Thukydides, Bürger von Athen, hat den Krieg der Peloponnesier und Athener
 beshcrieben, wie ihn beide Theile gegen einander geführt, und hat das Werk gleich
 beim Ausbruch des Kriegs begonnen, weil er voraussah, daß derselbe sehr bedeutend
 und viel merkwürdiger als alle früher geführten werden müsse ^). Er schloß
 dies aber, weil er Augenzeuge war, wie beide Theile, als sie ihn begannen, 
 in den Kriegsmitteln aller Art das Höchste leisteten -), und weil er 
 
 
 
 
 sah, daß auch alle übrigen Hellenischen Staaten sich entweder der 
 einen oder der andern Partei bereits anschlössen, oder doch im Sinne hatten, es
 zu thun ^). Und in der That ist dieser Krieg für die Hellenen und einen Theil der
 barbarischen Völker, ja man kann fast sagen, für einen sehr großen Theil der
 gesamten Menschheit zu der gewaltigsten Erschütterung geworden^). Zwar war es mir
 wegen der Länge des Zeitraums unmöglich, eine deutliche Vorstellung von den 
 Begebenheiten zu gewinnen, welche sich vor diesem Krieg und in noch früherer Zeit
 ereignet haben, aber ich schließe doch aus gewissen Anzeichen, die ich bei meinen
 sehr weit in die Vergangenheit zunicksteigenden Forschungen als zuverlässig
 erkannt habe, daß in früherer Zeit weder im Kriege, noch sonstwie Großes
 geschehen ist.

Denn es ist offenbar noch nicht so gar lange her, daß das Land, welches jetzt
 unter dem Namen Hellas begriffen wird, festansäßige Bewohner hat; vielmehr
 zeigen sich häufige Veränderungen des Wohnsitzes: ein Jeder trennte sich leicht
 von seinem Wohnplatz, wenn überlegene Zahl ihn drängte. Handel nämlich gab es
 nicht, und weder zu Land noch zur See verkehrten die Menschen friedlich mit
 einander; Jeder zog nur, wessen er zum Leben nicht entrathen konnte, und
 suchte weder Vermögen zu erwerben, noch wandte er große Sorgfalt auf die 
 Bebauung des Bodens; denn er konnte nicht wissen, ob nicht ein Stärkerer kommen
 und ihn des Seinigen berauben werde, was ohne große Mühe geschehen mochte, da die
 Wohnplätze nicht befestigt waren. Was er aber zur täglichen Nothdurft brauchte,
 durfte er hoffen sich überall 
 
 
 
 leicht zu verschaffen, und so kam es ihn nicht schwer an, seinen 
 Wohnsitz zu wechseln. Zum Besitz größerer Städte oder sonstwie zu Macht und
 Bedeutung konnten sie es deshalb nicht bringen. Der häufige Wechsel der Bewohner
 traf aber gerade immer das vorzüglichste Land, — so die Landschaften, welche
 jetzt Thessalien und Böotien heißen, auch den größten Theil des Peloponnes, mit
 Ausnahme Arkadiens ^), und wo sonst die besten Ländereien waren. Wegen der
 Trefflichkeit des Bodens nämlich erhoben sich Einige zu besonderem Wohlstand,
 und dieser erzeugte wiederum innere Unruhen, die Schwächung mit sich 
 brachten, und zugleich fand auch die Begierde feindlicher Stämme sich besonders
 gereizt. Hingegen blieb Attika von der ältesten Zeit her seines geringeren Bodens
 wegen ohne innere Umwälzungen und behielt immer dieselben Bewohner ^). Und hierin
 liegt nicht der schwächste Beweis für die Behauptung, daß die übrigen
 griechischen Staaten grade der Wohnungsveränderungen wegen nicht zu gleicher 
 Blüte gelangten. Wenn nämlich aus dem übrigen Hellas durch Krieg oder Aufruhr ein
 Theil der Einwohner vertrieben wurde, so wende- 
 
 
 
 
 
 ten sich schon von Alters her grade die Ansehnlichsten unter diesen 
 nach Athens, weil sie die dortigen Zustände für sicher hielten, nnd vermehrten
 als nene Bürger die Bewohnerzahl der Stadt in dem Maße, daß man später, als
 Attika nicht mehr ausreichte, Kolonien nach Jonien schickte ^).

Auch in dem Folgenden liegt kein schwacher Beweis für die Kleinlichkeit der
 früheren Verhältnisse. Vor dem Trojanischen Kriege nämlich hat Hellas nichts
 Gemeinsames unternommen, ja es scheint mir sogar, daß dieser Gesamtname für das
 Vaterland noch gar nicht in Brauch war, und daß derselbe vor dem Hellen, dem
 Sohne des Deukalion, überhaupt nicht vorkam, sondern daß die andern 
 Völkerschaften, vornehmlich aber die Pelasger "), dem Lande nach ihren 
 
 
 
 eigenen Stammnamen Benennungen gaben. Als aber Hellen und seine Söhne
 IV in Phthiotis zu Macht und Ansehen gelangt waren, und auch andere Stämme sie
 zur Hilfeleistung in ihre Städte beriefen, so wurden auch diese letzteren für
 sich im gemeinen Verkehr schon mehr mit dem Namen Hellenen benannt, doch währte
 es freilich wohl geraume Zeit, bis er alle übrigen gänzlich verdrängen konnte.
 Beweis dafür ist besonders Homer. Er hat um vieles später, selbst als der 
 Trojanische Krieg, gelebt, und doch gebraucht er den Namen Hellenen nirgends als
 Gesamtbezeichnnng II und legt denselben auch sonst Niemanden bei als denen,
 welche mit Achilleus aus Phthiotis gekommen waren ^), und die in der That mich
 zuerst den Namen Hellenen geführt hatten. Die Gesamtheit nennt er in seinen
 Gesängen bald Danaer, bald Argiver oder Achaer. Ja sogar auch das Wort 
 Barbaren hat er nicht und zwar, wie mir scheint, eben aus dem Grunde, 
 
 
 
 
 
 weil der Gegensatz zu diesem Worte, nämlich der Gesamtname Hellenen,
 sich noch nicht gebildet hatte. 
 Die Hellenen nun, wie sie eben städteweise oder später auch Alle, soweit sie
 die gemeinsame Sprache redeten^), mit jenem Gesamtnamen bezeichnet worden sind,
 haben vor dem Trojanishcen Krieg aus Unmacht und ihrer Vereinzelung wegen nichts
 Gemeinsames unternommen, und auch diesen Zug erst gewagt, nachdem sie im
 Seewesen schon mehr Erfahrung gewonnen.

Der Erste nämlich, von dem uns gemeldet wird, daß er eine 
 Motte besaß, war Minos. Dieser beherrschte den größten Theil des jetzt
 sogenannten Hellenischen Meeres und die Kykladischen Inseln, deren Mehrzahl er
 auch zuerst durch Ansiedelungen bevölkerte, nachdem er die Karer vertrieben und
 seine eigenen Söhne zu Oberhäuptern 
 
 
 
 bestellt hatte. Auch tilgte er in diesen Meeren, wie natürlich, das 
 Seeräuberhandwerk so viel als möglich aus, damit ihm die Abgaben nm so sicherer
 zufließen konnten.

Die alten Hellenen nämlich und wer von den Barbaren auf dem Festland die
 Meeresküste oder die Inseln bewohnte, nachdem sie erst einmal angefangen hatten,
 über See häufiger mit einander zu verkehren, verlegten sich dann auf
 Seeräuberei. Dabei übernahmen die Mächtigeren die Anführung, sowohl in der
 Absicht, sich selbst zu bereichern, als auch um den Aermeren ihren Unterhalt zu
 schaffen. Sie überfielen die unbefestigten, aus einzelnen Ortschaften 
 zusammengesetzten Städte ^), raubten sie aus und zogen so aus diesem Handwerk
 ihren Hauptunterhalt, ohne daß übrigens auf demselben irgend ein Schimps
 gehaftet hätte, vielmehr war dabei eher Ruhm zu gewinnen. Dasselbe ist noch
 jetzt bei einigen Bewohnern des Festlandes der Fall, die einen Ruhm darein
 setzen, dergleichen Unternehmungen geschickt auszuführen, und auch die alten
 Dichter lassen überall an landende Seefahrer die Frage stellen, ob sie Räuber
 seien, so daß weder die, welche gefragt werden, diesen Beruf in Abrede stellen,
 noch auch die Fragenden einen Schimpf dareinlegen 2"). Aber auch aus dem
 Festland raubten sie einander aus, und bis aus den heutigen 
 
 
 
 Tag noch wohnt man in vielen Gegenden Griechenlands ans die alte 
 Weise, — so im Lande der Ozolischen Lokrer, der Aetoler und Nkarnanier nnd in
 den angrenzenden Theilen des Festlandes, wie denn mich den Bewohnern dieser
 Gegenden von dem alten Räuberhandwerk her noch die Sitte geblieben ist, in Waffen
 zu gehen 21).

Man trug nämlich in ganz Hellas allgemein Waffen, weil die Wohnsitze unbefestigt
 und Weg und Steg unsicher waren, und ging darum, wie die Barbaren, auch für
 gewöhnlich bewaffnet. Wenn noch hent zu Tage in jenen Theilen Griechenlands
 dieselbe Sitte herrscht, so ist das Beweis dafür, daß in alter Zeit die gleiche
 Gewohnheit allgemein herrschend war. Die, welche zuerst die Waffen abgelegt
 und in minder strenger Lebensweise sich einer größeren Bequemlichkeit 
 zugewendet haben, sind die Athener, und es ist nicht so gar lange her, seit in
 den reicheren Ständen die älteren Leute wieder aufgehört haben, aus Hang zur
 Weichlichkeit leinene Untergewänder zu tragen und den Haarwuchs in einem Wulst
 mittels goldener, als Heushcrecke» geformter Nadeln auf dem Scheitel
 festzuhalten^'). Bei den stammver­ 
 
 
 wandten Jonern hat sich diese Tracht unter den älteren Leuten sehr 
 lange erhalten. Erst die Lakedämonier führten geringere Kleidung nach jetziger
 Sitte ein, und bei ihnen haben sich auch in anderer Beziehung die Reichen zur
 Lebensweise der großen Menge bequemt^). Auch waren sie die ersten, die sich zu
 den Leibesübungen ganz entblößten und vor den Augen der Zuschauer entkleideten
 und mit Oel salbten, während früher auch bei den Olympischen Spielen die
 Athleten mit einem Gurt um die Schamtheile wettkümpften, und es ist erst 
 kurze Zeit her, daß diese Sitte aufgehört hat Bei den Barbaren, und besonders
 den Asiaten, wenn im Faust- und Ringkamps ein Preis ausgesetzt wird, kämpfen sie
 auch jetzt noch mit dem Gurt bekleidet ^), wie denn Einer die Punkte, in welchen
 die alten Hellenen mit den Barbaren von heute gleiche Sitte und Gewohnheit
 hatten, leicht noch um viele vermehren könnte.

Die zuletzt gegründeten Städte aber, deren Erbauer schon der Schisssahrt
 kundiger und an Geld und Gut reicher waren, wurden dicht am Meere angelegt und
 durch Mauern geschützt. Auch Landengen wählte man gern, sowohl der Leichtigkeit
 des Verkehrs wegen, als um den Nachbarn gegenüber möglichst im Vortheil zu sein.
 Hingegen sind 
 
 
 
 die alten Städte wegen der Seeräuber großentheils weit vom Meer 
 entfernt angelegt, nnd zwar sowohl die auf den Inseln, als die des Festlandes, —
 denn man plünderte sich gegenseitig aus, vorzüglich aber die, welche ohne
 Schiffsahrt zu treiben an der Küste wohnten —, und so sind sie bis auf den
 heutigen Tag tief im Lande gelegen.

Der Seeräuberei waren aber wohl noch mehr die Inselbewohner, meist Karer und
 Phöniker, zugethan; denn daß diese Stämme sich auf den meisten Inseln
 niedergelassen haben müssen, zeigte sich, als die Athener im Verlaufe dieses
 Krieges die Reinigung von Delos vornahmen ^). Als man nämlich die Todtensärge
 von der Insel wegschaffte, fand sich, daß mehr als die Hälfte Karer gewesen
 seien, was an der Gestalt der mitbegrabenen Waffen und an der 
 Begräbnißart, wie sie noch jetzt bei ihnen üblich, zu erkennen war 
 Als aber des Minos Seemacht emporkam, hob sich auch der Verkehr zur See, denn
 jenes Räuber-voll räumte vor ihm die Inseln, die er meist mit Ansiedlern
 besetzte. Die Seeanwohner, die schon mehr Geld und Gut erwarben, wechselten
 jetzt auch weniger ihre Wohnsitze; einige, die reicher geworden, schützten sie
 sogar durch Mauern. Man strebte nach Gewinn, und deshalb begaben sich die
 Aermeren in 
 
 
 den Dienst der Reicheren, und die Mächtigen, welche überlegenes 
 Vermögen hatten, machten die geringeren Städte sich unterwürfig 27*). 
 
 
 und dies war schon mehr der Zustand, in welchem sich die Hellenen 
 befanden, als sie dann den Zug gegen Troja unternahmen.

Auch Agamemnon scheint mir vielmehr durch seine überlegene Macht die Andern zu
 jenem Zuge gebracht zu haben, und nicht sowohl als der Vornehmste unter den
 Freiern der Helena, welche ein Eid dem Tyndareos verpflichtet hielt ^). Es
 erzählen nämlich auch die, welche 
 
 als der 
 durch Bekanntschaft mit der Ueberlieferung der Alten über die 
 Peloponnefifchen Dinge am besten unterrichtet sind, daß der Ursprung der Macht
 des Pelops in den: Geldreichthmn zu suchen sei, mit welchem er aus Asien zu den
 dürftigen Eingebornen herübergekommen, und daß er eben deshalb, obgleich ein
 Fremder, zu der Ehre gelangte, dem Lande den Namen zu geben ^). Noch viel
 glücklicher seien aber seine Nachkommen gewesen. Enrystheus nämlich, der in
 Attika durch die Heraklideu seinen Tod fand, habe, als er in den Krieg zog, die
 Stadt Mykene und die Regierung der nahen Verwandtschaft wegen dem Atreus,
 seiner Mutter Bruder, anvertraut, welcher damals grade wegen der Ermordung des
 Ehrysippos vor seinem Vater flüchtig war; und da nun Eurystheus nicht mehr
 zurückkehrte, habe Atreus die Herrschaft über Mykene und alle Besitzungen des
 Eurystheus, und zwar mit der Mykener Zustimmung, an sich genommen, denn
 diese fürchteten die Herakliden, ihn selbst aber, der überdies dem Volke zn 
 gefallen verstand, hielten sie für stark genug, und so seien die Pelopiden 
 mächtiger geworden als die Abkömmlinge des Perfens Das Alles 
 
 
 
 nun hat sich, wie mir scheint, auf Agamemnon vererbt, und da er 
 überdies auch durch eine mächtige Flotte den Andern überlegen war, so hat er
 dieselben wohl mehr durch die Furcht, die er einflößte, zu jener Unternehmung
 vereinigt, als daß sie es ihm zu Liebe gethan hätten 21); denn es zeigt sich, daß
 er für seine eigene Person mit der größten Anzahl von Schiffen erschien und
 überdies noch den Arkadiern solche gestellt hat ^-). So erzählt nämlich Homer,
 — wenn dieser überhaupt als Gewährsmann gelten kann. Auch läßt er ihn an
 der Stelle, wo von der Vererbung des Scepters die Rede ist (Jl. II, 108): 
 „Inseln viele beherrschen und sämtliche Gaue von Argos." Als festlandischer
 Fürst kann er aber nicht wohl über die wenigen zunächst gelegenen hinaus auch
 noch andere Inseln beherrscht haben, wenn er nicht im Besitz einer Flotte war.
 Und nach diesem Kriegszug muß man sich auch ein Bild von den vorangegangenen
 Zuständen machen.

Wollte man aber blos aus dem Umstände, daß Mykene eine 
 
 
 
 kleine Stadt war^), und daß die eine oder andere der damaligen 
 Ortschaften jetzt nicht mehr nennenswerth ist, schließen, jener Zug sei nicht so
 bedeutend gewesen, wie die Dichter ihn schildern, und wie die Sage von ihm
 annimmt, so würde diese Ungläubigkeit aus sehr schwachen Gründen beruhen; denn
 nehmen wir den Fall, Lakedämon sei zerstört worden, und Nichts davon übrig
 geblieben als die Tempel und die Fundamente des Baurisses, so möchten wohl nach
 Verlauf längerer Zeit spätere Geschlechter die Erzählung vom Ruhme der
 Lakedämonier sehr, ungläubig aufnehmen, und doch besitzen sie zwei Fünftheile
 des Peloponnes und haben die Oberleitung des Ganzen und vieler auswärtigen
 Bundesgenossen 34). Nichtsdestoweniger möchte aber ihre Stadt ziemlich ärmlich
 ershceinen, da sie weder zusammenhängend gebaut ist, noch durch Tempel und
 kostspielige Anlagen sich auszeichnet, sondern nach alter hellenischer Art des
 Städtebau's aus einzelnen Dorsschasten zusammengesetzt ist^). Wenn hingegen
 dasselbe den Athenern geschehen sollte, so müßte man nach dem, was von ihrer
 
 
 
 
 Stadt zu sehen wäre, ihre Macht doppelt so groß schätzen, als sie in
 der That ist. Man darf also hier nicht ungläubig sein und mehr nach dem
 Aussehen der Städte, als nach der wirklichen Macht urtheilen wollen, sondern wir
 müssen annehmen, daß jener Kriegszug alle früheren an Großartigkeit übertroffen
 habe, hinter den jetzigen aber allerdings zurückbleibe. Darf man der Schilderung
 Homer's auch hierin Glauben schenken, obgleich es selbstverständlich ist, daß
 er als Dichter die Dinge in's Größere und Schönere ausmalt, so erscheint
 selbst unter dieser Voraussetzung der Zug ziemlich ärmlich. Homer erzählt
 nämlich, daß von den zwölfhundert Schiffen die Böotischen je hundert und zwanzig
 Mann führten, und die des Philoktet je fünfzig ^), wodurch er, wie mir scheint,
 das größte und das kleinste Maß anzeigen will; denn von der Bemannungsstärke der
 übrigen ist im Verzeichnis; der Schiffe keine Rede. Daß aber die ganze 
 Bemannung der Schiffe Ruderer und streitbare Männer zugleich gewesen sind, geht
 aus dem hervor, was er bei Gelegenheit der Schiffe des Philoktet sagt, indem er
 nämlich alle Ruderer zu Bogenschützen macht. Die Zahl der außerdem
 Mitschiffenden war aber wohl nicht sehr groß, wenn man von den Königen nnd
 Kriegsbeamten absieht; denn sie interna hmen ja die Seefahrt mit vielem Ballast
 von kriegerischem Rüstzeug, und überdies führten ihre Schiffe kein Verdeck,
 sondern waren nach Art der alten Seeräuberschiffe offen gebaut. Nimmt man 
 also das Mittel zwischen den größten und den kleinsten Schiffen, so kommt für
 das ganze Heer keine eben sehr große Zahl heraus, in Anbetracht daß ganz Hellas
 dasselbe gemeinsam stellte.

Die Ursache hievon ist aber nicht sowohl im Menschen- mangel, als vielmehr in
 Geldarmuth zu suchen, denn wegen der schwie- 
 
 rigen Beschaffung der Lebensmittel mußten sie auch die Heereszahl 
 schwächer nehmen und konnten nur so viel Mann überführen, als sie hoffen durften,
 trotz dem Kriege dort erhalten zu können. Nachdem sie aber gleich nach der
 Landung eine Schlacht gewonnen hatten^) — und das muß geschehen sein, denn sonst
 hätten sie ihr Lager nicht mit einer festen Mauer umgeben können —, so zeigt sich
 selbst dann noch, daß sie nie mit ihrer Gesamtmacht auftraten, sondern sie 
 beschäftigten sich zugleich auch mit dem Landbau auf dem ^thrakischen^ 
 Chersonnes 38) und mit Seeräuberei, eben aus Mangel an Lebensmitteln. Wegen
 dieser Zersplitterung der Kräfte widerstanden die Trojaner um so leichter die
 zehn Jahre hindurch, indem sie es mit den jedesmal Zurückgebliebenen wohl
 aufnehmen konnten. Hätten jene aber hinreichende Vorräthe an Lebensmitteln
 gehabt, und hätten sie, ohne Seeraub und Landbau zu treiben, beständig mit ihrer
 ganzen Macht den Krieg fortgeführt, so wären sie leicht durch einen Sieg in
 offener Feldschlacht der Stadt Meister geworden, da sie ja auch, ohne 
 vollzählig zu sein, mit dem grade anwesenden Theil des Heeres erfolgreichen
 Widerstand leisteten; und hätten sie sich zur Belagerung herbeigelassen, so
 würden sie in kürzerer Zeit und mit noch weniger Mühe Troja genommen haben.
 Allein eben des Geldmangels wegen war nicht nur Alles früher Geschehene von
 keiner Bedeutung gewesen, sondern selbst noch diese Unternehmung, obgleich
 bei Weitem namhafter als alle früheren, zeigt sich in der Wirklichkeit viel 
 unbedeutender, als wozu der Ruf und die in unserer Zeit verbreitete dichterische
 Sage sie machen.

Aber auch nach dem Trojanischen Kriege kommen in Hellas 
 
 
 
 
 noch Wechsel der Wohnsitze und neue Gründungen vor, so daß sich das 
 Land nicht ruhig und gedeihlich entwickeln konnte. Denn da die Rückkehr der
 Hellenen aus Troja sich verzögerte, so ereigneten sich viele Veränderungen und
 Ausstände in den Städten, und die Vertriebenen gründeten neue Städte. So haben
 z. B. die Böotier, im sechzigsten Jahre nach der Einnahme Jlions durch die
 Thesfaler aus ^dem thessalischen^ Arne vertrieben, das jetzige Böotien in Besitz
 genommen, welches vorher den Namen des Kadme'i'shcen Landes geführt hatte. Ein
 Böotier-Stamm war aber auch schon früher im Besitze dieses Landes gewesen
 und hatte sich zum Theil dem Zuge gegen Jlion angeschlos- 
 sen 38 *). Ebenso haben im achtzigsten Jahre die Dorier, mit den 
 Herakliden verbündet, den Peloponnes in Besitz genommen. Nachdem so Hellas nur
 mühevoll und nach langer Zeit zur- Ruhe und stätigen Verhältnissen gelangt war,
 ohne weitere Umwälzungen zu erfahren, konnte es Kolonien aussenden. Durch solche
 haben die Athener das Ionische Gebiet und die Mehrzahl der Inseln bevölkert, die
 Peloponnesier aber den größten Theil Italiens und Siciliens und einige 
 Landschaften in anderen Theilen von Hellas. Alle diese Neugründungen aber haben
 erst nach dem Trojanischen Krieg stattgesunden.

Von jetzt an mehrte sich der Wohlstand in Hellas, und da der Gelderwerb in
 größerem Maße stattfand als früher, und auch die Staatseinnahmen bedeutender
 wurden, so entstandest in der Mehrzahl der Städte Gewaltherrschaften der
 Tyrannen, — früher aber war die erbliche Königswürde, verbunden mit bestimmten
 Ehrengaben, herrschend gewesen^). Jetzt baute man auch Flotten in Hellas und
 wid- 
 
 
 mete sich mehr dem Seewesen. Die Ersten, welche durch Umbildung des
 Schiffbaues der jetzigen Art und Weise am nächsten kamen, sollen die Korinther
 gewesen sein, und auch die Dreiruderer seien von ganz Hellas zuerst in Korinth
 gebaut worden. Bekannt ist auch, daß Ameinokles aus Korinth, der Schiffsbauer,
 den Samiern vier Schiffe gebaut hat^"); von dem Zeitpunkt aber, da dieser zu den
 Samiern kam, bis zum Ende dieses Krieges ^') sind ungefähr dreihundert Jahre 
 verflossen. Die älteste Seeschlacht, von der wir wissen, lieferten die 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Korinther den Kerkyräern ^), und bis zu demselben Zeitpunkt sind 
 seitdem ungefähr zweihundert und sechzig Jahre verflossen. 
 Da nämlich die Stadt der Korinther auf einer Landenge lag, so war dort von
 jeher Handel und Verkehr gewesen ^), weil die Hellenen, die früher mehr zu Land
 als zur See verkehrten, und zwar sowohl die aus dem Peloponnes, als die aus den
 andern Landestheilen, alle über Korinth mußten, um zu einander zu kommen. Daher
 besaßen die Korinther große Reichthümer, wie auch aus den alten Dichtern
 erhellt, welche ihr Land „das reiche" nennen^). Als nun die Hellenen sich 
 mehr auf das Seewesen verlegten, so säuberten die Korinther mit ihren Schiffen
 das Meer von Räubern, und da ihre Stadt schon eine Handelsstadt war, so wurde
 sie immer reicher, indem nun auf beiderle Wegen Geld zufloß. 
 Auch die Joner hatten in späterer Zeit, unter dem ersten Perserkönig Kyros und
 seinem Sohne Kambyses, eine starke Flotte^) und waren während des Krieges mit
 Kyros eine Zeit lang Herren der dortigen Gewässer. Auch Polykrates, der zur Zeit
 des Kambyses die Zwingherrschast über Samos besaßt), war durch seine Flotte
 mächtig und eroberte viele Inseln, worunter auch Rheneia, das er dem 
 Apollo von Delos weihte. Endlich haben auch die Phokäer, als sie Massalia
 Marseilles gründeten, die Karthager in einer Seeschlacht besiegt ^).

Dies waren nämlich die vornehmsten Seemächte. Allein 
 
 
 
 
 
 
 auch bei diesen, obgleich sie um viele Menscheualter nach dem 
 Trojanischen Krieg fallen, gab es nur erst wenige Schiffe mit drei Reihen von
 Rudern, sondern man führte, wie zu jener Zeit, meist noch Fünfzigruderer und
 lange Fahrzeuge. Kurz vor den Perserkriegen aber und dem Tode des Dareios,
 welcher dem Kambyfes als König der Perser gefolgt war, besaßen die sieilischen
 Tyrannen^) und auch die Kerkyräer schon eine große Zahl solcher Dreiruderer.
 Diese beiden waren nämlich in der letzten Zeit vor dem Heereszuge des Xerxes die
 bedeutendsten Seemächte unter den Hellenen; denn die Aegineten und die 
 Athener nnd die wenigen Andern besaßen nur schwache Flotten und meist nur
 Fiinszigruderer; ja selbst später noch, als Themistokles die Athener beredete,
 für den Krieg mit den Aegineten und wegen des erwarteten Barbarenzuges die
 Schiffe zu bauen, mit denen sie auch wirklich die Seeschlachten lieferten,
 hatten selbst diese noch kein vollständiges Verdeck.

Das also war der Zustand des Hellenischen Seewesens in den ältesten und den
 folgenden Zeiten; gleichwohl erwarben die, welche ihm oblagen, theils durch deu
 Geldzufluß, theils auch durch Ausbreitung ihrer Herrschaft keine geringe Macht.
 Sie griffen nämlich die Inseln an und unterwarfen sie, besonders wenn das eigne
 Gebiet sie nicht mehr ausreichend nährte. Zu Lande aber ereignete sich kein
 Krieg, welcher eine Vergrößerung der Macht hätte zur Folge haben können, 
 und wenn solche etwa vorkamen, so wurden sie immer nur gegen die eigenen
 Gränznachbarn geführt; aus weite Heereszüge in fremde Länder aber und zur
 Unterwerfung Anderer gingen die Hellenen nicht aus, denn es gab weder
 Unterworfene, welche den mächtigen Städten ^durch gezwungene Beistandleistung^
 solche Unternehmungen hätten erleichtern können, noch auch wurden gemeinsame
 Heereszüge mit gleichem Recht für Alle unternommen. Unter einander ^d. h. ohne
 Bundesgenossen^ aber führten sie wohl Krieg, ein Jeder mit seinem Nachbar. Am
 meisten noch fand eine allgemeinere Parteinahme in dem alten Kriege 
 zwischen den Chalkidiern und Eretriern Statt, wo auch das übrige Griechenland
 auf der einen oder der andern Seite mitkämpfte^).

Doch stellte sich den Einen dies, den Andern jenes Hinderniß in den Weg und
 hielt ihr Wachsthum zurück. So den Jonern zu einer Zeit, da ihre Macht schon
 hochgestiegen war, die neue Persische Macht des Kyros, welcher den Krösos
 niederwarf und alles Land zwischen dem Flusse Halys und dem Meere mit Krieg
 überzog und die Städte des Festlandes unterjochte, dann später Dareios) welcher
 mit Hilfe der phönikischen Flotte auch die Inseln botmäßig machte 5°).

Die Tyrannen, so viele ihrer in den Hellenischen Städten aufkamen, bedachten
 alle nur sich selbst, die eigne Sicherheit und die Vergrößerung ihrer
 Familienmacht Sicherheitsmaßregeln waren 
 
 
 
 das Hauptaugenmerk ihrer politischen Verwaltung; irgend ein 
 erwähnenswerthes Unternehmen aber wurde von ihnen nicht ausgeführt, 
 
 
 höchstens Kriege gegen ihre Nachbarn; nur die in Sicilien 
 brachtenes zu einer sehr bedeutenden Macht ^ ^). Auf diese Weise ist Hellas lange
 Zeit her durch Einflüsse aller Art niedergehalten worden, so daß weder gemeinsam
 irgend eine glänzende That ausgeführt 
 
 
 
 wurde, noch auch die einzelnen Staaten für sich Unternehmungsgeist 
 zeigten^*).

Endlich wurden die Tyrannen in Athen und in den vielen andern hellenischen
 Staaten, die schon vorher in den Händen von Gewaltherrschern waren, mit Ausnahme
 derer in Sicilien durch die Lakedämonier gestürzt. Lakedämon war nach der
 Ankunft der jetzt 
 dort wohnenden Dotter, so viel wir wissen, die meiste Zeit von inne-« ren
 Unruhen bewegt^), und erfreut sich doch seit sehr langer Zeit 
 
 
 trefflicher Gesetze^) und ist immer frei von Tyrannen geblieben. 
 Denn bis auf das Ende dieses Krieges sind ungefähr vierhundert 
 
 Jahre verflossen und etwas darüber, seitdem die Lakedämonier
 dieselbe Verfassung unverändert beobachten und eben dadurch stark genug 
 wurden, auch in andern Staaten als Ordner aufzutreten. 
 Nachdem nun die Tyrannen vom Hellenischen Boden vertrieben waren, fand nicht
 lange danach bei Marathon die Schlacht zwischen 
 Persern und Athenern Statt. ^m zehnten Jahre danach kam dann 
 der Barbar wieder mit jenem grossen Heereszug, um Hellas in die 
 Knechtschaft zu zwingen. Da nun diese große Gefahr über Aller 
 
 
 Häuptern schwebte, stellten sich die Lakedämonier, durch ihre Macht 
 vorragend, an der mitkämpfenden Hellenen Spitze, und die Athener entschlossen
 sich beim Herannahen der Meder, die Stadt zu verlassen und mit ihrer Habe zu
 Schiff zu gehen, und wurden so Seeleute. Als sie darauf mit gemeinsamer
 Anstrengung den Barbaren zurückgewiesen hatten, währte es nicht lange, so
 spalteten sich die vom großen König abgefallenen Hellenen und die in jenem
 Kriege mitgekämpft hatten, und hielten sich ein Theil zu den Athenern, ein Theil
 zu den Lakedämoniern; denn diese beiden waren an Macht die hervorragendsten,
 die Einen zu Lande, die Andern zur See. Zwar dauerte die 
 Kampfgenossenschaft noch einige Zeit, dann aber zerfielen die Lakedämonier und
 Athener unter einander und bekriegten sich, indem jedem Theile die
 Bundesgenossen zur Seite standen; und wo sonst unter den andern Hellenen irgend
 Feindschaft bestand, schloß man sich seitdem an eine dieser beiden Parteien. So
 hatten sie seit der Zeit des Persereinfalls bis zum jetzigen Kriege
 ununterbrochen bald Waffenstillstand, bald kämpften sie entweder unter einander,
 oder gegen ihre abgefallenen Bundesgenossen, brachten aber dabei ihr Kriegswesen
 zu einer gewissen Vollkommenheit und wurden darin, indem sie unter Gefahren
 sich übten, immer kundiger.

Die Lakedämonier verwalteten die Anführerfchaft, ohne von ihren Bundesgenossen
 Steuern zu nehmen, und waren nur darin aus sich selbst bedacht, daß sie ihnen
 oligarchische Verfassungen gaben ^). Die Athener hingegen zogen mit der Zeit die
 Schiffe der verbündeten Staaten an sich, nur die der Chier und Lesbier
 ausgenommen, und besteuerten alle; und doch ist zu dem gegenwärtigen Kriege ihre
 Rüstung noch viel großartiger gewesen, als da sie zur Zeit der unge­ 
 
 schwächten Bundesgenossenschaft in der vollen Blüte ihrer Macht 
 standen.

Das ist's, was ich über die älteren Zeiten gefunden habe. Man darf aber den
 einzelnen Zeugnissen, wie sie sich der Reihe nach darbieten, nur schwer Glauben
 schenken; denn die Menschen nehmen die Erzählungen von dem, was sich früher
 ereignet hat, ohne alle Prüfung von einander an, auch wenn es ihr eigenes
 Vaterland betrifft^). So ist z. B. unter dem Volke zu Athen der Glaube 
 verbreitet, daß Hipparchos in der Eigenschaft als Tyrann durch Harmodios und
 Aristogeiton ermordet worden sei, und sie wissen nicht, daß die Herrschaft in
 den Händen des Hippias lag, als des ältesten unter den Söhnen des Peifistratos,
 und daß Hipparchos und Theffalos nur dessen Brüder waren. Da aber an jenem Tage
 und im entscheidenden Augenblick Harmodios und Aristogeiton vermutheten, 
 Hippias sei durch einen Mitverfchwornen gewarnt, so legten sie nicht Hand an
 diesen, weil sie ihn eben schon für unterrichtet hielten; sie wollten aber vor
 ihrer Gefangennehmung doch auch etwas gethan haben, und da sie zufällig auf den
 Hipparchos trafen, welcher in der Nähe des sogenannten Leokorions den Festzug
 der Panathenäen ordnete, so ermordeten sie diesen^). Aber auch über viele andere
 Dinge und auch solche, die noch in der Gegenwart bestehen und nicht durch
 die Länge der Zeit in Vergessenheit gerathen sein können, haben auch die übrigen
 Griechen unrichtige Vorstellungen, wie z. B. daß jeder der beiden
 Lakedämonischen Könige nicht Eine Stimme abgebe, sondern zwei, und daß sie dort
 eine gewisse Schaar, genannt die Pitanaten, hätten, die es doch gar nie gegeben
 hat ^). So fahr- 
 
 
 
 
 ässig sind die Menschen, die Wahrheit zu untersuchen, und sie nehmen
 viel lieber das an, was ihnen gerade zu Gehör kommt.

Trotzdem möchte Einer nicht seht gehen, wenn er zumeist das für wahr hält, was
 ich nach den angeführten Beweisgründen mitgetheilt habe, und weder dem mehr
 Glauben schenkt, was die Dichter in's Großartige ausschmückend davon gesungen
 haben, noch auch dem, was die Sagenschreiber 5 9) darüber aufgezeichnet, mehr
 mit Rücksicht auf das der Einbildungskrast Schmeichelnde als aus die Wahrheit,
 Unerweisliches nämlich und unter dem Einfluß der Zeit in's Unglaubliche
 und Fabelhafte Umgebildetes; er soll vielmehr glauben, daß mein Befund den
 glaubwürdigsten Zeugnissen entspreche und so treu sei, wie es bei Dingen aus so
 alter Zeit eben möglich ist. Was aber den hier erzählten Krieg selbst betrifft,
 so wird man finden, daß er sich durch die Thatsachen selbst als viel bedeutender
 erweist als alle früher geführten, obwohl die Menschen immer den für den
 wichtigsten ansehen, in welchem sie gerade begriffen sind, nach seiner
 Beendigung aber wieder zur Bewunderung des Alten zurückkehren.

Was die Reden angeht, welche die Betreffenden theils noch vor dem Kriege
 gehalten haben, theils auch während der Führung desselben, so wäre es mir
 unmöglich gewesen, die wirklich gesprochenen Worte mit Genauigkeit
 wiederzugeben, und zwar betrifft dies nicht weniger die, welche ich selbst mit
 angehört habe, als auch die mir von anderer Seite mitgetheilt worden sind. Es
 wird aber in meinem Buche so geredet, wie mir die Einzelnen den Umständen gemäß
 am passendsten zu sprechen schienen, indem ich mich dabei so eng als möglich an
 die Hauptgedanken der wirklich gehaltenen Reden anschloß. Was aber die im
 Kriege vorgefallenen Thatsachen betrifft, so hielt ich nicht für erlaubt, sie so
 auszuzeichnen, wie ich sie vom Ersten Besten erzählen hörte, und auch nicht nach
 meinem eigenen Gutdünken, sondern wie ich theils durch eigene Anshcauung, theils
 durch möglichst genaue Erkundigung bei Anderen über jedes Einzelne mich
 unterrichtet habe. 
 
 
 Doch war es schwierig, die Wahrheit auszufinden, weil diejenigen, 
 welche den einzelnen Begebenheiten als Augenzeugen beigewohnt hatten, sie doch
 nicht auf dieselbe Weise erzählten, sondern wie grade einen Jeden sein
 Wohlwollen für den einen oder andern Theil oder fein Gedächtnis; anleitete. Dem
 Ohre nun wird diese Geschichte, weil sie nichts Sagenhaftes erzählt, zwar
 weniger vergnüglich erscheinen, wenn aber diejenigen dies Werk nützlich finden,
 welche die geschehenen Dinge kennen lernen wollen, wie sie wirklich waren, und
 wie auch die Zukunft sie immer auf dieselbe oder auf ähnliche Weise wiederholen
 wird, weil es eben die menschliche Natur so mit sich bringt, so wird das
 genug sein. Es ist mehr geschrieben, um ein Besitzthum für alle Zeiten zu sein,
 und buhlt nicht als Redeprunkstück dem Augenblick zu gefallen.

Von den früheren Ereignissen ist der Perserkrieg das bedeutendste, und doch
 fand auch dieser in zwei See- und zwei Landschlachten eine schnelle
 Entscheidung^*)! der gegenwärtige Krieg aber hat sich sehr in die Länge gezogen
 und über Hellas Leiden gebracht, wie solche in einem gleichen Zeiträume sich
 sonst nie gehäuft haben; denn es wurden früher weder so viele Städte eingenommen
 und verwüstet, sei es nun durch die Barbaren 6") oder durch die 
 kriegführenden Parteien selbst ° >), und viele wurden auch nach ihrer Einnahme
 mit andern Einwohnern besetzt^). Nie mußten so viele Menschen ihr
 Vaterland verlassen, und nie haben so viele ihr Leben verloren, sei es durch den
 Krieg selbst, sei es durch inneren Aufruhr. Was in früherer Zeit nur vom
 Hörensagen bekannt war, in der Wirklichkeit selbst aber nur selten erfahren
 wurde, fand nun thatsächliche Bestätigung, so z. B. Erdbeben, welche sich über
 einen großen Theil der Erde erstreckten und zugleich von außerordentlicher
 Heftigkeit waren, ferner Sonnenfinsternisse, welche häufiger stattfanden, als es
 von 
 
 
 
 
 früheren Zeiten erzählt wird, dann auch häufige Dürre und in ihrer 
 Folge Hungersnoth 6 2), und endlich, was nicht am wenigsten Schaden gethan und
 eine große Zahl von Menschen getödtet hat, die Pest. Das Alles kam während
 dieses Krieges vereint vor. — Es begannen ihn aber die Athener und
 Peloponnesier, nachdem sie den dreißigjährigen Vertrag gebrochen hatten, 
 welcher nach der Einnahme Euböa's zwischen ihnen geschlossen worden war^). 
 Damit aber künftighin Niemand fragen dürfe, aus welchen Ursachen sich ein so
 bedeutender Krieg zwischen den Hellenen entspannen habe, so erzähle ich zuerst
 seine Veranlassung und die Zerwürfnisse, welche die Lösung jenes
 Waffenstillstandes herbeiführten. Für die eigentliche, in den Urtheilen der
 Menschen aber am wenigsten hervorgezogene Ursache halte ich, daß die Athener in
 ihrer Macht- entwickelung den Lakedämoniern Furcht einflößten und sie auf
 diese Weise zum Kriege nöthigten6°). Die Ursachen aber, welche jede der beiden
 Parteien als Grund anführte, daß sie den Waffenstillstand lösten und zum Kriege
 schritten, sind die folgenden.

Epidamnos ist eine Stadt, welche zur Rechten liegen bleibt, wenn man in den
 Ionischen sadriatischen^ Meerbusen einfährt. Sie ist rings von Taulantiern
 umwohnt, Barbaren Jllyrischer Abkunft, und ist eine Pflanzstadt der Kerkyräer.
 Ihr Gründer war Phalios, des Eratokleides Sohn, ein Korinther aus dem Stamm der
 Herakliden, welcher der alten Sitte gemäß aus der Mutterstadt berufen
 worden war 66). Es waren auch einige Korinther und Andere 
 
 
 
 Dorischer Abkunft mit ausgewandert. Im Verlaufe der Zeit nun wurde
 die Stadt der Epidamnier groß und volkreich; sie lebten aber dann, wie erzählt
 wird, viele Jahre lang in inneren Zwistigkeiten und erlitten in deren Folge
 durch einen Krieg mit den benachbarten Barbaren große Verluste, und ihre Macht
 gerieth in Verfall. Zuletzt, unmittelbar vor dem Beginn dieses Krieges, jagte
 das Volk die Aristokraten aus der Stadt. Diese schlossen sich an die Barbaren an
 und übten mit deren Hilfe an denen in der Stadt Räubereien zu Land und zn
 Wasser. Da nun die in Epidamnos in die Enge geriethen, so schickten sie Gesandte
 nach Kerkyra, ihrem Mutterstaat, mit der Bitte, doch ihrem Verderben nicht
 zusehen zu wollen, sondern zwischen ihnen und den Ausgetriebenen zu vermitteln
 und dem.Krieg mit den Barbaren ein Ende zu machen. Dies Anliegen trugen sie
 sitzend im Tempel der Hera als Schutzflehende vor ^); die Kerkyräer aber gaben
 ihrer Bitte nicht Statt, sondern ließen sie nnverrichteter Sache wieder 
 abziehen.

Die Epidamnier sahen nun, daß ihnen von Kerkyra aus keine Hilfe werde, und
 waren sehr in Bedrängniß, wie sie ihre Lage bessern sollten. Sie schickten nach
 Delphi, den Gott zu fragen, ob sie ihre Stadt nicht den Korinthern als den
 ersten Gründern übergeben und versuchen sollten, diese zur Hilfe zu bewegen. Der
 Gott befahl ihnen, sich den Korinthern zu ergeben und sie zu Anführern zu 
 machen. Die Epidamnier kamen nun nach Korinth und übergaben dem Orakelspruch
 gemäß ihre Pslanzstadt, indem sie erinnerten, daß ihr 
 
 
 
 
 Gründer aus Korinth gewesen sei, und den Spruch des Gottes 
 mittheilten. Sie baten auch, man möge ihrem Verderben nicht ruhig zusehen,
 sondern helfen. Die Korinther übernahmen, wie es Recht war, die Hilfeleistung,
 da sie glaubten, daß die Pflanzstadt nicht weniger ihnen gehöre als den
 Kerkyräern, zugleich aber auch aus Haß gegen die Kerkyräer, weil diese, obgleich
 eine Korinthische Pflanzstadt, ihnen doch keinerlei Aufmerksamkeit erwiesen. Denn
 sie ließen ihnen weder bei allgemeinen Versammlungen die gewöhnlichen
 Ehrenbezmgungen zu Theil werden, noch auch gestatteten sie den Vortritt bei den
 Opfern einem Korinther, wie es die Sitte der Pflanzstädte war 6 6), sondern 
 behandelten sie übermüthig. Auch konnten sich in der That die Ker- 
 
 
 kyräer sowohl an Geldmacht mit denen messen, welche damals unter 
 den Hellenen die reichsten waren, als sie auch an Kriegsmacht unter den Uebrigen
 vorragten und sich zu gewissen Zeiten sogar rühmen durften, durch ihre Flotte
 alle Andern weit zu übertreffen. Im Seewesen war nämlich Kerkyra noch von den
 Zeiten der Phäaken her berühmt, welche früher dort gewohnt hatten. Deshalb
 verlegten sich die Kerkyräer auch vorzüglich aus den Schiffsbau, und ihre
 Seemacht war nicht gering, denn als sie den Krieg begannen, besaßen sie hundert
 und zwanzig Dreiruderer

In all diesen Umständen lagen für die Korinther Gründe zu Beschwerden, und
 deshalb waren sie gern bereit, den Epidamniern Hilfe zu senden, hießen auch
 Jeden, der wollte, als Ansiedler mitgehen und schickten Amprakiotische,
 Leukadische^) und eigene Truppen mit. Diese nahmen ihren Marsch zu Lande über
 Apollonia, eine Korinthische Pflanzstadt, aus Furcht, die Kerkyräer könnten ihre
 Ueberfahrt zur See verhindern. Diese aber, als sie die Ankunft der neuen 
 Ansiedler und der Truppen in Epidamnos erfuhren und zugleich die Uebergabe ihrer
 Kolonie an die Korinther, waren sehr erbittert. Schnell erschienen sie mit
 fünfundzwanzig Schiffen, denen später noch ein zweites Geschwader folgte 7"),
 und stellten unter übermüthigen Drohungen die Forderung, daß man die
 Vertriebenen wieder aufnehme, — die Epidamnifchen Flüchtlinge waren nämlich nach
 Kerkyra gekommen und hatten sie bei den Gräbern der Vorfahren ^ und bei 
 der Stammesverwandtschaft beschworen, sie zurückzuführen, — die Korinthische
 Besatzung aber und die neuen Ansiedler müßten weggeschickt werden. Die
 Epidamnier gaben jedoch in keinem Punkte nach. 
 
 
 
 
 
 Nun kamen die Kerkyräer mit vierzig Schiffen und den Vertriebenen, 
 welche sie zurückführen wollten, nachdem sie sich vorher auch die Jllyrier
 verbündet hatten. Sie blokirten die Stadt, indem sie es den Epidamniern und den
 Fremden frei stellten, dieselbe zu verlassen; wollten sie das nicht, so würden
 sie als Feinde behandelt werden. Da jene nicht nachgaben, so begannen die
 Kerkyräer die Stadt, die aus einer Landenge liegt, zu belagern.

Die Korinther, als zu ihnen aus Epidamnos Boten mit der Nachricht von der
 Belagerung kamen, rüsteten zu einem Heereszuge und ließen zugleich eine
 Ansiedelung für Epidamnos ausrufen. Jeder, wer wolle, könne sich unter gleichem
 Recht für Alle anschließen^), und wenn Einer für den Augenblick nicht
 mitzuschisfen gesonnen sei und doch bei der Ansiedelung sich betheiligen wolle,
 der könne in Korinth zurückbleiben gegen Erlegung von fünfzig Drachmen ^).
 Sowohl der Mitschiffenden, als auch derer, welche die Summe einzahlten, sanden
 sich Viele. Sie baten auch die Megarer, sie mit ihrem Schiffsgeleit zu
 verstärken, sür den Fall daß sie von den Kerkyräern zur See behindert werden
 sollten. Diese machten sich bereit, sie mit acht Schiffen zu begleiten, ebenso
 die Paleer aus Kephallene mit vieren. Auch an die Epidaurier wandten sie sich,
 und diese stellten fünf Schiffe, ferner die Hermioneer eines, die Trözener zwei,
 die Leukadier zehn und die Amprakioten acht. Die Thebaner und Phliafier 
 ersuchten sie um Geldbeiträge, die Eleer um leere Schiffe und Geld. Aus eigenen
 Mitteln aber rüsteten die Korinther dreißig Schiffe und dreitausend
 Schwerbewaffnete.

Als die Kerkyräer von diesen Rüstungen erfuhren, kamen sie im Geleit
 Lakedämonischer und Sikyonischer Gesandten nach Korinth und forderten, die
 Korinther sollten ihre Tnlppen und die neuen Ansiedler aus Epidamnos wegziehen,
 da sie auf diese Kolonie kein Recht hätten. Glaubten sie aber doch
 Gegenansprüche machen zu dür- 
 
 
 fen, so seien sie bereit, die Angelegenheit denjenigen peloponnefischen
 Städten zur Entscheidung vorzulegen, über welche sich beide Theile vorher
 geeinigt haben würden. Wem von ihnen beiden die Kolonie dann zugesprochen werde,
 der solle Sieger sein. Auch dem Delphischen Orakel wollten sie die Entscheidung
 anheimstellen^*), nnr möge man keinen Krieg anfangen; denn sonst seien auch sie
 gezwungen, zu ihrer Unterstützung sich andere Bundesgenossen zu erwerben als
 die, welche sie jetzt hätten, und zwar solche, welche den Korinthern nicht
 angenehm wären, obgleich sie selbst dazu nöthigten Die Korinther gaben zur 
 Antwort: wenn jene erst ihre Schiffe und die Barbaren von Epidamnos
 zurückgezogen hätten, seien sie zu Unterhandlungen bereit, vorher aber wolle es
 ihnen nicht wohl anstehei, daß die in Epidamnos belagert würden, und sie hier
 Verhandlungen Pflögen. Hieraus erwiderten die Kerkyräer, sie wären damit
 einverstanden, wenn auch jene ihre Leute Epidamnos wollten räumen lassen; auch
 wäre es ihnen Recht, wenn beide Parteien in ihren gegenwärtigen Stellungen 
 verblieben und einen Waffenstillstand schlößen, bis der Rechtsspruch erfolgt
 sei.

Hierin aber gaben die Korinther in keinem Punkte nach, sondern als ihre Schiffe
 gerüstet und ihre Bundesgenossen bereit waren, schickten sie vorher einen Herold
 ab, um den Kerkyräern den Krieg anzusagen, und segelten dann mit
 fünfundsiebenzig Schiffen und zwei Tausend Schwerbewaffneten nach Epidamnos, um
 gegen die Kerkyräer den Kampf entscheiden zu lassen Anführer der Schiffe waren
 Aristeus, Sohn des Pellichas, Kallikrates, des Kallias, und Timanor, des
 Timanthes Sohn; die Landtruppen befehligten Archetimos, Sohn des Enrytimos, und
 Jsarchidas, Sohn des Jsarchos. Als sie bei Aktion auf Anaktorifchem Gebiete,
 dort wo der Tempel des Apollo 
 
 
 
 steht, nahe an der Mündung des Amprakischen Meerbusens angekommen
 waren, schickten ihnen die Kerkyräer ein Boot mit einem Herold entgegen, der sie
 aufforderte, nicht weiter gegen sie vorzurücken. Zu gleicher Zeit bemannten sie
 ihre Schiffe, gaben den alten neue Querdecke, so daß sie die See halten konnten,
 und machten die andern segelfertig. Der Herold brachte von den Korinthern keine
 friedliche Antwort, und da ihre Schiffe die Besatzung aufgenommen hatten, —
 es waren deren achtzig: vierzig andere nämlich hielten Epidamnos 
 blokirt^), — so fuhren sie auf die hohe See jenen entgegen, stellten sich in
 Schlachtordnung auf, und die Seeschlacht begann. Es trugen aber die Kerkyräer
 einen entschiedenen Sieg davon und vernichteten den Korinthern fünfzehn Schiffe.
 An demselben Tage hatten auch die, welche Epidamnos entschlossen, das Glück, die
 Stadt durch Uebergabe in ihre Hand zu bekommen, unter der Bedingung, daß die
 Fremden verkauft, die Korinther aber gefangen gehalten werden sollten, bis 
 anders entschieden sei.

Nach der Seeschlacht errichteten die Kerkyräer auf Leukimme [Lefkimo], dem
 Vorgebirge von Kerkyra, ein Siegeszeichen und tödteten die [znr See] gemachten
 Gefangenen mit Ausnahme der Korinther, welche sie in Fesseln behielten; und als
 die Korinther und ihre Bundesgenossen nach der Niederlage mit ihren Schiffen
 nach Hause zurückgekehrt waren, blieben die Kerkyräer Herren aller jener
 Gewässer. Sie segelten gen Lenkas, eine Pflanzstadt Korinths^), und 
 verheerten das Land; auch steckten sie Kyllene, die Schiffswerft der Eleer, in
 Brand, weil diese den Korinthern Schiffe und Geld geliefert hatten. Die längste
 Zeit nach jener Seeschlacht blieben sie Herren des Meeres 7 s), suchten die
 Bundesgenossen der Korinther heim und fügten ihnen Schaden zu, bis die Korinther
 gegen Ende des Sommers Schiffe und Truppen aus-schicken, da ihre Bundesgenossen
 zu sehr litten. Sie lagerten bei Aktion nnd in der Nähe von Cheimerion im 
 
 
 
 Gebiete der Thefproter, um Leukas und die andern befreundeten 
 Städte zu schützen. Die Kerkyräer hingegen nahmen mit der Flotte und den
 Landtruppen Stellung bei Leukimme. Zur Seeschlacht kam es jedoch nicht, sondern
 sie blieben den ganzen Sommer ruhig einander gegenüber stehen, und als der
 Winter bereits hereingebrochen war, kehrten beide Theile nach Hause zurück.

Die Korinther, durch den Verlauf des Krieges mit den Kerkyräern auf's Höchste
 gereizt, beschäftigten sich das ganze Jahr nach der Seeschlacht und das darauf
 folgende mit dem Schiffsbau und rüsteten mit aller möglichen Anstrengung eine
 Flotte^). Ruderer verschafften sie sich um hohen Lohn aus dem Peloponnes selbst
 und aus dem übrigen Hellas. Als die Kerkyräer von diesen Rüstungen 
 .hörten, geriethen sie in Furcht, und da sie mit keinem der Hellenischen Staaten
 verbündet waren und sich auch weder in den Athenischen, noch in den
 Lakedämonischen Bund eingeschrieben hatten, so beschlossen sie nach Athen zu
 schicken und sich diesen als Bundesgenossen anzutragen, um zu versuchen, ob sie
 hier Unterstützung fänden. Die Korinther nun, als sie dies erfuhren, schickten
 auch ihrerseits Gesandte nach Athen, damit nicht die Vereinigung der
 Kerkyräifchen und der Attischen Flotte es ihnen unmöglich mache, den Krieg nach
 Wunsch zu beendigen. Eine Volksversammlung wurde anberaumt, und beide Theile
 kamen zur Rede und Gegenrede. Die Kerkyräer nun sprachen folgendermaßen
 So):

„Von denjenigen, ihr Athener, die Andere um Hilfe angehen, ohne sich auf früher
 geleistete Dienste oder vorangegangene Bundesgenossenschaft berufen zu können,
 wie eben wir jetzt in dem Falle sind, von denen wird billig der Beweis verlangt,
 vor Allem, daß ihr Gesuch ein vortheilbringendes, oder, wenn das nicht, doch
 wenigstens nicht mit Nachtheil verknüpft sei, und dann, daß man bei ihnen
 auf Dankbarkeit sicher rechnen dürfe. Gelingt es ihnen nicht, diese Punkte außer
 Zweifel zu stellen, so sollen sie sich nicht beschweren, wenn sie keinen Erfolg
 haben. Die Kerkyräer nun haben uns mit der Bitte um Bundesgenossenschaft an Euch
 abgesandt, und sie vertrauten, Euch hierüber alle Sicherheit geben zu können.
 Unser bisheriges Gebahren freilich ist wohl der Art gewesen, daß es uns weder
 euch gegenüber zur Sache empfehlend ist, noch auch uns selbst in unserer
 jetzigen Lage irgendwie Vortheil bringt. Denn wir sind früher niemals gern eines
 Andern Bundesgenosse geworden, und kommen nun doch zu Fremden, um die
 Bundesgenossenschaft nachzusuchen, und zugleich stehen wir für diesen Krieg mit
 den Korinthern ganz verlassen da, und was an uns früher Klugheit schien: nie
 durch fremde Bundesgenossenschaft die Gefahren fremden Beginnens theilen zu
 wollen, erscheint jetzt umgekehrt als Unberathenheit und Schwäche. In der
 Seeschlacht, die vorgefallen ist, haben wir uns zwar allein der Korinther
 erwehrt, jetzt aber, da sie mit größerer Rüstung vom Peloponnes und dem übrigen
 Hellas gegen uns heranziehen, und wir uns zu schwach fühlen, um mit der eigenen
 Macht allein obzusiegen, und da auch die Gefahr groß ist, wenn wir unterliegen
 sollten, so sind wir gezwungen, euch und jeden Andern um Hilfe zu bitten; und
 wenn wir jetzt etwas unternehmen, was zu unserer früheren Unthätigkeit
 nicht stimmt, so möge uns zur Entschuldigung dienen, daß wir nicht aus böser
 Absicht, sondern aus irriger Einsicht gehandelt haben."

„Euch aber, wenn ihr uns willfahrt, wird der Zufall, der uns als
 Hilfsbedürftige zu euch führt, in mancher Hinsicht Vortheil bringen. Für's Erste
 werdet ihr Unrechtleidenden Hilfe leisten und 
 
 nicht solchen, welche Anderen Schaden zufügen; dann bietet ihr eure 
 Hand solchen, die um ihre höchsten Güter kämpfen, und werdet sie euch in
 unauslöschlicher Dankbarkeit verbinden, und endlich besitzen wir eine Flotte,
 die außer der eurigen jede andere übertrifft. Ueberleget, ob es einen selteneren
 und euren Feinden unerwünschteren Glücksfall geben kann, als wenn eine Macht,
 die ihr gern mit viel Geld und Gunst auf eure Seite gezogen hättet, ganz aus
 eigenem Antrieb und ohne alle Gefahren und Kosten euerseits sich anbietet, die
 noch dazu vor der Welt eure edle Gesinnung in's Licht stellt, euch die 
 Dankbarkeit derer sichert, denen eure Hilfe wird, und eure eigene Macht 
 vergrößert. So viel Gutes vereint ist zu jeder Zeit nur Wenigen zu Theil
 geworden, und selten bringen die, welche um Bundesgenossenschaften bitten,
 denen, welche sie darum angehen, die gleiche Sicherung ihrer Macht und des guten
 Rufes zu, die sie selbst von jenen zu empfangen gekommen sind. Wenn aber Jemand
 glaubt, daß der Kriegsfall nicht eintreten werde, für welchen wir euch von
 Nutzen sein könnten, so irrt er sich und merkt nicht, wie die Lakedämonier aus
 Furcht vor Ench bereits auf Krieg sinnen, und daß die Korinther, die eure 
 Feinde sind, bei jenen aber viel vermögen, vorerst mit uns fertig zu werden
 wünschen, um dann gegen euch loszugehen, damit wir nicht in gemeinsamer
 Feindschaft gegen sie zusammenstehen, und damit sie von Zweien wenigstens Eins
 erreichen, nämlich entweder uns Schaden zuzufügen, oder ihre eigene Macht zu
 vermehren. Unsere ^gemeinsames Sache nun ist es, ihnen den Vorsprung
 abzugewinnen, indem wir euch die Kampfgenossenschaft antragen, und ihr sie
 annehmt, um dann selbst mit dem Angriff zuvorzukommen, anstatt hinterher auf
 Vertheidigung zu denken."

„Wenn sie aber behaupten, daß ihr Unrecht thnt, eine ihrer Pflanzstädte
 aufzunehmen, so mögen sie erst lernen, daß jede Pflanzstadt ihre Mutterstadt
 ehrt, so lange sie gut behandelt wird, daß sie sich aber abwendet, wenn sie
 Ungerechtigkeiten zu erdulden hat. Denn Kolonisten werden nicht ausgesandt, um
 der Zurückbleibenden Knechte zu werden, sondern um ihres Gleichen zu bleiben.
 Daß sie uns aber Unrecht zugefügt haben, ist deutlich; denn als sie von uns
 wegen der Epidamnischen Sache zur Ausgleichung aufgefordert wurden, wollten
 sie die Beschwerden lieber durch Krieg zur Entscheidung bringen, als 
 sie nach dem Recht beilegen lassen. Und wie sie gegen uns, ihre 
 Blutsverwandten, handeln, das möge Euch zur Warnung sein, daß ihr euch weder
 durch ihre Hinterlist täuschen lasset, noch auch dem, was sie offen verlangen,
 willfahret. Denn der steht wohl am sichersten, der es am wenigsten bereuen muß,
 seinen Feinden gefällig gewesen zu sein."

„Auch brecht ihr nicht die Verträge mit den Lakedämoniern ^ durch unsere
 Aufnahme, denn wir gehören noch zu keiner der beiden Bundesgenossenschasten, und
 es heißt ja in jenem Vertrag, daß es den Hellenischen Staaten, die noch auf
 keiner Seite mitkämpfen, frei stehe, sich nach Gefallen an einen der beiden
 Theile anzuschließen. Und es stünde auch sehr schlimm, wenn es jenen erlaubt
 sein sollte, ihre Schiffe nicht nur mit Bundesgenossen zu bemannen, sondern auch
 aus den andern snicht verbündeten^ griechischen Staaten und sogar aus 
 solchen, die euch Unterthan sind, und wenn sie uns von der bestehenden 
 Bundesgenossenschaft ausschließen und verbieten wollten, auch anderswo uns Hilfe
 zu suchen, und wenn sie auch euch ein Verbrechen daraus machen wollten, unsere
 Bitte zu gewähren. Viel mehr Ursache hätten wir, uns über euch zu beklagen, wenn
 ihr uns kein Gehör schenken wolltet, denn damit würdet ihr Solche von euch
 stoßen, die in Noth nnd Gefahr schweben und eure Feinde nicht sind; jene aber,
 die eure Feinde sind und euch zu Leibe gehen, hindert ihr nicht nur auf keine
 Weise, sondern laßt sie auch aus eurem eigenen Gebiet ihre Kriegskraft 
 verstärken, und das ist nicht Recht, sondern entweder müßt ihr in eurem Gebiete
 die Werbungen jener untersagen, oder auch uns Hilfe schicken, unter welchen
 Bedingungen es euch nun am besten dünken mag. Ein offenes Bündnis; und der
 Beistand eurer Waffen wäre aber das Entsprechendste. Für diesen Fall gewähren
 wir große Vortheile, wie wir schon Anfangs gesagt haben. Der bedeutendste liegt
 darin, daß wir beide dieselben Feinde haben, was ja das stärkste Band treuen
 Zusammenhaltens ist, und zwar keine schwachen, sondern die wohl im Stande
 sind, euch zu züchtigen, wenn ihr von uns zurücktretet ^Auch 
 
 
 ist es nicht gleichviel, das Bündnis; mit einer Seemacht von der 
 Hand weisen, oder das mit einer Landmacht, was wir nicht sind. Eigentlich
 solltet ihr nach Kräften verhindern, daß ein Anderer überhaupt eine Flotte
 besitze; wenn aber das schon einmal unmöglich ist, solltet ihr wenigstens danach
 streben, die mächtigste Seemacht auf eurer Seite zn haben."

„Und wenn Einer in dem Vorgebrachten zwar wirklich: Vortheile erkennt, aber
 doch ihretwegen die Verträge zu lösen fürchtet, der möge wissen, daß, wenn er
 bei seiner Scheu auch Macht besitzt, er beim Gegner noch größere Scheu erwecken
 wird, — daß es aber als Schwäche erscheint, wenn er sein Vertrauen darauf setzt,
 uns nicht ausgenommen zu haben, und daß er deshalb einem mächtigen Feind 
 um so weniger Furcht einflößen wird. Und es handelt sich ja auch zugleich nicht
 in höherem Grade um das Wohl Kerkyra's als um das Athens, und es heißt nicht das
 Beste dieses Staates im Auge haben, wenn man bei einem bevorstehenden Kriege,
 der schon so gut als wirklich da ist, nicht über den Augenblick hinausdenkt und
 noch lange ansteht, sich einen Staat zu verbinden, dessen Freundschaft oder
 Feindschaft sehr schwer in die Wagschale fällt. Denn Kerkyra hat eine höchst
 günstige Lage für die Ueberfahrt nach Italien und Sicilien, und es vermag
 ebensowohl eine von dort ansegelnde Flotte zu verhindern, daß sie gegen den
 Peloponnes darbringe, als es Schiffe von hier dorthin geleiten kann, und noch in
 vielen anderen Beziehungen bietet es große Vortheile. Um uns aber ganz kurz zu
 fassen und Alles samt und sonders nur in der Hauptsache auszusprechen, so
 erfahrt denn, warum ihr uns nicht ohne Hilfe lassen dürfet. Es gibt unter den
 Hellenen drei nennenswerthe Seemächte, die einige, die unsere und die der 
 Korinther. Wenn ihr es nun geschehen lasset, daß zwei davon in Eine 
 zusammenschmelzen, indem die Korinther uns vorwegnehmen, so habt ihr nachher mit
 der vereinigten Seemacht der Kerkyräer und der Peloponnesier zu kämpfen. Nehmet
 ihr hingegen uns zu Verbündeten an, so werdet ihr den Kampf gegen jene führen,
 euerseits um die Zahl unserer Schiffe verstärkt." 
 So redeten die Kerkyräer. Nach ihnen aber die Korinther, wie folgt:

„Da die Kerkyräer in ihrer Rede nicht bei dem Ansuchen 
 um eure Bundesgenossenschaft stehen geblieben sind, sondern auch 
 behauptet haben, daß wir hart und ungerecht gegen sie verfahren, und daß sie
 selbst gegen alles Recht mit Krieg überzogen werden, so müssen auch wir uns
 zuerst über diese beiden Punkte auslassen, ehe wir zum eigentlichen Zweck
 unserer Rede kommen, damit ihr von vorn herein deutlich seht, was wir wollen,
 und damit wir euch triftige Gründe an die Hand geben. Dieser Ansuchen
 zurückzuweisen. Wie sie sagen, hätte sie die Klugheit bewogen, sich mit
 Niemanden in ein Bündniß einzulassen, aber das ist nur aus bösem Willen, nicht
 aus rühmenswerther Gesinnung geshcehen. Sie konnten zu ihren Schändlichkeiten
 keine Gehilfen und keine Zeugen brauchen und wollten sich durch Zuziehung
 Anderer keiner Beschämung aussetzen. Auch gibt ihnen die Lage ihres Inselstaates
 eine unabhängige Stellung und gestattet ihnen, in eigener Person über Diejenigen
 Richter zu sein, denen sie selbst Unrecht zufügen, ohne sich an Verträge binden
 zu müssen. Denn sie selbst besuchen mit ihren Schiffen Niemanden, wohl aber sind
 Andere oft genöthigt, bei ihnen Zuflucht zu suchen ^). Das ist der Grund
 ihrer gerühmten Zurückhaltung von fremder Bundesgenoffenschast. Sie wollen
 nicht, wie sie vorschützen, an fremdem Unrecht unbetheiligt bleiben, sondern auf
 eigene Rechnung Unrecht ausüben und, wo sie die Macht dazu in Händen haben,
 Gewalt brauchen, wo es aber heimlich geschehen kann. Andere Übervortheilen; in
 jedem Fall aber wollen sie keiner Beschämung ausgesetzt sein, wenn sie irgendwo
 Raub verübt haben. Wären sie rechtliche Leute, wie sie sich rühmen, so
 könnten sie durch Rechtgeben und Nehmen ihre Tugend um so Heller leuchten
 lassen, je unangreifbarer ihre Stellung nach Außen ist.

„Aber sie haben sich gegen Andere so wenig, wie gegen uns so gezeigt. Obgleich
 sie ein Pflanzvolk von uns sind, haben sie sich gänzlich von uns losgesagt, und
 jetzt führen sie Krieg gegen uns und sagen, sie seien nicht deshalb als
 Ansiedler ausgesandt worden, um sich Unrecht gefallen zu lassen. Wir aber sagen:
 wir haben sie nicht ausgesandt, um von ihnen eine übermüthige Behandlung zu
 erfahren. 
 
 sondern um als ihr Oberhaupt betrachtet und nach Gebühr geehrt zu 
 werden. Auch schätzen uns ja die übrigen Kolonien, und wir erfahren von unseren
 Ansiedlern die größte Anhänglichkeit. Wenn nun die Mehrzahl mit uns zufrieden
 ist, so ist es klar, daß diese allein keinen genügenden Grund zur
 Unzufriedenheit haben, und wir selbst führen auch keinen so auffälligen Krieg,
 ohne auffällig beleidigt worden zu sein. Aber selbst wenn wir gefehlt hätten,
 wäre es für sie schicklich gewesen, unserer Gereiztheit nachzugehen, und uns
 würde es dann zur Schande gereicht haben, ihrer Mäßigung gegenüber mit 
 Anwendung von Gewalt zu verfahren. Sie haben aber in ihrem Uebermuthe und im
 Trotz auf die Macht ihres Geldes sich auch noch anderweitig viel an uns
 vergangen, und auch Epidamnos, das uns gehört, und wonach sie nie Verlangen
 getragen haben, so lange die Stadt in Noth war, haben sie mit Gewalt in Besitz
 genommen, als wir zur Hilfeleistung unterwegs waren."

„Sie behaupten zwar auch, vorher ein Schiedsgericht vorgeschlagen zu haben.
 Aber ein solches Anerbieten darf doch nicht von Seiten Desjenigen als redlich
 gemeint angesehen werden, der sich bereits im Vortheil befindet ^)und aus seiner
 sicheren Stellung heraus eine Entscheidung verlangt, sondern nur von denen,
 welche sich in Wort und That mit den Andern auf gleichen Fuß stellen, bevor sie
 es noch zum Kampfe kommen lassen. Diese aber sind mit dem berufenen 
 Vorschlag des Schiedsgerichtes nicht etwa ausgetreten, bevor sie noch jenen 
 Platz belagerten, sondern als sie schon sicher waren, daß wir nicht mehr ruhig
 zusehen würden. Und nun kommen sie daher und haben noch nicht genug daran, daß
 sie dort Unrecht gethan, sondern wollen auch euch noch zu Bundesgenossen, d. h.
 zu Genossen ihres Frevels, und wünshcen, daß ihr sie bei ihrer Feindschaft mit
 uns in euren Schutz nehmet. Damals hätten sie kommen sollen, als sie noch Nichts
 zu fürchten hatten, nicht aber jetzt, da wir von ihnen beleidigt sind, und
 sie eben deshalb Gefahr lausen, so daß ihr ihnen also jetzt eure Hilfe würdet zu
 Theil werden lassen, ohne früher ans ihrer Macht Vortheil gezogen zu haben. Ohne
 an ihren Vergehungen betheiligt 
 
 zu sein, würdet ihr euch damit doch dieselben Vorwürfe unserer Seits
 zuziehen; aber nur, wenn ihr früher den Mitgenuß ihrer Macht gehabt
 hättet, wäret ihr jetzt verbunden, die Folgen gemeinsam zu tragen."

„Es ist nun klar, daß wir selbst mit gerechten Beshcwerden vor euch auftreten,
 diese aber gewaltthätige Räuber sind; wir müssen mm noch zeigen, daß ihr Unrecht
 thun würdet, sie als Bundesgenossen auszunehmen. Wenn es nämlich in den
 Vertragsbestimmungen heißt, daß es den nicht eingeschriebenen Städten freistehen
 solle, sich an die eine oder die andere Partei nach Belieben anzuschließen, so
 hat diese Übereinkunft nicht auf diejenigen Anwendung, welche darauf aus 
 sind. Andern Schaden zuzufügen, sondern nur aus den, welcher fremde Hilfe sucht,
 ohne sich selbst seinen Verpflichtungen gegen Andere entziehen zu wollen, und
 der denen, welche ihm Schutz gewähren sollen, wenn diese anders vernünftig sind,
 nicht statt des Friedens den Krieg zubringt. Allein in diesen Fall würdet ihr
 kommen, wenn ihr uns nicht folgtet; denn ihr würdet nicht nur diese beschützen,
 sondern auch uns selbst aus Vertragsgenossen Feinde werden. Natürlich! denn
 wenn ihr mit jenen geht, können wir uns jener nicht erwehren, ohne uns
 zugleich gegen euch zu wenden. Gerecht handeln werdet ihr aber nur dann, wenn
 ihr entweder beide Theile für sich gewähren lasset, oder wenn ihr mit uns gegen
 diese zu Felde zieht. Denn mit uns Korinthern seid ihr durch Verträge verbündet,
 mit den Kerkyräern aber habt ihr niemals auch nur einen Vertrag auf kurze Zeit
 geschlossen. Fangt nicht damit an, die abgefallenen Bundesgenossen Anderer 
 aufzunehmen; denn auch wir haben damals, als die Samier von euch abgefallen
 sind, und die übrigen Peloponnesier getheilter Meinung waren, ob man sie
 unterstützen solle, nicht gegen euch gestimmt, sondern offen erklärt, daß es
 einem Jeden zustehen müsse, seine Bundesgenossen selbst zu bestrafen. Denn wenn
 ihr jetzt diesen gewaltthätigen Leuten Aufnahme und Hilfe gewähren wolltet, so
 würde es bald geshcehen, daß nicht minder auch eure Bundesgenossen zu uns 
 übertreten, und ihr hättet dann diese Handlungsweise mehr zu eurem eigenen als
 zu unserem Schaden eingeführt."

„Das sind die Rechtsgründe, mit denen wir euch gegenüber unsere Sache stützen,
 und nach Hellenischen Begriffen sind sie voll giltig. Wir besitzen
 aber noch ein anderes Mittel, euch für uns zu stimmen, und Anspruch auf euren
 Dank, dessen Abstattung wir unter den jetzigen Umständen von euch verlangen,
 nicht in feindlicher Absicht, als ob wir euch schaden wollten, und auch nicht
 wie manche Freunde in der Absicht, euch zu mißbrauchen. Als ihr nämlich damals
 in euren Händeln mit den Aegineten — noch vor den Perserkriegen — nicht
 genug lange Schiffe hattet, habt ihr von den Korinthern zwanzig zu leihen
 genommen ^), und diese Gefälligkeit und die andere in Betreff der Samier, als
 sich nämlich die Peloponnefier durch uns von der Hilfeleistung abmahnen ließen,
 hat euch den Sieg über die Aegineten und die Züchtigung der Samier möglich
 gemacht^). Und das geschah unter solchen Verhältnissen, in denen die Menschen,
 im Eifer den Sieg über die zu erringen, welche sie angreifen, alles Andere
 zu übersehen und zu vergessen Pflegen. Denn in einem solchen Augenblick hält man
 den für einen Freund, der sich dienstbeflissen zeigt, auch wenn er früher ein
 Feind gewesen wäre, und den für einen Feind, der sich hinderlich erweist, auch
 wenn er sonst cm Freund wäre; ja man vernachlässigt der augenblicklichen
 Streitsache wegen sogar die Regelung der eigenen inneren Verhältnisse."

„Das ruft euch in's Gedächtniß zurück, und die Jüngeren unter euch mögen es
 sich von den Aelteren erzählen lassen, und so entschließt euch, uns Gleiches mit
 Gleichem zu vergelten. Möge Niemand glauben: was wir verlangen, sei zwar
 gerecht, allein der Vortheil erheische für den Fall des Krieges etwas Anderes;
 der günstigste Erfolg wird Einem in den Dingen zu Theil, darin man am 
 wenigste,! gegen die Gerechtigkeit verstoßen hat. Die zukünftige Wendung des
 Krieges, mit welcher die Kerkyräer euch Furcht einzujagen suchen, um euch zur
 Ungerechtigkeit zu verleiten, liegt noch im Dunkel, und es wäre nicht recht,
 wenn ihr euch durch diese Rücksicht bewegen ließet, euch die offene und nicht
 erst künftig eintretende Feindschaft der Korinther zuzuziehen. Klüger wäre es,
 die wegen Megara noch aus frü- 
 
 
 hercr Zeit her obwaltende Spannung^) zu beseitigen, denn noch in:
 letzten Augenblick kann selbst eine minder wichtige Gefälligkeit, wenn sie nur
 den Umständen zu Hilfe kommt, auch eine bedeutende Schwierigkeit heben. Laßt
 euch auch nicht dadurch hinreißen, daß sie euch die Unterstützung einer großen
 Flotte gewähren. Denn es liegt eine dauerhaftere Macht darin, seines Gleichen
 nicht Unrecht zu thun, als wenn man sich durch die scheinbare Gunst des
 Augenblicks hinreißen läßt, einem Gefahr bringenden Gewinn nachzujagen."

„Unsere Lage ist nun dieselbe wie die eure damals, als wir in Lakedämon
 erklärten^), daß Jeder seine eigenen Bundesgenossen zu züchtigen das Recht habe,
 nnd wir erwarten nun von euch dasselbe Benehmen, und daß ihr uns durch eure
 Entscheidung nicht in dem gleichen Fall schadet, in welchem wir durch die unsere
 euch genützt haben. Vergeltet Gleiches mit Gleichem und bedenket, daß eben die
 jetzige Lage wieder eine solche ist, in welcher derjenige der beste Freund 
 ist, der sich dienstbeflissen zeigt, und der ein Feind, der sich hinderlich 
 erweist, und nehmt nicht die Kerkyräer uns zum Trotz als Bundesgenossen an, noch
 leistet ihrem ungerechten Treiben Vorschub. Wenn ihr so handelt, werdet ihr
 Recht thun und das beschließen, was auch für euch selbst das Nutzbringendste
 ist."

So sprachen die Korinther. Nachdem nun die Athener beide Theile angehört nnd
 sogar nach einander zwei Volksversammlungen abgehalten hatten, so fanden die
 Korinther in der ersten nicht geringe Beistimmung, in der folgenden aber siegte
 eine andere Meinung, und sie beschlossen, zwar nicht mit den Kerkyräern ein
 Schutzund Trutzbündniß in der Art einzugehen, daß die Feinde jener auch 
 ihre Feinde, und jener Freunde auch ihre Freunde sein sollten, — denn wenn die
 Kerkyräer sie diesfalls aufgefordert hätten, mit ihnen gegen Korinth in See zu
 gehen, so wäre dadurch der mit den Peloponnesiern geschlossene Waffenstillstand
 von ihrer Seite gebrochen worden, — sondern sie schlossen ein Schutzbündniß zur
 gegenseitigen Vertheidigung für den Fall, daß Einer Kerkyra oder Athen oder
 beider Bundesgenossen angreifen sollte. Der Krieg mit den Peloponnesiern 
 
 
 schien ihnen nämlich ohnehin nicht zu vermeiden, und sie wollten 
 Kerkyra mit seiner bedeutenden Seemacht nicht den Korinthern in die Hände
 liefern, wünschten aber doch, daß beide Theile so hart als möglich aneinander
 gerathen möchten, damit sie selbst mit einem schon geschwächten Feinde zu thun
 hätten, wenn es zum Krieg mit Korinth oder einer andern Seemacht kommen sollte.
 Zugleich schien ihnen die Insel für die Ueberfahrt nach Italien und Sicilien
 sehr günstig gelegen.

Diese Ueberlegungen also veranlaßten die Athener, die Kerkyräer in ihren Bund
 aufzunehmen, und bald nachdem sich die korinthischen Gesandten entfernt hatten,
 schickten sie ihnen zehn Schiffe zu Hilfe 89). Das Geschwader befehligten
 Lakedämonios, Sohn des Kimon, Diotimos, Sohn des Strombichos, und Proteas, des
 Epikles Sohn. Diese nahmen jedoch den Befehl mit, sich zur See mit den
 Korinthern in keinen Kampf einzulassen, außer im Fall, daß diese gegen Kerkyra
 segelten und dort oder auf einem dazu gehörigen Gebiete landen wollten. Hieran
 sollten sie sie jedoch nach Kräften verhindern. Diese Weisung gab man ihnen mit,
 um den Friedensvertrag nicht zu brechen. Jene Schiffe kamen denn auch glücklich
 bei Kerkyra an.

Die Korinther nun, nachdem sie ihre Rüstungen vollendet hatten, gingen mit
 hundert und fünfzig Schiffen gegen Kerkyra unter Segel. Zehn davon hatten die
 Eleer gestellt, zwölf die Megarer, die Leukadier zehn, die Amprakioten
 siebenundzwanzig, und Eines die Anaktorier, die Korinther selbst aber neunzig.
 Jede der einzelnen Städte hatte auch ihre besonderen Anführer mitgesandt;
 Befehlshaber der Korinther war nebst vier andern Xenokleides, des Euthykles
 Sohn. Als sie Kerkyra gegenüber in die Nähe des Festlands gekommen waren,
 warfen sie von Leukas ansegelnd bei Cheimerion ^Varlam bei Arpitza^ im Lande der
 Thesproter Anker. So heißt nämlich der Hafen, und über demselben, etwas weiter
 vom Meere entfernt, liegt in dem eläatischen Bezirke von Thefprotien die Stadt
 Ephyra. In der Nähe mündet der Acherusische See in's Meer. Der Acheronfluß, wel­
 
 
 
 
 cher Thesprotien durchströmt, ergießt sich in diesen See und gibt ihm
 auch seinen Namen. Es fließt dort auch, an der Gränze von Thesprotien und
 Kestrine, der Fluß Tbyamis, und zwischen diesen beiden Flüssen erhebt sich das
 Vorgebirge von Cheimerion, bei welchem die Korinther vor Anker gingen und auf
 dem Festland ein Lager schlugen.

Als ihre Annäherung den Kerkyräern bekannt wurde, bemannten diese hundert und
 zehn Schiffe unter den Befehlen des Mei- Rades, Aefimides und Eurybatos, und
 stellten sich bei einer der Inseln auf, welche den Namen Sybota ^S. Nikolo
 diSivota^ führen. Auch die zehn athenischen Schiffe befanden sich bei ihnen. Ihr
 Landheer stand aus dem Vorgebirg Leukimme ^Lefkimo^, verstärkt durch 
 tausend schwerbewaffnete Zakynthier. Auch zu den Korinthern waren auf dem
 Festland zahlreiche Barbaren gestoßen, denn die Bewohner des Festlands in der
 dortigen Gegend find ihnen von jeher befreundet.

Nachdem die Korinther ihre Vorbereitungen getroffen und für drei Tage
 Lebensmittel eingenommen hatten, segelten sie bei Nacht vom Vorgebirge
 Cheimerion ab, um eine Seeschlacht zu wagen, und mit der Morgenröthe sahen sie
 der Kerkyräer Schiffe auf hoher See gegen sich ansegelnd. Nachdem auch jene sie
 wahrgenommen, stellten sie sich gegen einander in Schlachtordnung auf. Den
 rechten Flügel der Kerkyräer nahmen die Athenischen Schiffe ein, ihre eigenen,
 in drei Geschwader unter AnfüHrung ihrer drei Feldherrn abgetheilt, den 
 linken. Dies war die Aufstellung der Kerkyräer. Aus Seiten der Korinther
 bildeten die Megarischen und Amvrakiotischen Schiffe den rechten Flügel, im
 Mitteltreffen standen die andern Bundesgenos» sen der Reihe nach, und den linken
 Flügel hatten mit ihren besten Schiffen die Korinther selbst inne, gegenüber den
 Athenern und dem rechten Flügel der Kerkyräer.

Als auf beiden Seiten die Zeichen gegeben waren 2°), trafen die Flotten auf
 einander. Beide aber waren mehr nach alter Art und in unvollkommener Weise
 gerüstet und hatten viel Schwer- 
 
 bewaffnete auf dem Verdeck, auch viele Bogenschützen und 
 Lanzenträger, und so kämpften sie. Die Seeschlacht war erbittert, aber dem Eifer
 glich nicht die Geschicklichkeit, und so hatte eS mehr das Ansehen einer
 Landschlacht. Denn wenn Schiffe auf einander gestoßen waren, so konnten sie sich
 wegen der Menge und des Gedränges der Fahrzeuge nicht leicht von einander
 losmachen. Auch erwartete man den Sieg eher von den Schwerbewaffneten auf dem
 Verdeck, die festen Fußes stehend kämpften, während die Schiffe ruhig lagen. Die
 Schlachtlinien zu durchbrechen unternahm man nicht ^), sondern Muth der
 Einzelnen und persönliche Stärke thaten in diesem Seekampf mehr, als Erfahrung
 und Geschicklichkeit, und überall war großer Lärm und wirres Geschrei. Die
 Athenischen Schiffe ließen sich nirgends erster Hand in den Kampf ein, sondern
 wo irgend die Kerkyräer bedrängt wurden, da stellten sie sich ihnen zur Seite
 und schreckten die Gegner nur zurück, denn die Anführer scheuten sich, der 
 Athener Verbot zu übertreten. Am meisten gerieth der rechte Korinthische Flügel
 in die Enge, denn die Kerkyräer zwangen ihn mit zwanzig Schiffen zum Wenden,
 setzten den zerstreuten und gegen das Festland flüchtenden nach und segelten bis
 dicht an ihr Lager, wo sie an's Land stiegen und die leeren Zelte in Brand
 steckten und plünderten. Hier also zogen die Korinther und ihre Bundesgenossen
 den Kürzeren, und die Kerkyräer waren im Vortheil. Wo aber die Korinther
 selbst standen, aus dem linken Flügel, hatten sie bei Weitem den Vortheil, denn
 den Kerkyräern, die ohnedies in der Minderzahl waren 22), gingen die zwanzig
 verfolgenden Schiffe ab. Da nun die Athener, welche vorher sich gehütet hatten
 handgemein zu werden, die Noth der Kerkyräer sahen, segelten sie unbedenklich
 zur Hilfe heran, und als die Flucht entschieden war und die Korinther 
 nachsetzten, da legte Jeder der Athener Hand an's Werk, und man konnte keinen
 Unterschied mehr machen, sondern die Gefahr wurde 
 
 
 
 so groß, daß Korinther und Athener mit einander handgemein 
 wurden.

