zum Essen weitergearbeitet. 
 Darauf, als das Werk in der Hauptsache fertig war, zog das 
 Heer wieder ab. Nachdem es auf dem Wege nach Hause 
 ungefähr zehn Stadien von Delion zurückgelegt, machten die 
 Hopliten halt, um auszuruhen, während die nur leicht und not­ 
 dürftig bewaffnete übrige Masse gleich weiter zog. Hippokrates 
 selbst aber blieb in Delion zurück, um wegen der Bewachung 
 des Platzes und der dort noch erforderlichen Arbeiten das 
 Nötige anzuordnen.

In diesen Tagen aber sammelten sich die Böotier bei 
 Tanagra. Nachdem sich die Mannschaften aus allen Städten 
 eingefunden hatten, hörten sie, daß die Athener schon wieder 
 abzögen. Nun waren die Böotarchen, deren es im ganzen 
 elf gibt, fast alle gegen eine Schlacht; denn als die Athener 
 haltmachten, waren sie beinah schon auf der Grenze bei 
 
 Oropos. Nur Pagondas, Aioladas' Sohn, der mit Arianthidas, 
 Lysimachidas' Sohn, Böotarch aus Theben war, wollte gern 
 schlagen, solange er den Oberbefehl hatte, wie er es auch 
 wirklich für besser hielt, eine Schlacht zu liefern. Er ließ also 
 die Mannschaften, damit sie nicht alle zugleich ihre Stellungen 
 verließen, abteilungsweise einzeln vortreten und setzte ihnen aus­ 
 einander, man müßte den Athenern jetzt zu Leibe gehen und 
 den Kampf mit ihnen ausnehmen, indem er sie also anredete:

„Hätte es doch keinem unserer Feldherren in den Sinn 
 kommen sollen, Böotier, daß wir uns mit den Athenern nicht 
 zu schlagen brauchten, wenn wir sie nicht mehr in Böotien 
 träfen. Sind sie uns doch über die Grenze ins Land gekommen, 
 haben hier eine Festung gebaut und wollen Böotien zur Wüste 
 machen. Folglich sind sie unsere Feinde, kommen sie als solche, 
 woher sie wollen, wo immer wir sie antreffen. Und wer es 
 früher auch für richtiger gehalten, sie ziehen zu lassen, möge 
 sich jetzt eines besseren besinnen. Wenn man sich im eigenen 
 Lande seiner Haut wehren muß, hat man nicht Zeit zu langer 
 Überlegung wie der habgierige Nachbar, der sich zu Hause in 
 aller Ruhe auf einen Raubzug vorbereitet. Seit den Tagen 
 unserer Väter ist es bei uns immer Grundsatz gewesen, einem 
 auswärtigen Feinde, der uns angreift, gleichviel ob im eigenen 
 oder in fremdem Lande unbedingt zu Leibe zu gehen. Und 
 unseren Nachbarn, den Athenern, gegenüber haben wir um so 
 mehr Grund, darnach zu verfahren. Die Widerstandskraft den 
 Nachbarn gegenüber ist ja doch für alle die erste Bedingung 
 der Freiheit. Und wie sollten wir nicht im Kampfe mit ihnen, 
 die nicht nur ihre Nachbarn, sondern auch ferne Länder zu 
 unterjochen suchen, unsere letzte Kraft einsetzen? An Euboia 
 hier gegenüber haben wir ja das Beispiel; wie sieht eS da 
 aus, und was herrschen in Griechenland auch sonst fast überall 
 für Zustände! Und wenn andere mit ihren Nachbarn um 
 Landesgrenzen Krieg führen, so müssen wir uns klarmachen, 
 daß, wenn wir besiegt werden, unserem Lande unwiderruflich 
 nur eine Grenze gezogen werden wird; denn haben sie sich 
 unseres Landes erst bemächtigt, so werden sie es ganz behalten. 
 
 Darum sind die Athener unsere allergefährlichsten Nachbarn. 
 Ein Feind, der, wie jetzt die Athener, im Vertrauen auf seine 
 Macht seinen Nachbar angreift, wird, wenn dieser sich zugibt 
 und höchstens im eigenen Lande wehrt, nun immer anspruchs­ 
 voller auftreten, wenn man ihm aber schon jenseits der Grenze 
 entgegengehkund bei Gelegenheit selbst den Angreifer macht, 
 schon eher klein beigeben. Wir haben das ja an ihnen selbst 
 erlebt; denn seitdem wir sie damals, wo sie hier infolge unserer 
 inneren Zwistigkeiten Herren im Lande waren, bei Koroneia 
 besiegt, haben sie uns bis jetzt in Ruhe gelassen. Eingedenk 
 dessen müssen wir Alten wieder so tapfer draufgehen wie da­ 
 mals, die Jüngeren aber als Söhne ihrer mutigen Väter sich 
 bestreben, der alten böotischen Tapferkeit keine Schande zu 
 machen, und so wollen wir im Vertrauen auf den Beistand 
 des Gottes, dessen Tempel sie sich so ruchlos zur Festung ge­ 
 macht haben, und auf unsere Glück verheißenden Opfer ihnen 
 zu Leibe gehen, um ihnen zu zeigen, daß sie sich, wenn sie 
 Eroberungen machen wollen, Leute suchen müssen, die nicht zu 
 fechten verstehen, sich aber bei uns, die wir zwar nicht dabei 
 hergekommen sind, fremde Länder zu unterjochen, wohl aber 
 die Freiheit unseres eigenen Landes mit den Waffen in der 
 Hand zu verteidigen, nur blutige Köpfe holen."

Durch diese zündenden Worte bewirkte Pagondas, daß die 
 Böotier sich zum Angriff auf die Athener entschlossen. Er 
 brach auch sofort auf und setzte sich mit dem Heere in Marsch; 
 denn es war schon spät am Tage. Nachdem er in die Nähe 
 ihres Heeres gelangt war, machte er halt an einer Stelle, 
 wo sie einander wegen eines dazwischen liegenden Höhenzuges 
 nicht sehen konnten, wies den einzelnen Truppenteilen ihre 
 Stellungen an und machte sich zur Schlacht bereit. Als 
 Hippokrates, der sich noch bei Delion befand, gemeldet wurde, 
 daß die Böotier im Anzüge seien, sandte er seinem Heere den 
 Befehl, sich in Schlachtordnung zu stellen, traf dann aber 
 bald darauf auch selbst bei ihm ein. Bei Delion ließ er un­ 
 gefähr dreihundert Reiter zurück, sowohl um den Platz gegen 
 einen etwaigen Angriff zu decken, als auch um den Böotieru 
 
 wahrend der Schlacht im rechten Augenblick in den Rücken 
 zu fallen. Um sie in Schach zu halten, ließen die Böotier eine 
 Anzahl Truppen ihnen gegenüber stehen, kamen dann aber, als 
 alles fertig war, über die Höhe zum Vorschein und stellten 
 sich, ungefähr siebentausend Hopliten, über zehntausend Leicht­ 
 bewaffnete, tausend Reiter und fünfhundert Peltasten, den aus­ 
 gegebenen Befehlen gemäß auch ihrerseits in Schlachtlinie. 
 Den rechten Flügel bildeten die Thebaner und ihre Untertanen, 
 die Mitte die Mannschaften aus Haliartos, Koroneia, Kopai 
 und den übrigen um den See gelegenen Orten, den linken 
 Flügel die aus Thespiai, Tanagra und Orchomenos. Die 
 Reiterei und das leichte Fußvolk befand sich auf beiden Flügeln. 
 Die Thebaner standen fünfundzwanzig Mann tief, die übrigen 
 wie es sich grade traf. Dies die Stärke und die Aufstellung 
 der Böotier.

Auf seiten der Athener stand das ganze schwere Fußvolk, 
 woran sie den Gegnern an Zahl gewachsen waren, acht Mann 
 tief, die Reiterei auf beiden Flügeln. Feldmäßig ausgerüstete 
 leichte Truppen hatten sie an dem Tage nicht, waren in der 
 Stadt überhaupt nicht vorhanden. Freilich war die Zahl derer, 
 die den Zug mitgemacht, weit größer als die der Gegner, aber 
 die meisten waren ohne Waffen mitgegangen, da eben die 
 ganze Stadt, Einheimische und Fremde, sich angeschlossen hatte. 
 Auch waren sie ja größtenteils gleich weiter nach Hause ge­ 
 zogen und deshalb nur wenige davon hier zur Stelle. Als 
 beide Heere in Schlachtordnung standen und der Kampf be­ 
 reits beginnen sollte, schritt Hippokrates die Reihen der Athener 
 ab und feuerte sie an mit folgenden Worten:

„Athener! Wenige Worte nur, die ich an euch richte, aber 
 mehr ist auch nicht nötig für tapfere Männer; es ist auch nur 
 zur Erinnerung, nicht zur Ermutigung. Glaubt nicht, es hätte 
 keinen Zweck, hier im fremden Lande eine Schlacht zu wagen; 
 denn wir kämpfen hier für unser Land. Wenn wir siegen, 
 so haben die Peloponnesier keine böotische Reiterei mehr und 
 werden unS nie wieder ins Land kommen, und durch diese eine 
 Schlacht werdet ihr nicht nur dies Land erobern, sondern auch 
 
 unser Land von den Drangsalen des Krieges befreien. Also 
 drauflos und macht der Stadt Ehre, die ihr alle mit Stolz 
 die erste Stadt Griechenlands nennt, und zeigt euch eurer 
 Väter wert, die unter Myronidas dies Gesindel bei Oinophyta 
 früher schon besiegt und sich Böotien unterworfen haben."

Während Hippokrates seine Leute also anfeuerte, dabei 
 aber erst bis an die Mitte seines Heeres gelangt war, kamen 
 die Böotier, welche Pagondas hier nochmals kurz angesprochen 
 hatte, unter Schlachtgesang von der Höhe herab. Nun gingen 
 auch die Athener vor, und beide trafen im Lauftritt auf­ 
 einander. Die äußersten Flügel beider Heere konnten jedoch 
 in das Gefecht nicht eingreifen; aber dabei waren beide in 
 gleicher Verdammnis, denn hüben und drüben bildeten tiefe 
 Runsen ein unüberwindliches Hindernis. Auf der übrigen 
 Linie aber entspann sich ein heißer Kampf, und die Schilde 
 prallten aneinander. Auf dem linken Flügel und bis zur 
 Mitte wurden die Böotier von den Athenern besiegt, die hier 
 namentlich den Thespiern hart zusetzten; denn da deren 
 Nebenleute nicht standhielten, wurden sie rings umfaßt und 
 im Handgemenge gutenteils von ihnen niedergemacht. Aber 
 auch von den Athenern, die sich in der bei der Umfassung ent­ 
 standenen Verwirrung nicht erkannten, fielen manche unter den 
 Streichen ihrer eigenen Landsleute. Hier also wurden die 
 Böotier geschlagen und auf ihren noch fechtenden rechten Flügel 
 zurückgedrängt. Dieser aber, wo die Thebaner tsanden, war 
 den Athenern gegenüber im Vorteil und trieb sie, wenn auch 
 anfangs nur langsam, vor sich her. Nun aber schickte Pagondas 
 nach der Niederlage seines linken Flügels zwei Abteilungen 
 seiner Reiter aus dem Versteck um die Höhe herum, bei deren 
 plötzlichem Auftauchen auf dem siegreichen Flügel der Athener 
 eine Panik entstand, weil man glaubte, es sei ein zweites Heer 
 im Anzüge. So gerieten die Athener, hier infolge dieses blinden 
 Lärms, dort infolge des stürmischen Vordringens der Thebaner, 
 auf ihrer ganzen Linie in die Flucht. Zum Teil flohen sie 
 nach Delion und an die See, zum Teil nach Oropos, wieder 
 andere suchten Zuflucht im Parnesgebirge oder wo sie sonst 
 
 Sicherheit zu finden hofften. Die Böotier aber, namentlich 
 ihre und die lokrischen Reiter, welche grade in dem Augenblick 
 eintrafen, wo die Flucht einsetzte, hieben auf der Verfolgung 
 alles nieder, was ihnen vor die Klinge kam. Die Nacht machte 
 jedoch der Verfolgung ein Ende und erleichterte es der Masse 
 der Flüchtigen, mit dem Leben davonzukommen. Am folgenden 
 Tage wurden dann die nach Oropos und Delion Entkommenen 
 von hier, wo man eine Besatzung zurückließ und sich auch 
 weiter behauptete, zu Schiff nach Hause befördert.

Die Böotier aber errichteten ein Siegeszeichen. Nachdem 
 sie ihre Toten geborgen und den gefallenen Feinden die Waffen 
 abgenommen, auch eine Nachhut auf dem Schlachtfelde zurück- 
 gelassen hatten, zogen sie nach Tanagra ab, in der Absicht, sich 
 nunmehr gegen Delion zu wenden. Einem Herolde, den man 
 aus Athen der Toten wegen abgesandt hatte, begegnete unter­ 
 Wegs ein böotischer Herold, der ihn aufforderte, nur wieder 
 Umzukehren; denn bevor er selbst zurück sei, würde er doch 
 nichts ausrichten. Den Athenern aber erklärte er dann, als 
 er bei ihnen vorgelassen wurde, im Namen der Böotier, sie 
 hätten sich gegen Recht und Sitte der Griechen schwer ver­ 
 gangen, da es bei ihnen ein allgemein anerkannter Grundsatz 
 sei, daß man sich bei einem Einfall in ein anderes griechisches 
 Land an den dort vorhandenen Heiligtümern nicht vergreifen 
 dürfe. Sie aber hätten Delion befestigt, sich dort häuslich 
 eingerichtet und trieben ihr Wesen dort wie an einem un­ 
 geweihten Orte. Auch daS Wasser, welches sie selbst nur an­ 
 gerührt, um eS als Weihwasser zu gebrauchen, würde jetzt wie 
 gewöhnliches Wasser geschöpft und verbraucht. Um ihrer selbst 
 und des Gottes wegen, bei den gemeinsamen Göttern und bei 
 Apollon, forderten die Böotier sie deshalb auf, aus dem Heilig­ 
 tum abzuziehen und, was ihnen gehöre, mitzunehmen.

Nach dieser Erklärung des HeroldS schickten auch die 
 Athener einen Herold an die Böotier und ließen ihnen sagen, 
 sie hätten sich an dem Heiligtum nicht vergriffen und würden 
 daS auch künftig ohne Not nicht tun; seien sie doch auch von 
 vornherein keineswegs in solcher Absicht gekommen, sondern 
 
 nur um sich von dort gegen ihre widerrechtlichen Angriffe zu 
 verteidigen. Nach griechischem Recht gehörten dem, der ein 
 Gebiet erobert, sei es groß oder klein, auch die darin befind­ 
 lichen Heiligtümer, und er habe sie, soweit es ihm eben möglich 
 sei, in herkömmlicher Weise zu pflegen. Besäßen doch auch 
 die Böotier und viele andere in den eroberten Ländern, aus 
 denen sie die früheren Herren verdrängt, die ursprünglich 
 fremden Heiligtümer jetzt zu eigen. Auch sie würden, wenn 
 sie in ihrem Lande noch weitere Eroberungen machen könnten, 
 diese behalten und seien auch jetzt nicht gewillt, das Stück, 
 welches sie bereits besäßen und als ihr Eigentum ansähen, zu 
 räumen. Das Wasser hätten sie nur in der Not angerührt, 
 in die sie nicht durch eigenen Übermut geraten seien; vielmehr 
 hätten sie sich nur im Kampfe gegen die Böotier, die ihnen 
 zuerst ins Land gefallen, gezwungen gesehen, es zu gebrauchen. 
 Alle Ungebühr aber, zu der man sich im Kriege oder in der . 
 Not gezwungen sähe, sei selbstvertsändlich auch in den Augen 
 der Gottheit verzeihlich, wie man ja auch bei unfreiwilligen 
 Verfehlungen an den Altären Zuflucht finde. Not kenne kein 
 Gebot, und eine im Notstande begangene Handlung Zsei kein 
 Verbrechen. Und wenn die Böotier ihnen die Toten nur gegen 
 Räumung des Tempels herausgeben wollten, so sei das ein 
 größerer Frevel als ihre Weigerung, die den Toten gebührende 
 Ehre durch Herausgabe des Tempels zu erkaufen. Sie ver­ 
 langten also die bestimmte Zusage, daß ihnen die Abholung 
 der Toten unter Waffenstillstand in herkömmlicher Weise, nicht 
 aber unter der Bedingung vorheriger Räumung böotischen 
 Gebiets gestattet sein solle; überdies seien sie gar nicht mehr 
 auf böotischem, sondern einem nach Kriegsrecht ihnen gehören­ 
 den Gebiete.

Die Böotier antworteten, wenn sie in Böotien wären 
 und aus ihrem Lande abzögen, so könnten sie mitnehmen, waS 
 sie wollten; wären sie aber im eigenen Lande, so müßten sie 
 selbst wissen, was sie zu tun hätten, um damit anzudeuten, 
 wenn das Grenzgebiet von Oropos, wo die Schlacht statt­ 
 gefunden und die Toten lagen, wirklich den.Athenexn gehörte, 
 
 so würden diese wider ihren Willen die Toten doch nicht mit­ 
 nehmen, sie aber über fremdes Land keine Verträge schließen 
 können. Die Antwort: „Wenn sie aus ihrem Lande abzögen, 
 so könnten sie mitnehmen, was sie wollten", hielten sie für 
 besonders geschickt. Nach dieser Antwort mußte der athenische 
 Herold unverrichteter Sache wieder abziehen.i

Die Böotier aber ließen sich gleich vom melischen Meer­ 
 busen noch Wurfschützen und Schleuderer kommen, und da sie 
 nach der Schlacht durch zweitausend korinthische Hopliten und 
 die aus Nisaia abgezogene peloponnesische Besatzung und die 
 zu ihr gestoßenen Megarer verstärkt worden waren, rückten sie 
 vor Delion und griffen die Festungswerke an. Dabei bedienten 
 sie sich unter anderem auch einer von ihnen ausgedachten 
 Vorrichtung, vermittelst deren es ihnen dann auch gelang, sie 
 zu nehmen. Sie sägten nämlich einen mächtigen Balken der 
 Länge nach in zwei Teile und fügten ihn, nachdem sie ihn 
 ausgehöhlt, genau wieder zusammen, so daß er eine Röhre 
 bildete. An einem Ende hingen sie an Ketten ein Becken auf, 
 in daS sie aus dem Balken ein am unteren Ende eisernes 
 Blasrohr leiteten, wie denn auch der Balken selbst noch ein 
 gutes Stück mit Eisen beschlagen war. Diese Vorrichtung 
 brachten sie von weitem auf Wagen an die Mauer heran da, 
 wo sie hauptsächlich aus Holz und Reben hergestellt war, und 
 wenn sie damit dicht dran waren, bliesen sie mittelst großer, 
 auf ihrem Ende des Balkens angebrachter Blasebälge Luft 
 hinein. Dann fuhr der Luftstrom durch die Röhre in das mit 
 Pech und Schwefel und glühende Kohlen gefüllte Becken, ent­ 
 fachte dort eine mächtige Flamme und setzte die Mauer in 
 Brand, so daß es niemand dort aushalten konnte, sondern 
 alles davonlief, und das Werk auf diese Weise genommen 
 wurde. Ein Teil der Besatzung kam ums Leben, zweihundert 
 wurden gefangengenommen; die Mehrzahl schiffte sich ein und 
 kam glücklich nach Hause.

Als Delion siebzehn Tage nach der Schlacht genommen 
 war und der Herold der Athener, der noch nichts davon 
 wußte, bald nachher der Toten wegen wiederkam, beschieden 
 
 ihn die Böotier nicht wie daS erstemal, sondern gaben die 
 Toten heraus. Auf seiten der Böotier waren in der Schlacht 
 nicht ganz fünfhundert gefallen, Athener nahezu tausend, darunter 
 Hippokrates, ihr Feldherr, dazu eine große Zahl Leichtbewaff­ 
 neter und Troßknechte. 
 Kurz nach dieser Schlacht fuhr Demosthenes, dem sein Plan, 
 Siphai durch Verrat zu nehmen, damals mit der Flotte nicht 
 gelungen war, mit Akarnaniern, Agraiern und vierhundert 
 athenischen Hopliten an Bord nach Sikyon und versuchte im 
 dortigen Gebiete eine Landung. Noch bevor alle Schiffe an­ 
 gekommen waren, erschienen jedoch die Sikyoner auf dem 
 Plan, schlugen die bereits Gelandeten in die Flucht und ver­ 
 folgten sie an die Schiffe, wobei sie eine Anzahl töteten, 
 andere gefangennahmen. Darauf errichteten sie ein Sieges­ 
 zeichen und gaben die Toten unter Waffenstillstand heraus. 
 In den Tagen der Kämpfe bei Delion erlitt auch der Odrysen- 
 könig Sitalkes auf einem Zuge gegen die Triballer eine 
 Niederlage und kam dabei ums Leben. Sein Neffe Seuthes, 
 Sparadokos' Sohn, folgte ihm als König der Odrysen und 
 seines thrakischen Reichs.

In demselben Winter zog Brasidas mit den vorder­ 
 thrakischen Bundesgenossen gegen die athenische Kolonie 
 Amphipolis am Strymon. Da, wo jetzt die Stadt steht, hatte 
 schon Aristagoras von Milet nach seiner Flucht vor König 
 Dareios eine Kolonie zu gründen versucht, wurde aber von 
 den-Edonern vertrieben. Danach, zweiunddreißig Jahr später, 
 hatten auch die Athener zehntausend Ansiedler, Bürger und 
 andere, die sich anschließen wollten, dorthin geschickt, die 
 jedoch bei Drabeskos von den Thrakern aufgerieben wurden. 
 Und nach weiteren neunundzwanzig Jahren sandten die Athener 
 dann unter Hagnon, Nikias' Sohn, abermals Kolonisten hin, 
 welche die Edoner vertrieben und an dem Orte, der früher 
 Neunwege hieß, die jetzige Stadt gründeten. Dabei kamen 
 sie von Eion, dem athenischen Stapelplatze an der Mündung 
 des Flusses, fünfundzwanzig Stadien unterhalb der jetzigen 
 Stadt. Haynon aber gab ihr den Namen Amphipolis, weit 
 
 der Strymon sie in einem Bogen auf zwei Seiten umfloß 
 und er selbst, um sie ringsherum einzuschließen, von Fluß zu 
 Fluß eine lange Mauer gezogen hatte, so daß sie zu einem 
 von der Land- und Seeseite weithin sichtbaren Platze ge­ 
 worden war.

Gegen diese Stadt zog Brasidas, der von Arnai in 
 Chalkidike aufgebrochen war, also jetzt mit seinem Heere. 
 Gegen Abend erreichte er Aulon und Bromiskos, wo der See 
 Bolbe in die See mündet. Hier ließ er abkochen und setzte 
 dann in der Nacht seinen Marsch fort. Es war stürmisches 
 Wetter und schneite ein wenig. Um so mehr beeilte er sich, 
 weil in Amphipolis außer den Verrätern, die ihm die Stadt 
 übergeben wollten, niemand was von ihm merken sollte. In 
 der Stadt gab es nämlich eine Anzahl Leute aus Argilos, einer 
 Kolonie von Andros, und einige andere, die mit ihm durch- 
 steckten und dazu teils von Perdikkas, teils von den Chalkidiern 
 beredet waren. Besonders aber hatten die den Athenern von 
 jeher verdächtigen Bewohner von Argilos dort in der Nähe, 
 die es immer auf Amphipolis abgesehen hatten, als sich die 
 Gelegenheit bot und Brasidas kam, schon länger mit ihren in 
 Amphipolis ansässigen Landsleuten darüber unterhandelt, wie 
 man ihm die Stadt in die Hände spielen könne. Auch nahmen 
 sie ihn jetzt in ihre Stadt auf, fielen von den Athenern ab 
 und brachten sein Heer in jener Nacht noch vor Tagesanbruch 
 bis an die über den Fluß führende Brücke. Die Stadt selbst 
 ist noch eine Strecke weit von der Brücke entfernt, und die 
 Mauern waren damals noch nicht so weit herabgeführt wie 
 jetzt, sondern es befand sich dort nur ein schwacher Posten. 
 Nachdem Brasidas, dem auch hier Verrat und außerdem das 
 herrschende Unwetter zustatten kam, diesen durch einen uner­ 
 warteten Angriff überwältigt hatte, überschritt er die Brücke, 
 womit alles, was die Einwohner von Amphipolis in der 
 ganzen Gegend außerhalb der Stadt besaßen, ohne weiteres 
 in seine Hände fiel.

Da sein Übergang über den Fluß den Städtern völlig 
 unerwartet kam, draußen aber viele der Ihrigen dem Feinde 
 
 in die Hände gefallen, andere von dort in die Stadt geflüchtet 
 waren, so entstand in Amphipolis die größte Bestürzung, zu­ 
 mal man sich dort untereinander nicht traute, und, wie es heißt, 
 hätte Brasidas die Stadt wahrscheinlich nehmen können, wenn 
 er sie, statt seine Leute plündern zu lassen, gleich angegriffen 
 hätte. Statt dessen ließ er sein Heer ein Lager beziehen und 
 die Umgegend abstreifen, und da seine Anhänger in der Stadt 
 sich wider Erwarten nicht rührten, unternahm auch er vorerts 
 nichts weiter. Die den Verrätern an Zahl überlegene Gegen­ 
 partei aber verhinderte das sofortige Äffnen der Tore und 
 schickte im Einvernehmen mit Eukles, dem zum Schutze des 
 Platzes anwesenden athenischen Feldherrn, zu Thukydides, 
 Oloros' Sohn, dem Verfasser dieser Geschichte, dem anderen 
 Feldherrn an der thrakischen Küste, der sich damals bei der 
 Insel Thasos befand, und ließ ihn bitten, der Stadt zu Hilfe 
 zu kommen. Thasos ist eine Kolonie von Paros und Amphi­ 
 polis von dort zu Schiff ungefähr in einem halben Tage zu 
 erreichen. Der ging auch darauf sofort mit sieben grade zur 
 Stelle beifndlichen Schiffen unter Segel, um womöglich, ehe es 
 zur Übergabe käme, Amphipolis noch zu erreichen oder doch 
 wenigstens Eion vorher noch zu besetzen.

Brasidas aber, welcher fürchtete, die Schiffe von Thasos 
 könnten kommen, und überdies erfahren hatte, daß Thukydides 
 an den thrakischen Goldbergwerken in jener Gegend beteiligt 
 und infolgedessen dortzulande ein vielvermögender Mann sei, 
 suchte sich indessen vorher womöglich in den Besitz von Amphi­ 
 polis zu setzen, damit die Einwohner nicht nach seiner Ankunft 
 in der Hoffnung auf den Beistand seiner Flotte und der von 
 ihm in Thrakien aufgebotenen Streitkräfte die Übergabe der 
 Stadt von der Hand wiesen. Er hielt es deshalb für geraten, 
 ihnen die Sache durch glimpfliche Bedingungen schmackhaft zu 
 machen, und ließ ihnen durch einen Herold ankündigen, daß 
 es sowohl den Einheimischen wie den Athenern freistehen solle, 
 unter voller Rechtsgleichheit im ungestörten Besitz ihreS Eigen­ 
 tums in der Stadt zu bleiben oder binnen fünf Tagen von 
 dort abzuziehen und ihre Habseligkeiten mitzunehmen.

Infolge, dieser Ankündigung schlug die Stimmung der 
 Menge um, zumal die Einwohnerschaft nur zum kleinsten Teil 
 aus Athenern und in der Hauptsache aus einem bunten Völker­ 
 gemisch bestand. Zudem wohnten in der Stadt zahlreiche An­ 
 gehörige der draußen in Gefangenschaft Geratenen. Auch hielt 
 man das Angebot im Vergleich mit dem, was man befürchtet 
 hatte, immer noch für billig genug; die Athener waren froh, 
 fortzukommen, überzeugt, daß sie dabei immer noch am besten 
 fahren und auf Hilfe von auswärts so bald nicht würden 
 rechnen können, die anderen, daß sie wie bisher im Besitz ihrer 
 Rechte bleiben sollten und sich unverhofft aller Gefahr über­ 
 hoben sahen. So traten denn die Anhänger des Brasidas, als 
 sie merkten, daß die Menge anderes Sinnes geworden war 
 und aus den athenischen Feldherrn in der Stadt nicht mehr 
 hören wollten, nunmehr ganz offen für die Sache ein. Der 
 Vertrag wurde dann auch abgeschlossen und Brasidas auf seine 
 Bedingungen eingelassen. Auf diese Weise wurde ihm die 
 Stadt überliefert. Thukydides aber kam noch an demselben 
 Abend mit seinen Schiffen in Eion an. Brasidas hatte Amphi­ 
 polis schon im Besitz, und nur eine Nacht noch, so hätte er 
 auch Eion genommen; denn wären die Schiffe nicht so schnell 
 zur Stelle gewesen, so hätte er es bei Tagesanbruch in 
 Händen gehabt.

Thukydides ordnete in Eion das Nötige an, um den 
 Platz sowohl gegen einen augenblicklichen Angriff des Brasidas, 
 als auch für später zu sichern, und nahm dort alle auf, die 
 sich auf Grund des Vertrags aus der oberen Stadt dahin be­ 
 geben wollten. Da kam Brasidas plötzlich mit vielen Fahr­ 
 zeugen den Fluß herab nach Eion, um sich womöglich der von 
 der Mauer vorspringenden Landspitze zu bemächtigen und da­ 
 durch die Einfahrt zu beherrschen. Indessen wurde er damit 
 und ebenso mit einem gleichzeitig zu Lande unternommenen Ver­ 
 suche abgewiesen. Seitdem richtete er sich bei Amphipolis ein. 
 Auch Myrkinos, eine Stadt der Edoner, ging zu ihm über, 
 nachdem Pittakos, der König der Edoner, von den Söhnen 
 des Goaxis und seiner Gemahlin Breuro ermordet worden 
 
 war, ebenso GalepsoS und bald nachher auch Oisyme, beides 
 Kolonien von Thasos. Übrigens war auch Perdikkas, der sich 
 gleich nach der Einnahme von Amphipolis dort eingestellt hatte, 
 ihm dabei behilflich gewesen.

Der Fall von Amphipolis setzte die Athener sehr in 
 Schrecken, schon weil ihnen die Stadt für die Zufuhr von 
 Schiffsbauholz und der Steuern wegen von Wert war. Hatte 
 den Lakedämoniern auch bisher im Gebiet der Thessaler der 
 Weg zu ihren Bundesgenossen bis zum Strymon offen ge­ 
 standen, so konnten sie doch, solange sie nicht im Besitz der 
 Brücke waren, nickt weiter vorbringen; denn landeinwärts 
 bildete der Fluß auf eine weite Strecke einen großen See, und 
 auf der Seite nach Eion paßten ihnen die Kriegsschiffe auf; 
 jetzt aber würde ihnen daS ein leichtes sein. Auch fürchteten 
 sie, die Bundesgenossen würden von ihnen abfallen; denn 
 Brasidas trat in jeder Beziehung mit großer Mäßigung auf 
 und erklärte bei jeder Gelegenheit, daß er nur ausgesandt sei, 
 um Griechenland zu befreien. Und in der Tat wurden die 
 den Athenern untertänigen Städte, als sie von der Einnahme 
 von Amphipolis, den milden Bedingungen und seinem Wohl­ 
 wollen hörten, von einem wahren Freiheitstaumel ergriffen, 
 ließen ihn heimlich auffordern, zu ihnen zu kommen, und jede 
 wollte die erste sein, die sich von Athen lossagte. Sie hielten 
 das nämlich jetzt nicht weiter für gefährlich, wobei sie sich 
 freilich, wie sich später zeigen sollte, über die Macht der Athener 
 gewaltig täuschten. Aber so sind die Menschen, statt sich dir 
 Sache reiflich zu überlegen, lassen sie sich in der Regel von 
 unklaren Wünschen leiten, immer geneigt, bei dem, wonach 
 ihnen der Sinn steht, sich in blinden Hoffnungen zu wiegen, 
 während sie von Dingen, die ihnen unerwünscht sind, nichts 
 wissen wollen. Und da die Athener obendrein kürzlich in 
 Böotien geschlagen waren und Brasidas ihnen zwar wahrheits­ 
 widrig, aber doch sehr einleuchtend geschildert hatte, wie die 
 Athener es bei seinem Zuge nach Nisaia mit ihm allein nicht 
 aufzunehmen gewagt hätten, fühlten sie sich vollends sicher und 
 glaubten, niemand könne ihnen waS anhaben. Hauptsächlich 
 
 aber, weil ihnen die Sache in dem Augenblick angenehm war 
 und sie erst mal sehen wollten, was denn die Lakedämonier 
 könnten, scheuten sie sich nicht, leichtsinnig mit dem Feuer zu 
 spielen. Als die Athener davon hörten, sandten sie, soweit es 
 in der Eile und zur Winterszeit anging, Besatzungen in die 
 Städte; Brasidas aber schickte ebenfalls nach Lakedämon und 
 bat dringend um Verstärkungen, begann jedoch auch selbst am 
 Strymon mit dem Bau von Kriegsschiffen. Die Lakedämonier 
 aber taten ihm den Gefallen nicht, teils weil die ersten Männer 
 neidisch auf ihn waren, teils weil ihnen mehr daran tag, die 
 Gefangenen von der Insel wiederzubekommen und dem Kriege 
 ein Ende zu machen.

In demselben Winter eroberten die Megarer ihre langen 
 Mauern wieder und zerstörten sie bis auf den Grund, Brasidas 
 aber zog nach der Einnahme von Amphipolis mit den Bundes­ 
 genossen nach der Halbinsel Akte. Diese erstreckt sich vom 
 Durchstich des Königs in südlicher Richtung und endet mit 
 dem ins Ägäische Meer vorspringenden Athosgebirge. An 
 Städten gibt eS dort Sane, eine Kolonie von Andros, un­ 
 mittelbar am Durchstich auf der Euboia gegenüberliegenden 
 Küste; außerdem noch Thyssos, Kleonai, Akrothooi, Olophyros 
 und Dion, in denen ein barbarisches, zweisprachiges Mischvolk 
 wohnt, das zum Teil auch aus Chalkidiern, in der Hauptsache 
 aber aus Pelasgern, und zwar jenen vormals auf Lemnos und 
 in Athen heimischen Thprsenen, und aus Bisaltern, Krestonern 
 und Edonern besteht. Die von ihnen bewohnten Städte sind 
 aber alle nur klein. Die meisten gingen zu Brasidas über, 
 Widerstand leisteten nur Sane und Dion, weshalb er mit 
 seinem Heere dort stehen blieb und ihr Gebiet verheerte.

Da sie sich aber nicht ergeben wollten, zog er flugs vor 
 das chalkidische Torone, daS von den Athenern besetzt war. 
 Ein paar Einwohner hatten ihn dazu eingeladen und sich er­ 
 boten, ihm die Stadt in die Hände zu spielen. Er traf noch 
 bei Nacht kurz vor Tagesanbruch ein und ließ sein Heer bei 
 dem etwa drei Stadien von der Stadt entfernten Dioskuren­ 
 tempel haltmachen, ohne daß die übrige Einwohnerschaft oder 
 
 die athenische Besatzung etwas davon merkte. Von den Ver­ 
 rätern aber, welche wußten, daß er kommen würde, waren 
 einige hinausgezogen, um ihn zu erwarten, und als sie sahen, 
 daß er da war, nahmen sie sieben seiner Leute, die nur mit 
 Dolchen bewaffnet waren, mit in die Stadt. Ursprünglich 
 sollten es zwanzig sein, aber nur die sieben hatten sich nicht 
 gefürchtet, mit hineinzugehen. Ihr Anführer war Lysistratos 
 aus Olynth. Durch eine Mauerlücke an der Seeseite gelangten 
 sie hinein und hinauf bis an den höchsten Punkt der an einem 
 Hügel gelegenen Stadt, ohne von der hier Wache haltenden 
 Mannschaft bemerkt zu werden, stachen diese nieder und sprengten 
 die kanastraiische Mauerpforte.

Brasidas, der inzwischen etwas nähergerückt war, hatte, 
 während er mit dem übrigen Heere stehen blieb, hundert Pel­ 
 tasten vorausgeschickt, welche, sobald ein Tor geöffnet und das 
 verabredete Zeichen gegeben wäre, zuerst eindringen sollten. 
 Diese waren, während zu ihrer Verwunderung darüber längere 
 Zeit verging, nach und nach bis dicht an die Stadt gelangt. 
 Unterdessen hatten auch jene Toroner und die mit ihnen Ein­ 
 gedrungenen drinnen das Ihrige getan, die Pforte gesprengt 
 und das Stadttor am Markte, dessen Querbalken sie zer­ 
 schlugen, geöffnet. Zuerst führten sie einige um die Stadt 
 herum durch die Pforte herein, damit die nichts ahnenden 
 Einwohner durch das plötzliche Erscheinen des Feindes im 
 Rücken und auf beiden Seiten in Schrecken versetzt würden. 
 Darauf gaben sie das verabredete Feuerzeichen und ließen 
 dann auch die übrigen Peltasten durch das Tor am Markte 
 in die Stadt.

Sobald Brasidas das Zeichen sah, brach er mit dem 
 ganzen Heere auf und ließ es im Lauftritt mit Geschrei gegen 
 die Stadt vorgehen, die dadurch in die äußerste Bestürzung 
 geriet. Seine Leute drangen zum Teil gradeswegs durch das 
 Tor ein, zum Teil über viereckige Balken, welche an der 
 Stadtmauer tagen und beim Ausbau der verfallenen Mauer 
 zum Hinaufbringen von Steinen benutzt werden sollten. Er 
 selbst wandte sich mit der Mehrzahl gleich gegen die oberen 
 
 Teile der Stadt, um sie von dort völlig in seiner Gewalt zu 
 haben, während die übrige Masse sich nach allen Richtungen 
 durch die Stadt verbreitete.

Infolge dieser Überrumpelung geriet die Mehrzahl der 
 Einwohner, welche um die Sache nicht wußte, gänzlich außer 
 Fassung. Die Eingeweihten aber und alle, denen sie nach 
 Sinne war, schlugen sich gleich auf die Seite der eingedrungenen 
 Feinde. Von den durch den Lärm geweckten Athenern, - denn 
 etwa fünfzig Hopliten hatten auf dem Markte im Schlafe ge­ 
 legen, - fielen einige im Handgemenge; die übrigen retteten 
 sich, teils zu Lande, teils auf zwei dort Wache haltende Schiffe 
 und fanden Zuflucht in dem Kastell Lekythos, welches, an 
 einer vorspringenden Spitze der Stadt belegen, nur durch eine 
 schmale Landenge mit ihr zusammenhängt und allein von Athenern 
 besetzt war. Ebendahin flüchteten sich auch die Toroner, die 
 es mit den Athenern hielten.

Als es Tag geworden war und Brasidas die Stadt 
 bereits vollständig in seiner Gewalt hatte, ließ er den mit den 
 Athenern geflüchteten Toronern durch einen Herold sagen, 
 wenn sie wollten, könnten sie alle wieder nach Hause kommen 
 und unangefochten in der Stadt bleiben; zu den Athenern aber 
 schickte er einen Herold mit der Aufforderung, aus Lekythos, 
 das den Chalkidiern gehöre, unter Waffenstillstand mit Sack 
 und Pack abzuziehen. Die erklärten indessen, sie würden bleiben, 
 baten ihn jedoch, ihnen für einen Tag Waffenstillstand zu be­ 
 willigen, um ihre Toten abholen zu können. Er aber be­ 
 willigte ihnen zwei, die er dann dazu benutzte, um die Häuser 
 in der Nähe zu befestigen, wie das die Athener auf ihrer Seite 
 auch taten. Darauf berief er eine Versammlung der Toroner 
 und hielt ihnen eine Rede, ähnlich wie in Akanthos: Sie 
 dürften die Männer, die ihm zur Einnahme der Stadt die 
 Hand geboten, nicht für Schurken oder Verräter halten; denn 
 sie hätten das nicht getan, weil sie bestochen gewesen oder um 
 die Stadt in Knechtschaft zu bringen, sondern in der löblichen 
 Absicht, ihr zur Freiheit zu verhelfen; auch möchten sie nicht 
 glauben, daß die anderen, die das nicht mitgemacht, deshalb 
 
 schlechter behandelt werden würden; denn er sei nicht ge­ 
 kommen, um der Stadt oder deren Einwohnern was zuleide 
 zu tun. Deswegen habe er auch das Anerbieten an die zu den 
 Athenern Geflüchteten gerichtet, weil er sie trotz ihrer Vorliebe 
 für die Athener darum doch nicht für schlechtere Bürger halte. 
 Auch sei er überzeugt, wenn sie die Lakedämonier erst kennen 
 lernten, würden sie diese nicht minder, ja schon weil sie ehr­ 
 licher zu Werkes gingen, erst recht lieb gewinnen, und nur 
 weil sie sie noch nicht gekannt, hätten sie sich bisher vor ihnen 
 gefürchtet. Allen aber mache er es zur Pflicht, sich von nun 
 an als treue Bundesgenossen zu bewähren, dumme Streiche 
 würden ihnen in Zukunft nicht geschenkt werden. Bis jetzt 
 hätten sie selbst unter fremder Übermacht gelitten und sich 
 gegen die Lakedämonier nichts zuschulden kommen lassen, und 
 wäre das auch wirklich mal der Fall gewesen, so solle ihnen 
 das nicht aufs Kerbholz kommen.

Nachdem er sie mit solchen Worten beruhigt hatte und 
 der Waffenstillstand abgelaufen war, schritt er zum Angriff 
 auf Lekythos; die Athener aber verteidigten sich dagegen aus 
 ihren elenden Werken und den mit Schutzwehren versehenen 
 Häusern, schlugen auch am ersten Tage alle Angriffe ab. Am 
 folgenden Tage aber, als der Feind eine Maschine gegen sie 
 vorführen und daraus in das Holzwerk der Umwallung Feuer 
 werfen wollte und mit seinem Heere bereits zum Angriff vor­ 
 ging, errichteten sie an der schwächsten Stelle, wo man die 
 Maschine ihrer Meinung nach ansetzen würde, auf einem 
 Unterbau einen hölzernen Turm und brachten viele Eimer und 
 Fässer mit Wasser sowie eine Anzahl Leute hinauf. Der Bau 
 war jedoch zu schwer belastet und brach plötzlich mit gewaltigem 
 Krach zusammen. Die Athener in der Nähe, die das mit an­ 
 sahen, erfüllte es mehr mit Bedauern als mit Schrecken; die 
 aber, welche weiter, zumal sehr weit davon entfernt waren, 
 glaubten nicht anders, als daß der Platz schon genommen sei, 
 und flohen eiligst nach der See und den Schiffen.

Als Brasidas merkte, daß sie die Brustwehren verließen, 
 und sah, was sich ereignet hatte, ließ er sein Heer gleich 
 
 stürmen und eroberte den Platz, wobei alles, was ihm in die 
 Hände fiel, niedergemacht wurde. Die Athener aber, welche 
 so von dort auf die Kriegsschiffe und andere Fahrzeuge ent­ 
 kommen waren, gelangten glücklich nach Pallene hinüber. Bei 
 Beginn des Sturmes hatte Brasidas öffentlich ausrufen lassen, 
 der erste auf der Mauer solle von ihm dreißig Silberminen 
 zum Geschenk erhalten. Jetzt aber glaubte er, daß er die Ein­ 
 nahme übermenschlicher Kraft verdanke, und ließ deshalb in 
 dem in Lekythos befindlichen Tempel der Athena die dreißig 
 Minen als Geschenk für die Göttin niederlegen, den Platz ab­ 
 tragen und ausräumen und das Ganze zu Tempelland machen. 
 Den Rest des Winters benutzte er, um die bereits gewonnenen 
 Plätze instand zu setzen und sich auf weitere Unternehmungen 
 vorzubereiten. Mit Ablauf dieses Winters endete das achte 
 Jahr des Krieges.

Gleich im Beginn des nächsten Sommers schlossen die 
 Lakedämonier und die Athener einen einjährigen Waffenstillstand. 
 Die Athener, weil sie glaubten, Brasidas würde ihnen dann 
 keine Städte mehr abtrünnig machen können, bevor sie Zeit 
 gehabt, ihre Rüstungen zu vollenden, und außerdem darauf 
 hofften, später in der Lage zu sein, unter günstigeren Ver­ 
 hältnissen Frieden zu schließen. Die Lakedämonier aber, welche 
 bei den Athenern Befürchtungen voraussetzten, wie sie bei ihnen 
 in der Tat vorhanden waren, meinten, wenn Not und Sorgen 
 des Krieges nur erst eine Zeitlang aufhörten und die Athener 
 dessen froh geworden wären, so würden sie schon eher geneigt 
 sein, die Hand zum Frieden zu bieten, die Gefangenen heraus­ 
 zugeben und einen Vertrag auch auf längere Zeit einzugehen. 
 Sie legten nämlich besonderen Wert darauf, ihre Gefangenen 
 zurückzuerhalten, solange Brasidas noch neue Erfolge erzielte; 
 denn hätte er schon so viel erreicht, um den Athenern völlig 
 die Wage zu halten, so hätten sie ihre Leute schwerlich wieder­ 
 gesehen und es immer noch mit ebenbürtigen Gegnern zu tun 
 gehabt. So wurde denn zwischen ihnen und den Bundes­ 
 genossen folgender Waffenstillstand geschlossen:

„Anlangend den Tempel und das Orakel deS pythischen 
 
 Apollon schlagen wir vor, jedem freizustellen, dort wie von 
 Alters her ungehindert zu verkehren. Die Lakedämonier und 
 die anwesenden Bundesgenossen sind damit einverstanden und 
 übernehmen es, dazu womöglich auch die Zustimmung der 
 Böotier und der Phokier zu erwirken. Anlangend das Tempel­ 
 gut werden wir zu ermitteln suchen, wer sich daran wider­ 
 rechtlich vergriffen hat, und für die Herstellung des hergebrachten 
 Zustandes sorgen, wir sowohl wie ihr und wer sich sonst dazu 
 berufen fühlt.. In Ansehung des Besitzstandes schlagen die 
 Lakedämonier und ihre Bundesgenossen folgendes vor: Wenn 
 die Athener den Waffenstillstand annehmen, so sollen beide 
 Teile innerhalb der von ihnen besetzten Gebiete bleiben, die 
 Athener also einerseits bei Koryphasion bis Buphras und 
 Tomeus, anderseits auf Kythera, aber keinen Verkehr mit den 
 Bundesgenossen unterhalten, sie so wenig mit unseren wie wir 
 mit ihren; bei Nisaia und Minoa sollen sie die Straße, welche 
 vom Tore beim Nisostempel nach dem Poseidontempel und 
 von da grade auf die Brücke nach Minoa führt, nicht über­ 
 schreiten, - ebensowenig sollen die Megarer und ihre Bundes­ 
 genossen diese Straße überschreiten. Die von ihnen besetzte 
 Insel sollen die Athener behalten, jedoch unter Ausschluß jedes 
 Verkehrs zwischen hüben und drüben, und ebenso alles, was 
 sie im Gebiet von Troizen auf Grund der darüber zwischen 
 ihnen und den Troizenern getroffenen Vereinbarungen gegen­ 
 wärtig besitzen. Der Verkehr zur See innerhalb der eigenen 
 Gewässer und denen der Bundesgenossen soll unverwehrt, den 
 Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen aber nicht gestattet 
 sein, die See mit Kriegsschiffen oder anderen Ruderfahrzeugen 
 von mehr als fünfhundert Talenten zu befahren. Herolde 
 und Gesandtschaften in Friedens- oder Rechtsangelegenheiten, 
 mit Gefolge nach Belieben, sollen nach dem Peloponnes und 
 nach Athen sowohl zu Lande wie zur See ungehindert hin 
 und her reisen dürfen. Überläufer sollen während dieser Zeit 
 nicht angenommen werden, weder Freie noch Sklaven, weder 
 von uns noch von euch. Rechtshändel unter uns sollen in 
 hergebrachter Weise vor Gericht ausgetragen, Streitigkeiten also 
 
 nicht mit den Waffen, sondern im Wege Rechtens entschieden 
 werden. Das sind die Vorschläge der Lakedämonier und ihrer 
 Bundesgenossen. Glaubt ihr, waS Besseres vorschlagen zu 
 können, so kommt nach Lakedämon und laßt es uns wissen. 
 Allen berechtigten Wünschen, die ihr etwa vorbringt, werden 
 sowohl wir Lakedämonier wie unsere Bundesgenossen gern 
 entgegenkommen. Laßt eure Abgesandten Vollmacht mitbringen, 
 wie ihr das ja auch von uns verlangt. Der Waffenstillstand 
 soll ein Jahr dauern. 
 
 Beschluß des Volks. 
 
 
 Prytanie Akamantis. Schriftführer Phainippos. Vorsitzender Nikiades. 
 
 Laches beantragte, den Waffenstillstand auf Grund der von 
 den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen vorgeshclagenen 
 Bedingungen abzuschließen, den Athenern zum Heil. 
 Das Volk genehmigte den Abschluß des Waffenstillstandes auf 
 ein Jahr, zu beginnen vom heutigen Tage, dem vierzehnten 
 des Monats Elaphebolion. Unterdessen sollen Gesandte und 
 Herolde beider Teile zu Friedensverhandlungen zusammentreten, 
 die Feldherren und Prytanep aber eine Versammlung berufen, 
 um zunächst einen Beschluß der Athener über die den Gesandten 
 zu dem Ende zu erteilenden Instruktionen herbeizuführen. Die 
 anwesenden Gesandten sollen sich gleich vor dem Volke feierlich 
 verpflichten, den Waffenstillstand ein Jahr lang unverbrüchlich 
 zu halten."

Diesen Vertrag schlossen die Lakedämonier und ihre 
 Bundesgenossen mit den Athenern und deren Bundesgenossen, 
 und die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen beshcworen 
 ihn am Zwölften des lakedämonischen Monats Gerastios. Für 
 Lakedämon beschlossen und beschworen ihn Tauros, Echetimidas' 
 Sohn, Athenaios, Perikleidas' Sohn, und Philocharidas, Erp­ 
 xidaidas' Sohn; für Korinth Aineas, OkyloS' Sohn, und 
 Euphamidas, Aristonymos' Sohn; für Sikyon Damotimos, 
 Neukrates' Sohn, und Euasimos, Megakles' Sohn; für Megara 
 Nikasos, Kekalos' Sohn, und Menekrates, AmphidoroS' Sohn; 
 
 für Epidauros Amphias, Eupaidas' Sohn; für Athen die 
 Feldherren Nikostratos, Diitrephes' Sohn, Nikias, NikeratoS' 
 Sohn, und Autokles, Tolmaios' Sohn. 
 So also kam der Waffenstillstand zustande, während dessen 
 dann beständig über einen dauernden Frieden unter ihnen 
 verhandelt wurde.

In den Tagen, wo die Gesandten zusammentraten, ging 
 die Stadt Skione auf Pallene von den Athenern zu Brasidas 
 über. Die Einwohner behaupten, Pallener aus dem Pelo­ 
 ponnes zu sein, die vorzeiten bei dem Sturm, der die Achäer 
 auf der Rückfahrt von Troja betroffen, an dies Land ver­ 
 schlagen und dort sitzen geblieben seien. Als sie zu ihm über­ 
 gehen wollten, fuhr Brasidas bei Nacht nach Skione hinüber. 
 Er ließ dabei ein befreundetes Kriegsschiff vorausfahren, dem 
 er selbst in einer Jolle in einiger Entfernung nachfolgte, da­ 
 mit, falls ihm ein größeres Fahrzeug begegnen sollte, daS 
 Kriegsschiff ihm zu Hilfe kommen könnte. Ein etwa auf­ 
 kommendes anderes Kriegsschiff von gleicher Größe aber, meinte 
 er, würde sich nicht an daS kleine Fahrzeug, sondern an das 
 Kriegsschiff machen, und er unterdessen Zeit haben, das Weite 
 zu suchen. In Skione angelangt, ließ er die Bewohner zu­ 
 sammenrufen und sagte ihnen dasselbe, was er in Akanthos 
 und Torone gesagt, dem er hinzufügte, ihr Verhalten sei des­ 
 halb besonders rühmlich, weil sie hier auf der von den Athenern 
 in Potidäa am Isthmus abgesperrten Halbinsel Pallene sozu­ 
 sagen auf einer Insel wohnten und sich trotzdem von selbst 
 für die Freiheit entschieden und damit nicht ängstlich gewartet 
 hätten, bis man sie mit Gewalt zu ihrem Glück gezwungen. 
 Das sei ein Beweis, daß sie unter allen Umständen mutig 
 ihren Mann stehen würden, wenn die Sache nach Wunsch 
 ginge. Er werde sie deshalb in der Tat als die treuesten 
 Freunde der Lakedämonier ansehen und ihnen überhaupt alle 
 Ehre erweisen.

Die Skioner fühlten sich durch diese Worte sehr gehoben, 
 und alle, auch die, welchen die Sache anfangs nicht nach Sinne 
 gewesen war, faßten Mut und waren entschlossen, den Krieg 
 
 mannhaft zu bestehen. Brasidas aber überhäuften sie mit 
 Ehren; von Stadt wegen überreichte man ihm, dem Befreier 
 Griechenlands, einen goldenen Kranz, und die Einwohner 
 schmückten ihn mit Binden und feierten ihn wie einen Sieger 
 bei den Kampfspielen. Daraus fuhr er wieder ab und ließ 
 vorläufig nur eine kleine Besatzung bei ihnen zurück. Bald 
 nachher aber kam er mit größeren Kräften wieder herüber, 
 um mit ihnen einen Handstreich gegen Mende und Potidäa 
 zu führen und den Athenern zuvorzukommen, die nach dem 
 Insellande hier wahrscheinlich auch Truppen senden würden. 
 Auch knüpfte er in beiden Städten Verbindungen an, um sich 
 ihrer womöglich durch Verrat zu bemächtigen.

Eben als er im Begriff war, seinen Handstreich gegen 
 sie auszuführen, trafen Aristonymos aus Athen und AthenaioS 
 aus Lakedämon, welche beauftragt waren, die Nachricht vom 
 Abschlüsse des Waffenstillstandes überall hinzubringen, auf 
 einem Kriegsschiffe bei ihm ein und setzten ihn von dem Ver­ 
 trage in Kenntnis, und nun ging sein Heer wieder nach Torone 
 zurück. Die Bundesgenossen der Lakedämonier an der thra­ 
 kischen Küske nahmen an, daß sie sämtlich in den Vertrag ein­ 
 begriffen seien. Bezüglich der übrigen war Aristonymos da­ 
 mit einverstanden, für Skione aber wollte er eS nicht gelten 
 lassen, da es nach seiner Berechnung erst an einem späteren 
 Tage abgefallen war. Brasidas aber widersprach dem ent­ 
 schieden und blieb dabei, es sei früher gewesen, und gab die 
 Stadt nicht heraus. Als Aristonymos das nach Athen berichtete, 
 hatten die Athener nicht übel Lust, Skione sogleich mit Krieg 
 zu überziehen. Die Lakedämonier, welche Brasidas glaubten, 
 ließen ihnen jedoch durch Gesandte bedeuten, damit würden 
 sie sich eines Vertragsbruchs schuldig machen, und nahmen 
 die Stadt für sich in Anspruch, waren indessen bereit, sich 
 dieserhalb einer richterlichen Entscheidung zu unterwerfen. 
 Darauf wollten die Athener es aber nicht ankommen lassen, 
 sondern lieber gleich losschlagen, empört, daß selbst das Jnsel­ 
 volk sich jetzt schon herausnähme, im Vertrauen auf die Lake­ 
 dämonier von ihnen abzufallen, die ihm mit ihrer Landmacht 
 
 doch nicht helfen könnten. Mit dem Zeitpunkte des Abfalls 
 verhielt es sich übrigens in der Tat so, wie die Athener an­ 
 nahmen ; denn Skione war erst zwei Tage später übergegangen. 
 Auf Antrag Kleons beschlossen sie auch gleich, Skione zu zer­ 
 stören und die Einwohner hinrichten zu lassen, und trafen zu 
 dem Ende ihre Vorbereitungen, indem sie einstweilen auf andere 
 Unternehmungen verzichteten.

Inzwischen siel die Stadt Mende auf Pallene, eine 
 Kolonie von Eretria, von ihnen ab. Brasidas nahm sie an 
 und glaubte damit kein Unrecht zu tun, da sie während des 
 Waffenstillstandes offen zu ihm übergegangen war, zumal er 
 auch den Athenern verschiedene Vertragsverletzungen schuld gab. 
 Die Mender aber hatten das um so unbedenklicher gewagt, 
 weil sie sahen, daß sie auf Brasidas rechnen konnten, wie er 
 ja auch Skione nicht herausgegeben hatte. Überdies gab es 
 in der Stadt eine wenn auch nicht zahlreiche Partei, die sich 
 schon vorher mit ihm eingelassen und ihr Vorhaben durchsetzen 
 wollte, ja schon aus Furcht, ihre Treibereien könnten an den 
 Tag kommen, die Einwohnerschaft gegen ihre eigentliche Neigung 
 dazu gedrängt hatte. Die Athener, die davon sogleich Nach­ 
 richt erhielten, gerieten darüber vollends in Wut und rüsteten 
 gegen beide Städte. Brasidas aber, der sich auf die Ankunft 
 ihrer Flotte gefaßt machte, ließ Weiber und Kinder aus Skione 
 und Mende nach Olynth auf Chalkidike bringen, legte auch 
 fünfhundert peloponnesische Hopliten und dreihundert chalkidische 
 Peltasten unter Polydamas in die Stadt, wo man sich nun, 
 da die Athener jeden Augenblick eintreffen konnten, gemeinsam 
 auf die Verteidigung einrichtete.

Mittlerweile zogen Brasidas und Perdikkas zum zweiten 
 Male miteinander nach Lynkos gegen Arrhibaios. Perdikkas 
 führte sein makedonisches Kriegsvolk und Hopliten aus den 
 griechischen Städten seines Reichs ins Feld, Brasidas außer 
 den bei ihm verbliebenen Peloponnesiern auch Chalkidier, 
 Akanthier und Kontingente der übrigen Städte. Im ganzen 
 befanden sich in ihrem Heere an schwerem griechischen Fuß­ 
 volk ungefähr dreitausend Mann, an makedonischer und chal­ 
 
 kidischer Reiterei gegen tausend und außerdem eine Menge 
 Barbaren. Als sie in das Gebiet des Arrhibaios eingerückt 
 waren und sein Heer schon im Felde fanden, bezogen auch sie 
 ihm gegenüber ein Lager. -Hüben und drüben hatte das Fuß­ 
 volk Anhöhen besetzt, zwischen denen eine Ebene lag, in welche 
 nun die Reiterei beider Teile hineinsprengte, um sich zunächst 
 eine Reiterschlacht zu liefern. Als dann zuerst auch das feind­ 
 liche Fußvolk hinter den Reitern her von der Höhe herabkam, 
 um in den Kampf einzugreifen, führten auch Brasidas und 
 Perdikkas ihre Leute zum Angriff vor und schlugen die Gegner 
 in die Flucht, von denen viele auf dem Platze blieben, der 
 Rest aber in die Berge flüchtete und sich nicht mehr blicken 
 ließ. Hierauf errichteten sie ein Siegeszeichen und blieben 
 dann dort noch zwei oder drei Tage stehen, um die Illyrier 
 zu erwarten, welche Perdikkas in Sold genommen hatte, und 
 die fordersamst eintreffen mußten. Danach wollte Perdikkas 
 weiter gegen die Dörfer des Arrhibaios vorrücken und sogleich 
 aufbrechen. Brasidas aber, der sich um Mende Sorge machte 
 und befürchtete, wenn die athenische Flotte inzwischen dort 
 einträfe, könnte der Stadt ein Unglück zustoßen, hatte dazu 
 keine Neigung, zumal auch die Illyrier ausgeblieben waren, 
 sondern war für den Rückzug.

Während sie darüber stritten, kam die Nachricht, daß die 
 Illyrier Perdikkas im Stich gelassen und sich Arrhibaios an­ 
 geschlossen hätten. Nun sahen sie beide ein, daß ihnen solch 
 streitbaren Feinden gegenüber nichts übrigblieb, als den Rück­ 
 zug anzutreten; infolge ihres Streites hatten sie jedoch ver­ 
 säumt, sich über die Zeit zu verständigen, wann aufgebrochen 
 werden sollte. In der Nacht aber überkam die Makedonier 
 und die barbarischen Völker eine plötzliche Furcht, wie ja manch­ 
 mal in großen Heeren ein blinder Lärm entsteht. In der 
 Meinung, die Feinde seien noch viel zahlreicher, als sie wirk­ 
 lich waren, und würden im nächsten Augenblick über sie her­ 
 fallen, wandten sie sich plötzlich zur Flucht und liefen davon. 
 Als Perdikkas, der anfangs nichts davon gemerkt hatte, das 
 gewahr wurde, sah auch er sich gezwungen, mit abzuziehen, 
 
 noch ehe er Brasidas sprechen konnte, da die beiden Lager 
 weit voneinander entfernt waren. Als Brasidas bei Tages­ 
 anbruch sah, daß die Makedonier schon über alle Berge waren 
 und die Illyrier und Arrhibaios Miene machten, ihn an­ 
 zugreifen, zog er seine Hopliten in ein Viereck zusammen, 
 nahm das leichte Volk in die Mitte und dachte, so seinen Rück­ 
 zug zu bewerkstelligen. Zum Ausfall gegen etwaige Angriffe 
 stellte er seine Jüngsten an, er selbst aber bildete mit drei­ 
 hundert auserwählten Leuten den Beschluß des Zuges, um 
 damit den Anprall des feindlichen Vortrabs abzuweisen. Bevor 
 die Feinde herankamen, ermutigte er seine Soldaten in der 
 Eile noch durch folgende Worte:

„Wenn ich nicht besorgen müßte, es könnte euch doch 
 schwül werden, wo ihr euch von euren Bundesgenossen im 
 Stich gelassen und den Angriffen einer solchen Masse von 
 Barbaren ausgesetzt seht, so würde mir nicht einfallen, indem 
 ich euch zum Kampf anfeuere, euch zugleich belehren zu wollen. 
 Da aber unsere Bundesgenossen davongelaufen und unserer 
 Feinde so viele sind, möchte ich euch doch mit wenig Worten 
 einige gute Lehren geben. Nicht, weil ihr grade in dem 
 Augenblick Bundesgenossen zur Seite habt, ziemt eS euch, 
 mutig in den Kampf zu gehen, sondern weil euch die Tapfer­ 
 keit im Blute liegt. Ihr dürft euch vor keinen Feinden 
 fürchten, seien ihrer auch noch so viele; denn das ist bei euch 
 des Landes nicht der Brauch, herrschen ja dort auch nicht 
 viele über wenige, sondern wenige über viele, und diese ver­ 
 danken ihre Herrschaft eben ihrer Überlegenheit aus dem 
 Schlachtfelde. Diese Barbaren, die ihr jetzt aus Unkunde 
 fürchtet, solltet ihr doch kennen. Nach dem, was ihr von ihnen 
 in den Kämpfen mit den Makedonien! gesehen, und was ich 
 selbst von ihnen weiß oder von anderen gehört habe, braucht 
 ihr vor ihnen nicht bange zu sein. Sobald man sich überzeugt, 
 daß scheinbare Stärken des Feindes in Wahrheit Schwächen 
 sind, nimmt man es um so mutiger mit ihm auf, wie man ja 
 auch einem wirklich tapferen Feinde dreister zu Leibe geht, ehe 
 man ihn aus Erfahrung kennt. Diese wilden Völker machen 
 
 auf den, der sie noch nicht kennt, von weitem einen furchtbaren 
 Eindruck. Schon der Anblick der Menge ist schreckhaft, das 
 laute Kriegsgeschrei entsetzlich, und bei dem unsinnigen Waffen­ 
 schwenken kann einem angst und bange werden. Hält man 
 aber^ stand, so sind sie so schlimm nicht. Sie fechten nicht in 
 Reih und Glied und halten eS nicht für schimpflich, vor der 
 Übermacht wegzulaufen; Flucht und Angriff gelten bei ihnen 
 für gleich ehrenvoll, und man weiß nie, wie es mit ihrer 
 Tapferkeit steht. Bei ihrer Fechtweise, bei der jeder sein eigener 
 Führer ist, findet der einzelne leicht Gelegenheit, sich mit An­ 
 stand aus dem Staube zu machen. Statt unS ernstlich zu Leibe 
 zu gehen, halten sie es für rätlicher, uns nur von weitem zu 
 schrecken; denn sonst würden sie auch dazu übergehen. Offenbar 
 also hat es mit dem ersten Schrecken nicht viel auf sich, er ist 
 eben nur für Augen und Ohren berechnet, und wenn ihr euch 
 daraus nichts macht und zur rechten Zeit euren Rückzug in 
 guter Ordnung fortsetzt, so werdet ihr bald in Sicherheit sein. 
 Für die Zukunft aber werdet ihr euch merken, daß solche wilde 
 Horden, wenn der Gegner ihren ersten Anlauf aushält, nur 
 von weitem mit ihrer Tapferkeit prahlen, ihm aber, wenn er 
 weicht, beständig auf den Fersen bleiben und ohne sich in 
 Gefahr zu begeben, ihren Heldenmut zur Schau tragen."

Nachdem Brasidas seine Leute also ermutigt hatte, trat 
 er den Rückzug an. Als die Barbaren das sahen, drangen sie 
 mit gewaltigem Lärm und lautem Geschrei auf ihn ein in der 
 Meinung, er fliehe vor ihnen, und sie könnten ihn nun mit 
 seinem Heere nur so ohne weiteres über den Haufen werfen. 
 Da man jedoch ihren Angriffen überall durch Ausfälle be­ 
 gegnete und Brasidas selbst mit seiner auserwählten Schar 
 den Rücken deckte, stießen sie gleich beim ersten Anlauf auf 
 unerwarteten Widerstand, und auch ihre weiteren Angriffe 
 wurden sämtlich aufgenommen und abgeschlagen; inzwischen 
 aber, wenn sie sich vershcnauften, setzte man den Rückzug fort. 
 Darauf ließ die Masse der Barbaren von den Griechen deS 
 Brasidas in der Ebene ab, und nur ein Teil von ihnen blieb 
 zurück, um sie weiter zu verfolgen und zu beunruhigen. Die 
 
 übrigen setzten den flüchtigen Makedoniern nach, machten alles 
 nieder, was ihnen in den Wurf kam, und eilten voraus, um 
 den Engpaß zwischen den beiden Höhenzügen zu besetzen, durch 
 den die Straße in das Land des Arrhibaios führt, die einzige, 
 auf der, wie sie wußten, Brasidas seinen Rückzug nehmen konnte, 
 wo sie ihn, im Begriff, in den gefährlichen Paß einzurücken, 
 zu umstellen und abzufangen dachten.

Er aber merkte das und befahl seinen Dreihundert, sie 
 sollten einzeln, jeder so schnell wie möglich, die Höhe erklimmen, 
 auf deren Besetzung es nach seiner Ansicht hauptsächlich an­ 
 kam, und die Barbaren, die dort schon angelangt, wieder zu 
 vertreiben suchen, bevor sie zu seiner völligen Umzingelung 
 weitere Verstärkungen erhielten. Die gewannen auch die Höhe 
 und vertrieben die Feinde von dort, so daß das griechische 
 Heer seinen Marsch dahin nun leichter fortsetzen konnte. Denn 
 die Barbaren waren durch die auf der Höhe erlittene Nieder­ 
 lage in Schrecken versetzt und gaben es auf, sein Heer weiter 
 zu verfolgen, zumal sie glaubten, daß eS schon an die Grenze 
 gelangt und glücklich durchgekommen sei. Nachdem Brasidas 
 sich der Höhen bemächtigt, setzte er seinen Marsch fort, ohne 
 weiter belästigt zu werden, und kam noch an demselben Tage 
 nach Arnissa, den ersten Ort im Reiche des Perdikkas. Wenn 
 aber seinen über den verfrühten Abzug der Makedonier er­ 
 bitterten Leuten deren Ochsengespanne in den Weg kamen oder 
 ihnen Gepäck in die Hände fiel, das sie weggeworfen hatten, 
 wie das ja auf einem gefährlichen nächtlichen Rückzüge natür­ 
 lich nicht ausbleibt, so spannten sie die Tiere aus und schlugen 
 sie tot oder eigneten sich die Sachen an. Seitdem erst be­ 
 trachtete Perdikkas Brasidas als seinen Feind und warf auf 
 die Peloponnesier einen Haß, der seinen wahren Gefühlen gegen 
 die Athener keineswegs entsprach, suchte sich auch gegen seine 
 dringenden Interessen so schnell wie möglich mit den Athenern 
 zu stellen und von den Peloponnesiern loszumachen.

Als Brasidas aus Makedonien nach Torone zurückkam, 
 fand er die Athener schon im Besitz von Mende, und da er 
 sich augenblicklich für zu schwach hielt, nach Pallene überzusetzen 
 
 und es ihnen wieder zu entreißen, blieb er ruhig in Torone 
 und suchte es zu halten. Zur Zeit der Kämpfe in Lynkos 
 waren nämlich die Athener mit fünfzig Schiffen, die sie gleich 
 ausgerüstet hatten, darunter zehn auS Chios, tausend athenischen 
 Hopliten, sechshundert Bogenschützen, tausend thrakischen Söld­ 
 nern und einer Anzahl Peltasten aus den dortigen Bundesstädten 
 unter Nikias, Nikeratos' Sohn, und Nikostratos, Diitrephes' 
 Sohn, nach Mende und Skione unter Segel gegangen. Nach­ 
 dem sie mit der Flotte von Potidäa abgefahren, landeten sie 
 beim Poseidontempel und setzten sich gegen Mende in Marsch. 
 Die Einwohner aber hatten mit dreihundert zu ihnen gestoßenen 
 Skionern und den peloponnesischen Hilfstruppen, im ganzen 
 siebenhundert Hopliten, unter ihrem Anführer Polydamas auf 
 einer Höhe außerhalb der Stadt eine feste Stellung genommen. 
 Nikias versuchte nun mit hundertzwanzig Leichtbewaffneten 
 aus Methone, sechzig ausgewählten athenischen Hopliten und 
 sämtlichen Bogenschützen die Höhe auf einem schmalen Pfade 
 zu gewinnen, konnte aber nichts ausrichten und wurde dabei 
 selbst verwundet. Auch Nikostratos, der mit dem ganzen übrigen 
 Heere auf einem anderen, weiteren Wege gegen die schwierige 
 Höhe vorging, kam dabei arg ins Gedränge, und es fehlte 
 wenig, so hätte das ganze athenische Heer hier eine Nieder- 
 läge erlebt. Da die Mender und ihre Verbündeten ihre 
 Stellung behauptet hatten, zogen sich die Athener für den Tag 
 zurück und schlugen ein Lager auf, und auch die Mender gingen, 
 als es Nacht geworden, wieder in die Stadt.

Am Tage drauf kreuzten die Athener mit ihren Schiffen 
 in der Richtung nach Skione, bemächtigten sich der Vorstadt 
 und verheerten den Tag über das Land; aus der Stadt aber 
 kam niemand zum Vorschein, da es auch dort schon zu Un­ 
 ruhen gekommen war. Die dreihundert Skioner gingen in 
 der folgenden Nacht wieder nach Hause. Am nächsten Tage 
 rückte Nikias mit der Hälfte des Heeres vor und verwüstete 
 das Stadtgebiet und zugleich die daranstoßenden Felder der 
 Skioner, während Nikostratos sich mit der anderen Hälfte beim 
 oberen Tore, aus dem es nach Potidäa geht, unmittelbar vor 
 
 die Stadt legte. Nun befahl PolydamaS den Mendern, die 
 hier mit ihren Verbündeten innerhalb der Stadtmauern die 
 Waffen abgelegt hatten, anzutreten und gegen den Feind aus­ 
 zurücken, und als jemand auS dem Volke sich dagegen auf­ 
 lehnte und erklärte, ausgerückt werde nicht, man habe keine 
 Lust, sich blutige Köpfe zu holen, packte er ihn mit der Hand 
 und schüttelte ihn, daß er sich verjagte. Darüber geriet das 
 Volk in Wut, nahm flugs die Waffen auf und wandte sich 
 gegen die Peloponnesier und deren Anhänger in der Stadt 
 und schlug sie in die Flucht, da sie auf den Angriff nicht ge­ 
 faßt, aber auch zu gleicher Zeit dadurch in Schrecken versetzt 
 waren, daß den Athenern das Tor geöffnet wurde. Sie glaubten 
 nämlich, man habe den Angriff auf sie infolge einer vorherigen 
 Verabredung mit den Athenern unternommen. Was von ihnen 
 nicht gleich niedergemacht wurde, flüchtete in die Burg, die 
 sie auch vorher schon besetzt gehabt hatten. Die Athener aber, 
 - auch Nikias war inzwischen an di? Stadt zurückgekommen, - 
 drangen nun mit ihrem ganzen Heere in die Stadt ein und 
 plünderten sie, da sie sich nicht vergleichsweise übergeben hatte, 
 wie wenn sie sie mit Sturm genommen hätten, ja nur mit 
 Mühe konnten die Feldherren ihre Leute abhalten, nicht auch 
 die Einwohner zu töten. Nachher ließen sie ihnen aber doch 
 ihre bisherige Verfassung und gestatteten ihnen, unter sich 
 selbst auszumachen, wer etwa des Abfalls wegen zur Strafe 
 zu ziehen sei. Die Peloponnesier aber auf der Burg schlossen 
 sie durch eine Mauer ein, die sie auf beiden Seiten bis an 
 die See führten und durch ihre Truppen bewachen ließen. 
 Nachdem sie Mende wieder in ihrer Gewalt hatten, wandten 
 sie sich gegen Skione.

Die Einwohner und die Peloponnesier waren schon vor­ 
 her ausgerückt und hatten eine starke Stellung auf einer Höhe 
 vor der Stadt eingenommen, die der Feind erst nehmen mußte, 
 wenn er die Stadt abmauern wollte. Die Athener erstürmten 
 sie aber und vertrieben die Gegner von dort mit der blanken 
 Waffe. Nachdem sie ein Siegeszeichen errichtet, bezogen sie 
 ein Lager und machten Anstalt, die Stadt mit einer Mauer 
 
 einzuschließen. Bald nachher, als sie schon an der Arbeit 
 waren, trafen auch die in Mende auf der Burg belagerten 
 Peloponnesier, die sich bei Nacht am Strande durch die feind­ 
 lichen Linien durchgeschlagen hatten, vor Skione ein und ge­ 
 langten durch das athenische Heer meist glücklich in die Stadt.

Während man noch mit der Einschließung von Skione 
 beschäftigt war, sandte Perdikkas einen Herold an die athenischen 
 Feldherren und schloß aus Haß, den er seit dem Rückzüge aus 
 Lynkos gegen Brasidas hegte, einen Vertrag mit den Athenern, 
 mit denen er sogleich Verhandlungen angeknüpft hatte. Grade 
 damals nämlich war der Lakedämonier Jschagoras zu Lande 
 mit einem Heere zu Brasidas unterwegs. Perdikkas aber, 
 von dem Nikias nach Abschluß des Vertrags Beweise seiner 
 aufrichtigen Gesinnung gegen die Athener verlangt hatte, und 
 der auch seinerseits die Peloponnesier sich nicht mehr ins Land 
 kommen lassen wollte, bewog seine Freunde in Thessalien, wo 
 er immer Beziehungen mit den ersten Familien unterhielt, ihn 
 mit seinem Heere nicht durchzulassen, so daß er gar nicht ver­ 
 . suchte, damit durch Thessalien zu ziehen. Indessen kamen 
 JschagoraS, Ameinias und Aristeus selbst aber doch bei Brasidas 
 an, um sich im Auftrage der Lakedämonier die Sache an Ort 
 und Stelle anzusehen. Ganz gegen die sonstige Gepflogenheit 
 brachten sie einige junge Herren aus Sparta mit, um sie als 
 Vögte in den Städten einzusetzen, damit diese nicht dem ersten 
 besten in die Hände fielen, auch setzten sie Klearidas, Kteony­ 
 moS' Sohn, in Amphipolis und Pasitalidas, Hegesandros' Sohn, 
 in Torone als solche ein. *

In demselben Sommer schleiften die Thebaner die Mauer 
 der Thespier, denen sie athenische Gesinnung schuld gaben. 
 Sie hätten das schon immer gern getan, konnten daran aber 
 jetzt um so eher denken, da die Blüte der jungen Mannschaft 
 der Thespier in der Schlacht gegen die Athener gefallen war. 
 In demselben Sommer brannte auch der Heratempel in Argos 
 ab. Die Priesterin Chrysis hatte eine brennende Lampe zu 
 nahe an die Kränze gestellt und war darüber eingeschlafen, 
 so daß das Feuer unbemerkt ausbrach und alles ein Raub der 
 
 Flammen wurde. Chrysis entfloh aus Furcht vor den Argaiern 
 noch in derselben Nacht nach Phlius. In Argos aber wählte 
 man dem Herkommen gemäß eine neue Priesterin mit Namen 
 Phaeinidas. Chrvsis war bis ihrer Flucht neuntehalb Jahr 
 Prießen neqewefn 
 Als der Sommer bereits zu Ende ging, wurde die Mauer bei 
 Skione fertig. Zu ihrer Bewachung ließen die Athener eine 
 Besatzung zurück und zogen mit dem übrigen Heere wieder ab.

Im nächsten Winter ruhten infolge des Stillstandes 
 die Waffen zwischen den Athenern und den Lakedämoniern. 
 Zwischen den Mantineern aber und den Tegeern und ihren 
 beiderseitigen Bundesgenossen kam es bei Laodikion im Orestischen 
 zur Schlacht, in welcher der Sieg zweifelhaft blieb; denn beide 
 Teile hatten den einen ihnen gegenüberstehenden Flügel ge­ 
 schlagen. Beide errichteten ein Siegeszeichen und sandten 
 Beutestücke nach Delphi. Nach großen Verlusten auf beiden 
 Seiten machte die Nacht der Schlacht ein Ende, bevor sie 
 entschieden war. Die Tegeer, welche daS Schlachtfeld be­ 
 haupteten, errichteten sogleich ein Siegeszeichen; die Mantineer 
 aber, die sich nach Bukolion zurückgezogen hatten, taten es 
 später auch.

In demselben Winter, kurz vor Frühlingsanfang, ver­ 
 suchte Brasidas sich Potidäas zu bemächtigen. Er machte sich 
 bei Nacht an die Stadtmauer und ließ eine Leiter anlegen, 
 was zunächst unbemerkt blieb. Denn bevor die Schildwache, 
 die mit der Glocke die Runde machte und sie weitergeben 
 mußte, auf ihren Posten zvrückkam, hatte man inzwischen die 
 Leiter angelegt. Da es dann aber doch noch früh genug be­ 
 merkt worden war, ehe jemand hinaufsteigen konnte, zog er noch 
 vor Tagesanbruch mit seinem Heere schleunigst wieder ab. 
 Damit endete der Winter und das neunte Jahr des Krieges, 
 den Thukydides beschrieben hat.i

Im nächsten Sommer lief der einjährige Waffenstillstand ab, und es war wieder
 Krieg bis zu den Pythischen Spielen. Noch während des Waffenstillstandes hatten
 die Athener die Bewohner von Delos zur Auswanderung ge­ zwungen. Sie
 glaubten nämlich, einer alten Schuld wegen wären diese nicht rein genug für die
 Heilige Insel, und die Reinigung, die sie, wie oben erzählt, früher ihrer
 Meinung nach durch Wegschaffung der Särge der Verstorbenen richtig vorgenommen
 hatten, sei insofern doch nicht genügend gewesen. Den Deliern bot
 Pharnakes Atramyttion in Asien zum Wohnsitz an, und soweit sie dazu geneigt
 waren, ließen sie sich dort nieder.

Kleon, der die Athener bewogen hatte, ihn mit einem Heere nach dem thrakischen
 Küstenlande zu schicken, ging nach Ablauf des Waffenstillstandes mit
 zwölfhundert athenischen Hopliten, dreihundert Reitern und zahlreichen
 Bundesgenossen mit dreißig Schiffen dahin unter Segel. Nachdem er zuerst 
 Skione, das noch belagert wurde, angelaufen und von hier eine Anzahl der vor der
 Stadt liegenden Hopliten mitge­ nommen, landete er bei Torone in dem unweit der
 Stadt ge­ legenen Hafen Kophos. Da er von Überläufern erfahren, daß
 Brasidas selbst nicht in Torone wäre und die Besatzung zu schwach, um den Ort zu
 halten, rückte er mit dem Land­ heere vor die Stadt und ließ zehn Schiffe nach
 dem Hafen herumfahren. Er gelangte zuerst bis an die neue Mauer, mit 
 welcher Brasidas die Stadt umgeben hatte, um die Vorstadt mit einzubeziehen,
 wobei ein Stück der alten Mauer niedergelegt und so das Ganze zu einer Stadt
 gemacht worden war.

Hier stellte sich der lakedämonische Befehlshaber Pasitelidas mit der in der
 Stadt vorhandenen Mannschaft auf, um den Angriff der Athener abzuschlagen. Da
 jedoch der Angreifer Fortschritte machte und gleichzeitig die abgesandten
 Schiffe in den Hafen herumkamen, fürchtete er, man könnte sich von den 
 Schiffen aus der von Streitkräften entblößten Stadt inzwischen bemächtigen, er
 selbst aber, wenn die Mauer genommen würde. 
 
 abgeschnitten werden, und zog deshalb spornstreichs wieder in die
 Stadt zurück. Unterdessen aber war Torone schon von den Athenern genommen, teils
 von den Schiffen aus, teils von dem Landheere, welches hinter ihm durch die
 Lücke der alten Stadtmauer sogleich mit eingedrungen war. Peloponnesier 
 und Toroner wurden zum Teil gleich im Handgemenge von den Athenern
 niedergemacht, während die übrigen, darunter auch ihr Befehlshaber Pasitelidas,
 ihnen lebend in die Hände fielen. Brasidas war zum Entsatz von Torone
 aufgebrocken, als er jedoch unterwegs hörte, daß es bereits genommen sei, 
 kehrte er wieder um; nur noch ungefähr vierzig Stadien, und er wäre zur rechten
 Zeit gekommen. Kleon und die Athener errichteten zwei Siegeszeichen, eins am
 Hafen, das andere an der Mauer; Weiber und Kinder in Torone verkauften sie als
 Sklaven, die Männer aber und die Peloponnesier und was sonst an
 Chalkidiern in der Stadt war, im ganzen iseben­ hundert, schickten sie nach
 Athen. Später beim Friedensschluß wurden die Peloponnesier von ihnen
 herausgegeben, die übrigen von den Olynthern übernommen und Mann gegen Mann aus­
 gewechselt. Um dieselbe Zeit bemächtigten sich die Böotier Panaktons,
 eines festen Platzes an der athenischen Grenze, durch Verrat. Kleon ging von
 Torone, wo er eine Besatzung ließ, wieder in See und fuhr um den Athos, um sich
 gegen Amphipolis zu wenden.

Phaiax, Erasistratos' Sohn, war selbdritter als athenischer Gesandter um diese
 Zeit mit zwei Schiffen nach Italien und Sizilien abgegangen. In Leontinoi
 nämlich hatte man nach dem Frieden und dem Abzüge der Athener aus Sizilien viele
 neue Bürger aufgenommen, und das Volk verlangte eine neue Ackerverteilung.
 Als die vornehmen Bürger das merkten, riefen sie die Syrakuser zu Hilfe und
 vertrieben die Demo­ kraten, die seitdem aufs Geratewohl im Lande umherzogen.
 Die Vornehmen aber schlossen einen Vertrag mit den Syra­ kusern,
 infolgedessen sie ihre Stadt aufgaben und nach Syrakus übersiedelten, wo sie
 Bürgerrecht erhalten sollten. Später ver­ ließen einige von ihnen Syrakus
 wieder, weit es ihnen dort 
 nicht gefiel, und bemächtigten sich in Leontinoi eines Stadtteils 
 namens Phokaiai und des im Leontinischen belegenen Kastells Brikinniai. Hier
 schlossen sich die seinerzeit vertriebenen Demo­ traten ihnen größtenteils
 wieder an und machten diese festen Plätze zu Stützpunkten kriegerischer
 Unternehmungen. Als die Athener davon hörten, schickten sie Phaiax nach
 Sizilien, um zu versich en, ob man nicht die dortigen Bundesgenossen und 
 womöglich auch die übrigen sizilischen Griechen zu einem ge­ meinsamen Feldzuge
 gegen das allzu mächtig werdende Syrakus bewegen und der Demokratie in Leontinoi
 wieder aufhelfen könnte. Auch gelang es Phaiax nach seiner Ankunft dort, 
 Kamarina und Akragas für die Sache zu gewinnen. In Gela aber wollte man davon
 nichts wissen. Deshalb gab er es auf, noch andere Städte zu besuchen, die, wie
 er wohl merkte, ebensowenig dafür zu haben gewesen wären, sondern kehrte
 durch das Land der Sikeler nach Katana zurück, wo er, nachdem er unterwegs noch
 einen Abstecher nach Brikinniai gemacht und den Leuten dort Mut eingesprochen
 hatte, sich einschiffte und wieder abfuhr.

Auf der Fahrt nach Sizilien und jetzt wieder auf der Rück­ reise verhandelte er
 in Italien mit verschiedenen Städten über ein Bündnis mit Athen. Er traf auch
 die kürzlich aus Messene vertriebenen lokrischen Ansiedler, welche nach dem
 Abschluß deS Friedens unter den sizilischen Griechen, als eine Partei in 
 Messene die Lokrer bei einem Aufstand zu Hilfe gerufen hatte, nach Messene
 geschickt worden waren, das darauf eine Zeit­ lang lokrifch geworden war. Mit
 ihnen also traf Phaiax auf ihrem Rückwege zusammen, machte ihnen aber keine
 Schwierig­ keiten, da die Lokrer sich inzwischen mit ihm über ein Bündnis 
 mit Athen verständigt hatten. Sie waren nämlich die einzigen unter den
 Bundesgenossen, welche damals, als die sizilischen Griechen Frieden schlossen,
 sich auf keinen Vertrag mit den Athenern eingelassen hatten, und sie hätten das
 auch jetzt nicht getan, wenn sie nicht mit Itonern und Melaievn, ihren Nach­
 barn und Kolonisten, im Kriege gewesen wären. Einige Zeit nachher kam
 Phaiax nach Athen zurück.

Kleon unternahm damals auf jener Fahrt von Torone nach Amphipolis von Eion aus
 einen Angriff auf Stageiros, eine Kolonie von Andros, eroberte es aber nicht.
 Dagegen nahm er Galepsos, die Kolonie von Thasos, mit Sturm. Er schickte
 Gesandte an Perdikkas und forderte ihn auf, dem Bündnis gemäß mit seinem Heere
 zu ihm zu stoßen, und ebenso nach Thrakien an Polles, den König der Odomanter,
 der ihm möglichst viele thrakische Söldner zuführen sollte. Er selbst
 blieb einstweilen in Eion, um sie dort zu erwarten. Auf die Nachricht hiervon
 lagerte sich auch Brasidas ihm gegen­ über bei Kerdylion, einem argilischen Orte
 an der anderen Seite des Flusses, nicht weit von Amphipolis, von wo man 
 die ganze Gegend übersehen konnte, so daß Kleon nicht un­ bemerkt mit seinem
 Heere hätte aufbrechen können. In der Tat erwartete Brasidas es nicht anders,
 als daß er das tun und angesichts der geringen Zahl des GegnerS schon mit seinem
 jetzigen Heere stromaufwärts gegen Amphipolis ziehen würde. Zugleich
 richtete er sich auf eine Schlacht ein, indem er fünfzehn­ hundert thrakische
 Söldner und die Edonen, Peltasten und Reiter, sämtlich an sich zog. An
 myrkinischen und chalkidischen Peltasten hatte er außer denen in Amphipolis
 tausend, an schwerem Fußvolk alles in allem etwa zweitausend Mann, dazu
 dreihundert griechische Reiter. Davon hatte Brasidas in seinem Lager bei
 Kerdylion gegen fünfzehnhundert selbst bei sich, die übrigen standen unter
 Klearidas in Amphi­ polis.

Kleon rührte sich indes eine Zeitlang nicht von der Stelle, sah sich dann aber
 schließlich doch gezwungen, zu tun, was Brasidas erwartet hatte. Denn seine
 Leute murrten über das lange Stillsitzen und hielten sich darüber auf, was bei
 seiner ungeschickten und schwächlichen Führung einem so erfahrenen und
 kühnen Gegner gegenüber aus der Sache werden solle, wie sie auch nur ungern mit
 ihm zu Felde gezogen wären. Als er das merkte, brach er auf, um sie durch
 längeres Still­ sitzen nicht noch unzufriedener zu machen, und setzte sich in
 Marsch. Er rechnete dabei auf ebenso glücklichen Erfolg wie 
 bei der Unternehmung gegen Pylos, worauf er sich so viel zu­ gute
 tat. Daß man sich ihm zur Schlacht stellen würde, dachte er gar nicht. Nur um
 eine Übersicht über die Gegend zu ge­ winnen, sagte er, begäbe er sich
 stromaufwärts, und wartete auf Verstärkungen. Aber für den Fall, daß er schlagen
 müsse, eine günstige Stellung zu wählen, hielt er nicht für nötig, meinte
 vielmehr, die Stadt einfach einschließen und mit Sturm nehmen zu können. Bei
 Amphipolis angelangt, ließ er sein Heer auf einer abschüssigen Höhe haltmachen
 und betrachtete sich selbst die sumpfige Niederung am Strymon und die Lage 
 der Stadt nach Thrakien hin. Dabei glaubte er, jeden Augen­ blick ohne
 Schwertstreich wieder abziehen zu können; denn auf der Mauer ließ sich niemand
 sehen, und ebensowenig kam vor den Toren jemand zum Vorschein, die alle
 verschlossen blieben. Deshalb bedauerte er schon, kein Sturmzeug mitgebracht zu
 haben, sonst hätte er ja die von Truppen entblößte Stadt gleich nehmen
 können.

Sobald Brasidas die Athener sich in Bewegung setzen sah, brach er ebenfalls von
 der Höhe bei Kerdylion auf und rückte mit seinem Heere in Amphipolis ein. Aus
 der Stadt zu kommen und den Athenern in Reih und Glied entgegenzutreten, wagte
 er nicht, weil er seinen Truppen nicht traute, die er den Athenern nicht
 für gewahcsen hielt, nicht an Zahl, denn die war einiger­ maßen gleich, wohl
 aber an Güte; denn ihr Heer bestand aus athenischen Kerntruppen und den besten
 Leuten auS Lemnos und Jmbros. Dagegen dachte er ihnen durch List beizukommen.
 Er glaubte nämlich, wenn er den Gegnern seine Truppen nicht vorher zeigte,
 eher Aussicht zu haben, sie zu besiegen, als wenn er ihnen schon vorher
 Gelegenheit gegeben, sich mit eigenen Augen von der Zahl und der nur
 notdürftigen Bewaffnung seiner Leute zu überzeugen. Er wählte sich also selbst
 hundert­ funfzig Hopliten aus und übergab die übrigen Klearidas in der
 Absicht, die Athener, bevor sie abzögen, unversehens an­ zugreifen, weil er
 glaubte, wenn sie erst ihre Verstärkungen erhalten, würde er sie schwerlich
 wieder so allein zu fassen kriegen. Er rief deshalb alle seine Soldaten
 zusammen, um 
 sie zu ermutigen und sie über seine Absicht aufzuklären, und redete
 sie also an:

„Peloponnesier! Aus was für einem Lande wir kommen, daß dies Land von jeher die
 Freiheit seiner Tapferkeit ver­ dankt, und daß ihr Dorier jetzt gegen Jonier
 kämpfen sollt, die ihr zu besiegen gewohnt seid, brauche ich nur eben anzu­
 deuten. Aufklären aber will ich euch darüber, wie ich den Angriff zu
 machen beabsichtige, damit ihr mir nicht meint, wir wären zu schwach, weil wir
 nur zu wenigen und nicht gleich alle ins Gefecht gehen, und deshalb den Mut
 sinken laßt. Unsere Gegner, die sich vermutlich nur, weil sie uns 
 verachten und gar nicht darauf rechnen, daß man eS im freien Felde mit ihnen
 aufnehmen würde, bis hierher verstiegen haben, halten keine Ordnung und haben
 auch jetzt nichts Besseres zu tun, als sich die Gegend zu besehen. Wenn man auf
 solche Fehler des Gegners gut acht gibt und dann auch seinen An­ griff mit
 Rücksicht auf die eignen Kräfte einrichtet, nicht gleich seine ganze Macht
 einsetzt, sondern die Umstände geschickt zu benutzen weiß, hat man die beste
 Aussicht, ihn zu besiegen. Und je besser man versteht, die Feinde durch List zu
 täuschen und den Seinigen dadurch Vorteile zu vershcaffen, um so größer 
 der Ruhm. Darum will ich, solange sie noch arglos und unvorbereitet sind und,
 wie es mir vorkommt, überhaupt nicht standhalten, sondern wieder abziehen
 wollen, bevor sie zur Be­ sinnung kommen und ihren Schlachtplan machen, mit
 meinen Leuten hier über sie herfallen und im Sturmschritt womöglich mitten
 in ihr Heer dringen, und du, Klearidas, mußt dann, sobald du siehst, daß ich
 ihnen auf der Kappe bin und sie gehörig in Schreck gesetzt habe, plötzlich das
 Tor öffnen lassen und mit deinen Leuten und den Mannschaften aus Amphi­ 
 polis und den anderen Bundesstädten vorbrechen und so schnell wie möglich
 handgemein mit ihnen zu werden suchen. Denn so haben wir die beste Hoffnung, sie
 in die Flucht zu schlagen. Denn ein unerwarteter zweiter Angriff ist für den
 Feind schrecklicher als ein Kampf, in dem er sich dem Gegner von 
 vornherein Mann gegen Mann gegenübersieht. Du selbst 
 hatte dich brav, wie es einem Spartaner ziemt, und ihr, wackere
 Bundesgenossen, folgt eurem Führer mutig nach und glaubt nur, daß williger und
 pünktlicher Gehorsam gegen die Vorgesetzten die erste Bedingung glücklichen
 Erfolgs im Kriege ist. Bedenkt auch, daß es sich heute entscheiden wird, ob ihr
 dank eurer Tapferkeit hinfort frei sein und Bundesgenossen der
 Lakedämonier heißen, oder den Athenern gehorchen sollt und, wenn es dann auch
 ohne Sklaverei und Hinrichtungen abgeht, jedenfalls einer drückenderen
 Knechtschaft als bisher verfallen und die Befreiung der übrigen Griechen
 verhindern werdet. Also nur Mut, und denkt daran, was heute auf dem Spiel
 steht. Ich aber werde euch zeigen, daß ich nicht nur anderen Mut predigen,
 sondern auch selbst mutig meinen Mann stehen kann."

Nach diesen Worten machte Brasidas selbst sich zum Aus fall fertig und stellte
 die übrigen Truppen unter Klearidas am sogenannten Thrakischen Tore auf, aus dem
 sie nahcher seiner Anordnung gemäß vorbrechen sollten. Nun hatte man bemerkt,
 daß Brasidas von Kerdylion abgezogen und jetzt, wie man von draußen sehen
 konnte, in der Stadt zu Gange war und am Tempel der Athena opferte. Kleon hatte
 sich zur Be­ . obachtung des Gegners in die Nähe der Stadt begeben, und 
 hier wurde ihm gemeldet, daß das ganze feindliche Heer in der Stadt auf den
 Beinen sei und nach der Menge der Menshcen- und Pferdefüße, die man unter dem
 Tore durch sehen könne, offenbar ein Ausfall beabsichtigt werde. Auf die 
 Meldung ging er selbst bis dicht an das Tor, und nachdem auch er sich davon
 überzeugt, ließ er, weil er vor Ankunft seiner Verstärkungen keine Schlacht
 liefern wollte und sie durch seinen Abzug noch vermeiden zu können glaubte, das
 Zeichen zum Rückzüge geben und befahl, wie das auch allein möglich war,
 vom linken Flügel in der Richtung nach Eion abzu­ marshcieren. Als es ihm damit
 zu langsam ging, schwenkte er selbst mit dem rechten Flügel ab und setzte sich,
 indem er dem Feinde die offene Flanke bot, mit dem Heere in Marsch. Sobald
 Brasidas sah, daß eS an der Zeit und daS feindliche 
 Heer sich in Bewegung setzte, rief er seinen Leuten und den übrigen
 zu: „Die Kerls halten nicht stand; man sieht das an der Bewegung ihrer Speere
 und Köpfe, wo eS dazu kommt, will man dem Gegner nicht standhalten. Jetzt also
 daS bezeichnete Tor auf und, was wir können, hinaus und dem Feinde zu
 Leibe!" Damit stürmte er durch das nach den Palisaden führende und das erste Tor
 der damaligen langen Mauer auf dem graden Wege, da, wo jetzt oben daS Sieges­
 zeichen steht, in vollem Lauf hinaus und mitten hinein in die Haufen der
 infolge ihrer Unordnung und durch die Kühnheit des Feindes erschreckten Athener
 und trieb sie in die Flucht. Gleichzeitig brach Klearidas, wie ihm befohlen, auS
 dem Thra­ kischen Tore vor und warf sich auf das feindliche Heer, so daß
 die plötzlich von zwei Seiten angegriffenen Athener vollends in Verwirrung
 gerieten. Ihr linker Flügel auf der Straße nach Eion, der schon etwas voraus
 war, suchte gleich in wilder Flucht das Weite. Da dieser schon das Feld geräumt
 hatte, warf Brasidas sich auf den rechten Flügel, wurde dabei aber selbst
 verwundet. Die Athener bemerkten nicht, daß er gestürzt war, die Seinigen aber
 hoben ihn auf und trugen ihn weg. Der rechte Flügel der Athener hielt besser
 stand. Kleon freilich, der ja von vornherein an kein Standhalten gedacht 
 hatte, nahm gleich Reißaus, wurde aber von einem myrkini­ schen Peltasten
 eingeholt und niedergemacht. Seine Hopliten aber zogen sich enggeschlossen auf
 die Anhöhe, schlugen Klea­ ridas' Angriffe zwei- bis dreimal ab und wichen nicht
 eher vom Platze, bis die myrkinische und chalkidische Reiterei und die
 Peltasten von allen Seiten auf sie eindrangen und sie mit ihren Speerwürfen zum
 Weichen brachten. So war nunmehr das ganze Heer der Athener in die Flucht
 geschlagen, und was davon nicht gleich auf dem Schlachtfelde geblieben oder
 von der chalkidischen Reiterei und den Peltasten niedergemacht war,
 gelangte auf vershciedenen Wegen durch die Berge mit Mühe und Not wieder nach
 Eion. Die Gefährten des Bra­ sidas, die ihn vom Schlachtfelde aufgehoben, hatten
 ihn noch lebend in die Stadt gebracht. Auch hörte er noch, daß die 
 Seinigen gesiegt, gab aber bald nahcher den Geist auf. DaS übrige
 Heer unter Klearidas nahm nach der Rückkehr von der Verfolgung den gefallenen
 Feinden die Rüstungen ab nnd er­ richtete ein Siegeszeichen.