Als die Feinde sich zur Flucht gewandt hatten, nahmen die Korinther die von
 ihnen etwa leck gemachten Schiffe nicht in's Schlepptau, sondern kehrten sich
 gegen die Bemannung, und zwischen den feindlichen Schiffen durchsegelnd gingen
 sie mehr darauf aus zu morden, als Gefangene zu machen. Daß sie aber auf ihrem
 rechten Flügel selbst geschlagen waren, wußten sie nicht, und es geschah ihnen
 daher auch, daß sie aus ihre eigenen Freunde einHieben, denn es war nicht
 leicht, in dem Getümmel Sieger und Besiegte von einander zu unterscheiden, weil
 aus beiden Seiten die Zahl der Schiffe groß war und eine weite Fläche des Meeres
 bedeckte. Denn in Bezug auf die Schiffszahl war diese Schlacht die bedeutendste,
 in welcher Griechen noch gegen Griechen gekämpft hatten. 
 Nachdem nun die Korinther die Kerkyräer bis an's Land verfolgt hatten, wandten
 sie ihre Aufmerksamkeit ihren eigenen Schiffstrümmern und Todten zu, wurden auch
 der meisten habhaft und brachten sie nach Sybota, wo das Hilfsheer der Barbaren
 stand. Dies Sybota ist ein verlassener Hafen Thesprotiens ^gegenüber den 
 gleichnamigen Inseln^. Nachdem also dies verrichtet war und sie sich wieder
 gesammelt hatten, rückten sie von Neuem gegen die Kerkyräer an. Diese aber
 segelten mit ihren noch seetüchtigen Fahrzeugen, worunter auch die bei den
 Athenischen Schiffen zurückgebliebenen waren, ihnen selbst entgegen, aus Furcht,
 der Feind möchte eine Landung wagen. Es war bereits spät am Tag, und schon war
 der Schlachtgesang zum Vorgehen angestimmt 93), da fingen die Korinthischen
 Schiffe plötzlich an, rückwärts zu rudern^). Sie hatten nämlich zwanzig attische
 Schiffe heransegeln sehen, welche die Athener später zur Unterstützung der
 zehn ersten abgeschickt hatten, aus Besorgniß, die Kerkyräer möch- 
 
 
 ten, was auch wirklich eingetroffen war, geschlagen werden, und die
 zehn Schiffe möchten zu ihrem Schutze zu schwach sein.

Diese Schiffe also erblickten die Korinther zuerst, und weil sie vermutheten,
 daß sie von Athen kämen und ihrer vielleicht noch mehr seien als die, welche
 eben in Sicht waren, so nahmen sie den Rückzug. Die Kerkyräer sahen aber diese
 Schiffe nicht, — denn sie kamen von einer Seite, wo jene sie nicht so leicht
 wahrnehmen konnten,— und wunderten sich sehr, daß die Korinther rückwärts
 ruderten,, bis endlich Einige der Schiffe ansichtig wurden und ihr Ansegeln
 verkündeten. Da zogen auch sie sich zurück, denn es dunkelte schon und die
 Korinther waren bereits weit weg. So also hatte der Zusammenstoß geendet und die
 Nacht die Seeschlacht abgeschnitten. Die Kerkyräer nahmen nun bei Leukimme eine
 Aufstellung, und jene zwanzig Athenischen Schiffe, geführt von Glaukon, des
 Leagros', und von Andokides, des Leogoros' Sohn, fuhren mitten durch
 Schiffstrümmer und Leichen auf die Kerkyräer los und kamen, nicht lange nachdem
 sie zuerst bemerkt worden waren, bei ihrem Standort an. Es war schon
 dunkele Nacht, und die Kerkyräer hatten gefürchtet, es möchten feindliche
 Schiffe sein; jetzt aber erkannte man sie, und jene gingen vor Anker.

Tags darauf segelten die dreißig attischen Schiffe und so viele von den
 Kerkyräischen noch seetüchtig waren, auf den Hafen Sybota los, um zu sehen, ob
 die Korinther, welche dort vor Anker lagen, einen Seekampf wagen würden. Diese
 stießen auch wirklich vom Lande und stellten sich auf hoher See in
 Schlachtordnung, aber sie verhielten sich ruhig und zeigten keine Neigung,
 ihrerseits den Kampf zu eröffnen, da sie die von Athen frisch angekommenen
 Schiffe sahen, und da auch sie selbst sich in mancher Verlegenheit befanden,
 theils wegen Überwachung der Gefangenen, die sie auf den Schiffen hatten,
 theils auch weil die wüste Gegend keine Möglichkeit die Schiffe auszubessern
 darbot. Wie sie nach Hause zurückschiffen könnten, lag ihnen viel mehr am
 Herzen; denn sie fürchteten, die Athener möchten den Vertrag für gebrochen
 erachten, weil es ohnehin schon zum Handgemenge gekommen sei, und möchten sie an
 der Heimfahrt hindern.

Sie hielten es nun für rathsam, einige Männer aus einem 
 Boot und ohne einen Heroldsstab zu den Athenern zu schicken, um
 ihre Gesinnung zu erproben. Diese sollten Folgendes sagen: „Ihr thut Unrecht,
 Männer von Athen, daß ihr den Krieg ansangt und den Frieden brechet. Denn ihr
 stellt euch bewaffnet uns in den Weg, während wir beschäftigt sind, unsere
 Feinde zu bestrasen. Habt ihr aber die Absicht, uns zu hindern, ob wir nun gegen
 Kerkyra, oder irgend sonst wohin schiffen wollen, und wenn ihr die Verträge zu
 brechen entschlossen seid, so ergreift zuerst uns, wie wir da sind, und 
 behandelt uns als Feinde." Das richteten denn jene auch aus. Das Heer der
 Kerkyräer aber, so viele ihrer hatten zuhören können, schrieen, man solle sie
 nur gleich ergreifen und niederhauen; allein die Athener gaben folgende Antwort:
 „Wir fangen weder den Krieg an, ihr Peloponncfischen Männer, noch brechen wir
 die Verträge; wir sind nur den Kerkyräern da zu Hilfe gekommen, weil sie unsere
 Bundesgenossen sind. Wollt ihr irgend anderswohin schiffen, so hindern wir euch
 nicht, wenn ihr aber gegen Kerkyra segelt oder ein dazu gehöriges Gebiet, 
 so werden wir das nach Möglichkeit hintertreiben."

Auf diese Antwort der Athener rüsteten die Korinther zur Heimfahrt und
 errichteten auf dem festen Lande bei Sybota ein Siegeszeichen. Die Kerkyräer
 aber sammelten die Schiffstrümmer und Leichname, welche Wind und Wellen an's
 User geworfen.hatten; denn während der Nachd hatte ein Sturm sie nach allen
 Seiten zerstreut; und dann errichteten auch sie ein Siegeszeichen zu Sybota aus
 der Insel, gleich als ob sie die Schlacht gewonnen hätten. Daß aber beide
 Theile sich den Sieg zuschrieben, geschah aus folgenden Gründen. Die Korinther
 waren in der Seeschlacht bis zum Anbruche der Nacht im Vortheil gewesen, weßhalb
 sie auch die meisten Schiffs, trümmer und Leichen sammelten; dann waren ihnen
 auch nicht weniger als tausend Kriegsgefangene in die Hände gefallen, und
 Schiffe hat- 
 
 ten sie siebenzig versenkt. Aus diesen Gründen errichteten sie ein 
 Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber thaten dasselbe, weil sie an dreißig Schiffe
 vernichtet und nach der Athener Ankunft ihre Schiffstrümmer und Todte gesammelt
 hatten, dann auch, weil die Korinther beim Anblick der Attischen Schiffe zuerst
 vor ihnen rückwärts gerudert und den Rückzug genommen hatten und nach Ankunft
 der Athener ihnen nicht mehr von Sybota aus entgegen gefahren waren. So legten
 sich beide Theile des Sieges Ehre bei.

Die Korinther aber nahmen auf der Heimfahrt durch Lift Anaktorion, an der
 Mündung des Amprakiotischen Meerbusens, in Besitz, welches bis jetzt ihnen und
 den Kerkyräeru gemeinsam gehört hatte. Hier ließen sie Korinthische Ansiedler
 und kehrten dann nach Hause zurück. Von den Kerkyräern verkauften sie
 achthundert, welche Unfreie waren; zweihundert und fünfzig behielten sie als
 Gefangene, behandelten sie jedoch rücksichtsvoll, damit dieselben nach ihrer
 Heimkehr Kerkyra ihnen zuwenden möchten, denn zufällig gehörte die 
 Mehrzahl derselben zu den Mächtigeren ^Aristokraten^ in jenem Staate. 
 Auf diese Weise also hatte Kerkyra den Krieg mit den Korinthern siegreich
 bestanden, und die Schiffe der Athener kehrten nach Hause zurück. Das aber wurde
 die erste Veranlassung zum Kriege zwischen Korinthern und Athenern, daß diese
 während deS Waffenstillstandes in Verbindung mit den Kerkyräern an dem
 Seekampfe gegen sie Theil genommen hatten.

Sehr bald aber kamen auch noch die folgenden Zwistigkeiten zwischen Athenern
 und Peloponnesiern als neue Veranlassung zum Kriege hinzu: da die Korinther auf
 Rache sannen, und die Athener diese feindliche Gesinnung bei ihnen auch
 voraussetzten, so befahlen diese ihren Bundesverwandten und Zinsholden, den
 Potidäern, — dem Ursprung nach Korinthische Pflanzer, auf der Landenge von 
 Pallene angesessen —, ihre Mauern gegen Pallene hin niederzureißen, außerdem
 Geißeln zu stellen und die Beamten (Epidemiurgen) 
 
 wegzuschicken, welche die Korinther alljährlich dorthin zu senden 
 pflegten, und auch keine neuen mehr aufzunehmen. Sie fürchteten nämlich, jene
 möchten sich von Perdikkas und den Korinthern zum Abfall bereden lassen und
 durch ihr Beispiel auch die übrigen Thrakischen Bundesgenossen nachziehen.

Diese Vorsichtsmaßregeln trafen die Athener sogleich nach der Seeschlacht bei
 Kerkyra, denn die Korinther waren nun schon so gut wie erklärte Feinde, und
 Perdikkas 97), des Alexandros' Sohn 
 
 
 und König von Makedonien, früher Bundesgenosse und Freund, war 
 ebenfalls zum Feind geworden, weil die Athener sich mit seinem Bruman sieht doch
 ein, daß sie ganz direkt großen menschlichen Culturzwecken dienen und gegen die
 sittlichen Forderungen nicht verstoßen? der Schwächere wird zum Anschluß oder
 zur Unterwerfung aufgefordert, mit der KriegSandrohiing. Er weiß, was ihm im
 Weigerungsfälle bevorsteht, und der Mächtigere ist deßhalb ihn zu bekämpfen
 gezwungen, weil in den meisten Fallen ein zweiter Mächtiger auf der andern Seite
 steht, welcher durch Einverleibung des Schwächeren an Macht so überlegen zu
 werden droht, daß eben daS Gebot der Selbsterhaltung ihm zuvorzukvminen nöthigt.
 Hierbei wird weiter kein Recht verletzt, als das Existenzrecht des schwächeren
 Staates, das in jedem Fall nur ein temporäres und von den größeren Verhältnissen
 (die nicht von uns, sondern von der Gottheit abhängen) n»r in so lange 
 garantirteS ist, als die umliegenden Staaten von ziemlich gleicher Macht sind. 
 Welcher von diesen Gleichen unter Gleichen sich zuerst zu größerer Macht 
 emporschwingt, kann dies aber nur durch höhere sittliche Anstrengung erreichen,
 womit eben den höchsten Zwecken der Menschheit und der Gottheit gedient ist.
 Daher kommt >eS, daß z. B. das Schauspiel der ausstrebenden Römischen Macht
 ein sittlich erhebendes ist. denn es wird hier gezeigt, was virtus des Menschen
 vermag. Ganz anders ist es aber, wenn politische Schwäche um jeden Preis zur
 Macht gelangen will. „Es ist gewiß sehr in der Ordnung und ein natürliches
 Verlangen, daß man sich zu vergrößern wünscht: und immer werden diejenigen,
 welche es thun, wofern sie es nur zu thun vermögen (d. h. die ausreichende Macht
 dazu besitzen), darum belobt, oder doch nicht getadelt werden. Wenn sie eS aber
 nicht vermögen und doch auf alle Weise thun wollen, da liegt der Tadel und der
 Fehler. (Machiavell, Fürst, Kap. Z am Schluß.) Machiavell sieht hier nur 
 Machtsragen. Macht und Moralität gehen auch heutzutage noch nicht ganz zusammen,
 aber wir glauben, es ist nicht zu leugnen, daß heutzutage das moralische
 Bewußtsein der Volks-nassen doch schon eine ansehnliche Macht geworden ist (in
 Folge der Erfindung GuttenbergS), mit welcher in der Politik der Neugestaltungen
 gerechnet werden muß. Da nun politische Schwäche, so gut wie individuelle, sich
 hauptsächlich unmoralischer Mittel «Zweideutigfett, Lüge, Betrug» bedienen muß,
 wenn sie rasch emporkommen will, so beleidigt sie dadurch die Macht des
 sittlichen Bewußtseins der Nationen, und es scheint, daß dieses heutzutage nicht
 mehr ertragen kann, unmoralisches Verfahren mit großem dauernden Erfolg gekrönt
 zu sehen. Wir wollen demnach gern glauben, daß Machiavell nicht mehr ganz Recht
 hätte, wenn er heute schriebe, was er im Fürsten zu Anfang des IS. Kap. sagt:
 „Wie man wirk» lich lebt, und wie man leben sollte, liegt in meinen Augen so
 weit von einander ab, daß derjenige, welcher um dessentwillen, was eigentlich
 geschehen sollte, das verabsäumt, was wirklich geschieht, eher seinen Untergang,
 als seine Errettung erleben wird, insofern ein Mensch (und ein Staat), der 
 der Philippos 98) und dem Derdas, die sich gemeinsam gegen ihn 
 empörten, verbündet hatten. Zn seiner Furcht suchte er durch eine Gesandtschaft
 nach Lakedämon den Athenern einen Krieg mit den Peloponnesiern auf den Hals zu
 ziehen, und die Korinther brachte er wegen des Abfalls von Potidäa auf seine
 Seite ^). Auch die Chalkidäer und Bottiaer auf der Thrakischen Gränze suchte er
 abtrünnig zu machen, in der Meinung, daß er in Verbindung mit diesen seinen 
 
 
 
 Gränznachbarn den Krieg leichter werde durchführen können. Die 
 Athener aber merkten dies, und um dem Abfall der Städte zuvorzukommen, so gaben
 sie den Anführern der Flotte, welche unter Archestratos, des Lykomedes' Sohn,
 und noch zehn Anderen auf dreißig Fahrzeugen tausend Schwerbewaffnete gegen den
 Perdikkas führen sollte, und die eben zum Auslaufen bereit lag, den Auftrag, von
 den Potidäern Geißeln zu nehmen, ihre Mauer niederzureißen und aus die
 benachbarten Städte ein wahcsames Auge zu haben, um ihren Abfall zu
 verhindern.

Die Potidäer schickten nun Gesandte nach Athen und ver. suchten eS, diese neuen
 Maßregeln gegen sie durch Bitten abzuwenden; doch gingen sie auch mit den
 Korinthern nach Lakedämon, um für den Fall der Noth sich eine Unterstützung zu
 sichern. Da sie nun bei den Athenern trotz langer Mühe und Geduld Nichts
 ausrichteten, sondern deren Schiffe gegen sie selbst ebenso wie gegen Makedonien
 bestimmt wurden, die Lakedämonische Regierung ihnen aber versprach, in
 Attika einzufallen, wenn die Athener gegen Potidäa etwas unter, nehmen sollten,
 so fielen sie mit den Chalkidiern und Bottiäern, ihren EideSgenossen, ab.
 Gleichzeitig beredete Perdikkas die Chalkidier, ihre Städte am Meere zu
 verlassen und zu zerstören, um sich weiter im Lande in Olynthos niederzulassen
 und nur diese Stadt zur gemeinsamen Festung zu machen. Diesen Auswanderern gab
 er ein Stück seines Gebietes in der Landschaft Mygdonia am See Bolbe für
 so lange zur Benützung, als der Krieg mit den Athenern dauern würde. Diese
 zerstörten denn auch ihre Städte, siedelten sich landeinwärts an und rüsteten
 zum Krieg.

Die dreißig Schiffe der Athener kamen nun in die Thrakischen Gewässer und
 fanden Potidäa und die andern Plätze bereits abgefallen, und da es die Anführer
 für unmöglich hielten, mit der ihnen zu Gebote stehenden Macht den Perdikkas und
 die abgefallenen Städte zugleich zu bekämpfen, so wandten sie sich gegen
 Makedonien, wozu sie auch anfänglich ausgeschickt worden waren, und nachdem sie
 
 
 eine feste Stellung genommen, begannen sie den Krieg in Gemeinschaft
 mit Philippos und den Brüdern des Derdas, welche aus dem Inneren mit
 Heeresmacht zur Küste gekommen waren.

Unterdessen schwebten die Korinther, weil Potidäa abgefallen war und die
 Athenischen Schiffe sich in den makedonishcen Gewässern befanden, wegen jenes
 Platzes in Furcht, und da sie die Gefahr als ihre eigene betrachteten, so
 schickten sie aus ihrer Stadt Freiwillige und Söldlinge aus dem übrigen
 Peloponnes, im Ganzen sechzehnhundert Schwerbewaffnete und vierhundert
 Leichtbewaffnete, ab. Anführer war Aristeus, des Adeimantos Sohn, und vorzüglich
 aus Freundschaft für diesen hatten sich die meisten korinthischen 
 Freiwilligen angeschlossen, denn er stand von jeher mit den Potidäern in genauer
 Verbindung. Vierzig Tage nach dem Abfall Potidäa's landeten diese an der Küste
 des Thrakischen Gränzgebietes.

Auch den Athenern kam schnell Nachricht vom Abfall der Städte zu, und als sie
 hörten, daß auch die Truppe des Aristeus zu jenen gestoßen sei, so schickten sie
 zweitausend Schwerbewaffnete und vierzig Schiffe gegen die Abgefallenen.
 Anführer war Kallias, des Kalliades Sohn, mit noch vier Anderen. Bei der Ankunft
 in Makedonien trafen sie die ihnen vorangegangenen tausend Mann schon im 
 Besitze des eben eroberten Therme ^Thessalonich^ und Pydna belagernd; sie
 lagerten also auch vor Pydna und halfen die Stadt einschließen. Bald aber gingen
 sie nothgedrungen einen Vergleich und Bundesgenossenschast mit dem Perdikkas
 ein, wie denn die Rücksicht aus Potidäa und des Aristeus Ankunft sie wirklich
 dazu zwangen. Nunmehr räumten sie Makedonien und zogen gegen Beröa s^Veria 
 oder Karaveria^ und von da gegen Strepsa ; nachdem ihr Versuch diese Stadt zu
 nehmen mißlungen war, richteten sie ihren Zug mit dreitausend Schwerbewaffneten
 aus der eigenen Bürgerschaft, ungerechnet die Menge der Hilfstruppen, und mit
 sechshundert makedonischen Reitern unter Philippos und Pausanias zu Lande gegen
 Poti­ 
 
 
 däa, während die Flotte, siebzig Segel stark sie begleitend an der
 Küste hinfuhr. In kurzen Märschen gelangten sie am dritten Tage nach Gigonos
 ^nächst Potidäa^ und schlugen daselbst ein Lager.

Die Potidäer aber und die Peloponnesier unter Aristeus lagerten in Erwartung
 der Athener auf der Seite ^ihrer eigenen Stadt^ gegen Olynthos zu auf der
 Landenge und hatten deßhalb auch einen Markt für die Lebensmittel errichtet ^).
 Zum Anführer sämtlicher Fußtruppen hatten die Verbündeten den Aristeus gewählt
 und für die Reiterei den Perdikkas; denn dieser war sogleich wieder vom 
 Bündniß mit den Athenern abgefallen und focht auf Seiten der Potidäer, nachdem
 er den Jolaos zu seinem Stellvertreter in der Regierung gemacht hatte. Es war
 nun der Plan des Aristeus, mit seiner eigenen Abtheilung einen Angriff der
 Athener auf der Landenge abzuwarten, während die Chalkidier und die
 Bundesgenossen außerhalb der Landenge mit den zweihundert Pferden des Perdikkas
 bei Olynthos stehen bleiben, und wenn die Athener ihn selbst angreifen 
 würden, denselben zu seiner Unterstützung in den Rücken fallen und so die Feinde
 in die Mitte nehmen sollten. Auf der andern Seite schickte Kallias, der Anführer
 der Athener, und seine Mitfeldherrn die Makedonischen Reiter und eine kleine
 Zahl Bundesgenossen gegen Olynthos, um es jenen unmöglich zu machen, von dort
 aus zu Hilfe zu kommen; sie selbst aber brachen aus dem Lager auf und
 marfhcirten aus Potidäa los. Als sie nun bei der Landenge anlangten und die
 Feinde in Schlachtordnung aufgestellt sahen, nahmen auch sie ihre Aufstellung,
 und es dauerte nicht lange, so kam es zum Handgemenge. Der Flügel des
 Aristeus selbst, und was an auserlesener Mannschaft der Korinther und der Andern
 bei ihm stand, schlugen die ihnen Gegenüberstehenden in die Flucht und
 verfolgten sie ein gutes Stück; das übrige Heer der Potidäer und Peloponnesier
 aber wurde von den Athenern geschlagen und flüchtete in die Stadt.

Als sich nun Aristeus von der Verfolgung zurückwendete und das übrige Heer
 geschlagen war, so war er verlegen, nach welcher Seite er es wagen solle sich
 durchzuschlagen, gegen OlynthoS oder gegen Potidäa, entschloß sich jedoch, seine
 Truppen so eng als möglich zusammenzuziehen und im Eilschritt den Durchmarsch
 auf Potidäa zu erzwingen, und wirklich gelangte er über den steinernen vom 
 Meere überflutheten Schutzdamm dahin, beschossen zwar und unter vieler
 Mühseligkeit und auch einigem Verluste, doch war die Mehrzahl gerettet. Die aber
 von Olynthos aus den Potidäern zu Hilfe kommen sollten — Olynthos ist ungefähr
 sechzig Stadien entfernt und kann noch gesehen werden — , rückten beim Beginn
 des Kampfes, und als die Feldzeichen sichtbar wurden, eine kleine Strecke vor,
 um Hilfe zu leisten, und die makedonishcen Reiter stellten stch gegenüber auf,
 um sie daran zu hindern. Als sich aber der Sieg so schnell für die Athener 
 entschied und die Zeichen wieder verschwanden, kehrten sie wieder nach der Stadt
 zurück und die makedonishcen Reiter zum Heere der Athener, und so war auf keiner
 von beiden Seiten die Reiterei zum Treffen gekommen. Nach der Schlacht stellten
 die Athener ein Siegeszeichen auf und gaben unter sicherem Geleit den Potidäern
 ihre Todten heraus Es waren aber von diesen und ihren Bundesgenossen etwas
 unter dreihundert Mann gefallen, auf Seiten der Athener von ihren eigenen
 Bürgern hundert und fünfzig und darunter ihr Anführer KalliaS.

Allsogleich führten nun die Athener gegenüber der Stadt- seite, welche der
 Erdenge zugekehrt war, eine Mauer zur Sperre auf und bewachten dieselbe; die
 Seite gegen Pallene hin blieb jedoch ohne eine solche Mauer; denn sie hielten
 sich nicht für stark genug, die Landenge durch eine Besatzung zu decken und
 zugleich nach Pallene überzusetzen, um sich auch dort zu vershcanzen, da sie
 fürchteten, die Potidäer und Bundesgenossen möchten eine solche Theilung ihrer
 Truppen zu einem Ueberfall benutzen. Als aber die Athener zu Hause 
 vernahmen, daß Pallene nicht durch eine Mauer gesperrt sei, schickten sie bald
 darauf sechzehnhundert eigene Schwerbewaffnete ab. Anführer war Phormion, deS
 Afopios Sohn. Da dieser auf Pallene gelandet war, ließ er von Aphytos aus sein
 Heer langsam gegen Potidäa vorrücken, indem er zugleich die Gegend verheerte,
 und als sich Niemand zeigte, um eine Schlacht anzunehmen, so sperrte er die
 Stadt- seite gegen Pallene hin durch eine Mauer, und so war also Potidäa 
 von beiden Seiten streng eingeschlossen, während die Seeseite durch die Flotte
 gesperrt wurde.

Als nun Aristeus nach Einschließung der Stadt keine Hofsnung auf Rettung mehr
 hatte, außer wenn vom Peloponnes oder sonst woher wider Erwarten Hilfe käme, so
 rieth er, daß Alle bis auf Fünfhundert einen günstigen Wind zum Auslaufen
 benutzen sollten, damit die Lebensmittel um so länger ausreichen könnten, und er
 selbst erbot sich unter den Bleibenden zu sein. Da er aber kein Gehör fand 
 und doch das zur Erhaltung des Platzes Erforderliche vorzukehren und zugleich
 auch die Dinge auswärts möglichst günstig zu gestalten bedacht war, so ging er
 in See, als er es unbemerkt von den Wach­ 
 
 
 Posten der Athener thun konnte, landete auf Chalkidike und führte 
 im Verein mit den dortigen Bundesgenossen verschiedene Kriegsthaten aus, wie er
 denn unter andern den Sermyliern durch einen bei ihrer Stadt gelegten Hinterhalt
 viele Leute tödtete. Zugleich verkehrte er wegen Hilfeleistung mit dem
 Peloponnes. Phormion aber verheerte nach der Einschließung Potidäa's mit seinen
 sechzehnhundert Mann Chalkidike und Bottiäa und nahm auch einige kleine
 Städte.

Das also waren die noch hinzugekommenen gegenseitigen Klagpunkte zwischen
 Athenern und Peloponnesiern: seitens der Korinther, daß jene ihre Pflanzstadt
 Potidäa und in derselben korinthische und peloponnesische Männer belagerten;
 seitens der Athener gegen die Peloponnesier, daß sie eine verbündete und
 zinspflichtige Stadt zum Abfall verleitet und mit den Potidäern ganz offen gegen
 sie zu Felde gezogen seien. Doch war hiemit der Krieg noch nicht förmlich
 ansgebrochen, sondern man hielt von beiden Seiten noch zurück, da die Korinther
 bis jetzt nur auf eigene Faust gehandelt hatten.

Da aber nun Potidäa belagert wurde, so hatten sie nicht Ruhe und Rast, weil von
 ihren Leuten dort lagen und sie auch den Verlust des Platzes befürchteten.
 Deßhalb beriefen sie sogleich die Bundesgenossen nach Lakedämon und verklagten
 dort die Athener mit großem Geschrei, daß sie die Verträge gebrochen hätten und
 gegen den Peloponnes Ungerechtigkeit verübten. Auch die Aegineten halfen
 den Krieg eifrigst betreiben, zwar nicht in offener Gesandtschaft, 
 
 
 sondern aus Furcht vor den Athenern heimlich, indem sie klagten, daß 
 man sie den Verträgen zuwider sich nicht ihrer eigenen Gesetze bedienen lasse.
 Die Lakedämonier nun beriefen auch die übrigen Bundesgenossen und wer sonst von
 den Athenern Unrecht zu leiden glaubte, und nachdem sie ihre gewöhnliche
 Volksversammlung I veranstaltet hatten, hießen sie jene reden. Da traten außer
 den Andern, welche der Reihe nach ihre Beschwerden erhoben, auch die Megarer
 
 
 
 
 
 auf und brachten neben vielen andern Klagepunkten vorzüglich den 
 vor, daß sie gegen die Verträge von den Häscn auf athenischem Gebiet und von dem
 attischen Markte ausgeschlossen seien Zuletzt traten die Korinther aus, und
 nachdem sie die Andern erst die Lakedämonier hatten aufreizen lassen, machten
 sie mit folgender Rede den Schluß:

Eure Rechtlichkeit in den eigenen StaatSgeschäften und in eurem Verkehr unter
 einander macht euch, ihr Lakedämonier, mißtrauisch gegen uns Andere, wenn wir
 einmal etwas vorzubringen haben, und ihr könnt euch darum zwar eurer Mäßigung
 rühmen, aber ihr seid dafür auch über auswärtige Angelegenheiten sehr schlecht
 unter- 
 
 
 richtet ' Wir haben euch oft vorausgesagt, was uns von den Athenern
 Schlimmes drohe, aber ihr habt euch in keinem einzigen Falle über die Wahrheit
 dessen, was wir vorbrachten, unterrichten mögen, sondern hattet uns im Verdacht,
 als ob wir nur unseres eigenen Vortheils wegen redeten, und so habt ihr denn
 auch jetzt die Bundesgenossen hier versammelt, nicht vor erlittenem Schaden,
 sondern da wir schon tief darin stecken. Unter den Bundesgenossen steht es
 aber vor Allen uns zu, das Wort zu führen, da wir durch der Athener Uebermuth
 und eure Vernachlässigung das Schwerste zu leiden haben. Wenn nun die
 Ungerechtigkeiten der Athener gegen das gesammte Hellas im Verborgenen
 geschähen, so bedürstet ihr als dessen Unkundige der Belehrung; was braucht's
 aber jetzt einer langen Rede, da von denen, die ihr vor euch seht, die Einen '
 schon unterjocht sind, den Andern aber und vorzüglich unseren Bundesgenossen
 dasselbe Schicksal bereitet wird, und da ihr jene seit langer Zeit 
 gerüstet wisset für den Fall, daß sie ja einmal ^von euch^ wirklich bekriegt
 werden sollten. Denn wie hätten sie uns Kerkyra mit Gewalt wegnehmen und Potidäa
 belagern können, von denen dieses zur Benutzung gegen Thrakien die günstigste
 Lage hat, nnd jenes den Peloponnesiern leicht eine sehr starke Flotte hätte
 stellen können?

Und dafür trifft die Verantwortung euch, denn ihr habt sie nach dem persischen
 Kriege zuerst ihre Stadt befestigen und dann die langen Mauern aufführen lassen,
 und so habt ihr bis auf den heutigen Tag nicht nur die jenen Unterworfenen ihrer
 Freiheit beraubt gehalten, sondern sogar auch eure eigenen Bundesgenossen: denn
 nicht 
 
 
 
 der, welcher knechtet, sondern der, welcher dem wehren könnte und es 
 unterläßt, wird mit mehr Recht als der eigentliche Thäter betrachtet, zumal wenn
 er den Ehrennamen des Befreiers von Hellas trägt ' Kaum haben wir es selbst
 jetzt zu einer Versammlung bringen können, und selbst jetzt noch nicht so, als
 ob wir bereits im Klaren wären' Denn man sollte jetzt nicht mehr untersuchen, ob
 uns Unrecht geschieht, sondern wie wir das Unrecht von uns abwehren; denn
 die Angreisenden gehen rasch und entschlossen gegen die Unentschlossenen vor
 und werden sich nicht erst lange besinnen. Wir wissen ja, mit welchen 
 Mitteln und wie die Athener Schritt für Schritt gegen die Andern vorgeben. So
 lange eure stumpfe Gleichgiltigkeit sie in dem Glauben erhält, daß ihre
 Handlungen unbemerkt bleiben, sind sie weniger kühn und schnell; sehen sie aber
 erst, daß ihr sie durchschaut und doch zu ihrem Vorgehen schweiget, so werden sie
 uns ganz anders zusetzen. Denn von allen Hellenen, ihr Lakedämonier, überlaßt
 ihr allein euch der Ruhe, gleich als ob ihr durch Unentschlossenheit den Feind
 abwehren könntet, anstatt durch Kraftanstrengung, und ihr allein denkt die 
 Macht des Feindes nicht in ihrem Beginnen zu unterdrücken, sondern wenn sie ihre
 Kräfte bereits verdoppelt hat'Man rühmt zwar 
 
 
 
 daß ihr verläßlich seiet, aber hierin bleibt euer Thun hinter dem Rufe
 zurück; denn wir wissen ja noch selbst, daß der Meder sAerxes^, der doch
 von den Gränzen der Erde herkam, damals viel früher gegen den Peloponnes im
 Anmarsch ershcien, als ihr nnterdeß Zeit gefunden hattet, euch gegen ihn
 geziemend in Bereitschaft zu sehen; und grade so sorglos seid ihr auch jetzt den
 Athenern gegenüber, die nicht fern wohnen wie jene, sondern ganz in der Nähe,
 und anstatt sie anzugreifen, wollt ihr sie lieber herankommen lassen und euch
 nur abwehrend verhalten. Einem viel mächtigeren Feind gegenüber wollt ihr 
 eure Sache der Gunst des Glücks anheimstellen, obfchon ihr wohl wisset, daß,
 gleichwie der mächtige Barbar selbst meist nur durch seine eigenen Fehler zu
 Schaden kam, so auch wir über die Athener fast immer mehr durch ihre eigenen
 Versehen Vortheile gewinnen konnten, als durch Hilfe, die von euch kam. Fürwahr,
 das Vertrauen auf euch hat schon Manchen zu Grunde gerichtet, der sich eben
 deshalb nicht selbst gehörig vorsah, weil er sich auf euch verließ. Und glaube
 Keiner von euch, daß wir dies mehr aus Feindseligkeit gegen Euch sagen,
 als aus gegründeter Ursache zur Beschwerde; denn gegen befreundete Männer, wenn
 etwas versehen worden ist, findet Beschwerde Statt, Anklage nur gegen Feinde und
 Unterdrücker.

Einen Andern zu tadeln glauben wir aber so gut berechtigt zu sein, wie irgend
 Jemand, denn die Dinge, um die es sich handelt, sind von der größten
 Wichtigkeit. Ihr jedoch scheint davon gar nichts 
 
 
 zu merken und niemals überlegt zu haben, was für Leute ihr in den 
 Athenern zu bekämpfen habt, und wie sehr und wie ganz und gar sie euch überlegen
 sind. Denn sie sinnen immer auf Neues und sind rasch bei der Hand, Pläne zu
 entwerfen und dem Entschluß die That folgen zu lassen; ihr aber denkt nur daran,
 das Bestehende zu erhalten und nichts Neues hinzuzuthun, und führt nicht einmal
 das Nothwendige durch die That aus. Hinwieder sind jene über Vermögen 
 unternehmend, und ihre Tollkühnheit geht noch über ihre eigenen ersten
 Entschlüsse hinaus, und grade im Unglück sind sie erst recht voller Hoffnung;
 euch hingegen zeichnet es aus, daß eure Thaten hinter den Kräften zurückbleiben,
 daß ihr nicht einmal a'üs die zuverlässigsten Umstände einen Entschluß bauet,
 und niemals glaubt ein Unglück zu überstehen. Jene sind rastlos thätig, ihr seid
 Zauderer; sie sind immer außer Landes, ihr sitzt immer sein zu Hause; denn sie
 glauben durch Abwesenheit von der Heimath ihren Besitz zu mehren, ihr fürchtet
 durch Unternehmungen gegen Außen euren Besitz zu schädigen Wenn jene über
 ihre Feinde einen Sieg errungen haben, so beuten sie ihn aus's Gründlichste aus;
 werden sie aber besiegt, so machen sie sich sehr wenig daraus. Ihre Leiber geben
 sie für den Staat dahin, als wenn deren Besitz das Gleichgiltigste wäre; den
 Geist aber, insofern sie mit ihm für jenen wirken, halten sie für ihr
 eigentlichstes Besitztum, und wenn sie einen Plan nicht durchführen können, so
 glauben sie an ihrem Vermögen Schaden zu leiden; was sie aber durch eine 
 Unternehmung gewonnen haben, dünkt ihnen gering gegen das, was sie noch durch
 ihre Thätigkeit zu erreichen hoffen. Und wenn ihnen 
 
 einmal ein Anschlag mißlingt, so richten sie ihre Hoffnung auf etwas
 Anderes und thun sich damit ein Genüge; denn sie sind die einzigen 
 Menshcen, bei denen die Hoffnung schon so viel wie der wirkliche Besitz dessen
 ist, worauf sie sinnen, weil ihrem Entschluß rasch die Ausführung folgt. Und so
 zerarbeiten sie sich ihr ganzes Leben hindurch unter Mühsal und Gefahren und
 genießen ihres Besitzes sehr wenig, da sie immer nur auf neuen Erwerb sinnen,
 und sie kennen kein anderes Fest, als thätige Erfüllung ihrer Pflicht, und
 unthätige Ruhe halten sie für kein geringeres Uebel als mühselige Arbeit, so daß
 Einer, der sie mit wenigen Worten schildern wollte, in Wahrheit von ihnen
 sagen könnte, sie seien da, um weder selbst Ruhe zu haben, noch auch Andere in
 Ruhe zu lassen."

„Obwohl euch also ein solcher Staat feindlich gegenübersteht, ihr Lakedämonier,
 so zaudert ihr noch und wollt nicht glauben, daß nur diejenigen auf die Dauer
 sich der Ruhe erfreuen, welche zur Abwehr gerüstet zwar Gerechtigkeit üben, aber
 auch sich sichtlich entschlossen zeigen, kein Unrecht gegen sich zuzulassen;
 aber ihr glaubt das Rechte zu thun, wenn ihr Andern kein Leids zufügt und euch
 nur dann vertheidigt, wenn es ohne jede Gefahr für euch geschehen kann. Das
 möchte euch jedoch selbst dann kaum zu Theil werden, wenn ihr einen 
 gleichgesinnten Staat zum Nachbar hättet. Für die jetzigen Verhältnisse aber
 sind eure Grundsätze gegenüber jenen ganz veraltet, wie wir bereits gezeigt
 haben. Wie aber in Künsten und Gewerben immer das Neue den Sieg davon trägt, so
 ist es auch hier. Zwar ist es einem Staate in den Zeiten der Ruhe das Beste, an
 seine Gesetze nicht zu rühren; wenn aber die Umstände zu allerlei Unternehmungen
 zwingen, so muß man sich auch in der Gesetzgebung zu manchen Neuerungen 
 bequemen, weßhalb denn auch die Verfassung der Athener, die so Manches versucht
 haben, weit mehr als die eurige abgeändert wurde. So laßt es jetzt einmal eurer
 Langsamkeit genug sein, und kommt, wie den Andern, so auch den Potidäern, wie
 ihr versprochen habt, schleunigst zu Hilfe, indem ihr in Attika einfallet, damit
 ihr nicht schuldig werdet, befreundete und stammverwandte Männer ihren
 erbittertsten Feinden preisgegeben zu haben, und damit ihr uns Uebrige nicht
 nöthiget, in Mutlosigkeit unS einer anderen Bundesgenossenschaft 
 zuzuwenden. Und damit würden wir fürwahr weder vor den eidbewachen 
 den Göttern, noch vor verständigen Menschen Unrecht begehen; denn nicht die
 brechen den Bund, welche aus Verlassenheit sich Andern zuwenden, sondern die den
 Bundesgenossen die zugeschworne Hilfe nicht leisten. Wollt ihr uns aber Gehör
 geben, so bleiben wir bei euch; denn dann würden wir nichts den Göttern
 Wohlgefälliges thun, wenn wir die Bundesfreunde wechseln, und könnten auch keine
 anderen finden, die in der Gesinnung mehr zu uns stimmten. Darüber nun
 berathet wohl und seid bedacht, daß ihr den Peloponnes unter eurer Anführung
 nicht schwächer werden lasset, als die Väter ihn euch übergeben haben."

So redeten die Korinther. Es waren aber schon vorher auch Athenische Gesandte
 anderer Geschäfte halber nach Lakedämon gekommen, und als diese von jenen Reden
 hörten, glaubten sie auch vor den Lakedämoniern auftreten zu müssen, nicht um
 sich gegen die Beschwerden zu rechtfertigen, welche die Städte erhoben hatten,
 sondern um im Allgemeinen ihre Meinung dahin abzugeben, daß die Lakedämonier 
 nickt vorschnell einen Entschluß fassen, sondern reiflichen Einblick in die
 Verhältnisse nehmen möchten, und zugleich wollten sie ihnen einen Begriff von der
 Macht ihres Staates geben und die Aelteren unter ihnen an das erinnern, was sie
 selbst noch erlebt hätten, die Jüngeren aber über das belehren, wovon sie noch
 keine Kenntniß hatten, in der Meinung, die Lakedämonier würden sich durch solche
 Reden eher bewegen lassen, Frieden zu halten, als den Krieg zu beschließen.
 Sie kamen also und erklärten den Lakedämoniern, daß auch sie vor dem Volke
 zu reden wünschten, wenn dem Nichts im Wege stehe. Diese hießen sie auftreten,
 und so hielten die Athener folgende Rede:

„Der Zweck unserer Gesandtschaft ist nicht, dem zu wider- sprechen, was eure
 Bundesgenossen vorgebracht haben, sondern die Besorgung der Angelegenheiten
 unseres Staates, mit denen wir betraut sind; da wir aber gehört haben, daß kein
 kleines Geschrei gegen uns erhoben worden sei, so sind wir hiemit aufgetreten,
 nicht um die Beschwerden der Städte zu widerlegen, — denn ihr wäret ja auch 
 nicht die Richter, vor welchen in diesem Falle wir und jene zu reden hätten, —
 sondern damit ihr in so wichtigen Dingen euren Bundesgenossen nicht allzuleicht
 Glauben schenken und etwas Nachtheiliges beschließen möget. Zugleich wollen wir
 aber auch gegenüber all dem 
 Gerede, das ihr angehört habt, zeigen, daß unser. Besitz nicht 
 unrechtmäßig erworben ist, und daß unser Staat seinerseits wohl auch 
 Berücksichtigung verdient. Von den ältesten Zeiten reden wir gar nicht, denn wir
 müßten uns dabei mehr auf die Zeugenschaft der Sage berufen, als ans die eigene
 Anschauung unserer Zuhörer; von den Perserkriegen aber und von dem, was ihr
 selbst noch miterlebt habt, müssen wir wohl reden, wenn es vielleicht auch
 lästig sein sollte, da ihr es euch bei jeder Gelegenheit müßt vorrücken lassen.
 Als wir jene Thaten ausführten, unterzogen wir uns der Gefahr des allgemeinen
 Vortheils halber, und da auch ihr von diesem thatsächlich mitgenvssen 
 habt, so wollen wir uns wenigstens nicht die Erlaubniß nehmen lassen, davon zu
 reden, wenn es Vortheil bringen kann. Wir werden aber das nicht vorbringen, um
 uns in ein günstiges Licht zu stellen, sondern mehr um euch ein Beispiel und
 einen Beweis zu geben, mit wem ihr es zu thun haben werdet, wenn ihr nicht den
 rechten Entschluß faßt. Wir sagen also, daß bei Marathon wir allein US) es
 waren, die für die Andern gegen den Barbaren gekämpft haben; und als er 
 zum zweiten Male kam, und wir nicht stark genug waren, ihm zu Lande
 entgegenzutreten, so sind wir bis auf den letzten Mann zu Schiffe gegangen, um
 bei Salamis mitzukämpfen, und das allein war eS, was die Perser gehindert hat,
 von einer Stadt zur andern zu schissen und den Peloponnes zu verwüsten; denn ihr
 wäret dann nicht im Stande gewesen, gegen so viele Schiffe euch einander zu
 Hilfe zu kommen. Den deutlichsten Beweis davon aber hat der Barbar selbst 
 gegeben, denn als er in der Seeschlacht besiegt war, hat er, als ob er nun nicht
 mehr gleich mächtig sei, mit dem größeren Theile seines Heeres den Rückzug
 angetreten."

„Dieser Verlauf der Ereignisse zeigt aber deutlich, daß die Rettung für Hellas
 in der Flotte lag, und dabei sind wir selbst mit den drei wichtigsten Dingen
 eingestanden: mit der größten Zahl der Schiffe, dem einsichtigsten Feldherrn und
 mit der entschlossensten Hingebung. Denn von den vierhundert Schiffen ' haben
 wir nicht 
 
 
 viel weniger als zwei Drittel gestellt, und den ThemistokleS als 
 Anführer, der am meisten daraufdrang, daß die Seeschlacht in der Meerenge ^bei
 Salamis^ geliefert werde, was eben den glücklichen AuSgang herbeigeführt hat.
 Auch habt ja ihr selbst von allen Fremden, die je zu euch kamen, ihn am meisten
 geehrt Aber wir haben auch die entschlossenste Aufopferung gezeigt. Denn da uns
 zu Lande Niemand zu Hilfe kam, weil alle bis auf euch schon unterworfen 
 waren, so haben wir nicht angestanden, unsere Stadt zu verlassen und unsern
 Besitz dem Verderben preiszugeben, um die gemeinsame Sache der Bundesgenossen
 nicht im Stich zu lassen; und um durch unsere Zerstreuung nicht nutzlos zu
 werden, haben wir uns aus die See gewagt, ohne auf euch erzürnt zu sein, daß ihr
 uns nicht rechtzeitig zu Hilft gekommen wäret. Wir behaupten daher, euch nicht
 weniger genützt zu haben, als ihr uns. Denn ihr zogt damals aus euren 
 bewohnten Städten aus, und zwar eben nur, um auch ferner noch darin wohnen zu
 können, weil ihr euretwegen, weniger unsertwegen besorgt wäret. Denn so lange
 Athen noch unbeschädigt stand, wäret ihr nicht zu sehen. Wir aber sind aus einer
 Stadt ausgezogen, die nicht mehr war, und haben den Kampf gewagt um sie,
 obgleich ihre Wiedergewinnung nur auf schwacher Hoffnung beruhte, und doch haben
 wir, wie uns selbst, so zum Theil auch Euch mit gerettet. Wären wir aber 
 aus Furcht um unser Land zu den Persern übergetreten, wie die Andern, oder
 hätten wir uns später verloren gegeben und nicht mehr gewagt die Schiffe zu
 besteigen, so konntet ihr euren Seekampf nur bleiben lassen, denn ihr hattet ja
 zu wenig Schiffe, und der Barbar hätte dann in aller Bequemlichkeit die Dinge
 nach Wunsch durchgeführt."

„Verdienten es also, ihr Lakedämonier, unsere Hingebung und unsere einsichtigen
 Anschläge nicht, daß die Herrschaft, welche wir jetzt besitzen, für die Hellenen
 kein Gegenstand solchen Neides wäre? Wir haben sie ja nicht mit Gewalt an uns
 gerissen, sondern sie nur übernommen, da ihr, was gegen den Barbaren noch zu
 thun übrig 
 
 blieb, nicht zu Ende führen wolltet, und weil die Bundesgenossen uns
 von freien Stücken angingen und baten, die Anführung zu übernehmen.
 Weiterhin sind wir aber durch die Umstände selbst gezwungen worden, diese erst
 überkommene Macht auf den jetzigen Stand zu bringen, vornehmlich aus Besorgniß
 um unsere eigene Sicherheit, dann auch, um unsere Ehre zu wahren, und endlich,
 weil es unser Vortheil erheischte. Denn da wir den Meisten verhaßt, Einige auch
 schon von uns abgefallen und mit Gewalt zur Unterwerfung gebracht waren, so
 schien es nicht mehr mit unserer Sicherheit verträglich, durch Aufgeben 
 der Herrschaft über sie uns neue Gefahren zu erwecken '), da auch ihr gegen uns
 nicht mehr gleich freundliche Gesinnung trüget, sondern bereits Mißtrauen und
 Zwist zwischen uns getreten war; denn es wären dann Alle euch zugefallen. Es
 sollte aber gegen Niemanden Neid erwecken, wenn er im Angesicht der größten
 Gefahren seinen Vortheil zu sichern sucht."

„Ihr Lakedämonier führt ja auch die Oberleitung so, daß ihr den
 peloponnesischen Städten Verfassungen gebet, wie sie eurem Vortheil entsprechen
 Wäret ihr nun damals in der Oberansührung geblieben und dabei verhaßt geworden,
 wie wir, so wissen wir wohl, daß ihr den Bundesgenossen nicht weniger lästig
 gefallen wäret und auch nur die Wahl gehabt hättet, entweder die Herrschaft
 kräftig zu handhaben, oder selbst Gefahr zu laufen. So haben denn auch wir 
 nichts Verwunderliches noch Unmenschliches gethan, da wir die angebotene
 Herrschaft annahmen und im Zwang der mächtigsten Triebfedern, der Ehre, der
 Sicherheit und des Vortheils, die Zügel nicht erschlaffen ließen. Auch sind wir
 ja nicht die Ersten, die ein solches Betragen einführen, sondern es war immer
 die Ordnung, daß der Schwächere von dem Stärkeren eingeschränkt wurde UND. Auch
 
 
 
 
 schienen wir unS selbst dieser Stellung würdig, und euch ebenfalls, 
 bis ihr jetzt, euren Vortheil bedenkend, das Wort Gerechtigkeit in den Mund
 nehmt, welcher doch noch Niemand den Vorzug gegeben und sich von der Erweiterung
 seines Besitzes hat abhalten lassen, wenn die Gelegenheit eS gestattete, durch
 Gewalt etwas zu erwerben. Lob verdienen diejenigen, welche der menschlichen Natur
 gemäß sich der Herrschaft über Andere erfreuen und sich dabei gerechter zeigen,
 als es bei ihrer Macht nothwendig wäre. Wir glauben, wenn Andere an unserer 
 Stelle wären, so würden diese selbst den besten Beweis liefern, ob wir 
 
 mit Maß zu Werke gehen; uns selbst aber ist aus unserer Mäßigung 
 ungerechter Weise mehr Verläumdung erwahcsen, als Lob

„Obgleich wir unserer Machtstellung schon etwas vergeben, wenn wir die
 Streitsachen mit unseren Bundesgenossen vor dieSchiedsgerichte bringen lassen,
 und obgleich wir ihnen in unseren eigenen Gerichten völlige Rechtsgleichheit mit
 uns zu Theil werden lassen, so wird doch behauptet, daß wir streitsüchtig seien.
 Es fällt aber Keinem ein, daran zu denken, warum denn Andere nicht getadelt
 werden, die auch auswärtige Besitzungen haben und sich gegen ihre
 Unterthanen mit viel weniger Mäßigung benehmen, als wir. Wer Gewalt brauchen 
 kann, dürfte nicht erst vor Gericht gehen. Jene aber sind gewohnt, mit uns unter
 völliger Rechtsgleichheit zu verkehren, und wenn ihnen durch einen Rechtsspruch
 oder in Folge einer Regierungsmaßregel durch Zwang etwas noch so Geringfügiges
 entzogen wird, was ihnen nicht in den Kopf will, so wissen sie uns gar keinen
 Dank, daß wir ihnen immer noch viel mehr gelassen haben, sondern sie erbittern
 sich über den kleinen Verlust mehr, als wenn wir uns von vorn herein über
 alles Gesetz hinausgesetzt und der Habgier ganz offen gestöhnt hätten. Und wären
 wir so verfahren, so würden sie wohl auch selbst nicht die Einrede gebraucht
 haben, daß der Schwächere dem Stärkeren nicht nachgeben müsse. Denn es scheint,
 als ob die Menschen sich mehr erzürnen, wenn ihrem Recht ein geringer Abbruch
 geschieht, als wenn sie mit Gewalt ganz darnieder gehalten werden. Das erste
 nennt man: von seines Gleichen betrogen werden, das andere: dem Mächtigeren
 nachgeben IV). Da sie von dem Perser ganz andere Dinge erdulden mußten, ertrugen
 sie es ruhig; unsere Herrschaft scheint ihnen drückend. Ganz natürlich: denn
 immer ist dem Unterworfenen die Gegenwart eine Bürde. Was nun euch betrifft, so
 möchtet ihr, wenn es euch gelingen sollte, uns zu stürzen und an unser Statt
 zu herrschen, wohl sehr bald die Gunst wieder verloren haben, die man jetzt 
 
 
 aus Furcht vor uns euch zuwendet, wenn ihr anders noch ähnliche 
 Grundsätze habt, wie ihr damals während eurer kurzen Oberanfnhrung gegen die
 Meder IV sie zeigtet. Denn was bei euch Gesetz und Sitte ist, ist es nicht bei
 den Andern, und noch schlimmer wird dies dadurch, daß Jeder von Euch, wenn er
 hinaus kommt VI sich so wenig nach Jenem richtet, wie nach dem, was bei den
 andern Hellenen Brauch ist."

„Ueberleget also wohlbedächtig, wie es die Wichtigkeit der Dinge erfordert, und
 laßt euch nicht durch Anderer Meinungen und Beschwerden verführen, euch selbst
 eine große Last aufzuhalsen. Bedenkt auch, wie unberechenbar der Verlauf eines
 Krieges ist, bevor ihr euch noch in denselben einlasset. Wenn er sich in die
 Länge zieht, so pflegt er den Stand der Dinge durch zufällige Ereignisse oft
 ganz umzukehren, und davon sind dann beide Parteien gleich weit und gleich
 nah; und wie es sich auch wenden mag, immer setzt man sich auf's Ungewisse hin
 der Gefahr aus. Auch pflegen die Menshcen, wenn sie zum Krieg gehen, sogleich
 mit Thätlichkeiten den Anfang zu machen, zu denen sie erst später schreiten
 sollten, und nur erst, wenn sie Widerwärtigkeiten erfahren, wenden sie sich der
 Ueberlegung zu. Wir aber, die noch keinen dieser Fehler begangen haben und auch
 euch noch nicht darein verfallen sehen, reden euch, so lange es noch Jedem von
 uns beiden freisteht, das bessere Theil zu wählen, ernstlich zu, den 
 Vertrag nicht zu lösen, noch auch die Eidschwüre zu brechen, sondern die
 MißHelligkeiten vertragsgemäß durch ein Schiedsgericht schlichten zu lassen. Im
 andern Fall rufen wir die eidbewachenden Götter zu 
 
 
 Zeugen an, und wollen euch, wenn ihr den Krieg beginnen solltet, in
 derselben Art zurückweisen, wie ihr uns dazu das Beispiel geben werdet."

So sprachen die Athener. Nachdem nun die Lakedämonier sowohl die Beschwerden
 der Bundesgenossen gegen die Athener angehört hatten, als auch was die Athener
 dagegen gesprochen, hießen sie Alle abtreten, um sich über die Sache unter
 einander selbst zu berathen. Und die meisten einigten ihre Stimmen dahin, daß
 die Unbill der Athener schon offenkundig sei, und man müsse so bald als möglich
 den Krieg erklären. Da trat aber Archidamos auf, ihr König, der für einen
 klugen und gemäßigten Mann bekannt war, und redete also:

„Ich selbst, ihr Lakedämonier, habe die Erfahrung vieler Kriege und sehe auch
 einen Theil von euch in den gleichen Jahren mit mir, in denen Einer weder aus
 Mangel an Erfahrung einen Krieg herbei wünscht, wie es wohl bei der großen Menge
 der Fall sein mag, noch auch denselben für etwas Gutes und Gewinnbringendes
 hält. Was nun den Krieg betrifft, über welchen hier berathschlagt wird, so
 möchte er sich wohl nicht als einender unbedeutenderen finden lassen, wenn man
 die Umstände genau erwägt. Den Peloponnesiern und unsern Nachbarn ist unsere
 Macht zwar gewahcsen, und wir sind hier auch im Stande, nach allen Punkten hin
 die nöthigen Maßregeln schnell zu treffen; allein gegenüber den Bewohnern eines
 entfernteren Landes, die überdies im Seewesen sehr erfahren sind und auch sonst
 in allen Stücken auf's Trefflichste versehen, mit Privatreichthum nämlich
 und öffentlichen Geldern, mit Schiffen, Pferden, Waffen und einer Menschenmenge,
 wie sie sonst in keinem andern Hellenischen Staate vorhanden sind, und die dazu
 noch viele zinspflichtige Bundesgenossen haben, — wie kann man gegen solche so
 leichthin Krieg anfangen, und worauf setzen wir denn eigentlich unser Vertrauen,
 daß wir trotz der mangelnden Vorbereitungen damit so eilen sollten? Etwa auf
 Schiffe? Da sind wir die Schwächeren; und wenn wir uns erst üben und
 unsere Gegenrüstungen herstellen wollen, so wird das Zeit brauchen. Oder
 vielleicht auf Geld? Das haben wir erst recht gar nicht; 
 
 denn wir haben weder im öffentlichen Schatze etwas, noch sind wir 
 damit bei der Hand, aus dem Eigenen beizusteuern."

„Leicht könnte auch Einer daraus vertrauen, daß wir in Waffen und Mannschaft
 ihnen überlegen sind und darum ihr Gebiet heimsuchen und verheeren können. Aber
 sie haben noch viel anderes Land, worüber sie Herr sind, und werden sich von der
 See aus versorgen. Und wollten wir auch versuchen , ihre Bundesgenossen zum
 Abfall zu bringen, so müssen wir auch diesen mit Schiffen zu Hilfe kommen,
 denn sie sind meist Inselbewohner. Worin also soll unsere Kriegführung bestehen?
 Gewiß ist: wenn wir nicht entweder mit der Flotte obsiegen, oder ihnen ihre
 Einkünfte abschneiden, mit welchen sie die Flotte in Stand halten, so werden wir
 es sein, die den meisten Schaden haben. Und in diesem Fall wäre es nicht einmal
 mehr mit der Ehre verträglich, die Sache beizulegen, zumal wir für die 
 eigentlichen Urheber des Friedensbruches gelten werden. Denn gebt euch ja nicht
 der Hoffnung hin, daß der Krieg schnell beendigt sein wird, wenn wir nur ihr
 Gebiet verwüstet haben! Ich fürchte vielmehr, daß wir ihn noch auf unsere Kinder
 vererben werden; so gewiß ist mir es, daß die Athener in ihrem Stolz weder ihrem
 Land zu lieb sich uns beugen werden, noch auch wie Neulinge durch den Krieg sich
 schrecken lassen."

„Doch ist es nicht meine Meinung, daß wir jene ungestraft unsere Bundesgenossen
 sollten schädigen lassen, und ihre schlimmen Absichten nicht ahnden. Aber
 deßhalb sollten wir noch nicht zu den Waffen greifen, sondern Gesandte an sie
 schicken, ohne jedoch weder allzukriegerische Absichten zu zeigen, noch auch
 Billigung blicken zu lassen, und während dieser Zeit sowohl unS selbst rüsten,
 als auch Bundesgenossen an uns ziehen und schauen, ob wir irgendwoher von 
 Hellenen oder Barbaren an Schiffen oder Geld Hilfe erhalten können. Denn wie
 jetzt alle und auch wir von den Athenern bedroht sind, kann eS unS nicht zum
 Vorwurf gemacht werden, daß wir, um unS selbst zu erhalten, nicht nur bei
 Hellenen, sondern auch bei Barbaren Hilfe suchen. Zugleich wollen wir auch
 unsere eigenen Rüstungen vollenden. Wenn sie nun unsern Gesandten Gehör geben,
 so ist das das Beste; wenn aber nicht, so können wir nach zwei oder drei Jahren
 schon viel besser gerüstet gegen sie zu Felde ziehen, wenn es uns dann gutdünkt. 
 Und vielleicht lassen sie sich auch, wenn sie unsere Rüstungen sehen
 und aus unseren Reden ähnliche Absichten entnehmen', leichter zur 
 Nachgiebigkeit bewegen, so lange ihr Land noch unverwüstet ist, und sie ihren
 Entschluß fassen, während sie noch im Besitz ihrer Habe sind und dieselbe nicht
 schon dem Verderben anheimgefallen sehen. Denn glaubt ja nicht, daß ihr mit
 ihrem Gebiete anders verfahren dürfet, als wie mit einem Pfand, und zwar um so
 mehr, je besser es angebaut ist. Ihr müßt es so sehr als möglich schonen und
 euren Sieg-über sienicht dadurch ershcweren, daß ihr sie zur Verzweiflung
 treibt.. Wenn wir aber jetzt dem Drängen der klageführenden Bundesgenossen
 sofort nachgeben und ungerüstet, wie wir find, ihr Gebiet verheeren, so seht
 zu, daß nicht der größere Schimpf und Schaden auf den Peloponnes fällt.
 Beshcwerden von Städten und Einzelnen unter einander lassen sich heben, einen
 Krieg aber, der von einer Gesammtheit aus Rücksicht auf jedes Einzelnen Vortheil
 angefangen wird, und von dem sich das Ende nicht absehen läßt, kann man nicht
 leicht mit Glimpf beilegen."

„Auch lasse sich Keiner dünken, daß es Feigheit sei, wenn so Viele zaudern,
 einer einzigen Stadt zu Leibe zu gehn. Denn auch jene haben keine geringere Zahl
 Bundesgenossen, und zwar^solche, die ihnen Geld steuern, und der Krieg wird in
 der Hauptsache nicht mit den Waffen, sondern mit Geld geführt welches die Waffen
 erst nutzbringend macht, zumal von Seiten Festländischer gegen eine 
 Seemacht. Das wollen wir nun zuerst beischaffen und uns nicht durch die Reden
 der Bundesgenossen zur Unzeit hinreißen lassen. Denn da man uns jedenfalls die
 Hauptverantwortlichkeit für den Ausgang des Krieges beimessen wird, mag er nun
 so oder so ausfallen, so müssen wir auch,in Ruhe vorher das Nöthige erwägen."
 s-

„Der Langsamkeit und des Zauderns, was man am meisten an uns tadelt, habt ihr
 euch nicht zu schämen; denn wenn ihr euch jetzt beeilen wolltet, so würde das
 Ende um so mehr verzögert werden, weil ihr unvorbereitet an's Werk ginget. Wir
 sind Bürger eines.freien und in aller Weise wohlberühmten Staates, und mehr als
 jeden andern verdient jenes Verfahren den Namen wohlbedächtiger Klugheit. 
 
 
 
 Denn darin allein liegt der Grund, weshalb wir im Glück nicht den 
 Uebermuth aufkommen lassen und im Unglück weniger als Andere uns beugen: Und
 wenn man uns durch Lobsprüche zu nachteiligen Unternehmungen anzuspornen sucht,
 so lassen wir unS durch den Kitzel des Lobes nicht gegen unsere bessere Einsicht
 hinreißen, und wenn unS Einer durch Tadel aufstacheln wollte, so würden wir unS
 weder erzürnen, noch auch nachgeben. Wir sind kriegerisch und wohlberathen
 zugleich, weil wir uns schöner Disciplin fügen '29); das eine, weil Ehrgefühl
 der Bedachtsamkeit nahe steht, und dem Ehrgefühl die Tapferkeit; 
 wohlberathen aber sind wir, weil wir zu wenig gelehrt erzogen werden, um die
 Gesetzt zu verachten, und zu rauh und bescheiden, um unS ihnen nicht zu
 unterwerfen Wir verstehen zu wenig von unnützen Dingen, um die kriegerischen
 Anstalten unserer Gegner in schönen Redensarten zu tadeln und dann doch in der
 That hinter ihnen zurückzubleiben'2'), sondern wir glauben, daß die Klugheit des
 Feindes der unseren wohl gewachsen ist, und daß sich die Glücksfälle nicht 
 mit Worten abmachen lassen. In unserer wirklichen Ausrüstung handeln wir immer
 so, als ob unsere Gegner sehr wohl berathen seien; und man darf auch nicht seine
 Hoffnungen auf künftige Fehler des Feindes bauen, sondern auf seine eigene
 treffliche Vorficht. Auch soll man nicht glauben, daß sich ein Mensch vom andern
 viel unterscheide, sondern daß der zum Tüchtigsten werde, der durch den
 härtesten Zwang der Verhältnisse geschult ist 122).«

„Solche Uebung nun ist uns von den Vätern her überliefert; was wir aber stets
 mit Nutzen geübt haben, dürfen wir nicht aufgeben, und ebenso wenig wollen wir
 uns hinreißen lassen, in der kurzen Zeitspanne eines Tages über viele
 Menshcenleben, viel Güter, Städte und kostbare Ehre Beschluß zu fassen, sondern
 in Ruhe der Ueberlegung pflegen. Ihr, die ihr so mächtig seid, dürft das
 schon eher thun, als Andere. An die Athener aber schickt Gesandte wegen 
 Potidäa'S und auch wegen der Beschwerdepunkte der Bundesgenossen. Sie selbst
 erklären sich ja bereit, die Sache vor ein Schiedsgericht zu bringen, und wer
 selbst den Rechtsweg in Vorschlag bringt, den darf man nicht ohne Weiteres als
 einen Rechtsverletzer bekriegen. Gleich­ 
 
 
 zeitig aber rüstet zum Krieg; denn auf diese Weise werdet ihr für 
 euch selbst das Beste beschließen und zugleich dem Feinde am meisten furchtbar
 sein.- 
 So redete Archidamos. Zuletzt aber kam Stheuelaides, damals einer ihrer Cphoren
 '^), und ließ sich vor den Lakedämoniern so hören:

„Der Athener langes Gerede verstehe ich nicht. Sich selbst haben sie ein Langes
 und Breites gelobt, aber daß sie an unsern Bundesgenossen und dem Peloponnes
 Unrecht thun, dagegen haben sie sich nicht mit einem Wort vertheidigt. Mögen sie
 damals gegen die Meder sich tapfer gehalten haben, so sind sie doppelt
 strafwürdig, wenn sie sich jetzt gegen uns schlecht benehmen, denn sie sind aus
 rechtschaffenen 'Männern Schurken geworden. Wir aber sind noch dieselben wie
 damais, und wenn wir klug sind, werden wir nicht ruhig mit zusehen, wie an
 unseren Bundesgenossen Unrecht geübt wird, noch auch werden wir die Ahndung lange
 hinausschieben, denn auch die Bedrückungen jener lassen nicht erst auf sich
 warten. Andere haben viel Geld, Schiffe und Rosse, wir haben treffliche
 Bundesgenossen, die wir nicht den Athenern preisgeben dürfen, noch auch ihre
 Sache mit Rechtsprechen 
 
 und Worten abmachen lassen, da ihnen ja auch nicht blos mit Worten 
 Unrecht geschieht, sondern schleunigst und kräftigst muß ihnen geholfen werden.
 Und Keiner wolle uns belehren, daß es uns, den Unrecht Leidenden, zukomme zu
 überlegen; viel mehr käme es denen zu,^fich lange zu besinnen, welche daraus
 ausgehen, Andern Unrecht ^zuzufügen. Beschließt also den Krieg, ihr Lakedämonier,
 wie es Sparta? würdig ist, und laßt weder die Athener noch mächtiger werden,
 noch wollt eure Bundesgenossen verrathen, sondern mit den Göttern laßt uns
 gegen die Uebelthäter ausziehen!"

Nach diesen Worten ließ er, da er selbst Ephore war, die Abstimmung in der
 Versammlung der Lakedämonier vornehmen, sagte aber dann, weil-sie durch Zuruf die
 Entscheidung geben und nicht durch Stimmzeichen ^): er könne nicht untershceiden,
 welcher Ruf der stärkere sei, — und um sie durch recht augenfällige Darlegung
 ihrer Meinung noch mehr für den Krieg zu reizen, rief er: Wer von euch, ihr
 Lakedämonier, der Meinung ist, daß die Verträge gebrochen sind, und die Athener
 Unrecht thun, der trete auf den Platz dort,—indem er mit dem Finger daraus
 hinwies —, wer, aber der Meinung nicht ist, der stelle sich hier auf die andere
 Seite. Es standen nun Alle auf und traten nach den zwei Seiten aus einander, und
 die Zahl derer, welche den Vertrag für gebrochen erachteten,.war viel größer.
 Dann riefen sie die Bundesgenossen herzu und erklärten, daß ihnen die 
 Athener dünkten Unrecht zu thun, und sie wollten jetzt auch die sämmtlichen
 Bundesgenossen zur Abstimmung einladen, damit sie, wenn es sich so ergebe, den
 Krieg gemeinsam führten. Nachdem dies Geschäft beendigt war, ging ein Jeder
 wieder in seine Heimat,, und auch die Athenischen Gesandten kehrten nach Haus
 zurück, als die Aufträge besorgt waren, wegen derer man sie geschickt hatte.
 Diese Entscheidung der Versammlung, daß.der Friede, gebrochen sei,
 ereignete'sich im vierzehnten Jahre des dreißigjährigen Waffenstillstandes,
 welcher 
 nach dem Euböiichen Krieg geschlossen worden war '").

ES faßten aber die Lakedämonier den Entschluß, daß der Friede gebrochen und
 Krieg zu führen sei, nicht sowohl aus Nachgiebigket gegen die Reden der
 Bundesgenossen, als vielmehr aus Furcht, daß die Athener noch mächtiger werden
 könnten; denn sie sahen, daß jetzt schon der größere Theil von Hellas von
 jenen abhängig sei

Zu der Stufe aber, bis zu welcher ihre Macht gewachsen war, gelangten die
 Athener auf folgende Weise Als die Meder, zu Wasser und zu Lande von den
 Hellenen besiegt, Europa geräumt hatten, und auch die vernichtet waren, welche
 sich zu Schiff nach Mykale geflüchtet hatten, so kehrte der Lakedämonierkönig
 LeotychideS, der bei Mykale über die Hellenen den Oberbefehl geführt, mit den
 peloponnesischen Bundesgenossen nach Hause zurück. Die Athener aber und
 die Bundesgenossen aus Jonien und vom Hellespont, welche vom König schon
 abgefallen waren, blieben vor SestoS und belagerten die persische Besatzung, und
 nachdem sie den Winter durch ausgehalten, bekamen sie auch die Stadt in ihre
 Gewalt, indem die Barbaren abzogen. Dann räumten ihre Schiffe den HelleSpont,
 und Jeder kehrte nach seiner Heimaih zurück. Die Regierung von Athen aber ließ,
 da die Barbaren aus ihrer Landschaft abgezogen waren, die Weiber und 
 Kinder und sonstiges Gut von den Orten, wo dieselben in Sicherheit gebracht
 worden waren, wieder nach Hause bringen und traf Anstalten, die Stadt und die
 Mauern wieder auszubauen. Von den Ringmauern stand nämlich nur noch sehr wenig,
 und die Häuser waren meist eingestürzt, bis auf wenige, in denen die vornehmen
 Perser selbst Wohnung genommen hatten.

Da aber die Lakedämonier von diesem Vorhaben erfuhren, so schickten sie,
 einestheilS weil sie selbst eS lieber gesehen hätten, daß 
 
 
 
 weder jene noch überhaupt sonst Jemand Mauern habe, viel mehr aber
 noch, weil ihre Bundesgenossen dazu antrieben, und aus Furcht vor der Uebermacht
 der Flotte, welche jene sich geschaffen hatten, und vor der kühnen
 Entschlossenheit, die sie im Perserkriege gezeigt, eine Gesandtschaft mit dem
 Ansinnen, nicht nur selbst keine Mauern zu bauen, sondern ihnen auch die
 Ringmauern der Städte außerhalb des Peloponnes, wo solche vorhanden wären,
 niederreißen zu helfen. Zbre eigentliche Absicht und argwöhnischen Gedanken
 offenbarten sie den Athenern nicht, sondern es sei daran gelegen, daß der
 Barbar, wenn er einmal wiederkommen sollte, keinen festen Punkt vorfände, auf
 welchen er, wie das letzte Mal auf Theben, sich stützen könne; der 
 Peloponnes, meinten sie, genüge für alle Hellenen als Zufluchtsort und
 Ausgangspunkt der Kriegsunternehmungen. Die Athener nun entließen auf des
 ThemistokleS Rath für dies Mal die Lakedämonier auf der Stelle, indem sie ihnen
 zur Antwort gaben, sie wollten des Vorgebrachten wegen selbst Gesandte zu ihnen
 schicken. Weiter ordnete ThemistokleS an, ihn selbst so schnell als möglich nach
 Sparta abzusenden, die andern außerdem zu wählenden Gesandten aber nicht 
 sogleich mitzuschicken, sondern noch so lange zurückzuhalten, bis die Mauer auf
 die erforderliche Höhe gebracht worden wäre, um.sich im Nothfall vertheidigen zu
 können. Bauen helfen sollten aber Alle und Jegliche in der Stadt, in eigner
 Person und mit Weib und Kind, und weder das eigene Haus, noch öffentliche
 Gebäude sollten sie schonen, wenn es irgendwie nutzbringend zum Werke sei,
 sondern Alles niederreißen. Nachdem er dies angeordnet und zu verstehen gegeben
 hatte, daß er alles Uebrige dort selbst ^besorgen werde, reiste er ab. In
 Sparta angekommen, stellte er sich nicht sogleich bei der Regierung vor, sondern
 verschob es und brauchte allerlei Ausflüchte, und wenn ihn ein RegierungSbeamter
 fragte, warum er sich denn an sie nicht wende, so gab er zur Antwort, er warte
 nur noch aus seine Mitgesandten: dieselben seien irgend einer Verhinderung wegen
 zurückgeblieben, er sehe jedoch ihrer Ankunft jeden Augenblick entgegen, und
 wundere sich sehr, daß sie noch nicht da seien.

Jene horten das an und glaubten eS dem ThemistokleS zu Gefallen; als aber
 Andere ankamen und für ganz gewiß erzählten, daß die Mauer doch gebaut werde und
 schon eine ansehnliche Höhe ge- 
 winne, so konnten sie nicht mehr in Zweifel sein. Da Themistokles 
 dies erfuhr, so bat er sie, .sich doch nicht durch Gerüchte täuschen-zu lassen,
 sondern lieber einige rechtschaffene Männer aus ihrer Mitte abzuordnen, die
 zuverlässigen Bericht abstatten könnten über das, was sie mit eigenen
 Augen.gesehen hätten. Solche sandten sieauch wirklich ab; Themistokles aber ließ
 den Athenern heimlich die Weisung zukommen, dieselben mit so wenig Aufsehen als
 möglich zurückzuhalten.und sie nicht eher ziehen zu lassen, als bis sie selbst
 zurückgekehrt wären; eS waren nämlich unterdessen auch seine Mitgesandten
 angekommen, Habronichos, der Sohn des LyfikleS, und AristeideS, des Lysimachos
 Sohn, und hatten ihm gemeldet, daß die Mauer schon hoch genug sei; er
 fürchtete aber, die Lakedämonier möchten sie nicht mehr ziehen lassen, wenn sie
 die Wahrheit erfahren hätten. Die Athener also hielten, wie vorgeschrieben war,
 jene Gesandten zurück, und nun trat ThemistokleS vor die Lakedämonier und
 erklärte frei und offen, ihre Stadt sei jetzt befestigt und im Stande ihre
 Einwohner zu schirmen. Wenn die Lakedämonier oder ihre Bundesgenossen künftig
 wieder einmal Gesandte zu ihnen schicken wollten, so möchten sie bedenken,.daß
 sie zu Leuten kämen, die recht wohl zu untershceiden wüßten, was ihr eigner
 Vortheil und was das gemeinsame Wohl von Hellas erheische. Als eS ihnen
 damals rathsamer geschienen habe, ihre Stadt zu verlassen und die Schiffe zu
 besteigen, hätten sie diesen Entschluß ohne Zuthun der Lakedämonier zu fassen
 und auszuführen gewagt, und so oft sie sich später mit jenen gemeinsam berathen,
 hätten sie sich an Einsicht Keinem nachstehend gezeigt. So ershceine es ihnen
 denn anch jetzt rathsamer, daß ihre Stadt Mauern habe, und das werde sich auch
 für die gesammten Bundesgenossen nicht weniger, als für die eigenen 
 Bürger, nutzbringender erweisen. ,Denn ohne daß die Einzelnen auf gleicher Stufe
 der Verteidigungsfähigkeit stünden, sei eS nicht möglich, in Bezug auf. das
 gemeinsame Beste ähnliche oder übereinstimmende Beschlüsse zu fassen ^).
 Entweder durften alle Bundesgenossen 139) Politische« Hauptgeseh, an welchem
 schließlich jeder Bund ungleicher Mächte Schiffbrnch leidet, zumal wenn die
 Bundesglieder aus sich eine ständige berathende und beschließende BundeSbehörde
 cvnstituiren. Nur so lange irgend ein Hauptinteresse, an welche« sich die
 Existenz selber knüpft, allen Gliedern gemeinsam ist, kann ein solcher Bund
 unter thats.ichtich gleichem Recht für 
 keine Befestigungswerke haben, oder man müsse auch ihr jetziges 
 Verfahren gut heißen..

Als die Lakedämonier dies gehört hatten, ließen sie gegen die Athener keinerlei
 Groll blicken, denn sie hatten sich auch mit jener Gesandtschaft nicht den
 Anschein gegeben, als ob sie den Bau hindern wollten, sondern als wollten sie
 nur mit Rücksicht auf das gemeinsame Beste das ihrer Ansicht nach Entsprechende
 empfehlen; und dann waren sie auch damals den Athenern noch sehr gewogen wegen
 des Eifers, den sie im Perserkriege gezeigt hatten; doch waren sie über die
 Vereitelung ihrer Absicht im Geheimen erbittert. Die beiderseitigen 
 Gesandten kehrten indeß unangefochten nach Hause zurück '4Y).

Auf diese Weise befestigten die Athener ihre Stadt innerhalb sehr kurzer Zeit.
 Auch sieht man dem Bau jetzt noch an/daß er eilig aufgeführt wurde, denn die
 Grundmauern sind aus allerlei Steinen zusammengefügt, hie und da auch aus ganz
 unbehauenen, wie sie grade Einer herbeibrachte. Auch viele Säulen von Grabmälern
 wurden eingemauert und selbst vom Bildhauer bearbeitete Steine, denn da
 die Ringmauer an allen Punkten über den ehemaligen Umfang der Stadt
 hinauSgerückt wurde, so schaffte man in'der Eile ohne Unterschied Alles herbei,
 was beweglich war." Auch vermochte sie ThemistokleS, den PeiräeuS völlig
 auszubauen, wozu schon früher während seiner einjährigen Regierung als Archont
 von Athen de? Anfang 
 gemacht worden war; denn da der Platz drei natürliche Häfen>'5") 
 
 
 
 
 hatte, so hielt er ihn für überaus geschickt, die Macht der Athener zu
 fördern, wenn sie sich erst dem Seewesen ganz gewidmet haben würden. 
 Themistokles war nämlich der Erste, der eS auszusprechen wagte, daß man sich an
 das Meer halten müsse, und er selbst half noch sofort mit dem Bau den Anfang
 machen ^). Auf seinen Rath bauten sie auch die Mauer um den Peiräeus von der
 Dicke, wie sie noch jetzt zu sehen ist (indem zwei einander entgegenfahrende
 Wagen die Steine herbeischafften Zur Verbindung wurde weder Kalk noch Mörtel
 gebraucht, sondern die großen und winkelrecht behauenen Steine wurden 
 neben und über einander gelegt und von außen durch eiserne Klammern und Blei US
 verbunden. Indessen wurde nur die Hälfte der Höhe erreicht, welche jener
 beabsichtigte ^6). er hatte gedacht durch Höhe und Dicke der Mauer allein die
 Angriffe der Feinde zu vereiteln, und daß dann eine geringe Zahl selbst der
 Untauglichsten zur Besatzung genügen werde, indem alle andern die Schiffe
 besteigen sollten. Auf die Flotte hatte er nämlich ein Hauptaugenmerk, weil
 er, wie mich dünkt, einsah, daß der Angriff der königlichen Streit- macht
 leichter zu Wasser als zu Lande erfolgen könne. Den Peiräeus hielt er deßhalb
 auch für wichtiger, als die obere Stadt, und oft redete er den Athenern zu, wenn
 sie einmal zu Lande überwunden wären, sollten sie sich in den Peiräeus
 hinabziehen und auf ihren Schiffen Allen die Spitze bieten. Auf diese Weise also
 kamen die Athener gleich nach dem Rückzug der Perser zu ihren Mauern und trafen
 auch sonst die nöthigen Vorkehrungen.

Pausanias aber, des Kleombrotos Sohn, wurde aus Lakedämon als Anführer der
 Hellenen mit zwanzig Schiffen vom Peloponnes aus in See geschickt. Auch die
 Athener schloßen sich mit 
 
 
 
 
 
 
 dreißig Schissen an und ebenso von den übrigen Bundesgenossen 
 eine große Zahl. Sie segelten aber gegen Kypros und unterwarfen den
 größten Theil dieser Insel; dann wendeten sie sich gegen Byzanz, welches die
 Perser besetzt hielten, und eroberten eS auch noch unter demselben
 Oberbefehl.

Da aber Pausanias anfing sich gewaltthätig zu betragen 149), so brachte er alle
 Hellenen gegen sich auf, vornehmlich aber die Joner und die übrigen, welche erst
 neuerlichst vom Könige befreit worden waren, so daß diese die Athener angingen
 und sie aufforderten, eingedenk der StammeSverwandtshcaft '2") den Oberbefehl
 über sie anzunehmen und nicht ruhig zuzusehen, wenn Pausanias irgend wie 
 Gewalt brauchen wolle. Die Athener schenkten diesen Anträgen gern Gehör und
 waren darauf bedacht, sowohl hieraus Nutzen zu ziehen, als auch alles Uebrige
 auf die ihrem Vortheil am meisten entsprechende Weise einzuleiten. 
 Inzwischen besohlen die Lakedämonier dem PausaniaS, nach Hause zu kommen, damit
 er wegen des über ihn Vernommenen Rede stehe; denn er war auch von den Hellenen,
 die nach Sparta kamen, vieler Ungerechtigkeiten angeklagt worden, so daß seine
 Fcldherrnschaft eher wie die Nachahmung einer Zwingyerrschaft ershcien. Es
 gelangte 
 aber dieser Befehl zur Rückkehr zu derselben Zeit an ihn, als die 
 Bundesgenossen aus Haß gegen ihn zu den Athenern übergingen, mit^ Ausnahme der
 Truppen aus dem Peloponnes. Da er nun nach Lakedämon gekommen war, wurde er zwar
 wegen einiger persönlichen Beleidigungen zur Strafe gezogen, in der Hauptsache
 jedoch losgesprochen. Er war aber vornehmlich der Perserfreundschaft 
 angeklagt worden, und in der That zweifelte auch Niemand daran. Die 
 
 
 
 Lakedämonier sandten ihn nun zwar nicht mehr als Feldherrn aus, 
 sondern an seiner Statt den Dorkis und einige Andere mit nicht bedeutender
 Mannschaft, allein die Bundesgenossen fügten sich ihrem Oberbefehle nicht. Da
 jene dies merkten, zogen sie sogleich wieder ab, und nach ihnen schickten auch
 die Lakedämonier keine Andern mehr aus, aus Furcht, ihre Leute möchten draußen
 verdorben werden, was sie auch am Pausanias wirklich erfahren hatten außerdem
 wünschten sie aber auch der Last des Perserkriegs ledig zu werden und 
 glaubten, daß die Athener, welche ihnen damals befreundet waren, für sich im
 Stande seien, ihn zu Ende zu führen

So waren also die Athener aus freier Zustimmung der Bundesgenossen, weil
 Pausanias sich verhaßt gemacht, zur Würde der Oberanführung gelangt, und sie
 bestimmten nun, welche Staaten zum Krieg gegen den Barbaren Geld, und welche
 Schiffe hergeben sollten. Vorwand war-, daß man durch Verheerung des königlichen
 Gebietes für die erlittene Unbill Rache nehmen müsse. Damals wurde auch 
 von den Athenern zuerst das Amt der Schatzmeister von Hellas eingeführt, welche
 den Phoros, denn so nannte man den Beitrag an Geld, in Empfang zu nehmen hatten.
 Die erste Umlage dieser Art wurde auf 460 Talente ^890,000 pr. Thlr.^Z
 festgesetzt. Zur Schatzkammer diente Delos, und auch die Versammlungen wurden im
 dortigen Heiligthum abgehalten

Was nun die Athener als Oberanführer der Bundesgenossen — welche anfangs noch
 ihre eigenen Gesetze behielten und auch in den gemeinschaftlichen Versammlungen
 mitberiethen — im'Kriege und in der Leitung der Staatsgeschäfte zwischen diesem
 ^peloponnesischen^ und dem persischen Kriege, sei eS nun gegen den Barbaren, sei
 es gegen ihre eigenen abgefallenen Bundesgenossen und die Peloponnesier,
 welche dabei jedes Mal im Spiel waren, ausgeführt haben, 
 
 
 
 wird im Folgenden erzählt. Zu diesen Aufzeichnungen und zu der 
 Abschweifung von meiner eigentlichen Erzählung finde ich mich aber deshalb
 veranlaßt, weil dieses Stück Geschichte bei meinen Vorgängern noch ganz fehlt,
 da sie entweder nur die Hellenische Geschichte vor den Perserkriegen, oder die
 Perserkriege selbst beschrieben haben, und auch Hellanikos der in seiner
 Attischen Geschichte diese Dinge berührt, ihrer nur kurz und nicht in der
 richtigen Zeitfolge Erwähnung thut. Zugleich gibt diese Erzählung auch eine
 Vorstellung davon , in welcher Weise sich die Herrschaft der Athener allmälig
 befestigt hat.