Darnach wurde Brasidas von sämtlichen Bundesgenossen mit kriegerischen Ehren
 auf öffentliche Kosten in der Stadt, dem jetzigen Marktplatze gegenüber,
 bestattet. Später wurde sein Grabmal dort eingefriedigt. In Amphipolis bringt
 man ihm jetzt als Heros Totenopfer und hat ihm zu Ehren Kampf- spiele und
 jährliche Totenopser eingeführt. Von nun an be­ trachtete man ihn als Gründer
 der Kolonie, riß Hagnons Bauten nieder und beseitigte alles, was an ihn als
 Gründer der Stadt erinnern konnte, teils weil man Brasidas wirklich als
 den Retter der Stadt ansah, teils weit man unter den damaligen Verhältnissen aus
 Furcht vor den Athenern auf daS Bündnis mit den Lakedämoniern den höchsten Wert
 legte, während man sich bei der Feindschaft mit Athen von einer weiteren
 Verehrung Hagnons nicht die gleichen Vorteile ver­ sprach und wohl überhaupt
 nichts mehr davon wissen wollte. Den Athenern gab man ihre Toten heraus. Athener
 waren gegen sechshundert gefallen, auf seiten ihrer Gegner nur sieben, 
 weil man nicht in Reihe und Glied, sondern unter so günstigen Umständen gegen
 einen im Grunde schon geschlagenen Feind gefochten hatte. Nach Bestattung der
 Toten fuhren die Athener nach Hause, Klearidas aber und seine Truppen richteten
 sich in Amphipolis ein.

Um dieselbe Zeit gegen Ende des Sommers führten die Lakedämonier Rhamphias,
 Antocharidas und EpikydidaS neun­ hundert Hopliten als Nachschub nach dem
 thrakischen Küsten­ lande. Sie kamen bis Herakleia, wo sie die dort von ihnen
 vorgefundenen Mißstände abstellten. Während ihres dortigen Aufenthalts
 wurde die Schlacht geschlagen, und damit ging der Sommer zu Ende.

Gleich im Beginn deS WinterS hatte RhamphiaS mit seinen Leuten seinen Marsch
 bis an daS Gebirge Pierien in Thessalien fortgesetzt. Da die Thessaler sie nicht
 durchlassen 
 wollten, auch Brasidas, zu dem sie ja stoßen sollten, inzwischen 
 gestorben war, kehrten sie wieder nach Hause zurück. Auch hatte die Sache ihrer
 Meinung nach jetzt keinen Zweck mehr, da die Athener nach ihrer Niederlage
 abgezogen waren, sie aber zu weiteren Unternehmungen, wie sie Brasidas im 
 Sinne gehabt, nicht fähig gewesen wären. Hauptsächlich aber kehrten sie um, weil
 sie wußten, daß die Lakedämonier schon damals, als sie auszogen, gern Frieden
 geschlossen hätten.

Gleich nach der Schlacht bei Amphipolis und dem Rück­ züge des Rhamphias aus
 Thessalien zeigte sich denn auch, daß beide Teile des Krieges müde waren und
 sich nach Frieden sehnten. Die Athener, die bei Delion und bald darauf zum 
 zweiten Male bei Amphipolis geschlagen waren, trauten ihrer Macht nicht mehr so
 wie früher, wo sie sich auf keinen Ver­ trag einlassen wollten und bei den
 damaligen Erfolgen als Sieger aus dem Kriege hervorzugehen glaubten. Zudem
 fürchteten sie, infolge jener Niederlagen könnten ihnen ihre Bundes­ 
 genossen aufsässig werden und immer mehr von ihnen abfallen. Sie bereuten
 deshalb, daß sie nach den Kämpfen bei Pylos keinen Frieden geschlossen, wo sich
 ihnen dazu die günstigste Gelegenheit geboten hatte. Für die Lakedämonier
 wiederum hatte der Krieg, in dem sie die Macht der Athener durch Ver­ 
 heerung ihres Landes in wenig Jahren vernichten zu können meinten, einen
 unerwarteten Verlauf genommen; sie hatten auf der Insel eine Niederlage
 erlitten, wie sie Sparta noch nie erlebt, ihr Land wurde von Pylos und Kythera
 aus durch Streifzüge verheert, die Heloten liefen ihnen weg, und sie 
 mußten immer darauf gefaßt sein, daß die im Lande Gebliebenen sich durch die
 Ausgetretenen verführen lassen würden, sich wie früher auch jetzt wieder zu
 empören. Dazu kam, daß ihr dreißigjähriger Friede mit Argos zu Ende ging, und
 daß die Argeier sich zu dessen Verlängerung nur verstehen wollten, wenn
 man ihnen die Landschaft Kynosuria abträte. Gleich­ zeitig gegen Argos und Athen
 Krieg zu führen, hielten sie aber nicht für möglich. Auch hatten sie mehrere
 peloponnesische 
 Städte in Verdacht, sie würden zu den Argeiern übergehen, wie es
 dann ja auch wirklich kam.

Aus solchen Erwägungen wünschten beide, daß es zum Frieden käme, besonders die
 Lakedämonier, denen sehr daran lag, ihre Gefangenen von der Insel
 zurückzuerhalten; denn unter diesen befanden sich die ersten Spartiaten und
 Angehörige der besten Familien. Schon gleich nach der Gefangennahme hatten
 sie den Athenern Friedensanträge gemacht, diese aber, die damals in ihrem Glück
 noch zu hoch hinaus wollten, waren darauf nicht eingegangen. Nach ihrer
 Niederlage bei Delion aber hatten die Lakedämonier gleich gemerkt, daß sie jetzt
 schon eher smit sich reden lassen würden, und den einjährigen Waffen­ 
 stillstand geschlossen, in welchem Bevollmächtigte beider Teile zusammentreten
 und über dessen Verlängerung verhandeln sollten.

Seitdem waren die Athener nun auch noch bei Amphi­ polis geschlagen und Kleon
 und Brasidas gefallen, die Männer, welche auf beiden Seiten die Hauptgegner des
 Friedens ge­ wesen waren, dieser, weil der Krieg ihm, dem glücklichen 
 Feldherrn, Ruhm und Ehre brachte, jener, weil er fürchtete, in ruhigen Zeiten
 möchten seine schlechten Streiche eher anS Licht kommen und seine Lügen und
 Verdächtigungen nichts mehr verschlagen. Um so eifriger traten jetzt zwei Männer
 für den Frieden ein, welche beide in ihrer Heimat nach der Führerschaft
 tsrebten, Pleistoanax, der Sohn des Pausanias, König der Lakedämonier, und
 Nikias, Nikeratos' Sohn, ein damals besonders glücklicher Feldherr. Nikias, der
 bis dahin immer Glück gehabt hatte und in diesem Rufe stand, wollte sein
 Glück nicht aufs Spiel setzen und wünschte, nicht nur selbst keine schwere
 Zeiten mehr zu erleben, sondern auch seine Mitbürger davor zu bewahren und der
 Nachwelt den Namen eines Mannes zu hinterlassen, unter dem seiner Vaterstadt
 niemals ein Unglück zugestoßen sei. Zu dem Ende, glaubte er, müsse man
 sich vor Gefahren hüten und sich auf keine gewagten Unternehmungen einlassen,
 der beste Schutz vor Gefahren aber sei der Friede. Pleistoanax dagegen wurde 
 seiner Zurückberufung wegen von seinen Gegnern angefeindet, die, so
 oft den Lakedämoniern ein Unglück zustieß, ihnen be­ ständig damit in den Ohren
 lagen, das komme davon, daß man ihn rechtswidrig zurückberufen habe. Sie gaben
 ihm nämlich schuld, mit seinem Bruder Aristokles die Priesterin in Delphi
 angestiftet zu haben, den Lakedämoniern, wenn sie das Orakel beschickten, immer
 wieder den Bescheid zu erteilen, sie sollten den vom Halbgotte, dem Sohne des
 Zeus, Ent­ sprossenen aus der Fremde wieder in ihr Land versetzen, sonst 
 würden sie mit silberner Pflugschar pflügen, wodurch die Lake­ dämonier endlich
 bewogen seien, ihn vom Lykaion, wo er unter dem Verdacht, seinerzeit zum Abzüge
 auS Attika be­ stochen zu sein, als Verbannter lebte und aus Furcht vor 
 den Lakedämoniern ein zur Hälfte im Heiligtume deS ZeuS befindliches Haus
 bewohnte, nach neunzehn Jahren unter Tänzen und Opfern zurückzuführen, so wie
 man bei der Besitz­ nahme von Lakedämon die ersten Könige eingesetzt hatte.

Aus Ärger über diese Anfeindungen und weil er glaubte, im Frieden, wenn die
 Niederlagen ein Ende und die Lakedämonier ihre Gefangenen wieder hätten, würden
 auch seine Feinde ihn wohl in Ruhe lassen, im Kriege aber alle Niederlagen
 natürlich immer der Regierung in die Schuhe geschoben werden, wünschte er
 dringend, daß es zum Frieden käme. Auch trat man noch in diesem Winter zu
 Verhand­ lungen zusammen, und um dabei auf die Athener einen Druck zu
 üben, rasselten die Lakedämonier schon gegen das Frühjahr wieder mit dem Säbel
 und gaben Befehle über Festungs­ bauten an die Bundesstädte aus. Nach längeren
 Verhand­ lungen, in denen von beiden Seiten eine Menge Forderungen geltend
 gemacht worden waren, kam man schließlich überein, daß beide Teile die im Kriege
 gemachten Eroberungen zurück- geben, die Athener jedoch im Besitz von Nisaia
 bleiben sollten, und daraufhin Frieden zu schließen. Als es sich nämlich 
 dabei auch um die Herausgabe von Platää handelte, behaup­ teten die Thebaner,
 sie hätten den Ort nicht durch Gewalt oder Verrat gewonnen, sondern er sei ihnen
 freiwillig v«nt 
 den Einwohnern übergeben, und ans demselben Grunde be­ anspruchten
 die Athener, Nisaia zu behalten. Hierauf riefen die Lakedämonier ihre
 Bundesgenossen zusammen, und da sie alle bis auf die Böotier, Korinth, Elis und
 Megara, die mit den Vereinbarungen nicht einverstanden waren, für den 
 Frieden stimmten, nahmen sie ihn an und beshcworen ihn feierlich gegenüber den
 Athenern und diese gegenüber den Lakedämoniern, und zwar folgendergestalt:

„Die Athener und die Lakedämonier und ihre Bundes­ genossen haben Frieden
 geschlossen unter folgenden Bedingungen und ihn Stadt für Stadt beschworen. 
 Anlangend die gemeinsamen Heiligtümer, so soll jedem frei­ stehen, sie wie von
 alters her zu besuchen, dort zu opfern und die Orakel zu befragen und zu dem
 Zwecke Gesandte hin­ zuschicken, auch niemandem dabei ein Hindernis in den Weg
 gelegt werden, weder zu Lande noch zur See. 
 Das Heiligtum und der Tempel des Apollon in Delphi und ganz Delphi soll
 unabhängig sein mit dem Rechte der Selbst­ besteuerung und eigener
 Gerichtsbarkeit über Land und Leute wie von alters her. 
 Der Friede soll zwischen den Athenern und den Bundes­ genossen der Athener
 einerseits und den Lakedämoniern und den Bundesgenossen der Lakedämonier
 anderseits fünfzig Jahre ohne Gefährde unverbrüchlich gehalten werden zu Lande
 wie zur See. 
 Wegen vermeintlicher Ansprüche gegen den anderen Teil Waffengewalt anzuwenden
 oder sich List oder ähnlicher Mittel zu bedienen, soll weder den Lakedämoniern
 und deren Bundes­ genossen gegen die Athener und deren Bundesgenossen, noch
 den Athenern und deren Bundesgenossen gegen die Lake­ dämonier und deren
 Bundesgenossen gestattet sein, etwaige Streitigkeiten unter ihnen sollen
 vielmehr im Wege Rechtens ausgetragen werden. Die Lakedämonier und ihre Bundes­
 genossen sollen Amphipolis den Athenern herausgeben, die Bewohner aller
 von den Lakedämoniern an die Athener heraus­ gegebenen Städte aber berechtigt
 sein, mit Hab und Gut ab­ 
 zuziehen, wohin sie wollen. Die nach dem Ansatz des AristeideS 
 tseuernden Städte sollen unabhängig sein, die Athener aber und ihre
 Bundesgenossen ihnen nach Abschluß deS Friedens keine Truppen in feindlicher
 Absicht ins Land schicken, wenn sie die Steuer zahlen. Es sind dies Argilos,
 StageiroS, Akanthos, Skolos, OlynthoS und Spartolos. Sie brauchen sich
 keinem der beiden Bündnisse anzuschließen, weder dem Lakedämonischen noch dem
 Athenischen; wenn sie sich aber freiwillig dazu bereitfinden lassen, so dürfen
 die Athener sie als Bundesgenossen annehmen. In Mekyberne, Sane und Singos
 soll es bei der bestehenden Verfassung bleiben, ebenso wie in Olynthos und
 Akanthos. Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen sollen Panakton den Athenern,
 die Athener aber den Lakedämoniern Koryphasion, Kothera, Methone, Pteleon
 und Atalanta abtreten, auch alle Lakedämonier heraus­ geben, die sich in Athen
 oder sonstwo innerhalb ihres Macht­ bereichs in Kriegsgefangenschaft befinden.
 Auch sollen sie den in Skione belagerten Peloponnesiern und allen in Skione
 befindlichen, von Brasidas dahin geschickten Bundesgenossen der 
 Lakedämonier freien Abzug gewähren und alle Bundesgenossen der Lakedämonier
 freilassen, die sich in Athen oder sonstwo innerhalb des Machtbereichs der
 Athener in Kriegsgefangen­ schaft befinden. Ebenso sollen auch die Lakedämonier
 und ihre Bundesgenossen alle Athener und deren Bundesgenossen freilassen,
 die sich bei ihnen in Gefangenschaft befinden. Mit Skione, Torone, Sermyle und
 den etwa sonst noch von ihnen er­ oberten Städten mögen die Athener nach
 Gutdünken verfahren. Die Athener und ihre Bundesgenossen sollen den Frieden
 den Lakedämoniern gegenüber Stadt für Stadt beschwören und die aus jeder
 Stadt Schwörenden den ortsüblich höchsten Eid leisten. Der Eid aber soll also
 lauten: Ich will den Vertrag und den Frieden gewissenhaft halten ohne Gefährde.
 In gleicher Weise sollen die Lakedämonier und ihre Bundes­ genossen den
 Athenern gegenüber schwören. Beide Teile haben den Eid alljährlich von neuem zu
 leisten. 
 Säulen sollen aufgestellt werden zu Olympia, Pntho, auf dem 
 Isthmus, in Athen auf der Burg und im Amyklaion in Lake­ dämon. 
 Sollte einer von beiden Teilen hierbei etwas vergessen haben, so soll es beiden
 nach dem Eide unbenommen sein, das offen und ehrlich zur Sprache zu bringen, um,
 falls beide, Athener und Lakedämonier, damit einverstanden sind, in dieser
 Beziehung eine Änderung des Vertrags herbeizu­ führen."

Beim Friedensschluß hatte den Vorsitz der Ephor Pleistolas am
 vierundzwanzigsten Artemisios, in Athen der Archon Altaios am
 sechsundzwanzigsten Elaphebolion. Den Frieden beshcworen von seiten der
 Lakedämonier Pleistoanax, Agis, Pleistolas, Damagetos, Chionis, Metagenes,
 Akanthos, Dailthos, Jscha­ goras, Philocharidas, Zeuxidas, Antippos, Tellis,
 Alkidanas, Empedias, Menas und Laphilos, von seiten der Athener Lampon,
 Jsthmionikos, Nikias, Laches, Euthydemos, Prokles, Pythodoros, Hagnon, Myrtilos,
 Thrafykles, Theagenes, Aristo­ krates,Jolkios,Timokrates, Leon, Lamachos und
 Demosthenes.

Dieser Friede wurde geschlossen zu Ende des Winters gegen Frühlingsanfang
 gleich nach den städtischen Dionysien, grade zehn Jahre und ein paar Tage nach
 dem ersten Einfall in Attika und dem Ausbruch des Krieges. Nur muß man 
 dabei auch die Jahreszeiten berücksichtigen und sich nicht bloß an die Namen der
 Archonten oder sonstigen Würdenträger halten, wonach in den einzelnen Orten bei
 geschichtlichen Er­ eignissen gerechnet wird. Denn das ist nicht genau genug,
 weil es auf den Zeitpunkt ankommt, an dem das Ereignis während ihres
 Amtsjahrs eingetreten ist, ob zu Anfang, in der Mitte, oder wann sonst. Zählt
 man aber nach Sommern und Wintern, wie ich es hier getan habe, so ergibt sich,
 da die beiden Hälften zusammen das Jahr ausmachen, daß in diesem ersten
 Abschnitt des Krieges zehn Sommer und eben­ so viel Winter verflossen waren.

Die Lakedämonier, welche, wie durchs Los entschieden war, zuerst herausgeben
 mußten, setzten ihre Kriegsgefangenen sofort in Freiheit, schickten auch
 Jschagoras, Menas und 
 Philocharidas als Bevollmächtigte nach der thrakischen Küste und 
 befahlen Klearidas, Amphipolis den Athenern herauszugeben, den übrigen Orten
 aber, sich den in Beziehung auf sie in dem Vertrage getroffenen Bestimmungen zu
 unterwerfen. Die wollten das aber nicht, weil sie ihnen nicht nach Sinne waren.
 Auch Klearidas gab Amphipolis nicht heraus, den Chalkidiern zu Gefallen,
 und erklärte, gegen deren Widerspruch sei ihm daS nicht möglich. Indes machte er
 sich doch unverzüglich mit den Bevollmächtigten von dort nach Lakedämon auf, um
 sich zu rechtfertigen, falls diese ihn wegen seines Ungehorsams verklagen
 würden, zugleich aber auch, um zu erfahren, ob der Vertrag nicht noch geändert
 werden könnte. Als er aber hörte, daß der Friede bereits endgültig geschlossen
 sei und die Lakedämonier ihn mit dem Befehl entließen, die Stadt heraus­ 
 zugeben oder, wenn daS nicht ginge, wenigstens mit allen Peloponnesiern von dort
 abzuziehen, reiste er unverzüglich wieder ab.

Die Bundesgenossen waren damals grade in Lakedämon selbst zugegen, und die
 Lakedämonier suchten nun auch die Städte, welche den Frieden nicht angenommen
 hatten, zum Beitritt zu bewegen. Die aber lehnten das aus demselben Grunde
 ab, aus dem sie sich dessen gleich anfangs geweigert hatten, und erklärten, sie
 würden sich dazu nur verstehen wenn man ihnen günstigere Bedingungen gewähre. Da
 sie nicht wollten, ließen die Lakedämonier sie ziehen und schlossen nun
 selbst ein Bündnis mit den Athenern. Sie glaubten nämlich, daß die Argeier, die
 schon damals Ampelidas und Lichas gegenüber, in der Meinung, ohne die Athener
 könnten sie ihnen nicht gefährlich werden, die Verlängerung des Friedens 
 abgelehnt hatten, sich jetzt schwerlich ruhig zugeben, sondern samt den übrigen
 peloponnesischen Staaten bei erster Gelegen­ heit mit den Athenern verbinden
 würden. Sie benutzten also die Anwesenheit athenischer Gesandten, um mit ihnen
 Ver­ handlungen über den Abschluß eines Bündnisses anzuknüpfen, das dann
 auch folgendermaßen zustande kam und beshcworen wurde.

„Mit den Lakedämoniern wird ein Bündnis auf fünfzig Jahre geschlossen, und zwar
 dahin: 
 Falls den Lakedämoniern jemand ins Land fällt und Feind­ seligkeiten gegen sie
 verübt, sollen die Athener ihnen, soweit es in ihren Kräften steht, nach
 Möglichkeit zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder
 abgezogen, so soll er von den Lakedämoniern und den Athenern als Feind 
 behandelt und sein Land von beiden verheert, auch von beiden Staaten nur
 gemeinschaftlich Frieden geschlossen werden. Alles ehrlich, willig, ohne
 Gefährde. 
 Falls den Athenern ein Feind ins Land fällt und Feindselig­ keiten gegen sie
 verübt, sollen die Lakedämonier ihnen, soweit es in ihren Kräften steht, nach
 Möglichkeit zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder
 abgezogen, so soll er von den Lakedämoniern und den Athenern als Feind 
 behandelt und sein Land verheert, auch von beiden Staaten nur gemeinschaftlich
 Frieden geschlossen werden. Alles ehrlich, willig, ohne Gefährde. 
 Im Fall eines Sklavenaufstandes sollen die Athener den Lake­ dämoniern mit
 aller Macht nach Möglichkeit zu Hilfe kommen. Dieser Vertrag soll beiderseits
 von denselben Personen be­ schworen werden, welche den ersten beshcworen haben.
 All­ jährlich soll der Eid von neuem geleistet werden, wozu sich die
 Lakedämonier zu den Dionysien in Athen, die Athener zu den Hyakinthien in
 Lakedämon einzusinden haben. Auch soll von beiden eine Säule aufgestellt werden,
 die eine in Lake­ dämon beim Tempel des Apollon im Amyklaion, die andere in
 Athen auf der Burg beim Tempel der Athene. Sollten die Lakedämonier oder
 die Athener wünschen, in betreff des Bünd­ nisses etwas hinzuzufügen oder zu
 streichen, so soll das beiden nach dem Eide unbenommen sein."

Den Eid leisteten von seiten der Lakedämonier Pleistoanax, Agis, Pleistolas,
 Damagetos, Chionis, Metagenes, Akanthos, Dattos, Ischagoras, Philocharidas,
 Zeuxidas, Antippos, Alki­ nadas, Tellis, Empedias, MenaS und Laphilos, von
 seiten der Athener Lampen, Isthinionikos, Lackes, Nikias, Euthy­ 
 
 demos, Prokles, Pythodoros, Hagnon, Myrtilos, ThrasykleS, 
 Theagenes, Aristokrates, Jolkios, Timokrates, Leon, Lamachos und
 Demotshenes. 
 Dieses Bündnis kam nicht lange nach dem Abschluß deS Friedens zustande. Die
 Athener gaben den Lakedämoniern die Gefangenen von der Insel heraus, und der
 Sommer des elften Jahres begann. Damit schließt die Beschreibung des ersten
 Krieges, welcher ohne Unterbrechung die zehn Jahre hindurch gedauert
 hatte.

Nachdem die Lakedämonier und die Athener den Frieden und das Bündnis
 geschlossen, wozu es nach dem zehnjährigen Kriege unter dem Ephorat des
 Pleistolas in Lakedämon und dem Archontat des Alkaios in Athen gekommen war,
 herrschte unter den Staaten, die ihn angenommen, allerdings Frieden. Die
 Korinther aber und einige Staaten im Peloponnes wollten sich bei den getroffenen
 Bestimmungen nicht beruhigen, und schon bald kam es auch noch anderweit zu
 Reibungen zwischen den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen. Überdies 
 wurden die Lakedämonier im Laufe der Zeit auch den Athenern verdächtig, da sie
 in verschiedener Beziehung den vertrags­ mäßigen Bestimmungen nicht nachkamen.
 Sechs Jahr und zehn Monat vermieden sie es zwar, sich im eigenen Lande an­ 
 zugreifen, auswärts aber suchten sie einander möglichst Ab­ bruch zu tun, so daß
 der Friede hier wenig mehr zu bedeuten hatte. Dann aber sahen sie sich doch
 genötigt, den nach den zehn Jahren geschlossenen Frieden förmlich zu brechen und
 den Krieg offen wieder aufzunehmen.

Und diesen hat Thukpdides aus Athen ebenfalls beschrieben, so wie es von Jahr
 zu Jahr nach Sommern und Wintern darin zugegangen ist, bis die Lakedämonier und
 ihre Bundesgenossen der Herrschaft der Athener ein Ende machten und sich der
 langen Mauern und des Peiraieus bemächtigten. Bis dahin dauerte der Krieg
 im ganzen siebenundzwanzig Jahre. Wollte man die in der Mitte liegenden
 Friedensjahre nicht als Kriegszeit ansehen, so wäre das nicht richtig. Es genügt
 ein Blick auf die Ereignisse, wie ich sie dargestellt, um sich zu überzeugen,
 daß man nicht 
 füglich von Frieden reden kann in einer Zeit, wo beide Teile weder
 alles Herausgaben noch wiederbekamen, wie es in dem Vertrage ausgemacht war, und
 sich außerdem im mautineishcen und epidaurischen Kriege und auch sonst noch über
 ihn hinweg­ setzten, die vorderthrakischen Bundesgenossen nach wie vor eine
 feindliche Haltung behaupteten und die Böotier es bei einem von zehn zu
 zehn Tagen verlängerten Waffenstillstände be­ wenden ließen. Rechnet man aber
 den ersten zehnjährigen Krieg, die darauf folgende kritische Friedenszeit und
 die späteren Kriegsjahre zusammen, so kommen bis auf wenige Tage so viel 
 Jahre heraus, und das ist denn in der Tat auch das einzige, was für Leute, die
 noch an Orakel glauben, wirklich ein­ getroffen ist. Denn ich erinnere mich noch
 recht gut, wie von Anfang bis zu Ende des Krieges vielfach prophezeit wurde,
 er würde dreimal neun Jahre dauern. Ich habe den ganzen Krieg miterlebt
 und während meiner besten Jahre die Er­ eignisse aufmerksam genug verfolgt, um
 genau Bescheid zu wissen. Dazu kam, daß ich nach der Zeit meines Oberbefehls
 bei Amphipolis zwanzig Jahr außer Landes leben mußte und Gelegenheit
 hatte, mir die Dinge hüben und drüben anzusehen, infolge meiner Verbannung grade
 auch auf peloponnestscher Seite, und mir um so eher ein unbefangenes Urteil
 darüber zu bilden. Damit wende ich mich nun zu den Streitigkeiten nach den
 zehn Jahren, dem Bruch des Friedens und den weiteren Ereignissen des
 Krieges.

Nachdem der fünfzigjährige Friede und darauf auch das Bündtiis geschlossen war,
 reisten die dazu nach Lakedämon entbotenen peloponnesischen Gesandten wieder ab,
 die übrigen nach Hause, die Korinther zunächst nach Argos. Hier stellten 
 sie einigen hohen Beamten vor, daß die Lakedämonier den Frieden und das Bündnis
 mit ihren alten Feinden, den Athenern, nicht ohne Hintergedanken geschlossen
 hätten, sondern zu dem Zweck, sich den Peloponnes zu unterwerfen, und es jetzt
 Sache der Argeier sei, sich des Peloponnes anzunehmen und einen Beschluß
 zu fassen, wonach allen unabhängigen, einander gegen­ seitig Rechtsgleichheit
 zugestehenden griechischen Staaten an­ 
 heimgestellt würde, ein Schutzbündnis mit Argos einzugehen. Sie
 dürften damit jedoch nur wenige Männer betrauen^und die Sache nicht vor das Volk
 bringen, um niemand bloßzu­ stellen, falls dieses nicht dafür zu haben sein
 sollte. Sie ver­ sicherten auch, daß bei dem Haß gegen die Lakedämonier viele
 einem solchen Bündnis beitreten würden. Nachdem sie ihnen das unter den
 Fuß gegeben, reisten auch die Korinther nach Hause.

Jene Herren in Argos brachten die ihnen gemachten Vor­ schläge an die Regierung
 und das Volk, und die Argeier stimmten ihnen zu, wählten auch zwölf Männer, mit
 denen . alle Griechen, die dazu bereit, das Bündnis schließen könnten, nur
 die Athener und die Lakedämonier ausgenommen, mit denen ohne Zustimmung des
 argeiischen Volks kein Bündnis geschlossen werden sollte. Die Argeier waren
 darauf um so lieber eingegangen, weil sie beim Ablauf des Friedens den 
 Krieg mit den Lakedämoniern kommen sahen und sich außer­ dem auf die Hegemonie
 im Peloponnes Hoffnung machten. Denn Lakedämon stand um die Zeit in der Tat in
 schlechtem Ruf und hatte infolge seiner Niederlagen sehr an Ansehen 
 eingebüßt; Argos dagegen war in Flor, da es an dem attischen Kriege nicht
 teilgenommen, sondern mit beiden Teilen in Frieden gelebt und dabei sein
 Schäfchen geshcoren hatte. So waren die Argeier in der Lage, alle Griechen, die
 dazu bereit, in ihren Bund aufzunehmen.

Die ersten, die sich ihnen anschlössen, waren die Mantineer und ihre
 Bundesgenossen, und zwar aus Furcht vor den Lake­ dämoniern. Die Mantineer
 hatten sich nämlich noch während des Krieges mit den Athenern ein Stück von
 Arkadien angeeignet und sagten sich, daß die Lakedämonier das jetzt, wo sie
 wieder freie Hand hatten, nicht länger dulden würden. Sie schlossen sich
 also nicht mehr wie gern an Argos an, in Anbetracht, daß dieses ein mächtiges,
 dazu wie sie demokratisches Gemein­ wesen war, das den Lakedämoniern immer das
 Widerspiel gehalten hatte. Nach dem Abfall der Mantineer aber hieß es im
 Peloponnes allgemein, man müsse es auch so machen, da 
 man glaubte, es würden ihnen für den Übertritt wohl noch besondere
 Vorteile in Aussicht gestellt sein. Zudem war man auf die Lakedämonier schlecht
 zu sprechen, namentlich auch deshalb, weil in dem Vertrage mit den Athenern
 bestimmt war, daß es beiden Staaten, Athen und Lakedämon, nach dem Eide 
 unbenommen sein solle, nach ihrem Belieben etwas hinzuzusetzen oder zu
 streichen. Grade diese Bestimmung erregte nämlich bei den Peloponnesiern
 besonderen Anstoß und den Verdacht, die Lakedämonier gingen darauf aus, sie mit
 Hilfe der Athener zu unterdrücken; denn von Rechts wegen hätte die Befugnis
 zu einer solchen Änderung nur der Gesamtheit der Bundes­ genossen
 eingeräumt werden dürfen. Aus Furcht davor waren die meisten gleich bereit, auch
 ihrerseits ein Bündnis mit den Argeiern zu schließen.

Als die Lakedämonier merkten, daß es im Peloponnes gärte und daß die Korinther
 dahinter steckten und sich selbst mit Argos verbinden wollten, schickten sie
 Gesandte nach Korinth, um dem beizeiten vorzubeugen. Sie warfen den Korinthern
 vor, sie seien an allem schuld und würden eidbrüchig werden, wenn sie sich
 von ihnen lossagten und ein Bündnis mit den Argeiern eingingen. Schon daß sie
 den Frieden mit den Athenern nicht angenommen, sei unrecht gewesen, da vorher
 ausgemacht worden sei, daß, sofern dem kein Hindernis von seiten der Götter
 oder Heroen entgegenstehe, Stimmenmehrheit der Bundes­ genossen
 entscheiden solle. Die Korinther, welche auch die übrigen Bundesgenossen, die
 den Frieden nicht angenommen, schon vorher zu sich bestellt hatten, gaben in
 deren Gegenwart den Lakedämoniern eine Antwort, worin sie zwar mit ihren 
 Beschwerden, daß man die Athener nicht zur Herausgabe von Sollion und Anaktorion
 genötigt und wodurch sie sich weiter verkürzt glaubten, nicht gradezu
 herauskamen, aber sich darauf beriefen, sie hätten die vorderthrakischen Städte
 nicht im Stich lassen dürfen, da sie mit diesen, zuerst mit Potidäa bei dessen
 Abfall, und nachher auch noch mit anderen, besondere Bündnisse beshcworen
 hätten. Sie seien also nicht eidbrüchig geworden, wenn sie dem Frieden mit den
 Athenern nicht beigetreten 
 wären, würden vielmehr ihre Eidespflicht verletzt haben, wenn sie
 jene im Stich gelassen, nachdem sie ihnen bei den Göttern Treue geshcworen.
 „Sofern dem kein Hindernis von seiten der Götter oder Heroen entgegenstehe",
 habe es geheißen, und dies sei ihrer Ansicht nach allerdings ein göttliches
 Hindernis gewesen. So äußerten sie sich in betreff des alten Bündnisses. 
 Über das Bündnis mit den Argeiern, sagten sie, würden sie sich mit ihren
 Freunden benehmen und dann tun, was recht wäre. Hierauf reisten die
 lakedämonischen Gesandten wieder nach Hause. Zufällig waren damals auch Gesandte
 der Argeier in Korinth, welche den Korinthern anlagen, sich nicht lange zu 
 bedenken und das Bündnis einzugehen. Die aber gaben ihnen anheim, sich zu der
 bei ihnen demnächst abzuhaltenden weiteren Zusammenkunft wieder einzufindet.

Gleich nachher trafen auch Gesandte aus Elis ein, welche zuerst ein Bündnis mit
 Korinth schlossen und sich darauf nach Argos begaben, um, wie im voraus
 ausgemacht war, auch dem Argeiischen Bunde beizutreten. Denn die Eleer lagen
 damals mit den Lakedämoniern in Streit wegen Lepreon. Seinerzeit war
 nämlich zwischen einigen arkadischen Orten und den Lepreern ein Krieg
 ausgebrochen, in dem die Eleer von den Lepreern zu Hilfe gerufen und mit ihnen
 gegen Abtretung der Hälfte ihres Landes ein Bündnis eingegangen waren. Nach
 Beendigung des Krieges wurde das Land von den Eleern den Lepreern zu 
 eigener Wirtschaft überlassen gegen die Verpflichtung, davon einen Zins von
 einem Talent an den Zeus in Olympia zu zahlen, den sie auch bis zum attischen
 Kriege entrichteten. Nach­ her machten sie sich den Ausbruch des Krieges
 zunutze, um die Zahlung einzustellen, und als die Eleer sie dazu zwangs­ 
 weise anhalten wollten, suchten sie Schutz bei den Lakedämoniern. Die Sache
 wurde dann auch zu schiedsrihcterlicher Entscheidung der Lakedämonier verstellt;
 die Eleer aber fürchteten, dabei zu kurz zu kommen, und verwüsteten das Land der
 Lepreer ohne die Entscheidung abzuwarten. Nichtsdetsoweniger entschieden 
 die Lakedämonier, die Eleer hätten unrecht und den Lepreern nichts zu befehlen,
 schickten auch, da sie den Schiedsspruch nicht' 
 abgewartet, eine Anzahl Hopliten als Besatzung nach Lepreon. Die
 Eleer aber waren der Ansicht, die Lakedämonier hätten eine von ihnen abgefallene
 Stadt in Schutz genommen, und beriefen sich auf den Vertrag, wonach jeder, was
 er zu Beginn des attischen Krieges gehabt, bei dessen Schluß behalten sollte.
 Sie gingen also, weil ihnen ihr Recht nicht geworden, zu den Argeiern über
 und schlossen auch ihrerseits, wie das ja schon vorher ausgemacht war, das
 Bündnis mit ihnen ab. Gleich nach ihnen traten auch die Korinther und die
 vorderthrakischen Chalkidier dem Argeiischen Bunde bei. Die Böotier und die
 Megarer führten zwar dieselbe Sprache, taten es aber nicht, da sie von den
 Lakedämoniern besonders rücksichtsvoll behandelt wurden und, oligarchisch
 verfaßt, wie sie waren, bei dem demokratischen Argos ihre Rechnung nicht in dem
 Maße zu finden glaubten wie bei der Politik der Lakedämonier.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer eroberten die Athener das von ihnen belagerte
 Skione; sie töteten die Männer, ver­ kauften Weiber und Kinder als Sklaven und
 wiesen das Land den Platäcrn als Wohnsitz an. Die Delier versetzten sie wieder
 auf ihre Insel zurück, weil sie sich ihre Niederlagen zu Herzen nahmen und
 ein Ausspruch des delphischen Gottes es ihnen geboten hatte. Zwischen den
 Phokiern und den Lokrern kam es zum Kriege. Die Korinther und die Argeier,
 welche nunmehr Bundesgenossen waren, wandten sich auch nach Tegea, um es 
 zum Abfall von den Lakedämoniern zu bestimmen. Sie hofften nämlich, wenn diese
 damals sehr ansehnliche Stadt sich ihnen auch anschlösse, den ganzen Peloponnes
 auf ihrer Seite zu haben. Als man ihnen aber in Tegea erklärte, man würde 
 sich dort auf keinerlei Feindseligkeiten mit den Lakedämoniern einlassen, gaben
 die bis dahin so geschäftigen Korinther ihre Treibereien auf und befürchteten,
 es würde nun niemand weiter zu ihnen übertreten. Indessen begaben sie sich doch
 noch zu den Böotiern und forderten sie auf, mit ihnen und den Ar­ g geiern
 ein Bündnis einzugehen und weiterhin gemeinshcaftliche Sache mit ihnen zu
 machen. Auch baten sie die Böotier, sie nach Athen zu begleiten. Am auch ihnen
 zu dem zehntägigen 
 Waffenstillstände zu verhelfen, wie er zwischen den Athenern und
 den Böotiern nicht lange nach dem Abschluß des fünfzig­ jährigen Friedens
 zustande gekommen war, und, falls die Athener sich darauf nicht einlassen
 wollten, den Waffenstillstand zu kündigen und ohne sie keinen neuen Vertrag mit
 ihnen zu schließen. Auf die Bitte der Korinther rieten ihnen die Böotier, 
 mit den Argeiischen Bündnis noch zu warten; indessen be­ gaben sie sich mit
 ihnen nach Athen. Hier konnten sie jedoch wegen des zehntägigen
 Waffenstillstandes nichts erreichen, viel­ mehr erwiderten die Athener, die
 Korinther hätten ja schon Frieden, wenn anders sie Bundesgenossen der
 Lakedämonier wären. Trotzdem kündigten die Böotier den zehntägigen Waffen­ 
 stillstand nicht, obgleich die Korinther es verlangten und ihnen vorhielten, sie
 hätten es mit ihnen verabredet. Aber auch ohne Vertrag herrschte zwischen den
 Athenern und den Korinthern tatsächlich Waffenruhe.

In demselben Sommer zogen die Lakedämonier unter ihrem König Plvistoanax,
 Pausanias' Sohn, mit dem ganzen Heere ins Land der den Mantineern untertänigen
 Parrhasier in Arkadien, wo man sie anläßlich eines Aufstandes herbeigerufeu
 hatte. Sie dachten bei der Gelegenheit womöglich auch die in Parrhasien an
 der Grenze der lakonischen Landschaft Skiritis gelegene Burg in Kypsela zu
 zerstören, welche die Mantineer erbaut hatten und selbst besetzt hielten. Die
 Lakedämonier verheerten die Felder der Parrhasier, die Mantineer über­ 
 ließen den Schutz ihrer Stadt einer argeiischen Besatzung, um selbst ihr
 Bundesgebiet zu verteidigen. Da sie jedoch nicht imstande waren, die Burg in
 Kypsela und die Städte in Par­ rhasien zu behaupten, zogen sie wieder ab. Die
 Lakedämonier aber erklärten die Parrhasier für unabhängig, zerstörten die 
 Burg und gingen darauf wieder nach Hause.

In demselben Sommer, als die mit Brasidas ausgezogenen, von Klearidas nach dem
 Frieden aus Thrakien zurückgeführten Mannschaften wieder angelangt waren,
 beschlossen die Lake­ dämonier, die Heloten, welche unter Brasidas gedient,
 freizu­ lassen nnd ihnen zu gestatten, sich ihren Wohnsitz nach Belieben 
 zu wählen. Bald nahcher aber, als sie mit den Eleern bereits 
 zerfallen waren, wiesen sie ihnen mit den schon früher frei­ gelassenen Heloten,
 den sogenannten Nevdameden, Lepreon an der Grenze von Elis und Lakonien als
 Wohnsitz an. Aus Furcht, die auf der Insel in Gefangenschaft geratenen
 Spartiaten, welche die Waffen gestreckt hatten, könnten sich in der Meinung,
 ihres Mißgeschicks wegen zurückgesetzt zu werden, zu staatsgefähr­ lichen
 Unternehmungen verleiten lassen, wenn man ihnen die Ehrenrechte ließe, erklärten
 sie diese, obwohl sie zum Teil schon in Amt und Würden waren, für ehrlos, was
 die Un­ fähigkeit zu öffentlichen Ämtern und den Verlust des Rechts, zu
 kaufen und zu verkaufen, zur Folge hatte. Indessen wurden ihnen einige Zeit
 nachher die Ehrenrechte wieder beigelegt.

In demselben Sommer eroberten die Dieer das mit Athen verbündete Thyssos an der
 Athosküste. Diesen ganzen Sommer verkehrten Athener und Peloponnesier zwar noch
 friedlich mit­ einander, aber schon gleich nach dem Frieden betrachteten sie
 sich gegenseitig wieder mit Mißtrauen infolge der verweigerten Herausgabe
 der Plätze. Denn die Lakedämonier, welche, wie das Los entshcieden, zuerst
 herausgeben mußten, hatten Amphi­ polis und noch andere Plätze nicht
 herausgegeben, auch ihre vorderthrakischen Bundesgenossen nicht genötigt, dem
 Frieden beizutreten, und ebensowenig die Böotier und die Korinther, 
 obgleich sie beständig verischerten, wenn sie es nicht von selbst täten, wollten
 sie sie mit den Athenern gemeinschaftlich dazu zwingen, und sich, wenn auch
 nicht schriftlich, damit einverstanden erklärt hatten, daß die Nichtbeitretenden
 nach Ablauf einer ge­ wissen Frist von beiden als Feinde behandelt werden
 sollten. Als die Athener sahen, daß es mit alledem kein Ernst wurde, 
 schöpften sie Verdacht, daß die Lakedämonier es nicht ehrlich meinten. Sie
 verweigerten deshalb auch ihrerseits die Heraus­ gabe von Pylos und bereuten
 schon, die Gefangenen ^on der Insel freigelassen zu haben. Auch die übrigen
 Plätze gaben sie nicht heraus, sondern wollten zunächst abwarten, ob die 
 Lakedämonier ihnen gegenüber den Vertrag erfüllen würden. Die Lakedämonier
 dagegen sagten, sie hätten ihr möglichstes 
 getan; sie hätten die gefangenen Athener herausgegeben, ihre 
 Truppen von der thrakischen Küste zurückgezogen und auch im übrigen, soweit sie
 dazu imstande gewesen, den Vertrag erfüllt. Die Herausgabe von Amphipolis aber
 hätten sie nicht durch­ setzen können. Sie würden versuchen, die Böotier und die
 Korinther zur Annahme des Friedens zu bestimmen sowie die Rückgabe von
 Panakton und die Freilassung der in Böotien kriegsgefangenen Athener zu
 erwirken. Sie bestanden jedoch darauf, daß man ihnen Pylos herausgäbe,
 wenigstens die Messenier und Heloten von dort abziehen ließe, wie sie auch 
 ihre Truppen aus Thrakien zurückgezogen hätten; allenfalls möchten die Athener
 dann eigene Truppen hineinlegen. Nach­ dem hierüber im Laufe dieses Sommers
 vielfach hin und her verhandelt worden war, verstanden sich die Athener dazu,
 die Messenier sowie die Heloten und sonstigen lakedämonischen Überläufer
 herauszuziehen, denen sie dann in Kranioi und Kephallenia Wohnsitze anwiesen. So
 blieb es diesen Sommer ruhig; und sie verkehrten friedlich miteinander.

Im folgenden Winter, als bereits andere Ephoren als die, unter denen der Friede
 geschlossen worden, darunter auch einzelne Gegner des Friedens, im Amte waren,
 hatten sich Gesandte der Bundesgenossen, aber auch Athener, Böotier und 
 Korinther in Lakedämon eingefunden. Indessen kam es unter ihnen auch nach
 längeren Verhandlungen zu keiner Einigung, und sie reisten wieder nach Hause.
 Kleobulos und Aenares aber, die Hauptgegner des Friedens unter den Ephoren, ver­
 handelten noch auf eigene Hand mit den Böotiern und den Korinthern und
 empfahlen ihnen, vor allen Dingen fest zu­ sammenzuhalten. Die Böotier aber
 sollten zunächst selbst dem Argeiischen Bunde beitreten und dann die Argeier zu
 bewegen suchen, zugleich mit den Böotiern ein Bündnis mit den Lake­ 
 dämoniern zu schließen. Auf diese Weise würden sich nämlich die Böotier am
 ersten der Notwendigkeit überhoben sehen, dem Attischen Bunde beizutreten. In
 Lakedämon lege man mehr Wert auf gute Beziehungen und ein Bündnis mit Argos als
 auf Frieden und Freundschaft mit Athen. Sie wüßten, daß 
 die Lakedämonier immer gewünscht, mit Anstand auf guten Fuß mit
 Argos zu kommen, weil sie glaubten, alsdann außer­ halb des Peloponnes leichter
 Krieg führen zu können. Die Böotier aber baten sie, Panakton den Lakedämoniern
 zu über­ lassen, damit sie es womöglich gegen Pylos austaushcen und dann
 um so unbedenklicher Krieg mit den Athenern anfangen könnten.

Mit diesen ihnen von Xenares und Kleobulos und ihren lakedämonischen Freunden
 mitgegebenen Aufträgen an ihre Regierungen reisten beide, Böotier und Korinther,
 wieder ab. Auf ihrer Rückreise aber machten sich zwei Herren der Re­ 
 gierung in Argos, die ihnen unterwegs aufgepaßt hatten, an sie heran und legten
 ihnen gesprächsweise nahe, ob nicht auch die Böotier, wie die Korinther, Eleer
 und Mantineer, ein Bündnis mit Argos schließen wollten; denn wenn es dazu 
 käme, würde es ihrer Meinung nach für sie ein leichtes sein, im Einvernehmen mit
 ihren Bundesgenossen mit den Lake­ dämoniern oder nötigenfalls auch mit jedem
 anderen nach Be­ lieben Krieg zu führen oder Frieden zu schließen. Dieser 
 Vorschlag kam den böotischen Gesandten eben recht; denn er entsprach ja grade
 dem Auftrage, den sie von ihren Freunden in Lakedämon erhalten hatten. Nachdem
 die Herren aus Argos sich überzeugt, daß ihr Vorschlag auf guten Boden gefallen
 war, verabschiedeten sie sich von ihnen mit dem Bemerken, sie würden
 Gesandte an die Böotier schicken. Nach der Rückkehr berichteten die Böotier den
 Böotarchen über die ihnen in Lake­ dämon und bei der Zusammenkunft mit den
 Argeiern gemachten Vorschläge. Die Böotarchen waren darüber sehr erfreut und
 gingen um so lieber darauf ein, weil es sich so traf, daß beide, sowohl
 ihre Freunde in Lakedämon wie die Argeier, die gleiche Politik mit ihnen zu
 befolgen wünschten. Bald nachher er­ schienen auch Gesandte aus Argos, um sie
 zum Abschluß des verabredeten Bündnisses aufzufordern. Die Böotarchen er­ 
 klärten sich dazu bereit und entließen sie mit dem Versprechen, zum Abschluß des
 Bündnisses Gesandte nach Argos zu schicken.

Inzwischen beschlossen die Böotarchen, die Korinther, die 
 Megarer und die Gesandten aus Thrakien, sich zunächst gegen­ seitig
 eidlich zu verpflichten, daß sie Vorkommendenfalls auf Verlangen einander
 beistehen und ohne Zustimmung aller mit niemand Krieg anfangen oder Bündnisse
 eingehen wollten, und so sollten dann auch die Böotier und Megarer, die hierin
 einen Strang zogen, das Bündnis mit Argos schließen. Be­ vor es jedoch zur
 Eidesleistung kam, machten die Böotarchen den vier hohen Ratshöfen der Böotier,
 denen in allem die letzte Entscheidung zusteht, hiervon Mitteilung und schlugen
 ihnen vor, mit allen Städten, die es in ihrem Interesse fänden, sich ihnen
 anzuschließen, ein solches Bündnis einzugehen. Die Ratsherren aber wollten davon
 nichts hören, aus Furcht, den Lakedämoniern durch ein Bündnis mit den von ihnen
 ab­ gefallenen Korinthern Anstoß zu geben. Die Böotarchen hatten ihnen
 nämlich von den Verhandlungen in Lakedämon, daß die Ephoren A'enares und
 Kleobulos und ihre dortigen Freunde ihnen geraten, erst mit Korinth und Argos
 und dann auch mit Lakedämon ein Bündnis einzugehen, nichts gesagt, in der 
 Annahme, sie würden auch ohne dies nichts anderes beschließen, als was sie ihnen
 auf Grund der vorläufigen Verabredungen ihrerseits vorschlügen. Als die Sache
 auf Hindernisse stieß, reisten die Korinther und die Gesandten aus Thrakien
 wieder ab, ohne etwas zuwege gebracht zu haben. Die Böotarchen aber,
 welche ursprünglich gehofft, wenn sie das erreicht, auch das Bündnis mit Argos
 durchsetzen zu können, kamen nun den Ratshöfen gar nicht mehr^mit den Argeiern,
 schickten auch die Gesandten nicht nach Argos, wie sie versprochen hatten.
 Die ganze Sache wurde überhaupt lau und lässig betrieben.

In diesem Winter wurde Mekyberna, wo sich eine athe­ nische Besatzung befand,
 von den Olynthern überfallen und erobert. Inzwischen waren die Verhandlungen
 zwischen den Lakedämoniern und den Athenern über die Herausgabe der 
 eroberten Plätze immer noch im Gange, und die Lakedämonier hofften, wenn die
 Böotier Panakton den Athenern heraus­ gäben, würden sie wohl Pylos dafür
 bekommen. Auch ließen 
 sie bald nachher die Böotier durch eine Gesandtschaft auf­ fordern,
 ihnen Panakton und die gefangenen Athener zu über­ lassen, um Pylos dafür
 eintaushcen zu können. Die Böotier aber wollten sich dazu nur verstehen, wenn
 sie mit ihnen, wie mit Athen, ein besonderes Bündnis eingingen. Nun wußten 
 die Lakedämonier recht gut, daß sie dazu den Athenern gegen­ über nicht
 berechtigt waren; denn nach dem Vertrage durfte keiner von beiden ohne den
 anderen mit einem Dritten ein Bündnis schließen oder Krieg anfangend Aber es lag
 ihnen zu sehr daran, Panakton zu haben, um Pylos dafür zu be­ kommen, und
 überdies war es der Kriegspartei so eifrig um die Böotier zu tun, daß sie zu
 Ende des Winters gegen Frühlingsanfang das Bündnis wirklich schlossen. Auch
 wurde sofort mit der Schleifung von Panakton begonnen. Damit endete das
 elfte Kriegsjahr.

Gleich im Beginn des nächsten Sommers, als in Argos bekannt wurde, daß Panakton
 geschleift und zwischen den Böotiern und den Lakedämoniern ein Sonderbündnis
 geschlossen sei, auch die aus Böotien erwarteten Gesandten nicht ershcienen
 waren, fürchteten die Argeier, daß sie allein bleiben und alle ihre
 Bundesgenossen zu den Lakedämoniern übergehen würden. Denn sie glaubten, die
 Böotier hätten sich von den Lakedämoniern überreden lassen, Panakton zu
 schleifen und dem athenischen Frieden beizutreten, so daß die Athener alles
 wüßten, und ihnen jetzt die Möglichkeit eines Bündnisses mit den Athenern 
 abgeschnitten sei, während sie bis dahin bei der Uneinigkeit beider gehofft
 hatten, falls das Bündnis mit den Lakedämoniern nicht vorhalten sollte, sich
 immer noch mit den Athenern ver­ bünden zu können. Jetzt, wo dazu keine Aussicht
 mehr war und sie fürchteten, daß sie es nicht nur mit Lakedämon und Tegea,
 sondern gleichzeitig auch mit den Böotiern und den Athenern zu tun haben würden,
 entschlossen sie sich, während sie vorher von einem Bündnis mit den
 Lakedämoniern nichts wissen wollten und von Hegemonie im Peloponnes geträumt
 hatten, spornstreichs zwei Männer, die für besondere Lake­ dämoniersreunde
 galten, Eustrophos und Aison, als Gesandte 
 nach Lakedämon zu schicken, indem sie es unter diesen Um­ ständen
 für das beste hielten, ein Bündnis mit den Lake­ dämoniern zu schließen, um für
 alle Fälle Frieden zu be­ halten.

Nach ihrer Ankunft dort verhandelten die Gesandten mit den Lakedämoniern über
 die Bedingungen, unter denen das Bündnis geschlossen werden sollte. Zuerst
 verlangten die Argeier, über die Landschaft Kynosuria mit den Städten Thyrea und
 . Anthene, jenes von jeher streitige, zurzeit im Besitz der Lake­ dämonier
 befindliche Grenzland, solle einer Stadt oder einem einzelnen Vertrauensmann die
 schiedsrihcterliche Entscheidung übertragen werden. Die Lakedämonier erklärten
 jedoch von vornherein, davon könne keine Rede sein; wollten sie aber einen
 Frieden wie früher schließen, so seien sie dazu bereit. Hieraus schlugen die
 argeiischen Gesandten vor, die Lakedämonier möchten sich für jetzt wenigstens
 dazu verstehen, einen Frieden auf fünfzig Jahre zu schließen, dabei aber beiden
 Teilen das Recht vorbehalten, wenn es in Lakedämon und Argos weder Krieg
 noch Krankheit gäbe, zu verlangen, daß der Streit über jene Landschaft durch
 einen Waffengang ausgetragen werde, wie schon früher einmal, als sich beide den
 Sieg zugeschrieben, bei dem es jedoch keinem gestattet sein solle, den anderen
 über die Grenze von Argos und Lakedämon hinaus zu verfolgen. Die
 Lakedämonier hielten das anfangs für Torheit; da ihnen aber zu sehr daran lag,
 mit Arges auf guten Fuß zu kommen, nahmen sie ihren Vorschlag dann doch an und
 faßten den Vertrag darüber schriftlich ab. Sie verlangten jedoch, bevor er
 in Kraft träte, sollten sie sich wieder nach Argos begeben, um ihn der
 Volksversammlung vorzulegen, und, wenn diese zugestimmt, sich zu den Hyakinthien
 zur Eidesleistung einfinden.

Darauf reisten die Gesandten wieder ab. Während die Argeier hierüber
 verhandelten, fanden die Gesandten der Lake­ dämonier, Andromedes, Phaidimos und
 AntimenidaS, welche Panakton und die Kriegsgefangenen von den Böotiern über­
 nehmen und den Athenern herausgeben sollten, daß die Böotier Panakton
 bereits selbst geschleift hatten, indem sie sich dafür 
 auf ein vorzeiten bei einem Streit zwischen ihnen und den Athenern
 getroffenes altes Abkommen beriefen, wonah cdas Land dort nicht bebaut werden,
 sondern beiden als gemeine Viehweide dienen sollte. Die in den Händen der
 Böotier be­ findlichen athenischen Kriegsgefangenen aber, die ihnen aus­ 
 geliefert wurden, brachten sie nach Athen und gaben sie den Athenern zurück,
 setzten sie auch davon in Kenntnis, daß Panakton geschleift sei, in der Meinung,
 das sei so gut, als ob sie ihnen auch dies zurückgegeben hätten, da sich dort
 jetzt kein Feind der Athener mehr einnisten könne. Die Athener waren hier­ 
 über empört; denn Panakton sollte ihnen im bisherigen Zu­ stande übergeben
 werden, und in der Schleifung sahen sie einen hämischen Streich der
 Lakedämonier, zumal sie erfuhren, daß diese auf eigene Hand ein Bündnis mit den
 Böotiern ge­ schlossen hatten, während sie sich doch dazu verpflichtet, die
 dem Frieden nicht beigetretenen Staaten gemeinschaftlich mit ihnen dazu zu
 zwingen. Unter dem Eindruck, daß die Lake­ dämonier auch noch in anderen
 Beziehungen dem Vertrage nicht nachgekommen, glaubten sie sich hintergangen und
 ent­ ließen deshalb die Gesandten mit einer ungnädigen Antwort.

Bei der dadurch zwischen den Lakedämoniern und den Athenern eingetretenen
 Verstimmung suchten nun auch in Athen die Gegner des Friedens es gleich vollends
 zum Bruch zu treiben. Zu ihnen gehörte insbesondere auch Alkibiades, 
 Kleinias' Sohn, damals in Vergleich mit anderen Städten noch ein junger Mann,
 der jedoch als Sohn einer altangesehenen Familie bereits die Augen auf sich zog.
 Allerdings hielt er einen engeren Anschluß an die Argeier auch an sich fü^
 vorteil­ haft, war aber schon aus Stolz und gekränktem Ehrgeiz ein Gegner
 des Friedens, weil die Lakedämonier darüber durch Nikias und Laches verhandelt,
 ihn aber seiner Jugend wegen beiseitegelassen hatten, ohne aus die ehemalige
 alte Staats­ gastfreundschaft Rücksicht zu nehmen, die sein Großvater freilich
 aufgegeben, er selbst aber durch die ihren Gefangenen von der Insel
 erwiesenen Gefälligkeiten erneuert zu haben meinte. Weil er sich in jeder
 Hinsicht zurückgesetzt fühlte, hatte er von An­ 
 fang an gegen den Frieden gesprochen und behauptet, auf die 
 Lakedämonier sei kein Verlaß, sie schlössen nur deshalb Frieden, weil sie sich
 mit den Argeiern verbinden und sie von den Athenern trennen wollten, um diese
 hinterher allein von neuem anzugreisen. Und so schickte er auch damals, als jene
 Ver­ stimmung eingetreten war, auf eigene Hand gleich eine Auf­ forderung
 an die Argeier, sich unverzüglich mit Mantineern und Eleern in Athen einzufinden
 und um ein Bündnis nach­ zusuchen, wozu es jetzt au der Zeit sei und er ihnen
 gern be­ hilflich sein würde.

Nachdem die Argeier diese Aufforderung erhalten und erfahren hatten, daß das
 Bündnis mit den Böotiern ohne die Athener geschlossen war, diese vielmehr mit
 den Lakedämoniern gründlich zerfallen seien, nahmen sie weiter keine Rücksicht
 darauf, daß ihre Gesandten damals in Lakedämon noch über ein Bündnis
 verhandelten, sondern zogen es vor, sich nach Athen zu wenden, in der Hoffnung,
 diese ihnen von alters her befreundete, wie sie demokratische und zur See
 mächtige Stadt, wenn es zum Kriege käme, auf ihrer Seite zu haben. Sie 
 schickten also gleich Gesandte nach Athen, um über ein Bündnis zu verhandeln,
 und ebenso die Eleer und die Mantineer. So­ fort aber schickten auch die
 Lakedämonier Gesandte nach Athen, Philocharidas, Leon und Eudios, drei ihrer
 Meinung nach dort gern gesehene Männer, aus Furcht, die Athener könnten in
 ihrem Ärger ein Bündnis mit den Argeiern eingehen, zu­ gleich aber auch, um auf
 die Herausgabe von Pylos für Panakton zu dringen und sich wegen des Bündnisses
 mit den Böotiern zu rechtfertigen, das ja keineswegs gegen Athen ge­ 
 richtet sei.

Als sie dies im Rate vortrugen und dabei erklärten, daß sie unbeschränkte
 Vollmacht hätten, alle Streitigkeiten beizulegen, fürchtete Alkibiades, wenn sie
 das auch dem Volke sagten, möchte es ihnen zufallen und aus dem Bündnis mit
 Argos nichts werden. Er nahm deshalb ihnen gegenüber Zuflucht zu einer
 List und versicherte ihnen mit dem ehrlichsten Gesichte, wenn sie vor dem Volke
 nichts von ihrer unbeschränkten Voll­ 
 macht sagten, so würde er ihnen Pylos verschaffen und auch im
 übrigen alles ins reine bringen; denn wie jetzt gegen sie, werde er die Athener
 auch für sie einzunehmen wissen. Er tat das, um sie Nikias nicht in die Hände
 fallen zu lassen und um sie beim Volke als unzuverlässige Kunden, die bald so,
 bald anders sprächen, in Mißkredit zu bringen und das Bündnis mit Argos,
 Elis und Mantinea durchzusetzen. Und das gelang ihm auch. Denn als sie in der
 Volksversammlung auftraten und auf Befragen nicht, wie vor dem Rate, erklärten,
 daß sie mit unbeschränkter Vollmacht kämen, wollten die Athener nichts 
 mehr von ihnen wissen, sondern hörten nur noch auf Alkibiades, der nun erst
 recht auf die Lakedämonier loszog. Am liebsten hätten sie die Argeier und ihre
 Freunde gleich vorgelassen und ein Bündnis mit ihnen geschlossen. Da jedoch, ehe
 es dazu kam, ein Erdbeben eintrat, wurde die Versammlung für diesmal 
 vertagt.

Obgleich Nikias durch die den Lakedämoniern gegenüber geglückte Finte, von dem
 Mangel der Vollmacht dürfe keine Rede sein, selbst auch getäuscht worden war,
 sprach er sich in der Versammlung am folgenden Tage trotzdem dafür aus, an 
 der Freundschaft mit den Lakedämoniern festzuhalten und auf die Wünsche der
 Argeier vorläufig lieber nicht einzugehen. Man möge vielmehr zunächst Gesandte
 an sie schicken, um sich darüber zu vergewissern, worauf sie hinaus wollten^
 Dabei hob er hervor, daß es im Interesse der Athener, nicht aber der
 Argeier läge, es noch nicht zum Kriege kommen zu lassen; denn für Athen in
 seiner glücklichen Lage sei es erwünscht, den jetzigen Zustand so lange wie
 möglich aufrechtzuerhalten, den armen Argeiern aber werde ein baldiger Ausbruch
 des Krieges wie gefunden kommen. Er bewog auch die Athener, Gesandte an
 die Lakedämonier zu schicken, zu denen er selbst auch gehörte, um sie
 aufzufordern, Panakton gehörig heraus­ zugeben und Amphipolis abzutreten, und
 wenn die Böotier dem Frieden nicht beiträten, das Bündnis mit ihnen wieder 
 aufzulösen, da doch ausgemacht sei, daß keiner ohne den andern Bündnisse
 schließen dürfe. Zugleich sollten sie ihnen zu ver­ 
 
 stehen geben, daß auch sie, wären sie nicht so ehrlich gewesen, 
 längst ein Bündnis mit den Argeiern hätten schließen können, die sich ja selbst
 zu dem Zweck bei ihnen eingefunden. Dies alles und worüber man sich sonst noch
 beschweren zu können glaubte, zur Sprache zu bringen, wurde Nikias denn auch
 mit den übrigen Gesandten nach Lakedämon geschickt. Dort angekommen,
 entledigten sie sich ihres Auftrags und erklärten schließlich, wenn die
 Lakedämonier das Bündnis mit den Böotiern nicht aufgäben, falls diese dem
 Frieden nicht beiträten, so würde auch Athen ein Bündnis mit den Argeiern und
 deren Bundesgenossen schließen. Die Lakedämonier erwiderten jedoch, wie
 der Ephor Lenares mit seinen Anhängern und sonstigen Gesinnungsgenossen das
 durchgesetzt hätte, sie würden das Bündnis mit den Böotiern nicht aufgeben.
 Indessen verstanden sie sich doch auf Nikias' Wunsch dazu, den Vertrag von neuem
 zu beshcwören. Nikias fürchtete nämlich, daß er bei den Athenern 
 drunterdurch sein würde, wenn er mit leeren Händen zurück­ kehrte, und so kam es
 auch in der Tat, da man ihn als den Urheber des Friedens mit den Lakedämoniern
 ansah. Als die Athener nach seiner Rückkehr hörten, daß man in Lakedämon 
 nichts erreicht habe, waren sie empört und schlossen im Gefühl der ihnen
 widerfahrenen Kränkung auf der Stelle mit den noch anwesenden, von Alkibiades
 eingeführten Argeiern und ihren Verbündeten Frieden und Bündnis, und zwar
 dahin:

„Frieden aus hundert Jahr haben die Athener und die Argeier, Eleer und
 Mantineer für sich und die ihnen beider­ seits untergebenen Bundesgenossen
 geschlossen, unverbrüchlich nnd ohne Gefährde, sowohl zu Lande wie zur See.
 Wegen vermeintlicher Ansprüche Waffengewalt anzuwenden oder sich List und
 ähnlicher Mittel zu bedienen, soll weder den Argeiern, Eleern und Mantineern und
 deren Bundesgenossen gegen die Athener und die ihnen untergebenen
 Bundesgenossen, noch den Athenern und ihren Bundesgenossen gegen die Argeier,
 Eleer und Mantineer und deren Bundesgenossen gestattet sein. Die Athener
 und die Argeier, Eleer und Mantineer schließen ein Bündnis auf hundert Jahr
 unter folgenden Bedingungen. 
 Wenn den Athenern ein Feind ins Land fällt, sollen die Argeier,
 Eleer und Mantineer den Athenern auf Verlangen, soweit es in ihrer Macht steht,
 nach Kräften zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder
 abgezogen, so soll er von den Argeiern, Mantineern, Eleern und Athenern 
 als Feind behandelt und sein Land von allen diesen Staaten verheert werden.
 Keinem dieser Staaten soll erlaubt sein, mit dem feindlichen Staate ohne
 Zustimmung aller übrigen Frieden zu schließen. Wenn den Eleern, Mantineern oder
 Argeiern ein Feind ins Land fällt, sollen die Athener den Argeiern,
 Mantineern und Eleern auf Verlangen, soweit es in ihrer Macht steht, nach
 Kräften zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder abgezogen, so
 soll er von den Athenern, den Argeiern, Mantineern und Eleern als Feind
 behandelt und sein Land von allen diesen Staaten ver­ heert werden. Keinem
 dieser Staaten soll erlaubt sein, mit dem feindlichen Staate ohne Zustimmung
 aller übrigen Frieden zu schließen. Fremdem Kriegsvolk soll keiner von ihnen
 Durch­ zug durch sein Gebiet oder das der ihm untergebenen Bundes­ 
 genossen gestatten, auch nicht auf dem Seewege, wenn nicht sämtliche Staaten,
 Athen, Argos, Mantinea und Elis, damit einverstanden sind. Der Staat, welcher
 einem anderen Hilfs­ truppen schickt, hat sie bis zu dreißig Tagen von da an, wo
 sie das Gebiet des Hilfe begehrenden Staates betreten, zu verpflegen, und
 ebenso soll es gehalten werden, wenn sie wieder abziehen. Wünscht der die Hilfe
 begehrende Staat die Truppen länger zu behalten, so hat er die Kosten der
 Verpflegung zu übernehmen und für den Hopliten, den Leichten und den 
 Bogenschützen drei äginetische Obolen, für den Reiter eine äginetische Drachme
 täglich zu zahlen. Solange der Krieg im Lande des die Hilfe begehrenden Staates
 geführt wird, steht ihm der Oberbefehl zu. Wenn aber die Staaten einen 
 gemeinschaftlichen Feldzug anderswohin zu unternehmen be­ schließen, so sollen
 sie alle gleichmäßig am Oberbefehl be­ teiligt sein. 
 Die Athener sollen den Frieden für sich und ihre Bundes­ 
 genossen, die Argeier, Mantineer, Eleer und ihre Bundes­ genossen
 aber Stadt für Stadt beschwören. Jeder soll den bei ihm landesüblichen höchsten
 Eid leisten beim Opfer ausge­ wachsener Tiere. Der Eid aber soll also lauten:
 Ich will den Bund, so wie er geschlossen ist, halten, ehrlich, unverbrüchlich,
 ohne Gefährde, und ihn durch keinerlei Ausflüchte oder Winkel­ züge zu
 umgehen suchen. In Athen soll der Eid von dem Rate und den Beamten für das
 Innere (Archai endemoi) ge­ leistet, von den Prytanen abgenommen werden. In
 Argos soll er von dem Rate, den Achtzig und den Artynen geleistet und von
 den Artynen abgenommen, in Mantinea von den Deminrgen, dem Rate und den übrigen
 Beamten geleistet, von den Theoren und den Polemarchen abgenommen, in Elis von
 den Demiurgen, den höchsten Beamten und den Sechshundert geleistet, von
 den Demiurgen und den Thesmophylaken abge­ nommen werden. Die Athener sollen den
 Eid in Elis, Man­ tinea und Argos erneuern und sich dazu dreißig Tage vor den
 olympischen Spielen dorthin begeben, die Argeier, Eleer und Mantineer aber
 in Athen und sich dazu zehn Tage vor den großen Panathenäen dort einfinden. Der
 Vertrag über Frieden, Eid und Bündnis ist inschriftlich auf einer steinernen
 Säule anzubringen von den Athenern auf der^Burg, von den Argeiern auf dem
 Markte am Tempel des Apollon, von den Mantineern auf dem Markte am Tempel des
 Zeus. In Olympia aber soll das nächstemal bei den olympischen Spielen eine
 eherne Säule gemeinschaftlich von ihnen aufgestellt werden. Würden diese 
 Staaten es für angemessen halten, dem Vertrage etwas hinzu­ zufügen, so soll das
 darüber nach gemeinsamer Beratung von ihnen übereinstimmend Beschlossene fortan
 maßgebend sein."

Dergestalt wurde der Friede und das Bündnis geschlossen. Die zwischen den
 Lakedämoniern und den Athenern bestehenden Verträge aber wurden darum doch von
 keiner Seite gekündigt. Die Korinther aber traten, obwohl sie mit den Argeiern
 ver­ bündet waren, dem Bunde nicht bei, wie sie auch schon dem vorher von
 den Eleern, Argeiern und Mantineern geschlossenen Schutz- und Trutzbündnis nicht
 beigetreten waren, sondern 
 erklärt hatten, daß ihnen das bisherige Schutzbündnis genüge. So
 trennten sich die Korinther von den Verbündeten und wandten sich den
 Lakedämoniern wieder zu.

In diesem Sommer fanden die olympischen Spiele statt, bei denen der Arkadier
 Androsthenes im Ring- und Faust­ kampf den ersten Preis gewann. Die Lakedämonier
 wurden von den Eleern zum Feste nicht zugelassen, so daß sie weder an den
 Opfern noch an den Wettkämpfe.n teilnehmen dursten, weil sie die Strafe nicht
 bezahlt, zu der die Eleer sie nach olympischem Recht verurteilt hatten, indem
 sie behaupteten, sie hätten während des olympischen Friedens das feste Phyrkos
 angegriffen und ihre Hopliten nach Lepreon geschickt. Die Strafe betrug
 zweitausend Minen, zwei Minen für jeden Hopliten, wie es das Gesetz bestimmte.
 Die Lakedämonier er­ hoben durch ihre Abgesandten dagegen Widerspruch, weil sie
 mit Unrecht verurteilt seien; denn der Friede sei in Lakedämon noch gar
 nicht angesagt gewesen, als sie die Hopliten ab­ geschickt. Die Eleer aber
 erklärten, bei ihnen sei damals schon Friede gewesen, - sie lassen ihn nämlich
 in Elis selbst zuerst ansagen, - und während sie sich auf den Frieden verlassen,
 hätten sie ihnen hinterrücks diesen Streich gespielt. Die Lake­ dämonier
 erwiderten, wären die Eleer schon damals von ihrer Schuld überzeugt gewesen, so
 hätten sie nicht nötig gehabt, den Frieden nachher noch in Lakedämon ansagen zu
 lassen, und doch hätten sie das getan, weil sie die Sache damals anders
 angesehen; seitdem aber hätten die Lakedämonier keinerlei Feindseligkeiten mehr
 gegen sie verübt. Die Eleer blieben jedoch dabei, sie könnten sich von ihrer
 Unschuld nicht über­ zeugen; wenn sie ihnen aber Lepreon herausgeben wollten, so
 würden sie nicht nur auf ihren Anteil an dem Gelde ver­ zichten, sondern
 auch das, was dem Gotte davon gebühre, selbst für sie bezahlen.

Als die Lakedämonier das ablehnten, schlugen sie weiter vor, wenn sie das nicht
 wollten, möchten sie Lepreon immerhin behalten, dann aber, falls sie doch am
 Feste teilzunehmen wünschten, sich in Gegenwart der Griechen am Altar des 
 olympischen Zeus eidlich verpflichten, die Strafe später zu ent­ 
 richten. Da die Lakedämonier auch das nicht wollten, blieben sie im Feste von
 den Opfern und den Wettkämpfen ausge­ schlossen und opferten zu Hause. Die
 übrigen Griechen aber mit Ausnahme der Lepreer fanden sich zum Feste ein. Die
 Eleer fürchteten jedoch, die Lakedämonier könnten die Teil­ nahme an den
 Opfern mit Gewalt erzwingen, und ließen des­ halb den Festplatz durch ihre
 bewaffnete junge Mannschaft bewachen. Auch erhielten sie aus Argos und Mantinea
 je tausend Mann zur Unterstützung und aus Athen Reiter, welche das Fest
 über in Argos blieben. Die versammelten Fest­ genossen aber waren in großer
 Furcht vor einem bewaffneten Überfall der Lakedämonier, namentlich seitdem der
 Lakedämonier Lichas, Arkesilaos' Sohn, auf dem Festplatze auf Befehl der 
 Festordner ausgepeitscht war. Dessen Gespann hatte nämlich gesiegt; da er aber
 unerlaubterweise am Wettkampfe teil­ genommen hatte, wurde der Preis einem
 böotischen Staats­ gespanne zuerkannt. Da war er denn selbst in die Schranken
 getreten und hatte seinen Wagenlenker bekränzt, um zu zeigen, daß das sein
 Wagen wäre. Infolgedessen fürchteten sich alle erst recht und glaubten, eS würde
 was geben. Die Lakedämonier aber kamen nicht, und so verlief das Fest ungestört.
 Nach dem Feste begaben sich die Argeier und ihre Bundesgenossen nach
 Korinth, um die Korinther zum Anschluß an ihr Bündnis aufzufordern. Zufällig
 waren dort grade auch Gesandte aus Lakedämon anwesend. Trotz längerer
 Verhandlungen aber kam es dort zu nichts, und als ein Erdbeben eingetreten war,
 reisten alle wieder nach Hause. Damit endete der Sommer.

Im folgenden Winter kam es zu einer Schlacht zwischen den Herakleern in Trachis
 und den Ainianern, Dolopern, Meliern und einigen anderen thessatischen
 Völkerschaften. Diese Stämme dort in der Nachbarschaft lebten nämlich mit
 Heraklea auf dem Kriegsfuße; denn die Stadt war ja eben als ein Trutzwerk
 ihnen gegenüber angelegt, und deshalb hatten sie ihr von Anfang an
 Schwierigkeiten gemacht und nach Kräften Abbruch getan. Auch in dieser Schlacht
 besiegten sie die 
 Herakleer, und deren Anführer, der Lakedämonier XenareS, Knidiö'
 Sohn, und eine Anzahl Herakleer blieben auf dem Platze. Damit endete der Winter
 und das zwölfte Jahr des Krieges.

Gleich im Beginne des nächsten Sommers wurde Herakles, das nach der Schlacht
 übel genug gefahren war, von den Böotiern besetzt und der Lakedämonier
 Hagesippidas mit Rück­ sicht auf die unter seiner Verwaltung eingerissenen
 Mißbräuche durch sie von dort entfernt. Der Grund, weshalb sie die Stadt
 besetzten, war die Besorgnis, daß die Athener, während die Lakedämonier durch
 die peloponnesischen Händel in An­ spruch genommen waren, sich ihrer bemächtigen
 würden. Die Lakedämonier freilich nahmen ihnen das sehr übel. 
 In demselben Sommer kam Alkibiades, Kleinias' Sohn, im Einvernehmen mit den
 Argeiern und ihren Bundesgenossen als athenischer Feldherr mit einer Handvoll
 athenischer Ho­ pliten und Bogenschützen nach dem Peloponnes. Nachdem er 
 Verstärkungen von seiten der dortigen Bundesgenossen er­ halten, durchzog er mit
 seinem Heere den Peloponnes und suchte die Sache des Bundes überall zu fördern.
 So veran­ laßte er die Paträer, eine Mauer bis an die See zu führen, und
 ging selbst damit um, auf dem Vorgebirge Rhion in Achaia ein zweites Schloß zu
 erbauen, woran er jedoch durch die Korinther und die Sikyoner und andere, denen
 ein solcher Bau unbequem war, mit bewaffneter Hand verhindert wurde.

In demselben Sommer kam es zum Kriege zwischen den Epidauriern und den
 Argeiern. Vorwand war, daß die Epi­ daurier dem pythischen Apollon das Opfer
 wegen der Ufer­ ländereien, wozu sie verpflichtet waren, nicht gebracht hatten.
 Der Tempel dort aber stand unter besonderem Schutz der Argeier. Doch ganz
 abgesehen davon wünschten Alkibiades und die Argeier, Epidauros womöglich in
 ihre Gewalt zu bringen, einmal um die Neutralität von Korinth zu sichern, 
 dann aber auch, damit die Athener auf kürzerem Wege von Agina herüberkommen
 könnten und nicht erst um das Vor­ gebirge Skyllaion zu fahren brauchten.
 Indessen wußten die 
 Argeier die Sache so zu wenden, als ob sie ihrerseits nur 
 nach^Epidauros einrückten, um die Vollziehung des Opfers zu erzwingen.

Um dieselbe Zeit zogen die Lakedämonier unter König Agis, Archidamos' Sohn, mit
 Heeresmacht gegen das an ihrer Grenze nach dem Lykaion zu belegene Leuktra.
 Niemand wußte, wohin der Zug ging, nicht mal die Städte, welche die 
 Mannschaft gestellt hatten. Als aber das von ihnen beim Überschreiten der Grenze
 gebrachte Opfer schlecht ausfiel, gingen sie wieder nach Hause und ließen bei
 den Bundes­ genossen ansagen, sie sollten sich nach dem nächsten Monat, 
 dem dorischen Festmonat Karneios, auf den Feldzug einrichten. Nach ihrem Abzüge
 sielen die Argeier noch im Monat KarnaioS, am vierten Tage des letzten Drittels,
 obgleich sie den Tag sonst immer feiern, ins Epidaurische ein und verheerten das
 Land. Die Epidaurier aber riefen ihre Bundesgenossen zu Hilfe, von denen
 sich jedoch einige mit dem Festmonat ent­ schuldigten, andere zwar bis an die
 Grenze von Epidaurien rückten, aber dort stehen blieben.

Während die Argeier in Epidauros waren, kamen Ge­ sandte der Staaten auf
 Einladung der Athener in Mantinea zusammen. Im Laufe der Verhandlungen bemerkte
 Euphamidas aus Korinth, die Reden und die Taten stimmten nicht überein; 
 denn während man hier in der Sitzung über Frieden rede, ständen die Epidaurier
 mit ihren Verbündeten und die Argeier sich in Waffen gegenüber. Zunächst also
 sollten sich mal Be­ vollmächtigte beider Parteien an Ort und Stelle begeben und
 die Einstellung der Feindseligkeiten veranlassen; alsdann möge man weiter
 über den Frieden reden. Die Versammlung war damit einverstanden, und es gelang
 auch den von ihr ent­ sandten Bevollmähctigten, die Argeier zum Abzüge aus dem
 Epidaurischen zu bewegen. Darauf traten die Gesandten von neuem zusammen,
 konnten sich jedoch auch jetzt nicht einigen, und die Argeier fielen den
 Epidauriern nun abermals sengend und brennend ins Land. Auch die Lakedämonier
 unternahmen einen Zug gegen Karyai; als jedoch auch hier das beim Über­ 
 schreiten der Grenze gebrachte Opfer ungünstig ausfiel, kehrten sie
 wieder um. Nachdem die Argeier etwa ein Drittel des Epidaurischen verheert
 hatten, gingen sie ebenfalls wieder nach Hause. Aus die Nachricht vom Ausmarsch
 der Lakedämonier waren tausend athenische Hopliten unter Alkibiades ihnen zu
 Hilfe gekommen; da man sie aber nicht mehr nötig hatte, zogen sie wieder
 ab. So ging der Sommer vorüber.

Im folgenden Winter schickten die Lakedämonier, ohne daß die Athener darum
 wußten, dreihundert Mann unter Agesippidas zu Wasser als Besatzung nach
 Epidauros. Die Argeier aber beshcwerten sich in Athen darüber, daß man die 
 Lakedämonier auf dem Seewege durchgelassen habe, obwohl in dem Vertrage
 ausdrücklich bestimmt sei, daß keiner fremdem Kriegsvolk den Durchzug durch sein
 Gebiet gestatten solle. Wenn sie nun nicht auch die Messenier und die Heloten
 bei Pylos auf die Lakedämonier losließen, so würde man in Argos darin eine
 Vertragsverletzung erblicken müssen. Die Athener brachten dann auch auf
 Alkibiades' Rat auf der lakonischen Säule den Zusatz an, daß die Lakedämonier
 den Eid gebrochen hätten, ließen auch die Heloten aus Kranioi nach Pylos 
 kommen, um von dort aus Streifzüge zu unternehmen, machten aber sonst nichts
 weiter aus der Sache. Im Kriege zwischen den Argeiern und den Epidauriern kam es
 in diesem Winter zu keiner ordentlichen Schlacht, sondern nur hin und wieder
 zu einem Überfall aus dem Hinterhalt oder einem kleinen Scharmützel, wobei
 je nachdem der eine oder der andere Teil ein paar Tote auf dem Platze ließ.
 Gegen Ende des Winters kurz vor Frühlingsanfang rückten die Argeier mit Leitern
 vor Epidauros, das sie infolge des Krieges von Truppen entblößt glaubten,
 um die Stadt mit Sturm zu nehmen, mußten aber unverrichteter Sache wieder
 abziehen. Damit endete der Winter und das dreizehnte Jahr des Krieges.

Als die Lakedämonier sahen, daß ihre Freunde in Epi­ dauros große Not litten
 und die übrigen Orte im Peloponnes entweder schon von ihnen abgefallen waren
 oder doch eine bedenkliche Haltung annahmen, glaubten sie, wenn es nicht so 
 weitergehen sollte, fordersamst etwas dagegen tun zu müssen, und
 unternahmen deshalb um die Mitte des folgenden Sommers mit ihrer ganzen
 Mannschaft und den Heloten unter ihrem König Agis, Archidamos' Sohn, einen
 Feldzug gegen Argos. Dabei schlossen sich die Tegeer und die übrigen mit ihnen
 verbündeten Arkadier ihnen an. Die anderen Bundesgenossen aus dem
 Peloponnes und von jenseits des Isthmus aber sammelten sich bei Phlius, aus
 Böotien fünftausend Hopliten und ebensoviel Leichte nebst fünfhundert Reitern
 und einer gleichen Anzahl Kruppensitzer (Hamippoi), aus Korinth zwei­ 
 tausend Hopliten, dazu die Kontingente der übrigen BundeS­ staaten und die
 gesamte Mannschaft aus Phlius, da das Heer sich dort im Lande sammelte.

Die Argeier, die schon länger und vollends, als die Lake­ dämonier, um sich mit
 den anderen zu vereinigen, nach Phlius zogen, von deren kriegerischen Absichten
 überzeugt waren, er­ schienen nun auch ihrerseits im Felde, und die Mantineer
 mit ihren Verbündeten, sowie dreitausend Hopliten aus Elis schlossen sich
 ihnen an. Im Vormarsch trafen sie die Lake­ dämonier bei Methydrion in Arkadien,
 wo beide Heere eine Anhöhe besetzten. Aber während die Argeier Anstalt machten,
 den Lakedämoniern noch vor deren Vereinigung mit ihren Bundesgenossen eine
 Schlacht zu liefern, brach König Agis bei Nacht in aller Stille mit dem Heere
 auf, um sich mit ihnen bei Phlius zu vereinigen. Als die Argeier das merkten,
 zogen auch sie bei Tagesanbruch ab, zuerst nach Argos, dann aber auf die
 Straße nach Nemea, auf der die Lakedämonier mit ihren Verbündeten ihrer Meinung
 nach Herabkommen würden. Agis aber wählte wider Erwarten diesen Weg nicht,
 sondern zog mit den Lakedämoniern, Arkadiern und Epidauriern, denen er
 dazu Befehl erteilte, auf einem anderen beschwerlichen Wege in die Ebene von
 Argos hinunter, während die Korinther, Pellener und Phliasier den graden Weg
 dahin einschlugen. Die Böotier, Megarer und Sikyoner aber waren angewiesen, die
 Straße nach Nemea hinabzuziehen, auf der die Argeier sich befanden, und
 ihnen, falls sie sich von dort gegen die Lake­ 
 dämonier in der Ebene wenden würden, mit der Reiterei auf den
 Fersen zu bleiben. So gegliedert rückte er in die Ebene ein und verheerte
 Salinthos und andere Orte.

Auf die Nachricht davon setzten sich die Argeier in der Frühe von Nemea in
 Marsch und stießen auf das Heer der Phliasier und der Korinther. Sie töteten
 auch den Phliastern ein paar Leute, verloren aber selbst den Korinthern
 gegenüber noch einige mehr. Die Böotier, Megarer und Sikyoner schlugen,
 wie ihnen befohlen war, die Straße nach Nemea ein, trafen hier aber die Argeier
 nicht mehr an, da diese, als sie sahen, wie ihr Land verheert wurde, in die
 Ebene hinabgezogen waren, um dem Feinde eine Schlacht anzubieten. Ihnen 
 gegenüber stellten sich nun auch die Lakedämonier in Schlacht­ ordnung. Hier
 aber waren die Argeier in die Falle gegangen. Denn von der Ebene her schnitten
 die Lakedämonier und ihre Verbündeten sie von der Hauptstadt ab, vom Gebirge
 verlegten ihnen Korinther, Phliasier und Pellener, von Nemea her Böotier,
 Sikyoner und Megarer den Weg. Reiterei hatten sie nicht; denn grade die Athener
 waren die einzigen Bundes­ genossen, die noch nicht eingetroffen waren. Im
 allgemeinen wurde die Lage von den Argeiern und ihren Bundesgenossen in
 dem Augenblick nicht für so bedenklich angesehen; im Gegen­ teil, sie glaubten,
 die Schlacht unter günstigen Bedingungen liefern zu können und hier im eigenen
 Lande in der Nähe der Hauptstadt die Lakedämonier grade selbst in der Falle zu
 haben. Unmittelbar bevor beide Heere aneinander gerieten, begaben sich
 jedoch zwei Argeier, Thrasyllos, einer der fünf Feld­ herren, und Alkiphron, der
 Staatsgastfreund der Lakedämonier, zu Agis, um ihm vorzustellen, es nicht zur
 Schlacht kommen zu lassen, da man in Argos bereit sei, durch einen beiden 
 Teilen annehmbaren Ausgleich etwaigen Beschwerden der Lake­ dämonier gerecht zu
 werden, und hinfort wieder in Frieden mit ihnen zu leben wünsche.

Die beiden Argeier handelten dabei freilich nicht im Auf­ trage der Gesamtheit,
 sondern lediglich auf eigene Hand. Agis aber ging darauf seinerseits ein, ohne
 sich mit den übrigen 
 zu benehmen, machte nur einem einzigen der im Heere an­ wesenden
 Beamten davon Mitteilung und schloß mit ihnen einen Waffenstillstand auf vier
 Monate, innerhalb welcher sie ihre Zusage erfüllen sollten. Gleich darauf zog er
 mit dem Heere ab, ohne einem der Bundesgenossen ein Wort zu sagen. Die
 Lakedämonier und ihre Bundesgenossen fügten sich zwar pflichtschuldig seinem
 Befehl, schalten aber unters sich um so mehr auf ihn: Hier wäre doch die
 schönste Gelegenheit ge­ wesen, dem durch Reiterei und Fußvolk von allen Seiten
 um­ stellten Feinde eine Schlacht zu liefern, und nun so abzuziehen und
 nichts erreicht zu haben, was ein solches Aufgebot von Kräften verlohnt hätte!
 Und wirklich war in Griechenland noch nie ein schöneres Heer beisammen gewesen.
 Man konnte das recht sehen, als es bei Nemea noch vollständig vereinigt 
 war. Da waren die Lakedämonier mit ihrem ganzen Heer­ bann, die Arkadier,
 Böotier, Korinther, Sikyoner, Pellener, Phliasier und Megarer, alles auserlesene
 Truppen, die es offenbar nicht nur mit den Argeiern und ihren Verbündeten, 
 sondern noch mit einem weit zahlreicheren Feinde hätten auf­ nehmen können. So
 trat denn das Heer unter Verwünshcungen gegen Agis den Rückzug an, löste sich
 auf, und alles ging nach Hause. Noch übler aber waren die Argeier auf ihre 
 beiden Landsleute zu sprechen, die auf eigene Hand den Waffenstillstand
 geschlossen hatten; denn auch sie glaubten, die Lakedämonier seien ihnen bei der
 schönsten Gelegenheit durch die Lappen gegangen, wo man sie hier vor den Toren
 der Hauptstadt mit so viel tapferen Bundesgenossen vereint vor der Klinge
 gehabt. Auf dem Rückwege am Charadrosbache, wo sie nach einem Feldzuge noch
 außerhalb der Stadt Kriegs­ recht zu halten pflegen, wollten sie Thrasyllos
 sogar steinigen; er flüchtete sich jedoch an den Altar und kam mit dem Leben
 davon; sein Vermögen aber wurde eingezogen.

Darnach kamen auch die Athener an mit tausend Ho­ pliten und dreihundert
 Reitern unter Laches und Nikostratos. Die Argeier, die bei alledem Bedenken
 trugen, den mit. den Lakedämoniern geschlossenen Waffenstillstand zu brechen,
 for­ 
 derten sie jedoch auf, wieder abzuziehen, und auch ihrem Wunsche,
 sie darüber vor dem Volke zu Worte kommen zu lassen, entsprachen sie erst, als
 sie durch die Vorstellungen der noch anwesenden Mantineer und Eleer dazu
 genötigt wurden. Hier aber erklärten die Athener den Argeiern und ihren 
 Bundesgenossen, wobei Alkibiades als Gesandter zugegen war, ein gültiger
 Waffenstillstand hätte nur unter Zustimmung der Bundesgenossen geschlossen
 werden können, und jetzt, wo sie eben zur rechten Zeit eingetroffen, müßte der
 Krieg unbedingt fortgesetzt werden. Die Bundesgenossen waren damit ganz 
 einverstanden und machten sich ohne die Argeier auch alle sogleich gegen das
 arkadische Orchomenos auf. Die Argeier waren im Grunde derselben Meinung, gingen
 zwar anfangs nicht mit, kamen aber später auch noch nach. Orchomenos wurde
 nun mit vereinten Kräften eingeschlossen, belagert und wiederholt bekannt, da
 man auf die Einnahme deS Orts schon an sich, namentlich aber auch deshalb Wert
 legte, weil die Lakedämonier die arkadischen Geiseln dort untergebracht 
 hatten. Da kein Entsatz kam, fürchteten die Einwohner, bei der Schwäche ihrer
 Mauern sich gegen ein so zahlreiches Heer nicht halten zu können, und übergaben
 ihre Stadt, indem sie sich verpflichteten, dem Bunde beizutreten, den Mantineern
 Geiseln zu stellen und die von den Lakedämoniern bei ihnen untergebrachten
 auszuliefern.

Nach der Einnahme von Orchomenos überlegten die Ver­ bündeten, wohin man sich
 nunmehr zunächst wenden sollte, die Eleer verlangten nach Lepreon, die Mantineer
 nach Tegea. Die Argeier und die Athener schlossen sich der Ansicht der 
 Mantineer an, worauf die Eleer aus Verdruß, daß sie nicht für Lepreon gestimmt,
 nach Hause gingen. Die übrigen Ver­ bündeten aber rüsteten sich in Mantinea zum
 Zuge gegen Tegea, und auch in Tegea selbst gab es Leute, die ihnen die 
 Stadt in die Hände spielen wollten.

Schon als die Lakedämonier nach Abschluß des vier­ monatlichen
 Waffenstillstandes aus Argos abgezogen waren, machten sie Agis schwere Vorwürfe,
 daß er ihnen Argos nicht 
 unterworfen habe, wozu sich doch eine so günstige Gelegenheit wie
 nie zuvor geboten hätte; denn so viel treffliche Bundes­ genossen würden so
 leicht nicht wieder beieinander zu haben sein. Als dazu nun gar die Nachricht
 von der Einnahme von Orchomenos kam, lief ihnen vollends die Gatte über, und
 sie beschlossen in ihrem Zorn, ganz gegen ihre sonstige Ge­ pflogenheit,
 sein Haus ohne weiteres niederzureißen und ihn in eine Strafe von tausend
 Drachmen zu nehmen. Er bat sie jedoch, das nicht zu tun; denn er werde die
 Sünden dieses Feldzuges das nächste Mal durch schneidiges Benehmen wieder 
 gutmachen, widrigenfalls möge man alsdann nach Gutdünken mit ihm verfahren. Sie
 nahmen denn auch von der Zer­ störung seines Hauses Abstand, trafen aber in
 diesem Fall eine Maßregel, wie sie früher bei ihnen niemals vorgekommen 
 war; sie stellten ihm nämlich zehn Spartiaten als Beirat zur Seite, ohne deren
 Genehmigung er nicht befugt sein sollte, ein Heer ins Feld zu führen.

Inzwischen erhielten sie von ihren Anhängern in Tegea die Nachricht, wenn sie
 nicht unverzüglich erschienen, würde Tegea zu den Argeiern und deren
 Bundesgenossen übergehen, wozu es jeden Augenblick kommen könne. Nun rückten sie
 mit ihrem ganzen Heere, Lakedämonier und Heloten, mit einer Schnelligkeit
 ins Feld wie nie zuvor. Sie schlugen den Weg nach Orestheion im Mainalischen ein
 und wiesen vorher ihre arkadischen Bundesgenossen an, sich zu sammeln und ihnen
 auf dem Fuße nach Tegea zu folgen. Bis Orestheion zogen sie mit ihrem
 ganzen Heere, von dort aber schickten sie den sechsten Teil der Lakedämonier,
 dem die ältesten und die jüngsten Jahrgänge angehörten, zum Schutz der Heimat
 wieder nach Hause. Mit dem Reste trafen sie bei Tegea ein, und bald
 nahcher kamen auch ihre arkadischen Bundesgenossen dort an. Auch nach Korinth
 und an die Böotier, Phokier und Lokrer sandten sie Befehl, unverzüglich Truppen
 nach Mantinea zu schicken. Die aber konnten dem so plötzlich nicht 
 nachkommen; sie mußten aufeinander warten und konnten so einzeln nicht ohne
 weiteres durch das dazwischenliegende 
 feindliche Gebiet ziehen; indessen beeilten sie sich damit nach 
 Möglichkeit. Die Lakedämonier aber rückten mit den bereits eingetroffenen
 arkadischen Bundesgenossen ins Mantine'ische ein, lagerten sich beim
 Heraklestempel und verwüsteten das Land.

Als die Argeier und ihre Verbündeten ihrer ansichtig wurden, besetzten sie
 einen abschüssigen, schwer zugänglichen Höhenzug und stellten sich dort in
 Schlachtordnung. Die Lakedämonier gingen auch sogleich gegen sie vor und kamen
 auf Speer- und Steinwurfsweite an sie heran. Angesichts des Angriffes auf
 die festungsartige Stellung rief ein alter Kriegsmann Agis zu, er denke wohl
 Übel durch Übel zu heilen, um damit anzudeuten, er wolle durch dies tolle Drauf­
 gehen den schimpflichen Rückzug aus Argos wieder gut­ machen. Agis aber,
 sei es, daß er infolge dieses Zurufs, sei es, daß er aus anderen Gründen
 plötzlich anderes SinneS wurde, zog hierauf miteins, bevor es zum Schlagen kam,
 mit dem Heere wieder ab. Als er ans Tege'ische gekommen war, ließ er das
 Wasser, über das Mantineer und Tegeer sich beständig in den Haaren liegen, weil
 es da, wohin es ab­ fließt, oft Schaden anrichtet, ins Mantine'ische ableiten.
 Er glaubte nämlich, wenn die Argeier und ihre Verbündeten von der
 Ableitung des Wassers hörten, so würden sie dagegen einschreiten, und wollte sie
 auf diese Weise veranlassen, von ihrer Höhe herunterzukommen, und ihnen dann in
 der Ebene eine Schlacht liefern. Den Tag blieb er dort und ließ daS Wasser
 ableiten. Die Argeier und ihre Verbündeten waren anfangs über den unter ihren
 Augen so plötzlich erfolgten Abzug der Feinde sehr erstaunt und wußten nicht,
 was sie daraus machen sollten. Als diese dann aber immer weiter zogen und
 ihnen aus dem Gesichte kamen, sie selbst aber, statt ihnen zu folgen, ruhig
 stehen blieben, schalten sie wieder auf ihre Feldherren und glaubten sich von
 ihnen verraten; schon einmal, als man die Lakedämonier in der Falle gehabt,
 hätte man Fe entwischen lassen, und jetzt, wo sie wegliefen, denke man an
 keine Verfolgung, sondern ließe sie wieder in aller 
 Ruhe ihrer Wege gehen. Die Feldherren wußten im ersten Augenblick
 nicht, was sie machen sollten, zogen dann aber mit dem Heere von der Höhe in die
 Ebene hinein, wo sie sich lagerten und den Feind angreifen wollten.

Am folgenden Tage stellten die Argeier und ihre Ver­ bündeten sich in
 Schlachtordnung in der Absicht, den Kampf aufzunehmen, wenn sie an den Feind
 kämen. Auf dem Marsche von dem Wasser in ihre alte Stellung beim Herakles­ 
 tempel erblickten die Lakedämonier nun mit einmal das ganze feindliche Heer, das
 von der Höhe herabgekommen war, schon in Schlachtordnung sich dicht gegenüber.
 Seit Menschen- gedenken hatten sie sich nicht so verjagt wie in diesem Augen­
 blick; denn nun mußten sie sich Hals über Kopf zum Gefecht ordnen. Sie
 traten jedoch gleich willig in Reih und Glied, und König Agis erließ in der
 üblichen Weise seine Befehle. Denn wenn ein König ihr Heer führt, gehen alle
 Befehle von ihm aus. Er sagt dem Obersten (Polemarchon), was geschehen
 soll, der Oberst sagt es den Hauptleuten (Lochagen), der Hauptmann dem Fähnrich
 (Pentakrator), dieser wieder dem Zugführer (Enemotarch), und der seinem Zuge.
 Auf diese Weise gelangen die zu erteilenden Befehle schnell an die
 betreffende Stelle. Das lakedämonische Heer besteht nämlich fast ganz aus
 höheren und niederen Vorgesetzten, und die pünktliche Ausführung der Befehle ist
 Sache einer Reihe von Personen.

Ihren linken Flügel bildeten auch diesmal die Skiriten, denen dieser Platz im
 Lakedämonischen Heere ein für allemal allein zukommt; neben ihnen standen
 Brasidas' alte Soldaten aus dem thrakischen Feldzuge mit den neuerdings
 freigelassenen Heloten; daran schlossen sich die eigenen Heerhaufen der Lake­
 dämonier, an diese die arkadischen Heraier, dann die Mai­ nalier und auf
 dem rechten Flügel die Tegeer und noch eine kleine Anzahl Lakedämonier, welche
 den äußersten rechten Flügel bildeten. Ihre Reiterei stand auf beiden Flügeln.
 Das die Aufstellung der Lakedämonier. Ihnen gegenüber bildeten die
 Mantineer, da die Schlacht in ihrem Land?'statt­ 
 fand, den rechten Flügel, dann kamen die arkadischen Hilfs­ völker,
 darauf die auserlesenen Tausend aus Argos, die dort schon seit längerer Zeit auf
 Staatskosten für den Kriegsdienst ausgebildet wurden, und neben ihnen die
 übrigen Argeier, darnach ihre Bundesgenossen aus Kleonai und Orneai, end­ 
 lich auf dem linken Flügel die Athener, die ihre eigene Reiterei bei sich
 hatten.

Das war die Aufstellung der beiderseitigen Streitkräfte, und anshceinend war
 das Heer der Lakedämonier größer. Die wirkliche Stärke beider Heere kann ich
 leider nicht genau an­ geben, weder im einzelnen noch im ganzen. Über die Zahl
 der Lakedämonier ist infolge der bei ihnen herrshcenden Geheimnis­ 
 krämerei amtlich nichts bekannt geworden, die Angaben deS Gegners aber halte ich
 bei der Neigung der Menshcen, mit der Macht ihres Landes zu prahlen, nicht für
 glaubwürdig. Indessen läßt sich die damalige Stärke der Lakedämonier mit 
 Hilfe folgender Berechnung doch einigermaßen feststellen. Sie hatten in der
 Schlacht außer den sechshundert Skiriten sieben Lochen, jeder Lochos bestand aus
 vier Pentakostyen, jede Pentakostye aus vier Zügen. In jedem Zuge tsanden vier
 Mann im ersten Gliede. Die Tiefe der Stellung freilich war nicht überall
 dieselbe, sondern hing von den einzelnen Hauptleuten (Lochagen) ab, betrug aber
 im Durchschnitt acht Mann. Auf der ganzen Schlachtlinie aber tsanden außer den
 Skiriten vierhundertachtundvierzig Mann im ersten Gliede.

Unmittelbar vor Beginn deS Gefechts richteten die ein­ zelnen Feldherren einige
 Worte an ihre Leute, um sie zum Kampfe anzufeuern. Den Mantineern sagte man, es
 gelte heute den Kampf fürs Vaterland, zugleich aber auch um Herrschaft und
 Knechtschaft, jene dürften sie sich nicht nehmen, diese nicht wieder gefallen
 lassen; den Argeiern, sie sollten nicht leiden, daß man ihrer alten Hegemonie
 und früheren Gleichberechtigung im Peloponnes für immer ein Ende mache, 
 und dem bösen Nachbarvolke alle seine Unbilden einmal heim­ zahlen; den Athenern
 aber, daß eS Ehrensache für sie sei, eS unter so vielen tapferen Bundesgenossen
 allen übrigen zuvor­ 
 
 zutun, wie sie denn auch durch einen Sieg über die Lake­ dämonier
 hier im Peloponnes ihre Herrschaft befestigen und erweitern, auch ihr Land für
 immer vor feindlichen Einfällen sichern würden. In dieser Weise suchte man die
 Argeier und ihre Verbündeten zum Kampf anzufeuern. Die Lakedämonier 
 spornten sich untereinander und durch Anstimmung kriegerischer Weisen an, der
 alten Tapferkeit eingedenk zu sein und zu zeigen, waS sie könnten, wohl wissend,
 daß lange Schulung im Kriegshandwerk mehr wert sei als schwungvolle Ansprachen
 vor der Schlacht.

Darauf begann das Gefecht. Die Argeier und ihre Ver­ bündeten rückten rasch und
 ungestüm vor, die Lakedämonier langsam und unter klingendem Spiel zahlreicher
 Pfeifer, wie das bei ihnen eingeführt ist, nicht etwa aus religiösen Rück­ 
 sichten, sondern um nach dem Takt Schritt zu halten, damit ihre Glieder nicht
 aus dem Zusammenhang geraten, was sonst beim Angriff großer Heere leicht
 vorkommt.

Während die Schlacht noch im Gange war, beschloß König Agis, folgendermaßen zu
 Werke zu gehen. Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß der rechte Flügel eines
 Heeres, wenn es an den Feind kommt, sich verlängert, weil jeder aus Furcht
 seine ungedeckte Seite möglichst unter den Schild seines rechten Nebenmanns zu
 bringen sucht und um so sicherer zu sein glaubt, je enger alle aneinander
 schließen. Den ersten An­ laß dazu gibt der rechte Flügelmann im ersten Gliede,
 der immer weiter nach rechts drängt, um seine ungedeckte Seite vom Feinde
 abzukehren, und aus gleicher Furcht machen eS die übrigen so wie er. Auch
 diesmal reichten die Mantineer auf ihrem Flügel über die Skiriten weit hinaus,
 und die Lakedämonier und Tegeer, um so zahlreicher ihr Heer war, noch
 weiter über die Athener. Nun-fürchtete Agis,-Nein linker Flügel könnte umfaßt
 werden, da die Mantineer nach seiner Meinung allzu weit über ihn hinausreichten,
 und befahl des­ halb den Skiriten und Brasidas-Leuten, sich aus ihrer bis­ 
 herigen Stellung weiter links bis auf gleiche Höhe mit den Mantineern zu ziehen.
 Den Obersten Hipponoidas und Aristo­ 
 kles aber befahl er, zur Ausfüllung der dadurch entstan­ denen
 Lücke mit zwei Lochen vom rechten Flügel dort einzu- rücken, in der Meinung,
 sein rechter Flügel würde auch dann noch stark genug bleiben, der linke aber den
 Mantineern gegen­ über widerstandsfähiger werden.s

Unglücklihcerweise aber weigerten sich Aristokles und HipponoidaS, dem Befehl
 nachzukommen, weil sie ihn zu spät, als sie bereits ins Gefecht verwickelt
 gewesen, erhalten hätten, was ihnen freilich später als Feigheit ausgelegt wurde
 und ihre Verbannung aus Sparta zur Folge hatte. Inzwischen waren jedoch
 die Feinde schon vorgedrungen, und die Skiriten konnten seinem, ihnen beim
 Ausbleiben der beiden Lochen er­ teilten Befehle, in ihre alte Stellung
 zurückzukehren, nicht mehr zeitig genug ausführen, um die dort entstandene Lücke
 zu schließen. So schlecht aber die Lakedämonier mit ihren taktischen 
 Bewegungen gefahren waren, so glänzend bewiesen sie nun, daß sie trotzdem durch
 Tapferkeit zu siegen verstanden. Nachdem sie mit dem Feinde handgemein geworden
 waren, schlug zwar dessen aus den Mantineern bestehender rechter Flügel ihre
 Skiriten und Vrasidas-Leute in die Flucht, und die Mantineer mit ihren
 Verbündeten und den tausend auserlesenen Argeiern drangen in die nicht wieder
 geschlossene Lücke-ein, umringten die Lakedämonier, machten sie nieder und
 trieben sie in wilder Flucht bis zu ihren Fuhrwerken, wo sie noch eine Anzahl
 der dort zur Bedeckung gebliebenen älteren Krieger erschlugen. Hier also
 wurden die Lakedämonier besiegt. Mit dem übrigen Heere aber, insbesondere der
 Mitte, wo König Agis mit seiner Leibwache, den sogenannten dreihundert Rittern,
 sich befand, warfen sie sich auf die alten Argeier, die fünf Lochen, wie sie
 hießen, und deren Bundesgenossen auS Kleonai und Orneai und die ihnen hier
 gegenüberstehenden Athener und schlugen sie in die Flucht, wobei die meisten es
 gar nicht zum Hand­ gemenge kommen ließen, sondern beim Angriff der Lakedämonier
 gleich die Flucht ergriffen und dabei zum Teil von den Gegnern noch
 überholt und unter die Füße getreten wurden.

Während infolge der hier erlittenen Niederlage die Stellung 
 der Argeier und ihrer Verbündeten durchbrochen wurde, um­ faßten
 die Lakedämonier und Tegeer mit ihrem überragenden rechten Flügel nun auch die
 Athener, über die es jetzt von zwei Seiten herging, da sie hier umringt, dort
 bereits ge­ schlagen waren. Und wahrscheinlich würden sie im ganzen Heere
 am meisten gelitten haben, wenn ihre Reiterei sie nicht herausgehauen hätte. Es
 kam hinzu, daß Agis, als er sah, wie übel es seinem linken Flügel den Mantineern
 und den argeiischen Tausend gegenüber erging, dem ganzen Heere be­ fahl,
 sich nach dem geschlagenen Flügel zu ziehen. Als nun das feindliche Heer infolge
 dieses Befehls nach links zog und von ihnen abließ, hatten die Athener Zeit,
 sich unterdessen auS dem Staube zu machen und die hier geschlagenen Argeier mit
 ihnen. Die Mantineer aber und ihre Verbündeten und die tausend Argeier
 gaben es nun auch auf, den Kampf gegen den Feind wieder aufzunehmen, sondern
 wandten sich, als sie sahen, daß die Ihrigen geschlagen und die Lakedämonier im
 siegreichen Vordringen waren, jetzt ebenfalls zur Flucht. Die Mantineer
 hatten dabei auch schwere Verluste, die argeiischen Tausend dagegen kamen meist
 mit dem Leben davon. Zu einer nachdrücklichen oder langen Verfolgung kam es
 indessen nicht. Denn die Lakedämonier fechten zwar mit zäher Ausdauer und 
 halten unerschütterlich stand, bis sie den Feind besiegt, lassen sich aber nach
 einer gewonnenen Schlacht auf längere Ver­ folgungen nicht ein.

So oder doch im wesentlichen so verlief die Schlacht, in der Tat die
 bedeutendste, welche seit langer Zeit denn doch unter den ansehnlichsten
 griechischen Staaten geschlagen war. Die Lakedämonier aber traten auf der mit
 den Leichen der Feinde bedeckten Walstatt ins Gewehr und errichteten sogleich
 ein Siegeszeichen. Den gefallenen Feinden nahmen sie die Rüstungen ab,
 sammelten ihre Toten und brachten sie nach Tegea, wo sie sie bestatteten. Den
 Gegnern gaben sie ihre Toten unter Waffenstillstand heraus. Gefallen waren aas
 Argos, Orneai und Kleonai siebenhundert, aus Mantinea zwei­ hundert, aus
 Athen und Ägina ebenfalls zweihundert, auch 
 die beiden Feldherren. Auf Seite der Lakedämonier waren die
 Bundesgenossen nicht ernstlich inS Gefecht gekommen und hatten deshalb auch
 keine nennenswerten Verluste. Wieviel sie selbst verloren, war schwer zu
 ermitteln. Es hieß, sie hätten etwa dreihundert Tote gehabt.

Kurz vor der Schlacht war auch Pleistoanax, der andere König, mit der ältesten
 Mannschaft nach Mantinea aufgebrochen und bis Tegea gelangt. Auf die Nachricht
 von dem erfochtenen Siege war er jedoch wieder umgekehrt. Auch ihren von Korinth
 und von jenseits des Isthmus kommenden Verbündeten ließen die Lakedämonier
 sagen, sie könnten wieder umkehren. Sie , selbst gingen ebenfalls nach Hause
 zurück, entließen ihre Bundes­ genossen nnd feierten das grade in diese Zeit
 fallende Fest der Karneien. Hatte man ihnen bis dahin in Griechenland wegen
 der Niederlage auf der Insel Feigheit vorgeworfen und sie wegen ihrer
 Mißgriffe und Schwerfälligkeit verhöhnt, so war dem durch diese Schlacht mit
 einmal ein Ende gemacht; nur ein unglücklicher Zufall, meinte man jetzt, habe
 sie in den Ver­ dacht der Feigheit gebracht, und an Tapferkeit seien sie immer
 noch die Alten. 
 Am Tage vor der Schlacht waren die Epidaurier mit ihrem ganzen Heere in das
 damals ja von Truppen entblößte Ar­ geiische eingefallen und hatten die von den
 Argeiern während des Feldzugs dort zurückgelassene Besatzung gutenteils nieder­
 gemacht. Als aber nach der Schlacht dreitausend Hopliten aus Elis und noch
 weitere tausend Athener zu den Mantineern gestoßen waren, rückten die
 Verbündeten, während die Lake­ dämonier ihre Karneien feierten, gleich mit dem
 ganzen Heere vor Epidauros und begannen die Stadt mit einer Mauer ein­ 
 zuschließen, wobei sie die Arbeit an den einzelnen Abschnitten unter sich
 verteilten. Freilich stellten die übrigen die Arbeit bald ein, die Athener aber
 wurden auf ihrem Abschnitt oben beim Heratempel schnell damit fertig. In der
 hier erbauten Schanze ließen sie eine gemeinshcaftliche Besatzung zurück und
 zogen dann alle wieder ab, jeder in seine Stadt. Damit endete der
 Sommer.

Im Beginne des folgenden Winters ershcienen die Lake­ dämonier nach dem
 Karneienfeste gleich wieder im Felde, ließen aber, als sie bis Tegea gekommen,
 in Argos Friedensvorschläge machen. Schon immer gab es hier eine Anzahl Leute,
 die zu ihnen hielten und die Demokratie in Argos zu stürzen wünschten, und
 diesen war es jetzt nach der Schlacht weit eher möglich, die Menge für den
 Frieden zu stimmen. Erst wollten sie Frieden schließen und darnach ein Bündnis
 mit den Lake­ dämoniern zustande bringen, und wenn sie das erreicht, der 
 Volks Herrschaft ein Ende machen. Nun kam Lichas, Arkesilaos' Sohn, der
 Staatsgastfreund der Argeier, von seiten der Lakedämonier mit zwei Vorschlägen
 nach Argos, einen für den Fall, daß man den Krieg fortsetzen wolle, den anderen
 für den Fall, daß man zum Frieden geneigt sei. Nach längeren
 Verhandlungen, bei denen auch Alkibiades zugegen war, gelang es den Anhängern
 der Lakedämonier, die bereits ganz offen als solche aufzutreten wagten, die
 Argeier zur Annahme des Friedenvorschlags zu bewegen. Der aber lautete
 also:

„Die Versammlung der Lakedämonier erklärt sich zum Frieden mit den Argeiern
 bereit, und zwar unter folgenden Bedingungen: Die Argeier haben den Orchomeniern
 die Kinder, den Mainaliern die Männer, den Lakedämoniern die in Man­ tinea
 befindlichen Männer herauszugeben, von Epidauros ab­ zuziehen nnd die Schanze
 dort abzutragen. Wenn die Athener sich weigern, von Epidauros abzuziehen, sind
 sie von den Argeiern und den Lakedämoniern sowie von den Bundes­ genossen
 der Lakedämonier und den Bundesgenossen der Argeier als Feinde zu behandeln.
 Auch die Lakedämonier haben allen Städten die etwa in ihren Händen befindlichen
 Kinder heraus­ zugeben. Wegen des dem Gotte gebührenden Opfers mögen die
 Argeier nach ihrem Belieben den Epidauriern den Eid zuschieben oder ihn selbst
 leisten. Die Städte im Peloponnes, große und kleine, sollen alle wie von alters
 her unabhängig sein. Sollte eine außerpeloponnesische Macht in feindlicher 
 Absicht in den Peloponnes einfallen, so haben sich beide über 
 die zu ergreifenden Abwehrmaßregeln miteinander zu ver­ ständigen
 und dabei auch die Wünsche der übrigen Peloponnesier tunlichst zu
 berücksichtigen. Die Bundesgenossen der Lake­ dämonier außerhalb des Peloponnes
 sollen wie die Bundes­ genossen der Argeier behandelt werden und ihre
 Besitzungen behalten. Der Vertrag ist den Bundesgesandten vorzulegen, um
 sich damit, wenn sie dazu bereit, gleich einverstanden zu erklären, sonst aber,
 wenn ihnen das lieber ist, ihn ihren Re­ gierungen zuzuschicken."e

Nachdem zunächst die Argeier den Vorschlag angenommen hatten, zogen die
 Lakedämonier mit ihrem Heere nach Hause, und seitdem verkehrten beide wieder
 friedlich miteinander. Bald nahcher aber brachten eben jene Herren es auch noch
 fertig, daß die Argeier sich von dem Bündnis mit Mantinea, Athen und Elis
 lossagten und ein Bündnis mit den Lakedämoniern eingingen. Der Vertrag lautete
 also:

„Die Lakedämonier und die Argeier haben beschlossen, unter folgenden
 Bedingungen auf fünfzig Jahr Frieden und Bündnis miteinander einzugehen und sich
 wie von alters her gegenseitig Rechtsgleichheit zuzugestehen. Die übrigen
 Staaten im Peloponnes sollen in den Frieden und das Bündnis ein­ geschlossen
 sein, ihre Selbständigkeit und ihre Verfassung be­ halten, auch sich
 untereinander wie von alters her gegenseitig Rechtsgleichheit zugestehen. Die
 Bundesgenossen der Lake­ dämonier außerhalb des Peloponnes sind wie die
 Lakedämonier zu behandeln. Auch die Bundesgenossen der Argeier sind wie die
 Argeier zu behandeln und sollen ihre Besitzungen behalten. Würde später mal ein
 gemeinschaftlicher Feldzug nötig werden, so haben die Lakedämonier und die
 Argeier sich darüber ins Einvernehmen zu setzen und dabei auch die Wünsche der
 Bundes­ genossen tunlichst zu berücksichtigen. Sollte einer der Staaten 
 innerhalb oder außerhalb deS Peloponnes wegen seiner Grenzen oder aus anderen
 Gründen in Streitigkeiten geraten, so sind diese im Wege Rechtens auszutragen.
 Würde es zwischen zwei Bundesstaaten zu Händeln kommen, so haben sie einen 
 dritten Staat anzugehn, den sie beide für unparteiisch halten. 
 Rechtsstreitigkeiten unter Mitbürgern aber sind nach Landes- recht
 zu entscheiden."

In dieser Weise wurde der Friede und das Bündnis ge­ schlossen. Über die
 Herausgabe der gegenseitigen Eroberungen und etwaige sonstige Ansprüche
 verständigten sie sich. Da sie jetzt völlig einen Strang zogen, beschlossen sie,
 keinen Herold oder Gesandten der Athener mehr anzunehmen, wenn sie nicht 
 die Schanze räumten und aus dem Peloponnes abzögen, auch künftig nur
 gemeinschaftlich Krieg zu führen oder Frieden zu schließen. Überhaupt trieben
 sie es sehr eifrig; so schickten sie beide Gesandte an die vorderthrakischen
 Städte und an Perdikkas, den sie beredeten, ihrem Bündnis beizutreten. 
 Perdikkas fiel allerdings nicht gleich von den Athenern ab, hatte aber doch
 nicht übel Lust dazu, da ihm die Argeier das Beispiel gegeben; tsammte er doch
 auch selbst ursprünglich aus Argos. Mit den Chalkidiern erneuerten sie den alten
 Bund und bekräftigten ihn durch neue Eide. Die Argeier aber ließen auch
 die Athener durch eine Gesandtschaft auffordern, die Schanze vor Epidauros zu
 räumen. Da die Truppen der Athener ja nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der
 Be­ satzung bildeten, schickten sie Demosthenes hin, um damit ab­ 
 zuziehen. Der aber ließ nach seiner Ankunft dort zum Schein im Freien einen
 Ringkampf veranstalten und, als die übrige Besatzung draußen war, das Tor
 schließen. Später erneuerten dann die Athener selbst ihren Vertrag mit den
 Epidauriern und übergaben ihnen die Schanze.

Nach dem Austritt der Argeier aus dem Bunde mußten sich auch die Mantineer, die
 sich anfangs gesträubt, dazu aber ohne die Argeier auf die Dauer nicht imstande
 waren, zum Frieden mit den Lakedämoniern bequemen und die Herrschaft über
 die Städte aufgeben. Nun zogen die Lakedämonier und die Argeier, je tausend Mann
 stark, gemeinschaftlich ins Feld. Nachdem die Lakedämonier sich zunächst nach
 Sikyon gewandt und dort eine oligarchische Verfassung eingeführt hatten, machten
 beide zusammen dann auch in Argos selbst der Demokratie ein Ende, an deren
 Stelle auch hier ein den Lakedämoniern ge­ 
 nehmes oligarchisches Regiment trat. Das geschah schon gegen 
 Frühlingsanfang zu Ende deS Winters, und damit endete das vierzehnte Jahr des
 Krieges.

Im nächsten Sommer ging Dion am Athos von den Athenern zu den Chalkidiern über,
 und die Lakedämonier machten in Achaia den ihnen unbequemen dortigen Zuständen
 ein Ende. In Argos lehnte sich die Volkspartei, die sich bei kleinem wieder
 gesammelt und neuen Mut gefaßt hatte, gegen die Obligarchen auf, wozu sie
 die Gymnopaidien der Lakedämonier abgewartet hatte. Dabei kam es zu
 Straßenkämpfen, in denen das Volk Sieger blieb und die Gegner teils umbrachte,
 teils aus der Stadt vertrieb. Die von ihren Freunden zu Hilfe gerufenen 
 Lakedämonier hatten zu lange auf sich warten lassen, dann aber endlich dock ihre
 Gymnopaidien verschoben und sich auf den Weg gemacht. Als sie jedoch bei Tegea
 hörten, die Oligarchen seien besiegt, weigerten sie sich trotz der Bitten 
 ihrer zu ihnen geflüchteten Freunde, weiterzuziehen, sondern kehrten wieder um,
 um zu Hause ihre Gymnopaidien zu feiern. Später fanden sich Abgesandte der
 Argeier, sowohl aus der Stadt wie von außen, bei ihnen ein, und nach längerem
 Wort­ wechsel beider Teile in Gegenwart der Bundesgenossen ent­ schieden
 die Lakedämonier, daß die Städter im Unrecht wären, und beschlossen, Truppen
 nach Argos zu schicken. Damit aber hatte es vorläufig gute Wege. Unterdessen
 hatte das Volk in Argos, das aus Furcht vor den Lakedämoniern das Bündnis 
 mit Athen hergestellt zu sehen wünschte und sich davon große Vorteile versprach,
 mit dem Bau langer Mauern bis an die See begonnen, um sich für den Fall einer
 Einschließung von der Landseite mit Hilfe der Athener die Einfuhr von Lebens­
 mitteln zur See zu sichern. Auch verschiedene Städte im Peloponnes wußten
 um die Ausführung des BaueS, in Argos aber legte alle Welt, Männer, Weiber und
 Kinder, dabei Hand mit an. Auch von Athen waren Maurer und Stein­ metzen
 dazu herübergekommen. Damit endete der Sommer.

Im nächsten Winter rückten die Lakedämonier, als sie von dem Bau der Mauern
 hörten, mit ihren Bundesgenossen, 
 jedoch ohne die Korinther, vor Argos, wo sie immer noch ge­ wisse
 Verbindungen hatten. Den Oberbefehl über das Heer führte der lakedämonische
 König Agis, Archidamos' Sohn. Ihre Hoffnung, daß man ihnen auch aus der Stadt
 selbst die Hand bieten werde, ging allerdings nicht in Erfüllung; sie 
 bemächtigten sich jedoch der im Bau begriffenen Mauer und brachen sie ab. Auch
 eroberten sie Hysiai, einen Ort im Argeiischen, und töteten alle Freien, die
 ihnen in die Hände sielen. Darauf zogen sie wieder ab und gingen auseinander,
 jeder in seine Heimat. Bald nachher unternahmen auch die Argeier einen Zug
 ins Phliasische, weil ihre Flüchtlinge in Phlius Aufnahme gefunden und sich
 großenteils dort nieder­ gelassen hatten. Nachdem sie das Land verheert, zogen
 sie wieder ab. Die Athener aber schlossen in diesem Winter die 
 makedonishcen Küsten mit ihren Schiffen ein, weil sie Perdikkas das inzwischen
 mit den Lakedämoniern und den Argeiern ein­ gegangene Bündnis verdachten. Auch
 hatte er sie damals, als sie unter Nikias, Nikeratos' Sohn, den Zug gegen die
 thrakischen Chalkidier und Amphipolis vorhatten, als Bundes­ genosse im
 Stich gelassen und die Unternehmung hauptsäch­ lich durch seinen Abfall
 vereitelt. Sie betrachteten ihn also jetzt als ihren Feind. Damit endete der
 Winter und das fünfzehnte Jahr des Krieges..

Im folgenden Sommer fuhr AlkibiadeS mit zwanzig Schiffen nach Argos und ließ
 dort dreihundert Argeier ver­ haften, die noch im Verdacht lakedämonischer
 Gesinnung standen, und die Athener brachten sie in der Nähe auf den von ihnen
 beherrschten Inseln unter. Auch gegen die Insel Melos unter­ nahmen die
 Athener einen Zug mit dreißig eigenen, sechs chiischen und zwei lesbischen
 Schiffen, zwölfhundert Hopliten, dreihundert Bogenschützen und zwanzig reitenden
 Schützen aus Athen selbst uud etwa fünfzehnhundert Hopliten ihrer Bundes­ 
 genossen auf den Inseln. Melos ist eine lakedämonische Kolonie, und die Bewohner
 wollten sich nicht wie die übrigen Inseln den Athenern unterwerfen. Anfangs
 versuchten sie, neutral zu bleiben; als dann aber die Athener sie zwingen
 wollten und ihr Land verheerten, kam es zum offenen Kriege. Mit 
 jener Streitmacht legten sich nun die Feldherren Kleomedes, 
 Lykomedes' Sohn, und Tisias, Tisimachos' Sohn, auf ihre Insel, schickten aber
 vor Beginn der Feindseligkeiten Gesandte an sie, um zunächst mit ihnen zu
 unterhandeln. Die Melier aber führten diese nicht vor das Volk, sondern
 forderten sie auf, sich im engeren Kreise der Regierung und einiger vor­ 
 nehmer Herren darüber zu äußern, in welcher Absicht sie kämen. Da kam es dann zu
 folgender Aussprache zwischen den athe­ nischen Gesandten und den melischen
 Unterhändlern.

Athener: „Vor dem Volke laßt ihr uns ja nicht zu Worte kommen, aus Furcht, eure
 Leute könnten von uns verführt werden, wenn wir Gelegenheit hätten, ihnen unsere
 einleuchten­ den, unwiderleglichen Gründe in einer zusammenhängenden Rede
 zu entwickeln; merken wir doch recht gut, daß ihr uns nur deshalb in diesen
 engeren Kreis geführt habt. Davor seid ihr hier in der Sitzung allerdings
 sicher. Denn hier läuft eS nicht auf eine einmalige Rede hinaus, sondern ihr
 könnt uns gleich bei jedem einzelnen Punkte, bei dem ihr anderer Meinung
 seid, ins Wort fallen und uns widerlegen. Zunächst also, seid ihr damit
 einverstanden?"

Melier: „Gegen den zweckmäßigen Vorschlag, die Sache ruhig miteinander zu
 besprechen, haben wir nichts zu erinnern. Daß ihr uns aber so ohne weiteres
 gleich mit Krieg über­ zieht, scheint sich damit denn doch nicht zu vertragen;
 denn offenbar tretet ihr hier mit dem Anspruch auf, bei diesen Be­ 
 sprechungen das letzte Wort zu haben, und wenn wir dabei, wie wahrscheinlich,
 recht behalten und deshalb nicht nachgeben, so wird es für uns auf Krieg, wenn
 wir uns aber fügen, auf Knechtschaft hinauskommen."

Athener: „Wenn ihr euch hier in Vermutungen über die Zukunft ergehen oder,
 statt die in diesem Augenblick zur Siche­ rung eures Landes gebotenen Schritte
 zu erörtern, von anderen Dingen reden wollt, so können wir nur aufhören. Wollt
 ihr aber bei der Sache bleiben, so wollen wir fortfahren."

Melier: „Es ist begreiflich, und ihr dürft es unS nicht verargen, wenn wir in
 unserer Lage auf mancherlei Reden 
 und Meinungen verfallen. Jedenfalls sind in dieser Zusammen­ kunft
 auch die zur Sicherung unseres Landes gebotenen Schritte zu erörtern. Darum laßt
 unS, wenn es euch recht ist, in der von euch vorgeshclagenen Weise
 weiterverhandeln."

Athener: „Nun denn; wir werden euch keine lange wohl­ gesetzte, ja doch nur
 Mißtrauen erweckende Rede darüber halten, daß wir durch unseren Sieg über den
 Perserkönig das Recht zur Herrschaft erworben haben, oder daß wir euch ins 
 Land gekommen sind, weil ihr uns was zuleide getan. Wir verlangen jedoch, daß
 ihr nicht glaubt, mit der Ausrede durch­ zukommen, als lakedämonische Kolonisten
 hättet ihr uns die Heerfolge versagt und uns nichts zuleide getan, aber auch,
 daß ihr nichts nach unserer beiderseitigen wahren Meinung Unmögliches
 begehrt. Bildet euch also nicht ein, wir wüßten nicht, daß es unter den Menschen
 nur bei gleichen Macht- mitteln nach Recht geht, der Mächtige aber tut, was ihm
 an­ steht, und der Schwache sich fügen muß."

Melier: „Nach unserer Ansicht - und wir müssen das aussprechen, da ihr von
 Recht nichts hören wollt und uns auf die Nützlichkeit verweist - hat eS aber
 doch auch seinen Nutzen, nicht gegen den für alle wertvollen Grundsatz zu ver,
 stoßen, daß man jedem in Gefahr Befindlichen Billigkeit für Recht ergehen
 lassen und eS mit seinen Gründen nicht allzu genau nehmen soll. Und das gilt für
 euch so gut wie für andere; denn solltet ihr auch einmal besiegt werden, so
 würde man sich eure Härte zum Beispiel nehmen und gegen euch ebenso
 verfahren."

Athener: „Sollte es mit unserer Herrschaft auch zu Ende gehen, so machen wir
 uns darüber, was weiter aus uns werden wird, keine Sorge. Denn von einer Macht,
 die selbst über andere herrscht, wie die Lakedämonier, — mit denen wir es 
 übrigens hier nicht zu tun haben, - hat der Besiegte nicht allzuviel zu
 fürchten; weit gefährlicher ist es, wenn die eigenen Untertanen sich gegen ihre
 Herren auflehnen und sie besiegen. In dieser Hinsicht laßt uns unsere Haut nur
 selbst zu Markte tragen. Vernehntt also, daß wir hier sind, um euch unserer 
 Herrschaft zu unterwerfen, und mit euch darüber zu reden gedenken,
 wie sich das mit dem Wohl eures Landes am besten vereinigen läßt; denn wir
 wollen euch damit nicht bedrücken, wünschen vielmehr, daß ihr dabei zu unser
 beider Vorteil gut fahren werdet."

Melier: „Wie könnte wohl die Knechtschaft für uns so vorteilhaft sein wie für
 euch die Herrschaft?"

Athener: „Weil es für euch immer noch vorteilhafter sein würde, unsere
 Untertanen zu werden, als über die Klinge springen zu müssen, für uns aber ein
 Gewinn, wenn wir euch ' nicht zu vernichten brauchten."

Melier: „Darauf also, daß wir neutral blieben, uns nicht feindlich, vielmehr
 freundlich zu euch stellten, aber keinem der beiden Bündnisse beiträten, würdet
 ihr nicht eingehen?"

Athener: „Nein; denn eure Feindschaft schadet uns weniger als eure
 Freundschaft, da diese in den Augen unserer Unter­ tanen ein Zeichen unserer
 Schwäche sein würde, eure Feind­ schaft aber ein Beweis unserer Macht."

Melier: „Meinen eure Untertanen denn, rechtlich zwischen Leuten, die euch
 nichts angehen, und solchen, die größtenteils als Kolonisten, teilweise auch
 nach ihrem Abfall von euch unterworfen sind, keinen Unterschied machen zu
 müssen?"

Athener: „An Rechtsgründen würde es ihrer Meinung nach den einen so wenig wie
 den anderen fehlen; aber sie glauben, daß jene es nur ihrer Macht verdanken,
 wenn sie frei bleiben, und daß wir uns fürchten, sie anzugreifen. Eure 
 Unterwerfung würde also nicht nur zur Erweiterung unserer Macht, sondern auch
 zur Sicherung unserer Herrschaft beitragen, zumal es ein schlechtes Zeichen
 wäre, wenn wir, die Beherrscher der See, ein verhältnismäßig schwaches Jnselvolk
 wie euch nicht zwingen könnten."

Melier: „Das also, meint ihr, würde euch solche Siche­ rung nicht gewähren? Wie
 ihr unS aber zu verstehen gebt, daß es sich unS gegenüber nicht um Recht,
 sondern nur um euren Vorteil handelt, so wollen auch wir euch nun über unseren
 Vorteil belehren und versuchen, euch von eurer Meinung zu 
 bekehren. Am Ende könnte unser beider Vorteil denn doch 
 zusammengehen. Treibt ihr denn nicht alle jetzt Neutralen ins feindliche Lager,
 wenn sie nach solchen Erfahrungen sich sagen müssen, daß es über kurz oder lang
 auch ihnen an den Kragen gehen wird? Was hättet ihr dann weiter davon, als 
 daß ihr eure jetzigen Feinde nur noch mächtiger macht und solche, die es gar
 nicht werden wollen, wider Willen dazu drängt?"

Athener: ,Ach, von den paar Festlandsstaaten, die sich mit den Vorkehrungen zum
 Schutz ihrer Freiheit uns gegen­ über so viel Zeit lassen, haben wir nichts zu
 fürchten, wohl aber von den unabhängigen Jnselvölkern, wie ihr, und solchen,
 -die schon durch den Druck der Fremdherrschaft erbittert sind; denn die
 würden sich nicht lange besinnen, sich und uns kopf­ über in Gefahr zu
 tsürzen."

Melier: „Nun denn, wenn ihr vor nichts zurückschreckt, um eure Herrschaft zu
 behaupten, und die unabhängigen Völker sich unbedenklich in Gefahr stürzen, um
 sie abzuschütteln, wäre es da für uns, die wir noch frei sind, nicht die größte
 Schande, wollten wir nicht lieber alleS wagen, als uns unters Joch be­ 
 geben?"

Athener: „Bei vernünftiger Überlegung keineswegs. Denn es handelt sich für euch
 nicht darum, eure Tapferkeit zu be­ weisen und einen Kampf mit gleichen Waffen
 ehrenvoll zu bestehen, sondern um Sein und Nichtsein und um die Not­ 
 wendigkeit, euch einem ungleich Mächtigeren nicht zu wider­ setzen."

Melier: „Bekanntlich aber ist das Glück im Kriege manchmal auch dem Schwachen
 günstig, und die Verschiedenheit der beiderseitigen Kräfte gibt nicht unbedingt
 den Ausschlag. Wenn wir uns gleich ergeben, haben wir überhaupt nichts 
 mehr zu hoffen; greifen wir aber zu den Waffen, so bleibt uns wenigstens die
 Hoffnung, glücklich durchzukommen."

Athener: „Gewiß, Hoffnung ist ein Trost in der Gefahr, und sie wird dem
 Mächtigen, der sich auf sie verläßt, wenn auch vielleicht schädlich, aber doch
 nicht verderblich werden. 
 Wer aber mit ihr, weil sie ihm goldene Berge verspricht, sein alles
 aufs Spiel setzt, wird erst durch Schaden klug und dann zu spät inne, wie
 trügerisch sie ist. Euch fehlt die Macht, und euer Schicksal hängt an einem
 Haar, seht euch also vor, daß es euch nicht auch so geht, und macht es nicht wie
 der ge­ meine Mann, der auch da, wo noch menschliche Hilfe möglich ist,
 wenn er bei einer Krankheit an die bewährten Mittel nicht mehr glaubt, sich auf
 Wunderkuren nnd dergleichen trügerische Hoffnungen verläßt."

Melier: „Auch wir, das könnt ihr glauben, sehen die Schwierigkeit ein, bei so
 ungleichen Mitteln den Kampf gegen eure Macht und euer Glück aufzunehmen; wir
 vertrauen jedoch auf unser Glück, daß die Gottheit uns nicht wird unterliegen
 lassen, da wir eine gerechte Sache gegen einen Gewaltakt ver­ treten.
 Sofern es uns aber selbst an Macht fehlt, rechnen wir auf die Hilfe der
 Lakedämonier, die uns als ihre Stammes­ genossen schon anstandshalber werden
 beistehen müssen. So ganz unbegründet ist unser Vertrauen demnach nicht."

Athener: „Was die Gunst der Gottheit anlangt, so glauben wir, daß es auch uns
 daran nicht fehlen wird, denn wir verlangen und tun nichts, was dem Glauben der
 Men­ schen an die Gottheit oder dem, was sie untereinander selbst für
 recht halten, widerspräche. Unseres Erachtens gilt nämlich in der ganzen Welt,
 bei der Gottheit, wie wir glauben, unter Menschen erfahrungsmäßig, eben ein für
 allemal das Recht des Stärkeren. Wir haben dieses Recht weder zuerst eingeführt,
 noch zuerst davon Gebrauch gemacht; aber wie wir es alS ein immer
 anerkanntes und für alle Zeit gültiges vorgefunden haben, so handeln wir auch
 jetzt darnach und zweifeln nicht daran, daß ihr wie jeder andere es bei gleicher
 Macht auch so machen würdet. Also, was die Gottheit anlangt, haben wir
 keinen Grund, eine Niederlage zu fürchten. Wenn ihr aber auf die Lakedämonier
 rechnet und hofft, daß sie euch schon anstandshalber beistehen würden, so
 wünschen wir euch Glück zu eurer Unschuld, beneiden euch aber nicht darum! DaS
 Verhalten der Lakedämonier untereinander und gegenüber ihrem 
 heimischen Gesetze ist zwar im allgemeinen löblich, aber über ihre
 auswärtige Politik wäre manches zu sagen, mit einem Worte, daß unter allen uns
 bekannten Völkern keinS so un­ verhohlen wie sie, alles was ihnen genehm, für
 erlaubt hält, und was ihnen vorteilhaft ist, für Recht erklärt. Bei solcher
 Denkart könnt ihr jetzt in eurer mißlichen Lage denn doch schwerlich auf
 sie rechnen."

Melier: „Doch; grade dieser Denkart wegen rechnen nnr um so fester darauf, daß
 sie um ihres eigenen Vorteils willen sich hüten werden, ihren Feinden zu
 Gefallen das Ver­ trauen ihrer Freunde in Griechenland dadurch zu vershcerzen,
 daß sie uns Melier, ihr Pflanzvolk, im Stiche lassen.'

Athener: „Ihr glaubt also nicht, daß Vorteil auf Sicher­ heit sieht, eine
 ehrliche und anständige Politik aber Gefahren mit sich bringen kann. Die
 Lakedämonier sind im allgemeinen wenig geneigt, sich auf Gefahren
 einzulassen."

Melier: „Wir glauben aber, daß sie sich für uns um so lieber und unbedenklicher
 als für andere Gefahren aus­ setzen werden, da wir ihnen im Peloponnes so nahe
 vor der Tür liegen, und sie bei unseren verwandtschaftlichen Gesin­ nungen
 auf uns sicherer als auf andere zählen können."

Athener: „Wer einem anderen im Kriege zu Hilfe kommen soll, verläßt sich aber
 nicht auf Gesinnungen, die dieser ihm entgegenbringt, sondern auf die wirklichen
 Macht- mittel, die er in die Wagschale werfen kann. Und grade die
 Lakedämonier sehen darauf noch mehr als andere. We­ nigstens führen sie ihre
 auswärtigen Kriege aus Mißtrauen in ihre eigene Macht nie ohne zahlreiche
 Bundesgenossen. ES ist also nicht wahrscheinlich, daß sie bei unserer Übermacht
 zur See hier nach der Insel herüberkommen werden."

Melier: „Sie könnten aber auch andere schicken. DaS kretische Meer ist groß,
 und deshalb ist es für den Mächtigen schwieriger, jemand zu erwishcen, als für
 den Verfolgten, ihm unbemerkt zu entkommen. Schlimmstenfalls könnten sie 
 sich auch gegen euer Land wenden oder gegen eure Bundes­ genossen, die euch nach
 dem Zuge des Brasidas noch geblieben 
 sind, und dann hättet ihr nicht um ein Land, wo ihr nichts zu
 suchen habt, sondern um das Gebiet eurer Bundesgenossen und für euer eigenes
 Land zu kämpfen."

Athener: „Sollte es wirklich dazu kommen, so wißt auch . ihr doch aus
 Erfahrung, daß die Athener noch nie aus Furcht vor anderen Schwierigkeiten eine
 Belagerung aufgegeben haben. Nachdem ihr uns aber gesagt, ihr wolltet mit uns
 darüber verhandeln, was zur Sicherung eures Landes ge­ schehen könnte,
 nimmt uns wunder, daß ihr euch in dieser langen Unterredung noch mit keinem
 Worte über Mittel und Wege geäußert habt, von denen man sich sonst Hilfe in der
 Not verspricht. Die wirksamste Hilfe, auf die ihr hofft, steht weit aus,
 eure eigenen Kräfte aber sind zu gering, um euch damit auch nur gegen die euch
 schon jetzt gegenüberstehende Macht zu behaupten. Es wäre deshalb sehr unklug
 von euch, wolltet ihr nicht noch einen vernünftigeren Entschluß fassen, 
 wenn ihr uns habt abtreten lassen. Fallt nur nicht etwa gar auf die Ehre hinein,
 die den Menschen so oft in Gefahren verderblich geworden ist, die sie
 voraussehen mußten und sich nur durch schimpfliche Unvernunft selbst zugezogen
 hatten. In der Tat ist schon mancher, obwohl er voraussah, wie das enden
 würde, durch den verführerischen Klang deS Wortes Ehre verleitet worden, sich
 freiwillig rettungslos ins Verderben zu stürzen, und mehr durch eigene Torheit
 als durch Unglück zuschanden geworden. Seid also vernünftig und hütet euch
 davor. Glaubt nicht, es ginge gegen eure Ehre, den Widerstand gegen eine
 Großmacht aufzugeben, die nichts weiter von euch verlangt als den Anschluß an
 ihren Bund und die Entrichtung einer Abgabe von eurem Lande, in dessen
 Besitz ihr auch ferner bleiben sollt. Noch habt ihr die Wahl zwischen Krieg und
 Sicherheit; laßt euch nicht durch Ehrgeiz zu einer verkehrten Wahl verleiten.
 Wer seinesgleichen die Zähne zeigt, sich mit dem Mächtigeren zu stellen weiß und
 mit dem Schwächeren säuberlich verfährt, kommt am besten durch. Nun
 überlegt euch die Sache, wenn wir abgetreten sind, und beherzigt dabei wieder
 und wieder, daß eS sich diesmal 
 
 um euer Vaterland handelt, dessen Glück und Untergang von eurer
 jetzt zu fassenden Entschließung abhängt."

Hierauf verließen die Athener die Sitzung. Die Metier aber, jetzt unter sich,
 beschlossen in dem Sinne, wie sie sich schon vorher ausgesprochen hatten, und
 gaben ihnen folgende Antwort: „Wir stehen noch jetzt nickt anders wie vorher,
 Athener, und können die Unabhängigkeit unseres seit sieben­ hundert Jahren
 bestehenden Gemeinwesens nicht im Hand­ umdrehen aufgeben, werden vielmehr im
 Vertrauen auf die Gottheit, die uns bisher in Schutz genommen hat, und auf 
 menschliche Hilfe, namentlich von seiten der Lakedämonier, unser Heil versuchen.
 Wir bieten euch Frieden und Freund­ schaft an, wünschen aber im Kriege neutral
 zu bleiben und fordern euch hiermit auf, nach Abschluß eines uns beiden an­
 nehmbaren Vertrags unser Land zu verlassen."

Das war die Antwort der Melier. Die Athener aber sahen damit die Verhandlungen
 als abgebrochen an und er­ widerten ihnen: „Nach diesem Beschluß seid ihr
 unseres Er­ achtens doch die einzigen, denen ein Sperling in der Hand 
 nicht lieber wäre als die Taube auf dem Dache. Ihr meint, eben alles, was ihr
 euch wünscht, wäre auch nur gleich da. So gewiß ihr euer Glück und eure
 Hoffnungen auf die Lake­ dämonier setzt, so gewiß werdet ihr die Rechnung ohne
 den Wirt gemacht haben."

Hierauf kehrten die Gesandten der Athener ins Lager zurück. Da die Melier sich
 auf nichts einlassen wollten, er­ öffneten die athenischen Feldherren nun
 sogleich die Feind­ seligkeiten und schlossen ihre Stadt ringsum mit einer Mauer
 ein, woran sie die Arbeit nach Städten verteilten. Später fuhren die
 Athener mit dem größten Teile ihres Heeres wieder ab, ließen aber eine aus
 Bürgern und Bundesgenossen be­ stehende Besatzung zurück, um die Stadt von der
 Land- und Seeseite zu bewachen, welche dort blieb und die Belagerung 
 fortsetzte.

Um dieselbe Zeit fielen die Argeier in das Gebiet von Phlius ein, wurden aber
 von den Einwohnern und ihren 
 eigenen Flüchtlingen auS einem Hinterhalt überfallen und ließen
 gegen achtzig Tote auf dem Platze. Die Athener fügten den Lakedämoniern durch
 Beutezüge von Pylos vielen Schaden zu. Indessen nahmen die Lakedämonier daraus
 keinen Anlaß, den Frieden für gebrochen zu erklären und Krieg anzufangen; 
 sie ließen jedoch öffentlich bekanntmachen, daß auch bei ihnen Beutezüge gegen
 die Athener erlaubt sein sollten. Die Korinther fingen wegen gewisser besonderer
 Streitigkeiten Krieg mit den Athenern an, woran sich die übrigen Pelo­ 
 ponnesier aber nicht beteiligten. Die Melier eroberten bei einem nächtlichen
 Überfall ein Stück der Einschließungsmauer der Athener in der Nähe ihres
 Lagermarktes, töteten eine Anzahl Leute und schafften, was sie konnten, an
 Lebensmitteln und sonstigen Bedürfnissen in die Stadt, zogen sich dann aber
 zurück, ohne den Angriff zu erneuern. Die Athener aber paßten seitdem
 besser auf. Damit endete der Sommer.

Im folgenden Winter wollten die Lakedämonier ins Argeiische einfallen; da
 jedoch ihr Opfer beim Überschreiten der Grenze ungünstig ausfiel, kehrten sie
 wieder um. Wegen dieses ihres Vorhabens faßten die Argeier gegen einige ihrer
 Mitbürger Verdacht, ließen auch mehrere festnehmen, während andere sich
 dem durch die Flucht entzogen. Um dieselbe Zeit eroberten die Melier nochmal an
 einer anderen Stelle ein Stück der hier nur schwach besetzten Mauer der Athener.
 Infolgedessen kamen später unter PhilokrateS, DemeaS' Sohn, neue
 Verstärkungen aus Athen, und die Melier, die nunmehr hart belagert und außerdem
 durch Verrat in ihrer Mitte be­ droht wurden, mußten sich den Athenern auf Gnade
 und Ungnade ergeben. Die Athener aber töteten alle Männer, die ihnen in
 die Hände fielen, und verkauften Weiber und Kinder als Sklaven. Das Land
 behielten sie für sich und besetzten eS bald nachher mit fünfhundert
 Kolonisten.

In demselben Winter wollten die Athener von neuem, diesmal mit größeren Kräften
 als unter Laches und Enrymedon, einen Zug nach Sizilien unternehmen, um es wo­
 möglich ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Von der Größe der Insel und der
 Menge ihrer griechischen und nichtgriechischen Bevölkerung hatten die meisten
 keine Vorstellung, und ebenso­ wenig ahnten sie, daß sie sich damit in einen
 Krieg einlassen würden nicht viel geringer als der mit den Peloponnesiern. 
 Zur Fahrt um die Insel braucht nämlich ein Lastschiff beinah acht Tage, und
 dabei ist sie nur durch eine etwa zwanzig Stadien breite Meerenge vom Festlande
 getrennt.

Schon seit den ältesten Zeiten ist die Insel bewohnt ge­ wesen, und zwar von
 allerlei Völkern. Ursprünglich sollen Kyklopen und Laistrygonen auf einem Teile
 der Insel gehaust haben, über deren Abstammung, Herkunft und späteren Ver­ 
 bleib ich nichts angeben kann. Mag es also bei dem be­ wenden, was die Dichter
 von ihnen erzählen und wie ein jeder darüber denkt. Zuerst nach ihnen scheinen
 die Sikaner sich dort niedergelassen zu haben; wie sie selbst behaupten, hätten
 sie sogar schon vor ihnen als Autochthonen im Lande gewohnt. Wie sich
 jedoch bei näherer Prüfung ergibt, sind sie in Wahr­ heit Iberer und vom Flusse
 Sikauos in Jberien durch die Ligyer verdrängt worden. Nach ihnen wurde die Insel
 dann Sikanien genannt, während sie früher Trinakria hieß. Auch jetzt noch
 bewohnen sie die Westseite Siziliens. Nach der Er­ oberung von Troja kamen
 Troer, die den Achäern entgangen waren, zu Schiff nach Sizilien, wo sie sich
 neben den Sikanern niederließen und dann alle zusammen Elymer genannt wurden.
 Ihre Städte waren Eryx und Egesta. Mit ihnen siedelten sich auch einige
 Phokier dort an, welche damals durch Stürme von Troja erst nach Libyen und dann
 nach Sizilien verschlagen waren. Die Sikeler dagegen sind aus Italien nach
 Sizilien herübergekommen, wo sie von den Opikern aus ihren dortigen Sitzen
 verdrängt waren, wahrscheinlich, und wie uns berichtet 
 wird, auf Flößen, indem sie einen günstigen Wind für die Überfahrt
 abwarteten, vielleicht aber auch auf anderen Fahr­ zeugen. Auch jetzt gibt es in
 Italien noch Sikeler, und von einem ihrer Könige namens Jtalos hat auch das Land
 den Namen Italien. Sie kamen in großen Scharen nach Sizilien, besiegten
 die Sikaner in einer Schlacht und verdrängten sie in den Süden und den Westen
 der Insel, die infolgedessen nicht mehr Sikanien, sondern Sikelien genannt
 wurde. Auch hatten sie, seitdem sie nahezu dreihundert Jahr vor Ankunft der
 Griechen nach Sizilien herübergekommen waren, den schönsten Teil des
 Landes in Besitz, und noch jetzt sitzen sie im Innern und im Norden der Insel.
 Auch die Phönizier hatten wegen ihres Handels mit den Sikelern ringS um die
 Insel ihre Niederlassungen, wozu sie vorspringende Landspitzen und kleinere
 Inseln in der Nähe der Küste wählten. Als aber die Griechen in größerer
 Menge zur See herüberkamen, gaben sie diese größtenteils auf und blieben nur
 noch im Besitz von Meine, Solus und Panormos, wo sie sich zusammen niederließen,
 weil sie hier in der Nähe der Elymer auf deren Beistand rechnen und 
 Karthago auf kürzestem Wege erreichen konnten. So viel über die nichtgriechische
 Bevölkerung und deren Wohnsitze in Sizilien.

Die ersten griechischen Einwanderer kamen zu Schiff unter Thukles' Führung aus
 Chalkis auf Euboia, gründeten Naxos und errichteten dem Apollon Archegetes den
 jetzt außerhalb der Stadt befindlichen Altar, auf dem die Theoren vor ihrer
 Abfahrt aus Sizilien immer erst opfern. Ein Jahr nahcher gründete Archias,
 ein Heraklide aus Korinth, SyrakuS, nach­ dem er zuerst die Sikeler von der
 Insel vertrieben hatte, auf der die jetzt nicht mehr ganz von der See umflossene
 innere Stadt liegt. In späterer Zeit wurde auch die äußere Stadt in die
 Mauer einbezogen und Syrakus ein sehr volkreicher Ort. Von Naxos aus gründeten
 die Chalkidier unter Thukles fünf Jahr nach der Besiedelung von Syrakus
 Leontinoi, nach­ dem sie die Sikeler mit Waffengewalt vertrieben hatten, und
 darnach auch Katana. Die Kataner selbst aber erklärten Cuarchos für den
 Gründer ihrer Kolonie.

Um dieselbe Zeit führte auch Lamis aus Megara eine Kolonie nach Sizilien, wo er
 sich am Flusse PantakyaS an einem Orte namens Trotilon niederließ. Später zog er
 von da nach Leontinoi und vereinigte sich dort auf kurze Zeit mit den
 Chalkidiern zu Einer Gemeinde. Nachdem er von hier durch die Chalkidier
 vertrieben war,- gründete er Thapsos und starb. Seine Gefährten aber wurden auch
 von Thapsos wieder vertrieben und gründeten das sogenannte hyblaiische Megara,
 wo sie der Sikelerkönig Hyblos, der ihnen das Land dazu eingeräumt hatte,
 selbst hinführte. Zweihundertfünfundvierzig Jahr später aber wurden ihre
 Nachkommen von dort durch den Tyrannen Gelon von Syrakus aus Stadt und Land ver­
 trieben. Vorher schon, hundert Jahr nach ihrer Niederlassung, hatten sie
 Selinus gegründet und dazu Pamillos ausgesandt, der aus der Mutterstadt Megara
 herübergekommen war und sich dort mit niederließ. Fünfundvierzig Jahr nach der
 Gründung von Syrakus kamen Antiphemos auS Rhodos und Entimos auS Kreta mit
 neuen Ansiedlern und gründeten Gela miteinander. Die Stadt erhielt ihren Namen
 von dem Flusse Gela; der Platz aber, wo jetzt die Stadt liegt, und der zuerst
 mit einer Mauer umgeben wurde, heißt Lindioi. In der Stadt gilt dorisches
 Recht. Etwa hundertacht Jahr nach der Gründung von Gela wurde von dort unter
 Führung von Aristonus und Pystilos Akragas gegründet, nach dem Flusse 
 Akragas benannt, und mit gelischem Recht begabt. Zankle war ursprünglich von
 Seeräubern aus der chalkidischen Stadt Kyme in Opikien gegründet. Später kamen
 auch aus Chalkis und anderen Orten auf Euboia noch zahlreiche Ansiedler, die
 sich neben ihnen dort niederließen. Gründer waren Perieros und 
 Krataimenes, jener von Kyme, dieser von Chalkis. Den älteren Namen Zankle
 erhielt der Ort von den Sikelern, weil er die Gestalt einer Sichel hat und die
 Sichel bei den Sikelern Zankle heißt. Später wurden diese von Samiern und
 anderen Joniern verdrängt, welche nach ihrer Flucht vor den Persern in
 Sizilien landeten. Bald nachher aber wurden auch die Samier durch den Tyrannen
 AnaxilaS von Rhegion vertrieben, 
 der dort Kolonisten verschiedener Herkunft ansiedelte und die Stadt
 seitdem nach seiner alten Heimat Messene nannte.

Von Zankte aus wurde auch Himera gegründet durch Eu­ kleides, Simos und Sakon.
 Die Kolonisten waren meist Chalkidier, doch ließen sich mit ihnen auch Syrakuser
 dort nieder, die sogenannten Myletiden, welche bei einem Aufstande besiegt
 und auS der Stadt verbannt worden waren. Die Sprache wurde ein Gemisch aus
 Chalkidisch und Dorisch; doch galt chalkidisches Recht. Akrai und Kasmenai
 wurden von Syrakus gegründet, Akrai siebzig Jahr nach Syrakus, Kas­ menai
 etwa zwanzig Jahr später. Auch Kamarina war ursprüng­ lich eine Kolonie von
 Syrakus und wurde ungefähr hundert­ fünfunddreißig Jahr nach Syrakus gegründet.
 Gründer waren DaSkon und Menekolos. Die Kamariner fielen jedoch von 
 Syrakus ab und wurden deshalb von den Syrakusern mit Waffengewalt vertrieben.
 Später wurde das Gebiet der Ka­ mariner gegen Losgabe kriegsgefangener Syrakuser
 an den Tyrannen Hippokrates von Gela abgetreten, der nun selbst Kolonisten
 dorthin führte. Und als Gelon auch diese wieder vertrieben hatte, wurde der Ort,
 nun zum drittenmal, von Gela mit Kolonisten besetzt.

Dergestalt war Sizilien von griechischen und barbarischen Völkern bewohnt, und
 gegen solch ein Land wollten die Athener jetzt zu Felde ziehen, angeblich
 natürlich nur, um ihren Stammes­ genossen und deren Verbündeten zu Hilfe zu
 kommen, in Wirklich­ keit aber, um sich die ganze Insel zu unterwerfen. Zunächst
 veranlaßt wurden sie dazu durch Gesandte aus Egesta, die nach Athen
 gekommen waren und sie dringend um Hilfe baten. DaS Gebiet von Egesta grenzt
 nämlich an das von Selinus, und zwischen beiden Städten war es über gewisse
 Heiraten und einen streitigen Landstrich zum Kriege gekommen, in welchem
 Egesta von dem mit Syrakus verbündeten Selinus zu Wasser und zu Lande schwer
 bedrängt wurde. Die Egester erinnerten deshalb die Athener an das Bündnis mit
 Leontinoi unter Laches im vorigen Kriege und baten sie, ihnen Schiffe zu
 Hilfe zu schicken. Dabei wiesen sie namentlich auch darauf 
 hin, daß die Syrakuser, wenn man ihnen die Vertreibung der 
 Leontiner ungestraft hingehen lasse, auch die übrigen Bundes­ genossen
 vernichten und die Herrschaft über die ganze Insel an sich reißen würden; dann
 aber sei zu befürchten, daß sie dermaleinst als Dorier auch ihren dorischen
 Stammesgenossen und dem peloponnesischen Mutterlands mit großer Macht zu 
 Hilfe kämen, um der Herrschaft der Athener mit vereinten Kräften ein Ende zu
 machen. Deshalb sei es geraten, solange man noch Bundesgenossen habe, mit diesen
 den Syrakusern entgegenzutreten, zumal sie ihrerseits das nötige Geld für den
 Krieg beschaffen würden. Nachdem die Egester und deren Gönner ihnen dies
 in den Volksversammlungen immer wieder auseinandergesetzt hatten, beschlossen
 die Athener, zunächst Ge­ sandte nach Egesta zu schicken, um sich zu überzeugen,
 ob dort im Staatsschatze und in den Tempeln das nötige Geld auch wirklich
 vorhanden sei, und sich zugleich darüber zu vergewissern, wie es mit dem Kriege
 gegen Selinus stände.

Die Gesandten der Athener reisten dann auch nach Sizilien ab. Die Lakedämonier
 und ihre Bundesgenossen außer den Korinthern zogen in diesem Winter ins
 Argeiische, verheerten einen Strich Landes und nahmen von dort auf Wagen, die
 sie bei sich hatten, Getreide mit. Den vertriebenen Argeiern wiesen sie
 Orneai als Wohnsitz an und ließen dort zu deren Schutz einen kleinen Teil ihres
 Heeres zurück. Darnach gingen sie, nachdem man vereinbart, daß einstweilen
 zwischen Argos und Orneai keinerlei Feindseligkeiten stattfinden sollten, mit
 ihrem Heere wieder nach Hause. Als jedoch bald nahcher die Athener mit
 dreißig Schiffen und sechshundert Hopliten ein­ trafen, rückten die Argeier und
 die Athener mit dem ganzen Heere vor Orneai und belagerten es einen Tag lang. In
 der Nacht aber, wo sich das Heer unweit der Stadt gelagert hatte, machten
 sich die Bewohner aus dem Staube. Als die Argeier am Tage draus dahinterkamen,
 zerstörten sie Orneai. Darauf zogen sie ab, und die Athener fuhren mit ihren
 Schiffen wieder nach Hause. 
 Die Athener landeten mit eigener Reiterei und den zu ihnen 
 geflüchteten Makedonien bei Methone an der Grenze von Makedonien
 und verheerten das Gebiet des Perdikkas. Die Lakedämonier aber schickten zu den
 thrakischen Chalkidiern und forderten sie auf, Perdikkas zu Hilfe zu kommen.
 Doch die wollten nicht. Damit endete der Winter und das sechzehnte Jahr
 des Krieges, den Thnkydides beschrieben hat.

Gleich zu Anfang des nächsten Sommers trafen die athe­ nischen Gesandten aus
 Sizilien wieder ein und mit ihnen auch Gesandte aus Egesta, welche sechzig
 Talente ungemünztes Silber als Monatssold für sechzig Schiffe überbrachten, um
 deren Sendung sie bitten sollten. Da den Athenern in einer Volks­ 
 versammlung von den Egestern und ihren eigenen Gesandten, allerdings
 wahrheitswidrig, versichert wurde, daß die Sachen dort vortrefflich ständen,
 namentlich in den Kassen und Tempeln Geld in Menge vorhanden sei, beschlossen
 sie, sechzig Schiffe nach Sizilien zu schicken und Alkibiades, Kleinias' Sohn,
 Nikias, Nikeratos' Sohn, und Lamachos, Xenophanes' Sohn, den Oberbefehl
 darüber zu erteilen mit dem Auftrage, Egesta gegen Selinus zu unterstützen,
 arch, falls der Krieg glücklich verliefe, den Leontinern wieder zu ihrer Stadt
 zu verhelfen, im übrigen aber so zu verfahren, wie es nach ihrer Ansicht 
 den athenischen Interessen in Sizilien am besten entspräche. Fünf Tage nachher
 hielten sie eine zweite Versammlung, um über die schleunige Ausrüstung der
 Schiffe und die Beschaffung des den Feldherren für die Fahrt etwa noch sonst
 Nötigen zu beschließen. Nikias, der gegen seinen Wunsch zum Feldherrn 
 gewählt und überzeugt war, man habe einen verderblichen Beschluß gefaßt und
 wolle sich unter einem dürftigen und fadenscheinigen Vorwande in ein so
 gewaltiges Unternehmen wie die Unterwerfung von ganz Sizilien stürzen, trat
 jetzt auf, um die Athener davor zu warnen, und redete sie also an:

„Die heutige Versammlung ist zwar berufen, um über die Ausrüstung der nach
 Sizilien bestimmten Flotte zu beschließen. Ich meine jedoch, wir sollten uns die
 Sache selbst noch mal überlegen, ob es nicht besser wäre, die Flotte nicht hin­
 zuschicken und uns nicht durch einen übereilten Beschluß auf 
 Wunsch von Leuten, die nicht mal unseres Stammes sind, in einen so
 weit aussehenden Krieg für fremde Interessen ein­ zulassen. Freilich ist mir
 dabei ein hohes Amt zugedacht, und ich bin der letzte, der für sein Leben
 fürchtet, wiewohl ich glaube, daß es einem guten Bürger wohl ansteht, auch Leben
 und Eigentum zu schätzen; denn schon um seiner selbst willen wird ihm dann
 auch das Wohl des Vaterlandes um so mehr am Herzen liegen. Wie ich früher
 niemals gegen meine Über­ zeugung gesprochen habe, um zu Amt und Würden zu
 gelangen, so werde ich das auch heute nicht tun, sondern euch offen und 
 ehrlich sagen, wie ich die Sache ansehe. Bei eurer Sinnesart würde es wenig
 verschlagen, wollte ich euch einfach sagen: Haltet, was ihr habt, und hütet
 euch, eure jetzige Macht künftiger ungewisser Vorteile wegen aufs Spiel zu
 setzen. Nein, ich werde euch zeigen, daß ihr im Begriff seid, in ein Wespen­
 nest zu greifen, und die Herrschaft, die ihr dort zu erlangen hofft,
 schwerlich werdet behaupten können.

„Ich sage euch, daß ihr darauf ausgeht, euch durch den Zug nach Sizilien zu den
 vielen Feinden, die ihr hier zurück­ laßt, noch neue auf den Hals zu ziehen. Ihr
 glaubt vielleicht, ihr hättet doch Frieden geschlossen, und der werde von
 Bestand sein. Ja, solange ihr euch auf keine neuen Unternehmungen einlaßt,
 wird freilich dem Namen nach Friede sein. Denn so weit ist es durch Treibereien
 hier bei uns und unseren Gegnern schon gekommen. Aber sobald wir mit einem an­
 sehnlichen Teile unserer Streitkräfte eine Niederlage erleben, werden
 unsere Feinde sofort über uns herfallen; denn einmal haben sie den Frieden eben
 nur in der Not nach einem un­ glücklichen Kriege unter drückenderen Bedingungen
 geschlossen als wir, und dann enthält der Vertrag auch für uns zweifel­ 
 hafte Punkte genug. Zudem sind mehrere Staaten, und keines­ wegs die
 schwächsten, dem Frieden noch nicht einmal beigetreten, sondern entweder mit uns
 noch in offenem Kriege oder doch nur, weil die Lakedämonier noch nicht
 losschlagen, auch ihrer­ seits durch den zehntägigen Waffenstillstand vorläufig
 gebunden. Böte sich ihnen Gelegenheit, uns anzugreifen, weil wir unsere 
 Kräfte geteilt, womit wir es jetzt so eilig haben, so würden sie 
 sich gewiß nicht lange besinnen, uns mit den sizilischen Griechen zu Leibe zu
 gehen, die sie schon längst so gern zu Bundesgenossen gehabt hätten. Das müssen
 wir im Auge behalten, um unser schwankendes Staatsschiff nicht neuen Ge­ 
 fahren auszusetzen, und nicht nach Ausdehnung unserer Herr­ schaft trachten,
 bevor wir die jetzige befestigt haben. Die seit Jahren aufsässigen thrakischen
 Chalkidier sind immer noch un­ bezwungen, und auch anderswo auf dem Festlande
 steht es mit dem Gehorsam vielfach noch recht bedenklich. Freilich, wenn
 unseren Bundesgenossen in Egesta ein Unrecht wider- fährt, sind wir gleich bei
 der Hand, ihnen beizustehen; gilt es aber, uns selbst des Unrechts zu erwehren,
 das unsere Bundesgenossen uns durch ihren Abfall schon lange angetan 
 haben, so hat eS damit keine Eile.

„Und doch würden wir diese wohl bezwingen und in Gehorsam halten können,
 schwerlich aber imstande sein, die da drüben bei der weiten Entfernung und ihrer
 großen Menge selbst nach einem Siege dauernd unserer Herrschaft zu unter­ 
 werfen. Es wäre doch eine Torheit, jemand anzugreifen, dem gegenüber man auch
 nach einem Siege die Herrschaft nicht würde behaupten können, im Fall einer
 Niederlage aber schlechter stände als vorher. Nach meiner Meinung hätten wir von
 den sizilischen Griechen, wenigstens unter den jetzigen Verhältnissen, 
 wahrscheinlich weniger zu fürchten, wenn es den Syrakusern gelänge, sie sämtlich
 ihrer Herrschaft zu unterwerfen, womit uns die Egester hauptsächlich bange
 machen wollen. Jetzt nämlich würden wohl einzelne den Lakedämoniern zu Gefallen
 sich am Kriege gegen uns beteiligen. Dann aber würde eS wahrscheinlich
 zwischen den beiden Großmächten überhaupt nicht zum Kriege kommen. Denn wie sie
 jetzt mit Hilfe der Peloponnesier unsere Macht zu stürzen denken, so würden
 diese dann wahrscheinlich die ihrige zu vernichten suchen. Vor uns aber
 würden die dortigen Griechen den meisten Respekt haben, wenn wir überhaupt nicht
 kämen oder ihnen höchstens unsere Macht einmal zeigten und dann gleich wieder
 abzögen. Sollten 
 wir aber gar eine Niederlage erleiden, so würden sie nnS vollends
 verachten und mit unseren hiesigen Feinden alsbald gemeinshcaftliche Sache gegen
 uns machen. Denn wir alle wissen, wie man das weit Entfernte, bevor man es aus
 eigener Erfahrung kennt, zu bewundern pflegt. So ist es auch euch, 
 Athener, jetzt ja mit den Lakedämoniern und ihren Verbündeten gegangen. Früher
 fürchtetet ihr euch vor ihnen; jetzt aber, wo ihr sie wider Erwarten besiegt
 habt, verachtet ihr sie und wollt sogar Sizilien erobern. Wir sollten uns aber
 durch das Unglück unserer Feinde nicht zum Übermut verführen lassen, 
 sondern froh sein, ihre Pläne vereitelt zu haben. Auch dürfen wir nicht
 vergessen, daß die Lakedämonier, um ihre Schmach auszuwetzen, nach wie vor nur
 darauf sinnen, uns wo­ möglich irgendwie zu demütigen und ihre Ehre wiederher­
 zustellen, grade weil sie von jeher so hohen Wert auf den Ruf der
 Tapferkeit legen. Bei ruhiger Erwägung also handelt es sich für uns jetzt nicht
 um das bißchen Egesta, das nicht mal griechisch ist, sondern darum, uns den
 Lakedämoniern und ihren oligarchischen Gelüsten gegenüber keine Blöße zu
 geben.

„Auch muß man bedenken, daß wir uns erst seit kurzem von der furchtbaren
 Krankheit und vom Kriege etwas erholt und an Wohlstand und Bevölkerung wieder
 zugenommen haben. Da wäre es doch nicht mehr wie recht, daß uns das selbst 
 zugute käme und nicht diesen hergelaufenen Geselten, die andere zu Hilfe rufen,
 ihnen zu eigenem Vorteil auf fremde Gefahr was vorlügen und nichts als leere
 Worte zu bieten haben und, wenn die Sache gut geht, ihnen mit Undank lohnen,
 wenn sie aber fehlschlägt, ihre Freunde mit ins Verderben ziehen werden.
 Und wenn ein gewisser Jemand, froh, daß er zum Feldherrn gewählt, euch zu der
 Unternehmung rät, weil er sich selbst Vorteil davon verspricht, wegen seines
 Marstalls bewundert werden und seinen zerrütteten Vermögens­ verhältnissen
 durch das Amt etwas wieder aufhelfen möchte, der überdies für ein solches Amt
 noch zu jung ist, so gebt ihm nicht die Gelegenheit, auf die Gefahr des
 Vaterlandes mit seiner Person Staat zu machen. Glaubt mir, solche junge 
 Herren sind nicht nur selbst schlechte Hanshalter, sondern auch
 eine Gefahr für das Gemeinwesen. Die Sache aber ist zu wichtig, um der Leitung
 und unbesonnenen Behandlung eines zu jungen Mannes anvertraut zu werden.

„Mit Besorgnis sehe ich grade die als seine Anhänger hier sitzen, und ich
 richte deshalb an die Alteren die dringende Bitte, sich nicht von einem, der
 neben ihnen sitzt, einschüchtern und durch den Vorwurf der Feigheit abhalten zu
 lassen, gegen den Krieg zu stimmen, und nicht etwa gar selbst mit blinder 
 Leidenschaft nach neuen Erwerbungen zu verlangen. Bekannt-1 lich kommt man mit
 Leidenschaft selten zum Zweck, weit eher dagegen mit Besonnenheit. Also, um des
 Vaterlandes willen, das sich jetzt in der Tat in eine Gefahr wie nie zuvor
 stürzen will, stimmt dagegen und beschließt, die sizilischen Griechen 
 sollten uns gegenüber ihre bisherigen Grenzen, - das ionische Meer bei
 Küstenfahrt, das sizilische bei Fahrt durch die hohe See, - selbst aber alle
 ihre Besitzungen behalten und sich unter­ einander vertragen, den Egestern
 insbesondere aber zu eröffnen, da sie sich einmal ohne die Athener auf den Krieg
 mit Selinus eingelassen, möchten sie ihn auch unter sich allein ausfechten, im
 übrigen uns zur Regel zu machen, künftig nicht mehr, wie bisher, Bündnisse
 mit Leuten zu schließen, denen wir in der Not beistehen müßten, von denen wir
 aber, wenn wir selbst Hilfe nötig haben, solche nicht erhalten.

„Und du, Prytan, wenn anders dir das Wohl der Stadt am Herzen liegt und du dich
 um sie verdient machen willst, laß hierüber abstimmen und gib den Athenern
 Gelegenheit, einen neuen Beschluß zu fassen. Und solltest du auch gegen 
 die Zulässigkeit einer wiederholten Abstimmung Bedenken haben, so kannst du dich
 dabei beruhigen, daß ein Verstoß gegen das Gesetz vor so viel Zeugen dir nicht
 den Hals brechen wird. Es ist der Dienst eines Arztes, den du der Stadt nach
 einem schädlichen Beschlusse leistest; es ist die Aufgabe des Vor­ 
 sitzenden, das Wohl des Vaterlandes möglichst zu fördern oder es doch, soviel an
 ihm liegt, vor Schaden zu bewahren."

So sprach Nikias. Von den Rednern, welche nach ihm 
 auftraten, waren die meisten für den Krieg nnd gegen eine neue
 Abstimmung, einige freilich auch entgegengesetzter Meinung. Am eifrigsten für
 den Krieg aber ging Alkibiades, KleiniaS' Sohn, ins Zeug, teils um Nikias zu
 widersprechen, weil er überhaupt sein politischer Gegner war und er ihn in
 seiner Rede persönlich angegriffen hatte, teils aber auch und haupt­ 
 sächlich deshalb, weil er gern Feldherr werden wollte und als solcher Sizilien
 und Karthago zu unterwerfen, glücklichenfalls aber auch für seine Person Ruhm
 und Reichtum dabei zu ernten hoffte. In der Stadt spielte er eine große Rolle,
 und für vornehme Liebhabereien, für Pferde und andere kostspielige Dinge,
 gab er mehr aus, als seine Mittel erlaubten, was dann ja nachher auch ein
 Hauptgrund des Zusammenbruchs des athenischen Staates wurde. Denn nach dem, was
 er bei dem wilden Leben seinem Körper bot, und den hochfliegenden Plänen,
 womit er bei allem, was er anfaßte, zu Werke ging, fürchtete man in der
 Bürgerschaft, er strebe nach der Tyrannis, und trotz der Verdienste, die er sich
 in der Verwaltung des Kriegswesens um die Stadt erworben hatte, nahm man persön­
 lich an seiner Lebensweise solchen Anstoß, daß man die Führung des Krieges
 nicht ihm, sondern anderen übertrug und dadurch den Staat sehr bald zu Fall
 brachte. Nun trat er auf und redete die Athener also an:

„Mir kommt es eher als anderen zu, Feldherr zu werden, Athener, - denn damit
 muß ich beginnen, da Nikias es be­ stritten, - und ich glaube auch, das Zeug
 dazu zu haben. Denn was mich hier in schlechten Ruf gebracht hat, grade 
 das gereicht mir und meinen Vorfahren zur Ehre und dem Vaterlande zum Vorteil.
 Denn die Griechen, welche bis dahin meinten, unsere Stadt sei durch den Krieg
 völlig er­ schöpft, gewannen infolge meines glänzenden Auftretens bei den
 olympischen Spielen eine noch über ihre wirkliche Macht hinausgehende
 Vorstellung von ihrer Größe. Mit sieben Wagen beteiligte ich mich am Rennen, wie
 das vor mir noch nie ein Privatmann getan, und gewann den ersten, den zweiten
 und den vierten Preis und trat dann auch weiter so auf, wie es 
 sich nach einem solchen Siege gehörte. So etwaS ist allemal eine
 Ehre und, daß man es leisten kann, ein Beweis unserer Macht. Und die hier in der
 Stadt von mir bei Aufführung von Chören und anderen Gelegenheiten entfaltete
 Pracht, die natürlich den Neid der Städter erregt, dient ebenfalls dazu, 
 den Fremden unsere Macht vor Augen zu führen. Wenn einer nicht nur zu eigenem
 Vergnügen, sondern auch zum Vorteil des Staates viel Geld ausgibt, so ist das
 doch eine sehr er­ sprießliche Unbesonnenheit, und es ist kein Unrecht, wenn
 solch ein Glückskind sich dann fühlt und für was Besonderes hält, wie ja
 auch der Unglückliche sein Los mit niemand teilt. Wie man den Unglücklichen
 links liegen läßt, so kann man es auch dem Glücklichen nicht verdenken, wenn er
 uns über die Achsel ansieht. Hält man ihn aber für nichts besser als andere, so
 darf man an ihn auch keine höheren Ansprüche machen. Ich weiß wohl, daß
 alle solche Männer, die sich durch glänzende Eigenschaften irgendwie hervortun,
 besonders von ihren Standes­ genossen, aber auch von anderen, die mit ihnen in
 Berührung kommen, bei Lebzeiten scheel angesehen werden, daß aber nach 
 ihrem Tode manch einer, auch der es gar nicht ist, mit ihnen verwandt sein will,
 und ihre Vaterstadt, weit entfernt, sie zu verleugnen oder zu verdammen, sich
 ihrer rühmt und mit Stolz die Ihrigen nennt. Nun seht zu, ob ich, der ich auch
 darnach strebe und deshalb für meine Person vershcrien werde, die 
 Geschäfte der Stadt etwa schlechter besorge als andere. Habe ich euch doch ohne
 große Gefahr und Kosten das Bündnis mit den mächtigsten peloponnesischen Staaten
 zustande gebracht und die Lakedämonier genötigt, an dem Tage bei Mantinea 
 alles auf einen Wurf zu setzen. Die Schlacht freilich haben sie damals gewonnen,
 aber ihrer Sache trauen sie noch immer nicht recht.

„Und das hat der junge Mann mit der maßlosen Un­ besonnenheit, für den man mich
 hält, euch durch geschickte Verhandlung mit den peloponnesischen Mächten
 fertiggemacht und sich dabei durch sein persönliches Auftreten ihr Vertrauen
 erworben. Fürchtet also auch jetzt meine Jugend und meine 
 Unbesonnenheit nicht, sondern macht euch, solange ich noch bei 
 voller Kraft bin nnd ihr auf Niklas' Glück schwört, die Vor­ teile zunutze, die
 ihr von uns beiden haben könnt. Ändert auch den Beschluß wegen des Zuges nach
 Sizilien nicht etwa aus Furcht, wir würden es dort mit einer gewaltigen Macht
 zu tun haben. Die Bevölkerung der dortigen Städte ist nicht aus einem Guß,
 sondern guteuteils von auswärts zugewandert, und man ist dort mit
 Verfassungsänderungen und Aufnahme Fremder immer leicht bei der Hand. Darum
 versieht sich auch niemand, wie wenn er wirklich ein Vaterland hätte, zu dessen
 Schutze oder auch nur für seine Person gehörig mit Waffen, und man sorgt
 nicht für ordentliche Einrichtungen im Lande, sondern jedem ist es an dem genug,
 was ihm als Redner oder Parteiführer aus dem Stadtsäckel in die Tasche geflossen
 und was er schlimmstenfalls mit über die Grenze nehmen kann. Es ist sehr
 unwahrshceinlich, daß solches Pack einem Redner einmütig zuhören oder sich zu
 einer gemeinsamen Unternehmuug aufraffen wird. Vermutlich würden die Leute, je
 nachdem man ihnen etwas nach dem Munde redet, unshcwer für uns zu haben
 sein, zumal wenn dort, wie wir hören, zwei Parteien miteinander im Streit
 liegen. Auch haben sie lange nicht so viel Soldaten, wie es immer heißt. Hat
 sich doch heraus- gestellt, daß auch die übrigen griechischen Staaten viel
 weniger hatten, als sie selbst angaben. Man hatte sich eben in dieser 
 Beziehung in Griechenland gewaltig getäuscht und in diesem Kriege kaum Soldaten
 genug. So liegen die Dinge da drüben nach allem, was ich von Hörensagen davon
 weiß, und sie werden sich für uns noch günstiger gestalten; denn wir können
 darauf rechnen, daß viele der dortigen Barbaren aus Haß gegen die
 Syrakuser mit uns gemeinshcaftliche Sache gegen sie machen werden. Auch die
 hiesigen Verhältnisse werden das nicht hindern, wenn ihr die Sache richtig
 anfaßt. Haben es doch unsere Väter mit alle den Feinden, die, wie man euch sagt,
 während eines solchen Feldzuges hier über uns herfallen werden, und dazu
 auch noch mit den Persern zu tun gehabt und trotzdem ihre Herrschaft
 aufgerichtet, und zwar lediglich vermöge ihrer 
 Überlegenheit zur See. Auch sind die Aussichten der Pelo­ ponnesier
 uns gegenüber niemals schlechter gewesen als jetzt. Freilich, wenn sie alle
 Kräfte aufbieten, sind sie immer im­ stande, uns ins Land zu fallen, auch wenn
 wir nicht nach Sizilien gehen; zur See aber werden sie uns auch dann nichts
 anhaben können, weil wir immer noch Schiffe genug hier be­ halten, um
 ihnen die Spitze zu bieten.

„Wie könnten wir eine so zaghafte Politik vor unS selbst und vor unseren
 dortigen Bundesgenossen rechtfertigen, wollten wir ihnen nicht zu Hilfe kommen?
 Nachdem wir uns ihnen einmal eidlich verpflichtet, müssen wir ihnen auch helfen
 und dürfen nicht einwenden, daß sie uns ja auch nicht hülfen. Denn nicht
 deshalb haben wir sie als Bundesgenossen ange­ nommen, um uns hier von ihnen
 helfen zu lassen, sondern um durch sie einen Druck auf unsere dortigen Feinde zu
 üben und diese dadurch zu hindern, uns hier anzugreifen. Wie alle 
 mächtigen Staaten eben auch, sind wir dadurch zur Macht gelangt, daß wir
 Griechen und Barbaren, wenn sie uns darum an­ gingen, stets bereitwillig unsere
 Hilfe gewährten. Wenn man sich nicht rührt oder erst lange untersucht, ob man
 einem als Stammesgenossen auch helfen müsse, hat es mit der Erweite­ rung
 unserer Macht kurze Wege, ja wir laufen Gefahr, sie völlig zu verlieren. Gegen
 einen mächtigen Feind setzt man sich nicht nur zur Wehr, wenn er uns angreift,
 sondern sucht sich auch schon vorher gegen seinen Angriff zu sichern. Wir sind
 nicht in der Lage, im voraus zu bemessen, wie weit wir unsere Herrschaft
 ausdehnen wollen, aber, nachdem wir es einmal so weit gebracht, sind wir
 gezwungen, nicht nur die alten Er­ oberungen festzuhalten, sondern auch auf neue
 auszugehen, weil wir gewärtigen müssen, wenn wir nicht über andere 
 herrshcen, selbst unter fremde Herrschaft zu geraten. Wir dürfen uns auch nicht
 wie andere der Ruhe hingeben, wenn wir nicht überhaupt die Rolle mit ihnen
 tauschen wollen. Also, weil wir darauf rechnen können, unsere hiesige Macht zu
 mehren, wenn wir nach Sizilien gehen, laßt uns den Zug dahin unter­ 
 
 nehmen, damit wir den Hochmut der Peloponnesier dämpfen, wenn sie
 sehen, daß wir unS aus der Ruhe nichts machen und jetzt sogar eine Flotte nach
 Sizilien schicken. Gelingt eS uns aber, dort festen Fuß zu fassen, so haben wir
 alle Aus­ sicht, ganz Griechenland unserer Herrschaft zu unterwerfen oder
 wenigstens die Syrakuser so zu schwächen, wie es unserem Interesse und dem
 unserer Bundesgenossen entspricht. Die Sicherheit aber, wenn die Sache gut geht,
 uns dort zu be­ haupten oder auch wieder abzuziehen, gewährt unS die Flotte;
 denn zur See werden wir auch der Gesamtheit der sizilischen immer
 überlegen sein. Laßt euch auch durch Nikias nicht irremachen, wenn er euch zum
 Schlaraffenleben verführen und zwischen Alten und Jungen Zwietracht säen will,
 sondern so wie unsere Väter in einträchtigem Zusammenwirken von jung und
 alt die Stadt groß gemacht haben, so sucht auch ihr jetzt ihre Macht zu mehren,
 und glaubt nur, daß Jugend und Alter ohne einander nichts können, die richtige
 Mischung von etwas Leichtsinn, Manneskraft und bedächtiger Überlegung aber das
 Höchste vermag. Und wie es jedem geht, so zehrt auch eine Stadt, wenn sie
 sich völlig zugibt, letztlich an ihrem eigenen Fette, und ihre Kräfte
 verkümmern, während sie im Kampfe beständig zulernt und sich gewöhnt, mit dem
 Degen statt mit Worten zu fechten. Ja, ich bin völlig davon überzeugt, daß 
 grade eine Stadt, welche bisher die Tätigkeit selbst war, am ersten zu Fall
 kommt, wenn sie sich der Untätigkeit ergibt, und daß man da am sichersten fährt,
 wo man an den alten Sitten und Gewohnheiten, selbst wenn an ihnen dies oder
 jenes aus­ zusetzen wäre, am zähesten festhält."

So Alkibiades. Die Athener wurden unter dem Eindruck seiner Rede und der Bitten
 der Egester und der vertriebenen Leontiner, welche nun auch auftraten und sie
 bei ihrem Eide beschworen, ihnen zu Hilfe zu kommen, noch weit mehr als 
 schon vorher auf den Zug versessen. Nikias aber, welcher einsah, daß er mit
 seinen früheren Gründen nichts mehr aus­ richten würde, sie jedoch, wenn er
 ihnen die gewaltigen An­ forderungen und Kosten einer solchen Unternehmung
 vorstellte, 
 vielleicht noch anderes SinneS zu machen hoffte, trat nun nochmals
 auf und sagte:

„Da ich wohl sehe, Athener, daß ihr unbedingt für den Krieg seid, mit dem eS
 unS hoffentlich nach Wunsche geht, will ich euch auch sagen, waS ich unter
 diesen Umständen für nötig halte. Wir stehen vor einem Kriege gegen eine Anzahl
 meines Wissens großer und mächtiger, völlig unabhängiger Städte, die sich
 durchaus nicht nach Änderungen sehnen, wie man sie, um eine drückende Herrschaft
 loszuwerden, willkommen heißt, Städte, die gewiß keine Lust haben, ihre Freiheit
 mit unserer Herrschaft zu vertauschen, darunter für die eine Insel eine
 Menge griechische. Denn außer NaxoS und Katana, die bei ihrer Verwandtschaft mit
 den Leontinern hoffentlich mit unS gehen werden, sind da sieben andere, die für
 den Krieg gradeso gut gerüstet sind wie wir, vor allem Selinus und 
 Syrakus, auf die eS bei unserem Zuge hauptsächlich abgesehen ist. Sie haben
 schweres Fußvolk, Bogen- und Speerschützen die Menge, zahlreiche Kriegsschiffe
 und Leute genug, sie zu bemannen. Geld haben sie auch, teils selbst, teils in
 den Tempeln von Selinus, die Syrakuser außerdem durch Steuern, welche
 verschiedene barbarische Völker von alterS her an sie zahlen. WaS sie aber
 besonders vor unS voraus haben, ist der Reichtum an Pferden, und daß sie ihr
 Getreide im eigenen Lande erzeugen und nicht von auswärts einzuführen
 brauchen.

„Gegen eine solche Macht ist eS nicht genug an der Flotte und einer Handvoll
 Seesoldaten, sondern eS gehört auch ein starkes Landheer dazu, wollen wir dort
 etwas aus­ richten und nicht Gefahr laufen, durch die zahlreiche Reiterei 
 an der Landung verhindert zu werden, zumal wenn die Städte auS Furcht vor unS
 zusammenhalten sollten und wir außer den Egestern dort nicht noch andere
 Bundesgenossen fänden, die unS mit Reiterei auShelfen könnten. ES wäre
 schimpflich, wenn wir gezwungen wären, wieder abzuziehen oder, weit wir 
 unS nicht von vornherein gehörig vorgesehen, Verstärkungen nachkommen zu lassen.
 Wir müssen unS also gleich hier mit allem reichlich versehen und
 berücksichtigen, daß eS sich um 
 einen Zug in ein fernes Land handelt, ein ander Ding, wie wenn ihr
 hier inmitten eurer Untertanen mit euren Bundes­ genossen gegen einen Feind zu
 Felde zieht, wobei die nötigen Zufuhren aus Freundestand leicht zu haben sind.
 Dort aber seid ihr auf ein völlig fremdes, feindliches Land angewiesen, 
 von wo zur Winterzeit nicht einmal ein Bote in vier Monaten so leicht würde
 herüberkommen können.

„Meiner Ansicht nach also müssen wir viel schweres Fuß­ volk mitnehmen, sowohl
 aus Athen selbst wie aus den Ländern unserer Bundesgenossen und Untertanen und
 was wir davon aus dem Peloponnes an Freiwilligen und Söldnern bekommen 
 können, aber auch zahlreiche Bogenschützen und Schleuderer, um die feindliche
 Reiterei in Schach zu halten. Weiter müssen wir eine sehr überlegene Flotte
 haben, schon der ungehinderten Zufuhr der Lebensmittel wegen, auch von hier auf
 Lastschiffen Getreide, Weizen und geröstete Gerste, sowie eine Anzahl aus 
 den Mühten nach Verhältnis zwangsweise ausgehobener be­ zahlter Bäcker
 mitnehmen, damit es in Zeiten, wo die Schiff- fahrt ruht, nicht an Lebensmitteln
 für das Heer fehlt. Denn bei der Menge der Truppen wird nicht jede Stadt
 imstande sein, sie zu verpflegen. Überhaupt müssen wir uns mit allem 
 Nötigen möglichst versehen und uns nicht auf andere ver­ lassen, vor allen
 Dingen aber einen Sack voll Geld mit­ nehmen. Was davon in Egesta zu haben sein
 soll, ist ver- mutlich Fabel.

„Denn wenn wir dort auch in allem, abgesehen von ihrer Überlegenheit an
 schwerem Fußvolk, mit gleichen oder gar größeren Kräften auftreten, so werden
 wir selbst dann nur mit Mühe imstande sein, die Gegner zu besiegen und unseren
 Bundesgenossen durchzuhelfen. Man muß nur bedenken, daß wir unsere Truppen
 gegen eine Stadt inmitten einer uns feindlichen, tsammesfremden Bevölkerung
 schicken, wo sie gleich am Tage der Landung festen Fuß fassen oder darauf
 rechnen müssen, wenn es mißlingt, das ganze Land in Waffen gegen sich zu
 haben. Das sind meine Bedenken, und so viel weiß ich, daß ihr euch die Sache
 nicht nur sehr überlegen müßt, 
 sondern daß es noch weit mehr auf das Glück ankommt, mit dem/
 solange wir Menschen sind, nicht zu spaßen ist. Des­ halb möchte ich mich
 möglichst wenig auf das Glück verlassen, sondern sicher gehen und mich nur mit
 genügenden Kräften auf die Fahrt begeben. Damit würde sowohl der ganzen Stadt
 als auch uns, die wir den Zug mitmachen müssen, am besten gedient sein.
 Ist jemand anderer Meinung, so trete ich ihm mein Amt ab."

Das sagte Nikias, um die Athener mit Rücksicht auf die Weitsichtigkeit des
 Unternehmens zur Änderung ihres Be­ schlusses zu bewegen oder, wenn er dennoch
 hinaus müßte, dabei wenigstens möglichst sicher zu gehen. Die Athener aber 
 ließen sich durch die Größe der erforderlichen Rüstungen von ihrem Vorhaben
 nicht abbringen, sondern wurden nur um so eifriger drauf erpicht, so daß er
 grade daS Gegenteil von dem erreichte, was er bezweckte. Sie gaben ihm nämlich
 recht und glaubten nun vollends, die Sache unbedenklich unter­ nehmen zu
 können. Alle ohne Unterschied wurden von dem Verlangen ergriffen, den Zug
 mitzumachen, die Älteren, weil sie dort auf Eroberungen hofften oder doch an die
 Möglichkeit des Unterliegens einer so gewaltigen Macht nicht glaubten; die
 Jüngeren aber sehnten sich, das ferne Land kennen zu lernen und etwas von der
 Welt zu sehen, indem sie selbst mit dem Leben davonzukommen hofften; den
 gemeinen Mann endlich lockte die Aussicht, als Soldat sogleich ein Stück Geld zu
 ver­ dienen und aufAusdehnung der Macht der Stadt und auf die sich ihm
 dadurch auch weiterhin bietende Gelegenheit zu Söldner­ diensten. Durch dies
 ungestüme Verlangen der Mehrheit ließ mancher sich abhalten, das Wort zu nehmen,
 auch wenn er nicht einverstanden war, aus Furcht, wenn er dagegen stimmte, 
 für einen schlechten Bürger gehalten zu werden.

Endlich trat ein Athener vor und forderte Nikias auf, er möge nur gleich mit
 der Sprache herauskommen und hier vor der ganzen Versammlung sagen, was man ihm
 an Streit­ kräften bewilligen solle. Der erwiderte, wenn auch ungern, er
 würde das allerdings lieber erst in Ruhe mit seinen Mit­ 
 feldherren besprechen; soweit er indessen die Sache augenblick­ 
 lich übersähe, müßte man mindestens hundert Kriegsschiffe ein­ stellen. Zum
 Transport der Truppen könne man sich nach Gutdünken eigener Schiffe bedienen und
 andere von den Bundesgenossen kommen lassen. An schwerem Fußvolk auS Athen
 und den BundeSstaaten müsse man im ganzen wenigstens fünftausend Mann haben, ja,
 wenn irgend möglich, noch mehr, dazu die übrigen Waffengattungen in
 entsprechender Menge, sowohl Bogenschützen auS Athen und Kreta, alS Schleuderer,
 auch alles, waS sonst noch nötig schiene, beschaffen und mit­ nehmen.

Hierauf beschlossen die Athener sogleich, den Feldherren unbeschränkte
 Vollmacht zu erteilen, sich in betreff der Menge der Truppen und des ganzen
 ZugeS so einzurichten, wie sie eS im Interesse der Athener für geboten hielten.
 Und nun begannen die Rüstungen; man schickte zu den Bundesgenossen und
 verzeichnete die dienstfähige Mannschaft im eigenen Lande. Die Stadt hatte sich
 von der Pest und dem langen Kriege bereits erholt; eS war reichlicher Nachwuchs
 an junger Mann­ schaft und infolge der FriedenSjahre wieder Geld genug vor­
 handen, so daß alles leicht beschafft werden konnte. Man rüstete also in
 Athen zum Kriege.

Zu der Zeit aber wurden in der Stadt den meisten jener viereckigen tseinernen
 Hermen, wie sie nach LandeSsitte vielfach an den Eingängen der Bürgerhäuser und
 der Tempel tsehen, in einer Nacht die Gesichter abgeschlagen, und niemand 
 wußte, wer daS getan hatte. Man forschte nach den Tätern, setzte von Staats
 wegen hohe Belohnungen für die Angeber auS und beschloß zugleich, daß jeder, der
 um einen anderweit verübten derartigen Frevel wisse und ihn zur Anzeige brächte,
 straflos bleiben sollte, er sei Bürger, Fremder oder Sklave. Die Sache
 wurde sehr ernst genommen; denn man glaubte, sie sei von Vorbedeutung für den
 Feldzug, oder sie hinge mit einer Verschwörung zusammen, die eS auf
 Verfassungsände­ rungen und den Sturz der Demokratie abgesehen habe.

Solche Anzeigen gingen denn auch von Schutzverwandten 
 und Bedienten mehrfach ein, allerdings nicht wegen der Her­ men,
 wohl aber über andere, schon früher von ausgelassenen jungen Leuten in der
 Trunkenheit verübten Roheiten an Bildsäulen, und außerdem auch darüber, daß in
 verschiedenen Häusern die Mysterien nachgemacht und verspottet würden. 
 Solche Beschuldigungen wurden auch gegen Alkibiades er­ hoben und namentlich von
 denen aufgegriffen, die sich darüber ärgerten, daß er ihrem Einflüsse beim Volke
 im Wege stand, und, wenn sie seine Verbannung durchsetzten, die erste Rolle
 zu spielen hofften. Sie suchten die Sache deshalb möglichst aufzubauschen
 und lagen den Leuten in den Ohren, daß es bei den Mysterien und der
 Verstümmelung der Hermen auf den Sturz der Demokratie gemünzt gewesen sei und er
 immer mit dahintergesteckt habe, wobei sie sich zum Beweise auf sein auch
 sonst nichts weniger als volksfreundliches wildes Treiben beriefen.