Zuerst nun belagerten sie Eion am Strymonflusse 
 welches die Perser besetzt hielten, und nahmen es unter Anführung l 
 Kimon'S, des Sohnes des Miltiades, und verkauften die Einwohner als Sklaven.
 Dasselbe gelang ihnen darauf mit der Insel Skyros im ägäischen Meere, bewohnt
 von Dolopern, welche sie ebenfalls verkauften und an ihre Stelle Ansiedler aus
 ihrer eigenen Mitte setzten. Dann führten sie einen Krieg mit den Kary tsiern,
 und zwar mit diesen allein, ohne daß sich die übrigen Euböer daran betheiligten,
 und brachten sie erst nach geraumer Zeit dahin, sich auf gewisse Be- 
 dingungen hin zu ergeben. Darauf bekriegten sie die abgefallenen Naxier und
 zwangen sie durch Belagerung zur UnterwerfungDE 
 Es war dies der erste verbündeteStaat, welcher dem Vertrag zuwider 
 unterjocht wurde, ein Schicksal, welches später freilich auch die andern nach
 der Reihe traf.

Die wichtigsten Ursachen des Abfalls waren außer einigen anderen die Rückstände
 in der. Einzahlung deS PhorosTBeitragS^ und in der Lieferung von Schiffen und
 Nichterfüllung der KriegS- pflicht, wenn sie wo vorgekommen war; denn die
 Athener trieben scharf 
 
 
 
 ein und waren gleich mit Zwangsmaßregeln bei der Hand, und wurden
 so denen höchst lästig, welche weder gewohnt waren, fich'S sauer werden zu
 lassen, noch auch den Willen dazu hatten. Aber auch in anderer Hinsicht war ihre
 Oberanführung nicht mehr so beliebt, wie sie denn auch in den gemeinschaftlichen
 Kriegszügen die Bundesgenossen nicht mehr als ihres Gleichen behandelten,
 während es ihnen sehr leicht wurde, die Abgefallenen sich zu unterwerfen. Daran
 waren jedoch die Bundesgenossen selbst Schuld, denn wegen ihrer Abneigung 
 gegen den Kriegsdienst hatten sich die Meisten in Geld schätzen lassen anstatt
 der SchiffSlieferung, um nur zu Hause bleiben zu können, und bezahlten lieber
 die auf sie entfallende Summe. Und während die Athener von diesen Geldbeiträgen
 ihre Flotte vermehrten, waren jene, wenn sie abfielen, zum Kriege weder
 gerüstet, noch besaßen sie Erfahrung darin.

Hierauf ereignete sich auch die
 Land- und Seeschlacht am Flusse Eurymedon in Pamphilien zwischen den Persern und
 den Athenern mit ihren Bundesgenossen, und es gewannen damals die Athener
 einen doppelten Sieg, zu Wasser und zu Lande, unter Anführung Kimon's, des
 Miltiades Sohn, und sie nahmen und zer- 
 störten von den Schiffen der Phöniker in Allem gegen zweihundert. Nicht
 lange danach geschah eS, daß die Thafier von ihnen ab­ 
 
 fielen, nachdem zwischen ihnen wegen der gegenüberliegenden Handels.
 Plätze in Thrakien und der Bergwerke, die sie benutzten, ein Streit 
 entstanden war. Die Athener nun segelten gen Thasos und gewannen eine
 Seeschlacht III) und stiegen an'S Land. Zu jener Zeit schickten sie auch
 zehntausend Ansiedler aus ihnen selbst und den Bundesgenossen an den
 Strymonsluß, um an dem Orte, welcher damals die Neun Wege genannt wurde, jetzt
 AmphipoliS, sich niederzulassen. Diese bemächtigten sich zwar der Neun Wege,
 welche die Edoner besetzt hatten, als sie aber gegen das Innere Thrakiens
 vordrangen, wurden sie bei DrabeskoS im Lande der Edoner von den vereinigten
 Thrakern geschlagen und aufgerieben, denn diese sahen in der Niederlassung bei
 den Neun Wegen eine Feindseligkeit.

Die Thasier, in den Schlachten besiegt und belagert, riefen die Lakedämonier an
 und forderten sie auf, in Attika einzufallen und sie auf diese Weise zu
 unterstützen. Diese versprachen das auch, ohne daß die Atbener etwas davon
 erfuhren, und waren schon im Begriff es zu thun, als sie durch das Erdbeben
 verhindert wurden, wel- 
 ches die Heloten und von den Beisitzern'^) die Thuriaten und Aethäer
 benutzten, um sich zu empören und in die Feste Jthome zu werfen. Die Mehrzahl
 der Heloten waren Abkömmlinge der alten Messenier, welche in früherer Zeit
 geknechtet worden waren, und wurden deshalb auch insgemein Messenier genannt.
 Nun mußten also die Lakedämonier gegen die in Jthome Krieg fuhren, und die
 Thafier 
 ergaben sich im dritten Jahr der Belagerung an die Athener und willigten
 ein, ihre Mauern niederzureißen, die Schiffe auszuliefern, die auferlegte
 Geldsumme sofort zu erlegen und inskünftig Steuer zu zahlen, sowie auch aus das
 Festland und die Bergwerke keine Ansprüche mehr zu machen.

Die Lakedämonier aber, da sich der Krieg gegen die in Jthome in die Länge zog,
 riefen nebst andern Bundesgenossen '6°) 
 
 
 
 auch die Athener zu Hilfe, und diese erschienen auch unter des Kimon
 Führung in nicht geringer Zahl." Man.hatte sie aber vorzüglich deshalb
 herbeigerufen, weil sie in der Belagerungskunst für sehr erfahren galten und
 weil sich bei der. langen Dauer der Belagerung gezeigt hatte, daß es hierin
 fehle; denn im Uebrigen wäre ihre Macht schon hinreichend gewesen, den Platz zu
 nehmen. In Folge dieses Feldzugs trat die Feindseligkeit zwischen Lakedämoniern
 und Athenern zuerst ganz deutlich hervor; denn da der Platz doch nicht erstürmt
 wurde, so besorgten die Lakedämonier von der Kühnheit und. Neuerungssucht
 der Athener, und weil sie auch keine Stammesgenossen seien, sie möchten bei
 längerem Bleiben sich von denen in Jthome zu irgend welchen Umtrieben bereden
 lassen, und entließen sie allein von allen Bundesgenossen, ohne jedoch ihren
 Verdacht auszusprechen, sondern nur mit der Erklärung, daß sie ihrer nicht mehr
 bedürften. Die Athener aber merkten wohl, daß sie nicht in guter Meinung, 
 sondern irgend eines Verdachtes wegen entlassen worden seien, und weil sie dies
 für eine Beleidigung aufnahmen und solches von den Lakedämoniern nicht dulden zu
 müssen glaubten, so lösten sie sogleich nach ihrer Heimkehr die gegen die Perser
 geschlossene Bundesgenossenschaft und wurden Bundesgenossen der-Argiver ^), der
 Lakedämonier Feinde, und beide nahmen in dieselbe Eides- und 
 Bundesgenossenschaft auch die Thessaler Es auf.

Als die in Jthome sich nicht mehr halten konnten, im 
 vierten Jahr der Belagerung, kamen sie imt den Lakedamomern. in einem
 Vertrag übereiii, daß sie aus dem Peloponnes unter steherem Geleite abziehen und
 ihn nie wieder betreten sollten; wenn aber doch einer betroffen werde, so solle
 cr des; Sklave sein, der ihn zuerst ergreife. Auch die Lakedämonier nämlich
 hatten früher schon einen Spruch des Pythischen Gottes erhalten: den
 Schutzflehenden des ZeuS von Jthome sollt ihr ziehen lassen. Jene zogen also aus
 mit Weib und Kind, und die Athener nahmen sie aus, jetzt schon anS Haß gegen
 die Lakedämonier, und wiesen ihnen NaupaktoS (Lepanto) zum Wohnsitz 
 an (462 v. Chr.), welches sie erst kürzlich
 den Ozolischen Lokrern abgenommen hatten. Damals fielen auch die Megarer von den
 
 Lakedämoniern ab, weil die Korinther
 wegen der Gränzgebiete sie bekriegten, und'traten in die Bundesgenossenschaft
 der Athener, und diese besetzten Megara und Pegä und bauten den Megarern die
 langen Mauern von ihrer Stadt bis nach Nisäa und übernahmen selbst deren 
 Bewachung, und hierin vorzüglich lag der Ansang des erbitterten Hasses der
 Korinther gegen die Athener ^).

J n ar os der Libyer, des Psammetichos Sohn und König der Libyer, welche an
 Aegypten gränzen, ausgehend von Marea, der 
 Stadt jenseits der Insel Pharos, brachte den größten Theil AegyptenS zum
 Abfall vom König Artaxerxes, und nachdem er selbst sich zum König gemacht hatte,
 rief er die Athener zu Hilfe, und diese, welche gerade mit zweihundert eigenen
 und Bundesgenossenschissen gegen Kypros ausgelaufen waren, verließen diese Insel
 und stießen zu ihm VI; nnd nachdem sie vom Meer aus in den Nil eingelaufen 
 
 
 
 
 
 waren, machten sie sich zu Herrn des Flusses und über zwei
 Drittbeile von Memphis'67); das letzte Drittel, genannt die weiße Festung'68^
 belagerten sie. In derselben befanden sich die Flüchtlinge der Perser und
 Meder und die von den Aegyptern, welche nicht mit abgefallen waren.

Eine Abtheilung Athener, welche bei HalieiS gelandet 
 war, gerieth mit den Korinthern und Epidanriern in's Tressen, und eS
 siegten die Korinther. Etwas später kam es zwischen den Athenern und der
 peloponnesischen Flotte zu einem Seekampf bei Kekryphaleia ^Jnsel nächst
 Epidauros^j, und hier siegten die Athener. Als dann der Krieg zwischen den
 Athenern und Aegineten auSbrach, so fand zwischen diesen und ihren
 Bundesgenossen beiderseits eine große Seeschlacht bei Aegina Statt, nnd es
 siegten die Athener, nahmen siebzig feindliche Schisse, landeten und belagerten
 die Stadt unter Anführung des Leokrates, des Stroibos Sohn. Da nun die 
 Peloponnesier den Aegineten Hilfe bringen wollten, so setzten sie dreihundert
 Schwerbewaffnete, welche früher als Hilfstruppen bei den Korinthern und
 Epidauriern gestanden hatten, nach Aegina über und besetzten die Höhen von
 Gerania. In's Gebiet von Megara aber fielen die Korinther mit ihren
 Bundesgenossen ein, in der Meinung, die Athener würden unvermögend sein, den
 Megarern zu Hilfe zu kommen, da sie schon in Aegina und Aegypten eine große Macht
 stehen hatten; wenn sie aber doch zu Hilfe kämen, so würde man sie um so 
 leichter von Aegina vertreiben können. Die Athener aber ließen das Heer auf
 Aegina stehen, und es zogen nur von den in der Stadt Zurückgebliebenen die
 Aeltesten und Jüngsten gen Megara unter Anführung des Myronides, und nachdem sie
 mit den Korinthern in unentschiedener Schlacht gekämpft hatten, zogen sich beide
 Theile zurück, 
 
 
 und Jeder glaubte, nicht im Nachtheil gewesen zu sein. In der That 
 war aber der größere Vortheil auf Seiten der Athener, und sie stellten deshalb
 auch nach der Korinther Abzug ein Siegeszeichen auf. Da aber die Korinther zu
 Hause von den älteren Bürgern als feige ausgescholten wurden, so rüsteten sie
 sich etwa zwölf Tage später von Neuem, kamen und stellten auch ein Siegeszeichen
 auf, gleich als ob sie gesiegt hätten. Die Athenischen Hilfstrup?en machten aber
 schnell einen Ausfall aus Megara, hieben die nieder, welche das 
 Siegeszeichen errichteten, und schlugen auch die Andern in einem Gefechte.

Die Geschlagenen traten den Rückmarsch an, und eine nicht kleine Abtheilung
 derselben, hart verfolgt und des Wegs verfehlend, betrat das Gut eines Bürgers,
 welches rings mit einem breiten Graben umschlossen war, und ein Ausweg war nicht
 vorhanden. Da die Athener dies wahrnahmen, sperrten sie den Eingang durch 
 Schwerbewaffnete ab und stellten im Kreis ringsum Leichtbewaffnete, und so
 tödteten sie durch Steinwürfe alle, welche dort hineingerathen waren. Dieser
 Verlust that den Korinthern sehr wehe; doch kam die Mehrzahl ihres Heeres nach
 Hause zurück.

Um jene Zeit begannen auch die Athener die langen 
 Mauern bis an s Meer zu bauen, die nach dem Phaleros und die nach, dem
 PeiräeuS. Als damals die Phokier gegen Doris, der Lakedämonier Mutterland, wo
 Böon, Kytinion und Erineon liegen'^), einen Kriegszug unternahmen und eines
 dieser Städtchen eroberten, so kamen die Lakedämonier unter Anführung deS
 Nikomedes, des Kleombrotos Sohn, welcher anstatt des unmündigen Königs 
 Pleistoanar, des Pausanias Sohn, die Negierung führte, mit fünfzehn- hundert
 eigenen Schwerbewaffneten und zehntausend Bundesgenossen den Doriern zu Hilfe,
 und nachdem sie die Phokier zu einem Vertrag und zur Herausgabe der Stadt
 genöthigt hatten, traten sie wieder den Rückmarsch an. An der Uebersahrt zur See
 nun, über den Busen von Krisa, würden die Athener sie zu verhindern bereit
 gewesen sein, welche dort mit ihren Schiffen kreuzten; durch Gerania zu
 marschiren 
 
 
 schien ihnen aber nicht sicher genug, da die Athener Megara und 
 Pegä besetzt hielten; denn Gerania war unwegsam und wurde von den Athenern
 fortwährend bewacht''^), und überdies hörten sie, daß die Athener sie auch hier
 am Durchmarsch zu hindern entschlossen seien. Sie hielten eS daher fürs Beste,
 in Böotien zu bleiben und zuzusehen, wie sie am sichersten würden durchkommen
 können. Zum Theil aber wurden sie hiezu heimlicher Weise durch einige Athener
 bewogen, welche die Volksherrschaft zu unterdrücken und den Bau der langen 
 Mauern zu hindern hofftenES zogen nun gegen sie die Athener mit ganzer Macht,
 dabei von den Argivern tausend und von den übrigen Bundesgenossen je nach
 Verhältniß, im Ganzen vierzehntausend '72). Diesen Zug unternahmen die Athener,
 weil sie glaubten, daß jene des Rückmarsches wegen in Verlegenheit seien,
 zugleich aber hatten sie auch Verdacht geschöpft wegen der Gefahr für die 
 Volksherrschaft bei ihnen. Auch Thessalische Reiter stießen gemäß dem
 Bundesvertrag zu den Athenern, gingen aber während des Gefechtes zu den
 Lakedämoniern über.

In der Schlacht nun, die bei Tanagra
 in Böotien stattfand, siegten die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen, und es
 blieben auf beiden Seiten viel Todte Die Lakedämonier inarschirten dann in
 die Landschaft Megaris ein, verheerten die Pflanzungen und kehrten über Gerania
 und die Landenge nach Hause zurück. Die Athener aber zogen am zweiundsehczigsten
 Tage nach der 
 
 
 
 
 
 Schlacht unter des Myronides Anführung gegen dieBöotier zu Feld, 
 schlugen sie bei Oenophyta, nahmen ganz Böotien und PhokiS, rissen die Mauern
 der Tanagräer nieder und brachten von den Opuntischen Lokrern hundert der
 reichsten Männer als Geiseln mit und vollendeten ihre eigenen langen Mauern.
 Danach ergaben sich auch die 
 Aegineten an die Athener und mußten ihre Mauern niederreißen, ihre' 
 Schiffe abgeben und für die Zukunft zinspflichtig werden. Auch umsegelten unter
 Anführung des TolmideS, des Tolmäos Sohn, die Athener den Peloponnesverbrannten
 die Schiffswerft derLake­ 
 dämonier
 sGythion am Lakonischen nahmen den Korinthern die, Stadt Chalkis weg ^in
 Akarnanien, j. Varassowa^j, und landeten und schlugen die Sikyonier.

Die Athener aber und ihre Bundesgenossen, welche in Aegypten geblieben waren,
 mußten vielerlei Wechsel des Kriegsglücks ertragen. Im Anfang war ganz Aegypten
 in die Hände der Athener gegeben. Da schickte der König den MegabazoS, einen
 Persischen Mann, nach Lakedämon, daß er durch Geld die Peloponnesier zu einem
 Einfall in Attika bewege und so die Athener zwinge, Aegypten zu verlassen.
 Wie ihm aber das nicht gelang, und sein Geld vergebens aufging, so kehrte
 MegabazoS mit dem Reste seiner Geldsummen nach Asien zurück. Nun schickte der
 König den Megabyzos, des Zopyros Sohn, einen Perser, mit einem großen Heere nach
 Aegypten. Dieser kam zu Lande, besiegte die Aegypter und ihre Bundesgenossen in
 einer Schlacht, vertrieb die Hellenen aus Memphis und schloß sie endlich 
 aufder Insel Prosopitis ein und belagerte sie dort ein Jahr und sechs Monate,
 bis er den Kanal trocken legte und das Wasser ableitete. So 'kamen die Schiffe
 auf's Trockene zu sitzen, und da nun die Insel auf dieser Seite mit dem Festland
 zusammenhing, so ging er hinüber und eroberte sie mit feinen Landtruppen

Diesen verderblichen Ausgang nahmen dort die Angelegen- 
 heiten der Athener, nachdem der Krieg sechs Jahre gewährt hatte, und, 
 
 
 nur wenige von den vielen retteten sich durch Libyen nachKyrene, die
 Meisten aber kamen um. Aegypten wurde nun wieder dem Könige botmäßig,
 ausgenommen Amyrtäos, der König der Sumpfgegenden '^). Den konnten sie wegen der
 großen Ausdehnung der Meräste nicht bewältigen, auch sind die Sumpsbewohner von
 allen Aegyptern die tapfersten. Jnaros aber, der libysche König, welcher in
 Aegypten das Alles angerichtet hatte, fiel durch Verrath in ihre Hände und 
 wurde an's Kreuz geschlagen. Von den Athenern aber und dem übrigen Bunde waren
 fünfzig Dreirnderer zur Ablösung nach Aegypten geschickt worden und ankerten bei
 dem Mendesischen Vorgebirge, ohne von dem Vorgefallenen etwas zu wissen. Da
 fielen von der Landseite Truppen und zur See die phönikische Flotte über sie her
 und vernichteten die meisten, und nur wenige entkamen. Dies war das Ende des
 großen ZugS der Athener und ihrer Bundesgenossen nach Aegypten.

Aus Thessalien floh Orestes, des Ecliekratides, eines Thessalerkönigs,'77)
 Sohn, zu den Athenern nnd überredete sie, ihn wiederum einzusetzen. Die Athener
 nahmen auch von den Böotiern und Phokiern, ihren Bundesgenossen, Hilsetruppen
 und zogen gegen die 
 thessalische Stadt
 PharsaloS zu Felde. Des flachen Landes nun wurden sie Meister, so viel sie
 nämlich davon gewinnen konnten, ohne 
 
 
 sich weit von ihren Waffenplätzen zu entfernen, denn daran
 hinderten sie die thessalischen Reiter; die Stadt aber konnten sie nicht
 einnehmen, und auch sonst wollte ihnen Nichts von dem gelingen, weßhalb sie
 den Feldzug unternommen, sondern unverrichteter Sache kehrten sie mit dem
 Orestes wieder zurück. 
 Nicht lange danach bestiegen tausend Athener zu Pegä, welches 
 damals ihnen gehörte, die Schiffe und segelten gegen Sikyon unter Anführung
 des PerikleS, des Aanthippos Sohn, und nachdem sie gelandet waren, besiegten sie
 in einer Schlacht die Sikyonier, welche sich ihnen entgegengestellt hatten. Dann
 nahmen sie von den Achäern Verstärkung und schifften wieder nach der
 gegenüberliegenden Küste gegen Oeniadä in Akarnanien und belagerten diese Stadt.
 Allein sie konnten sie nicht einnehmen und kehrten wieder nach Hause zurück.

Nachdem unterdessen drei Jahre verflossen waren' kam 
 
 
 zwischen den Peloponnesiern und. Athenern ein fünfjähriger Waffenstillstand
 zum Abschluß, und da nun die Athener den Krieg aus Hellenischem Boden
 einstellten, so unternahmen sie mit zweihundert eige­ 
 nen und Bundesgenossenfchiffen unter des Kimon Anführung einen Zug gegen
 Kypros. Sechzig von diesen Schiffen gingen nach Aegypten ab, da Amyrtäos, der
 König in den Sumpfgegenden, sie verlangt 
 hatte, die übrigen belagerten Kition ^CHittH. Als aber unterdessen Kimon
 starb und auch eine Hungersnoth entstand, so zogen sie von Kition ab, fuhren auf
 die Höhe von Salamis ^Famagusta^ auf der Insel KyproS und lieferten den Phönikern
 und Kilikiern zugleich eine Schlacht zur See und aus dem Festlande, und da sie
 auf beiderlei , Art gesiegt hatten, kehrten sie wieder nach Haufe zurück, und
 mit ihnen auch die Schiffe, welche von Aegypten zurückgekommen waren. 
 
 Danach führten die Lakedämonier
 den sogenannten heiligen Kriegszug aus, bemächtigten sich des Heiligthums in
 Delphi und übergaben es den Delphiern. Nachdem sie aber wieder abgezogen waren,
 zogen die Athener ihrer Seits zu Felde, siegten und übergaben das 
 Heiligthum wieder den Phokiern

Nach Verlauf einiger Zeit, da Bootische Flüchtlinge 
 Orchomenos und Chärouea nebst einigen andern Orten Bvotiens de­ 
 
 
 setzt hielten, unternahmen die Athener mit tausend eigenen 
 Schwerbewaffneten und verhältnißmäßigem Zuzug der Bundesgenossen und angeführt
 von TolmideS, des TolmäoS Sohn, einen Feldzug gegen diese vom Feinde besetzten
 Orte. Chäroneia eroberten sie und legten eine Besahung hinein. Da sie aber
 wieder abzogen, wurden sie auf dem Marsche bei Koroneia'6') von den böotifchen
 Flüchtlingen auS Orchomenos überfallen, denen sich auch ^Opuntifche^ Lokrer und
 Verbannte aus Euböa, und wer sonst ihnen gleichgesinnt war, angeschlossen
 hatten, und es siegten diese in der Schlacht und tödteten einen Theil der
 Athener, die andern nahmen sie gefangen. Nun ließen sich die Athener zu einem
 Vertrage herbei und räumten ganz Böotien unter der Bedingung, daß sie ihre Leute
 frei bekamen. Darauf kehrten dte Böotischen Verbannten in die Heimath zurück,
 und sie, wie alle Andern, wurden wieder unabhängig.

Nicht lange danach fiel Euböa von den
 Athenern ab, und schon war Perikles mit einem athenischen Heere über die 
 Meerenge gegangen, da wurde ihm gemeldet, daß Megara abgefallen sei, und die
 Peloponnesier stünden im Begriff in Attika einzubrechen, und schon sei die
 Besatzung der Athener von den Megarern niedergehauen worden, anßer denen, welche
 nach Nisäa geflüchtet wären. Es hatten uämlich die Megarer unter Zuziehung der
 Korinther, Sikyonier und Epidaurier ihren Abfall bewerkstelligt. Sogleich führte
 Perikles sein Heer aus Euböa zurück, und danach drangen die Peloponnesier in
 
 
 
 
 Attika bis nach Eleusis und Thriasia vor und verheerten das Land 
 unter Führung des Lakedämonischen Königs Pleistoanax, des Sohnes des Pausanias.
 Weiter aber gingen sie nicht vor, sondern kehrten wieder nach Hause zurück und
 nun setzten die Athener unter des PerikleS Führung zum zweiten Male nach Euböa
 über und unterwarfen sich die ganze Insel. In Bezug auf die Verfassung trafen
 sie mit den übrigen Einwohnern eine Vereinbarung, die Hestiäer aber 
 trieben sie aus und nahmen ihr Gebiet selbst in Besitz

Nicht lange, nachdem sie von Euböa abgezogen waren, schlössen die Athener mit
 den Lakedä moniern und ihren Bunde sgenossen ein en Frieden auf dreißig Jahre,
 und Nisäa, Pegä, Trözen und Achaia gaben sie heraus, denn das waren die
 Theile, welche sie vom Peloponnes inne hatten. 
 Im sechsten Jahre danach entstand zwischen den Samiern'^) und Milesiern ein
 Krieg wegen Priene's, und da die Milesier im Nachtheil blieben, so gingen sie
 die Athener an und verklagten die Samier bei ihnen. Auf Seiten der Milesier
 waren aber auch einige Bürger aus Samos, welche eine Abänderung der Verfassung
 wünschten Die Athener nun zogen mit vierzig Schissen gegen Samos, setzten eine
 Volksregierung ein, und nahmen von den Samiern fünfzig Knaben als Geiseln
 und eben so viele Männer, und brachten dieselben nach 
 
 
 
 
 Lemnos, und nachdem sie eine Besatzung in die Insel gelegt, zogen sie
 wieder ab. Es waren aber von den Samiern einige, welche die Ankunft der
 Athener nicht abgewartet hatten, sondern waren nach dem Festland geflohen'86)
 und schlossen mit den Mächtigsten in der Stadt nnd mit Pissuthnes, des HystaspeS
 Sohn, welcher damals Sardes besaß, ein Bündniß, brachten auch gegen
 siebenhundert Mann Hilsstruppen zusammen und setzten zur Nachtzeit nach
 Samos.über. Zuerst gingen sie auf die Männer der VolkSregierung los und bekamen
 auch die Meisten in ihre Gewalt, und nachdem sie dann ihre Geiseln aus 
 Lemnos entführt hatten, erklärten sie den Abfall und lieferten die athenische
 Besatzung ind die Beamten, welche bei ihnen gelassen worden waren, dem
 Pissuthnes aus und rüsteten allsogleich zu einem Zuge gegen Milet. Mit ihnen
 zugleich waren auch die Byzantier abgefallen.

Als die Athener dies hörten, segelten sie mit sechzig Schissen gegen Samos.
 Sechzehn derselben hatten sie aber hier nicht zur Verfügung, denn diese waren
 theils nach Karien gegangen, die phönikische Flotte auszukundschaften, theils
 nach Chios und Lesbos, um bundesgenöfsische Hilfe aufzubieten. Mit den übrigen
 vierundvierzig Schiffen lieferte Perikles, der mit neun andern den Oberbefehl
 theilte, bei der Insel Tragia eine Seeschlacht gegen siebzig Schiffe der 
 Sa-mier, von denen zwanzig Landtruppen führten ^), — es kam nämlich die ganze
 Flotte eben von Milet angesegelt—, und der Sieg blieb den Athenern. Später
 stießen zu ihnen noch vierzig andere Schiffe ans Athen und fünfundzwanzig
 Fahrzeuge der Chier und Lesbier. Nun schifften sie sich aus, siegten auch in
 einem Landtressen und schlössen die Stadt durch drei Vershcanzungen und zugleich
 auch von der Seeseite her ein. Perikles aber nahm sechzig der vor Anker
 liegenden Schiffe und segelte eiligst gegen Kaunos und die karische Küste los,
 denn es war gemeldet worden, daß Phönikische Schiffe gegen Samos 
 ansegelten. Auch waren Stesagoras und einige andere mit fünf Fahrzeugen von
 Samos entkommen und nach der phönikifchen Flotte ausgefahren.

Da machten die Samier einen plötzlichen Ausfall zur See, fielen über das
 schutzlose '^) Geschwader her, bohrten die Wachtschisse in Grund und besiegten
 kämpfend die übrigen, welche ihnen entgegen- ruderten. Durch diese Schlacht
 wurden sie für ungefähr vierzehn Tage Meister in jenen Gewässern und führten ein
 und aus, was sie wollten. Als aber Perikles zurückkehrte, wurden sie von seiner
 Flotte, wieder eingeschlossen. Später kam von Athen noch weitere Verstärkung,
 vierzig Schiffe nämlich unter Thukydides VIII und Hagnon und Phorunon, und
 zwanzig unter TlepolemoS und Antikles, dann noch von Elnos und Lesbos dreißig
 Fahr;euae. Zwar machten die Samier noch einen schwachen Versuch zum Seekampf,
 konnten aber auf die Länge 
 nicht widerstehen und mußten sich im neunten Monat der Belagerung ergeben.
 Sie willigten ein, ihre Mauern niederzureißen, Geiseln zu stellen, einen Theil
 ihrer Schiffe auszuliefern und die Kriegskosten in bestimmten Fristen
 zurückzuerstatten. Auch die Byzantier ergaben sich und willigten ein, nach wie
 vor den Athenern unterworfen zu bleiben.

Nach diesen Vorfällen nun verflossen nur wenige Jahre bis zu den vorerzählten
 Ereignissen wegen Kerkyra? und Potidäa's, und was sonst Alles zu diesem Kriege
 den Vorwand hergab. Alle diese Ereignisse aber, sowohl was die Hellenen gegen
 einander, als auch was sie gegen den Barbaren ausführten, fallen in den Zeitraum
 von fünfzig Jahren, welcher zwischen des XerxeS Rückzug und dem Anfange 
 dieses Krieges liegt, und es gelang den Athenern während dieser Zeit ihre
 Herrschaft nach Aussen fester zu begründen und selbst zu hoher 
 
 
 Macht emporzusteigen. Die Lakedämonier nun übersahen dies zwar 
 nicht, traten ihnen aber auch nicht in den Weg, außer in schwacher Weise sondern
 schauten die meisten Jahre her ruhig zu, einmal, weil sie schon vorher nicht
 schnell waren, sich zum Kriege zu entschließen, außer wenn sie dazu gezwungen
 wurden, dann auch, weil sie durch einheimische Kriege >90) daran verhindert
 waren, bis endlich die Macht der Athener sich deutlich vor ihnen erhob und ihre
 eigene BundeSgenossenschaft antastete. Jetzt aber glaubten sie nicht mehr
 zusehen zu dürfen, sondern mit allem Ernst an's Werk gehen zu müssen und 
 jene Macht, wenn sie es vermöchten, durch eben diesen Krieg zu stürzen. 
 Die Lakedämonier selbst nun hatten zwar schon entschieden, daß die Verträge
 gebrochen und die Athener im Unrecht seien; doch schickten sie auch nach Delphi,
 den Gott zu fragen, ob der Krieg ihnen Vortheil bringen werde. Dieser gab, wie
 erzählt wird, zur Antwort: wenn sie kräftig und mit Festigkeit den Krieg führten,
 so werde der Sieg ihnen gehören, und er selbst wolle, angerufen oder ungerusen,
 aus ihrer Seite kämpfen ^I

Nun beriefen sie wiederum die Bundesgenossen und wollten eine Abstimmung
 herbeiführen, ob der Krieg unternommen werden solle, und als die Abgesandten des
 Bundes angekommen waren und sich zu einer Versammlung vereinigt hatten, trugen
 die Andern ihre Absichten vor, meist die Athener verklagend und den Krieg 
 herbeiwünschend, und ebenso auch die Korinther. Diese hatten zwar schon vorher
 die verbündeten Staaten, jeden einzeln, gebeten, für den Krieg zu stimmen, auS
 Beforgniß wegen Potidaa'S, es möchte ihnen unterdessen vorweg genommen werden;
 sie waren aber auch jetzt wieder gegenwärtig und traten zuletzt aus mit folgender
 Rede:

„Jetzt, ihr Bundesgenossen, dürften wir die Lakedämonier nicht mehr
 beschuldigen, daß sie den Krieg nicht beschlossen hätten, da sie uns eben in
 dieser Absicht jetzt versammelt haben. Und in der That geziemt es sich auch
 denen, welche die Oberleitung haben, ihren eigenen Angelegenheiten nur nach der
 rechtlichen Gleichheit Rechnung zu tragen, die gemeinsamen aber vor Allem in's
 Auge zu fassen, da sie ja auch in andern Stücken vor Allen die Ehre voraus
 haben. WaS aber nnS betrifft, so darf man diejenigen, welche mit den Athenern
 schon verkehrt haben, nickt erst aufmerksam machen, daß sie vor jenen auf
 ihrer Hut sein müssen; die aber nicht an einem Seehafen, sondern tiefer im Lande
 wohnen, müssen wissen, daß ihnen die Ausfuhr der Landesfrüchte ind der Eintausch
 der Dinge, welche das feste Land vom Meere empfängt, sehr erschwert werden wird,
 wenn sie jetzt den Seeanwohnern nicht beistehen. Sie sollen sich darum nicht als
 schlechte Beurtheilcr zeigen und sagen, daß sie das Nichts angehe, was wir hier
 vorbringen. Sie mögen sich nur gefaßt machen, daß das liebe! auch bis an
 sie heranbringen wird, wenn sie jetzt daS Küstenland im Stich lassen, und sollen
 überzeugt sein, daß sich die Berathung auch um ihr eignes Wohl dreht. Darum
 dürfen sie auch nicht zaudern, den Frieden mit dem Krieg zu vertauschen. Denn
 vernünftige Männer verhalten sich zwar ruhig, so lange sie nicht beleidigt
 werden, tapfere Männer aber stehen nicht an, den Krieg dem Frieden vorzuziehen,
 wenn ihr Recht gekränkt worden ist; wenn eS sich ihnen dann wohl schickt, gehen
 sie vom Krieg wieder zum Frieden über, und überheben sich weder des Glücks
 im Kriegs, noch erkaufen sie vergnügliche Ruhe deS Friedens durch Erduldung von
 Unrecht. Denn wer solches Genusses halber zaudert, der möchte wohl, wenn er in
 Gemächlichkeit verharrt, sehr bald um die Freude an der bequemen Ruhe betrogen
 werden, die ihn zum Zaudern verleitet. Wer sich aber im Kriege seines Glückes
 überhebt, der bedenkt nicht, wie trüglich die Zuversicht ist, auf die fein 
 Uebermuth sich gründet. Denn eS ist schon mancher schlechte Plan gelungen, nur
 weil die Feinde zufällig noch übeler berathen waren, und noch weit öfter
 geschiehteS, daßdieanfhceinendvernünstigstenEntwürfe auf schimpfliche Weise in's
 Gegentheil umschlagen. Denn Niemand geht mit derselben Sicherheit an die That,
 mit welcher der Rath kommt, sondern Zuversicht henschtbeim
 Nath,ZagheitundHalbheitbeidcrThat."

„Wir aber beginnen den Krieg, weil wir an unsern siechten gekränkt sind und
 erhebliche Beschwerden haben, ind wenn erst die Athener von uns bestraft und
 zurückgewiesen sind, weiden wir schon rechtzeitig Frieden machen. Daß aber der
 Sieg uns znsallen muß, ist aus vielen Gründen wahrscheinlich; denn für's Erste
 sind wir ihnen an Zahl und KrkgSerfahrung überlegen, und dann sind wir 
 Alle gleicher Weise bereit, den Befehlen zu gehorchen lind auch eine Flotte,
 worin die Stärke jener liegt, werden wir nnS leicht verschaffen, theils aus den
 Mitteln, welche den Einzelnen unter uns zur Verfügung stehen, theils ans den
 Schätzen von Delphi nnd Olympia. Denn vermittelst einer Anleihe werden wir im
 Stande sein, ihnen durch höhere Löhnung ihr fremdes Seevolk abwendig zu 
 machen, da ja die Athenische Macht mehr aus Söldneru, als ans Einheimischen
 besteht. Der unsrigen hingegen könnte dies nicht so leicht widerfahren, da sie
 mehr auf unseren eigenen Leuten, als auf Geldmitteln beruht. Aller
 Wahrscheinlichkeit nach wird Eine Seeschlacht genügen, sie zu Grunde zu richten.
 Sollten sie aber doch länger Stand halten, . nun, so werden wir uns auch um so
 längere Zeit im Seewesen üben, und wenn wir es ihnen hierin erst einmal in
 Geschicklichkeit gleich gethan haben, so werden wir ihnen durch unsern Muth ganz
 gewiß obsiegen. Denn einen Vorzug, der uns angeboren ist, dürsten sich jene
 wohl nicht anlernen können; was sie aber an Geschicklichkeit voraus haben,
 müssen wir durch Uebung zu erwerben trachten. Die nöthigen Geldmittel werden wir
 schon herbeischaffen, oder es wäre doch fürwahr sehr schlimm, wenn die
 Athenischen Bundesgenossen, die zur Befestigung ihrer eigenen Knechtschaft
 beisteuern, nicht im Rückstand bleiben, und wir unser Geld schonen wollten, wo
 es sich um Bestrafung unserer Feinde und um unsere eigne Rettung handelt, und wo
 es darauf ankommt, uns eben dieser Geldmittel nicht berauben zu lassen, damit
 man uns mit unserem eigenen Gut nicht wehe thue".

..ES bleiben uns aber auch noch andere Wege der Krieg­ 
 
 
 sührung: Aufforderung der Bundesgenossen zum Abfall, weil dadurch 
 gerade ihre Einkünfte geschmälert werden, in denen ihre Kraft besteht; dann
 Anlegung von Befestigungen gegen das feindliche Gebiet hin, und noch manches
 Andere, was man jetzt nicht voraussehen kann. Denn der Krieg verläuft nicht nach
 abgeredeten Plänen, sondern gestaltet sich meist aus sich selbst heraus nach den
 zufälligen Umständen, und wer sich mit ruhiger Klugheit diesen anzupassen bemüht
 ist, der ist im Vortheil; wer aber hitzig drein geht, der thut in demselben
 Maße sich selbst weh ^5). Aber noch eins müssen wir beherzigen. Wenn einer
 oder der andere von uns mit einem gleichstarken Gegner Gränzstreitigkeiten
 auszusechten hätte, so ginge das an; nun aber sind die Athener so stark wie wir
 alle mit einander, und jedem einzelnen Staat weit überlegen. Wenn wir also nicht
 in unserem Bunde, und ebenso in jeder einzelnen Völkerschaft und jeder einzelnen
 Stadt ganz einmüthig zur Abwehr entschlossen sind, sondern Zwiespalt unter uns
 herrschen lassen, so werden sie unser ohne alle Mühe Meister werden, und
 man muß wissen, — mag es Einem auch schrecklich zu hören sein, — daß die
 Niederlage nichts Anderes bringt, als gradezu die- Knechtschaft. Unter diesen
 Umständen noch unschlüssig zu reden, ist eine Schande für den Peloponnes, und
 eine Schande wäre es, wenn so viele Staaten von einem einzigen sich mißhandeln
 ließen. Man müßte entweder denken, daß solches als gerechte Straft über uns
 verhängt sei, oder daß wir es aus Feigheit duldeten, und dann würden wir
 entartet scheinen gegen unsere Väter, welche Hellas die Freiheit wieder gegeben
 haben, da wir diese nicht einmal für uns selbst zu erhalten vermögen und die
 Zwingherrschaft einer einzelnen Stadt sich befestigen lassen, während wir doch
 darauf ausgehen, die Gewaltherrscher in den einzelnen Städten zu stürzen. Und
 wir sehen nicht, wie sich ein solches Betragen von den drei unglücklichsten
 Fehlern freisprechen läßt, dem Unverstande, der Schwäche und dem Leichtsinn.
 Diese Vorwürfe habt ihr nicht zu vermeiden gewußt und seid eben deßhalb zu
 dem gelangt, was schon so Viele in Schaden gebracht hat, zu der eingebildeten
 Ueberklugheit, deren Namen man in's Gegentheil, 
 
 
 
 in Unklugheit, verkehrt hat, weil schon Mancher durch sie zu Fall 
 gekommen ist."

„Doch was nützt es, bei der Vergangenheit länger mit Tadel zu verweilen, als es
 den Zweck der Gegenwart fördert? In Betreff der Zukunft jedoch müssen wir uns
 jeder Mühe unterziehen, um unseren Verhältnissen aufzuhelfen, denn von euren
 Vätern her wißt ihr, daß aus Mühsal die Tugend geboren wird. Und an der . 
 Art sollt ihr Nichts ändern, wenn ihr auch jetzt an Reichthum und Macht etwas
 höher stehet; denn es wäre nicht gar geschickt, was in Armuth erworben worden
 ist, im Ueberfluß zu verlieren. Vielmehr dürst ihr aus vielen Gründen mit
 Zuversicht des Siegs zum Kriege schreiten, da ja auch der Gott den Aussvruch
 gethan und bei euch zu stehen versprochen hat, und auch das gesammte übrige
 Hellas, sei eS. nun aus Furcht, oder sei es des Vortheils wegen, aus eurer Seite
 kämpfen wird. Auch werdet ihr nicht die sein, die den Vertrag zunächst
 brechen, da ja auch der Gott, indem er euch den Krieg befiehlt, ihn schon für
 gebrochen erklärt; vielmehr werdet ihr die Verletzung, der Verträge zu bestrafen
 scheinen; denn nicht die brechen den Frieden, welche sich zur Wehr setzen,
 sondern die, welche zuerst angreifen." .

„Da euch also alle Umstände einen glücklichen Krieg verheißen, und wir
 gemeinschaftlich euch dazu ermuntern, weil ohne allen Zweifel sowohl für die
 Staaten, als für die Einzelnen das Heil hierauf beruht, so steht nicht länger
 an, den Potidäern zu Hilfe zu eilen, — sie sind Dorier und'werden von Jonern
 belagert, während früher das Gegentheil vorzukommen pflegte, — und sichert auch
 den Andern ihre Freiheit! Denn es ist schon nicht mehr an der Zeit, noch 
 länger zuzusehen, während die Einen schon Bedrängniß leiden und den Andern gewiß
 dasselbe angethan wird, sobald nur bekannt ist, daß wir zwar hier
 zusammengekommen sind, aber nicht den Muth hatten, zu den Waffen zu greifen.
 Ueberlegt also, ihr Männer und Bundesgenossen, daß die Zeit der höchsten Noth
 schon gekommen und daß dieser Rath der beste ist, und beschließt den Krieg.
 Fürchtet nickt die Gefahr des nächsten Augenblicks, sondern habt den bleibenden
 
 
 Frieden im Auge, den der Krieg uns bringen wird. Denn aus dem 
 Krieg gewinnt der Frieden neue Stärke; aus Liebe zur Ruhe aber nicht kriegen
 wollen, hat mehr Gefahr. Zweifelt nicht daran, daß der Staat, der sich zum
 Zwingherrn in Hellas aufgeworfen hat, nicht Alle gleicherweise zu knechten
 gedenke. Wenn er die Einen bereits beherrscht, so sinnt er daraus, den Andern
 dasselbe Schicksal zu bereiten. So laßt uns also den Feind angreifen und
 demüthigen, damit wir selbst fernerhin in Frieden wohnen mögen und den schon
 geknechteten Hellenen die Freiheit wieder schaffen."

So sprachen die Korinther. Die Lakedämonier aber, nachdem sie Aller Meinung
 angehört hatten, forderten allen Bundesgenossen, so viele ihrer da waren,
 gleichviel ob aus größeren oder kleinen Staaten, der Reihe nach ihre Stimme ab,
 und es fand sich, daß die Mehrzahl für den Krieg stimmte. Den Beschluß
 allsogleich auszuführen war aber unmöglich, da es an der Vorbereitung fehlte;
 doch beschlossen sie, daß jeder Staat das Erforderliche ausbringen und 
 Niemand sich säumig zeigen solle, und so verfloß unter den nöthigen Zurüstungen
 in der That kein volles Jahr, bis si§ in Attika einfielen und den Krieg offen
 begannen.

Inzwischen ließen die Lakedämonier durch ihre Gesandten bei den Athenern
 Beschwerde erheben, damit ihre Kriegserklärung um so begründeter ershceinen
 möge, wenn sie kein Gehör erlangten. Zuerst nun verlangten die Lakedämonier
 durch ihre Abgeordneten, daß die Athener den Frevel gegen ihre eigene Göttin
 sühnen sollten. Mit diesem Frevel verhielt es sich aber so. Es war in früherer
 Zeit ein athenischer Bürger, Namens Kylon, Olympiasieger, von edlem Ge-. 
 schlecht und einflußreich, und Schwiegersohn des Megarensers Theagenes '97),
 welcher zu jener Zeit die Zwingherrschaft über Megara besaß. Aus dieses Kylon
 Anfrage in Delphi antwortete ihm der Gott, 
 
 
 er solle am größten Feste des Zeus die Burg der Athener besehen. 
 Nun nahm er vom Theagenes Hilfstruppen, und da sich auch seine Freunde bereden
 ließen, besetzte er zur Zeit der Olympischen SpieleUS die Burg, nm sich zum
 Zwingherrn zu machen; denn er glaubte, daß diese das größte Fest des Zeus seien,
 und für ihn ganz besonders, da er ja auch in Olympia gesiegt habe. Ob aber das
 größte Fest nur in Bezug aus Attika, oder auch sonstwo gemeint war, daran hatte
 er nicht gedacht, und auch das Orakel hatte darüber Nichts angedeutet. Es
 wird aber auch zu Athen ein Fest gefeiert, die Diasia auch das größte Fest des
 Zeus Meilichios genannt, an welchem außerhalb der Stadt dem Gott geopfert wird,
 — und zwar von den Meisten nicht Opfcrthiere, sondern die landesüblichen Kuchen.
 Er glaubte jedoch . die rechte Auslegung getroffen zu haben, und schritt zur
 Ausführung seines Vorhabens. Als es aber unter den Athenern bekannt wurde, so
 strömten sie in Schaaren vom Lande herein, lagerten sich in der Burg und
 hielten jene eingeschlossen. Nach einiger Zeit aber wurden sie der Belagerung
 überdrüssig, und die Meisten zogen ab und gaben den neun Archonten, welche
 damals die Staatsgcschäste fast allein besorgten UND, Vollmacht, die
 Einschließung und alles Uebrige nach Gutbefinden anzuordnen. Die belagerten
 Anhänger des Kylon geriethen wegen Mangels an Wasser und Lebensmitteln bald in
 große Noth, und Kylon selbst zwar und sein Bruder entkamen, die Andern aber,
 d'a sie sehr Noth litten, und einige schon Hungers tsarben, setzten sich 
 als Hilfeflehende auf den Altar s^der Athene^ in der Burg. Als nnn die Athener,
 denen die Einschließung aufgetragen war, die Menschen im Heiligthnm tserben
 sahen, hießen sie dieselben weggehen, es solle ihnen kein Leid gethan werden.
 Trotzdem führten sie sie weg und todteten sie. Auch Einigen, welche sich im
 Vorübergehen auf die Altäre 
 
 
 
 der ehrwürdigen Göttinnen ^Erinyen oder Eumeniden^ gesetzt hatten, 
 nahmen sie das Leben, und daher wurden sie sammt ihren Nachkommen Schuldbeladene
 und Frevler an der Göttin geheißen. Zwar verfolgten die Athener diese
 Gräuelbelasteten, und auch der Lakedämonier Kleomenes that dies mit Hilfe der
 empörten Athener, indem er die Lebenden austrieb und die Gebeine der Todten
 ausgraben und wegwerfen ließ. Sie kehrten aber später wieder zurück, und ihre
 Nachkommen leben bis aus den heutigen Tag in der Stadt 20').

Diesen Gräuel also befahlen die Lakedämonier zu tilgen, gleich als ob sie vor
 allen Dingen den Göttern die Ehre geben wollten; daneben wußten sie aber auch,
 daß Perikles, des Xanthippos Sohn, mütterlicher Seits mit jenem Geschlecht
 verwandt war, und dursten sicher sein, mit den Athenern leichter fertig zu
 werden, wenn jener ausgetrieben würde. Zwar erwarteten sie nicht sowohl, 
 daß ihm grade dies widerfahren müsse, aber doch, daß es in der Stadt böses Blut
 gegen ihn machen werde, da er ja dieser schlimmen Verwandtschaft wegen auch zum
 Theil am Kriege Schuld sei. Denn er war zu seiner Zeit der mächtigste Mann, und
 da er die Staatsgeschäste lenkte, wirkte er in allen Dingen den Lakedämonier«
 entgegen, und ließ nicht zu, daß man ihnen nachgebe, sondern es war sein 
 Trachten, die Athener zum Krieg zu bewegen.

Hingegen befahlen aber auch die Athener den Lakedämoniern, den Gräuel von
 TänaroS zu tilgen. Denn vor Zeiten hatten die Lakedämonier einmal schutzflehende
 Heloten aus dem Poseidon- tempel zu TänaroS weggelockt und dann getödtet, was
 sie selbst auch für die Ursache des großen Erdbebens hielten, welches über
 Sparta kam Außerdem befahlen sie ihnen auch, den Frevel gegen die ^Athene^
 ChalkioikoS zn sühnen. Mit diesem verhielt es sich 
 
 
 
 also: Nachdem der Lakedämonier Pausanias von den Spartanern zum
 ersten Mal vom Oberbefehl im Hellespont abberufen und vor Gericht der Schuld
 ledig gesprochen wär, so wurde er zwar nicht mehr im Staatsauftrag ausgesandt,
 er nahm aber auf eigene Kosten einen Hermioneischen Dreiruderer und segelte ohne
 Geheiß der Lakedämonier nach dem Chersonnes, wie er vorgab, um die Hellenen zu
 unterstützen, in der That aber, um die Vortheile des PerserkönigS 
 wahrzunehmen, wie er auch schon das erste Mal gethan hatte; denn er strebte nach
 der Herrschaft über die Hellenen. Er hatte aber seine Beziehungen zum König
 dadurch angeknüpft, daß er sich ihm zuerst auf folgende Weise gefällig erwies.
 Als er nach dem Abzug von KyproS bei seiner früheren Anwesenheit Byzanz erobert
 hatte, welches die Perser und unter diesen auch einige Verwandte des Königs
 besetzt hielten, so schickte er diese letzteren, welche mitgefangen worden
 waren, ohne Vorwissen der übrigen Bundesgenossen an den König, indem er
 vorgab, sie seien entsprungen. Dies hatte er mit Hilfe des Eretriers Gongylos
 ausgeführt, dem Byzanz und'die Kriegsgefangenen von ihm anvertraut worden waren.
 Denselben Gongylos sandte er denn auch mit einem Briefe an den König, der, wie
 sich später fand, also lautete: »Pausanias, der Feldherr Sparta's, schickt dir
 diese seine Kriegsgefangenen zu, um sich dir gefällig zu erzeigen; und meine
 Absicht ist, wenn auch du darein willigst, deine Tochter zu heirathen und Sparta
 und das übrige Hellas unter deine Botmäßigkeit zu bringen. Das glaube ich
 im Einvernehmen mit dir wohl durchführen zu können. Wenn du nun hierin etwas
 Annehmbares siehst, so schicke einen treuen Mann zur Meereskütse/durch den wir
 uns weiter bereden mögen."

So stand in dem Brief geschrieben. Xerxes aber freute sich sehr über denselben
 und schickte den ArtabazoS, des Pharnakes ^Sohn, an die Meeresküste mit dem
 Befehl, den Megabates abzulösen und an seiner Stelle die Statthalterschaft von
 Daökylion sMoskille am Marmora-Meer^ zu übernehmen, und gab ihm zugleich ein
 Antwortshcreiben unter Vorweisung des Siegels so schleunig als möglich an
 den Pausanias nach Byzanz zu bestellen; und wenn ihm Pausa­ 
 
 niaS in seinen Angelegenheiten einen Auftrag gebe, so solle er ihn 
 treulichst und auf das Beste ausrichten. Dieser Artabazos kam an, that wie ihm
 besohlen war und übersandte auch den Brief, der Folgendes als Antwort enthielt:
 „Also spricht XerxeS der König zu Pausanias. Was die Männer betrifft, welche du
 mir von jenseits des MeereS aus Byzanz wohlbehalten zugeschickt hast, so ist dir
 in unserem Hause diese Gefälligkeit für immer angeschrieben^). Ich finde 
 aber an deinen Worten Gefallen. Und so sei auch nun weder bei Tag, noch bei
 Nacht säumig, das zu betreiben, was du mir versprichst, und es soll weder an
 Gold oder Silber ^), noch an Heeresmenge fehlen, wenn dessen etwas von Nöthen
 ist. Benimm dich in deinen und meinen Angelegenheiten mit dem Artabazos, den ich
 zu dir geschickt habe, einem treuen Mann, offen und vertrauensvoll, so wie es
 für uns Beide am Schicklichsten und Zuträglichsten fein wird."

Pausanias nun, der schon vorher wegen seiner Anführung bei Platää bei den
 Hellenen in hoher Achtung gestanden war, überhob sich nun noch viel mehr,
 nachdem er dies Schreiben empfangen hatte, und er konnte schon nicht mehr nach
 hergebrachter Weise leben, sondern verließ Byzanz in persischer Kleidung und
 ließ sich auf dem Wege durch Thrakien von persischen und ägyptischen
 Lanzknechten begleiten, speiste nach persischer Art und konnte überhaupt seine
 Absichten nicht verbergen, sondern zeigte schon in kleinen Dingen, was er 
 später mehr im Großen zu thun gedachte. Er erschwerte den Zutritt zu sich und
 benahm sich gegen Alle ohne Unterschied so hochmüthig, daß ihm Niemand mehr nahe
 kommen mochte. Und dies war nicht der geringste Grund, weßhalb der Oberbefehl an
 die Athener überging.

Schon das erste Mal, als die Lakedämonier dies erfahren, hatten sie ihm die
 Heimkehr geboten; da er aber jetzt wieder mit dem 
 
 
 Hermioneishcen Schiffe ausgelaufen war und ähnliche Absichten
 blicken ließ, auch nicht nach Sparta gekommen war, als ihn die Athener mit 
 Gewalt von Byzanz vertrieben hatten, sondern zu Kolonä in der Landschaft Troas
 sich aufhielt und, wie gemeldet wurde, sich mit den Barbaren einließ, und daß aus
 seinem dortigen Aufenthalte nichts Gutes kommen werde, so hielten sie nicht
 länger zurück, sondern die Ephoren ordneten einen Herold mit dem Rollbrief an ihn
 ab und befahlen ihm. im Geleite des Herolds nach Hause zu kommen; wenn er
 nicht gehorche, so erkläre hiemit sein Vaterland den Krieg gegen ihn. Er aber, da
 er den Verdacht nicht verstärken wollte und vertraute, der Gefahr mit Geld
 begegnen zu können, kehrte zum zweiten Mal nach Sparta zurück. Zuerst nun erhielt
 er von den Ephoren Gefängniß — denn diese Befugniß haben die Ephoren gegen die
 Könige^ob) — bald aber arbeitete er sich wieder los, kam frei und erbot 
 sich, sich Jedem vor dem Richter zu stellen, der etwas gegen ihn vorbringen
 wolle.

Einen deutlichen Beweis hatten nun zwar die Spartaner nicht, weder seine Feinde,
 noch auch der ganze Staat, so daß sie ihn hätten zur Strafe ziehen können; denn
 er war von königlichem Geschlecht und stand auch gerade jetzt in königlichem
 Amte, weil er als Vetter über den jungen König PleistarchoS, des Leonidas Sohn,
 die Vormundschaft führte. Da er aber der Sitte zuwider handelte und 
 barbarische Gebräuche nachahmte, so erweckte er selbst starken Verdacht, als
 wolle er dem Bestehenden nicht als Gleicher unter Gleichen gerecht . werden, und
 man gab deßhalb Acht auf ihn, ob er nicht in irgend etwas gegen die bestehenden
 Gesetze verstoße; und als es ihm beifiel, 
 
 
 lauf den Dreifuß, welchen die Hellenen von der persischen Beute als
 als Bestopser nach Delphi geweiht hatten, für seine eigene Person den
 'Zweizeiler schreiben zu lassen ^): Weil er die Mcdische Schaar als Führer der
 Grieche» vernichtet, Weihet dem delphischen Gott PausaniaS dies Geschenk, 
 so ließen die Lakedämonier allsogleich diese Worte aus dem Dreifuß ausmeißeln,
 und schrieben an deren Stelle die Namen aller der Städte, welche zur Besiegung
 der Barbaren mitgeholfen und gemeinschaftlich dies Weihgeschenk aufgestellt
 hatten Dem PausaniaS aber machte man daraus ein Verbrechen, und weil es schon
 einmal so um ihn stand, so erblickte man in jener Handlung um so mehr etwas mit
 den ihm vorschwebenden Plänen Uebereinstimmendes. Nun kam ihnen auch zu
 Ohren, daß er mit den Heloten irgend etwas vorhabe; und dem war wirklich so,
 denn er hatte ihnen die Freiheit und das Bürgerrecht versprochen, wenn sie sich
 mit ihm empören und seinen ganzen Plan durchzusetzen helfen wollten^), Aber ^mch
 nicht einmal jetzt, trotz der Angabe einiger Heloten, wagten sie gegen ihn'eine
 harte Maßregel zn ergreisen; und sie verfuhren hierin, wie sie unter sich 
 zn thun Pflegten, daß sie nämlich nie vorschnell ohne den unzweideu» tigsten
 Beweis gegen einen Spartaner mit Schärfe vorgingen ^ Erst — so wird erzählt —
 als der Bote, welcher den letzten Brief für den König an den Artabazos besorgen
 sollte, ein Argilischer Mann, 
 
 
 
 
 früher des Pausanias Lustknabe und ihm sehr ergeben, >'zum Angeber
 wurde; da ihm nämlich ausfiel, daß Keiner von den früheren Boten 
 zurückgekehrt war, so schöpfte er Verdacht, macht zuerst das Siegel nach, um
 nicht verrathen zu werden, wenn ihn allenfalls seine Vermuthung täuschen oder
 Pausanias den Brief zurückfordern sollte, um etwas darin zu ändern, öffnet dann
 das Schreiben, und wie er denn vermuthet hatte, daß irgend ein derartiger
 Nebenauftrag darin enthalten sei, so findet er wirklich die Aufforderung, ihn
 selbst zu tödten. Nun, da jener den Brief vorlegte, glaubten zwar die Ephoren
 schon eher, aber sie wollten außerdem noch mit eigenen Ohren etwas aus dem
 Munde des Pausanias hören, und auf ihr Veranstalten begab sich der Mann als
 Hilfeflehender nach Tänaros, machte sich eine durch eine Scheidewand getheilte
 Hütte und verbarg darin-einige der Ephoren.s

Als nun Pausanias sich zu ihm begab und um den Grund fragte,-weßhalb er sich
 als Hilseflehender gebehrde, so vernahmen sie Alles aus's Klärlichste, da ihm
 der Mensch sowohl das seinetwegen Geschriebene vorhielt und auch die andern
 Punkte einzeln zur Sprache brachte, wie er ihm ja doch in den Geschäften mit dem
 Perserkönig niemals fahrlässig gedient habe, und nun trotzdem den 
 Ehrenlohn haben solle, sich wie so viele andere seiner Diener tödten zu lassen,
 woraus jener zugestehend antwortete und ihn bat, doch jetzt seinen Groll fahren
 zu lassen, und ihm Sicherheit verbürgte, wenn er sich aus dem Tempel entferne,
 und in ihn drang, doch so schnell als möglich abzureisen, damit die
 Unterhandlungen nicht in's Stocken geriethen 2").

Als die Ephoren dies Alles deutlich gehört hatten, entfernten sie sich, um ihn
 in der Stadt verhaften zu lassen; denn sie hatten jetzt eine sichere
 Ueberzeugung gewonnen. Da er nun auf der Straße ergriffen werden sollte, so
 merkte er, wie erzählt wird, an der Miene eines Ephoren, der auf ihn zuging, was
 dieser im Schilde 
 
 führe, und da auch ein Anderer ihm aus Freundschaft versteckter Weise
 einen Wink gab, so lief er schnell zum Tempel der Athene Chalkioikos und
 erreichte denselben noch rechtzeitig, denn dieser heilige Grund befand sich ganz
 in der Nähe. Dort trat er, um nicht dem Wetter ausgesetzt zu sein, in ein
 kleines Gebäude, welches zum Tempel gehörte, und verhielt sich daselbst ruhig.
 Jene kamen zu spät, um ihn noch ergreifen zu können, und ließen das Dach und die
 Thüren wegnehmen und hielten ihn scharf bewacht. Als sie abgepaßt hatten, daß
 er in's Innere des Tempels getreten war, ließen sie ihn einmauern und
 hielten ihn umlagert, bis er ausgehungert war, und als er in dem Gebäude eben
 den Geist aufgeben wollte, bemerkten sie es und brachten ihn noch lebend heraus,
 kaum außen aber verschied er aus der Stelle. Sie wollten ihn zuerst in die
 Käadische Schlucht werfen, wie die andern Verbrecher, dann aber besannen sie
 sich anders und gruben ihn in der Nähe ein. Später jedoch befahl den 
 Spartanern der delphische Gott, sein Grab an die Stelle zu versetzen, wo er 
 gestorben sei, — und noch jetzt ruht er in dem Tempelhof, wie eine Schrift auf
 den Säulen anzeigt, — und da sie durch ihr Verfahren einen Frevel begangen
 hätten, so sollten sie der Chalkioikos statt eines Körpers zwei andere zur Sühne
 darbringen. Die Lakedämonier ließen nun zwei eherne Bildsäulen verfertigen und
 stellten sie gleichsam anstatt des Paufanias als Weihgeschenke auf.

Die Athener also verlangten ihrer Seits, daß die Lake-dämonier diesen Frevel
 tilgen sollten, als welchen ja auch der Gott selbst ihn erkannt habe. — Die
 Lakedämonier aber schickten Gesandte an die Athener und erhoben auch gegen den
 Themistokles die Anklage wegen Perserfreundschaft, denn die Untersuchung gegen
 den Pausanias habe dieselbe dargethan, und verlangten, er solle die Strafe 
 erleiden. Die Athener ließen sich bereden, und da Themistokles, bereits durch
 das Scherbengericht verbannt? IV, damals in Argos wohnte, aber auch im
 Peloponnes umherreiste, so schickten sie mit den zur Verfolgung gleichfalls
 bereiten Lakedämoniern einige Leute aus, mit dem Befehl, ihn zu ergreifen, wo
 immer sie ihn träfen.

Themistokles erhielt jedoch zu rechter Zeit Wind und floh aus dem Peloponnes
 nach Kerkyra, da er sich dessen Einwohner verpflichtet hatte ^ Weg. Weil aber
 die Kerkyräer sich fürchteten, ihn bei sich zn behalten, da sie sich dadurch,
 wie sie sagten, die Lakedämonier und Athener zu Feinden machen würden, so ließ
 er sich von ihnen . nach dem gegenüberliegenden Festland bringen. Da ihm aber
 die zur Verfolgung Ausgesandten auf der Ferse blieben, — denn sie hatten 
 erfahren, wohin er gehe, — so zwingt ihn die Noth, beim Molosserkönig Admet, der
 nicht sein Freund war, einzukehren. Dieser selbst war nicht zu Hause, und
 Themistokles tritt als Hilfeflehender vor sein Weib, und diese weist ihn an, daß
 er ihrer beider Knäblein nehme und sich auf den Herd setze. Als nun nicht lange
 darauf Admet nach Haus kommt, gibt er zu erkennen,-wer er ist, und bittet, wenn
 er ihm auch einmal bei den Athenern in einer Rede entgegengetreten sei, so 
 möge er das am Flüchtlinge nicht rächen; denn jetzt könne auch ein viel
 Schwächerer, als der König sei, ihm Schlimmes zufügen; edel aber sei es nur, vom
 Gleichen in gleicher Lage Sühnung zu fordern; auch habe er nur in einer
 unbedeutenderen Angelegenheit gegen jenen gesprochen und nicht in einer Sache,
 wo es sich um das Leben handelte; wenn er ihn aber jetzt ausliefere, so nehme er
 ihm alle Hoffnung auf Rettung; und zugleich erzählt er, weßhalb er verfolgt
 werde.

Da heißt ihn Admet mit seinem Söhnlein aufstehen, — so wie er sich mit dem Kind
 im Arme niedergesetzt hatte, denn das war die kräftigste Art der Schutzbitte, —
 und wie nicht lange darauf die Lakedämonier und Athener ankommen und viel Redens
 machen, gibt er ihnen den Themistokles nicht heraus, sondern läßt ihn, weil
 er zum König reisen wollte, auf dem Landwege nach dem jenseitigen 
 
 Meer bis nach Pydna, der Stadt Alexanders 2'3), geleiten. Dort 
 traf er ein Lastschiff, welches gen Jonien segeln wollte, und da er es bestiegen
 hatte, wurde er durch einen Sturm mitten unter die athenische Flotte
 vershclagen, welche Naxos belagerte, und aus Besorgniß theilte er dem
 Schiffsherrn mit, wer er sei, — denn er war den Leuten im Schiff unbekannt, —
 und weßhalb er flüchtig gehe; wenn er ihn nicht retten wolle, so werde er
 angeben, daß er durch Geld bestochen ihn aufgenommen habe; seine Sicherheit
 liege darin, daß Keiner das Schiff verlasse, bis es weitersegele; wenn er ihm zu
 Willen sei, so wolle er es mit angemessenem Dank vergelten. Der Schiffsherr that
 nach seinem Willen, und nachdem er sich einen Tag und eine Nacht hindurch
 auf offenem Meer von der Flotte entfernt gehalten hatte, gelangte er später nach
 Ephesos. Themistokles lohnte ihm mit einem Geschenk an Geld, — denn von den
 Freunden zu Athen und aus Argos kam an, was er dort hinterlegt hatte, — und
 nachdem er dann in Gesellschaft eines Persers von der Seeküste auswärts in's
 Innere gereist war 2"), schickte er einen Brief an den König Artaxerxes, 
 des Xerxes Sohn, der kurz vorher den Thron bestiegen hatte. Das Schreiben
 lautete: ,Ich Themistokles komme zu dir, der ich von allen Hellenen eurem Hause
 am meisten Böses angethan habe, so lange dein Vater uns bedrängte und mich zur
 Abwehr zwang, noch viel mehr Gutes aber, als ich in Sicherheit war und jener
 unter großer Fahrniß die Heimkehr beschickte. Und man ist mir Dank sür eine
 Wohlthat schuldig, — hier erwähnte er seine Meldung von Salamis aus wegen
 des Rückzugs / und wie der Abbruch der Brücke, den er fälschlich ersonnen hatte,
 damals durch ihn hintertrieben worden sei,— und da ich auch jetzt noch dir viel
 Gutes zu erweisen vermag, so bin ich zu dir gekommen, verfolgt von den Hellenen
 wegen meiner Freundschaft sür dich. Wenn ich aber ein Jahr hier verweilt haben
 werde, so will ich dir selbst eröffnen, weßhalb ich gekommen bin."

Der König nun, wie erzählt wird, bewunderte seine Klug- 
 
 
 hcit und hieß ihn so thun, wie er geschrieben habe. Jener aber lernte
 in der Frist, die ihm zugestanden war, so gut er konnte, die Sprache und
 die Sitten des Landes, und nach Verlauf des Jahres stellte er sich dem König dar
 und gelangte bei ihm zu sehr großen Ehren, wie vordem nie ein Hellene, sowohl
 wegen des großen Ruhms, den er erworben hatte, als auch, weil er ihm Hoffnung
 auf Unterwerfung der Griechenvölker machte, vornehmlih caber, weil er sich ihm
 deutlich als ein kluger Mann erwies. Denn in Themistokles offenbarte sich eine
 außerordentliche Kraft des Geistes, und er ist darum mehr als ein Anderer
 der Bewunderung würdig. Durch den angebornen Verstand nämlich, denn er hatte
 weder vorher etwas gelernt, noch später durch, Lernen etwas nachgeholt, fand er
 für den Augenblick nach sehr kurzer Ueberlegung den besten Rath, und auch in
 zukünftigen Dingen war, er aus lang hinaus der beste Vorausseher dessen, was
 eintreffen sollte;, und was er vorhatte, das wußte er auch durch die Rede
 trefflich darzustellen, und auch Unersahrenheit in einem Ding hinderte ihn
 nicht, geschickt zu urtheilen, und was besser oder schlechter sei, sah er meist
 schon voraus, wann der Ausgang noch im Dunkeln lag; kurz, er ver-, mochte
 durch angeborne Geistesschärfe und mit rascher Ueberlegung das, was Noth that,
 am sichersten herauszufinden. Er starb an einer Krank-heit; doch sind auch
 solche, welche erzählen, daß er Gift genommen habe, weil er es für unmöglich
 erkannte, dem König sein Versprechen zu erfüllen. Sein Grabmal steht zn Magnesia
 in Asien auf dem, Markte; denn über jene Gegend war er Statthalter, da der König
 ihm zum Brote Magnesia gegeben hatte, welche Stadt jährlich fünfzig 
 Talente einbrachte, zum Wein Lampsakos, denn diese Gegend galt damals für sehr
 weinreich, und zur Zuspeise Myus^). Die Angehörigen erzählen, daß seine Gebeine
 auf seine Anordnung nach der Heimath gebracht und in Attischer Erde beigesetzt
 worden, doch ohne. Wissen der Athener; denn als ein wegen Verrathes Flüchtiger
 durste er nicht begraben werden. — Mit Pausanias, dem Lakedämonier, und 
 
 dem Athener Themistokles, welche unter den Hellenen ihrer Zeit zum 
 höchsten Glanz emporgestiegen waren, hatte es also dies Ende genommen.

ES ist erzählt worden, welche Forderungen die Lakedämonier bei ihrer ersten
 Gesandtschaft wegen der Fluchbeladenen Verbannung gestellt hatten, und was
 dagegen von ihnen war gefordert worden. Indem sie jedoch später noch einige Mal
 Gesandte schickten, verlangten sie von den Athenern, sie sollten von Potidäa
 abstehen und Aegina freigeben und endlich erklärten sie ganz bestimmt und 
 deutlich, der Krieg könne von den Athenern abgewendet werden, wenn sie den
 Beschluß wegen Megara's zurücknähmen, in welchem gesagt war, daß die Megarer
 weder in den Häfen des Athenischen Gebietes, noch auch auf dem Attischen Markte
 zugelassen werden dürsten. Die Athener nun gaben weder im Uebrigen nach, noch
 auch nahmet sie diesen Beschluß zurück, sondern führten vielmehr Beschwerde
 über die Megarer, daß sie heiliges Feld und nicht abgegrenztes Land 
 angebaut hätten^und ihren entlaufenen Sklaven Unterstand gewährten. Als aber als
 letzte Gesandte von Lakedämon Rhamphios, Melenppos und Agesander ankamen und von
 dem, was man früher von ihnen zu hören gewohnt war, Nichts mehr erwähnten,
 sondern nur dies: „Die Lakedämonier wollen, daß der Friede bestehe, und 
 das könnte geschehen, wenn ihr den Hellenen die Unabhängigkeit lasset," so
 hielten die Athener eine Volksversammlung, und nachdem sie die unter ihnen
 vorhandenen Meinungen angehört hatten, beschlossen sie die ganze Angelegenheit
 ein für alle Mal zu berathen und eine endgiltige Antwort zu ertheilen. Es traten
 nun Viele auf, um zu reden, und es zeigten sich die Ansichten vershcieden,
 sowohl dafür, daß man Krieg führen müsse, als auch dafür, daß jener Beschluß dem
 Frieden nicht im Wege bleiben, sondern zurückgenommen werden solle. Da 
 trat auch Perikles auf, deS Xanthippos Sohn, damals der Vor­ 
 
 züglichste unter den Athenern, in Wort und That der Erste, und spornte
 sie an, also redend:

„Bei meiner Meinung, ihr Athenischen Männer, daß wir den Peloponnesiern nicht
 nachgeben dürfen, bleibe ich immer noch stehen, wenn ich auch wohl weiß, daß die
 Menschen in der Ausführung und bei der That sich nicht mehr so eifrig zeigen,
 wie am Anfang, wo sie sich leicht zum Krieg bereden lassen, sondern in ihren
 Ansichten wehcseln, wie das Glück grade fällt. Trotzdem weiß ich aber auch
 jetzt nichts Anderes zu rathen, und ich ermähne diejenigen unter euch, welche
 mir Recht geben, daß sie bei den gemeinsamen Beschlüssen fest ausharren, wenn
 uns auch einmal ein Unglück trifft, und es nicht ihrer Klugheit zuzuschreiben,
 wenn uns das Glück wohl will; denn es ist bekannt, daß man aus den Gang der
 Dinge eben so wenig sicher rechnen kann, wie auf die Gesinnung der Menschen, und
 wir pflegen ja darum auch das Schicksal anzuklagen, wenn etwas ganz 
 Unerwartetes und Unerwünschtes sich ereignet. Daß uns die Lakedämonier gern
 alles Böse anthun möchten, war schon längst offenbar, und es ist dies jetzt
 wahrhaftig noch mehr. Es war ausgesprochen worden ^), daß bei vorkommenden
 Zwistigkeiten die Sache vor ein Schiedsgericht gebracht und dessen Entscheidung
 angenommen werden müsse, und daß jede von beiden Parteien im Besitz dessen
 verbleiben solle, was sie hat; aber sie haben noch nie ein Schiedsgericht
 verlangt, und wenn wir es verlangen, sind sie nicht daraus eingegangen; denn
 sie wollen die Zwistigkeiten lieber durch Kampf entshceiden, als durch 
 Unterhandlungen beilegen, und jetzt treten sie schon geradezu als Befehlende auf
 und nicht als Beschwerde führend. Denn sie befehlen uns von Potidäa abzulassen,
 Aegina freizugeben und den Beschluß wegen der Megarer zurückzunehmen, und
 endlich kommen gar diese und verlangen, daß wir den Hellenen ihre
 Selbständigkeit lassen sollen. Glaube aber ja Keiner, daß wir uns einer
 Kleinigkeit wegen in Krieg einlassen, wenn wir den Megarensischen Beschluß nicht
 zurücknehmen, obgleich jene geradezu hervorheben, daß es nicht zum Kriege 
 kommen dürfe, wenn derselbe zurückgenommen werde. Und lasset ja Nichts von dem
 Skrupel in euch sitzen, als ob ihr geringfügiger Ur- 
 
 
 
 jache willen den Krieg herbeiführtet; denn an dieser Kleinigkeit wird
 sich zeigen, ob eure Grundsätze fest wurzeln und die Probe bestehen 
 werden. Gebt ihr ihnen hierin nach, so werden sie euch allsogleich etwas noch
 viel Härteres ausladen, weil es scheinen wird, als hättet ihr euch aus Furcht
 gefügt; weist ihr sie aber mit Festigkeit zurück, so zeigt ihr ihnen damit, daß
 sie euch künftig mehr als ihres Gleichen zu behandeln haben 2^)."

„Ihr müßt euch also auf der Stelle entschließen, ob ihr euch fügen wollt, noch
 ehe ihr zu Schaden gekommen seid, oder ob wir Krieg führen sollen — was ich für
 das Beste halte — und um keiner Ursache willen nachgeben, sei sie nun groß oder
 klein, sondern furchtlos unseren Besitz vertheidigen. Denn die kleinsten wie die
 größten Forderungen, die Einer vor richterlicher Entscheidung seines 
 Gleichen anmuthet, haben gleicherweise in ihrem Gefolge die Knechtschaft. Daß
 wir aber für den Krieg und in den beiderseitigen Hilfsmitteln nicht die
 Schwächeren find, das sollt ihr nun im Einzelnen erfahren, wenn ihr zuhört. Die
 Peloponnesier sind Handarbeiter^), und weder die Einzelnen, noch die Gesammtheit
 sind an Geld vermögend. Dann sind sie langwieriger und überseeischer Kriege
 ungewohnt, weil sie des Geldmangels wegen immer nur kurze Zeit gegen einander zu
 Felde liegen Und unter solchen Umständen können sie weder bemannte
 Schiffe, noch auch Landheere häufiger aussenden, weil sie sich dann von ihrem
 Anwesen entfernen und doch aus eigenem Seckel zehren müssen; und überdies ist
 ihnen das Meer gesperrt. Kriege lassen sich aber leichter bei einem
 wohlgefüllten Schatz aushalten, als durch erzwungene Beisteuern. Leute, die von
 ihrer Hände Arbeit leben, geben lieber ihre eigene Person für den Krieg hin, als
 Geld, weil sie vertrauen, sich selbst wohl noch aus den Gefahren heraus- 
 bringen zu können, aber nicht gewiß sind, ob sie nicht das Ihrige vorzeitig
 aufzehren, besonders wenn der Krieg sich über Erwarten in die Länge zieht, wie
 es dies Mal wahrscheinlich ist." 
 
 
 
 

 „In einer einzelnen Schlacht können es die Peloponnefier und ihre
 Bundesgenossen wohl mit allen übrigen Hellenen aufnehmen; Krieg zu führen aber
 gegen einen besser gerüsteten Gegner vermögen sie nicht; denn da sie nicht durch
 eine einzige berathende Genossenschaft geleitet werden^'), so sind sie nicht im
 Stande, etwas auf der Stelle rasch auszuführen; und weil sie Alle gleiches
 Stimmrecht haben, dabei aber nicht Eines Stammes sind, so sieht jeder auf seinen
 eigenen Vortheil. Unter solchen Umständen pflegt nichts Ersprießliches zu
 geschehen, denn während die Einen dem Feind so sehr als möglich Schaden zufügen
 möchten, sind die Andern bedacht, ihr Eigenthum so wenig als möglich dem
 Verderben auszusetzen.?Bis sie einmal zusammen kommen, brauchts immer erst lange
 Zeit, und selbst dann ist es ihnen meist nur um ihre besonderen Angelegenheiten
 zu thun, und sie machen Gegenstände des gemeinen Bestens nur kurz ab. Jeder
 redet sich ein, seine Gleichgiltigkeit könne keinen Schaden thun, und daß 
 schon irgend ein Anderer an seiner Stelle sorgen werde; und indem Jeder für sich
 mit dergleichen Einbildungen erfüllt ist, geht unvermerkt das Ganze zu Grunde
 222)."

„Das Wichtigste aber ist, daß ihnen der Mangel an Geld überall hinderlich fein
 wird, weil sie dasselbe nur unter Zögerung und Schwierigkeiten beschaffen
 können; aber im Kriege warten die Gelegenheiten auf Niemanden. Im Uebrigen sind
 von ihrer Seite weder verschanzte Angriffswerke gegen uns zu fürchten, noch auch
 ihre Seemacht. Es ist schon im Frieden schwer, eine solche Festung auf 
 einen Fuß zu bringen, daß sie den Gegner im Schach hält, viel weniger im Krieg
 und während auch wir unserseits eine solche entgegensetzen können. Und selbst
 wenn sie wirklich Verschanznngen zu Stande bringen, so ist es zwar nicht
 unmöglich, daß sie durch Einfälle einen Theil unseres Gebietes schädigen und
 Ueberläufer 22^ an sich ziehen; 
 
 
 
 aber ihre Verschanzungen können uns doch nicht hindern, an ihren 
 Küsten zu landen und den Kampf mit der Flotte zu führen, in der unsere Stärke
 liegt. Denn wir haben aus dem Seekrieg mehr Erfahrung für den Landkrieg
 gewonnen, als jene aus dem festländischen Krieg für den Kampf zur See. Des
 Seewesens kundig zu werden, möchte ihnen aber sehr schwer fallen; denn nicht
 einmal-ihr, die doch gleich mit dem Beginn der Perserkriege euch darauf verlegt
 habt, habt darin schon ausgelernt. Wie sollten denn nun Männer, deren 
 Geschäft der Ackerbau und nicht die Schifffahrt ist, etwas der Rede Werthes
 ausführen können, zumal ihr ihnen durch immer wiederholte Angriffe eurer Flotte
 nicht einmal Zeit zur Uebung lassen werdet? Und wenn sie auch in ihrer
 Unerfahrenheit, aus der eigenen Ueberzahl Muth schöpfend, den Kampf gegen kleine
 Geschwader wagen sollten, so müssen sie sich doch ruhig verhalten, wenn sie von
 einer zahlreichen Flotte eingeschlossen sind, und werden dann des Mangels an
 Uebung wegen um so ungeschickter und eben deshalb auch um so zaghafter sein.
 Wenn aber irgend etwas Anderes, so ist das Seewesen eine Kunst, die nicht
 gelegentlich und nur so nebenher geübt sein will, sondern im Gegentheil, es darf
 neben ihr her nichts Anderes betrieben werden."

„Wenn sie die Schätze von Olympia und Delphi angreifen und versuchen sollten,
 durch höhere Löhnung unsere Miethvölker uns abwendig zu machen, so wäre das
 freilich schlimm, wenn wir nicht im Stande wären, aus uns selbst und unseren
 Beisitzern die Flotte zu bemannen ^). Glücklicherweise aber ist das der Fall,
 und was die Hauptsache ist, unsere Steuerleute sind Athenische Bürger, und 
 mit sonstigem Schiffsvolk sind wir besser bestellt, als das ganze übrige Hellas.
 Und abgesehen von der Gefahr, die dabei ist, wird wohl keiner unserer Söldner
 sein Vaterland verlassen wollen^), um bei so 
 
 
 
 schlechten Aussichten um des höheren Soldes für ein Paar Tage 
 willen aus der Seite jener zu kämpfen." 
 „Das ungefähr scheint mir die Lage der Peloponnesier zu sein; die unsrige aber
 däucht mich nicht nur frei von den Nachtheilen, welche ich bei jenen ausgesetzt
 habe, sondern hat auch noch große und unvergleichliche Vortheile voraus. Denn
 wenn sie mit Landtruppen in unser Gebiet einsallen, so suchen wir das ihrige mit
 der Flotte heim, und es ist dann durchaus nicht dasselbe, wenn ein Theil 
 desPeloponneses und wenn ganz Attika verwüstet wird; denn jenen bleibt kein 
 anderes Gebiet als Zuflucht, sie müßten es sich denn mit den Waffen erobern; wir
 aber haben noch viel Land, sowohl auf den Inseln, wie aus dem Festland ^-6).
 Denn groß fürwahr ist die Gewalt des Meeres. Denkt nur: wären wir Inselbewohner,
 wem wäre schwerer beizukommen, als uns ^)? So aber müssen wir wenigstens
 trachten, jenem Zustand so nahe als möglich zu kommen, müssen unser Gebiet 
 draußen und unsere Landwohnungen preisgeben, um das Meer und die Stadt zu
 behaupten; dürfen uns aber nicht im Eifer jene Güter festzuhalten mit den an
 Zahl übermächtigen Peloponnesiern in eine Hauptschlacht einlassen. Denn wenn wir
 auch siegen, so hätten wir doch bald wieder mit einem ebenso zahlreichen Feind
 zu kämpfen; wenn wir aber eine Niederlage erlitten, so wären auch unsere 
 Bundesgenossen, in denen unsere Kraft beruht, mit verloren. Denn sie werden sich
 nicht länger ruhig verhalten, wenn wir nicht mehr im Stande sind, gegen sie die
 Waffengewalt anzuwenden. Jammert aber nicht um Häuser und Felder, sondern
 vielmehr um Menshcenleben; denn nicht jene sind Herrn über die Menschen, sondern
 die Menschen über sie. Ja, wenn ich glauben dürste, euch überreden zu 
 können, so würde ich euch auffordern, hinauszuziehen und sie selbst zu 
 
 
 verwüsten, damit die Peloponnesier sähen, daß ihr um solcher Dinge 
 willen nicht den Nacken beuget^)."

„Aber auch noch vieles Andere sehe ich, was die Hofsnung auf endlichen Sieg
 bestärkt, wenn ihr nur während des Krieges nicht neue Eroberungen machen und
 selbst neue Gefahren heraufbeschwören wolltet. Denn ich fürchte viel mehr unsere
 eigenen Fehler, als die Anschläge unserer Feinde. Aber darüber will ich ein
 anderes Mal reden, wenn es sich um die Ausführung selbst handelt. Für jetzt
 wollen wir die Gesandten mit dieser Antwort entlassen: „„Wir werden die
 Megarer zu unseren Märkten und Häfen zulassen, wenn auch die Lakedämonier die
 Ausweisung von Fremden einstellen, betresse diese nun uns oder nnsere
 Bundesgenossen^), — denn weder jenes noch dies verstößt gegen die Verträge, —
 wir werden auch die Städte sich ihrer eigenen Gesetze bedienen lassen, wenn wir
 den Bundesvertrag mit ihnen als mit unabhängigen Staaten geschlossen haben ^),
 und wenn auch jene ihren Städten freigeben, sich eigener Gesetze zu 
 bedienen, wie eS einer jeden gutdünkt, und sich hierin nicht nach jenen, den
 Lakedämoniern selbst, zu richten. Auch wollen wir uns den Bestimmungen des
 Vertrags gemäß jeder schiedsrihcterlichen Entscheidung fügen. Den Krieg werden
 wir nicht anfangen, den Angreifer aber zurückweisen."" 
 „Diese Antwort ist sowohl gerecht, als auch eines Staates, wie der unsrige,
 würdig. Festhalten aber müssen wir, daß der Krieg un- 
 
 
 
 vermeidlich ist. Je mehr wir ihn nun freiwillig und selbstständig 
 beginnen, um so weniger werden wir von unseren Gegnern bedrängt sein Die größten
 Gefahren bringen ja auch den Staaten sowohl, - wie den Einzelnen, den größten
 Ruhm. Unsere Väter haben sich den Persern in den Weg gestellt, und obgleich sie
 nicht über solche Mittel verfügten, sondern sogar Hab und Gut verlassen mußten,
 haben sie mit mehr Klugheit als Glück und mit mehr Kühnheit als Macht den 
 Barbaren zurückgetrieben und den Staat zu dieser Blüthe gebracht. Hinter ihnen
 dürfen wir nicht zurückbleiben, sondern müssen uns der Feinde auf jegliche Weise
 erwehren und trachten, daß wir denen, die nach uns kommen, die Macht des Staates
 um Nichts verringert übergeben köNNeN 232) "

So redete Perikles. Die Athener aber, überzeugt, daß er ihnen das Beste rathe,
 erhoben seine Vorschläge zum Beschluß und antworteten den Lakedämoniern ganz in
 seinem Sinn und so, wie er es Punkt für Punkt angegeben hatte. In der Hauptsache
 sagten sie: sie ließen sich Nichts befehlen, seien aber bereit, unter
 Voraussetzung der Rechtsgleichheit die einzelnen Beschwerden den Bestimmungen
 des Vertrags gemäß durch ein Schiedsgericht erledigen zu lassen. Jene 
 kehrten nach Hause zurück, und die Lakedämonier schickten nun auch weiter keine
 Gesandtschaft mehr.

Das also waren die Beshcwerden und Zwistigkeiten der beiden Theile vor dem
 Ausbruche des Kriegs, die gleich mit den Ereignissen in Epidamnos und Kerkyra
 begonnen hatten^). Doch dauerte inzwischen der Verkehr noch fort, und sie
 reisten hin und her, zwar ohne Heroldsgeleit, doch nicht ohne Mißtrauen; denn
 durch das 
 
 
 
 
 Geschehene waren die Verträge erschüttert und der Vorwand zum 
 Kriege war vorhanden. 
 
 Man hörte Nichts alS: Goldne Pallasbilder! Löhnung! zur Halle!
 Korn gemessen! Schlauche, Gefässe, Tonnen, Nnderriemen, Körbe, Knoblauch,
 Oliven, Netze voller Zwiebeln, Sardellen, Kränze, Flötenmädchen. Prügel! 
 Das Schiffswerft dröhnte vom Konzert der Säge, Des Bohrers, Hobels, Hammers,
 Beils, vom Fluchen, Befehlen, Pfeifen, Trällern, Flötenblasen! So machtet
 i hr's —

Un beginnt der eigentliche Krieg zwischen den Athenern und Peloponnesiern und
 ihren beiderseitigen Bundesgenossen, denn von jetzt an sand zwischen beiden
 Theilen kein Verkehr mehr Statt, ohne daß ein Herold das Geleit gab; und vom
 ersten Tag an wurde der Kampf ohne Unterbrechung fortgeführt. Es wird aber hier
 der Ordnung nach erzählt, wie Alles auf einander gefolgt ist, nach Sommern
 und Wintern').

Vierzehn Jahre hatte der nach Euböa's Eroberung abge- «45 schlossene
 dreißigjährige Friede zu Kraft bestanden, im fünfzehnten^ Jahre aber, — .im
 achtundvierzigsten der Priesterschaft der Chrysis 43l in Argos, da Aenesias das
 Ephorat in Sparta führte^), und der Chr. Archont Pythodoros in Athen noch zwei
 Monate Amtszeit übrig hatte, nach der Schlacht bei Potidäa im sechsten Monat, —
 zu Frühlings Anfang geschah es, daß drei Hundert und etliche^) Thebanische
 Männer unter Führung der Böotarchen Pythangelos, des Sohnes des Phylidas, und
 Tiömporos, des Onetoridas Sohn, zur Zeit 
 
 
 
 
 
 
 
 des ersten Nachtschlafs bewaffnet in die Böotische Stadt Platäa eindrangen,
 welche den Athenern verbündet war. Platäensische Bürger, Nauklides nämlich und
 sein Anhang, hatten sie herbeigerufen und ihnen die Thore geöffnet in der
 Absicht, die feindlich Gesinnten unter ihren Mitbürgern zu verderben und die
 Stadt den Thebanern zuzuwenden; denn auf diese Weise dachten sie selbst zur
 Herrschaft zu gelangen. Durch Eurymachos, des Leontiades Sohn, der unter den
 Thebanern ein sehr mächtiger Mann war, hatten sie die Sache in's Werk gesetzt.
 Denn die Thebaner sahen wohl den unvermeidlichen Krieg voraus und woll» ten
 sich der Stadt Platäa, die sich ihnen immer feindlich gezeigt hatte^), lieber
 noch zur Friedenszeit und noch ehe der Krieg entschieden aus- 
 
 bräche, im Voraus verischern, und da Wachen nicht ausgestellt waren,
 
 kamen sie auch um so leichter hinein. Sie faßten aus dem Marktplatz Posto,
 gaben aber denen nicht nach, welche sie herbeigerufen hatten und nun verlangten,
 man solle sich gleich an? Werk machen und die Feinde in ihren Häusern
 überfallen, sondern beschlossen, durch den Herold zweckmäßige Aufforderungen
 ergehen zu lassen und die Stadt lieber auf freundschaftlichem Weg durch
 Vergleich zu gewinnen. Es verkündigte nun der Herold, wer nach väterlicher Weise
 aller Böotier an ihrem Bund Theil haben wolle, der möge bewaffnet zu ihnen
 treten. Auf diese Weise, glaubten sie, werde die Stadt leichter zu ihnen
 übergehen.

Als aber die Platcienser merkten, daß die Thebaner in ihren Mauern und die
 Stadt unvermuthet in jener Hände gefallen sei, fürchteten sie sich, und da sie
 der Eingedrungenen eine viel größere Zahl vermutheten, — denn wegen der
 Dunkelheit der Nacht konnte man nicht recht sehen, — so waren sie zum Vergleiche
 willig, nahmen die Vorschläge an und verhielten sich ruhig, zumal gegen Keinen
 unter ihnen etwas Besonderes unternommen wurde. Indem sie dies jedoch 
 beschickten, merkten sie, wie gering die Zahl der Thebaner sei, und es schien
 ihnen, daß man sie durch einen Angriff leicht überwältigen könne: denn es war
 nicht nach dem Sinn der meisten Platäenser, von den Athenern abzufallen. Sie
 beschlossen nun daran zu gehen und traten zusammen, indem sie die Zwischenwände
 ihrer Häuser durch- brachen, um nicht auf den Gassen gehend gesehen zu werden,
 und stellten unbespannte Lastwagen quer über die Straßen, um sie als Barrikaden
 zu benutzen; und auch sonst trafen sie alle Anstalten, die für die 
 gegenwärtige Lage Nutzen zu verheißen schienen. Als nun Alles nach bester 
 Möglichkeit in Bereitschaft gesetzt war, nahmen sie noch der Nacht und der
 Dämmerung wahr und rückten aus ihren Häusern auf jene los, damit sie nicht im
 Tageslicht Muth fänden und ihnen in gleichem Vortheil gegenüber stünden, sondern
 wegen der Dunkelheit zaghafter und wegen der Einheimischen besserer
 Bekanntschaft mit den Gelegenheiten der Stadt im Nachtheil wären. Sie griffen
 schnell an, und es war bald zum Handgemenge gekommen.

Als sich nun die Thebaner betrogen sanden, rückten sie eng zusammen und wehrten
 ab, wo angegriffen wurde, und zwei oder drei Mal schlugen sie jene auch zurück;
 da aber dann die Stadtbürger mit 
 
 
 großem Geschrei wieder anstürmten, und von den Dächern herab Wei. ber und
 Gesinde mit Geschrei und Geheul Steine und Ziegel schleuderten, und überdies in
 der Nacht ein starker Regen gefallen war, so geriethen sie in Furcht, wandten um
 und flohen durch die Stadt. Aber da sie bei der Dunkelheit der Nacht, — denn der
 Mond stand grade im letzten Viertel, — und bei dem Kothe auch meist noch der
 Durchgänge unkundig waren, welche sie hätten retten können, die Verfolger 
 hingegen ihnen das Entkommen abzuschneiden wußten, so wurden die Meisten
 niedergemacht. Auch verschloß einer der Platäer das Thor, durch welches jene
 hereingekommen waren, und das allein offen stand, indem er das Eisen seiner
 Lanze die Dienste der Eichel am Querbalken thun ließ, so daß nun jene auch hier
 nicht mehr hinauskommen konnten. Während sie durch die Stadt verfolgt wurden,
 erstiegen Einige von ihnen die Mauer und stürzten sich nach Aussen hinab, wobei
 sie meist umkamen. Einige Andere hieben an einem unbesetzten Thore mit dem
 Beile, das ein Weib ihnen gab, den Querbalken durch und entkamen; doch gelang
 dies nicht Vielen, denn es wurde bald bemerkt. Viele von den Uebrigen wurden der
 Eine hier, der Andere dort in der Stadt erschlagen; die Mehrzahl aber und die
 sich am meisten zusammengehalten hatten, drangen in ein großes Haus an der
 Stadtmauer, dessen Thor zufällig offen stand, in der Meinung, es sei ein
 Stadtthor und gewähre einen Durchgang nach Außen. Da nun die Platäer diese
 gefangen sahen, so beriethen sie sich unter einander, ob sie Feuer an das Haus
 legen wollten, um jene zu verbrennen, oder ob sie anders verfahren sollten.
 Endlich aber ergaben sich diese und die sonst noch von den Thebanern in der
 Stadt umherirrten sammt ihren Massen den Platäern ans Gnade und Ungnade. Das war
 das Schicksal dieser Leute in Platäa.

Die übrigen Thebaner, die noch in der Nacht mit der ganzen Streitmacht hätten
 bei der Hand sein sollen, für den Fall, daß den Eingedrungenen etwas in den Weg
 käme, erhielten auf dem Marsche die Botschaft von dem Vorgefallenen und rückten
 nun eilends heran. Nun ist Platäa von Theben 70 Stadien entfernt, und'der bei
 der Nacht gefallene Regen hatte ihnen den Marsch erschwert; denn der Fluß
 Asopos war hoch angeschwollen und nicht leicht zu durchschreiten. Da sie also im
 Regen marschirten und nicht leicht über den Fluß setzen 
 konnten, so kamen sie erst an, als ihre Leute zum Theil schon um's 
 Leben gekommen und die Andern bereits gefangen waren. Als die' Thebaner
 nun sahen, was vorgefallen war, so trachteten sie diejenigen von den Platäern in
 ihre Hände zu bekommen, die sich noch außerhalb der Stadt befanden; dein es
 waren noch Leute und Gerätschaften aus den Feldern, weil der schlimme Vorfall
 sich ganz unerwartet und mitten im Frieden zutrug. Sie dachten nämlich die,
 welche ihnen allenfalls in die Hände geriethen, als Geiseln für die drinnen zu
 behalten, wenn vielleicht Einige noch lebend gefangen gehalten würden. Das
 war ihre Absicht. Während' sie sich aber noch beriethen, schick» ten die Platäer
 einen Herold zu ihnen heraus, denn sie vermutheten etwas dergleichen und waren
 um ihre Leute draußen besorgt. Durch den ließen sie den Thebanern sagen: sie
 hätten schon dadurch großes Unrecht auf sich geladen, daß sie mitten im Frieden
 ihre Stadt wegzunehmen versuchten, und sie sollten sich nun nicht auch noch an
 dem Eigenthum außerhalb der Stadt vergreifen, sonst würden auch sie ihnen
 die Männer tödten, welche sie gefangen hielten; wollten sie aber von ihrem
 Gebiet wieder abziehen, so würden sie ihnen diese Männer herausgeben. So
 wenigstens berichten die Thebaner und behaupten, daß jene obendrein sich noch
 mit einem Eide verpflichtet hätten. Die Platäer aber wollten nicht zugeben, daß
 sie versprochen hätten, die Gefangenen sogleich freizugeben, sondern erst, wenn
 Verhandlungen gepflogen worden wären, um eine Vereinbarung zuwege zu bringen,
 und eidlich gebunden, sagen sie, hätten sie sich nicht. In der That 
 räumten indes; die Thebaner ihr Gebiet, ohne irgendwie Schaden gethan zu haben,
 die Platäer aber brachten in der Eile Alles vom Lande in die Stadt und tödteten
 dann sogleich die Gefangenen; es waren deren aber hundert und achtzig in ihre
 Hände gefallen, und darunter auch Eurymachos, mit welchem die Verräther sich
 in's Einvernehmen gesetzt hatten.

Nachdem dies geschehen, fertigten sie einen Boten nach Athen ab und gaben unter
 sicherem Geleite den Thebanern ihre Todten heraus; die Angelegenheiten ihrer
 Stadt aber ordneten sie für den Augenblick nach eigenem Gutbefinden. Die Athener
 hatten nun nicht sobald Meldung erhalten, was in Platäa vorgefallen, als sie
 auch sogleich alle Böotier auf Attischem Gebiete festnahmen, und nach 
 
 Platäa schickten sie einen Herold, der jenen einschärfen sollte, mit den 
 von ihnen gefangenen Thebanern Nichts weiter vorzunehmen, bevor sie nicht selbst
 darüber Beschluß gefaßt hätten. Denn daß sie bereits hingerichtet seien, war
 ihnen nicht gemeldet worden, da der erste Bote gleich bei dem Eindringen der
 Thebaner von dort abging, und der zweite unmittelbar nachdem ihre Niederlage
 entschieden und sie in Gefangenschaft gerathen waren. Was später vorgefallen
 war, davon wußten die Athener Nichts, und in dieser Unwissenheit ließen sie ihre
 Botschaft abgehen. Als aber ihr Herold ankam, fand er die Leute bereits
 hingerichtet. Daraus hin Nun schickten die Athener einen Heerhansen nach Platäa,
 führten Proviant in die Stadt und ließen eine Besatzung dort. Was aber an
 Mannsleuten untauglich war, samt Weibern und Kindern, zogen sie heraus.

Da nun an dem Vorfall in Patäa Nichts mehr zu ändern und der Friede offenkundig
 gebrochen war, so rüsteten die Athener zum Krieg. Aber auch die Lakedämonier
 samt ihren Bundesgenossen rüsteten, und beiderseits war man bedacht, an den
 großen König Gesandtschaften zu schicken, und auch sonst zn den Barbaren, woher
 man nur immer hoffen konnte Unterstützung zu gewinnen; und mit den 
 Städten, die ihnen nicht unterworfen waren, schlossen sie Bundessreundschast.
 Die Lakedämonier forderten auch zu den Schiffen, die sie bereits an ihren Küsten
 hatten, noch andere von den italischen und sikelischen Städten, welche zu ihnen
 hielten, je nach der Größe der einzelnen Städte, denn sie wollten ihre Flotte
 ans 500 Segel bringen; und auch bestimmte Geldsummen befahlen sie ihnen in 
 Bereitschaft zu halten, sonst aber sollten sie sich wie im Frieden benehmen und
 den Athenern, wenn sie mit einzelnen Schiffen kämen, den Zutritt nicht wehren,
 so lange diese Rüstungen noch unvollendet seien. Aber auch die Athener schätzten
 die Kräfte der zu ihnen stehenden Bundesgenossen ab und beschickten auch
 vorzüglich die um den Peloponnes gelegenen Staaten mit Gesandtschaften, Kerkyra
 nämlich und Kephallenia und die Akarnaner und Zakynthos^); denn sie sahen wohl,
 
 
 daß sie den Peloponnes von allen Seiten ringsumher mit großem 
 Nachdruck bekriegen könnten, wenn sie jene zu Freunden hätten.

Und Nichts Geringes hatte man beiderseits im Sinn, sondern mit allem Eifer
 entbrannte man für den Krieg. Natürlich, denn im Ansange nehmen Alle einen
 scharfen Anlauf, und damals gab es überdies noch eine zahlreiche Jugend, sowohl
 im Peloponnes wie in Athen, die aus Mangel an Erfahrung sich gern im Kriege
 versucht hätte. Das ganze übrige Hellas aber ward in die höchste Spannung
 und Erregung versetzt, da es zwischen den zwei mächtigsten Staaten zum Tanz kam.
 Man konnte auch viele Prophezeiungen hören, und die Weissager weissagten
 unverdrossen, sowohl unter den Teilnehmern am kommenden Kampse, als auch in den
 andern Staaten. Dazu kam noch, daß kurz vor dem die Insel Delos erbebte, die nie
 vorher von einem Erdbeben erschüttert worden war, soweit der Hellenen Gedenken
 reichte. Das, sagten die Leute, sei ein Vorzeichen der Dinge, die da 
 kommen sollten, und es wurde auch geglaubt, wie man denn auch besonders
 nachsorschte, was Alles dergleichen sich zugetragen habe. Die guten Wünsche der
 Menge fielen aber bei Weitem mehr den Lakedämoniern zu, zumal diese auch
 erklärten, sie wollten nun Hellas freimachen. Jeder aber, Privatmann wie
 Gemeinwesen, war höchlich bemüht, in Wort und That sich als hülsreicher Freund
 zu zeigen, und Jeder glaubte, der gute Fortgang der Dinge sei gehemmt, wo er
 nicht selbst dabei sei. So großen Haß nährten die Meisten gegen die Athener, —
 die Einen, weil sie deren Joch sich vom Halse schütteln wollten, die Andern,
 weil sie auch unter ihre Obmacht zu gerathen sürchteten. In solcher Rüst- 
 Lust und Thätigkeit brannte man nach des Kriegs Ausbruch.

Es standen aber beide Staaten mit folgender Bundesgenossenschast zum Kampfe
 bereit. Helfer der Lakedämonier waren einmal die Peloponnesier jenseits der
 Landenge insgesammt, ausgenommen die Argiver und Achaier^), denn die lebten mit
 beiden Theilen im 
 
 
 
 Frieden. Doch nahmen von den Achaiern die Pellenäer gleich Anfangs Theil
 am Kampf, und späterhin auch alle andern. Außerhalb des Peloponnes die
 Megarenser, Lokrer^), Böotier, Pholeer, Amprakioten, Leukadier, Anaktorier. Von
 diesen stellten Schiffe die Korn:ther, Megarenser, Sikyonier, Pellenäer, Eleer,
 Amprakioten und Leukadier, Reiterei die Böotier, Phokeer und Lokrer, die
 Uebrigen Fußvolk. Das war die Bundesgenossenschaft der Lakedämonier. Beiden
 Athenern aber standen die Chier, Lesbier, Platäer, die Messenier von 
 Naupaktos, die Meisten der Akarnaner, die Kerkyräer, die Zakynthier und die
 andern Städte, die ihnen unter den nachgenannten Völkerschaften zinsbar waren:
 nämlich von Karien die ganze Seeküste, die Dorier, die an Karien gränzen,
 Jonien, der Hellespont, die Landschaften, die an Thrakien stoßen, alle Inseln
 ostwärts inner dem Peloponnes und Kreta, alle andern Kykladischen Inseln außer
 Melos und Thera. Von diesen stellten Schiffe die Einer, Lesbier und Kerkyräer,
 die Uebrigen Fnßtruppen und Geld. — Dies war beider Theile 
 Bundesgenofsenschaft und Kriegsrüstung.

Die Lakedämonier nun ließen gleich nach dem Vorfalle von Platäa im Peloponnes
 und bei der auswärtigen Bundesgenossenschast die Ausforderung an die Städte
 ergehen, sie sollten ihre Streitmacht in Stand setzen und was zum Ausmarsch von
 Nöthen sei, bereit halten, um in's Attische Gebiet einzufallen, und als zur
 bestimmten Zeit Alle fertig waren, zogen sich aus jeder Stadt zwei Drittel der
 Streitmacht zum Sammelplatze auf dem Jsthmos, und da nun das ganze Heer
 beisammen war, so berief Archidamos, König der Lakedämonier, der diese
 Unternehmung befehligte, die Hauptleute aller Städte, die 
 
 
 vornehmsten Beamten und sonst die ansehnlichsten Männer zusammen 
 und redete zu ihnen also: ^

„Peloponnesische Männer nnd Bundesgenossen! Auch unsere Väter haben in und
 außer dem Peloponnes viele Feldzüge gethan, und von uns selbst sind die Aeltereu
 des Krieges nicht unerfahren; doch nie sind wir mit größerer Rüstung zu Felde
 gezogen als dies Mal. Aber wir ziehen auch gegen einen sehr mächtigen Staat und
 sind darum selbst so zahlreich und trefflich gerüstet. Es ist nun Pflicht, 
 daß wir uns nicht schlechter erzeigen als unsere Väter und auch nicht hinter
 unserem eigenen Ruhm zurückbleiben; denn ganz Hellas blickt in gespannter
 Erregung auf diese Unternehmung, und aus Haß gegen Athen uns wohlgesinnt wünscht
 es, daß wir durchführen mögen, worauf wir ausgehen. Aber nicht dürfen wir, wenn
 wir uns auch mit gewaltiger Macht anzurücken dünken, und daß es fast gewiß sei,
 daß jene einen Kampf mit uns nicht wagen werden, nicht dürfen wir deshalb
 mit geringerer Kampfbereitschaft marschiren; vielmehr muß der Feldhauptmann
 jedes Staates und jeder Soldat für sein Theil immer gewärtig sein, daß die
 Gefahr über ihn komme. Denn die Zufälle des Krieges sind ungewiß, und ganz
 plötzlich und von hitziger Aufwallung eingegeben geschehen die meisten
 Unternehmungen. Gar ost hat aber schon eine schwächere Zahl sich des stärkeren
 Feindes mit Vortheil erwehrt, wenn sie aus ihrer Hut war, jener aber aus 
 Uebermuth sich nicht in die gehörige Verfassung gesetzt hatte. In Feindesland
 muß man allerwege mit muthigem Herzen zum Kampf gehen, bei der That aber muß man
 sorgfältige Umsicht anwenden; denn auf diese Weise geht man dem Feind beherzt
 entgegen und ist gegen seine Angriffe geschützt. Wir dahier ziehen aber auch gar
 nicht gegen eine Stadt, die nicht Macht hätte, sich unser zu erwehren, sondern
 sie ist in allen Stücken aus's Beste gerüstet, und wir müssen darum durchaus
 erwarten, daß sie zur Schlacht gegen uns ausziehen werden; und wenn sie
 auch jetzt sich nicht hinreißen lassen, wo wir ihnen noch nicht so nahe sind, so
 doch, wenn sie uns aus ihrem Gebiete sehen, ihre Habe sengend und brennend. Denn
 Alle ergreift Muth, wenn ihre eigenen 
 
 
 Augen eine ungewöhnliche Beleidigung mit ansehen müssen, und die sonst
 ihren Verstand am wenigsten gebrauchen, werden dann am leichtesten von ihrer Wnth
 zur That hingerissen. Es ist aber dies natürlich bei den Athenern noch mehr der
 Fall als bei Andern; denn sie halten sich berufen, über Andere zu herrshcen, und
 verheeren lieber fremdes Gebiet durch ihre Einfälle, als daß sie ihr eigenes
 verwüsten sähen. Da ihr nun gegen eine so mächtige Stadt zu Felde zieht, und 
 es euren Vorfahren und euch selbst den größten Ruhm oder die größte Schande
 bringen wird, je nachdem die Entscheidung ausfällt, so gehorchet euren Führern in
 allen Stücken, beobachtet überall die gebotene Ordnung und Vorsicht lind befolget
 pünktlich alle Befehle. Denn das steht am Schönsten an und gewährt die größte
 Sicherheit, wenn Viele sich Einer Ordnung fügsam zeigen."

Nach dieser Rede hob Archidamos die Versammlung auf und sandte zuerst den
 Melesippos, des Diakritos Sohn, einen spartanischen Bürger, nach Athen, ob
 vielleicht jetzt die Athener gelindere Saiten aufzögen, da sie den Feind im
 Anzüge sahen. Diese aber ließen ihn weder in die Stadt, noch durfte er öffentlich
 auftreten; den schon war ein Antrag des .Perikles durchgegangen, von Seiten 
 der Lakedämonier, wenn sie einmal im Felde stünden, weder mehr einen Herold noch
 eine Gesandtschaft anzunehmen. Sie schickten ihn also ungehört zurück und
 schärften ihm ein, noch am selben Tags ihre Gränze hinter den Rücken zu nehmen,
 und wollten die Lakedämonier jemals wieder eine Gesandtschaft schicken, so
 möchten sie zuvor erst auf ihren eigenen Grund und Boden zurückgehen. Damit er
 mit Niemanden zu reden komme, gaben sie dem Melesippos einige Männer zum
 Geleite. Da dieser auf der Gränze angekommen war und sich verabschieden wollte,
 sprach er nur die Worte: „Dieser Tag wird für die Hellenen großen Uebels Anfang
 sein," und ging damit seiner Wege. Als er aber in's Lager gekommen war, und
 Archidamos sah, daß die Athener in Nichts nachgeben würden, so brach er auf und
 ließ das Heer auf Jener Gebiet rücken. Die Böotier hatten ihren Truppen- 
 antheil und ihre Reiter zu den Peloponnesiern stoßen lassen, mit ihrer übrigen
 Macht zogen sie vor Platäa und verwüsteten das Land.

Früher schon, da sich die Peloponnesier gegen den Jsthmos zusammenzogen und auf
 dem Marsche dahin begriffen waren, und 
 bevor sie noch attischen Boden betreten hatten, war es dein Perikles,
 des Xanthippos Sohn, der selbzehnt Feldherr der Athener war, als er sah,
 daß der Einfall bevorstehe, in den Sinn gekommen, ob nicht vielleicht
 Archidamos, weil er sein Gastsreund sei, entweder ans Bewegung seiner
 freundlichen Gesinnung seine eigenen Landgüter verschonen und nicht verwüsten
 möchte, oder auch ans Befehl der Lakedämunter, um gegen ihn Verdacht zu erregen,
 wie sie ja auch vorher schon seinetwegen die Sühnung des Fluches verlangt
 hatten. Darum erklärte er den Athenern in der Volksversammlung: daß Archidamos
 ihm Gastsreund sei, solle der Stadt nicht zum Schaden gereichen; wenn die
 Feinde seine Aecker und Häuser nicht wie die andern verwüsten würden, so trete
 er sie dem Gemeinwesen ab, und es dürfe hieraus ihm keine Verdächtigung
 erwahcsen. Für die jetzigen Umstände aber ermähnte er sie, wie auch früher, sich
 zum Kriege zu rüsten nnd vom Lande Alles in die Stadt zu schaffen. Eine Schlacht
 außerhalb der Mauern sollten sie nicht annehmen, sondern sich in die Stadt 
 ziehen nnd diese bewachen, auch die Flotte rüsten, in welcher ihre Stärke 
 gelegen sei. Die Angelegenheiten der Bundesgenossen dürften sie nicht aus der
 Hand lassen, denn aus den Stenerbeiträgen dieser, sagte er, fließe ihre Kraft,
 und die Hauptsache im Kriege werde durch Klugheit ind einen gefüllten Beutel
 entschieden. Im Uebrigen hieß er sie gutes Muthes sein, denn es gingen ja der
 Stadt in der Regel jährlich 600 Talente sgegen 900,000 Thlr.^j Steuern von den
 Bundesgenossen ein, ungerechnet die andern Einkünfte; überdies lagen damals aus
 der Burg noch 6000 Talente ^gegen 9 Millionen^ gemünzten Silbers; — als
 dieser Schatz den höchsten Betrag erreichte, fehlten an 10,000 Talenten nur
 dreihundert ^er belief sich also aus 10,550,000 Thlr.^j; davon waren aber die
 Kosten der Säulenhallen an der Burg und anderer Bauwerke, wie auch die der
 Unternehmung wegen Potidäa? bestritten worden. Außerdem, sagte er, habe auch der
 Vorrath an un- gemünztem Gold und Silber, die Weihgeschenke von Privatleuten und
 von Staats wegen, dann die heiligen Gerätschaften, wie sie bei Festzügen
 nnd Wettkämpfer, gebraucht werden, und was an medifchen Beute- stücken und sonst
 dergleichen vorhanden sei, einen Werth von nicht weniger als 500 Talenten. Dazu
 nahm er noch den nicht unansehnlichen Goldwerth von andern Heiligthümern, deren
 sie sich bedienen dürsten, 
 
 wie ja auch, wenn sie ganz und gar zum Aeuhersten gedrängt würden, . des
 Goldschmuckes an der Bildsäule der Göttin. Er zeigte, daß dies Bild 40 Talente
 des reinsten Goldes lnahezu 800,000 Thlr., das Goldtalent zu 19,328 Thlrn.) an
 sich habe, und daß Alles zum Herabnehmen eingerichtet sei. Hätte man sich
 desselben aber zur eigenen Rettung bedient, sagte er, so müsse man es dann auch
 wieder in ungeschmälertem Werthe ersetzen. So hob er ihren Muth durch Darlegung
 der vorhandenen Geldmittel. An Schwerbewaffneten, sagte er, hätten sie 
 13,000, ungerechnet die Besatzungen in den Festungen und die 16,000 Mann, die
 längs der Mnuerzinnen vertheilt seien; — denn so viele waren Anfangs als
 Besatzung der Stadt in Verwendung, als die Feinde einfielen, genommen aus den
 Aeltesten, Jüngsten uud Beisitzern, soviele deren Schwerbewaffnete waren. Die
 Länge der phalerischen Mauer nämlich bis zum Gürtel der Stadtmauern betrug 35
 Stadien'"), und der Theil der Stadtringmaner, welcher besetzt gehalten
 wurde, war 43 Stadien lang; dein ein Stück, — das zwischen der langen und der
 phalerischen Mauer nämlich, — blieb unbesetzt. Von den langen Mauern nach dem
 Piräeus, welche 40 Stadien maßen, wurde die äußere Seite bewacht. Der ganze
 Umfang des Piräeus, Munychia mitgerechnet, betrug 60 Stadien, und was davon
 besetzt war, machte ungefähr die Hälfte aus. Die Reiterei gab er auf 1200 Mann
 an, eingerechnet die berittenen Bogenschützen, — die Bogenschützen zu Fuße
 auf 1600, und an seetüchtigen Dreiruderern hätten sie drei Hundert. Das Alles
 besaßen die Athener, und in keinem Stück weniger, — zur Zeit, als der erste
 Einfall der Peloponnesier bevorstand und sie gerüstet waren, den Kampf
 auszunehmen. Aber auch noch Anderes brachte Perikles vor, wie man es eben von
 ihm zu hören gewohnt war, um zu beweisen, daß sie den Krieg sieghaft überdauern
 würden.

Die Athener nun befolgten, was sie gehört hatten, und schafften Weib und Kind
 und das Geräthe, wie es in der Haushaltung gebraucht wird, nach der Stadt und
 vergaßen auch nicht das Holzwerk ihrer niedergerissenen Häuser. Das Schafvieh
 und die Zugthiere schifften sie nach Euböa über und den andern umliegenden 
 
 Inseln. Widerwillig aber gingen sie an diesen Umzug, weil sie meist
 
 von jeher gewohnt waren, immer auf dem
 Lande zu leben.

Dies war nämlich von Uralters her bei den Athenern mehr als bei Andern Sitte.
 Denn unter Kekrops und den ersten Königen bis aus die Zeiten des Theseus wurde
 Attika durchweg in einzelnen Stadtgemeinden bewohnt und zählte viele Prytaneen
 und Archonten; und wenn nichts Besonderes zu fürchten war, so ging man auch
 nicht zum König, sich gemeinsam zu beratheu, sondern jede Gemeinde 
 regierte und berieth sich selbst, und es kam auch sogar vor, daß Einzelne unter
 einander Krieg führten, wie die Elensinier mit dem Eumolpos gegen den
 Erechtheus. Als aber Theseus König geworden war, der zur Klugheit auch Macht
 besaß, tras er seine übrigen Einrichtungen im Lande, und nachdem er auch die
 Rathhäuser und Regierungen der andern Gemeinden aufgelöst hatte, machte er die
 jetzige Stadt zum gemeinsamen Mittelpunkt der Gemeinwesen, indem er nur Ein
 Rathhans und Ein Prytanenm gelten ließ; und wenn er auch einen Jeden über
 das Seine frei schalten ließ, wie vorher, so nöthigte er sie doch, in Athen die
 einzige Stadt zu sehen, welche denn auch, da Aller Leistungen hier
 zusammenflössen, von Theseus den Nachkommen groß und mächtig überliefert wurde.
 Daher kommt es auch, daß die Athener noch heutiges Tags zu Ehren der Göttin
 (Athene) öffentlich das Fest der Synoikia (d. i. Vereinigung der Wohnorte)
 begehen. Vor jener Zeit nannte man das Stadt, was jetzt Akropolis (Hochstadt)
 heißt, und was sich südlich an dieselbe anschließt. Zum Beweise dafür 
 dient sowohl, daß auch die Tempel anderer Götter in der Akropolis bei einander
 liegen, als auch der Umstand, daß die außerhalb gelegenen näher an diesem
 Stadttheile erbaut sind; so der Tempel des Olympischen Zeus, das Pythische
 Hciligthum, der Tempel der Ge und der des Dionysos bei den Teichen, dem zu Ehren
 am zwölften des Monats Anthestenan die älteren Dionysien gefeiert werden, welche
 Sitte auch die von den Athenern abstammenden Joner noch heutzutage 
 beobachten. Es stehen aber auch noch andere Heiligthümer in der Nähe dieses
 Stadttheiles, und so bediente man sich auch bei bedeutungsvollen Gelegenheiten,
 weil sie eben nahe lag, der Quelle, welche jetzt Enneakrnnos (Nennbrunn) heißt,
 seitdem die Tyrannen sie auf die jetzige Weise Herrichten ließen; srüher aber,
 als der Qnellgrund 
 
 selbst noch offen lag, wurde sie Kallirrhoe genannt (d. i. Schönbrunn). 
 Und von diesem alten Gebrauch her hat sich auch jetzt noch der Glaube erhalten,
 daß man vor Hochzeitsfesten und sonst bei feierlichen Gelegenheiten aus dieser
 Quelle schöpfen müsse. — Wegen dieser alten Wohnnngsverhältnisse wird die
 Akropolis bis ans den heutigen Tag von den Athenern die Stadt genannt.

Es halten also die Athener meist selbständig für sich auf dem Lande gewohnt,
 und da auch nach ihrer Vereinigung, sowohl in der älteren Zeit, als noch bis auf
 diesen Krieg herab, die Mehrzahl gemäß der alten Sitte aus dein Lande ihre
 vollständige häusliche Einrichtung hatte und auch selbst dort wohnte, so ging
 der Umzug nicht ohne Schwierigkeit vor sich, zumal es noch nicht lange her war,
 daß sie nach Beendigung der Perserkriege sich wieder häuslich eingerichtet
 hatten; sondern es war ihnen empfindlich und unangenehm, die Häuser und Tempel,
 die sie aus den Zeiten der alten Staatsverfassung her durchweg als von den
 Vätern ererbt betrachteten, verlassen und ihre ganze Lebensweise ändern zu
 sollen, und es dünkte einem Jeden nicht anders, als ob er seine Vaterstadt
 verlassen müsse.

Als sie nun in die Stadt zusammenströmten, gab es nur für sehr Wenige Wohnungen
 oder eine Zuflucht bei Freunden und Verwandten, Die Mehrzahl suchte also ein
 Unterkommen aus den unbebauten Plätzen der Stadt oder in den Tempeln und
 Kapellen, allein ausgenommen die Akropolis und das Eleusiuion, und was sonst
 durchaus abschließbar war. Sogar das Pelasgikon '') am Fuße der Burg, das
 zu bewohnen ein Fluch verbot, — woraus sich auch die letzte Zeile einer
 pythischen Weissagung bezieht, deren Worte sind: 
 Besser ist auch, das Pelasgikon bleibt unbewohnt — wurde gleichwohl unter dem
 Zwange der augenblicklichen Umstände ganz zu Wohnungen verwendet. Mit dieser
 Weissagung scheint es mir die umgekehrte Bewan'otniß zu haben, als wie man sie
 auszulegen pflegte. Nicht durch die gesetzwidrige Benützuug zu Wohnungen wurde
 das Unheil über die Stadt gebracht, sondern durch den Krieg entstand die 
 Nothwendigkeit, das Feld zu Wohnungen zu verwenden. Diesen hat freilich das 
 Orakel nicht genannt: es wußte eben vorher, daß es nie zu einer guten 
 
 Stunde zu Wohnungen werde benutzt werden können. Viele richteten 
 sich auch in den Thürmen der Stadtmauer ein, und wo sonst grade Einer
 konnte, denn die Stadt faßte nicht die zusammenströmende Menschenmenge; ja
 später wurden sogar die langen Mauern und der größere Theil der Mauern des
 Piräeus zu Wohnungen vertheilt. 
 Zu gleicher Zeit dachte man auch an die Kriegsbereitschaft, zog die
 Bundesgenossen zusammen und rüstete ein Geschwader von hundert Schiffen zur
 Unternehmung gegen den Peloponnes. — So stand es hier mit den Rüstungen.

Das Heer der Peloponnesier rückte auf seinem Marsche in Attika zuerst vor
 Oenoe, in welcher Gegend sie den Einfall machen wollten. Dort lagerten sie und
 trafen Vorbereitungen, um mit Sturmmaschinen und in anderer Art gegen die
 Befestigungen vorzugehen; denn das auf der Gränze zwischen Attika und Böotien
 gelegene Oenoe hatte Mauern, und die Athener hielten zu Kriegszeiten dort eine
 Besatzung. Die Vorbereitungen zum Sturm wurden langsam betrieben, und auch
 sonst ging die Zeit unbenutzt hin, und hieraus entstand gegen den Archidamos
 kein geringer Verdachtgrund, denn schien er schon in den Zurüstungen zum Kriege
 unentschlossen und den Athenern förderlich zu sein, indem er nicht entschieden
 für den Krieg stimmte, so schadete ihm jetzt, als das Heer beisammen war, die
 auf dem Jsthmos eingetretene Verzögerung und die Langsamkeit im weiteren
 Vorgehen noch mehr, vorzüglich aber der Aufenthalt vor Oenoe, denn unterdessen
 brachten die Athener Alles ein, und es schien, als ob die Peloponnesier
 bei schnellem Vor-dringen noch Alles hätten außerhalb überraschen können, hätte
 nicht des Archidamos Zögerung dies verhindert. Deshalb zürnte ihm das Heer wegen
 dieses Aufenthaltes. Er aber hielt zurück, wie man sagt, in der Meinung, daß die
 Athener doch in etwas nachgeben und sich besinnen würden, ihr Land der
 Plünderung preiszugeben.

Nachdem sie nun Oenoe berannt und den Ort auf jede Weise zu nehmen vergeblich
 sich bemüht hatten, die Athener aber sich keineswegs zu Unterhandlungen
 herbeiließen, so zogen sie von dort ab, ungefähr am achtzigsten Tage nach dem
 Einfall der Thebaner in Platäa, — zur Sommerszeit, da die Feldfrncht in Blüthe
 stand, — und fielen in Attika ein. Archidamos, des Zeuxidamos Sohn, König der
 
 
 Lakedämonier, befehligte. Und nachdem sie ein Lager geschlagen, verheerten
 sie zuerst Eleusis und die thriasische Ebene und gewannen auch in der Nähe der
 sogenannten Rheiloi einen Vortheil über einen Haufen athenischer Reiter. Daraus
 drangen sie, das ägaleische Gebirg zur rechten Hand lassend, durch Kropeia
 weiter vor, bis sie nach Acharnä kamen, unter den attischen Gemeinden, den
 sogenannten Deinen, der größten. Dort schlugen sie ein Lager, und eine geraume
 Zeit sitzen bleibend, verheerten sie das Land.

Dabei nun, daß Archidamos zur Schlackt bereit in der Gegend von Acharnä stehen
 blieb und bei diesem Vorrücken nicht gleich in die Ebene hinabstieg, soll sein
 Gedanke der gewesen sein: die Athener, welche an junger Mannschaft Ueberfluß
 hatten und wie nie zuvor zum Kriege gerüstet waren, würden wohl ausfallen und
 nicht ruhig zusehen, wie ihr Gebiet verwüstet werde; da sie ihm aber weder bei
 Eleusis noch auf der thriasischen Ebene entgegenrückten, so versuchte er, sie
 durch das Lager bei Acharnä herauszulocken; denn es schien ihm der Platz
 zu einem Lager sehr geeignet; und dann glaubte man auch von den Acharnern,
 welche einen großen Theil der Stadtbevölkerung ausmachten, — sie stellten
 nämlich dreitausend Schwerbewaffnete, — sie würden die Verheerung ihres
 Eigenthums nicht ruhig mit ansehen, sondern auch die Uebrigen zum Kampfe
 anspornen. Sollten aber die Athener auch bei diesem Einfalle nicht aus der Stadt
 rücken, so könne er sür die Zukunft um so furchtloser die Ebene verwüste« und
 der Stadt selbst sich nähern; denn die ihres Eigenthums beraubten Acharner
 würden nicht sehr geneigt sein, sich wegen Anderer Gut der Gefahr auszusetzen,
 und es werde dann Uneinigkeit eintreten. Solche Gedanken bestimmten den
 Archidamos, bei Acharnä stehen zu bleiben.

So lange nun das Heer bei Eleusis und in der thriasischen Ebene stand, hatten
 die Athener noch einige Hoffnung, daß der Feind nicht wagen würde, weiter
 vorzugehen; denn sie erinnerten sich, daß auch der lakedämonische König
 Pleistoanax, des Pausanias Sohn, als er vierzehn Jahre vor diesem Krieg mit
 einem peloponnesischen Heere in Attika einfiel, bis nach Eleusis und Thria
 vordrang, dann aber wieder zurückzog, ohne weiter vorzugehen, weshalb er auch
 aus Sparta verbannt wurde, da er im Verdacht stand, durch Gold bestochen
 den Nuckzug augetreten zu haben. Als aber die Athener das 
 Heer bei Acharnä, 60 Stadien vor ihrer Stadt, sahen, so glaubten sie
 
 nicht länger mehr an sich halten zu dürfen, sondern, da das Land — wie
 natürlich — vor ihren Augen verwüstet wurde, was die Jüngeren noch gar nicht
 gesehen hatten, und auch die Aelteren nur im Perserkriege, so schien ihnen das
 schrecklich, und auch die Andern nicht weniger, vorzüglich aber die Jüngeren,
 nieinten, man müsse dem Feind entgegen- rücken und nicht länger mehr zusehen.
 Nun ließen sich aber verschiedene Ansichten hören, und es entstand ein Streit, da
 die Einen einen Ans- fall verlangten, die Andern aber davon zurückhielten. Die
 Wahrsager ließen Sprüche allerlei Art hören, die sich ein Jeder auslegte,
 wie grade seine Wünsche ihn antrieben. Die Acharner aber, die sich nicht der
 kleinste Theil von Athen zu sein dünkten, drangen , da sie ihr Land verwüsten
 sahen, am meisten auf einen Ausfall, und so war die Stadt in allgemeiner
 Aufregung, zürnte auf den Perikles und vergaß ganz und gar, was er früher
 angerathen hatte. Sie schalten ihn, daß er als Feldherr dem Feinde nicht entgegen
 gehe, und erklärten ihn für die Ursache aller Uebel, die sie betroffen.

Perikles sah, daß sie den gegenwärtigen Stand der Dinge ungeduldig ertrugen und
 daß ihre Gedanken nicht die heilsamsten seien, vertraute aber, daß seine Ansicht
 in Betreff eines Ausfalls die richtige sei, und ließ weder eine Volksversammlung,
 noch sonst eine Zusammen- kunst veranstalten, damit nicht eine solche
 Versammlung, mehr der Leidenschaft als ruhiger Einsicht Raum gebend, Fehler
 begehe. Die Stadt ließ er wohl bewachen und hielt sie so ruhig, als eben möglich.
 Reiterei sandte er ununterbrochen aus, damit nickt Streistruppen des 
 feindlichen Heeres in die nahe bei der Stadt gelegenen Gründe einfielen und
 Schaden anrichteten, und es kam auch bei Phrygioi zwischen einer atheniensischen
 Reiterabtheilung, bei welcher auch Thessaler waren, und der böotischen Reiterei
 zu einem kleinen Gefecht, in welchem die Athener und Thessaler nicht im Nachtheil
 waren, bis sie sich zurückzogen, als die Schwerbewaffneten den Böotiern zu Hülfe
 eilten. Hiebei verloren die Thessaler und Atheuer einige Leute, die sie
 jedoch noch au demselben Tage, ohne daß deshalb ein Waffenstillstand eintrat,
 abholten. Des folgenden Tages stellten die Peloponnesier ein Siegeszeichen
 auf. — Diese Hülfeleistung der Thessaler geschah zusolge eines alten
 Waffenbündnisscs mit den Athenern, und es waren ihrerseits 
 
 
 
 Larisäer, Pharsalier, Kranonicr, Pyrasier, Gyrtonier und Pheräer gekommen.
 Ihre Anführer waren: aus Larisa Polymedes und Aritsonus, jeder von seiner Partei
 geschickt, aus Pharsalos Menon und so noch Andere, sür jeden Staat
 besonders.

Da nun die Athener nicht zur Schlacht ausruckten, so brachen die Peloponnesier
 ihr Lager bei Acharnä ab und verwüsteten einige andere Gemeindebezirke zwischen
 dem Parnes und dem Brilessischen Gebirge.^ Während sie aber noch im Lande waren,
 schickten die Athener die Hundert Schiffe, die sie ausgerüstet hatten, mit
 Tausend Schwerbewaffneten und vierhundert Bogenschützen in die 
 peloponnesischen Gewässer. Anführer waren Karkinos, des Xenotimos Sohn, Proteas,
 Sohu des Epikles, und des Antigenes Sohn Sokrates. Mit dieser Bemannung ging die
 Flotte unter Segel und kreuzte. Die Peloponnesier aber, nachdem sie so lange in
 Attika verweilt hatten, als die Vorräthe ausreichten, zogen sich durch
 böotisches Gebiet, nicht auf dem Wege, auf dem sie gekommen waren, zurück, und
 bei Oropos vorüberziehend verwüsteten sie den sogenannten grajischen Bezirk, wo
 die Oropier, athenische Unterthanen, wohnen. Nach der Ankunft im 
 Peloponnes wurde die Armee aufgelöst, und Jeder ging nach seiner Hcimath.

Nach dem Abzüge der Feinde stellten die Athener zu Land und zu Wasser
 Wachtposten aus, sowie sie dieselben während des ganzen Krieges beibehalten
 wollten. Dann nahmen sie von dem Geld auf der Burg tausend Talente ") und
 beschlossen dasselbe ans die Seite zu legen und nicht anzugreisen, sondern die
 Kriegskosten vom Uebrigen zu bestreiten; Wenn aber Einer davon spräche oder
 seine Stimme dahin abgäbe, diese Gelder zu einem andern Zwecke zu verwenden, —
 ausgenommen den einen Fall, daß eine feindliche Flotte gegen die Stadt 
 ansegle, und man sich dagegen vertheidigen müsse, — der solle mit dem Tod
 bestraft werden. Zugleich sollten auch Hundert Dreiruderer ausgesondert werden,
 jedes Jahr die besten und die dazu gewählten Schiffsbefehliger "), — in der
 Absicht, sich dieser Fahrzeuge ebenso 
 
 
 wie jener Geldsummen zn keinem anderen Zwecke zu bedienen, als nur 
 in derselben Gefahr, wenn die Noth dazu zwänge.

Die Athener in den peloponnesischen Gewässern nun, ans ihren Hundert Schiffen,
 und die zur Bundeshülse mit ihnen vereinigten Kerkyräer ans fünfzig Schiffen,
 dazu auch noch einige andere der dasigen Bundesgenossen, landeten, nachdem sie an
 der Küste kreuzend schon manchen Schaden gethan hatten, bei Methone (Modon)
 in Lakonika und griffen die schwach befestigte und durch geringe Mannschaft
 vertheidigte Stadt an. Nun stand in der Nähe der Spartaner Brasidas, Sohn des
 Tellis, als Befehlshaber eines Wachpostens, und als er hievon hörte, so eilte er
 denen in der Stadt mit Hundert Schwerbewaffneten zu Hülse, und mitten durch das
 Heer der Athener durchbrechend, während diese auf dem Lande zerstreut und
 ihr Augenmerk aus die Wälle der Stadt gerichtet war, gelangte er nach
 Methone und entsetzte den Platz mit einem sehr geringen Verluste an 
 Mannschaft, und in Folge dieses Wagestückes war er der Erste in diesem Kriege,
 der zu Sparta belobt wurde. Die Athener hoben jetzt die Belagerung ans, segelten
 nach Pheia in Elis und verheerten das dortige Gebiet zwei Tage lang, schlugen
 auch drei Hundert Mann ausgewählter Truppen aus dem eleischen Thallande und der
 umliegenden Landschaft, die zur Hülse herbeigeeilt waren. Da sich aber ein
 großer Sturm erhob, und sie an dieser hafenarmen Küste vom Unwetter litten, 
 so gingen die Meisten wieder an Bord und segelten um das Vorgebirge Jchthys in
 den Hafen von Pheia, während die Mefsenier, und wer sonst noch die Schiffe nicht
 hatte gewinnen können, zu Lande marschirten und Pheia wegnahmen. Später nahmen
 die kreuzenden Schiffe diese Truppe wieder auf und gingen, Pheia verlassend,
 auf's hohe Meer. Auch war von den Eleern unterdessen schon ein zahlreiches 
 Heer zur Hülse herbeigeeilt. Die Athener aber fuhren fort zu kreuzen und andere
 Küstenstriche zu verwüsten.

Um dieselbe Zeit schickten die Athener auch dreißig Schiffe in die Gewässer von
 Lokris und nm Euböa zn decken. Kleopompos, des Kleinias Sohn, befehligte sie.
 Derselbe unternahm einige Landungen , verheerte hie und da die Küste und nahm
 Thronion weg. Von dieser Stadt ließ er sich Geißeln stellen und schlug eine zur
 Hülfe herbeigeeilte Schaar Lokrer in einem Gefechte bei Alope.

Im selben Sommer trieben die
 Athener auch die Aegineten von ihrer Insel, Alle, sammt Weib und Kind. Sie gaben
 ihnen nämlich Schuld, daß sie nicht die geringste Ursache dieses Krieges 
 seien. Auch glaubten sie, daß die dem Peloponnes naheliegende Insel Aegina für
 sie sicherer sei, wenn sie selbst dorthin Ansiedler sendeten, und so schickten
 sie denn auch nicht lange danach Kolonisten dorthin. Den ausgetriebenen
 Aegineten aber gaben die Lakedämonier Thyrea zum Wohnsitz nnd das umliegende
 Land zum Anbau, einmal aus Haß gegen die Athener, und dann auch, weil sie sich
 zur Zeit des Erdbebens und des Heloten-Aufstandes um sie verdient gemacht
 hatten. Das thyreatische Land liegt aus der Gränze zwischen Argos und Lakonika
 und reicht bis an's Meer. Ein Theil nun von ihnen siedelte sich dort an, 
 die Andern zerstreuten sich im übrigen Hellas.

In demselben Sommer, zu einer wirklichen Neumondszeit '^), — wo es auch allein
 möglich zu sein scheint, wurde nach Mittag die Sonne verfinstert und nahm dann
 wieder ihre volle Gestalt an, nachdem sie zuvor wie die Mondsichel erschienen
 und einzelne Sterne sichtbar gewesen waren.

In demselben Sommer machten auch die Athener den Nymphodoros, des Pythes Sohn
 aus Abdera, zu ihrem Gastfreund, — dessen Schwester an Sitalkes verheirathet
 war, und bei welchem er darum viel vermochte. Früher hatten sie ihn als ihren
 Feind angesehen, jetzt aber ließen sie ihn nach Athen kommen, weil sie
 wünschten, daß er den Thrakerkönig Sitalkes, Sohn des Teres, zu ihrem 
 Bundesgenossen mache. Dieser Teres, des Sitalkes Vater, war es, der den Odrysern
 zuerst die vorwiegende Herrschaft gegenüber den andern Thrakern verschaffte,
 denn es ist auch ein großer Theil der Thraker frei und selbständig. Mit dem
 Tereus, welcher die Prokne, des Pandion Tochter, ans Athen, zum Weib hatte,
 steht dieser Teres in keinerlei Verwandtschaft, und jener war auch nicht einmal
 ans demselben Thra­ 
 
 kien. sondern Tereus wohnte in Daulia, der Landschaft, welche jetzt
 
 Phokis heißt und damals von Thrakern bewohnt war. Dort verübten jene
 Weiber auch die That an Jtys, nnd bei vielen Dichtern, wo sie der Nachtigall
 Erwähnung thun, heißt dieser Vogel der daulische Auch leuchtet es ein, daß
 Pandion eher in so geringer Entfernung eine Verbindung durch seine Tochter
 angeknüpft habe, wegen des Nutzens für beide Theile, als auf eine Entfernung von
 vielen Tagereisen zu den Odrysern. Teres hingegen, dessen Namen auch nicht 
 einmal gleichlautet, war der erste Odryser-König, der zu Macht und Ansehen
 gelangte. Dessen Sohn nun, den Sitalkes, wollten die Athener zu ihrem
 Bundesgenossen, in der Meinung, daß er ihnen die an Thrakien stoßenden
 Landschaften und den Perdikkas unschädlich machen solle. Wirklich kam auch
 Nymphodoros nach Athen, brachte die Bundesgenossenschast mit Sitalkes zu Stande
 und ließ dessen Sohn Sadokos unter die athenischen Bürger aufnehmen. Den Krieg
 in den thrakischen Gewässern versprach er zu Ende zu bringen, indem er den
 Sitalkes bewegen wolle, ein thrakisches Heer von Reitern und Leichtbewaffneten
 den Athenern zu Hülfe zu schicken. Er brachte aber auch eine Aussöhnung
 zwischen Perdikkas und den Athenern zu Stande und bewog diese, Therme an jenen
 zurückzugeben , und sogleich vereinigte sich Perdikkas mit den Athenern und dem
 Phormio gegen die Chalkidenser. So wurde Sitalkes, des Teres Sohn, König der
 Thraker, der Athener Bundesgenosse, und mit ihm Perdikkas, Sohn Alexanders,
 König der Makedonier.

Die Athener aber, welche noch auf den hundert Schiffen in den Peloponnesischen
 Gewässern kreuzten, nahmen Solion weg, ein Korinthisches Städtchen, und gaben
 von den Akarnanern allein den Paläreern Land und Stadt zum Wohnsitz. Auch
 Astakos, wo Euarchos als Tyrann herrschte, nahmen sie mit Gewalt, vertrieben
 jenen und zogen die Stadt in ihre Bundesgenossenschaft. Dann schifften sie
 gegen die Insel Kephallenia und wurden ihrer ohne Schwertstreich Herr.
 Kephallenia liegt in der Gegend von Akarnanien 
 
 
 und Lenkas und hat vier Städte, die der Palenser, Krämer, Samäer und
 Pronnäer. Nicht lange danach fuhren die Schiffe nach Athen zurück.

Nach diesem Sommer, zur Zeit des Spätherbstes, fielen die Athener insgesammt
 und mit ihnen ihre Beisitzer in Megaris ein, unter Anführung des Perikles, des
 Aanthippos Sohn. Auch die Athener vom Peloponnes, welche auf den hundert
 Schiffen nach Hause segelten und grade auf der Höhe von Aegina angekommen waren,
 als sie erfuhren, daß die ans der Stadt mit ihrer gefammten Macht in 
 Megaris stünden, schifften hin und vereinigten sich mit ihnen, und so war dies
 Heer das größte, welches die Athener zusammengebracht haben, so lange die Stadt
 noch in Blüthe stand und noch nicht durch die Krankheit gelitten hatte. Denn der
 Athener selbst waren nicht weniger als zehn Tausend Schwerbewaffnete, und außer
 diesen hatten sie noch drei Tausend IV) in Potidäa stehen; von den Beisitzern
 aber waren nicht weniger als drei Tausend Schwerbewaffnete mit ihnen 
 ausgefallen, und dazu kam noch der übrige Haufe von Leichtbewaffneten, nicht
 gering an Zahl. Nachdem sie nun den größten Theil der Landschaft verwüstet
 hatten, kehrten sie zurück. Aber auch noch später in diesem Kriege geschahen
 jährlich Einfälle der Athener in das Gebiet von Megara, theils mit der Reiterei,
 theils mit der Gefammtmacht, bis Nisäa von ihnen genommen wurde.

Gegen Ende dieses Sommers wurde von den Athenern auch Atalante befestigt, um
 eine Besatzung auszunehmen, — eine srüher unbewohnte Insel, der Küste der
 opnntischen Lokrer gegenüber gelegen. Dies geschah in der Absicht, daß nicht von
 Opus und dem übrigen Lokris auslausende Seeräuber Euböa beunruhigen möchten. Das
 Alles fielin diesem Sommervor, nach dem Abzug derPeloponnesier aus Attika.

Im folgenden Winter beredete der Akarnanier Euarchos, um Astokos wieder in
 seine Gewalt zu bekommen, die Korinther, daß sie ihn zur See mit vierzig
 Schiffen und fünfzehn Hundert Schwerbewaffneten zurückführen sollten. Dazu hatte
 er selbst einige Hülssvölker gemiethet. Anführer des Zugs waren Euphamidas, des
 Aristo­ 
 
 nymos Sohn. Timoxenos, Sohn des Timokrates, und Eumachos, Sohn 
 des Chrysis. Und wirklich führten sie ihn mit ihren Schiffen zurück. Sie
 dachten aber auch noch andere Plätze an der akarnanishcen Küste in ihre Gewalt
 zu bringen und machten auch Versuche dazu; aber es gelang nicht, und so
 schifften sie nach Hause zurück. Auf der Heimfahrt hielten sie bei Kephallenia
 an und machten eine Landung auf das Gebiet der Krämer, ließen sich aber durch
 die Vorspiegelung, als wolle man mit ihnen ein gütliches Uebereinkommen treffen,
 täuschen und verloren einige Leute durch einen unerwarteten Ueberfall der
 Kranier, und so unsanft zurückgewiesen eilten sie nach Hause zu kommen.

In diesem Winter feierten nach väterlicher Weise die Athener öffentlich das
 Leichenbegängniß der zuerst in diesem Kriege Gefallenen. Hiebei wurde es so
 gehalten: Drei Tage vorher wird ein Zelt aufgeschlagen, und darin die Gebeine
 der Gebliebenen zur Schau ausgestellt, und ein Jeder bringt seinem Todten eine
 Gabe, wenn er will. Wenn uuu die Gebeine hinausgesührt werden, so kommen 
 Wagen mit Särgen von Cypressenholz, Einem für jede Gemeinde, lind die Gebeine
 eines Jeden kommen in den Sarg seiner Gemeinde. Ein gepolstertes Todtenbett wird
 leer nachgetragen für die Vermißten, welche man nicht finden und aufheben
 konnte. Mit dem Zuge kann aber Jeder gehen, wer will, sei er Bürger oder
 Fremder, und auch die verwandten Frauen sind bei dem Begräbniß, zur Wehklage.
 Darauf nun setzt man sie in dem öffentlichen Grabmale bei, welches in der
 schönsten Vorstadt Athens ist, — und hier begräbt man immer die im Kampfe 
 Gefallenen; ausgenommen sind nur die von Marathon; denn da die Athener deren
 Tapferkeit für hell vorleuchtend erklärten, so gaben sie ihnen auch ihr eigenes
 Grab. Wenn nun die Erde sie bedeckt hat, so hält ein von der Stadt gewählter
 Mann, der für einsichtig gilt nnd an Ansehen vor-ragt, ihnen die geziemende
 Lobrede. Danach gehen sie auseinander. Dies ist die Art und Weise ihres
 Begräbnisses, und den ganzen Krieg hindurch, so oft es vorkam, hielt man sich an
 diese Sitte. Für diese Ersten nun wurde Perikles, des Xanthippos Sohn, zum 
 Reden gewählt, und als der Augenblick dazu gekommen war, trat er von dem Grabmal
 auf eine hohe Bühne, die man dazu errichtet hatte, damit er weithin durch die
 ganze Versammlung gehört werde, und redete so:

„Die an diesem Orte vor mir gesprochen,
 haben meist Dem eine Lobrede gehalten, der zu dem gesetzlichen Brauche noch
 diese Art von Rede hinzugefügt hat, weil es für ihre eigene Person ihnen
 ehrenvoll schien, zum Preise der im Kampfe Gefallenen zu sprechen. Mir aber
 schien es zu genügen, wenn tapferer Männer Thaten auch nur durch eine That
 geehrt werden, — durch eine Handlung, meine ich , wie ihr sie hier zu diesem
 Begräbnis; aus öffentlichem Wesen in's Werk gesetzt seht, — und nicht sollte von
 Einem Manne die Tapferkeit vieler Männer Gefahr fürchten müssen; denn, wem ihr
 Lob anvertraut wird, kann vielleicht gut reden, aber vielleicht auch schlecht.
 Im Reden das rechte Maß halten, ist schwer, und kaum wird auch durch dasselbe
 eine richtige Anschauung von der Wahrheit hervorgerufen. Denn wer von den
 Zuhörern die Thaten selbst mit angesehen hat, und sosern er ein wohlwollender
 Mann ist, wird leicht die Schilderung unter seiner eigenen Erwartung und seiner
 Kenntniß finden. Wer aber des Vorgefallenen unkundig ist, wird Manches für
 übertrieben erachten, weil sich in ihm der Neid regt, wenn er von Dingen hört,
 die über seine Kräfte gehen. Denn bis zu dem Punkte ertragen die Menschen wohl
 Lobsprüche auf Andere, so lange Jeder glaubt, selbst solcher Thaten fähig zu
 sein, wie er sie da mit anhört. Was aber darüber hinausgeht, dem schenkt 
 man keinen Glauben, weil sich dann der Neid regt. Weil es aber denen vor uns als
 löblicher Gebrauch ershcienen ist, so muß auch ich mich in das Gesetz schicken
 und muß streben, Euer Aller Wunsch und Meinung zu genügen, so gut ich's
 kann."

„Beginnen aber will ich mit unseren Vorfahren , denn wir sind damit nur gerecht
 gegen sie, und zugleich geziemt es sich bei solcher Gelegenheit, daß ihnen diese
 Ehre der Erinnerung gegeben werde. Denn nie wollten sie dies Land mit einem
 andern vertaushcen, und so, von Geschlecht zu Geschlecht es fortvererbend, haben
 sie es uns durch ihre Tapferkeit als freien Boden überliefert. Und verdienen sie
 darum Lob, so sind unsere Väter dessen noch würdiger; denn über das hinaus,
 was sie empfingen, haben sie die Macht, die wir jetzt besitzen, nicht ohne
 Mühe auf uns gebracht. Das größte Wachsthum des Staates aber haben wir selbst,
 wir Genossen der Gegenwart, und besonders wir, die wir jetzt im besten
 Mannesalter stehen, zu Wege gebracht. Wir haben die Stadt in allen Stücken in
 den Stand gesetzt, daß sie 
 im Kriege wie im Frieden sich selbst ganz und gar genügt. Wie dies 
 Alles durch Kriegsthaten erworben worden ist, und wie nur selbst oder 
 unsere Väter in tapferer Abwehr gegen Barbaren wie Hcllenen es geschirmt haben,
 darüber mag ich unter Männern, die es selbst wissen, nicht lange reden. Wie aber
 und durch welches Streben wir so weit gekommen sind, und durch welche
 Staatseinrichlungen und Grundsätze wir diese Größe erreicht haben, darüber will
 ich zuerst reden und dann zum Lobe dieser Todten übergehen; denn ich glaube, daß
 über jenes zu reden bei dieser Gelegenheit nicht ungeziemend ist, und daß diese
 ganze Versammlung, Städter wie Fremde, es mit Nutzen anhören werden."

„Wir haben eine Verfassung, welche die Gesetzgebung anderer Staaten nicht
 nachahmt, im Gegentheile sind wir selbst viel mehr Andern zum Muster, als daß
 wir Auswärtige nachahnitet. Und mit Recht wird sie, weil nicht bei Wenigen,
 sondern bei der großen Menge die Gewalt ist, Volksherrschaft genannt. Es hat
 nämlich in eigenen Sachen Jeder gleiches Recht mit dem Andern, nnd was 
 Staatswürden anlangt, so wird nicht bevorzugt, wer einer besonderen Kaste 
 angehört, sondern Jeder, je nachdem er gerade in irgend einem Fache 
 Werthschätzung genießt oder Tüchtigkeit zeigt. Und auch nicht der Armuth wegen,
 wenn er nur dem Staate irgendwie nützen kann, legt Einem die Unscheinbarkeit
 seines Standes ein Hindernis; in den Weg. Mit Freiheit behandeln wir unsere
 Staatsangelegenheiten und eben so frei das bei den Gelegenheiten des täglichen
 Verkehrs leicht entstehende Mißtrauen gegen einander; wir sind auf den Nachbar
 nicht erbost, wenn er seiner Lust einmal die Zügel schießen läßt, und verhängen
 keine Ahndüngen, wie Andere (die Lakedämonier) pflegen, die zwar dem Geldbeutel
 nicht wehe thun, aber dem Auge mit anzusehen empörend sind. Im täglichen
 Umgang bewegen wir uns frei von Härte und Sauersthen, und doch überschreiten wir
 dem Staate gegenüber die Vorschriften nie, aus Scheu und Ehrfurcht vorzüglich,
 indem wir ans die jedesmaligen Obrigkeiten und die Gesetze hören , und
 vorzüglich aus die, welche zum Schutze der Beeinträchtigten bestehen und die,
 zwar ungeschrieben, doch in der allgemeinen Denkart dem Uebertreter Schande
 drohen."

„Und auch von Müh' und Arbeit haben wir dem Geiste zahlreiche Erholungen
 bereitet, durch gesetzliche Kampfspiele und die im Jahre wiederkehrenden
 Opferfeste; dann auch durch gefällige Ein« 
 
 richlung des häuslichen Lebens, deren täglicher Genuß die Schwermuth 
 verbannt. Es kommen aber wegen der Größe unserer Stadt aus allen Ländern uns
 alle Erzeugnisse zu, und was bei uns das Land Gutes hervorbringt, können wir
 nicht in höherem Grade als unser Eigenstes genießen, als was von andern Völkern
 zu uns kommt."

„Wir untershceiden uns aber auch in Handhabung des Kriegswesens von unseren
 Gegnern darin, daß wir den Zutritt zu unserer Stadt freigeben, und es kommt
 nicht vor, daß wir durch Fremdcnaustreibung irgend Jemanden am Lernen oder
 Beshcauen hindern, damit nicht etwa Einer unserer Feinde nicht verborgen
 Gehaltenes sehe und daraus Nutzen ziehe; denn wir vertrauen weniger auf 
 Nnstwerk und Kniffe, als auf unsere eigene Thatenlnst und Tapferkeit. In der
 Jugenderziehung suchen jene schon von klein auf durch mühevolle Uebungen
 Mannhaftigkeit zu erwerben, wir aber gehen, wenn auch viel gemächlicher lebend,
 doch nicht weniger entschlossen in den Kampf ungewisser Entscheidung gegen den
 gleichstarken Feind. Beweis dafür ist, daß die Lakedämonier nicht nur mit ihrer
 eigenen Macht, sondern mit allen möglichen Bundesgenossen gegen unser Land zu
 Felde ziehen. Wenn aber wir selbst in auswärtiges Gebiet einfallen, so
 gewinnen wir auf fremdem Boden und im Kampfe gegen solche, welche ihr Eigenthum
 vertheidigen, meist den Sieg. Unsere Gesammtmacht aber hat noch kein Feind sich
 gegenüber gesehen, weil wir auch zugleich immer die Flotte bedenken und unsere
 Landmacht selbst auf viele Punkte vertheilen. Wenn sie aber mit einem Bruchtheil
 unserer Macht zusammengestoßen sind und den Sieg davon getragen haben, so
 prahlen sie, sie hätten unsere Gesammtheit geworfen; sind aber sie besiegt
 worden, so heißt es, sie wären unserer gesammten Macht gegenüber in Nachtheil
 gewesen. Und wenn wir auch wirklich mehr ans leichtem Blute als in Folge
 mühseliger Gewöhnung, und weniger in Folge einer tapferen Gesetzgebung als ans
 angeborner Tapferkeit die Gefahr des Kampfes lieben, nun so sind wir im
 Vortheil, denn wir sind nicht im Vorans durch Mühsal ermattet und zeigen uns
 doch bei der That nicht weniger kühn als die, welche ihr Leben lang sich
 abmartern."

„Hierin ist unsere Stadt der Bewunderung würdig: aber nicht minder in anderen
 Stücken. Denn wir sind Freunde des Schönen, ohne im Auswande das Maß zu
 überschreiten, und pflegen der 
 Wissenschaft, ohne uns verweichlichen zu lassen. Aus unserem Reich-
 
 thum machen mir eine Gelegenheit zur That, nicht zur Prahlerei imt c 
 Worten, und zu gestehen, daß Einer arm sei, gereicht ihm nicht zur Schande; viel
 schimpflicher ist's, die Armuth durch Fleiß nicht fern zu halten. Ein und
 dieselben Männer widmen sich den eigenen Angelegenheiten und den Aemtern des
 Staates, und die Andern, die dem Landban und den Gewerben obliegen müssen, haben
 deshalb keinen schlechten Verstand in Staatsdingen; denn allein bei uns wird
 Einer, der von Staatssachen sich ganz fern hält, nicht für einen Ruheliebenden,
 sondern für einen unnützen Menschen angesehen. Auch sind wir es, welche
 die Verhältniss; auf die richtige Weise beurtheilen, oder doch wenigstens in
 Erwägung ziehen, denn wir sind nicht der Ansicht, daß durch das Reden die Thaten
 Schaden leiden, sondern im Gegentheil dadurch, wenn man an die That geht, ohne
 vorher durch die Rede belehrt worden zu sein. Denn auch das ist ein großer
 Vorzug, den wir vor Andern voraus haben, daß muthiges Wagen und bedächtige 
 Ueberlegung dessen, was wir unternehmen wollen, bei uns vereinigt sind, während
 bei Andern nur Unkenntniß der Gefahr Kühnheit erzeugt, Ueberlegung aber Zagheit.
 Für die tapfersten Seelen werden aber mit Recht wohl die gehalten, welche das
 Schreckliche wie das Angenehme genau kennen und dabei doch vor Gefahr nicht
 zurückshceuen." 
 „Und auch von der Tugend des Wohlthnns denken wir anders als die meisten; denn
 nicht durch Empfangen, sondern durch Wohlthaten erweisen erwerben wir uns
 Freunde. Beständiger ist ja die Gesinnung des Wohlthäters, der das schuldige
 Dankgefühl durch fortgesetztes Wohlwollen bei dem Empfänger zu erhalten bemüht
 ist. Der zum Dank Verpflichtete ist schon weniger eifrig, da er nicht um freie
 Gunst zu erweisen, sondern um eine Schuld abzutragen, das empfangene Gute 
 erwidern muß. Wir allein sind es, die weniger aus Berechnung des Nutzens als aus
 edlem Vertrauen einer freien Denkart Andern Wohlthaten erweisen, ohne Undank zu
 fürchten."

„Und um es mit Einem Worte zu sagen, so behaupte ich, daß unsere Stadt eine
 Bildungsschnle für ganz Griechenland sei, und daß Mann für Mann bei uns sich
 Jeder den meisten Anforderungen mit größter Anmuth und Gewandtheit gewachsen
 zeige. Und daß dies Alles nicht für diese Gelegenheit erfundener Redeprunk,
 sondern die 
 
 Wahrheit der Dinge selbst ist, davon ist Beweis die Macht des Staates , die
 wir eben durch jene Eigenschaften erworben haben. Denn hervorragend über Alles,
 was bis jetzt erhört worden ist, geht er der Erprobung seiner Kraft entgegen, und
 er allein erregt weder dem angreifenden Feinde Entrüstung, daß er von Solchen
 Ungemach erleide, noch Tadel bei dem Unterworfenen, als ob er von
 Unwürdigen beherrscht werde. Unter großen redenden Beweisen und gewißlich
 nicht unbezeugt haben wir unsere Macht entfaltet und werden darum von den
 Lebenden und den Zukünftigen bewundert werden, und wir bedürfen weder eines Homer
 als Lobredners, noch sonst eines Andern, der mit seinen Gesängen zwar für den
 Augenblick ergötzt, aber bald wird die Wirklichkeit seine Anschauung der Dinge
 Lügen strafen, sondern zu allem Land und Meer hat unsere Kühnheit sich den
 Weg gebrochen, überall sich unvergängliche Denkmale im Guten und Bösen 
 gründend. Für eine solche Stadt nun sind die hier im tapferen Kampfe gefallen,
 entschlossen, sich ihrer nicht berauben zu lassen, und von den Ueberlebenden ist
 Jeder mit Recht bereit, um dieser Stadt willen Mühen und Gefahren zu
 erdulden."

„Deshalb habe ich mich auch länger bei der Schilderung unseres Staates verweilt,
 um zu zeigen, daß wir und Andere, die Nichts dem Geschilderten Aehnliches
 besitzen, nicht um gleichen Preis kämpfen, und zugleich um die Ruhmwürdigkeit
 dieser hier, um deren willen ich jetzt rede, in deutlichen Beweisen vor Augen zu
 stellen. Denn was ich eben an unserer Stadt Lobwürdiges erwähnt, damit 
 haben dieser Männer und ihres Gleichen Tugenden sie geschmückt, und sürwahr nicht
 bei vielen Hellenen möchte ein solcher Ausspruch, wie bei diesen, die Thaten
 nicht zu überbieien scheinen. Ein solches Ende aber, wie Diese es erlangten,
 scheint mir als erstes Probestück Mannestapferkeit zu bekunden, und als letztes
 sie zu besiegelte. Denn auch bei Solchen, die in andern Dingen sich schlechter
 gezeigt, wäre es billig, daß die für das Vaterland im Kampfe gegen den Feind
 bewiesene Tapferkeit über jenes hinaus hoch angerechnet werde; denn indem sie
 durch ihre Tapferkeit die Erinnerung an das Schlechte austilgten, haben sie 
 dem Gemeinwesen mehr genützt, als im Einzelnen geschadet. Von diesen hier aber
 hat weder Einer, den Genuß vorziehend, im Reichthums sich verweichlicht, noch
 auch in der Hoffnung, der Armuth zu entgehen 
 lind Reichthümer zu erwerben, es hinausgeschoben, sich der Gefahr zu
 
 stellen; vielmehr schien ihnen Rache an den Feinden süßer, und indem sie
 die Gefahr des Todes für die schönste erachteten, wollten sie mit ihr an diesen
 sich rächen und jene Güter erringen. Den ungewissen Erfolg überließen sie der
 Hoffnung, im Handeln aber um da?, was sichtbar vor Augen lag, glaubten sie sich
 selbst vertrauen zu müssen, und indem sie lieber kämpfen und leiden wollten als
 weichen und gerettet werden, entgingen sie schimpflicher Nachrede; die That aber
 bestanden sie mit ihrem Leibe, und im kurzen Schicksalsaugenblicke, von höchsten
 Ruhmes Odem, nicht von Furcht umflossen, sind sie geschieden."

„Als so tapfere Männer also haben sieh diese erwiesen, wie es ihre Pflicht.g^en
 die Stadt war. Die Ueberlebenden nun mögen zwar die Götter um ein ungefährdetes
 Leben bitten, aber es auch für Pflicht halten, nicht minder kühne Gesinnung
 gegen den Feind zu hegen. Den Nutzen derselben sollt ihr aber nicht blos durch
 Worte euch anschaulich machen, die Einer gar weitschweifig machen könnte, 
 indem er euch vorhält, was Alles für gute Dinge von Abwehr der Feinde abhängen,
 ohne daß ihr es darum nicht auch schon vorher gewußt hättet; vielmehr sollt ihr
 die Kräfte des Staates täglich euch vor Augen stellen und ihn liebgewinnen, und
 wenn euch seine Macht groß zu sein dünkt, so bedenkt, daß kühne Männer, die
 wußten, was Noth thut, und die im Kampfe aus die Stimme der Schaam und der 
 Ehre hörten, jene Macht erworben haben, — die, wenn ihnen auch einmal ein
 Unternehmen fehlschlug, darum nicht gleich dem Staate ihre Tapferkeit entziehen
 wollten, sondern für ihn sich selbst als schönstes Opfer Hingaben. Gemeinsam mit
 den Andern haben sie ihr Leben blosgestellt. und für sich haben sie
 unsterbliches Lob errungen und das schönste Grab, nicht nur das, in welchem sie
 ruhen, sondern das vielmehr, in welchem in der Brust eines jeden Mannes bei
 jedem Anlaß der Rede oder der That unvergessen ihr Ruhm lebt. Berühmter Männer
 Graberde ist jedes Land, und nicht mir die Inschrift einer Säule in der 
 eigenen Heimath bezeichnet sie, sondern auch im fremden Lande lebt in Jedem
 ungeschrieben das Gedächtniß mehr ihres Muthes als ihrer That. Diese also ahmet
 nach und suchet das Glück in der Freiheit, die Freiheit aber im eigenen Muthes,
 und übersehet nicht die vom Feinde drohende Gefahr. Denn nicht die, welche ein
 elendes Dasein führen, 
 
 und die keine Hoffnung auf Besseres haben, werden mehr Ursache haben, ihr
 Leben in die Schanze zu schlagen, sondern die, welche Gefahr lausen, einen
 Umschwung des Glückes zum Unglück zu erleben, und bei denen nachher der
 Unterschied sehr groß ist, wenn ein Unfall sie betroffen hat. Denn viel
 empfindlicher trifft einen Mann, der hochherzig denkt, die durch Feigheit
 herbeigeführte Schmach als Tod, der nicht empfunden wird, bei unerschrockener
 Tapferkeit und begeisterter Aussicht auf die Größe des Vaterlandes."

„Deshalb will ich euch Aeltern der Gefallenen, soviel eurer anwesend sind,
 nicht beklagen, sondern vielmehr nur trösten. Denn ihr selbst wißt, in wie
 vielfachem Wechsel des Glückes ihr gelebt habt, und daß glücklich sein nur dem
 zu Theil wurde, der einen so ruhmvollen Tod erlangt wie diese, und eine so
 ruhmvolle Trauer wie ihr, und dem es zugemessen wurde, in Dem auch seinen Tod zu
 finden, was das Glück seines Lebens ausmachte. Ich weiß wohl, daß es 
 schwer ist, euer Gemüth zu überreden, da ihr ost Anlaß zur Erinnerung an jene
 haben werdet, wenn ihr Andere in einem Glücke seht, dessen ihr euch selbst einst
 erfreutet. Auch betrübt man sich ja nicht um Güter, durch deren Verlust unsere
 Zukunft keines gewohnten Genusses beraubt wird, sondern um solche, an deren
 Genuß man gewöhnt war. Aber auch in der Hoffnung auf andere Kinder sollen die
 ihr Gemüth auf« richten, die noch in dem Alter sind, Nachkommen zu erzielen;
 denn im eigenen Hause werden die Neugeborenen den Schmerz heilen um die, 
 die nicht mehr sind, und dem Staate wird es doppelter Vortheil sein, nicht arm
 zu werden an Bürgern und an Sicherheit zuzunehmen. Denn es ist nicht möglich,
 daß Einer in recht gleicher Denkart mit den. Andern an den Berathungen um das
 Gemeinwohl theilnehme, wenn er nicht, wie die Andern, Kinder daran zu wagen hat.
 Ihr aber, die ihr über jenes Alter hinaus seid, sollt es als Gewinn betrachten,
 daß ihr den längeren Theil eures Lebens in Glück verbracht habt, und daß 
 das Uebrige nur noch kurz sein wird; und an dem Ruhme dieser Todten möget ihr
 euer Gemüth heben, denn die Ehre allein ist nicht alternd, und in den Jahren
 unnützlicher Schwäche ist es nicht Geldgewinn, was am meisten erfreut, wie Viele
 sagen, sondern Ehre zu genießen."

„Euch Söhnen aber und Brüdern der Gefallenen, sopiel Euer anwesend sind, seh
 ich großen Wettjamps bevorstehen. Denn 
 wer nicht mehr unter den Lebenden ist, den lobt Jeder; ihr aber werdet
 
 es auch durch ein Uebermaß von Tapferkeit nicht erreichen, diesen gleich- 
 geachtet zu sein, sondern immer noch um etwas tiefer angesetzt werden. Denn die
 Lebenden verläßt nicht der Neid gegen den Nebenbuhler, wer aber nicht mehr im
 Wege ist und durch keinen Wetteifer hemmt, der wird wohlwollend geehrt. — Soll
 ich aber nun auch noch der weiblichen Tugend derer Erwähnung thun, die nun als
 Wittwen leben werden, so will ich in kurzem Ermunterungswort Alles sagen. Euch
 wird groß der Ruhm sein, wenn ihr eurer weiblichen Art treu bleibt, und wenn
 unter Männern in Lob oder Tadel von Einer am wenigsten die Rede ist."

„So habe denn auch ich, dem Gesetze gehorchend, was ich zu sagen wußte, in der
 Rede vorgebracht; durch die That sind die Be> grabenen schon geehrt. Ihre
 Kinder aber wird die Stadt von jetzt an bis zur Mannesreife auf öffentliche
 Kosten erziehen, und damit fetzt sie diesen Todten wie den Ueberlebenden einen
 nützlichen Siegerkranz als Kampfpreis aus. Denn die Bürgerschaft wird die
 tapfersten Männer zählen, in welcher die Tapferkeit der höchste Preis erwartet.
 Nun aber weihet Jeder den Seinigen dieTodtenklage, nnd dann gehet nach
 Hause."

So wurde die Grabfeier in diesem Winter abgehalten, und mit ihm war auch das
 erste Jahr dieses Krieges abaelanfen. Sobald aber der Sommer seinen Ansang
 genommen hatte, fielen allsogleich die 
 peloponneper und ihre Bundesgenossen mit zwei Drittheuen ihrer Heeresmacht
 in Attika ein, wie auch das erste Mal. Anführer war Archidamos , des Zeuxidamos
 Sohn, König der Lakcdämonier. Sie schlugen ein Lager und fingen dann an das Land
 zu verwüsten. Noch waren sie erst wenige Tage in Attika, da sing zuerst die
 Seuche an sich unter den Athenern zu zeigen, und sie soll zwar, wie erzählt
 wird, schon früher zu mehreren Malen auf Lemnos und auch ander, wärts
 ausgebrochen sein, aber seit Menschengedenken war keine solche Pest und kein
 solches Sterben irgendwo vorgekommen. Denn auch die Aerzte vermochten Anfangs
 Nichts auszurichten, da sie die Krankheit behandelten, ohne sie zu kennen,
 sondern grade sie starben am häufigsten weg, da sie ja auch am meisten mit ihr
 in Berührung kamen. Und auch keine andere menschliche Kunst wollte helfen. Alles
 Beten in den Tempeln, Orakelbefragen und dergleichen war Alles nutzlos, 
 und endlich, vom Uebel ganz bewältigt, unterließ man auch das.

Zuerst soll sie sich, wie erzählt wird, in Aethiopien
 jenseits AegMen gezeigt haben, dann stieg sie nachAegypten und Libyen hinab
 und in viele Länder des persischen Königs. In die Stadt der Athener aber
 kam sie ganz plötzlich, und zwar befiel sie zuerst die Leute im Piräeus, so daß
 unter diesen sich Stimmen vernehmen ließen, als hätten die Pcloponnesier Gift in
 die Cisternen geworfen, — denn Brunnen gab es damals dort noch nicht. Bald kam
 sie aber auch in die obere Stadt, und es starben nun schon viel mehr Menschen
 daran. Mag nun aber über die Krankheit, wo sie wahrscheinlich ihren Ursprung
 genommen, und über die Ursachen, die eine so große Veränderung zu bewirken
 die Kraft hatten, Jeder reden, wie er denkt, sei er Arzt oder Laie, — ich will
 hier nur erzählen, wie sie sich gezeigt hat, und will sie so schildern, daß
 Einer, wenn sie einmal wiederkommen sollte, genug von ihr wisse, um sie nicht zu
 verkennen; denn ich selbst habe sie über« standen uud habe auch Andere gesehen,
 die daran Niederlagen.