Er wies diese Beschuldigungen zunächst als unbegründet zurück und erklärte sich
 bereit, vor der Abfahrt, zu der schon alles eingeleitet war, sich einer
 gerichtlichen Entscheidung zu unterwerfen; würde er schuldig befunden, wolle er
 Strafe leiden, würde er freigesprochen, im Amte bleiben. Auch bat er
 dringend, während seiner Abwesenheit keine Beschuldigungen gegen ihn anzunehmen,
 sondern, wenn er schuldig sei, ihn lieber gleich zum Tode zu verurteilen;
 jedenfalls sei es rich­ tiger, ihn unter solchem Verdacht, bevor darüber
 gerichtlich entschieden, nicht an der Spitze eines so bedeutenden Heeres 
 hinauszuschicken. Seine Feinde fürchteten jedoch, wenn man ihn jetzt vor Gericht
 stellte, würde das Heer für ihn ein­ genommen und das Volk geneigt sein, ihn
 frei ausgehen zu lassen, zum Dank dafür, daß er die Argeier und eine Anzahl
 Mantineer bewogen, sich an dem Zuge zu beteiligen. Sie suchten das deshalb
 abzuwenden und dadurch zu hintertreiben, daß sie andere Redner vorschickten,
 welche beantragen mußten, ihn jetzt gleich mit abfahren zu lassen und die
 Untersuchung bis auf eine bestimmte Frist nach seiner Rückkehr zu ver­ 
 schieben. Sie beabsichtigten nämlich, ihn noch schwererer 
 Vergehen zu beschuldigen, die sie während seiner Abwesenheit 
 leichter ausfindig zu machen hofften, ihn dann abberufen zu lassen und ihm nach
 der Rückkehr den Prozeß zu machen. Es wurde auch beschlossen, Alkibiades solle
 abfahren.

Darnach, erst um die Mitte des Sommers, ging die Flotte nach Sizilien unter
 Segel. Die meisten Bundesgenossen, die Proviantschiffe sowie die kleineren und
 alle sonstigen, dem Be­ darf der Flotte dienenden Fahrzeuge hatten Befehl, sich
 zu­ nächst bei Kerkyra zu sammeln, um von dort vereint über das Ionische
 Meer nach dem Iapygischen Vorgebirge zu fahren. Die Athener selbst aber und eine
 Anzahl Bundesgenossen, welche noch in der Stadt geblieben waren, zogen an dem
 dazu bestimmten Tage gegen Sonnenaufgang nach dem Peiraieus hinunter, um
 sich dort einzuschiffen. Alle Welt sozusagen, was immer an Einheimischen und
 Fremden in der Stadt war, zog mit. Die Einwohner gaben den Ihrigen, Freunden
 und Söhnen, das Geleit voller Hoffnung und unter Tränen, - würden sie dort
 Schätze sammeln, würde man sich jemals wiedersehen? - es war ja eine so weite
 und gefährliche Fahrt in die Ferne, welche sie antraten.

In diesem Augenblick, wo sie angesichts der bevorstehenden Gefahren Abschied
 nahmen, trat ihnen der furchtbare Ernst der Sache weit lebhafter vor die Seele
 als damals, wo sie für den Zug stimmten. Aber beim Anblick der sich hier vor
 ihren Augen entfaltenden gewaltigen Rüstung faßten sie dann doch wieder
 guten Mut. Die Fremden und die Massen waren mit hinausgezogen, um sich das
 großartige Schauspiel des Auszugs zu einer so außerordentlichen Unternehmung
 anzu­ sehen. Denn eine so kostspielige und prächtige Flotte war bis dahin
 noch nie von einer einzigen griechischen Stadt ausgerüstet und in See geschickt.
 Allerdings war die Flotte, mit welcher Perikles nach Epidauros und nachher
 Hagnon nach Potidäa ging, an Zahl der Schiffe und Hopliten ebenso groß;
 denn damals hatten viertausend Hopliten, dreihundert Reiter und hundert Trieren
 aus Athen selbst, fünfzig Trieren aus Lesbos und Chios und außerdem zahlreiche
 Bundesgenossen 
 die Fahrt mitgemacht. Damals aber hatte es sich nur um kürzere
 Fahrten gehandelt, und die Ausrüstung war dürftig gewesen. Diesmal aber galt es
 eine Unternehmung auf längere Zeit, bei der man sich für alle Fälle sowohl mit
 Schiffen wie mit Landtruppen versehen hatte. Die Flotte war mit großen 
 Kosten, teils durch die Trierarchen, teils von Staats wegen aus­ gerüstet. Der
 Staat zahlte der Mannschaft an Bord täglich je eine Drachme und stellte die
 leeren Schiffe, sechzig Kriegs­ schiffe und vierzig Transportschiffe für die
 Truppen, nebst den eigentlichen Seeleuten, die Trierarchen aber gaben den 
 Ruderknechten der obersten Bank und den Seeleuten Zulagen zu ihrem Solde aus der
 Staatskasse und statteten ihre Schiffe auch sonst noch durch kostbare Abzeichen
 und Einrichtungen aus, wobei einer den anderen zu überbieten suchte, damit 
 sein Schiff sich durch Schönheit und Schnelligkeit hervortäte. Das Landheer aber
 bestand aus ausgesuchten Leuten, die es durch Bewaffnung und schmucke
 Erscheinung einander zuvor­ zutun suchten. So kam es, daß die Sache nicht nur
 unter ihnen selbst zugleich zu einem Wettstreit wurde, indem jeder seines
 Orts Ehre einlegen wollte, sondern auch nach außen den Eindruck machte, als
 handle es sich nicht sowohl um einen Feldzug in Feindes Land als darum, den
 Griechen die Macht und den Reichtum Athens vor Augen zu führen. Wollte man
 berechnen, was der Staat und die einzelnen Teilnehmer des ZugeS dafür
 aufgewandt, - der Staat, was er schon aus­ gelegt und den Feldherren mitgegeben,
 die einzelnen, was sie für ihre Person, die Trierarchen für ihre Schiffe schon
 aus­ gegeben hatten oder noch weiter ausgeben wollten, außerdem was
 natürlich jeder zu eigenem Bedarf für einen längeren Feldzug außer seinem
 staatlichen Solde als Reisegeld mit­ nahm, auch was mancher Soldat oder
 mitreisende Handels­ mann zum Umsatz bei sich führte, - so würde man ifnden,
 daß es alles in allem viele, viele Talente waren, die damals auS der Stadt
 hinauswanderten. Auch wurde dieser Auszug durch das Staunenswerte des
 Unterfangens und das pracht- volle Schauspiel, daS er bot, nicht minder berühmt
 wie durch 
 die Überlegenheit der Heeresmacht über den Feind, gegen den es
 ging; war doch noch niemals eine Fahrt in weite Ferne mit einer tsolzeren Flotte
 und mit größeren Hoffnungen auf neue Erweiterung der athenischen Macht
 unternommen worden.

Nachdem die Mannschaft eingeschifft und alles, was mit­ sollte, verladen war,
 wurde mit der Trompete „Stillschweigen" geblasen und das vor der Abfahrt übliche
 Gebet verrichtet, nicht auf jedem Schiffe besonders, sondern so, daß es dem
 Herold in eins nachgesprochen wurde. Auf der ganzen Flotte wurden 
 Mischkrüge angesetzt und von der Mannschaft und den Be­ fehlshabern aus goldenen
 und islbernen Bechern Trankopfer gebracht. Auch die mit hinausgezogenen Bürger
 und teil­ nehmenden Freunde am Lande beteten alle mit. Als das Opfer
 beendet und der Paian angestimmt war, wurden die Anker gelichtet. Anfangs fuhr
 man in Kiellinie; dann aber, schon bis Ägina, ruderte man um die Wette, um so
 schnell wie möglich nach Kerkyra zu kommen, wo die übrigen Schiffe der
 Bundesgenossen sich ja sammeln sollten. 
 Nach Syrakus aber gelangte von allen Seiten die Nachricht, die Flotte sei
 unterwegs, längere Zeit aber wollte niemand daran glauben. Auch in einer
 Volksversammlung, die man hielt, waren die Meinungen geteilt; während die einen
 die Nachricht für wahr hielten, andere das Gegenteil behaup­ teten, trat
 auch Hermokrates, Hagnons Sohn, der genau Bescheid zu wissen glaubte, in der
 Versammlung auf und sagte:

„Vielleicht werdet ihr mir so wenig wie anderen glauben, wenn ich euch sage,
 daß es mit dem Kommen der Flotte seine Richtigkeit hat. Ich weiß wohl, daß man
 Leute, welche unglaubliche Nachrichten bringen oder verbreiten, auslacht 
 oder wohl gar für Narren hält. Das soll mich jedoch nicht abhalten, angesichts
 einer der Stadt drohenden Gefahr, über die ich in der Tat besser als andere
 unterrichtet zu sein glaube, das Wort zu nehmen. Die Athener sind nämlich
 wirklich, so unglaublich es euch scheint, mit einer großen Flotte und zahl­ 
 reichen Landungstruppen hierher unterwegs, angeblich um Egesta
 beizustehen und Leontinoi wiederherzustellen, in Wahr­ heit aber, weil sie es
 auf Sizilien und namentlich auf uns abgesehen haben, indem sie meinen, wenn sie
 uns erst hätten, würde es ihnen ein leichtes sein, sich zu Herren der ganzen
 Insel zu machen. Sie werden auch bald genug hier sein. Überlegt euch also,
 wie ihr euch ihrer mit den vorhandenen Mitteln am,besten erwehren könnt, um
 nicht aus Unterschätzung der Gefahr ihnen wehrlos zur Beute zu fallen oder
 infolge eurer Ungläubigteit überhaupt daS Nachsehen zu haben. Aber auch
 wer daran glaubt, daß die Athener unterwegs seien, darf sich durch ihre Macht
 und Kühnheit nicht schrecken lassen; denn eher werden sie selbst zuschanden
 werden, als unS unterkriegen. Es ist auch gar kein Unglück, daß sie mit solcher
 Macht kommen; im Gegenteil, es gereicht unS das bei den übrigen Griechen
 hier im Lande zum Vorteil; denn die werden sich auS Furcht davor um so
 bereitwilliger auf unsere Seite schlagen, und wenn wir die Athener dann
 bezwingen oder doch vertreiben, ohne daß sie ihren Zweck erreicht, - und daß
 sie den erreichen, fürchte ich wahrlich nicht, - so bedeutet das für unS
 einen glänzenden Erfolg, auf den ich wenigstens meinerseits zuversichtlich
 hoffe. Große überseeische Unter­ nehmungen der Griechen und Barbaren sind selten
 glücklich abgelaufen. Die Fremden sind ja doch den Landesein­ wohnern und
 ihren Nachbarn, die aus Furcht alle zusammen­ halten, an Zahl nicht überlegen,
 und wenn sie dann im Auslande nichts mehr zu leben haben und ihre Unternehmung
 fehlschlägt, so hat, auch wenn sie ihr Unglück meist selbst verschuldet
 haben, daS Volt, auf das es abgesehen war, hinter­ drein dann doch den Ruhm
 davon. Das ist ja auch den Athenern selbst zugute gekommen, nachdem der
 angeblich gegen Athen gerichtete Zug der Perser wider Erwarten so 
 unglücklich verlaufen war, und hoffentlich wird eS unS jetzt auch so gehen.

„Also nur Mut! Wir müssen nicht nur hier zum Kriege rütsen, sondern auch zu den
 Sikelern senden, um die, welche 
 schon zu uns halten, noch fester an uns zu knüpfen, und die anderen
 womöglich zu einem Bündnis zu bewegen, auch an die übrigen Mischen Städte
 Gesandte schicken, um ihnen über die auch ihnen drohende Gefahr die Augen zu
 öffnen; ebenso nach Italien, damit man sich dort zu Bündnissen mit uns 
 versteht oder doch den Athenern die Häfen verschließt. Ich meine, wir sollten
 auch nach Karthago schicken. Denn die Karthager müssen darauf gefaßt sein und
 leben in beständiger Furcht, daß die Athener eines schönen Tags vor ihrer Stadt
 erscheinen. Vielleicht sagen sie sich, daß es ihnen übel be­ kommen
 könnte, wenn sie uns bei dieser Gelegenheit im Stich ließen, und entschließen
 sich, uns irgendwie, sei es offen oder wenigstens unterderhand, zu unterstützen.
 Dazu sind die Karthager, wenn sie wollen, augenblicklich mehr als andere 
 imstande. Denn sie haben Gold und Silber in Hülle und Fülle, was ja im Kriege
 wie überall so wesentlich mitspricht. Auch nach Lakedämon und Korinth müssen wir
 schicken und bitten, uns nicht nur hier schleunigst zu Hilfe zu kommen, 
 sondern auch dort die Feindseligkeiten wieder aufzunehmen. Was ich aber zurzeit
 für das Wichtigste halte, will ich euch doch auch sagen, obgleich ich dabei,
 ruhselig, wie ihr nun einmal seid, wohl am wenigsten schon jetzt auf eure
 Zustim­ mung rechnen kann. Wenn wir sizilischen Griechen sämtlich oder
 doch möglichst viele mit uns alles, was wir an Schiffen haben, flott machen und
 auf zwei Monate mit Lebensmitteln versehen wollten und damit den Athenern bis
 nach Tarent oder an das Japygische Vorgebirge entgegenführen, so würden 
 wir ihnen zeigen, daß es mit ihrem sizilischen Kriege nichts ist, ehe sie nicht
 glücklich über das Ionische Meer sind. Da­ durch würden wir sie kopfscheu machen
 und ihnen zu Gemüte führen, daß wir auf dem Posten sind und uns dabei auf 
 Freundesland stützen können; denn Tarent wird uns auf­ nehmen. Während sie mit
 Sack und Pack die weite Fahrt über See machen müssen, wobei sie auf die Dauer
 die Ord­ nung schwerlich aufrechterhalten könnten, hätten wir die beste 
 Gelegenheit, ihre langsam und bei kleinem herankommende 
 Flotte anzugreifen. Auch wenn sie ihre Kriegsschiffe erleich­ 
 terten, sich aufs Rudern legten und damit geschlossen gegen uns vorgingen,
 würden wir es nur mit überanstrengten Leuten zu tun haben, und wenn uns auch daS
 bedenklich schiene, uns immer nach Tarent zurückziehen können. Sie aber würden,
 wollten sie, um eine Schlacht zu liefen, ihre Fahrt ohne reichliche
 Lebensmittel fortsetzen, an Orten, wo es nichts zu leben gäbe, Hunger leiden
 oder, wenn sie dort liegen blieben, entweder von uns eingeschlossen werden oder,
 wenn sie ver­ suchen sollten, durchzubrechen, ihre Transportflotte im Stich
 lassen müssen und in Ermangelung von Städten, wo sie mit Sicherheit auf
 Verpflegung rechnen könnten, ihren Plan auf­ geben. Mit Rücksicht darauf, glaube
 ich, werden sie, wenn wir ihnen den Weg versperren, gar nicht von Kerkyra auf­
 brechen, sondern sich die Sache erst überlegen und Nachrichten einziehen,
 wie stark und wo wir sind, und dadurch bis in den Winter aufgehalten werden
 oder, verblüfft durch die uner­ wartete Wendung der Dinge, die Fahrt überhaupt
 aufgeben, zumal, wie ich höre, ihr erfahrenster Feldherr den Oberbefehl 
 nur ungern übernommen hat und sehr geneigt sein wird, sich hinter jedes ernste
 Hindernis von unserer Seite zurückzuziehen. Und so viel weiß ich, das Gerücht
 würde daraus noch mehr machen. Die Stimmung der Menschen aber richtet sich nach
 dem, was sie hören. Man fürchtet niemand mehr als einen Gegner, der zuerst
 den Degen zieht oder wenigstens keinen Zweifel darüber läßt, daß er bereit ist,
 dem Angreifer die Spitze zu bieten, weil man überzeugt ist, daß auch er seinen
 Mann stehen wird. So wird es jetzt wahrscheinlich auch den Athenern gehen.
 Sie kommen hierher in dem Glauben, wir würden uns nicht wehren, und haben guten
 Grund, so gering­ schätzig von uns zu denken, weil wir den Lakedämoniern nicht
 geholfen haben, sie niederzukämpfen. Wenn sie nun sehen, daß es uns dazu
 an Mut nicht fehlt, so wird dies unerwartete Ereignis mehr Eindruck auf sie
 machen als unsere wirkliche Macht. Folgt also meinem Rat und entschließt euch zu
 diesem kühnen Schritt, oder wenn das nicht, so richtet euch wenigstens 
 sonst auf den Krieg ein. Davon aber könnt ihr alle über­ zeugt
 sein, daß mutiges Auftreten der beste Beweis ist, man fürchte den Feind nicht;
 und daß auch wir am sichersten gehen, wenn wir uns angesichts der kommenden
 Gefahr beizeiten wappnen, wie wenn der Feind schon vor den Toren wäre. Die
 Herren Athener wollen uns zu Kleide und sind, wie ich bestimmt weiß, schon
 unterwegs: sie werden nicht lange auf sich warten lassen."

So redete Hermvkrates. Unter den Syrakusern aber kam es zu heftigem Streit. Die
 einen behaupteten, die Athener würden auf keinen Fall kommen, und was Hermv­
 krates sage, sei nicht wahr; die anderen, wenn sie auch kämen, was würden
 sie ihnen denn tun können, was sie nicht zehnmal wiederkriegten? Nur wenige
 waren es, welche Hermvkrates glaubten und mit Sorge in die Zukunft sahen. Da
 trat Athenagoras, der Führer der Volkspartei und zurzeit bei der großen
 Menge der einflußreichste Mann, vor ihnen auf und sagte:

„Wer nicht wünscht, daß die Athener so töricht sind, hierherzukommen, um sich
 bei uns die Finger zu verbrennen, ist entweder ein Feigling, oder er meint eS
 nicht ehrlich mit der Stadt. Wenn man aber solche Nachrichten verbreitet 
 und euch damit bange machen will, so wundere ich mich nicht über die
 Dreistigkeit, sondern über den Unverstand, zu glauben, man merke die Absicht
 nicht. Weil man selbst ein schlechtes Gewissen hat, will man die ganze Stadt in
 Angst versetzen, um im Schatten der allgemeinen Furcht gute Ge­ schäfte zu
 machen. Weiter hat es jetzt auch mit diesen Ge­ rüchten nichts zu bedeuten. Sie
 sind nicht von ungefähr ent­ standen, sondern von Leuten erfunden, die uns mit
 ihren Treibereien beständig in Atem halten. Ihr dürft euch aber eure
 Ansicht über die Glaubwürdigkeit solcher Gerüchte nicht darnach bilden, was sie
 euch aufbinden, sondern nach dem, was ein so geriebenes und vielerfahrenes Volk,
 wofür ich die Athener halte, vermutlich tun wird. Und da ist es doch sehr
 unwahrscheinlich, daß sie die Peloponnesier hinter sich 
 lassen und, bevor sie den dortigen Krieg wirklich beigelegt haben,
 sich in einen neuen, nicht minder gefährlichen Krieg stürzen werden; ja, ich
 glaube, sie werden schon froh sein, wenn wir, alle die mächtigen Städte hier,
 nicht auch über sie herfallen.

„Hätte eS aber wirklich mit der Behauptung, daß sie kämen, seine Richtigkeit, so
 wäre Sizilien meiner Meinung nach eher imstande, einen Krieg durchzuführen als
 der Pelo­ ponnes, weil es dafür in jeder Beziehung besser versehen ist; ja,
 unsere Stadt würde schon allein der angeblich jetzt im Anzüge befindlichen Macht,
 selbst wenn sie nochmal so stark wäre, weit überlegen sein. Pferde, das weiß ich,
 haben sie nicht bei sich, und die würden sie sich bis auf ein paar aus 
 Egesta auch hier nicht verschaffen können. Auch bringen sie aus der Flotte nicht
 genug schweres Fußvolk mit, um uns damit gewachsen zu sein. Eine solche Fahrt
 hierher ist ja schon für leichte Schiffe keine Kleinigkeit, und nun gar der 
 ungeheure Troß, den sie zum Kriege gegen eine solche Stadt mitschleppen müssen.
 Ja, ich bin sogar der Ansicht, daß sie selbst dann, wenn sie bei ihrer Ankunft
 hier in der Nähe eine andere Stadt, so groß wie Syrakus fänden, in der sie 
 sich für den Krieg einrichten könnten, schwerlich der Vernich­ tung entgehen
 würden, und nun vollends, wenn sie ganz Sizilien, daS doch zusammenhalten wird,
 gegen sich haben und sich, nur mit dem Notdürftigsten versehen, von ihrem, 
 von den Schiffen aus geschlagenen Zeltlager aus Furcht vor unserer Reiterei nicht
 weit vorwagen dürften. Kurz und gut, ich glaube, sie werden hier im Lande nicht
 einmal festen Fuß fassen können; so sehr sind wir ihnen, meiner Über­ 
 zeugung nach, an Streitkräften überlegen.

„Sicherlich wissen die Athener das so gut wie ich, und sie werden sich schon in
 acht nehmen. Es sind Leute von hier, die solche unwahren und niemals
 eintreffenden Nachrichten erfinden, und das nicht zum erstenmal, sondern ich
 weiß, daß sie schon immer darauf ausgehen, durch solche und noch weit 
 ruchlosere Lügen und Treibereien unser Volk in Schrecken zu 
 setzen, um sich der Herrschaft über die Stadt zu bemächtigen. Und
 ich fürchte in der Tat, daß es ihnen damit schließlich gelingen wird, weil wir
 nicht den Mut haben, ihnen auf den Dienst zu passen und, wenn wir sie ertappt,
 ihnen den Prozeß zu machen, bevor sie uns das Fell über die Ohren ziehen. 
 Eben darum kommt unsere Stadt auch nie zur Ruhe; beständig gibt es hier innere
 Zwistigkeiten, und wir haben an Kämpfen unter uns mehr als an Kämpfen gegen
 äußere Feinde zu leiden, hin und wieder sogar Tyrannei und Säbelherrschaft zu
 erdulden. Ich werde, wenn ihr mir folgen wollt, mein mög­ lichstes tun,
 daß es euch diesmal nicht auch so geht, und euch allen hier mit gutem Rat zu
 dienen suchen; jene Hetzer und Wühler aber sollen mir dafür büßen; nicht nur
 wenn sie auf der Tat ertappt werden - denn das trifft sich so leicht nicht 
 sondern auch schon dafür, was sie im Schilde führen, aber nicht ins Werk setzen
 können. Denn dem Gegner muß man nicht erst in den Arm fallen, wenn er zuschlägt,
 sondern schon wenn er dazu ausholt, sonst hat man den Hieb weg, ehe man 
 sichs versieht. Unseren vornehmen Herren aber, soweit sie schuldig sind, werde
 ich den Beweis nicht schuldig bleiben, auf die übrigen aber ein scharfes Auge
 haben und sie auf bessere Wege zu bringen suchen. Denn so glaube ich am ersten,
 ihrem ruchlosen Treiben ein Ende machen zu können. Und nun eine Frage, die
 ich mir schon oft vorgelegt habe: Was wollt ihr denn eigentlich, ihr jungen
 Herren? Verlangt euch schon nach Ämtern und Würden? Das ist wider das Gesetz.
 Das Gesetz aber geht davon aus, daß ihr dazu vermutlich noch nicht fähig 
 seid, und ist keineswegs gemeint, euch, wenn ihr dazu befähigt seid, hinter
 andere zurückzusetzen. Für euch also soll das ge­ meine Recht nicht gelten? Wie
 wäre es zu rechtfertigen, wollte man nicht alle nach gleichen Grundsätzen
 behandeln?

„Man sagt wohl, die Demokratie sei weder vernünftig noch gerecht, und die
 Reichen seien vorzugsweise befähigt, den Staat zu regieren. Ich aber sage
 einmal, unter Demos ver­ steht man das Ganze, unter Oligarchie aber nur ein
 einzelnes Glied, und weiter, die Reichen sind die besten Schatzmeister, 
 die Gescheitesten die besten Ratsherren, das ganze Volk aber ist am
 besten imstande, über die ihm gemachten Vorschläge daS entscheidende Wort zu
 sprechen; sie alle aber kommen, im einzelnen wie im ganzen, in der Demokratie zu
 ihrem Recht. In der Oligarchie dagegen muß das ganze Volk die Gefahren 
 mittragen, während die Vorteile einigen wenigen nicht nur überwiegend, sondern
 ausschließlich zugute kommen. Darnach aber streben hier bei uns die Mächtigen
 und die jungen Herren, und das kann sich ein großes Gemeinwesen auf die Dauer
 nicht gefallen lassen.

„Seht ihr immer noch nicht ein, ihr Unverbesserlichen, was ihr damit für Unheil
 anrichtet, so seid ihr unter allen mir bekannten Griechen die ärgsten
 Strohköpfe; wenn ihr es aber einseht und doch darnach trachtet, die größten
 Verbrecher. Also laßt euch belehren und nehmt Vernunft an, fördert auch 
 ihr das Gemeinwohl unserer Stadt und bedenkt, daß die Gut­ gesinnten unter euch
 gleichen, ja noch größeren Vorteil davon haben werden als die große Menge
 unserer Mitbürger, auch daß ihr Gefahr lauft, alles zu verlieren, wenn ihr nicht
 gut­ tun wollt. Gebt es auf, solche Nachrichten zu verbreiten; denn man
 merkt es ja doch, was ihr damit bezweckt, und wird es nicht zulassen. Wenn die
 Athener wirklich kommen, wird unsere Stadt sich schon wehren, wie es ihrer
 würdig ist, und wir haben Feldherren, die dafür sorgen werden. Ist eS aber 
 nicht wahr, - wie denn auch ich nicht daran glaube, - so wird sie sich durch
 eure Nachrichten nicht irremachen lassen und euch nicht an die Spitze stellen,
 um sich freiwillig unter euer Joch zu begeben. Vielmehr wird sie selbst daS Heft
 in Händen behalten, eure Reden für Taten nehmen, euch vor Gericht stellen
 und eure Pläne zunichte machen. Durch solche Spiegelfehctereien wird sie sich
 nicht um ihre Freiheit bringen lassen, sondern auf ihrer Hut sein und sie mit
 dem Schwerte zu verteidigen suchen."

So Athenagoras. Hierauf erhob sich einer der Feldherren und redete, ohne jemand
 weiter daS Wort zu geben, die Ver­ sammlung nunmehr seinerseits also an: 
 
 „Es ist nicht wohlgetan, daß man sich hier einander ver­ dächtigt,
 und daß ihr dem bereitwillig euer Ohr leiht. Statt dessen sollten wir, nachdem
 wir die Nachricht erhalten, alle­ samt, jeder einzelne und die ganze Stadt,
 lieber bedacht sein, uns auf mutige Abwehr des feindlichen Angriffs
 einzurichten. Und wenn das auch wirklich nicht nötig wäre, so wird eS doch 
 nicht schaden, die Stadt mit Rossen und Waffen und sonstigem kriegerischen
 Schmuck zu versehen. Die dazu erforderlichen Vorbereitungen werden wir treffen,
 auch Gesandte an die anderen Städte schicken, sowohl um Erkundigungen
 einzuziehen, als auch um die etwa weiter zweckmäßigen Schritte zu tun. Zum
 Teil ist das Nötige schon in die Wege geleitet, und wenn wir weitere Nachrichten
 erhalten, werden wir sie euch mitteilen." 
 Nach diesen Worten des Feldherrn wurde die Versammlung entlassen.

Inzwischen waren die Athener und ihre Bundesgenossen sämtlich in Kerkyra
 eingetroffen. Die Feldherren musterten zunächst ihre Streitkräfte von neuem und
 teilten sie ein, so wie sie später landen und sich lagern sollten. Sie bildeten
 drei Geschwader, deren jedes sie einem von ihnen durchs Los zuteilten,
 damit es nicht für alle zusammen unterwegs an Wasser und Häfen und an
 Lebensmitteln an den Landungsplätzen fehle, aber auch um überhaupt bessere
 Ordnung halten zu können und den Befehlshabern ihre Aufgabe zu erleichtern, wenn
 jede Ab­ teilung ihren eigenen Feldherrn hätte. Darauf schickten sie nach
 Italien und Sizilien drei Schiffe voraus, um sich zu er­ kundigen, welche Städte
 sie aufnehmen würden, mit dem Be­ fehl, ihnen wieder entgegenzukommen, damit sie
 wüßten, wo sie anlaufen könnten.

Hierauf brachen die Athener nun wirklich von Kerkyra auf und fuhren nach
 Sizilien hinüber, und zwar in folgender Stärke: Sie hatten im ganzen
 hundertvierunddreißig Trieren und zwei rhodische Funfzigruderer, darunter
 hundert attische, und zwar sechzig schnelle, die übrigen als Transportschiffe
 für die Truppen, die anderen aus Chios und den übrigen Bundes­ 
 staaten, - schweres Fußvolk im ganzen fünftausendeinhundert Mann,
 darunter fünfzehnhundert Athener aus der Bürgerstamm­ rolle, siebenhundert aus
 der Klasse der Tagelöhner (Thetes) als Seesoldaten, die übrigen teils von den
 abhängigen Bundes­ genossen, fünfhundert Mann, von Argos und Mantinea gestellt,
 und zweihundertfunfzig Söldner, - Bogenschützen im ganzen 
 vierhundertachtzig, davon die achtzig aus Kreta, - siebenhundert Schleuderer aus
 Rhodos, hundertzwanzig leichtbewaffnete Flücht­ linge aus Megara und ein für
 Pferde eingerichtetes Schiff mit. dreißig Reitern an Bord.

Das die Kriegsmacht, mit der sie zu Anfang hinüberzogen. Dazu kamen dreißig
 Lastschiffe, auf denen sich die Lebensmittel, so wie die Bäcker, Maurer und
 Zimmerleute mit dem nötigen Schanzzeug befanden, und in deren Gefolge noch
 hundert zwangs­ weise ausgehobene kleinere Fahrzeuge. Außerdem hatten sich 
 zahlreiche Lastschiffe und sonstige Fahrzeuge zu Handelszwecken dem Zuge
 freiwillig angeschlossen. Das alles setzte sich nun von Kerkyra über das
 Ionische Meer in Bewegung. Als die Athener mit der ganzen Flotte am Japygischen
 Vorgebirge und bei Tarent oder wie es sich eben traf, Italien erreicht hatten,
 fuhren sie an der Küste entlang, wobei die Städte dort ihnen Markt und
 Tore verschlossen und lediglich Wasser und Anker- grund, Tarent und Lokroi
 selbst das nicht gewährten. Endlich kamen sie nach Rhegion an der Südspitze von
 Italien, wo sie sich sammelten. Da man sie dort nicht einließ, schlugen 
 sie außerhalb der Stadt beim Tempel der Artemis ein Lager auf, wo man ihnen auch
 einen Markt eröffnete, zogen die Schiffe ans Land und lagen einstweilen still.
 Mit den Rhegiern nüpften sie Verhandlungen an und forderten sie auf, auf 
 Seite der Leontiner zu treten, die ja auch wie sie Chalkidier wären. Die
 erklärten jedoch, sie würden sich zu keiner Partei halten, sondern sich darnach
 richten, was die übrigen italischen Griechen gemeinschaftlich beschließen
 würden. Die Athener aber überlegten, auf welche Weise sie unter diesen Umständen
 in Sizilien am besten zu ihrem Zweck kommen könnten, und warteten zugleich
 auf die Rückkehr der nach Egesta voraus­ 
 geschickten Schiffe, um zu hören, ob es mit dem, was die Bot­ 
 schafter in Athen von dem Gelde dort gesagt, seine Richtigkeit habe.

Inzwischen hatten die Syrakuser von allen Seiten und auch durch ihre
 Kundschafter bereits die Nachricht erhalten, daß die Flotte bei Rhegion wäre,
 und da sie nunmehr daran nicht länger zweifeln konnten, rüsteten sie sich mit
 allem Eifer zum Kriege. Sie schickten zu den Sikelern, um ihre Unter­ 
 tanen zu überwachen und mit den anderen Verbindungen an­ zuknüpfen, legten
 Besatzungen in die Wachthäuser im Land­ gebiete, musterten in der Stadt das
 Fußvolk und die Reiterei, zu sehen, ob alles in gutem Stande sei, und richteten
 sich überhaupt auf einen baldigen und unmittelbar bevorstehenden Krieg
 ein.

Die drei vorausgeschickten athenischen Schiffe kamen von Egesta nach Rhegion
 mit der Nachricht zurück, daß dort von den verheißenen Schätzen, bis auf dreißig
 Talente, die sich vor­ gefunden, nichts vorhanden sei. Den Feldherren war es von
 vornherein verdrießlich, daß ihnen das gleich anfangs in die Quere kam,
 auch daß die Rhegier nicht mit ihnen gehen wollten, die sie zuerst auf ihre
 Seite zu ziehen gesucht, und auf die sie um so sicherer gerechnet, da sie
 Stammverwandte der Leontiner waren und mit den Athenern immer auf gutem Fuß
 gestanden hatten. Nikias freilich hatte von den Egestern nichts anderes
 erwartet, die beiden anderen aber wollten es kaum glauben. Die Egester hatten
 sich damals, als die ersten Ge­ sandten von Athen zu ihnen kamen, um sich nach
 ihren Schätzen umzusehen, einer List bedient. Sie hatten sie nämlich in 
 den Tempel der Aphrodite auf dem Eryx geführt und ihnen die Weihgeschenke
 gezeigt, Schalen, Kellen, Rauchfässer und allerlei andere Geräte, die von Silber
 und geringem Wert waren, aber einen übertriebenen Eindruck von ihren Reichtümern
 auf sie machten. Sie hatten auch die Schiffsmannschaft in ihren Häusern zu
 Tisch geladen und dabei goldene und silberne Becher, die sie aus der ganzen
 Stadt und anderen griechischen und phönizischen Städten zusammengeliehen,
 aufgesetzt, wie 
 wenn sie dem Hausherrn gehörten. Meist diente dazu dasselbe 
 Geschirr, und da es überall in solcher Menge zum Vorschein kam, hatte das bei
 den athenischen Seeleuten große Ver­ wunderung erregt, und sie hatten bei ihrer
 Rückkehr in Athen nicht genug davon zu erzählen gewußt, wieviel Gold und 
 Silber sie dort gesehen. Diese armen Schelme, die damals selbst hinters Licht
 geführt waren und auch andere in solchen Glauben versetzt hatten, wurden jetzt,
 wo es bekannt geworden, daß es mit den Schätzen in Egesta nichts war, von den
 Soldaten arg verhöhnt und mit Vorwürfen überhäuft. Die Feldherren aber
 berieten miteinander, was nunmehr zu tun sei.

Nikias war dafür, mit der ganzen Flotte nach Selinus zu fahren, gegen das sie
 ja zunächst ausgesandt seien. Wenn die Egester die Kosten für daS Ganze
 bestreiten wollten, so könnte man sich danach einrichten; anderenfalls müsse man
 verlangen, daß sie die Verpflegung für die von ihnen erbetenen sechzig
 Schiffe übernähmen, und so lange vor Selinus bleiben, bis es sich entweder aus
 freien Stücken zum Frieden mit Egesta verstehen oder dazu gezwungen sehen würde;
 ebenso solle man auch die anderen Städte anlaufen, um ihnen die Macht der
 Athener zu zeigen und deren Eifer für ihre Freunde und Bundesgenossen zu
 beweisen, dann aber wieder nach Hause fahren, es sei denn, daß sich alsbald
 unverhofft Gelegenheit böte, etwas für Leontinoi zu tun oder eine der anderen
 Städte auf seine Seite zu ziehen; die eigene Stadt aber dürfe man nicht in
 Gefahr und Kosten stürzen.

Alkibiades dagegen sagte, nachdem man mit einer so mächtigen Flotte ausgefahren
 sei, dürfe man nicht schimpflich wieder abziehen, ohne etwas ausgerichtet zu
 haben. Vielmehr solle man alle Städte bis auf Syrakus und Selinus durch 
 Herolde beschicken, auch die Sikeler zum Abfall von Syrakus zu bewegen, die
 unabhängigen auf seine Seite zu bringen suchen, um Lebensmittel und Soldaten von
 ihnen zu erhalten. Zunächst aber müsse man das unmittelbar an der Meerenge 
 für eine Landung in Sizilien so günstig gelegene, auch als Hafenplatz und
 Stützpunkt für weitere Unternehmungen äußerst 
 wertvolle Messene zu gewinnen suchen. Erst wenn man die Städte
 gewonnen und wisse, inwieweit man sie auf seiner Seite haben werde, sei eS dann
 an der Zeit, Syrakus und Selinus anzugreifen, falls dieses sich nicht mit Egesta
 ver­ tragen, jenes den Leontinern ihre Stadt nicht wieder ein­ räumen
 wolle.

Lamachos aber meinte, man müsse sich ohne weiteres gegen Syrakus wenden und
 baldmöglichst in der Nähe der Stadt eine Schlacht liefern, solange man dort
 darauf nicht vorbereitet und noch nicht wieder zur Besinnung gekommen sei. 
 Im ersten Augenblick sei ein Heer immer am furchtbarsten. Warte man zu lange,
 ehe man sich blicken lasse, so fasse der Gegner wieder Mut, und auch der Anblick
 sei ihm nicht mehr so furchtbar. Wenn man also die Syraknser jetzt, solange sie
 noch in banger Erwartung seien, unversehens angreife, so habe man die
 meiste Aussicht, sie zu besiegen und sie sowohl durch den Anblick, der Masse,
 mit der man auftrete, als auch durch die Furcht vor dem, was ihnen bevorstehe,
 besonders vor der ihnen unmittelbar drohenden Schlacht, völlig aus der 
 Fassung zu bringen. Wahrscheinlich seien viele von ihnen noch draußen auf dem
 Felde geblieben, weil sie nicht an die An­ kunft der Athener geglaubt; aber auch
 wenn sie ihre Habe in die Stadt geschafft, werde das Heer keinen Mangel leiden,
 wenn es sich nach dem Siege vor die Stadt lege. Um so eher würden dann
 auch die übrigen Griechen in Sizilien sich nicht ihnen, sondern den Athenern
 anschließen und nicht erst ab­ warten, wer von beiden die Oberhand behielte. Für
 den Fall eines Rückzugs müsse man das zurzeit unbesetzte Megara zum 
 Standort für die Flotte machen, wohin es von Syrakus zu Wasser und zu Lande
 nicht weit sei.

Nachdem Lamachos sich in diesem Sinne geäußert, schloß er sich dann doch der
 Meinung des Alkibiades an. Alkibiades aber fuhr nun gleich mit seinem Schiffe
 nach Messene hinüber und verhandelte dort über ein Bündnis; als man darauf 
 jedoch nicht einging, sondern erklärte, draußen wolle man den Athenern wohl
 einen Markt eröffnen, in die Stadt einlassen 
 aber könne man sie nicht, fuhr er wieder ab nach Rhegion. Nun
 bemannten die Feldherren sofort sechzig, aus allen drei Geschwadern entnommene
 Schiffe, versahen sie mit Lebens­ mitteln und fuhren damit nach Naxos, während
 die übrige Flotte und einer von ihnen bei Rhegion zurückblieb. Von Naxos,
 wo sie in die Stadt eingelassen wurden, fuhren sie nach Katana und von da, wo
 man sie nicht einließ, weil eS dort manche mit Syrakus hielten, weiter an den
 Fluß Terias, wo sie übernachteten. Von hier gingen sie am folgenden Tage in
 Kiellinie nach Syrakus unter Segel. Sie schickten jedoch zehn Schiffe
 voraus, um in den großen Hafen einzulaufen und sich darnach umzusehen, ob schon
 Schiffe zu Wasser gelassen wären, und um dort nahe am Lande von Bord aus
 öffentlich aus­ rufen zu lassen, sie wären Athener und kämen, um die Leon­ 
 tiner, ihre Bundesgenossen und Stammverwandten, in ihre Stadt zurückzuführen;
 die in Syrakus befindlichen Leontiner hätten also nichts zu fürchten und würden
 von den Athenern mit offenen Armen aufgenommen werden. Nachdem sie daS 
 bekanntgemacht und sich die Stadt, die Häfen und das Gelände,, von wo der
 Angriff erfolgen mußte, angesehen hatten, fuhren sie wieder nach Katana
 zurück.

Unterdessen wurde in Katana eine Volksversammlung ge­ halten und beschlossen,
 das Heer nicht einzulassen, jedoch den Feldherren zu gestatten, in die Stadt zu
 kommen und ihr An­ liegen vorzubringen. Während nun Alkibiades dort redete 
 und die Einwohner durch die Volksversammlung in Anspruch genommen waren,
 erbrachen die Soldaten ein schlecht einge­ bautes Mauerpförtchen, drangen in die
 Stadt und erschienen auf dem Markte. Als die nicht sehr zahlreichen Anhänger
 der Syrakuser in Katana das eingedrungene fremde Kriegs­ volk erblickten,
 gerieten sie so in Schrecken, daß sie sich gleich aus dem Staube machten, die
 anderen aber beschlossen, sich mit den Athenern zu verbünden, und forderten sie
 auf, auch ihre übrige Kriegsmacht von Rhegion kommen zu lassen. Hierauf
 brachen die Athener, nachdem ein Schiff die Meldung nach Rhegion gebracht, mit
 der ganzen Flotte von dort 
 nach Katana auf und richteten hier, als sie angelangt, ihr Lager
 ein.

Da erhielten sie die Nachricht auS Kamarina, daß dieses, wenn sie dort
 hinkämen, wahrscheinlich zu ihnen übergehen würde, und daß die Syrakuser jetzt
 ihre Schiffe bemannten. Sie segelten also mit ihrer ganzen Flotte an der Küste
 entlang, zunächst nach Syrakus, und als sie hier nichts von bemannten 
 Schiffen sahen, fuhren sie weiter nach Kamarina, hielten auf den Strand zu und
 knüpften durch einen Herold Verhand­ lungen an. Die Kamariner aber nahmen sie
 nicht auf, sondern erklärten, nach den bestehenden Verträgen hätten sie die
 Athener aufzunehmen, wenn sie mit einem Schiffe kämen, aber nicht, wenn
 sie eine große Flotte hinterherschickten. So fuhren sie unverrichteter Sache
 wieder ab und landeten an der syra­ kusischen Küste, wo sie sich ans Plündern
 machten. Als jedoch die syrakusische Reiterei gegen sie vorging und einige ver­
 sprengte Leichtbewaffnete niederhieb, zogen sie wieder ab nach Katana.

Hier trafen sie die Salaminia, die von Athen gekommen war mit dem Auftrage,
 Alkibiades abzuberufen, um sich wegen der dort gegen ihn erhobenen
 Beschuldigungen zu verant­ worten, und mit ihm eine Anzahl seiner Leute, welche
 auch wegen Verspottung der Mysterien oder wegen Beteiligung an dem
 Hermenfrevel angegeben worden waren. Die Athener hatten nämlich, auch nachdem
 die Flotte abgefahren war, doch noch eine Untersuchung eingeleitet und ohne
 Rücksicht auf die Glaubwürdigkeit der Angeber jeder Verdächtigung Raum ge­ 
 geben. Auch völlig unbeshcoltene Bürger hatten sie auf das Zeugnis schlechter
 Menschen hin ohne weiteres festgenommen und inS Gefängnis geworfen in der
 Meinung, es sei besser, die Sache zu untersuchen und aufzuklären, als wegen der
 Schlechtigkeit des Angebers einen auch anscheinend noch so rechtschaffenen
 Mann, den man bezichtigt, ohne Untersuchung laufen zu lassen. Denn das Volk, das
 immer gehört hatte und wußte, wie drückend die Herrschaft des Peisistratos und
 seiner Söhne schließlich geworden, und wie diese obendrein 
 nicht mal durch Harmodios und die Bürger selbst, sondern durch die
 Lakedämonier gestürzt waren, lebte in beständiger Furcht und witterte überall
 Gefahren.

Der Tyrannenmord Harmodios' und AristogeitonS war nämlich durch eine
 Liebesgeschichte veranlaßt, auf die ich hier ausführlicher eingehen will, um zu
 zeigen, wie ungenau alles ist, was man auswärts und in Athen selbst über die
 Tyrannen und jenes Ereignis erzählt. 
 Nachdem Peisistratos als Tyrann in hohem Alter gestorben war, gelangte nicht
 Hipparchos, wie man gewöhnlich glaubt, sondern Hippias als ältester Sohn zur
 Regierung. i Harmodios war damals ein bildschöner, junger Mann und Aristogeiton,
 ein Bürger aus dem Mittelstande, sein begünstigter Liebhaber. Hipparchos,
 Peisistratos' Sohn, aber machte ihm auch Anträge, hatte damit jedoch kein Glück,
 und Harmodios verriet es dem Aristogeiton. Der aber, der das, leidenschaftlich
 verliebt, wie er war, sehr schmerzlich empfand und fürchtete, der mächtige 
 Hipparchos möchte Gewalt gegen ihn gebrauchen, nahm sich gleich vor, alles
 dranzusetzen, um die Tyrannen zu stürzen. - Hipparchos, der auch mit erneuten
 Anträgen bei Harmodios keinen besseren Erfolg gehabt hatte und doch keine Gewalt
 gegen ihn gebrauchen wollte, legte es nun darauf an, ihm bei Gelegenheit
 in unauffälliger Weise, als ob es damit nichts zu tun hätte, einen Schimpf
 zuzufügen. Auch sonst nämlich machte er dem Volke gegenüber von seiner Macht
 keinen ge­ hässigen Gebrauch, sondern suchte jeden Anstoß zu vermeiden. 
 Überhaupt gaben sich ja die Peisistratiden als Tyrannen alle Mühe, gut und
 verständig zu regieren; sie erhoben von den Athenern nur den Zwanzigsten vom
 Einkommen, führten ihre Kriege, verschönerten die Stadt und ordneten ihre
 Festfeiern. Auch im übrigen ließen sie es in Athen bei den bestehenden 
 Gesetzen und sorgten nur dafür, daß immer einer von ihnen unter den Archonten
 war. Einer von diesen, welche das ein­ jährige Archontenamt in Athen
 bekleideten, war auch Peisi­ stratos, der den Namen seines Großvaters führende
 Sohn des Tyrannen Hippias, welcher als Archon den Altar der zwölf 
 Götter auf dem Markte und den Altar deS Apollon beim Pythion
 weihte. Als später das athenische Volt den Altar auf dem Markte durch einen
 Anbau vergrößern ließ, ist die Inschrift daran verschwunden, an dem beim Pythion
 aber ist sie noch jetzt mit unleserlichen Buchstaben zu sehen und lautet: 
 „Hippias' Sohn, der Archon Peisistratos, weihte dies Denkmal Phoibos dem
 pythischen Gott hier in des Tempels Bereich."

Daß aber Hippias der älteste war und zur Regierung gelangte, kann ich bestimmt
 behaupten, da ich darüber genauere Erkundigungen eingezogen habe als andere',
 wie denn dafür auch Folgendes sprechen dürfte. Offenbar nämlich war er der 
 einzige unter seinen ebenbürtigen Brüdern, der Kinder hatte, wie dies der Altar
 und die zum Andenken an die Gewalt­ herrschaft der Tyrannen auf der Burg in
 Athen errichtete Säule beweist, an welcher weder Kinder des Thessalos noch 
 des Hipparchos genannt werden, wohl aber fünf des Hippias, welche ihm von
 Myrrhine, der Tochter des Kallias, Hyperechides' Sohn, geboren waren.
 Wahrscheinlich hat dann doch der älteste zuerst geheiratet. Auch ist er an
 derselben Säule gleich nach seinem Vater ausgeführt, und auch das doch
 wahrshcein­ lich, weil er sein ältester Sohn war und nach ihm zur Regie­ 
 rung kam. Vermutlich hätte auch Hippias sich in dem Augen­ blick nicht so leicht
 als Tyrann behaupten können, wenn Hipparchos, als er ermordet wurde, dies
 gewesen wäre und er sich erst an dem Tage dazu hätte auswerfen müssen. Eben
 weil die Bürger seine Macht und die Söldner seine strenge Zucht schon
 gewohnt waren, behauptete er seine Herrschaft mit voller Sicherheit und nicht
 wie ein jüngerer Bruder, der sich nicht zu helfen weiß, weil er dabei nicht
 hergekommen. Da aber Hipparchos durch sein trauriges Ende so berühmt wurde,
 glaubte man später, er sei damals auch Tyrann gewesen.

Also, um auf Harmodios zurückzukommen, Hippias fügte diesem, weil er ihm nicht
 zu Willen gewesen war, den ihm zugedachten Schimpf zu. Man wies nämlich seine
 Schwester, eine Jungfrau, nachdem man sie erst aufgefordert, bei einem 
 Festzuge einen Korb zu tragen, nachträglich mit dem Bemerken 
 zurück, man habe sie gar nicht aufgefordert, da ihr das nicht zukomme. Harmodios
 empfand das als eine schwere Kränkung, und seinetwegen wurde nun auch
 Aristogeiton vollends Gift und Galle. Die verabredeten alles mit ihren
 Mitverschworenen, warteten aber die großen Athenäen ab, den einzigen Tag, wo
 es kein Aufsehen erregte, wenn die Bürger beim Festzuge alle bewaffnet
 erschienen. Sie selbst sollten den Anfang machen, die übrigen aber gleich bei
 der Hand sein, mit ihnen über die Leibwache herzufallen. Die Zahl der
 Verschworenen war nicht groß, der Sicherheit wegen; sie rechneten nämlich
 darauf, wenn nur erst ein paar mutig vorangingen, so würden sich auch die
 Uneingeweihten, da sie ja Waffen hätten, von selbst am Kampfe für ihre Freiheit
 beteiligen.

Als das Fest herangekommen und Hippias auf dem so­ genannten Topfmarkte vor der
 Stadt inmitten seiner Leibwache eben damit beschäftigt war, den Festzug zu
 ordnen, schritten Harmodios und Aristogeiton, mit Dolchen bewaffnet, zur Aus­
 führung ihres Planes. Da sie jedoch einen ihrer Mitver­ schworenen in
 vertraulichem Gespräch mit Hippias sahen, wie dieser eben für jedermann leicht
 zugänglich war, wurden sie bange und glaubten, sie seien verraten und würden
 jeden Augenblick verhaftet werden. An dem Manne aber, der sie beleidigt
 und um des willen sie das ganze Wagnis unternommen hatten, wollten sie sich
 womöglich vorher noch rächen, und so eilten sie, wie sie waren, durchs Tor in
 die Stadt hinein, trafen Hipparchos beim Leokorion, iselen, der eine aus Eifer-
 sucht, der andere wegen des ihm angetanen Schimpfes, voller Wut
 hinterrücks über ihn her und stachen ihn nieder. Aristo­ geiton gelang es zwar,
 zunächst im Volksgedränge vor der Leibwache zu entkommen, wurde aber später
 ergriffen und übel zugerichtet. Harmodios aber wurde gleich auf der Stelle 
 niedergemacht.

AlS Hippias auf dem Topfmarkte die Nachricht erhielt, begab er sich nicht etwa
 an den Ort der Tat, sondern gradeS­ wegS zu den weiter hinten im Zuge
 befindlichen bewaffneten 
 Bürgern, bevor die Nachricht dort hinten auch an sie gelangte. 
 Ohne sich von dem Vorfall was merken zu lassen, befahl er ihnen, sich ohne ihre
 Waffen an einen von ihm bezeichneten Platz zu verfügen, was diese auch taten in
 der Meinung, er habe ihnen etwas zu sagen. Darauf befahl er seinen Tra­ 
 banten, die Waffen wegzunehmen und ließ jeden, der ihm ver­ dächtig war oder den
 man im Besitz eines Dolches fand, ohne weiteres abführen. Bei den Festzügen
 erschien man nämlich regelmäßig nur mit Speer und Schild.

So war es gekränkte Liebe, was den ersten Anlaß zu der Verschwörung gab, und
 plötzliche Furcht, wodurch Harmodios und Aristogeiton zu dieser unbesonnenen
 Ausführung ihres Unternehmens bestimmt wurden. Seit der Zeit aber lastete 
 die Herrschaft der Tyrannen schwerer auf den Athenern, und Hippias, der jetzt
 ängstlicher geworden war, ließ nicht nur viele Bürger umbringen, sondern sah
 sich zu seiner Sicherheit auch auswärts für alle Fälle nach Verbindungen um.
 Wenigstens gab er seine Tochter Archedike Aiantides, dem Sohne des 
 Tyrannen Hippokles von Lampsakos, zur Frau, trotzdem er ein Athener und der nur
 aus Lampsakos war, weil er gehört, daß sie bei König Dareios großen Einfluß
 hätten. In Lamp­ sakos befindet sich ihr Grabdenkmal mit folgender Inschrift:
 „Diese Asche beschließt Archedike, Hippias' Tochter, Welchen Griechenland
 einst unter die besten gezählt. War sie auch Tochter und Gattin und Schwester
 und Mutter von Fürsten, Hat das ihr edeles Herz doch nicht zum Hochmut
 verführt." Noch drei Jahr behauptete sich Hippias in Athen als Tyrann, im
 vierten aber wurde er von den Lakedämoniern und den aus der Verbannung
 zurückgekehrten Alkmäoniden vertrieben. Nachdem man ihm freien Abzug gewährt,
 begab er sich erst nach Sigeion und dann zu Aiantides nach Lampsakos, von dort
 aber zum König Dareios, von wo er zwanzig Jahr später, schon hochbetagt,
 den Zug der Perser nach Marathon mit­ machte.

Weil das athenische Volk hieran dachte und sich alles, was es davon gehört, ins
 Gedächtnis rief, war es damals so hart und argwöhnisch gegen die, welche wegen
 Verspottung der Mysterien beschuldigt wurden, und glaubte nicht anders, 
 als daß es sich dabei um eine oligarchische Verschwörung oder um Einführung der
 Tyrannei gehandelt habe. Infolge der dadurch hervorgerufenen Erbitterung waren
 schon viele an­ gesehene Männer ins Gefängnis geworfen, und augenscheinlich
 ließ diese auch nicht nach, sondern wurde von Tag zu Tag größer, so daß
 die Verhaftungen kein Ende nahmen. Da ließ sich einer der Gefangenen, der für
 besonders verdächtig galt, durch einen Mitgefangenen bereden, ein Geständnis
 abzulegen, mit dem es nun seine Richtigkeit gehabt haben mag oder nicht. 
 Das eine ist so gut möglich wie das andere; denn wer die wirklich Schuldigen
 gewesen, hat damals und später kein Mensch mit Sicherheit sagen können. Der
 stellte ihm vor, um sein Leben zu retten und der weiteren Schnüffelei in der
 Stadt ein Ende zu machen, müsse er, auch wenn er unschuldig sei, gegen
 Zusicherung von Straflosigkeit die Tat eingestehen. Denn wenn er sich durch sein
 Geständnis Straflosigkeit sichere, habe er eher Aussicht, mit dem Leben
 davonzukommen, als wenn er leugne und vor Gericht gestellt werde. Er gab denn
 auch sich und andere als die Urheber des Hermenfrevels an. Das Volk war
 über dies Geständnis, dem es vollen Glauben schenkte, hocherfreut, während es
 bis dahin sehr ungehalten gewesen war, daß man den Treibereien seiner Feinde
 nicht hatte auf die Spur kommen können. Der Angeber selbst und die übrigen 
 Gefangenen, die er nicht mit angegeben hatte, wurden auch sofort auf freien Fuß
 gesetzt. Den von ihm Angegebenen aber machte man den Prozeß und ließ die
 Gefangenen hinrichten, die Entflohenen aber zum Tode verurteilen und einen Preis
 auf ihren Kopf setzen. Indessen stand es sehr dahin, ob die davon
 Betroffenen nicht mit Unrecht verurteilt waren; immer­ hin war es für die übrige
 Bevölkerung unter den damaligen Umständen eine Wohltat.

Der Hauptschuldige in den Augen der Athener aber war 
 Alkibiades, dessen Feinde, wie sie ihn schon vor seiner Abfahrt 
 angegriffen hatten, beständig gegen ihn hetzten. Seitdem das jetzt bezüglich der
 Hermen ihrer Meinung nach außer Zweifel stand, glaubten sie erst recht, daß auch
 der Mysterienfrevel, dessen er beschuldigt war, von ihm veranstaltet und auch
 dabei eine Verschwörung gegen die Demokratie im Spiel gewesen sei. 
 Zufällig war nämlich grade zu der Zeit, wo man sich in Athen hierüber aufregte,
 ein kleines lakedämonisches Heer auf einem Zuge gegen die Böotier bis an den
 Isthmus gekommen. Nun glaubten die Athener, es komme nicht der Böotier wegen,
 sondern aufsein Betreiben; die Sache sei mit ihm verabredet, und die Stadt
 wäre verraten gewesen, wenn man die Schelme nicht auf Grund jener Angaben noch
 rechtzeitig hinter Schloß und Riegel gebracht hätte. Einmal blieben sie sogar
 über Nacht im Theseustempel in der Stadt unter Waffen. Auch in Argos kamen
 die Freunde des Alkibiades zu der Zeit in den Verdacht volksfeindlicher
 Bestrebungen. Deshalb ließen die Athener damals auch die auf den Inseln
 untergebrachten Geiseln aus Argos dem argeiischen Volke ausliefern, um sie 
 hinzurichten. So gab es gegen Alkibiades Verdacht an allen Ecken und Enden. In
 der Absicht, ihn vor Gericht zu stellen und hinrichten zu lassen, schickte man
 also jetzt die Salaminia nach Sizilien, um ihn und die mit ihm Angegebenen von
 dort abzuholen, mit dem Befehl, ihm zu sagen, er solle mitkommen, um sich
 zu verantworten, ihn jedoch nicht zu verhaften, weil man bei den Truppen in
 Sizilien, den eigenen sowohl wie bei den feindlichen, kein Aufsehen erregen
 wollte, namentlich aber die Mantineer und die Argeier dort zu behalten wünschte,
 die sich, wie man glaubte, eben seinetwegen zur Teilnahme an dem Feldzuge
 entschlossen hatten. Er und seine Mitangeklagten fuhren denn auch auf seinem
 eigenen Schiffe mit der Sala­ minia von Sizilien scheinbar nach Athen ab. Aber
 als sie nach Thurioi gekommen waren, fuhren sie nicht weiter mit, sondern
 verließen das Schiff und hielten sich versteckt aus Furcht vor dem gehässigen
 Prozeß, der ihrer zu Hause wartete. Die Leute von der Salaminia suchten eine
 Zeitlang nach 
 Alkibiades und seinen Gefährten; da diese aber nirgends zu finden
 waren, fuhren sie weiter. Alkibiades, nunmehr ein Flüchtling, fuhr bald nachher
 auf einem Frachtschiffe von Thurioi nach dem Peloponnes hinüber. In Athen aber
 wurde er samt seinen Gefährten abwesend zum Tode verurteilt.

Die beiden anderen athenischen Feldherren in Sizilien teilten darauf ihre
 Streitmacht in zwei Teile, wovon jeder einen durchs Los erhielt, und machten
 sich dann mit der ganzen Flotte nach Egesta und Selinus auf, um sich zu
 vergewissern, ob die Egester das Geld hergeben würden, und zu sehen, wie 
 es mit Selinus und dessen Streitigkeiten mit Egesta stände. Sie segelten, die
 dem Tyrrhenischen Meere zugekehrte Seite Siziliens zur Linken, an der Küste
 entlang nach Himera, der einzigen griechischen Stadt in diesem Teile Siziliens,
 und da man sie hier nicht aufnahm, fuhren sie weiter. Auf der Fahrt 
 eroberten sie Hykkara, eine an der See gelegene sikanische Stadt, die mit Egesta
 verfeindet war. Die Einwohner machten sie zu Sklaven und gaben die Stadt den
 Egestern, die ihnen Reiterei zu Hilfe geschickt hatten. Darauf zogen sie mit dem
 Landheere durch das Gebiet der Sikeler wieder ab nach Katana, während die
 Schiffe mit den Sklaven an Bord um die Insel fuhren. Nikias aber begab sich
 gleich von Hykkara nach Egesta, wo er verschiedene Geschäfte erledigte, auch
 dreißig Talente erhielt, und fand sich darauf bei dem Heere wieder ein. Die
 Sklaven verkauften sie, was ihnen hundertzwanzig Talente einbrachte. Auch
 die zu ihnen haltenden Städte der Sikeler liefen sie an und forderten sie auf,
 ihnen Truppen zu schicken. Mit dem halben Heere zogen sie vor das geleatische
 Hybla, das zu den Feinden hielt, konnten es aber nicht nehmen. Damit
 endete der Sommer.

Gleich im Beginn des folgenden Winters rüsteten sich die Athener zum Angriff
 auf Syrakus, und die Syrakuser schickten sich auch ihrerseits an, gegen die
 Athener zu ziehen. Denn da diese sich nicht, wie sie im ersten Schrecken
 gefürchtet und erwartet hatten, gleich gegen sie gewandt, war ihnen mit 
 jedem Tage der Mut gestiegen. Und nachdem sie gesehen, wie 
 sie sich hinten fern auf der anderen Seite Siziliens mit der 
 Flotte zu schaffen gemacht und dann vergeblich versucht hatten, Hybla mit Sturm
 zu nehmen, wurden sie vollends übermütig und verlangten von ihren Feldherren -
 wie die große Menge es immer macht, wenn ihr der Kamm schwillt -, sie sollten
 sie nach Katana führen, da die Athener nicht nach Syrakus kämen. 
 Syrakusische Reiter, welche das Heer der Athener beständig beobachteten und
 umschwärmten, verhöhnten sie und fragten sie unter anderem spöttisch, sie seien
 wohl hier ins Land ge­ kommen, um sich bei ihnen häuslich niederzulassen und
 nicht, um Leontinoi wieder aufzubauen.

Unter diesen Umständen dachten die Feldherren der Athener die ganze feindliche
 Streitmacht möglichst weit aus der Stadt herauszulocken und unterdessen selbst
 mit der Flotte bei Nacht nach Syrakus zu fahren, um dort ungestört an geeigneter
 Stelle ein Lager aufzuschlagen, was ihnen offenbar nicht so leicht möglich
 gewesen wäre, hätten sie ihre Truppen angesichts der feindlichen Streitmacht
 ausschiffen oder unter den Augen des Feindes zu Lande vorrücken müssen. Denn
 dann hätte die zahlreiche Reiterei der Syrakuser bei ihrem Mangel an 
 Reiterei ihren Leichtbewaffneten und dem Troß sehr gefährlich werden können; so
 aber würden sie imstande sein, einen Platz zu wählen, wo sie von der feindlichen
 Reiterei nicht sonderlich zu leiden hätten. Syrakusische Flüchtlinge, die sich
 ihnen an­ geschlossen, aber machten sie auf den Platz beim Olympieion 
 aufmerksam, den sie dann auch wirklich wählten. Zu dem Ende bedienten sie sich
 nun folgender Kriegslist. Sie schickten nach Syrakus einen Mann aus Katana, auf
 den sie sich ver­ lassen konnten, den aber auch die syrakusischen Feldherren für
 ihre Zwecke brauchen zu können glaubten. Denen erklärte er, er komme im
 Auftrage von Leuten aus Katana, die ihnen dem Namen nach bekannt waren und von
 denen sie wußten, daß sie zu ihren dort noch vorhandenen Anhängern gehörten. Und
 nun sagte er ihnen, die Athener blieben nachtS fern von ihrem Lager in der
 Stadt, und wenn die Syrakuser an einem be­ stimmten Tage mit ihrem ganzen Heere
 in aller Frühe vor 
 dem Lager ershcienen, so würde man die Athener nicht aus der Stadt
 lassen und ihre Schiffe in Brand stecken, sie aber würden alsdann die Palisaden
 leicht erstürmen und sich des Lagers bemächtigen können. In Katana aber würden
 viele dabei gemeinshcaftliche Sache mit ihnen machen, und seine 
 Auftraggeber hätten sich darauf schon eingerichtet.

Die syrakusischen Feldherren, tatendurstig wie sie waren, und ohnedies
 entschlossen, nach Katana zu ziehen, waren un­ vorsichtig genug, dem Menschen
 ohne weiteres Glauben zu schenken, setzten sogleich einen Tag fest, wo sie
 kommen würden, und schickten ihn damit wieder fort, gaben auch ihrerseits 
 Befehl, die gesamte Mannschaft der Syrakuser, bei denen sich auch bereits
 Selinunter und einige andere Bundesgenossen eingefunden hatten, solle sich
 marschbereit machen. Als alles fertig war und die Zeit, wo sie dort sein
 sollten, herankam, traten sie den Marsch nach Katana an und lagerten die Nacht
 im Freien am Flusse Symaithos im Leontinischen. Sobald die Athener
 merkten, daß sie im Anzüge waren, brachen sie mit allen ihren Truppen und den zu
 ihnen gestoßenen Sikelern und sonstigen Verbündeten aus ihrem Lager auf,
 schifften sie auf den Kriegsschiffen und anderen Fahrzeugen ein und gingen 
 damit nach Syrakus unter Segel, wo sie bei Tagesanbruch landeten, um dort in der
 Nähe des Olympieion ein Lager zu schlagen. Als die zuerst bei Katana angelangte
 syrakusische Reiterei gewahr wurde, daß das ganze Heer aufgebrochen war, 
 kehrte sie um und meldete das dem Fußvolke, und nun machte das Ganze kehrt und
 zog wieder nach der Stadt.

Da das ein weiter Weg war, hatten die Athener Zeit, unterdessen in aller Ruhe
 an einer geeigneten Stelle ihr Lager aufzuschlagen, von wo sie nach Belieben zum
 Angriff vorgehen und wo die syrakusischen Reiter ihnen weder im Gefecht noch
 vorher viel anhaben konnten, indem es auf der einen Seite von Mauern,
 Häusern, Bäumen und einem Sumpfe, auf der anderen von steilen Abhängen umgeben
 war. Sie fällten die Bäume in der Nähe und schafften sie an die See, um damit
 ein Pfahlwerk zum Schutz ihrer Schiffe herzustellen, errichteten 
 
 bei Daskon, wo der Feind ihnen noch am ersten hätte bei­ kommen
 können, in der Eile eine Schanze aus Holz und zu­ sammengelesenen Steinen und
 zerstörten die Brücke über den Anapos. Während sie damit beschäftigt waren, kam
 niemand aus der Stadt heraus, um sie daran zu hindern. Die ersten, welche
 ihnen gegenüber erschienen, waren die Reiter der Syra­ kuser, bis sich dann
 später auch ihr ganzes Fußvolk dort an­ sammelte. Anfangs drangen sie bis dicht
 an das Lager der Athener vor; da diese aber nicht herauskamen, zogen sie sich
 hinter die Elorische Straße zurück und übernachteten dort unter freiem
 Himmel.

Am Tage daraus machten sich die Athener zur Schlacht bereit und ordneten dazu
 ihr Heer in folgender Weise. Den rechten Flügel bildeten die Argeier und die
 Mantineer, die Mitte die Athener, den anderen die übrigen Bundesgenossen. 
 Die eine Hälfte ihres Heeres stand, acht Mann hoch, im ersten Treffen, die
 andere, ebenfalls acht Mann hoch, im Viereck bei den Zelten, mit dem Befehl,
 aufzupassen, wo etwa ein Heeresteil in Not käme, und dann zu dessen
 Unterstützung vorzugehen. Die Packknechte hatte man inmitten dieses Vier­ 
 ecks untergebracht. Die Syrakuser stellten ihr aus dem ge­ samten syrakusischen
 Aufgebot und den anwesenden Bundes­ genossen bestehendes schweres Fußvolk
 sechzehn Mann hoch. Die Bundesgenossen, die zu ihnen gestoßen, waren in der
 Hauptsache Selinunter; dazu kamen Reiter aus Gela, im ganzen gegen
 zweihundert, und etwa zwanzig Reiter und gegen fünfzig Bogenschützen aus
 Kamarina. Ihre mindestens zwölfhundert Mann starke Reiterei stellten sie auf den
 rechten Flügel und neben diese die Speerschützen. Als die Athener sich
 anschickten, zuerst anzugreifen, schritt Nikias die Reihen ab, um den Mut seines
 Heeres und der einzelnen Völker­ schaften durch folgende Ansprache zu
 beleben.

„Was brauche ich euch lange Mut einzusprechen, Leute; kämpfen wir doch alle für
 dieselbe Sache! Der treffliche Zustand unserer Truppen, mein' ich, ist an sich
 mehr geeignet Mut zu machen als wohlgesetzte Reden vor einem schwachen 
 Heere. Wo wir hier, Argeier, Athener und die ersten Insel- völker,
 beisammen sind, wie sollte da nicht unter so viel tapferen Waffenbrüdern jeder
 einzelne mit voller Zuversicht aus den Sieg hoffen, zumal wir es mit bloßen
 Bürgerwehren zu tun haben und nicht mit alten Soldaten wie wir, und noch
 dazu mit diesen Sikelioten, die uns zwar verachten, aber uns nicht standhalten
 werden, weil wir uns besser auf den Krieg verstehen als sie. Bedenkt auch, daß
 wir fern von unserer Heimat sind und hier kein Freundesland finden werden, 
 das wir nicht erst mit dem Schwerte gewinnen müßten. Und wenn die Feinde sich,
 wie ich wohl weiß, damit anfeuern, daß eS den Kampf fürs Vaterland gilt, so habe
 ich euch grade umgekehrt daran zu erinnern, daß ihr nicht im Vater­ lande
 kämpft, sondern in einem fremden Lande, wo ihr siegen müßt oder auf dem Rückzüge
 einen schweren Stand haben werdet; denn ihre zahlreiche Reiterei wird uns auf
 den Fersen sein. Macht also eurem alten Ruhm auch heute Ehre und greift
 eure Gegner nur herzhaft an, überzeugt, daß Not und Entbehrungen, womit ihr
 jetzt zu kämpfen habt, schlimmer sind als die Feinde."

Nach dieser seiner Ansprache führte Nikias das Heer sogleich zum Angriff vor.
 Die Syrakuser hatten in dem Augenblick noch nicht darauf gerechnet, daß es schon
 zur Schlacht kommen würde, und da ihnen die Stadt so nahe war, hatten sich
 manche dahin zurückbegeben. Die kamen zwar in aller Eile herbeigelaufen, aber
 doch zu spät, und schlossen sich nun aufs Geratewohl irgendeinem Truppenteile
 an. Denn an gutem Willen und Mut fehlte es ihnen wahr­ lich nicht, weder
 hier noch in den späteren Gefechten. Aber wenn sie auch an Tapferkeit, soweit
 ihre Kriegskunst reichte, ihren Gegnern nicht nachstanden, so wurde doch
 dadurch, daß eS ihnen hieran gebrach, ihre Schneidigkeit im Kampfe un­ 
 willkürlich beeinträchtigt. Obwohl sie nicht geglaubt hatten, daß die Athener
 zuerst angreifen würden, und sie nun Hals über Kopf den Kampf mit ihnen
 aufnehmen müßten, so griffen sie doch zu den Waffen und rückten sogleich gegen
 sie vor. 
 Beiderseits wurde das Gefecht zuerst von den Steinwerfern, 
 Schleuderern und Bogenschützen eröffnet und, wie es bei leichten Truppen in der
 Regel geht, bald der eine, bald der andere Teil zurückgeschlagen. Darauf aber
 brachten Wahr­ sager die üblichen Opfer, und Trompeter gaben dem schweren 
 Fußvolke das Zeichen zum Angriff. Und nun setzte sich dieses in Bewegung, die
 Syrakuser zum Kampf fürs Vaterland, jeder einzelne davon durchdrungen, in diesem
 Augenblick für sein Leben und weiterhin für seine Freiheit zu fechten. Auf 
 Seite der Gegner war es den Athenern darum zu tun, das fremde Land zu
 unterwerfen und ihr eigenes nicht durch den Verlust der Schlacht zu gefährden,
 den Argeiern und den unabhängigen Bundesgenossen aber, die Eroberungen, die
 man hier machen wollte, mit den Athenern zu teilen und als Sieger in ihr
 Vaterland heimzukehren. Die untertänigen Bundesgenossen endlich ließen es schon
 deshalb nicht an sich fehlen, weil sie im Fall einer Niederlage keine Aussicht
 hatten, für diesmal mit dem Leben davonzukommen, nebenbei aber auch in der
 Hoffnung, die Herrschaft der Athener werde sich für sie künftig weniger drückend
 gestalten, wenn sie ihnen geholfen hätten, neue Eroberungen zu machen.

Als es zum Handgemenge gekommen war, hielten beide Teile längere Zeit einander
 stand. Nun traf es sich, daß es unterdessen wiederholt donnerte und blitzte und
 dabei stark regnete, was diejenigen, die hier zum erstenmal ins Gefecht 
 kamen und den Krieg noch nicht gewohnt waren, noch furcht­ samer machte, während
 die erfahrenen Krieger darin nur ein Ereignis sahen, wie es die Jahreszeit mit
 sich brachte, und sich weit mehr darüber wunderten, daß ihre Gegner noch 
 immer standhielten. Nachdem jedoch die Argeier den linken Flügel der Syrakuser
 und dann auch die Athener die ihnen gegenüberstehenden Gegner geworfen hatten,
 wurde auch daS übrige Heer der Syrakuser durchbrochen und in die Flucht 
 geschlagen. Verfolgen konnten jedoch die Athener nicht weit; denn die
 zahlreichen, noch unbesiegten Reiter der Syrakuser hinderten sie daran, die,
 wenn sie bemerkten, daß die Hopliten 
 irgendwo zu hastig vordrangen, auf sie einsprengten und sie 
 zurücktrieben. Die Athener setzten deshalb die Verfolgung in Reih und Glied nur
 so weit fort, wie eS die Sicherheit gestattete, kehrten dann aber wieder um und
 errichteten ein Siegeszeichen. Die Syrakuser zogen sich nach der Elorischen
 Straße zusammen, stellten die Ordnung, so gut es ging, wieder her und
 schickten sogar einen Teil ihrer Mannschaft ab, um das Olympieion zu besetzen
 aus Furcht, die Athener möchten sich der dort vorhandenen Schätze bemächtigen.
 Die übrigen zogen wieder in die Stadt zurück.

Die Athener wandten sich indessen nicht nach dem Tempel, sondern sammelten ihre
 Toten, legten sie auf Scheiter­ haufen und blieben über Nacht auf dem
 Schlachtfelde. Am folgenden Tage gaben sie den Syrakusern, von denen und 
 deren Bundesgenossen gegen zweihundertsechzig gefallen waren, ihre Toten unter
 Waffenstillstand heraus und sammelten die Gebeine ihrer eigenen Toten. Von ihnen
 und ihren Bundes­ genossen waren gegen fünfzig gefallen. Darauf führen sie 
 mit der den Feinden abgenommenen Waffenbeute wieder ab nach Katana. Denn es war
 Winter, auch hielten sie es nicht für möglich, den Krieg hier weiter zu führen,
 bevor sie Reiterei aus Athen bekommen oder von den Bundesgenossen hier im
 Lande an sich gezogen hätten, damit ihnen der Feind an Reiterei nicht zu sehr
 überlegen wäre. Zugleich wollten sie sich erst hier im Lande Geld verschaffen
 und von Athen schicken lassen und einige Städte auf ihre Seite ziehen, die 
 sich, wie sie hofften, dazu jetzt nach der Schlacht eher bereit finden lassen
 würden, auch sich noch weiter mit Lebensmitteln und sonstigem Bedarf versehen,
 um dann im Frühjahr Sy­ rakus anzugreifen.

Zu dem Ende gingen sie mit der Flotte nach Katana und Naxos zurück, um dort zu
 überwintern. Nachdem die Syrakuser ihre Toten bestattet, hielten sie eine
 Volksversamm­ lung. Hier trat Hermokrates, Hermons Sohn, vor ihnen auf,
 ein Mann, der überhaupt an Einsicht keinem nachstand, insbesondere im Kriege
 reiche Erfahrung gesammelt und sich 
 durch Tapferkeit hervorgetan hatte, und ermutigte sie, jener 
 Niederlage wegen ihre Sache nicht verloren zu geben. Nicht, weil es ihnen an Mut
 gefehlt, seien sie geschlagen; nur ihre Unordnung sei ihnen verderblich
 geworden. Auch hätten sie ja ihre Sache über Erwarten gut gemacht, zumal sie
 gegen die ersten und bestgeschulten Truppen unter den Griechen, sozusagen
 als Laien gegen Fechtmeister, gekämpft. Aber auch die Menge der Feldherren - sie
 hatten nämlich fünfzehn - und der vielköpfige Oberbefehl sowie der Mangel an
 Ord­ nung und Mannszucht unter ihren Leuten sei ihnen sehr nachteilig
 gewesen. Wenn man aber nur wenige erfahrene Feldherren anstelle und in diesem
 Winter das schwere Fuß­ volk ordentlich ausbilde, auch, soweit es daran fehle,
 mit Waffen versähe, um es so stark wie möglich zu machen, und es überhaupt
 fleißig üben lasse, so hätten sie alle Aussicht, die Feinde zu besiegen, weil es
 ihnen schon jetzt an Tapfer­ keit nicht fehle, und sie dann auch in guter
 Ordnung ins Gefecht gehen würden. Denn damit würden sie beides ge­ winnen,
 sowohl die bessere Schulung für den Krieg, als auch den durch das Vertrauen
 darauf erhöhten Kampfesmut. Sie sollten also nur wenige und zwar mit
 unbeschränkter Gewalt zu Feldherren bestellen und ihnen zuschwören, daß niemand
 ihnen in ihren Oberbefehl hineinreden dürfe; dann würden Dinge, die geheim
 bleiben müßten, nicht so leicht auskommen und alle Anordnung gehörig und ohne
 Widerrede befolgt werden.

Hierauf beschlossen die Syrakuser ganz so, wie er ihnen geraten hatte, und
 wählten drei, ihn, Hermokrates selbst, Herakleides, Lysimachos' Sohn, und
 Sikanos, Exekestos' Sohn, zu Feldherren. Auch schickten sie Gesandte nach
 Korinth und Lakedämon, um beide für ein Bündnis mit Syrakus zu ge­ winnen
 und die Lakedämonier zu bewegen, den Krieg gegen die Athener ihretwegen offen
 und nachdrücklicher wieder auf­ zunehmen, um diese zum Abzüge aus Sizilien zu
 nötigen oder doch daran zu hindern, dem Heere in Sizilien weitere Ver­ 
 stärkungen zu senden.

Die Athener aber gingen von Katana mit ihrem Heere sogleich nach Messene unter
 Segel, in der Hoffnung, eS würde ihnen durch Verrat in die Hände fallen. Die
 Sache war allerdings verabredet, allein es wurde nichts daraus. Alkibiades
 nämlich, der darum wußte, hatte es, als er nach seiner Abberufung bereits auf
 dem Rückwege war und einsah, daß in Athen seines Bleibens nicht sein würde, den
 Freunden der Syrakuser in Messene gesteckt. Diese ließen erst die Ver­ 
 räter ermorden, rotteten sich dann mit ihren Gesinnungs­ genossen unter Waffen
 zusammen und setzten es durch, daß die Athener nicht eingelassen wurden. Die
 Athener blieben etwa vierzehn Tage vor Messene, da sie aber unter der 
 Witterung litten und nichts zu leben hatten, auch keinerlei Fortschritte
 machten, zogen sie nach Naxos ab, wo sie sich in ihrem Lager verschanzten, um
 dort zu überwintern. Auch schickten sie eine Triere nach Athen, um sich zum
 Frühjahr Geld und Reiter auszubitten.

Die Syrakuser legten im Laufe des Winters bei der Stadt Befestigungen an. Der
 Temenites wurde auf der ganzen Seite nach Epipolai in die Ringmauer einbezogen,
 damit die Stadt im Fall einer Niederlage nicht so leicht in unmittelbarer
 Nähe durch eine Umwallung eingeschlossen werden könnte. Megara wurde als
 Außenwerk ausgebaut, ein anderes beim Olympieion. Auch an der See wurden 
 überall, wo eine Landung möglich war, Palisaden errichtet. Als sie hörten, die
 Athener überwinterten in Naxos, zogen sie mit dem ganzen Heere nach Katana,
 verwüsteten einen Teil des dortigen Gebiets und steckten die Zelte und das Lager
 der Athener in Brand. Darauf kehrten sie wieder nach der Stadt zurück.
 Sowie sie die Nachricht erhielten, daß die Athener mit Rücksicht auf das unter
 Laches geschlossene Bünd­ nis eine Gesandtschaft nach Kamarina geschickt hätten,
 um es womöglich auf ihre Seite zu ziehen, schickten auch sie Gesandte 
 dorthin, denn sie hatten die Kamariner in Verdacht, daß sie ihnen schon zu jener
 ersten Schlacht ihre Truppen nur ungern geschickt hätten und sich unter dem
 Eindruck des Sieges der 
 Athener in Zukunft überhaupt von ihnen lossagen und durch die alte
 Freundschaft bewegen lassen würden, zu diesen über­ zugehen. Nachdem Hermokrates
 aus Syrakus und EuphemoS von seiten der Athener mit einigen andern in Kamarina
 an­ gekommen waren, hielt HermokratoS in einer Versammlung der Kamariner,
 um sie von vornherein gegen die Athener ein­ zunehmen, folgende Rede:

„Nicht aus Furcht, ihr würdet euch durch die Macht schrecken lassen, mit der
 die Athener hier jetzt auftreten, sind wir zu euch gesandt, Kamariner, sondern
 weil wir besorgen, sie könnten euch durch glatte Worte einfangen, bevor
 ihr auch uns angehört. Denn sie sind nach Sizilien zwar unter einem Vorwande
 gekommen, der auch euch bekannt ist, aber mit Hintergedanken, über die wir alle
 unsere Ver­ mutungen haben. Nach meiner Meinung wollen sie nicht die 
 Leontiner in ihre Stadt zurückführen, sondern uns von Haus und Hof vertreiben.
 Es ist doch sehr unwahrshceinlich, daß sie anderswo Städte zerstören, hier aber
 wieder aufbauen wollten, daß sie sich der Leontiner als Chalkidier und Stammes­
 genossen annehmen sollten, während sie die Chalkidier in Euboia, deren
 Pflanzvolk diese sind, in Knechtschaft halten. ES ist immer dieselbe Geschichte,
 wie sie dort ihre Herrschaft aufgerichtet haben, so versuchen sie eS jetzt auch
 hier zu machen. Nachdem ihnen die Jonier und alle die Bundes­ genossen,
 die von ihnen abstammten, den Oberbefehl freiwillig zu dem Zweck übertragen
 hatten, sie an den Persern zu rächen, haben sie sie alle unterjocht. Den einen
 gaben sie schuld, den Kriegsdienst verweigert, den anderen, sich untereinander
 bekriegt zu haben, oder was sie sonst für Scheingründe den einzelnen
 gegenüber ins Feld führen konnten. Und so haben weder sie für die Freiheit der
 Griechen noch die Griechen für ihre eigene Freiheit gegen die Perser gekämpft,
 vielmehr sie, um die Griechen aus Untertanen des Königs zu ihren 
 Untertanen zu machen, die Griechen aber, um einen neuen, zwar nicht so
 einfältigen, aber desto verschlagener« Herrn ein­ zutaushcen.

„Aber wir sind ja nicht hier, um die euch zur Genüge bekannten Gewaltstreiche,
 die man der Politik der Athener zum Vorwurf machen kann, mit euch durchzugehen,
 sondern im Gegenteil, um unS selbst anzuklagen. Haben wir doch vor Augen,
 wie sie die dortigen Griechen unterjocht haben, weil sie sich ihrer Haut nicht
 wehrten, und wie sie auch uns jetzt wieder mit solchen Spiegelfehctereien von
 Rückführung stammverwandter Leontiner und Bundeshilfe für Egesta hinters 
 Licht führen wollen, und trotzdem können wir uns nicht ent­ schließen, ihnen mit
 vereinten Kräften mutig entgegenzutreten, um ihnen zu beweisen, daß sie es hier
 nicht mit Ioniern oder solchem Jnselvolk und Hellespontern zu tun haben, die
 sich heute die Herrschaft des Perserkönigs und morgen die eines neuen
 Herrn gefallen lassen, sondern mit freien Doriern aus dem freien Peloponnes, die
 sich hier in Sizilien eine Heimat gegründet haben. Oder warten wir, bis sie eine
 Stadt nach der anderen unterwerfen, während wir doch wissen, daß wir nur
 auf diese Weise zu besiegen sind, und mitansehen, wie sie es darauf anlegen, die
 einen durch Versprechungen uns abwendig zu machen, die anderen durch die
 Hoffnung auf ihren Beistand miteinander in Krieg verwickeln und jedem zu 
 seinem Schaden möglichst um den Bart gehen? Glauben wir denn, wenn es erst dem
 fernen Landsmann an den Kragen gegangen, würde die Reihe nicht auch an uns
 kommen, und die, welche es vor unS betroffen, müßte man eben ihrem 
 Schicksal überlassen?

„Und wer etwa meinen sollte, die Athener hätten eS doch nicht auf ihn, sondern
 auf den Syrakuser abgesehen, er würde sich hüten, für mein Vaterland seine Haut
 zu Markte zu tragen, der möge beherzigen, daß er in meinem Vaterlande so
 gut für sein Vaterland wie für meins kämpft, und zwar um so sichern, so lange er
 mich, und nicht nur mich allein, mit noch ungebrochener Kraft zur Seite hat, und
 daß der Athener nicht nur dem Syrakuser die Feindschaft eintränken, 
 sondern auch ihm Gewalt antun will, wenn er für jetzt auch noch um seine
 Freundschaft wirbt und vorgibt, daß eS nur 
 auf mich abgesehen sei. Wenn unS aber jemand beneidet oder
 fürchtet, - ein mächtiger Staat muß eben beides in den Kauf nehmen, - und
 deshalb wünscht, damit Syrakus nicht zu übermütig würde, müsse es zwar
 Hedemütigt, aber seiner eigenen Sicherheit wegen doch nicht völlig vernichtet
 werden, so verlangt er, waS über menschliches Vermögen geht; denn man kann
 dem Schicksal nicht wie den Wünschen gebieten. Und wenn er sich dabei
 verrechnete, so würde er nachher im Jammer über sein eigenes Unglück doch
 vielleicht wünschen, daß er uns noch um unser Glück beneiden könnte. Das wird
 er aber nicht können, wenn er uns im Stich gelassen und die Gefahr, die
 zwar nicht dem Namen, aber der Sache nach uns beiden galt, nicht mit uns teilen
 wollte. Denn angeblich würde man zwar nur für uns und unsere Machtstellung, in
 der Tat aber fürs eigene Dasein kämpfen. Vor allen aber wäre es an euch,
 unseren Nachbarn, über die es nach uns hergehen wird, gewesen, Kamariner, uns
 von selbst Bundes­ hilfe zu leisten und es damit nicht so spärlich angehen zu
 lassen. Wie ihr, wenn die Athener zuerst nach Kamarina ge­ kommen wären,
 euch an uns gewandt und uns um Hilfe gebeten hättet, so hättet auch ihr euch
 jetzt bei uns sehen lassen und uns ermutigen müssen, standhaft auszuhalten. Aber
 damit hat es bis jetzt keine Eile gehabt, bei euch so wenig wie bei den
 anderen.

„Vielleicht werdet ihr euch aus Furchtsamkeit uns und den Feinden gegenüber auf
 den Rechtspunkt berufen und sagen, ihr hättet ein Bündnis mit den Athenern. Das
 aber habt ihr doch nicht gegen eure Freunde geschlossen, sondern für den
 Fall, daß man euch angreifen würde, und um den Athenern beizustehen, wenn sie
 von anderen angegriffen werden, nicht aber, wenn sie selbst, wie jetzt, über
 andere herfallen. Wollen doch die Rhegier, selbst Chalkidier, sich an der
 Rückführung der Leontiner, obwohl sie auch Chalkidier sind, nicht beteiligen.
 Und es wäre doch wunderbar, wenn die, weil sie die durch solchen Vorwand
 beschönigte wahre Absicht durchschaut, wider Erwarten so klug sein sollten, ihr
 aber euch durch einen 
 schlauen Vorwand verleiten ließt, euern natürlichen Feinden 
 Vorschub zu leisten und euch zur Vernichtung eurer noch weit näheren
 Blutsfreunde mit deren ärgsten Feinden verbinden wolltet. Rechtlich seid ihr
 dazu nicht verpflichtet, vielmehr ist eS eure Pflicht, uns beizustehen und euch
 vor ihrer Macht nicht zu fürchten. Denn die kann uns, wenn wir alle zu­ 
 sammenhalten, nicht gefährlich werden, wohl aber, wenn wir, worauf sie es so
 eifrig anlegen, uns in zwei feindliche Lager spalten. Haben sie doch jetzt, wo
 sie uns allein angriffen und ein glückliches Gefecht lieferten, nicht einmal
 ihren Zweck erreicht und schleunig wieder abziehen müssen.

„Mit vereinten Kräften also haben wir erst recht nichts von ihnen zu fürchten
 und können deshalb das Bündnis um so unbedenklicher eingehen, zumal wir Hilfe
 aus dem Pelo­ ponnes erhalten werden, wo man sich auf den Krieg in jeder 
 Hinsicht besser versteht als sie. Glaubt nur nicht, daß jene ängstliche
 Neutralitätspolitik uns gegenüber billig genug und für euch geraten sei. Ja, vom
 Rechtsstandpunkte angesehen, mag sie es sein, tatsächlich aber ist sie es nicht.
 Denn wenn wir von den Athenern angegriffen und vernichtet werden, weil sie
 uns durch Übermacht besiegen, weil ihr uns nicht beisteht, habt ihr dann nicht
 grade durch euer Ausbleiben unseren Untergang herbeigeführt und sie nicht
 verhindert, ein Bubenstück zu verüben? Da wäre es denn doch weit rühm­ 
 licher, euch eurer bedrängten Landsleute, noch dazu eurer Stammesgenossen, zum
 Heile ganz Siziliens anzunehmen und eure Freunde, die Athener, vor solchen
 Entgleisungen zu be­ wahren. Mit einem Worte, wir Syrakuser halten es nicht
 für nötig, euch und die übrigen weitläufig über Dinge zu be­ lehren, die
 ihr selbst ebensogut einseht, sondern kommen als Bittende, zugleich aber, um für
 den Fall, daß ihr uns kein Gehör gebt, hiermit in aller Form nachdrücklich
 festzustellen, daß wir jetzt, wo unsere alten Feinde, die Jonier, uns Dorier
 vernichten wollen, von euch Doriern im Stich gelassen werden. Wenn die
 Athener uns unterwerfen, so werden sie den Sieg zwar euch verdanken, selbst aber
 den Ruhm davon haben, 
 und grade den, der ihnen zum Siege verhelfen, sich als Sieges- 
 preis ausersehen. Und wiederum, wenn wir die Oberhand behalten, so werdet ihr,
 die ihr unsere Gefahren verschuldet, eurer Strafe dafür nicht entgehen. Das
 überlegt euch also, und dann wählt zwischen der für den Augenblick gefahrlosen
 Knechtschaft und der Aussicht, mit uns zu siegen und weder in schimpfliche
 Abhängigkeit von ihnen zu geraten, noch euch, und das sicherlich nicht nur für
 kurze Zeit, unsere Feindschaft zuzuziehen."

So Hermokrates. Nach ihm nahm Euphemos, der Ge­ sandte der Athener, das Wort
 und sagte:

„Eigentlich sind wir nur hier, um das alte Bündnis zu erneuern. Die Angriffe
 des Syrakusers nötigen uns aber, auch über unsere Herrschaft ein Wort zu sagen,
 die wir denn doch mit gutem Recht besitzen. Den besten Beweis dafür hat er
 selbst schon angeführt, daß nämlich Jonier und Dorier von jeher Feinde gewesen
 seien. Damit verhält es sich so: Wir als Jonier mußten darauf bedacht sein,
 unsere Unab­ hängigkeit gegenüber den uns an Zahl überlegenen Doriern in
 unserer Nachbarschaft möglichst zu wahren, und nach den Perserkriegen, als wir
 im Besitz einer Flotte waren, gelang es uns auch, die Hegemonie der Lakedämonier
 abzuschütteln. Hatten sie uns doch so wenig zu befehlen, wie wir ihnen, so­
 weit sie nicht eben ihre Übermacht damals dazu in den Stand setzte.
 Nachdem wir den Oberbefehl über die bisherigen Unter­ tanen des Königs
 übernommen hatten, haben wir ihn dann auch weiter beibehalten in der Meinung, so
 im Besitz einer Macht, die uns zum Widerstand befähigte, unsere Unabhängig­
 keit den Peloponnesiern gegenüber am besten behaupten zu können und genau
 genommen auch die Jonier und Jnselvölker, von denen die Syrakuser sagen, wir
 hätten sie unerachtet der Verwandtschaft unterjocht, keineswegs mit Unrecht
 unter unsere Herrschaft gebracht zu haben. Denn sie waren mit den Per­ 
 sern gegen uns, ihr Mutterland, zu Felde gezogen und hatten nicht den Mut, sich
 von ihnen loszusagen und wie wir, als wir unsere Stadt verließen, Hab und Gut
 preiszugeben, 
 sondern wollten lieber Knechte bleiben und auch uns dazu 
 machen.

„Deshalb, und weil wir nicht nur die meisten Schiffe gestellt, sondern uns auch
 so freudig für die Sache der Griechen eingesetzt, während sie das zu unserem
 Schaden so bereitwillig für die Perser getan haben, kommt uns jetzt auch die
 Herr­ schaft zu. Außerdem mußten wir uns gegen die Peloponnesier stark
 machen. Auch wollen wir uns zur Rechtfertigung unserer Herrschaft nicht damit
 rühmen, daß wir allein die Barbaren besiegt und für die Freiheit der Jonier mehr
 Gefahren be­ standen haben als für unsere eigene und die Freiheit aller 
 übrigen. Aber man kann es keinem verdenken, wenn er auf seine Weise für seine
 Sicherheit sorgt, auch jetzt sind wir zunächst unserer eigenen Sicherheit wegen
 zu euch gekommen, sehen aber, daß auch euch damit nicht minder gedient sein
 wird. Wir entnehmen das grade aus dem, was die Syra­ kuser uns anhängen
 wollen und euch jetzt hauptsächlich mit Furcht und Argwohn erfüllt, wissen aber
 auch, daß wer aus Furcht einem Argwohn Raum gibt, sich wohl für den Augen­ 
 blick durch eine zündende Rede bestechen läßt, hinterher aber, wenn es zum
 Klappen kommt, dann doch tut, was ihm dienlich ist. Wie wir euch schon gesagt,
 haben wir unsere dortige Herrschaft aus Furcht aufgerichtet, und aus demselben
 Grunde sind wir jetzt hier, um mit unseren hiesigen Freunden Maß­ regeln
 zu unserer Sicherheit zu treffen, nicht um sie zu unter­ jochen, sondern grade
 um sie vor solchem Schicksal zu be­ wahren.

„Man wende nicht ein, wir hätten ja kein Interesse daran, uns eurer anzunehmen.
 Aber solange ihr euch behaupten könnt und stark genug seid, den Syrakusern das
 Widerspiel zu halten, so lange werden sie doch wahrscheinlich den Pelo­ 
 ponnesiern keine Verstärkungen schicken können, wir also we­ niger zu befahren
 haben. Schon darum haben wir an euch daS größte Interesse. Und deshalb haben wir
 guten Grund, die Leontiner in ihre Stadt zurückzuführen, nicht als unsere 
 Untertanen, wie es ihre Verwandten in Guboia sind, sondern 
 so mächtig wie möglich, damit sie aus ihrem Gebiet als unsere 
 Bundesgenossen und Nachbarn der Syrakuser diesen zu schaffen machen. Denn drüben
 sind wir unseren Feinden auch allein gewachsen, und es ist wichtig für uns, daß
 die Chalkidiel dort, deren Unterjochung sich ja freilich mit unserer Absicht,
 sie hier zu befreien, nicht reimen soll, nicht selbst Truppen stellen,
 sondern nur Steuern zahlen, hier dagegen die Leon­ tiner sowohl wie alle unsere
 übrigen Freunde so unabhängig wie möglich sind.

„Einem Selbstherrscher oder einem Staate, der über andere herrscht, ist nichts
 ungereimt, was vorteilhaft, nichts verwandt, was ihm nicht sicher ist. Deshalb
 ist er genötigt, je nach Umständen bald Freund, bald Feind zu werden. Und hier
 gereicht es uns nicht zum Vorteil, wenn wir unsere Freunde schwächen, wohl
 aber, wenn unsere Feinde durch die Stärke unserer Freunde in Schach gehalten
 werden. Zum Mißtrauen habt ihr keinen Grund. Denn auch bei unseren dortigen
 Bundesgenossen halten wir es mit unserer Herrschaft so, wie es für uns bei
 jedem von ihnen am zuträglichsten ist. Die Chier und Methymner sind unabhängig
 und stellen Schiffe, die meisten halten wir kürzer und lassen sie Steuern
 zahlen, wieder andere sind völlig freie Bundesgenossen, obwohl sie auf Inseln
 wohnen und leicht zu unterwerfen wären, weil ihre Inseln in nächster Nähe
 des Peloponnes uns sehr gelegen sind. Natür­ lich also werden wir auch hier so
 verfahren, wie es uns zum Vorteil gereicht und, wie wir euch vorhin schon
 gesagt, aus Furcht vor den Syrakusern zweckmäßig erscheint. Denn sie 
 wollen euch unter ihre Herrschaft bringen und dadurch, daß sie uns bei euch
 verdächtigen, auf ihre Seite ziehen, um sich mit Gewalt oder, wenn ihr, falls
 wir hier unverrichteter Sache wieder abziehen müssen, nur auf euch allein
 angewiesen seid, selbst zu Herren der ganzen Insel zu machen. Und das kann 
 nicht ausbleiben, wenn ihr zu ihnen übergeht. Denn wir würden mit einer solchen
 vereinigten Macht schwerlich fertig werden, und euch würden sie, wenn wir nicht
 mehr da sind, unfehlbar überlegen sein. o

„Wer das nicht glauben will, wird durch Schaden klug werden. Als ihr uns das
 erste Mal zu Hilfe rieft, machtet ihr uns grade damit bange, wie gefährlich es
 auch für uns sein würde, wenn wir euch unter die Herrschaft der Syrakuser 
 kommen ließen. Es wäre unrecht, euren eigenen Worten, womit ihr uns damals
 bereden wolltet, nicht mehr zu trauen und Verdacht gegen uns zu hegen, weil wir
 hier jetzt den Syrakusern gegenüber mit unverhältnismäßig großer Macht 
 auftreten. Vor ihnen habt ihr euch ja weit mehr zu hüten. Wir sind ohne euch
 nicht imstande, uns hier zu halten, und wenn wir wirklich schlecht genug wären,
 euch unterdrücken zu wollen, so würden wir uns bei der weiten Fahrt über See
 und der Schwierigkeit, so große, mit allen Mitteln für den Landkrieg
 versehene Städte zu besetzen, hier doch auf die Dauer nicht behaupten können.
 Sie aber sitzen euch auf dem Nacken, nicht mit einem Feldlager, sondern mit
 einer Stadt, die weit größer ist als die Streitkräfte, mit denen wir hier
 austreten. Sie führen immer Böses gegen euch im Schilde und lassen sich
 keine Gelegenheit entgehen, euch Abbruch zu tun, wie sie das ja auch anderswo
 schon, namentlich den Leontinern gegen­ über, bewiesen haben. Und jetzt wagen
 sie es gar, euch gegen uns, die wir ihnen dabei im Wege sind und Sizilien bisher
 vor ihren Übergriffen bewahrt haben, zu Hilfe zu rufen, als ob ihr mit
 Blindheit geschlagen wärt. Wir dagegen rufen euch grade zu eurem wahren Besten
 um Hilfe an und bitten euch, die Vorteile, die wir uns gegenseitig gewähren,
 nicht von der Hand zu weisen. Bedenkt, daß ihnen bei ihrer Über­ zahl auch
 ohne Bundesgenossen der Weg zu euch jederzeit offen steht, ihr aber nicht immer
 Gelegenheit haben werdet, euch ihrer mit so mächtigen Bundesgenossen zu
 erwehren. Laßt ihr diese jetzt aus Mißtrauen unverrichteter Sache oder gar 
 nach einer Niederlage wieder abziehen, so werdet ihr später noch wünschen, daß
 es euch vergönnt wäre, auch nur einen kleinen Teil davon an eurer Seite zu
 sehen, wenn euch von drüben keine Hilfe mehr kommt.

„Laßt euch also durch ihre Lügen und Verleumdungen 
 nicht irremachen, Kamariner, ihr so wenig^wie die anderen. Wir
 haben euch über alles, womit man uns zu verdächtigen sucht, die reine Wahrheit
 gesagt, und hoffen auf eure Zu­ stimmung, wenn wir jetzt alles nochmals kurz
 zusammenfassen. Wir sagen: Wir herrshcen dort, um nicht anderen gehorchen 
 zu müssen, und treten hier für eure Freiheit ein, um dort nichts zu befahren zu
 haben, sind auch manchmal gezwungen, uns in fremde Händel zu mischen, weil wir
 überall auf dem Posten sein müssen. Jetzt und früher sind wir hier euren 
 Landsleuten zu Hilfe gekommen, aber nicht von selbst, sondern weit man uns
 gerufen hatte. Versucht auch nicht, als ob ihr Richter über unsere Handlungen
 oder unsere Schulmeister wärt, uns von unserem Vorhaben abzubringen, es würde
 euch auch nichts mehr helfen, sondern macht euch unsere Viel­ 
 geschäftigkeit und die Weise, wie wir es eben treiben, gleich- falls zunutze und
 glaubt nur, daß die Griechen keineswegs alle ohne Unterschied darunter leiden,
 sondern daß weitaus die meisten ihre Rechnung dabei finden. Denn allerorten,
 auch da, wo wir nichts zu befehlen haben, blickt jeder auf uns, der 
 sowohl, dem ein Angriff droht, wie der, welcher einen Angriff beabsichtigt, der
 eine, weit er auf unseren Beistand hofft, der andere, weil er fürchtet, wenn wir
 ershcienen, könne ihm die Sache schlecht bekommen, und dadurch ist dieser
 genötigt, seine Absicht, wenn auch nur ungern, aufzugeben, jener der Mühe 
 überhoben, sich seiner Haut zu wehren. Weist also diese Sicherheit, die sich
 uns, die wir euch nötig haben, und euch jetzt gleichermaßen bietet, nicht ab,
 sondern macht es wie die anderen, und statt nur immer den Syrakusern gegenüber
 auf der Hut zu sein, entschließt auch ihr euch endlich mal, euch mit uns
 an einem Angriffskriege gegen sie zu beteiligen."

So redete Euphemos. Die Kamariner aber waren in einer eigenen Lage. Sie waren
 den Athenern geneigt, nur daß sie befürchteten, sie wollten sich Sizilien
 unterwerfen, mit den Syrakusern dagegen als Grenznachbarn beständig im Streit.
 Außerdem befürchteten sie, die Syrakuser hier in ihrer Nähe könnten wohl
 auch ohne sie die Oberhand behalten; deshalb 
 schickten sie ihnen damals zuerst die wenigen Reiter und be­ 
 schlossen, sie auch künftig wirklich noch weiter, doch nur mit möglichst wenigen
 Truppen zu unterstützen, vorläufig aber, um es, zumal nach der gewonnenen
 Schlacht, auch mit den Athenern nicht zu verderben, beiden eine gleichlautende
 Antwort zu er­ teilen. Nachdem sie das beschlossen, antworteten sie dann 
 auch, da sie beide ihre Bundesgenossen und jetzt miteinander im Kriege wären, so
 hielten sie es ihrem Eide nach für ihre Pflicht, für jetzt neutral zu bleiben.
 Hierauf reisten die Ge­ sandten beider Teile wieder ab. 
 Die Syrakuser rüsteten jetzt, was sie konnten, zum Kriege. Die Athener aber im
 Lager bei Naxos verhandelten mit den Sikelern, um sie möglichst alle auf ihre
 Seite zu ziehen. Bei den Sikelern in der Ebene, welche unter syrakusischer Herr­
 schaft standen, gelang ihnen das allerdings nur ausnahmsweise. Die
 Bewohner des Binnenlandes aber, welche auch früher schon immer unabhängig
 gewesen waren, schlossen sich fast alle sogleich den Athenern an und versahen
 das Heer nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch hin und wieder mit Geld.
 Diejenigen, welche sich ihnen nicht freiwillig anschlössen, wurden von den
 Athenern zum Teil mit Waffengewalt dazu ge­ zwungen, während ihnen das bei
 anderen nicht gelang, weil sie daran auch durch die Syrakuser, die ihnen Truppen
 zu Hilfe schickten, verhindert wurden. Für den Winter gingen sie mit der
 Flotte von Naxos nach Katana, stellten ihr von den Syrakusern verbranntes Lager
 wieder her und überwinterten dort. Nach Karthago schickten sie eine Triere, um
 dort ein Bündnis anzuregen und zu sehen, ob man dort vielleicht etwas für
 sie tun werde. Sie schickten auch nach Tyrsenien, wo sich einige Städte sogar
 von selbst erboten hatten, sich am Kriege zu beteiligen. Ringsherum an die
 Sikeler und nach Egesta sandten sie Befehl, ihnen so viel Pferde wie möglich zu
 schicken. Auch versahen sie sich mit Ziegeln, Eisen und allem, waS sie 
 weiter zur Einschließung der Stadt bedurften, um gleich mit Beginn deS Frühjahrs
 die Feindseligkeiten wieder zu er­ öffnen. 
 

 Die nach Korinth und Lakedämon bestimmten Gesandten der Syrakuser suchten bei
 der Gelegenheit auch die Griechenstädte in Italien, die sie auf ihrer Fahrt
 berührten, zu überreden, sich vor der auch ihnen von den Athenern drohenden
 Gefahr nicht zu verschließen. Als sie in Korinth angekommen waren, trugen
 sie dort ihr Anliegen vor, daß man ihnen als Stammes­ genossen zu Hilfe kommen
 möge. Auch beschlossen die Korinther nicht allein zuerst gleich selbst, sie
 kräftig zu unterstützen, sondern schickten auch Gesandte mit ihnen nach
 Lakedämon, um sich auch dort mit dafür einzulegen, daß man nicht nur hier mit
 dem Kriege gegen die Athener Ernst machen, sondern auch eine ansehnliche
 Kriegsmacht nach Sizilien schicken müsse. Gleichzeitig mit den Gesandten aus
 Korinth war auch Alki­ biades mit seinen Leidensgefährten in Lakedämon
 eingetroffen. Er war gleich damals aus Thurien auf einem Frachtschiffe 
 zunächst nach Kyllene in Elis hinübergefahren und dann später infolge einer von
 den Lakedämoniern selbst an ihn ergangenen Einladung unter freiem Geleit nach
 Lakedämon gekommen. Denn sonst hätte er ihnen nicht getraut, weil er ihnen in
 den mantine'ishcen Händeln den Streich gespielt hatte. Und nun traf es
 sich, daß Alkibiades in der Versammlung der Lake­ dämonier ihnen dasselbe riet,
 wozu die Korinther und die Syrakuser sie zu bewegen suchten. Als hierauf die
 Ephoren und die übrigen Beamten zwar Gesandte nach Syrakus schicken 
 wollten, um die Übergabe der Stadt an die Athener abzu­ wenden, aber keine
 Neigung zeigten, den Syrakusern auch zu Hilfe zu kommen, trat Alkibiades auf und
 suchte die Lake­ dämonier durch folgende Rede scharfzumachen und in Tritt zu
 bringen.

„Zunächst sehe ich mich genötigt, über d'ie Vorwürfe, die man mir macht, ein
 Wort zu sagen, damit ihr meine Rede in dieser gemeinsamen Angelegenheit nicht
 aus Mißtrauen gegen mich ungünstig aufnehmt. Nachdem meine Voreltern aus 
 irgendeinem Grunde die alte Staatsgastfreundschaft mit euch aufgegeben hatten,
 habe ich sie aus freien Stücken von neuem übernommen und euch wiederholt,
 namentlich auch nach dem 
 Unfall von Polos, Freundesdienste geleistet. Trotz meiner euch 
 jederzeit bewiesenen Freundschaft aber habt ihr dann doch beim Friedensschluß
 mit den Athenern die Verhandlungen durch meine Gegner geführt und ihnen dadurch
 zur Macht verholfen, mir dagegen Zurücksetzung zugezogen. Wenn ich infolgedessen
 für die Mantineer und die Argeier eingetreten oder auch etwa sonst mal
 euer Gegner gewesen bin und ihr den Schaden da­ von gehabt habt, so dürft ihr
 euch darüber nicht beklagen. Und wenn man mir das auch damals hier in eurer
 schlimmen Lage schwer verdacht hat, so sollte man darüber doch jetzt ge­ 
 rechter urteilen und es mir nicht weiter nachtragen. Sollte man etwa darum
 schlechter von mir denken, weil ich mich zur Volkspartei gehalten, so braucht
 man sich auch in dieser Be­ ziehung keine Sorge zu machen. Denn wir
 sAlkmäoniden! sind von jeher Gegner der Tyrannen gewesen; unter dem Namen 
 Volk aber begreift man eben alles, was der Herrschaft eines einzelnen
 widerstrebt, und so haben wir auch seit jener Zeit immer an der Spitze der
 Volkspartei gestanden. Mit der fort­ schreitenden Demokratisierung der Stadt
 sahen wir uns frei­ lich vielfach genötigt, uns in die Zeit zu schicken, haben
 aber doch im Gegensatz zu der eingerissenen Zügellosigkeit eine maß­ volle
 Politik einzuhalten gesucht. Aber da waren andere Leute, früher und jetzt, die
 den Pöbel zu Schlechtigkeiten verführten, und die waren es auch, die mich aus
 Athen verdrängt haben. Wir dagegen trieben die Geschäfte mit Rücksicht auf daS
 Ganze, wünschten aber Änderungen der bestehenden Verfassung, bei der die
 Stadt zu größter Macht und Freiheit gelangt war, und der einmal hergebrachten
 Rechte eines jeden möglichst zu verhüten. Denn kein verständiger Mensch wird die
 Vorzüge einer demokratischen Verfassung verkennen, und niemand weniger als
 ich, soviel Ursache ich auch habe, darauf zu schelten. Doch wozu über
 Unverstand, den jeder einsieht, noch weiter Worte machen. Und die Verfassung zu
 ändern, während ihr unS als Feinde vor den Toren standet, hielten wir für
 bedenklich.

„So viel über die Vorwürfe, die man mir macht. Ich wende mich nunmehr zu der
 Angelegenheit, über die ihr zu 
 verhandeln habt, und bei der ich euch, sofern ich davon besser 
 Bescheid weiß, einige nützliche Winke geben kann. Wir haben den Zug nach
 Sizilien unternommen, um uns womöglich erst dort und dann auch in Italien die
 Griechen zu unterwerfen und darnach den Kampf auch gegen die Herrschaft der Kar­
 thager und gegen diese selbst aufzunehmen. Wenn uns das alles gelungen
 wäre, wollten wir dann den Peloponnes an­ greifen und uns dazu die Streitkräfte
 aller der drüben neu­ gewonnenen griechischen Städte und barbarische
 Söldnerschareu herüberkommen lassen, Iberer und andere, die jetzt unter den
 dortigen Barbaren für die besten Soldaten gelten. Auch wollten wir unsere
 Flotte durch den Bau zahlreicher neuer Kriegsschiffe verstärken, wozu Italien
 Holz in Überfluß bietet, um damit den Peloponnes von allen Seiten
 einzuschließen, und dann gleichzeitig mit dem Landheere die Städte dort von
 der Landseite angreifen und sie entweder mit Sturm oder durch förmliche
 Belagerung nehmen. Auf diese Weise hofften wir mit den Peloponnesiern leicht
 fertigzuwerden und darnach auch alle übrigen Griechen unserer Herrschaft zu
 unterwerfen. Um aber das alles um so leichter durchführen zu können, ohne 
 dabei auf eigene Mittel greifen zu müssen, sollten uns die dort neuerworbenen
 Länder ausreichend mit Geld und Lebens­ mitteln versehen.

„Damit habt ihr nun von jemand, der genau Bescheid weiß, gehört, worauf es bei
 dem jetzt unternommenen Zuge unserseits abgesehen war, und die jetzt noch in
 Sizilien befind­ lichen Feldherren werden, soweit sie können, dasselbe Ziel ver­
 folgen. Nun aber will ich euch auch sagen, daß Sizilien verloren ist, wenn
 ihr ihm nicht zu Hilfe kommt. Denn die dortigen Griechen verstehen sich nicht
 genug auf den Krieg; immerhin würden sie sich auch jetzt vielleicht noch
 behaupten können, wenn sie alle zusammenhielten. Allein aber werden die
 Syrakuser, die bereits mit ihrem ganzen Heere geschlagen und nun auch durch die
 Flotte von der See abgeschnitten sind, nicht imstande sein, der Macht, womit die
 Athener dort auf­ treten, zu widerstehen. Und wenn diese Stadt genommen ist, 
 so haben sie ganz Sizilien und damit ohne weiteres auch Italien,
 und die euch von dorther drohende Gefahr, von der ihr soeben gehört, würde nicht
 lange auf sich warten lassen. Man glaube also ja nicht, daß es sich jetzt nur um
 Sizilien handelt; es handelt sich auch um den Peloponnes, wenn ihr nicht
 unverzüglich Truppen hinüberschickt, die selbst den Ruder­ dienst an Bord
 versehen und dann gleich gegen den Feind geführt werden können, und was ich noch
 für nützlicher als Truppen halte, einen Spartaner als Feldherrn, um Ordnung
 in die schon eingestellte Mannschaft zu bringen und die Wider­ spenstigen
 zum Dienst zu zwingen. Denn dann werden eure jetzigen Freunde dort um so mutiger
 werden und die noch Unschlüssigen sich um so unbedenklicher für euch erklären.
 Zu gleicher Zeit müßt ihr hier den Krieg nachdrücklich wieder aufnehmen,
 damit die Syrakuser sehen, daß es euch Ernst damit ist, und um so besser
 standhalten, die Athener aber ihrem Heere dort keine Verstärkungen mehr schicken
 können. Weiter aber müßt ihr Dekeleia in Attika befestigen, was die Athener
 schon immer am meisten gefürchtet haben, und was ihrer Meinung nach das
 einzige ist, womit man es im Laufe des Krieges gegen sie noch nicht versucht
 hat. Auf einen Erfolg dem Feinde gegenüber wird man wohl immer am sichersten
 rechnen können, wenn man ihn an der Stelle zu treffen ver­ steht, von der
 man merkt und aus guter Quelle weiß, daß er es dort am meisten fürchtet. Denn
 natürlich weiß jeder selbst am besten, wo ihn der Schuh drückt. Die Vorteile,
 die ihr von dieser Befestigung haben werdet, und die Ungelegenheiten, die
 ihr euren Gegnern dadurch bereiten könnt, will ich euch, ohne auf alles einzelne
 einzugehen, wenigstens der Hauptsache nach kurz andeuten. Was das Land an
 Vorräten und Hilfs­ mitteln bietet, werdet ihr euch alles aneignen können, oder
 es wird euch von selbst zufallen. Die Einkünfte aus den Silber­ bergwerken
 von Laurion und die Einnahmen, die sie jetzt von Ländereien und Gerichten
 beziehen, werden sogleich ausbleiben, besonders aber werden die Steuern, welche
 die Bundesgenossen ihnen zu zahlen haben, weniger einbringen, da diese, sobald
 sie 
 sich überzeugen, daß ihr den Krieg jetzt mit Nachdruck führt, es
 daran fehlen lassen werden.

„An euch also ist es jetzt, Lakedämonier, daß zu dem Ende etwas geschieht, und
 zwar unverzüglich und mit bestem Mut; ich wenigstens habe die volle Zuversicht,
 daß es möglich ist, und glaube mich darin nicht zu irren. Auch hoffe ich, daß
 hier niemand schlechter von mir denkt, weit ich mich, während ich früher
 für einen guten Athener galt, jetzt so eifrig gegen meine eigene Vaterstadt ins
 Zeug lege und mit deren ärgsten Feinden gemeinshcaftliche Sache mache, oder etwa
 meint, daß ich nur als verbissener Emigrant solche Reden führe. - Ich habe
 der Heimat den Rücken gekehrt, weit ich der Bosheit meiner Feinde weichen mußte,
 nicht um euch durch meinen Rat Freundesdienste zu leisten. Als meine wahren
 Feinde betrachte ich auch nicht euch, wenn wir uns auch gelegentlich als Feinde
 gegenübergestanden haben, sondern die Leute, die ihre Freunde zwingen, zu
 Feinden zu werden. Solange man mich in Frieden ließ, war ich ein Freund meines
 Vaterlandes, aber wenn man mich dort mit Füßen tritt, hat meine Vaterlands­
 liebe ein Ende. Meiner Meinung nach kämpfe ich auch nicht einmal gegen
 mein Vaterland; denn ich habe keins, glaube vielmehr grade deshalb in den Kampf
 zu gehen, um eins wieder zu gewinnen. Nicht der ist der wahre Freund seines
 Vaterlandes, wer sich ruhig gefallen läßt, daß man eS ihm widerrechtlich
 nimmt, sondern wer aus Sehnsucht nach ihm auf jede Weise versucht, es
 wiederzubekommen. Unter diesen Umständen kann ich euch also nur anheimgeben,
 Lake­ dämonier, euch bei allen gefahrvollen und beschwerlichen Unter­ 
 nehmungen meiner zu bedienen; ist es doch auch bekanntlich in aller Munde, so
 viel Schaden ich euch als Feind getan, so nützlich würde ich euch als Freund
 werden können, da ich die Verhältnisse in Athen genau kenne, bei euch aber nur
 auf Vermutungen angewiesen war. Bedenkt, daß ihr hier jetzt denn doch über
 eine Angelegenheit von höchster Bedeutung be­ schließt, und besinnt euch nicht
 lange, den Feldzug sowohl nach Sizilien wie nach Attika zu unternehmen, damit
 ihr durch die 
 tapfere kleine Schar, die ihr dort hinschickt, den Untergang einer
 großen Stadt verhütet und die Macht der Athener für jetzt und für immer
 vernichtet, um von nun an nicht bloß im eigenen Lande im Frieden zu leben,
 sondern auch statt einer Gewaltherrschaft ein überall freudig begrüßtes
 wohlwollendes Regiment über ganz Griechenland führen zu können."

So Alkibiades. Die Lakedämonier, welche selbst schon länger einen Zug nach
 Attika im Sinne gehabt, ihn aber bisher noch nicht beschlossen, sondern immer
 noch hinaus- geschoben hatten, wurden jetzt, nachdem er, der ihrer Meinung 
 nach am besten Bescheid wußte, ihnen das alles auseinander­ gesetzt hatte, in
 ihrer Absicht vollends bestärkt. Sie entschlossen sich also nunmehr, Dekeleia zu
 befestigen, und ließen sofort ein kleines Geschwader zur Unterstützung der
 Syrakuser nach Sizilien abgehen. GylippoS, KleandridaS' Sohn, aber gaben sie
 ihnen als Feldherrn und befahlen ihm, sich mit ihnen und den Korinthern zu
 benehmen und alles zu tun, wodurch die Sache der dortigen Griechen den Umständen
 nach am schnellsten und wirksamsten gefördert werden könne, und dieser forderte
 nun die Korinther auf, ihm sogleich zwei Schiffe nach Asine zu schicken,
 auch die übrigen, die sie noch weiter stellen wollten, bereit zu halten, um
 rechtzeitig in See gehen zu können. Nachdem sie das glücklich zuwege gebracht
 hatten, reisten die Gesandten der Syrakuser aus Lakedämon wieder ab. 
 Unterdessen kam auch die athenische Triere, welche die Feld­ herren abgesandt
 hatten, um sich Geld und Reiter auszubitten, aus Sizilien an, worauf die Athener
 beschlossen, ihnen die Reiter und den Sold für die Truppen zu schicken. Damit
 endete der Winter und das siebzehnte Jahr des Krieges, den Thukydides
 beschrieben hat.

Gleich im Beginn des nächsten Sommerhalbjahrs brachen die Athener in Sizilien
 von Katana auf und fuhren mit der Flotte nach Megara in Sizilien, dessen Gebiet
 die Syrakuser selbst in Besitz genommen, nachdem sie, wie schon erwähnt, 
 unter dem Tyrannen Gelon die Einwohner von dort vertrieben hatten. Hier landeten
 sie und verwüsteten die Felder, machten 
 auch einen Angriff auf eine Schanze der Syrakuser, konnten sie
 aber nicht nehmen. Darauf fuhren sie mit der Flotte und dem Landheere an der
 Küste entlang nach dem Flusse Terias, wo sie ebenfalls landeten, das platte Land
 verwüsteten und das Getreide in Brand steckten, auch ein paar Syrakuser 
 töteten, die ihnen in den Wurf kamen, dann aber, nachdem sie ein Siegeszeichen
 errichtet, auf die Schiffe zurückgingen. Hierauf kehrten sie nach Katana zurück,
 um Lebensmittel ein­ zunehmen, und rückten von da mit dem ganzen Heere vor 
 Kentoripa, eine Stadt der Sikeler, die sie durch einen Ver­ gleich an sich
 brachten, worauf sie wieder abzogen und bei Gelegenheit noch das Getreide der
 Jnessaier und der Hy­ blaier in Brand steckten. Bei ihrer Ankunft in Katana
 fanden sie die ihnen von Athen gesandten Reiter vor, zwei­ hundertfunfzig
 Mann mit Geschirr, aber ohne die Pferde, weil man meinte, die würden dort im
 Lande ja wohl zu haben sein, auch dreißig reitende Bogenschützen und dreihundert
 Talente Silber.

In diesem Frühjahr unternahmen die Lakedämonier einen Zug nach Argos, kamen
 auch bis Kleonai; da jedoch ein Erd­ beben eintrat, kehrten sie wieder um.
 Darauf fielen auch die Argeier in das an ihr Land grenzende Thyreatische ein
 und nahmen den Lakedämoniern eine Menge Beute weg, die ihnen beim Verkauf
 mindestens fünfundzwanzig Talente ein­ trug. Nicht lange nahcher in demselben
 Sommer versuchten die Demokraten in Thespiai einen Aufstand gegen die dortige
 Regierung, konnten sich aber nicht behaupten, und als dann auch die
 Thebaner einrückten, wurden sie zum Teil ins Ge­ fängnis geworfen, während
 andere nach Athen flüchten mußten.

Als die Syrakuser in diesem Sommer erfuhren, daß die Athener die Reiter
 erhalten hätten und sich nunmehr zum Angriff auf sie anschickten, meinten sie,
 wenn man die Athener verhinderte, sich der unmittelbar über der Stadt belegenen
 Höhe Epipolai zu bemächtigen, so würde die Stadt auch im Fall einer
 Niederlage nicht so leicht durch eine Mauer einzu? 
 sperren sein, und beschlossen deshalb, die Zugänge dahin zu 
 besessen, damit die Feinde nicht unversehens hinauskommen könnten; denn anderswo
 würde ihnen das nicht möglich sein. DaS Gelände dort fällt nämlich sonst überall
 steil ab und senkt sich nach der Stadt zu, so daß man von dort die ganze 
 Stadt übersieht, und eben weil es so viel höher liegt als die ganze Umgebung,
 nennt man es in Syrakus Epipolai. Da HermokrateS und seine Mitfeldherren den
 Oberbefehl inzwischen bereits übernommen hatten, rückten sie bei Tagesanbruch
 mit ihrem ganzen Heere auf die Weide am Flusse Anapos, wo sie ihre
 Mannschaft musterten und zunächst sechshundert erlesene Hopliten auswählten, um
 unter Befehl des Diomilos, eines Flüchtlings auS Andros, Epipolai zu besetzen
 und auch, wo es sonst etwa nötig wäre, allesamt schnell am Platze und bei der
 Hand zu sein.

In der Nacht vor dem Tage, an dem diese Musterung stattfand, trafen die
 Athener, ohne daß die Syrakuser es merkten, mit der ganzen Flotte von Katana bei
 dem sechs bis sieben Stadien von Epipolai entfernten Leon ein, schifften ihr
 Landheer aus und gingen mit der Flotte bei Thapsos vor Anker. Es ist dies
 eine in die See vorspringende, durch eine schmale Landenge mit der Insel
 zusammenhängende Halbinsel, die von der Stadt Syrakus weder über See noch auf
 dem Landwege weit entfernt ist. Während das Schiffsheer der Athener in
 Thapsos blieb und die Landenge durch ein Pfahl­ werk absperrte, setzte sich ihr
 Landheer sogleich im Lauftritt gegen Epipolai in Marsch und langte auch beim
 EuryeloS oben an, bevor die Syrakuser es bemerkten und von der Weide, wo
 sie musterten, herankommen konnten. Dann aber eilten nicht nur DiomiloS und
 seine Sechshundert, sondern auch alle übrigen, waS sie lausen konnten, herbei,
 um die dort drohende Gefahr abzuwenden, hatten jedoch volle fünfundzwanzig
 Stadien von der Weide zurückzulegen, bis sie an den Feind kamen. So gingen
 die Syrakuser ohne rechte Ordnung ins Gefecht, wurden bei Epipolai geschlagen
 und mußten sich in die Stadt zurückziehen. DiomiloS aber und mit ihm gegen
 dreihundert 
 blieben auf dem Platze. Darauf errichteten die Athener ein 
 Siegeszeichen und gaben den Syrakusern ihre Toten unter Waffenstillstand heraus.
 Am folgenden Tage rückten sie von oben bis an die Stadt selbst hinunter, da aber
 niemand heraus­ kam, gingen sie wieder zurück und erbauten in Labdalon über
 dem nach Megara gerichteten steilen AbHange von Epipolai eine Schanze, um,
 wenn sie angreifen oder an ihrer Mauer arbeiten wollten, Gerätschaften und
 Vorräte darin unterbringen zu können.

Nicht lange nachher trafen aus Egesta dreihundert und etwa hundert von
 Sikelern, Naxiern und anderen Orten ge­ stellte Reiter bei ihnen ein; die
 Athener selbst hatten zwei­ hundertfunfzig, für die sie Pferde teils von Egesta
 und Ka­ tana erhalten, teils angekauft, im ganzen also jetzt sechs­ 
 hundert Reiter zur Stelle. Nun rückten sie, während sie in Labdalon eine
 Besatzung ließen, gegen Syke vor, wo sie sich festsetzten und sogleich damit
 begannen, eine Mauer rings um die Stadt zu erbauen, und die Syrakuser sahen mit
 Schrecken, wie schnell der Bau fortschritt. Um das zu ver­ hindern,
 entschlossen sie sich zu einem Ausfall, um den Athenern eine Schlacht zu
 liefern. Aber schon bald, nachdem sie an­ einander geraten, sahen die Feldherren
 der Syrakuser, daß ihre Reihen durchbrochen und nicht leicht wieder zu schließen
 waren, und führten deshalb ihr Heer bis auf eine Anzahl Reiter wieder in
 die Stadt zurück. Die blieben draußen und suchten die Athener daran zu hindern,
 Steine zusammenzu­ tragen und sich dazu einzeln weiter vom Heere zu entfernen.
 Nun aber warf sich eine einzelne Abteilung des schweren Fußvolks der
 Athener und ihre ganze Reiterei auf die syra­ kusischen Reiter, schlug sie in
 die Flucht und machte eine Anzahl nieder. Auch wegen dieses Reitergefechts
 errichteten die Athener ein Siegeszeichen.

Am folgenden Tage arbeiteten die Athener zum Teil an der nördlichen Hälfte
 ihrer Mauer, während andere beständig Steine und Hölzer zusammentrugen und beim
 Trogiloshafen aufschichteten, wo sie mit ihrer Mauer auf kürzestem Wege 
 vom großen Hafen an die gegenüberliegende Seeseite gelangen 
 konnten. Die Syrakuser aber wollten es, namentlich auf Rat ihres Feldherrn
 Hermokrates, nicht von neuem mit ihrem ganzen Heere auf eine Schlacht gegen die
 Athener ankommen lassen, sondern hielten es für besser, da, wo diese ihre Mauer
 aufführen wollten, eine Quermauer zu bauen und ihnen, wenn sie früh genug
 damit fertig würden, damit einen Riegel vor­ zuschieben. Gleichzeitig dachten
 sie, zur Abwehr eines etwaigen Angriffs der Athener einen Teil ihres'Heeres
 gegen sie ausrücken zu lassen und die Zugänge vorher durch Pfahl­ werke zu
 verrammeln, da die Athener ihre Arbeit dann wohl aufgeben und ihre ganze
 Mannschaft gegen sie verwenden würden. Sie begannen also draußen von der Stadt
 her unterhalb des athenischen Mauerzuges eine gegen diesen ge­ richtete
 Quermauer zu bauen und hölzerne Türme darauf zu stellen, wozu sie die Albäume
 des Tempelwaldes fällten. Bis dahin waren die Athener mit ihren Schiffen von
 Thapsos noch nicht nach dem großen Hafen herumgefahren und die Syrakuser
 auf der Seeseite noch unbehelligt geblieben. Die Lebensmittel aber ließen sich
 die Athener von Thapsos zu Lande kommen. ,

Als die Syrakuser glaubten, daß ihre Quermauer hin­ länglich stand- und
 bandfest sei, und die Athener, welche selbst eifrig an ihrer Mauer arbeiteten
 und auS Furcht, in einer Schlacht mit geteilten Kräften keinen leichten Stand zu
 haben, ihnen dort keine Hindernisse in den Weg legten, zogen sie wieder in
 die Stadt und ließen nur eine einzelne Abteilung zum Schutz ihrer Mauer draußen
 zurück. Die Athener aber zerstörten die Röhren, durch welche Trinkwasser unter
 der Erde in die Stadt geleitet wurde, und warteten die Zeit ab, wo die
 Syrakuser um Mittag entweder in ihren Zelten lagen oder in die Stadt gegangen
 waren und die Wachen an den Palisaden nicht ordentlich aufpaßten. Dann aber
 ließen sie dreihundert ihrer eigenen besten Leute und eine Anzahl vorher 
 mit schwerer Rüstung versehener leichter Kerntruppen vortreten und plötzlich im
 Sturmschritt gegen die Quermauer vorgehen. 
 Gleichzeitig setzte sich die übrige Mannschaft in zwei Heer­ 
 haufen in Bewegung, der eine mit Rücksicht auf einen etwaigen Ausfall unter dem
 einen Feldherrn gegen die Stadt, der an­ dere unter dem zweiten gegen die
 Palisaden bei der kleinen Pforte. Die dreihundert nahmen die Palisaden mit
 Sturm, die Wachen liefen davon und flüchteten in die um den Teme­ nites
 angelegten Festungswerke. Mit ihnen drangen auch die Verfolger dort ein, wurden
 aber nahcher von den Syrakusern wieder hinausgeschtagen, wobei eine Anzahl
 Argeier und einige Athener auf dem Platze blieben. Darauf gingen die Athener
 mit ihrem ganzen Heere wieder zurück, zerstörten die Quer­ mauer, nahmen
 die herausgerissenen Pfähle mit und errichteten ein Siegeszeichen.

Am folgenden Tage arbeiteten die Athener an der süd­ lichen Hälfte ihrer Mauer
 auf dem steilen AbHange oberhalb des sich auf dieser Seite von Epipolai nach dem
 großen Hafen erstreckenden Sumpfes, wo sie die Mauer auf kürzestem Wege 
 durch die Ebene und den Sumpf bis an den Hafen ziehen konnten. Unterdessen kamen
 auch die Syrakuser heraus und bauten von der Stadt her abermals ein Pfahlwerk
 mitten durch den Sumpf, tieften daneben auch einen Graben aus, um es den
 Athenern unmöglich zu machen, ihre Mauer bis an die See zu führen. Die aber
 schickten sich, als sie mit der Arbeit auf dem AbHange fertig waren, gleich
 wieder zum Angriff auf das Pfahlwerk und den Graben an. Nachdem sie an die
 Flotte den Befehl gesandt, von Thapsos nach dem großen Hafen der Syrakuser
 herumzufahren, kamen sie selbst beim ersten Tagesgrauen von Epipolai herab in
 die Ebene und über den Sumpf, den sie mit Hilfe von Türen und breiten 
 Bohlen überschritten, die sie auf lehmige und festere Stellen legten, und
 bemächtigten sich noch vor Sonnenaufgang des Pfahlwerks und des Grabens bis auf
 ein kleines Stück, das ihnen später auch noch in die Hände fiel. Dabei kam es
 zur Schlacht, in der die Athener siegten. Die Syrakuser vom rechten Flügel
 flohen nach der Stadt, vom linken am Flusse entlang, und um diesen den Übergang
 über den Fluß abzu­ 
 schneiden, eilten nun die dreihundert auserlesenen Athener in 
 vollem Lauf der Brücke zu. Aus Furcht davor aber drangen die Syrakuser, die auf
 dieser Seite fast ihre ganze Reiterei bei sich hatten, jetzt auf die dreihundert
 ein, schlugen nicht nur sie in die Flucht, sondern warfen sich auch auf den
 rechten Flügel der Athener, dessen erstes Treffen dadurch mit in die 
 Flucht gerissen wurde. Als Lamachos das bemerkte, machte er sich von seinem
 linken Flügel mit einer Anzahl Bogen­ schützen und den Argeiern, die er mitnahm,
 zu dessen Unter­ stützung auf. Aber als er dabei über einen Graben setzte 
 und auf der andern Seite außer ein paar Leuten, die mit hinübergelangt waren,
 augenblicklich niemand bei sich hatte, wurde er selbst mit fünf oder sechs
 seiner Begleiter dort er­ schlagen. Die Syrakuser brachten sie, ehe was
 dazwischen kam, jenseits des Flusses geschwind in Sicherheit, zogen sich 
 dann aber, da auch das übrige Heer der Athener bereits herankam, wieder
 zurück.

Indessen faßten auch die Syrakuser, welche anfangs nach der Stadt geflohen
 waren, neuen Mut, als sie sahen, was da vorging, und rückten nicht nur von der
 Stadt her gegen die auf sie eindringenden Athener wieder vor, sondern 
 entsandten auch einen Teil ihrer Mannschaft gegen die Ring­ mauer auf Epipolai
 in der Hoffnung, sie unbesetzt zu finden nnd nehmen zu können. Auch gelang es
 ihnen, das davor befindliche Außenwerk von zehn Plethren zu nehmen und zu 
 zerstören, die Ringmauer selbst aber wurde von Nikias be­ hauptet, der zufällig
 krankheitshalber dort zurückgeblieben war. Er ließ nämlich das draußen an der
 Mauer gelagerte Holz und Sturmzeug durch seine Leute in Brand stecken, da 
 er einsah, daß sie bei dem Mangel an Mannschaft auf andere Weise nicht zu
 behaupten sein würde. Und damit erreichte er seinen Zweck. Die Syrakuser wagten
 sich nämlich des Feuers wegen nicht weiter vor, sondern zogen sich wieder 
 zurück; denn eben jetzt kam auch von unten die von den dort siegreich
 vordringenden Athenern ihrer Mauer zu Hilfe ge­ sandte Mannschaft oben an, und
 gleichzeitig tief ihre Flotte 
 von Thapsos dem ihr erteilten Befehle gemäß in den großen Hafen
 ein. Als die Syrakuser das sahen, zogen sie nicht nur von dort oben schleunigst
 ab, sondern auch mit ihrem ganzen Heere wieder in die Stadt hinein, da sie mit
 den vorhan­ denen Kräften den Ausbau der Mauer bis an die See doch nicht
 mehr abwenden zu können glaubten.

Hierauf errichteten die Athener ein Siegeszeichen, gaben den Syrakusern ihre
 Toten unter Waffenstillstand heraus und erhielten ihrerseits die Leichen deS
 Lamachos und seiner mit ihm gefallenen Begleiter zurück. Und nun, wo ihre ganze
 Macht, Flotte und Landheer, zur Stelle war, schlossen sie Syrakus von
 Epipolai und dem AbHange her bis an die See mit einer doppelten Mauer ein.
 Lebensmittel für das Heer wurden ihnen aus Italien von allen Seiten zugeführt.
 Auch schlossen sich jetzt noch viele Sikeler ihrem Heere an, die bis dahin
 damit noch gewartet hatten, und aus Tyrsenien kamen ihnen drei Funfzigruderer zu
 Hilfe. Überhaupt ging ihnen alles nach Wunsche. Die Syrakuser aber glaubten
 nicht mehr an einen glücklichen Ausgang des Krieges, da ihnen auch vom 
 Peloponnes keine Hilfe gekommen war, auch wurden bei ihnen bereits Stimmen für
 den Frieden laut und Verhandlungen darüber mit Nikias angeknüpft, der seit
 LamachoS' Tode den Oberbefehl allein führte. Zum Abschluß kam die Sache freilich
 nicht, doch wurde sie, wie das in einer so bedrängten und immer härter
 belagerten Bevölkerung begreiflich ist, sowohl mit ihm und mehr noch in der
 Stadt ernstlich erwogen. Denn hier traute man jetzt in der Not selbst einander
 nicht mehr, und die Feldherren, unter denen es dahin gekommen, und deren
 Ungeschick oder Verrat vermeintlich daran schuld war, wurden abgesetzt und
 andere, Herakleides, Eukles und Tellias, statt ihrer dazu gewählt.

Unterdessen waren der Lakedämonier Gylippos und die Schiffe von Korinth bereits
 bei Leukas angekommen in der Absicht, Sizilien schleunig Hilfe zu leisten. Als
 aber Unglücks­ posten an sie gelangten und immer wieder die falsche Nach­ 
 richt brachten, daß Syrakus schon gänzlich eingeschlossen wäre, 
 gab Gylippos alle Hoffnung für Sizilien auf und beschloß, sein
 Glück in Italien zu versuchen. Er selbst und der Ko­ rinther Pythen fuhren mit
 zwei lakonischen und zwei korin­ thischen Schiffen quer durch das Ionische Meer
 nach Tarent hinüber, während die Korinther zu ihren eigenen noch zwei 
 leukadische und drei amprakische Schiffe bemannen lassen und ihnen damit
 nachkommen wollten. Von Tarent knüpfte Gy­ lippos zunächst Verhandlungen mit den
 Thuriern an und führte dabei auch das frühere Bürgerrecht seines Vaters ins
 Feld. Da es ihm jedoch nicht gelang, sie auf seine Seite zu ziehen, ging
 er wieder in See und setzte seine Fahrt an der Küste Italiens fort. Im Golf von
 Tarent wurde er vom Winde, der dort, wenn er nach Norden springt, als heftiger
 Landwind auftritt, in die offene See verschlagen, und da sich der Sturm 
 hier von neuem erst recht aufmachte, gezwungen, nach Tarent zurückzukehren, wo
 er seine, durch das schwere Wetter be­ schädigten Schiffe ans Land ziehen und
 ausbessern ließ. Nikias aber, der von seiner Fahrt hörte und, wie es auch den
 Thunern gegangen war, ihn mit seinen paar Schiffen verachtete und darin
 nichts weiter als einen Piratenzug sah, hielt es nicht für nötig, irgendwelche
 Vorsichtsmaßregeln gegen ihn zu treffen.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer fielen die Lake­ dämonier mit ihren
 Bundesgenossen ins Argeiische ein und verwüsteten einen großen Teil des Landes.
 Die Athener aber schickten den Argeiern dreißig Schiffe zu Hilfe und brachen
 dadurch nun offen mit dem lakedämonischen Bündnis. Aller­ dings hatten sie
 sich auch bisher schon durch Streifzüge von Pylos und Landungen im Peloponnes,
 wenn auch nicht in Lakonien, am Kriege der Argeier und Mantineer beteiligt,
 aber allen Bitten der Argeier gegenüber, auch einmal in La­ konien selbst
 Truppen zu landen, ihnen dort ein bißchen plündern zu helfen und dann wieder
 abzuziehen, immer noch ablehnend verhalten. Jetzt aber landeten sie unter
 Ppthodoros, Laispodios und Demaratos bei Epidauros-Limera, Prasiai und
 anderen Orten, verwüsteten das Land und gaben damit 
 den Lakedämoniern den triftigsten Grund, zu behaupten, daß sie den
 Krieg gegen die Athener zu ihrer Verteidigung führten. Nachdem die Athener mit
 ihren Schiffen und auch die Lake­ dämonier aus Argos abgezogen waren, fielen die
 Argeier in das Gebiet von Phlius ein, verheerten einen Teil des Landes, 
 töteten auch einige Einwohner und gingen dann wieder nach Hause.

Gylippos und Pythen fuhren, nachdem sie ihre Schiffe ausgebessert, von Tarent
 nach Lokroi-Egizephyrioi und erhielten hier die bestimmte Nachricht, daß Syrakus
 noch nicht gänzlich eingeschlossen sei, sondern daß man über Epipolai 
 immer noch mit einem Heere in die Stadt gelangen könne. Nun überlegten sie, ob
 sie Sizilien rechts lassen und es darauf wagen sollten, Syrakus zu Schiff zu
 erreichen, oder besser täten, die Insel zur Linken, erst nach Himera zu fahren,
 dort und womöglich auch noch von anderen Seiten Verstärkungen an sich zu
 ziehen und den Landweg zu wählen. Sie entschieden sich für die Fahrt nach
 Himera, namentlich auch deshalb, weil die vier attischen Schiffe noch nicht bei
 Rhegion ein­ getroffen waren, welche Nikias auf die Nachricht von ihrer 
 Ankunft in Lokroi dann doch abgeschickt hatte. Auch kamen sie, noch bevor diese
 dort eintrafen, glücklich durch die Meer­ enge und, nachdem sie unterwegs bei
 Rhegion und Messene angelegt, nach Himera. Während ihres Aufenthalts dort be­
 wogen sie die Einwohner, sich am Kriege zu beteiligen und nicht nur selbst
 mit ihnen zu ziehen, sondern auch die Leute von ihren Schiffen, welche keine
 Waffen hatten, damit zu versehen. Ihre Schiffe hatten sie nämlich in Himera ans
 Land gezogen. Nach Selinus sandten sie die Aufforderung, die gesamte
 dortige Mannschaft an einem bestimmten Orte zu ihnen stoßen zu lassen. Auch Gela
 versprach, eine wenn auch geringe Anzahl Truppen zu schicken, und das taten auch
 verschiedene Sikeler, die jetzt weit mehr Neigung zeigten, sich ihnen
 anzuschließen, seitdem Archonides, ein dortzulande mächtiger sikelischer König
 und Athenerfreund, vor kurzem gestorben war und Gylippos' Ankunft aus Lakedämon
 darauf schließen ließ, daß man dort jetzt mit dem Kriege Ernst machen 
 wollte. Gylippos, der nunmehr außer den eigenen etwa sieben­ hundert, inzwischen
 mit Waffen versehene Matrosen und See­ soldaten, im ganzen ungefähr tausend Mann
 schweres und leichtes Fußvolk und hundert Reiter aus Himera, eine Anzahl 
 
 leichter Truppen und Reiter aus Selinus, ein paar Leute aus Gela
 und alles in allem gegen tausend Sikeler beisammen hatte, trat damit denn auch
 den Marsch nach Syrakus an.

Auch die Korinther bei Leukas setzten ihre Fahrt von dort, so schnell sie
 konnten, mit den übrigen Schiffen fort, und Gongylos, einer der korinthischen
 Befehlshaber, der zuletzt mit nur einem Schiffe unter Segel gegangen war, kam
 zuerst, kurz vor Gylippos, in Syrakus an. Grade bei seiner Ankunft sollte
 dort in einer Volksversammlung darüber beraten werden, wie der Krieg beizulegen
 sei. Er verhinderte daS und sprach den Syrakusern Mut ein, indem er ihnen
 ankündigte, daß noch mehr Schiffe nachkämen und auch Gylippos, Kleandridas'
 Sohn, den ihnen die Lakedämonier als Feldherrn geschickt, bald eintreffen
 würde. Nun faßten sie wieder Vertrauen zu ihrer Sache und rückten sogleich mit
 dem ganzen Heere aus der Stadt, um Gylippos entgegen zu ziehen. Denn inzwischen
 hatten sie auch die Nachricht erhalten, daß er schon ganz in der Nähe sei.
 Gylippos aber hatte, nachdem er unterwegs die sikelische Festung Geta erobert,
 seine Truppen zum Gefecht geordnet, Epipolai erreicht und; wie früher die
 Athener, bei Euryelos die Höhe gewonnen und drang nunmehr mit den 
 Syrakusern gegen die Mauer der Athener vor. Er war grade zu der Zeit angekommen,
 wo diese den Bau ihrer doppelten Mauer nach dem großen Hafen auf einer Strecke
 von sieben bis acht Stadien vollendet hatten, und nur an der Seeseite ein
 kurzes Stück fehlte, woran sie noch arbeiteten. Für den nach dem Hafen Trogylos
 auf der anderen Seite gerichteten Teil ihrer Ringmauer waren die Steine meist
 schon herbei­ geschafft und teils halb, teils auch schon ganz bearbeitet, dort
 liegen geblieben. Die Sache stand also für die Syrakuser bereits in hohem
 Grade bedenklich.

Die Athener waren zwar anfangs vor Schreck in Ver­ wirrung geraten, als
 Gylippos und die Syrakuser so plötzlich auf sie eindrangen, stellten sich dann
 aber doch ihnen gegen­ über in Schlachtordnung. In ihrer Nähe ließ Gylippos
 halt­ machen und ihnen durch einen Herold sagen, wenn sie binnen 
 fünf Tagen mit Sack und Pack aus Sizilien abziehen wollten, so sei
 er bereit, einen Waffenstillstand zu schließen. Sie wiesen jedoch den Herold ab,
 ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Darauf machten sich beide zum Gefecht
 bereit. Da Gylippos sah, daß die Syrakuser in Unordnung gerieten und die Ord­
 nung so leicht nicht wieder herzustellen sein würde, zog er sich mit dem
 Heere wieder auf den breiten Kamm zurück. Nikias aber ließ die Athener nicht
 nachrücken, sondern'blieb mit ihnen an ihrer Mauer tsehen. Als Gylippos
 erkannte, daß man ihn nicht angreifen wollte, führte er sein Heer nach dem 
 Temenites hinauf und blieb dort mit ihm die Nacht unter freiem Himmel. Am
 folgenden Tage ließ er den größten Teil seiner Mannschaft gegen die Mauer der
 Athener.vor­ gehen, um sie dort festzuhalten, einen kleineren Teil aber ver­
 wandte er gegen die Feste Labdalon, nahm sie auch ein und ließ alles
 niedermachen, was ihm dort in die Hände fiel. Die Athener konnten nämlich da
 nicht hinsehen. An demselben Tage wurde auch ein athenisches Kriegsschiff,
 welches im großen Hafen vor Anker lag, von den Syrakusern genommen.

Hierauf begannen die Syrakuser und ihre Verbündeten von der Stadt her aufwärts
 durch Epipolai neben der früheren Quermauer eine neue einfache Mauer zu bauen,
 damit die Athener, falls es ihnen nicht gelänge, das zu verhindern, außer­ 
 stande wären, ihre Mauer zu schließen. Die Athener waren damit, nachdem das
 Stück unten an der See fertig geworden, schon bis nach oben gekommen. An einer
 Stelle war sie jedoch nur schwach, und hier versuchte nun Gylippos in der 
 Nacht mit seinem Heere einen Angriff auf sie auszuführen. Aber die Athener,
 welche diese Nacht im Freien lagerten, merkten daS und rückten gegen ihn vor,
 worauf er mit seinen Leuten schleunig wieder abzog. Die Athener erhöhten darauf
 die Mauer an dieser Stelle und übernahmen dort selbst die Bewachung,
 während sie diese im übrigen ihren Bundesge­ nossen überlassen und ihnen zu dem
 Ende die einzelnen Ab­ schnitte bereits zugeteilt hatten. 
 Nikias beschloß nunmehr das Plemmyrion zu befestigen. Es 
 ist das eine Landspitze gegenüber der Stadt, welche vor dem großen
 Hafen vorspringt und dessen Einfahrt verengt. Wenn man sie befestigt, vermeinte
 er, würde die Zufuhr der nötigen Lebensmittel leichter sein; denn dann könne die
 Flotte näher bei dem Hafen der Syrakuser vor Anker gehen und, wenn diese
 etwa mit ihren Schiffen herauskämen, so brauche sie, um ihnen gegenüber am
 Platze zu sein, nicht wie jetzt erst die ganze Strecke aus dem inneren Hafen
 zurückzulegen. Überhaupt glaubte er sich bereits mehr auf den Seekrieg ein­
 richten zu sollen, da er sah, wie seit Gylippos' Ankunft die Aussichten zu
 Lande für die Athener immer ungünstiger ge­ worden waren. Auch die Flotte und
 einen Teil des Heeres ver­ legte er nach dem Plemmyrion und errichtete dort drei
 Schanzen, worin das Gepäck und die sonstigen Vorräte größtenteils 
 untergebracht wurden. Die großen Lastschiffe und die schnellen Schiffe lagen
 seitdem ebenfalls dort vor Anker. Damit aber gingen die Leiden der Mannschaft
 erst recht an. Denn Wasser war wenig zu haben und mußte weit hergeholt werden,
 und wenn das Schiffsvolk dazu oder zum Holzholen an Land ging, lief es
 beständig Gefahr, von den syrakusischen Reitern, welche die Umgegend
 beherrschten, niedergehauen zu werden. Die Syrakuser hatten nämlich den dritten
 Teil ihrer Reiterei zum Schutz gegen Streifzüge der Besatzung des Plemmyrions
 bei dem Städtchen am Olympieion aufgestellt. Inzwischen er­ hielt Nikias
 die Nachricht, daß auch die übrigen Schiffe der Korinther im Ansegeln seien; er
 schickte deshalb zwanzig Schiffe aus, um sie zu beobachten und sowohl bei Lokroi
 und Rhegion als auch an der Küste Siziliens Jagd auf sie zu machen.

Unterdessen ließ Gylippos an der Mauer durch Epipolai arbeiten, wobei man die
 Steine benutzte, welche die Athener für sich herbeigeschafft hatten,
 gleichzeitig aber auch die Syra­ kuser draußen an der Mauer immer in
 Schlachtordnung an­ treten. Als er glaubte, daß es an der Zeit sei, ging er
 seiner­ seits zum Angriff über, und es kam zwischen den Mauern zum
 Handgemenge, wobei die Syrakuser von ihrer Reiterei 
 keinen Gebrauch machen konnten. Sie wurden besiegt, ihre Toten
 wurden ihnen unter Waffenstillstand herausgegeben, und die Athener errichteten
 ein Siegeszeichen. Gylippos aber versammelte seine Truppen um sich und erklärte,
 die Schuld liege nicht an ihnen, sondern an ihm; denn in der allzu engen 
 Stellung zwischen den Mauern, die er gewählt, sei eine nütz­ liche Verwendung
 der Reiterei nicht möglich gewesen. Jetzt aber werde er sie von neuem gegen den
 Feind führen; an Kräften würden sie ja dem Gegner sicher gewachsen sein, und
 was den Mut anlange, so wäre es doch unerhört, wenn sie als Peloponnesier
 und Dorier sich nicht zutrauen sollten, mit Joniern und solchem Inselvolk und
 zusammengelaufenem Ge­ sinde! fertigzuwerden und sie aus dem Lande zu jagen.
 Dar­ auf führte er sie auch bei erster Gelegenheit wieder gegen den 
 Feind.

Nikias und die Athener aber glaubten, daß sie die Gegner, auch wenn diese nicht
 zuerst angriffen, doch an ihrer neuen Mauer nicht ungestört weiterarbeiten
 lassen dürften; denn sie reichte über das Ende der athenischen Mauer beinah
 schon hinaus und hätte ihnen, falls sie noch weiter vorrückte, auch wenn
 sie sich auf kein Gefecht einließen, gleichen Vorteil ver­ schafft wie eine
 Reihe glücklicher Gefechte. Sie gingen also gegen die Syrakuser vor. Gylippos
 führte sein schweres Fuß­ volk weiter über die Mauern hinaus als das vorige Mal
 und begann das Gefecht. Die Reiterei und die Speerschützen hatte er in der
 Flanke der Athener aufgestellt, wo sie Platz genug hatten, da, wo die Arbeit an
 den beiden Mauern liegen geblieben war. Im Verlauf der Schlacht warfen sich die
 Reiter auf den linken Flügel der Athener, der ihnen gegenüberstand, und
 schlugen ihn in die Flucht. Infolgedessen wurde auch das übrige Heer der Athener
 von den Syrakusern besiegt und in die Verschanzungen zurückgeworfen. In der
 folgenden Nacht arbeiteten diese geschwind an ihrer Mauer weiter und ge­ 
 langten damit über den Bau der Athener hinaus, so daß sie nicht nur selbst von
 ihnen daran nicht mehr verhindert werden konnten, sondern auch den Athenern
 selbst im Fall eines 
 Sieges die Möglichkeit völlig abgeschnitten war, sie mit ihrer 
 Mauer noch weiter einzuschließen.

Bald nachher kamen auch die übrigen zwölf korinthischen, amprakischen und
 leukadischen Schiffe unter Befehl des Ko­ rinthers Erosinides, welche den ihnen
 auflauernden athenischen Schiffen entwischt waren, in Syrakus an, und die
 Mannschaft half nun den Syrakusern, ihren Bau bis an die Quermauer zu
 führen. Gylippos aber begab sich auf Reisen, um in Sizilien Mannschaften für die
 Flotte und das Landheer auf­ zutreiben und solche Städte, die sich bisher am
 Kriege nicht eifrig genug oder überhaupt nicht beteiligt hatten, auf die 
 Beine zu bringen. Auch nach Lakedämon und Korinth wandte man sich, durch
 syrakusische und korinthische Abgesandte mit der Bitte, noch mehr Truppen zu
 schicken und auf Lastschiffen oder anderen Fahrzeugen, wie es irgend anginge,
 hinüber zu schaffen, zumal auch die Athener sich Verstärkungen kommen 
 ließen. Zugleich bemannten die Syrakuser ihre Flotte und übten sie ein, um es
 auch damit zu versuchen, und strengten auch im übrigen alle Kräfte an.

Als Nikias das erfuhr und sah, wie die Macht der Feinde täglich größer, die
 Lage der Athener aber immer schwieriger wurde, sandte auch er nach Athen. Er
 hatte schon bisher häufig dahin berichtet und hielt das jetzt um so mehr für ge­
 boten, weit er seine Lage für äußerst bedenklich ansah und sich für
 verloren hielt, wenn man das Heer nicht unverzüglich aus Sizilien zurückzöge
 oder ihm ansehnliche Verstärkungen schickte. Da er aber fürchtete, seine
 Abgesandten könnten, etwa weil sie nicht redegewandt genug wären, oder aus
 Vergeßlichkeit oder auch um den Leuten nach dem Munde zu reden, die Sache 
 vielleicht nicht richtig darstellen, so verfaßte er einen schrift­ lichen
 Bericht in der Meinung, die Athener auf diese Weise am besten in den Stand zu
 setzen, seine wahre, durch den Boten nicht entstellte Auffassung kennen zu
 lernen und bei ihren Beratungen nicht von falschen Voraussetzungen auszugehen.
 Darauf machten sich seine Abgesandten mit dem Schreiben und den ihnen
 erteilten mündlichen Aufträgen auf den Weg. 
 Er aber war jetzt schon mehr darauf bedacht, sich im Lager gegen
 feindliche Angriffe zu behaupten als selbst angriffsweise vorzugehen.

Gegen Ende dieses Sommers unternahm auch der athenische Feldherr Euetion mit
 Perdikkas und zahlreichen Thrakern einen Zug gegen AmphipoliS. Er konnte die
 Stadt zwar nicht nehmen, fuhr aber mit seinen Trieren auf dem Strymon um
 sie herum und schloß sie von der Stromseite ein, wobei er Himereion zu seinem
 Stützpunkte machte. Damit endete der Sommer.

Im folgenden Winter kamen Nikias' Abgesandte in Athen an, wobei sie ihre
 mündlichen Aufträge ausrichteten, weitere Fragen beantworteten und sein
 Schreiben übergaben. Nun trat der Staatsschreiber auf die Rednerbühne und las es
 den Athenern vor. Es lautete:

„Die bisherigen Ereignisse sind euch aus zahlreichen früheren Berichten
 bekannt, Athener. Augenblicklich aber ist es für eure weiteren Entschließungen
 vollends von Bedeutung, zu erfahren, in welcher Lage wir hier sind. Nachdem wir
 die Syrakuser, gegen die wir ausgesandt waren, in einer Reihe von
 Gefechten besiegt und die Festungswerke, in denen wir uns gegenwärtig befinden,
 erbaut hatten, kam der Lakedämonier Gylippos mit Truppen auS dem Peloponnes und
 einigen sizi­ lischen Städten hier an. In der ersten Schlacht wurde er von 
 uns besiegt, in der am folgenden Tage aber konnten wir gegen seine zahlreichen
 Reiter und Scharfschützen nicht aufkommen und mußten uns in unsere Werke
 zurückziehen. Jetzt haben wir infolge der Menge unserer Feinde die Arbeit an
 unserer Ringmauer eingestellt und seitdem nichts weiter unternommen. Denn
 unser ganzes Heer würden wir dabei doch nicht ver­ wenden können, da ein Teil
 des schweren Fußvolks durch den Wachdienst an der Mauer in Anspruch genommen
 wird. Auch haben sie gegen uns eine neue einfache Mauer gebaut, so daß wir
 nicht mehr imstande sind, sie ganz einzuschließen, eS sei denn, daß man diese
 ihre Mauer mit überlegenen Kräften an­ greifen und erobern könnte. Anstatt, wie
 wir dachten, sie zu 
 belagern, müssen wir nun erleben, daß es uns, wenigstens auf der
 Landseite, selbst so geht. Denn wegen ihrer Reiterei dürfen wir uns nicht weit
 ins Land hinauswagen.

„Sie haben auch nach dem Peloponnes geschickt und um Verstärkungen gebeten, und
 Gylippos hat sich in Sizilien auf Reisen begeben, um eine Anzahl bisher neutral
 gebliebener Städte zur Teilnahme am Kriege zu bewegen und in anderen 
 womöglich noch Soldaten und Matrosen anfzntreiben. Denn wie ich höre,
 beabsichtigen sie nicht nur mit dem Landheere, sondern gleichzeitig auch von der
 See mit der Flotte einen Angriff gegen unsere Werke zu unternehmen. Daß auch von
 der See, darf euch nicht wundern. Denn wie sie recht gut wissen, war
 unsere Flotte anfangs in vortrefflichem Zustande, die Schiffe trocken, die
 Mannschaft reichlich; jetzt aber haben die Schiffe, nachdem sie so lange zu
 Wasser gewesen sind, von der Nässe gelitten, und die Mannschaft an Bord ist
 einge­ schmolzen. Denn wir können unsere Schiffe nicht an Land ziehen, um
 sie zu trocknen, weil wir bei der gleichen, ja über­ legenen Zahl der Schiffe
 der Feinde immer auf einen Angriff ihrer Flotte gefaßt sein müssen. Offenbar
 haben sie es darauf auch abgesehen; sie haben es ihrerseits in der Hand, uns
 jederzeit anzugreifen, auch eher Gelegenheit, ihre Schiffe zu trocknen,
 weil sie niemand damit aufzupassen brauchen.

„Wir aber würden dazu selbst bei großer Überzahl an Schiffen nicht imstande
 sein, auch weuu wir nicht wie jetzt alle unsere Schiffe zur Bewachung verwenden
 müßten. Denn wenn wir unsere Wachsamkeit auch nur etwas einshcränken, 
 haben wir keine Lebensmittel mehr, deren Zufuhr an ihrer Stadt vorbei auch jetzt
 schon schwierig ist. Unser Bestand an Mannschaft aber ist sehr zurückgegangen
 und nimmt immer noch ab, und zwar aus folgenden Gründen. Wenn die Matrosen 
 ans Land gehen, um zu plündern, oder Holz und Wasser weit herholen müssen, so
 werden sie von den Reitern niedergehauen. Die Diener laufen weg, seit es mit uns
 auf der Kippe steht, die Söldner, die man zum Dienst auf der Flotte gezwungen,
 suchen baldmöglichst wieder nach Hause zu kommen, und manhc 
 einer, der anfangs durch hohen Lohn gelockt und mehr aufs Geld als
 aufs Fechten gesteuert war und sich nun unverhofft zur See und überall einem
 mächtigen Feind gegenüber sieht, reißt aus, um zum Feinde überzulaufen, oder
 macht sich sonst bei erster Gelegenheit aus dem Staube. Sizilien ist ja groß.
 Einige haben sogar auf eigene Hand Geschäfte gemacht und die Befehlshaber
 der Kriegsschiffe überredet, statt ihrer hykka­ rische Sklaven einzustellen, und
 dadurch hat die Maunszucht auf der Flotte gelitten.

„Ich schreibe euch, was ihr ja selbst wißt, daß der Stamm unserer ausgebildeten
 Seeleute klein ist und nur wenige daS Ruder beim Vorstoß oder Hemmen des
 Schiffes richtig zu brauchen verstehen. Das schlimmste für mich dabei aber 
 ist, daß ich als Feldherr das nicht ändern kann, da mit euch Querköpfen nicht
 leicht fertigzuwerden ist, und daß wir nicht wissen, woher wir den Ersatz an
 Mannschaft nehmen sollen, wozu die Gegner reichlich Gelegenheit haben, während
 wir so­ wohl für den augenblicklichen Bedarf wie für weiteren Verlust auf
 den gleich anfangs mitgebrachten Bestand angewiesen sind. Denn die Städte, die
 jetzt noch zu uns halten, Naxos und Katana, sind nicht imstande, dem abzuhelfet.
 Sollte es gar dazu kommen, daß die italischen Orte, die uns bisher mit 
 Lebensmitteln versorgt, zum Feinde übergingen, wenn sie uns hier in der Klemme
 nnd von Athen im Stich gelassen sehen, so sind wir hier eingeschlossen und
 gezwungen, unS zu ergeben, und die Gegner machen, ohne nochmals das Schwert zu
 ziehen, dein Kriege ein Ende. 
 Nun hätte ich euch vielleicht einen schmackhafteren Bericht er­ statten können,
 aber damit wäre euch schlecht gedient gewesen, wenn ihr bei euren Beratungen
 über unsere Lage hier zu­ treffend unterrichtet sein solltet. Zudem kenne ich
 euch, Athener; erst wollt ihr immer gute Nachrichten haben, und wenn es 
 nachher dann doch anders kommt, so geht das Tadeln und Schelten los. Darum habe
 ich es für sicherer gehalten, euch reinen Wein einzuschenken.

„Darauf aber könnt ihr euch verlassen, daß, soweit es 
 sich um die uns hier ursprünglich gestellte Aufgabe handelt, 
 sowohl die Offiziere wie die Leute ihre volle Schuldigkeit getan haben. Da aber
 jetzt ganz Sizilien zusammenhält und weitere Streitkräfte aus dem Peloponnes
 erwartet werden, wir aber mit unseren Kräften hier nicht einmal den uns schon
 jetzt gegenüberstehenden Feinden gewachsen sind, so werdet ihr euch selbst
 sagen, daß ihr entweder euer Heer von hier zurückziehen oder ihm für den Land-
 und Seekrieg ein neues, mindestens ebenso starkes und dazu viel Geld
 nachschicken müßt. Für mich aber bitte ich einen Nachfolger zu senden, da ich
 eines Nierenleidens wegen nicht imstande bin, länger hierzubleiben. Ich
 rechne dabei auf eure Nachsicht; denn solange ich gesund war, habe ich euch im
 Felde manchen guten Dienst geleistet. Was ihr aber auch tun wollt, tut bald,
 gleich bei Beginn des Frühlings, und schiebt es nicht auf die lange Bank. Denn
 hier in Sizilien kann sich der Feind binnen kurzem alles ver­ schaffen,
 und wenn eure Gegner aus dem Peloponnes auch nicht so schnell kommen, so werden
 sie doch., wenn ihr nicht aufpaßt, wie das erste Mal unversehens oder früher
 hier sein als ihr."

So also lautete das Schreiben. Nachdem es vorgelesen war, nahmen die Athener
 Nikias den Oberbefehl zwar nicht ab, stellten ihm aber bis zur Ankunft neu
 gewählter Feldherren zwei . dortige Anführer, Menandros und Euthydemos, darin
 zur Seite, damit er bei seiner Krankheit die Last nicht allein zu tragen habe.
 Auch beschlossen sie, Verstärkungen für die Flotte und das Land­ heer
 hinzuschicken und dazu Athener aus der Stammrolle und Bundesgenossen
 einzustellen. Zu seinen Mitfeldherren aber wählten sie Demotshenes, Alkistheneö'
 Sohn, und Eurymedon, Thukles' Sohn. Eurymedon ließen sie sogleich um die Zeit
 der Winter- sonnenwende mit zehn Schiffen und hundertzwanzig Talenten nach
 Sizilien abgehen, um denen dort zugleich anzukündigen, daß Verstärkung kommen
 und für sie gesorgt werden würde.

Demosthenes blieb einstweilen in Athen und richtete sich zum Frühjahr auf die
 Fahrt ein, wozu er bei den Bundes­ genossen Truppen aufbot und sich in Athen mit
 Geld, Schiffen 
 und Hopliten versehen ließ. Auch schickten die Athener zwanzig 
 Schiffe in die peloponnesischen Gewässer, um dort aufzupassen, daß aus Korinth
 und dem Peloponnes nach Sizilien nichts hinüberkäme. Denn da die Gesandten aus
 Sizilien den Ko­ rinthern die Nachricht gebracht hatten, daß die Sachen dort
 jetzt besser ständen, waren diese überzeugt, schon das erste Mal die
 Schiffe grade zur rechten Zeit hingeschickt zu haben, und wollten nun noch höher
 hinaus. Sie machten also nicht nur selbst Anstalt, schweres Fußvolk auf
 Lastschiffen nach Sizilien zu senden, sondern lagen auch den Lakedämoniern an,
 aus dem übrigen Peloponnes ebenfalls Truppen hinüberzuschicken. Auch 
 bemannten sie fünfundzwanzig Schiffe, um damit gegen daS athenische Geschwader
 bei Naupaktos einen Schlag zu führen, damit die Athener dort sich vor ihren
 Trieren in acht nähmen und die Abfahrt ihrer Lastschiffe nicht verhinderten.

Nun aber rüsteten sich auch die Lakedämonier zum Einfall nach Attika, wozu sie
 sich vorher schon entschlossen hatten und jetzt auch von den Syrakusern und
 Korinthern gedrängt wurden, da sie erfahren, daß die Athener Verstärkungen nach
 Sizilien schickten, und sie dieS durch den Einfall verhindern wollten. 
 Auch Alkibiades empfahl ihnen dringend, Dekeleia zu befestigen und den Krieg auf
 der Stelle zu beginnen. Die Lakedämonier aber entschlossen sich dazu um so
 unbedenklicher, weil sie glaubten, die Athener, welche den doppelten Krieg gegen
 sie und die sizilischen Griechen führen mußten, jetzt leichter be­ siegen
 zu können, und überzeugt waren, daß die Athener den Frieden zuerst gebrochen
 hätten, während sie in dem vorigen Kriege eigentlich selbst im Unrecht gewesen
 seien. Hatten doch damals die Thebaner Platää mitten im Frieden überfallen 
 und sie sich auf die von den Athenern verlangte richterliche Entscheidung nicht
 eingelassen, obgleich nach den früheren Ver­ trägen niemand mit Krieg überzogen
 werden durfte, der sich richterlicher Entscheidung unterwerfen wollte. Dadurch
 meinten sie, ihr damaliges Mißgeschick verdient zu haben, und dachten 
 dabei an die bei Pylos und anderswo erlittenen Niederlagen. Nachdem jedoch die
 Athener auf den dreißig Schiffen aus 
 Argos bei Epidauros, Prasiai und an anderen Orten gelandet waren,
 dort gebrandschatzt und von Pylos Streifzüge unter­ nommen, auch sich auf die
 von ihnen verlangte richterliche Ent­ scheidung einer über die Auslegung des
 Vertrags entstandenen Meinungsverschiedenheit niemals eingelassen hatten,
 glaubten die Lakedämonier, wenn das Unrecht früher auch auf ihrer Seite
 gewesen, so sei es jetzt auf Seite der Athener, und gingen deshalb um so
 zuversichtlicher in den Krieg. In diesem Winter ließen sie sich von ihren
 Bundesgenossen Eisen kommen und versahen sich auch sonst mit Gerätschaften für
 den Festungs­ ban. Zugleich richteten sie sich darauf ein, selbst Truppen auf
 Lastschiffen nach Sizilien zu schicken, und hielten auch die übrigen
 Peloponnesier dazu an. Damit endete der Winter und das achtzehnte Jahr des
 Krieges, den Thukydides be­ schrieben hat.

Gleich im Beginn des nächsten Frühjahrs fielen die Lake­ dämonier und ihre
 Verbündeten so früh wie möglich nach Attika ein. Den Oberbefehl führte der
 lakedämonische König Agis, Archidamos' Sohn. Zuerst verheerten sie das platte
 Land, dar­ nach befestigten sie Dekeleia, wobei sie die Arbeit nach Städten
 unter sich verteilten. Dekeleia ist ungefähr hundertzwanzig Stadien von
 der Stadt Athen entfernt und etwa ebenso weit oder doch nicht viel weiter von
 Böotien. Die Festung wurde auf einer ebenen Fläche, an einer zu Streifzügen ins
 Land be­ sonders geeigneten Stelle angelegt, und man konnte sie von der 
 Stadt Athen aus noch sehen. Während die Peloponnesier und ihre Verbündeten an
 der Festung arbeiteten, sandte man gleich­ zeitig aus dem Peloponnes Hopliten
 auf Lastschiffen nach Si­ zilien, wozu die Lakedämonier aus den Heloten und den
 schon früher Freigelassenen die tüchtigsten ausgewählt und sie, zu­ sammen
 gegen sechshundert Hopliten, dem Spartiaten Ekkritos unterstellt, die Böotier
 aber dreihundert Hopliten geschickt hatten, welche Senon und Nikon aus Theben
 und Hegesandros aus Thespiai befehligten. Diese brachen zuerst auf und gingen
 von Tainaron in Lakonien in See. Bald nachher schickten die Korinther
 fünfhundert Hopliten, teils aus Korinth selbst, 
 teils geworbene Arkadier, unter dem Korinther Alerarchos ihnen
 nach. Zu gleicher Zeit mit den Korinthern wurden auch aus Sikyon
 zweihundertHopliten hinausgesandt, welche Sargeus auS Sikyon anführte. Die im
 Laufe des Winters in Dienst gestellten fünfundzwanzig Schiffe der Korinther aber
 blieben den zwanzig athenischen Schiffen bei Naupaktos gegenüber liegen,
 bis ihre Lastschiffe mit den Hopliten vom PeloponneS abgefahren waren. Man hatte
 sie ja auch von vornherein nur eingestellt, um die Athener zu zwingen, ihre
 Aufmerksamkeit auf die Kriegsschiffe und nicht auf die Lastschiffe zu
 richten.

Unterdessen schickten die Athener auch noch im Beginn des Frühjahrs, während
 Dekeleia befestigt wurde, gleich dreißig Schiffe unter Charikles, Apolodoros'
 Sohn, nach dem Pelo­ ponnes mit dem Befehl, Argos anzulaufen und dort dem 
 Bundesvertrage gemäß argeiisches Fußvolk an Bord zu nehmen. Demosthenes aber
 sandten sie, wie man das ja schon vorher beschlossen hatte, nach Sizilien mit
 sechzig athenischen und fünf chiischen Schiffen, zwölfhundert Hopliten aus der
 Bürger­ stammrolle und allem, waS auf den Inseln und bei den übrigen 
 untertänigen Bundesgenossen an brauchbarer Mannschaft irgend zu haben gewesen
 war. Zunächst jedoch sollte er sich mit Charikles vereinigen, um ihn bei seinen
 Unternehmungen an der Küste Lakoniens zu untertsützen. Demotshenes fuhr dann
 auch mit seiner Flotte nach Agina ab und wartete dort auf etwa
 zurückgebliebene Schiffe und die Nachricht, daß Charikles die Argeier an Bord
 genommen.

In Sizilien war Gylippos um dieselbe Zeit in diesem Frühjahr mit allem, was er
 an Truppen in den Städten, die sich ihm angeschlossen, nur irgend hatte
 auftreiben können, in Syrakus wieder angekommen. Hier berief er die Syrakuser
 zu einer Versammlung und erklärte, sie müßten so viel Schiffe wie möglich
 bemannen und es darauf wagen, eine Seeschlacht zu liefern; denn davon könne man
 sich für den weiteren Verlauf des Krieges einen Erfolg versprechen, der ein
 solches Wagnis wohl wert sei. Mit ihm sprach sich besonders auch Hermo­ 
 krates dafür aus, daß sie sich vor einer Seeschlacht mit den 
 Athenern nicht zu fürchten brauchten; denn auch diesen sei die 
 Tüchtigkeit zur See nicht von Haus aus angeboren, ja im Grunde seien sie ärgere
 Landratten als die Syrakuser und erst durch die Perser gezwungen worden, sich
 auf die See zu werfen. Wenn man solch kühnen Leuten wie den Athenern mit
 gleicher Kühnheit begegne, so werde man in ihren Augen der gefährlichste Feind
 sein. Denn wie diese andere manchmal selbst mit schwächeren Kräften bloß durch
 ihr kühnes Draus­ gehen schreckten, so würde das ihnen dem Gegner gegenüber
 ebensogut möglich sein. Er seinerseits zweifle nicht daran, daß der
 Nachteil, in dem sich die Syrakuser bei ihrer geringeren Erfahrung der
 Geschicklichkeit der Athener gegenüber befanden, durch einen unverhofften kühnen
 Angriff auf ihre Flotte und den ihnen dadurch verursachten Schrecken mehr als
 aufgewogen werden würde. Sie möchten es also nur unbedenklich mit einer
 Seeschlacht wagen. Nachdem Gylippos und Hermokrates und noch einige andere ihnen
 also zugeredet hatten, begeisterten sich die Syrakuser für eine Seeschlacht und
 beschlossen, ihre Schiffe zu bemannen.

Als die Schiffe klar, führte Gylippos bei Nacht sein ganzes Heer hinaus, um die
 Befestigungen aus dem Plemmyrion seinerseits zu Lande anzugreifen, während
 gleichzeitig, wie verabredet, fünfunddreißig Kriegsschiffe der syrakusischen
 Flotte aus dem großen Hafen vorgingen und die fünfundvierzig aus dem
 kleinen Hafen, wo ihre Werft war, herumkamen in der Absicht, sich mit denen im
 großen Hafen zu vereinigen und sich dann gemeinsam gegen das Plemmyrion zu
 wenden, damit die Athener von beiden Seiten in Atem gehalten würden. Die
 Athener aber bemannten ebenfalls eiligst sechzig Schiffe und schickten
 fünfundzwanzig gegen die fünfunddreißig syrakusischen im großen Hafen vor, die
 übrigen aber den von der Werft herumkommenden entgegen. Auch kam es am Ein­
 gange des großen Hafens sogleich zur Schlacht, in der beide längere Zeit
 einander standhielten, die einen die Einfahrt zu erzwingen, die anderen sie zu
 verhindern suchten.

Inzwischen war Gylippos, während die Athener auf dem 
 Plemmyrion sich nach dem Strande hinuntergezogen und den Gang der
 Seeschlacht beobachtet hatten, bei Tagesanbruch unbemerkt bis an ihre
 Festungswerke gelangt und hatte sich zuerst des größten und dann auch der beiden
 kleineren Werke bemächtigt, deren Besatzungen nicht standhielten, als sie 
 sahen, daß das größte so rasch genommen war. Aus dem zuerst genommenen war die
 Mannschaft, auch so weit sie sich auf irgendein Fahrzeug oder eines der
 Lastschiffe gerettet, nur mit genauer Not ins Lager gelangt. Denn da die
 syrakusischen Schiffe in der Schlacht im großen Hafen damals im Vorteil 
 waren, hatte eine einzelne schnelle Triere Jagd auf sie gemacht. Als die beiden
 kleineren Werke genommen wurden, aber war die syrakusische Flotte schon besiegt,
 und die Mannschaft konnte sich von dort leichter zurückziehen. Die Schiffe der
 Syrakuser nämlich, welche vor der Hafeneinfahrt gefochten und die athe­ 
 nische Flotte durchbrochen hatten, waren ohne jede Ordnung auf sie eingedrungen
 und durcheinander geraten und verhalfen dadurch den Athenern zum Siege. Denn die
 Athener besiegten nicht nur sie, sondern auch die anderen, denen sie anfangs im
 Hafen unterlegen waren. Sie versenkten elf syrakusische Schiffe und 
 töteten den größten Teil der Mannschaft bis auf die von drei Schiffen, die sie
 gefangen nahmen. Sie selbst hatten drei Schiffe verloren. Sie bargen die Trümmer
 der syrakusischen Schiffe, errichteten ein Siegeszeichen und zogen sich darauf
 in ihr.Lager zurück.

So waren die Syrakuser in der Seeschlacht allerdings schlecht weggekommen,
 dafür aber waren sie jetzt im Besitz der Werke auf dem Plemmyrion und
 errichteten dort drei Sieges­ zeichen. Das eine der beiden zuletzt gewonnenen
 Werke trugen sie ab, die beiden anderen setzten sie wieder instand und legten
 Besatzungen hinein. Bei Einnahme der Werke waren viele darin ums Leben
 gekommen oder in Gefangenschaft geraten und alle die großen Vorräte dort ihnen
 in die Hände gefallen. Denn da sie den Athenern als Magazin gedient hatten,
 befand sich dort Kaufmannsgut, Getreide und Eigentum der Trierarchen in
 Menge, wie denn auch Segel für vierzig Kriegsschiffe nebst 
 anderem Schiffsgerät und drei ans Land gezogene Trieren dort
 erbeutet wurden. Die Einnahme des Plemmyrions war einer der ersten schweren
 Schläge, von denen das athenische Heer betroffen wurde. Denn auch auf die Zufuhr
 von Lebens­ mitteln über See war jetzt nicht mehr mit Sicherheit zu rechnen,
 da die Syrakuser mit ihren Schiffen aufpaßten und die Ein­ fahrt zu
 verhindern suchten, so daß es schon dabei nicht ohne Kampf abging. Überhaupt war
 die Zuversicht und der Mut des Heeres dadurch erschüttert.

Hierauf sandten die Syrakuser zwölf Schiffe unter dem Befehl des Syrakusers
 Agatarchos hinaus. Eins aber trennte sich von ihnen, um Gesandte nach dem
 Peloponnes zu bringen, welche dort ihre immer noch bedenkliche Lage schildern
 und darauf dringen sollten', daß der Krieg drüben nachdrücklicher 
 betrieben würde. Die übrigen elf schlugen die Richtung nach Italien ein, da
 bekannt geworden war, daß Schiffe mit Vor­ räten für die Athener von dort im
 Ansegeln seien, die sie auch trafen und größtenteils zerstörten. Bei Kaulonia
 steckten sie das dort für die Athener gelagerte Schiffsbauholz in Brand. 
 Darauf fuhren sie nach Lokroi. Während sie hier vor Anker lagen, traf eins der
 Lastschiffe aus dem Peloponnes dort ein, auf dem sich die Hopliten aus Thespiai
 befanden. Die Syrakuser nahmen diese an Bord und machten sich dann auf die
 Rückfahrt. Die Athener aber lauerten ihnen mit zwanzig Schiffen bei Megara auf
 und nahmen ihnen ein Schiff mit-' samt der Mannschaft weg, während die übrigen
 glücklich wieder nach Syrakus gelangten. 
 Im Hafen aber kam es zu einem Schützengefecht um die Pfähle, welche die
 Syrakuser vor ihren alten Schiffshäusern in der See eingerammt hatten, damit sie
 mit ihren Schiffen dahinter vor Anker gehen und die Athener mit ihren Schiffen
 ihnen nichts anhaben könnten. Die Athener brachten nämlich ein mächtiges
 Lastschiff, auf dem hölzerne Türme und Schutz­ wehren angebracht waren, an sie
 heran und warfen aus den Booten Schlingen um die Pfähle, um sie zu lockern und
 dann herumzuziehen oder durch Taucher absägen zu lassen. Die 
 Syrakuser schossen aus den Schtffshäusern und die Athener von
 ihrem Schiffe auf die Syrakuser. Schließlich gelang eS jedoch den Athenern, den
 größten Teil des Pfahlwerks zu zerstören. Die größte Schwierigkeit machten ihnen
 die blinden Pfähle. Sie waren nämlich zum Teil so tief in den Boden 
 eingerammt, daß sie nicht aus dem Wasser sahen, so daß die herankommenden
 Schiffe Gefahr liefen, sich unversehens wie auf einer Klippe festzufahren. Doch
 auch diese wurden durch Taucher, die dafür belohnt wurden, unter Wasser
 abgesägt. Trotzdem stellten die Syrakuser ein neues Pfahlwerk her. Auch 
 sonst versuchte man, wie das unter zwei sich so nah gegen­ überstehenden Heeren
 nicht ausbleiben konnte, einander möglichst Abbruch zu tun, und es gab beständig
 kleine Raufereien und Scharmützel. Die Syrakuser schickten auch Gesandte aus der
 Zahl der dort anwesenden Korinther, Amprakier und Lake­ dämonier an die
 anderen Städte, um ihnen die Nachricht zu bringen, daß sie das Plemmyrion
 genommen hätten und auch in der Seeschlacht nur infolge ihrer eigenen Unordnung,
 keines­ wegs durch die Stärke ihrer Feinde besiegt worden seien. Zugleich
 sollten sie ihnen von neuem verischern, daß ihre Aus­ sichten gut wären, und sie
 bitten, ihnen Schiffe und Truppen gegen die Athener zu Hilfe zu schicken, da
 diese ebenfalls ein neueS Heer erwarteten. Deshalb müßten sie schnell kommen,
 damit man das jetzige vernichten und dem Kriege ein Ende machen könne.
 Dergestalt verlief der Krieg in Sizilien.

Unterdessen hatte sich Demotshenes, sobald die Flotte, mit der er nach Sizilien
 sollte, beisammen war, von Agina nach dem Peloponnes aufgemacht und mit den
 dreißig athenischen Schiffen unter Charikles vereinigt. Darauf waren beide,
 nach­ dem man die Hopliten in Argos an Bord genommen, nach Lakonien
 weitergefahren. Hier verheerten sie zuerst die Um­ gegend Epidauros-Limera und
 landeten dann an der lakonischen Küste Kythera gegenüber beim Tempel des
 Apollon, wo sie einen Strich Landes verwüsteten. Auch legten sie auf einer vor­
 springenden Landspitze ein Festungswerk an, damit die den Lakedämoniern
 entlaufenen Heloten sich dahin flüchten und 
 
 von dort ihr Räuberhandwerk treiben und wie von Pylos Streifzüge
 machen könnten. Demosthenes fuhr gleich, nachdem er den Platz erst selbst noch
 mit in Besitz genommen hatte, mit seiner Flotte nach Kerkyra weiter, um dort
 noch Bundes­ genossen an Bord zu nehmen und dann die Fahrt nach Sizilien 
 so schnell wie möglich fortzusetzen. Charikles aber blieb dort, bis der Platz
 befestigt war, ließ eine Besatzung darin zurück und fuhr dann mit seinen dreißig
 Schiffen und den Argeiern wieder nach Hause.

In diesem Sommer kamen noch dreizehnhundert jener leichtbewaffneten
 Säbelthraker vom Stamm der Dier in Athen an, die mit Demotshenes zu Schiff nach
 Sizilien gesollt hatten. Da sie aber zu spät kamen, hielt man es in Athen für
 besser, sie wieder nach Thrakien zurückzuschicken, woher sie gekommen 
 waren. Denn sie für den Krieg gegen Dekeleia dort zu be­ halten, schien zu
 teuer, da man jedem täglich eine Drachme hätte zahlen müssen. Dekeleia war
 nämlich im Laufe des Sommers zuerst vom ganzen Heere befestigt und von den 
 einander von Zeit zu Zeit ablösenden Bundestruppen besetzt geblieben und tat,
 seitdem es dem Feinde als Waffenplatz im Lande diente, den Athenern vielen
 Schaden, wobei sie nament­ lich die Verwüstung ihrer Besitzungen und den Verlust
 an Leuten schmerzlich empfanden. Denn früher bei den vorüber­ gehenden
 kurzen Einfällen hatten sie in der Zwischenzeit ihre Ländereien immer benutzen
 können. Jetzt aber, wo sich die Feinde dort dauernd festgesetzt hatten, bald
 neue größere Zuzüge kamen, bald die ständige Besatzung notgedrungen im Lande
 streifte und es ausplünderte, auch der persönlich anwesende lake­ 
 dämonische König Agis den Krieg mit großem Nachdruck be­ trieb, war es für die
 Athener ein Pfahl im Fleische. Denn das ganze Land war in Feindes Hand, mehr als
 zwanzig­ tausend Sklaven, zumeist Handwerker, waren ihnen entlausen, Vieh
 und Zugtiere zugrunde gegangen und die Pferde infolge der von der Reiterei gegen
 Dekeleia und zum Schutze des Landes beständig unternommenen Streifzüge durch
 Überanstrengung auf dem steinigen Boden lahm oder zuschauden geworden.

Die Zufuhr von Lebensmitteln aus Euboia, welche früher von Oropos auf dem
 kürzeren Landwege über Dekeleia erfolgte, war jetzt auf den Seeweg um Sunion
 herum angewiesen und dadurch verteuert. Überhaupt litt man in der Stadt Mangel
 an allem, was von auswärts eingeführt werden mußte, und die Stadt war zum
 Heerlager geworden. Am Tage mußten die Athener abwechselnd an der Brustwehr, bei
 Nacht aber alle außer den Reitern entweder auf einem der Sammelplätze oder auf
 der Mauer Wache halten und sich Sommer und Winter plagen. Das drückendste
 aber war, daß sie gleichzeitig zwei Kriege führen mußten. Dabei entwickelten sie
 jedoch einen so rühm­ lichen Eifer, wie ihnen vorher niemand zugetraut hätte;
 denn wer hätte geglaubt, daß sie, obgleich selbst durch die ihnen von den
 Lakedämoniern vor die Tür gebaute Festung so hart bedrängt, trotzdem Sizilien
 nicht aufgeben und dort Syrakus, eine schon für sich allein so mächtige Stadt
 wie Athen, noch belagern würden. Solche Kraft und Kühnheit kam den Griechen
 völlig unerwartet, da man bei Beginn deS Krieges gemeint, daß sie wohl ein
 oder zwei oder auch drei Jahr, keinenfallS aber länger aushalten würden, wenn
 die Peloponnesier ihnen ins Land fielen. Und nun gingen sie, siebzehn Jahr nach
 dem ersten Einfall, als ihre Kräfte durch den Krieg bereits aufs äußerste
 in Anspruch genommen waren, nach Sizilien und unternahmen einen zweiten nicht
 minder weit aussehenden Krieg wie jenen ersten peloponneisschen. Infolgedessen
 aber begannen jetzt, wo ihnen Dekeleia so viel Schaden tat und auch 
 anderweit große Anforderungen an sie herantraten, ihre Kassen leer zu werden.
 Auch legten sie um diese Zeit ihren Unter­ tanen anstatt der bisherigen Steuer
 den Zwanzigsten von allen zur See ein- und ausgehenden Gütern als Abgabe auf, in
 der Meinung, auf diese Weise höhere Einnahmen zu erzielen. Denn ihre
 Ausgaben waren gegen früher sehr gestiegen und um so größer geworden, je mehr
 der Krieg an Umfang zu­ genommen hatte und ihre Einnahmen zurückgegangen
 waren.

Sie schickten also die Thraker, welche für Demotshenes zu spät gekommen waren,
 um bei der augenblicklichen Knapp­ 
 heit ihrer Geldmittel Kosten zu sparen, sogleich wieder nach 
 Hause. Auf dem Rückwege ließen sie sie durch Diitrephes geleiten, dem sie
 zugleich unter den Fuß gaben, sich ihrer auf der Fahrt, die durch den Euripos
 ging, womöglich zu einem Handstreich gegen die Feinde zu bedienen. Der ließ sie
 bei Tanagra landen, um dort im Fluge etwas zu plündern, und fuhr dann spät
 abends mit ihnen von Chalkis auf Euboia über den Euripos nach Böotien, wo er
 landete und sie gegen Mykalessos führte. Die Nacht über blieb er mit ihnen un­
 bemerkt bei dem etwa sechzehn Stadien von Mykalessos ent­ fernten
 Hermestempel unter freiem Himmel, bei Tagesanbruch aber überfiel er die Stadt
 und nahm sie ein, ein unbedeutendes Städtchen, dessen Bewohner keines Überfalls
 gewärtig waren und nie daran gedacht hatten, daß man sie da oben von der 
 See her einmal überfallen würde. Zudem waren die Mauern schwach, hie und da
 verfallen und stellenweise nur niedrig, auch die Tore, weit man an keine Gefahr
 glaubte, nicht ge­ schlossen. Nun drangen die Thraker in die Stadt, verwüsteten
 Häuser und Tempel und richteten unter den Einwohnern ein Blutbad an, wobei
 sie weder jung noch alt verschonten, sondern alles ohne Unterschied, Weiber und
 Kinder, mordeten, ja selbst die Ochsen vor den Wagen und was ihnen sonst
 Lebendiges vorkam, totschlugen. Denn die Thraker sind eins der rohsten 
 Barbarenvölker, und in der Wut kennt ihr Blutdurst keine Grenzen. So kam es auch
 hier zu entsetzlichen Auftritten und grauenvollem Würgen in jeglicher Gestalt.
 Unter anderem drangen sie in eine Schule, die größte am Orte, als die Kinder
 eben gekommen waren, und hieben sie alle nieder. Und dies beispiellos
 furchtbare Geschick war über die Stadt mit allem, was darin war, völlig
 unerwartet hereingebrochen.

Als die Thebaner die Nachricht erhielten, kamen sie so­ gleich zur Hilfe
 herbei. Sie holten die Thraker, die schon eine Strecke Weges wieder abgezogen
 waren, noch ein, nahmen ihnen die Beute ab, trieben sie in die Flucht und
 verfolgten sie bis an die See, den Euripos, wo die Schiffe, auf denen sie
 gekommen waren, vor Anker lagen. Auch töteten sie viele 
 von ihnen, besonders während sie sich einschiffen wollten, da sie
 nicht schwimmen konnten und die Leute an Bord beim Anblick der Vorgänge am Lande
 die Schiffe außer Schußweite brachten. Vorher hatten sich die Thraker auf dem
 Rückzüge gegen die zuerst auf sie eindringende Reiterei der Thebaner 
 leidlich gewehrt, indem sie nach ihrer heimischen Fechtweise erst wegliefen und
 dann geschlossen wieder vorgingen, und dabei nur wenig Tote gehabt. Eine Anzahl,
 die sich zu lange beim Plündern aufgehalten hatte, wurde jedoch noch in der
 Stadt abgefangen und niedergemacht. Im ganzen waren von den
 dreizehnhundert Thrakern zweihundertfunfzig, von den Thebanern und ihren
 Verbündeten aber zusammen etwa zwanzig Reiter und Hopliten gefallen, darunter
 auch der Böotarch Skirphondas aus Theben. Von den Mykalessern war wenig 
 übriggeblieben. So viel über Mykaleffos und das Schicksal, welches die Stadt im
 Verhältnis zu ihrer Größe so schwer und entsetzlich wie nur einS im Laufe des
 Krieges betroffen hatte.

Demotshenes, der damals nach Befestigung des Platzes an der lakonischen Küste
 auf der Fahrt nach Kerkyra war, traf bei Pheia in Elis ein dort ankerndes
 Lastschiff, auf dem die korinthischen Hopliten grade nach Sizilien übersetzen
 wollten, und vernichtete es. Die Leute konnten sich jedoch retten und 
 benutzten später ein anderes Schiff zur Überfahrt. Hierauf kam Demotshenes nach
 Zakynthos und Kerkyra, wo er noch Truppen an Bord nahm und auch von den
 Meffeniern in Naupaktos kommen ließ. Darauf fuhr er nach Akarnanien anf dem
 Fest­ lande hinüber, nach Alyzia und Anaktorion, daS im Besitz der Athener
 war. Während seines Aufenthalts in jener Gegend traf Eurymedon mit ihm zusammen,
 der schon damals im Winter mit den Geldern für das Heer abgeschickt und jetzt
 auf dem Rückwege von Sizilien war. Der brachte Nachrichten von dort und
 teilte ihm auch mit, daß er, als er bereits wieder unterwegs gewesen, noch
 gehört habe, die Syrakuser hätten das Plemmyrion genommen. Auch Konon, der in
 Naupaktos befehligte, fand sich bei ihnen ein und meldete, daß die fünf­ 
 undzwanzig korinthischen Schiffe ihnen immer noch gegenüber lägen
 und nicht daran dächten, die Feindseligkeiten einzustellen, sondern es auf eine
 Schlacht abgesehen hätten. Er bat sie deshalb, ihnen Schiffe zu schicken, da sie
 mit ihren achtzehn Schiffen nicht imstande seien, jenen fünfundzwanzig die
 Spitze zu bieten. Demosthenes und Eurymedon gaben ihm auch zur Verstärkung
 des Geschwaders bei Naupaktos zehn ihrer schnellsten Schiffe mit. Sie selbst
 aber machten sich auf, um noch Truppen zusammenzubringen. Eurymedon fuhr nach
 Kerkyra, ließ dort fünfzehn Schiffe bemannen und schweres Fuß­ volk
 ausheben. Denn jetzt nach der Rückkehr trat auch er hier neben Demotshenes als
 Oberfeldherr auf, wozu er ja mit ihm gewählt worden war. Demosthenes aber blieb
 in Akarnanien, um dort im Lande Speerschützen und Schleuderer 
 aufzubieten.

Als die damals nach der Einnahme des Plemmyrions an die anderen Städte
 geschickten Gesandten der Syrakuser ihren Zweck bei ihnen erreicht und Truppen
 zusammengebracht hatten, wollten sie sich damit nach Syrakus aufmachen. Nikias
 aber, der davon vorher gehört hatte, schickte an die Sikeler, nach Kentoripa,
 Alikyai und andere mit Athen verbündete Orte, durch deren Gebiet sie
 ziehen mußten, und forderte sie auf, die Feinde nicht durchzulassen, sondern
 ihnen mit vereinten Kräften den Weg zu verlegen. Einen anderen hätten sie
 nämlich nicht nehmen können, da Akragas den Durchzug durch sein Gebiet 
 nicht gestattete. Als die Sikelioten schon auf dem Marsche waren, legten ihnen
 die Sikeler denn auch nach dem Wunsche der Athener einen Hinterhalt, überfielen
 sie plötzlich unver­ sehens und erschlugen gegen achthundert, auch die Gesandten
 alle bis auf einen, den Korinther, der dann mit den fünf­ zehnhundert
 glücklich Entkommenen nach Syrakus gelangte.

In diesen Tagen kamen auch fünfhundert Hopliten, drei­ hundert Speerschützett
 und dreihundert Bogenschützen, welche die Kamariner den Syrakusern zu Hilfe
 geschickt, bei ihnen an. Auch Gela schickte fünf Schiffe mit vierhundert
 Speerschützen und zweihundert Reitern. Denn bis auf Akragas, das neutral 
 blieb, machten jetzt fast alle sizilischen Griechen, auch wenn sie 
 vorher eine abwartende Haltung eingenommen, mit Syrakus gegen die Athener
 gemeinshcaftliche Sache. Die Syrakuser aber stellten infolge der Niederlage im
 Gebiet der Sikeler die Angriffe auf die Athener vorläufig ein. Demotshenes und
 Eurymedon, deren Heer inzwischen durch die Truppen aus Kerkyra und vom 
 Festlande verstärkt worden war, fuhren nun mit der ganzen Flotte durch das
 Ionische Meer nach dem Japygischen Vor­ gebirge hinüber und von da weiter nach
 den zu Japygien gehörenden Choiradischen Inseln, wo sie anlegten und etwa 
 hundertfunfzig japygische Speerschützen vom Stamme der Messapier an Bord nahmen
 und mit Artas, einem dortigen Fürsten, der ihnen auch die Leute gestellt hatte,
 ein altes » Bündnis erneuerten. Darauf kamen sie nach Metapontion in
 Italien und bewogen die Einwohner, ihnen den bestehenden Verträgen gemäß
 dreihundert Speerschützen und zwei Trieren mitzugeben, mit denen sie dann an der
 Küste entlang die Fahrt nach Thurien fortsetzten. Hier trafen sie ein, als die
 Gegner der Athener kurz vorher bei einem Aufstande aus der Stadt 
 vertrieben waren, und beschlossen deshalb, dort auf etwaige Nachzügler zu warten
 und ihre ganze Flotte zu vereinigen, auch die Thurier zu bereden, sich am Kriege
 mit vollem Eifer zu beteiligen und jetzt, wo sie dazu in der glücklichen Lage
 seien, ein Schutz- und Trutzbündnis mit Athen einzugehen. Zu dem Ende
 blieben sie also einstweilen in Thurien.