Wie einstimmig anerkannt wurde, war das Jahr in Bezug auf sonstige Krankheiten
 ein vorzüglich gesundes, und wenn Einer an sonst etwas litt, so schlugen alle
 Uebel in dies Eine um. Die Andern aber ergriff ohne irgend welche Veranlassung,
 sondern ganz plötzlich und in voller Gesundheit, zuerst eine starke Hitze im
 Kopfe und Nöthe und Entzündung der Augen. Die innern Theile, Schlund und Zunge,
 unterliefen dann sogleich mit Blut, und der Athem wurde schlecht und 
 übelriechend; dann folgten Niesen und Heiserkeit, und binnen Kurzem stieg das
 Uebel in die Brust hinab, unter starkem Husten, und wenn es sich aus den Magen
 gesetzt hatte, kehrte es diesen um, und es erfolgten nach einander alle die
 Entleerungen der Galle, wie sie von den Aerzten mit Namen ausgezählt werden ,
 und zwar unter großen Schmerzen. Die Meisten befiel ein leeres Schluchzen und
 dics verursachte einen heftigen Krampf, der bei den Einen bald, bei den Andern
 aber erst nach langer Zeit nachließ. Aeußerlich war der Körper nicht sehr 
 heiß zum Anfühlen nnd auch nicht blaß, sondern geröthet und in's Blcisarbige
 spielend, uud in kleine Blasen und Geschwüre aufgefahren. Innerlich aber litt
 man solchen Brand, daß man nicht einmal die Bedeckung ganz leichter Gewänder
 oder der feinsten Leinwand ertragen und nur völlige Nacktheit leiden mochte; am
 liebsten hätte man sicb in kaltes Wasser gestürzt, und das thaten auch Viele von
 denen, deren 
 Niemand Acht hatte, indem sie in die Brunnen sprangen, von unauf- 
 hörlichem Durste gequält. Und es war ganz gleichgültig, ob Einer viel 
 trank oder wenig. Ruhelosigkeit und Mangel an Schlaf quälten unaufhörlich. Der
 Körper selbst, wie lange auch die Krankheit schon währte, welkte nicht, sondern
 leistete über Erwarten dem Verderben Widerstand, so daß die Meisten erst am
 neunten oder siebenten Tag an innerem Brande starben, obgeich sie sonst noch bei
 Kräften waren, oder — wenn sie hier entrannen, so stieg die Krankheit in den
 Unterleib hinab, und dann bildeten sich große Geschwüre, und nichtzustillender
 Durchsall trat ein, in dessen Folge die Meisten später aus Entkräftung zu
 Grunde gingen. Denn den ganzenKörper durchlief das Uebel, anfangend beim Kopfe,
 wo es sich zuerst festsetzte; und wenn Einer über das Schlimmste hinausgekommen
 war, so zeigte sich dies an, indem das Uebel die äußersten Körpertheile befiel;
 denn es ergriff die Scham- theile und die Finger und die Zehen, und Viele kamen
 mit dem Verluste dieser Gliedmaßen davon, Manche aber verloren auch die Augen.
 Einige ergriff, nachdem sie Alles überstanden, augenblicklich Vergessen» 
 heit aller Dinge, und sie kannten sich selbst und ihre nächsten Angehörigen
 nicht mehr.

Daß die Besonderheit dieser Seuche über alle Beschreibung geht, zeigt sich
 schon darin, daß sie den Einzelnen mit einer Gewalt anfiel, welche die
 menschliche Natur nicht zu ertragen vermochte; daß sie aber etwas ganz
 Unerhörtes war, beweist das Folgende. Von den Vögeln und Vierfüßlern, welche
 sonst von Leichnamen fressen, rührte keiner die vielen unbegrabenen Todten an,
 oder wenn das Thier davon sraß, so verendete es selbst. Beweis dafür ist das
 unzweifelhafte Verschwinden von dergleichen Vögeln, und man sah weder sonstwo
 einen, noch auch in der Nähe der Leichnam. Am deutlichsten war diese 
 Wirkung bei den Hunden wahrzunehmen, weil sie in Gesellschaft der Menschen
 leben.

Dies war im Ganzen die Art der Krankheit, um von vielen andern seltsamen Dingen
 zu schweigen, die dabei vorzugsweise dem Einen oder dem Anderen zustießen. Zu
 gleicher Zeit hatte man von den sonst gewöhnlichen Krankheiten Nichts zu leiden,
 und wenn etwas der Art vorkam, so schlug es in jene um. Es starben aber wie die,
 denen es an Pflege mangelte, so auch die mit aller Sorgfalt Gevflea« 
 
 
 
 ten. Es gab auch nicht cm besonderes Heilmittel, von dem man sagen konnte,
 daß sein Gebrauch hätte nützen müssen; denn was dem Einen nützte, erwies sich dem
 Andern schädlich. Die Leibesbeschaffcnheit für sich genommen, war es ganz
 gleichgültig, ob Einer kräftig war oder schwächlich, sondern Alles ohne
 Unterschied raffte die Seuche dahin, ob sich nun Einer so oder so behandeln ließ.
 Das Furchtbarste dabei war aber die Muthlosigkeit, wann sich Einer von dem
 Uebel ergriffen fühlte, — dein dann überließ man sich allsogleich der 
 Hoffnungslosigkeit, gab sich über Gebühr selbst auf und leistete keinen 
 Widerstand, — und daß, Einer durch die Pflege des Andern angesteckt, die Menschen
 dahinstarben wie die Schafe. Das war es, was den stärksten Verlust verursachte.
 Denn wenn man aus Furcht sich den Andern zu nähern vermied, so gingen diese in
 ihrer Verlassenheit zu Grunde, wie denn viele Häuser aus Mangel an Wärtern
 ganz ausgestorben waren. Wer aber sich jenen näherte, ging auch zu Grunde,
 und besonders die, welche den Tugendpflichten ein Genüge leisten wollten; denn
 aus Scham schonten sie sich selbst nicht und besuchten ihre Freunde, da auch die
 nächsten Anverwandten, überwältigt von dem endlosen Elende, des Klagens über die
 Gestorbenen müde wurden. Größeres Mitleid aber, mit den Gestorbenen sowohl 
 wie mit den noch Leidenden, hatten die Geretteten, weil sie das Uebel kannten und
 sich selbst bereits in Sicherheit wußten. Denn zum zweiten Male befiel Keinen
 die Krankheit so, daß er daran gestorben wäre. Und die Andern und sie selbst
 priesen sich glücklich, vor großer Freude über die Gegenwart sowohl, als auch
 weil sie der Hoffnung lebten, daß ihnen nun vielleicht keine Krankheit mehr
 tödtlich werden könnte.

Es bedrängte sie aber zudem vorhandenen Elend mehr noch der Zusammenfluß von
 Menschen vom Lande nach der Stadt, und nicht weniger litten dadurch die
 Ankömmlinge selbst. Denn da die Häuser für sie nicht hinreichten, sondern sie
 sich zur Sommerszeit in dumpfigen Hütten aushalten mußten, so gingen sie in
 wüstem Unwesen zu Grunde, ja sogar aus und über einander starben sie dahin
 und blieben als Leichen liegen, oder sie wälzten sich auf den Straßen und um
 alle Brunnen, halbtodt aus Begierde nach Wasser. Die Tempel, in denen sie ein
 Unterkommen gesucht hatten, waren gestillt mit Leichen, 
 da sie an heiliger Stelle dahin starben. Denn ganz überwältigt von 
 dem Elend wußten die Menschen nicht, was da noch werden sollte, < und
 fingen an sich nm göttliche wie um menschliche Dinge nicht mehr zu kümmern. Alle
 gesetzlichen Gebräuche, die man früher bei Begräbnissen beobachtet hatte, wurden
 vernachlässigt, und Jeder begrub seine Todten, wie er eben konnte. Viele ans
 Mangel an den nöthigen Erfordernissen, da ihnen schon zu Viele gestorben waren,
 wurden so schamlos, daß sie ihre Todten auf fremde Scheiterhaufen legten und
 diese in Brand steckten, ehe noch die dazu kommen konnten, welche sie 
 ausgerichtet hatten, oder auch warfen sie ihren mitgebrachten Leichnam aus den
 ersten besten brennenden Scheiterhaufen und machten sich davon.

Auch in andern Dingen war die Seuche für die Stadt der Anfang vermehrter
 Gesetzlosigkeit. Denn womit Einer früher geheim gethan hatte, darin ließ er
 jetzt schon mit größerer Frechheit seiner Lust die Zügel schießen, weil er sah,
 wie schnell ein Glückswechsel eintrat, wie die Reichen plötzlich dahinstarben,
 und solche, die früher Nichts besessen, jener Hab und Gut in Besitz nahmen. So
 trachteten sie also ihre Genüsse zu beschleunigen und deren Süßigkeit zu
 erhöhen, denn Leib und Gut sahen sie beides gleich schnell vergänglich. Und um
 des Guten und Rühmlichen wegen sich einer Mühe zu unterziehen, war Keiner
 geneigt, da er es für ungewiß hielt, ob er nicht zu Grunde gehen werde, bevor er
 das Ziel erreicht habe. Was aber schon an sich selbst angenehm war oder
 irgendwie dem Genuß förderlich schien, das galt auch sür schön und nützlich.
 Weder Furcht der Götter noch menschliches Gesetz hielt da Einen zurück, denn
 weil man Alle in gleicher Weise umkommen sah, so urtheilte man auch, daß es
 gleichgültig sei, ob man die Götter fürchte oder nicht fürchte, und Keiner
 hoffte so lange zu leben, bis er wegen seiner Verbrechen vor Gericht gestellt
 und gestraft würde; vielmehr sah er eine bereits fest verhäugte und viel größere
 Strafe über seinem Haupte schweben, und bevor diese hereinbreche, sei es
 doch billig, daß man seines Lebens noch in etwas genieße.

In solchem Elend lebten die bedrängten Athener: in der Stadt starben die
 Menschen dahin, und draußen wurde ihnen das Land verwüstet. In dieser Noth
 erinnerten sich auch, wie leicht zu denken, die älteren Leute des Wahrspruchs,
 der vor Zeiten sollte gegeben worden sein: 
 
 
 430 v. 
 „Kommen wird einstmals dorischer Krieg lind mit ihm die Seuche." Hierüber
 entstand nun ein Streit unter den Leuten, es habe in dem von den Alten
 überlieferten Wahrspruch nicht geheißen „die Seuche" (loimos), sondern „der
 Hunger" (liinos); unter den gegenwärtigen Umständen siegte aber natürlich die
 Meinung, es habe geheißen, „die Seuche." Denn das Gedächtnis; der Menschen war
 willig, sich nach tem gegenwärtigen Leiden zu richten, und ich glaube, wenn
 später wieder einmal ein dorischer Krieg käme und dabei eine Hungersnoth 
 ansbräche, so würde man ganz gewiß die Weissagung danach zustutzen. Wem aber die
 Sache bekannt war, der erinnerte sich auch des den Lakedämoniern gegebenen
 Götterspruches, als ihnen damals, da sie den Gott befragten, ob sie den Krieg
 anfangen sollten oder nicht, zur Antwort wurde: wer mit Macht den Krieg betreibe,
 dessen werde der Sieg sein, und dem werde auch der Gott selbst beistehen; — und
 diese urtheilten nun, daß das Eingetroffene der Weissagung ganz entspreche, 
 denn gleich nach dem Einfalle der Peloponnesier fing auch die Seuche an, und im
 Peloponnes trat sie nicht so auf, daß es der Rede werth gewesen wäre, sondern
 wüthete grade am ärgsten in Athen, und dann später auch in den volkreichsten
 anderen Städten. Das ist's, was von der Pest zu berichten war.

Die Peloponnesier nun, nachdem sie das flache Land verwüstet, zogen sich nach
 der Landschaft, welche das Seeland genannt wird, bis nach Laurion hinab, wo die
 Athener ihre Silbergruben haben, und verheerten zuerst die Seite, welche gegen
 den Peloponnes hin schaut, und dann die, welche gegen Enböa und Andros
 gekehrt ist. Perikles aber, der auch für dies Jahr Feldherr war, blieb bei 
 seiner Meinung, daß die Athener nicht aus der Stadt gehen dürften, um jene
 anzugreifen, wie auch während des ersten Einsalles.

Während jene aber noch in der Ebene lagen, und bevor sie sich nach dem Seelande
 gezogen hatten, rüstete er eine Flotte von hundert Schiffen zum Augriff auf den
 Peloponnes, und als sie nun bereit war, ging er unter Segel. Aus diesen Schiffen
 führte er 4000 athenische Schwerbewaffnete und drei Hundert Reiter auf
 Fahrzeugen, die damals aus alten Schiffen zum ersten Male für Pferde
 eingerichtet worden waren. Die Chier und Lesbier schifften mit fünfzig
 Segeln mit. Als diese Unternehmung der Athener abging, ließ sie die Pelo ponnesier im Küstengebiet von Attika zurück. Im Peloponnes lan­ 
 deten sie bei Epidauros und verheerten weithin das Land, griffen auch die
 Stadt an, und es hatte zwar den Anschein, als ob sie dieselbe würden nehmen
 können, aber es gelang ihnen nicht. Von Epidauros schifften sie weiter und
 verheerten das Gebiet von Tränen, Halias und Hermione, lauter Städte, an der
 peloponnesischen Küste gelegen. Von da gingen sie wieder unter Segel und kamen
 nach Pyrajla, einem Lakedämonischen Seestädtchen, verwüsteten das Land, nahmen
 das Städtlcin und zerstörten es. Nachdem sie dies ausgerichtet, kehrten 
 sie nach Hause zurück, trafen aber die Peloponnesier nicht mehr ans attischem
 Boden, sondern bereits abgezogen.

Während der ganzen Zeit, als die Peloponnesier auf attischein Gebiet waren und
 die Athener aus den Schiffen, würgte die Seuche die Athener sowohl ans der
 Flotte als in der Stadt, so das; auch behauptet wurde, die Peloponnesier hätten
 das Land schneller geräumt aus Furcht vor der Krankheit, deren Austreten in der
 Stadt sie durch Ueberläufer erfuhren, während sie auch selbst die mit dem 
 Begraben Beschäftigten sehen konnten. Doch waren sie bei dem diesjährigen 
 Einfalle die längste Zeit im Land geblieben, denn ihr Aufenthalt auf attischem
 Boden hatte ungefähr vierzig Tage gewährt.

Noch in demselben Sommer nahmen Hagnon, Sohn des Nikias, und Theopompos, des
 Kleinias Sohn, die Mitseldherrn des Perikles, dieselben Schiffe, mit welchen
 dieser seine Unternehmungen ausgeführt hatte, und zogen gegen die Chalkidier an
 der thrakifchen Gränze und gegen Potidäa, das immer noch belagert wurde. Als sie
 gelandet waren, ließen sie ihr Sturmzeug gegen Potidäa spielen und suchten
 die Stadt ans jegliche Weise zu nehmen. Aber es gelang ihnen weder die Einnahme
 derselben, noch hatten sie sonst einen Erfolg, der ihre Rüstung gelohnt hätte.
 Denn die mitgebrachte Krankheit bedrängte hier die Athener aus's Aergste und
 lichtete ihre Reihen, ja auch die alten Belagerungstrnppen, die bis dahin gesund
 gewesen waren, wurden durch die Mannschaft des Hagnon angesteckt. Phormion mit
 seinen sechzeynhundert Mann stand nicht mehr im Gebiet der Chalkidier. So
 kehrte nun Hagnon mit den Schissen nach Athen zurück, nachdem er in ungefähr
 vierzig Tagen von vier Tausend Schwerbewaffneten fünfzehn Hundert durch die
 Seuche verloren hatte. Die 
 
 430 v. Chr. alte Truppe aber bli.b am Platz, die Belagerung von Potidäa 
 fortzusetzen.

Nach dem zweiten Einfalle der Peloponnesier fingen die Athener an, anderes
 Sinnes zu werden, da ihr Land nun schon zum zweiten Male verheert worden war, und
 mit dem Kriege auch die Seuche sie bedrängte. Sie klagten den Perikles an, daß er
 sie zum Kriege beredet habe, und durch sein Verschulden sei so viel Unglück 
 über sie gekommen; und mit den Lakedämoniern hätten sie sich gerne verglichen.
 Auch schickten sie wirklich Gesandte dahin, aber ohne etwas auszurichten. Jetzt
 waren sie durchaus unschlüssig und hörten nicht aus dem Perikles zuzusetzen. Da
 er nun sah, wie sie die gegenwärtige Lage unwillig ertrugen, und sich ganz so
 benahmen, wie er es im Voraus vermuthet hatte, so berief er eine Versammlung, —
 denn er war noch Feldherr, — um ihnen Muth einzusprechen, ihren Unwillen
 abzuleiten und sie gemäßigter und vertrauensvoller zu stimmen. Er trat also auf,
 und redete wie folgt:

„Euer Unwille gegen mich kommt mir nicht unerwartet, denn ich kenne dessen
 Ursachen, nnd deshalb habe ich die Volksversammlung berufen, um euch zur Rede zu
 setzen nnd zurechtzuweisen, wenn ihr mir mit Unrecht zürnt oder feige vor dem
 Mißgeschick weichet. Denn ich bin der Meinung, daß ein Staat, der im Ganzen
 sich wohlbefindet, den einzelnen Bürgern viel mehr zu nützen vermag, als ein 
 solcher, dessen einzelne Bürger alle wohlhabend sind, mit dem es aber im Ganzen
 schlecht steht Denn geht es auch dem einzelnen Manne für sich noch so gut, so
 ist er beim Untergange des Vaterlandes doch mit verloren, geht es ihm aber
 schlecht, so hat er in einem glücklichen Staate viel mehr Gelegenheit sich
 aufzuhelfen. Wenn nun also der Staat im Stande ist, das Unglück Einzelner zu
 übertragen, jeder Einzelne aber für sich unfähig ist. das des Staates zu
 übertragen, sollen dann nicht Alle für ihn einstehen und das vermeiden, was
 ihr jetzt thut, daß ihr euch durch häusliches Unglück so weit verwirren 
 lasset, das gemeinsame Wohl ganz außer Augen zu lassen, und auf mich, der ich den
 Krieg veranlaßt habe, und auf euch selbst, die ihr mit dafür gestimmt habt,
 unwillig zu sein? Und einem Manne zürnet 
 
 ihr, der doch in Erkenntnis; dessen, was nöthig ist, und in der Kunst,
 
 es auseinanderzusetzen, Niemanden nachsteht, der sein Vaterland liebt und
 über Gewinnsucht erhaben ist! Denn wer zwar Einsicht hat, aber Andere nicht
 belehren kann, der ist gerade so gut, als wenn er kein Verständnis; hätte; wer
 aber beides hat und dabei dem Staate nicht treugesinnt ist, der kann wohl auch
 nichts Vortheilhaftes vorbringen ; und wer auch das Dritte noch dazu besitzt,
 vom Gelde aber bestochen wird, der würde für dies Eine Alles Andere zu verkaufen
 bereit sein. Wenn ihr also damals meiner Aufforderung zum Kriege nachgabt,
 weil ihr der Ansicht wart, daß ich jene Eigenschaften auch nur in mäßig höherem
 Grade als Andere besitze, so kann ich jetzt wohl eure Beschuldigungen als ein
 Unrecht gegen mich zurückweisen."

„Wenn Einer, der sonst im Glücke ist, die freie Wahl hat, so ist es eine große
 Thorheit, den Krieg zu wählen; wenn aber keine andere Wahl da ist, als durch
 Nachgeben sich dem Fremden zu unterwerfen oder mit der Gefahr des Kampfes den
 Sieg zu suchen, so ist der, welcher die Gefahr meidet, schlechter als wer sich
 ihr stellt. Ich für mein Theil bin derselbe geblieben und ändere meine
 Grundsätze nicht, ihr aber wechselt eure Gesinnungen; denn als ihr im Glücke
 wäret, ließt ihr euch von mir überreden, und nun, da ihr Verluste erlitten
 habt, wandelt euch Neue an, und nur in eurer eigenen Gesinnungsschwäche
 erscheint euch meine Ansicht als unrichtig, weil für Verluste Jeder im
 Augenblicke Empfindung hat, Alle zusammen aber keine Vorstellung von dem
 zukünftigen Nutzen. Tritt ein bedeutender Umschwung ein, und dazu noch
 plötzlich, so ist eure Denkart zu niedrig, als daß ihr aus dem beharrtet, was
 ihr für gut erkannt habt. Denn was plötzlich und unvorhergesehen und ganz und
 gar gegen alle Erwartung eintritt, das beugt den Muth nieder; und das ist euch,
 wie bei andern Dingen, so auch vorzüglich bei der Pest geschehen. Und doch
 solltet ihr, als Bürger einer großen Stadt und in den entsprechenden Gesinnungen
 auferzogen, auch den größten Unfällen die Stirne bieten und eure Würde nie
 verläugnen, — denn mit gleichem Rechte tadeln die Menschen denjenigen, der aus
 Feigheit hinter ererbtem Ruhme zurückbleibt, als sie den hassen, der frechmüthig
 nach dem Ruhme greift, der ihm nicht gebührt. Ihr solltet also eigene 
 Unfälle verschmerzen und nur das Ganze zu retten streben."

„Was aber die Anstrengungen des
 Krieges wegen betrifft, von denen ihr besorgt, daß sie zu groß für uns werden,
 und wir vielleicht doch nicht Sieger bleiben möchten, so muß euch das genügen,
 wodurch ich euch schon früher ost gezeigt habe, daß eure Furcht 
 ungegründet ist. Ich will aber jetzt den Punkt aushellen, den ihr mir weder
 selbst jemals recht zu bedenken schienet, nämlich die Größe eurer wirklichen
 Macht, und über den auch ich in meinen früheren Reden nicht gesprochen habe. Und
 auch jetzt würde ich ihn nicht hervorziehen, da es zu sehr den Anschein der
 Prahlerei hat, wenn ich euch nicht ganz über alle Gebühr niedergeschlagen sähe.
 Ihr glaubet nämlich, daß ihr nur über eure Bundesgenossen herrschet; ich aber
 sage, daß von den zwei Gebieten, auf denen man sich bewegen muß, Land und
 Meer nämlich, ihr das eine ganz und gar bherrschr, so weit ihr bis jetzt reicht,
 und noch weiter, wenn ihr nur wollt. Es gibt heute Niemanden, der eurer jetzigen
 Flotte die See wehren könnte, weder einen König noch auch sonst ein Volk. Es
 kommt also die Benutzung der Häuser und der Ländereien, mit denen ihr so gar
 viel verloren zu haben glaubt, neben dieser eurer Macht gar nicht in Betracht.
 Und es ist nicht in der Ordnung, daß ihr diesen Verlust so gar schwer 
 empfindet; vielmehr solltet ihr dergleichen gering achten, wie allenfalls ein
 Gärtchen oder ein Prunkstück des Reichthums, und denken, daß die Unabhängigkeit,
 wenn wir an ihr festhaltend den Kampf überdauern, uns leicht dergleichen
 wiederbringen wird, daß aber, wenn wir erst Anderen gehorchen, auch der frühere
 Besitz seinen Werth verliert. Wir dürfen in beiden Dingen nicht schlechter fein
 als unsere Väter, die jenes unter Mühe und Anstrengung erworben, nicht von 
 Andern ererbt, festgehalten und glücklich auf uns gebracht haben. Es ist aber
 viel schimpflicher, sich nehmen zulassen, was man hat, als beim Versuche es zu
 erwerben unglücklich zu sein. Und unseren Feinden müssen wir nicht nur mit
 hochherziger Unerschrokceuheit, sondern sogar mit Verachtung entgegen gehen.
 Prahlen kann auch einmal ein Feiger, wenn er, ohne die Gefahr kennen gelernt zu
 haben, glücklich gewesen ist, verachten aber nur der, der an einsichtigem Muthe
 den Feind zu übertreffen sich bewußt ist; und das ist bei uns der Fall. Auch die
 Kühnheit wird bei gleichem Glücke durch das Bewußtsein, auf den Gegner
 herabsehen zu können, sicherer gemacht; auf die Hoffnung baut 
 das Bewußtsein weniger, denn deren Kraft zeigt sich nur in ganz un-
 
 gewisser Lage, wohl aber auf den Muth, der sich faus Kenntnis; der 
 vorhandenen Mittel gründet, in deren vorsorglicher Beischaffung die eigentliche
 Kraft liegt."

„Es versteht sich aber von selbst, daß ihr die Ehre, welche unserer Stadt aus
 der Herrschaft erwächst, und mit der ihr alle großthut, nicht im Stiche lassen
 dürfet, und keine Mühe scheuen, wenn ihr nicht überhaupt das Streben nach Ehre
 ausgeben wollet. Auch deutet nicht, daß es bei diesem Kampfe sich nur um Eines
 drehe, eigene Abhängigkeit oder Unabhängigkeit, — nein, es handelt sich auch um
 den Verlust der Herrschaft über Andere und um die Gefahren, die der Haß
 mit sich bringt, welchen unsere Herrschaft uns zugezogen hat; und diese
 aufzugeben, dazu ist jetzt gar keine Zeit mehr, wenn es auch vielleicht unter
 den gegenwärtigen Umständen Einer aus Furcht und aus biedermännischer Liebe zur
 Unthätigkeit thun möchte. Denn eure Herrschaft ist bereits eine Zwangsherrschaft
 geworden, und solche an sich zu reißen gilt zwar für Unrecht, allein sie
 aufzugeben ist gefahrvoll. Dergleichen Leute, wenn sie irgendwo nach ihrer Weise
 ein freies Staatswesen hätten und ihre Mitbürger mit ihren Meinungen ansteckten,
 sollten ihren Staat bald zu Grunde gerichtet haben! Denn solche 
 Unthätigkeit kann die Freiheit des Staates nicht erhalten, wenn nicht eine 
 rührige Thatkraft daneben steht; und nicht in einem herrshcenden Staate, sondern
 in einem unterworfenen ist gefahrlose Dienstbarkeit von Nutzen."

„Ihr aber laßt euch von so denkenden Mitbürgern nicht zum Narren halten und
 hegt keinen Unwillen gegen mich, — denn ihr selbst habt mit mir den Krieg
 beschlossen, — wenn auch die Feinde eingefallen sind und gethan haben, was zu
 erwarten stand, da ihr ihnen einmal nicht nachgeben wolltet. Es ist aber über
 unsere Erwartung auch noch diese Seuche hinzugekommen, das Einzige, was 
 uns in schrecklicherer Art betroffen hat, als wir Alle voraussehen konnten; und
 ich weiß, daß ich von einem Theil eben deshalb noch mehr gehaßt werde; aber
 nicht mit Recht, ihr müßtet denn auch das mir zuschreiben, wenn euch gegen
 Erwarten irgend ein Glück zu Theil wird. Was von den Göttern kommt, muß man mit
 Ergebenheit, was von den Feinden kommt, mannhaft ertragen. So wenigstens 
 war es früher in dieser Stadt Sitte, und ihr
 wollt es doch nicht ab« stellen? Bedeutet, daß sie unter allen Menschen den
 größten Namen hat, weil sie dein Unglücke nie gewichen ist; daß sie im Kriege an
 Menschenleben und Anstrengungen die größten Opfer gebracht hat, und bis
 auf diesen Tag eine Macht erworben, deren Andenken bei den Nachkommenden nie
 erlöschen wird, auch wenn mir jetzt einmal etwas zurückgehen sollten, denn
 Alles, was entstanden ist, muß ja auch einmal niedergehen. Wir sind es, die
 unter den Hellenen über die größte Zahl von Hellenen geherrscht und in den
 schwersten Kriegen der Gesammtheit wie den Einzelnen widerstanden haben, und so
 haben wir diese Stadt, die wir bewohnen, in allen Stücken zur blühendsten und
 größten gemacht. Das Alles mag freilich der tadeln, der die Thätigkeit für
 den Uebel halt; wer aber etwas ausrichten will, der wird uns selbst nacheifern,
 und wer im Erwerben nicht so glücklich ist, der wird uns beneiden. Daß wir aber
 gehaßt und scheel angesehen werden unter den jetzigen Umständen, das ist das
 Loos noch Aller gewesen, die je über Andere zu herrschen wünshcten. Wer aber um
 die größten Dinge Neid auf sich nimmt, der hat das Rechte gewählt; denn Haß
 dauert nicht lange aus, der gegenwärtige Glanz aber und der zukünftige
 Ruhm lebt ewig im Gedächtniß der Menshcen. Ihr also bedenket voraus, was in der
 Zukunft euch Ruhm und für die Gegenwart keine Schande bringt, und nach beiden
 strebet jetzt schon mit allem Eifer. Mit den Lakedämoniern fanget keine
 Unterhandlungen an, noch dürst ihr zeigen, daß die gegenwärtigen Unfälle euch
 niederdrücken; denn wer vom Unglück den Muth sich am wenigsten bengen läßt und
 ihm mit der That am kräftigsten widerstrebt, die sind unter Staaten und 
 unter Bürgern die besten."

Durch solcherlei Reden suchte Perikles den Unwillen der Athener gegen sich zu
 entkräften und ihre Gedanken von den augenblicklichen Uebeln abzuleiten. In den
 öffentlichen Angelegenheiten nun folgten sie seinen Worten und schickten nicht
 weiter mehr zu den Lakedämoniern, sondern rüsteten sich noch eifriger zum
 Kriege; für sich aber blieb jeder von seinen eigenen Leiden niedergedrückt: das
 gemeine Volk, weil es nur Weniges besessen nnd auch das noch verloren
 hatte, die Reichen, weil sie sich ihrer schönen Besitzungen, ihrer Häuser auf
 dem Lande und der kostbaren Einrichtungen beraubt sahen, 
 und, was von Allem das Wichtigste, weil sie Krieg hatten anstatt des
 
 Friedens. Und in der That hörten sie insgesammt nicht eher aus, ihn mit
 ihrem Unwillen zu verfolgen, als bis sie ihn um eine Summe Geldes gestraft
 hatten. Wie es aber der große Haufe zu machen pflegt, so wählten sie ihn nicht
 lange danach wieder zum Feldherrn und übertrugen ihm alle Staatsgeschäfte; denn
 über das, was Jeder in seinem Häuslichen zu leiden hatte, dachten sie bereits
 milder, den Bedürfnissen des Staates aber glaubten sie, sei er am besten 
 gewahcsen. Und in der That, so lange er im Frieden dem Staate vorstand, lenkte er
 ihn mit Mäßigung und bewahrte ihn mit sicherer Hand vor Unheil, und unter seiner
 Regierung erreichte er seine größte Macht. Als aber der Krieg eintrat, so zeigte
 es sich, daß er auch hierin die Kräfte des Staates vorher richtig geschätzt
 hatte. Er lebte aber während desselben noch zwei Jahre und sechs Monate, und als
 er gestorben war, da wurde seine Voraussicht in Betreff des Krieges erst
 recht erkannt; denn er hatte behauptet, wenn die Athener sich sonst ruhig 
 verhielten, nur auf die Flotte Bedacht nähmen, während des Krieges ihre
 Herrschaft nicht weiter ausbreiten und die Stadt selbst keiner Gefahr aussetzen
 wollten, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber wendeten dies Alles in's
 Gegentheil um und unternahmen aus persönlichem Ehrgeize und um des eigenen
 Aortheils willen andere Dinge, die mit diesem Kriege gar nicht im Zusammenhang
 standen, zu ihrem eigenen und ihrer Bundesgenossen Unglück, — Dinge, die, wenn
 sie gelangen, den Einzelnen zwar Ehre und Nutzen mehren konnten, wenn sie
 aber mißlangen, dem Staate für den Verlauf des Krieges zum Schaden gereichten.
 Die Ursache davon war, das; jener, an Ansehen und Einsicht hervorragend,
 unbestechlich war wie kein Anderer und die Menge durch seinen Freimuth im Zaume
 hielt. Er wurde nicht von jener gelenkt, sondern lenkte sie vielmehr selbst, weil
 er nicht durch unerlaubte Mittel zu seiner Macht gelangt war und ihnen
 deshalb nicht zu Gefallen reden mußte, sondern sich das Recht nahm, ihnen 
 auch mit Leidenschaft zu widersprechen. Wenn er nun merkte, daß sie zur unrechten
 Zeit aus Uebermuth waghalsig werden wollten, so schlug er durch seine Reden ihre
 Stimmung bis zur Zaghaftigkeit nieder, und sah er sie in übertriebener Furcht, so
 richtete er sie wieder zur Kühnheit auf. So gab es dem Namen nach eine
 Volksherrschaft, in der 
 That aber ging vom ersten Manne die Herrschaft
 aus. Die aber nach ihm kamen, mehr Einer mit dem Andern gleiches Ranges waren
 und doch Jeder der Erste werden wollten, fingen an dem Volke zu Gefallen 
 ihm die Staatsangelegenheiten in die Hände zu geben, weshalb, wie es in einem
 großen und Andere beherrshcenden Staate natürlich ist, sowohl viele andere
 Fehler begangen wurden, als auch besonders die Seeunternehmung gegen Sicilien.
 Bei dieser lag aber der Fehler nicht sowohl in der Absicht rücksichtlich derer,
 gegen welche der Zug unternommen wurde, als vielmehr darin, daß die Unternehmer
 hinterher die Sache des abgegangenen Heeres nicht im Auge behielten, 
 sondern unter lauter Ränken der Einzelnen um den Vorrang beim Volke die Kraft
 des Heeres todt legten und wegen der Staatsangelegenheiten zuerst unter sich
 selbst in Zerwürsniß geriethen. Obgleich sie nun in Sicilien sowohl ihre übrige
 Kriegsrnstung als auch den größten Theil der Flotte einbüßten, und auch bereits
 zu Haus unter ihnen Zwiespalt herrschte, so widerstanden sie doch noch drei
 Jahre ihren früheren Feinden und den Sikelioten noch dazu, während 
 gleichzeitig auch die meisten ihrer Bundesgenossen zu jenen übergegangen waren
 und auch des Perserkönigs Sohn, Kyros, sich denselben angeschlossen hatte, der
 den Peloponnesiern Geld zu einer Flotte gab. Und nicht eher gaben sie nach, als
 bis sie durch ihre eigenen Zwistigkeiten ganz und gar herabgekommen waren.
 Soweit war Penkles damals noch unter der Wirklichkeit zurückgeblieben, als er
 voraus berechnete, daß sie im Kriege gegen die Pcloponnesier allein sehr leicht
 den Sieg behalten würden.

Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen gingen desselbigen Sommers mit
 Hundert Schiffen unter Segel gegen Zakynlhos, der Insel gegenüber von Elis. Es
 wohnen dort Ansiedler aus den Peloponnesischen Achaiern, und damals hielten
 diese zu den Athenern. Die Lakedämonische Flotte führte Tausend
 Schwerbewaffnete, und der Spartaner Knemos hatte den Oberbefehl. Sie stiegen
 an's Land und verheerten weithin die Insel; da aber jene nicht nachgaben, 
 so schifften sie nach Hause zurück.

Gegen Ende desselben Sommers wollten Aristeus, der Korinther, und von den
 Lakedämoniern als Abgesandte Aneristos und ^^ikolaos und Stratodemos und der
 Tegeate Timagoras und mit 
 ihnen anS persönlicher Bewegung Es auch der ArgiverPolliszum Könige
 
 nach Asien reisen, ob sie ihn vielleicht bewegen möchten, Hülfsgelder zn 
 zahlen und mit ihnen am Kriege theilzunehmen. Auf dem Wege dahin gingen sie
 zuerst nach Thrakien zum Sitalkes, dem Sohne des Teres, um ihn wo möglich zu
 überreden, daß er von der Bundes- genostenschast mit den Athenern abfalle und
 ein Heer nach Potidäa schicke, wo noch die Belagerungstruppen der Athener
 standen. Von hier ans wollten sie dann durch jenes Vermittelung über den 
 Hellespont zum Pharnakes, des Pharnabazos Sohn, gelangen, der sie dann weiter
 zum Hofe des Königs befördern sollte. Es waren aber auch gerade Gesandte der
 Athener bei dem Sitalkes, Learchos nämlich, Sohn des Kallimachos, und
 Ameiniades, des Philemon Sohn, und diese überredeten den Sohn des Teres,
 Sadokos, der athenischer Bürger geworden war, ihnen jene Männer in die Hände zu
 liesern, damit sie nicht zum Könige gelangen und der Stadt Schaden zufügen 
 möchten , die ja zum Theil auch für ihn Vaterstadt sei. Dieser ließ sich 
 überreden und jene aus der Reise durch Thrakien zu dem Schiffe, welches sie über
 den Hellespont bringen sollte, bevor sie sich einschiffen konnten, festnehmen,
 indem er dem Learchos und dem Ameiniades Leute mitgab, welche den Befehl hatten,
 ihm jene Männer auszuliefern. Tiefe nahmen die Gefangenen und brachten sie nach
 Athen. Als sie dort ankamen, ließen die Athener aus Furcht, Aristeus möge, wenn
 er ihnen entkäme, ihnen noch weiteren Schaden zufügen, — denn in der That
 hatte es sich gezeigt, daß er vordem wegen Potidäa's und Thrakiens Alles
 eingefädelt hatte, — noch an demselben Tage Alle unangehört hinrichten, obwohl
 sie Einiges vorbringen wollten, und in Gruben werfen. Hierdurch wollten sie das
 mit Gleichem vergelten, womit die Spartaner den Anfang gemacht hatten, indem sie
 die Kauflente von den Athenern und ihren Bundesgenossen, die mit ihren 
 Lastschiffen die peloponnesishcen Gewässer befuhren, ergriffen, tödteten und in
 Gruben warfen. Und in der That hatten zu Anfang des Krieges die Lakedämonier
 Alles, was sie auf dem Meere ergriffen, als Feinde umgebracht, mochten sie nun
 Kampfgenossen der Athener sein, oder zu keinem von beiden Theilen stehen.

Uni dieselbe Zeit, gegen Ende
 des Sommers, zogen auch die Amprakioten mit eigener Macht und mit vielen
 Barbaren, die sie ausgeboten hatten, gegen das amphilochische Argos und die
 übrig? Landschaft Amphilochia zu Felde. Der Anfang ihrer Feindschaft gegen
 die Argiver hatte diese Veranlassung. Das amphilockische Argos und den ganzen
 Staat Amphilochia gründete nach seiner Rückkehr von Troja, da er an den
 Zuständen von Argos keinen Gefallen fand, Amphilochos, des Amphiaraos Sohn, am
 Meerbusen von Amprakia und gab ihm nach seiner Vaterstadt den gleichen Namen
 Argos. Diese Stadt war die größte in Amphilochia und hatte auch die reichsten
 Einwohner. Um viele Geschlechter später aber geriethen sie durch 
 Unglückssälle in Bedrängniß und luden ihre amprakischen Nachbarn ein, sich unter
 ihnen niederzulassen, und damals lernten sie ihre jetzige hellenische Sprache
 von den Amprakioten, die sich unter ihnen ansiedelten; die übrigen Amphilochier
 aber sind Barbaren. Nach einiger Zeit nun trieben die Amprakioten die Argiver
 aus und nahmen die Stadt selbst in Besitz, worauf sich die Amphilochier den
 Akarnanern ergaben und beide die Athener zu Hülfe riefen, die ihnen den 
 Feldherrn Phormio mit dreißig Schiffen zusandten. Nach Phormio's Ankunft nahmen
 sie die Stadt Argos mit Gewalt und verkauften die Amprakioten in die Sklaverei,
 und seitdem bewohnten Amphilochier und Akarnaner die Stadt gemeinsam. Danach kam
 zuerst die Bundesgenossenschast zwischen Athenern und Akarnanern zu Stande.
 Seiden, aber damals ihre Leute als Sklaven verkaust worden waren, nährten
 die Amprakioten Haß gegen die Argiver, und später unternahmen sie in diesem
 Kriege den eben erwähnten Zug mit eigener Macht und mit Hülsstruppen der Chaoner
 und anderer benachbarter Barbaren. Sie rückten vor Argos und machten sich des
 Landes Meister, die Stadt aber konnten sie trotz ihrer Bestürmung nicht 
 nehmen, und so zogen sie wiederum ab und gingen ein jeder Stamm in seine
 Heimath. Das war es, was in diesem Sommer geschehen ist.

In dem nun folgenden Winter schickten die Athener zwanzig Schiffe in die
 peloponnesischen Gewässer unter Anführung des Phormio, der sich bei Naupaktos
 aufstellte und Wache hielt, daß von Korinth und dem Krisäischen Meerbusen weder
 Jemand aus- noch einsegeln konnte. Andere sechs Schiffe sandten sie unter dem
 Ober befehl des Melesander nc^ch Karten und Linien, damit sie in
 jenen 
 Gegenden Geld eintreiben und Acht haben sollten, daß peloponnesiscke 
 Kaperschiffe sich nicht festsetzten, um von dort aus die Fahrt der 
 Kausmannsschiffe von Phaselis und Phönikien und dem dasigen Festlande zu
 beunruhigen. Als aber Melesander mit der Besatzung der athenischen Schiffe und
 mit Truppen der Bundesgenossen einen Einsall in die lykische Landschaft machte,
 so fiel er selbst, und mit ihm ging ein Theil des geschlagenen Heeres zu
 Grunde.

In demselben Winter vermochten die belagerten Potidäer sich nicht mehr zu
 halten, da die Einfälle der Peloponnesier in Attika ihnen keineswegs die Athener
 vom Hals schafften, ihnen selbst vielmehr die Nahrungsmittel ausgingen, und
 außer andern Dingen, welche die Noth zu genießen zwang, Einige sogar schon
 Menschensleisch gegessen hatten. Deshalb boten sie den gegen sie aufgestellen
 Feldherren der Aihener, Aencphon, dem Sohne des Euripides, Hestiodoros, dem
 Sohn des Aristokleides, und dem Phanomachos, des Kallimachos Sohn, die
 Hand zu einem Vergleiche. Und diese zeigten sich dazu auch willig, da sie sahen,
 wie ihre Truppen in der rauhen Gegend litten, und der Staat überdies schon zwei
 Tausend Talente auf die Belagerung ausgegeben hatte. Sie kamen nun dahin
 nberein, daß sie selbst mit Weib und Kind, sowie auch ihre Bundesgenossen, Jeder
 mit einer Gewandung, die Weiber aber mit zweien ausziehen sollten, und ein
 festgesetztes Stück Geld zur Wegzehrung durften sie auch mitnehmen. Unter dem
 Schutze dieses Vertrages nun zogen sie gegen Ehalkidike, oder wie es grade Einer
 einrichten konnte. Die Athener aber waren ungehalten über ihre Feldherrn, daß
 sie aus eigene Hand den Vertrag geschlossen, denn sie glaubten, die Stadt hätte
 sich doch auf Gnade oder Ungnade ergeben müssen. Später sandten sie 
 Ansiedler aus ihrer Mitte nach Potidäa und besetzten damit die Stadt für
 sich. 
 Das ist's, was in diesem Winter geschah, und damit ging das zweite Jahr des
 Krieges zu Ende, welchen Thukydides beschrieben hat.

Im nächstfolgenden Sommer nun machten die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen
 keinen Einfall nach Attika, sondern 
 
 wendeten sich gegen Platäa. Es befehligte aber Archidamos, des Zeuxidamos Sohn,
 König der Lakedämonier. Tiefer ließ das Heer 
 
 ein Lager schlagen und schickte sich an das Land zu verwüsten. Da sandten
 die Platäer allsogleich Abgeordnete an ihn und ließen ihm sagen: 
 „Archidamos und ihr Lakedämonier! Ihr handelt nicht recht, noch euer und der
 Väter, von denen ihr abstammt, würdig, indem ihr gegen das Gebiet der Platäer zu
 Felde zieht. Denn als Pansanias, des Kleombrotos Sohn, der Lakedämonier, Hellas
 von den Medern befreit hatte, im Bunde mit den Hellenen, die mit ihm die Gefahr
 der Schlacht theilen wollten, welche unter unsern Mauern vorfiel, brachte
 er auf dem Markte der Platäer dem Zeus Befreier ein Opfer, und nachdem er alle
 Bundesgenossen zur Zeugenschaft herbeigerufen, übergab er den Platäern ihr Land
 und ihre Stadt als freie unabhängige Männer zu bewohnen, und niemals sollte sie
 Einer ungerechter Weise, oder um sie in Botmäßigkeit zu bringen, mit Krieg 
 überziehen; wenn es aber doch geschähe, so sollten alle die gegenwärtigen 
 Bundesgenossen nach Kräften abwehren. Dies Vorrecht haben uns eure Väter
 ertheilt zur Belohnung der Tapferkeit und des Eifers, welche wir in jenen
 Gefahren bewiesen; ihr aber thut nun davon das Gegentheil; denn im Bunde mit den
 Thebanern, unseren ärgsten Feinden, kommt ihr nun, uns in Knechtschaft zu
 zwingen. So rufen wir denn zur Zeugenschaft die eidbewachenden Götter von
 damals, die Gottheiten eurer Väter und unsere heimischen und ermähnen euch,
 das Gebiet von Platäa nicht zu schädigen, noch die Eidschwüre zu 
 verletzen, sondern uns unabhängig hier wohnen zu lassen, wie Pausanias uns
 zugestanden hat."

Auf diese Rede der Platäer antwortete Archidamos: „Was ihr sagt, ist recht, ihr
 Männer von Platäa, wenn nur eure Thaten zu den Reden stimmen. Wie euch Pausanias
 verstattet hat, möget ihr in Unabhängigkeit leben! Aber helft auch die Andern
 befreien, welche damals mit euch die Gefahr getheilt und den Schwur 
 mitgeleistet haben und nun von den Athenern unterjocht sind. Ihretwegen und zur
 Befreiung der Uebrigen ist auch diese große Rüstung und der Krieg unternommen,
 und nur wenn ihr mit daran Theil nehmt, bleibt ihr recht eurem Schwüre getreu.
 Wollt ihr das nicht, so fordern wir euch auf, wie wir schon früher gethan:
 haltet euch ruhig, regiert euch selbst, stehet aber zu keinem von beiden
 Theilen, sondern gestattet beiden 
 als Freundes: den Eintritt, zu Kriegszwecken aber keinem von beiden.
 
 Damit werden wir zufrieden sein." 
 So antwortete Archidamos. Da nun die Platäischen Abgesandten ihn angehört
 hatten, gingen sie in die Stadt zurück, und nachdem sie ihren Bürgern jene Worte
 mitgetheilt, gaben sie ihm zur Antwort, es wäre ihnen unmöglich, zu thun was er
 begehre, ohne die Athener zu befragen; denn ihre Weiber und Kinder wären 
 bei jenen. Auch seien sie in Furcht wegen ihrer Stadt selbst, ob nicht etwa nach
 dem Abzüge der Lakedämonier die Athener kämen und ihren Schritt nicht guthießen,
 oder ob nicht die Thebaner wieder einen Versuch machen würden, sich ihrer Stadt
 zu bemächtigen unter dem Vorwande, daß sie in Betreff der Ausnahme beider Theile
 auch mit in den Eidvertrag eingeschlossen seien. Darauf hieß sie Archidamos
 gutes Muthes sein und sagte: „Uebergebt ihr nur eure Stadt und die
 Landhäuser uns Lakedämoniern, zeigt uns die Gränzen eurer Gemarkung, und die
 Bäume, und was sich sonst von eurem Besitze zählen läßt, das zählt uns zu. Ihr
 selbst mögt dann hinziehen und wohnen, wo ihr wollt, so lange der Krieg währt.
 Ist er dann zu Ende, so werden wir euch wiedergeben, was wir übernommen haben.
 Bis dahin werden wir es als Pfand behalten, euer Land bebauen lassen und 
 euch einen Ertragsantheil zuwenden, von dem ihr leben könnet."

Mit dieser Antwort kehrten jene wieder in die Stadt zurück, beriethen sich mit
 der Bürgerschaft und sagten ihm dann, sie wollten sein Begehren zuerst den
 Athenern mittheilen, und wenn diese dazu riethen, so wollten sie ihm willfahren.
 Bis dahin, baten sie, möge er ihnen Waffenruhe gewähren und ihr Land nicht
 verwüsten. Er gab ihnen nun so viel Tage Waffenstillstand, als nöthig schien, um
 hin und her zu kommen, und verheerte ihr Land nicht. Nachdem aber die 
 platäischen Abgesandten zu den Athenern gekommen waren und sich mit ihnen
 berathen hatten, kamen sie zurück und meldeten denen in der Stadt Folgendes:
 „Weder vordem, ihr Männer von Platäa, seit wir ihre Bundesgenossen geworden, —
 so sagen die Athener, — hätten sie euch in irgend einem Dinge beleidigen lassen,
 noch auch würden sie jetzt ruhig zusehen, sondern nach Kräften zu Hülfe ziehen.
 Sie ermähnen euch bei den Eiden, die unsere Väter geschworen haben, an der
 Bundesgenossenschaft Nichts zu ändern."

Aus diese Meldung der Boten hin faßten
 die Platäer Beschluß, sie wollten die Athener nicht ausgeben, sondern sich
 lieber auch die Verheerung ihres Landes gefallen lassen, wenn es sein müßte, und
 auch sonst mit ansehen und dulden, was kommen sollte; hinausgehen aber
 dürfe Keiner mehr, sondern von der Mauer herab wolle man antworten, daß es
 unmöglich sei zu thun, wie dieLakedämonier begehrten. Als sie nun diese Antwort
 ertheilt hatten, so rief König Archidamos die Götter und Helden des Landes zu
 Zeugen aus und sprach: „Ihr Götter alle, die ihr im Land der Platäer waltet, und
 ihr Herden, wisset, daß diese zuerst den beshcwornen Bund verlassen haben, und
 wir im Anfang darum nicht Unrecht thaten, als wir in dies Land kamen, in
 welchem auch unsere Väter zu euch gebetet und über die Wieder gesiegt haben,
 indem ihr gewährtet, daß es für die Hellenen ein glückbringendes Schlachtfeld
 sei; noch auch werden wir Unrecht thun, was wir nun weiter unternehmen; denn
 wozu wir sie ost und nach Billigkeit aufgefordert, konnten wir nicht erlangen.
 So gewähret nun, daß das Unrecht an denen gestraft werde, die es begonnen, und
 daß die Genugthuung finden, welche nach dem Gesetze zur Ahndung 
 schreiten."

Nachdem er so die Götter angerufen hatte, schritt er mit dem Heere zum Beginn
 der Feindseligkeiten und umschloß die Stadt zuerst mit einem Pfahlwerk aus
 abgehauenen Bäumen, daß keiner mehr heraus könne. Dann schütteten sie einen Wall
 gegen die Stadt auf, in der Hoffnung, die Stadt werde bald genommen sein, da
 ihrer im Heere so viele Arbeiter seien. Dann hieben sie Bäume aus dem 
 Kithäron und verbauten damit den Wall auf beiden Seiten, indem sie statt
 Manerwänden kreuzweis durch einander gebogenes Holzwerk anbrachten, damit nicht
 zu viel Erde abrutsche. Auch Reisig, Steine, Erde und was sonst förderlich sein
 konnte, wurde zugetragen. Sie arbeiteten aber an diesem Wall siebenzig Tage und
 Nächte ununterbrochen, indem sie sich zur Ausrast ablösten, so daß die Einen
 zutrugen, während die Andern Schlaf und Speise genossen. Die 
 lakedämonischen Anführer der Bundestrnppen standen aber auch dabei 
 
 und trieben mit zur Arbeit. Wie nun die Platäer sahen, das; der 
 Wall immer höher emporstieg, setzten sie ein hölzernes Thurmgestell 
 zusammen, stellten es auf die Mauer, da wo der Wall gegen dieselbe aufgeschüttet
 wurde, und bauten es mit Ziegeln aus, die sie von den in der Nähe
 niedergerissenen Häusern nahmen. Das Holzwerk daran erhielt den Bau bei gehöriger
 Festigkeit, so daß das Ganze trotz seiner Höhe nicht zu schwach wurde. Als
 Schutzdecken erhielt es Felle und Häute, so daß die Arbeiter sowohl wie das
 Holzwerk sicher waren, nicht von Brandpfeilen getroffen zu werden. Es erhob sich
 aber dieser Thurm zu bedeutender Höhe, doch nicht »nissiger stieg auch der Wall
 dagegen empor. Da verfielen die Platäer auf eine List: sie machten in ihre 
 Manet, da wo der Wall an sie stieß, ein Loch und schafften die Erde vom Walle in
 ihre Stadt.

Als die Peloponnesier dies merkten, so faßten sie Lehm in Rohrkörbe und warfen
 diese in die entstandene Lücke, damit diese Masse nicht wieder durchrutschen und
 wie die Erde weggeschafft werden könnte. Jene, denen also hier ein Riegel
 vorgeschoben war, hörten damit auf, gruben aber nun einen unterirdischen Gang
 aus der Stadt heraus, und als sie nach ihrer Berechnung sich unterhalb des
 Walles befanden, so schafften sie wieder den Schutt von unten hinweg nach ihrer
 Seite hin. Hievon merkten die draußen lange Zeit Nichts, so daß ihr 
 Aufschütten wenig nützte, da von unten die Masse des Walles weggeschafft wurde,
 und derselbe sich gegen die Lücke zu immerfort senkte. Da die Platäer aber
 fürchteten, bei ihrer geringen Zahl auch so Nichts gegen die Menge ausrichten zu
 können, so ersannen sie dazu noch Folgendes. An dem großen Thurme gegenüber dem
 Walle hörten sie auf zu bauen und fingen an von beiden Seiten desselben, von der
 niedrigen Mauer an einwärts in die Stadt eine halbmondförmige Mauer aufzuführen,
 damit, wenn die große Mauer genommen wäre, diese neuen Widerstand leiste, 
 und die Feinde gegen sie einen neuen Wall aufschütten müßten und so beim weiteren
 Vordringen doppelte Mühe hätten, während sie überdies mehr als früher von zwei
 Seiten beschossen werden könnten. Zugleich mit dem Wallbau führten die
 Peloponnesier auch ihre Maschinen gegen die Stadt. Eine derselben wurde auf dem
 Walle gegen das große Thurmbauwerk aufgestellt und erschütterte dasselbe
 gewaltig, so daß die Platäer in Schrecken geriethen; andere arbeiteten gegen
 andere Punkte 
 
 
 der Mauer; es gelang aber den Platäern, deren Stoßbalken mit Stricken
 aufzufangen und durch Anziehen den Stoß zu brechen. Auch befestigten sie große
 Balken an beiden Enden mit langen eisernen Ketten an zwei über die Mauer gelegte
 und über dieselbe hervorragende andere Balken und zogen sie dann nach Einer
 Seite schräg in die Höhe. Wenn dann der Sturmbock irgendwo angreifen wollte, so
 ließen sie den Balken an der lockeren Kette aus der Hand los, der dann mit
 großer Gewalt herabfiel und den Kopf des Stnrmbalkens abschlug.

Die Peloponnesier nun, da ihre Maschinen Nichts ausrichteten, und auch ihr Wall
 die Gegenbefestigung hervorgerufen hatte, wurden jetzt der Meinung, daß es
 mißlich sei, mit den vorhandenen Mitteln die Stadt zu nehmen, und schickten sich
 darum an, sie nur einzuschließen. Zuerst wollten sie es aber noch mit Feuer
 versuchen, — ob sie die Stadt, die nicht gar groß war, bei günstigem Winde in
 Brand stecken könnten. Denn sie sannen auf jedes Mittel, ohne große Kosten
 und ohne regelmäßige Belagerung die Stadt in ihre Gewalt zu bekommen. Sie trugen
 also Holzbüudel zusammen und warfen dieselben von ihrem Walle herab zuerst in
 die Vertiefung zwischen der Wallausschüttung und der Mauer, und, da diese durch
 die vielen Hände bald angefüllt war, auch sonst weiter an der Stadtmauer hin, so
 weit sie von der Höhe ihres Walles eben reichen konnten. Dann warfen sie
 oben darauf Feuerbrände mit Schwefel und Pech und zündeten so die Holzmasse an.
 Nun entstand eine solche Flamme, wie man bis dahin nie eine von Menschenhänden
 angelegt gesehen hatte. Denn daß die Bäume im Wald, vom Winde bewegt, sich an
 einander rieben und so von selbst in Flammen geriethen, ist freilich fch^n
 vorgekommen. Dies Feuer aber war furchtbar, und es fehlte nur wenig, so Hütten
 die Platäer, die allem Andern glücklich entgangen waren, durch dieses 
 ihren Untergang gefunden. Denn es war eine große Strecke in der Stadt, der man
 nicht nahe kommen konnte, und hätte sich dazu noch ein ungünstiger Wind erhoben,
 woraus sich die Feinde auch Rechnung gemacht hatten, so wären sie ihrem
 Verderben nicht entgangen. Nun aber, heißt es, habe sich zum Glück ein Gewitter
 erhoben, mit starkem Regenguß, der die Flamme löschte, und so seien sie der
 Gefahr entronnen.

Die Peloponnesier nun, da ihnen auch dies fehlgeschlagen 
 hatte, entließen die Mehrzahl ihrer Truppen und behielten nur einen
 
 Theil derselben zurück, um die Stadt rings herum durch eine Mauer 
 einzuschließen, indem sie die Arbeit an der ganzen Länge derselben unter die
 einzelnen Städte vertheilten. Innerhalb wie außerhalb derselben wurde ein Graben
 gelassen, aus dem sie die Backsteine gewannen. Als dann der ganze Bau vollendet
 war, zur Zeit, wo der Arktur sim Sternbild des großen Bären^s in der Frühe
 sichtbar wird 2°), ließen sie eine Truppe zur Bewachung der halben Mauer zurück,
 — die andere Manerhälfte bewachten die Böotier, — zogen mit dem Heere ab und
 gingen dann aus einander, jeder in seine Heimat. Die Platäer hatten ihre
 Weiber und Kinder, die ältesten Leute und die ganze Masse des unnützen Volkes
 schon früher nach Athen gebracht, und von ihnen selbst hielten die Belagerung
 zurückgebliebene vier Hundert Mann aus, dabei achtzig Athener, und Hundert und
 zehn Weiber, um das Essen zu bereiten ^'). Das war ihre Gesammtzahl zur Zeit,
 als die Belagerung begann, und sonst befand sich Niemand in ihren Mauern, 
 weder ein Sklave, noch ein Freier. So wurde die Einschließung von Platäa
 bewirkt.

Im selben Sommer und gleichzeitig mit dem Unternehmen gegen Platäa zogen die
 Athener mit zwei Tausend ihrer Schwerbe» waffneten und zwei Hundert Reitern zu
 Felde gegen die Chalkidier an der thrakischen Gränze und die Bottiäer, als eben
 die Halmfrucht in Blüthe stand. Xenophon, des Euripides Sohn, befehligte
 selbdritt. Sie rückten vor die Stadt Spartolos im Bottiäer-Lande und 
 verwüsteten die Getreideflur. Man hatte Hoffnung, daß eine Partei in der Stadt
 ihnen dieselbe in die Hände liefern werde. Da aber die Andern, die das nicht
 wollten, sich an Olynthos gewendet hatten, so kamen von dort Schwerbewaffnete,
 und was sonst noch zu einem Heere gehört, und besetzten die Stadt. Dies Heer
 rückte jetzt aus Spartolos zur Schlacht aus, und gegen sie stellten sich die
 Athener auf, nahe bei den Mauern der Stadt selbst. Die chalkidischen
 Schwerbewaffneten nun und einige Hülfsvölker, die bei ihnen standen, wurden von
 den 
 
 
 
 Athenern besiegt und zogen sich nach Spartolos zurück; allein die Reiter
 der Chalkidier und ihre Leichtbewaffneten schlugen die beritte» nen und leichten
 Truppen der Athener. Jene hatten nämlich eine kleine Abtheilung leichter
 Schildträger aus der sogenannten Krusischen Landschaft bei sich. Eben hatte man
 aufgehört zu kämpfen, da kamen noch andere Leichtbewaffnete aus Olynth zu Hülfe,
 und als die leichten Trnppen von Spartolos dies sahen, erhöhte sich ihr Muth,
 sowohl wegen dieses Zuzugs, als auch weil sie eben glücklich gekämpft hatten,
 und griffen mit den chalkidischen Reitern und den neu angekommenen 
 Hülfsvölkern die Athener von Neuem an. Diese zogen sich auf die beiden
 Abtheilungen zurück, welche sie bei dem Gepäck gelassen hatten. So oft nun die
 Athener von hier aus sich zum Angriff wendeten, wichen jene; zogen sich aber die
 Athener zurück, so blieben sie ihnen ans den Fersen und schleuderten Wurfspieße
 in ihre Reihen. Die chalkidischen Reiter blieben ihnen zur Seite und sprengten
 an, so oft es die Gelegenheit gab, und sie vorzüglich brachten die Athener 
 in Verwirrung, trieben sie zur Flucht und verfolgten sie eine gute Strecke. Die
 Athener flohen nach Potidäa, brachten später unter dem Schutze eines Vertrages
 ihre Todten ein und kehrten dann mit dem Reste des Heeres nach Athen zurück.
 Gefallen waren von ihnen vier Hundert und dreißig und darunter die sämmtlichen
 Oberfeldherrn. Die Chalkidier aber und Bottiäer errichteten ein Siegeszeichen,
 sammelten ihre Todten und zerstreuten sich dann in ihre Städte.

Im Laufe desselben Sommers, nicht lange nach diesen Vorfällen, wollten die
 Amprakioten und Chaoner ganz Akarnanien sich unterwerfen und den Athenern
 abwendig machen und überredeten die Lakedämonier, aus Bundesmitteln eine Flotte
 zu rüsten und Tausend Schwerbewaffnete nach Akarnanien zu werfen. Wenn die
 Spartaner, sagten sie, mit Landtrnppen und mit Schiffen kämen, so daß dadurch
 die Akarnanier des Binnenlandes verhindert wären, zu Hülfe zu kommen, so
 könnten sie leicht Akarnanien besetzen und von hier aus auch die Inseln
 Zakynthos (Zante) und Kephallenia in ihre Gewalt bekommen, und dann könnten auch
 die Athener nicht mehr wie früher den Peloponnes umschiffen; vielleicht könne
 man sogar Naupaktos wegnehmen. Die Lakedämonier ließen sich bereden und
 schickten den Knemos, der noch Befehlshaber der Flotte war, und die 
 Schwerbe waffneten auf wenigen Schiffen sogleich ab; der Flotte
 befahlen sie 
 allsogleich nach
 vollendeter Ausrüstung gen Leukas zu segeln. Den meisten Eifer für die
 Amprakioten zeigten die Korinther, deren Pslanzvolk jene waren. Die Schiffe von
 Korinth nun und Sikyon und den andern dortigen Plätzen waren noch m der
 Ausrustung begriffen, die von Leukas aber und Anaktorion und Amprakia waren schon
 am Platze und warteten bei Leukas. Knemos und seine Tausend 
 Schwerbewaffneten waren übergefahren, ohne daß Phormio, Befehlshaber der zwanzig
 attischen Schiffe, die bei Naupaktos aus Wache standen, es bemerkt hätte, und
 trafen nun sogleich ihre Anstalten zum Landfeldzuge. Bei ihm waren von Hellenen
 Amprakioten, Leukadier und Anaktorier und die Tausend Peloponnesier, die er
 selbst führte; von Barbaren Tausend Chaoner, welche keinen König haben; ihre
 Anführer, welche immer auf ein Jahr aus dem herrschenden Geschlecht gewählt
 werden, waren Photyos und Nikanor. Mit den Chaonern zogen auch Thesproter
 zu Felde, die ebenfalls nicht unter königlicher Herrschast stehen. Die Molofser
 und Atintaner führte Sabylinthos, Vormund des Königs Tharyps, der noch ein Kind
 war; die Paraväer ihr König Oroidos; Tausend Orestier, deren König Antiochos
 ist, standen mit des Antiochos Erlaubniß mit den Paraväern unter den Befehlen
 des Oroidos. Auch Perdikkas hatte, ohne daß die Athener es merkten, Tausend
 Makedonier abgeschickt, die aber zu spät kamen. 
 Mit diesem Heere setzte sich Knemos in Marsch, ohne die Flotte von Korinth
 abzuwarten. Durch ^das amphilochische^ Argos ziehend, verwüsteten sie den
 offenen Flecken Limnäa. Dann zogen sie gegen Stratos, die größte Stadt
 Akarnaniens, in der Meinung, daß Alles übrige ihnen leicht zufallen würde, wenn
 sie erst diese genommen hätten.

Als die Akarnanier erfuhren, daß ein starkes Landheer eingefallen und auch eine
 feindliche Flotte zu erwarten sei, eilten sie sich einander nicht zu Hülfe,
 sondern vertheidigten eine jede Gemeinde sich selbst und sandten indessen zu
 Phormio mit der Bitte, er möge zu Hülse kommen. Dieser aber ließ sagen, er könne
 jetzt unmöglich Naupaktos unbeschützt lassen, da eine Flotte von Korinth
 abzusegeln im 
 
 
 Begriffe sei. Die Peloponnesier nun und ihre Bundesgenossen marschirten in
 drei getrennten Abtheilungen gegen die Stadt der Stratier, um in der Nähe ein
 Lager zu schlagen und, wenn dieselben nicht gütlich mit sich reden ließen, die
 Festigkeit ihres Ortes ernstlich zu erproben. In der Mitte marshcirten die
 Chaoner und die übrigen Barbaren, rechts von ihnen die Leukadier, Anaktorier und
 wer mit ihnen war, und links Knemos mit den Peloponnesiern und Amprakioten.
 Diese Abtheilungen trennten große Zwishcenränme, und manchmal konnten sie
 sich einander gar nicht sehen. Die Hellenen nun marshcirten in Reih und Glied
 und mit aller Vorsicht, <>is sie an einem geeigneten Orte ihr Lager
 geschlagen haben würden. Die Chaoner aber, voller Selbstzuversicht, wie sie denn
 auch unter den dortigen Festländern für die streitbarsten gehalten werden,
 brachten es nicht über sich, erst ein Lager zu schlagen, sondern stürzten mit
 den andern Barbaren eiligst vorwärts, in dem Glauben, sie würden die Stadt im
 ersten Anschrei nehmen und sie allein den Ruhm davon haben. Die Stratier aber
 erhielten davon Wind und dachten, wenn sie über diesen vereinzelten Haufen
 gesiegt hätten, so würden die Hellenen nicht mehr gleich muthig gegen sie
 vorgehen. Deshalb legten sie in der Umgebung der Stadt Hinterhalte, und als jene
 nahe genug waren, rückten sie zu gleicher Zeit aus der Stadt heran und brachen
 aus den Hinterhalten hervor. Da hiedurch die Chaoner in Verwirrung geriethen, so
 verloren sie viele von ihren Leuten, und als die andern Barbaren sie weichen
 sahen, so hielten sie nicht mehr Stand, und Alles wandte sich zur Flucht.
 Von diesem Gefechte hatte keine der beiden hellenischen Abtheilungen etwas
 gemerkt, weil die Barbaren zu sehr vorausgeeilt waren nnd die Hellenen glaubten,
 jene beeilten sich, um ein Lager zu schlagen. Da aber jetzt die Barbaren
 fliehend herbeistürzten, so nahmen sie dieselben aus, vereinigten ihr Lager und
 blieben den Tag über ruhig an jenem Orte stehen, da die Stratier nicht mit ihnen
 handgemein wurden, weil die übrigen akarnanischen Hülsstruppen noch nicht
 zu ihnen gestoßen waren. Doch beunruhigten jene sehr durch Schleuderwürfe aus
 der Ferne und brachten sie dadurch in große Verlegenheit, da sie ohne volle
 Waffenrüstung sich nicht vom Fleck entfernen dursten. Denn die Akarnanier werden
 für die geschicktesten Schleuderer gehalten.

Als es Nacht geworden war, zog sich Knemos in aller Eile 
 mit dem Heere auf den Fluß Anapos zurück, der von Stratos achtzig > 
 Stadien entfernt ist. Die Todten ließ er des folgenden Tags unter dem Schutze
 eines Waffenstillstands abholen, und da die Oiniaden als Freunde zu ihm gestoßen
 waren, so zog er sich aus ihr Gebiet zurück, bevor noch die Verstärkung der
 Akarnaner eingetroffen war; und von da aus gingen sie auseinander, Jeder in seine
 Heimat. Die Stratier aber errichteten ein Siegeszeichen wegen des Gefechtes mit
 den Barbaren.

Die Flotte von Korinth und den übrigen Bundesgenossen im krisäischen Busen,
 welche hätte zu Knemos stoßen sollen, damit die vom Meere landeinwärts wohnenden
 Akarnanier nicht zu Hülfe kommen konnten, war nicht eingetroffen, sondern in
 denselben Tagen mit dem Gefecht bei Stratos wurde sie zu einem Seekampfe mit 
 Phormio und den zwanzig athenischen Schiffen gezwungen, welche bei Naupaktos aus
 Wache standen. Denn Phormio lauerte den an der Küste Einshciffenden außerhalb des
 Meerbusens auf, um sie auf offener See anzugreisen. Die Korinther aber und ihre
 Bundesgenossen waren bei dieser Fahrt aus einen Seekampf gar nicht gefaßt, 
 sondern in ihrer Ausrüstung mehr auf das Land-Unternehmen gegen Akarnanien
 bedacht gewesen, und es war ihnen auch nicht eingefallen, daß die Athener mit
 ihren zwanzig Schiffen eine Seeschlacht gegen ihre sieben und vierzig wagen
 würden. Sie bemerkten aber jener Ansegeln erst, als sie selbst noch an der
 peloponnesischen Küste hinschifften, und da sie die Athener von Chalkis und dem
 Euenos-Flusse her in dem Augenblicke auf sie lossteuern sahen, als sie gerade
 im Begriffe waren, von Paträ in Achaja nach Akarnanien überzufahren, auch 
 nicht durch die Wahl ihres Ankerplatzes während der Nacht der Aufmerksamkeit
 jener entgehen konnten, so wurden sie gezwungen, mitten auf der Ueberfahrt eine
 Seeschlacht anzunehmen^). Sie hatten je nach den Städten, die zu dem Geschwader
 mitgerüstet, besondere Anführer; die Korinther selbst befehligten Machaon,
 Jsokrates und Agatharchidas. 
 
 Die Peloponnesier stellten ihre Schiffe in
 einem Kreise auf, den sie ausdehnten, so weit es möglich war, ohne dem Feinde
 das Durchsegeln zu gestatten, die Schnäbel auswärts, die Hintertheile einwärts
 gekehrt; ihre leichten Schiffe, die mitfuhren, stellten sie in die Mitte und
 dazu die fünf besten Segler, die zum Ausfall aus geringer Entfernung bei 
 der Hand sein sollten, wenn der Feind an irgend einem Punkt angriffe.

Die Athener aber stellten ihre Schiffe in Einer Linie hintereinander und
 segelten im Kreise um jene herum und drängten sie so auf einen engen Raum
 zusammen, indem sie jene im Vorbeifahren fast streiften und immerfort Miene zum
 Angriff machten. Phormio hatte aber besohlen nicht anzugreisen, bevor er nicht
 das Zeichen gegeben habe, denn er hoffte, daß jene ihre Stellung nicht würden
 einhalten können wie ein Landheer, sondern daß die Kriegsschiffe eines an
 das andere anstoßen und auch die Lastschiffe sie belästigen würden, und wenn
 erst der Wind aus dem inneren Meerbusen herausblase, in dessen Erwartung er eben
 die Feinde umsegelte, und der sich gegen Sonnenaufgang zu erheben pflegte, so
 würden sie keinen Augenblick mehr Ruhe und Ordnung bewahren können; auch stehe
 es, glaubte er, bei ihm, anzugreifen, wann er wolle, da seine Schiffe bessere
 Segler seien, und jener Augenblick würde dazu der glücklichste sein. Wie mm
 der Wind sich erhob, und die Schiffe, die ohnedies schon beengt waren, von
 beiden, dem Winde und den Lastschiffen, zu gleicher Zeit bedrängt wurden, ein
 Fahrzeug an das andere anlief, und sie durch Stangen auseinander gestoßen werden
 mußten, so entstand ein großes Geschrei und vor lauter Habt-Acht!-rufen und
 Schelten hörten sie weder die Befehle, noch die eigenen Bootsleute. Auch waren
 ihre ungeübten Leute nicht im Stande, im Wellenschlage die Ruder zu handhaben,
 so daß die Schiffe dem Steuerruder noch weniger gehorchen konnten. Da nun 
 gab Phormio das Zeichen, die Athener griffen an und versenkten zuerst eines der
 Admiralschiffe und machten danach alle andern seeuutüchtig, aus die sie nur
 stießen. Jene kamen in ihrer Verwirrung zu keinem Widerstande mehr, sondern
 flohen nach Paträ und Dyme in Achaia. Die Athener aber verfolgten sie, nahmen
 ihnen noch zwölf Schiffe und tödteten die Mehrzahl der Mannschaft. Dann segelten
 sie gen Molykrion, errichteten auf dem Vorgebirge Rhion ein Siegeszeichen,
 und nachdem sie dem Neptun noch ein Schiff zum Weih« 
 gescheut gebracht, kehrten sie nach Naupaktos zurück. Auch Adie Pelo-
 
 ponnesier segelten mit dem Reste ihrer
 Schiffe längs der Küste aus Dyme und Paträ nach der Eleischen Schiffswerft
 Kyllene, und auch Knemos mit den dortigen Schiffen, welche sich mit dieser
 Flotte Hütten vereinigen sollen, kamen nach dem Gefecht bei Stratos nach
 Kyllene.

Nun schickten die Lakedämonier dem Knemos als Beistände auf die Schiffe den
 Timokrates, Brasidas und Lykophron mit dem Befehl, ein zweites, glücklicheres
 Seetreffen zu veranstalten und nicht vor so wenigen Schiffen die See zu räumen.
 Denn sowohl aus andern Gründen, als auch weil sie sich jetzt zum erstenmale in
 einem Seekampfe versucht hatten, schien ihnen das Ganze höchst ausfallend, 
 und sie glaubten nicht sowohl, daß ihre Flotte eben deswegen den kürzeren 
 gezogen, sondern weil Feigheit im Spiele gewesen sein müsse; die vieljährige
 Erfahrung der Athener gegenüber ihrer eigenen Unersahrenheit bei ihrer geringen
 Uebung brachten sie nicht in Anschlag. In ihrem Unwillen also schickten sie jene
 ab. Nach ihrer Ankunft bei Knemos legten sie den einzelnen Städten eine
 Schiffslieserung auf und ließen die bereits vorhandenen zum Seekampf tüchtig
 machen. Es sandte aber auch Phormio nach Athen sowohl die Meldung von den 
 Rüstungen jener, als auch den Bericht über seinen Seesieg und bat, ihm in Bälde
 eine möglichst große Zahl von Schiffen zu senden, da er jeden Tag einer
 Seeschlacht gewärtig sein müsse. Diese schickten ihm auch zwanzig Schiffe, gaben
 aber ihrem Anführer den Befehl, erst aus Kreta zu landen. Ihr Gastfreund, der
 Gortynier Nikias auf Kreta, nämlich hatte sie überredet, eine Landung gegen
 Kydonia zu unternehmen, mit dem Versprechen, diese ihnen feindlich gesinnte
 Stadt ihnen in die Hände zu liefern. In der That aber veranlaßte er sie 
 hiezu den Polichnitern zu gefallen, den Gränznachbarn der Kydonier. Jener
 Anführer nun kam mit den zwanzig Schiffen nach Kreta und verheerte im Vereine
 mit den Polichnitern das Gebiet der Kydonier, mußte aber dann wegen der Stürme
 und Unsee geraume Zeit da« selbst verweilen.

Die Peloponnesier in Kyllene nun hatten, während die Athener auf Kreta
 zurückgehalten wurden, ihre Rüstungen zu einer Seeschlacht vollendet und
 segelten jetzt nach Panormos in Achaia, wohin bereits das peloponnesische
 Landheer zu ihrem Beistande marschirt war. 
 
 Auch Phormio segelte nach dem molykrifchen Rhion und ging außerhalb
 desselben mit den zwanzig Schiffen vor Anker, mit denen er auch die erste
 Seeschlacht geliefert hatte. Dies Rhion war nämlich das den Athenern freundlich
 gesinnte; das andere liegt grade gegenüber im Peloponnes. Die Entfernung
 zwischen beiden zur See betrügt ungefähr sieben Stadien, und hier eben ist die
 Mündung des krisäischen Meerbusens. Bei dem achäifchen Rhion also, das von
 Panormos, wo ihr Landheer stand, nicht weit entfernt ist, gingen die
 Peloponnesier mit sieben und siebzig Schiffen vor Anker, da sie die Athener
 dasselbe thun sahen. So blieben sie sechs oder sieben Tage einander gegenüber
 liegen, sich unterdessen zur Seeschlacht übend und vorbereitend. Die Einen
 gedachten ihrer früheren Niederlage und wollten sich nicht aus den beiden Rhien
 hinaus aus die offene See wagen, und die Andern wollten nicht in den engen Busen
 einfahren, in der Ueberzeugung, daß ein Kampf auf beengtem Raume jenen günstig
 sei. Knemos und Brafidas aber und die übrigen Feldherrn der Peloponnesier
 wollten die Seeschlacht so bald als möglich liefern, bevor noch Hülfe von den
 Athenern kommen könne: deshalb riefen sie zuerst die Soldaten zusammen,
 und da sie sahen, daß die Mehrzahl derselben sich vom Schrecken der ersten
 Niederlage noch nicht erholthatten und sich keineswegs kampfes« muthig zeigten,
 so suchten sie sie aufzumuntern und redeten sie also an:

„Wenn sich wegen der früheren Seeschlacht, ihr Peloponnesier, Einer von euch
 vor der bevorstehenden fürchtet, so hat er darin gar keinen gerechten Grund zur
 Furcht. Denn damals war unsere Rüstung mangelhaft, wie ihr wißt, und wir
 segelten nicht in Erwartung einer Seeschlacht, sondern vielmehr eines Kampfes
 auf dem Lande. Zufällig waren uns auch einige Glücksumstände nugünstig, und auch
 unsere Erfahrung reichte wohl für den Seekampf nicht aus. Von unserer
 Seite ist also keineswegs Feigheit an der Niederlage Schuld gewesen, und es wäre
 Ungerechtigkeit gegen uns selbst, wenn unser Muth, der doch keineswegs vor der
 Tapferkeit der Feinde gewichen ist, sondern noch viele Rechtsertigungsgründe für
 sich hat, sich durch das eingetretene Unglück würde Herabdrücken lasten.
 Vielmehr muß man glauben, daß derMensch durch die Verhängnisse des Schicksals
 wohl einmal unglücklich sein kann, aber deshalb, was seinen Muth angeht, doch
 nach wie vor mit Recht für einen tapfern Mann gehalten werde, und 
 daß Einer bei tapferer Gesinnung aus seiner Unerfahrenheit keinen 
 Entschuldigungsgrund der Verzagtheit machen dürfe. Ihr aber steht nicht
 einmal wegen mangelnder Erfahrung so weit hinter jenen zurück, als ihr sie an
 Kühnheit übertrefft. Die Erfahrung jener, die ihr so sehr fürchtet, wird nur,
 wenn sie mit Tapferkeit verbunden ist, Beisnnung genug haben, um in der Gefahr
 das anzuwenden, was sie gelernt hat. Ohne Muth aber ist keine Kunst m der Gefahr
 etwas nütze; denn Furcht benimmt die Besinnung, und Geschicklichkeit ohne 
 Tapferkeit vermag Nichts. Setzet also der größeren Erfahrung jener euerseits
 kühneren Muth entgegen, und eurer Furcht wegen der früheren Niederlage den
 Gedanken, daß wir damals ungerüstet waren. Auch kommt euch die größere
 Schiffszahl zu Statten, und daß ihr an der eigenen Küste in der Nähe eurer
 Schwerbewaffneten die Seeschlacht liefert. Meist gehört ja der Sieg der Mehrzahl
 und den besser Gerüsteten. So könnten wir also auch nicht einen einzigen Grund
 finden, weshalb wir wahrscheinlicher Weise den Kürzeren ziehen sollten. Was
 wir früher schlecht gemacht haben, das kommt uns jetzt als erworbene 
 Belehrung zu Statten. So seid also gutes Muthes, ihr Steuermänner und
 Schiffleute! Thue Jeder das Seine und weiche nicht von dem Platze, wohin er
 gestellt worden ist. Wir aber werden nicht schlechter als die vor uns Anführer
 gewesen sind, den Angriff leiten und werden Keinem einen Vorwand lassen, sich
 feig zu zeigen. Wenn es aber dennoch Einer thun wollte, so wird ihn die
 geziemende Strafe treffen; die Braven aber werden mit dem verdienten Lohn der
 Tapferkeit geehrt werden."

Solches redeten zu den Peloponnesiern ihre Anführer, ihnen Muth einzusprechen.
 Aber auch Phormio seinerseits, da er bemerkte, daß seinen Soldaten der Muth
 sank, und daß sie unter einander zusammentraten und wegen der Zahl der Schiffe
 Besorgniß äußerten, berief eine Versammlung, um ise.aufzurichten und sie
 anzueifern, den gegenwartigen Umständen die Stirne zu bieten. Denn auch schon
 früher pflegte er immer so zu reden und sie so zu stimmen, als ob keine Zahl
 von feindlich heransegelnden Schiffen so groß fein könne, daß sie ihr 
 nicht gewachsen wären; und auch die Soldaten hatten seit langem ein solches
 Vertrauen zu sich selbst gefaßt, daß sie als Athener vor keiner noch so großen
 Zahl peloponnesischer Schiffs weichen zu müssen glaub- 
 
 ten. Da er sie nun aber wegen dessen, was sie
 sahen,"doch entmukyi^gt fand, so wollte er ihnen die Zuversicht wieder wach
 rufen, rief sie also zusammen und sprach so:

„Weil ich sehe, ihr Soldaten, daß ihr euch vor der Menge der Gegner fürchtet,
 so habe ich euch zusammengerufen; denn ich bin der Meinung, daß, was nicht
 furchtbar sei, auch nicht gefürchtet werden darf. Jene haben, weil sie zuerst
 von uns besiegt worden sind, und weil sie sich selbst nicht zutrauen, uns
 gewahcsen zu sein, diese große Zahl von Schiffen ausgerüstet, denn sie wollen
 nicht als Gleicher, dem Gleichen gegenüberstehen; und wenn sie scheinbar im
 Vertrauen daraus gegen uns heranrücken, als ob der Muth überhaupt ihnen 
 angeboren und natürlich sei, so hat ihr Muth keine andere Quelle, als weil sie
 wegen ihrer Erfahrung im Landkriege in demselben meist glücklich sind, und darum
 glauben sie, daß sie auch zur See dasselbe leisten werden. Wenn sie aber auch in
 jenem voran sind, so dürfen wir doch jetzt mit Fug den Vortheil aus unserer
 Seite suchen; denn an Muth übertreffen sie uns nicht, sondern weil wir beide,
 die einen in diesem, die andern in jenem erfahrener sind, sind wir beide auch
 zuversichtsvoller. Auch haben die Lakedümonier, welche bei der Führung
 ihrer Bundesgenossen nur ihren eigenen Ruhm berücksichtigen, . die meisten von
 ihnen nur wider ihren Willen in diese Gefahr geführt, denn einmal so tüchtig
 geschlagen, würden diese nie wieder eine zweite Seeschlacht gewagt haben.
 Fürchtet also ihre Kühnheit nicht. Eine viel größere Fnrcht flößet ihr jenen
 ein, und auch mit mehr Grund, denn ihr habt zuerst gesiegt, und sie können sich
 nicht vorstellen, daß ihr ihnen die Stirne bieten werdet ohne die feste
 Zuversicht, etwas Hervorragendes zu leisten. Denn die Meisten, wenn sie dem
 Gegner gewachsen sind, wie diese hier, gehen mehr im Vertrauen auf ihre Macht
 als auf ihren Muth dem Feinde entgegen; wer dies aber mit viel geringerer 
 Macht thut und ohne gezwungen zu sein, der wagt die Gefahr mit großer
 Mutheszuversicht. Das überlegen diese wohl und fürchten uns mehr wegen des
 unerwarteten Auftretens als wegen der verhältnis;müßigen Rüstung. Schon manches
 Heer ist aus Unersahrenheit einem weniger zahlreichen unterlegen, manches auch
 aus Feigheit. Uns dahier fällt keines von beiden zur Last. Ich bin aber gar
 nicht gewillt, die Schlacht innerhalb des Meerbusens zuliefern, und werde auch
 nicht 
 hineinsegeln, denn ich'sehe ein, daß es einer Ueberzahl ungeübter 
 Schiffe gegenüber kein Vortheil für wenige,
 aber geübte und besser' segelnde Schiffe ist, auf engem Raum zu kämpfen. Denn
 man könnte weder, wie es nöthig ist, zum Anlauf mit dem Schiffsschnabel kommen,
 da man wegen der weiten Entfernung nicht das gehörige Absehen auf den
 Feind hätte, noch auch sich zurückziehen, wenn man in die Enge käme. Die
 feindliche Linie zu durchbrechen wäre auch nicht möglich, und ebensowenig die
 Wendungen, worin ja der Vortheil guter Segler besteht, sondern man müßte
 nothgedrungcn aus der Seeschlacht ein Fußtruppengefecht machen lassen, und dann
 wäre die Mehrzahl der Schiffe im Vortheil. Dem angemessen werde ich also nach
 Möglichkeit die nöthigen Vorkehrungen treffen. Ihr aber haltet euch auf den
 Schiffen in bester Ordnung und thut genau, was euch befohlen wird, zumal
 der Angriff aus der Nähe geschieht, und während des Kampfes selbst haltet auf's
 Aeußerste ans Ordnung und Stille. Beides ist auch sonst im Kriege von Nutzen,
 bei einem Seekampf aber ganz besonders. Nun also wehrt euch gegen diese, wie es
 eurer früheren Thaten würdig ist. Um große Dinge dreht sich der Kampf: es
 handelt sich darum, ob ihr die Hoffnung der Peloponnesier auf eine Seemacht zu
 Schanden machen, oder den Athenern die Furcht um ihre Meeresherrschaft
 näher rücken werdet. Nochmals erinnere ich euch, daß ihr die Mehrzahl dieser
 eurer Gegner schon besiegt habt; der Muth geschlagener Männer aber will sich
 gegenüber denselben Gefahren nicht mehr zu gleicher Höhe heben."

Solche Worte sprach auch Phormio zur Ermuthigung. Die Peloponnesier aber, da
 die Athener nicht nach ihrem Wunsche in den Meerbusen und die Enge einsegelten,
 wollten sie auch gegen ihren Willen hineinbringen lind fuhren deshalb mit der
 Morgenröthe, je vier Schiffe in Einer Linie, an ihrer Küste hin, einwärts gegen
 den Meerbusen , den rechten Flügel voran, wie sie auch vor Anker gelegen waren.
 Aus diesen Flügel hatten sie ihre zwanzig besten Segler gestellt, damit, —
 wenn vielleicht Phormio in der Vermuthung, daß sie gegen Naupaktos segelten, um
 dieser Stadt zu Hülfe zu kommen, selbst nahe an ihnen vorübersahren sollte, —
 die Athener nickt über diesen Flügel hinauskommen und so ihren Angriff vermeiden
 könnten, sondern sich von eben diesen Schiffen müßten einschließen lassen. Wie
 nun jene erwartet 
 
 halten, so fing Phormio, da er sie einwärts segeln sah, an, für den 
 unbeschützten Ort zu fürchten, ließ widerwillig und in aller Eile seine Leute
 sich einschiffen und fuhr an der Küste hin, während das mefsenische Heer am
 Lande neben Herzog. Als nun die Peloponnesier sie Schiff hinter Schiff in Einer
 Linie auf ihren Flügel zusteuern sahen, und schon innerhalb des Meerbusens und
 nahe an der Küste, grade wie sie es gewünscht hatten, so machten auf ein
 gegebenes Zeichen alle Schiffe linksum und fuhren so schnell als möglich grade
 auf die Athener los, in der Hoffnung, so sämmtliche Schiffe abzufangen. Von
 diesen waren aber die eilf voransegelnden Schiffe bereits über den Flügel
 der Peloponnesier hinaus und vor dessen Wendung in die offenere See gekommen,
 die andern aber schnitten sie ab, trieben sie fliehend vor sich her nach dem
 Strand, richteten sie zu Grunde und tödteten die Athener auf ihnen, die sich
 nicht durch Schwimmen retten konnten. Einige von diesen Schiffen nahmen sie leer
 in's Schlepptau, und eines eroberten sie sammt der Bemannung. Nun eilten aber
 die Messenier herbei, sprangen in voller Rüstung in's Meer, erstiegen die 
 Schiffe und vom Verdecke fechtend entrissen sie ihnen einige, die bereits im
 Schlepptau gingen.

Hier also siegten die Peloponnesier und gewannen die attischen Schiffe; jene
 zwanzig Schiffe aber, die auf ihrem rechten Flügel standen, verfolgten die eilf
 attischen Schiffe, welche noch vor der Wendung in die offenere See entkommen
 waren. Außer Einem Fahrzeuge behielten diese auch den Vorsprung nnd flüchteten
 in den Hafen von Naupaktos. Beim Apollotempel aber machten sie Halt, kehrten
 ihre Schnäbel gegen den Feind und schickten sich zur Abwehr an, wenn jene
 landwärts gegen sie einsegeln sollten. Etwas später kamen auch die
 peloponnesischen Schiffe, im Rudern den Siegesgesang anstimmend, als ob sie
 bereits gesiegt Hütten, und ein den andern weit vorausgeeiltes leukadisches
 Schiff war hinter dem Einen zurückgebliebenen der Athener her. Nun lag zufällig
 ein Frachtschiff auf der Höhe des Hafens vor Anker; um dieses fuhr das attische
 Schiff, welches den Vorsprung hatte, herum, faßte das verfolgende leukadifche
 Schiff in der Mitte und bohrte es in den Grund. Dieser unvorhergesehene und
 ganz unerwartete Vorfall machte die Peloponnesier stutzig, und da sie 
 zugleich wegen des Sieges in aufgelöster Ordnung verfolgten, so 
 senkten einige der Schiffe die Ruder und hielten ihren Lauf ein, was
 
 doch sehr am unrechten Orte war, da der Feind aus geringer Entfernung den
 Anlauf gegen sie nehmen konnte. Sie wollten nämlich die andern Schiffe erwarten;
 aber auch von diesen geriethen einige aus Unkunde der Oertlichkeit auf
 Sandbänke.

Die Athener aber, als sie dies sahen, erfüllte neuer Muth, und auf ein Zeichen
 stürmten sie mit einstimmigem Geschrei auf jene los. Diese aber hielten wegen
 der begangenen Fehler und wegen der augenblicklichen Unordnung nur kurze Zeit
 Stand, dann wandten sie sich zur Flucht nach Panormos, woher sie abgesegelt
 waren. Die Athener verfolgten und nahmen sechs der nächsten Schiffe und 
 gewannen auch die ihrigen wieder zurück, welche jene anfangs am Strande 
 kampfunfähig gemacht und ins Schlepptau genommen hatten. Von der Bemannung
 tödteten sie einen Theil und nahmen auch einige gefangen. Auf dem leukadifchen
 Schiffe, welches bei dem Frachtschiff versenkt worden war, befand sich auch der
 Lakedämonier Timokrates. Dieser erstach sich selbst, als er das Schiff
 untergehen sah, und sein Leichnam wurde in den Hasen von Naupaktos getrieben.
 Die Athener aber kehrten nun zurück und errichteten dort ein Siegeszeichen,
 von wo sie zum Siege ausgefahren waren, dann sammelten sie ihre Todten und
 die Schiffstrümmer an ihrer Küste und gaben unter einem Vertrage auch den
 Gegnern die ihrigen heraus. Es stellten aber auch die Peloponnesier ein
 Siegeszeichen auf, als ob sie gesiegt hätten, wegen der Flucht der Schiffe, die
 sie an der Küste kampfunfähig gemacht hatten, und auch das Eine Schiff, welches
 sie genommen hatten, stellten sie auf dem achäifchen Rhion neben dem
 Siegeszeichen auf. Darauf segelten aus Furcht vor der Hülfsflotte der Athener
 Alle außer den Leukadiern bei Nacht in den Krisäischen Busen und nach 
 Korinth, und nicht lange nach dem Rückzüge dieser Schiffe kamen auch die zwanzig
 attischen Schiffe aus Kreta nach Naupaktos, welche dem Phormio noch vor der
 Seeschlacht hätten zu Hülfe kommen sollen. — Damit war dieser Sommer zu
 Ende.

Ehe aber die Bemannung der Flotte, welche sich nach Korinth und dem Krisäischen
 Meerbusen zurückgezogen hatte, aus einander ging, wollten Knemos und Brasidas
 und die übrigen Feldherrn der Peloponnesier zu Winters Anfang, von den
 Megarensern berathen. 
 
 
 
 einen Versuch aus den athenischen Hafen Piräeus wagen. Derselbe war
 nämlich unbewacht und unvershclossen, wie leicht zu erklären, da die Athener zur
 See entschieden in der Uebermacht waren. Und zwar wurde beschlossen, jeder
 Schiffssoldat solle sein Ruder, das Bankpolster und den Ruderring nehmen und zu
 Fuß nach dem jenseitigen Meere gehen; dann wollten sie in aller Eile nach Megara
 und von dem Werst zu Nisäa vierzig Megarensische Schiffe, die eben daselbst
 lagen, in's Meer ziehen und sogleich nach dem Piräeus fahren; denn es stand
 dort weder eine Flottenabtheilung auf Wache, noch fiel es irgend Jemanden
 ein, die Feinde könnten so ganz unerwartet heransegeln, denn weder könnten sie,
 dachte man, einen offenen Angriff unbehelligt unternehmen, noch auch könnte es
 unbemerkt bleiben, wenn sie wirklich darauf sännen. Wie nun beschlossen worden
 war, so machten sie sich auch allsogleich auf den Marsch, kamen noch bei Nacht
 an und zogen zu Nisäa die Schiffe in's Meer, fuhren aber nicht gleich, wie sie
 beabsichtigt hatten, auf den Piräeus los, denn sie fürchteten Gefahr, und 
 auch der Wind soll sie daran verhindert haben, sondern nach der Spitze von
 Salamis, welche gegen Megara hinschaut. Auf derselben war eine Befestigung und
 dabei ein Posten von drei Wachschiffen, damit die Megarenser weder aus- noch
 einfahren könnten. Die Befestigung nahmen sie und schleppten die leeren
 Dreiruderer mit sich; das übrige Salamis aber, wo sie ganz unerwartet einfielen,
 verheerten sie.

Nach Athen aber meldeten Feuerzeichen die Ankunft von Feinden, und es entstand
 darüber eine Bestürzung, nicht geringer als irgend eine während des Krieges.
 Denn die in der Stadt glaubten, der Feind sei schon in den Piräeus eingesegelt,
 und die im Piräeus dachten, Salamis sei schon genommen, und die Feinde würden
 nun ohne Weiteres heransegeln, was diese auch sehr leicht hätten thun 
 können, wenn sie nicht gezaudert hätten; der Wind würde sie wohl nicht gehindert
 haben. Mit Tagesanbruch aber eilten die Athener insgesammt nach dem Piräeus,
 zogen die Schiffe in's Waffer, bestiegen sie in aller Hast und unter großem Lärm
 und segelten nach Salamis, nachdem sie die Fußtruppen zur Bedeckung des Piräeus
 aufgestellt hatten. Die Peloponnesier aber, die auf Salamis fast Alles durch-
 sucht und Menschen und Leute mitgeschleppt hatten, als sie die zum Entsatz
 Herankommenden wahrnahmen, gingen mit den drei Fahr zeugen von der
 Verschanzung Budoron unter Segel und fuhren eiligst 
 gen Nisäa; denn auch ihre Schiffe, me erst seit langer Zeit wieder einmal
 in See gelassen worden waren und Wasser zogen, flößten ihnen Besorgniß ein. In
 Megara angekommen, marschirten sie wieder zu Fuß nach Korinth. Die Athener aber,
 da sie jene bei Salamis nicht mehr antrafen, kehrten auch zurück und sorgten von
 nun an besser für die Sicherheit des Piräeus, indem sie die Häfen sperrten und
 die sonstigen Vorsichtsmaßregeln anwendeten.

Um dieselbe Zeit, zu Winters Anfang, zog der Thrakerkömg Sitalkes, des Teres
 Sohn, der Odrysier, zu Felde gegen den Makedonierkönig Perdikkas, den Sohn
 Alexanders, und zugleich gegen die Chalkidier an der thrakischen Gränze; und
 dies that er sowohl um die Erfüllung einer ihm gemachten Zusage zu erzwingen,
 als auch um ein Versprechen zu erfüllen, das er selbst gegeben hatte. Denn 
 Perdikkas hatte ihm eine Verheißung gemacht für den Fall, daß er ihn, der zu
 Anfang des Kriegs in Bedrängniß war, mit den Athenern aussöhne und seinen ihm
 feindlich gesinnten Bruder Philipp nicht als König in's Land zurückführe. Was er
 aber damals versprochen, hatte er nicht gehalten. Gegen die Athener anderseits
 hatte er bei Schließung des Bündnisses mit ihnen sich anheischig gemacht, den
 Chalkidischen Krieg an der thrakischen Gränze zu Ende zu bringen. Aus
 beiden Ursachen also unternahm er diesen Zug und führte Philipp's Sohn Amyntas
 mit sich, um ihm die Herrschaft über die Makedonier zu vershcaffen. Auch die
 athenischen Gesandten, die eben dieser Angelegenheit wegen bei ihm waren, und
 der Feldherr Hagnon begleiteten ihn. Denn auch die Athener sollten mit Schissen
 und möglichst viel Landtruppen gegen die Chalkidier mitwirken.

Zu diesem Zuge aus dem Odryserlande hatte er zuerst von den Thrakern diejenigen
 in die Waffen gerufen, welche zwischen dem Hämos ^Balkan^s und dem
 Rhodope-Gebirge ^Despoto-Dag^ wohnen, soweit sie eben unter seiner Herrschaft
 standen, hinüber bis zum Meere, dem Euxinos ^schwarzen Meeres nämlich und dem
 Hellespont ^Straße der Dardanellen). Darauf auch die Geten jenseits des Hämos
 und die übrigen Völker, so viele ihrer diesseits des Jster ^Donau^ weiter 
 gegen den Euxinos hin wohnen. Die Geten und die Anderen in jenen Gegenden sind
 aber Gränznachbarn der Skythen und haben dieselbe 
 
 
 Bewaffnung, denn Alle sind Bogenschützen
 zu Pferde. Auch von den freien Thrakern im Gebirge, welche Schwerter tragen und
 unter dem Namen der Dier meist den Rhodope bewohnen, rief er Viele zu sich.
 Die Einen hatte er um Sold gedungen, Andere aber gingen als Freiwillige
 mit. Auch die Agrianer und Lääer und die übrigen Päonischen Völker, die unter
 ihm standen und die Gränze seiner Herrschaft bildeten, bis zu den Graäischen
 Päoniern und dem Strymon-Flusse [Jskar] , der vom Skomischen Gebirge ^Witoscha^
 herab durch das Gebiet der Graäer und Lääer fließt, wo schon die Gränze seiner
 Herrschaft gegen das Land der freien Päonier hin war. Gegen die Triballer
 hin, welche ebenfalls unabhängig sind, bildeten die Trerer und Tilatäer die
 Gränze. Diese wohnen nämlich vom Skomischen Gebirge nordwärts und erstrecken
 sich gegen Sonnenaufgang bis zum Oskios-Fluffe ^Jskru^. Dieser kommt aber von
 demselben Gebirge, auf welchem auch der Nestos ^Karasu^ und der Hebros Wariza^
 entspringen. Dies Gebirg ist unbewohnt und dehnt sich weit hin, denn es
 schließt sich an den Rhodope an.

Es erstreckte sich aber die Herrschaft der Odryser ihrer Ausdehnung nach auf
 der Seeseite hin von der Stadt Abdera an bis in den Pontos Euxinos hinein und an
 diesem bis zur Mündung des Jster-Flusses. Diese ganze Strecke läßt sich auf dem
 kürzesten Wege und bei immer günstigem Winde von einem Lastschiff in vier 
 Tagen und ebensoviel Nächten zurücklegen; zu Lande aber könnte ein Mann, der gut
 zu Fuße ist, aus dem kürzesten Wege von Abdera in eilf Tagen zum Jster gelangen.
 Das war die Erstreckung an der Seeküste; landeinwärts aber ist von Byzanz bis zu
 den Lääern und dem Strymonflusse, denn das ist vom Meere an gerechnet die größte
 Entsernung, für einen guten Fußgänger ein Weg von dreizehn Tagen. Die
 Steuern, welche von dem gesammten barbarischen Lande wie auch von den
 hellenischen Städten unter der Regierung des Seuthes bezahlt wurden, der dem
 Sitalkes in der königlichen Würde gefolgt war und die Abgaben auf'» Höchste
 gesteigert hatte, betrugen ungefähr vierhundert Silbertalente und gingen in Gold
 und Silber ein. Und nicht weniger als dies wurde in Geschenken an Gold und
 Silber gebracht, ungerechnet die Gewebe und die schlichte Leinwand und 
 sonstiges Geräthe, und dergleichen wurde nicht nur dem Könige, sondern 
 auch den großen Vasallen und den Adeligen der Odryser geboten. 
 Denn diese, wie auch die übrigen Thraker,
 haben in ihrem Lande die persische Sitte umgekehrt, das heißt sie nehmen lieber
 als sie geben, und es zog dem mehr Haß zu, welcher eine Forderung zurückwies.
 als es dem schimpflich war, der seine Bitte verfehlte. Doch zog Einer aus
 dieser Sitte um so mehr Nutzen, je mehr er in Ansehen stand, denn es war gar
 nichts auszurichten, ohne daß man Geschenke brachte. So gelangte dies Königthum
 zu großem Wohlstande, denn von allen europäischen Staaten, welche zwischen dem
 ionischen Busen ^adriat. Meer^ und dem Euxinos liegen, war dieser an
 Geldeinkünften und sonstigem Reichthum der bedeutendste, obwohl er an
 Kriegskraft und Heereszahl den Skythen bei weitem nachstand. Denn diesen sind
 nicht nur die europäischen Völker nicht zu vergleichen, sondern auch in Asien
 gibt es kein Volk, welches einzeln für sich sämmtlichen Skythen 
 widerstehen könnte, wenn sie unter einander einig wären. Doch halten sie in 
 Bezug auf Einsicht und verständige Einrichtungen in den Dingen des Lebens mit
 Andern keinen Vergleich aus.

Als Herrscher über ein so großes Land nun rüstete Sitalkes seine Heeresmacht,
 und als sie nun bereit stand, brach er auf gegen Makedonien, indem er zuerst
 durch eigenes Gebiet und dann über das wilde Kerkine-Gebirge ^Argentaro^ zog,
 welches auf der Gränze der Sinter und der Päonier liegt. Durch dasselbe zog er
 auf der Straße, die er selbst früher durch Aushaunng des Waldes angelegt hatte,
 als er gegen die Päonier Krieg führte. Indem sie vom Odryser-Lande aus
 über dies Gebirg zogen, hatten sie zur rechten Seite die Päoniei-, zu ihrer
 Linken aber die Sinter und Müder. Nachdem sie es überschritten, kamen sie in die
 Päonische Stadt Doberos. Auf diesem Marsche hatte er keinen Abgang an
 Mannschaft, außer was twae Krankheit wegraffte; im Gegentheil erhielt er
 Zuwachs, denn von den freien Thrakern schlossen sich Viele ungerusen aus
 Beutelust seinem Heere an, so daß dessen Gesammtzahl aus nicht weniger als
 150,000 Mann angewachsen sein soll. Davon war die Mehrzahl Fußvolk und 
 vielleicht ein Drittheil Reiter, deren größte Zahl die Odryser selbst und nächst
 ihnen die Geten stellten. Vom Fußvolke waren die Schwertträger die
 streitbarsten, die aus dem freien Rhodope-Gebirge herabgestiegen waren; der
 übrige gemischte Haufe war mehr durch seine Zahl furchtbar.

In Doberos also sammelten sie sich und
 schickten sich an, vom Gebirge herab in das tiefer liegende Makedonien
 einzufallen, über welches Perdikkas herrshcte. Denn zu den Makedoniern gehören
 auch die Lynkester und die Elimioten und die andern Völker im Binnenlande,
 welche diesen verbündet und tributpflichtig sind, dabei aber ihre eigenen
 Fürsten haben. Das jetzige Makedonien an der Seeküste aber hatten des Perdikkas
 Vater Alexandros und dessen Vorsahren, ursprünglich Temeniden aus Argos,
 erworben und ihrer Herrschaft unterworfen, indem sie durch Waffengewalt aus
 Pieria die Pierer vertrieben, welche sich später am Fuße des Pangäos hin
 jenseits des Strymonflufses in Phagres und anderen Platzen ansiedelten, — und
 noch jetzt wird das Land, welches vom Fuß des Pangäos sich gegen das Meer
 hin erstreckt, der Pierische Grund genannt. Aus der sogenannten Landschaft
 Bottia aber verjagten sie die Bottiäer, welche jetzt neben den Chalkidiern
 wohnen. Von Päonien erwarben sie den schmalen Strich, welcher sich am
 Axiosflusse ^Vistritza^ auswärts bis Pella und zum Meere erstreckt, und jenseits
 des Axios bis zum Strymon hin besitzen sie die sogenannte Landschaft Mygdonia,
 aus welcher sie die Edoner ausgetrieben haben. Sie haben aber auch aus dem
 Gau, der jetzt Eordia heißt, die Eorder verjagt, deren Mehrzahl dabei umkam, und
 nur ein kleiner Theil von ihnen hat sich in der Gegend um Physka wieder
 angesiedelt. So auch aus Almopia die Almoper. Aber auch noch andere Landschaften
 haben sich diese Makedonier unterworfen, die sie jetzt noch besitzen, wie 
 Anthemus, Grestonia und Bisaltia und viele Gaue der eigentlichen Makedonier. Das
 Alles nun wird Makedonia genannt, und darüber war Perdikkas, des Alexander Sohn,
 König, als damals Sitalkes seinen Feldzug unternahm.

Diese Makedonier nun waren nicht im Stande, sich der heranrückenden großen
 Heeresmacht entgegenzustellen, und zogen sich deshalb in die Burgen und festen
 Plätze zurück, so viele deren im Lande waren. Ihre Zahl war aber nicht gar groß,
 sondern erst später hat Archelaos, des Perdikkas Sohn, nachdem er König 
 geworden, die jetzigen Festungen im Lande gebaut, grade Straßen angelegt und die
 sonstigen, das Kriegswesen fördernden Maßregeln getroffen, wie er denn in
 Verbesserung der Reiterei, der Bewaffnung 
 und der Ausrüstung überhaupt mehr gethan hat als alle acht Könige 
 vor ihm. — Das Heer der Thraker nun fiel aus Doberos zuerst in die
 Landschaften ein, welche früher die Herrschaft des Philippos gebildet hatten,
 und nahmen Eidomene mit Gewalt; Gortynia aber und Atalante und einige andere
 Plätze ergaben sich aus Zuneigung zu dem mitziehenden Amyntas, dem Sohne des
 Philippos, durch gütlichen Vergleich. Europos belagerten sie, konnten es aber
 nicht nehmen. Darauf drangen sie weiter in das übrige Makedonien vor, 
 welches links von Pella und Kyrrhos sich erstreckt; diesseits dieser Plätze
 aber, nach Bottiäa und Pieria kamen sie nicht, sondern verheerten nur Mygdonia,
 Grestonia und Anthemus. Die Makedonier konnten gar nicht daran denken, ihnen
 Fußvolk entgegenzustellen, sondern nahmen Reiter von ihren binnenländischen
 Bundesgenossen, die bei guter Gelegenheit in geringer Zahl in den großen
 Heerhaufen der Thraker einbrachen, und wo sie anstürmten, konnte den tapferen
 Panzerreitern Nichts widerstehen; da sie aber umringt werden konnten, so
 geriethen sie dem vielfach überlegenen Haufen gegenüber oft in große Gefahr, so
 daß sie endlich Ruhe gaben, weil sie sich nicht stark genug glaubten, den Kampf
 mit der Mehrzahl zu wagen.

Sitalkes knüpfte nun mit Perdikkas Unterhandlungen an wegen der Dinge, die ihn
 zum Kriege veranlaßt hatten, und da die Athener mit der Flotte nicht ershcienen
 waren, weil sie nicht geglaubt hatten, daß er mit dem Heere kommen werde,
 sondern nur Gesandte mit Geschenken an ihn schickten, so entsandte er einen
 Theil seines Heeres gegen die Chalkidier und Bottiäer, trieb sie hinter
 ihre Mauern und verwüstete das Land. Während er nun in diesen Gegenden stand, so
 fürchteten die nördlichen Thessaler, die Magneter und die andern thessalischen
 Unterthanen und die Hellenen bis zu den Thermopylen hin, der Zug möge vielleicht
 auch ihnen gelten, und hielten sich deshalb gerüstet auf ihrer Hut. Es 
 fürchteten sich aber auch die Thraker jenseits des Strymon, welche die gegen
 Norden sich dehnende Ebene bewohnen, Panäer und Odomunter, Droer und Dersäer;
 denn diese alle sind noch unabhängig. Auch bei den den Athenern feindlich
 gesinnten Hellenen erregte er die Besorgniß, ob er nicht, von jenen bewogen,
 gemäß des Bundes- vertrages gegen sie heranziehen werde. Er aber hielt
 unterdessen das 
 
 Chalkidische und Bottische Gebiet und Makedonien besetzt und verheerte das
 Land, und da er Nichts von dem durchzusetzen vermochte, weshalb er den Krieg
 unternommen, auch sein Heer keine Nahrungsmittel mehr sand und überdies von der
 Kälte litt, so ließ er sich von seines Bruders Spardakos Sohn, dem Seuthes, der
 nach ihm der machtigste Mann war, überreden schleunig abzuziehen. Den 
 Seuthes hatte aber heimlich Perdikkas gewonnen, indem er ihm seine Schwester mit
 großer Mitgift zu geben versprach. Jener also ließ sich überreden und zog,
 nachdem er dreißig Tage im Lande gestanden, wovon acht bei den Chalkidiern, mit
 dem Heere schleunig nach Haus zurück. Perdikkas aber gab später seine Schwester
 Stratonika wirklich dem Seuthes, wie er versprochen hatte. — Diesen 
 Verlauf hatte der Feldzug des Sitalkes genommen.

Die Athener in Naupaktos aber unternahmen, nachdem die Flotte der Peloponnesier
 sich aufgelöst hatte, im Laufe des Winters unter Anführung des Phormio zur See
 einen Zug nach Astakos, landeten, drangen mit vierhundert athenischen 
 Schwerbewaffneten von den Schiffen und vierhundert Mesfeniern in das Innere des
 Landes, trieben in Stratos, Koronta und den andern Plätzen diejenigen Bürger
 aus, denen sie nicht trauen zu dürfen glaubten, und kehrten dann, nachdem sie
 den Kynes, des Theolytos Sohn, nach Koronta zurückgeführt hatten, wieder auf
 ihre Schiffe zurück. Gegen Oiniadä nämlich, welches allein unter allen 
 Akarnanern ihnen immer feindselig gewesen war, schien ein Zug des vorgerückten
 Winters wegen nicht mehr thunlich. Denn der Acheloos-Fluß, der vom Pindos herab
 durch Dolopia, das Gebiet der Agräer und Amphilocher und die Akarnanische Ebene
 fließt, dann seinen Lauf an der Stadt Stratos vorüber nimmt und bei Oiniadä
 sich in's Meer ergießt, indem er rings um die Stadt Seen bildet, macht des
 Wassers wegen einen Winterfeldzug schwierig. Es liegen auch von den
 Echinadischen Inseln die meisten Oiniadä grade gegenüber, dicht vor den
 Mündungen des Acheloos, so daß der Fluß, wenn das Wasser groß ist, fort und fort
 Land anschwemmt, und einige dieser Inseln sind bereits zum Festlande geworden,
 und wahrscheinlich wird es in nicht langer Zeit allen übrigen ebenso gehen. Denn
 die Strömung ist mächtig, wasserreich und schlammig, die Inseln 
 
 aber liegen dicht bei einander und
 halten zusammen das angeschwemmte Erdreich auf, so daß es sich nicht zerstreuen
 kann, weil sie quer vor dem Flusse und nicht in einer Linie mit demselben liegen
 und dem Wasser keinen graden Weg in's Meer lassen. Sie sind aber unbewohnt
 und von geringem Umfange. Es wird auch erzählt, daß Apollo dem Alkmäon, dem
 Sohne des Amphiaraos, als er nach dem Morde seiner Mutter umherirrte, durch
 einen Orakelspruch befohlen habe, dieses Land zu bewohnen; denn, sagte er, keine
 Heilung seiner Gewissensqual gäbe es, bevor er sich nicht ein Land zur 
 Wohnung gefunden, welches noch nicht von der Sonne beschienen worden und noch
 nicht Land gewesen sei, als er die Mutter tödtete; alle übrige Erde sei durch
 ihn verunreinigt. Er aber in seiner Drangsal, erzählen sie, fand nur mit Mühe
 diese Anschwemmung des Acheloos, und es schien ihm, seitdem er nach dem Morde
 der Mutter so lange umhergeirrt, genug Land angewahcsen zu sein, um als 
 einzelner Mann darauf wohnen zu können. So siedelte er sich denn an und gewann
 die Herrschaft über die Gegend um Oiniadä und hinterließ von seinem Sohne
 Akarnan dem Lande die Benennung. So wird uns die Sage vom Alkmäon
 überliefert.

Die Athener unter Phormio aber kehrten von Akarnauien nach Naupaktos zurück und
 fuhren dann mit Frühlingsanfang nach Athen, mitführend die Freigeborenen, die
 sie in den Seeschlachten zu Gefangenen gemacht, und die nun Mann gegen Mann
 ausgewechselt wurden, und mit den Schiffen, die sie genommen hatten. So hatte
 dieser Winter geendet, und mit ihm war auch das dritte Jahr dieses Krieges
 zu Ende gegangen, den Thukydides beschrieben hat. 
 

 Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.

Des folgenden Sommers fielen die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen zur Zeit,
 da das Getreide in Blüthe stand, mit Heeresmacht in Attika ein und verwüsteten
 das Land, nachdem sie ein Lager geschlagen. Anführer war der Lakedämonier-König
 Archidamos, 
 des Zeuxidamos Sohn. Wie sie auch früher gewohnt waren, machten ^ die
 athenischen Reiter Ausfälle, wenn es thunlich schien, und verhinderten so
 wenigstens den großen Haufen der Leichtbewaffneten, sich vom Lager zu entfernen
 und in der Nähe der Stadt Schaden zu thun. Die Feinde blieben so lange im Lande
 stehen, als die Lebensmittel ausreichten, zogen sich dann zurück und gingen ein
 Jeder in seine Heimath.

Gleich nach diesem Einfalle der Peloponnesier fiel Lesbos mit Ausnahme der Stadt
 Methymne') von den Athenern ab, was 
 
 
 
 
 sie schon vor dem Kriege hatten thun wollen; aber die Lakedämonier nahmen
 sie damals nicht an. Auch dieses Mal waren sie genöthigt, 
 
 
 den Abfall früher in's Werk zu setzen, als sie zu thun im Sinne hatten;
 
 denn sie hatten warten wollen, bis die
 Häfen abgedämmt, die Mauern ausgebaut und die Ausrüstung der Schiffe vollendet
 und Alles angelangt wäre, was aus dem Pontos Euxinos kommen sollte, 
 Bogenschützen , Getreide und was sie sonst von dort erwarteten. Aber die 
 Tenedier^), die ihnen gram waren, wie auch die Methymnäer und selbst eine Partei
 unter den Mytilenäern, Gastfreunde der Athener, hatten in Folge eines Zwistes
 unter den Bürgern den Athenern die Anzeige gemacht, das; jene mit Gewalt alle
 Bewohner der Insel nach Mytilene verpflanzen wollten, und daß sie mit Beihülfe
 der Lakedämonier und der Böotier, die ihnen blutsverwandt waren, sich eifrig
 rüsteten, um in Bälde abzufallen, und wenn man nicht zuvorkomme, so würde
 Lesbos verloren gehen.

.Die Athener aber, die sowohl von der Seuche bedrängt waren, als auch von dem
 Kriege, der eben recht in Gang kam und mit Anstrengung betrieben wurde, dachten,
 es sei eine schlimme Sache, wenn auch noch die Lesbier mit ihrer Flotte und
 ihrer ungeschwächten Macht auf die Seite ihrer Feinde treten sollten. Deßhalb
 mochten sie Anfangs jenen Anklagen keinen Glauben schenken, und weil sie nicht
 wünschten, daß sie wahr seien, so trösteten sie sich eines großen Theiles 
 damit, daß sie wohl auch wirklich nicht begründet seien. Als sie aber dann durch
 abgeordnete Gesandte die Mytilener nicht dahin vermögen konnten, mit der
 Verpflanzung der Einwohner und den Kriegsrüstungen auszuhören, so wurden sie
 wirklich besorgt und beschlossen ihnen zuvorzukommen. Sie schickten also
 schleunigst vierzig Schiffe, die fertig gerüstet lagen , um nach dem Peloponnes
 unter Segel zu gehen, dorthin ab. Kle'ippides, des Deinias Sohn, befehligte sie
 selbdritt. Es war ihnen nämlich gemeldet worden, daß das Fest des Apollo 
 Maloeis") bevorstehe, welches die Mytilenäer insgesammt außerhalb 
 
 
 
 
 
 
 der Stadt feierlich zu begehen pflegten, - und wenn die Fahrt beschleunigt
 würde, so könne man sie vielleicht unvermuthet übersallen. Der Versuch könne
 wohl gelingen. Gelänge er aber nicht, so solle an die Mytilenäer die
 Aufforderung ergehen, ihre Schiffe auszuliefern und die Mauern niederzureißen,
 und wollten sie sich darein nicht fügen, so solle der Krieg beginnen. Diese
 Schiffe beeilten nun ihre Fahrt. Die zehn Dreiruderer der Mytilenäer aber,
 welche dem Bundesvertrag gemäß als Hülfsgeschwader bei ihnen lagen, hielten die
 Athener zurück und brachten die Bemannung in festen Gewahrsam. Den Mytilenäern
 aber that ein MannH der von Athen nach Euböa übersetzte, dort zu Lande bis
 nach Geraistos ging, von hier mit einem glücklicher Weise angetroffenen
 Frachtschiff absegelte und so in drei Tagen von Athen nach Mytilene kam, Meldung
 von der ansegelnden Flotte. Diese nun unterließen den Auszug nach Maloeis und
 hielten im Uebrigen gut Wache, nachdem sie um die unvollendeten Theile der Häfen
 und der Mauern Verfperrungen angelegt hatten.

Als nun nicht lange danach die Athener auf ihren Schiffen kamen und dieß sahen,
 so ließen deren Befehlshaber jenen zu wissen thun, was ihnen besohlen sei, und
 da die Mytilenäer kein Gehör gaben , so schickten sie sich an die
 Feindseligkeiten zu beginnen. Nun wagten zwar die Mytilenäer, ungerüstet wie sie
 waren, nnd ganz wider Erwarten zum Kriege gezwungen, mit ihren Schiffen eine
 kurze Strecke weit aus dem Hasen herauszufahren wie zur Seeschlacht/ da 
 sie aber von den athenischen Schiffen zurückgejagt wurden, so erboten sie sich
 gegen die Feldherrn zu Unterhandlungen, mit' dem Gedanken sich womöglich die
 Schiffe durch einen glimpflichen Vergleich für jetzt vom Halse zu schaffen. Die
 Athenischen Befehlshaber waren dazu auch willig, da sie selbst sich nicht im
 Stande glaubten, den Kampf mit ganz Lesbos aufzunehmen. Nachdem so eine
 Waffenruhe zu Stande gekommen war, schickten die Mytilenäer Gesandte nach Athen,
 nnd darunter neben andern auch einen ihrer Ankläger, der seinen 
 
 Schritt jetzt schon bereute. Die sollten die Athener bereden, ihre 
 Schiffe zurückzuziehen, da sie selbst keinerlei Neuerungen im Sinne 
 hätten. 
 Zu gleicher Zeit aber schickten sie auch auf einem Dreiruderer Gesandte nach
 Lakedämon, ohne daß die athenischen Schiffe, die nordwärts der Stadt bei Malea
 vor Anker lagen, etwas davon merkten; denn sie hatten kein Vertrauen, daß sie bei
 den Athenern etwas ausrichten würden. Diesen letzteren spielte auf der Fahrt die
 See übel mit, doch kamen sie nach Lakedämon und setzten so viel durch, daß
 ihnen Hülse werden solle.

Da nun die Gesandten aus Athen wirklich zurückkamen, ohne etwas vermocht zu
 haben, so schickten sich die Mytilenäer und das übrige Lesbos, allein Methymne
 ausgenommen, zum Kriege an; denn diese, wie auch die Jmbrier und Lemnier und
 einige wenige der übrigen Bundesgenossen waren mit ihren Hülfsgeschwadern zu 
 den Athenern gestoßen. Die Mytilenäer mit ihrem gesammten Volke machten einen
 Ausfall gegen das Lager der Athener, und es entspann sich dabei eine Schlacht, in
 welcher die Mytilenäer zwar nicht zurückgeworfen wurden, aber doch weder die
 Nacht über das Schlachtfeld behaupteten, noch auch sonst Selbstvertrauen genug
 hatten, um nicht sogleich den Rückzug anzutreten. Und seitdem verhielten sie sich
 ruhig in der Absicht später wieder einen Kampf zu wagen, wenn ihnen Zuzug
 aus dem Peloponnes oder ihrer Rüstung sonstwie ein Zuwachs gekommen wäre. Und in
 der That kamen jetzt auch der Lakonier Meleas und Hermäondas, der Thebaner, zu
 ihnen, welche schon vor dem 
 
 
 Abfalle abgeschickt worden waren, jedoch den ansegelnden Athenern nicht
 hatten zuvorkommen können, und so sich erst nach der Schlacht auf einem
 Dreiruderer einstahlen. Diese forderten auf, nochmals ein Schiff mit Gesandten
 abgehen zu lassen, und das geschah auch.

Den Athenern war unterdessen wegen der Unthätigkeit der Mytilenäer der Muth
 wieder gewachsen, und sie riefen ihre Bundes- genossen herbei, die sich um so
 schneller einstellten, da sie sahen, daß von den Lesbiern nichts Zuverlässiges
 zu erwarten sei. Dieselben mm legten sich an der Nordseite der Stadt hin vor
 Anker, schlugen zwei feste Lager, auf jeder Seite der Stadt eines, und legten
 den Verschluß vor beide Hafen. So sperrten sie zwar die Mytilenäer von der See
 ab, sonst aber waren zu Lande diese die Meister sammt den übrigen 
 Lesbiern, die bereits zu ihnen gestoßen waren. Auch beherrschten die Athener in
 der Umgebung ihrer Lager nicht viel Land, weßhalb auch ihre Hauptstation für die
 Proviantschiffe und der Markt bei Malea waren. Auf diese Weise wurde der Krieg
 vor Mytilene geführt.

Desselbigeu Sommers und um dieselbe Zeit schickten auch die Athener dreißig
 Schiffe nach dem Peloponnes unter dem Befehle des Asopios, des Sohnes Phormio's,
 denn die Akarnaner hatten sie gebeten , ihnen entweder einen Sohn oder einen
 Verwandten des Phormio 6) als Feldherrn zu schicken. Diese Schiffe kreuzten eine
 Zeit lang und verwüsteten die Küste Lakonika's, dann schickte Asopios die 
 Mehrzahl derselben wieder nach Hause zurück, er selbst aber ging mit zwölfen
 nach Naupaktos. Darauf rief er das gefammte Volk der Akarnaner unter die Waffen
 und zog gegen Oeniadä, indem er mit den Schiffen den Acheloos befuhr, während
 die übrigen Truppen das Land verwüsteten. Da sich aber jene nicht ergaben, so
 entließ er das Landheer; er selbst segelte gen Leukas, und unternahm eine
 Landung auf Nerikon, wurde aber auf dem Rückzüge von dem zu Hülfe eilenden
 Landvolke und den wenigen Besatzungstruppen sammt einem Theile seines Heeres
 niedergehauen. Später holten die Athener, nachdem sie sich mit ihren 
 Schiffen von der Küste entfernt hatten, unter dem Schutze eines Vertrags ihre
 Todten von den Leukadiern ab.

Die mit dem ersten Schiffe abgegangenen Gesandten der 
 
 Mytilenäer begaben sich nach Olympia, da die Lakedämonier sie auf« 
 gefordert hatten, dorthin zu gehen, damit auch die anderen Bundesgenossen
 sie anhören und danach Beschluß fassen könnten. Es war dieß die Olympiade, in
 der Dorieus aus Rhodos zum zweiten Male den Siegerpreis gewann ?). Nachdem nun
 die Festlichkeiten vorüber waren, traten sie auf und redeten also:

„Was unter den Hellenen feststehender Grundsatz ist, ihr Lakedämonischen Männer
 und ihr Bundesgenossen, das wissen wir wohl. Wer in Kriegszeiten abfällt und
 seine frühere Bnndesgenossenschaft fahren läßt, den nimmt man zwar auf, aber man
 schätzt ihn nur insofern, als er zu nützen vermag, hält ihn für einen Verräther
 und setzt ihn denen nach, die bereits vordem Freunde waren. Dieser 
 Grundsatz ist in der That nicht unrichtig, sofern nur die Abfallenden und die,
 welchen sie absagen, in Gesinnung und Neigung wie in Rüstung und Kriegsmacht
 einander gleichstanden, und kein billiger Grund zum Absalle vorhanden ist.
 Zwischen uns aber und den Athenern stehen die Dinge nicht so, und wir werden
 deßhalb Niemanden mit Recht schlechter scheinen, wenn wir, obgleich im Frieden
 von ihnen geehrt ^), zur Zeit der Gefahr uns von ihnen lossagen."

„Von der Gerechtigkeit unserer Sache und unserer Rechtlichkeit wollen wir also
 zuerst reden, zumal wir die Bundesgenossenschaft mit euch wünschen; denn wir
 wissen, daß weder zwischen einzelnen Männern feste Freundschaft, noch auch
 zwischen Staaten zu irgend welchem Zwecke Gemeinschaft bestehen kann, wenn nicht
 beide Theile mit wirklicher Rechtlichkeit gegen einander verfahren und sie 
 auch sonst gleicher Denkart sind; denn in einer Verschiedenheit der Meinung ist
 die Verschiedenheit der That schon inbegriffen Unsere Bundesgenossenschast mit
 den Athenern nahm damals ihren Ursprung,- als ihr von dem medischen Kriege
 zurücktratet, sie aber noch aushielten, um zu Ende zu führen, was noch zu thun
 übrig war. Wir wurden aber nicht ihre Bundesgenossen, um auf die Hellenen das
 Joch 
 
 
 
 der Athener legen zu helfen, sondern um
 vom medischen Joche die Hellenen zu befreien. Und so lange sie bei ihrer Führung
 das gleiche Recht Aller geachtet haben, sind wir ihnen mit allem Eifer gefolgt.
 Als wir aber sahen, wie sie in ihrer Feindschaft gegen die Meder nachließen
 und dafür auf Unterjochung ihrer Bundesgenossen lossteuerten, da war es mit
 unserem Vertrauen zu Ende. Es war aber wegen der Vielköpfigkeit der
 Bundesgenossen unmöglich, daß sie unter einander eins geworden wären, und so
 wurden sie unterjocht, uns und die Chier ausgenommen; denn wir behielten unsere
 eigenen Gesetze und folgten ihrer Kriegsführung, dem Namen nach als freie Leute.
 Da uns aber das bereits Geschehene ein warnendes Beispiel war, so konnten
 wir auf die Athener als Anführer kein Vertrauen mehr setzen; denn es war 
 nicht denkbar, daß sie die unterjochten, welche mit uns ihre Bundesgenossen
 geworden waren, und den noch frei gebliebenen nicht bei guter Gelegenheit
 dasselbe anthun sollten."

„Wären wir Alle jetzt noch unabhängig, so dürften wir wohl mehr darauf
 vertrauen, daß sie an keine Aenderung des Verhältnisses dächten. Da sie aber
 bereits die Mehrzahl-sich unterworfen haben, mit uns aber wie mit ihres Gleichen
 verkehren müssen, so wird es ihrem Stolze natürlich um so empfindlicher sein, daß
 wir allein sogar jetzt noch auf gleichem Rechte mit ihnen stehen, nachdem 
 bereits die Mehrzahl sich ihnen untergeordnet Hai, und das um so mehr, je
 mächtiger sie selbst dadurch geworden und je vereinsamter wir sind. Die Furcht
 aber, den Gegner gleich stark zu finden, ist das einzige feste Band der
 Bundesgenossenschaft; denn wenn sich auch Einer noch so gern überheben möchte, so
 läßt er sich doch durch den Gedanken zurückhalten, daß er nicht mit überlegener
 Kraft angreifen kann. Daß uns aber die Unabhängigkeit gelassen wurde, hat keinen
 andern Grund, als daß es ihnen zur Gewinnung der Oberherrschast förderlicher
 schien, bei Vermehrung ihrer Macht immer nur mit einem scheinbaren 
 Rechtsgruude und mehr mit Staatsklugheit vorzugehen als mit Gewalt. Zugleich
 hatten sie so auch einen Beweisgruud für die Gerechtigkeit ihrer Sache, da sie
 sagen konnten, daß Bundesgenossen mit gleichem Stimmrecht wohl nicht wider ihren
 Willen mit ihnen zu Felde ziehen würden, wenn der von ihnen angegriffene Feind
 nicht im Unrecht wäre. Zugleich aber auch sind sie zuerst mit Hülfe der 
 Stär keren gegen die Schwächeren vorgegangen und haben sich die andern
 
 bis znletzt aufgespart, um dann an ihnen schwächere Gegner zu finden als
 die übrige ihnen bereits unterworfene Macht. Hätten sie aber den Anfang mit uns
 gemacht, zur Zeit da Alle noch ihre unabhängige Macht besaßen und Jeder wußte,
 auf welche Seite er zu treten habe, so wäre es mit dem Unterwerfen nicht so
 leicht gegangen. Außerdem war es auch unsere Flotte, was sie scheuten, denn
 hätte sich diese mit euch oder einem Andern in voller Schiffszahl vereinigt, so
 konnte sie gefährlich werden. Zum Theil blieben wir auch deßhalb verschont,
 weil wir sowohl ihrem Gemeinwesen gegenüber als auch gegen ihre ersten
 Staatsmänner 9) uns immersort dienstbeflissen zeigten. Wir hätten uns aber wohl
 nicht mehr lange aufrecht erhalten können, wäre nicht der jetzige Krieg
 ausgebrochen; das ließ sich am Beispiele der Andern abnehmen." ,

„Was ist das also für eine Freundschaft, und wie fest ist die Freiheit
 begründet, in welcher wir einander freundlich und beflissen begegneten, während
 es uns beiden ganz anders um's Herz war? Im Kriege haben jene aus Furcht uns den
 Hof gemacht, im Frieden thaten wir dasselbe ihnen gegenüber. Während bei Andern
 gegenseitiges Wohlwollen das Vertrauen vorzüglich kräftigt, war es bei uns die
 Furcht, was unser Verhältniß zusammenhielt. Mehr durch Furcht als durch
 Freundschaft zurückgehalten, blieben wir ihre Bundesgenossen, und wer zuerst von
 uns beiden in seiner Sicherheit den Muth dazu gesunden hätte, der würde auch
 zuerst bereit gewesen sein das Verhältniß zu brechen. Wenn also Einer glaubt,
 wir seien im Unrecht srüher abzufallen, weil jene noch zögerten die uns
 zugedachten Feindseligkeiten zu eröffnen, und wir hätten vielmehr abwarten
 sollen, bis wir gewiß wußten, daß von ihrer Seite etwas drohe, — der urtheilt
 nicht richtig. Denn wären wir in der Lage gewesen, im Besitze gleicher
 Mittel, ihren Anstalten unsere Anstalten, ihrer Zögerung unsere Zögerung
 entgegenzustellen, so hätten wir uns allerdings ganz nach ihrem Benehmen richten
 müssen. Da aber jene die Möglichkeit hatten 
 
 
 zu jeder Zeit anzugreifen, so muß es auch uns freistehen, uns im Voraus
 sicher zu stellen."

„Das sind die Gründe und Ursachen, ihr Lakedämonier und ihr Bundesgenossen, die
 uns zum Abfall bewogen, einleuchtend genug, um Jeden, der uns anhört, zu
 überzeugen, daß wir recht gethan haben, und triftig genug, um unsere Besorgnis;
 zu wecken und uns zur eigenen Sicherstellung aufzufordern. Und das wollten wir
 damals schon, als wir noch mitten im Frieden des Abfalls wegen Gesandte zu
 euch schickten; da ihr uns aber abwieset, so blieb unsere Absicht unerfüllt.
 Jetzt aber sind wir der Aufforderung der Böotier allsogleich gefolgt und wir
 denken, daß es mit unserem Abfall seine zwei Seiten hat: von den hellenischen
 Bundesgenossen trennen wir uns, um nicht im Bündniß mit den Athenern ihnen
 Unrecht zu thun, sondern um an ihrer Befreiung mitzuhelfen, und von den Athenern
 fallen wir ab, um nicht in nächster Zukunft durch sie zu Grunde gerichtet
 zu werden, sondern ihnen selbst zuvorzukommen. Unser Abfall ist aber etwas
 schnell und unvorbereitet eingetreten, und um so mehr müßt ihr uns als
 Bundesgenossen aufnehmen und uns schleunigst Hülfe senden, damit ihr euch als
 Männer zeiget, die helfen, wo es Noth thut, und gleichzeitig auch dem Feinde zu
 schaden wissen.. Dazu aber ist jetzt ein so günstiger Zeitpunkt, wie früher nie.
 Die Athener sind durch die Seuche wie durch Geldausgaben zu Grunde gerichtet;
 von ihren Schiffen befindet sich ein Theil in euren Gewässern, und ein 
 Theil ist gegen uns aufgestellt; sie können also unmöglich eine hinreichende
 Zahl von Schiffen haben, wenn ihr noch in diesem Sommer mit der Flotte und dem
 Landheere einen zweiten Einfall macht, sondern entweder können sie sich der
 angreifenden Schiffe nicht erwehren, oder sie müssen die ihrigen von beiden
 Punkten wegziehen. Denke aber Keiner, daß er dabei eines fremden Landes wegen
 sein eigenes der Gefahr preisgebe. Wer glaubt, daß Lesbos allzuweit entfernt
 sei, der wird schon sehen, daß es in seiner Nähe Nutzen gewähre. Denn der
 Krieg wird nicht in Attika geführt werden, wie vielleicht Einer glauben könnte,
 sondern da, wo Attika seinen Nutzen her zieht. Ihre Geldeinkünfte aber kommen
 von ihren Bundesgenossen, und diese werden noch größer sein, wenn sie uns erst
 unterjocht haben; denn ein Anderer wird dann nicht mehr abzufallen wagen, und
 die Einkünfte 
 von uns kommen hinzu; trotzdem aber würden wir dann mehr zu . leiden haben, als die vor uns
 unterworfenen. Wenn ihr uns aber< kräftig zu Hülfe kommt, so werdet ihr einen
 Staat gewinnen, der eine bedeutende Seemacht hat, woran es euch gerade fehlt, und
 der Athener werdet ihr um so leichter Herr werden, da ihr die Bundesgenossen
 von ihnen abzieht; denn jeder Andere wird sich euch mit viel größerem 
 Vertrauen zuwenden, und des Vorwurfs, der aus euch lastet, daß ihr den zum
 Abfalle Bereiten nicht zu Hülfe kommt, werdet ihr ledig. Tretet ihr aber als
 Befreier auf, so wird in eurer Hand die stärkere Kriegskraft sein."

„Achtet also die Hoffnungen, die Griechenland aus euch setzt, und ehret den
 olympischen Zeus, in dessen Heiligthum wir als Schutzflehende ershceinen: Helfet
 den Mytilenäern, nehmet sie zu Bundesgenossen an und laßt uns jetzt nicht im
 Stich, wo wir selbst Leib und Leben wagen, der Vortheil bei glücklichem Erfolge
 aber Allen gemeinsam sein wird, noch gemeinsamer aber der Schaden, wenn ihr
 euch nicht erbitten lasset uud wir dann unterliegen. Zeiget euch als solche 
 Männer, für die die Hellenen euch halten, und wie unsere Furcht euch 
 wünscht!"

So sprachen die Mytilenäer. Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen, da
 sie jene angehört hatten, zeigten sich ihren Vorstellungen geneigt und nahmen die
 Lesbier in die Bundesgenossenschaft aus, und um den Einfall nach Attika in's
 Werk zu setzen, befahlen sie den Bundesgenossen mit zwei Dritteln ihrer
 Mannschaft nach dem Jsthmos zu marschiren. Auch waren sie selbst dort die
 ersten am Platz und richteten aus der Landenge die Maschinen her, um die 
 Schiffe von der korinthischen Seite nach dem -attischen Meere hinüberzuziehen
 '"), und mit Schiffen und Fußvolk waren sie auch bei der Hand. Sie also zeigten
 sich hierin sehr eifrig, die andern Bundes­ 
 
 
 genossen aber kamen nur langsam zusammen, denn sie waren gerade mit dem
 Einbringen der Feldsrucht beschäftigt und unlustig zu einem Feldzug.

Da nun die Athener merkten, daß jene aus Geringschätzung ihrer Schwäche solhce
 Rüstungen betrieben, so wollten sie ihnen doch zeigen, daß sie sich in ihrem
 Urtheil getäuscht hätten, und daß sie selbst wohl im Stande seien, sich der vom
 Peloponnes ansegelnden Flotte zu erwehren, auch ohne ihre Schiffe von Lesbos
 wegzuziehen. Sie bemannten also aus ihrer eigenen Bürgerschaft, die Ritter
 und Pentakosiomedimnen ausgenommen, und aus ihren Beisitzern '') hun­ 
 
 der! Schiffe, gingen damit unter Segel und zeigten sich beim Isthmos
 
 und landeten am Peloponnes, wo es ihnen beliebte. Da sahen diel 
 Lakedämonier, wie sehr sie sich getäuscht hatten, und meinten nun, die Lesbier
 hätten ihnen die Wahrheit nicht gesagt, nnd da sie die Sachlage für sehr
 schwierig hielten, so kehrten sie nach Hause zurück, zumal auch die
 Bundesgenossen nicht zur Stelle waren und überdies; gemeldet wurde, daß auch.die
 in den peloponnesischen Gewässern befindlichen dreißig Schiffe der Athener die
 Landschaften in der Nähe ' ihrer Stadt verheerten. Später rüsteten sie dann eine
 Flotte, um sie nach Lesbos zu schicken, und schrieben bei den Städten eine
 Anzahl von vierzig Schiffen ans und machten den Alkiadas zum Admiral über
 dieselben, der die Fahrt dorthin unternehmen sollte. Inzwischen waren auch die
 Athener mit ihren Schiffen nach Hause gegangen, da sie auch jene hatten abziehen
 sehen.

Um die Zeit, als diese Schiffe auf die Fahrt gingen, 
 
 
 . hatten die Athener die
 größte Anzahl trefflicher Fahrzeuge zugleich in Thätigkeit, obwohl zu Anfang des
 Krieges eine nahezu gleiche, wenn nicht eine größere Zahl vorhanden war Denn
 Attika und Euböa und Salamis wurden durch hundert Fahrzeuge bewacht, und in
 den peloponnesischen Gewässern kreuzten andere hundert, und außerdem waren
 noch die bei Potidäa und an andern Punkten aufgestellten vorbanden, so daß in
 dem einen Sommer im Ganzen nicht weniger als zweihundertundsünszig Schiffe im
 Dienst waren und dieser Umstand vorzüglich und die Belagerung von Potidäa waren
 es, was den Schatz angriff; denn vor Potidäa wurde der-Dienst durch 
 Schwerbewaffnete versehen, welche Tag für Tag zwei Drachmen Löhnung empfingen,
 eine für den Mann selbst, die andere für seinen Diener. Und dieser waren Anfangs
 dreitausend, die auch in gleicher Anzahl bis zu Ende der Belagerung blieben, und
 dazu noch die sechszehn- hundert bei Phormio, welche früher abzogen. Auf
 sämmtlichen Schiffen wurde aber dieselbe Löhnung gezahlt. Die Gelder also wurden
 gleich Anfangs auf diese Weise in Anspruch genommen, und an Schiffen war das
 die größte Zahl, welche je von ihnen bemannt wurde.

Um dieselbe Zeit, da die Lakedämonier bei dem Jsthmos standen, unternahmen die
 Mytilenäer zu Lande einen Zug gegen Methymne, mit eigener Bürgerschaft und mit
 Hülfstruppen, in Erwartung , daß die Stadt ihnen durch Verrath übergeben werde.
 Da aber bei ihrem Angriff die Sachen nicht so gut gingen, wie sie erwartet
 hatten, so zogen sie nach Antissa und Pyrrha und Eresos, gaben den Verhältnissen
 in diesen Städten eine ihrer Sicherheit gemäßere Gestalt, verstärkten die
 Befestigungen und gingen dann schleu­ 
 
 
 
 nigst wieder nach Hause. Nach ihrem Rückzüge unternahmen aber auch
 die Methymnäer ihrerseits einen Zug gegen Antissa; bei einem Ausfalle aber
 wurden sie von den Antissäern und deren Hülsstruppen geschlagen und verloren
 viele von ihren Leuten; die Uebrigen zogen in aller Eile ab. Als nun die Athener
 von diesen Ereignissen erfuhren, und daß die Mytilenäer zu Lande freie Hand
 hätten, und ihre eigenen Soldaten zur Einschließung nicht genügten, so schickten
 sie, als bereits der Herbst eingetreten war, den Paches, des Epikuros Sohn, als
 Feldherrn, und mit ihm tausend Schwerbewaffnete aus ihrer eigenen Mitte.
 Diese versahen auf der Fahrt auch den Ruderdienst auf den Schiffen selbst II)
 und schlossen nach ihrer Ankunft Mytilene mit einer einfachen Mauer ein. Hie und
 da an den beherrschenden Punkten wurden auch Werke aufgeführt. So war Mytilene
 mit Macht 
 von beiden Seiten eingeschlossen, wie zu Wasser so zu Lande, und, darüber
 war der Winter herbeigekommen.

Da nun die Athener noch mehr Geld brauchten um die Belagerung fortzusetzen, so
 legten sie sich damals zum ersten Mal eine außerordentliche Steuer auf, die sie
 bis auf zweihundert Talente brachten, und schickten auch zwölf Schiffe aus um
 bei den Bundesgenossen Geld einzutreiben. Auf diesen befehligte selbfünft
 Lysikles. Der nun, umherfchiffeud, betrieb sowohl anderwärts die Geldsammlung,
 und landete auch in Karien und zog in der Ebene des Mäander auswärts bis
 zum Sandischen Hügel. Die Karer und Ana'e'ter aber griffen ihn an und er selbst
 fiel, und mit ihm auch ein großer Theil seiner Leute.

Desselbigen Winters litten die Platäer sehr durch Mangel an Nahrung-Mitteln,
 denn sie wurden immer noch von den Peloponnesiern und Böotiern belagert. Nun war
 auf Hülfe von Athen keine Hoffnung, noch zeigte sich sonst eine Rettung, und
 darum beschlossen sie selbst und die, welche von den Athenern mit ihnen die
 Belagerung aushielten, zuerst in Gesammtheit die Stadt zu verlassen 
 
 
 und die Mauer der Feinde zu übersteigen, wenn sie es zwingen könnten. Den
 Anschlag dazu gaben ihnen Theänetos, des Telmides Sohn, ein Wahrsager, und
 Eumolpides, Sohn des Daimachos, der auch den Oberbefehl bei ihnen führte. Später
 aber wurde die Hälfte von ihnen wieder unentschlossen, weil sie die Gefahr für
 zu groß hielten, und es blieben nur ungefähr zweihundertnndzwanzig Mann 
 freiwillig bei dem Entschlüsse und führten denselben also aus. Sie machten
 Leitern von gleicher Höhe mit der Mauer der Feinde. Das Maß dazu nahmen sie an
 den aufeinanderliegenden Schichten der Ziegelsteine, an einer Stelle, wo die
 ihnen zugewandte Mauer nicht überkleidet war. Es zählten nämlich mehrere von
 ihnen zugleich diese Schichten, und hätte auch der Eine oder Andere sich geirrt,
 so konnte sich doch die Mehrzahl in der richtigen Zählung nicht täuschen, 
 zumal sie auch öfter zählten und die Mauer überdies; nicht weit entfernt war,
 sondern die Stelle derselben, die sie brauchten, ziemlich genau gesehen werden
 konnte. Auf diese Weise nahmen sie das Maß zu den Leitern, indem sie nach der
 Dicke der einzelnen Steine die nöthige Länge bestimmten.

Die Mauer der Peloponnesier war aber auf folgende Weise gebaut. Sie bestand aus
 zwei Ringmauern, deren eine gegen Platäa gerichtet und die andere für den Fall
 berechnet war, wenn allenfalls von Athen aus aus die äußere Seite ein Angriff
 geschähe. Diese beiden Ringmauern waren ungefähr sechszehn Fuß von einander 
 entfernt. Der Zwishcenraum war zu Hütten für die Besatzung vertheilt und ganz
 ausgebaut. Das ganze Werk war nirgends unterbrochen , so daß es wie eine einzige
 dicke Mauer ershcien, die nach beiden Seiten Brustwehren hatte. Jedesmal nach der
 zehnten Brustwehr kam ein großer Thurm, von gleicher Breite wie das Werk, so 
 daß dieselben auf der einen Seite bis an die innere, und auf der ander« Seite bis
 an die äußere Ringmauer reichten und man nicht an ihnen vorüberkommen konnte,
 sondern durch sie hindurch gehen mußte. Ju Nächten nun, wenn das Wetter
 stürmisch und feucht war, ließeu sie die Brustwehren unbesetzt und versahen die
 Wache von den Thürmen herab, die nicht weit von einander abstanden und oben
 überdacht waren. So war die Mauer eingerichtet, mit der sie die Platäer 
 umschlossen hielten.

Diese nun, nachdem sie mit ihren Vorbereitungen zu Ende 
 gekommen, nahmen einer mondlosen Nacht wahr, da es unter Stürmen regnete,
 und verließen die Stadt. Anführer dabei waren dieselben, die auch zu dem
 Versuche gerathen hatten. Zuerst überschritten sie den Graben, der die Stadt
 umschloß, dann kamen sie bis an die Mauer der Feinde, unbemerkt von den Wachen,
 die in der Dunkelheit weder weit vor sich hin sahen, noch auch das Geräusch
 der Herankommenden hören konnten, da der Sturm ihnen in's Gesicht schlug. 
 Auch hielten sich jene weit auseinander entfernt, damit nicht ihre Waffen an
 einander anklirren und sie verrathen möchten. Sie waren auch nur leicht gerüstet
 und nur am linken Fuße beschuht, um in dem Kothe sicher auftreten zu können, Sie
 näherten sich nun in dein Zwishcenranme zwischen zwei Thürmen den Brustwehren,
 weil sie dieselben unbesetzt wußten. Zuerst kamen die Leiterträger und
 legten diese an; dann stiegen zwölf Leichtbewaffnete mit Dolch und 
 Brustpanzer hinauf, welche Ammeias, des Koröbos Sohn, führte, der anch als der
 Erste die Mauer erstieg. Von denen, welche nach ihm hinaufkamen, wandten sich je
 sechs gegen einen der beiden Thürme. Dann nach diesen kamen andere
 Leichtbewaffnete mit kurzen Spießen, hinter denen drein Andere die Schilde
 nachtrugen, damit sie um so leichter hinaufkämen. Die Schilde sollten sie dann an
 jene abgeben, wann sie nah an den Feind gekommen wären. Als aber schon eine 
 größere Zahl hinaufgekommen war, bekamen die Wachen auf den Thürmen Wind; denn
 Einer von den Platäern hatte beim Festhalten an der Brustwehr einen Stein
 losgelassen, der beim Herunterfallen Geräusch machte, worauf die Wache sogleich
 rief. Die Besatzung eilte nach der Mauer, ohne in der finsteren, stürmischen
 Nacht zu wissen, was der Lärm bedeute, und gleichzeitig machten auch die in 
 der Stadt zurückgebliebenen Platäer einen Ausfall gegen eine Stelle der
 feindlichen Mauer, gerade entgegengesetzt derjenigen, wo ihre Leute dieselbe
 überstiegen, um die Aufmerksamkeit der Feinde ganz von derselben abzuziehen.
 Diese blieben nun aus Verwirrung jeder auf seinem Platze stehen uud Keiner wagte
 von seinem Posten aus den Andern zu Hülfe zu eilen, sondern Alle standen
 unschlüssig, wie sie sich den Vorfall deuten sollten. Die dreihundert Mann von
 ihren,. 
 
 
 
 welche vorkommenden Falls für eine nöthige Hülfeleistung bestimmt waren,
 eilten auf den Ruf der Wache außerhalb der Ringmauer, und nach der Seite von
 Theben hin wurden Lärmfeuer angezündet. Nun zündeten aber auch die Platäer in der
 Stadt auf ihrer Mauer Lärmfeuer in Menge dagegen an, die schön früher zu diesem
 Zweck in Bereitschaft gesetzt worden waren, damit die Feinde sin Thebens in 
 Verlegenheit wären, was sie aus den Feuerzeichen machen sollten und auf eine
 andere Vermuthung, als den wirklichen Vorfall kämen, während unterdessen ihre
 eigenen Leute aus der Stadt sich durchschlügen und einen sicheren Vorsprung
 gewännen.

Unterdessen erstieg ein Theil der Platäer die Mauer, und so wie die Vordersten
 hinaufgekommen waren, bemächtigten sie sich der beiden ^nächsten) Thürme, indem
 sie die Wachen daselbst tödteten, und besetzten dann selbst die Durchgänge unter
 den Thürmen, um zu verhindern, daß da Keiner zu Hülfe kommen könne. Dann legten
 sie von der Mauerhöhe Leitern an die Thürme, hießen eine Zahl Männer 
 hinaufsteigen und konnten nun vom Fuß der Thürme wie von oben herab heranrückende
 Feinde durch Schießen abwehren. Unterdeß hatte aber auch der große Haufe der
 Platäer viele Leitern zugleich angelegt, rissen die Brustwehren ab und setzten
 zwischen den beiden Thürmen über die Mauer. War einer glücklich hinübergekommen,
 so stellte er sich am Rand des Grabens auf, und so schossen und schleuderten
 sie von dort aus, wenn Einer etwa längs der säußeren) Mauer herankäme, das
 Uebersteigen zu hindern. Als nun auch die von den Thürmen alle herabgekommen
 waren, gelangten die, welche zuletzt nieder- stiegen, nur noch mit Mühe bis an
 den Graben, denn jetzt stießen die dreihundert auf sie mit Fackeln. Die Platäer
 nun, die am Rand des Grabens im Dunkeln standen, konnten jene viel besser sehen
 und zielten mit Pfeilen und Wurfspießen nach den unbedeckten Körpertheilen; 
 sie selbst aber, wie sie im Finstern standen, konnten wegen des Fackelscheins
 nicht so leicht gesehen werden. So kamen denn auch die Letz« ten der Platäer
 rechtzeitig über den Graben, wenn auch mit Mühe nnd Gefahr; denn es hatte zwar
 Eis drüber gefroren, aber nicht stark genug, um Menschen zu tragen, sondern mehr
 wässerig,. da grade Nord- oder Nord-Ost-Wind blies. Dieser Wind hatte in der
 Nacht auch Schnee gebracht und das Wasser im Graben so geschwellt, daß 
 beim Uebersetzen kaum noch die Köpfe hervorragten. Doch wurde 
 ihnen auch die Flucht um so leichter bei so stürmischem Wetter. l

Nun wandten sich die Platäer von dem Graben weg und schlugen alle zu Haus den
 Weg ein, der nach Theben führt, rechter Hand lassend die Kapelle des Heros
 Androkrates denn sie glaubten , daß jene am allerwenigsten vermuthen würden, sie
 hätten diese Richtung nach dem feindlichen Land hinein genommen; auch sahen sie
 sogleich, wie die Peloponnesier mit Fackeln zu ihrer Verfolgung die Straße
 einschlugen, die zum Kithäron und nach Dryoskephalä und so nach Athen führt. Bei
 sechs oder sieben Stadien weit hielten sich die Platäer auf der Straße nach
 Theben, dann schlugen sie sich seitwärts nach dem Gebirge zu, auf die Straße
 nach Erythrä und Hysiä, und gewannen so den Kamm des Gebirgs und entkamen nach
 Athen, ihrer zweihundertundzwölf Mann von den Ausgefallenen; denn einige 
 von diesen waren wieder umgekehrt in ihre Stadt hinein, noch vor der Mauer, und
 Einer, ein Bogenschütze, war bei dem auswendigen Graben von den Feinden gefangen
 worden. Unterdessen waren die Peloponnesier wieder in ihre Lagerung
 zurückgezogen, absehend vom Nachsetzen. Die Platäer in der Stadt aber wußten von
 dem Ausgang der Sache nichts, weil die Zurückgekehrten gemeldet hatten, 
 Niemand wäre am Leben geblieben; drum schickten sie, da der Tag angebrochen,
 einen Herold hinaus und verlangten Waffenruhe, ihre Todten zu begraben. Als sie
 aber die Wahrheit erfuhren, ließen sie es dabei. So haben die platäifchen Männer
 die Mauer überstiegen und sich gerettet.

Aus Lakedämon aber wurde zu Ende desselben Winters Saläthos, ein Lakedämonier,
 mit einem Dreiruderer gen Mitylene geschickt. Der fuhr denn auch bei Pyrrha an,
 schlich sich von da zu Lande weiter und durch das Bett eines Waldstroms über die
 Verschanznng (der Athener), die an dieser Stelle zu passiren war, und 
 gelangte so nach Mytilene und sagte den Häuptern der Stadt, daß ein Einfall auf
 das Gebiet von Attika unternommen werde und zugleich auch die vierzig Schiffe
 ershceinen sollten, die zu ihrem Entsatz bestimmt seien. Er selbst aber sei eben
 dieser Dinge wegen voraus­ 
 
 
 
 gesandt und zugleich auch um sonst Nöthiges vorzukehren. Da gewannen nun
 die Mytilenäer frischen Muth und waren jetzt weniger bedacht, sich mit den
 Athenern zu vergleichen. So ging dieser Winter zu Ende und damit das vierte Jahr
 dieses Kriegs, den Thukydides beschrieben hat.

Des folgenden Sommers, nachdem die Peloponnesier die zweiundvierzig Schiffe
 nach Mytilene gesandt hatten, unter Führung des Alkidas, der bei ihnen
 Flottenführer war und den sie nun zum Befehlshaber setzten, fielen sie selbst
 und ihre Bundesgenossen in Attika ein, damit die Athener ans zwei Seiten zu
 wehren hätten und um so weniger gegen die Schiffe ausziehen sollten, die gen
 Mytilene fuhren. Bei diesem Einfall befehligte Kleomenes in Vertretung des 
 unmündigen Königs Panfanias, des Pleistoanax Sohn '?), dem er Vatersbruder war.
 Sie verheerten die auch früher schon verwüsteten Striche von Attika, was etwa
 wieder aufgeschossen und was bei den früheren Einfällen vershcont geblieben war,
 und dieser Einfall wurde nächst dem zweiten den Athenern der empfindlichste;
 denn die Feinde, immer in Erwartung, etwas von Lesbos zu hören, daß ihre Schiffe
 nämlich glücklich gelandet und etwas ausgeführt hätten, verblieben im
 Lande und zogen sengend bald hier- bald dorthin. Da es ihnen aber nicht nach
 Wunsche ausging und zuletzt die Lebensmittel fehlten, . so zogen sie wieder ab
 und zerstreuten sich in ihre Städte.

In Mytilene inzwischen, da die Schiffe vom Peloponnes noch nicht gekommen waren
 und immer noch säumten, und auch das Getreide schon fehlte, wurden die Bürger
 gezwungen, sich mit den Athenern zu vergleichen, und zwar aus solche
 Veranlassung. Saläthos, der jetzt auch selbst schon die Schiffe nicht mehr
 erwartete, gab dem Volk, das früher nur leicht bewaffnet war, schwere Rüstung,
 weil er einen Ausfall gegen die Athener thun wollte. Da diese nun solche 
 Bewaffnung hatten, so hörten sie nicht mehr auf ihre Oberen, rotteten sich
 zusammen und verlangten, die Reichen sollten ihre Getreidevorräthe herausgeben
 und unter die gesammte Bürgerschaft vertheilen, 
 
 oder sonst, so sagten sie, wollten sie selbst sich mit den Athenern ver-
 
 gleichen und ihnen die Stadt übergeben.

Da nun die am Ruder waren wohl sahen, daß sie nicht im Stande wären jenes zu
 hindern, und daß sie große Gefahr liefen, wenn sie von dem Vergleiche
 ausgeschlossen würden, so schlossen sie im Namen des ganzen Gemeinwesens einen
 Vertrag mit Paches und dem Heere unter solchen Bedingungen, daß es den Athenern
 anheimgestellt sein sollte, über die Mytilenäer zu verfügen, wie es ihnen
 gutdünkc. Inzwischen wollten sie das Heer in die Stadt aufnehmen und eine 
 Gesandtschaft nach Athen schicken, dort ihre eigene Sache zu vertreten. Bis
 diese wieder zurückgekommen, dürfe Paches keinen Mytilenäer weder in das
 Gefängniß werfen, noch in die Knechtschaft verkaufen, noch tödten. Also lautete
 der Vergleich. Die aber von den Mytilenäern am meisten zu den Lakedämoniern
 gehalten hatten, waren nun sehr in Furcht, und als das Heer einzog, trauten sie
 nicht, sondern flüchteten gleichwohl noch vorher zu den Altären. Paches aber
 bewog sie, herauszutreten, indem er versprach, sie nicht zu kränken, und
 verwahrte sie auf Tenedos, bis die Athener Beschluß gefaßt hätten. Er schickte
 aber auch nach Antissa Dreiruderer und erzwang die Uebergabe, und 
 schaltete auch im Uebrigen mit der Flotte, wie es ihm gutdünkte.

Die Peloponnesier aber auf den vierzig Schiffen, die in aller Eile hätten
 herankommen sollen, säumten sich schon in den Peloponnesischen Gewässern, und
 auch aus der weiteren Fahrt rückten sie nur langsam vorwärts. Die Athener in der
 Stadt erhielten nicht eher Kenntniß von ihnen, als bis sie sich bei Delos
 zeigten. Als sie von da weiter nach Ikaros und Mykonos kamen, erhielten sie
 zuerst die Nachricht, Mytilene sei genommen. Da sie aber Gewißheit haben 
 wollten, so segelten sie nach Embaton im Erythräischen ^am Vorgebirge Kara Burun
 vor dem Busen von Smyrna^. Sieben Tage ungefähr waren seit der Einnahme
 Mytilene? verflossen, als sie bei Embaton landeten. Da erhielten sie denn
 Gewißheit und beriethen nun, was unter diesen Umständen zu thun sei, und
 Teutiaplos, ein Mann aus Elis, sprach zu ihnen also:

„Alkidas und ihr andern Heerführer der Peloponnesier, soviel unserer hier sind!
 Mir scheint, wir sollten ungesäumt auf Mytilene lossegeln, bevor wir noch
 ausgekundschaftet werden. Wir wer- 
 
 den gewiß die Feinde, die eben erst die Stadt eingenommen haben, in großer
 Sorglosigseit überraschen, zumal auf der See, von woher jene am allerwenigsten
 das Erscheinen des Feindes erwarten, und aus der wir ihnen jetzt grade überlegen
 sind. Gewiß sind auch ihre Landtruppen , wie es beim Sieger natürlich ist,
 sorglos durch die Häuser zerstreut. Wenn wir also unversehens und zur Nachtzeit
 über sie herfallen, so ist Hoffnung, daß wir mit Hülfe derer in der Stadt, wenn
 überhaupt noch Einer von unserer Partei übrig ist, das Ganze wieder an uns
 reißen. Zaudern wir also nicht vor der Gefahr, sondern glauben wir, daß dieß
 eben ein solcher Ueberrashcungssall im Kriege ist, wie ihn ein Feldherr wohl bei
 sich selbst verhüten soll, den er aber, am Feinde bemerkt, allsogleich benutzen
 muß, will er anders großen Erfolg haben."

So redete dieser, gewann jedoch den Alkidas nicht. Da forderten ihn denn einige
 Andere von den Ionischen Flüchtlingen und mitsegelnden Lesbiern auf, wenn er
 schon diese Gefahr fürchte, so möge er eine der Ionischen Städte wegnehmen oder
 das Aeolische Kyme, damit sie an einer solchen Stadt einen Ausgangspunkt hätten,
 um Jonien zum Abfall zu bringen. Dazu sei Hoffnung vorhanden; denn sie
 seien keinem unerwünscht hierher gekommen. Sie sollten also diese bedeutendste
 Einnahmsquelle der Athener ihnen wegnehmen, und wenn dieselben dann zu einer
 Blokade schritten, so würde ihnen dadurch noch obendrein Aufwand abgenöthigt.
 Auch seien sie der Meinung, man könne den Pissuthnes sden persischen Satrapen^
 wohl überreden, sich ihrer Kriegführung anzuschließen. Alkidas aber ging 
 auch darauf nicht ein, sondern dachte nur, da er bei Mytilene schon einmal zu
 spät gekommen war, so bald als möglich den Peloponnes wieder zu gewinnen.

Er ging also von Embaton wieder unter Segel, schiffte an der Küste hin und
 landete bei Myonnesos, das den Tejern gehört, und ließ die Mehrzahl der
 Kriegsgefangenen, die er unterwegs gemacht hatte, abschlachten. Als er darauf
 bei Ephesos vor Anker ging, kamen Gesandte der Samier aus Auäa und sagten
 ihm, das sei nicht die Art, wie man Hellas frei mache, wenn er 
 
 Leute todte, die keine Hand zur Gegenwehr aufgehoben und nicht ein-
 
 mal feindlich gesinnt' seien, sondern nur gezwungen auf Selten der Athener
 stünden. Wenn er so fortfahre, so werde er wenige von der feindlichen Seite zu
 Freunden gewinnen, wohl aber viel mehr von den freunden zu feinden machen. Er
 ließ sich denn auch überzeugen und entließ Leute der Chier, die er noch
 mitschleppte, und auch einige Andere. Wann nämlich die Leute der Schiffe
 ansichtig geworden waren, liefen sie gar nicht davon, sondern näherten sich
 vielmehr, in der Meinung, es seien Attische Fahrzeuge; denn sie hatten 
 auch nicht die mindeste Hoffnung, daß sich bei der Obmacht der Athener zur See
 Peloponnesische Schiffe nach Jonien hcrüberwagen würden.

Von Ephesos aber machte sich Alkidas mit der Flotte in aller Eile auf und
 davon. Er war nämlich, als er noch bei Klaros vor Anker lag, von der „Salamina"
 und der „Paralos" '^) entdeckt worden, die gerade von Athen aus ansegelnd in
 Sicht kamen, und aus Furcht verfolgt zu werden, suchte er nun die offene See, in
 der Absicht, ohne Noth nirgends anders zu landen, als im Peloponnes. - Nun
 kam dem Paches und den Athenern auch von Erythräa und sonst überallher
 Botschaft; denn da Jonien unbefestigt war, so war die Besorgniß sehr groß, die
 Peloponnesier möchten aus ihrer Kreuzung, wenn sie auch nicht gerade sich
 festzusetzen im Sinne hätten, so doch gelegentlich landen und die Städte
 plündern. Dazu meldeten nun die „Paralos" und die „Salamina", daß sie selbst den
 Feind bei Klaros in Sicht gehabt hätten. Paches lief nun mit vollen Segeln
 zur Verfolgung aus und setzte sie auch bis auf die Höhe der Insel Patmos fort;
 da er aber dann sah, daß er sie nicht mehr einholen könne, so kehrte er wiederum
 und erachtete es nun, da er sie schon einmal auf hoher See nicht mehr getroffen,
 für Gewinn, ihnen nirgendwo ^an der Küste) begegnet zu sein, wodurch jene zur
 Ver­ 
 
 
 schanzung in einem Schiffslager und er selbst zur Ueberwachung und Blokade
 gezwungen worden wäre

Als er nach der Umkehr an der Küste hinfuhr, landete er auch bei Nation, der
 Stadt der Kolophonier ^'), wo sich Kolophonier aus der weiter landeinwärts
 gelegenen Stadt angebaut hatten, nachdem diese von Jtamenes und den Barbaren
 genommen war, die eine aufständische Partei in der Stadt selbst herbeigerufen
 hatte. Diese Wegnahme war ungefähr um dieselbe Zeit vorgefallen, als die 
 Peloponnesier das zweite Mal in Attika einfielen. In Notion nun waren die
 dorthin geflüchteten Ansiedler auch hier wiederum unter sich zerfallen, und die
 Einen hatten sich vom Pissuthnes Arkadische und Barbarische Hülfsvölker geben
 lassen und hielten sich in einem besonders ummauerten Stadttheil. Die medisch
 Gesinnten aus der landeinwärts gelegenen Stadt der Kolophonier vereinigten sich
 hier mit ihnen und hatten da ihr Wesen; die andere Partei aber, die hatte 
 weichen müssen und flüchtig geworden war, sührte nun den Paches herbei. Dieser
 lud den Hippias, den Befehlshaber der Arkader in der Befestigung, zu einem
 Zwiegespräch mit dem Versprechen, ihn wieder heil und gesund in die Festung zu
 bringen, wenn seine Vorschläge nicht annehmlich sein sollten. Der kam nun auch
 heraus, Paches aber gab ihn zur Ueberwachung, ließ selbst ganz unvermuthet 
 gegen die Festung Sturm laufen und nahm sie auch, da jene ganz unvorbereitet
 waren. Die Arkader und Barbaren von der Besatzung 
 
 
 ließ er niederhauen; den Hippias selbst ließ er seinem Versprechen 
 gemäß später in die Festung führen, als er aber innerhalb der Mauern war,
 ihn wieder ergreifen und mit Pfeilen niedershcießen. Notion gab er den
 Kolophoniern, mit Ausschluß der medisch Gesinnten, zurück. Später schickten die
 Athener neue Stadtvorstände hin und richteten Notion nach ihren Gesetzen ein,
 nachdem sie dort alle Kolophonier zusammengezogen hatten, wie sie irgendwo in
 den Städten zerstreut waren.

Da Paches nach Mytilene zurückgekommen war, eroberte er noch Pyrrha und Eresos,
 bekam auch Saläthos, den Lakedämonier, gefangen, der sich in der Stadt versteckt
 gehalten hatte, und sandte ihn nach Athen, wie auch diejenigen der Mytilenäer,
 die er auf Tenedos verwahrt hatte, und wenn ihm sonst Einer an dem Abfall 
 Mitschuld zu haben schien. Auch den größeren Theil des Heeres entließ er; mit
 den Uebrigen blieb er und traf für Mytilene und das übrige Lesbos Verfügungen,
 wie es ihm gutdünkte.