Um dieselbe Zeit richteten sich die Peloponnesier auf den fünfundzwanzig
 Schiffen, welche zum Schutz der nach Sizilien abgehenden Lastschiffe der
 athenischen Flotte bei Naupaktos gegenüber lagen, auf eine Seeschlacht ein,
 bemannten noch einige Schiffe, so daß sie nicht viel weniger als die Athener
 hatten, und gingen bei Erineos in Achaia im Gebiet der Stadt Rhypes vor
 Anker. Da ihr Ankerplatz sichelförmig war, hatte das zu ihrer Unterstützung
 gekommene Landheer der Korinther und der dortigen Bundesgenossen neben ihnen zu
 beiden Seiten eine Stellung auf den vorspringenden Land­ spitzen
 eingenommen, zwischen denen die Schiffe eine geschlossene 
 Linie bildeten. Den Befehl über die Flotte führte der Korinther 
 Polyanthes. Nun gingen die Athener aus Naupaktos mit dreiunddreißig Schiffen
 unter Diphilos gegen sie vor. Anfangs rührten sich die Korinther nicht, dann
 aber, als es ihnen an der Zeit schien, setzten sie sich auf ein gegebenes
 Zeichen gegen die Athener in Fahrt, und die Schlacht begann. Längere Zeit 
 hielten beide einander die Wage. Den Korinthern wurden drei Schiffe vernichtet,
 den Athenern zwar keins zum Sinken gebracht, aber sieben außer Gefecht gesetzt,
 indem sie beim Zusammenstoß vorn vor den Ruderbänken von den korinthischen 
 Schiffen gerammt wurden, die zu dem Ende mit tsärkeren Sturmbalken versehen
 waren. Die Schlacht aber blieb un­ entschieden, so daß beide Teile sich den Sieg
 zuschrieben. Doch bargen die Athener die Schiffstrümmer, da sie durch den Wind »
 in die offene See getrieben wurden und die Korinther den Angriff nicht
 erneuerten. Damit war die Sache zu Ende, es gab keine Verfolgung, und keiner von
 beiden hatte Gefangene gemacht. Denn die Korinther und Peloponnesier, welche
 nahe am Lande gefochten, konnten sich leicht retten, und den Athenern war
 kein einziges Schiff versenkt worden. Als die Athener wieder nach Naupaktos
 abgefahren waren, errichteten die Korinther sogleich ein Siegeszeichen, indem
 sie sich den Sieg zuschrieben, weil sie mehr feindliche Schiffe kampfunfähig ge­
 macht hatten und sich auch deshalb als Sieger ansahen, weil die anderen
 das nicht taten. Denn die Korinther glaubten schon gesiegt zu haben, wenn sie
 nicht gründlich geschlagen waren, die Athener aber sahen die Schlacht nicht als
 gewonnen an, weil sie die Gegner nicht gründlich besiegt hatten. Nach­ dem
 die Flotte der Peloponnesier abgefahren und ihr Land­ heer auseinandergegangen
 war, errichteten die Athener, weil sie die Schlacht gewonnen, auch ihrerseits in
 Achaia ein Siegeszeichen, etwa zwanzig Stadien von Erineos, wo die 
 Korinther vor Anker gelegen hatten. So verlief die See­ schlacht.

Demosthenes und Eurymedon aber ließen, als die Thurier ihnen siebenhundert
 Hopliten und dreihundert Speerschützen 
 gestellt, die Schiffe längs der Küste ins Krotonische fahren, 
 während sie selbst, nachdem sie erst noch am Sybaris Heer­ schau gehalten, mit
 dem ganzen Landheere durch das Gebiet von Thurioi weiterzogen. Als sie am Hylias
 angekommen waren, wurde ihnen durch eine Gesandtschaft aus Kroton 
 angekündigt, daß man ihnen den Durchzug mit dem Heere nicht gestatten werde. Sie
 zogen deshalb an die See hinunter und lagerten dort im Freien an der Mündung des
 Hylias, wo ihre Schiffe ebenfalls eintrafen. Am folgenden Tage schifften
 sie das Heer ein und setzten die Fahrt an der Küste fort, auf der sie, mit
 Ausnahme von Lokroi, die Städte dort anliefen, bis sie nach Petra im Gebiet von
 Rhegion gelangten.

Inzwischen hatten die Syrakuser die Nachricht erhalten, - daß sie mit ihren
 Schiffen im Anzüge seien, und wollten nun, bevor sie einträfen, mit der Flotte
 und ihren Streitkräften zu Lande, die sie zu dem Zwecke zusammenzogen, nochmals
 einen Schlag führen. Auf der Flotte trafen sie vershciedene Ein­ 
 richtungen, von deren Zweckmäßigkeit sie sich in der vorigen Schlacht überzeugt
 hatten; insbesondere verkürzten sie die Schnäbel der Schiffe, um sie
 widerstandsfähiger zu machen, versahen die Vorderteile mit dicken Sturmbalken
 und unter­ stützten diese durch starke, teils außen, teils inwendig an den 
 Schiffswänden verstrebte, sechs Ellen lange Widerlagen, eine Verbesserung, wie
 sie auch die Korinther in der Schlacht bei Naupaktos an den Schnäbeln ihrer
 Schiffe vorgenommen hatten. Denn da die Schiffe der Athener anders gebaut waren
 und schwächere Schnäbel hatten, weil sie das feindliche Schiff nicht vorn,
 sondern durch eine geschickte Wendung von hinten zu treffen suchten, so glaubten
 die Syrakuser es auf diese Weise mit ihnen aufnehmen und ihnen im großen Hafen,
 wo die Schiffe in einem engen Raume kämpfen mußten, unter günstigen 
 Bedingungen eine Schlacht liefern zu können. Bei ihrem gegen das Vorderteil des
 feindlichen Schiffes gerichteten Stoß würde nämlich der wuchtige, feste Schnabel
 dessen schwache und bauchige Teile treffen und ihm den Bug aufreißen, den
 Athenern aber in dem engen Raume weder möglich sein, ihre Schiffe von 
 hinten zu treffen, noch ihnen durch die Ruder zu fahren; denn 
 dieses, ihr Lieblingsmanöver, würden sie ihrerseits nach Kräften zu verhindern
 wissen, jenes aber, das Umfahren, werde die Enge des Raumes von selbst
 verbieten. Und was man früher als eine Ungeschicklichkeit ihrer Steuerleute
 angesehen, daß sie auf das Vorderteil des feindlichen Schiffes gehalten, grade
 das wollten sie sich jetzt selbst zunutze machen, weil sie dabei im 
 Vorteil wären. Den Athenern würde nämlich, wenn sie den Stoß erhalten, nichts
 übrigbleiben, als sich auf den nahen Strand nach ihrem Lagerplatze
 zurückzuziehen, während ihnen der ganze übrige Hafen zu Gebote stände, und wenn
 sie zurück müßten und dann mit allen Schiffen auf einen einzigen engen 
 Fleck angewiesen wären, so würden ihre Schiffe sich stoßen und in Verwirrung
 geraten; wie es denn auch wirklich für die Athener in alle den damaligen
 Seegefechten besonders nach­ teilig geworden ist, daß sie nicht wie die
 Syrakuser durch den ganzen Hafen zurückrudern konnten. Auch würden die Athener,
 da sie, die Syrakuser, es in der Hand hätten, sie nach Belieben von der
 See her anzugreifen oder sich^zurükczuziehen, nicht um die Landspitze herum in
 die offene See gelangen können, zumal das Plemmyrion in Feindes Hand und die
 Mündung des Hafens nur schmal sei.

Nachdem die Syrakuser sich diesen Plan nach bestem Wissen und Vermögen
 ausgedacht hatten, auch ihr Selbstvertrauen seit der vorigen Seeschlacht
 gewachsen war, entschlossen sie sich, nunmehr zugleich mit der Flotte und dem
 Landheere zum An­ griff zu schreiten. Mit den Truppen aus der Stadt rückte 
 Gylippos schon etwas früher aus und führte sie an die athe­ nische Mauer, soweit
 diese auf die Stadt gerichtet war. Von der anderen Seite rückten die Hopliten,
 Reiter und leichten Völker der Syrakuser vom Olympieiou her gegen die Mauer
 vor, und bald nachher kamen auch die Schiffe der Syrakuser zum Vorschein.
 Anfangs glaubten die Athener, es sei nur auf einen Angriff mit dem Landheere
 abgesehen. Als sie dann plötzlich auch die Schiffe kommen sahen, wurden sie
 ershcrocken und stellten sich zum Teil auf und an der Mauer dem dort 
 andringenden Feinde gegenüber in Schlachtordnung, während andere
 gegen die draußen vom Olympieion eilig herankommenden zahlreichen Reiter und
 Speerschützen vorrückten. Wieder andere eilten an den Strand, um sich auf die
 Schiffe zu begeben, und fuhren, sobald die Mannschaft eingeschifft war, mit
 fünf­ undsiebzig Schiffen dem Feinde entgegen. Die Syrakuser aber hatten
 etwa achtzig.

Nachdem beide den Tag über lange vor- und rückwärts gerudert und ihre Kräfte
 gemessen hatten, ohne einen nennens­ werten Erfolg zu erzielen, nur daß die
 Syrakuser den Athenern ein paar Schiffe versenkt hatten, stellten sie den Kampf
 ein. Gleichzeitig zog sich auch ihr Landheer von der Mauer zurück. Am
 folgenden Tage ließen sich die Syrakuser nicht blicken, und man merkte nicht,
 was sie vorhatten. Da Nikias sah, daß die Schlacht unentshcieden geblieben war,
 und sich auf einen neuen Angriff gefaßt machte, wies er die Trierarchen 
 an, ihre Schiffe, soweit sie beschädigt waren, wieder auszu­ bessern, und
 verankerte Lastschiffe vor dem Pfahlwerke der Athener, das er in Ermangelung
 eines umshclossenen Hafens zum Schutze der Schiffe in der See angelegt hatte.
 Die Lastschiffe wurden in Abständen von zwei Plethren verlegt^ damit die
 etwa gefährdeten Kriegsschiffe sich in Sicherheit zurückziehen und ungehindert
 wieder auskaufen könnten. Mit diesen Zurüstungen waren die Athener bis in die
 Nacht be­ schäftigt.

Am Tage darauf eröffneten die Syrakuser den Kampf gegen die Athener in
 derselben Weise, jedoch schon zu früherer Stunde, mit dem Heere und der Flotte
 von neuem. Und wiederum hielten sie einander wie das erstemal einen großen 
 Teil des Tages das Widerspiel, bis Ariston, Pyrrichos' Sohn, der beste
 Steuermann auf seiten der Syrakuser, den Befehls­ habern auf ihrer Flotte riet,
 den Marktvögten in der Stadt sagen zu lassen, sie sollten den Hokenmarkt auf den
 Strand ver­ legen und die Verkäufer zwingen, alles, was sie an Eßwaren 
 hätten, dort feilzubieten, damit ihre Seeleute schnell ans Land gehen und in
 unmittelbarer Nähe der Schiffe was essen und 
 dann die Athener noch an demselben Tage unversehens wieder 
 angreifen könnten.

Auf seinen Rat schickten die auch einen Boten in die Stadt, und der Markt wurde
 dort aufgeschlagen. Nun zogen sich die Syrakuser, Ruder rückwärts, an die Stadt
 zurück, gingen geschwind ans Land und verzehrten dort ihre Mahlzeit. Die 
 Athener aber glaubten, sie hätten sich nach der Stadt zurück- gezogen, weil sie
 die Schlacht verloren gäben, gingen ruhig ans Land an ihre Geschäfte oder zum
 Essen und meinten, daß es an dem Tage wohl nicht mehr zur Schlacht kommen würde.
 Plötzlich aber waren die Syrakuser wieder an Bord und ruderten auf sie zu.
 Nun eilten auch sie in wilder Hast, meist noch mit leerem Magen, aufs Geratewohl
 wieder auf die Schiffe, und nur mit Mühe gelang es, diese endlich gegen den
 Feind zu führen. Eine Zeitlang standen sich beide Aug' in Auge untätig
 gegenüber. Dann aber entschlossen sich die Athener, um nicht bei längerem Warten
 zu ermüden und sich durch eigene Schuld eine Niederlage zuzuziehen, unverzüglich
 anzugreifen, warfen sich, einander durch Zuruf anfeuernd, auf den Feind
 und begannen das Gefecht. Die Syrakuser nahmen den Kampf auf, wobei sie ihrem
 Plane gemäß mit ihren Schiffen auf das Vorderteil der feindlichen Schiffe
 hielten und mittels der dort angebrachten Sturmbalken vielen von ihnen den
 Bug aufrissen, während die Speerschützen auf dem Verdeck - den Athenern großen
 Schaden taten. Noch gefährlicher aber wurden diesen die syrakusischen Schützen,
 welche sie in den Booten umshcwärmten, sich in das Ruderwerk der feindlichen
 Schiffe drängten oder ihnen an die Seite kamen und vom Boote aus ihre
 Matrosen beschossen.

Auf diese Weise erfochten die Syrakuser schließlich nach heißer Schlacht den
 Sieg, und die geschlagenen Athener mußten sich zwischen den Lastschiffen
 hindurch auf ihren Ankerplatz zurückziehen. Die Schiffe der Syrakuser verfolgten
 sie bis an die Lastschiffe; hier aber wurden sie durch die mit Delphinen 
 beschwerten Stangen, welche von den Lastschiffen aus die Ein­ fahrten
 überragten, an der weiteren Verfolgung gehindert. 
 Zwei syrakusische Schiffe aber, die sich im Hochgefühl des Sieges
 zu nahe herangewagt, wurden zertrümmert, und eins davon fiel mit der ganzen
 Mannschaft den Athenern in die Hände. Die Syrakuser, welche den Athenern sieben
 Schiffe versenkt, viele leckgemacht und die Mannschaft entweder ge­ 
 fangengenommen oder getötet hatten, zogen sich zurück und er­ richteten
 Siegeszeichen für beide Seeschlachten, bereits voller Zuversicht, der
 feindlichen Flotte weit überlegen zu sein, und überzeugt, auch mit dem Landheere
 schon fertigzuwerden. Sie richteten sich also darauf ein, beide von neuem
 anzugreifen.

Eben jetzt kamen Demosthenes und Eurymedon mit den Verstärkungen von Athen an,
 mit Einschluß der fremden etwa dreiundsiebzig Schiffen, gegen fünftausend
 Hopliten, teils Athenern, teils Bundesgenossen, und zahlreichen griechischen
 und barbarischen Schleuderern, Speer- und Bogenschützen, auch mit allem,
 was ein Heer im Felde bedarf, reichlich versehen. Die Syrakuser und ihre
 Verbündeten erschraken zuerst nicht wenig, daß der Krieg noch immer kein Ende
 nehmen wollte, da sie sahen, wie die Athener trotz der Befestigung von Dekeleia
 imstande waren, nochmal ein annähernd so starkes Heer wie das erste ins
 Feld zu stellen und nach allen Seiten mit solcher Macht aufzutreten. Das erste
 Heer der Athener aber bekam, soweit dies nach der erlittenen Niederlage möglich
 war, wieder Mut. Als Demosthenes sah, wie die Sachen tsanden, glaubte er,
 keine Zeit verlieren zu dürfen, wenn es ihm nicht so gehen sollte wie Nikias.
 Denn den hatte man bei seiner Ankunft gefürchtet; weil er aber Syrakus nicht
 gleich angriff, sondern in Katana überwinterte, kümmerte man sich nicht mehr um
 ihn, und Gylippos kam aus dein Peloponnes noch rechtzeitig mit seinem
 Heere an, das man gar nicht mehr hätte zu Hilfe rufen können, wenn Nikias
 sogleich angegriffen hätte. Denn anfangs hielten sich die Syrakuser allein für
 stark genug; wäre es aber gleich zur Einschließung der Stadt gekommen, so würden
 sie sich alsbald vom Gegenteil überzeugt haben, und eS hätte ihnen nichts
 mehr genützt, noch Hilfe von drüben zu erbitten. Hier­ von durchdrungen und
 überzeugt, daß auch er jetzt gleich im 
 ersten Augenblick den Feinden am furchtbarsten vorkommen werde,
 wollte Demotshenes sich den ersten Schreck zunutze machen, den ihnen sein Heer
 einflößte. Und da er sah, daß jene neue Mauer, durch welche die Syrakuser die
 Athener verhindert hatten, die Stadt völlig einzuschließen, nur eine einfache
 war, und sobald man sich der Zugänge von Epipolai und dann auch des Lagers
 dort wieder bemächtigt, leicht genommen werden konnte, weil der Feind ihnen
 schwerlich standhalten würde, so beschloß er es damit sofort zu versuchen. Auf
 diese Weise dachte er dem Kriege auf kürzestem Wege ein Ende zu machen und
 entweder, wenn die Sache gut ging, Syrakus zu nehmen, widrigenfalls aber mit dem
 Heere abzuziehen, um die Athener, die den Feldzug mitmachten, und die ganze
 Stadt davor zu bewahren, ihre Kräfte unnütz aufzureiben. Zunächst verheerten
 die Athener auf einem Streifzuge das Gebiet der Syrakuser am Anapos, und
 ihre Streitkräfte waren wie anfangs zu Lande und zur See den Gegnern überlegen.
 Denn die Syrakuser kamen weder mit dem Heere noch mit der Flotte heraus, 
 höchstens daß sie sich zuweilen mit der Reiterei und den Speer­ schützen vom
 Olympieion vorwagten.

Darauf beschloß Demosthenes, die neue Mauer mit seinem Sturmzeug zuerst
 anzugreifen. Als ihm aber die Gegner, welche die Mauer verteidigten, dieses in
 Brand steckten, und die Angriffe seiner Leute auch sonst überall abgeschlagen
 wurden, . beschloß er, sich damit nicht länger aufzuhalten, sondern nun­ 
 mehr, nachdem er sich darüber mit Nikias und den übrigen Befehlshabern
 verständigt, den geplanten Angriff auf Epipolai zu unternehmen. Da er es für
 ausgeschlossen hielt, bei Tage unbemerkt heranzukommen und auf die Höhe zu
 gelangen, be­ fahl er den Truppen, sich für fünf Tage mit Lebensmitteln zu 
 versehen, ließ alle Maurer und Zimmerleute antreten, auch Ge­ schütz und alles
 mitnehmen, was nötig war, um sich, wenn die Sache gut ging, dort zu befestigen,
 und setzte sich dann mit Eurymedon und Menandros um die Zeit des ersten Schlafs
 mit allen Truppen in Marsch, während Nikias in den Festungs­ werken
 zurückblieb. Als sie in der Nähe des Euryelos die 
 Höhe erreicht hatten, wo auch das vorige Heer zuerst hinauf- 
 gekommen war, rückten sie, ohne von den syrakusischen Wachen bemerkt zu werden,
 gegen das dort vorhandene Werk der Syra­ kuser vor, eroberten es und hieben eine
 Anzahl Leute darin nieder. Die meisten flüchteten jedoch gleich nach den Lagern,
 deren es drei auf Epipolai gab, eins für die Syrakuser, eins für die
 anderen sizilischen Griechen und eins für die Bundes­ genossen, und meldeten
 dort den Überfall, setzten auch die syra­ kusischen Sechshundert, welche auf
 dieser Seite von Epipolai auf Vorposten standen, davon in Kenntnis. Diese kamen
 auch sogleich herbei, Demotshenes und die Athener aber gingen ihnen
 zuleibe und schlugen sie nach tapferem Widerstande in die Flucht. Auch drang
 Demosthenes mit den Seinen dann sogleich weiter vor, um den ersten Feuereifer,
 womit sie drauf­ gingen, nicht erkalten zu lassen. Inzwischen eroberten andere
 auch die neue Mauer, gegen die der erste Angriff gerichtet gewesen war,
 deren Besatzung diesmal nicht standhielt, und rissen die Brustwehren nieder. Nun
 nahmen die Syrakuser mit ihren Bundesgenossen und Gylippos mit seinen Leuten von
 den Außenwerken her den Kampf gegen die Athener auf, wurden aber, da ihnen
 der Schreck von dem unerwarteten nächtlichen Überfall noch in den Gliedern lag,
 von ihnen be­ siegt und anfangs zum Rückzüge gezwungen. Als aber die 
 Athener, schon des Sieges gewiß, um auch das noch nicht zum Schlagen gekommene
 feindliche Heer sogleich über den Haufen zu werfen und ihm keine Zeit zu lassen,
 sich in einer ein­ tretenden Gefechtspause wieder zu sammeln, ohne die nötige
 Ordnung vordrangen, stellten sich ihnen zuerst die Böotier ent­ gegen,
 schlugen sie zurück und trieben sie in die Flucht.

Und nun gerieten die Athener in Verwirrung und bereits in eine sehr bedenkliche
 Lage. Ich habe mich vergeblich be­ müht, von der einen oder der anderen Seite
 Auskunft darüber zu erhalten, wie es dabei im einzelnen zugegangen. Denn 
 selbst am Tage, wo man deutlicher sieht, weiß der einzelne, der eine Schlacht
 mitmacht, davon kaum mehr als er selbst erlebt. Wie hätte man sich also von
 dieser nächtlichen Schlacht, 
 der einzigen eben, zu der es in diesem Kriege zwischen größeren 
 Heeren kam, ein deutliches Bild machen können? Es war zwar Heller Mondschein,
 und man konnte einander sehen, wie man eben bei Mondlicht Gestatten sich
 gegenüber sieht, aber Freund und Feind nicht unterscheiden. Auf beiden Seiten
 ver­ liefen sich eine Menge Leute im Gedränge. Die Athener waren zum Teil
 schon besiegt, während andere im ersten Angriff noch siegreich vordrangen. Ein
 großer Teil ihres übrigen Heeres war entweder eben erst oben angekommen oder
 noch im Begriff, die Höhe zu ersteigen, und man wußte nicht, wohin man sich
 wenden sollte. Denn vorn war, seit der Rückzug begonnen, schon alles in
 Verwirrung, und bei dem Geschrei war es schwer, etwas zu untershceiden. Die
 siegreichen Syrakuser und ihre Verbündeten feuerten sich nämlich durch lautes
 Schreien an, da es bei Nacht unmöglich war, sich auf andere Weise ver­ 
 nehmlich zu machen, und wußten sich dabei zugleich der An­ griffe der Athener zu
 erwehren. Die nachkommenden Athener aber suchten ihre Landsleute und hielten
 alles, was ihnen ent­ gegenkam, auch wenn es zu ihren zurückströmenden Freunden
 gehörte, für Feinde. Und bei dem ewigen Fragen nach der Losung, woran sie
 sich allein erkennen konnten, gab es nicht nur bei ihnen einen Höllenlärm, weil
 sie alle zugleich fragten, sondern sie wurde auch den Feinden bekannt. Sie aber
 wußten deren Losung nicht, da diese als Sieger geschlossen vorgingen und
 sich leichter erkennen konnten. Wenn sie also bei einem Zusammenstoß mit einem
 feindlichen Truppenteil die Oberhand hatten, kamen die Gegner davon, weil sie
 die Losung kannten; sie dagegen wurden niedergemacht, wenn sie keine Antwort
 gaben. Besonders gefährlich wurde ihnen der Paian. Denn da er auf beiden
 Seiten annähernd derselbe war, wußten sie nie, wie sie dran waren. Wenn die
 Argeier, die Kerkyräer oder andere Dorier im Heere der Athener ihn anstimmten,
 so setzten sie die Athener dadurch ebenso in Schrecken, wie wenn es die
 Feinde taten. Schließlich, nachdem die Verwirrung einmal eingerissen, stießen
 selbst Abteilungen ihres eigenen Heeres, Freund mit Freund, Bürger mit Bürger,
 zusammen 
 und gerieten dadurch nicht nur in Schrecken, sondern auch ins 
 Handgemenge, so daß sie nur mit Mühe wieder auseinander kamen. Da sie von
 Epipolai nur auf einem schmalen Pfade wieder Hinunterkommen konnten, stürzten
 sich viele, um den Verfolgern zu entgehen, selbst von den Abhängen und kamen
 dabei ums Leben. Die übrigen aber, welche glücklich in die Ebene
 hinuntergelangt waren, flüchteten sich ins Lager, so namentlich die mit der
 Artlichkeit schon besser bekannten alten Soldaten, während die erst neu
 angekommenen vielfach den rechten Weg verfehlten und sich in der Umgegend
 verliefen. Die aber wurden, als es Tag geworden, von der umherschwärmenden 
 syrakusischen Reiterei niedergemacht.

Am folgenden Tage errichteten die Syrakuser zwei Sieges­ zeichen, eins auf
 Epipolai, wo der Weg hinaufkommt, das andere, wo die Böotier sich dem Feinde
 entgegengestellt hatten. Den Athenern wurden ihre Toten unter Waffenstillstand
 heraus­ gegeben. Von ihnen und ihren Verbündeten waren viele ge­ fallen,
 doch war die Zahl der erbeuteten Schilde noch größer als die der Toten; denn
 die, welche genötigt gewesen waren, von den Abhängen zu springen, hatten vorher
 ihre Schilde weggeworfen und waren nur zum Teil umgekommen, zum Teil aber
 am.Leben geblieben.

Hierauf schickten die Syrakuser, denen nach dem unver­ hofften Siege auch
 diesmal wieder der Mut geschwollen war, Sikanos mit fünfzehn Schiffen nach
 Akragas, wo damals zwei Parteien einander bekämpften, um die Stadt womöglich in
 ihre Gewalt zu bringen. Gylippos aber bereiste zu Lande die anderen 
 sizilischen Städte zum zweitenmal, nur dort noch weitere Ver­ stärkungen
 aufzubieten, da er, nachdem die Sache auf Epipolai so gut abgelaufen, sich auch
 der Festungswerke der Athener zu bemächtigen hoffte.

Unterdessen überlegten die athenischen Feldherren, was nach der erlittenen
 Niederlage und bei der jetzt im Heere ein­ gerissenen Mutlosigkeit zu tun. Sie
 sahen, daß sie bei ihren Unternehmungen kein Glück hatten und ihre Leute einen
 längeren Aufenthalt in Sizilien verwünschten, einmal weil sie an Krank- 
 
 heiten litten, da es die Jahreszeit war, wo der Mensch be­ sonders
 zu Krankheiten neigt, und ihr Lager sich an einer sumpfigen, ungesunden Stelle
 befand, außerdem aber auch weil sie die Lage als hoffnungslos ansahen. Deshalb
 war Demotshenes dafür, nicht länger zu bleiben, und wie es schon vorher
 seine Absicht gewesen war, falls der Angriff auf Epipolai mißglückte, mit dem
 Heere abzuziehen, so riet er auch jetzt dazu und die Zeit wahrzunehmen, solange
 die Schiffahrt noch offen und man wenigstens in der Lage sei, mit den neu an­
 gekommenen Schiffen die See zu behaupten. Seiner Meinung nach sei es auch
 für die Stadt selbst ersprießlicher, die Feinde, welche in ihrem eigenen Lande
 Festungen anlegten, zu be­ kämpfen als die Sprakuser, die man doch schwerlich
 noch unter­ kriegen werde, und eine Torheit, für eine längere Belagerung 
 noch unnütz Geld wegzuwerfen.

So sah Demotshenes die Sache an. Auch Nikias ver­ kannte keineswegs, wie
 bedenklich die Lage der Athener war, wünschte aber nicht, daß von ihrer Schwäche
 die Rede wäre und ihre Absicht, aus Sizilien abzuziehen, durch einen öffent­
 lich in größerem Kreise gefaßten Beschluß zur Kenntnis der Feinde
 gelangte; denn dann würden sie ihrerseits, wenn sie wirklich abziehen wollten,
 ihre Absicht schwerlich unbemerkt ausführen können. Außerdem hatte er, da ihm
 die Verhältnisse der Feinde besser bekannt waren als den anderen, immer noch
 einige Hoffnung, daß diese bei längerer Fortsetzung der Be­ lagerung in
 eine schlimmere Lage geraten könnten als die Athener selbst; denn sie würden,
 weil ihnen das Geld aus­ ginge, schließlich doch mürbe werden, zumal die Athener
 mit den Schiffen, die sie zur Stelle hatten, jetzt die See beherrshcten. 
 Auch gab es in Syrakus selbst noch manche, welche die Stadt ihnen in die Hände
 spielen wollten, zu dem Ende mit ihm unterhandelten und ihn zum Bleiben
 aufforderten. Infolge­ dessen war er in der Tat noch zu keinem festen
 Entschlüsse gelangt und suchte die Sache hinzuhalten; öffentlich aber sprach
 er sich damals noch dahin aus, daß er mit dem Heere nicht abziehen werde;
 denn so viel wußte er, daß die Athener es 
 nicht verzeihen würden, wenn man aus Sizilien abzöge, ohne daß sie
 es selbst beschlossen. Auch würden ja in Athen nicht Leute über sie zu Gericht
 sitzen, denen wie ihnen die Dinge aus eigener Anschauung und nicht erst durch
 abfällige Urteile dritter bekannt geworden; vielmehr werde man sich dort ein­
 fach an die gehässige Darstellung irgendeines gewandten Redners hatten.
 Selbst von den Soldaten, die hier jetzt so laut über die schreckliche Lage
 klagten, würden viele, ja die meisten, wenn sie wieder nach Hause kämen, ganz
 anders sprechen und über Verrat der Feldherren schreien, die nur deshalb aus
 Sizilien abgezogen seien, weil sie bestochen gewesen. Er kenne die Athener
 zur Genüge, und ehe er sich von ihnen auf Grund einer nichtswürdigen Anklage zu
 Unrecht verurteilen lasse, wolle er lieber durch Feindes Hand fallen und es für
 seine Person nötigenfalls darauf ankommen lassen. Bei alledem ständen die
 Sachen bei den Syrakusern immer noch schlechter als bei ihnen. Sie hätten für
 ihr Söldnerheer und die festen Plätze außerhalb der Stadt viel Geld ausgegeben
 und schon ein Jahr lang eine große Flotte unterhalten, so daß sie jetzt 
 bereits Mangel litten, der sich demnächst noch fühlbarer machen werde.
 Zweitausend Talente hätten sie schon ausgegeben und außerdem viel Schulden
 machen müssen, und wenn sie ihren Zuschnitt durch Kürzung des Soldes für die
 Truppen auch nur im geringsten einschränkten, so würden sie den Krieg nicht
 durchhalten können, da sie ihn vorzugsweise mit Geworbenen und nicht wie
 die Athener mit ausgehobener wehrpflichtiger Mannschaft führten. Also müßte man
 bleiben, um die Be­ lagerung fortzusetzen, und nicht vor Feinden, denen man an
 Mitteln überlegen sei, das Feld räumen.

In diesem Sinne sprach sich Nikias aus und blieb dabei, da ihm die Lage der
 Dinge in Syrakus genau bekannt war, daß es dort an Geld fehlte und eine
 athenische Partei gab, die mit ihm unterhandelte, um ihn zur Fortsetzung der Be­
 lagerung zu bestimmen, und er außerdem, wenigstens in betreff der Flotte,
 immer noch von allzu großem Vertrauen beseelt war. Demotshenes dagegen war mit
 der Fortsetzung der Be­ 
 lagerung durchaus nicht einverstanden. Wenn man aber auch wirklich
 ohne einen Beschluß der Athener mit dem Heere nicht abziehen dürfe und den Krieg
 in Sizilien noch weiter fort­ setzen wolle, meinte er, so müßten sie, die
 Athener, sich zu dem Ende auf Thapsos oder auf Katana zurückziehen. Von 
 dort auS würden sie mit dem Heere Streifzüge unternehmen und den Feinden durch
 Verheerung ihres Landes Abbruch tun, mit der Flotte aber statt in engen für sie
 vorteilhaften Sunden ihnen in offener See die Spitze bieten können, wo sie
 ihrer­ seits in der Lage wären, von ihrer Geschicklichkeit Gebrauch zu
 machen und mit ihren Schiffen anzugreifen oder rückwärts zu rudern, ohne daran
 durch die Enge des Fahrwassers ver­ hindert zu werden. Mit einem Worte, er halte
 es keineswegs für ratsam, noch länger hierzubleiben, sondern unverzüglich 
 und zwar je eher je lieber aufzubrechen. Auch Eurymedon war seiner Meinung. Da
 jedoch Nikias widersprach, wurde man bedenklich und kam zu keinem Entschluß,
 vermutete aber auch, Nikias müßte doch wohl noch mehr wissen und wolle 
 deshalb nicht nachgeben. Darüber ließen die Athener die Zeit verstreichen und
 blieben an Ort und Stelle.

Inzwischen waren Gylippos und Sikanos in Syrakus wieder eingetroffen. Sikanos
 freilich war es mit Akragas nicht geglückt; denn während er noch in Gela war,
 hatte sich die syrakusische Partei mit den Gegnern wieder vertragen. 
 Gylippos aber brachte aus Sizilien zahlreiche Verstärkungen mit, insbesondere
 auch die im Frühjahr aus dem Peloponnes auf Lastschiffen abgeschickten Hopliten,
 welche von Libyen in Selinus angekommen waren. Diese waren nämlich nach Libyen
 vershclagen, und man hatte ihnen in Kyrene zwei Trieren und Lotsen
 mitgegeben. Nachdem sie unterwegs noch den von den Libyern belagerten
 Enesperiten Hilfe geleistet und die Libyer besiegt hatten, waren sie an der
 Küste weitergefahren nach ' Neapolis, einem karhtagischen Handelsplatze, von wo
 man auf dem kürzesten Wege in zwei Tagen und einer Nacht Sizilien 
 erreichen kann, und von da nach Selinus herübergekommen. Gleich nach ihrer
 Ankunft machten die Syrakuser Anstalt, die 
 Athener von neuem zu Wasser und zu Lande anzugreifen. Als die
 athenischen Feldherren sahen, daß sie neue Verstärkungen erhalten hatten,
 während ihre eigene Lage nicht besser, sondern - von Tag zu Tage schlechter
 wurde, namentlich aber die Krank­ heiten im Heere bedenklich zunahmen, bereuten
 sie, daß sie nicht eher abgefahren waren. Da auch Nikias sich dem jetzt 
 nicht mehr widersetzte, sondern nur verlangte, daß es wenigstens nicht
 öffentlich beschlossen würde, erteilten sie so heimlich wie möglich der ganzen
 Flotte den Befehl, sich darauf einzurichten, auf ein gegebenes Zeichen aus dem
 Lager auszukaufen. Aber als alles bereit war und sie eben abfahren wollten, trat
 eine Mondfinsternis ein; denn es war grade Vollmond. Und nun verlangten
 die Athener in der Mehrheit von den Feldherren aus Gewissensbedenken, sie
 sollten die Abfahrt vershcieben, und auch Nikias, der überhaupt auf
 Prophezeiungen und der­ gleichen zu viel gab, erklärte, von Aufbruch könne jetzt
 keine Rede mehr sein, bevor man nach Weisung der Wahrsager dreimal neun
 Tage gewartet. Infolgedessen wurde die Abfahrt verschoben, und die Athener kamen
 nicht von der Stelle.

Die Syrakuser, die das recht gut gemerkt hatten, paßten nun um so eifriger auf,
 daß die Athener ihnen nicht ent­ wischten, die ja jetzt selbst eingesehen, daß
 sie ihnen weder zur See noch zu Lande mehr überlegen wären, da sie sich sonst
 schwerlich zur Abfahrt entschlossen haben würden. Auch wollten sie sie
 sich nicht anderswo in Sizilien festsetzen lassen, wo sie schwerer zu bekämpfen
 wären, sondern sie zwingen, gleich hier, wo sie ihrerseits im Vorteil, die
 Schlacht mit ihrer Flotte aufzunehmen. Sie bemannten also ihre Schiffe und übten
 sie einige Tage ein, bis sie meinten, daß es damit genug sei. Als es so
 weit war, unternahmen sie am ersten Tage einen Angriff auf die Festungswerke der
 Athener, und als einige kleinere Abteilungen ihrer Hopliten und Reiter aus
 vershciedenen Toren gegen sie vorrückten, wurden diese von ihnen geschlagen
 und verfolgt, auch einige Hopliten abgeschnitten. Die Athener aber
 verloren, da der Eingang eng war, siebzig Pferde und eine Anzahl Hopliten.

An dem Tage zogen die Syrakuser ihr Heer zurück, am folgenden aber gingen sie
 mit der Flotte, sechsundsiebzig Segel stark, und gleichzeitig mit dem Landheere
 auch gegen die Werke der Athener vor. Die Athener stellten sich ihnen mit sechs­
 undachtzig Schiffen entgegen, und es kam zur Schlacht. Eury­ medon, der
 den rechten Flügel der Athener befehligte und, um die feindlichen Schiffe zu
 umfassen, seine Schlachtlinie nach dem Lande zu verlängerte, wurde nun selbst
 von den Syrakusern und ihren Verbündeten, welche zuerst die Mitte der
 Athener besiegt, in einem Winkel des Hafens eingeschlossen, dabei kam er selbst
 ums Leben, und die Schiffe, die er bei sich hatte, wurden vernichtet. Dann aber
 trieben die Syrakuser auch die ganze Flotte der Athener vor sich her und jagten
 die Schiffe ans Land.

Als Gylippos sah, daß die Schiffe der Feinde besiegt und bis an das Pfahlwerk
 und ihren Lagerplatz zurückgeschlagen waren, rückte er mit einem Teile seines
 Heeres auf den Deich, um die Mannschaft bei der Landung niederzumachen und den
 Syrakusern, wenn der Strand in Freundes Hand wäre, die Wegnahme der
 Schiffe zu erleichtern. Die Thyrseuer aber, welche hier die Stellung der Athener
 deckten und die Feinde ohne Ordnung herankommen sahen, gingen gegen sie vor,
 warfen sich auf den Vortrab, schlugen sie in die Flucht und trieben sie in
 den Lysimeleiischen Sumpf. Als dann aber immer mehr Truppen der Syrakuser und
 ihrer Verbündeten eintrafen, nahmen auch die Athener, weil sie für ihre Schiffe
 bange wurden, den Kampf gegen sie auf, schlugen sie in die Flucht und
 töteten ihnen auf der Verfolgung einige Hopliten. Auch retteten sie ihre meisten
 Schiffe und bargen sie im Lager. Achtzehn aber hatten die Syrakuser und ihre
 Verbündeten ge­ nommen und die ganze Mannschaft getötet. Um auch die 
 übrigen in Brand zu stecken, füllten sie ein altes Lastschiff mit Reisig und
 Kien, warfen Feuer hinein und ließen es mit dem Winde, der auf die Athener
 stand, auf sie zutreiben. In der Besorgnis um ihre Schiffe sannen die Athener
 auf Gegen- mittel, um das Feuer unschädlich zu machen, nnd es gelang 
 ihnen, die Flamme zu ersticken und die Annäherung des Schiffes zu
 verhindern und dadurch die Gefahr abzuwenden.

Hierauf errichteten die Syrakuser ein Siegeszeichen, weil sie die Seeschlacht
 gewonnen, auch oben bei den Festungs­ werken die Hopliten abgeschnitten und
 dabei die Pferde erbeutet, die Athener aber, weil die Thyrsener das feindliche
 Fußvolk in den Sumpf getrieben und sie selbst dann auch das übrige Heer
 geschlagen hatten.

Nach diesem glänzenden Siege, den die Syrakuser, die sich anfangs vor der mit
 Demotshenes angekommenen neuen Flotte gefürchtet, nun auch zur See erfochten
 hatten, wurden die Athener völlig mutlos. So groß der Schmerz über den 
 unerwarteten Verlauf des Krieges war, weit größer noch die Reue, daß man ihn
 unternommen. Hier zum erstenmal hatten sie Städte angegriffen, welche wie sie
 demokratisch verfaßt und mit Schiffen, Pferden und sonstigen Mitteln
 überreichlich ver­ sehen waren, Städte, die sie nicht durch die Aussicht auf
 Ver­ fassungsänderungen auf ihre Seite ziehen konnten, und denen sie auch
 im Kriege nicht wesentlich überlegen oder auch nur gewahcsen gewesen waren.
 Hatten sie schon vorher das Be­ denkliche ihrer Lage empfunden, so war das
 jetzt, nachdem sie, was sie nimmer geglaubt, auch mit der Flotte geschlagen
 waren, noch weit mehr der Fall.

Die Syrakuser kreuzten auch gleich ganz dreist mit ihren Schiffen im Hafen und
 beabsichtigten, dessen Einfahrt zu sperren, damit die Athener nicht etwa
 heimlich mit ihrer Flotte ent­ kämen. Denn es war ihnen schon nicht mehr bloß um
 ihre eigene Sicherheit, sondern um Vernichtung der Athener zu tun, da sie,
 und mit Recht, annahmen, daß sie ihnen nach den jetzigen Erfolgen weit überlegen
 seien. Würde es ihnen doch auch in den Augen der Griechen zu hohem Ruhm
 gereichen, wenn es ihnen gelänge, die Athener und ihre Verbündeten zu
 Lande und zur See zu demütigen; denn dann würden die übrigen Griechen entweder
 gleich frei werden oder doch von den Athenern nichts mehr zu fürchten haben, da
 diese mit dem Reste ihrer Macht den Krieg nicht länger durchführen könnten, 
 sie aber den Ruhm, ihnen dazu verhelfen zu haben, und die höchste
 Bewunderung der Mit- und Nachwelt davontragen. Und in der Tat war dies für sie
 ein Kampf von höchster Be­ deutung, schon darum, aber auch deshalb, weil es sich
 darin nicht allein um einen Sieg über die Athener, sondern auch über deren
 zahlreiche Bundesgenossen handelte, und sie ihn nicht allein, sondern mit ihren
 Verbündeten ausfochten, dabei neben Lakedämoniern und Korinthern die Führung
 hatten, ihre Stadt zuerst in die Schanze schlugen und ihre Seemacht ge­ 
 waltig ausdehnten. Denn bei dieser einen Stadt traf eine Menge Völker
 aufeinander, wenn auch nicht alle, welche in diesem Kriege überhaupt zu den
 Bundesgenossen der Athener und der Lakedämonier gehörten.

Folgende Völker nämlich tsanden sich bei Syrakus auf beiden Seiten im Kampfe
 für und wider Sizilien gegenüber und hatten sich dort zusammengefunden, entweder
 um dem einen das Land erobern zu helfen, oder um es mit dem anderen zu
 verteidigen. Dabei hielten sie nicht etwa mit Rücksicht auf Recht oder Ver­
 wandtschaft zusammen, sondern wie es sich grade traf und^ jeder sich dazu
 durch seinen Vorteil oder durch äußeren Zwang genötigt sah. Da waren zunächst
 die Athener selbst, welche als Jonier aus freien Stücken den Krieg gegen die
 dorischen Syrakus er unter­ nommen hatten, und mit ihnen die Lemnier, Jmbrer und
 die da­ maligen Bewohner von Agina und der athenischen Kolonie Hestiaia
 auf Euboia, die alle noch mit ihnen dieselbe Sprache redeten und gleiches Recht
 hatten. Andere beteiligten sich als Untertanen oder als selbständige
 Bundesgenossen an dem Zuge, einige auch als Söldner. Zu den untertänigen und
 steuerpflich­ tigen Orten gehörten Eretria, Chalkis? Styra und Karystos auf
 Euboia, von den Inseln Keos, Andros und Tenos, in Ionien Milet, Samos und
 Chios. Chios zahlte jedoch keine Steuer, sondern stellte Schiffe unter eigener
 Flagge zur Bundesflotte. In der Hauptsache waren das alles bis auf die
 dryopische Bevölkerung von Karystos Jonier athenischer Abkunft, welche, 
 wenn auch als Untertanen und gezwungen, doch wenigstens als Jonier den Zug gegen
 jene Dorier mitmachten. Dazu 
 kamen aber auch Äolier aus Methymna, die zwar Untertanen, aber
 nicht steuerpflichtig waren, sondern Schiffe stellten, und aus Tenedos und
 Ainos, welche Steuern zahlten. Diese Aolier kämpften, nur weil sie mußten, gegen
 die zu den Syrakusern haltenden Böotier, von denen sie abstammten. Dagegen
 fochten die Platäer grade als Böotier mit rechtschaffenem Haß gegen ihre
 böotischen Landsleute. Rhodos und Kythera, beide dorisch, Kythera sogar von den
 Lakedämoniern besiedelt, stellten den Athenern Truppen gegen die Lakedämonier
 unter Gylippos, und Rhodos, eine Gründung von Argos, war gezwungen, gegen
 das dorische Syrakus und seine eigene Kolonie Gela, die es mit Syrakus hielt,
 Krieg zu führen. Von den Inseln im Westen des Peloponnes hatten sich Kephalenia
 und Zakyn­ thos den Athenern angeschlossen, da sie, wenn sie auch selb­ 
 ständig waren, bei deren Übermacht zur See nicht wohl anders konnten. Kerkyra,
 das nicht nur dorisch, sondern sogar Tochter­ stadt von Korinth war, machte den
 Krieg gegen die Korinther und Syrakuser, obwohl es von jenen gegründet und mit
 diesen eines Stammesswar, nichtsdetsoweniger eifrig mit, vorgeblich weil
 es mußte, in der Tat aber aus Haß gegen die Korinther. Die Messenier, wie sie
 immer noch hießen, aus Naupaktos und Pylos, das damals im Besitz der Athener
 war, hatten auch mitgemußt, und auch einige Flüchtlinge aus Megara waren 
 durch das Schicksal, das sie betroffen, dazu getrieben, gegen ihre eigenen alten
 Landsleute aus Selinus zu fechten. Dazu nun noch alle die übrigen, welche den
 Zug freiwillig mitmachten. Die Argeier, die sich nicht sowohl des Bündnisses
 wegen, als aus Haß gegen die Lakedämonier und aus Rücksichten auf 
 augenblickliche Vorteile einzelner, Dorier gegen Dorier, den ionischen Athenern
 angeschlossen hatten; die Mantineer und andere Arkadier, welche gewohnt waren,
 als Söldner gegen jeden ihnen bezeichneten Feind zu fechten, und nicht
 bezweifel­ ten, daß auch die Arkadier auf seiten der Korinther diesen 
 ebenfalls nur des Geldes wegen Kriegsdienste leisteten. Ebenso hatten Kreter und
 Ätolier sich für Sold anwerben lassen. Und so kam es, daß die Kreter, welche mit
 Rhodiern Gela 
 gegründet hatten, nicht für ihre eigene Kolonie, sondern als 
 Söldner unbedenklich gegen sie kämpften. Auch aus Akarna­ nien hatten sich
 manche zwar auch für gutes Geld, die meisten aber doch aus Freundschaft für
 Demosthenes und aus Anhänglich­ keit an die Athener, mit denen sie im Bunde
 waren, ihnen angeschlossen. Alle diese von diesseits des Ionischen Meeres. 
 Von den griechischen Städten in Italien nahmen Thurioi und Metapontion am Kriege
 teil, weil sie sich in ihren damaligen Parteikämpfen dazu gezwungen sahen, in
 Sizilien Naxos und Katana, von Nichtgriechen Egesta, das die Athener zu Hilfe
 gerufen hatte, und die meisten Sikeler, von außerhalb Siziliens eine
 Anzahl Thyrfener wegen ihrer Streitigkeiten mit den Syrakusern und einige
 japygische Söldner. Dies die Völker, welche auf seiten der Athener fochten.

Zu den Syrakusern dagegen hielten ihre Nachbarstadt Kamarina, das daran
 grenzende Gela und das jenseits des neutralen Akragas gelegene Selinus, alle
 drei auf der Libyen gegenüber liegenden Küste Siziliens. An der auf das Thyrfe­
 nische Meer gerichteten Seite der Insel war Himera die einzige griechische
 Stadt, und von dort hatte auch nur sie allein Hilfe gesandt. Das die
 griechischen Orte in Sizilien auf Seite der Syrakufer; sie alle dorisch und
 selbständige Städte. Von Nichtgriechen hielten es nur diejenigen Sikeler mit
 ihnen, welche sich nicht den Athenern angeschlossen. Von den Griechen 
 außerhalb Siziliens hatten die Lakedämonier ihnen einen Spar­ tiaten als
 Feldherrn, außerdem auch Neodameden und Heloten geschickt. Neodameden bedeutet
 Leute, die schon freigelassen sind. Die Korinther, die einzigen, welche nicht
 nur mit Schiffen, sondern auch mit Landtruppen gekommen waren, sowie die 
 Leukadier und Amprakier hielten als Stammesgenossen zu ihnen. Aus Arkadien
 hatten sie Söldner im Dienste der Korinther erhalten; auch die Sikyoner waren
 gezwungen, den Zug mit­ zumachen, von außerhalb des Peloponnes die Böotier ihnen
 zu Hilfe gekommen. Im Verhältnis zu diesen auswärtigen Streitkräften
 bildeten jedoch die sizilischen Griechen bei weitem die Mehrheit des ganzen
 Heeres; denn bei der Größe ihrer 
 Städte hatten sie schweres Fußvolk, Schiffe, Pferde und Menschen 
 in großer Menge. Im Verhältnis zu allen anderen stellten aber die Syrakuser
 selbst dann doch wieder das meiste, sowohl wegen der Größe ihrer Stadt, als auch
 weil sie in der größten Gefahr waren.i

Das die Streitkräfte, welche auf beiden Seiten zusammen­ gebracht und damals
 schon sämtlich zur Stelle waren; auch hat keiner von beiden später weitere
 Verstärkungen erhalten. Die Syrakuser und ihre Verbündeten glaubten also mit
 Recht, daß es ihnen zu hohem Ruhm gereichen würde, wenn es ihnen gelänge,
 nachdem sie die Seeschlacht gewonnen, nun auch diese ganze so gewaltige
 Kriegsmacht der Athener noch zu vernichten und sie weder zu Lande, noch mit der
 Flotte entkommen zu lassen. Sie suchten also gleich den großen Hafen, 
 dessen Einfahrt ungefähr acht Stadien breit ist, zu sperren, indem sie dort
 Trieren, Lastschiffe und kleinere Fahrzeuge quer verankerten. Zugleich trafen
 sie für den Fall, daß die Athener nochmals eine Seeschlacht wagen würden, ihre
 Vorbereitungen, wie sie überhaupt hoch hinaus wollten.

Als die Athener sahen, daß der Hafen gesperrt werden sollte, und merkten,
 worauf es dann weiter abgesehen war, hielten sie es für nötig, darüber zu Rate
 zu gehen, und die Feldherren und Hauptleute traten zu einem Kriegsrat zu­ 
 sammen. Angesichts ihrer bedenklichen Lage, namentlich da sie jetzt keine
 Lebensmittel mehr hatten - denn als sie abfahren wollten, hatten sie in Katana
 die Zufuhr abbestellt - und auch künftig nicht haben konnten, beschlossen sie,
 die Werke weiter oben aufzugeben, in unmittelbarer Nähe der Schiffe aber einen
 Fleck, wie er zur Aufnahme des Gepäcks und der Kranken allenfalls genügte,
 zu befestigen nnd zu besetzen, das ganze übrige Heer aber bis auf den letzten
 Mann einzuschiffen und sämtliche Schiffe, gleichviel ob mehr oder weniger
 tauglich, damit zu bemannen und es auf eine Seeschlacht ankommen zu 
 lassen. Dann aber wollten sie, falls sie isegten, nach Katana fahren, sonst aber
 die Schiffe verbrennen und mit dem Land­ heere in Schlachtordnung abziehen und
 möglichst bald einen 
 befreundeten, sei es griechischen sei es nichtgriechischen Ort zu 
 erreichen suchen. Und wie sie eS beschlossen, so machten sie eS auch. Aus den
 Werken weiter oben zogen sie in aller Stille ab und bemannten alle ihre Schiffe,
 indem sie jeden, der körperlich noch irgend brauchbar schien, zwangen, an Bord
 zu gehen. So wurden dann auch die sämtlichen etwa hundert­ undzehn Schiffe
 voll besetzt. Auch viele Speer- und Dogen­ schützen aus der Zahl ihrer
 akarnanishcen und anderen Söldner wurden miteingeschifft und alle sonst
 erforderlichen Vorkehrungen getroffen, soweit das bei einem so im Dränge der Not
 gefaßten Plane möglich war. Als alles bereit, ließ Nikias, welcher sah, 
 wie seinen Leuten nach den mehrfachen ungewohnten Nieder­ lagen zur See der Mut
 gesunken war, und bei dem Mangel an Lebensmitteln je eher je lieber eine
 Schlacht zu liefern wünschte, sie alle zusammenkommen und suchte sie erst durch
 folgende Ansprache zu ermutigen.

„Kameraden, Landsleute und Bundesgenossen! Wir gehen in einen Kampf, in dem es
 für alle dasselbe gilt. Wir kämpfen, so gut wie unsere Feinde, für Leben und
 Vaterland. Wenn wir jetzt mit der Motte einen Sieg erringen, so haben wir alle
 die Aussicht, Heimat und Vaterland noch einmal wiederzusehen. Darum dürft
 ihr den Mut nicht sinken lassen und euch nicht gebärden wie unerfahrene
 Neulinge, die nach den ersten unglück­ lichen Gefechten gleich meinen, es werde
 ihnen auch künftig nicht besser gehen. Vielmehr müßt ihr alle hier, Athener so­
 wohl, die ihr schon manchen Krieg mitgemacht, als auch Bundes­ genossen,
 die ihr an unseren Feldzügen stets teilgenommen habt, eingedenk sein, daß im
 Kriege immer Dinge vorkommen, auf die man nicht gerechnet hat, und in der
 Hoffnung, das Glück werde sich auch einmal wieder für uns erklären, von neuem
 in den Kampf gehen, um, wie es diesem großen Heere, das ihr hier jetzt
 beisammen seht, geziemt, die Scharte auszuwetzen.

„Alle Vorkehrungen, von denen wir uns überzeugt, daß sie uns in dem bei der
 Enge des Hafens unvermeidlichen Ge­ dränge der Schiffe und gegenüber den uns
 früher gefährlich ge­ wordenen Einrichtungen auf den Verdecken der Feinde von
 Nutzen 
 sein würden, haben auch wir jetzt, soweit möglich, nach Beratung 
 mit den Steuerleuten getroffen. Wir werden zahlreiche Speer- und Bogenschützen
 und sonstige Mannschaft in Menge an Bord nehmen. Wollten wir in offener See
 schlagen, so würden wir das allerdings nicht dürfen, weil die schwere Belastung
 der Schiffe ihrer Geschicklichkeit Abbruch tun könnte, hier aber, wo wir
 auf unseren Schiffen gewissermaßen eine Landschlacht zu liefern gezwungen sind,
 wird es uns zum Vorteil gereichen. Wir haben uns alles ausgedacht, was
 erforderlich war, um die Leistungsfähigkeit unserer Schiffe zu erhöhen, so gegen
 ihre uns besonders gefährlich gewordenen schweren Sturmbalken Griffe mit
 eisernen Händen, welche das feindliche Schiff hindern werden, nach dem
 Zusammenstoß rückwärts zu rudern, falls die Mannschaft auf dem Verdeck ihre
 Schuldigkeit tut. Denn so­ weit ist es ja jetzt mit uns gekommen, daß wir auf
 den Schiffen wie zu Lande fechten müssen, und deshalb ist es offenbar für 
 uns vorteilhaft, weder selbst rückwärts zu rudern, noch es den Feinden zu
 gestatten, zumal der Strand bis auf einen kleinen, von unseren Truppen besetzten
 Fleck in Feindes Hand ist.

„Das müßt ihr euch merken und im Gefecht eure letzte Kraft einsetzen, euch
 nicht auf den Strand jagen lassen, sondern das Schiff nach dem Zusammenstoß
 festhalten, bis ihr die Mann­ schaft von dem feindlichen Verdeck über Bord
 geworfen habt. Und mehr noch als den Matrosen mache ich das den Soldaten 
 zur Pflicht, da es sich dabei recht eigentlich um eine Aufgabe des Landheeres
 handelt, und deshalb können wir jetzt, wo bei ihm die Entscheidung liegt, auf
 den Sieg hoffen. Den Matrosen aber möchte ich raten und zugleich an sie die
 Bitte richten: Nehmt euch unsere Niederlagen nicht zu sehr zu Herzen. Die 
 Einrichtungen auf den Verdecken sind jetzt besser, und die Zahl unserer Schiffe
 ist größer. Ihr galtet bisher, auch wenn ihr es nicht wart, für Athener. Weil
 euch unsere Sprache ge­ läufig war und ihr unsere Sitten angenommen, wart ihr in
 Griechenland überall hoch angesehen, habt auch die Vorteile unserer
 Herrschaft, den Respekt bei unseren Untertanen und die Sicherheit vor
 Beleidigungen mit uns in vollem Maße 
 genossen; bedenkt also, daß es wohl der Mühe wert ist, euch solche
 Vorzüge zu erhalten. Es wäre deshalb sehr unrecht, wolltet ihr, die einzigen
 freiwilligen Gefährten unserer Herr­ schaft, uns jetzt im Kampfe um diese im
 Stich lassen. Ihr werdet doch die Korinther nicht fürchten, die ihr so oft
 besiegt, oder diese sizilischen Griechen, die, solange unsere Seemacht auf
 der Höhe stand, nie gewagt haben, euch die Spitze zu bieten. Geht ihnen also nur
 tapfer zu Leibe und zeigt ihnen, daß eure Geschicklichkeit auch nach Verlusten
 und Niederlagen immer noch jedem Gegner überlegen ist, auch wenn ihm das 
 Glück einmal den Sieg in den Schoß geworfen.

„Euch Athener unter uns aber muß ich von neuem daran erinnern, daß ihr zu Hause
 weder Schiffe, wie diese hier, auf den Werften, noch junge Mannschaft hinter
 euch habt. Ihr müßt also unbedingt siegen, sonst werden sich unsere hiesigen
 Feinde sofort dahin aufmachen und unsere Landsleute dort außerstande sein,
 sich gegen ihre dortigen Gegner und die neuen Feinde zu behaupten. Ihr hier
 würdet den Syrakusern ohne weiteres zur Beute fallen - wißt ihr doch, was ihr
 selbst mit ihnen im Sinne gehabt habt -, und euere Mitbürger dort würden 
 den Lakedämoniern unterliegen. Der Kampf, in den ihr geht, wird also zugleich
 über ihr und euer Schicksal entscheiden. Darum, wenn je, so steht heute euren
 Mann und beherzigt, einer für alle und alle für einen, daß ihr hier auf euren
 Schiffen die Land- und Seemacht der Athener seid, und daß die letzte
 Hoffnung und der große Name unserer Stadt auf euch beruht, auch daß sich jedem,
 der es anderen an Geschick­ lichkeit und Mut zuvortut, wohl niemals eine
 schönere Ge­ legenheit bieten wird, es zu seinem Besten und zum Heil des 
 Ganzen zu bewähren."

Nachdem Nikias die Leute also ermutigt hatte, ließ er sie sogleich an Bord
 gehen. Gylippos und die Syrakuser, unter deren Augen das alles vorging, merkten
 natürlich, daß die Athener eine Seeschlacht liefern wollten. Auch hatten sie
 schon von der beabsichtigten Anwendung der eisernen Hände gehört und, wie
 überhaupt, so auch dagegen ihre Vorsichts­ 
 maßregeln getroffen. Sie überzogen nämlich den Bug und einen
 großen Teil des Verdecks ihrer Schiffe mit frischen Tier­ häuten, damit die
 darauf geworfene Hand abglitte und keinen Halt hätte. 
 Als man mit allem fertig war, ermutigten Gylippos und die übrigen Feldherren
 die ihrigen mit folgenden Worten:

„Daß wir bisher schon Ehre eingelegt haben und uns auch in dem bevorstehenden
 Kampfe mit neuem Ruhm bedecken werden, Syrakuser und Bundesgenossen, davon seid
 ihr wohl längst meist selbst überzeugt, sonst wärt ihr schwerlich so wacker
 draufgegangen, und wenn dies wirklich diesem oder jenem unter euch noch
 nicht genügend klar geworden sein sollte, so wollen wir ihn darüber aufklären.
 Diesen Athenern, die uns hier ins Land gekommen sind, um erst Sizilien, und wenn
 es ihnen damit geglückt, auch noch den Peloponnes und ganz Griechenland zu
 unterwerfen, und es zu einer Macht gebracht haben wie weder sonst noch jetzt ein
 anderer griechischer Staat, denen habt ihr zum erstenmal zur See, die sie völlig
 beherrschten, die Spitze geboten und sie schon in mehreren Schlachten be­ 
 siegt, und sicherlich werdet ihr sie auch diesmal wieder besiegen. Denn wenn man
 auf einem Felde geschlagen ist, wo man sich anderen überlegen glaubte, ist es
 mit dem Gefühl der Über­ legenheit schlechter bestellt, als wenn man es vorher
 überhaupt nicht gehabt, und nach einer dem Stolze so unerwarteten Nieder­ 
 lage traut man sich selbst das nicht mehr zu, wofür die vor­ handenen Kräfte
 noch ausreichen würden. Und so wird es jetzt wahrscheinlich auch den Athenern
 gehen.

„Unser altes Selbstvertrauen aber, das uns schon damals, als wir noch
 unerfahren waren, den Mut eingab, den Kampf zu wagen, ist gewachsen, seitdem wir
 die Stärksten besiegt und uns jetzt noch davon überzeugt haben, daß wir auch
 ihnen über­ legen sind, nnd wir rechnen deshalb alle mit doppelter Zu­ 
 versicht auf den Sieg. Je größer aber die Zuversicht, um so größer auch die
 Freudigkeit zur Schlacht. An die Einrichtungen, die sie uns nachgemacht, sind
 wir bei unserer Kampfesweise schon gewöhnt, und sie werden uns mit alledem keine
 Über­ 
 raschungen bereiten. Da sie gegen ihre sonstige Gepflogenheit 
 viele Hopliten auf dem Verdeck und viele Speerschützen, sozu­ sagen doch bloße
 Landratten, an Bord haben, Akarnanier und andere mehr, die es selbst im Sitzen
 nicht fertigbringen würden, mit dem Schuß richtig abzukommen, wie sollten die
 nicht ihren eigenen Schiffen hinderlich werden und bei der ungewohnten 
 Bewegung alle untereinander in Verwirrung geraten? Auch die Menge ihrer Schiffe
 wird ihnen nichts helfen, wenn sich hier etwa jemand vor der Überzahl fürchten
 sollte. Denn in dem engen Raum werden ihre Schiffe die beabsichtigten Be­ 
 wegungen vielfach nickt ausführen, wir aber durch die Einrich­ tungen auf
 unseren Schiffen ihnen um so leichter schaden können. Und nun noch eine
 Mitteilung, deren Richtigkeit nach den uns gewordenen Nachrichten nicht zu
 bezweifeln ist. Sie haben nämlich infolge ihrer schweren Niederlagen im Dränge
 der Not, nicht etwa im Vertrauen auf ihre Schlagfertigkeit, sondern um
 womöglich ihr Heil noch einmal zu versuchen, den ver­ zweifelten Entschluß
 gefaßt, sich entweder mit der Flotte durch­ zuschlagen, oder nahcher zu Lande
 abzuziehen, da sie dann wenigstens ihrer Meinung nach immer noch nicht schlimmer
 dran sein würden als jetzt.

„Diesen also erschütterten und an ihrem Glück verzweifeln­ den Erzfeinden
 wollen wir nun nach Herzenslust zu Leibe gehen und daran denken, daß wir nicht
 nur volles Recht haben, unsern Mut an ihnen zu kühlen und sie für ihren
 ruchlosen Angriff zu bestrafen, sondern jetzt auch in der Lage sind, uns an
 unseren Feinden zu rächen, und daß, wie es im Sprichwort heißt, die Rache
 süß ist. Daß sie unsere Feinde, unsere bösesten Feinde sind, wißt ihr alle. Sind
 sie uns doch ins Land gekommen, um uns zu unterjochen, und wenn ihnen das
 gelungen, so würden sie den Männern grausam zugesetzt, Weiber und Kinder 
 schandbar mißhandelt und der ganzen Stadt Schimpf und Schande angetan haben.
 Deshalb darf man nicht aus Mit­ leid den Großmütigen gegen sie spielen oder etwa
 glauben, es wäre das beste, sie unbehelligt abziehen zu lassen. Das werden 
 sie schon sowieso tun, auch wenn sie uns besiegt haben. Nur 
 wenn wir unsere Absicht redlich ausführen, sie bestrafen und ganz
 Sizilien zu der Freiheit, deren es sich früher erfreute, verhelfen und sie
 fester begründen, werden wir mit Ehren aus diesem Kampfe hervorgehen. Auch ist
 man nur selten in der glücklichen Lage, unter Umständen zu schlagen, wo eine
 Nieder­ lage so wenig ausmachen würde, ein Sieg aber die größten Vorteile
 verspricht."

Nachdem die syrakusischeu Feldherren und Gylippos auch ihrerseits die Ihrigen
 also ermutigt hatten und sahen, daß die Athener sich einschifften, bemannten auch
 sie unverzüglich ihre Schiffe. In diesem Augenblick aber, wo die Flotte schon
 im Begriff war auszukaufen, hatte Nikias, der die Größe und die Nähe der
 Gefahr erkannte, den Kopf verloren und glaubte, wie es in solchen kritischen
 Lagen geht, mit allem, was bisher geschehen, sei es noch nicht genug, und man
 habe den Leuten das Nötige noch nicht gesagt. Er ließ sich also die Schiffs­
 hauptleute noch einmal alle einzeln kommen, redete sie mit Vor- und
 Vaternamen an, wußte, wo sie her waren, und er­ ma hnte jeden, der sich schon
 irgendwie ausgezeichnet hatte, der alten Tapferkeit auch diesmal Ehre zu machen,
 und die, welche berühmte Vorfahren hatten, den Ehrenschild der Väter rein zu
 halten. Er erinnerte sie an das Vaterland, wo man sich der höchsten Freiheit
 erfreue und es jedem möglich sei, sein Leben nach Gefallen einzurichten, sagte
 ihnen auch sonst noch allerlei, was man den Leuten ohne Rücksicht darauf, daß
 sie es doch nur für abgenutzte Redensarten halten, in solchen Lagen zu sagen
 pflegt, von Weibern und Kindern und heimischen Göttern und womit man den Leuten
 bei solcher Gelegenheit immer in den Ohren liegt, wenn man es in der
 augenblick­ lichen Bestürzung eben für nützlich hält. Nachdem er ihnen 
 seiner Meinung nach, wenn auch nicht genug, so doch daS Notwendigste gesagt,
 setzte er sich selbst mit dem Landheere in Bewegung, führte es an den Strand und
 ließ es dort eine möglichst ausgedehnte Stellung nehmen, um dadurch den Mut 
 der Mannschaft auf den Schiffen zu beleben. Demotshenes, Menandros und
 Euthydemos aber, welche den Befehl auf der 
 
 Flotte übernommen hatten, brachen damit sogleich von ihrem 
 Lagerptatze auf und wandten sich gegen den Verschluß des Hafens, welcher die
 Ausfahrt sperrte, in der Absicht, nach außen durchzubrechen.

Die Syrakuser und ihre Verbündeten führten ungefähr die gleiche Anzahl Schiffe
 ins Gefecht wie früher und stellten sie zum Teil am Ausgange des Hafens, zum
 Teil rings um den ganzen übrigen Hafen auf, um die Athener von allen 
 Seiten zu fassen, und gleichzeitig wurde das Landheer auf die * Stellen, wo
 Schiffe anlanden konnten, zu deren Unterstützung verteilt. Die Flotte der
 Syrakuser befehligten Sikanos und Agatharchos, so daß jeder einen Flügel des
 Ganzen unter sich hatte, während Pythen und die Korinther die Mitte bildeten.
 Als die Athener an die Sperre kamen, suchten sie die dort verstellten
 Schiffe im ersten Anlauf zu überwältigen und den Verschluß zu sprengen. Nun aber
 drangen die Syrakuser und ihre Verbündeten von allen Seiten auf sie ein, und es
 ent­ spann sich nicht nur an der Sperre, sondern über den ganzen Hafen
 eine Schlacht gewaltiger als die vorigen. Auf beiden Seiten war der Ungestüm der
 Matrosen, den befohlenen Stoß auf ein feindliches Schiff auszuführen, nicht
 minder groß wie die Geschicklichkeit und der Wetteifer der Steuerleute, ihm
 auszuweichen. Die Soldaten auf dem Verdeck setzten alles dran, wenn zwei
 Schiffe aneinander gerieten, zu beweisen, daß sie an Geschicklichkeit niemand
 nachständen, und jeder einzelne tat sein Bestes, um es in seinem Fach allen
 anderen zuvor­ zutun. Noch nie hatten in einer Schlacht so viel Schiffe in 
 einem so engen Raum gefochten wie hier; denn auf beiden Seiten waren es zusammen
 beinah zweihundert. Da es in dem Gedränge nicht möglich war, rückwärts zu rudern
 oder den feindlichen Schiffen durch die Ruder zu fahren, so kam es nur
 selten zu regelrechten Angriffen, desto häufiger aber, wenn ein Schiff auf der
 Flucht oder im Angriff auf ein anderes zufuhr, zu zufälligen Zusammenstößen.
 Solange ein Schiff sich einem anderen näherte, überschütteten es die Schützen
 auf dem Verdeck mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen, wenn 
 aber beide Bord an Bord kamen, nahmen die Hopliten den Kampf auf
 und suchten das feindliche Schiff zu entern. Bei der Enge des Raumes kam es
 manchmal vor, daß ein Schiff, während es ein anderes angreifen wollte, selbst
 von einem dritten angegriffen wurde, oder daß sich zwei oder auch mehrere 
 Schiffe unfreiwillig miteinander verhakten, so daß die Steuer­ leute
 gleichzeitig auf Angriff und Ausweichen bedacht sein mußten und ihr Augenmerk
 nach allen Seiten zu richten hatten, während man bei dem gewaltigen Gekrach so
 vieler zusammen­ stoßender Schiffe die Stimmen der Taktmeister nicht hören 
 konnte; denn auf beiden Seiten suchten diese sich beständig - durch Zuruf und
 lautes Schreien vernehmlich zu machen, wie es ihr Handwerk und ihr Ehrgeiz in
 dem Augenblick mit sich brachte. Den Athenern riefen sie zu, sie müßten
 durchbrechen, um jetzt oder nie mit heiler Haut wieder nach Hause zu kommen,
 den Syrakusern und ihren Verbündeten dagegen, daß es ihnen zum höchsten
 Ruhm gereichen würde, wenn sie die Athener nicht entkommen ließen und jeder das
 Seinige dazu täte, durch einen Sieg die Größe seines Vaterlandes zu mehren.
 Zudem riefen auch die Feldherren auf beiden Seiten, wenn sie ein Schiff
 rückwärts rudern sahen, die Schiffshauptleute bei Namen an und fragten sie, die
 Athener, ob sie zurückgingen, weil sie sich hier in Feindesland schon mehr zu
 Hause fühlten wie auf der See, wo sie sich in schweren Kämpfen schon seit langer
 Zeit Hausrecht erworben; die Syrakuser, ob sie vor diesen Athenern, die,
 wie sie ja sehr wohl wüßten, um jeden Preis zu entfliehen suchten, nun gar
 selbst die Flucht ergreifen wollten.

Während die Schlacht unentschieden hin und her schwankte, verfolgte das
 Landheer beiderseits deren Verlauf in ängstlicher Spannung. Die Einheimischen
 wetteten, die Sache würde sich für sie immer noch günstiger gestalten, die
 Athener und ihre Verbündeten fürchteten, daß ihre Lage noch schlimmer werden
 möchte als bisher. Da für die Athener alle Hoffnung auf der Flotte
 beruhte, waren sie in unbeschreiblicher Angst, was werden würde, und bei dem
 ungleichmäßigen Verlauf der 
 Schlacht waren ihre Blicke unwillkürlich vom Lande auS auf sie
 gerichtet. Das Gesichtsfeld der einzelnen aber war be­ schränkt, und da sie
 nicht alle zugleich dieselbe Stelle vor Augen hatten , faßten die, welche die
 Ihrigen irgendwo im Vorteil sahen, neuen Mut und flehten die Götter an, ihnen
 auch weiter durchzuhelfen; die aber, welche grade sahen, daß sie an anderer
 Stelle unterlagen, brachen in laute Wehklagen aus und wurden durch den
 bloßen Anblick des Kampfes mehr entmutigt als die Kämpfer selbst. Noch andere,
 deren Blicke dahin gerichtet waren, wo sich beide Teile die Wage hielten, waren,
 da man im Schlachtgetümmel nichts untershceiden konnte, erst recht schlimm
 dran und gaben in der Angst ihren Gefühlen durch entsprechende Gebärden
 Ausdruck. Denn Sieg und Niederlage hing beständig an einem Haar, und so konnte
 man im Heere der Athener, solange die Schlacht noch unentshcieden war, zu 
 gleicher Zeit alles hören, Jubel und Wehklage, Sieger und Besiegte, und alle die
 mancherlei Laute, wie man sie in einem großen Heere, welches um sein Dasein
 kämpft, notwendig immer vernehmen wird. Nicht viel anders wie denen am 
 Lande ging es denen auf der Flotte, bis dann die Syrakuser und ihre Verbündeten
 die Athener nach langem Kampfe endlich zum Weichen brachten, einen glänzenden
 Sieg erfochten und sie unter lautem Zuruf und Geschrei an den Strand verfolgten.
 Nun stürzten die Leute von den Schiffen, soweit sie nicht schon auf der
 See den Gegnern in die Hände gefallen waren, der eine hier, der andere dort, ans
 Land dem Lager zu. Die Truppen am Lande aber ergaben sich jetzt ohne Unterschied
 mit Ach und Weh einmütig darein, daß die Schlacht verloren war. Zum Teil
 eilten sie den Schiffen zu Hilfe, zum Teil warfen sie sich in die noch
 vorhandenen Festungswerke; andere, und zwar die meisten, dachten nur noch an
 sich selbst und wie sie sich in Sicherheit bringen könnten. Nie zuvor war die
 Lage der Athener so hoffnungslos gewesen wie in diesem Augenblick. Es ging
 ihnen hier, wie sie es mit ihren Gegnern in Pylos gemacht hatten. Denn dort
 verloren die Lakedämonier nach der Vernichtung ihrer Flotte auch die auf der
 Insel ausgesetzte 
 Mannschaft, und jetzt durften sich die Athener auch keine Hoff­ 
 nung mehr machen, zu Lande davonzukommen, eS hätte denn ein Wunder geschehen
 müssen.

Nach dieser heißen Schlacht, in der beide Teile viele Menschen und Schiffe
 verloren und die Syrakuser und ihre Verbündeten den Sieg davongetragen hatten,
 fuhren diese, nachdem sie ihre Schiffstrümmer und ihre Toten geborgen, an 
 die Stadt zurück und errichteten ein Siegeszeichen. Die Athener dachten bei der
 Größe des Unglücks, das sie betroffen, nicht einmal daran, um die Herausgabe
 ihrer Toten und ihrer Schiffstrümmer zu bitten, sondern wollten noch in dieser
 Nacht gleich abziehen. Demosthenes aber ging zu Nikias und schlug ihm vor,
 ihre noch vorhandenen Schiffe zu bemannen und damit bei Tagesanbruch womöglich
 die Ausfahrt zu erzwingen, indem er verischerte, daß sie immer noch mehr
 brauchbare Schiffe hätten als die Feinde. Die Athener hatten nämlich -loch
 gegen sechzig Schiffe, die Gegner aber kaum fünfzig. Nikias trat auch seiner
 Meinung bei; als jedoch die Schiffe bemannt werden sollten, weigerten sich die
 Leute, an Bord zu gehen, da sie durch die Niederlage völlig entmutigt waren und
 an keinen Sieg mehr glaubten. So wurde denn allerseits be­ schlossen, zu
 Lande abzuziehen.

Hermokrates in Syrakus aber vermutete ihre Absicht und hielt es für gefährlich,
 wenn ein so zahlreiches Heer zu Lande abzöge und sich irgendwo in Sizilien
 festsetzte, um von dort den Krieg gegen Syrakus wieder aufzunehmen. Er wandte
 sich deshalb an die Regierung und stellte ihr vor, man dürfe die Athener
 nicht bei Nacht abziehen lassen, wie er das ja vermutete, sondern die Syrakuser
 und ihre Verbündeten müßten mit dem ganzen Heere ausrücken, ihnen die Wege durch
 Ver­ haue sperren und die Pässe verlegen. Dort war man zwar derselben
 Meinung und hielt es ebenfalls für zweckmäßig, so zu verfahren, fürchtete
 jedoch, daß die Leute, welche froh wären, sich nach der großen Schlacht erst mal
 auszuruhen, dafür schwerlich zu haben sein würden, zumal grade Feiertag wäre.
 (An dem Tage wurde nämlich das HerakleSfest in Syrakus 
 gefeiert.) Denn die säßen im Feste meist alle nach ihrem Siege 
 fröhlich beim Becher, und man würde ihnen wahrscheinlich alles eher ansinnen
 können, als in diesem Augenblick das Ge­ wehr aufzunehmen und auszurücken. Da
 die Herren von der Regierung die Sache unter diesen Umständen nicht für aus­
 führbar hielten und auch Hermokrates nichts weiter bei ihnen ausrichtete,
 verfiel er nunmehr seinerseits auf folgende List. Weil er besorgte, die Athener
 möchten in der Nacht in aller Stille abziehen und über die gefährlichsten
 Stellen glücklich hinausgelangen, schickte er bei Eintritt der Dunkelheit einige
 seiner Freunde mit einer Anzahl Reiter an das athenische Lager, welche auf
 Sprechweite hinanritten. Hier riefen sie sich ein paar Leute heraus, und da
 Nikias damals Freunde in der Stadt hatte, die ihm von dort Nachrichten zutrugen,
 gaben sie sich ihnen als Freunde der Athener zu erkennen und trugen ihnen
 auf, Nikias zu sagen, er möge diese Nacht mit dem Heere nicht aufbrechen, weil
 die Syrakuser die Wege besetzt hätten, sondern damit lieber warten und bei Tage
 in guter Ordnung abziehen. Nachdem sie ihnen das gesagt, ritten sie wieder
 weg. Die Leute aber, denen sie es gesagt hatten, meldeten es den Feldherren der
 Athener.

Infolge dieser Meldung ließen diese die Nacht verstreichen, weil ihnen gar
 nicht einfiel, es könne sich dabei um eine Täuschung handeln. Und da sie bei
 alledem nicht gleich auf­ brachen, beschlossen sie, auch noch den folgenden Tag
 zu warten, damit die Soldaten Zeit hätten, womöglich wenigstens das 
 Notwendigste zusammenzupacken, dann aber alles übrige im Stich zu lassen und
 sich nur mit dem für die Leibesnotdurft Unentbehrlichen auf den Weg zu machen.
 Inzwischen waren Gylippos und die Syrakuser mit dem Landheere ausgerückt, 
 hatten die Wege, welche die Athener vermutlich einschlagen mußten, durch Verhaue
 gesperrt, die Übergänge der Flüsse und Bäche besetzt und die ihrer Meinung nach
 geeigneten Stellungen eingenommen, um das athenische Heer zu empfangen und ihm
 den Weg zu verlegen. Mit ihren Schiffen aber fuhren sie an die Schiffe der
 Athener heran und holten sie vom Strande; 
 denn die Athener hatten nur wenige ihrem Plane gemäß selbst schon
 in Brand gesteckt; die übrigen nahmen sie, sowie sie flott geworden, in
 Schlepptau und brachten sie, ohne auf Widerstand zu stoßen, in aller Ruhe an die
 Stadt.

Darauf, als Nikias und Demosthenes glaubten, daß alles so weit sei, erfolgte
 dann endlich am dritten Tage nach der Schlacht der Aufbruch des Heeres. Es war
 entsetzlich, nicht nur der ganze Vorgang an sich, wie sie so nach Verlust ihrer
 sämtlichen Schiffe abzogen und die glänzenden Hoffnungen für sich und ihre
 Stadt zunichte geworden waren, sondern auch was jeder einzelne beim Abzüge aus
 dem Lager an herzzerreißenden Auftritten mit ansehen mußte. Denn die Toten waren
 noch nicht begraben, und jeden, der einen seiner Angehörigen so da­ liegen
 sah, überkam Schmerz und Grauen. Die Verwundeten aber und die Kranken, die man
 liegen ließ, waren in den Augen der Überlebenden noch beklagenswerter als die
 Toten und in der Tat schlimmer dran als die schon Umgekommenen. Vor ihrem
 Flehen und Wehklagen wußte man sich nicht zu lassen. Wenn einer von ihnen einen
 seiner Freunde oder An­ gehörigen erblickte, so rief er ihn an und bat, ihn doch
 mitzu­ nehmen, klammerte sich an die abziehenden Zeltgenossen und 
 schleppte sich ihnen nach, so weit er konnte, bis ihm dann die Kräfte ausgingen
 und er nach allem Jammer und Beschwören schließlich liegen blieb. So kam das
 Heer vor lauter Tränen und Schwierigkeiten kaum von der Stelle, obwohl es auS
 Feindesland abzog, wo es bisher schon schwere Leiden bis zum Übermaß
 ausgestanden und auch in Zukunft gewiß noch weiter zu befürchten hatte.
 Niedergeschlagen und verdrossen, wie sie waren, überhäuften sich die Leute
 selbst mit Vorwürfen. Es sah aus wie die Flucht der Einwohner aus einer
 eroberten Stadt, und keiner kleinen Stadt, denn die ganze sich fort­ 
 wälzende Masse betrug mindestens vierzigtausend. Dabei schleppte jeder möglichst
 alles mit sich, was er brauchen konnte, und auch die Hopliten und die Reiter
 mußten, was sie sonst nicht gewohnt waren, neben ihren Waffen ihre Lebensmittel
 selbst tragen, weil sie entweder keine Diener mehr hatten oder ihnen 
 nicht trauten; denn die waren ihnen meist schon längst oder eben 
 jetzt entlaufen. Aber auch was sie an Lebensmitteln bei sich hatten, reichte
 nicht aus, da die Vorräte im Lager alle ge­ worden waren. Und wenn es sonst ein
 gewisser Trost im Unglück ist, daß man es nicht allein trägt, sondern mit vielen
 Leidensgefährten teilt, so wurde es darum doch in diesem Augenblick nicht
 minder schwer empfunden, zumal wenn man bedachte, wie diese anfangs so stolze
 und glänzende Unter­ nehmung so kläglich endete. Denn in der Tat war dies der
 größte Glückswechsel, den ein griechisches Heer jemals erlebt hatte. War
 man gekommen, um andere zu unterjochen, so mußte man jetzt, um nicht selbst
 zugrunde zu gehen, das Weite suchen, statt freudiger Gebete und Schlachtgesänge,
 mit denen man in See gegangen, nur Unkenrufe hören, statt zu Schiff zu
 Lande abziehen, statt des Matrosen jetzt den Hopliten spielen. Gleichwohl
 erschien das alles noch erträglich gegenüber der Größe der noch weiter drohenden
 Gefahren.

Als Nikias das Heer so entmutigt und völlig verwandelt sah, schritt er die
 Reihen ab und suchte die Leute möglichst zu beruhigen und ihnen Mut
 einzusprechen, wobei er, wie er von einem zum andern kam, im Eifer und um
 möglichst weit verständlich zu werden, die Stimme immer lauter erhob.

„So schlimm es auch augenblicklich mit uns steht, Athener und Bundesgenossen,
 die Hoffnung dürfen wir darum nicht aufgeben. Auch in schlimmeren Lagen ist
 mancher noch glück­ lich durchgekommen. Auch über die Niederlagen und das un­
 verdiente Mißgeschick, das euch jetzt betroffen, braucht ihr euch keine
 Vorwürfe zu machen. Ich selbst bin ja nicht besser dran als einer unter euch;
 ihr seht ja, wie ich durch meine Krank­ heit von Kräften gekommen bin. Während
 mich das Glück bisher sowohl in meinen eigenen Angelegenheiten wie auch 
 sonst zu begünstigen schien, schwebe ich jetzt in derselben Gefahr wie der
 geringste Mann. Und doch habe ich meine Pflichten gegen die Götter nie
 verabsäumt und mich gegen meine Mit­ menshcen stets rechtschaffen und
 vorwurfsfrei benommen. Des­ halb sehe ich auch jetzt mit vollem Vertrauen in die
 Zukunft, 
 und unsere Unglücksfälle schrecken mich nicht so, wie sie sonst 
 wohl sollten. Auch werden sie gewiß bald ein Ende nehmen. Denn die Feinde haben
 schon Glück genug gehabt, und wenn wir etwa durch den Zug hier ins Land den Neid
 eines Gottes erregt, so haben wir dafür bereits reichlich gebüßt. Sind doch
 schon manche andere in fremde Länder eingefallen und, da das eben
 menschlich, dabei leidlich weggekommen. Wir haben also guten Grund zu hoffen,
 daß die Gottheit von nun an gnädiger mit uns verfahren wird, da wir jetzt denn
 doch eher das Mit­ leid als den Neid der Götter verdienen; und wenn ihr auf
 euch selbst seht, wie ihr in Wehr und Waffen so zahlreich in Reih und
 Glied eure Straße zieht, so braucht ihr euch wahrlich nicht zu fürchten und
 nicht daran zu zweifeln, daß ihr, wo immer ihr euer Lager schlagt, gleich selbst
 eine Stadt seid und keine andere in Sizilien so leicht imstande sein wird, euren
 Angriff aufzunehmen oder euch aus eurer Stellung zu vertreiben. Nur müßt
 ihr selbst darauf halten, daß euer Marsch in guter Ordnung vor sich geht, und
 alle davon durchdrungen sein, daß jedem der Fleck Erde, wo er zu fechten
 gezwungen ist, wenn er siegt, zur Stadt und Festung werden wird. Bei alledem
 müssen wir unseren Weg ohne Aufenthalt Tag und! Nacht fortsetzen; denn
 unsre Lebensmittel sind knapp. Haben wir aber erst befreundetes Gebiet der
 Sikeler erreicht, die aus Furcht vor Syrakus noch zu uns halten, so dürft ihr
 euch bereits als geborgen ansehen. Wir haben ihnen auch schon Befehl
 geschickt, uns entgegenzukommen und Lebensmittel mit­ zubringen. So viel aber
 kann ich euch sagen, Leute, ihr müßt alle euern Mann stehen; denn wolltet ihr
 Fersengeld geben, so ist hier in der Nähe kein Ort, wohin ihr euch retten
 könntet. Gelingt es euch aber durchzukommen, so werdet ihr alle das 
 wiedersehen, wonach euch das Herz steht; ihr aber, Athener, werdet auch die
 jetzt schwer erschütterte Macht eurer Vaterstadt wieder aufrichten. Denn Männer
 machen die Stadt, nicht Mauern und leere Schiffe."

Auf diese Weise suchte Nikias, während er die Reihen entlang ging, seine Leute
 zu ermutigen, und wo er sah, daß 
 Unordnung oder Lücken entstanden waren, ließ er sie wieder 
 aufschließen und die Ordnung herstellen. Ebenso machte es Demosthenes, indem er
 ähnliche Worte an die Seinigen richtete. Das Heer bildete auf dem Marsche ein
 längliches Viereck, vorn die Abteilung des Nikias, dahinter die des Demosthenes.
 Die Packträger und den zahlreichen Troß hatten die Hopliten in die Mitte
 genommen. Als sie an die Brücke des Anapos kamen, fanden sie den Fluß von
 Truppen der Syrakuser und ihrer Verbündeten besetzt. Nachdem sie diese geworfen
 und sich des Übergangs bemächtigt hatten, setzten sie ihren Marsch fort. 
 Die Syrakuser aber ließen ihnen keine Ruhe, ihre Reiter waren ihnen beständig
 zur Seite, und das leichte Volk beschoß sie mit Wurfspeeren. Die Athener legten
 an dem Tage etwa vierzig Stadien zurück und blieben die Nacht am Fuße eines
 Hügels unter freiem Himmel. Am folgenden Tage brachen sie in der Frühe
 auf, rückten etwa zwanzig Stadien weiter vor und ge­ langten dann in eine Ebene
 hinunter, wo sie ein Lager schlugen, um sich dort, da das Land bewohnt war,
 etwas zu essen zu verschaffen und mit Wasser zu versorgen. Denn in dem Land­
 strich, den sie vor sich hatten, gab es auf viele Stadien nicht Wasser
 genug. Unterdessen gewannen ihnen die Syrakuser einen Vorsprung ab und
 verschanzten den Weg, auf dem sie weiterziehen mußten. Er führte über einen
 schwierigen Höhen­ zug mit steilen Abhängen auf beiden Seiten, den sogenannten
 Akraiischen Klint. Am anderen Tage zogen die Athener weiter. Die Reiter
 und die Speerschützen der Syrakuser und ihrer Verbündeten aber, die in großer
 Menge zur Stelle waren, suchten sie daran zu hindern, drangen von beiden Seiten
 auf sie ein und beschossen sie mit Wurfspeeren. Nach längerem Kampfe
 gingen die Athener wieder in ihr altes Lager zurück, konnten sich aber hier
 keine Lebensmittel mehr holen, da sie sich der Reiter wegen nicht vom Lager
 entfernen durften.

Frühmorgens brachen sie von neuem auf und dachten, sich mit Gewalt den Weg über
 den verschanzten Höhenzug zu bahnen. Hinter der Verschanzung aber sahen sie sich
 dem feindlichen Fußvolk, welches bei der Enge des Raumes in 
 tiefen Gliedern stand, in Schlachtordnung gegenüber. Nun 
 versuchten die Athener das Schanzwerk zu tsürmen. Da sie aber von der steilen
 Höhe mit Geschossen überschüttet wurden, die, da sie von oben kamen, um so
 besser trafen, und deshalb nicht durchdringen konnten, so zogen sie sich wieder
 zurück, um auszuruhen. Zufällig stellten sich auch einzelne Donnerschläge 
 mit heftigem Regen ein, wie das, wenn es schon auf den Herbst geht, nichts
 Ungewöhnliches ist. Infolgedessen aber verloren sie vollends den Mut und
 glaubten, daß alles das nur zu ihrem Untergange dienen solle. Während die
 Athener ausruhten, schickten Gylippos und die Syrakuser einen Teil ihres Heeres
 ab, um ihnen im Rücken auch den Weg, auf dem sie gekommen waren, durch
 Vershcanzungen zu versperren. Dagegen schickten die Athener jedoch ebenfalls
 eine Anzahl ihrer Truppen ab und verhinderten es. Darauf zogen sie sich mit dem
 ganzen Heere wieder mehr in die Ebene zurück und blieben dort über Nacht. 
 Am folgenden Tage setzten sie sich wieder in Marsch; nun aber griffen die
 Syrakuser sie an, umringten sie von allen Seiten und verwundeten viele. Gingen
 die Athener vor, so wichen sie aus, zogen sie sich zurück, so drangen sie auf
 sie ein, wobei sich besonders auf den Nachtrab warfen, um das Heer bei 
 kleinem zu schlagen und womöglich ganz aufzureiben. Nach­ dem die Athener den
 Kampf auf diese Weise längere Zeit aus­ gehalten und dabei fünf bis sechs
 Stadien zurückgelegt hatten, machten sie in der Ebene halt, um auszuruhen. Aber
 auch die Syrakuser ließen jetzt von ihnen ab und gingen in ihr Lager
 zurück.

Angesichts der bedenklichen Lage des Heeres, da es gänzlich an Lebensmitteln
 fehlte und in den beständigen Gefechten mit dem Feinde schon so viele verwundet
 nnd kampfunfähig ge­ worden waren, beschlossen Nikias und Demotshenes, in der
 Nacht so viele Feuer wie möglich anzuzünden und mit dem Heere abzuziehen,
 aber nicht auf dem Wege, den sie eigentlich nehmen wollten, sondern in
 entgegengesetzter Richtung nach der See, wo ihnen die Syrakuser nicht aufpaßten.
 Dieser Weg führte also überhaupt nicht nach Katana, sondern nach der 
 anderen Seite Siziliens, auf Kamarina und Gela und die übrigen
 griechischen und nichtgriechischen Städte in jener Gegend. Auch zogen sie in der
 Nacht, nachdem sie viele Feuer ange­ zündet hatten, wirklich ab. Und wie es in
 allen, namentlich in großen Heeren manchmal vorkommt, daß sie plötzlich in 
 Furcht und Schrecken geraten, so ging es hier auch den Athenern, zumal sie bei
 Nacht und in Feindesland und in unmittelbarer Nähe des Feindes abzogen. Die
 Abteilung des Nikias, welche die Spitze bildete, hielt allerdings zusammen und
 gewann einen großen Vorsprung, von der des Demosthenes aber blieb etwa die
 Hälfte, ja mehr noch als die Hälfte, hinter den übrigen weit zurück und hielt
 auf dem Marsche keine Ordnung. In­ dessen gelangten sie doch bei Tagesanbruch an
 die See und schlugen nun die sogenannte Elorische Straße ein, um, wenn sie
 den Kakyparis erreicht, längs des Flusses landeinwärts zu ziehen, wo sie die von
 ihnen benachrichtigten Sikeler zu treffen hofften. Allein als sie an den Fluß
 kamen, fanden sie auch hier einen syrakusischen Posten vor, der ihnen den
 Übergang durch Mauern und Verhaue zu verwehren suchte. Nachdem sie den
 über den Haufen geworfen, überschritten sie den Fluß und zogen dann gleich
 weiter nach einem anderen.Flusse, dem Erineos; denn so hatten ihre Führer ihnen
 den Weg ange­ geben.

Unterdessen merkten die Syrakuser und ihre Verbündeten, als es Tag geworden,
 daß die Athener abgezogen waren, und im Heere hatte man Gylippos in Verdacht, er
 habe sie ab­ sichtlich entkommen lassen. Auch nahmen sie die Verfolgung 
 der Athener in der Richtung, in welcher sie abgezogen waren, die sie unshcwer
 feststellen konnten, unverzüglich auf und holten sie um die Frühstückszeit
 wieder ein. Als sie auf die Truppen des Demosthenes stießen, welche Hintennach
 zogen und noch infolge des nächtlichen Schreckens nur langsam und ohne Ord­
 nung von der Stelle kamen, fielen sie sofort über sie her, und es kam zum
 Gefecht. Die syrakusischen Reiter konnten sie um so leichter umfassen und auf
 einen Fleck zusammendrängen, da sie von den übrigen getrennt waren. Das Heer des
 Nikias 
 war schon fünfzig Stadien voraus. Denn Nikias war schneller 
 marschiert, da er glaubte, daß es in solcher Lage nicht darauf ankomme,
 unbedingt standzuhalten und zu kämpfen, sondern heilsamer sei, so rasch wie
 möglich weiterzuziehen und sich nur im äußersten Notfall auf eine Schlacht
 einzulassen. De­ motshenes dagegen mit dem Nachtrabe hatte die ganze Zeit 
 einen schweren Stand gehabt, da die Feinde ihren Angriff immer zuerst auf ihn
 richteten. Als er sah, daß die Syrakuser hinter ihm her waren, hielt er es für
 richtiger, statt den Rück­ zug fortzusetzen, seine Leute zur Schlacht zu ordnen,
 verlor darüber aber so viel Zeit, bis er von ihnen eingeholt und um­ ringt
 wurde und er mit seinen Athenern in eine verzweifelte Lage geriet. Sie waren
 nämlich auf ein Feld zusammen- gedrängt, das mit vielen Älbäumen bestanden und
 rings mit einer Mauer umgeben war und auf beiden Seiten einen Ans­ gang
 hatte, wo sie nun von allen Seiten beschossen wurden. Auf diese Weise fochten
 die Syrakuser natürlich lieber als Mann gegen Mann in offener Schlacht. Denn in
 einem Kampfe auf Leben und Tod gegen Verzweifelte konnten die Athener eher
 auf Sieg rechnen als sie. Außerdem wollten sie ihre Kräfte schonen, da sie
 offenbar auch so schon gewonnen Spiel hatten, und glaubten, daß ihre Gegner auch
 durch solchen Kampf mürbe werden und sich ihnen ergeben würden.

Nachdem sie die Athener und ihre Verbündeten den ganzen Tag von allen Seiten
 beschossen hatten, und nun sahen, wie diese durch Wunden und sonstige Leiden
 bereits völlig erschöpft waren, ließen Gylippos und die Syrakuser und ihre Ver­
 bündeten ihnen zunächst durch einen Herold ankündigen, die Jnselleute
 könnten, wenn sie wollten, unter Zusicherung der Freiheit zu ihnen übergehen.
 Wirklich ging auch die Mann­ schaft aus einigen, wenn auch nur wenigen Städten
 zu ihnen über. Darnach kam es auch mit den übrigen zu einer Über­ 
 einkunft, wonach das ganze Heer des Demotshenes die Waffen streckte unter der
 Bedingung, daß niemand gewaltsam oder durch Einkerkerung oder Entziehung der
 nötigen Nahrung ums Leben gebracht werden solle. Im ganzen waren es sechstausend 
 Mann, die sich ergaben. Alles, was sie an Geld bei sich hatten, 
 mußten sie abliefern und in umgekehrte Schilde werfen. Es wurden vier Schilde
 voll, die man sogleich nach der Stadt brachte. Nikias aber erreichte mit seinem
 Heere an dem Tage den Erineos, ging über den Fluß und ließ es auf einer An­
 höhe ein Lager beziehen.

Als die Syrakuser ihn am folgenden Tage einholten, teilten sie ihm mit, daß
 Demotshenes sich mit dem ganzen Heere ergeben habe, und forderten ihn auf, das
 ebenfalls zu tun. Er wollte das aber nicht glauben und erwirkte sich die 
 Erlaubnis, erst einen Reiter abzuschicken, um sich davon zu überzeugen. Als
 dieser zurückkam und bestätigte, daß das Heer sich in der Tat ergeben habe, ließ
 Nikias Gylippos und den Syrakusern sagen, er sei bereit, ein Abkommen mit ihnen
 zu treffen und sich im Namen der Athener zur Erstattung der den Syrakusern
 erwahcsenen Kriegskosten zu verpflichten, wenn man ihm mit dem Heere freien
 Abzug gewähre. Bis zur Zahlung des Geldes würde er ihnen Athener als Geiseln
 stellen, und zwar je einen auf ein Talent. Gylippos und die Syra­ kuser
 gingen jedoch auf sein Anerbieten nicht ein, sondern griffen die Athener an,
 umringten sie auch hier von allen Seiten und beschossen sie bis in die Nacht.
 Beim Mangel an Lebensmitteln waren die Athener in schlimmer Lage. Gleich­ 
 wohl beschlossen sie, die Stille der Nacht wahrzunehmen und abzuziehen. Auch
 nahmen sie wirklich schon die Waffen auf, als die Syrakuser das merkten und
 ihren Schlachtgesang an­ stimmten. Da die Athener einsahen, daß die Sache
 ausgekommeu war, legten sie die Waffen wieder ab, bis auf etwa dreihundert 
 Mann, welche sich durch die feindlichen Feldwachen durch- schlugen und in der
 Nacht aufs Geratewohl das Weite suchten.