Als diese Männer und Saläthos angekommen waren, ließen die Athener den Saläthos
 sogleich hinrichten, obwohl er manche Versprechungen machte, neben Anderem auch,
 daß er die Peloponnesier zum Abzug von Platäa bewegen wolle; denn diese Stadt
 wurde immer noch belagert. Wegen der Mytilenäer aber berathschlagten sie
 erst, und in ihrer Erbitterung faßten sie Beschluß, nicht nur die nach Athen
 Gebrachten, sondern Alles in Mytilene, was die mann- baren Jahre erreicht habe,
 hinzurichten, Weiber und Kinder aber zu Sklaven zu machen. Dabei machten sie
 ihnen nicht nur zum besondern Vorwurf, daß sie überhaupt abgefallen, obfchon sie
 die Herrschaft der Athener nicht in der Art wie die Uebrigen zu ertragen 
 hatten ^), sondern es war besonders das Erscheinen der peloponnesischen Schiffe
 in den Ionischen Gewässern, was ihre Aufregung vermehrte, die auf eigene Gefahr
 es gewagt hätten, jenen zu Hülfe zu kommen 23). Denn daraus schien
 hervorzugehen, daß der Abfall von 
 
 
 
 langer Hand vorbereitet sei. Zur Uebermachung des Beschlusses schickten
 sie dann einen Dreiruderer an den Paches und befahlen ihm, mit den Mytilenäern
 so rasch wie möglich ein Ende zu machen. Am folgenden Tage schon faßte sie indeß
 eine gewisse Reue, und sie besannen sich, es sei doch ein unmenschlicher
 Beschluß und es wolle viel heißen, eine ganze Stadt zu verderben und nicht die
 Schuldigen allein. Als dieß die anwesenden Gesandten der Mytilenäer und ihre
 Freunde unter den Athenern merkten, so bearbeiteten sie die Staats- 
 beamten, die Sache nochmals zur Abstimmung bringen zu lassen, und sie
 überredeten sie dazu um so leichter, da es auch ihnen selbst deutlich geworden
 war, daß es die Mehrzahl der Bürger gern sehe, wenn ihnen jemand die Möglichkeit
 biete, die Sache nochmals zu berathen. Als nun die Volksversammlung allsogleich
 zusammenberufen worden und Verschiedene, ein Jeder seine Meinung darlegten, so
 trat auch Kleon, des Kleänetos Sohn, wieder auf, der schon das erste Mal das
 Todesurtheil durchgesetzt hatte, übrigens auch sonst der Gewaltthätigste
 unter den Bürgern war und das Vertrauen des Volks wie kein Anderer damals besaß,
 und redete also:

„Schon oft habe ich auch bei andern Gelegenheiten einen demokratishcen Staat
 als unfähig erkannt, über Andere zu herrschen, nie aber deutlicher als heute, wo
 euch der Mytilenäer wegen Reue ergriffen hat. Weil ihr euch nämlich im täglichen
 Verkehr unter einander selbst furcht- und arglos benehmt ^), so zeigt ihr euch
 euren Bundesgenossen gegenüber ebenso, und wenn ihr hierin irgend eine 
 Thorheit begeht, sei es nun, daß ihr euch von ihnen beschwatzen laßt, oder daß
 ihr eurem eigenen Mitleiden den Gesallen thut, so bedenkt ihr nicht, daß eure
 Weichmüthigleit weder für euch selbst gefahrlos sei, noch euch den Dank der
 Bundesgenossen erwerben könne. Ihr 
 
 
 bedenkt nicht, daß eure Herrschaft eine Gewaltherrschaft ist, daß eure
 
 Unterthanen Ränke gegen euch schmieden und euer Joch widerwillig tragen.
 Sie werden euch nicht etwa in dem Maße lieber gehorchen, als ihr euch zu eurem
 eigenen Schaden ihnen gefällig erzeiget, sondern in dem Maße, als ihr eure
 Herrschaft über sie mehr ans eure Uebermacht, als auf ihr Wohlwollen gründet.
 Das Unglückseligste aber ist es, wenn Nichts von dem, was wir einmal beschlossen
 haben, in Kraft verbleibt, und wenn wir nicht lernen wollen, daß ein Staat,
 der zwar schlechtere, aber unwandelbare Gesetze beobachtet, mächtiger ist,
 als wenn er bei vortrefflichen Gesetzen sie nicht zur Ausführung bringt; daß
 geringer Verstand bei Selbstbeschcidung nützlicher wirkt als große
 Geschicklichkeit bei zügellosem Wankelmuth, und daß ungebildetere Leute mit
 ihrem Gemeinwesen meist besser zurechtkommen als gebildetere 22). Denn diese
 wollen weiser ershceinen als die Gesetze und immer noch Klügeres missen als das,
 was zum Besten des Gemeinwesens bereits gesagt worden ist, als ob es keine
 trefflichere Gelegenheit gäbe, ihr Licht leuchten zu lassen, und grade durch
 solches Benehmen bringen sie die Staaten in's Unglück. Die Andern aber in
 ihrem Mißtrauen in die eigene Einsicht bescheiden sich, nicht so weise zu sein
 wie die Gesetze und unfähig, an der Rede eines Mannes Ausstellungen zu machen,
 der Treffliches vorgebracht hat, und grade weil sie mehr unparteiische Richter
 als Parteikämpfer sind, so treffen sie meist das Richtige. So müssen auch wir es
 machen und nicht im Eifer, gegen Andere unsere Redetüchtigkeit und unsern
 Scharfsinn geltend zu machen, uns hinreißen lassen, gegen die eigene Ueberlegung
 euch zu irgend etwas zu bereden." '

,Ich meines Theils bleibe bei meiner Meinung, und kann 
 
 
 mich nur wundern über die, welche die Angelegenheit der Mytilenäer noch
 einmal zur Sprache bringen und damit einen Zeitverlust herbeiführen, der nur den
 Schuldigen zu Gute kommt. Denn dadurch wird nur der Zorneifer abgeschwächt, mit
 welchem der Beschädigte gegen den Schädiger vorgehen sollte, während doch nur
 die Rache, die der Beleidigung aus dem Fuße folgt, mit gleicher Wage die
 gerechte Wiedervergeltung übt. Es soll mich aber auch wundern, wer mir hierin
 zu widersprechen sich herausnehmen wird, und zu beweisen, daß die 
 Verbrechen der Mytilenäer für-uns nutzbringend seien, unser Vortheil aber für
 die Bundesgenossen Nachtheil einschließe. Ein solcher müßte doch im Vertrauen
 auf seine Rednergabe den Gegenbeweis zu führen streben, nicht das Allgemein
 Anerkannte sei zum Beschlusse erhoben worden, oder er müßte durch Geld bestochen
 sein, euch durch Redekunst, die den Schein der Wahrheit borgt, hinter's Licht zu
 führen. Der Staat aber läßt die Siegespreise solcher Wettkämpfe Andern 
 zukommen ; er selbst behält nur die Gefahren für sich. Und die Schuld hiervon
 tragt ihr, als schlechte Kampfrichter, denn euer Augenmerk richtet ihr nur auf
 die Reden, die Thatsachen aber hört ihr nur so nebenher mit an, und künftige
 Unternehmungen beurtheilt ihr nach denen, die schöne Worte darüber machen, wie
 leicht sie auszuführen seien, — was aber bereits geschehen ist, nach denen, die
 mit schönen Worten Ausstellungen zu machen wissen: nnd ihr solltet doch
 bedenken, daß man sich bei geschehenen Dingen besser auf seine eigenen Augen
 verläßt , als auf fremdes Gerede. Durch unerwartete Neuheit der Rede euch
 hinter's Licht führen zu lassen, versteht ihr vortrefflich, und ebenso auch, der
 überzeugenden Bewährtheit eines Vorschlags eure Ohren zu verschließen; denn ihr
 seid Sklaven des Außerordentlichen und Verächter des Gewöhnlichen. Jeder will
 nur selbst zum Reden kommen, und wenn nicht das, so doch mit denen, die
 solcherlei vortragen, wie im Wettkampf ringen, um den Schein zu vermeiden, als
 käme seine eigene Einsicht nur so hinterdrein, oder auch um schnell noch
 die eigene Ansicht auszusprechen, bevor jener noch geredet. Ihr seid ebenso
 flink, voraus zu errathen, was gesagt werden wird, als schwerfällig, die Folgen
 desselben vorauszusehen. Ihr sucht, so zu sagen, ganz andere Dinge
 herbeizuführen als die Zustände, in denen wir leben, und seid doch nicht einmal
 im Stande, die gegenwärtige 
 Lage vernünftig zn beurtheilen, und kurz, ihr seid immer Sklaven 
 des Ohrenkitzels, und ihr gleicht eher den müsftgen Gaffern auf den Bänken
 der Sophisten 26), als Männern, die über das Staatswohl berathen."

„Davon nun möchte ich euch abbringen, und deßhalb weise ich euch nach, wie sehr
 diese Eine Stadt der Mitylenäer sich an euch versündigt hat. Für solche, die
 nicht im Stande waren, die Forderungen eurer Herrschaft zu befriedigen, oder die
 von den Feinden gezwungen wurden, und so abgefallen sind, für die habe auch ich
 Verzeihung. Bewohner einer Insel aber, und zwar einer befestigten Insel,
 die nur von der Seeseite her einen Angriff unserer Feinde'zu fürchten gehabt
 hätten — und selbst für diesen Fall waren sie durch eine Zahl ausgerüsteter
 Dreiruderer nicht ohne Schutz — Leute, die nach ihren eigenen Gesetzen lebten
 und von uns auf's Höchste geehrt wurden, — wenn die solches thaten, haben sie
 damit etwas Anderes gethan, als aus uns einen Angriff gemacht? Und ist das nicht
 eher ein Anfall als ein Abfall zu nennen? Denn Abfall findet doch nur bei 
 denen Statt, die vergewältigt worden. Und haben sie nicht im Bunde mit unseren
 ärgsten Feinden uns zu verderben gesucht? Und 
 
 
 das ist doch viel verbrecherischer, als wenn sie mit eigener Macht, dafern
 sie diese besessen hätten, kriegführend gegen uns ausgetreten wären. Weder haben
 sie sich das Unglück der Andern zum warnenden Beispiel dienen lassen, die
 bereits früher ihren Abfall von uns mit der Niederlage gebüßt haben, noch auch
 gab ihnen ihr gegenwärtiger Wohlstand Grund zur Besinnung, daß sie sich nicht
 in'S Verderben stürzten, vielmehr forderten sie die Zukunft mit großer Keckheit
 heraus, und geschwellt von Hoffnungen, die eben so weit über ihre Kräfte
 hinausgingen, wie sie noch hinter ihren Wünschen zurückblieben, haben sie den
 Krieg gewählt und sich nicht besonnen, Gewalt vor Recht gehen zu lassen; denn
 unter Umständen, wo sie glaubten, mit uns fertig werden zu können, haben sie uns
 angegriffen, ohne beleidigt worden zu sein. So pflegen sich ja meist die Staaten
 zum Uebermuth zu wenden, welchen in kurzer Zeit und unerwartet großer 
 Wohlstand zu Theil geworden ist. Gewöhnlich ist aber das Glück, wenn es dem
 Menschen nach dem gemeinen Gang der Dinge zu Theil wird, beständiger, als wenn
 es unerwartet.gekommen ist; und man darf wohl auch sagen, daß es leichter ist,
 ein Unglück fern zu halten, als das Glück sich auf die Dauer zuzugesellen. Wir
 hätten aber den Mytilenäern schon längst nicht vor allen Andern solche Ehre
 erweisen sollen, so hätte ihr Uebermuth nicht so ausgeartet; denn der Mensch
 ist nun-einmal von solcher Art, daß er den verachtet, der ihm den Hof
 macht, und sich vor dem beugt, der feste Haltung zeigt. So sollen sie denn nun
 auch bestraft werden, wie sie es verdienen, und nicht etwa dürft ihr nur der
 Minderzahl die Schuld beimessen, und den großen Haufen laufen lassen. Denn Alle
 mit einander haben sie uns angegriffen. Hätten die Andern zu uns gehalten, so
 könnten sie jetzt weiter ihren Staat in Unabhängigkeit regieren; aber sie haben
 eben das Wagestück der Minderzahl für weniger bedenklich gehalten und sind
 mitabgefallen. Und wenn ihr von euren Bundesgenossen diejenigen, die freiwillig
 abgefallen sind, nur mit derselben Strafe belegt, wie diejenigen, die vom Feinde
 dazu gezwungen wurden, wer, glaubt ihr, werde dann nicht die Gelegenheit zum
 Abfall vom Zaun brechen, da ihm im Fall des Gelingens die Freiheit winkt, und
 wenn die Sache schief geht, ihn eben keine sonderliche Strafe trifft? Da 
 wird sofort unser Vermögen und Leben von jeder einzelnen Stadt be 
 droht sein. Und wenn ihr im günstigen Fall eine Stadt zu Grunde 
 gerichtet habt, wo bleiben da für die Zukunft die Steuern und Einkünfte,
 auf denen unsere Macht beruht? Bleiben wir aber im Nachtheil, so haben wir uns
 zu unsern dermaligen Feinden noch neue aus den Hals gezogen, und die Zeit über,
 da wir unsern jetzigen Feinden Widerstand leisten sollten, werden wir uns mit
 unseren eigenen Bundesgenossen herumzuschlagen haben."

„Wir dürfen ihnen also weder Hoffnung machen, daß sie durch Ueberredung, noch
 auch, daß sie durch Geld sich Verzeihung erwirken werden und Nachsicht, als
 hätten sie nur "menschlich gefehlt. Denn es war ihr eigener Wille, uns zu
 schaden, und mit Wissen haben sie zu unserem Verderben gearbeitet. Verzeihung
 verdient aber nur, was ohne böse Absicht geschah. Was ich also das erste Mal
 verfochten habe, dafür stehe ich auch jetzt ein und sage, daß ihr den 
 bereits gefaßten Beschluß nicht abändern dürft, und daß euch die drei Dinge, die
 für jede Herrschaft das Gefährlichste sind, Erbarmung, Reiz der Rede und
 glimpfliche Nachsicht, uicht zu einem Mißgriff verleiten sollen. Mit mitleidigem
 Erbarmen soll man die Gesinnung Gleichfühlender belohnen und es nicht gegen die
 verschwenden, die kein Gegenerbarmen fühlen, sondern nothwendig immer uns
 feindselig sein werden. Und die Redner, die euch durchaus mit schönen Worten
 eine Freude machen wollen, mögen sich bei minder erheblichen Dingen eine
 Gelegenheit zum Wettkampf suchen, und nicht da, wo die Stadt einen kurzen
 Ohrenkitzel schwer wird büßen müssen, während ihnen selbst ihre schönen Worte
 schöne Summen einbringen^). Glimps- 
 
 
 liche Nachsicht aber ist mehr gegenüber Solchen am Platz, die sich uns
 auch in der Zukunft voraussichtlich ergeben bezeigen werden, als gegen solche,
 die nichts destoweniger unsere Freunde bleiben. Kurz, wenn ihr mir folgt, so
 handelt ihr gerecht gegen die Mytilenäer und zugleich zu eurem Vortheil;
 beschließt ihr aber anders, so werdet ihr euch nicht nur den Dank Jener nicht
 verdienen, sondern auch euch selbst das Verdammungsurtheil sprechen. Denn thaten
 jene Recht, abzufallen, so käme es euch ja nicht zu, die Herrschaft zu führen.
 Wollt ihr diese aber, auch wenn sie ungebührlich ist, trotzdem festhalten,
 so müßt ihr natürlich entweder euren Vortheil wahren und jene bestrafen, oder
 eure Herrschaft niederlegen und in Frieden und Ruhe die Biedermänner spielen.
 Entschließt euch also, das euch Zugedachte als Wiedervergeltung gegen sie zu
 wenden, und zeigt euch, an denen die Gefahr vorübergegangen ist, nicht weniger
 empfindlich als die, die euch so Schlimmes zugedacht. Bedenkt doch, wie sie
 ganz gewiß gegen euch verfahren hätten, wenn sie Sieger geblieben wären,
 zumal sie selbst mit dem Unrecht begonnen haben. Denn wer ohne gerechte Ursache
 einem Andern Böses anthut, der ruht erst mit dessen Vernichtung, weil er wohl
 sieht, welche Gefahr ihm droht, 
 
 so lange der Feind noch auf den Füßen steht, und mit Recht, denn 
 wer nur aus Uebermuth unnöthigerweise mißhandelt wurde, ist, wenn er der
 Gefahr entgangen ist, viel erbitterter als der Feind gegenüber dem offenen
 Feinde. Werdet also nicht Verräther an euch selbst! Bringt euch die Vorstellung
 möglichst nahe, was ihr hättet zu leiden gehabt, und wie ihr eure letzten Kräfte
 aufgeboten haben würdet, ihrer Meister zu werden. Uebt nun die Wiedervergeltung,
 laßt euch nicht von diesem Augenblicke weich machen, und vergeßt nichts wie 
 nahe das Unheil über euren Häuptern schwebte. Züchtiget diese nach Verdienst und
 stellt sie den andern Bundesgenossen als deutliches Beispiel vor Augen, daß, wer
 immer abfällt, den Tod leiden muß. Wissen sie das einmal, so werdet ihr euch
 nicht mehr so oft mit den eigenen Bundesgenossen herumshclagen müssen, während
 eure Feinde gute Ruhe haben" A).

So redete Kleon. Nach ihm aber trat
 Diodotos, des Eukrates Sohn auf, der auch bei der ersten Versammlung am 
 stärksten dafür gesprochen hatte, die Mytilenäer lieber nicht hinzurichten und
 redete also:

„Gegen die, welche die Sache der Mytilenäer zu einer zweiten Abstimmung
 gebracht haben, kann ich ebensowenig einen Tadel finden, wie Lob für die, welche
 es rügen, daß über so außerordentlich wichtige Dinge mehrmals berathschlagt
 werde. Vielmehr muß ich glauben, daß Eile und leidenshcaftliche Stimmung die
 größten Feinde eines klugen Beschlusses seien; denn die eine pflegt aus 
 Unverstand, die andere aus Ungezogenheit und Kurzsichtigkeit zu entstehen. Und
 wer gar dafür einsteht, daß die Rede nicht die Lehrerin des Handelns sei, der
 besitzt entweder keine Vernunft, oder er hat irgend einen eigennützigen
 Hintergedanken. Unvernünftig ist er, wenn er sich einbildet, auf irgend eine
 andere Weise über das belehren zu können, was noch in der Zukunft und im Dunkel
 liegt. Seinem Eigennutz aber dient er, wenn er im Bewußtsein der Absicht, zu
 Schmählichem überreden zu wollen, sich nicht zutraut, über Unschönes schön
 reden zu können, und dafür nun durch dick aufgetragene Verleumdung die Gegner
 auf der Rednerbühne und die Zuhörer zu verwirren sucht. Die Gefährlichsten aber
 nun sind die, welche auch noch die Beschuldigung hinzufügen, als ob die Andern
 durch Geld bestochen schöne Reden hielten. Denn wenn sie nur die Anklage des
 Unverstandes erheben möchten, so würde Einer, wenn er mit seiner Ansicht
 nicht durchdringt, zwar den Ruf der Unverständigkeit, aber doch nicht den der
 Ungerechtigkeit davontragen. Wird ihm aber Un- 
 
 
 ehrlichkeit vorgeworfen, so wird er auch, wenn er seine Ansicht durch­
 
 setzt, verdächtig, nnd setzt er sie nicht durch, so scheint er unverständig'
 und unehrlich zugleich. Mit dergleichen wird aber dem Staat schlecht 
 gedient, denn die Furcht beraubt ihn seiner Rathgeber. Aber sehr wohl würde er
 sich befinden, wenn er solche Bürger von der Rednerbühne ausschließen möchte,
 denn dann wäre die mindeste Gefahr vorhanden, sich zu Schlechtem verleiten zu
 lassen. Der gute Bürger muß sich nicht durch Abschrecken seiner Gegner als den
 besseren Redner zeigen wollen, sondern dadurch, daß er sie sich selbst
 gleichstellt. Auch soll ein Staat, in dem es vernünftig hergeht, demjenigen, der
 die meisten guten Rathschläge gibt, deßhalb zwar nichts an Ehre zulegen, ihm
 jedoch auch nicht die Ehre kürzen, und den, der mit seiner Meinung nicht
 durchdringt, soll er nicht nur nicht strafen, sondern nicht einmal seine Ehre
 antasten. Dann würde, wer Erfolg hat, gewiß nicht, um größerer Auszeichnung
 gewürdigt zu werden, manches auch gegen bessere Einsicht und nach Gunst reden,
 und wer durchgefallen ist, würde ebenso wenig, um derselben Ehre theilhaftig zu
 werden, die Menge zu gewinnen streben."

„Von dem aber thun wir das Gegentheil; ja sogar noch mehr: wenn Einer im
 Verdacht steht, durch Geld bestochen gleichwohl das Beste zu rathen, so lassen
 wir aus Neid wegen dieses Geldgewinns, von dem doch nur eine unsichere
 Vermuthung besteht, den offenbaren Vortheil des Staates dahinsahren. Es ist nun
 einmal so: das Gute ohne Umschweife gerade heraus gesagt wird nicht weniger
 verdächtigt, als das Schlechte; die Folge davon ist: wie der schlimmste
 Rathgeber die Menge durch Betrügereien gewinnen muß, ebenso muß der, 
 welcher zum Besseren räth, sich erst durch Flunkern Vertrauen gewinnen. Und so
 ist es denn bei uns, in Folge der Ueberklugheit, unmöglich, dem Staate durch
 grades Vorgehen und ohne Schliche einen Nutzen zu erweisen. Denn wer offenkundig
 dem Staate Gutes thut, dem wird mit dem Verdachte gelohnt, daß er im Geheimen
 irgendwie einen noch größeren Gewinn dabei in Aussicht habe. Gleichwohl 
 müssen wir, trotz diesen Zuständen, wo es sich um die höchsten Dinge handelt, in
 dem, was wir reden, weiter sehen, als ihr Kurzsichtigen, zumal wir für unsere
 Vorschläge verantwortlich sind, ihr aber als Zuhörer unverantwortlich. Wenn der
 Ueberredende und der Zustim- 
 
 
 mende gleicher Gefahr ausgesetzt wären, so möchtet ihr in eurem Urtheil
 wohl bedächtiger sein. So aber straft ihr in eurer Hitze beim ersten besten
 Mißlingen einzig und allein die eine Abstimmung dessen, der euch überredet hat,
 und nicht eure eigenen, wenn sie auch in großer Zahl mitgesündigt haben."

„Ich bin aber jetzt weder aufgetreten, um der Mytilenäer wegen irgend Jemandem
 zu widersprechen, noch auch um sie anzuklagen. Denn uns, wenn wir anders klug
 sind, handelt es sich nicht darum, ob jene Unrecht gethan haben, sondern darum,
 daß wir einen klugen Entschluß sassen. Denn selbst wenn ich nachgewiesen hätte,
 daß sie uns tödtlich beleidigt haben, würde ich deßhalb noch nicht auch 
 für die Hinrichtung stimmen, wenn diese uns nicht vortheilhast wäre, und ebenso
 wenig würde ich, wenn sie irgendwie Nachsicht verdienten, diese gewähren, wenn
 es mir nicht vortheilhaft für den Staat schiene. Ich meine, wir sollten unsern
 Beschluß mehr mit Berücksichtigung der Zukunft als der Gegenwart fassen; und
 hier bin ich grade in dem Punkte, worauf Kleon das meiste Gewicht legt, daß
 nämlich das Verhängen der Todesstrafe uns für die Zukunft von Vortheil sei, weil
 Abfall so leichter verhütet werde, grade der entgegengesetzten Meinung, 
 obgleich ich eben so gut wie er dabei unser künftiges Wohl im Auge habe. Ich
 wünschte nicht, daß ihr zu Liebe der scheinbaren Richtigkeit seines Vorschlags
 den Nutzen von euch stießet, den der meinige bietet. Denn da eurer
 leidenschaftlichen Erregtheit gegen die Mytilenäer seine Meinung auf
 Gerechtigkeit gegründet scheint, so kann sie euch wohl leicht mitreißen. Aber
 wir haben ja keinen Rechtshandel gegen sie durchzufechten, wobei es sich um
 Recht oder Unrecht handelte, sondern wir berathen uns, auf welche Art wir ihre
 Sache am meisten zu unserm Vortheil austragen können."

„In den Staatsverfassungen ist ans vielerlei Dinge die Todesstrafe gesetzt,
 auch auf solche, die dem vorliegenden Verbrechen nicht gleichkommen, sondern
 dahinter zurückbleiben. Gleichwohl lassen sich die Menschen durch die Hoffnung
 anreizen, es immerhin zu wagen ; und nie hat sich Einer in diese Gefahr begeben,
 der sich nicht getraut hätte, mit seinem schlimmen Wagniß durchzudringen. Und
 ist jemals eine abtrünnige Stadt an die Ausführung gegangen, welche die
 Zurüstung, sei es nun eigene oder durch Anderer Kampfgenossenis 
 schaft dargebotene, nach eigener Schätzung für unzureichend hielt? Es
 
 liegt in aller Menschen Natur, daß sie sowohl in Privatverhältnissen, als
 auch gegen den Staat sündigen, und es gibt kein Gesetz, das sie davon
 zurückhalten kann. Sind ja die Menschen bereits durch alle Abstufungen der
 Strafen, sie immer steigernd, hindurchgegangen, um so vielleicht die Zahl der
 Verbrechen und die Menge des Uebels zu mindern. Denn gewiß standen vormals auf
 den größten Verbrechen mildere Strafen; da aber immerfort Uebertretungen Statt
 fanden, so verschärften sich die meisten im Laufe der Zeit bis zur Todesstrafe,
 und trotzdem achtet man auch dieser nicht. Entweder also muß man etwas
 noch Abschreckenderes ausfindig machen als diese, oder es gibt überhaupt nichts,
 was da Einhalt thun kann. Und so ist es in der That; denn einmal ist's die
 Armuth, 5ie durch Noth Kühnheit gebiert und zum Wagniß treibt, das andere Mal
 der Reichthum, der in Uebermuth und Hochmuth Habsucht erzeugt, und so auch die
 andern durch Leidenschaft herbeigeführten menschlichen Zustände, die alle unter
 dem Einfluß irgend einer unwiderstehlichen höhern Macht stehen, überall 
 aber die Hoffnung, die Begierde. Diese macht die Führerin, jene geht mit. Diese
 sinnt den Anschlag aus, jene spiegelt den Beistand eines freundlichen Glückes
 vor, und so richten beide den größten Schaden an, und obwohl unsichtbar, sind
 sie doch mächtiger als Martern, die mit Augen zu sehen sind. Dazu kommt noch das
 Glück, das auch nicht weniger aufmunternd mitwirkt. Denn wider Erwarten
 gesellt es sich manchmal zu der geringeren Kraft und verleitet Einen zum Wagniß,
 und mehr noch ganze Staaten, da es sich da ja um die größten Dinge handelt, um
 Freiheit und Herrschaft über Andere, und weil jeder Einzelne, wenn er im großen
 Haufen mitläuft, seine eigene Kraft blindlings überschätzt. Kurz, wer mit der
 Gewalt der Gesetze oder durch sonst ein anderes Schreckmittel die Menschen
 hindern zu können glaubt, wenn die eigene Natur sie zu irgend einer That 
 fortreißt, der glaubt das Unmögliche und beweist große Einfalt."

„Wir dürfen also nicht im Vertrauen darauf, daß die Todesstrafe jede Bürgschaft
 gewähre, einen nachtheiligen Entschluß fassen, noch auch den Abtrünnigen jede
 Hoffnung benehmen, daß es eine Möglichkeit gibt, von ihrem Fehl wieder
 umzukehren und ihn in möglichst kurzer Frist wieder vergessen zu machen.
 Ueberlegt doch, daß bei 
 
 solchem Verfahren eine abtrünnige Stadt, wenn sie die Aussicht auf Erfolg
 geshcwunden sieht, gewiß zu einem Vergleiche bereit sein wird, so lange sie noch
 im Stande ist, die Kriegskosten zu erstatten und sonst ihre Steuern zu zahlen.
 Welche Stadt aber, glaubt ihr wohl, werde sich bei jenem andern Verfahren nicht
 noch viel stärker rüsten als sonst und eine Belagerung bis zum Aeußersten
 aushalten, wenn es für sie ganz dieselben Folgen hat, ob sie sich vorher oder
 nachher ergibt? Wie aber soll für uns kein Schaden daraus erwachsen, wenn 
 wir die Kosten einer langen Belagerung tragen müssen, weil wir jede Aussöhnung
 zurückweisen, und wenn wir im Fall der Einnahme eine zerstörte Stadt in die Hände
 bekommen und für die Zukunft ihrer Steuerzahlungen verlustig sind? Und auf diesen
 beruht doch unsere Kraft gegenüber dem Feinde! Wir dürfen also nicht uns selbst
 den größern Schaden zufügen, indem wir als Richter über die Verbrecher die
 Sache zu genau nehmen, sondern vielmehr darans sehen, daß wir bei mäßiger Ahndung
 für die Zukunft in der Lage bleiben, Städte unter uns zu haben, die zahlen
 können, und müssen uns selbst nicht mit der Strenge der Gesetze, sondern durch
 Sorgfalt unserer Vorkehrungen Sicherheit zu schaffen suchen. Thun wir aber davon
 nicht das Gegentheil, wenn wir einen sonst freien und mit Gewalt bezwungenen 
 Staat, der einem natürlichen Zuge folgend durch Abfall seine Unabhängigkeit
 herzustellen strebt, wieder unterworfen haben und dann meinen, wir müßten ihn
 streng bestrafen? Freie Männer muß man nicht, wenn sie abgefallen sind, scharf
 züchtigen, sondern bevor sie noch abfallen , muß man scharfes Augenmerk haben und
 seine Vorsichtsmaßregeln ergreisen, daß sie nicht einmal auf den Gedanken kommen;
 hat man sie aber wieder einmal durch Waffen zum Gehorsam bringen müssen, so
 soll man sie die Schuld so wenig als möglich empfinden lassen."

„Nun bedenkt aber auch, wie sehr ihr euch in folgender Rücksicht verfehlen
 möchtet, wenn ihr dem Kleon folgt. Jetzt noch ist euch in allen Städten die
 Volkspartei freundlich gesinnt und betheiligt sich entweder nicht an dem Abfall
 der vornehmen Minderzahl, oder, wenn sie dazu gezwungen wird, verharrt sie gegen
 die Abtrünnigen in offener Feindschaft, und kommt es dann eurerseits zum Kriege,
 so habt ihr in der feindlichen Stadt die große Menge zum Bundes genossen. Wenn ihr nun aber das Volk der Mytilenäer hinrichtet, 
 das nicht nur keinen Antheil am Abfall genommen hat, sondern, so- i bald
 es nur gerüstet und bewaffnet war, allsogleich die Uebergabe der Stadt bewirkte,
 so vergeht ihr euch einmal, weil ihr eure Wohlthäter tödtet, und dann gebt ihr
 ja den Vornehmen grade die Waffe in die Hände, die sie am heißesten wünschen;
 dein wenn sie eine Stadt zum Abfall bringen wollen, so werden sie sogleich das
 Volk aus ihrer Seite haben, da ihr bereits ein Beispiel gegeben habt, wie ihr
 Schuldig und Unschuldig mit gleicher Strafe belegt. Aber selbst wenn das 
 Volk euch beleidigt hätte, dürftet ihr euch nichts merken lassen, damit die
 einzige Partei, die noch zu euch steht, nicht in einen Feind verwandelt werde.
 Und ich halte es überhaupt zur Behauptung der Herrschaft für viel nützlicher,
 wenn wir eine Beleidigung ertragen, als wenn wir nach dem Buchstaben des
 Gesetzes die vernichten, die wir nicht vernichten dürfen. Und was Kleon meint,
 daß bei dieser Strafart dem Recht und dem Vortheil gleiche Rechnung getragen
 sei, das sieht Jeder ein, kann man nicht bei einander haben."

„Ihr also seid überzeugt, daß meine Ansichten richtiger sind, und gebt weder
 dem Mitleiden noch auch der Nachsicht zu viel Raum; denn auch ich will nicht,
 daß ihr euch durch sie bestimmen lasset; sondern den Gründen zu Liebe, die ich
 vorgebracht, folget mir: diejenigen Mytilenäer, welche Paches als die
 Gefährlichen hieher geschickt hat, die richtet in aller Ruhe, und die übrigen
 lasset im Besitze ihrer Stadt. Das verbürgt Nutzen für die Zukunft und ist
 abschreckend genug für unsere Feinde. Denn wer vernünftig zu Rathe geht, ist
 stärker dem Feind gegenüber, als wer zwar mit kräftiger That, jedoch ohne
 alle Vernunft auf ihn losgeht."

So sprach Diodotos. Da diese Vorschläge so ziemlich mit gleicher Stärke
 unterstützt, sich einander die Wage hielten, so geriethen die Athener gleichwohl
 noch in einen Meinungskampf, und bei der Abstimmung waren beide Parteien nahezu
 gleich stark; doch siegte die des Diodotos. Sie sandten nun sogleich einen
 zweiten Dreiruderer ab mit dem Befehl zur Eile, damit der erste nicht früher
 ankomme und sie die Stadt bereits vernichtet fänden, denn jener hatte einen
 Vorsprung von nahezu einem Tag und einer Nacht. Da nuu die Mytilenäischen
 Gesandten das Schiff mit Wein und Mehl versahen und 
 
 große Versprechungen machten, wenn sie jene überhalten, so wurde diese
 Fahrt mit solchem Eifer beschleunigt, daß die Mannschaft aß, ohne das Ruder
 ruhen zu lassen, Brod nämlich mit Wein und Oel eingerührt, und während eine
 Abtheilung der Ruhe genoß ruderten die Andern. Da nun glücklicher Weise kein
 widriger Wind blies und das erste Schiff mit seinem empörenden Austrage sich
 nicht beeilte, das andere jedoch sich also sputete, so war jenes nur um so viel
 srüher angekommen, daß Paches eben erst den Volksbeschluß gelesen hatte und
 im Begriffe war, an die Ausführung zu schreiten, als das spätere Schiff
 danach einlief und die Vernichtung der Stadt verhinderte. So nahe ist die
 höchste Gefahr an Mytilene vorübergegangen.

Die übrigen Männer indessen, welche Paches, als am Abfalle zumeist schuldig,
 geschickt hatte, ließen die Athener auf Kleon's Vorschlag hinrichten; es waren
 ihrer aber einige über tausend. Auch rissen sie der Mytilenäer Mauern nieder und
 nahmen ihre Schiffe weg. Späterhin legten sie zwar den Lesbiern keine weiteren
 Steuern auf, theilten aber all ihr Land, nur das Gebiet der Methymnäer 
 ausgenommen , in dreitausend Ackerloose. Davon schieden sie dreihundert aus und
 heiligten sie den Göttern, aus die übrigen aber schickten sie als Loosherren
 diejenigen aus ihrer Mitte, die das Loos getroffen hatte Diesen mußten die
 Lesbier, die das Land selbst zu bebauen 
 
 hatten, für jedes Ackerloos einen jährlichen Zins von zwei Minen [zu­
 
 sammen 48 Thlr. 6 Ggr.^ entrichten. Auch die kleinen Städte nahmen die
 Athener weg, welche die Mytilenäer auf dem Festlande besessen hatten, und
 dieselben gehorchten seitdem den Athenern. Diesen Ausgang nahmen die Sachen mit
 Lesbos.

Desselbigen Sommers nach der Einnahme von Lesbos unternahmen die Athener unter
 Führung des Nikias, des Sohnes des Nikeratos', einen Zug wegen der Insel Minoa,
 welche vor Megara liegt. Auf derselben hatten die Megarenser einen Thurm gebaut
 und bedienten sich ihrer anstatt eines Vorwerks. Nikias dachte aber, die 
 Athener könnten auf derselben einen Wachposten halten, der ihnen näher gelegen
 sei als Budoron und Salamis, damit die Peloponnesier nicht mehr, wie früher
 geschehen war, mit ihren Dreiruderern oder Kaperschiffen von dort unbemerkt
 auslaufen könnten , und ihnen auch die Zufahrt nach Megara abgeschnitten wäre.
 Er warf also zuerst mit seinem Sturmzeug vom Meere aus zwei vorspringende Thürme
 von Nisäa nieder, machte darauf die Einfahrt in den Raum zwischen der 
 Insel und dem Festlande frei , und sperrte dann die dem Festlande 
 gegenüberliegende Seite der Insel durch eine Mauer ab, da man hier der vom Lande
 nicht weit abliegenden Insel vermittelst einer über die Untiefen geschlagenen
 Brücke zu Hülse kommen konnte. Nachdem er dieß in wenigen Tagen ausgeführt und
 auf der Insel noch eine Verschanzung sammt Besatzung zurückgelassen hatte, zog
 er mit dem Heere wieder ab.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer gaben sich auch die Platäer, die keine
 Nahrungsmittel mehr hatten und der Belagerung 
 
 
 nicht mehr widerstehen konnten, in die Hände der Peloponnesier. Dabei war
 es so zugegangen. Diese machten einen Sturm auf die Mauer und jene konnten sich
 nicht mehr vertheidigen. Da nun der Lakedämonische Feldherr ihre Entkräftung
 sah, so wollte er die Stadt nicht mit Gewalt nehmen, denn es war ihm von
 Lakedämon aus befohlen worden, so zu verfahren, daß, wenn einmal mit den
 Athenern Friede geschlossen würde nnd beide Theile dahin übereinkämen, die im
 Kriege eroberten Plätze beiderseits herauszugeben, Platäa als freiwillig 
 übergetreten nicht zurückgegeben werden dürfe. Deßhalb schickt er einen Herold
 zu ihnen und läßt verkünden, wenn sie ihre Stadt freiwillig den Lakedämoniern
 übergeben wollten und diese als Richter anerkennen, so werde er die Schuldigen
 zwar strafen, Niemanden aber gegen Recht und Gesetz. Das richtete der Herold
 aus, und jene, die schon im Zustand der äußersten Schwäche waren, übergaben ihre
 Stadt. Die Peloponnesier nun reichten den Platäern einige Tage lang Speise,
 bis dann die fünf Richter aus Lakedämon ankamen. Als diese aber angelangt
 waren, wurde keine förmliche Anklage gegen sie aufgestellt, sondern man forderte
 sie vor und fragte nur, ob sie in diesem gegenwärtigen Kriege den Lakedämoniern
 oder deren Bundesgenossen sich irgendwie dienstlich erwiesen hätten. Diese aber
 verlangten, sich eines Weiteren anslassen zu dürfen, und stellten aus ihrer
 Mitte den Astyemachos, Sohn des Afopolaos, und den Lakon, des Aeimnestos Sohn,
 der ein Gastfreund der Lakedämonier war, als ihre Fürsprecher ans, und
 diese traten hin und redeten also:

„Unsere Stadt haben wir euch übergeben, ihr Lakedämonier, weil wir auf euer
 Wort hin vertrauten, nicht vor einem solchen Gerichte stehen zu müssen, sondern
 daß es gesetzlicher ausfallen werde, und wir nahmen eure Bedingungen an, um vor
 keinen anderen Richter gestellt zu werden, als vor euch selbst, wie dieß jetzt
 auch wirklich der Fall ist, weil wir glaubten, bei euch das billigste Urtheil zu
 finden. Nun aber fürchten wir, daß wir uns in Beidem betrogen haben, denn 
 wir müssen mit Recht argwöhnen, daß es sich hier um das Schrecklichste handle,
 und daß ihr nicht den Ruhm billiger Richter davontragen werdet. Wir schließen
 das, weil von euch keine Voranklage gestellt worden ist, gegen die wir uns zu
 rechtfertigen hätten, sondern wir selbst haben um die Erlaubniß zum Reden bitten
 müssen, und 
 eure Frage ist so kurz, daß unsere Antwort, wenn sie der Wahrheit 
 gemäß ist, uns verurtheilt, und wenn sie unwahr ist,- leicht widerlegt, 
 werden kann. So sehen wir nach keiner Seite einen Ausweg und sind genöthigt, von
 einer Rede unsere Rettung zu hoffen, was auch das Geziemendste zu sein scheint;
 denn wer in einer solchen Lage zu reden unterläßt, zieht sich wohl den Vorwurf
 zu, daß eine Rede ihn hätte retten können. Zu dem Andern, was uns bedrückt,
 fühlen wir aber nun auch,- wie schwer es uns fallen wird, euch zu überreden.
 Denn wären wir einander unbekannt, so könnten wir Beweisgründe beibringen,
 die euch fremd wären, und so vielleicht Rettung finden; nun aber wird Alles, was
 wir vorbringen, euch bereits bekannt sein, und wir fürchten nicht sowohl, daß
 ihr schon im Voraus das Urtheil gefällt habet, unsere Verdienste seien geringer
 als die eurigen, und daß ihr uns eben daraus ein Verbrechen machet, sondern
 vielmehr, daß ihr uns andern zu Gefallen vor ein Gericht stellt, welches sein
 Urtheil schon gesprochen hat."

„Gleichwohl wollen wir vorbringen, was wir an Rechts- gründen in Betreff
 unserer MißHelligkeiten mit den Thebanern haben, und die Erinnerung an das
 wachrufen, was wir euch und den andern Hellenen Gutes gethan, und eben damit
 wollen wir euch zu überreden versuchen. Auf eure kurze Frage, ob wir in dem
 gegenwärtigen Kriege um die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen uns ein
 Verdienst erworben, geben wir zur Antwort: Fragt ihr uns als Feinde, so ist
 euch von uns kein Unrecht geschehen, wenn ihr nichts Gutes von uns empfangen
 habt; laßt ihr uns aber als Freunde gelten, so habt ihr das größere Unrecht
 begangen, da ihr uns mit Krieg überzöget. Sowohl im Frieden als auch im Kampfe
 gegen die Meder haben wir uns als wackere Männer erzeigt, denn den Frieden haben
 wir jetzt nicht zuerst gebrochen, und damals haben wir allein von allen Böotiern
 zur Befreiung von Hellas die Waffen mit euch vereinigt. Denn obwohl wir 
 Festlandsbewohner sind, haben wir doch zur See bei Artemision mitgekämpft, und in
 der Schlacht, die hier auf unserem eigenen Boden geliefert wurde, haben wir bei
 euch und dem Pausanias gestanden, und wenn damals noch sonst etwas Anderes sich
 ereignete, woher den Hellenen Gefahr drohte, so haben wir über Vermögen an Allem
 uns betheiligt, und euch insbesondere, ihr Lakedämonier, als damals die 
 
 größte Gefahr Sparta umdrohte, da nach dem Erdbeben die Heloten aufstanden
 und sich nach Jthome warfen, haben wir den dritten Theil unserer eigenen
 Bürgermannschaft zur Hülfe gesandt ^'). Unrecht ist es, das zu vergessen."

„In den großen Ereignissen der alten Zeit haben wir uns also als solche Männer
 zu zeigen getrachtet; eure Feinde aber sind wir erst später geworden, und davon
 trüget ihr die Schuld; denn da wir um eure Bundesgenossenschast nachsuchten,
 weil uns die Thebaner zu vergewaltigen trachteten, habt ihr uns zurückgewiesen
 und gerathen, uns an die Athener zu wenden, da diese näher bei uns, ihr aber zu
 weit entfernt wohntet. In diesem Kriege aber habt ihr von uns nichts 
 Sonderliches zu leiden gehabt, noch durftet ihr es überhaupt erwarten. Wenn wir
 trotz eures Befehles von den Athenern nicht abfallen wollten, so haben wir damit
 kein Unrecht gethan, denn auch jene haben uns gegen die Thebaner beigestanden,
 als ihr uns von der Hand wieset. Sie zu verrathen wäre nicht schön gewesen,
 zumal wir von ihnen nur Gutes empfangen und sie durch unsere eigenen Bitten zu
 Bundesgenossen gewonnen und an ihrem Bürgerrecht Theil erlangt haben. 
 Vielmehr war es selbstverständlich, daß wir ihren Befehlen eifrig nachkamen. Was
 aber ihr beiden ^Lakedämonier und Atheners als Führer euren Bundesgenossen
 vorshcriebet, davon fällt keine Schuld 
 
 
 auf die, welche euch folgten, wenn ihr irgend ein Unrecht beginget,
 
 sondern auf euch selbst, die ihr zum Unrecht Anleitung gabt." <

„Die Thebaner haben uns aber gar viele Beleidigungen zugefügt, und die letzte
 kennt ihr selbst, in deren Folge wir eben dieß jetzige Unglück leiden. Denn sie
 haben unsere Stadt mitten im Frieden und dazu noch am Neumondsfeste überrumpelt,
 und wir haben sie nach gutem Rechte dafür gestraft und nach dem Gesetze, das für
 Alle gilt, daß es erlaubt und Pflicht ist, sich des angreifenden Feindes zu 
 erwehren; und es wäre Ungebühr, sollten wir jetzt dafür büßen: denn wenn ihr zu
 eurem und jener augenblicklichem Vortheil das Recht nach eurer feindseligen
 Gesinnung schöpfen wollt, so werdet ihr nicht als wahrhafte Richter nach Recht
 und Billigkeit dastehen, sondern als Diener eures Vortheils. Und wenn ihr nun
 wirklich denkt, daß die Thebaner euch nützlich sind, so waren wir und die andern
 Hellenen es doch in höherem Grade damals, als ihr in größerer Gefahr schwebtet.
 Denn jetzt seid ihr Andern furchtbar, gegen die ihr zu Felde zieht, damals 
 aber, als der Barbar Allen die Knechtschaft brachte, standen diese auf seiner
 Seite. Und wenn nun schon von uns gefehlt sein soll, so ist es billig, daß ihr
 diesen Fehl mit unserem damaligen Eifer aufwägt, und ihr werdet finden, daß
 dieser überwiegt, zumal in Anbetracht der Zeit, wo es unter den Hellenen ein
 großes Ding war, wenn Einer seine Tapferkeit der Macht des Xerxes
 entgegenstellte, und die noch höheres Lob gewannen, welche beim Anzug der
 Barbaren nicht für sich selbst Vortheil und Sicherheit erseilschten, sondern
 lieber unter Gefahren die edelsten Güter daran setzen wollten. Unter diesen waren
 auch wir, und damals auf's Höchste geehrt, müssen wir nun wegen derselben 
 Denkart unsern Untergang fürchten, weil wir es vorzogen, lieber nach Recht und
 Billigkeit zu den Athenern, als um unseres Vortheils willen zu euch zu stehen.
 Und doch sollte man sich als solcher zeigen, der über dieselben Dinge auch immer
 dasselbe Urtheil fällt. Und man sollte doch nichts Anderes für wahrhaft nützlich
 erachten, als wenn man einen Vortheil, den die Gelegenheit bietet, mit
 treuer Dankbarkeit gegen rechtschaffen Bundesgenossen vereinigen kann."

„Bedenket auch, daß ihr jetzt bei der Mehrzahl der Hellenen als Muster der
 Bravheit geltet, wenn ihr aber entscheidet über uns, was sich nicht gebührt, —
 und eure Entscheidung kann nicht unbe- 
 
 kannt bleiben, denn euer Lob ist in Aller Munde und auch uns nennt man
 nicht mit Tadel, — so seht zu, wie es nicht Mißbilligung finden soll, daß über
 brave Männer ihr, die Braveren, Ungebührliches beschlossen habet, und daß in die
 gemeinsamen Heiligthümer Raub von uns, den Wohlthätern Griechenlands geweiht
 werde. Erschrecklich wird es scheinen, das; Lakedämonier Platäa zerstört, daß
 die Vorfahren den Namen unserer Stadt ihrer Tapferkeit zum Preis aus den 
 Dreifuß in Delphi-gesetzt haben, ihr aber sie aus dieser Gemeinschaft des ganzen
 Hellenenthums zu Lieb den Thebanern austilgen wolltet. So hoch ist unser Unglück
 gestiegen! Damals haben uns die Meder zu Grunde gerichtet, als sie unser Land in
 der Hand hatten, und nun unterliegen wir um der Thebaner willen durch euch, die
 ihr sonst uns so freundlich gesinnt wäret. Und zweimal sind wir vor dem
 Aeußersten gestanden: vor kurzem drohte uns Hungertod, wenn wir die Stadt 
 nicht übergeben, und jetzt werden wir auf den Tod gerichtet. Aus Allen sind wir
 Platäer allein ausgestoßen, die doch über Vermögen für die Hellenen eingetreten
 sind, jetzt verlassen und ohne Freund. Denn von unsern damaligen Bundesgenossen
 steht keiner zu uns, und von euch Lakedämoniern, unserer einzigen Hoffnung,
 besorgen wir, das; ihr nicht standhaft bleibt."

„Doch bitten wir euch bei den Göttern, bei denen wir einst unseren Waffenbund
 beshcwuren, und bei unserem Verdienst um die Hellenen: lasset euch bewegen und
 ändert euren Entschluß, wenn ihr den Thebanern bereits schon ein Versprechen
 gegeben habt. Wir fordern als Belohnung unseres Verdienstes, daß ihr nicht
 solche tödtet, die zu tödten sich nicht geziemet, und daß ihr lieber um einen
 Dank werbt, der mit der Ehre besteht, als um einen, der Schimpf bringt. 
 Wollet nicht Andern ein Vergnügen machen, indem ihr selbst Unehre auf euch
 nehmet! Unsere Leiber sind wohl schnell abgethan, schwer aber ist es, Schande
 vergessen zu machen. Denn ihr werdet an uns keine Feinde bestrafen, was ganz
 nach Recht geschähe, sondern freundlich Gesinnte, die nur die Noth zwang zu den
 Waffen zu greifen. Nach Recht also würdet ihr entscheiden, wenn ihr uns des
 Lebens sichertet und bedenken wollt, daß wir freiwillig und mit aufgehobenen
 Händen flehend zu euch gekommen sind — und die Hellenen haben unter sich
 das Gesetz, daß solche nicht getödtet werden dürfen — und 
 bedenket, daß wir uns allerwege euch freundlich erwiesen haben. 
 Schauet her auf diese Gräber eurer Väter, die gegen die Meder gefallen
 sind und von uns begraben wurden. Wir haben sie Jahr um Jahr aus öffentlichem
 Wesen geehrt, mit schöner Gewandung und wie es sonst Sitte ist, und von Allem,
 was im Jahreslauf die Erde hervorbringt, haben wir ihnen die Erstlinge
 dargebracht, ihrer als Männer aus befreundetem Lande freundlich gedenkend, wie
 Bundesgenossen der Waffenbrüder. Davon würdet ihr nun das Gegentheil thun,
 wenn ihr jetzt nicht nach Gebühr entschiedet. Denkt doch, Pausanias hat diese
 hier begraben, weil er sie in freundlicher Erde und neben freundlich gesinnten
 Männern zu betten glaubte. Wenn ihr aber nun uns tödten und das Platäifche Land
 zu Thebanischem machen wollt, was thut ihr da anders, als daß ihr eure Väter und
 Blutsverwandte in feindlichem Boden und bei ihren eigenen Mördern und 
 beraubt der Ehrengaben zurücklaßt, die sie jetzt noch genießen? Zudem gebt ihr
 die Erde, auf welcher die hellenische Freiheitsschlacht geschlagen wurde, in die
 Knechtschaft, und die Heiligthümer der Götter, zu denen betend jene über die
 Meder gesiegt haben, laßt ihr wüst und öde, und die Gründer und Stifter beraubt
 ihr der Opfer, die unsere Väter brachten."

„Es will sich zu eurem Ruhme nicht schicken, ihr Lakedämonier, weder daß ihr so
 am hellenischen Recht und an euren Vorfahren sündigt, noch daß ihr eure
 Wohlthäter fremdem Haß zu Liebe, und ohne daß ihr selbst beleidigt wäret, dem
 Verderben übergebt. Ihr solltet uns schonen und die Härte eure? Herzens brechen,
 indem ihr mitleidig, wie es geziemt, nicht nur die Furchtbarkeit des Schicksals
 bedenkt, das wir leiden sollen, sondern auch, Männer welcher Art es sind,
 die solches dulden müssen, und wie unberechenbar es ist, wie viele das Verderben
 unschuldig trifft. Und wir, wie es uns geziemt und die Noth uns zwingt, nahen
 euch als Bittende, indem wir aufrufen zu den Göttern, die auf gleichen Altären
 von allen Hellenen verehrt werden , daß sie euren Sinn uns gnädig stimmen ; wir
 halten euch die Eide vor, die eure Väter geschworen, und bitten euch
 flehentlich, nicht zu vergessen der Gräber eurer Väter, und bei diesen Todten
 rufen wir euch an: gebt uns nicht in die Hände der Thebaner und überliefert
 die euch so freundlich Gesinnten nicht ihren bittersten Feinden! An 
 
 jenen Tag, da wir mit diesen Todten die glänzendsten Thaten ausführten ,
 erinnern wir euch an dem Tag, da wir in Gefahr sind, das Schrecklichste zu
 erleiden. Was nun fein muß und doch sehr schwer fällt für Leute in unserer Lage,
 der Rede nämlich ein Ende zu machen, weil mit ihm auch die Gefahr des Todes
 herantritt, das thun wir jetzt und erinnern euch nur noch, daß wir nicht den
 Thebanern die Stadt übergeben haben, denn dem hätten wir den schmählichsten Tod,
 Hungers zu sterben, vorgezogen, — sondern euch haben wir uns mit Vertrauen
 überliefert. Es ist also gerecht, wenn ihr euch schon nicht erbitten laßt, daß
 ihr uns in unsere vorige Lage zurückversetzt und es uns überlastet, welche
 Gefahr wir vorziehen. Und zugleich beshcwören wir euch, daß ihr uns Platäer, die
 aus's eifrigste für die hellenische Sache gekämpft und jetzt als Schutzflehende
 zu euch gekommen sind, ihr Lakedämonier, nicht aus euren Händen und eurem
 Schutze den Thebanern, unsern ärgsten Feinden, überliefert. Werdet unsere
 Retter, und während ihr die andern Hellenen frei macht, wollet uns nicht 
 vernichten!"

So redeten die Platäer. Die Thebaner aber, aus Furcht, die Lakedämonier möchten
 auf die Rede jener weich werden, traten auch vor und sagten, sie selbst wollten
 auch eine Rede halten, da auch jenen wider ihr Erwarten länger das Wort
 gestattet worden sei, als zur Beantwortung der Frage nöthig war. Als jene nun
 sie reden hießen, so sprachen sie wie folgt:

„Wir hätten nicht verlangt, eine Rede halten zu dürfen, wenn auch jene aus die
 gestellte Frage in Kürze geantwortet und nicht, gegen uns sich wendend, Anklagen
 erhoben und von der Sache abschweifend sich selbst vertheidigt hätten, wo
 Niemand sie anklagte, und gelobt, wo Niemand sie getadelt hat. Wir haben nun dem
 Einen zu widersprechen und den Ungrund des Andern zu beweisen, damit weder 
 unsere angebliche Bosheit ihnen zu Statten komme, noch auch ihre hohe Einbildung
 von sich selbst, sondern ihr über beides die Wahrheit höret und danach
 entscheidet. Wir geriethen mit ihnen zuerst damals in Zwist, als wir nach dem
 Anbau des ganzen übrigen Böotiens Platäa gründeten und zugleich damit auch
 einige andere Plätze, die wir in Besitz genommen, nachdem wir die Bewohner,
 Leute aus allerlei 
 
 Volk zusammengelaufen 32), ausgetrieben hatten. Da wollten nun 
 diese nicht, wie es zuerst ausgemacht worden
 war, sich unserer Ober-i leitung unterwerfen, sondern mit Verachtung der
 väterlichen Weise sich von den andern Böotiern gesondert halten, und als dann
 Zwang angewendet wurde, traten sie zu den Athenern über und haben uns 
 vielen Schaden zugefügt, der ihnen dann auch wieder heimgegeben wurde."

„Zur Zeit aber, als der Barbar gegen Hellas heranzog, sagen sie, hätten von
 allen Böotiern sie allein es nicht mit den Medern gehalten, und damit brüsten
 sie sich selbst am meisten und machen uns eine Schande daraus. Freilich nun,
 geben wir zur Antwort, hielten sie nicht mit den Medern, weil eben die Athener
 es auch nicht thaten; dafür haben sie aber, als später auf dieselbe Weise die
 Athener gegen die Hellenen auszogen, von allen Böotiern allein es mit den
 Athenern gehalten. Und nun überlegt einmal, in welcher Versassung unsere 
 beiden Staaten waren, als der eine und der andere jenes thaten! Unsere Stadt
 wurde damals weder oligarchisch mit sonst gleichen Rechten für die Bürger
 regiert, noch auch in demokratishcer Weise, sondern es lenkten, was von einem
 gesetzlichen nnd maßvollen Zustande am weitesten abliegt und der Tyrannis am
 nächsten steht, wenige Männer mit gewaltsamer Herrschaft die Regierung. Und
 diese hofften zu eigenem Vortheil die Zügel noch stärker fassen zu können, wenn
 erst der Meder gesiegt hätte, und darum führten sie ihn in's Land herein, indem
 sie das Volk mit Gewalt im Zaum hielten. Es war also nicht die Gesammtheit
 der Bürger, die dieß thaten, denn es fehlte die freie Selbst- bestimmung; und es
 ist nicht Recht, ihnen daraus einen Vorwurs zu machen, da doch nur während eines
 gesetzlosen Zustandes der Fehler begangen wurde. Vielmehr muß man untersuchen,
 wie wir uns später benahmen, als dann der Meder abzog und wir unsere
 gesetzmäßige Verfassung wieder erhielten. Als da die Athener heranzogen und wie
 das übrige Hellas so auch unser Land zu unterwerfen versuchten, und sie
 bei dem herrschenden Parteizwist auch schon einen großen Theil desselben
 genommen hatten, haben wir da nicht bei Koronea mit 
 
 
 
 
 
 ihnen gekämpft und sie geschlagen und so Böotien frei gemacht? Und helfen
 wir jetzt nicht eifrig zur Befreiung der Andern mit und stellen Reiter und
 Kriegsrüstung, wie sonst keiner der Bundesgenossen?"

„So viel sei zu unserer Rechtfertigung gesagt, warum wir auf Seiten der Perser
 standen. Jetzt aber wollen wir zu beweisen suchen, daß ihr Platäer den Hellenen
 viel größeres Unrecht zugefügt habt und jede noch so harte Züchtigung viel eher
 verdient als wir. Um euer Recht gegen uns zu wahren, so sagt ihr, wäret ihr 
 Bundesgenossen und Bürger^) der Athener geworden. Nun, dann hättet ihr sie ja nur
 gegen uns zu eurer Hülfe herbeiziehen dürfen, und nicht mit ihnen gegen Andere zu
 Felde ziehen; denn dieß stand ja in eurem Belieben, auch sofern ihr von den
 Athenern gegen euren Willen wozu gezwungen werden solltet, da ja bereits der
 Lakedämonische Waffenbund gegen den Perser vorhanden war, auf den ihr euch in
 eurer Vertheidigung immer beruft. Denn derselbe genügte, euch vor unserem 
 Angriffe zu schützen und, was da? Bedeutendste ist, euch Sicherheit der freien
 Berathung und Entschließung zu gewähren. Aber freiwillig und nicht mehr gezwungen
 habt ihr lieber die Partei der Athener gewählt. Nun sagt ihr weiter, es sei
 schimpflich, seine Wohlthäter zu verrathen; ja, aber viel schimpflicher und
 ungerechter war es, die Gesammthellenen zu verrathen, zu denen ihr doch
 geschworen hattet, als die Athener allein, denn diese wollen Hellas knechten,
 jene aber es frei machen. Sodann ist die Art, wie ihr eure Dankbarkeit zeigt, der
 Natur der Wohlthat nicht entsprechend, denn ihr habt sie zu Hülfe gernfen,
 wie ihr sagt, weil euch selbst Unrecht geschah, und doch habt ihr jenen selbst
 mitgeholfen, Andern Unrecht anzuthun. Oder ist es etwa schimpflicher, einen
 entsprechenden Dank gar nicht abzustatten, als einen solchen, den man zwar um der
 Sache der Gerechtigkeit willen schuldig geworden ist, aber nur unter Verletzung
 der Gerechtigkeit abstatten kann?"

„Dadurch habt ihr gezeigt, daß ihr auch damals nicht der 
 Hellenen wegen allein nicht zu den Medern gehalten habt, sondern nur < 
 weil auch die Athener es nicht gethan haben; ihr wolltet eben dasselbe thun wie
 diese und das Gegentheil von jenen. Jetzt aber verlangt ihr, daß auch von diesen
 hier die Tapferkeit belohnt werde, die ihr Andern zu Liebe gezeigt habt. Das ist
 nicht in der Ordnung. Habt ihr die Partei der Athener vorgezogen, so theilt
 jetzt mit ihnen auch die Gefahr und beruft euch nicht immer auf jenen
 Bundesfchwur, als ob euch der jetzt Rettung bringen sollte. Ihr seid längst
 davon zurück- getreten und seid ihm untreu geworden, denn ihr habt die Aegineten
 und andere Eidgenossen lieber unterwerfen helfen, als daß ihr es gehindert
 hättet, und das aus ganz freier Wahl und indem ihr eure freie Verfassung hattet,
 wie sie noch jetzt ist, und Niemand euch zwang, wie es uns geschah. Habt ihr
 doch noch die letzte Aufforderung vor eurer Einschließung, daß ihr euch ruhig
 verhalten solltet und keiner von beiden Parteien zu helfen brauchtet,
 zurückgewiesen! Wen träfe nun der Haß aller Hellenen gerechter als euch, die ihr
 zum Verderben jener eure Tapferkeit gezeigt habt? Und wenn ihr einmal Bravheit
 an den Tag gelegt habt, wie ihr sagt, so habt ihr jetzt gezeigt, daß das
 nicht eure eigentliche Natur war; wonach aber diese immer begehrte, das ist nun
 in seiner wahren Gestalt an's Licht gebracht; denn ihr seid mit den Athenern den
 Weg der Ungerechtigkeit gewandelt. Was es mit unserer unfreiwilligen Perser- und
 eurer freiwilligen Athenerfreundfchaft für eine Bewandtniß hat, haben wir hiemit
 dargethan."

„Was nun unser letztes Unrecht gegen euch betrifft, daß ihr nämlich sagt, wir
 seien wider alles Recht mitten im Frieden und zur Zeit des Neumondfestes gegen
 eure Stadt gezogen, so glauben wir auch hierin nicht schuldiger zu sein als ihr
 selbst. Sind wir aus eigenem Antriebe fechtend gegen eure Stadt gerückt und
 haben, wie Feinde zu thun pflegen, euer Land verwüstet, so sind wir schuldig;
 wenn aber Männer, die durch Reichthum und Geschlecht unter euch die ersten 
 waren, in der Absicht, euch von dem auswärtigen Waffenbündniß abzubringen und
 zum gemeinsamen Bunde der Gesammtböoten zurückzuführen, uns aus freiem Antrieb
 ihrerseits herbeigernsen haben, 
 
 
 
 worin besteht dann unser Unrecht? Da ist doch die Schuld eher auf Seiten
 der Führer als bei denen, die nur folgen. In der That aber haben nach unserem
 Urtheil weder jene gefehlt, noch auch wir. Sie waren Bürger so gut als ihr und
 haben mehr als ihr auf's Spiel gesetzt, als sie uns die Thore öffneten. Und
 indem sie uns in freundlicher , nicht in feindlicher Absicht in eure Stadt
 brachten, wollten sie nur die Schlechteren unter euch hindern, noch schlechter
 zu werden, und die Besseren in die verdienten Rechte einsetzen. Sie wollten eure
 Einsicht zur Vernunft lenken und die Stadt keineswegs ihrer Bürger 
 berauben, sondern sie nur der eigenen Stammverwandtshcaft zurückgeben und euch
 mit Niemanden verfeinden, sondern mit allen Parteien gleich freundlich
 stellen."

„Daß wir aber nicht als Feinde aufgetreten sind, zeigt unser Benehmen: Nicht
 nur daß wir Niemanden ein Leids angethan, haben wir vielmehr von vorn herein
 verkündet, wer eine Staatsverfassung nach der väterlichen Weise aller Böotier
 wolle, der möge zu uns treten. Ihr fügtet euch dem auch ganz willig, gingt einen
 Vergleich mit uns ein und verhieltet euch anfangs ruhig; dann aber, als ihr
 merktet, daß unser nur Wenige seien, da, anstatt Gleiches mit Gleichem zu 
 vergelten — obgleich unser Verfahren allerdings etwas aufdringlich war, da wir
 nicht mit Bewilligung der Menge in die Stadt gekommen waren — und anstatt uns
 gütlich zum Abzug zu bereden, seid ihr plötzlich zu Thätlichkeiten geschritten,
 habt uns dem Vergleiche zuwider angegriffen und im Handgemenge Viele von uns
 getödtet. Und das könnten wir noch leichter vershcmerzen, denn jene haben in
 gewissem Sinne Gerechtes erlitten. Daß ihr aber die Andern, welche die Hände
 flehend emporstreckten und die ihr auch gefangen nahmt, eurem Versprechen,
 Keinen mehr zu tödten, zum Trotz hinterdrein dennoch hingerichtet habt, ist das
 nicht eine gottlose That? Und damit habt ihr euch in einer kurzen Spanne Zeit
 dreifach verfehlt, durch den Bruch des Vergleichs, durch die nachherige
 Hinrichtung der Männer, und dann, weil ihr uns mit dem Versprechen hintergangen
 habt, sie nicht tödten zu wollen, wenn wir euch an eurem Besitz auf dem Lande
 nicht schädigten. Und trotzdem behauptet ihr noch, wir seien die 
 Schuldigen, und verlangt, für euer Theil, von aller Sühne losgesprochen zu 
 werden. Nein, das wird nicht geschehen, wenn anders diese 
 Männer hier ein gerechtes Urtheil fällen. Ihr sollt für Alles zumal
 
 büßen."

„Ueber diese Dinge, ihr Lakedämonier, haben wir uns deßhalb und sowohl euret-
 als unsertwegen ausgelassen, damit ihr wisset, daß ihr sie mit vollem Recht zum
 Tode verurtheilen werdet, und daß wir mit noch heiligerem Rechte Rache an ihnen
 gesucht haben. Laßt euer Ohr nicht rühren durch Tugenden einer vergangenen Zeit,
 wenn dergleichen je wirklich vorhanden waren. Solche sollen den Bedrückten
 zu Statten kommen, denen aber, die schändlich handeln, müssen sie Verdoppelung
 der Strafe wirken, weil sie sich in einer Weise vergangen haben, wie es ihrer
 Art nicht geziemte. Auch ihr Winseln und Wehklagen darf ihnen nichts nützen,
 noch daß sie ein Geschrei anheben von den Gräbern eurer Väter und der Verödung
 ihrer Stadt. Wir weisen dagegen auf die Blüthe unserer Bürger hin, die viel
 Schrecklicheres leiden und von der Hand dieser den Tod nehmen mußten. Das
 waren diejenigen, deren Väter theils bei Koronea fielen, indem sie Böotien euch
 zubrachten, theils nun, alt und verlassen im verödeten Haus, mit viel mehr Recht
 euch flehend nahen, ihnen an diesen hier Rache zu, schaffen. Des Mitleids sind
 würdiger die, welche Unverdientes leiden mußten; wen aber die Gerechtigkeit
 schlägt, wie diese hier, verdient im Gegentheil eher, daß man sich darüber
 freue. Ihre jetzige Verlassenheit haben sie nur sich selbst zuzuschreiben; denn
 sie haben freiwillig die besseren Bundesgenossen von sich gestoßen. Ohne
 vorher beleidigt zu sein, haben sie widerrechtlich gegen uns gehandelt und dabei
 mehr ihrem Hasse als der Billigkeit Gehör gegeben, so daß ihre Strafe jetzt kaum
 ihrem Verbrechen gleichkommen wird. Denn sie werden nach dem Gesetze leiden und
 nicht, wie sie sagen, als solche, die im Kampfe die Hände flehend emporgehoben,
 sondern die sich unter der Bedingung ergeben haben, nach dem Gesetze 
 gerichtet zu werden. Schaffet nun auch, ihr Lakedämonier, Sühnung dem Gesetze
 der Hellenen, das von diesen übertreten wurde, und uns, die wir wider alles
 Recht gelitten, stattet den schuldigen Tank ab für den Eifer, den wir gezeigt
 haben. Laßt unsere Sache in eurem Urtheil nicht durch dieser Leute Redekünste
 aus dem Feld schlagen, sondern gebt den Hellenen ein Beispiel, daß ihr nicht
 Wettkämpfe der Worte wollt, sondern die Thaten. Sind diese brav, so genügt kurze
 Meldung, 
 
 faulen Thaten freilich müssen kunstvoll geschlungene Reden einen Schleier
 umhängen. Wenn ihr aber als Häupter des Bundes, wie jetzt, so in jedem Falle euer
 Urtheil nach den entscheidenden Thatsachen kurz fällt, so wird es Einer künftig
 eher bleiben lassen, zur Beschönigung ungerechter Thaten schöne Worte zu
 suchen."

So redeten die Thebaner. Die Lakedämonier aber als Richter glaubten, sie hätten
 die Frage bereits richtig gestellt, ob sie nämlich während der Dauer dieses
 Krieges irgend einen Dienst von jenen erfahren hätten — weil sie nämlich schon in
 der Zeit vor diesem Kriege das Ersuchen an sie gestellt hätten, sich gemäß dem
 Bunde, den Pausanias nach der Besiegung der Meder mit ihnen geschlossen hatte,
 ruhig zu verhalten, und weil jene auch später die Anträge, die ihnen vor der 
 Einschließung ihrer Stadt gemacht wurden, nämlich sich jenem Bunde gemäß neutral
 zu verhalten, nicht angenommen hätten. Demnahc glaubten die Lakedämonier, daß
 jene wegen Nichterfüllung dieser gere chten Forderung schon nicht mehr als
 Verbündete zu betrachten seien und überdies; ihnen bereits Schaden zugefügt
 hätten. Sie ließen also jeden einzeln vorführen und fragten ihn nochmals, ob er
 den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen während dieses Krieges irgend 
 einen Dienst erwiesen habe, und wie er dieß verneinte, wurde er abseits geführt
 und hingerichtet. Verschont aber wurde nicht Einer. So starben von den Platäern
 selbst nicht weniger als zweihundert und dazu sünsuudzwanzig Athener, welche die
 Belagerung mit ausgehalten hatten; die Weiber verkauften sie als Sklavinnen. Die
 Stadt selbst gaben die Thebaner ungefähr ein Jahr lang Bürgern von Megara-^)
 zu bewohnen, die in Folge innerer Zwiste waren ausgetrieben worden, wie
 auch denjenigen Platäern, die zu ihrer Partei gehalten und noch am Leben waren.
 Später aber machten sie die ganze Stadt dem Boden gleich und bauten neben dem
 Tempel der Hera eine Her- 
 
 
 berge von zweihundert Fuß Länge, rings herum und unten und oben 
 mit Gemächern, und verwendeten dazu die Dächer und Thürpfosten der
 Platäer. Von dem Uebrigen, was sich an Erz und Eisen in der Stadt fand, machten
 sie Ruhebetten und weihten sie der Hera und bauten dieser auch einen steinernen
 Tempel von hundert Fuß Länge. Grund und Boden erklärten sie für Gemeindeland und
 verpachteten es auf zehn Jahre, wovon der Nutzen den Thebanern zufiel. Wie denn
 wohl auch überhaupt der Thebaner wegen sich die Lakedämonier so hart gegen
 die Platäer gezeigt haben, weil sie glaubten, jene würden ihnen in dem
 gegenwärtigen Kriege von Nutzen sein. Dieß Ende nahm es mit Platäa im drei und
 neunzigsten Jahre, seitdem sie Bundesgenossen der Athener geworden waren (519 v.
 Chr. G.)>

Die vierzig Schiffe der Peloponnesier indessen, welche den Lesbiern zu Hülfe
 gekommen waren, wurden damals auf ihrer Flucht auf der hohen See von einzelnen
 athenischen Schiffen verfolgt. Dann trieb sie ein Sturm an die Küste von Kreta
 und von hier gelangten sie einzeln nach dem Peloponnes, wo sie bei Kyllene
 dreizehn Dreiruderer der Leukadier und Amprakioten antrafen und dabei des TelliZ
 Sohn Brasidas, der dem Alkidas als Mitberather an die Seite gegeben,
 worden war. Als die Lakedämonier nämlich ihre Unternehmung auf Lesbos
 gescheitert sahen, so wollten sie ihre Flotte vermehren und nach dem von innern
 Unruhen heimgesuchten Kerkyra segeln, da die Athener nur mit 12 Schiffen bei
 Naupaktos standen; und sie wollten sich damit beeilen, damit nicht früher noch
 eine athenische Flotte zu Hülfe kommen könnte. Und hiezu nun rüsteten Brasidas
 und Alkidas.

Die Kerkyräer nämlich waren unter sich uneins geworden, nachdem die in den
 Seeschlachten wegen Epidamnos gemachten Kriegsgefangenen wieder zurückgekommen
 waren, freigegeben von den Korinthern , wie es hieß, weil sich die
 Staatsgastfreunde mit einer Summe 
 
 
 von achthundert Talenten für sie verbürgt hätten, in der That aber, weil
 sie sich von den Korinthern hatten bereden lassen, ihnen Kerkyra wieder
 zuzuwenden. Und in diesem Sinne wirken sie auch, indem sie die einzelnen Bürger
 angingen, um sie zum Abfall von den Athenern zu bereden. Als nun sowohl ein
 attisches, als auch ein korinthisches Schiff Gesandte brachten und diese redend
 aufgetreten waren, so beschlossen die Kerkyräer, den Athenern zwar dem Vertrage
 gemäß Bundesgenossen zu bleiben, sich aber auch zu den Peloponnesiern so 
 freundlich zu stellen, wie früher. Nun war dort Peithias, der aus eigenem 
 Antrieb Gastfreund der Athener geworden war und damals zu den Volksvorstehern
 gehörte. Den führten jene Männer vor Gericht, indem sie behaupteten, er wolle
 Kerkyra den Athenern unterthänig machen. Er wurde aber freigesprochen und
 stellte nun seinerseits die fünf reichsten unter jenen Männern vor Gericht, mit
 der Beschuldigung, daß sie aus dem heiligen Haine des Zeus und des Alkinoos
 Wein- pfähle gehauen hätten. Jeder Pfahl aber sollte nach dem Gesetz mit 
 einem Stater gebüßt werden. Als nun jene verurtheilt' wurden und wegen der hohen
 Strafsumme sich als Schutzflehcnde in die Heiligthümer begaben, um zu erlangen,
 daß sie in selbstgewählten Fristen abzahlen dürften, so setzte es Peithias
 durch, daß nach der Strenge des Gesetzes verfahren werden sollte, denn er saß
 auch mit im Rathe. Nach dem Buchstaben des Gesetzes aber durfte ihnen dieß nicht
 erlaubt werden, und als sie nun auch erfuhren, daß Peithias, so lange er noch
 im Rathe sitze, das Volk dahin stimmen wolle, der Athener Freunde und
 Feinde auch für ihre Freunde und Feinde zu erklären, so ermannten sie sich,
 drangen mit Dolchen bewaffnet plötzlich in die Rathsver« 
 
 
 sammlung und stießen den Peithias nebst andern Rathsherrn, wie auch
 
 einige sechzig Bürger nieder. Einige wenige von der Partei des Pei» < 
 thias flüchteten sich auf den attischen Dreiruderer, der noch im Hafen lag.

Nachdem jene diese That verübt hatten, riefen sie die Kerkyräer zusammen und
 hielten ihnen vor, daß das der beste Zustand für sie sei und daß sie so am
 wenigsten Gefahr liefen, in athenische Knechtschaft zu gerathen: für die Zukunft
 sollten sie keine der beiden kriegführenden Parteien bei sich aufnehmen, außer
 wenn sie mir mit einem Schiffe kämen und sich ruhig verhielten; wer mit größerer
 Macht käme, der solle als Feind behandelt werden. Nachdem sie in diesem
 Sinne gesprochen, nöthigten sie sie auch, ihren Vorschlag zum Beschlusse zu
 erheben. Sogleich schickten sie aber auch nach Athen Gesandte, welche theils
 über das Vorgefallene einen Bericht erstatten sollten, so wie ihn ihr Vortheil
 erheischte, theils auch die dorthin Geflüchteten überreden, nichts Feindliches
 zu unternehmen, damit nicht neues Unheil über die Stadt komme.

Als diese nun angekommen waren, so nahmen die Athener wie die Gesandten selbst,
 so auch diejenigen, welche sich von ihnen hatten umstimmen lassen, als Aufrührer
 fest und brachten sie nach Aegina. Unterdessen machten sich die, welche in
 Kerkyra die Oberhand behaupteten, die Ankunft eines korinthischen Dreiruderers
 und lakedämonischer Gesandten zu Nutz, fielen über die Volkspartei her und
 besiegten sie im Kampfe. Mit Einbruch der Nacht aber zog sich das Volk nach
 der Burg und den hoch gelegenen Theilen der Stadt, sammelte sich daselbst
 und setzte sich fest, bemächtigte sich auch des hylläischen Hafens. Jene aber
 hielten den Markt besetzt, wo auch die Mehrzahl von ihnen wohnte, und den
 anstoßenden Hafen, der gegen das Festland zu liegt.

Des folgenden Tags fanden einige Plänkeleien Statt, während beide Theile auf
 dem Lande umherschickten, um die Sklaven durch Verheißung der Freiheit auf ihre
 Seite zu bringen. Die Mehrzahl der Sklaven nun trat auf die Seite des Volks,
 hingegen stießen zu jenen achthundert Mann Hülfsvölker vom Festlande.

Ein Tag verging dazwischen ruhig, dann erhob sich wieder der Kamps und es
 siegte das Volk, weil es durch seine Stellung stärker und auch an Menge
 überlegen war. Auch die Weiber halfen bei 
 . ihnen tapfer mit, denn sie
 warfen von den Häusern herab mit Ziegelsteinen und hinten den Lärm ganz wider
 die weibliche Natur muthig aus. Als aber am späten Abend die Gegner weichen
 mußten, so fürchteten diese in ihrer Minderzahl, das Volk möchte im ersten
 Anlauf sich des Schiffswerftes bemächtigen, ihnen auf den Leib rücken und sie
 alle niederhauen, und darum steckten sie die Familienhäuser rings um den 
 Markt her und die Zinshäuser in Brand, damit jenen der Weg versperrt sei, und
 sie schonten dabei weder eigenes, noch fremdes Gut, so daß auch viele Waaren der
 Kaufleute mit verbrannten und die ganze Stadt Gefahr lief, in Asche gelegt zu
 werden, hätte sich ein Wind erhoben, der die Flamme gegen die Stadtseite
 hintrieb. Nach Beendigung des Kampfes überließen sich beide Theile der Ruhe und
 blieben die Nacht über auf ihrer Hut. Das korinthische Schiff aber machte 
 sich, da das Volk gesiegt hatte, in der Stille davon, und auch die Mehrzahl der
 Hülfsvölker setzte unbemerkt nach dem Festlande über.

Des folgenden Tags kam Nikostratos, des Diitrephes Sohn, der Athener Feldherr,
 von Naupaktos aus zu Hülse mit zwölf Schiffen und fünfhundert meffenifchen
 Schwerbewaffneten. Dieser suchte einen Vergleich zwischen ihnen zu Stande zu
 bringen und überredete sie, sich unter einander dahin zu einigen, daß sie die
 zehn schuldigsten Männer, die ohnedieß schon geflüchtet waren, verurtheilen,
 sonst aber sich unter einander verpflichten wollten, jeden andern ruhig da
 wohnen zu lassen, und gegen die Athener Feind und Freund mit ihnen 
 gemeinsam zu haben. Da er dieß nun zu Wege gebracht hatte, so wollte er wiederum
 absegeln; aber die Vorsteher des Volkes beredeten ihn, von seinen eigenen
 Schiffen ihnen fünf da zu lassen, damit sich die Gegner um so weniger rühren
 möchten; sie wollten ihm dafür eben so viel von ihren eigenen bemannen und
 mitgeben. Als er nun seine Einwilligung gab, so wählten sie die Bemannung der
 Schiffe auS ihren Gegnern. Diese fürchteten jedoch, sie möchten nach Athen 
 geschickt werden, und setzten sich als Schutzflehende in den Tempel der 
 Dioskuren. Nikostratos hieß sie aufstehen und gutes Muthes sein, da sie sich
 aber nicht zureden ließen, so griff das Volk zu den Waffen mit dem Vorwand, daß
 sie nichts Gutes im Sinne haben könnten, wenn sie sich so mißtrauisch weigerten,
 mitzusegeln. Sie nahmen ihnen ihre eigenen Waffen aus den Hänsern weg, und
 würden auch Einige von 
 ihnen, die ihnen grade unterkamen, getödtet haben, hätte nicht Niko-
 
 stratos dem gewehrt. Da nun me Uebrigen sahen, was geschah, so nahmen sie
 ihre Zuflucht zum Tempel der Hera als Schutzflehende, und eS waren deren nicht
 weniger als vierhundert. Das Volk fürchtete aber, sie möchten irgend ein Unheil
 anrichten, brachte sie durch glückliches Zureden aus dem Tempel und schaffte sie
 auf die Insel, welche vor dem Heratempel liegt, wohin ihnen auch alles Nöthige
 geschickt wurde.

Bis zu diesem Grade war der Bürgerzwist gestiegen, da erschienen am vierten
 oder fünften Tage, nachdem jene Männer auf die Insel gebracht worden waren, die
 Schiffe der Peloponnesier von Kyllene, welche seit ihrer Abfahrt von Jonien
 daselbst vor Anker gelegen waren, drei und fünfzig an der Zahl. Alkidas
 befehligte dieselben, wie auch früher, und Brasidas schiffte als Rathgeber mit.
 Im Hafen von Sybota am Festlande legten sie bei und segelten dann mit 
 Tagesanbruch auf Kerkyra los.

Dort nun waren Alle in der größten Bestürzung, da sie ebenso sehr die
 Gegenpartei in der Stadt, wie auch den ansegelnden Feind zu fürchten hatten.
 Gleichwohl machten sie sechzig Schiffe seefertig und ließen sie gegen den Feind
 auslaufen, so wie immer eines nach dem andern bemannt war, obgleich die Athener
 ihnen riethen, sie selbst zuerst auslaufen zu lassen und dann mit allen Schiffen
 zusammen nachzukommen. So wie nun ihre Schiffe sich dem Feinde vereinzelt
 näherten, gingen sogleich zwei zu ihm über, auf andern ge-rieth die Bemannung
 unter einander in Streit, und nirgends geschah etwas nach der Ordnung. Da nun
 die Peloponnesier die Verwirrung sahen, so stellten sie zwanzig von ihren
 Schiffen gegen die Kerkyräer aus und wandten sich mit den übrigen gegen die
 zwölf Schiffe der Athener, unter denen auch die „Salaminia" und die „Paralos"
 waren.

Die Kerkyrärer nun, welche ungeschickt und in kleinen Abtheilungen angriffen,
 geriethen auf ihrer Seite sehr in's Gedränge. Die Athener aber, welche die
 Ueberzahl und Umzingelung fürchteten, griffen nicht in geschlossenem Geschwader
 an, noch auch faßten sie die feindliche Lchiffsaufstellung in der Mitte, sondern
 fielen den Flügel an und versenkten ein Schiff. Und als dann jene einen Kreis
 geschlos- 
 . sen hatten, umruderten sie
 denselben und suchten ihn in Verwirrung zu bringen. Da dieß diejenigen gewahr
 wurden, die den Kerkyräern gegenüberstanden, so fürchteten sie, es möchte gehen
 wie bei Naupaktos, und eilten zur Hülfe herbei, und so ruderte nun die gesammte
 Flotte auf die Atheuer los. Diese ruderten nun rückwärts ohne umzuwenden ^
 >) und waren zugleich bedacht, daß die Schiffe der Kerkyräer auf ihrer Flucht
 einen möglichst großen Vorsprung gewännen, während sie selbst langsam
 zurückwichen und sämmtliche Gegner gegen sie gewendet wären.

Mit diesem Verlaufe endete die Seeschlacht gegen Sonnenuntergang. Die Kerkyräer
 nun, aus Furcht, die Feinde möchten als Sieger gegen die Stadt heransegeln und
 die Leute von der Insel aufnehmen oder ihnen sonst einen Streich spielen,
 brachten jene von der Insel wieder in das Heraheiligthum und bewachten ihre
 Stadt wohl. Der Feind wagte es jedoch nicht, gegen die Stadt anzurudern, sondern
 begnügte sich mit den dreizehn kerkyräischen Schiffen und fuhr nach der
 Gegend des Festlands zurück, woher sie ausgelaufen waren ^Sybota). Am folgenden
 Tage wagten sie eben so wenig die Fahrt gegen die Stadt, obgleich dort große
 Verwirrung und Furcht herrschte und auch Brasidas, wie erzählt wird, dazu
 aufforderte. Seine Stimme hatte jedoch nicht gleiche Geltung mit der des Alkidas
 ^). Sie machten dafür eine Landung beim Vorgebirge Leukimne und 
 verwüsteten das Land.

Unterdessen war das Volk zu Kerkyra in äußerster Furcht, die Schiffe möchten
 heransegeln, und ließen sich deßhalb mit den Schutzflehenden und den übrigen
 (Vornehmen) in Verhandlungen ein, wie die Stadt gerettet werden könnte. Auch
 überredeten sie wirklich einige derselben, mit ihnen die Schiffe zu besteigen;
 sie hatten nämlich indessen gleichwohl dreißig Segel bemannt. Die Peloponnesier
 aber fuhren wieder davon, nachdem sie bis um die Mittagszeit das Land 
 verwüstet hatten, und gegen Einbruch der Nacht wurde ihnen durch Feuerzeichen
 gemeldet, daß sechzig athenische Schiffe von Leukas an­ 
 
 
 segelten. Diese hatten nämlich die Athener auf die Nachricht von dem
 
 Aufstande und das; die Schiffe unter Alkidas die Bestimmung gegen Kerkyra
 hätten, unter Anführung des Eurymedon, des Thukles' Sohn, abgesandt.