Als es Tag wurde, brach Nikias mit seinen Leuten auf. Die Syrakuser aber waren
 gleich hinter ihnen her und be­ schossen sie auch jetzt wieder mit Pfeilen und
 Speerwürfen. Die Athener suchten nun so schnell wie möglich den Assinaros 
 zu erreichen, teils weil sie hofften, den beständigen Angriffen 
 der Reiterei und des übrigen Kriegsvolks weniger ausgesetzt zu
 sein, wenn sie den Fluß erst hinter sich hätten, teils weil sie aufs äußerste
 erschöpft waren und sich nach Trinkwasser sehnten. Als sie an den Fluß kamen,
 stürzten sie ohne alle Ordnung hinein, und jeder wollte zuerst hinüber, auch
 drangen die Feinde schon- auf sie ein und ershcwerten ihnen den Über­ 
 gang. Denn da sie gezwungen waren, sich in dichter Masse vorwärts zu schieben,
 so fielen sie ein übereinander, traten sich unter die Füße, und von Spießen und
 scharfen Gerätschaften durchbohrt kamen viele von ihnen gleich auf der Stelle
 um, oder wurden, ineinander verwickelt, von der Strömung fort­ getrieben.
 Inzwischen waren die Syrakuser auf das andere, abschüssige Ufer des Flusses
 vorgedrungen und beschossen die Athener von oben, während diese im Flusse
 tranken und sich in dem tiefen Flußbette selbst im Wege waren. Die Pelo­ 
 ponnesier aber stiegen von oben in den Fluß hinunter und richteten hier unter
 ihnen ein furchtbares Blutbad an. Das Wasser wurde sogleich ungenießbar;
 trotzdem wurde es, mit Schlamm und Blut vermischt, wie es war, immer noch von
 vielen getrunken, und einer machte es dem anderen streitig.

Endlich, als im Flusse die Toten schon massenhaft über­ einanderlagen, und die
 Leute teils im Flusse, teils, soweit sie etwa entkommen, von der Reiterei
 zusammengehauen wurden, ergab sich Nikias an Gylippos, dem er sich lieber
 anvertrauen wollte als den Syrakusern. Er überließ es ihm und den 
 Syrakusern, mit ihm zu machen, was sie wollten, bat aber, das Morden gegen seine
 Leute einzustellen. Hierauf befahl Gylippos, sie leben zu lassen und gefangen zu
 nehmen. Bis auf die, welche man schon heimlich beiseite geschafft hatte, 
 wurden sie denn auch lebend eingebracht. Auch die dreihundert, welche sich in
 der Nacht durchgeschlagen hatten, wurden ver­ folgt und ebenfalls zu Gefangenen
 gemacht. Doch war die Zahl der öffentlich eingebrachten Gefangenen nicht sehr
 bedeutend, um so größer dagegen die Menge derer, welche heimlich weg­ 
 geschafft und über ganz Sizilien verstreut wurden, da sie nicht wie die Leute
 des Demosthenes auf Grund einer Übereinkunft 
 in Gefangenschaft geraten waren. Zudem war ein großer Teil des
 Heeres auf dem Platze geblieben Denn im ganzen sizilischen Kriege war keine
 Schlacht so blutig gewesen wie diese, und auch in den anderen zahlreichen
 Gefechten, welche das Heer auf dem Marsche zu bestehen gehabt hatte, waren 
 nicht wenige gefallen. Immerhin gelang es vielen, durch die Flucht zu entkommen,
 entweder sogleich, oder hinterher aus der Sklaverei, wobei ihnen Katana als
 Zufluchtsort diente.

Nachdem die Syrakuser und ihre Verbündeten sich ge­ sammelt, nahmen sie alles,
 was ihnen an Gefangenen in die Hände gefallen war, sowie die erbeuteten Waffen
 mit und zogen wieder nach der Stadt zurück. Die Athener und deren 
 Bundesgenossen, welche in Gefangenschaft geraten waren, brachten sie in die
 Steinbrüche, Nikias und Demosthenes aber ließen sie hinrichten, obgleich
 Gylippos damit nicht einverstanden war. Gylippos hoffte nämlich, hohen Ruhm
 damit einzulegen, wenn er den Lakedämoniern nun obendrein auch die feindlichen
 Feldherren mit einbringen könnte. Zufällig aber war der eine grade ihr
 gefährlichster Feind, der es ihnen auf der Insel und bei Pylos angetan, der
 andere der Mann, der sich ihrer dieser­ halb aufs wärmste angenommen hatte. Denn
 Nikias war damals, als er die Athener zum Abschluß des Friedens bewog, für
 die Herausgabe der auf der Insel gefangenen Lakedämonier lebhaft eingetreten.
 Dafür waren die Lakedämonier ihm freund­ lich gesinnt, und hauptsächlich aus
 diesem Grunde hatte auch er sich vertrauensvoll an Gylippos ergeben. In Syrakus
 aber fürchteten manche, die früher, wie erwähnt, Verbindungen mit ihm
 unterhalten hatten, er möchte darüber auf der Folter Aus­ sagen machen, die
 ihnen den Hals kosten würden, während andere, namentlich die Korinther,
 besorgten, bei seinem Reich­ tum könnte er vielleicht Leute finden, die ihm für
 ein Stück Geld zur Flucht verhülfen, und ihnen später von neuem zu 
 schaffen machen. Die brachten die Bundesgenossen auf ihre Seite, und man ließ
 ihn hinrichten. Diese oder auch ähnliche Rücksichten wurden die Ursache, daß er
 durch Henkershand endete, obwohl grade er, dem zeitlebens die Tugend Richtschnur 
 seines Handelns gewesen war, unter allen Griechen meiner Zeit ein
 solches Schicksal denn doch am wenigsten verdient hatte.

Die Gefangenen in den Steinbrüchen wurden von den Syrakusern die erste Zeit mit
 großer Grausamkeit behandelt. In enger, tiefer Schlucht massenhaft eingepfercht
 und nicht unter Dach, litten sie erst entsetzlich von Sonne und Hitze; 
 dann wieder brachen infolge des mit dem Eintritt der kalten Herbstnächte
 verbundenen Temperaturwechsels Krankheiten unter ihnen aus, zumal sie bei der
 Enge des Raumes alles an dem­ selben Orte verrichten mußten und die Leichen der
 an ihren Wunden, den durch den Temperaturwehcsel verursachten Krank­ 
 heiten oder aus anderen Gründen Gestorbenen haufenweis da­ lagen und einen
 unerträglichen Geruch verbreiteten. Außerdem wurden sie von Hunger und Durst
 gequält; denn sie erhielten acht Monate lang täglich jeder nur eine Kotyle
 Wasser und . zwei Kotylen Mehl. Dazu kamen alle möglichen, mit einem 
 solchen Aufenthalt unausbleiblich verbundenen Beschwerden. Auf diese Weise
 brachten sie an die siebzig Tage alle zusammen zu. Dann behielt man nur die
 Athener und die sizilischen und italischen Griechen, welche den Feldzug
 mitgemacht hatten, dort zurück und verkaufte die übrigen als Sklaven. Im ganzen
 betrug die Zahl der Gefangenen, wenn es auch schwierig ist, sie genau
 festzustellen, doch mindestens siebentausend. Es war dies das folgenschwerste
 Ereignis, von dem Griechenland nicht nur in diesem Kriege, sondern meiner
 Ansicht nach im Verlauf der griechischen Geschichte überhaupt jemals betroffen
 worden ist, ebenso glänzend für die Sieger wie verhängnisvoll für die 
 Besiegten. Denn diese hatten in jeder Hinsicht eine vollständige Niederlage und
 die schwersten Verluste erlitten und sozusagen den letzten Mann, ihr Heer und
 ihre Flotte verloren. Auch kamen von so vielen nur wenige wieder nach Hause. So
 viel über die Ereignisse in Sizilien.

Als die Nachricht nach Athen kam, wollte man dort auch den angesehensten
 Kriegern, die selbst nur mit genauer Not davongekommen waren und zuverlässige
 Nachrichten vom Kriegsshcauplätze mitbrachten, lange nicht glauben, daß die
 ganze Unternehmung so völlig gescheitert sei. Nachdem man sich endlich
 doch davon überzeugt, richtete sich die Erbitterung gegen die Redner, die dazu
 geraten, als ob man nicht selbst auch dafür gestimmt hätte, aber auch gegen die
 Zeichendeuter, Wahrsager und alle, welche damals durch Prophezeiungen die 
 Hoffnung erregt hatten, daß man Sizilien erobern würde. All und jedes trug dazu
 bei, den Athenern das Herz schwer zu machen, und das eingetretene Mißgeschick
 versetzte sie aufs äußerste in Schrecken und Bestürzung. Denn nicht nur emp­
 fanden sie die Verluste der einzelnen und den so unersetzlichen Verlust,
 den die Stadt an Fußvolk, Reiterei und junger Mann­ schaft erlitten, mit
 tiefstem Schmerz, sondern sie sahen auch, daß sie aus den Werften nicht Schiffe
 genug, im Staatsschatze kein Geld und für die Flotte keine Seeleute mehr hatten,
 und gaben alle Hoffnung auf, sich unter diesen Umständen noch weiter 
 behaupten zu können. Außerdem fürchteten sie, die Feinde in Sizilien würden nach
 einem solchen Siege mit ihrer Flotte sogleich vor dem Peiraieus erscheinen, ihre
 hiesigen, nunmehr ja doppelt so starken Feinde aber ihnen die Bundesgenossen
 abtrünnig machen und mit diesen zu Lande und zur See über sie hersallen.
 Gleichwohl beschlossen sie, soweit es ihre Mittel gestatteten, nicht
 nachzugeben, womöglich eine neue Flotte aus­ zurüsten und dazu Holz und Geld
 zusammenzubringen, auch sich der Bundesgenossen und namentlich Enboias zu
 versichern. In der Stadt aber sollte auf die größte Sparsamkeit Bedacht 
 genommen und eine Behörde von älteren Männern eingesetzt werden, um die jeweilig
 zu ergreifenden Maßregeln vorher zu begutachten. Wie immer im ersten Schrecken,
 so war das ganze Volk auch jetzt willig und bereit, seine Pflicht zu tun. 
 Und wie sie beschlossen, so gingen sie dann auch ans Werk. Damit
 endete der Sommer.

Infolge der großen Niederlage der Athener in Sizilien standen die Griechen im
 nächsten Winter gleich alle gegen sie ans. Die Neutralen glaubten sich jetzt
 auch ohne besondere Aufforderung am Kriege beteiligen und von selbst gegen die
 Athener auftreten zu müssen, da sie sämtlich überzeugt waren, daß diese
 nach einem Siege in Sizilien unfehlbar über sie hergefallen sein würden.
 Überdies nahmen sie an, der Krieg würde nicht lange mehr dauern, ihnen aber zur
 Ehre gereichen, auch daran teilgenommen zu haben. Die Bundesgenossen der 
 Lakedämonier wiederum sehnten sich jetzt alle mehr noch als schon bisher danach,
 der ewigen Mühen und Plagen je eher je lieber überhoben zu werden. Besonders
 eilig aber hatten es die Untertanen der Athener damit, deren Herrschaft abzu­
 schütteln, auch wenn ihre Kräfte dazu nicht ausreichten, da sie die
 Verhältnisse mit Leidenschaft beurteilten und nicht berück­ sichtigten, ob sie
 auch nur imstande sein würden, den Sommer über auszuhalten. Das alles diente
 dazu, die Politik der Lake­ dämonier um so zuversichtlicher zu machen, zumal sie
 darauf rechnen konnten, daß ihre Bundesgenossen aus Sizilien mit 
 ansehnlicher Macht, zu der im Dränge der Not nun auch noch die Flotte gekommen
 war, im Frühjahr zu ihnen stoßen würden. Bei diesen in jeder Beziehung günstigen
 Aussichten hielten sie es für unbedenklich, den Krieg nachdrücklich aufzunehmen,
 in der Hoffnung, wenn sie ihn glücklich beendigt, solchen Ge­ fahren, wie
 sie ihnen von den Athenern nach der Unterwerfung Siziliens gedroht, überhoben zu
 sein und nach Vernichtung ihrer Macht selbst in den unbestrittenen Besitz der
 Hegemonie über ganz Griechenland zu gelangen.

Ihr König Agis brach dann auch gleich in diesem Winter mit einer Anzahl Truppen
 von Dekeleia auf, um bei den Bundesgenossen Geld für die Flotte aufzubringen.
 Den Oitaiern, jenen alten Feinden dort am Melischen Meerbusen, trieb er 
 die Herden weg und preßte ihnen Geld ab. Die Achäer in der Phtiotis und die
 übrigen tkessaliscken Untertanen in jener 
 Gegend nötigte er, trotz aller Einwendungen und Proteste der 
 Thessaler, ihm Geld und Geiseln zu geben, die er nach Korinth in Gewahrsam
 brachte, und suchte sie zu bewegen, dem Bunde beizutreten. Die Lakedämonier aber
 bestimmten, die Bundes­ staaten sollten hundert Schiffe stellen, und zwar sie
 selbst und die Böotier je fünfundzwanzig, Phokier und Lokrer fünfzehn, 
 Korinth fünfzehn, Arkadier, Pellene und Sikyoner zehn, und Megara, Epidauros,
 Troizeu und Hermione zehn. Überhaupt richteten sie sich darauf ein, den Krieg
 gleich bei Beginn des Frühjahres zu eröffnen.

Aber auch die Athener waren, wie sie das beschlossen hatten, in diesem Winter
 darauf bedacht, Schiffe zu bauen, und ver­ sahen sich dazu mit Holz, auch
 befestigten sie Sunion, damit ihre Getreideschiffe dort sicher vorbeikommen
 könnten. Den festen Platz an der lakonischen Küste, den sie auf der Fahrt 
 nach Sizilien angelegt hatten, gaben sie auf und schränkten auch sonst aus
 Sparsamkeit alle unnötigen Ausgaben möglichst ein. Hauptsächlich hatten sie ein
 wachsames Auge auf die Bundesgenossen, um deren Abfall zu verhüten.

Während beide Teile so am Werk waren und sich wie zum erstenmal von neuem zum
 Kriege rüsteten, ershcienen in diesem Winter zuerst Gesandte der Euboier bei
 Agis, um wegen ihres Abfalles von den Athenern mit ihm zu verhandeln. Er
 ging auf ihre Anträge ein und ließ Alkamenes, Stenela'idas' Sohn, und Melanthos
 zur Übernahme des Befehls auf Euboia aus Lakedämon kommen. Die kamen auch mit
 etwa dreihundert Neodameden bei ihm an, und er machte schon Anstalt, sie nach
 der Insel überzusetzen. Inzwischen aber fanden sich auch Lesbier bei ihm
 ein, die ebenfalls abfallen wollten. Da die Böotier sich für sie verwandten,
 ließ Agis sich bereden, Euboia vorläufig aufzugeben, um zunächst den Aufstand
 der Lesbier zu unterstützen. Er gab ihnen Alkamenes, der eben nach Euboia 
 abfahren wollte, zum Statthalter, die Böotier aber und Agis selbst versprachen
 ihnen je zehn Schiffe zu schicken. Bei alle­ dem war die lakedämonische
 Regierung nicht zugezogen worden. Denn so lange Agis mit seinem Heere bei
 Dekeleia stand, 
 war er selbständig befugt, Truppenteile zu verschieben oder 
 zusammenzuziehen und Gelder einzutreiben. Auch hörten die Bundesgenossen zu der
 Zeit im Grunde mehr auf ihn als auf die Regierung in Lakedämon; denn er mit
 seinem Heere war jeden Augenblick in der Lage, ihnen auf die Kappe zu kommen.
 So nahm er sich auch jetzt der Lesbier an. Die Chier und Ery­ thraier
 dagegen, welche ebenfalls abfallen wollten, wandten sich nicht an Agis, sondern
 nach Lakedämon. Zugleich mit ihnen erschien dort ein Gesandter des Tissaphernes,
 der da­ mals Satrap des Königs Dareios, Artaxerxes' Sohn, im Küstengebiete
 war; denn auch Tissaphernes wünschte mit den Peloponnesiern anzuknüpfen und
 versprach, ihnen Lebensmittel zu liefern. Der König hatte nämlich kürzlich die
 Steuern aus seiner Provinz von ihm gefordert, die er der Athener wegen von
 den griechischen Städten nicht erheben konnte und noch schuldig war. Nun hoffte
 er, nach Demütigung der Athener eher zu jener Steuer zu gelangen, zugleich aber
 die Lakedämonier zu Bundesgenossen des Königs zu machen, auch Amorgos, den 
 natürlichen Sohn des Pissuthnes, der sich in Karien unab­ hängig gemacht hatte,
 dem ihm erteilten Befehle des Königs gemäß lebendig ausliefern oder hinrichten
 lassen zu können. Die Chier und Tissaphernes zogen also hierin einen Strang.

Um dieselbe Zeit kamen Kalligeitos, Laophons Sohn, auS Megara, und Timagoras,
 Athenagoras' Sohn, aus Kyzikos, welche beide aus ihrer Heimat verbannt waren und
 bei Pharna­ bazos Aufnahme gefunden hatten, als dessen Abgesandte nach 
 Lakedämon, um für die Sendung einer Flotte nach dem Helles­ pont zu wirken. Denn
 wie Tissaphernes, so wünschte auch Pharnabazos die Städte in seiner Provinz der
 Steuern wegen zum Abfall von Athen zu bestimmen und von sich selber ein 
 Bündnis der Lakedämonier mit dem König zustande zu bringen. Da beide, die einen
 für Pharnabazos, die anderen für Tissa­ phernes, unabhängig voneinander
 verhandelten, kam es unter ihnen in Lakedämon zu heftigem Streit, indem diese
 darauf drangen, Schiffe und Truppen zuerst nach Chios und Ionien, jene
 dagegen, sie zuerst nach dem Hellespont zu schicken. Die 
 Lakedämonier waren jedoch überwiegend für Chios und Tissa­ 
 phernes, zumal auch Alkibiades dafür eintrat, der mit dem dortigen Ephoren
 Endios von alters her durch Gastfreundschaft eng verbunden war, wie denn auch
 seine Familie dieser Gast­ freundschaft wegen den lakonischen Namen übernommen
 hatte. Denn Endios' Vater hieß Alkibiades. Indessen sandten die 
 Lakedämonier Phrynis, einen Periöken, doch zunächst mal nach Chios, um sich an
 Ort und Stelle zu überzeugen, ob man dort wirklich so viel Schiffe hätte, wie
 man versicherte, und die Stadt überhaupt so leistungsfähig wäre, wie die Angaben
 darüber glauben machen wollten. Als dieser dann bei seiner Rückkehr
 bestätigte, daß es damit seine Richtigkeit habe, nahmen sie Chios und Erythrai
 sogleich in ihren Bund auf und be­ schlossen, ihnen vierzig Schiffe zu schicken,
 da nach den Ver­ sicherungen der Chier mindestens sechzig dort schon vorhanden
 waren. Anfangs wollten sie selbst ihnen unter Melankridas, dem
 Befehlshaber ihrer Flotte, gleich zehn davon schicken. Nachdem jedoch ein
 Erdbeben eingetreten war, beschlossen sie, nicht Melankridas, sondern Chalkideus
 hinzuschicken und statt der zehn Schiffe in Lakonien nur fünf anszurüsten. Damit
 endete der Winter und das neunzehnte Jahr des Krieges, welchen Thukydides
 beschrieben, hat.

Gleich im Beginn des nächsten Frühjahres drangen die Chier aus Furcht, die
 Athener könnten von den Abmachungen Wind bekommen, auf unverzügliche Absendung
 der Schiffe. Alle jene Verhandlungen waren nämlich hinter dem Rücken der
 Athener geführt. Infolgedessen schickten die Lakedämonier drei Spartiaten nach
 Korinth mit der Weisung, man solle die i Schiffe von drüben schleimigst in die
 athenische See holen und mit allen, sowohl den von Agis für Lesbos bestimmten
 wie den übrigen, sofort nach Chios abgehen. Im ganzen zählte die dortige
 Bundesflotte neununddreißig Segel.

Kalligeitos und Timagoras lehnten im Namen des Pharna­ bazos die Beteiligung an
 dem Zuge nach Chios ab; auch gaben sie die fünfundzwanzig Talente, die sie zur
 Ausrüstung der Flotte mitgebracht hatten, nicht heraus, dachten vielmehr, 
 mit einer eigenen Flotte aufzutreten. Agis aber hatte schließ­ 
 lich nichts dagegen, wenn die Lakedämonier zuerst nach Chios wollten, und in
 einem in Korinth zusammengetretenen Kriegs­ rate der Verbündeten wurde dann auch
 beschlossen, die Flotte unter Chalkidens, der in Lakonien die fünf Schiffe
 ausgerüstet, zuerst nach Chios zu schicken. Danach sollte sie, und zwar 
 unter Befehl des Alkamenes, den ja schon Agis dazu aus­ ersehen hatte, nach
 Lesbos gehen und sich zuletzt nach dem Hellespont begeben, hier aber Klearchos,
 Rhamphias' Sohn, den Oberbefehl übernehmen. Auch sollte vorläufig nur die 
 Hälfte der Schiffe über den Isthmus gebracht werden und gleich in See gehen,
 damit die Athener ihre Aufmerksamkeit wettiger auf die schon ausgelaufenen als
 auf die erst nach­ träglich herüber kommenden Schiffe richten möchten. Denn
 die Fahrt von dort wollten sie ganz offen antreten, weil sie die Athener
 für ohnmächtig hielten und verachteten, da sich von ihrer Flotte so gut wie
 nichts mehr blicken ließ. Und wie sie beschlossen hatten, so brachten sie auch
 gleich ein­ undzwanzig Schiffe hinüber.

Aber so eilig man es auch mit der Abfahrt hatte, erklärten doch die Korinther,
 sie könnten nicht mit, ehe die isthmischen Spiele, die damals grade stattfanden,
 vorüber wären. Agis wollte ihnen auch nicht ansinnen, gegen den isthmischen
 Frieden zu verstoßen, seinerseits aber die Fahrt auch ohne sie unter­ 
 nehmen. Da die Korinther damit jedoch nicht einverstanden waren und die Zeit
 darüber verstrich, kamen die Athener nachgerade hinter die Schliche der Chier
 und schickten einen ihrer Feldherren, Aristokrates, nach Chios, um sie darüber
 zur Rede zu stellen. Als die Chier sich aufs Leugnen legten, ver­ langten
 die Athener, als Pfand ihrer Treue sollten sie ihnen Schiffe zur Bundesflotte
 schicken, und sie schickten ihnen auch iseben. Die Absendung der Schiffe aber
 erklärt sich daraus, daß die große Mehrzahl der Chier von den Verhandlungen
 überhaupt nichts wußte, die wenigen Eingeweihten aber, so­ lange sie ihrer
 Sache nicht sicher waren, sich die Feind­ schaft der Menge nicht zuziehen
 wollten, auf die Ankunft der 
 Peloponnesier aber bei deren langem Zögern nicht mehr 
 rechneten.

Unterdessen wurden die ifthmischen Spiele gefeiert, an denen auch die Athener,
 die man dazu eingeladen hatte, sich durch Festgesandte beteiligten und dabei
 Gelegenheit fanden, sich von den Umtrieben der Chier vollends zu überzeugen.
 Nach deren Rückkehr machten sie sich auch gleich fertig, damit die Flotte
 nicht heimlich von Kenchreiai ausliefe. Die Pelo­ ponnesier aber gingen nach dem
 Feste mit einundzwanzig Schiffen unter Alkamenes' Befehl nach Chios unter Segel.
 Die Athener fuhren anfangs mit einer gleichen Anzahl von Schiffen an sie 
 heran und suchten sie in die hohe See zu locken. Da jedoch die Peloponnesier
 ihnen nicht lange nachkamen, sondern seit­ wärts abbogen, zogen auch sie sich
 zurück. Sie trauten näm­ lich den sieben Schiffen der Chier nicht, die sich mit
 unter ihren einundzwanzig befanden, stellten dafür später auch sieben andere
 ein und verfolgten die an der Küste entlang fahrenden Gegner bis nach
 Peiraios, einem entlegenen Hafen im Korinthischen, unmittelbar an der Grenze von
 Epidauros. Die Peloponnesier verloren auf offener See ein Schiff, gelangten aber
 mit den übrigen glücklich in den Hafen. Hier aber gerieten sie, als die
 Athener sie von der See mit der Flotte angriffen und auch Truppen ans Land
 setzten, arg ins Gedränge. Die Athener am Lande machten ihnen die meisten
 Schiffe leck und töteten Alkamenes, ihren Befehlshaber, verloren aber auch
 selbst einige Leute.

Darauf brachen sie den Kampf ab und ließen nur eine zur Beobachtung der
 feindlichen Flotte genügende Anzahl Schiffe zurück; mit den übrigen gingen sie
 bei der in der Nähe be­ findlichen kleinen Insel vor Anker, wo sie sich lagerten
 und um Verstärkungen nach Athen schickten; denn am folgenden Tage trafen
 die Korinther und bald nachher auch andere Ver­ stärkungen aus der Nachbarschaft
 zur Unterstützung der Pelo­ ponnesier bei den Schiffen ein. Da diese sahen, daß
 es ihnen schwer werde würde, sie in einer so öden Gegend zu bewachen, 
 waren sie zweifelhaft, was sie tun sollten; erst wollten sie die 
 Schiffe in Brand stecken, dann aber entschlossen sie sich, sie ans
 Land zu ziehen und dort durch ihr Landheer bewachen zu lassen, bis sich
 vielleicht eine günstige Gelegenheit böte, das Weite zu suchen. Agis aber
 schickte ihnen, als er die Nach­ richt davon erhielt, den Spartiaten Thermon.
 Die Lakedämonier hatten zuerst die Meldung erhalten, daß die Flotte vom Isthmus
 abgefahren sei; denn Alkamenes war von den Ephoren ange­ wiesen, ihnen,
 sobald das geschehen, einen reitenden Boten zu schicken, und wollten nun ihre
 fünf Schiffe unter Chalkideus, den Alkibiades begleiten sollte, sogleich abgehen
 lassen. Dann aber, als sie eben abgehen sollten, kam die Nachricht von der 
 Flucht der Flotte nach dem Peiraios, und nun trugen sie aus Mißmut über das
 Fehlschlagen ihrer ersten Unternehmung im ionischen Kriege doch Bedenken, noch
 mehr Schiffe außer Landes zu schicken, ja sie wollten sogar ein paar, die schon
 ausgelaufen waren, wieder zurückrufen.

Als Alkibiades das erfuhr, redete er Endios und den übrigen Ephoren auch jetzt
 wieder zu, den Zug nur unbedenk­ lich zu unternehmen, indem er ihnen vorstellte,
 daß ihre Schiffe in Chios ankommen würden, bevor das Mißgeschick der Flotte
 dort bekannt geworden sei, und daß es ihm selbst nach der Landung in
 Ionien ein leichtes sein würde, die Städte zum Abfall zu bewegen, wenn er ihnen
 die Schwäche der Athener und den Eifer der Lakedämonier schildere, was man ihm
 eher als jedem anderen glauben würde. Endios selbst aber gab er noch unter
 vier Augen zu bedenken, wie rühmlich es für ihn sein würde, mit seiner Hilfe den
 Abfall Ioniens zu bewirken und ein Bündnis des Königs mit den Lakedämoniern
 zustande zu bringen und diese Ehre nicht Agis zu überlassen. Er selbst war 
 nämlich damals mit Agis persönlich verfeindet. Nachdem er Endios und die übrigen
 Ephoren zu seiner Ansicht bekehrt hatte, machte er sich mit dem Lakedämonier
 Chalkideus und den fünf Schiffen auf die Fahrt, die dann auch rasch vonstatten
 ging.

Um dieselbe Zeit kamen auch die sechzehn peloponnesischen Schiffe aus Sizilien
 zurück, die dort den Krieg unter Gylippos mitgemacht hatten. Bei Leukadia wurden
 le von den sieben­ 
 undzwanzig attischen Schiffen, die dort unter Hippokles, Menip­ 
 pos' Sohn, den Schiffen aus Sizilien aufpaßten, erwischt und übel zugerichtet,
 entkamen jedoch den Athenern sämtlich bis auf eins und gelangten nach
 Korinth.

Chalkideus und Alkibiades griffen alle ihnen unterwegs begegnenden Schiffe auf,
 damit von ihrer Überkunft nichts verlaute, und landeten dann zuerst am Festlande
 bei Korykos, wo sie sie wieder freigaben. Hier hatten sie ihrerseits zunächst
 eine Zusammenkunft mit einigen ihrer Anhänger aus Chios, die ihnen rieten,
 ohne weiteres nach der Stadt hinüber zu fahren, und so erschienen sie plötzlich
 vor Chios. Die große Menge der Bevölkerung war darüber erstaunt und außer sich.
 Mit den Oligarchen aber war verabredet, daß der Rat grade um die Zeit
 versammelt sein sollte, und ihm teilten Chalkideus und Alkibiades nun mit, es
 wären noch viele andere Schiffe im Ansegeln, sagten aber nichts davon, daß die
 Flotte im Peiraios eingeschlossen war. Infolgedessen sagte sich Chios und dann
 auch Erpthrai von den Athenern los. Darauf sandte man drei Schiffe ab und
 brachte auch Klazomenai zum Abfall. Die Klazomenier begaben sich auch sogleich
 nach dem Festlande hinüber nnd befestigten Polichna, um sich dahin von der
 Insel, auf der ihre Stadt lag, im Notfall zurückziehen zu können. Überall
 in den abgefallenen Orten war man geschäftig, die Festungswerke instand zu
 setzen und zum Kriege zu rüsten.

Die Nachricht von den Ereignissen in Chios kam alsbald nach Athen, und die
 Athener glaubten sich bereits aufs Äußerste gefaßt machen zu müssen, da auch die
 übrigen Bundesgenossen sich nach dem Abfall dieser wichtigsten Stadt schwerlich
 länger zugeben würden. Sie beschlossen deshalb, die für die Dauer des
 ganzen Krieges als unangreifbar zurückgelegten tausend Talente anzugreifen, und
 hoben im ersten Schrecken die früher gegen dahingehende Anträge und Abstimmungen
 erlassenen Strafbestimmungen sogleich wieder auf. Weiter beschlossen sie, 
 eine große Anzahl Schiffe in Dienst zu stellen, auch die acht Schiffe des
 Bewachungsgeschwaders vor dem Peiraios, welche sich von dort zur Verfolgung der
 Schiffe des Chalkideus auf­ 
 gemacht, diese aber nicht getroffen hatten und dann zurück- 
 gekommen waren, unter Strombichides, Diotimos' Sohn, sofort nach Chios abgehen
 zu lassen und ihnen alsbald noch zwölf andere, die bis dahin ebenfalls zu seinem
 Geschwader gehört, unter Thrasikles nachzuschicken. Die sieben Schiffe der
 Chier, welche mit vor dem Peiraios gelegen hatten, zogen sie von dort
 zurück, ließen die darauf befindlichen Sklaven frei, die Freien aber ins
 Gefängnis werfen. Die abgegangenen Schiffe ersetzten sie alle durch eilig
 bemannte andere, um die Peloponne­ sier weiter einzuschließen. So waren sie in
 voller Tätigkeit und setzten alles dran, um in Chios mit den nötigen Streit­
 kräften aufzutreten.

Inzwischen kam Strombichides mit den acht Schiffen in Samos an. Von hier fuhr
 er, durch ein samisches Schiff ver­ stärkt, nach Teos, wo er die Einwohner zur
 Ruhe ermähnte. Aber auch Chalkideus war mit dreiundzwanzig Schiffen von 
 Chios nach Teos unterwegs und zugleich kam das Heer der Ktazomenier und
 Erythraier zu Lande heran. Nun fuhr Strombichides, der davon rechtzeitig Kunde
 erhalten hatte, wieder ab, und als er dann, schon auf hoher See, bemerkte, 
 wie stark die von Chios kommende Flotte war, machte er sich auf die Flucht nach
 Samos. Die feindliche Flotte aber war gleich hinter ihm her. In Teos wollte man
 das Landheer erst nicht einlassen, nach der Flucht der Athener aber öffnete man
 ihm die Tore. Eine Zeitlang sahen die Truppen sich die Sache an und
 warteten ab, daß auch Chalkideus von der Ver­ folgung zurückkäme. Da ihnen das
 jedoch zu lange dauerte, fingen sie auf eigene Hand an, die von den Athenern auf
 der Landseite der Stadt erbaute Mauer abzubrechen, wobei eine Anzahl
 Perser, die unter Stages, einem Unterbefehlshaber des Tissaphernes, zu ihnen
 gestoßen, ihnen behilflich war.

Nachdem Chalkideus und Alkibiades Strombichides bis nach Samos verfolgt hatten,
 rüsteten sie die Mannschaft der peloponnesischen Schiffe als Hopliten aus und
 ließen sie in Chios. Ans Chios aber bemannten sie jene Schiffe anderweit, 
 und dazu noch zwanzig andere, und gingen damit nach Milet 
 unter Segel, um es ebenfalls zum Abfall zu bringen. Denn 
 Alkibiades, der mit der Regierung von Milet auf gutem Fuße stand, wünschte Milet
 noch vor der Ankunft der peloponnesischen Flotte auf ihre Seite zu ziehen, um
 den Chiern, sich selbst und Chalkideus, aber auch Endios, der sie ausgesandt,
 wie er ihm in Aussicht gestellt, die Ehre zu verschaffen, schon mit den Streit­
 kräften der Chier und des Chalkideus möglichst viele Städte zum Abfall
 gebracht zu haben. Auch gelang es ihnen, den größten Teil der Fahrt unbemerkt
 zurückzulegen, auch Strom­ bichides und Thrasykles, der soeben mit zwölf
 Schiffen aus Athen zu ihm gestoßen war und sie jetzt gemeinschaftlich mit 
 ihm verfolgte, einen kurzen Vorsprung abzugewinnen und Milet . zum Abfall zu
 bringen. Die Athener aber, die ihnen mit neun­ zehn Schiffen auf dem Fuße
 gefolgt waren, gingen, als man sie in Milet nicht aufnahm, bei der Insel Lade,
 der Stadt gegenüber, vor Anker. Gleich nach dem Abfall von Milet wurde 
 dann auch das erste Bündnis der Lakedämonier mit dem Könige durch Tissaphernes
 und Chalkideus geschlossen, und zwar folgen dergestalt:

„ Unter nahcstehenden Bedingungen haben die Lakedämonier und deren
 Bundesgenossen mit dem Könige und Tissaphernes ein Bündnis geschlossen. Alle
 Länder und Städte, welche der König besitzt oder seine Vorfahren besessen haben,
 sollen dem Könige bleiben. Soweit die Athener aus diesen Städten bis­ her
 Gelder oder andere Einnahmen bezogen haben, sollen der König und die
 Lakedämonier und deren Bundesgenossen gemein­ sam zu verhindern suchen, daß die
 Athener noch Geld oder sonst etwas von dort erhalten. Der Krieg gegen die
 Athener solt vom Könige und den Lakedämoniern und deren Bundes­ genossen
 gemeinschaftlich geführt, Friede mit den Athenern nur mit Zustimmung beider
 Teile, des Königs und der Lakedämonier und ihrer Bundesgenossen, geschlossen
 werden. Wenn einer vom Könige abfällt, so soll er auch von den Lakedämoniern
 und deren Bundesgenossen als Feind behandelt, und ebenso jeder, der von
 den Lakedämoniern und deren Bundesgenossen abfällt, vom Könige als Feind
 behandelt werden."

So das Bündnis. Nach dem bemannten die Chier noch zehn andere Schiffe und
 fuhren damit nach Anaia, einmal um sich über den Stand der Dinge in Milet zu
 vergewissern, zugleich aber auch um die dortigen Städte zum Abfall zu 
 bringen. Da jedoch Chalkideus ihnen sagen ließ, sie sollten nur wieder abfahren,
 und daß Amorgos mit einem Heere im Anzüge sei, hielten sie auf den Tempel des
 Zeus ab und sichteten nun sechzehn Schiffe, mit denen Diomedon erst nach 
 Thrasikles von Athen abgegangen und im Ansegeln war. Als sie ihrer ansichtig
 wurden, ergriffen sie die Flucht, ein Schiff nach Ephesos, die anderen nach
 Teos. Vier, deren Mannschaft ans Land entkommen war, fielen den Athenern leer in
 die Hände. Die Athener fuhren hierauf nach Samos ab, die Chier aber gingen
 mit den noch übrigen Schiffen wieder in See und brachten im Verein mit dem
 Landheere Lebedos und dann auch Erai zum Abfall. Darauf kehrten beide, Landheer
 und Flotte, nach Hause zurück.

Um dieselbe Zeit machten die zwanzig Schiffe der Pelo­ ponnesier, welche damals
 von den Athenern mit einer gleichen Anzahl von Schiffen nach dem Peiraios
 verfolgt worden waren und nun dort von ihnen belagert wurden, einen plötzlichen
 Ausfall und gelangten nach einer glücklichen Schlacht, in der sie den
 Athenern vier Schiffe abnahmen, nach Kenchreiai, wo sie sich dann gleich wieder
 zur Abfahrt nach Chios und Ionien fertigmachten und Astyochos aus Lakedämon zum
 Befehlshaber erhielten, auf den inzwischen der Oberbefehl über die gesamte 
 Flotte übergegangen war. Als das Landheer aus Teos wieder abgezogen war,
 erschien Tissaphernes selbst dort auch mit Heeresmacht, ließ die Stadtmauer von
 Teos, soweit sie noch stand, vollends abbrechen und zog dann wieder ab. Nicht
 lange nahcher kam auch Diomedon mit zehn athenischen Schiffen nach Teos
 und traf mit den Einwohnern eine Übereinkunft, wonach auch den Athenern dort
 Aufnahme gewährt werden sollte. Von da fuhr er weiter nach Erai und griff die
 Stadt an. Da er sie jedoch nicht nehmen konnte, fuhr er wieder ab.

Um die Zeit kam es auch in Samos zu jenem Aufstande, in dem das Volk sich gegen
 die Adelsherrschaft erhob und von den Athenern unterstützt wurde, die damals mit
 drei Schiffen dort anwesend waren. Die Demokraten töteten dort im ganzen 
 gegen zweihundert Anhänger der dortigen Adelspartei, schickten vierhundert in
 die Verbannung, deren Ländereien und Häuser sie unter sich verteilten, und
 behaupteten seitdem die Herrschaft in der Stadt, der die Athener nunmehr sicher
 zu sein glaubten ' und ihr Unabhängigkeit zugestanden. Ihren vornehmen Gegnern
 räumten sie keinerlei Rechte ein, ja selbst Eheschließungen zwischen ihnen
 und dem Volke wurden verboten.

Die Chier aber bewiesen nach wie vor den größten Eifer. Ohne auf die
 Peloponnesier zu warten, ershcienen sie haufen­ weise in den Städten und suchten
 sie zum Abfall zu bringen, da ihnen daran lag, daß möglichst viele
 gemeinschaftliche Sache mit ihnen machten. Auch unternahmen sie noch in diesem
 Sommer mit dreizehn Schiffen einen Zug nach Lesbos, wie es ja auch nach
 dem Beschlusse der Lakedämonier an zweiter Stelle nach Lesbos und von da nach
 dem Hellespont gehen sollte. Zu gleicher Zeit wandte sich das Landheer der in­
 zwischen angekommenen Lakedämonierund ihrer dortigen Bundes­ genossen
 gegen Klazomenai und Kpme. Das Landheer be­ fehligte der Spartiate Eualas, die
 Flotte der Periöke Dei­ uiadas. Die Flotte -aber ging zuerst nach Methymna und
 brachte es zum Abfall. Dort ließ man vier Schiffe und brachte dann auch
 Mytilene zum Abfall.

Unterdessen war Astyochos, der lakedämonische Befehls­ haber der Flotte, mit
 vier Schiffen, wie er sollte, von Ken­ chreiai in See gegangen und in Chios
 angekommen. Drei Tage nach seiner Ankunft fuhr die attische Flotte, fünfund­
 zwanzig Segel stark, unter Leon und Diomedon nach Lesbos ab. Leon war
 nämlich später noch mit zehn Schiffen von Athen nachgekommen. An demselben Tage
 machte sich auch Astyochos, verstärkt durch ein chiisches Schiff, gegen Abend
 nach Lesbos auf, um dort womöglich mit einzugreifen, kam auch nach Pprrha
 und von da am folgenden Tage nach Eresos 
 Dort erfuhr er, daß Mytilene von den Athenern gleich im ersten
 Anlauf genommen sei. Die Athener waren nämlich ganz unerwartet mit ihrer Flotte
 ohne weiteres in den Hafen eingelaufen, hatten die chiischen Schiffe
 überwältigt, am Lande alles, was sich widersetzte, in die Flucht geschlagen und
 sich der Stadt bemächtigt. Das erfuhr er von den Einwohnern und den unter
 Eubulos von Methymna kommenden chiischen Schiffen, welche damals dort
 zurückgelassen, nach der Einnahme von Mytilene aber entflohen waren, und von
 denen nun drei - denn eins war den Athenern in die Hände gefallen - mit ihm
 zusammentrafet. Infolgedessen gab er Mytilene auf, schickte aber, nachdem
 er Eresos zum Abfall gebracht und die Ein­ wohner bewaffnet hatte, die Hopliten
 seiner Flotte unter Eteonikos zu Lande nach Antissa und Methymne, während er
 selbst mit seinen und den drei chiischen Schiffen um die Insel herumfuhr
 in der Hoffnung, die Methymner würden bei ihrem Anblick Mut fassen und sich
 nicht wieder mit den Athenern einlassen. Da er jedoch in Lesbos überall auf
 Widerstand stieß, schiffte er seine Truppen wieder ein und fuhr nach Chios 
 zurück. Auch das Landheer, welches mit der Flotte nach dem Hellespont gehen
 sollte, löste sich auf, und die Leute gingen nach Hause. Bald darauf trafen bei
 ihm sechs Schiffe der peloponnesischen Bundesflotte aus Kenchreiai in Chios ein.
 Die Athener aber gingen, nachdem sie die Ordnung in Lesbos 
 wiederhergestellt, von dort in See,'eroberten das von den Ktazomeniern auf dem
 Festlande befestigte Polichna, versetzten die Bewohner mit Ausnahme der nach
 Daphnus entflohenen Anstifter des Aufstandes wieder in die Stadt auf der Insel,
 und Klazomenai schloß sich den Athenern wieder an.

In diesem Sommer landeten die Athener, welche Milet gegenüber bei Lade mit den
 zwanzig Schiffen vor Anker ge­ gangen waren, bei Panormos im Miletischen und
 töteten Chalkideus, der ihnen mit schwachen Kräften entgegengetreten war.
 Drei Tage nachher fuhren sie nochmals nach dem Fest­ lande hinüber und
 errichteten ein Siegeszeichen, das die Mi­ leter jedoch wieder zerstörten, weit
 sie sich dort nicht batten 
 behaupten können. Inzwischen unterhielten Leon und Diomedon mit
 der athenischen Flotte von Lesbos den Krieg zur See gegen die Chier, wobei ihnen
 die Chios gegenüberliegenden Oinussischen Inseln, die von ihnen im Gebiet von
 Erythrai besetzten festen Plätze Sidnssa und Pteleon und Lesbos selbst als
 Stützpunkte dienten. Ihre Seesoldaten waren aus der Stammrolle zwangsweise
 ausgehobene Hopliten. Sie landeten bei Kardamylai und erfochten bei Bolissos
 einen Sieg über die Chier, die sich ihnen entgegenstellten, töteten viele und
 ver­ heerten die Umgegend. Nachher siegten sie noch in einem zweiten
 Gefechte bei Phanai und einem dritten bei Leukonion. Seitdem ließen sich die
 Chier im Felde nicht mehr sehen, und die Athener verwüsteten nun das
 wohlangebaute Land, das seit den Perserkriegen kein Feind mehr betreten hatte.
 Denn die Chier waren, soviel ich weiß, neben den Lakedämoniern die 
 einzigen, die auch im Glück die Besonnenheit bewahrt und mit der zunehmenden
 Macht ihres Staates nur um so mehr für dessen Sicherheit gesorgt hatten. Wenn
 sie jetzt bei ihrem Abfall anscheinend auch etwas unvorsichtig zu Werke gegangen
 waren, so.hatten sie es doch auch damit erst gewagt, als sie auf den
 Beistand zahlreicher tapferer Bundesgenossen rechnen konnten und die Gewißheit
 hatten, daß die Athener nach ihren Niederlagen in Sizilien aus ihrer
 bedenklichen Lage selbst kein Hehl mehr machten. Und wenn sie sich darin bei der
 Un­ berechenbarkeit der menschlichen Lebensläufte dennoh cgeirrt haben, so
 teilten sie diesen Irrtum mit vielen anderen, die gleich ihnen glaubten, man
 werde mit den Athenern bald fertig- werden. Nun aber, wo sie von der See
 verdrängt waren und ihr Land verwüstet wurde, gingen manche damit um, das 
 Bündnis mit den Athenern wiederherzustellen. Die Regierung, welche dahinterkam,
 schritt dagegen ihrerseits nicht ein, ließ aber Astyochos, den Befehlshaber der
 Flotte, mit vier Schiffen, die er bei sich hatte, von Erythrai kommen und suchte
 die Be­ wegung durch Festnahme von Geiseln und auf andere Weise so
 glimpflich wie möglich beizulegen. So verlief die Sache in Chios.

Gegen Ende dieses Sommers gingen tausend athenische und fünfzehnhundert
 argeiische Hopliten - fünfhundert leicht­ bewaffneten Argeiern hatten die
 Athener nämlich schwere Rüstungen gegeben - und weitere tausend aus den Bundes­
 tsaaten auf achtundvierzig Schiffen, darunter auch einer Anzahl 
 Transportschiffen, unter Phrynichos, Ouomakles und Skirouides von Athen nach
 Samos unter Segel, von wo sie nach Milet übersetzten und dort ein Lager bezogen.
 Die Mileter, acht­ hundert Hopliten aus Milet selbst, die unter Chalkideus ge­
 kommenen Peloponnesier, eine Anzahl geworbener Hilfsvölker des
 Tissaphernes, der persönlich zugegen war, und dessen Reiter rückten aus der
 Stadt und lieferten den Athenern und ihren Verbündeten eine Schlacht. Die
 Argeier, welche in der Meinung, die elenden Jonier würden nicht standhalten, auf
 ihrem Flügel gar zu stürmisch vorangingen und dabei in Un­ ordnung
 gerieten, wurden von den Miletern besiegt und ließen nahezu dreihundert Tote auf
 dem Platze. Die Athener da­ gegen besiegten erst die Peloponnesier und schlugen
 dann auch die Barbaren und die übrige Sippschaft aus dem Felde. Mit den
 Miletern aber kamen sie nicht ins Gefecht, da diese sich nach ihrem Siege über
 die Argeier beim Anblick der Nieder­ lage ihres übrigen Heeres in die Stadt
 zurückzogen, konnten vielmehr, weil die Schlacht bereits gewonnen, sogleich eine
 Stellung nehmen, aus der sie die Stadt in unmittelbarer Nähe bedrohten.
 Zufällig traf es sich in dieser Schlacht, daß die Jonier auf beiden Seiten den
 Sieg über die Dorier davon- trugen; denn die Athener besiegten die gegen sie
 fechtenden Peloponnesier und die Mileter die Argeier. Die Athener aber
 errichteten ein Siegeszeichen und machten Anstatt, die auf einer Landzunge
 liegende Stadt einzumauern, indem sie glaubten, wenn sie Milet erst hätten,
 würde ihnen alles übrige leicht zufallen.

Da nun erhielten sie eines Abends, als es schon dunkelte, die Nachricht von der
 unmittelbar bevorstehenden Ankunft der fünfundfunfzig Schiffe aus Sizilien und
 dem Peloponnes. Aus Sizilien nämlich, wo besonders der Syrakuser Hermokrates
 
 
 darauf gedrungen hatte, die Macht der Athener mit vereinten 
 Kräften vollends zu vernichten, waren zwanzig von Syrakus und zwei von Selinus
 im Anzüge und mit ihnen alle schon soweit fertigen Schiffe, welche im Peloponnes
 ausgerüstet werden sollten. Den Oberbefehl über beide sollte Astyochos 
 übernehmen und Therimenes sie ihm zuführen. Sie fuhren erst nach der Insel Leros
 vor Milet und, als sie hier hörten, daß die Athener Milet belagerten, von da
 zunächst in die Iasische Bucht, um Erkundigungen einzuziehen, wie es um 
 Milet stände. Von Alkibiades, der zu Pferde nach Teichiussa im Miletischen
 gekommen war, wo man nach der Einfahrt in die Bucht im Freien lagerte, erfuhr
 man das Nähere über den Verlauf der Schlacht. Alkibiades war nämlich selbst
 dabei gewesen und hatte die Schlacht auf seiten der Mileter und des 
 Tissaphernes mitgemacht. Der aber riet, wenn man nicht Ionien verlieren und die
 ganze Sache preisgeben wolle, so müsse man Milet unverzüglich zu Hilfe kommen
 und verhindern, daß es vollständig eingemauert würde.

Auch wurde beschlossen, frühmorgens nach Milet aufzu­ brechen. Phrynichos aber,
 der von Leros genauere Nachrichten über die feindliche Flotte erhalten hatte,
 erklärte seinen Mit­ feldherren, die bleiben und eine Schlacht liefern wollten,
 er werde das nicht tun und es, soviel an ihm sei, ebensowenig ihnen noch
 sonst jemand gestatten. Wo man die Möglichkeit habe, später mit genauer Kenntnis
 der Zahl der feindlichen und der gegen sie verwendbaren eigenen Schiffe gehörig
 ge­ rüstet mit entsprechenden Kräften zu schlagen, dürfe man sich niemals
 aus Furcht vor übler Nachrede gegen die bewährten Grundsätze der Kriegführung zu
 einer Schlacht verleiten lassen. Die Athener brauchten sich nicht zu schämen,
 einer Seeschlacht unter Umständen aus dem Wege zu gehen; unter allen Um­ 
 ständen sei es für sie weit schimpflicher, die Schlacht zu ver­ lieren, auch
 würde das ihrer Stadt nicht nur zur Schande, sondern auch zur größten Gefahr
 gereichen. Würde sie sich doch nach den erlittenen Niederlagen selbst bei der
 trefflichsten Rüstung kaum oder höchstens im äußersten Notfall freiwillig 
 unterfangen dürfei, irgendwo zuerst anzugreifen. Wie dürfe man sie
 nun gar ohne Not Gefahren aussetzen, die man sich selbst zugezogen? Er empfahl
 also, die Verwundeten, die Truppen und was sie an Gepäck bei sich führten,
 unverzüglich an Bord zu bringen, die in Feindesland gemachte Beute aber, 
 nm die Schiffe nicht zu sehr zu beshcweren, dazulassen und nach Samos
 abzufahren, um von dort, sobald die ganze Flotte beisammen, den Kampf bei guter
 Gelegenheit wieder aufzu­ nehmen. Und was er wollte, setzte er auch durch.
 Phrynichos aber bewährte sich sowohl bei dieser Gelegenheit wie auch später
 in anderen Stellungen als ein einsichtiger und verständiger Mann.
 Dergestalt zogen die Athener, obne ihren Sieg aus­ zunutzen, gleich an dem Abend
 von Milet ab, und die Argeier fuhren aus Arger über ihre Niederlage von Samos
 schleunigst wieder nach Hause.

Die Peloponnesier aber brachen gegen Sonnenaufgang von Teichiussa auf und
 landeten nach der Abfahrt der Athener bei Milet. Sie blieben einen Tag und
 wollten am folgenden, verstärkt durch die chiischen Schiffe, welche erst mit der
 Flotte unter Chalkideus von den Athenern verfolgt worden waren, wieder
 nach Teichiussa fahren, um ihr Gepäck abzuholen, das sie dort gelassen hatten.
 Als sie hier ankamen, traf auch Tissaphernes mit seinem Heere dort ein und
 forderte sie auf, nach Iasos zu segeln, wo Amorgos, der noch gegen ihn in 
 Waffen stand, sich hielt. Sie ershcienen auch plötzlich vor Iasos, wo man nicht
 anders glaubte, als daß es die attische Flotte sei, und nahmen es ein, wobei die
 Syrakuser sich be­ sonders auszeichneten. Amorgos, der natürliche Sohn des 
 Pissuthnes, der sich gegen den König empört hatte, fiel den Peloponnesiern
 lebendig in die Hände und wurde von ihnen Tissaphernes übergeben, um ihn, wenn
 er wollte, dem ihm er­ teilten Befehle des Königs gemäß an ihn auszuliefern.
 Iasos zerstörten sie gänzlich, und das Heer machte dort reiche Beute; denn
 Iasos war schon seit langer Zeit eine reiche Stadt. Den Söldnern des Amorgos
 taten sie nichts zuleide, sondern über­ nahmen sie selbst und stellten sie in
 ihr Heer ein, da sie meist 
 aus dem Peloponnes waren. Die Stadt überließen sie Tissa­ phernes
 mit allen Kriegsgefangenen, Freien und Sklaven, für die sie sich je einen
 persischen Goldgulden (Stater Dareikos) von ihm ausbedungen hatten. Darauf
 fuhren sie nach Milet zurück. Pedaritos, Leons Sohn, den die Lakedämonier als
 Befehlshaber nach Chios schicken wollten, ließen sie mit den Söldnern des
 Amorgos bis Erythrai den Landweg einschlagen, Milet selbst aber stellten sie
 uuter^Philippos' Befehl. Damit endete der Sommer.

Im folgenden Winter kam Tissaphernes, nachdem er Jasos befestigt und eine
 Besatzung hineingelegt hatte, nach Milet und ließ, wie er das in Lakedämon
 versprochen, der gesamten Schiffsmannschaft den Monatssold im Betrage einer
 attischen Drachme für den Mann auszahlen, erklärte jedoch, von nun an
 werde er, bis er die Entscheidung des Königs eingeholt, nur drei Obolen geben
 und erst, wenn der es genehmigt, die volle Drachme zahlen lassen. Da jedoch
 Hermokrates, der syrakusische Feldherr, dagegen Widerspruch erhob, während 
 Therimenes in betreff des Soldes ohne weiteres nachgegeben hatte, da er nicht
 selbst Befehlshaber der Flotte war, sondern die Fahrt nur mitmachte, weil er
 Astyochos die Schiffe zuge­ führt, so wurden dennoch auf je fünf Schiffe mehr
 als drei Obolen für den Mann zugestanden. Denn er gab für fünf Schiffe
 monatlich drei Talente, und für die überzähligen, so­ weit sie nicht in fünf
 aufgingen, wurde nach demselben Ver­ hältnis gezahlt.

In demselben Winter waren bei den Athenern in Samos weitere fünfunddreißig
 Schiffe unter Charminos, Strombichides und Euktemon von Haus angekommen. Nachdem
 sie auch die Schiffe von Chios und alle übrigen an sich gezogen hatten, 
 losten sie und beschlossen, mit einem Geschwader vor Milet zu kreuzen und ein
 zweites nebst einem Landheere nach Chios zu schicken. Und dazu kam es auch. Denn
 Strombichides, Onomakles und Euktemon fuhren, wie das Los entschieden, mit
 dreißig Schiffen und einem Teil der früher bei Milet ver­ wandten tausend
 Hopliten, die sie auf Transportschiffen mit­ 
 nahmen, nach Chios, die übrigen aber blieben mit vierund­ siebzig
 Schiffen bei Samos, mit denen sie die See beherrschten und vor Milet
 kreuzten.

Astyochos war damals noch damit beschäftigt, sich die Geiseln wegen des Verrats
 auszusuchen, gab das aber auf, als er hörte, daß die Schiffe unter Therimenes
 angekommen seien, auch die Sachen der Verbündeten jetzt besser ständen, 
 und ging mit zehn peloponnesischen und zehn chiischen Schiffen in See. Nachdem
 er Pteleon vergeblich angegriffen, fuhr er weiter nach Klazomenai und forderte
 die Einwohner auf, zu den Peloponnesiern überzugehen, die athenisch Gesinnten
 aber mehr landeinwärts bei Daphnus anzusiedeln, ein Verlangen, dem auch
 Tamos, der Unterstatthalter in Ionien, sich anschloß. Als sie das ablehnten,
 machte er einen Angriff auf die Stadt, die unbefestigt war. Da er sie aber nicht
 nehmen konnte, fuhr er bei tsarkem .Winde wieder ab, er selbst nach Phokaia und
 Kyme, während die übrigen Schiffe die Klazomenai gegenüber­ liegenden
 Inseln Marathuffa, Pele und Drymussa anliefen. Hier, wo sie des Sturmes wegen
 acht Tage bleiben mußten, plünderten sie die dahin geflüchtete Habe der
 Klazomenier, die sie teils vernichteten, teils auf ihre Schiffe brachten. Darauf
 fuhren sie auch nach Phokaia und Kyme zu Astyochos.

Während der sich dort aufhielt, fanden sich Gesandte aus Lesbos bei ihm ein,
 das wieder von Athen abfallen wollte. Es gelang ihnen auch, ihn selbst für ihre
 Sache zu gewinnen; da jedoch die Korinther und die übrigen Bundesgenossen nach
 der mißlungenen ersten Unternehmung davon nichts wissen wollten, lichtete
 er die Anker und fuhr wieder ab nach Chios. Bald nahcher kam auch Pedaritos, der
 von Milet den Land­ weg eingeschlagen und inzwischen Erythrai erreicht hatte,
 mit seinem Heere von da nach Chios herüber. Hier fand er auch die etwa
 fünfhundert Mann von den fünf Schiffen vor, welche von Chalkideus als Hopliten
 ausgerüstet und in Chios gelassen waren. Da man Astyochos aus Lesbos von neuem
 Aussicht gemacht hatte, daß es von Athen abfallen wolle, stellte er Peda­ 
 ritos und den Chiern vor, man müsse zur Unterstützung des 
 Aufstandes mit der Flotte nach Lesbos gehen, denn entweder werde
 man dadurch neue Bundesgenossen gewinnen oder doch, wenn es mißglückte, den
 Atbenern einen Streich spielen können. Sie wollten sich dazu indessen nicht
 verstehen, und Pedaritos erklärte, er könne ihm die Schiffe der Chier nicht
 überlassen.

Er aber ging mit den Schiffen der Korinther, im ganzen fünf, einem sechsten auS
 Megara und einem auS Hermione, sowie den von ihm selbst mitgebrachten
 lakonischen Schiffen nach Milet unter Segel, um den Oberbefehl über die Flotte
 zu übernehmen, und ließ es dabei an Drohungen gegen die Chier nicht
 fehlen, daß er ihnen, wenn auch sie mal in Not wären, ganz gewiß nicht zu Hilfe
 kommen werde. Am Korykos im Erythraiischen legte er an und übernachtete dort.
 Die athenische Flotte aber auf ihrer Fahrt von Samos nach Chios legte anf
 der anderen Seite des zwischen ihnen liegenden Berges ebenfalls an, ohne daß sie
 etwas voneinander merkten. Als jedoch in der Nacht ein Schreiben von Pedaritos
 eintraf, daß kriegsgefangene Erythraier von Samos nach Erythrai ge­ kommen
 seien, die man losgelassen, um dort Verrat anzuspinnen, machte sich Astyochos
 sogleich wieder auf die Fahrt nach Ery­ thrai und wäre dabei ums Haar mit den
 Athenern zusammen­ getroffen. Auch Pedaritos kam zu ihm herüber, und sie
 leiteten gegen die angeblichen Verräter eine Untersuchung ein. Als sich
 dabei herausstellte, daß die ganze Sache nur erfunden war, um den Leuten die
 Möglichkeit zu verschaffen, von Samos zu entkommen, sprachen sie sie frei und
 fuhren darauf beide wieder ab, Pedaritos nach Chios, Astyochos, um sich seiner
 Absicht gemäß nach Milet zu begeben.

Mittlerweile fuhr die athenische Flotte um den Äorykos herum und traf beim
 Vorgebirge Arginon drei chiische Kriegs­ schiffe, auf welche sie, sobald sie
 ihrer ansichtig wurde, sogleich Jagd machte. Da aber erhob sich ein heftiger
 Sturm, und die chiischen Schiffe konnten sich nur mit genauer Not in den 
 Hafen retten. Von den athenischen wurden die drei, welche am weitesten voraus
 gewesen waren, vom Sturm arg mit­ genommen und bei der Stadt Chios auf den
 Strand getrieben, 
 wobei die Mannschaft teils ums Leben kam, teils in Gefangen­ 
 schaft geriet; die übrigen kamen in den Hafen Phoinikus am Mimasgebirge in
 Sicherheit. Von dort fuhren sie später nach Lesbos hinüber, wo man
 Vorbereitungen zum Bau der Festungs­ werke traf.

Aus dem Peloponnes ging in demselben Winter der Lake­ dämonier Hippokrates mit
 zehn thurischen, von Dorieus, Dia­ goras' Sohn, selbdritt befehligten Schiffen,
 einem lakonischen und einem syrakustschen, nach Knidos unter Segel, das Tissa­
 phernes bereits zum Abfall gebracht hatte. Als man in Milet davon
 Nachricht erhielt, befahl man dort, die eine Hälfte der Schiffe solle bei Knidos
 zum Schutz der Stadt liegen bleiben, die andere beim Triopion den von Ägypten
 kommenden Ge­ treideschiffen aufpassen. Das Triopion ist eine vorspringende
 Landspitze in Knidien mit einem Tempel des Apollon. Die Athener aber,
 denen das bekannt geworden war, kamen mit ihrer Flotte von Samos und nahmen die
 sechs Schiffe weg, . welche beim Triopion Wache standen; die Mannschaft konnte
 sich jedoch durch die Flucht retten. Darauf landeten sie bei Knidos und
 machten einen Angriff auf die Stadt, welche un­ befestigt war, und hätten sie
 auch beinah genommen. Am folgenden Tage erneuerten sie den Angriff, da man sich
 aber über Nacht dort besser vorgesehen hatte, auch die beim Trio­ pion von
 den Schiffen entkommene Mannschaft in die Stadt gelangt war, konnten sie so viel
 nicht mehr ausrichten. Des­ halb zogen sie ab, verheerten das platte Land und
 schifften sich wieder ein nach Samos.

Als Astyochos um dieselbe Zeit nach Milet kam, um den Oberbefehl über die
 Flotte zu übernehmen, hatten die Pelo­ ponnesier dort in ihrem Lager noch alles
 im Überfluß; denn der Sold wurde unverkürzt gezahlt, dazu die reiche Beute,
 welche die Leute in Jasos gemacht, und die Mileter nahmen die Lasten des
 Krieges gern und willig auf sich. Der erste Vertrag mit Tissaphernes, den
 Chalkideus geschlossen hatte, war jedoch den Peloponnesiern nicht nach Sinne, da
 sie ihrer Meinung nach dabei zu kurz gekommen waren, und so schlossen 
 sie jetzt noch während der Anwesenheit des Therimenes einen neuen,
 der also lautete:

„Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen schließen mit König Dareios, den
 Söhnen des Königs und Tissaphernes einen Friedens- und Freundschaftsvertrag
 unter nachstehenden Bedingungen. Alle Länder und Städte, welche König Dareios
 besitzt oder sein Vater oder seine Vorfahren besessen haben, sollen weder
 von den Lakedämoniern noch von deren Bundes­ genossen mit Krieg überzogen oder
 sonstwie in feindlicher Ab­ sicht betreten, auch aus diesen Städten weder von
 den Lake­ dämoniern noch von deren Bundesgenossen Abgaben erhoben werden.
 Ebensowenig sollen die Lakedämonier oder deren Bundesgenossen von König Dareios
 oder Untertanen des Königs mit Krieg überzogen oder sonstwie als Feinde
 behandelt werden. In betreff etwaiger Ansprüche, welche der König gegen die
 Lakedämonier oder deren Bundesgenossen, oder die Lakedämonier oder deren
 Bundesgenossen gegen den König zu haben ver­ meinen, soll es bei dem bewenden,
 worüber sie sich gütlich mit­ einander verständigen werden. Der Krieg gegen die
 Athener und ihre Bundesgenossen soll gemeinschaftlich geführt, auch 
 Frieden nur gemeinschaftlich von beiden geschlossen werden. Sämtliche Truppen,
 welche sich auf Ersuchen des Königs im Gebiete des Königs befinden, hat der
 König auf seine Kosten zu unterhalten. Wenn einer der Staaten, welche diesen
 Ver­ trag mit dem Könige geschlossen haben, einen Angriff auf das Gebiet
 des Königs machen würde, so sollen die übrigen ihn daran zu hindern suchen und
 dem Könige nach Kräften bei­ stehen. Und wenn jemand aus dem Gebiete des Königs
 oder einem der dem Könige untertänigen Länder einen Angriff auf das Gebiet
 der Lakedämonier oder ihrer Bundesgenossen machen würde, so soll der König ihn
 daran zu hindern suchen nnd ihnen nach Kräften beistehen."

Nach Abschuß dieses Vertrags hatte Therimenes den Be­ fehl über die Flotte an
 Astyochos abgegeben und sich auf einer Jacht eingeschifft und war seitdem
 vershcwunden. Inzwischen waren die Athener mit ihrem Heere von Lesbos nach Chios 
 herübergekommen, wo sie nunmehr Land und See beherrschten und
 damals damit beschäftigt waren, Delphinion, einen auf der Landseite schon von
 Natur festen Platz mit zwei Häfen, nicht weit von der Stadt Chios, zu
 befestigen. Die Chier waren durch die früheren wiederholten Niederlagen
 entmutigt, dazu auch unter sich nicht eines Sinnes, sondern einer traute 
 dem anderen nicht, seit Pedaritos Tydeus, den Sohn Ions, und seine Anhänger
 wegen ihrer athenischen Gesinnung hatte hinrichten lassen und man der Stadt ein
 oligarchisches Regi­ ment aufgezwungen hatte. Da sie unter diesen Umständen
 weder sich noch Pedaritos mit seinen Söldnern den Athenern für gewachsen
 hielten, so setzten sie sich nicht zur Wehr. In­ dessen wandten sie sich doch
 nach Milet nnd baten Astyochos, ihnen zu Hilfe zu kommen. Da der das ablehnte,
 sandte Pe­ daritos einen Bericht nach Lakedämon, worin er ihn wegen 
 Verletzung der Amtspflicht bezichtigte. So standen die Sachen der Athener in
 Chios. Von Samos aber kreuzten sie mit ihren Schiffen eine Zeitlang gegen die
 feindliche Flotte in Milet, da diese indes nicht herauskam, gingen sie nach
 Samos zurück, ohne dort etwas Weiteres zu unternehmen.

Aus dem Peloponnes brachen in demselben Winter zur Zeit der Sonnenwende die
 siebenundzwanzig Schiffe auf, welche die Lakedämonier infolge der durch
 Kalligeitos aus Megara und Timagoras aus Kyzikos geführten Verhandlungen für
 Pharnabazos ausgerüstet hatten, und gingen unter Befehl des Spartiaten
 Antisthenes nach Ionien ab. Mit ihm sandten die Lakedämonier als Beirat für
 Astyochos elf Spartiaten hinaus, unter denen sich auch Lichas, Arkesilaos' Sohn,
 befand. Diese waren ermächtigt, nach ihrer Ankunft in Milet dort überhaupt
 mit nach dem Rechten zu sehen, auch die Schiffe, sei es nur diese oder auch mehr
 oder weniger, wenn sie es für gut fänden, zu Pharnabazos nach dem Hellespont zu
 schicken und Klearchos, Rhamphios' Sohn, der mit an Bord war, zu deren
 Befehlshaber zu ernennen. Zugleich war es in ihr Er­ messen gestellt, Astyochos
 des Oberbefehls über die Flotte zu entheben nnd ihn auf Antisthenes zu
 übertragen. Denn nach 
 dem Berichte des Pedaritos war er ihnen doch verdächtig ge­ 
 worden. Die Schiffe fuhren nun von Malea durch die offene See nach Melos, wo sie
 anlegten und zehn athenische Schiffe trafen, von denen sie drei leer wegnahmen
 und in Brand steckten. Aus Furcht, die übrigen von Melos entkommenen 
 Schiffe könnten den Athenern in Samos die Nachricht bringen, daß sie im Ansegeln
 seien, wie das auch wirklich geschah, schlugen sie dann aber die Richtung nach
 Kreta ein und kamen auf diesem vorsichtshalber gemachten Umwege nach Kaunos in
 Asien. Von hier, wo sie sich sicher glaubten, schickten sie einen Boten an
 die Flotte bei Milet, um sich Geleit von dort zu erbitten.

Um dieselbe Zeit schickten die Chier und Pedaritos zu Astyochos und ließen ihn,
 trotzdem er immer noch nicht dran wollte, dringend auffordern, ihnen mit der
 ganzen Flotte zu Hilfe zu kommen und nicht länger mitanzusehen, daß der 
 wichtigste Bundesstaat in Ionien von der See abgesperrt und zu Lande
 ausgeplündert und verwüstet würde. Denn die in Chios sehr zahlreich und außer in
 Lakedämon anderswo nirgends in solcher Menge vorhandenen Sklaven, deren
 Vergehen, eben weil ihrer so viele waren, mit besonderer Härte bestraft wurden,
 liefen gleich massenhaft zu den Athenern über, sobald es den Anschein
 gewann, daß diese sich mit Hilfe ihrer Festungswerke dort behaupten würden, und
 grade sie, die im Lande gut Be­ scheid wußten, hausten darin am ärgsten. Die
 Chier ließen ihm also sagen, er müßte ihnen zu Hilfe kommen, solange noch
 Hoffnung und Möglichkeit vorhanden, das abzuwenden, da die Festungswerke von
 Delphinion, an denen man arbeite, noch nicht fertig und die Athener erst im
 Begriff seien, auch ihr Lager und ihre Schiffe mit stärkeren Schutz-wehren zu
 um­ geben. Auch entschloß sich Astyochos, obgleich er seiner früheren 
 Drohung wegen dazu keine Neigung hatte, mit Rücksicht auf . die Wünsche der
 Bundesgenossen ihnen zu Hilfe zu kommen.

Inzwischen kam jedoch von Kaunos die Nachricht, daß die siebenundzwanzig
 Schiffe und die Bevollmächtigten der Lakedämonier dort eingetroffen seien, und
 da es seiner Meinung 
 nach nun vor allein darauf ankam, die stattliche Flotte Herein­ 
 zugeleiten und die lakedämonischen Herren, die freilich ibm auf den Dienst
 passen sollten, sicher herüberzuschaffeu, so gab er Chios sogleich wieder auf
 und ging mit der Flotte nach Kaunos unter Segel. Auf der Fahrt landete er bei
 dem meropishcen Kos und ließ die Stadt, welche unbefestigt und durch ein Erd­
 beben so schwer, wie es dort seit Meuschengedenken nicht vor­ gekommen, in
 Trümmer gelegt war, von Grund aus zerstören, da die Bewobner sich in die Berge
 geflüchtet hatten. Darauf durchstreifte er das platte Land und schleppte alles
 als Beute weg, was ibm in die Hände fiel, bis auf die Freien, die er 
 laufen ließ. Von Kos kam er bei Nacht nach Knidos, wo er sich durch die
 Vorstellungen der Einwohner genötigt sah, die Mannschaft seiner Schiffe nicht an
 Land zu lassen, sondern sich ohne weiteres gleich gegen die zwanzig athenischen
 Schiffe zu wenden, mit denen Charminos, einer der Feldherren von Samos,
 den vom Peloponnes kommenden siebenundzwanzig Schiffen aufpaßte, denen Astyochos
 ja entgegenfuhr. In Samos war nämlich bekannt geworden, das; die Schiffe von
 Melos im Ansegeln waren, und Charminos paßte ihnen jetzt bei Sinne, 
 Chalke, Rhodos und in den lykischen Gewässern auf, da er schon gehört hatte, daß
 sie augenblicklich in Kaunos wären.

Astyochos schug also ohne weiteres die Richtung nach Syme ein, um, bevor man
 ihm auf die Spur käme, die Schiffe womöglich irgendwo anf hoher See zu treffen.
 Seine Schiffe gerieten aber in der Nacht, wo es regnete und der Himmel 
 durch Wolken verfinstert war, in die Irre und in Unordmmg, und bei Tagesanbruch,
 uoch ehe die Flotte sich wieder gesammelt hatte, wurde ihr linker Flügel von den
 Athenern gesichtet, als der andere Unterdessen noch bei der Insel herumirrte.
 Die Athener unter Charminos hielten auch, obgleich sie die zwanzig Schiffe
 nicht alle zur Stelle hatten, sofort auf sie zu in der Meinung, es sei die
 Flotte von Kaunos, der sie aufpaßten. Gleich im ersten Angriff versenkten sie
 drei Schiffe, machten mehrere andere kampfunfähig und behielten auch weiter in
 der Schlacht die Oberband, bis unvermutet auch alle übrigen feind­ 
 lichen Schiffe zum Vorschein kamen, und sie von allen Seiten 
 umfaßt wurden. Da machten sie sich auf die Flucht und ver­ loren sechs Schiffe.
 Mit den übrigen gelangten sie glücklich nach der Insel Teutluffa und von da nach
 Halikarnaß. Hierauf gingen die Peloponnesier unter Segel nach Knidos, wo die
 siebenundzwanzig Schiffe aus Kaunos mit ihnen zusammen­ trafen. Darnach
 fuhren sie mit der ganzen Flotte nach Syme, errichteten dort ein Siegeszeichen
 und gingen dann wieder bei Knidos vor Anker.

Auf die Nachricht von der Schlacht fuhren die Athener von Samos mit allen
 Schiffen nach Sinne, ohne sich gegen die Flotte bei Knidos zu wenden oder von
 ihr angegriffen zu werden. In Syme erbeuteten sie das dort vorgefundene Schiffs­
 gerät, machten dann noch einen Angriff auf Loryma am Fest­ lande und
 kehrten darauf nach Samos zurück. Die Schiffe der Peloponnesier, die nunmehr
 alle bei Knidos vereinigt waren, wurden, soweit nötig, dort wieder instand
 gesetzt. Die elf Lakedämonier aber besprachen sich mit Tissaphernes, der sich
 dort ebenfalls eingefunden hatte, sowohl über die bisherige Kriegführung
 und die dabei ihrer Ansicht nach gemachten Fehler, als auch darüber, wie man den
 Krieg im beiderseitigen Inter­ esse von nun an werde führen müssen. Namentlich
 Lichas unterzog das bisherige Verfahren einer scharfen Kritik und 
 erklärte, daß die beiden Verträge, sowohl der des Chalkideus als der des
 Therimenes, sehr ungeschickt gefaßt seien. Es sei doch unerhört, wenn der König
 die Herrschaft über alle Länder beanspruchen dürfe, die er selbst oder seine
 Vorfahren früher mal besessen; denn dann würden ja alle Inseln wieder unter
 das persische Joch kommen, ja selbst Thessalien, die Lokrer und ganz
 Griechenland bis Böotien, die Lakedämonier also den Griechen nicht die Freiheit,
 sondern Perserherrschaft gebracht haben. Er verlangte deshalb, man solle einen
 anderen, besseren Vertrag schließen oder wenigstens den früheren als nicht vor­
 handen betrachten; an dem Unterhalt für die Truppen sei ihm obendrein
 nichts gelegen. Tissaphernes aber nahm das sehr übel und zog verstimmt und
 unverrichteter Dinge wieder ab.

Die Lakedämonier aber beschlossen, nach Rhodos zu fahren, wo einige angesehene
 Herren Verhandlungen mit ihnen ange­ knüpft hatten, da sie die durch die Menge
 ihrer Seeleute und ihr Landheer mächtige Insel auf ihre Seite zu ziehen hofften
 und zugleich darauf rechneten, daß sie mit Hilfe eines solchen Bündnisses
 imstande sein würden, auch ohne Tissaphernes um Geld anzugehen, ihre Flotte zu
 unterhalten. Sie gingen also gleich in diesem Winter von Knidos unter Segel und
 griffen zuerst Kameiros auf Rhodos mit vierundneunzig Schiffen an, worüber
 die Masse der dortigen Bevölkerung, die von den Verhandlungen nichts wußte, so
 in Schrecken geriet, daß sie die Flucht ergriff, zumal die Stadt unbefestigt
 war. Darauf beriefen sie die Einwohnerschaft und die der beiden Städte 
 Lindos und Jelysos zusammen und überredeten die Rhodier, von Athen abzufallen.
 Rhodos ging dann auch zu den Pelo­ ponnesiern über. Als die Athener in Samos
 davon hörten, gingen sie augenblicklich mit ihrer Flotte unter Segel, um es
 womöglich noch abzuwenden, und ershcienen auf der Höhe vor der Insel,
 kamen aber grade zu spät und fuhren deshalb gleich wieder ab, erst nach Chalke
 und von da nach Samos. Später kamen sie mit ihren Schiffen noch öfter nach
 Rhodos und be­ unruhigten die Insel sowohl von Chalke uud Kos wie von Samos
 aus durch feindliche Angriffe. Die Peloponnesier aber erhoben von den
 Rhodiern eine Steuer von etwa zweiunddreißig Talenten, zogen ihre Schiffe ans
 Land und blieben dort achtzig Tage ruhig liegen.

Inzwischen aber, und zwar schon bevor sie nach Rhodos aufgebrochen waren, hatte
 sich das Blatt gewandt. Seit dem Tode des Chalkideus und der Schlacht bei Milet
 hegten die Peloponnesier Verdacht gegen Alkibiades, und Astyochos erhielt 
 sogar einen Brief aus Lakedämon, worin man ihm anheim­ gab, ihn zu töten; denn
 Agis war sein persönlicher Feind, und man traute ihm dort überhaupt nicht.
 Infolgedessen begab er sich zuerst aus Furcht zu Tissaphernes und suchte ihn
 darauf möglichst gegen die Peloponnesier einzunehmen, und der handelte 
 denn auch in allem nach seinem Rat. So war er es, der ihn 
 bewogen hatte, den Sold zu kürzen und statt einer attischen 
 Drachme nur drei Obolen, nnd auch diese nicht einmal regel­ mäßig zu geben.
 Dabei hatte er ihm empfohlen, den Pelo­ ponnesiern zu sagen, daß die Athener mit
 ihrer langen Erfahrung im Seewesen auch nur drei Obolen gäben, und zwar
 keineswegs aus Mangel an Geld, sondern damit ihre Seeleute nicht durch 
 Überfluß auf schlechte Wege kämen und entweder für Dinge, die der Gesundheit
 nachteilig, zu viel Geld ausgäben und da­ durch an Körperkraft einbüßten, oder
 von den Schiffen ent­ liefen, wenn man nicht den Sold als Pfand gegen sie in der
 Hand behielte. Ebenso hatte er ihm geraten, die Befehlshaber der Schiffe
 und die Feldherren der Städte zu bestechen, sich damit einverstanden zu
 erklären, was sie dann ja auch alle taten bis auf die Syrakuser, deren Feldherr
 Hermokrates im Namen aller Buudesgenossen dagegen Widerspruch erhob. Auch wies
 er selbst die Städte ab, welche Geld haben wollten, und erklärte ihnen in
 Tiffaphernes' Namen, es sei eine Unverschämtheit von den Chiern, wenn sie, die
 Reichsten unter allen Griechen, in dem Augenblick, wo ihre Verbündeten ihnen ans
 der Not hülfen, von anderen gar noch verlangten, für ihre Befreiung nicht nur
 ihr Leben, sondern auch ihr Geld dranzusetzen, die übrigen Städte aber
 handelten sehr unrecht, wenn sie, die vor ihrem Abfall so viel für die Athener
 übergehabt hätten, jetzt nicht ebenso viel oder noch mehr zu ihrem eigenen
 Besten zahlen wollten. Zugleich deutete er ihnen an, Tissaphernes müßte für
 jetzt, wo er den Krieg auf eigene Kosten führe, natürlich spar­ sam sein,
 wenn er aber später mal Geld vom Könige bekomme, so werde er ihnen schon den
 vollen Sold zahlen und die Städte zufriedenstellen.

Tissaphernes aber empfahl er, es nicht zu schnell zum Frieden kommen zu lassen,
 auch nicht etwa, wie er vorharte, phönizische Schiffe heranzuziehen oder noch
 mehr Griechen in Sold zu nehmen, um dadurch Einer Macht zu Lande und zur 
 See das Übergewicht zu vershcaffen, damit beide einander das Gleichgewicht
 hielten und der König in der Lage sei, die eine Macht gegen die ihm jeweilig
 unbequeme andere auszuspielen; 
 denn wenn die Herrschaft zu Lande und zur See in Eine Hand 
 gelange, so werde der König niemand haben, mit dessen Hilfe er deren Übermacht
 brechen könne, und sich demnächst genötigt sehen, mit großen Kosten und auf
 eigene Gefahr den Kampf mit ihr aufzunehmen. Weit vorteilhafter und
 ungefährlicher, ungleich wohlfeiler und zugleich sicherer für ihn sei es, die
 Griechen sich untereinander aufreiben zu lassen. Und da könne er nur dazu
 raten, sich in die Herrschaft mit den Athenern zu teilen, da diese es weniger
 auf die Beherrschung des Festlandes abgesehen hätten und sowohl ncul, ihren
 Versicherungen wie in der Tat im Kriege Zwecke verfolgten, welche den Interessen
 des Königs am meisten entsprächen. Denn sie würden mit ihm 
 gemeinshcaftliche Sache machen, um sich die Inselwelt, ihm aber die in seinem
 Reiche wohnenden Griechen zu unterwerfen, während die Lakedämonier grade in der
 Absicht kämen, die Griechen zu befreien. Und es sei sehr unwahrshceinlich, daß
 die Lakedämonier, welche die Griechen jetzt von der Herrschaft ihrer 
 Landsleute befreien wollten, davon absehen würden, sie auch von der
 Perserherrschaft zu befreien, solange es ihnen nicht gelungen, die Macht der
 Athener zu vernichten. Er riet ihm also, sich beide erst untereinander aufreiben
 und die Athener sich dabei möglichst erschöpfen zu lassen, um sich dann auch die
 Peloponnesier in Asien vom Halse zu schaffen. Im wesent­ lichen war das
 auch die Ansicht des Tissaphernes, soviel man wenigstens aus seinem Verhalten
 schließen konnte. Denn eben weil er den Rat des Alkibiades für gut hielt und ihm
 sein Vertrauen schenkte, zahlte er den Peloponnesiern nicht den vollen
 Sold und verhinderte sie, eine Seeschlacht zu liefern, indem er ihnen riet, die
 Ankunft der phönizischen Schiffe ab­ zuwarten, um den Kampf mit Übermacht
 aufnehmen zu können, wodurch er ihre Pläne durchkreuzte und ihre auch so schon
 sehr stattliche Flotte im rechten Augenblick lahm legte. Über­ haupt
 konnte man deutlich merken, daß es ihm mit der Teil­ nahme am Kriege kein Ernst
 mehr war.

Dazu aber hatte Alkibiades Tissaphernes und dem Könige, deren Gast er war,
 geraten, einmal weil er wirtlich glaubte. 
 daß es so am besten für sie sei, gleichzeitig aber weil er auf 
 seines Rückkehr in sein Vaterland bedacht war, indem er sich sagte, wenn er
 Athen nicht ganz zugrunde gehen ließe, würde man sich dort über kurz oder lang
 doch wohl bereitfinden lassen, ihn zurückzurufen. Seiner Meinung nach aberjwürde
 man dazu dort am ersten genötigt sein, wenn man erführe, daß er mit
 Tissaphernes auf gutem Fuß stände. Und so kam es auch. Denn als man im
 athenischen Heere in Samos von seinem Einfluß bei ihm hörte und Alkibiades
 selbst den an­ gesehnsten Persönlichkeiten des Heeres sagen ließ, wenn sie den
 Häuptern der oligarchischen Partei in Athen zu verstehen gäben, falls man
 der Pöbelherrschaft, durch die er vertrieben, ein Ende mache und die Oligarchie
 herstelle, sei er bereit, zurückzukehren, um ihre Politik zu unterstützen und
 ihnen auch die Freund­ schaft des Tissaphernes zu verschaffen, faßten die
 Trierarchen und die angesehensten Athener in Samos, teils deshalb, teils, 
 und mehr noch, aus eigenem Antriebe den Plan, die Demokratie zu stürzen.

Die ganze Bewegung ging ursprünglich vom Heere aus und verbreitete sich von
 dort erst später in die Stadt. Zunächst begaben sich von Samos einige zu
 Alkibiades hinüber, um mündlich mit ihm zu verhandeln. Da dieser versprach,
 ihnen Tissaphernes und dann auch den König zum Freunde zu machen, wenn die
 Demokratie erst gestürzt wäre, da der König sich dann wahrscheinlich
 unbedenklicher darauf einlassen würde, so machten sie sich starke Hoffnung als
 die angesehensten, aber auch bisher an: schwersten geplagten Bürger, nunmehr
 ihrer­ seits zu Hause ans Ruder zu kommen und auch ihrer äußeren Feinde
 Herr zu werden. In Samos zogen sie nach der Rück­ kehr ihre Gesinnungsgenossen
 ins Geheimnis und teilten öffent­ lich den Leuten mit, daß der König ihr Freund
 sein und den Sold zahlen wolle, wenn der Demokratie ein Ende gemacht und
 Alkibiades zurückgerufen würde. Und das Kriegsvolk, dem die Sache im ersten
 Augenblick allerdings nicht nach Sinne war, beruhigte sich dann doch dabei in
 der willkommenen Aus­ sicht auf den Sold des Königs. Nachdem sie das unter die 
 
 Leute gebracht, besprachen die Anhänger der Oligarchie die Vorschläge des
 Alkibiades nochmals unter sich und in weiterem Kreise ihrer Gesinnungsgenossen.
 Während den übrigen die Sache ausführbar und unbedenklich ershcien, wollte
 Phrynichos, der noch Feldherr war, davon durchaus nichts wissen. Seiner 
 Meinung nach sei es Alkibiades, wie es in der Tat der Fall war, weder um
 Oligarchie noch um Demokratie, sondern ledig­ lich darum zu tun, eine Änderung
 der bestehenden Verfassung herbeizuführen und mit Hilfe seiner Freunde
 zurückgerufen zu werden. Sie hier aber müßten vor allem zu verhüten suchen,
 daß die bewaffnete Macht für Parteizwecke mißbraucht werde. Auch der König
 werde wenig Neigung haben, jetzt, wo die Peloponnesier auch schon zur See mit
 gleichen Kräften auf­ träten und eine Anzahl größerer Städte seines Reichs
 besetzt hätten, sich durch Freundesdienste gegen die ihm doch ver­ 
 dächtigen Athener Ungelegenheiten zu bereiten, während er in der Lage sei, sich
 die Peloponnesier, die ihm niemals was zu­ leide getan, zu Freunden zu machen.
 Und wenn man den Bundesgenossen, weil sie ja selbst der Demokratie längst über­
 drüssig seien, die Einführung demokratischer Verfassungen verheiße, so
 werde das nach seiner Überzeugung weder die Abgefallenen bewegen, sich den
 Athenern wieder anzuschließen, noch die ihnen Treugebliebenen fester an sie
 kitten; denn die Knechtschaft, gleichviel ob unter Oligarchie oder Demokratie,
 würde ihnen immer noch unwillkommener sein als die Freiheit, sei sie ihnen
 nun unter dieser oder jener Verfassung zuteil geworden. Von den sogenannten
 Edeln aber würden sie sich nichts Besseres versprechen wie von den Demokraten;
 denn das seien Geldschneider, die das Volk zum Bösen verführten, um sich
 selbst die Taschen zu füllen. Auch würde es ihrer Meinung nach, soviel an ihnen
 läge, nur noch mehr gewalttätige und willkürliche Einrichtungen geben, während
 grade das Volk ihre Zuflucht sei und sie in Schranken hielte. Und daß man in
 den Bundesstaaten auf Grund früherer Erfahrungen die Sache so ansähe,
 wisse er bestimmt. Noch alledem könne er sich mit den Vorschlägen des Alkibiades
 und dem, was man 
 hier gegenwärtig vorhabe, seinerseits nicht einverstanden er­ 
 klären.

Die in der Versammlung anwesenden Verschworenen stimmten jedoch, wie sie sich
 von vornherein vorgenommen hatten, den Vorschlägen zu und machten Anstalt,
 Peisandros und einige andere als Abgeordnete nach Athen zu schicken, um 
 die Rückberusung des Alkibiades, den Sturz der Demokratie und den Abschluß eines
 Bündnisses der Athener mit Tissa­ phernes in die Wege zu leiten.

Überzeugt, daß es jetzt in Athen zu Verhandlungen über die Rückberusung des
 Alkibiades kommen und man ihr dort auch zustimmen werde, fürchtete Phrynichos,
 daß dieser, weil er gegen seine Vorschläge gewesen, sich nach seiner Rückkehr
 an ihm als seinem Widersacher rächen werde, und suchte dem auf folgende
 Weise zu begegnen. Er schickte an Astyochos, den Befehlshaber der
 lakedämonischen Flotte, der sich damals noch bei Milet befand, heimlich einen
 Brief, worin er ihm unter Angabe aller Einzelheiten mitteilte, daß Alkibiades
 jetzt gegen die Lakedämonier arbeite und ein Bündnis zwischen Tissaphernes
 und den Athenern zustande bringen wolle, indem er hinzufügte, es sei ihm nicht
 zu verdenken, daß er seinem Feinde ein Bein stelle, auch wenn es zum Nachteil
 seiner Vater­ stadt gereichen sollte. Astyochos aber dachte nicht daran, Alki­
 biades, dessen er ja ohnehin nicht mehr habhaft werden konnte, dafür büßen
 zu lassen, sondern begab sich zu ihm und Tissa­ phernes nach Magnesia, teilte
 ihnen den Inhalt des Briefes mit, den er aus Samos erhalten, und verriet ihnen
 die ganze Sache. Wie es hieß, hatte er sich dazu herbeigelassen, Tissa­ 
 phernes diese und andere Mitteilungen zu machen, weil er von ihm bestochen war,
 und deshalb auch der unvollständigen Zahlung des Soldes nicht ernstlich
 widersprochen. Alkibiades aber sandte sogleich ein Schreiben an die Behörde nach
 Samos, in dem er sie von dem Verrat des Phrynichos in Kenntnis setzte und 
 dessen Hinrichtung verlangte. Phrynichos, der es mit der Angst kriegte und sich
 in der Tat infolge seiner Mitteilungen in größter Gefahr befand, schickte nun
 einen zweiten Brief an 
 Astyochos, worin er ihn darüber zur Rede stellte, daß er das erste
 Mal nicht reinen Mund gehalten habe, und sich zugleich erbot, ihm zur
 Vernichtung des ganzen athenischen Heeres in Samos Gelegenheit zu geben. Dabei
 schrieb er ihm ausführ­ lich, wie er, da Samos nicht befestigt, die Sache
 angreifen müßte, und beteuerte, daß er sich jetzt, wo man ihm ans Leben 
 wolle, kein Gewissen daraus zu machen brauche, lieber dies und jedes andere
 Mittel zu versuchen, als sich selbst von seinen Feinden den Kopf vor die Füße
 legen zu lassen. Astyochos aber brachte auch dies zur Kenntnis des
 Alkibiades.

Phrynichos ahnte jedoch, daß Astyochos ihn verraten und in kürzester Frist ein
 Brief darüber von Alkibiades eintreffen würde. Um dem zuvorzukommen, kündigte er
 selbst dem Heere an, daß die Feinde, da Samos unbefestigt sei und die Schiffe
 zum Teil draußen lägen, einen Angriff auf das Lager be­ absichtigten, wie
 er das aus bester Quelle wisse. Man müßte deshalb Samos so schnell wie möglich
 befestigen und auch sonst auf der Hut sein. Als Feldherr konnte er nämlich
 solche An­ ordnungen selbständig treffen. Auch wurde der Bau der Festungs­ 
 werke sogleich in Angriff genommen und Samos, welches so­ wieso befestigt werden
 sollte, infolgedessen um so schneller damit versehen. Bald nachher traf dann
 auch der Brief des Alki­ biades ein, daß Phrynichos an dem Heere zum Verräter
 ge­ worden und der Feind schon im Begriff sei, es zu überfallen. Da man
 aber Alkibiades nicht traute, sondern annahm, daß er selbst in die Pläne der
 Feinde eingeweiht sei und Phrynichos nur auS persönlicher Feindschaft der
 Mitwissenschaft beschuldige, so schadete er ihm dadurch nicht, vielmehr
 ershceine dessen An­ gaben nur um so glaubwürdiger, weil der Inhalt seines
 Briefes sie bestätigte.

Seitdem setzte Alkibiades alle Hebel in Bewegung, um Tissaphernes auf die Seite
 der Athener zu ziehen. Der fürchtete allerdings die Peloponnesier, weit deren
 Flotte dort stärker war als die der Athener, gleichwohl wollte er ihm, wenn
 irgend möglich, gern zu Willen sein, zumal seit er sich in Knidos von der
 Unzufriedenheit der Peloponnesier mit dem Vertrage des 
 Therimenes überzeugt hatte. Jener Wortwechsel hatte näm­ lich
 schon stattgefunden, als sie um diese Zeit in Rhodos waren. Als Lichas es bei
 der Gelegenheit für unerhört erklärte, daß dem Könige die Herrschaft über alle
 Städte zustehen solle, die er oder seine Vorfahren früher mal besessen, war ihm
 klar geworden, daß Alkibiades recht gehabt, als er ihm die Absicht der
 Lakedämonier, die sämtlichen Städte zu befreien, vorher schon angedeutet hatte.
 Alkibiades aber, dem es um seinen großen Zweck zu tun war, ließ es sich nicht
 verdrießen, Tissa­ phernes eifrig den Hof zu machen.

Peisandros und die mit ihm von den Athenern aus Samos entsandten Abgeordneten
 erstatteten nach ihrer Ankunft in Athen in der Volksversammlung einen kurzen
 Bericht über alles, waS vorgefallen, wobei sie besonders hervorhoben, wenn man
 Alkibiades zurückrufe und der Demokratie endlich ein Ende mache, so könne
 man ein Bündnis mit dem Könige haben und die Peloponnesier ausstechen. In
 betreff der Demokratie erhob sich jedoch von vielen Seiten Widerspruch, und die
 Feinde des Alkibiades schrieen um die Wette, es wäre doch heillos, wenn er
 seine Rückkehr mit Hilfe eines Staatsstreiches durchsetzen sollte; auch die
 Angehörigen der Priestergeschlechter des Eumol­ pos und Keryx bezeugten
 feierlich, daß er ja grade wegen des Mysterienfrevels in die Verbannung gegangen
 sei, und be­ schworen die Athener, ihn nicht zurückzurufet. Da Peisandros 
 in der Versammlung vielfach auf so lebhaften Widerspruch stieß, nahm er die
 Widersacher einzeln beiseite und fragte sie, ob sie denn jetzt, wo die
 Peloponnesier so viel Schiffe auf See und mehr Bundesgenossen hätten als sie und
 von Tissaphernes mit Geld unterstützt würden, während hier die Kasten leer 
 seien, überhaupt noch hoffen dürften, den Krieg durchzuhalten, wenn sich nicht
 jemand fände, der den König dazu brächte sich auf ihre Seite zu schlagen. Und
 wenn sie dann seine, Frage mit Nein beantworten mußten, so sagte er ihnen ins
 Gesicht: „Darauf aber können wir doch unter keinen Umständen rechnen, wenn
 wir nicht mit der tollen Wirtschaft hier auf­ räumen und ein oligarchisches
 Regiment einführen, damit der 
 König Vertrauen zu uns faßt. Diesen Augenblick dürfen wir nicht an
 unsere Verfassung, sondern nur daran denken, wie wir glücklich durchkommen.
 Später können wir sie ja immer wieder ändern, wenn wir etwas daran auszusegen
 haben. Darum müssen wir Alkibiades zurückrufen, der jetzt unter allen der
 einzige ist, der das kann."

Die Menge wollte von Einführung der Oligarchie anfangs durchaus nichts hören,
 als ihr aber Peisandros klarmachte, daß ihr schlechterdings nichts anderes
 übrigbliebe, gab sie sich, und es wurde beschlossen, Peisandros solle sich mit
 noch zehn anderen zu Schiff zu Tissaphernes und Alkibiades begeben, um 
 nach eigenem Ermessen das Geeignete mit ihnen zu verabreden. Gleichzeitig wurden
 Phrynichos, der von Peisandros verdächtigt worden war, und sein Mitfeldherr
 Skironides vom Volke ihres AmteS enthoben und statt ihrer Diomedon und Leon als
 Be­ fehlshaber der Flotte hinausgesandt. Peisandros aber hatte Phrynichos
 verdächtigt und beschuldigt, Jasos und Amorgos absichtlich im Stich gelassen zu
 haben, weil er ihn bei den Verhandlungen mit Alkibiades auszuschalten wünschte.
 Peisan­ dros ging auch in alle von früher in der Stadt vorhandenen 
 politischen Vereine für Prozeß- und Älmterwahlangelegenheiten und bearbeitete
 sie, sich allesamt mit vereinten Kräften gegen die Demokratie ins Zeug zu legen.
 Nachdem er alles so weit vorbereitet hatte, daß es jeden Augenblick losgehen
 konnte, machte er sich zu Schiff zu Tissaphernes auf.

Leon und Diomedon waren inzwischen bei der athenischen Flotte angekommen und
 unternahmen noch in demselben Winter eine Fahrt nach Rhodos, wo sie die auf den
 Strand gezogenen Schiffe der Peloponnesier vorfanden und, nachdem sie gelandet,
 gegen rhodisches Kriegsvolk, das sich zur Wehr setzte, ein sieg­ reiches
 Gefecht lieferten. Darauf zogen sie sich nach Chalke zurück, von wo sie den
 Krieg leichter führen konnten als von Kos. Denn dort konnten sie besser
 beobachten, ob und wohin die peloponnesifche Flotte etwa unter Segel gehen
 würde. Nun aber kam der Lakedämonier Lenophantidas von Pedaritos aus Ehios
 nach Rhodos mit der Meldung, die Festungswerke 
 der Athener wären jetzt fertig, und wenn man ihm nicht mit der 
 ganzen Flotte zu Hilfe käme, wäre Chios verloren. Man be­ schloß also, dorthin
 zufahren. Unterdessen unternahm Pedaritos selbst mit dem ganzen Heere, seinen
 Söldnern sowohl wie den Chiern, einen Angriff auf die von den Athenern um ihre
 Schiffe erbauten Schutzwehren, eroberte sie auch zum Teil und be­ 
 mächtigte sich einiger ans Land gezogener Schiffe. Als jedoch die Athener dann
 ihrerseits zum Angriff vorgingen, besiegten sie zuerst die Chier und dann auch
 Pedaritos mit seinem ganzen Heere, wobei er selbst und viele Chier ums Leben
 kamen und zahlreiche Rüstungen den Athenern in die Hände fielen.

Seitdem wurde Chios sowohl zu Lande wie zur See noch härter belagert als
 bisher, und in der Stadt herrschte große Hungersnot. Inzwischen waren Peisandros
 und die übrigen athenischen Gesandten bei Tissaphernes angekommen und ver­ 
 handelten mit ihm über den Abschluß eines Vertrags. Alki­ biades aber, der
 seiner Sache bei Tissaphernes nicht ganz sicher war, weil dieser sich immer noch
 vor den Lakedämoniern fürchtete und, wie er ihm ja selbst geraten, beide sich
 einander schwächen lassen wollte, wußte das Blatt so zu wenden, daß 
 Tissaphernes übermäßige Forderungen an die Athener stellte und deshalb kein
 Vertrag zustande kam. Wie mir scheint, wünschte auch Tissaphernes das
 ebensowenig, und zwar er aus Furcht vor den Lakedämoniern, während Alkibiades,
 als er merkte, daß Tissaphernes sich sowieso auf keinen Vertrag ein­ 
 lassen würde, die Athener glauben machen wollte, er habe in der Tat bei ihm
 großen Einfluß und ihn auch bereits dahin- gebracht, sich auf die Seite der
 Athener zu schlagen, aber ihre Anerbietungen genügten ihm nicht. Denn er stellte
 in den Verhandlungen, in denen er in Gegenwart des Tissaphernes für diesen
 das Wort führte, so übertriebene Forderungen, daß es trotz der weitestgehenden
 Zugeständnisse der Athener doch immer an ihnen zu liegen schien, wenn nichts
 zustande kam. Er forderte nämlich, daß sie ihm ganz Ionien und dazu noch die
 davor liegenden Inseln und anderes mehr überließen. Und als die Athener
 dagegen keine Einwendungen machten, ver­ 
 langte er endlich aus Furcht, eS könne an den Tag kommen, wie
 gering sein Einfluß sei, bei der dritten Zusammenkunft sogar, daß dem Könige das
 Recht eingeräumt würde, eine Kriegsflotte zu halten und die Gewässer seines
 Gebiets überall mit einer beliebigen Anzahl von Schiffen zu befahren. Das 
 ging den Athenern denn doch zu weit, und überzeugt, von Alkibiades hintergangen
 zu sein, reiften sie verdrießlich wieder ab und kehrten nach Samos zurück.

Gleich darauf, noch in demselben Winter, begab sich Tissa­ phernes nach Kaunos,
 um die Peloponnesier zur Rückkehr nach Milet zu veranlassen, und um nicht völlig
 mit ihnen zu brechen, beabsichtigte er, womöglich einen neuen Vertrag mit 
 ihnen zu schließen und ihnen den Sold zu gewähren. Er fürchtete nämlich, wenn
 sie nicht Schiffe genug unterhalten könnten und gezwungen wären, eine Schlacht
 zu liefern, würden die Athener sie besiegen oder, falls ihnen die Mannschaft von
 den Schiffen entliefe, auch ohne ihn ihren Zweck erreichen. Außerdem
 befürchtete er noch besonders, sie möchten sich am Lande aufs Plündern legen, um
 sich Lebensmittel zu vershcaffen. Aus alle diesen Erwägungen und nach wie vor
 überzeugt, daß es darauf ankomme, die griechischen Mächte einander die Wage
 halten zu lassen, lud er die Peloponnesier zu sich ein, bewilligte ihnen
 den Sold und schloß mit ihnen folgenden dritten Vertrag:

„Im dreizehnten Jahre der Regierung des Königs Dareios, als Alexippidas in
 Lakedämon Ephor war, wurde in der Maian­ drosebene zwischen den Lakedämoniern
 und ihren Bundesgenossen einerseits und Tissaphernes, Hieramenes und den Söhnen
 des Pharnakes anderseits in Sachen des Königs und der Lake­ dämonier und
 ihrer Bundesgenossen folgender Vertrag geschlossen. Alle Länder, welche der
 König in Asien besitzt, bleiben dem Könige, und der König kann mit diesen seinen
 Besitzungen schalten, wie es ihm beliebt. Die Lakedämonier und ihre 
 Bundesgenossen sollen gegen die Besitzungen des Königs keiner­ lei
 Feindseligkeiten verüben, auch von seiten deS Königs keinerlei Feindseligkeiten
 gegen die Besitzungen der Lakedämonier oder ihrer Bundesgenossen verübt werden.
 Würde jemand aus 
 dem Gebiete der Lakedämonier oder eines ihrer Bundesgenossen einen
 feindlichen Angriff auf das Gebiet des Königs machen, so sollen die Lakedämonier
 und ihre Bundesgenossen das zu verhindern suchen, und wenn jemand aus dem
 Gebiete des Königs einen feindlichen Angriff auf die Lakedämonier oder 
 ihre Bundesgenossen machen würde, so soll der König das zu verhindern suchen.
 Bis zur Ankunft der Flotte des Königs übernimmt Tissaphernes die vertragsmäßige
 Zahlung des Soldes für die gegenwärtig vorhandenen Schiffe. Nach der Ankunft
 der Flotte des Königs steht es den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen
 frei, ob sie ihre Schiffe in eigene Verpflegung nehmen wollen. Falls sie alsdann
 den Sold noch weiter von Tissaphernes zu beziehen wünschen, wird Tissaphernes
 ihn zahlen; dann aber haben die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen ihm
 nach Beendigung des Krieges die erhaltene Summe zu erstatten. Nach Ankunft der
 Flotte des Königs soll der Krieg nach einem von Tissaphernes mit den
 Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen zu vereinbarenden Plane von der Flotte
 der Lakedämonier und ihrer Bundesgenossen und der des Königs einheitlich
 geführt werden. Wenn sie aber Frieden schließen wollen, so soll dieser nur
 gemeinschaftlich geschlossen werden."

So lautete der Vertrag. Tissaphernes machte dann auch alsbald Anstalt, die
 phönizischen Schiffe der Verabredung ge­ mäß kommen zu lassen und die weiter von
 ihm übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen, sorgte aber auch dafür, daß das
 allgemein bekannt würde.

Gegen Ende des Winters brachten die Böotier Oropos, wo sich eine athenische
 Besatzung befand, durch Verrat in ihre Gewalt. Leute aus Eretria und Oropos
 selbst, welche Euboia zum Abfall bringen wollten, hatten ihnen dabei die Hand
 ge­ boten. Denn die Stadt war bei ihrer Lage Eretria gegenüber, solange
 sie im Besitz der Athener war, eine beständige Gefahr für Eretria wie für ganz
 Euboia. Jetzt also, wo sie Oropos hatten, stellten sich die Eretrier in Rhodos
 ein und baten die Peloponnesier, nach Euboia zu kommen. Die aber waren mehr
 dafür, das so schwer bedrängte Chios zu entsetzen, und gingen 
 mit der ganzen Flotte von Rhodos dahin unter Segel. Als sie am
 Triopion vorüberkamen, sichteten sie in See die Schiffe der Athener, welche von
 Chalke im Ansegeln waren. Zu einem Angriff kam es jedoch weder von dieser noch
 von jener Seite, und die einen gelangten nach Samos, die anderen nach Milet;
 die Peloponnesier aber sahen nunmehr ein, daß sie ohne eine Schlacht Chios
 nicht mehr würden entsetzen können. Damit endete dieser Winter und das
 zwanzigste Jahr des Krieges, den Thukydides beschrieben hat.

Im folgenden Sommer, gleich bei Eintritt des Frühlings, wurde der Spartiate
 Derkylidas mit einer Handvoll Leuten zu Lande nach dem Hellespont gesandt, um
 Abydos, eine Kolonie von Milet, zum Abfall zu bringen. Die Chier aber sahen
 sich, während Astyochos ihnen nicht zu helfen wußte, hart belagert wie sie
 waren, zu einer Seeschlacht gezwungen. Man hatte ihnen aus Milet, als Astyochos
 noch in Rhodos war, den Spartiaten Leon, der mit Antisthenes als Seesoldat
 heraus- gekommen war, nach Pedaritos' Tode als Befehlshaber ge­ schickt
 nebst zwölf, damals grade bei Milet liegenden Schiffen, von denen fünf aus
 Thurioi waren, vier aus Syrakus, eins aus Anaia, eins aus Milet und eins Leon
 selbst gehörte. Während sie mit ihrer ganzen Mannschaft einen Ausfall machten
 und eine starke Stellung im Gelände gewannen, gingen gleich­ zeitig ihre
 sechsunddreißig Schiffe gegen die zweiunddreißig der Athener vor und lieferten
 ihnen eine Schlacht. Dabei kam es zu einem heißen Kampfe, nach welchem sich die
 Chier und ihre Verbündeten, ohne besiegt zu sein, und zwar erst spät abends,
 in die Stadt zurückzogen.

Unmittelbar darauf, als Derkylidas zu Lande von Milet am Hellespont
 eingetroffen war, ging Abydos zu ihm und Pharnabazos über und zwei Tage nachher
 auch Lampsakos. Auf die Nachricht davon brach Strombichides unverzüglich mit
 vierundzwanzig Schiffen, darunter auch einer Anzahl Transport­ schiffen
 mit schwerem Fußvolk an Bord, von Chios dahin auf, besiegte die Einwohner von
 Lampsakos, die sich ihm entgegen­ stellten, und nahm ihre unbefestigte Stadt
 auch gleich mit 
 Sturm. Die fahrende Habe ließ er plündern und die Sklaven als
 Beute wegführen, die Freien aber in der Stadt wohnen. Darauf zog er weiter nach
 Abydos. Da es sich nicht frei­ willig ergab und er es nicht mit Sturm nehmen
 konnte, fuhr er von Abydos hinüber nach Sestos, der Stadt am Chersones, wo
 sich die Perser seinerzeit behauptet hatten, und legte eine Besatzung hinein, um
 den ganzen Chersones in Schach zu halten.

Inzwischen aber hatten die Chier und die Peloponnesier in Milet zur See freiere
 Hand gewonnen, und Astyochos glaubte wieder etwas wagen zu können, als er die
 Nachricht von der Seeschlacht erhielt und hörte, daß Strombichides mit der
 Flotte abgezogen sei. Er fuhr mit zwei Schiffen hinüber nach Chios, um auch die
 dort befindlichen Schiffe erst abzu­ holen, und unternahm darauf mit der ganzen
 Flotte einen Zug nach Samos. Da jedoch die Athener, die sich untereinander 
 nicht trauten, nicht zur Schlacht herauskamen, kehrte er wieder nach Milet
 zurück. 
 Um diese Zeit, und zwar schon etwas früher, war nämlich in Athen der Demokratie
 ein Ende gemacht worden. Nachdem Peisandros und die übrigen Gesandten von
 Tissaphernes nach Samoszurückgekommen waren, hatten sie sich nicht nur des 
 Heeres noch fester versichert, sondern auch den vornehmen Samiern zu dem Versuch
 geraten, mit ihrer Hilfe ein oligar­ chisches Regiment in Samos aufzurichten,
 obgleich man sich dort solchen oligarchischen Bestrebungen früher mit
 bewaffneter Hand widersetzt hatte. Unter sich kamen die Athener in Samos 
 bei weiterer Erwägung der Sache dann aber überein, Alki­ biades, da er nun mal
 nicht wolle und auch in eine oligarchische Regierung nicht passe, ganz aus dem
 Spiel zu lassen. Viel­ mehr würde es, nachdem sie schon so weit gegangen,
 nunmehr an ihnen sein, selbst das Ihrige zu tun, um die Sache durch­ 
 zusetzen und zugleich den Krieg energisch fortzuführen und, da sie jetzt ihre
 eigene Haut zu Markte tragen müßten, Geld und alles, was sonst noch nötig sei,
 bereitwillig auch aus eigenen Mitteln beizusteuern.

Nachdem sie das unter sich ausgemacht, schickten sie Pei­ sandros und die eine
 Hälfte der Gesandten sogleich nach Athen und trugen ihnen auf, auch in den
 abhängigen Städten, die sie unterwegs etwa anlaufen würden, oligarchische
 Regierungen einzusetzen; die andere Hälfte schickten sie nach allen Seiten 
 an die übrigen abhängigen Orte. Diotrephes, der damals mit vor Chios war, den
 sie zum Oberbefehlshaber in Vorder­ thrakien ausersehen hatten, ließen sie zur
 Übernahme seines Amtes dahin abgehen. Der machte, als er nach Thasos kam, 
 der Demokratie dort ein Ende. Aber schon etwa zwei Monate, nachdem er wieder
 abgefahren war, begannen die Thasier ihre Stadt zu befestigen, da ihnen an einer
 Adelsherrschaft im Bunde mit Athen nichts mehr gelegen war, weil sie jeden Tag
 auf ihre Befreiung durch die Lakedämonier rechneten. Denn die von den
 Athenern aus Samos vertriebenen Aristokraten befanden sich draußen im
 peloponnesischen Lager und setzten mit ihren Gesinnungsgenossen in der Stadt
 alle Hebel in Be­ wegung, daß man eine Flotte nach Thasos schicke, um es den
 Athenern zu entreißen. Und da kam es ihnen sehr gelegen, i daß die frühere
 Verfassung, ohne daß sie selbst etwas dabei gewagt, wiederhergestellt und die
 Volkspartei, die sich dem widersetzt haben würde, gestürzt war. Die Athener,
 welche das oligargische Regiment in Thasos eingeführt, hatten sich also 
 dabei verrechnet, und wie ich glaube, ist es ihnen bei manchen anderen ihrer
 Untertanen nicht besser gegangen. Denn nach­ dem die Städte zur Besinnung
 gekommen waren und un­ beschadet ihre eigenen Wege gehen konnten, strebten sie
 nach voller Unabhängigkeit und wollten von einer wurmstichigen Autonomie
 von Athens Gnaden nichts mehr wissen.

Peisandros und seine Begleiter stellten, wie ihnen auf­ getragen war, in den
 Städten, die sie unterwegs berührten, die Volks Herrschaft ab, nahmen auch aus
 einigen Bewaffnete zu ihrem Schutz mit nach Athen. Bei ihrer Ankunft dort 
 fanden sie, daß ihnen von ihren Freunden schon tüchtig vor­ gearbeitet war. Eine
 Anzahl junger Leute, die zur Partei ge­ hörten, hatten einen gewissen Androkles,
 einen der Hauptführer 
 der Volkspartei, vornehmlich auf dessen Betreiben auch Alki­ 
 biades verbannt worden war, heimlich ermordet und ihn haupt­ sächlich ans dem
 doppelten Grunde ums Leben gebracht, weit er einer der Führer der Volkspartei
 war und weil sie Alki­ biades, der ihrer Meinung nach zurückkehren und ihnen zu
 einem Bündnis mit Tissaphernes verhelfen würde, damit einen Gefallen zu
 tun glaubten. Ebenso hatten sie einige andere, ihnen unbequeme Persönlichkeiten
 heimlich aus dem Wege ge­ räumt. öffentlich aber kündigten sie einen Antrag an,
 wonach künftig niemand, wer nicht Kriegsdienste leistete, Sold aus der 
 Staatskasse beziehen und das Stimmrecht in der Volksversamm­ lung nur
 fünftausend Bürgern, und zwar denjenigen zustehen sollte, welche persönlich und
 durch ihr Vermögen vorzugs­ weise imstande seien, die Lasten des Gemeinwesens
 auf sich zu nehmen.

Damit aber sollte die Sache nur in den Augen der Menge beschönigt werden; denn
 die Regierung in der Stadt sollte natürlich den Leuten in die Hände fallen,
 welche die bestehende Regierung stürzen wollten. Das Volk und der durchs Bohnen­
 los gewählte Rat kamen freilich noch zusammen, allein es wurde nichts
 beschlossen, was den Verschworenen nicht in den Kram paßte. Die Sprecher waren
 ausschließlich Leute aus ihrer Mitte, die sich obendrein vorher darüber
 verständigt hatten, was sie sagen wollten, und von den übrigen wagte niemand
 zu widersprechen, da jeder sah, wie zahlreich deren Anhänger waren, und
 sich fürchtete. Wenn aber wirklich einmal einer widersprochen hatte, so konnte
 er sicher sein, bei erster Gelegen­ heit über die Seite gebracht zu werden, ohne
 daß nach den Tätern geforscht oder gegen die Verdächtigen eingeschritten 
 wäre. Das Volk aber rührte sich nicht und war so einge­ schüchtert, daß jeder
 seinem Schöpfer dankte, wenn man ihn nur zufrieden ließ, auch wenn er den Mund
 halten mußte. Da man die Zahl der Vershcworenen für weit größer hielt, als sie
 wirklich war, hatte eben alles den Mut verloren. Genau fest­ zustellen
 aber war sie nicht wegen der Größe der Stadt und weil man einander nicht
 genügend kannte. Aus diesem Grunde 
 konnte man auch anderen seine Not nicht klagen und sie um Beistand
 gegen Nachstellungen ansprechen; denn entweder wäre man damit an einen
 Unbekannten geraten oder an einen Be­ kannten, dem man nicht trauen durfte. Denn
 wenn zwei Demo­ kraten einander begegneten, traute einer dem anderen nicht,
 weil er nicht sicher war, ob der nicht auch mit dazu gehörte. Denn unter
 ihnen gab es manche, von denen niemand geglaubt hätte, daß sie es mit den
 Oligarchen halten würden. Und diese hauptsächlich waren es, welche den Argwohn
 der Menge erregten und dadurch, daß sie das Volk mit Mißtrauen er­ 
 füllten, am meisten dazu beitrugen, der Sache der Oligarchen Vorschub zu
 leisten.

So standen die Dinge, als Peisandros und seine Be­ gleiter ankamen und sich
 auch gleich an die Spitze der Be­ wegung stellten. Sie beriefen zunächst eine
 Volksversammlung und schlugen vor, zehn Männer zu wählen und ihnen Voll­ 
 macht zu erteilen, den Entwurf eines verbesserten Verfassungs­ gesetzes
 auszuarbeiten und ihn alsdann an einem im voraus bestimmten Tage an die
 Volksversammlung zu bringen. Darauf, als der Tag gekommen war, ließen sie die
 Versammlung draußen in Kolonos, einem etwa zehn Stadien von der Stadt 
 entfernten Heiligtum des Poseidon, sozusagen hinter Schloß und Riegel abhalten,
 und das einzige, was die Gesetzgeber hier vorschlugen, war, eS solle den
 Athenern künftig freistehen, jeden beliebigen Antrag zu stellen, und bei
 schwerer Strafe verboten sein, einen solchen Antragsteller wegen Verfassungs­
 verletzung ^raplie paranomonj anzuklagen oder ihm ander­ weit
 Ungelegenheiten zu bereiten. Schon hier wurde denn auch gradezu beantragt, die
 Amter und Behörden nicht mehr in bisheriger Weise zu besetzen und die
 Besoldungen aus der Staatskasse abzuschaffen, auch zunächst fünf Männer zu
 wählen, welche ihrerseits wieder hundert und diese hundert alsdann je drei
 weitere hinzuwählen sollten. Diese Vierhundert sollten sich dann aufs Rathaus
 begeben und unumschränkt nach eigenem Gutbefinden in der Stadt regieren, auch,
 sooft es ihnen an der Zeit scheine, die Fünftausend zusammenkommen lassen.

Peisandros war es, der den Antrag stellte und auch sonst unermüdlich offen
 darauf ausging, die Demokratie zu stürzen. Wer aber die ganze Sache eingefädelt
 und schon seit langer Zeit bei sich erwogen hatte, wie man damit zum Ziel kommen
 könne, war Antiphon, ein Mann, der unter seinen Zeitgenossen in Athen an
 persönlicher Tüchtigkeit keinem nachstand, ein ebenso scharfer Denker wie
 gewandter Redner. In der Volks­ versammlung freilich und vor Gericht trat er nur
 ungern auf, und die Leute hielten ihn für einen Schlaukopf, dem nicht zu 
 trauen. Denen aber, die vor Gericht oder in der Volks­ versammlung eine Sache
 auszufechten hatten und ihn unter vier Augen um Rat fragten, konnte er wie kein
 anderer in der Regel nützliche Winke geben. Auch später, als das Blatt sich
 gewandt und das Volk die Herrschaft der Vierhundert gestürzt hatte und er
 als einer, der sie mit aufgerichtet, wegen Hoch­ verrats angeklagt wurde, war
 unter allen den noch zu meiner Zeit in dieser Sache gehaltenen
 Verteidigungsreden seine ent­ schieden die beste. Besonders eifrig legte sich
 auch Phrynichos für die Oligarchie ins Zeug aus Furcht vor Alkibiades, weit
 er wußte, daß ihm bekannt geworden war, was er in Samos mit Astyochos
 verhandelt hatte, und er es für unwahrscheinlich hielt, daß eine oligarchische
 Regierung ihn zurückrufen würde; auch zeigte sich, daß man sich auf ihn, nachdem
 er einmal bei­ getreten war, in der Gefahr am sichersten verlassen konnte. 
 Einer der ersten, welche die Demokratie zu stürzen suchten, war auch Theramenes,
 Hagnons Sohn, auch er ein Mann, dem es weder an Verstand noch an Rednergabe
 fehlte. Und eben weil so viel gescheite Männer sich daran beteiligten, wird
 es begreiflich, daß das Unternehmen, so schwierig es war, dennoch gelingen
 konnte. Denn es war keine Kleinigkeit, das athenische Volk nahezu grade hundert
 Jahre nach der Ver­ treibung der Tyrannen dahinzubringen, seiner Freiheit zu
 ent­ sagen, während es seitdem nicht nur selbst frei, sondern mehr als die
 Hälfte dieser Zeit über andere zu herrshcen gewohnt gewesen war.

Nachdem die Versammlung die Anträge ohne Widerspruch 
 angenommen und sich aufgelöst hatte, führte man die Vier­ hundert
 auch schon bald nachher auf dem Rathause ein, und zwar in folgender Weise. Die
 Athener waren damals wegen der Feinde in Dekeleia, teils auf der Mauer, teils
 auf den Sammelplätzen immer alle unter Waffen. An dem Tage ließ man nun
 die, welche nicht mit im Geheimnis waren, wie ge­ wöhnlich bei der Ablösung nach
 Hause gehen, den Eingeweihten aber im stillen befehlen, sich nicht wie sonst auf
 die Sammel­ plätze zu begeben, sondern sich anderswo bereitzuhalten, um 
 einen etwaigen Versuch, das Vorhaben zu vereiteln, mit be­ waffneter Hand zu
 verhindern. Unter denen, an welche dieser Befehl erteilt war, befanden sich auch
 dreihundert Mann aus Andros, Tenos und Karysos, sowie eine Anzahl der von 
 den Athenern auf Agina angesetzten Kolonisten, die man zu dem Zweck bewaffnet
 hatte herüberkommen lassen. Nachdem diese über die Stadt verteilt worden waren,
 begaben sich die Vierhundert, den Dolch im Gewände, und die zweihundert 
 jungen Leute, und zwar Griechen, die man mitgenommen, um nötigenfalls mit dem
 Knüttel dreinzuschlagen, aufs Rathaus zu den dort versammelten durchs Bohnenlos
 gewählten Rats­ herren und erklärten ihnen, ihr Sold würde ihnen gezahlt 
 werden, und dann könnten sie nach Hause gehen. Den Sold für ihre ganze noch
 übrige Amtszeit hatten sie gleich mitgebracht und ließen ihn ihnen beim
 Hinausgehen auszahlen.

Als der Rat auf diese Weise ohne Widerspruch das Feld geräumt hatte, auch die
 übrige Bürgerschaft sich nicht rührte, sondern alles über sich ergehen ließ,
 losten die Vierhundert nunmehr, wo sie vom Rathause Besitz genommen, unter sich
 die Prytanen aus und verrichteten, um auch den Pflichten gegen die Götter
 zu genügen, beim Antritt ihres Amtes die üblichen Opfer und Gebete. Später hoben
 sie die unter der demokratischen Regierung getroffenen Anordnungen guten Teiles
 wieder auf, nur daß sie die Verbannten, Alkibiades' wegen, nicht
 zurückriefen, wie sie auch im übrigen ein rücksichtsloses und gewaltsames
 Regiment in der Stadt führten. Eine wenn auch nicht große Anzahl Männer, deren
 Beseitigung ihnen 
 rätlich schien, ließen sie hinrichten, andere ins Gefängnis werfen,
 andere des Landes verweisen. Zu Agis, dem Könige der Lake­ dämonier, in
 Dekeleia schickten sie und ließen ihm sagen, sie seien bereit Frieden zu
 schließen und dürften voraussetzen, daß auch er sich darauf lieber mit ihnen
 einlassen würde als mit der bisherigen unzuverlässigen demokratischen
 Regierung.

Agis aber glaubte nicht, daß die Stadt ruhig bleiben und das Volk so bald auf
 seine alte Freiheit verzichten würde. Über­ zeugt, daß es dort beim Erscheinen
 eines starken feindlichen Heeres noch zu weiteren Auftritten kommen und
 wahrscheinlich gleich losgehen würde, gab er den Abgesandten der Vierhundert
 in seiner Antwort zu verstehen, daß von Friedensverhandlungen keine Rede
 sein könne. Auch ließ er aus dem Peloponnes noch zahlreiche Truppen kommen und
 rückte nicht lange nach­ her mit ihnen und der Besatzung von Dekeleia dicht
 unter die Mauern von Athen in der Hoffnung, entweder würde man sich dort
 im ersten Schrecken vielleicht eher zu Zugeständnissen an ihn verstehen, oder
 ihm doch bei der drinnen und draußen gewiß eintretenden Verwirrung unfehlbar
 gelingen, die nur schwach besetzten langen Mauern im ersten Angriff zu nehmen.
 Als er jedoch in die Nähe gekommen und von einer Bewegung in der Stadt
 nicht das geringste zu merken war, auch die gegen ihn ausgeschickte athenische
 Reiterei eine Anzahl seiner Hopliten, Leichtbewaffneten und Bogenschützen, die
 sich zu nah herangewagt, niedermachte und sich einiger Rüstuugen und Toten
 bemächtigte, sah er ein, daß er nichts ausrichtete, und zog mit dem Heere wieder
 ab. Er selbst blieb mit seinen Truppen an alter Stelle in Dekeleia, die erst
 später nach­ gekommenen aber ließ er, nachdem sie nur wenige Tage im Lande
 gewesen waren, wieder nach Hause gehen. Hierauf schickten die Vierhundert aber
 doch nochmal wieder Abgeordnete an Agis, bei dem sie jetzt auch schon mehr
 Entgegenkommen fanden, und auf seine Anheimgabe dann auch Gesandte zu 
 Friedensverhandlungen nach Lakedämon, weil sie dem Kriege ein Ende zu machen
 wünschten.

Auch nach Samos schickten sie zehn Männer, um das 
 Heer zu beruhigen und darüber aufzuklären, daß es bei der 
 Einführung des oligarchischen Regiments durchaus nicht auf Unterdrückung der
 Stadt und der Bürger, sondern nur darauf abgesehen gewesen sei, Athen überhaupt
 vor dem Untergange zu retten, auch daß es nicht nur vierhundert, sondern fünf­
 tausend Bürger seien, welche die Stadt regierten, wie sich ja schon
 bisher, auch wo es sich um die wichtigsten Beschlüsse über Feldzüge und
 auswärtige Angelegenheiten gehandelt, niemals auch nur fünftausend zu einer
 Versammlung eingefunden hätten. Mit diesen und anderen zweckdienlichen Aufträgen
 schickten sie die Zehn gleich ab, nachdem sie ans Ruder gekommen, weil sie
 besorgten, das Schiffsvolk würde sich das oligarchische Regi­ ment nicht
 gefallen lassen und der Herd einer Bewegung werden, die ihren Sturz herbeiführen
 könnte. Und so kam es auch.

Denn in Samos nahm es damals in der Tat mit der Oligarchie schon wieder ein
 Ende, und zwar grade zu der Zeit,. wo die Vierhundert zusammentraten. Jene
 Samier, welche sich früher gegen die Adelsherrschaft erhoben und zur Volks­
 partei gehört, hatten sich nämlich nach Peisandros' Ankunft von diesem und
 den ihm anhängenden Athenern in Samos überreden lassen, die Farbe zu wechseln,
 und ihrer etwa Drei­ hundert miteinander verbunden in der Absicht, über ihre
 nach wie vor zur Volkspartei gehörenden Mitbürger herzufallen. Einen
 gewissen Hyperbolos aus Athen, einen Taugenichts, der nicht etwa, weil man
 seinen Einfluß oder sein Ansehen fürchtete, sondern weil er durch seine
 schlechten Streiche der Stadt Schande machte, durch das Scherbengericht verbannt
 worden war, brachten sie ums Leben, und zwar im Einverständnis mit 
 Charminos, einem der Feldherren, und einigen anderen in Samos lebenden Athenern,
 die mit ihnen unter einer Decke steckten und ihnen auch sonst bei ihrem Treiben
 die Hand boten, mit deren Hilfe sie auch den Kampf gegen die Demo­ kraten
 aufzunehmen gedachten. Diese aber kamen dahinter und setzten die Feldherren Leon
 und Diomedon, denen, weil sie beim Volke in hohem Ansehen tsanden, das
 oligarchische Regiment 
 
 nicht nach Sinne war, auch den Trierarchen Thrasybulos und 
 Thrasylos, der als gemeiner Soldat im Heere diente, und noch einige andere, die
 schon immer für besonders eifrige Gegner der oligarchischen Partei galten, davon
 in Kenntnis, was man im Schilde führe, und baten sie, nicht zuzulassen, 
 daß man sie unter die Füße trete und Samos, mit dessen Hilfe Athen seine
 Herrschaft bisher allein aufrechterhalten, in fremde Hände spiele. Die nahmen
 hierauf die Soldaten einzeln bei­ seite und stellten ihnen vor, daß sie das
 nicht leiden dürften, besonders auch der Mannschaft der Paralos, welche aus
 lauter freien Athenern bestand, die von jeher auch schon, ehe es dazu kam,
 gegen die Oligarchie gewesen waren. Leon und Diomedon aber ließen, wenn sie eine
 Fahrt nach auswärts unternahmen, immer eine Anzahl Schiffe zu ihrem Schutz
 zurück. Als dann die Dreihundert gegen die Demokraten wirklich zum Angriff 
 schritten, kamen sie^lle, namentlich die Paralier, diesen zu Hilfe, und so ging
 die Volkspartei in Samos als Sieger aus dem Kampfe hervor. Einige dreißig von
 den Dreihundert wurden getötet, die drei Schuldigsten zur Strafe verbannt. 
 Den übrigen aber trug man ihre Missetaten nicht nach und ließ ihnen auch unter
 der demokratischen Regierung ihr Bürgerrecht.

Die Samier aber und die Truppen schickten die Paralos und mit ihr Chaireas,
 Archostratos' Sohn, einen Athener, welcher in dem Kampfe um die Verfassung
 besonderen Eifer bewiesen hatte, schleunigst nach Athen, um das Ereignis dort
 zu melden; denn sie wußten noch nicht, daß die Vierhundert inzwischen zur
 Herrschaft gelangt waren. Als die Paralos kaum angekommen war, ließen die
 Vierhundert sogleich ein paar Leute aus der Mannschaft ins Gefängnis werfen, den
 übrigen aber das Schiff nehmen und sie auf ein anderes, zum Truppen­ 
 transport bestimmtes Schiff versetzen und damit bei Euboia Wache tsehen.
 Chaireas aber, der sich, als er die Dinge kommen sah, gleich heimlich aus dem
 Staube gemacht hatte und dann nach Samos zurückgekehrt war, schilderte nun den
 Soldaten dort die Zustände in Athen noch weit schlimmer, als sie wirklich 
 waren: die Bürger würden ausgepeitscht, jede mißliebige 
 Äußerung über Anordnungen der Machthaber sei streng ver­ boten,
 Weiber und Kinder würden mißhandelt, ja man ginge sogar damit um, die
 Angehörigen aller Soldaten in Samos, die nicht zur Partei hielten, ins Gefängnis
 werfen und hin­ richten zu lassen, wenn das Heer den Gehorsam verweigere, 
 und was er ihnen alles sonst noch vorlog.

Als sie so was hörten, wollten sie anfangs den Häuptern der oligarchischen
 Partei und allen, die mit dazu gehört, so­ gleich zu Leibe, standen davon aber
 dann doch wieder ab, als man sich von unparteiischer Seite ins Mittel legte und
 sie eines Bessern belehrte, damit es bei der bedrohlichen Nähe der
 feindlichen Flotte kein Unglück gäbe. Darauf aber erklärten sich Thrasybulos,
 Lykos' Sohn, und Thrasylos, die schon bis­ her an der Spitze der Bewegung
 gestanden hatten, nunmehr in Samos offen für die Demokratie und verpflichteten
 das ganze Heer, insbesondere auch die Anhänger der Oligarchie durch einen
 feierlichen Eid, einmütig für die Herstellung der demokra­ tischen Verfassung
 einzustehen, den Krieg gegen die Peloponne­ sier eifrig fortzusetzen und die
 Vierhundert als Feinde anzusehen, sich auch auf keinerlei Verhandlungen mit
 ihnen einzulassen. Denselben Eid leisteten auch alle erwahcsenen Samier, und die
 Truppen und die Samier verbanden sich, gemeinsame Sache zu machen und von
 nun an alle Gefahren miteinander zu teilen, überzeugt, daß ihnen nichts anderes
 übrigbleibe und sie beide verloren sein würden, wenn die Vierhundert oder die
 Feinde in Milet die Oberhand behielten.

So waren damals beide Parteien um die Wette bemüht, die eine, die Stadt zur
 Wiederherstellung der demokratischen Verfassung zu nötigen, die andere, das Heer
 für die Oligarchie zu gewinnen. Die Soldaten beriefen sogleich eine Versamm­
 lung, in der sie die bisherigen Feldherren und die ihnen ver­ dächtigen
 Trierarchen absetzten und statt ihrer andere, darunter auch Thrasybulos und
 Thrasylos, dazu erwählten, auch sich durch Reden untereinander ermutigten und
 insbesondere darüber zu beruhigen suchten, daß die Stadt sich von ihnen getrennt
 habe; sei es doch nur eine Minderheit, die sich von ihnen los­ 
 gesagt, der sie nicht nur an Zahl, sondern auch an Hilfs­ mitteln
 in jeder Hinsicht überlegen seien. Denn sie, in Besitz der ganzen Flotte,
 könnten die untertänigen Orte so gut von hier wie von Athen aus zur Entrichtung
 von Abgaben zwingen; auch hätten sie ja jetzt das mächtige Samos, das im Kriege
 den Athenern die Herrschaft zur See ums Haar streitig ge­ macht hätte, und
 könnten von da dem Feinde nach wie vor die Spitze bieten. Obendrein seien sie,
 da sie die Flotte be­ säßen, eher in der Lage, sich Lebensmittel zu verschaffen
 als die Athener in der Stadt. Nur ihnen hier in Samos habe man bisher die
 freie Zufuhr von Lebensmitteln nach dem Peiraieus zu danken, und wenn man ihnen
 jetzt die Wieder­ herstellung der früheren Verfassung nicht zugestehen wollte,
 so würde sich zeigen, daß sie eher imstande seien, den Athenern die See zu
 sperren als die Athener ihnen. Was sie an Hilfs­ mitteln aus der Stadt
 erhielten, um sich den Feinden gegen­ über zu behaupten, sei blitzwenig und
 nicht der Rede wert, und was sei ihnen an Leuten verloren, die ihnen weder Geld
 schicken, das sich der Soldat jetzt ja selbst verschaffen müßte, noch
 nützliche Ratschläge erteilen könnten, worauf man sich sonst doch in der Stadt
 besser verstehe als im Heere. Aber auch darin hätten sie sich dort schwer
 versündigt, daß sie die von den Vätern überkommene Verfassung umgestoßen; sie
 da­ gegen wollten sie wieder aufrichten und auch sie dort dazu zu nötigen
 suchen, also auch darauf, was dem Staate fromme, verstehe man sich hier besser
 als bei ihnen. Und wenn man Alkibiades Straflosigkeit und freie Rückkehr
 erwirke, werde er ihnen mit Vergnügen zur Freundschaft des Königs verhelfen.
 Schlimmstenfalls aber, und das sei das Wichtigste, stehe ihnen mit einer
 solchen Flotte die weite Welt offen, um sich irgendwo eine neue Heimat zu
 gründen.

Nachdem sie sich auf diese Weise in der Versammlung untereinander ermutigt
 hatten, richteten sie sich auch um so eifriger auf den Krieg ein. Die zehn von
 den Vierhundert nach Samos geschickten Gesandten aber, denen diese Vorgänge
 schon in Delos bekannt wurden, gaben dort die Weiterreise auf.

Um die Zeit herrschte unter der Mannschaft der pelo­ ponnesischen Flotte bei
 Milet lebhafte Unzufriedenheit darüber, daß es unter Astyochos und Tissaphernes
 mit ihnen beständig rückwärts ginge. Schon früher, als sie selbst noch stärker
 und die athenische Flotte nur klein gewesen, habe Astyochos sich auf keine
 Schlacht eingelassen, und auch jetzt, wo die Athener dem Vernehmen nach unter
 sich in Streit lägen und ihre Flotte noch nicht beisammen hätten, könne er sich
 dazu nicht entschließen. Statt dessen warte man auf Tissaphernes' phönizische
 Schiffe, die nur dem Namen nach, in Wirklichkeit aber nicht vorhanden 
 seien, und taufe Gefahr, schließlich gar völlig vernichtet zu werden.
 Tissaphernes aber lasse nicht nur die Schiffe nicht kommen, sondern schädige
 auch die Flotte dadurch, daß er den Sold nur unregelmäßig und unvollständig
 zahle. Man dürfe also nicht länger warten, sondern müsse eine Schlacht wagen.
 Und vor allem waren es die Syrakuser, welche darauf drangen.

Astyochos und die Verbündeten, denen die allgemeine Un­ zufriedenheit nicht
 entging, beschlossen denn auch in einem Kriegsrate, eine Schlacht zu liefern,
 zumal sie inzwischen die Nachricht von den Unruhen in Samos erhalten hatten. Sie
 brachen darauf auch mit allen, im ganzen hundertzwölf Schiffen auf und
 gingen damit nach Mykale unter Segel, während sie die Mileter den Landweg nach
 Mykale einschlagen ließen. Die Athener lagen damals mit ihrer Flotte vor Samos,
 zweiund­ achtzig Segel stark, bei Glauke aus Mykale, wo Samos Mykale 
 gegenüber nah an das Festland reicht, zogen sich aber, als sie. die Schiffe der
 Peloponnesier kommen sahen, nach Samos zu­ rück, weit sie sich für zu schwach
 hielten, einer solchen Über­ macht gegenüber eine entscheidende Schlacht
 aufzunehmen. Außer­ dem wollten sie, da sie schon vorher erfahren, daß man sich
 in Milet zu einer Schlacht entschlossen hatte, zunächst abwarten, daß
 Strombichides, an den bereits ein Bote geschickt war, mit den von Chios nach
 Abydos abgegangenen Schiffen zu ihnen stieße. Unter diesen Umständen also gingen
 die Athener nach Samos zurück. Die Peloponnesier aber legten bei Mykale an,
 wo sie und das Landheer ans Milet und der Umgegend ein 
 Lager bezogen. Als sie jedoch am folgenden Tage, eben als sie nach
 Samos aufbrechen wollten, die Nachricht erhielten, daß Strombichides vom
 Hellespont mit der Flotte eingetroffen sei, fuhren sie schleunigst wieder ab
 nach Milet. Nun gingen die Athener, nachdem die Flotte zu ihnen gestoßen war,
 ihrer­ seits mit hundertacht Schiffen nach Milet unter Segel, in der 
 Absicht, dort eine Schlacht zu liefern; da jedoch niemand dazu herauskam, fuhren
 sie wieder nach Samos zurück.

Unmittelbar nahcher in demselben Sommer schickten die Peloponnesier, die sich
 nicht zugetraut hatten, mit ihrer ganzen Flotte dem Gegner die Spitze zu bieten
 und, zumal Tissaphernes nur unregelmäßig zahlte, nicht wußten, woher das Geld
 für so viel Schiffe zu nehmen, Klearchos, Rhamphios' Sohn, mit vierzig
 Schiffen zu Pharnabazos, wie das ja im Peloponnes von vornherein bestimmt war.
 Pharnabazos nämlich hatte sie zu Hilfe gerufen nnd sich erboten, den Unterhalt
 zu gewähren, gleichzeitig aber hatte auch Byzanz wegen seines Abfalls Ver­ 
 handlungen mit ihnen angeknüpft. Diese vierzig peloponnesischen Schiffe, welche,
 um von den Athenern nicht bemerkt zu werden, durch die hohe See fuhren, wurden
 jedoch unterwegs von einem Sturm erfaßt. Die meisten unter Klearchos erreichten
 Delos und gelangten später nach Milet zurück, von wo Klearchos sich zu
 Lande wieder nach dem Hellespont begab und dort den Oberbefehl übernahm. Die
 übrigen zehn unter Helixos aus Megara kamen glücklich nach dem Hellespont und
 brachten Byzanz zum Abfall. Bald nachher, als die Athener in Samos das
 erfuhren, schickten sie auch eine Anzahl Schiffe und Truppen nach dem
 Hellespont, und es kam bei Byzanz mit acht Schiffen gegen acht zu einer kleinen
 Seeschlacht.

Die Männer aber, welche damals in Samos an der Spitze standen, insbesondere
 Thrasybulos, waren auch unter den veränderten Verhältnissen nach wie vor der
 Ansicht, daß man Alkibiades zurückrufen müsse, und es gelang ihnen endlich 
 auch, in einer Versammlung die große Mehrheit der Soldaten dafür zu gewinnen.
 Nachdem man beschlossen, daß Alkibiades Straflosigkeit und freie Rückkehr zu
 gewährleisten sei, fuhr 
 Thrasybulos zu Tissaphernes hinüber und brachte darauf Alki­ 
 biades mit nach Samos; denn nach seiner Meinung kam alles darauf an, dessen
 Einfluß zu benutzen, um Tissaphernes von. den Peloponnesiern auf ihre Seite zu
 ziehen. In einer sodann berufenen Versammlung erging sich Alkibiades zunächst in
 Be­ schuldigungen und Klagen über seine Verbannung und die ihm daraus
 persönlich erwachsenen Leiden, um dann in einer längeren Rede über die
 politische Lage die glänzendsten Hoffnungen für die Zukunft bei den Anwesenden
 zu erwecken. Dabei übertrieb er die Größe seines Einflusses bei Tissaphernes,
 einmal damit die oligarchischen Machthaber in Athen ihn fürchten und die 
 politischen Vereine um so eher aufgelöst werden sollten, die Athener in Samos
 aber ihn um so höher schätzten und immer mehr Vertrauen zu ihrer Sache faßten,
 anderseits aber auch, um den Riß zwischen Tissaphernes und den Feinden möglichst
 zu erweitern und deren noch immer auf ihn gesetzten Hoff­ nungen zunichte
 zu machen. So versicherte er ihnen mit prahlerischer Übertreibung, Tissaphernes
 habe ihm feierlich ver­ sprochen, wenn er nur erst zu den Athenern Vertrauen
 gefaßt, solle es ihnen, solange er noch einen Groschen habe, an Unter­ 
 halt nicht fehlen, und wenn er schließlich seine eigene Bett­ decke versetzen
 müßte, und die schon in Aspendos befindlichen phönizischen Schiffe würde er für
 die Athener und nicht für die Peloponnesier kommen lassen. Vertrauen zu den
 Athenern fassen freilich würde er nur, wenn er, Alkibiades, zurückgerufen 
 und ihm Bürge für sie werden würde.

Nachdem sie das und mehr desgleichen von ihm gehört, wählten sie neben den
 bisherigen Feldherren auch ihn dazu und unterstellten das Ganze seiner Leitung,
 würden auch alle in dem Augenblick die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang
 der Sache und Rache an den Vierhundert für kein Geld ver­ tauscht haben.
 Infolge seiner Rede hatten sie die größte Lust, ohne sich um die Feinde in der
 Nähe weiter zu bekümmern, mit der Flotte gleich nach dem Peiraieus zu fahren. Er
 aber ließ es dazu nicht kommen, obwohl von vielen Seiten darauf gedrungen
 wurde, sondern erklärte, nachdem man ihn auch zum 
 Feldherrn gewählt, müsse er erst zu Tissaphernes fahren, um das
 Weitere über die Kriegführung mit ihm zu verabreden. Auch reiste er gleich nach
 der Versammlung ab, als ob sie beide schon völlig Hand in Hand gingen, aber auch
 um sich bei ihm ein größeres Ansehen zu geben und ihm zu Gemüte zu führen,
 daß er nunmehr zum Feldherrn gewählt und in der Lage sei, ihm sowohl zu nützen
 wie zu schaden. So wußte Alkibiades Tissaphernes gegen die Athener und diese
 gegen Tissaphernes auszuspielen.

Als die Peloponnesier in Milet die Rückkehr des Alki­ biades erfuhren, wollten
 sie von Tissaphernes, dem sie schon länger nicht mehr trauten, erst recht nichts
 mehr wissen. Denn seit sie den Kampf gegen die Flotte der Athener bei deren
 Vorstoß gegen Milet nicht gewagt hatten, war Tissaphernes mit der Zahlung
 des Soldes noch weit lässiger geworden, und infolgedessen hatte, schon bevor
 diese Vorgänge mit Alkibiades dazwishcenkamen, ihr Haß gegen ihn noch
 zugenommen. Die Truppen, nicht nur der gemeine Mann, sondern auch Männer 
 in höheren Stellungen, rotteten sich zusammen, wie das freilich auch früher
 schon vorgekommen war, und murrten, daß sie niemals ihren vollen Sold erhielten,
 sondern ihnen zu wenig und auch das nicht einmal regelmäßig bezahlt würde, und
 wenn man nicht eine Schlacht liefere oder sie dahin führe, wo man ihnen
 Unterhalt gewähren wolle, so würden die Leute von den Schiffen entlaufen. An
 alledem aber, hieß es, sei Astyochos schuld, der Tissaphernes immer zu Willen
 sei, weil er in seinem Solde stehe.

Während sich die Unzufriedenheit im Heere dergestalt Luft machte, kam es mit
 Astyochos noch zu einem weiteren stürmischen Auftritt. Die Seeleute aus Syrakus
 und Thurioi nämlich verlangten ihren Sold und traten dabei um so trotziger gegen
 ihn auf, da es größtenteils freie Leute waren. Astyochos aber gab ihnen
 eine barsche Antwort und bedrohte sie, erhob sogar gegen Dorieus, der für seine
 Leute eintrat, den Stock. Bei diesem Anblick drangen und schrien sie als
 richtige Seeleute alle auf ihn ein und wollten ihm zu Leibe. Er aber sah sich 
 vor und flüchtete auf einen Altar. Auch kam er noch glücklich 
 davon, und man brachte sie auseinander. Die Mileter aber bemächtigten sich durch
 einen heimlichen Überfall des von Tissa­ phernes in Milet erbauten Kastells und
 vertrieben die Besatzung daraus. Den übrigen Verbündeten, besonders den
 Syrakusern, war das ganz recht. Lichas jedoch war damit nicht einver­ 
 standen und erklärte, Milet und alle übrigen Orte im Gebiete des Königs hätten
 bis zu glücklicher Beendigung des Krieges Tissaphernes zu gehorchen und sich
 seine Anordnungen ohne Widerrede gefallen zu lassen. Wegen dieser und ähnlicher
 Äußerungen waren ihm die Mileter böse, und als er später an einer
 Krankheit starb, duldeten sie nicht, daß er da begraben wurde, wo die
 Lakedämonier in Milet ihn bestatten wollten.

Während es zu solchen Zwistigkeiten mit Astyochos und Tissaphernes gekommen
 war, traf Mindaros als Astyochos' Nachfolger aus Lakedämon ein und übernahm den
 Oberbefehl über die Flotte. Astyochos aber fuhr ab, und Tissaphernes 
 schickte einen seiner Leute namens Gaulites, einen zweisprachigen Karer, mit ihm
 nach Lakedämon, um die Mileter wegen des Kastells zu verklagen, aber auch um ihn
 selbst zu rechtfertigen. Er wußte nämlich, daß auch Gesandte aus Milet dahin
 unter­ wegs waren, um über ihn Beschwerde zu führen, mit ihnen namentlih
 cauch Hermokrates, der ihn wegen seiner Zwei­ züngigkeit und der gegen die
 Peloponnesier gerichteten Treiberei mit Alkibiades angeben wollte. Mit
 Hermokrates war er wegen der Zahlung des Soldes schon immer verfeindet gewesen,
 jetzt aber, seit er neuerdings aus Syrakus verbannt und der Ober­ befehl
 über die Schiffe der Syrakuser auf andere, Potamis, Myskon und Demarchos,
 übergegangen war, verfolgte er ihn um so rücksichtsloser und beschuldigte ihn
 unter anderem, daß er ihn früher mal um Geld gebeten und, da er keins bekommen,
 einen Haß auf ihn geworfen habe. Also waren Astyochos, die Mileter und
 Hermokrates jetzt zu Schiff nach Lakedämon, Alkibiades aber war inzwischen von
 Tissaphernes bereits in Samos wieder angekommen.

Nach seiner Rückkehr langten auch die Gesandten, welche 
 die Vierhundert seinerzeit nach Samos geschickt hatten, um das 
 Heer dort zu beruhigen und aufzuklären, von Delos dort an und versuchten nun, in
 einer Versammlung das Wort zu nehmen. Zuerst wollten die Soldaten sie gar nicht
 hören, sondern tobten und schrien: Nieder mit den Oligarchen! Nachher aber, als
 sich der Sturm einigermaßen gelegt, ließen sie sie dann doch zu Worte
 kommen. Nun setzten sie ihnen auseinander, daß es bei der Verfassungsänderung
 durchaus nicht auf Unterdrückung der Bürger, sondern nur darauf abgesehen
 gewesen sei, die Stadt vor Schaden zu bewahren, auch keineswegs darauf, sie
 den Feinden in die Hände zu liefern, wozu sich bei deren An­ griff auf die
 Stadt unter der jetzigen Regierung doch schon vollauf Gelegenheit geboten hätte.
 Bei den Fünftausend würden alle nacheinander an die Reihe kommen, und wenn
 Chaireas gesagt, ihre Angehörigen seien Mißhandlungen und schweren 
 Gefahren ausgesetzt, so sei das gelogen, und sie könnten sicher sein, daß ihnen
 kein Haar gekrümmt werden würde. Von alledem aber wollten sie auch jetzt nichts
 hören, sondern tobten weiter und verlangten bald dies bald das, vor allem, man
 solle mit der Flotte sogleich nach dem Peiraieus aufbrechen. Und hier
 erwarb sich nun Alkibiades zum erstenmal offenbar ein hervorragendes Verdienst
 um die Stadt, indem er die Athener in Samos bewog, den beabsichtigten Zug gegen
 ihre Vaterstadt aufzugeben, infolgedessen Ionien und der Hellespont 
 unzweifelhaft ohne weiteres den Feinden in die Hände gefallen sein würde. Außer
 ihm aber wäre in dem Augenblick niemand imstande gewesen, die Menge zu bändigen;
 er aber verstand es, ihr den Zug auszureden und den ärgsten Schreiern gegen
 die Gesandten den Mund zu stopfen. Seinerseits fertigte er diese darauf
 mit der Antwort ab, daß er gegen die Herrschaft der Fünftausend nichts
 einzuwenden habe, jedoch verlange, daß man die Vierhundert abdanke und den Rat
 der Fünfhundert so wie früher wiederherstelle. Wenn man inzwischen sparsam 
 gewirtschaftet und dadurch mehr Mittel zum Unterhalt der Truppen im Felde
 gewonnen habe, so könne er das nur loben. Im übrigen müsse man aushalten und den
 Feinden nicht 
 nachgeben. Denn wenn die Stadt glücklich durchkäme, würde man sich
 hoffentlich untereinander schon vertragen; falls aber der Krieg unglücklich
 abliefe, sei es hier in Samos oder zu Hause, so würde niemand mehr vorhanden
 sein, mit dem man sich vertragen könnte. 
 Auch Gesandte der Argeier hatten sich eingefunden, welche der demokratischen
 Partei der Athener in Samos ihre Hilfe anboten. Alkibiades dankte ihnen höflich
 für ihre gute Absicht, bat sie aber, erst dann zu kommen, wenn man sie zu Hilfe
 riefe, und ließ sie damit wieder abreisen. Die Argeier waren mit den 
 Paraliern gekommen, welche damals von den Vierhundert auf das Transportschiff
 versetzt waren, um bei Euboia zu kreuzen. Als sie damit aus Athen Gesandte der
 Vierhundert, Laispodias, Aristophou und Melesias, nach Lakedämon bringen sollten
 und das Schiff sich an der Küste von Argos befand, legten sie Hand an die
 Gesandten, da sie beim Sturz der Demokratie zu deren eifrigsten Gegnern gehört
 hatten, und lieferten sie den Argeiern aus. Sie selbst aber kehrten nicht wieder
 nach Athen zurück, sondern fuhren auf einer Triere, die sie sich irgendwie
 verschafft, nach Samos und nahmen die Gesandten der Argeier dahin mit.

Um diese Zeit noch in demselben Sommer, wo die Pelo­ ponnesier gegen
 Tissaphernes aus Vershciedenen Gründen, nament­ lich wegen der Rückkunft des
 Alkibiades, worin sie einen deut­ lichen Beweis seiner nunmehrigen
 Athenerfreundschaft erblickten, im höchsten Grade verstimmt waren, machte
 dieser, anshceinend doch, weil er sich in ihren Augen von diesem Verdacht
 reinigen wollte, endlich Anstalt, sich zur phönizischen Flotte nach Aspendos
 zu begeben, und bat Lichas, ihn dahin zu begleiten. Während seiner
 Abwesenheit, sagte er, sollte Tamos, sein Unterstatthalter, dafür sorgen, daß
 der Sold für das Heer gezahlt würde. Die Berichte hierüber lauten verschieden;
 auch ist es in der Tat nicht recht verständlich, wozu er sich nach Aspendos
 begab und die Flotte dann doch nicht mitbrachte. Daß die phönizische 
 Flotte, hundertsiebenundvierzig Segel stark, bis nach Aspendos gekommen war,
 unterliegt keinem Zweifel. Weshalb sie aber nicht weiter kam, darüber herrschen
 mancherlei Vermutungen. 
 Die einen meinen, er habe die Reise unternommen, um die 
 Peloponnesier hinzuhalten und sie, wie das ja in seinem Plane lag, dadurch zu
 schwächen, wenigstens zahlte Tamos, dem das aufgetragen war, den Sold nicht
 besser, sondern nur noch schlechter als vorher; andere, er habe die Phönizier
 nur des­ halb nach Aspendos kommen lassen, um hier für ihre Entlassung 
 Geld von ihnen zu erpressen, und gar nicht daran gedacht, sie wirklich zu
 verwenden; noch andere, es sei ihm wegen der nach Lakedämon gelangten
 nachteiligen Gerüchte darum zu tun ge­ wesen, sich dort in den Ruf zu setzen,
 daß er es nicht an sich fehlen lasse und dies durch seine Abreise zu der ja
 unzweifelhaft schlagfertigen Flotte denn doch deutlich genug bewiesen habe.
 Nach meiner Meinung hat er die Flotte wahrscheinlich doch wohl deshalb
 nicht mitgebracht, weil er die Griechen hinhalten und schwächen wollte; während
 er dort blieb und auf sich warten ließ, sollten sie mürbe werden und, indem er
 sich auf keine Seite schlug, einander nicht über den Kopf wachsen; denn 
 daß er, wenn er gewollt, den Krieg hätte entscheiden können, unterliegt wohl
 keinem Zweifel. Wäre er mit der Flotte ge­ kommen, so hätte er den Lakedämoniern
 unfehlbar zum Siege verholfen, da sie in dem Augenblick zur See jedenfalls nicht
 schwächer waren als die Athener, sondern ihnen mindestens gewahcsen waren.
 Schon der Grund, den er dafür anführte, daß er die Flotte nicht mitgebracht, war
 fadenscheinig. Er sagte nämlich, es wären dort nicht so viel Schiffe beisammen
 gewesen, wie t>er König befohlen. Auf dessen Dank hätte er doch
 sicherlich um so mehr rechnen können, wenn er ihm nicht noch große Kosten
 gemacht, sondern schon mit geringeren Mitteln dasselbe zuwege gebracht hätte.
 Kurzum, Tissaphernes begab sich, gleichviel in welcher Absicht, nach Aspendos
 und traf dort mit den Phöniziern zusammen, und auf seinen Wunsch ließen 
 die Peloponnesier Philippos mit zwei Trieren zu deren Flotte stoßen.

Als Alkibiades hörte, daß Tissaphernes nach Aspendos gereist sei, ging er
 ebenfalls mit dreizehn Schiffen dahin unter Segel. Den Athenern in Samos hatte
 er davon großen Vor­ 
 teil in sichere Aussicht gestellt, da er entweder die phönizische 
 Flotte ihnen mitbringen oder wenigstens verhindern würde, daß sie zu den
 Peloponnesiern stieße. Er wußte natürlich schon lange, daß Tissaphernes gar
 nicht daran dachte, sie zu holen; auch wollte er die Peloponnesier möglichst in
 dem Glauben bestärken, daß er es mit ihm und den Athenern hielte, um ihn 
 selbst dadurch um so mehr zu nötigen, auf ihre Seite zu treten. Nachdem er die
 Anker gelichtet, schlug er die Richtung ost­ wärts ein, gradeswegs auf Kaunos
 und Phaselis.

Als die Gesandten der Vierhundert nach Athen zurück- gekommen waren,
 berichteten sie, was Alkibiades ihnen gesagt, wie er geraten, auszuhalten und
 den Feinden nicht nachzugehen, auch daß er die beste Hoffnung habe, das Heer mit
 ihnen auszusöhnen und die Feinde zu besiegen. Infolgedessen wurden 
 freilich alle die, welche schon bisher nur widerwillig mit der Oligarchie
 gegangen waren und sie gern bei guter Gelegenheit losgeworden wären, nun erst
 recht aufsässig. Sie hielten be­ reits Zusammenkünfte und schalten auf die
 Regierung, ja selbst angesehene Feldherren und Männer, die unter der Oligarchie
 in Amt und Würden standen, wie Theramenes, Hagnons Sohn, und Aristokrates,
 Skellias' Sohn, und andere, gaben dabei den Ton an. Die waren zwar damals in
 hohen Stellungen, fürchteten aber, wie sie sagten, einerseits Alkibiades und daS
 Heer auf Samos, anderseits aber auch, daß die beständigen Gesandtschaften
 nach Lakedämon hinter dem Rücken der Bürger­ schaft der Stadt schlecht bekommen
 könnten. Sie sagten nicht gradezu, daß sie diese Herrschaft einer so kleinen
 Minderheit am liebsten loswären, aber doch, daß man die Fünftausend nicht
 nur dem Namen nach, sondern wirklich zur Regierung berufen und die Gleichheit
 der Bürger verfassungsmäßig mehr zur Anerkennung bringen müsse. Es war jedoch
 bloße Redens­ art, wenn sie sich scheinbar so für das Recht der Bürgerschaft
 erwärmten; bei den meisten war es nur eigener Ehrgeiz, wenn sie eine
 Politik einschlugen, wie solche ein aus der Demokratie hervorgegangenes
 oligarchisches Regiment in der Regel zu Fall bringt. Denn in dem Augenblick ist
 es keinem um die Gleich­ 
 heit aller zu tun, sondern jeder will eben selbst der Allererste 
 sein. In einer Demokratie nimmt man eine Wahlniederlage weniger schwer, weil man
 darin keine Zurücksetzung durch seine Standesgenossen erblickt. Den Ausschlag
 bei ihnen aber gab die große Stellung, welche Alkibiades jetzt in Samos gewonnen
 hatte, und die Überzeugung, daß die Oligarchie nicht von Be­ stand sein
 werde. So strebten sie alle um die Wette, nach Herstellung der Volksherrschaft
 selbst an die Spitze zu kommen.

Diejenigen aber unter den Vierhundert, welche von einer solchen
 Verfassungsänderung am wenigsten wissen wollten und an der Spitze tsanden,
 Phrynichos, der damals als Feldherr in Samos gegen Alkibiades aufgetreten war,
 Aristarchos, schon immer einer der entschiedensten Gegner der Volkspartei, und
 andere besonders einflußreiche Männer, hatten schon früher, gleich nachdem
 sie zur Herrschaft gelangt und die Truppen in Samos ins demokratische Lager
 übergegangen waren, Gesandte nach Lakedämon geschickt, um über den Frieden zu
 verhandeln, auch mit dem Bau von Festungswerken auf Eetioneia begonnen. 
 Nach Rückkehr ihrer Gesandten trieben sie das alles nur um so eifriger, da sie
 so viele und selbst solche ihrer bisherigen Anhänger, deren sie völlig sicher zu
 sein glaubten, die Farbe wechseln sahen. Aus Furcht vor den ihnen in Athen und
 von Samos drohenden Gefahren schickten sie Antiphon und Phrynichos mit
 zehn anderen eiligst nach Lakedämon mit der Weisung, unter allen Umständen ein
 allenfalls erträgliches Abkommen mit den Lakedämoniern zu treffen. Auch an den
 Festungswerken auf Eetioneia ließen sie jetzt noch eifriger arbeiten. Die
 aber sollten, wie Theramenes und seine Ge­ sinnungsgenossen behaupteten, gar
 nicht dazu dienen, die Flotte von Samos im Falle eines Angriffs auf den
 Peiraieus au der Einfahrt zu hindern, sondern um feindliche Schiffe und 
 Truppen jederzeit nach Belieben dort aufnehmen zu können. Eetioneia ist nämlich
 eine vorspringende Landspitze am Ein­ gange des Peiraieus, und das Fahrwasser
 führt unmittelbar daran vorbei. Die dort neu angelegten Werke aber wurden 
 dergestalt mit der auf der Landseite schon bisher vorhandenen 
 Mauer verbunden, daß man nur eine geringe Besatzung hinein­ 
 zulegen brauchte, um die Einfahrt zu beherrshcen. Denn grade bei dem einen der
 beiden Türme an der engen Hafenmündung endete sowohl die alte Mauer von der
 Landseite her als auch die neue, an der See angelegte, nach innen. Dazwischen
 er­ bauten sie im Orte eine sich unmittelbar an sie schließende geräumige
 Schranne, die sie selbst in Betrieb nahmen, und zwangen alle, ihr schon
 angebrachtes oder künftig einzuführendes Getreide darin auszuladen und von dort
 in den Handel zu bringen.

Schon länger hatte Theramenes sich darüber mißfällig geäußert, und als nun die
 Gesandten-aus Lakedämon zurück- kamen, ohne einen der Gesamtheit annehmbaren
 Frieden zu­ stande gebracht zu haben, erklärte er, diese Festungswerke 
 wären eine Gefahr für die Stadt und würden ihr zum Ver­ derben gereichen. Grade
 um die Zeit lagen nämlich bereits zweiundvierzig Schiffe aus dem Peloponnes,
 unter denen sich auch eine Anzahl italischer aus Tarent und Lokroi und einige
 sizilische befanden, welche auf Bitten der Euboier in Dienst gestellt
 waren und von dem Spartiaten Agesandridas, Age­ sandros' Sohn, befehligt wurden,
 bei Las in Lakonien vor Anker. Diese Schiffe, sagte Theramenes, seien gar nicht
 für Euboia, sondern für die Herren bestimmt, welche Eetioneia befestigten,
 und wenn man nicht beizeiten auf der Hut sei, würden sie einen unversehens in
 den Sack stecken. Auch war es nicht ganz ohne und nicht etwa nur eine aus der
 Luft ge­ griffene Verleumdung, wenn man sie in solchem Verdacht hatte. 
 Denn jene Oligarchen wollten zwar womöglich die Herrschaft auch über die
 Bundesgenossen behaupten, oder, wenn das nicht ginge, wenigstens im Besitz der
 Flotte und der Stadt ihre eigenen Herren bleiben, sollte ihnen aber selbst daS
 nicht mög­ lich sein, dann doch, statt sich nach Wiederherstellung der De­ 
 mokratie zuerst den Kopf abschlagen zu lassen, lieber die Feinde aufnehmen,
 Schiffe und Mauern drangeben und Frieden schließen, um wenigstens selbst mit dem
 Leben davonzukommen, möge aus der Stadt werden, waS da wolle.

Deshalb ließen sie auch an den Festungswerken, an denen sich Mauerpforten und
 Einlaßtüren für die Feinde befanden, fleißig weiter arbeiten, damit sie
 beizeiten fertig würden. Bis dahin war hiervon mehr nur im stillen und in
 engeren Kreisen die Rede gewesen. Da aber wurde Phrynichos nach der Rück­ 
 kehr von der Gesandtschaft nach Lakedämon, als er vom Rat­ hause kam, nicht weit
 davon auf vollem Markte von einem Manne der Stadtwache hinterrücks erstochen und
 starb auf der Stelle. Der Täter entkam; sein Gehilfe aber, ein Argeier, 
 wurde ergriffen und auf Befehl der Vierhundert gefoltert, nannte jedoch niemand,
 der ihn angestiftet, sondern blieb da­ bei, nichts weiter zu wissen, als daß
 viele Leute im Hause des Hauptmanns der Stadtwache und auch anderswo Zu­ 
 sammenkünfte hätten. Als nichts dabei herauskam, gingen Theramenes, Aristokrates
 und die übrigen, welche unter den Vierhundert oder sonst mit ihnen eines Sinnes
 waren, um so dreister zu Werke. Inzwischen waren nämlich die Schiffe schon 
 von Las herumgekommen, bei Epidauros vor Anker gegangen und vorübergehend auch
 bei Agina erschienen, und nun erklärte Theramenes, die Schiffe wären auf der
 Fahrt nach Euboia sicher nicht in die Bucht von Ägina eingelaufen und dann 
 wieder bei Epidauros vor Anker gegangen, wenn man sie nicht zu dem von ihm schon
 immer angedeuteten Zwecke herbei­ gerufen hätte; dem aber dürfe man nicht länger
 ruhig zusehen. Endlich, nachdem die allgemeine Unzufriedenheit und der Ver­
 dacht sich vielfach noch weiter in Worten Luft gemacht hatte, kam es dann
 auch zu Tätlichkeiten. Die Hopliten, welche im Peiraieus an den Festungswerken
 auf Eetioneia arbeiteten, bei denen sich auch Aristokrates mit seiner Abteilung
 befand, er­ griffen Alexikles, einen oligarchisch gesinnten Feldherrn, der 
 für die Partei durch dick und dünn ging, und brachten ihn in ein Haus, wo sie
 ihn gefangenhielten. Außer ihnen beteiligten sich daran auch noch andere, so
 namentlich ein gewisser Hermon, der Hauptmann der Stadtwache in Munychia, aber
 das Wich­ tigste war doch, daß die Hopliten alle damit einverstanden 
 waren. Als dies den grade auf dem Rathause versammelten 
 Vierhundert gemeldet wurde, wollten sie, soweit sie nicht selbst 
 zu den Mißvergnügten gehörten, sogleich zu den Waffen greifen und stießen gegen
 Theramenes und seine Gesinnungsgenossen Drohungen aus. Er aber suchte sich zu
 rechtfertigen und er­ klärte sich bereit, sofort selbst mitzugehen, um den Mann
 auf freien Fuß zu setzen, machte sich auch gleich mit einem der Feldherren
 seiner Farbe auf den Weg nach dem Peiraieus. Auch Aristarchos und eine Anzahl
 junger Herren des Ritter­ standes machten sich dahin auf. Überall herrschte eine
 ent­ setzliche Aufregung. In der Stadt hieß es, der Peiraieus sei bereits
 genommen und der Gefangene getötet, im Peiraieus aber glaubte man, jeden
 Augenblick auf einen Angriff aus der Stadt gefaßt seift zu müssen. Die älteren
 Leute suchten die in der Stadt Herumirrenden und zu den Waffen Eilenden zu 
 beschwichtigen, Thukydides aus Pharsalos, der grade anwesende Staatsgastfreund
 der Athener, trat ihnen einzeln mutig ent­ gegen und beschwor sie, in diesem
 Augenblick, wo der Feind vor der Tür sei, das Vaterland nicht unglücklich zu
 machen, so daß es endlich gelang, sie zu beruhigen und einen Straßen­ 
 kampf abzuwenden. Als Theramenes, der selbst auch Feldherr war, im Peiraieus
 ankam, schalt er die Hopliten tüchtig aus, er freilich nur zum Schein, während
 Aristarchos und die Männer der Gegenpartei im Ernst ihren Ingrimm an ihnen 
 ausließen. Die Hopliten aber machten sich daraus nichts, sondern hatten meist
 nicht übel Lust, über die Gegner herzu­ fallen, und fragten Theramenes, ob er es
 für besser hielte, die Festungswerke auszubauen oder sie niederzureißen. Er aber
 erwiderte ihnen, wenn sie dafür wären, sie niederzureißen, so habe er
 seinerseits nichts dagegen. Als Schlagwort der Menge gegenüber aber diente
 dabei, daß jeder, der den Fünftausend anstatt der Vierhundert zur Herrschaft
 verhelfen wollte, mit Hand anlegen müsse. Man suchte nämlich immer noch den
 Schein zu wahren und führte nur die Fünftausend im Munde, statt sich offen
 für die Demokratie zu erklären, aus Furcht, es könnte dieser oder jener von
 ihnen zugegen sein und ein un­ vorsichtiges Wort in dessen Gegenwart gefährlich
 werden. Nach 
 
 der Absicht der Vierhundert aber sollte aus den Fünftausend 
 überhaupt nichts werden und man doch nicht merken, daß sie nicht vorhanden
 seien; denn die Beteiligung einer so zahlreichen Versammlung an der Regierung
 würde in ihren Augen denn doch nichts anderes als Demokratie gewesen sein, ihre
 förm­ liche Abschaffung aber Befürchtungen in der Bürgerschaft er­ regt
 haben.

Am Tage darauf kamen die Vierhundert, so schwül ihnen auch zumute war, doch auf
 dem Rathause zusammen. Die Hopliten im Peiraieus aber begaben sich, nachdem sie
 Alexikles wieder auf freien Fuß gesetzt und die Festungswerke zerstört 
 hatten, in das Dionysostheater bei Munychia und hielten unter Waffen eine
 Versammlung. Dann*zogen sie, wie sie das dort beschlossen hatten, gleich in die
 Stadt, wo sie sich beim Dioskurentempel kampfbereit aufstellten. Hier fanden
 sich Abgeordnete der Vierhundert bei ihnen ein, nahmen sie einzeln vor und
 suchten diejenigen, welche mit sich reden ließen, zu bestimmen, nicht weiter zu
 gehen und auch die übrigen da­ von abzuhalten. Auch versicherten sie ihnen, die
 Fünftausend sollten demnächst einberufen und die Vierhundert alsdann von 
 diesen abwechselnd aus ihrer Mitte gewählt werden. Bis dahin möchten sie die
 Stadt in Ruhe lassen und sie den Feinden nicht in die Arme treiben. Nachdem man
 ihnen von vielen Seiten in dieser Weise noch weiter zugeredet hatte, wurden
 die Hopliten aus Furcht vor der dem Gemeinwesen drohenden Gefahr im ganzen
 doch friedfertiger gestimmt als vorher und erklärten sich damit einverstanden,
 daß an einem bestimmten Tage zur Schlichtung der Streitigkeiten eine
 Volksversammlung gehalten werden sollte.

Als dann aber die Versammlung stattfand und schon fast alles sich dazu
 eingefunden hatte, kam die Nachricht, daß die zweiundvierzig Schiffe unter
 Agesandridas von Megara her bei Salamis im Ansegeln seien, und jedermann
 glaubte, jetzt käme es in der Tat so, wie Theramenes und seine Anhänger 
 immer gesagt, daß die Schiffe bei den Festungswerken anlegen würden, ein Glück
 also, daß man sie niedergerissen habe. 
 Möglich, daß Agesandridas sich wirklich infolge getroffener 
 Verabredungen länger bei Epidauros und in den dortigen Ge­ wässern aufhielt,
 sicherlich aber verweilte er dort in der Hoff­ nung, bei den Parteikämpfen in
 Athen nötigenfalls mitein­ greifen zu können. Auf die Nachricht eilten die
 Athener Mann für Mann gleich alle spornstreichs nach dem Peiraieus, da ihnen
 der jetzt am Hafen drohende innere Krieg wichtiger war als der gegen die
 Feinde in der Ferne. Die einen bestiegen die im Hafen liegenden Schiffe, andere
 brachten Schiffe zu Wasser, noch andere besetzten die Mauern und die Mündung des
 Hafens.

Die Schiffe der Peloponnesier aber fuhren vorüber, liefen um Sunion herum und
 gingen zwischen Thorikos und Prasiai vor Anker und kamen später in Oropos an.
 Die Athener aber schickten, wiewohl sie dabei wegen des Aufruhrs in der 
 Stadt auch auf ungeschulte Mannschaft greifen mußten, gleich eine Flotte unter
 Thymochares nach Eretria, da sie Euboia, das bei der Sperre von Attika ihr alleS
 war, um jeden Preis schützen wollten. Dort angekommen war ihre Flotte mit den
 schon vorher bei Euboia befindlichen Schiffen sechsunddreißig Segel stark
 und auch gleich genötigt, eine Schlacht zu liefern; denn Agesandridas war
 morgens nach dem Frühstück mit seinen Schiffen von Oropos in See gegangen.
 Oropos ist von der Stadt Eretria zur See etwa sechzig Stadien entfernt. Als
 er mit seiner Flotte herankam, wollten auch die Athener ihre Schiffe
 sogleich bemannen und glaubten, ihre Leute befänden sich dort in der Nähe, die
 aber mußten sich ihr Frühstück aus den Häusern weit hinten in der Stadt holen,
 da sie es auf dem Markte nicht einkaufen konnten, weil die Einwohner dort 
 absichtlich nichts verkauften, um den Feinden Gelegenheit zu geben, die Athener,
 wenn sie ihre Leute nicht so schnell an Bord bringen könnten, zu überfallen und
 zu nötigen, ihre Schiffe mit der zufällig grade zur Stelle befindlichen
 Mannschaft aus dem Stegreif ins Gefecht zu führen. Zu dem Ende hatte man 
 auch den Feinden in Oropos von Eretria auS ein Zeichen ge­ geben, wann sie
 auslaufen müßten. So unvorbereitet also gingen die Athener in See und lieferten
 vor dem Hafen von 
 Eretria eine Schlacht. Trotzdem hielten sie eine Zeitlang stand,
 wurden dann aber geschlagen und nach dem Lande zu verfolgt. Am schlimmsten
 erging es denen, die sich in die ihnen vermeintlich freundlich gesinnte Stadt
 Eretria flüchteten, hier aber von den Einwohnern umgebracht wurden. Die aber,
 welche sich in die in den Händen der Athener befindliche Burg flüchten
 konnten, kamen noch gut davon; ebenso auch die Schiffe, welche nach Chalkis
 gelangten. Die Peloponnesier eroberten zweiundzwanzig athenische Schiffe, deren
 Mannschaft sie teils töteten, teils zu Gefangenen machten, und errichteten 
 ein Siegeszeichen. Bald nahcher brachten sie ganz Euboia zum Abfall bis auf
 Oreos, das die Athener selbst in Besitz genommen hatten, und ordneten die
 Verhältnisse der Insel in ihrem Sinne.

Als die Nachricht von den Ereignissen in Euboia nach Athen kam, entstand dort
 eine Bestürzung wie nie zuvor. Weder das Unglück in Sizilien, so groß es damals
 erschien, noch sonst ein Ereignis hatte die Stadt jemals so in Schrecken 
 versetzt: das Heer in Samos in offener Empörung, andere Schiffe und Mannschaft
 dafür nicht vorhanden, die Stadt in Aufruhr, wobei niemand wußte, wie bald es
 dabei zu blutigen Zusammenstößen kommen würde, dazu nun noch solch ein Un­ 
 glück, durch das man nicht nur eine Flotte, sondern, was das schlimmste war,
 auch Euboia verloren hatte, von wo die Athener mehr als aus Attika selbst
 bezogen. Was Wunder, daß sie mutlos wurden? Ihre größte und nächste Sorge aber
 war, die Feinde würden nach ihrem Siege sogleich einen An­ griff auf den
 von Schiffen entblößten Peiraieus unternehmen und jeden Augenblick dort
 erscheinen. Und wenn diese nur rascher entschlossen gewesen wären, so würden sie
 das auch leicht gekonnt und entweder durch eine Hafensperre die Gegen­ 
 sätze in der Stadt verschärft oder durch eine längere Belage­ rung die Flotte in
 Samos trotz ihrer Feindschaft gegen die Oligarchie genötigt haben, ihren
 Landsleuten und der Vater­ stadt zu Hilfe zu kommen, und Unterdessen wäre der
 Hellespont, Ionien mit den Inseln und der ganze Kreis bis Euboia, mit 
 einem Worte das ganze Reich der Athener ihnen zugefallen. 
 Aber nicht nur diesmal, sondern auch bei vielen anderen Ge­ 
 legenheiten war es für die Athener ein großer Vorteil, daß sie es mit
 Lakedämoniern als Feinden zu tun hatten; denn eben, daß sie so verschieden
 veranlagt, sie schnell, jene langsam, sie unternehmend, jene bedenklich waren,
 kam ihnen den Lake­ dämoniern gegenüber, namentlich auch für ihre Seeherrschast,
 sehr zustatten. Das konnte man an den Syrakusern sehen. Denn wie sie den
 Athenern am ähnlichsten veranlagt waren, so führten sie auch den Krieg gegen sie
 mit größtem Erfolg.

Trotzdem bemannten die Athener auf jene Nachricht dann doch zwanzig Schiffe;
 auch hielten sie gleich eine Volksver­ sammlung, jetzt zum erstenmal wieder an
 alter Stelle auf der Pnyx, in der sie die Vierhundert absetzten und beschlossen,
 die Regierung auf die Fünftausend zu übertragen. Zu ihnen aber sollten nur
 solche gehören, die sich selbst bewaffnen konnten. Auch sollte keinerlei
 Ämtersold mehr gezahlt werden, und wenn es trotzdem geschähe, ein Fluch darauf
 stehen. Später hielten sie dann noch verschiedene Versammlungen, in denen sie
 einen Verfassungsausschuß (Nomotheten) bestellten und in betreff der 
 künftigen Verfassung weitere Beschlüsse faßten. Vorderhand war das offenbar die
 wohlerwogenste Staatsveränderung, welche bei meinen Lebzeiten in Athen
 eingeführt wurde; denn sie kam auf eine vernünftige Mischung von Oligarchie und
 Demokratie hinaus und war ein erster Schritt, die Stadt aus der schlimmen
 Lage, in die sie geraten, wieder emporzuheben. Ferner beschlossen sie,
 Alkibiades und mit ihm einige andere zurückzurufen, und schickten an ihn und das
 Heer in Samos die Aufforderung, sich ihrer anzunehmen.

Als die Sache diese Wendung nahm, verzogen sich Pei­ sandros, Alexikles und die
 übrigen Häupter der Oligarchie sogleich in aller Stille nach Dekeleia. Nur
 Aristarchos, der damals grade auch Feldherr war, machte sich mit einer Hand­
 voll jener wilden barbarischen Bogenschützen eiligst nach Oinoe auf. Oinoe
 war eine athenische Festung an der Grenze von Böotien, welche die Korinther,
 weil eine Anzahl ihrer Leute durch die dortige Besatzung beim Abzüge von
 Dekeleia über­ 
 fallen und niedergemacht worden war, damals belagerten, wo­ bei
 ihnen die Böotier auf ihr Ersuchen nicht mehr wie gern die Hand geboten hatten.
 Mit ihnen setzte Aristarchos sich ins Einvernehmen und log dann den Athenern in
 Oinoe vor, in Athen habe man Frieden mit den Lakedämoniern geschlossen und
 dabei sei insbesondere auch ganz ausdrücklich ausgemacht, daß sie die Festung
 den Böotiern zu übergeben hätten. Da er einer der Feldherren war, sie selbst
 aber infolge der Be­ lagerung von nichts wußten, schenkten sie ihm unbedenklich
 Glauben und räumten die Festung, nachdem man ihnen freien Abzug gewährt
 hatte. Auf diese Weise gelangten die Böotier in den Besitz von Oinoe. Damit
 hatte die Oligarchie und der Parteikampf in Athen ein Ende.

Wenden wir uns nunmehr zu den gleichzeitigen Ereig­ nissen dieses Sommers bei
 den Peloponnesiern in Milet, so hatte keiner der von Tissaphernes bei seiner
 Abreise nach As­ pendos damit Beauftragten den Sold gezahlt und weder die 
 phönizische Flotte noch Tissaphernes sich sehen lassen. Philippos aber, den man
 ihm mitgegeben, und ein anderer, sich damals in Phaselis aufhaltender Spartiat,
 Hippokrates, hatten dem Nauarchen Mindaros geschrieben, die Flotte würde
 schwerlich kommen und Tissaphernes sie schändlich im Stich lassen. Nun lud
 Pharnabazos sie zu sich ein, der mit Hilfe ihrer Flotte auch die bisher noch zu
 den Athenern haltenden Städte seiner Provinz zum Abfall zu bringen hoffte und
 sich, grade wie Tissaphernes, seinen Vorteil davon versprach. Also machte 
 sich Mindaros mit einer stolzen Flotte von dreiundsiebzig Schiffen nach dem
 Chersones auf, wozu er, damit man in Samos nichts davon erführe, den Befehl erst
 im letzten Augenblick erteilt hatte. Aber auch schon vorher hatten sich in
 diesem Sommer sechzehn Schiffe dahin begeben und einen Teil des Chersones
 verwüstet. Er wurde jedoch von einem Sturm überfallen und sah sich genötigt, bei
 Ikaros anzulegen, wo er, da die Schiffe die See nicht halten konnten, fünf 
 oder sechs Tage liegen blieb, und von wo er dann nach Chios gelangte.

Auf die Nachricht, daß er von Milet aufgebrochen, ging auch Thrasylos sogleich
 mit fünfundfunfzig Schiffen von Samos in See, um ihm und seiner Flotte den Weg
 nach dem Cher­ sones zu verlegen. Als er hörte, daß er in Chios sei, dachte
 er ihn dort festzuhalten und stellte auf Lesbos und dem gegen­ 
 überliegenden Festlande Wachen aus, um aufzupassen, ob und wohin sich die
 Schiffe etwa in Bewegung setzen würden, da­ mit sie ihm nicht heimlich entkämen.
 Er selbst fuhr mit seiner Flotte nach Methymna, um von Lesbos aus Angriffe auf
 Chios zu unternehmen, und ließ für den Fall, daß die Sache sich in die
 Länge zöge, Mehl und andere Vorräte herbeischaffen. Zugleich wollte er, da
 Eresos auf Lesbos sich empört hatte, sich gegen dieses wenden und es womöglich
 erobern. Einige der angesehensten politischen Flüchtlinge aus Methymna näm­
 lich waren mit etwa fünfzig freiwilligen Hopliten und einer Anzahl auf dem
 Festlande geworbener Söldner, im ganzen ihrer etwa dreihundert, an deren Spitze
 man mit Rücksicht auf die Stammesverwandtschaft einen Thebaner, Anaxandros,
 gestellt hatte, von Kyme herübergekommen und hatten zunächst einen Angriff
 auf Methymna versucht. Nachdem sie von da durch die herbeigeeilt? athenische
 Besatzung von Mytilene ver­ trieben waren und dann noch im offenen Felde eine
 Nieder­ lage erlitten hatten, waren sie über das Gebirge gezogen und 
 hatten Eresos zum Abfall gebracht. Dahin wandte sich nun Thrasylos mit der
 ganzen Flotte, um es anzugreifen. Schon vorher war auch Thrasybulos mit fünf
 Schiffen von Samos dort eingetroffen, nachdem er die Nachricht von der Landung
 der Flüchtlinge erhalten hatte. Da er aber zu spät nach Eresos gekommen
 war, hatte er sich mit seinen Schiffen vor die Stadt gelegt. Dazu waren dann
 noch ein paar vom Hellespont zurück- kommende Schiffe und die Schiffe von
 Methymna gestoßen, so daß sich dort im ganzen siebenundsechzig Schiffe befanden,
 mit deren Mannschaft man nun unter Anwendung von Sturmzeug und anderer
 Mittel Eresos womöglich zu erobern versuchte.

Unterdessen hatte die peloponnesische Flotte unter Min­ daros in Chios zwei
 Tage Lebensmittel eingenommen, auch 
 jeder Mann an Bord von den Chiern drei chiische Vierzigste! 
 erhalten. Am dritten Tage ging sie von Chios unter Segel, fuhr aber nicht durch
 die offene See, um nicht mit den Schiffen bei Eresos zusammenzutreffen, sondern,
 Lesbos zur Linken, an der Küste des Festlandes entlang. Im Hafen von Karterioi
 im Phokäischen wurde angelegt und gefrühstückt und auf der Fahrt an der
 kymeischen Küste bei dem festländischen Argen­ nusai, Mytilene gegenüber, zu
 Abend gegessen. Von da setzte man noch in tiefer Nacht die Fahrt an der Küste
 fort und kam, Methymna gegenüber, nach Harmatus am Festlande, wo wieder
 gefrühstückt wurde. Dann ging es schnell weiter an Lekton, Larissa, Hamaxitos
 und den anderen Orten dort vor­ über, bis man kurz vor Mitternacht das schon zum
 Hellespont gehörige Rhoiteion erreichte. Doch legten einige Schiffe schon 
 bei Sigeion oder dort in der Nähe an.

Die damals mit achtzehn Schiffen bei Sestos liegenden Athener schlossen aus den
 Lärmzeichen, welche die Feuerwächter gaben, und der Menge der an der feindlichen
 Küste plötzlich aufleuchtenden Feuer, daß die peloponnestsche Flotte im An­
 segeln sei, und fuhren noch in derselben Nacht hart an der Küste des
 Chersones entlang, so schnell sie konnten, nach Elaius, um aus dem Bereich der
 feindlichen Flotte in die offene See zu gelangen. Sie wurden auch von den
 sechzehn Schiffen in Abydos nicht bemerkt, obwohl diesen von ihren auf der
 Flotte kommenden Freunden besonders anbefohlen war, ein wachsames Auge auf
 sie zu haben, wenn sie wegfahren wollten. Bei Tagesanbruch sichteten sie die
 Flotte des Mindaros, die gleich Jagd auf sie machte und einige von ihnen auch
 einholte. Den meisten gelang es jedoch, nach Imbros und Lemnos zu ent­ 
 kommen; die vier letzten Schiffe aber fielen bei Elaius den Feinden in die
 Hände, ein beim Protesilaostempel gestrandetes samt der Mannschaft, zwei andere
 ohne diese und ein viertes, leeres, das sie bei Imbros in Brand steckten.

Hierauf fuhren sie mit ihrer ganzen, jetzt, nachdem auch die Schiffe aus Abydos
 zu ihnen gestoßen waren, sechsund­ achtzig Segel starken Flotte nach Elaius und
 legten sich den 
 Tag über vor die Stadt; da sie sich aber nicht ergab, zogen sie ab
 nach Abydos. Als die Athener bei Eresos, die sich in ihren Wachen geirrt hatten
 und in der Meinung, die feind­ liche Flotte würde nicht unbemerkt vorbeikommen
 können, ruhig fortfuhren, die Stadt zu berennen, hiervon Nachricht erhielten,
 brachen sie sogleich von dort auf, um ihren Landsleuten am Hellespont
 unverzüglich zu Hilfe zu kommen; auch nahmen sie zwei peloponnesische Schiffe,
 die sich bei der Verfolgung zu weit in die See hinausgewagt hatten und ihnen in
 den Wurf kamen. Am folgenden Tage gelangten sie nach Elaius, wo sie vor
 Anker gingen, die nach Imbros entkommenen Schiffe an sich zogen und sich fünf
 Tage auf eine Seeschlacht vorbereiteten.

Darauf kam es zur Schlacht, die also verlief. Die Athener fuhren, ihre Schiffe
 in Kiellinie, dicht am Lande auf Sestos zu. Als die Peloponnesier das bemerkten,
 liefen auch sie mit ihrer Flotte von Abydos gegen sie aus. Sobald sie 
 sahen, daß es zur Schlacht kommen würde, entwickelten die Athener ihre
 Schlachtlinie mit sechsundsiebzig Schiffen an der Küste des Chersones von Idakos
 bis Arrhiana und die Pelo­ ponnesier gegenüber mit achtundachtzig Schiffen von
 Abydos bis Dardanos. Den rechten Flügel der Peloponnesier bildeten die
 Syrakuser, den anderen Mindaros selbst mit den schnellsten Schiffen der Flotte;
 bei den Athenern stand Thrasylos auf dem linken Flügel, auf dem rechten
 Thrasybulos, von den übrigen Feldherren jeder an dem ihm angewiesenen Platze.
 Die Peloponnesier beeilten sich, zuerst anzugreifen, und wollten den
 rechten Flügel der Athener mit ihrem linken umfassen, um ihnen womöglich den
 Ausweg in die offene See abzuschneiden, zugleich aber auch ihr Mitteltreffen auf
 den nahen Strand treiben. Die Athener, die das merkten, verlängerten auf der
 Seite, wo die Gegner ihnen den Weg verlegen wollten, auch ihre Linie und
 überholten sie in der Fahrt. Ihr linker Flügel aber reichte bereits über das
 Vorgebirge Kynos Sema hinaus. Unter diesen Umständen war ihre Stellung in der
 Mitte, wo die Schiffe weit voneinander tsanden, nur schwach, zumal sie 
 schon an sich weniger Schiffe hatten nnd die Küste bei Kynos Sema 
 in einem spitzen Winkel versprang, so daß man nicht sehen konnte,
 waS dahinter vorging.

Die Peloponnesier griffen also in der Mitte an, trieben die Schiffe der Athener
 auf den Strand, verfolgten sie ans Land und erfochten hier einen glänzenden
 Sieg. Der Mitte zu Hilfe kommen aber konnte wegen der Menge der ihm 
 gegenüberstehenden Schiffe weder Thrasybulos vom rechten Flügel, noch Thrasylos
 mit seinen Schiffen vom linken. Denn . hier konnte man wegen des Vorgebirges
 Kynos Sema nicht sehen, was da vorging, zudem hatte man es selbst mit den Syra­
 kusern und zahlreichen anderen Gegnern zu tun; bis dann die Peloponnesier,
 die im Hochgefühl des Sieges bald hier, bald da ein Schiff verfolgten, teilweise
 in Unordnung gerieten. Als Thrasybulos und die Seinen das bemerkten, gaben sie
 es auf, ihren Flügel weiter zu verlängern, sondern wandten sich gegen die
 ihnen gegenüberstehenden Schiffe, griffen sie an und brachten sie zum Weichen.
 Darauf nahmen sie den Kampf gegen den siegreichen Teil der peloponnesischen
 Flotte auf, warfen sich auf die einzeln herumschweifenden Schiffe und schlugen
 auch diese, die sich meist nicht einmal wehrten, in die Flucht. Die 
 Syrakuser hatten vor den Schiffen des Thrasylos inzwischen ebenfalls bereits das
 Feld geräumt und sich vollends auf die Flucht gemacht, als sie sahen, daß die
 anderen es auch taten.

Die Peloponnesier hatten die Schlacht verloren. Da sie jedoch meist zuerst an
 den Fluß Meidios und dann nach Abydos geflohen waren, erbeuteten die Athener nur
 wenige Schiffe. Bei der Enge des Hellesponts bot sich ihren Feinden immer 
 die Möglichkeit, bald irgendwo in Sicherheit zu kommen. Gleichwohl kam ihnen
 dieser Sieg mit der Flotte sehr gelegen. Denn bis dahin hatten sie infolge der
 mehrfach erlittenen kleineren Verluste und der furchtbaren Niederlage in
 Sizilien die Seemacht der Peloponnesier gefürchtet, jetzt aber, wo das 
 wettgemacht, faßten sie wieder Selbstvertrauen und hielten die Peloponnesier zur
 See nicht länger für ebenbürtige Gegner. Immerhin hatten sie eine Anzahl
 feindlicher Schiffe genommen, acht chiische, fünf korinthische, zwei amprakische
 und zwei 
 böotische und je ein lakedämonisches, syrakusisches und pelle­ 
 nischeS Schiff. Sie selbst hatten fünfzehn Schiffe verloren. Bei Kynos Sema auf
 der Landspitze errichteten sie ein Sieges­ zeichen, bargen die Schiffstrümmer
 und gaben den Feinden ihre Toten unter Waffenstillstand heraus, schickten auch
 ein Kriegsschiff mit der Siegesnachricht nach Athen. Hier faßte man nach
 der Ankunft des Schiffes mit der unverhofften frohen Botschaft nach den eben
 erst bei Euboia und in den Partei­ kämpfen gemachten schmerzlichen Erfahrungen
 neuen Mut und glaubte wieder an die Möglichkeit, wenn man seinen Mann 
 stände, den Krieg durchhalten und siegreich zu Ende führen zu können.

Am vierten Tage nach der Schlacht gingen die Athener, die ihre Schiffe eilig
 ausgebessert hatten, von SestoS unter Segel nach Kyzikos, das abgefallen war.
 Bei Harpagion und Priapos sahen sie die acht Schiffe aus Byzanz dort vor Anker
 liegen, liefen sie an, schlugen die am Lande befindliche Mann­ schaft in
 die Flucht und bemächtigten sich der Schiffe. Als sie dann auch nach Kyzikos
 kamen, trat die Stadt, unbefestigt wie sie war, wieder zu ihnen über, und den
 Einwohnern wurde eine Steuer auferlegt. 
 Unterdessen fuhren auch die Peloponnesier von Abydos nach Elaius und entführten
 von dort ihre von den Athenern er­ beuteten, noch brauchbaren Schiffe. Die
 übrigen hatten die Einwohner verbrannt. Hippokrates und Epikles aber schickten
 sie nach Euboia, um auch die Schiffe von dort zu holen.

Um dieselbe Zeit kam Alkibiades mit den dreizehn Schiffen von Phaselis und
 Kaunos wieder in Samos an und berichtete, daß es ihm gelungen sei, die
 Vereinigung der phönizischen Flotte mit den Peloponnesiern abzuwenden und
 Tissaphernes noch mehr als bisher auf die Seite der Athener zu bringen. 
 Auch bemannte er zu seinen vorigen Schiffen noch neun andere, trieb damit von
 den Halikarnasiern eine schwere Kriegssteuer ein und befestigte Kos. Nachdem er
 das erledigt und in Kos einen Vogt eingesetzt hatte, kehrte er, als es bereits
 auf den Herbst ging, mit seinen Schiffen nach Samos zurück. 
 

 Als Tissaphernes hörte, daß die peloponnesische Flotte von Milet nach dem
 Hellespont gefahren sei, brach er von Aspendos auf und reiste nach Ionien.
 Während der Anwesenheit der Peloponnesier am Hellespont ließen sich die dem
 äolischen Stamme angehörenden Bewohner von Antandros aus Abydos zu Lande
 über das Ida-Gebirge Truppen von ihnen schicken und nahmen sie in die Stadt auf,
 weil der Perser Arsakes, Tissaphernes' Unterstatthalter, sie niederträchtig
 behandelte. Auch die im Atramyttion angesiedelten, von den Athenern bei 
 der Reinigung von Delos ausgewiesenen Delier hatte er ja, scheinbar in aller
 Freundschaft, vorgeblich um einen geheimen Feind zu bekämpfen, zu einem Feldzuge
 eingeladen und sich ihre besten Leute dazu ausgebeten, diese dann aber, als sie
 grade beim Frühstück waren, von seinen Truppen umstellen und
 niederschießen lassen. Weil er es schon einmal so gemacht, befürchteten sie, er
 könnte auch ihnen einen solchen Streich spielen, und da er sie überhaupt
 unerträglich bedrückte, ver­ trieben sie seine Besatzung aus der Burg.

Als Tissaphernes nach den Erfahrungen in Milet und Knidos, wo man seine
 Besatzuug ebenfalls vertrieben hatte, nun auch noch die Nachricht von diesem
 neuesten Vorgehen der Peloponnesier erhielt, glaubte er, es jetzt völlig mit
 ihnen ver­ dorben zu haben, und fürchtete, sie könnten ihm noch weitere 
 Ungelegenheiten bereiten. Zudem wäre es ihm sehr wider­ wärtig gewesen, wenn
 Pharnabazos, der sie weit schneller und mit geringeren Kosten auf seine Seite
 gebracht, den Athenern gegenüber mehr erreichen würde als er selbst. Er
 entschloß sich deshalb, zu ihnen nach dem Hellespont zu reisen, um sich 
 über ihr Verfahren bei Antandros zu beschweren und sich gegen die ihm wegen der
 phönizischen Flotte und anderweit gemachten Vorwürfe so gut wie möglich zu
 verteidigen. Auch begab er sich zunächst nach Ephesos und opferte der Artemis.
 Mit Ablauf des auf diesen Sommer folgenden Winters wird das
 einundzwanzigste Jahr zu Ende gehen.) 
 Ende.