Die Peloponnesier nun machten sich trotz der Nacht allsogleich auf die
 Rückfahrt nach Hause, indem sie an der Küste hinruderten, und kamen auch
 glücklich an, nachdem sie bei Leukas ihre Schiffe über die Landenge hatten
 bringen lassen, um nicht bei der Umschiffnng derselben entdeckt zu werden. Die
 Kerkyräer aber, als sie das Ansegeln der attischen Schiffe und die Flucht der
 feindlichen wahrnahmen, zogen sogleich die Messenier in die Stadt, welche früher
 außerhalb gelagert hatten, befahlen die Schiffe, welche sie bemannt hatten, nach
 dem Hylläischen Hafen hinüber zu führen, und tödteten auf dieser Fahrt wen
 sie von ihren Feinden trafen. Auch diejenigen, welche sie die Schiffe zu
 besteigen beredet hatten, schifften sie aus und tödteten sie, dann drangen sie
 in das Heraheiligthum und überredeten ungefähr fünfzig der Schutzflehenden, sich
 dem gesetzlichen Spruche zu unterwerfen , und verurtheilten sie dann Alle zum
 Tod. Die Mehrzahl der Schutzflehenden aber, die sich nicht hatten bereden
 lassen, als sie sahen, was geschah, tödteten sich im Heiligthum selbst Einer den
 Andern; Einige erhängten sich an den Bäumen, die Andern nahmen sich das 
 Leben, wie sie eben konnten. Und die sieben Tage hindurch, welche Eurymedon seit
 seiner Ankunft mit den sechzig Schiffen dort stehen blieb, mordeten so die
 Kerkyräer diejenigen unter ihren Mitbürgern, die sie für ihre Feinde hielten,
 indem sie ihnen Schuld gaben, daß sie Staatsfeinde seien; Mancher fand aber auch
 den Tod aus Privathaß und wieder Andere durch ihre Schuldner, die von ihnen Geld
 entlehnt hatten. Da war jegliche Todesart zu sehen, und was sonst bei solchen
 Gelegenheiten zu geschehen pflegt, das kam Alles auch hier vor und wurde
 noch überboten. Denn der Vater tödtete den Sohn, und von den Altären wurden die
 Menschen weggerissen und neben ihnen geschlachtet. Einige sogar wurden im
 Heiligthum des Dionysos eingemauert und fanden so ihren Tod. Bis zu solcher
 Grausamkeit verstieg sich die Parteiwuth, und der Eindruck war um so
 furchtbarer, weil es einer der ersten Fälle der Art war.

Denn später wurde, so zu sagen, das ganze Hellenenthum 
 
 in Ausregung versetzt, da überall Zerwürfniß herrschte und die Häupter der
 Volkspartei die Athener herbeizuführen strebten, die Vornehmen aber die
 Lakedämonier. Und wenn sie bei Fortdauer des -Friedens auch weder Veranlassung
 noch Neigung gehabt haben würden, jene herbeizurufen, so doch jetzt, wo beide in
 Krieg verwickelt waren. Und weil jede der kriegführenden Parteien, wie zur
 Schwächung des Gegners so zur eigenen Verstärkung Bundesgenossen wünschte, so
 war es denen, welche in den Städten Neuerungen wünschten, leicht, die 
 Zusendung von Hülfstruppen zu erwirken. Und in diesem Ansruhr trafen die
 einzelnen Städte viele schwere Ereignisse, wie sie noch vorkommen und immer
 vorkommen werden, so lange die menschliche Natur dieselbe ist, bald härter, bald
 gelinder, und verschieden an Art, je nachdem die äußeren Zufälle wechseln. Denn
 im Frieden und unter bequemen Verhältnissen pflegen die Staaten sowohl wie die
 Bürger vernünftigere Gesinnung zu hegen, weil die gebieterische 
 Nothwendigkeit sie noch nicht angefallen hat; der Krieg aber, der die gewohnte 
 alltägliche Gemächlichkeit entzieht, ist ein gewaltsamer Lehrmeister und stimmt
 die Leidenschaften der Menge nach der jeweiligen Beschaffenbeit der Laae. 
 So herrschte also Zerwürfniß in den Städten, und wo solches erst später eintrat,
 da brachte die Kunde von dem, was anderwärts bereits früher geschehen war, ein
 höheres Maß der Verderbtheit der Gesinnung zu Wege, wie sie sich in der
 Verschmitztheit persönlicher Angriffe und in unerhörter Art der Rache zeigte. Ja
 sogar die gewohnte Bedeutung der Worte, wie sie zur Würdigung der Thaten 
 dienen, änderte man nach Belieben. Tobsüchtige Verwegenheit galt als
 treufreundliche Tapferkeit; in wohlüberlegter Bedächtigkeit sah man Beschönigung
 der Feigheit, und besonnenes Maßhalten erschien als Vorwand der Unmännlichkeit,
 und wer überall vernünftig handeln wollte, galt überall als schlafsüchtig; für
 ein Stück Männlichkeit aber hielt man es, wenn Einer aufbrauste wie ein
 Wahnsinniger. Wer vorsichtig mit sich zu Rathe gehen wollte, schien nur einen
 anständigen Vorwand zu suchen, sich ganz aus der Sache zu ziehen. Wer recht 
 schimpfen konnte, der galt überall als ein zuverlässiger Mann, wer ihm aber
 widersprach, der wurde verdächtig. Hatte Einer den Andern listig zu Fall
 gebracht, so galt er für klug, für noch tüchtiger aber - 
 der, reicher rechtzeitig Lunte gerochen hatte. Wer aber von vorn 
 herein seine Sache so gestellt Halle, deß er nichts dergleichen bedürfte, i
 von dem hieß es, er störe die Freundschaft -und fürchte die Gegner. 
 Ueberhauvt wurde den: Beifall geschenkt, der den: Andern zuror^m, wenn dieser
 ihn: einen Sn^eich svielen sollte, und der Andere eben dazu aufstachelte, die
 keine seine Rase hauen. P^arteigenoisenschasi nxir ein engeres Band, als
 Verrvandtshc^st, n?ei! jene bereite: war, rücksichtslos mitzurvagen- denn nicht
 zum Schirm der Gesetze wurden dergleichen Verbindungen eingegangen, sondern zum
 eigenen Vortheil aus Kosten der bestehenden Einrichtungen, und an die Eide, die
 sie unter einander geleistet, banden sie sich nich: sowohl an- Scheu ro: 
 den: göttlichen Gesetz, als vielmehr im Beivußtsein gemeinsamer Verbrechen. 
 Von feindlicher Seite nahn: man versöhnliche Antrage an, n?enn jene etnxi in:
 Vortheil waren und man thaisächlich gegen sie gedeckt wurde, aber nicht ans
 Vertrauen und Großmuth. Hinterher Rache zu nehmen galt mehr als sich vorher vor
 Leid geschützt zu haben. Versöhnungseide , wenn sie et^ann vorkamen, galten nur
 für den Augenblick, als von beiden Seiten nur im Zwange der Umstände gegeben,
 und nur so lange, als kein Zuivach- an Mach: andersn-oher kommen r?oll:e.
 Wem aber die Gunst des Augenblicks zuerst mieder größeres Vertrauen auf seine
 Kraft gab, der nahm, wenn er den Gegner ungedeckt sand, gerade seines Vertrauens
 wegen. mit viel größerer Lust an ihm Rache, als im offenen Kampfe, und er
 bedcch:e dabei nicht minder die größere Sicherheit des Gelingens, als das Lob
 der Klugheit, das ihm als Sieger durch List zu Theil würde. Lassen sich doch die
 meisten Menschen viel liebe? gewiegte Schelme nennen, als gutmüthig und 
 einfältig, denn dieses Lobes schämen sie sich, mit jenem aber thun sie groß. 
 Von Allem dem aber lag die Schuld in dem habsüchtigen und ehrgeizigen Regiment
 und in Folge deisen in dem leidenschaftlichen Eifer der Männer, die sich in die
 Kämpfe der Ehrsucht eingelassen hatten. Denn die Regierungshäupler in den
 einzelnen Städten, und zwar von beiden Parteien, indem sie der Sache einen
 schönen Hainen gaben, jenachdem sie und der bürgerlichen Gleichheit des ganzen
 Volkes, oder einer maßvollen Staatslenkung der Vornehmen den Vorzug 
 
 schenkten, schienen nur die Hebung des Gemeinwohls zum Preise ihres 
 Wettkampfs zu machen, in der That aber rangen sie nur auf jede Weise Einer des
 Andern Meister zu werden, indem sie dabei die äußersten Mittel wagten nnd sich
 einander mit immer empfindlicheren Strafen belegten, die sie nicht nach der
 Gerechtigkeit und dem Staatsvortheil abmaßen, sondern nach dem schadenfrohen
 Belieben der Parteien bestimmten, und so waren sie immer fertig, entweder durch
 ungerechte Verurtheilung mittels Abstimmung, oder durch das Uebergewicht der 
 Fäuste sich den Sieg zu verschaffen und so für den Augenblick ihr Müthchen zu
 kühlen. Auf Furcht der Götter sah Niemand mehr, sondern wem es gelingen mochte,
 durch schönllingende Worte etwas Unerhörtes durchzusetzen, der wuchs dadurch nur
 an gutem Rufe. Wer aber von den Bürgern es mit keinem Theil hielt, der wurde
 von beiden tödtlich verfolgt, entweder weil sie im Kampfe nicht zu ihnen 
 standen, oder aus Neid, daß sie allein glücklich davon kommen sollten.

So riß jede Art der Lasterhaftigkeit in Folge der Parteikämpfe unter den
 Hellenen ein, und die Sitteneinfalt, welche am Adel der Gesinnung so großen Theil
 hat, wurde verlacht und verschwand. Mißtrauischen Sinns feindlich einander
 entgegenzustehen wurde vorherrschend. Versöhnliche Gesinnung zu wirken, war weder
 ein Wort zuverlässig, noch ein Eid furchtbar genug. Ueber dergleichen waren 
 Alle in ihrer Denkweise hinaus, so daß sie überhaupt an Treue und ' an
 Zuverlässigkeit nicht mehr zu glauben wagten, und Alle dachten eher daran, sich
 selbst vor Schaden zu hüten, als daß sie Einem hätten vertrauen können. Männern
 geringerer Einsicht blieb gewöhnlich der Sieg. Denn weil sie wegen ihrer eigenen
 Unzulänglichkeit und der überlegenen Einsicht der Gegner zu fürchten hatten, daß
 sie selbst, wenn es zum Reden käme, unterliegen würden, und jene bei ihrer 
 Geistesgewandtheit ihnen mit irgend einer List zuvorkommen könnten, so gingen
 sie rasch entschlossen zu Thätlichkeiten. Jene aber, die in ihrem Hochmuth
 glaubten, sie würden schon Alles vorhermerken und es bedürfe für sie der
 Gewaltthat nicht, wo List auch zum Zweck führe, fanden, da sie sich nicht
 schützten, um so leichter den Untergang ^).

Die meisten dieser Thaten nun sind zuletzt in Kerkyra vor- 
 gekommen, und darunter Alles, was nur immer von Solchen, die früher, mehr
 mit Uebermuth als mit Mäßigung beherrscht wurden, aus Rache geschehen sein mag,
 wenn Jene Gelegenheit, an ihnen Rache zu nehmen, darboten, — oder was Andere
 thaten, um langgetragener Armuth sich zu entziehen, oder mehr noch , was Solche
 widerrechtlich beschlossen, die von leidenschaftlicher Gier nach dem Gute
 Anderer getrieben werden, — wie auch endlich Solche, die nicht aus Habsucht,
 sondern bei fast gleichen Vermögensverhältnissen Andere angreifen, und weil sie
 meist nur durch rohe Leidenschaft hingerissen werden, grausam und 
 erbarmungslos darauf losgehen. Wie für jene Zeit in der Stadt alle Verhältnisse
 des Lebens zerrüttet waren, so zeigte sich hier recht klar, wie die Natur des
 Menshcen, die auch sonst gegen die bestehenden Gesetze fehlt, hier aber der
 Gesetze bereits Meister geworden war, unfähig ist, die Leidenschaft zu
 beherrschen, sich hinwegsetzend über das, was gerecht ist, und alles
 Hervorragende anfeindend. Denn sonst würden sie nicht die Rache der
 Gesetzlichkeit und die Selbftbereicherung der Rechtlichkeit deßhalb vorgezogen
 haben, weil der bloße Neid unter den jetzigen Umständen die Kraft zu schaden
 verloren hatte. Die Menschen ziehen es eben vor, die auch durch solche Zustände
 geltende Gesetze, welche ja auch ihnen selbst für den Fall des Unterliegens
 Hoffnung auf Rettung gewähren, aufzuheben, um nur an Andern ihre Rachsucht zu
 befriedigen, und sie lieber nicht bestehen zu lassen, auch für den Fall, daß
 sie selbst einmal in Gefahr gerathen und ihres Schutzes bedürfen 
 könnten*). , .

Das also war der erste Ausbruch der Leidenschaften, welche die Kerkyräer in der
 Stadt gegen einander zum Blutvergießen trieben. Eurymedou und seine Athener
 gingen danach wieder mit den Schiffen unter Segel. Später aber nahmen die
 Flüchtlinge der Kerkyräer — denn es hatten sich ihrer gegen Fünfhundert gerettet
 — einige ver­ 
 
 
 
 
 
 schanzte Werke auf dem Festlande weg und machten sich zum Herrn des der
 Insel gegenüber liegenden und ihr zugehörigen Landes, und von hier aus
 unternahmen sie dann Raubzüge gegen die Insel und richteten großen Schaden an;
 so daß auch in der Stadt eine große Hungersnoth entstand. Auch schickten sie
 Gesandte nach Lakedämon und nach Korinth und baten, sie in die Heimath
 zurückzuführen. Da sie aber hier Nichts ausrichteten, so verschafften sie sich
 nach einiger Zeit Schiffe und Hülfstruppen und setzten nach der Insel über, in
 Allem ungefähr sechshundert Mann stark, und nachdem sie die Schiffe verbrannt
 hatten, damit ihnen jede andere Hoffnung, als die in der Eroberung'des 
 Landes für sie lag, abgeschnitten sei, erstiegen sie den Berg Jstone, erbauten
 daselbst eine Verschanzung und fügten von hier aus denen in der Stadt großen
 Schaden zu und machten sich zu Herren des offenen Landes.

Gegen Ende desselbigen Sommers sandten die Athener zwanzig Schiffe nach
 Sicilien unter Anführung des Laches, des Sohnes Melanopos', und des Charöades,
 des Euphiletes' Sohn. Die Syrakufaner nämlich und die Leontiner waren unter
 einander im Kriege begriffen. Es standen aber auf Seiten der Syrakufaner außer
 den Kamarinäern alle anderen dorifchen Städte, welche schon von vorn
 herein beim Beginn des Krieges zur lakedämonischen Bundesgenossenschaft getreten
 waren, jedoch sich nicht am Kampfe betheiligt hatten; den Leontinern halfen die
 chalkidischen Städte und Kamarina. Vom italischen Festland waren'die lokrer
 Bundesgenossen der Syrakusaner, die Rheginer hingegen standen der
 Blutsverwandtschast wegen bei den Leontinern. Die leontinische
 Bundesgenossenschaft nun schickte nach Athen und mit Berufung auf ihren alten
 Waffenbund, und weil sie auch Jonier seien, überredeten sie die Athener, ihnen
 eine Flotte zu senden; denn die Syrakusaner hatten ihnen Land und See 
 abgesperrt. Die'Athener sandten denn auch die Schiffe ab, indem sie die
 Verwandtschaft zum Vorwande nahmen, in der That aber, weil sie weitere Zufuhr
 von Lebensmitteln von dort aus nach dem Peloponnes verhindern und einen
 Vorversuch machen wollten, ob es vielleicht möglich-wäre, Sicilien in
 Abhängigkeit von sich zu bringen. Nachdem sie sich nun in Rhegium auf dem
 italischen Festland festge setzt hatten, führten sie von hier aus
 den Krieg sammt ihren Bundes- 
 genossen 44). So ging der Sommer zu Ende.

Im folgenden Winter kam die Seuche zum zweiten Mal über die Athener. Ganz hatte
 sie zwar nie aufgehört, jedoch war eine Art Stillstand eingetreten. Das zweite
 Mal dauerte sie nicht weniger als ein Jahr. Das erste Mal aber hatte sie gar zwei
 Jahre gewährt, so daß nichts Anderes die Macht der Athener mehr geschwächt hat.
 Denn von den im Kriege verwendeten Truppen starben daran nicht 
 
 
 
 
 weniger als viertausend vierhundert Schwerbewaffnete und dreihundert 
 Reiter, des übrigen Volks aber eine unzählige Menge. Damals fanden auch die
 vielen Erdbeben statt, in Athen, auf Euböa und in Böotien, sonderlich aber im
 böotischen Orchomenos.

^n demselben Winter segelten die Athener in Sicilien und die Rheginer mit
 dreißig Schiffen gegen die Inseln, die des Aeolo s heißen ^); denn zur
 Sommerszeit war es wegen der seichten Anfuhr nicht möglich, sie anzugreifen. Es
 bebauen dieselben Liparäer, Absendlinge der Knidier, und sie wohnen nur auf
 einer dieser Inseln, die auch nicht eben groß ist und Lipara genannt wird. Den
 Anbau der andern Inseln, Didyme und Strongyle und Hiera, betreiben sie von 
 dieser aus. Die Leute dort glauben, daß Hephästos auf Hiera seine Schmiede habe,
 weil man in der Nacht einen großen Feuerschein aufsteigen sieht und des Tags
 über Rauch. Es liegen aber diese Inseln dem Lande der Sicilier und Messenier
 gegenüber, und sie waren den Syrakusanern verbündet. Als die Athener das Land
 verwüstet hatten und jene ihnen nicht entgegenrückten, so fuhren sie wieder nach
 Rheginm zurück. So ging der Winter zu Ende und damit das fünfte Jahr des 
 Krieges, den Thukydides beschrieben hat.

Im folgenden Sommer wollten die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen wieder in
 Attika einfallen und waren schon unter Führung deZ Lakedämonierkönigs Agis, des
 Sohnes Archidamos; bis zum Jsthmos gekommen; da aber viele Erdstöße eintraten,
 so wen- deten sie wieder um und der Einfall fand nicht statt. Um eben die-,
 selbe Zeit, da die Erde erbebte, drang in Enböa bei Orobiä das Meer von
 der damaligen Küste landeinwärts, und hoch schwellend flnthete es über einen
 Theil der Stadt und schlang zum Theil die Erde.ein, zum Theil aber kehrte es
 wieder zurück, und jetzt ist dort an einer Stelle das Meer, wo früher Land war.
 Auch Menschen verschlang es, Alle, die nicht schnell genug nach den Anhöhen
 fliehen konnten. Auch bei der Insel Atalante in der Gegend der opuntischen
 Lokrer geschah eine ähnliche Ueberschwemmnng und riß einen Theil der athe- 
 
 nischen Verschanzung weg und zerbrach von zwei an das Land gezo- 
 genen Schiffen das eine. Auch bei Peparethos sPalanisi^ zeigte sich ein
 Zurücktreten des Meeres, aber ohne daß Uebersluthung folgte, und ein Erdstoß
 warf ein Stück der Stadtmauer um, wie auch das Prytaneum und etliche andere
 Gebäude. Für die Ursache davon halte ich, daß, wo der Erdstoß am stärksten war,
 er dort das Meer zurückstaute und dann es plötzlich wieder heranzog und um so
 gewaltsamer übersluthen ließ. Ohne ein Erdbeben aber glaube ich nicht, daß etwas
 der Art hätte eintreten können.

Zur selbigen Sommerzeit kämpften sowohl die Andern, wie es sich gerade Jedem
 schickte, als auch auf Sicilien die Sicilianer selbst unter einander und auch
 die Athener mit ihren Bundesgenossen. Was nun Erwähnenswerthes die Verbündeten
 mit den Athenern ausführten, oder auch die gegen die Athener fochten, das will
 ich hier aufzählen. Da Charöades, Feldherr der Athener, damals schon im 
 Kampfe gegen die Syrakusier gefallen war, so zog Laches, der nun den Oberbefehl
 über sämmtliche Schiffe hatte, mit den Bundesgenossen gegen Mylä, die Stadt der
 Messenier. Es lagen aber in Mylä zwei Bürgerabtheilungen der Messenier als
 Besatzung, die denen von den Schiffen auch einen Hinterhalt legten. Die Athener
 jedoch und die Bundesgenossen schlugen die in dem Hinterhalt in die Flucht,
 tödteten ihnen viele Leute, und gegen den Wall stürmend nöthigten sie sie
 vergleichsweise die Burg zu übergeben und mit ihnen gegen Messens zu Felde zu
 ziehen. Und auch die Messenier, als dann die Athener mit den Verbündeten
 heranrückten, glichen sich mit ihnen aus, indem sie Geißeln stellten und auch
 sonst Bürgschaft gewährten.

In demselben Sommer schickten die Athener dreißig Schiffe nach dem Peloponnes,
 auf denen befehligten Demosthenes, Sohn des Alkisthenes, und Prokles, des
 Theodoros Sohn, und sechzig andere Fahrzeuge mit zweitausend Schwerbewaffneten
 gegen Melos sMilo) ^). 
 
 
 
 Diese führte Nikias, des NikeratoS Sohn. Sie wollten nämlich die Melier,
 die auf einer Jnfel wohnten und ihnen weder gehorchen noch auch ihrem Waffenbunde
 beitreten wollten, mit Gewalt zwingen. Da sich diese aber, nachdem ihr Land
 verwüstet worden, doch nicht fügten, so gingen sie von Melos aus wieder unter
 Segel und schifften nach Oropos sNordgränze von Attika^s an der jenseitigen
 Festlands- küste. Dort landeten sie bei Nacht und sogleich marshcirten die 
 Schwergerüsteten von den Schiffen zu Lande gegen Tanagra in Böotien. Die Athener
 in der Stadt mit gesammter Macht, befehligt von Hip-ponikos, Kallias'Sohn, und
 Eurymedon, dem Sohne des Thukles, rückten auf ein gegebenes Zeichen auf dem
 Landwege eben dahin und stießen zu jenen. An diesem Tage schlugen sie ein Lager
 bei Tanagra 46), verheerten das Land und übernachteten im Lager. Am 
 folgenden Tage schlugen sie in einem Gefechte die gegen sie ausgerückten Leute
 der Tanagräer, denen auch einige Thebaner zu Hülfe gekommen waren, erbeuteten die
 Waffen der Gebliebenen nnd stellten ein Siegeszeichen auf. Dennoch zogen sie ab,
 die Einen nach der Stadt zurück, die Andern auf die Schiffe. Darauf kreuzte
 Nikias in den Gewässern von Lokris, verwüstete die Küstenstriche und kehrte dann
 nach Hause zurück.

Um diese Zeit gründeten die Lakedämonier im Trachinischen Lande die Ansiedelung
 Heraklea in der Absicht, wie folgt. Der Melier insgesammt sind drei Stämme: die
 Paralier, Hiereer und Trachimer. Von diesen wurden die Trachinier durch die
 gränzanwohnenden Oetäer in kriegerischen Anfällen fast vernichtet und wollten
 sich nun zuerst unter den Schutz der Athener stellen, dann aber fürchteten sie,
 diesen doch nicht trauen zu dürfen, und schickten darum nach Lakedämon ,
 zum Gesandten wählend den Tisamenos. Mit ihnen ging auch eine Gesandtschaft der
 Dorier aus dem spartanischen Mutterlands, mit demselben Anliegen, denn auch sie
 wurden von den Oetäern hart bedrängt. Als die Lakedämonier sie angehört, faßten
 sie Beschluß, dort eine Pflanzstadt zu gründen, um den Trachiniern und den 
 Doriern Sicherheit zu vershcaffen. Zugleich schien es ihnen, daß es für den Krieg
 mit den Athenern sehr passend sei, die Stadt dort anzu­ 
 
 legen, denn man könne dort eine Flotte gegen Euböa ausrüsten und 
 auf kurzem Wege überfahren, und man habe dort auch zum eigenen Vortheil
 den Weg nach Thrakien in der Hand. Kurz, es trieben sie viele Gründe, sich im
 Lande anzusiedeln. Zuerst nun fragten sie den Gott in Delphi, und da dieser
 ermunterte, schickten sie Ansiedler aus ihrer eigenen Mitte und aus ihren
 Beisitzern und forderten auch von den andern Hellenen zum Anschluß auf, wer
 wolle, ausgenommen die Jonier und Achäer und einige andere Völkerschaften. Als
 Gründer standen an der Spitze drei Lakedämonier, Leon und Alkidas und 
 Damagon. Die also setzten sich dort fest und gaben der Stadt neue Mauern. Jetzt
 heißt sie Heraklea und liegt von den Thermopylen ungefähr vierzig Stadien weit
 ab und vom Meere zwanzig. Schiffswerften legten sie auch an und begannen damit
 im Engpaß der Thermopylen selbst, damit sie um so leichter zu vertheidigen wären
 ^).

Die Athener nun hatten zuerst große Furcht, als. diese Stadt gegründet wurde,
 und glaubten, daß ihre Anlage besonders gegen Euböa gerichtet sei, weil die
 Ueberfahrt nach Kenäon auf Euböa nur kurz ist. Später aber verlief sich das
 Ganze gegen ihre Befürchtung, denn es geschah von dort aus Nichts Gefährliches.
 Ursache davon waren die Thessaler, welche die dortigen Plätze in ihrer Gewalt
 hatten, und die, auf deren Gebiet die Ansiedelung stattfand. Diese 
 fürchteten, ihre neuen Nachbarn da möchten mit großer Kraft unter ihnen
 auftreten, und darum schädigten sie sie und bekriegten unaufhörlich die neuen
 Ansiedler, bis sie ganz aufgerieben waren, obwohl ihre Zahl Anfangs sehr groß
 war; denn da die Lakedämonier als die Gründer dastanden, so trat Jeder voll
 Zuversicht bei, da er die Zukunft der Stadt gesichert glaubte. Aber auch die
 Anführer, die von den Lakedämoniern selbst gekommen waren, waren nicht die
 geringste Ursache, denn sie. verdarben das Ganze und brachten die Einwohner
 an Zahl herab, weil sie eine Schreckensregierung gegen die Menge führten
 und kaum irgend eine gute Maßregel trafen, so daß die Umwohner ihrer um so
 leichter Meister wurden.

Im selben Sommer und zu
 derselben Zeit, als die Athener auf Melos standen, hatten die Athener auf den
 dreißig Schiffen in den peloponnesischen Gewässern zuerst bei Ellomenos in
 Leukadien Leute von der Besatzung in einem Hinterhalt erschlagen, dann zogen
 sie mit größerer Mannschaft gegen Leukas, nämlich mit allen Akarnanern,
 die mit ihrer Gesammtmacht — nur die Oeniader ausgenommen, — sich angeschlossen
 hatten, mit den Zakynthiern und Kephalle-nern und fünfzehn Schiffen der
 Kerkyräer. Die Leukadier nun, da ihr Land außer und inner der Landenge, auf der
 die Stadt Leukas selbst und das Heiligthum des Apollo liegen, hielten sich
 ruhig, von der Menge gewältigt, die Akarnaner aber baten Demosthenes, den 
 athenischen Feldherrn, er solle sie durch Verschanzungen absperren, denn sie 
 glaubten, die Eroberung sei leicht und so würden sie einer Stadt ledig, die
 ihnen immer feindlich gesinnt gewesen. Demosthenes ließ sich aber damals von den
 Messeniern bereden, weil schon ein so großes Heer versammelt wäre, so schicke es
 sich ihm, die Aetoler anzugreifen, die Naupaktos' Feinde seien, und wenn er erst
 über diese gesiegt habe, so könne er leicht auch den Athenern zuwenden, was
 sonst noch dort das Festland bewohnt. Denn das Volk der Aetoler sei zwar
 zahlreich und streitbar, aber sie wohnten in offenen Dörfern, die überdies; noch
 weit von einander lägen, und man habe dort nur leichte Rüstung; so sei es
 nicht schwer, bewiesen sie, sie zu unterwerfen, bevor sie sich zur Abwehr
 vereinigt hätten. Zuerst solle er die Apodoter angreifen, dann die Ophioneer und
 nach diesen die Eurytaner, welche den zahlreichsten Theil der Aetoler ausmachen,
 aber eine ganz unverständliche Sprache reden und das Fleisch roh'essen, wie
 behauptet wird.' Seien die erst niedergeworfen, so würden die Andern leicht
 nachkommen.

Demosthenes also folgte den Messeniern zu Gefallen diesem Rathe und besonders
 auch, weil er glaubte, er könne auch ohne athenische Streitmacht nur mit den
 festländischen Bundesgenossen nnd den dazu gewonnenen Aetolern zu Lande gegen
 die Böotier ziehen, nämlich durch das Gebiet der ozolifchen Lokrer nach dem
 dorischen Kytinion, den Parnaß rechts lassend, bis er in's Land der Phoker käme,
 die immer den Athenern Freund gewesen und wohl eifrig sich dem Zuge
 anschließen würden, oder auch dazu gezwungen werden könnten, 
 und dicht an das Phokergebiet stößt bereits Böotien 50); so brach er
 
 also gegen den Willen der Akarnaner mit der gesammten Macht, von Leukas
 auf und segelte nach Sicilien: Dann theilte er den Akarnanern seine Absicht mit,
 und da sie nicht einstimmten, weil die Umschließung von Leukas unterblieben war,
 so zog er mit dem übrigen Heere, den Kephallenern, Messeniern) Zakynthiern und
 den dreihundert Mann Athenern von den eigenen Schiffen — denn die fünfzehn
 Schiffe der Kerkyräer hatten sich von ihm getrennt — gegen die Aetoler zu 
 Felde. Der Aufbruch geschah von Oeneon in Lokris. Diese ozolischen Lokrer waren
 nämlich Bundesgenossen und sie sollten im inneren Lande mit ihrer Gesammtmacht
 zu den Athenern stoßen. Denn da sie Gränznachbarn der Aetoler waren und mit
 ihnen von gleicher Bewaffnung, so schien ihr Zuzug großen Vortheil zu
 versprechen, weil sie die Kampfweise jener und die Ortsgelegenheiten wohl
 kannten.

Die Nacht über lag er mit dem Heerhaufen im Heiligthum des neme'i'shcen Zeus,
 in welchem der Dichter Hesiodos von den dortigen Einwohnern soll erschlagen
 worden sein, nachdem ihm ein Orakel verkündet hatte, daß ihm dieß in Nemea
 geschehen werde, und mit der Morgenröthe brach er auf und marfchirte in Aetolien
 ein. Auch nahm er am ersten Tage noch Potidania, Tags darauf Krokyleion und
 am dritten Teichion, und daselbst verweilte er und sandte die Beute nach
 Eupalion in Lokris. Sein Gedanke war nämlich, wenn er die andern Landstriche
 unterworfen habe, sich auf Neupaktos zurückzuziehen und dann später erst gegen
 die Ophioneer in's Feld zu rücken, wenn sie nicht nachgeben wollten. Den
 Aetolern aber blieb diese Veranstaltung schon von vorn herein, als der Plan
 gefaßt wurde, nicht verborgen; als aber nun das Heer eingefallen war, so zogen
 sie ins- 
 
 
 gesammt mit großer Mannschaft zur Abwehr heran, so daß sogar die 
 hintersten von den Ophioneern, die am melischen Busen sitzen, die Bomieer und
 Kallieer, mit heranrückten.

Dem Demosthenes aber lagen die Messemer mit ähnlichen Rathschlägen in den
 Ohren, wie auch von Anfang. Sie zeigten ihm, wie leicht es sei, die Aetoler zu
 fangen, und er solle nur so schnell als möglich gegen die Dörfer ziehen und
 nicht abwarten, bis Alle mit vereinter Macht sich ihm entgegenstellen, und nur
 immer den in den Weg kommenden Flecken wegzunehmen trachten. Der nun gab 
 Gehör, und auf sein Glück vertrauend, weil Nichts sich ihm entgegenstellte,
 wartete er nicht die Lokrer ab — deren Hülfe er gebraucht hätte, da ihm
 besonders die speerschießenden Leichtbewaffneten abgingen, — sondern marshcirte
 gegen Aegition und nahm es im Sturm. Die Einwohner flohen nämlich und setzten
 sich auf den Anhöhen oberhalb der Stadt, denn sie lag hoch in einer bergigen
 Gegend, ungefähr achtzig Stadien vom Meere ab. Die Aetoler aber, denn sie
 waren zur Hülfe gegen Aegition herangerückt, fielen die Athener und ihre
 Bundesgenossen an, von den Höhen herabstürmend, die Einen in der, die Andern in
 jener Richtung, und Speere schießend, und wenn das Heer der Athener vorrückte,
 wichen sie zurück, ging jenes aber rückwärts, so fielen sie ihm in den Rücken.
 So schwankte der Kampf lang zwischen wiederholter Verfolgung und Rückzug, in
 beidem aber waren die Athener im Nachtheil.

So lange nun die Bogenschützen noch Pfeile hatten und schießen konnten,
 behaupteten die Unseren das Feld, denn die Aetoler als Leichtbewaffnete wurden
 durch die Geschosse zum Weichen gezwungen. Als aber der Führer der Bogenschützen
 gefallen war und diese auseinander gesprengt wurden, auch die Athener durch die
 langdauernde immer gleiche Anstrengung ermüdet waren, und die Aetoler ihrerseits
 andrängten und Speere schoßen, so wandten sie um und lfohen. Nun geriethen
 sie aber in Schluchten ohne Ausweg und in Gegenden, deren sie unkundig waren,
 und hatten großen Verlust, denn auch ihr Wegsührer Chromon, der Messemer, war
 gefallen. Die Aetoler aber, immer Speere schießend, ereilten viele auf der
 Flucht als schnellfüßige und leichtbewaffnete Leute ohne alle Mühe und tödteten
 sie; den größeren Hausen aber, der des Weges verfehlte und in einen Wald 
 ge rieth, der keinen AuSgang gestattete, umgaben sie mit Feuer und ver-
 
 brannten sie. Da stellte sich dem Heere der Athener jegliches Bild der
 Flucht und des Verderbens vor Augen und kaum retteten sich die Ueberbleibenden
 an's Meer und nach Oeneon in Lokris, von wo sie ausgezogen waren. Es fielen aber
 von den Bundesgenossen Viele, und Schwerbewaffnete der Athener ungefähr hundert
 und zwanzig. So groß war ihre Zahl, und eben diese junge Mannschaft bestand aus
 den trefflichsten Leuten, welche die Stadt Athen im Laufe dieses Krieges
 verloren hat.

Um dieselbe Zeit segelten die Athener in den sicilischen Gewässern gegen
 Lokris, schlugen bei einer Landung die zur Abwehr herangerückten Lokrer und
 gewannen eine Verschanzung am Flusse Halex.

In demselben Sommer noch setzten es die Aetoler, die schon früher den Ophioneer
 Tolophos, den Eurytaner Boriades und den Apodoter Tifander als Gesandte nach
 Korinth und Lakedämon geschickt hatten, durch, daß ihnen ein Hülfsheer gegen
 Naukaptos geschickt werde, weil dieß die Athener herbeigerufen habe. Es
 schickten denn auch die Lakedämonier um den Spätherbst drei tausend 
 Schwerbewaffnete aus ihren Bundesgenossen. Von diesen waren fünfhundert aus
 Herakles, der damals neu gegründeten Stadt im trachinifchen Gebiete.
 Spartanischer Seits führte das Heer Eurylochos, und ihm standen bei die
 Spartiaten Makarios und Menedaws.

Da das Heer sich in Delphi gesammelt hatte, sandte Eurylochos einen Herold zu
 den Ozolischen Lokrern, denn durch deren Gebiet ging der Weg nach Naupaktos, und
 zugleich dachte er sie zum Abfall von den Athenern zu bewegen. Unter den Lokrern
 arbeiteten ihm besonders die Amphissäer in die Hand, weil sie wegen ihrer 
 Feindschaft gegen die Phoker die Athener fürchteten, und sie selbst stellten 
 auch zuerst Geißeln und überredeten auch die Andern, die vor dem heranziehenden
 Heere in Furcht waren, und zwar zuerst ihre Gränznachbarn, die Myoneer — denn
 dort ist es am schwersten in Lokris vorzudringen — und nach diesen die Jpneer
 und Messapier und Tritäeer und Chaläer und Tolophonier und Hessier und
 Oeanthier. Diese Alle schlossen sich auch dem Feldzug an. Die Olpäer stellten
 zwar 
 
 Geißeln, zogen aber nicht mit, und die Hyäer gaben nicht einmal Geißeln,
 bevor nicht ihr Flecken, der Polis heißt, genommen war.

Als nun Alles geordnet war und die Geißeln nach dem dorischen Kytinion in
 Sicherheit gebracht, marshcirte er durch das Gebiet der Lokrer auf Naupaktos los
 und nahm auf dem Marsche noch ihre Städte Oeneon und Eupolion ein, die sich
 nicht fügen wollten. Als sie auf naupaktifchem Gebiet angelangt und zugleich die
 Aetoler zu ihnen gestoßen waren, verheerten sie die Landschaft und nahmen
 die Vorstadt weg, die keine Mauern hatte. Auch nach Molykreion kamen sie, einer
 Pflanzstadt der Korinther, die jetzt den Athenern gehorchte, und nahmen sie. Der
 Athener Demosthenes, — denn dieser hielt sich seit dem Rückzug aus Aetolien
 immer noch in der Gegend von Naupaktos auf — hatte von dem Heeresznge Kunde
 erhalten, und da er für die Stadt fürchtete, so war er zu den Akarnanern 
 gegangen und beredete sie — obwohl nur mit Mühe, wegen seines Abzuges von Leukas
 — Naupaktos zu Hülfe zu eilen. Sie gaben ihm denn auch auf Schiffen tausend
 Geharnischte mit, welche sich in den Platz warfen und ihn beschützten; denn es
 war Gefahr, daß er nicht Widerstand leisten könne, da die Mauer umfangreih cund
 der Vertheidiger nur wenige waren. Eurylochos aber und die Seinigen, da sie
 merkten, daß der Haufe noch hineingekommen und es unmöglich sei, die Stadt
 mit Gewalt zu nehmen, zogen sich zurück, aber nicht nach dem Peloponnes, sondern
 nach der ätolischen Landschaft, die jetzt Kalydon und Pleuron heißt, und in die
 dortige Gegend und nach dem ätolischen Proschion. Es waren nämlich die
 Amprakioten gekommen und überredeten sie, mit ihnen gegen das amphilochische
 Argos und das übrige Amphilochien und in Einem auch gegen Akarnanien einen -
 Versuch zu machen; denn, sagten sie, wenn sie dieser erst Meister geworden
 , so werde Alles aus dem Festland auf Seiten des lakedämonischeu Kampfbundes
 stehen. Eurylochos ließ sich auch bereden, entließ die Aetoler und blieb mit
 seinem Heere ruhig in jenen Gegenden ste- Heu, bis die Zeit käme, den
 Amprakioten zu Hülse zu ziehen, wenn sie wegen Argos etwas unternehmen würden.
 So ging der Sommer zu Ende.

Die Athener auf Sicilien unternahmen im folgenden Winter mit den hellenischen
 Bundesgenossen, und so viele der Sicilier 
 unter der Gewaltherrschaft von Syrakns gestanden und von der Bun- 
 desgenossenschaft mit den Syraknsanern abgefallen, nun den Krieg gegen
 diese mitfochten, einen Zug gegen das sicilische Städtchen Jnessa, dessen Burg
 die Syrakusaner besetzt hielten. Sie griffen an, konnten es aber nicht nehmen
 und zogen wieder ab. Bei diesem Abzüge fielen die Syrakusaner von der Besatzung
 den nach den Athenern abmarshcirenden Bundesgenossen in den Rücken, schlugen im
 Angriff einen Theil des Heeres in die Flucht und tödteten eine nicht geringe
 Zahl. Danach machten Laches und die Athener von der Flotte einige Landungen auf
 der lokrischen Küste, besiegten in einem Treffen beim Flusse Kmkinos 
 dreihundert Leute der Lokrer, die mit Proxenos, dem Sohne des Kapatou, zur
 Abwehr herbeigeeilt waren, nahmen die Waffen der Getödteten und zogen wieder
 ab.

In demselben Winter nahmen auch die Athener nach der Weisung eines
 Orakelspruchs die Reinigung von Delos vor ^'). Auch schon Peisistratos, der
 Tyrann, hatte nämlich die Insel früher einmal gereinigt, aber nicht die ganze,
 sondern nur was man von dem Tempel aus übersehen konnte. Jetzt aber wurde die
 ganze Insel gereinigt und zwar auf diese Weise. So viel Särge von Todten aus
 Delos waren, die schafften sie alle weg, und für die Zukunft, geboten sie, dürfe
 weder Einer auf der Insel sterben, noch auch ein Weib gebären, sondern die
 solle man nach Rhenea hinüberschaffen. Es liegt aber Rhenea so nahe bei Delos,
 das; Polykrates, der Tyrann der Samier, als er eine Zeitlang die See beherrschte
 und nach Unterwerfung der andern Inseln auch Rhenea genommen hatte, sie dem
 delischen Apollo als Weihgeschenk gab, indem er sie mit einer Kette an Delos
 sestband. Damals zuerst nach der Reinigung begingen auch die Athener das 
 nach jedem vierten Jahre wiederkehrende Feste der Delien. Es strömte aber auch
 schon in alten Zeiten viel Volks nach Delos, sowohl von den Joniern, als von den
 benachbarten Inselbewohnern. Sie veranstalteten nämlich Wallfahrten mit ihren
 Weibern und Kindern, sowie 
 
 
 jetzt die Jonier zum Fest der Ephesien ^), und es wurde dabei ein 
 Wettkampf gehalten im Ringen und in den musischen Künsten und die Städte führten
 Chortänze auf. Daß dergleichen stattfand, beweist vorzüglich Homer in den
 folgenden Worten, die dem Lobgesang auf Apollon entnommen sind Doch wann
 Delos vor Allen das Herz dir erfreuet, o Phöbos, Dort dann sammeln sich dir
 schleppsäumige Männer Jaons, Sie, sammt ihren Gesprossen und Gattinnen, nahe dem
 Tempel. Dann auch im Kampfe der Faust, im Gesang und verschlungenen Reigen 
 Deiner gedenkend, ersreuen sie dich in geordnetem Wettkampf. 
 Daß aber auch Wettkämpfe in den musischen Künsten stattfanden und Preisbewerber
 sich einstellten, beweist er ebenfalls, und zwar in folgenden Worten, die
 demselben Lobgesang entnommen sind. Nachdem er nämlich den delischen Chor der
 Frauen gepriesen hat, schließt er sein Loblied mit diesen Worten, in denen er
 auch seiner selbst gedenkt: Aus nun, und gnädig erzeige sich uns mit der
 Schwester Apollon I Seid mir, ihr Frauen, noch Alle gegrüßt! Doch meiner gedenkt
 auch Später einmal, wenn einer der erdanwohnenden Männer Wandernd daher
 euch fragt, gleich mir auch erprobet im Dulden: »Jungsraun, welcher der Männer
 ist euch als der lieblichste Sänger „Hier genaht, und welcher erfreute das Herz
 euch am meisten?" Dann antwortet mir Alle zumal in erfreulichem Einklang: 
 Er, der erblindete Mann, der wohnt in der felsigen Chios. 
 So viel findet sich beim Homer, wodurh cbewiesen wird, daß schon in alter Zeit
 eine große Menschenmenge zum Fest nach Delos strömte. Später aber sandten die
 Inselbewohner und die Athener Chöre mit Weihopfern dahin. Die Veranstaltung mit
 den Wettkämpfen aber und das meiste Andere war durch die Ungunst der Umstände
 in Vergessenheit gerathen, wie natürlich, bis dann endlich damals die 
 Athener die Wettspiele wieder einführten und dazu noch Pferderennen, die früher
 nicht stattgefunden hatten. ' i

In demselben Winter zogen die Amprakioten mit dreitau- 
 send Schwergerüsteten gegen das amphilochische Argos zu Felde, wie sie
 denn eben durch dieß Versprechen den Eurylochos vermocht hatten, seine Truppen
 da zu lassen, fielen in das argivische Gebiet ein und nahmen Olpä weg, eine
 starke Festung auf einem Hügel an der Seeseite, welche die Akarnaner in früheren
 Zeiten befestigt hatten und wo sie ihre gemeinsamen Gerichtstage abhielten. Von
 der Hauptstadt der Argiver, die am Meere liegt, ist sie ungefähr fünf und
 zwanzig Stadien entfernt. Von den Akarnanern nun eilte ein Theil nach Argos,
 denen dort beizustehen, die Andern lagerten sich in der Gegend des 
 amphilochischcn Landes, das Krenä heißt, zu verhüten, daß die Peloponnesier
 unter Eurylochos nicht unbemerkt sich mit den Amprakioten vereinigen möchten.
 Sie schickten aber auch zum Demosthenes, der die Athener bei dem Einfalle in
 Aetolien angeführt hatte, daß er als Führer zu ihnen käme, und zugleich auch zu
 den zwanzig Schiffen der Athener, die sich in den peloponnesischen Gewässern
 befanden und von Aristoteles, dem Sohne des Timokrates, und Hierophon,
 Antimnestos' Sohn, befehligt wurden. Es sandten aber auch die Amprakioten bei
 Olpä einen Boten nach ihrer Stadt und ließen ausfordern, - mit gesummter
 Macht ihnen zu Hülfe zu kommen, denn sie fürchteten, Eurylochos möchte mit
 seinen Truppen nicht durch die Akarnaner durchbrechen können, und so müßten sie
 entweder sich ganz allein schlagen, oder, wenn sie sich zurückziehen wollten,
 werde auch das uicht mit genügsamer Sicherheit geschehen können.

Die Peloponnesier nun unter Eurylochos, sobald sie erfahren, daß die
 Amprakioten nach Olpä gekommen, brachen von Proschion auf und zogen in
 Eilmärschen zu Hülfe. Sie überschritten.den Acheloosfluß und marschirten durch
 Akarnanien, das wegen des Zuzugs nach Argos von Mannschaft entblößt war, rechts
 lassend die Stadt der Stratier und deren Verschanzung, links das übrige 
 Akarnanien. Als sie das Gebiet der Stratier hinter sich hatten, zogen sie durch
 Phytia und dann an der Gränze von Medeon hin weiter durch Limnäa und betraten
 nun das Gebiet der Agräer, das nicht mehr zu Akarnanien gehört und ihnen schon
 freundlich gesinnt war. Als sie dann das wilde Thyamusgebirg erreicht hatten,
 überstiegen sie dasselbe und kamen in das argivische Gebiet hinab, ^ als es
 bereits Nacht war. 
 
 Hier kamen sie zwischen der Stadt der Argiver und dem Lager der Akarnaner
 bei Krenä unbemerkt durch und vereinigten sich mit den Amprakioten in Olpä.

Nachdem sie ihre Vereinigung bewerkstelligt, setzten sie sich mit Tagesanbruch
 bei der sogenannten Metropolis fest und schlugen ein Lager. Die Athener mit den
 zwanzig Schiffen liefen nicht lange danach , als Zuzug für die Argiver in den
 amprakischen Busen ein, und auch Demosthenes führte zweihundert messenische
 Schwerbewaffnete und sechzig athenische Bogenschützen zu. Die Schiffe nun 
 gingen vor Anker, um von der See aus die Anhöhe von Olpä zu beobachten, die
 Akarnaner aber und eine geringe Zahl von Amphilochiern — denn ihre Mehrzahl
 wurde von den Amprakioten mit Gewalt zurückgehalten — hatten sich bereits bei
 Argos vereinigt und schickten sich an, den Gegnern eine Schlacht zu liesern, und
 zum Führer des gesammten Bundesheeres wählten sie neben ihren eigenen Feldherrn
 den Demosthenes. Dieser rückte nahe an Olpä heran und schlug ein Lager.
 Der breite Runs eines Waldbachs schied die beiden Theile von einander. Und fünf
 Tage blieben sie ruhig einander gegenüber stehen, am sechsten aber nahmen beide
 ihre Aufstellung zu einer Schlacht. Weil nun die Peloponnesier an Zahl stärker
 waren und ihre Aufstellung ihn überflügelte, so fürchtete Demosthenes
 eingeschlossen zu werden Und legte darum in einen durch Buschwerk versteckten
 Hohlweg einen Hinterhalt von Schwer- und Leichtbewaffneten, zusammen gegen
 vierhundert Mann, damit diese dem überflügelnden Theile der Feinde beim
 Zusammenstoß in den Rücken fallen sollten. Da nun beide Theile ihre
 Vorbereitungen getroffen hatten, so kam es zum Zusammenstoß. Demosthenes mit den
 Messeniern und einigen wenigen Athenern hatte den rechten Flügel, den andern die
 Akarnaner, wie sie sich grade nach einander aufgestellt hatten, und die
 anwesenden amphilochischen Wursspießträger; Peloponnesier und Amprakioten aber
 standen unter einander, nur die Mantineer standen mehr gegen den linken 
 Flügel hin alle bei einander, jedoch nicht an der Spitze des Flügels, sondern da
 stand Eurylochos mit seinen Leuten, den Messeniern und dem Demosthenes
 gegenüber.

Als es nun bereits zum Handgemenge gekommen war und die Peloponnesier mit ihrem
 überragenden Flügel den rechten der Gegner 
 umschlossen, so kamen die Akarnaner aus ihrem Hinterhalt zum Vor- 
 schein, fielen ihnen in den Rücken und brachten sie zum Weichen, so daß
 sie in ihrem Schrecken nicht mehr zur Abwehr Stand hielten, sondern auch den
 übrigen größeren Theil des Heeres mit sich zur Flucht fortrißen. Denn da diese
 den Heerhaufen des Eurylochos, bei dem überdieß die größere Stärke war,
 geschlagen sahen, so geriethen sie ihrerseits in noch größere Furcht. Die
 Messenier, die dort beim Demosthenes standen, thaten den besten Theil der
 Arbeit. Die Amprakioten aber und die Andern siegten auf dem rechten Flügel über
 ihre Gegner und trieben sie bis gen Argos vor sich her, wie sie denn in
 jenen Gegenden die streitbarsten Leute sind. Da sie aber wieder umwandten und
 den größten Theil des Heeres besiegt sahen, und auch die übrigen Akarnaner auf
 sie eindrangen, so retteten sie sich nur mit großer Noth nach Olpä und verloren
 dabei viele Leute; denn sie stürzten ganz ausgelöst und ohne alle Ordnung daher.
 Nur die Mantineer bewerkstelligten von dem ganzen Heere ihren Rückzug in
 bester Ordnung. Der Kampf währte aber bis zum Abend.

Am Tage danach übernahm, da Eurylochos und Violarios gefallen waren, Menedaws
 den Oberbefehl und war nun in großer Verlegenheit, wie er nach einer so großen
 Niederlage, wenn er dabliebe, die Belagerung werde aushalten können, da er zu
 Lande und durch die Attischen Schiffe auch zu Wasser abgeschnitten war, 
 oder wie er sich im Falle eines Rückzugs durchschlagen sollte. Deßhalb machte er
 dem Demosthenes und den Feldherrn der Akarnaner Vorschläge wegen eines
 Waffenstillstandes und seines Abzugs und zugleich auch wegen Ueberlassuug der
 Todten. Die Todten nun gaben diese heraus, stellten selbst ein Siegeszeichen auf
 und begruben auch ihre eigenen Gefallenen, ungefähr dreihundert an der Zahl; auf
 den Abzug jedoch für Alle insgesammt gingen sie öffentlich nicht ein,
 heimlich aber gestatteten Demosthenes und seine Mitfeldherrn von den Akarnanern
 den Mantineern und dem Meneda'ios, wie auch den übrigen Führern der
 Peloponnesier und wer sonst von angesehenen Männern bei ihnen war, in aller Eile
 abzuziehen. Dadurch wollte er die Amprakioten und den großen Haufen der fremden
 Miethstruppen vereinsamen, mehr aber noch beabsichtigte er die Lake- 
 
 
 
 dämonier so bei den dortigen Hellenen in Verruf zu bringen, als Verräther,
 die nur sich selbst am meisten im Auge gehabt hätten. Jene hoben denn auch ihre
 Todten auf, begruben sie in der Geschwindigkeit so gut es ging und machten,
 denen es gestattet war, heimlich Anstalten zum Abzug.

Dem Demosthenes aber und den Akarnanern wurde nun gemeldet, daß die Amprakioten
 aus ihrer Hauptstadt mit gesammter Macht auf die erste Meldung von Olpä sich zur
 Hülse aufgemacht und durch das amphilochische Gebiet heranzögen, um sich mit
 denen in Olpä zu vereinigen, denn von dem was vorgefallen war, wußten sie 
 noch nichts. Sogleich schickte er also einen Theil seines Heeres ab, auf den
 Straßen im Voraus Hinterhalte zu legen und die festen Punkte vorwegzunehmen, und
 zugleich schickte er sich mit dem übrigen Heere an, zur Unterstützung
 nachzurücken.

Unterdessen verließen die Mantineer und die im Vertrage mitbegriffen waren, die
 Stadt, vorgebend, sie wollten Kräuter und Holz sammeln, und entfernten sich mehr
 und mehr von den Mauern, immer in kleinen Gruppen bei einander, indem sie
 wirklich das suchten, was sie zum Vorwand genommen. Als sie sich dann schon
 ziemlich weit von Olpä entfernt hatten, beschleunigten sie ihre Schritte. 
 Die Amprakioten aber und die Andern, wie sie grade so haufenweise bei einander
 standen und jene davon gehen sahen, machten sich auch auf die Beine und liefen
 hinterdrein, um jene noch einzuholen. Die Akarnaner glaubten nun zuerst, Alle
 insgesammt wollten gleicherweise ohne Vertrag durchgehen, machten sich hinter
 den Peloponnesiern her und es kam sogar vor, daß der Eine und Andere von ihnen
 nach den eigenen Feldherrn schoß, die abwehrten und sagten, es sei ein 
 Vertrag abgeschlossen worden, denn man glaubte, es sei Verrath im Spiel. Dann
 ließen sie aber doch die Mantineer und die Peloponnesier abziehen und tödteten
 nur die Amprakioten. Dabei gab es aber viel Streit und Ungewißheit, ob Einer ein
 Amprakiote sei oder ein Peloponnesier. Ihrer zweihundert ungefähr hieben sie
 nieder, die Andern flüchteten sich aus das angrenzende Agräische Gebiet und der
 Agräer-König, Salynthios, der ihr Freund war, nahm sie aus.

Die Amprakioten aus der Stadt kamen unterdessen nach Jdomene. Dieß Jdomene
 besteht aus zwei hohen Hügeln, deren 
 größeren die vom Heere des Demosthenes Vorausgesandten bei An- 
 bruch der Nacht unbemerkt voraus besetzt hatten, den kleineren hat-, ten
 bereits die Amprakioten erstiegen und blieben die Nacht über dort. Demosthenes
 und das übrige Heer rückten, nachdem sie ihr Mal genommen un8 sobald es Abend
 geworden, rasch vor, er selbst mit der Hälfte der Truppen gegen den Paß, die
 Andern über die amphilochischen Berge; und mit dem ersten Morgengrauen fällt er
 über die Amprakioten her, die noch im Schlafe lagen und von Allem, was
 vorgegangen, Nichts gemerkt hatten, vielmehr jene für Leute von den Ihrigen
 hielten. Demosthenes hatte nämlich absichtlich die Messenier vorangestellt und
 ihnen besohlen, die Feinde auf Dorisch anzureden, und die Vorposten sicher zu
 machen; auch waren sie durch das Auge nicht zu unterscheiden, da es noch dunkel
 war. So wie er nun über sie herfiel, flohen jene und wurden in großer Zahl ans
 dem Platze niedergemacht, die Andern suchten in die Berge zu entkommen.
 Weil aber die Wege im Vorhinein besetzt waren und zugleich die Amphilochier,
 ihrer eigenen Ortsgelegenheiten kundig, überdies; noch den Geharnischten
 gegenüber den Vortheil der leichten Bewaffnung hatten, jene hingegen, der Gegend
 unkundig, nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, so fielen sie in
 Schluchten und in die vorher gelegten Hinterhalte und kamen um. Und jeglichen
 Ausweg der Flucht versuchend wendeten sich Einige auch gegen das Meer hin, 
 das nicht weit entfernt war, und da sie der attischen Schiffe ansichtig wurden,
 die zur selben Stunde, da die Schlacht vorfiel, an der Küste dahersegelteu, so
 suchten sie diese durch Schwimmen zu erreichen, denn in ihrer jetzigen Aufregung
 dachten sie, es sei besser, wenn es schon einmal sein müsse, von denen auf den
 Schiffen den Tod zu leiden, als von den barbarischen und ihnen so verhaßten
 Amphilochiern. 
 So waren die Amprakioten geschlagen worden und entkamen ihrer nur wenige in
 ihre Stadt; die Akarnaner aber nahmen den Todten ihre Rüstung ab, stellten
 Siegeszeichen auf und zogen sich dann auf Argos zurück.

Zu ihnen kam Tags darauf ein Herold der Amprakioten, die von Olpä aus auf
 agräifches Gebiet entkommen waren, die Verabfolgung ihrer Todten zu begehren,
 die nach der ersten Schlacht 
 
 
 niedergehanen worden, als sie mit den Mantmeern und den m den Vertrag
 Eingeschlossenen zu entkommen suchten, ohne in dem Vergleich mit inbegriffen zu
 sein. Da nun der Herold die Waffenrüstungen derer aus der Amprakiotischen
 Hauptstadt sah, wunderte er sich sehr über die große Menge; denn er wußte nichts
 von dem neuen Unglück, sondern glaubte, es seien die Waffen der mit ihnen
 selbst Ausgezogenen. Da fragte ihn Einer, worüber er sich so wundere, und
 wie viele von ihnen denn gefallen seien? Der so Fragende glaubte aber, der
 Herold sei von denen von Jdomene. Dieser nun meinte, ungefähr zweihundert. Darauf
 erwiderte der gefragt hatte: „Das scheint doch nicht nach diesen Waffen da,
 sondern es sind ihrer mehr als Tausend." „So können sie," sagte der Herold,
 „nicht von unsern Leuten sein." „Doch freilich," erwiderte Jener, „dafern
 ihr gestern bei Jdomene gefochten habt." „Aber wir haben gestern mit 
 Niemanden zu thun gehabt, sondern vorgestern bei dem Abzüge." „Nun und wir haben
 gestern mit denen hier gefochten, die ans der Amprakiotischen Hauptstadt zu Hülfe
 heranzogen." Wie der Herold dieß hörte und nun wußte, daß der Zuzug aus ihrer
 Stadt zusammengehauen sei, so seufzte er tief auf, und ganz außer sich über
 die Größe des hereingebrochenen Unglücks, ging er zurück, ohne seines 
 Auftrags zu gedenken und verlangte nicht weiter die Ausfolgung der Todten. Und in
 der That war im Verlaufe dieses Krieges dieß das größte Unglück, welches eine
 hellenische Stadt im Raume so weniger Tage erlitten hat. Die Zahl der Gefallenen
 habe ich nicht niedershcreiben wollen, weil die, welche allgemein angegeben wird,
 nicht in dem Verhältnis; zur Größe der Stadt steht, um glaublich zu 
 ershceinen. Amprakia aber, das weis; ich gewiß, hätten die Akarnaner und
 Amphilochier im ersten Anschrei genommen, wenn sie hierin den Athenern und dem
 Demosthenes hätten folgen wollen, die zur Erstürmung aufforderten. Sie fürchteten
 jedoch, daß die Athener, wenn sie die Stadt erst hätten, ihnen noch schwierigere
 Nachbarn würden.

Danach schieden sie den dritten Theil der Waffenbeute für die Athener aus und
 vertheilten das Uebrige unter sich, nach den Städten. Der Antheil der Athener
 wurde ihnen jedoch auf der Fahrt abgenommen; was aber davon jetzt noch in den
 attischen Heilig thümern zur Schau steht, das sind die dreihundert
 Ganzrüstungen, 
 die für den Demosthenes ausgeschieden worden waren und die er selbst aus
 der Rückfahrt mitgebracht hat. Denn nach dieser That durfte er sich wegen des
 Unglücks in Aetolien schon nicht mehr vor der Heimkehr fürchten. — Die Athener
 auf den zwanzig Schiffen gingen nun nach Naupaktos. Die Akarnaner aber und
 Amphilochier schloßen nach dem Abzüge der Athener und des Demosthenes einen
 Vergleich mit den Amprakioten und Peloponnesiern, die zum Salynthios und
 den Agräern entkommen waren. Danach durften sie von Oeniadä aus abziehen, wohin
 sie sich nämlich vom Salynthios begeben hatten. Und für die Zukunft machten die
 Akarnaner und Amphilochier einen Frieden und Waffenbund mit den Amprakioten >
 auf hundert Jahre. Danach sollten weder die Amprakioten mit den Akarnanern
 zu Felde ziehen dürfen gegen die Peloponnesier, noch auch die Akarnaner mit den
 Amprakioten gegen die Athener; gegenseitig aber sollten sie sich ihr Gebiet
 vertheidigen helfen, und was die Amprakioten an Land oder an Geißeln von den
 Amphilochiern in Händen hatten, das sollten sie zurückgeben, auch der Stadt
 Anaktorion keine Hülse leisten, denn die war. den Akarnanern Feind. In diesen
 Punkten kamen sie überein und machten damit dem Krieg ein Ende. Danach 
 schickten die Korinther eine Besatzung aus ihrer Bürgerschaft nach Amprakia,
 gegen drei hundert Schwerbewaffnete unter Führung des Xenoklidas und des
 Euthykles, die unter großen Schwierigkeiten auf dem Festlandswege dahin kamen.
 Solchen Verlauf nahmen die Dinge wegen Amprakiens.

Auf Sicilien unternahmen die Athener in demselben Winter von der See aus eine
 Landung gegen Himeräa,' während gleichzeitig die Sikelier vom Binnenlande aus
 über die Gränzen von Himeräa eindrangen, und auch gegen die äolischen Inseln
 segelten sie. Als sie dann in Rhegium wieder eingelaufen, trafen sie dort den
 Pythodoros, des Jsolochos Sohn, als Feldherrn der Athener, der den Laches
 in seinem Flottenkommando abgelöst hatte. Die Sikelischen Bundesgenossen hatten
 nämlich Schiffe nach Athen geschickt und diese überredet, sie mit einer
 stärkeren Flotte zu unter - 
 
 
 stützen. Denn auf ihrem Landgebiet waren die Syrakusaner Meister und auch
 von der See wurden sie durch eine geringe Zahl Schiffe von jenen abgeschnitten.
 Das nun wollten sie nicht länger mehr ertragen, und trachteten nun eine Flotte
 aufzubringen. Die Athener bemannten auch vierzig Schiffe, sie ihnen zuzusenden,
 einmal weil sie den Krieg so früher zu Ende zu bringen hofften, und dann auch,
 weil sie ihrer Flotte Gelegenheit zur Uebung geben wollten. Den einen der 
 Feldherrn nun, den Pythodoros, sandten sie mit wenigen Schiffen ab; Sophokles,
 den Sohn des Sostratides, und Eurymedon, des Thukles Sohn, wollten sie mit der
 größeren Zahl der Schiffe später nachschicken. Pythodoros aber, der bereits an
 des Laches Statt das Kommando des Geschwaders übernommen hatte, segelte zu
 Winters Ende gegen die Verschanzung der Lokrer, welche Laches früher genommen
 hatte, wurde aber im Treffen von den Lokrern besiegt und zog sich wieder 
 zurück.

Um eben diese Frühlingszeit brach auch der feurige Lavastrom aus dem Aetna 52),
 wie auch schon früher, und verwüstete den Katanäern einen Theil ihrer Ländereien.
 Denn diese wohnen am Aetna, der in Sicilien der höchste Berg ist. Dieser
 Ausbruch, sagen sie, sei im fünfzigsten Jahre nach dem vorangegangenen erfolgt,
 und im Ganzen, seitdem Sicilien von Hellenen bewohnt sei, wäre der Berg zum
 dritten Mal ausgebrochen. Das ist's, was in diesem Winter geschah, und damit ging
 das sechste Jahr dieses Krieges zu Ende, den Thukydides beschrieben hat. 
 
 Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.

Im folgenden Sommer, zur Zeit, da das Getreide in die 
 Aehren schoß, fuhren zehn Schiffe der Syrakusaner und ebenso viele, 
 iokrische aus und nahmen Messana auf Sicilien in Besitz, von -den Einwohnern der
 Stadt selbst herbeigerufen, und so fiel Messana von den Athenern ab. Die
 Syrakusaner hatten das besonders deßhalb unternommen, weil sie sahen, daß der
 Platz zur Landung auf Sicilien günstig gelegen sei, und aus Furcht vor den
 Athenern, diese möchten einmal von dort aus mit größerer Macht einen Angriff aus
 sie unternehmen, — die Lokrer aber aus Haß gegen die Rheginer und in der
 Absicht, von beiden Seiten den Krieg mit Nachdruck gegen sie zu führen. Auch
 waren die Lokrer zu gleicher Zeit mit gesammter Macht in das Gebiet der Rheginer
 eingefallen, damit diese nicht Messana zu Hülse kommen könnten, zum Theil aber
 auch aus Einladung der Rheginischen Flüchtlinge, die bei ihnen waren. Denn 
 Rhegium war seit langer Zeit durch inneren Zwist gespalten und konnte sich im
 Augenblick der Lokrer nicht erwehren, weßhalb diese denn der Stadt um so mehr
 zusetzten. Nachdem sie das Gebiet verheert, zogen die Lokrer mit dem Landheere
 wieder ab; jene Schiffe aber blieben vor Messana und bewachten eS, und auch noch
 andere Schiffe, die eben bemannt wurden, sollten dort sich vor Anker legen, um
 von da aus Kriegszüge zu unternehmen ').

Um dieselbe Frühlingszeit, bevor noch daS Getreide in Blüthe stand, fielen die
 Peloponnesier und ihre Bundesgenossen in 
 
 
 
 
 Attika ein, unter Führung des Lakedämonier-KönigS Agis, desArchidamos
 Sohn, und schlugen ein Lager und verwüsteten daS Land. Die Athener aber
 schickten die vierzig Schiffe nach Sieilien ab, wie sie sich denn auf eine
 solche Zahl gerüstet hatten ^), und dazu auch die Anführer, die noch
 zurückgeblieben waren, Eurymedon und Sophokles; denn Pythodoros, der dritte, war
 schon früher aus Sicilien angekommen. Diesen trugen sie auf, im Vorüberfahren
 auch den Kerkyräern in der Stadt Abhülfe zu gewähren, welche von den auf 
 dem Gebirge vershcanzten Flüchtlingen^zeplündert und bedrängt wurden 2). ES
 waren aber auch von den Peloponnesiern sechzig Schiffe dorthin gegangen, um
 denen aus dem Gebirge Verstärkung zuzuführen, und auch weil sie hofften, bei der
 großen HungerSnoth in der Stadt dort der Dinge leicht Meister zu werden. Dem
 DemostheneS aber, der seit seiner Rückkehr aus Akarnanien^) als Privatmann
 lebte, erlaubten sie aus seine Bitte, mit jenen vierzig Schiffen in den 
 Peloponnesischen Gewässern irgend etwas auszuführen, wenn er wolle.

Als sie nun an der lakonischen Küste hinsegclten und erfuhren, daß die Schiffe
 der Peloponnesier schon bei Kerkyra stünden, so drängten Eurymedon und Sophokles
 darauf, die Fahrt gegen Kerkyra zu beschleunigen Demotshenes aber rieth, man
 solle zuerst bei PyloS vor Ankergehen, und nachdem man ausgeführt, was er dort
 gethan haben wolle, dann die Fahrt weiter fortsetzen. Als nun die Andern
 dem widersprachen, erhob sich zufällig ein Sturm und trieb die Schiffe auf PyloS
 hin. DemotsheneS verlangte nun, man solle den Platz allsogleich befestigen; denn
 deßhalb grade sei er mitgefahren; und nun zeigte er, wie Ueberfluß an Holz und
 Steinen vorhanden und der Platz von 'Natur stark und überdieß noch aus eine
 weite Strecke Landes hin unbewohnt sei. Denn von Sparta liegt Pylos 
 
 
 
 
 ungefähr vierhundert Stadien (10 deutsche Meilen) entfernt, auf dem
 
 Gebiete, welches früher Messenien war; die Lakedämonier aber nennen, den
 Ort Koryphasion. Jene indeß sagten, der Peloponnes habe ja viele unbewohnte
 Vorgebirge, wenn er durchaus die Stadt durch Landbesetzung in Kosten bringen
 wolle. Ihm aber schien der Ort vor andern ausgezeichnet, da er auch einen Hafen
 besitze, und die Messenier, denen ja das Land von Alters her erbzukömmlich sei
 und die auch mit den Lakedämoniern dieselbe Sprache redeten, würden jenen
 von da aus sehr vielen Schaden thun können und für den Platz eine zuverläßige
 Besatzung sein 6 ).

Als er aber weder die Feldherrn bereden konnte, noch auch die Soldaten — er
 hatte nämlich seine Gedanken später auch den Hauptlcuten mitgetheilt — so blieb
 er bei der herrschenden Unsee ruhig liegen, bis den Soldaten in ihrer Langeweile
 ganz von selbst die Lust kam, den Platz abzustecken und die Mauern aufzuführen.
 Sie legten also Hand an, indem sie wegen Mangels eiserner Werkzeuge zum
 Behauen ausgesuchte Steine herbeitrugen und sie zusammenfügten, wie es grade
 paßte; und den Lehm, wo er nothwendig war, trugen sie aus Mangel an Körben aus
 dem Rücken herzu, indem sie sich bückten, damit er liegen bleibe, und die Hände
 über dem Rücken zusammenfalteten, damit er nicht herabrutsche. Auch beeilten sie
 sich auf jede Weise, die angreifbarsten Stellen auszubauen, bevor die 
 Lakedämonier noch anrücken könnten; denn der größere Umfang des Platzes war an
 sich fest und bedurfte keiner Mauer.

Die Lakedämonier aber feierten grade ein Fest, und da sie die Sache erfuhren,
 so legten sie ihr überdieß kein Gewicht bei und dachten, die Athener würden
 ihnen entweder gar nicht Stand halten, wann sie gegen sie anzögen, oder sie
 würden sie durch Berennung leicht in ihre Macht bekommen. Auch daß ihr eigenes
 Heer noch in Attika stand, war für sie Anlaß zur Zögerung. Die Athener aber,
 nachdem sie die Seite des Platzes gegen das Festland hin, und wo es sonst am
 meisten Noth that, innerhalb sechs Tagen ummauert hatten, ließen den
 Demosthenes mit fünf Schiffen als Besatzung daselbst zurück; mit 
 
 
 
 den übrigen Fahrzeugen beschleunigten sie die Fahrt gen Kerkyra und 
 Sieilien.

Als nun aber die Peloponnesier in Attika die Wegnahme von Pylos erfuhren, zogen
 sie in aller Eile nach der Heimath ab; denn die Lakedämonier und Agis waren der
 Ansicht, daß der Umstand mit Pylos sie sehr nahe betreffe. Zugleich aber, weil
 sie sehr zeitig eingefallen waren und als die Frucht noch grün war, fehlte für
 die Mehrzahl des Heeres die Nahrung und überdieß litt dasselbe auch durch
 die Witterung, welche für die schon fortgeschrittene Jahreszeit noch sehr rauh
 und stürmisch war. So trugen viele Umstände dazu bei, daß sie rascher abzogen
 und dieser Einfall an Dauer der kürzeste wurde; denn sie waren in Allem nur
 fünfzehn Tage in Attika gestanden. »

Um dieselbe Zeit nahm Simonides, Feldherr der Athener, die Stadt Eion weg, eine
 Pflanzung der Mendäer an der thrakischen Gränze?). Dieß führte er aus, nachdem
 er die wenigen Athener auS den Besatzungen und eine große Zahl der dortigen
 Bundesgenossen an sich gezogen hatte; doch war auch Verrath im Spiel. Da 
 aber allsogleich die Chalkidier und Bottiäer zur Hülfe heranrückten, so wurde er
 wieder hinausgeworfen und verlor viele seiner Leute.

Als nun die Peloponnesier, die in Attika gestanden hatten, abgezogen waren,
 rückten die Spartiaten selbst und von ihren Beisitzern 8) die zunächst wohnenden
 rasch gegen Pylos heran; der Zuzug der übrigen Lakedämonier geschah langsamer,
 da sie grade erst von einem andern Feldzug zurückgekommen waren. Sie ließen aber
 im ganzen Peloponnes herum ansagen, man solle so schnell als möglich zum 
 Angriff von Pylos zu ihnen stoßen, und sandten auch Botschaft zu ihren sechzig
 Schiffen bei Kerkyra, welche über die Landenge der Leukadier gebracht wurden und
 so nach Pylos kamen, unbemerkt von den Attischen Schiffen, die bei Zakvnthos
 lagen. Das Fußvolk war da schon in voller Zahl beisammen. Demosthenes nun,
 während die Schiffe der Peloponnesier noch im Ansegeln begriffen waren, schickte
 
 
 
 unbemerkt noch zwei Schiffe mit Botschaft an den Eurymedon und 
 die Athener auf der Flotte bei Zakynthos: sie sollten herbeikommen, l da
 der Platz in Gefahr wäre; und diese beiden Schiffe beschleunigten auch ihre
 Fahrt, wie Demotshenes ihnen aufgetragen. Die Lakedämonier schickten sich nun
 an, die Verschanzung von der Land- und der Seeseite anzugreisen, in der
 Hoffnung, sie leicht zu nehmen, da das Mauerwerk in Eile ausgeführt und nur
 geringe Mannschaft darin sei. Weil sie aber auch gewärtig waren, daß die
 Attischen Schiffe von Zakynthos her zu Hülfe kämen, so nahmen sie auch Bedacht,
 für den Fall, daß sie den Platz nicht schon früher gewonnen haben sollten, 
 die Eingänge des Hasens zu sperren, damit den Athenern daS Einlausen unmöglich
 wäre. Es macht nämlich die Insel, welche Sphak« teria heißt und nahe beim Land
 sich vor der Küste hinstreckt, den Hafen haltbar und die Einfahrten so eng, daß
 auf der Seite von Pylos und der Athenischen Verschanzung nur zwei Schiffe
 zugleich einsegeln können, auf der Seite gegen das andere Festland hin aber acht
 oder neun. Sie war ganz verlassen und daher mit Wald bedeckt und unwegsam
 und hatte in der Länge ungefähr fünfzehn Stadien ^5400 Schrittes. Die Einfahrten
 nun wollten sie verschließen, indem sie Schiffe, eines dicht neben dem andern,
 mit den Vordertheilen gegen einander gekehrt, austsellten. Die Insel selbst
 besetzten sie mit Schwerbewaffneten, aus Vorsorge, die Athener möchten von ihr
 auS sie angreisen, und ebenso stellten sie schweres Volk längs der
 Festlandsküstc hin. So dachten sie, werde die Insel die Athener abwehren können,
 und ebenso das Festland, welches eine Landung nicht erlaubte. Denn was von
 Pylos außerhalb der Einfahrt gegen daS offene Meer zu liegt, hat keinen Hafen
 und würde jenen keinen Punkt darbieten, von dem auS sie den Ihrigen
 Unterstützung gewähren könnten; sie selbst hingegen würden ohne Seekamps und
 ohne sonst etwas zu wagen den Platz ganz gewiß nehmen, da er keine LebenSmittel
 und nur geringe Kriegsrüstung besitze. Wie beschlossen, setzten sie denn auch
 Schwerbewaffnete nach der Insel über, die sie aus allen Abtheilungen durch 
 das Loos hatten wählen lassen. Anfangs gingen aber auch Andere ablösungsweise
 hinüber; deren aber, welche dieß zuletzt traf und die dort eingeschlossen
 wurden, waren vierhundert und zwanzig und dazu die Heloten bei ihnen. Ihr
 Anführer war Epitadas,deS Molobros Sohn.

Da nun Demosthenes sah, daß die
 Lakedämonier mit Schiffen und Landtruppen zugleich angreisen wollten, nahm auch
 er seine Maßregeln, zog die Dreiruderer, die er von den zurückgelassenen 
 Schiffen noch hatte, an's Land unter den Schutz der Verschanzung und umgab sie
 mit einem Pfahlwerk. Die Mannschaft derselben bewaffnete er mit Schilden, die
 übrigens nicht viel taugten und meist nur von Weidengeflecht waren; denn in dem
 ganz verödeten Lande gab es keine Möglichkeit, sich Waffen zu verschaffen, und
 auch jene hatte er nur durch ein messenisches Ranbschiff, einen Schnellsegler
 von dreißig Rudern, erhalten, der grade angekommen war. Diese Messenier
 hatten gegen dreißig Schwerbewaffnete unter sich, die er mit den seinigen
 verwendete. Die Mehrzahl nun sowohl der Bewaffneten, als der Unbewaffneten,
 stellte er gegen die Festlandsfeite an die am stärksten verschanzten und
 haltbarsten Punkte des Platzes, mit dem Befehl, dort das Fußvolk abzuwehren,
 wenn es angreisen sollte- er selbst aber wählte sich auS Allen insgesammt
 sechzig Schwerbewaffnete und einige Bogenschützen aus und stellte sich mit ihnen
 außerhalb der Verschanzung am Meere auf, da, wo er erwartete, daß jene am ersten
 eine Landung versuchen würden. Die Stelle fiel zwar steil und felsig gegen
 das Meer ab, aber weil ihre Verschanzung dort am schwächsten war, so dachte er,
 jene würden sich leicht zum Angriff an dieser Stelle bewegen lassen. Die Athener
 hatten nämlich hier die Vermauerung nicht stark hergestellt, weil sie gar nicht
 glaubten, jemals von einer überlegenen Flotte angegriffen zu werden; nun aber
 sahen sie, daß der Platz genommen werden könne, wenn erst die Landung erzwungen
 sei. Um diese nun wo möglich zu verhindern, rückte er bis dicht an das
 Meer vor, stellte seine Schwerbewaffneten aus und ermuthigte sie mit solchen
 Worten:

„Ihr Männer, die ihr mit mir diese Gefahr bestehen wollt! Denke keiner von
 euch, in dieser Bedrängniß damit etwas KlugeS zu thun, daß er sich alle
 Gefährlichkeiten aufzählt, die unS umringen; sondern rücksichtslos gehe er dem
 Feind entgegen und voll Zuversicht, daß er auch hier als Sieger hervorgehen
 wird. Denn ist eS einmal bis zn dieser Höhe der Gefahr gekommen, so ist
 Ueberlegung nicht mehr am Platze, sondern es bedarf eines raschen Wagnisses.
 UebrigenS sehe ich, daß die Mehrzahl der Umstände uns günstig ist, wenn 
 wir nur Stand halten und nicht aus Furcht vor ihrer Ueberzahl unsere
 
 Vortheile feig aus der Hand geben wollen. Denn die Schwierigkeit der
 Landung an dieser Stelle ist doch ein Vortheil für unS, der unS den Kampf
 erleichtert, wenn wir nur ausharren. Weichen wir zurück, so bietet er freilich
 trotz seiner Schwierigkeit einen leichten Zugang, da Niemand im Weg steht; und
 selbst wenn wir dann den Feind wieder zurückwerfen sollten, so wird er doch viel
 erbitterter kämpfen, da der Weg zurück für ihn nicht leicht ist. So lange er
 noch auf den Schiffen ist, können wir ihn leicht abwehren, hat er aber einmal
 am Land festen Fuß gefaßt, so ist zwischen uns der Vortheil schon gleich. 
 Seine Ueberzahl ist aber nicht sehr zu fürchten, denn trotz seiner Menge kann er
 nur mit kleinen Abtheilungen in den Kampf kommen, weil das Anlanden zu schwierig
 ist, und wir haben eS nicht mit einem Heere auf dem festen Lande zu thun, das
 unter sonst gleichen Umständen an Zahl überlegen ist, sondern sie stehen ja noch
 auf den Schis-sen, die sich den zahlreichen Zufällen des Meeres gar nicht
 entziehen können, und so glaube ich, wird der Nachtheil unserer geringen
 Zahl durch die Verlegenheiten jener wieder ausgewogen. Uebrigens seid ihr ja
 Athener und wißt ans Erfahrung, daß eine Landung mit Schiffen nicht wohl
 erzwungen werden kann, wenn nnr Einer Stand hält und nicht aus Furcht vor der
 Brandung und dem schreckhaften Andringen der Schiffe davonläuft; und darum
 erwarte ich von euch, daß ihr jetzt aushaltet und mitten in der Brandung tapfer
 fechtet, euch selbst und den Platz zu retten."

Durch diese ermunternden Worte deS DemostheneS wuchs den Athenern noch der Muth,
 und sie stiegen hinab und stellten sich dicht am Meer auf. Die Lak«dämonier
 erhoben sich nun auch und griffen zu Lande mit dem Heere und zugleich auch nnt
 den Schiffen die Verschanzung an. Der Schiffe waren aber dreiundvierzig, und
 es führte sie zum Angriff als Befehlshaber ThrasymelidaS, deS Kratesikles
 Sohn, ein Spartiate; und er griff da an, wo DemostheneS erwaitete. Die Athener
 nun wehrten ans beiden Seiten ab, nach dem Lande hin, wie nach dem Meere. Jene
 aber theilten ihre Schiffe in kleine Geschwader, weil es nicht möglich war, mit
 einer größeren Zahl zu landen; und abtheilnngSweise ausruhend, versuchten sie die
 Anfahrt, indem sie allen Eifer aufboten und auch einander ermuthigten, ob 
 
 sie den Feind nicht zurückwerfen und die Festung nehmen könnten. Aus Allen
 aber leuchtete hervor Brasidas. Denn da er einen Dreiruderer befehligte und sah,
 wie schwer zugänglich der Platz sei, und daß die Schiffsführer und die
 Steuerleute, auch wo es möglich schien, anzulanden, doch zauderten und verhüten
 wollten, daß ihre Schiffe scheiterten, so rief er ihnen zu, es wäre
 unvernünftig, die Stücke Holz zu schonen und darüber den Feind gewähren zu
 lassen, der in ihrem eigenen Lande sich eine Festung gebaut habe, — und er hieß
 sie, die Landung zu erzwingen und lieber die eigenen Schiffe zerbrechen zu
 lassen, und auch die Bundesgenossen forderte er auf, sie sollten sich nicht
 bedenken, in der jetzigen Gefahr den Lakedämoniern für so große Wohlthaten
 ihre Schiffe zu opfern, sondern sie nur auflaufen lassen und aus alle Weise die
 Landung erzwingen, den Feind und seine Vershcanzung zu bewältigen.

Mit solchen Worten trieb er die Andern an, und seinen eigenen Steuermann zwang
 er, sein Schiff auflaufen zu lassen, und trat selbst auf die Landungsbrücke, das
 Aussteigen versuchend.. Da fielen aber aus ihn die Hiebe der Athener, und die
 Wunden nahmen ibm die Besinnung, und da er rückwärts in den Schiffsraum stürzte,
 fiel fein Schild ihm vom Arm in's Meer. Den trugen dann die Wellen an's
 Land, und die Athener hoben ihn auf und brachten ihn später bei dem
 Siegeszeichen an, welches sie dieses Zusammenstoßes wegen errichteten. Die
 Andern boten nun auch Alles auf, aber sie waren nicht im Stande zu landen, wegen
 der Unzugänglichkeit des Platzes und weil die Athener Stand hielten und nicht
 eines Fußes breit wichen. So hatte das Glücksrad sich gedreht, daß die Athener
 vom festen Land aus und zwar von Lakonischem jene, die von der See aus
 kamen, zurückwiesen, — die Lakedämonier aber mit einer Flotte gegen die Athener
 eine Landung auf ihrem eigenen Boden versuchten, den der Feind genommen: denn
 die Größe des Ruhmes bestand ja damals für die Einen darin, daß sie als
 Landmacht und im Fußkampf die Stärksten seien, für die Andern, daß sie zur See
 und im Schiffsgefecht am meisten hervorragten.

Diesen Tag nun und einen Theil des folgenden brachten sie mit Landungsversucben
 zu; dann ruhten sie aus. Am dritten Tag schickten sie einige von den Schiffen
 ab, die, sich an der Küste haltend, 
 
 nach Asine fahren sollten, dort Holz zum Sturmzeug zu holen. Sie gedachten
 nämlich von der Seite des Hafens her, wo die Mauer zwar hoch sei, aber doch noch
 am ehesten gelandet werden könne, den Platz durch Sturmzeug zu nehmen. Da nun
 kamen die fünfzig athenischen Schiffe von Zakynthos her in Sicht; es waren
 nämlich einige von den Wachschiffen bei Nanpaktos und vier Schiffe der Chier zu
 ihnen gestoßen. Als diese nun Festland und Insel voll von 
 Schwerbewaffneten und die Schiffe ohne auszulaufen im Hafen liegen sahen, auch 
 selbst nicht wußten, wo sie am besten landen sollten, so gingen sie für jetzt
 nach Brote, einer unbewohnten Insel, die nicht weit ab liegt, und brachten die
 Nacht dort zu; des folgenden Tags aber stachen sie in See, zum Gefecht bereit,
 wenn jene ihnen auf's offene Meer entgegensegeln wollten; im andern Fall wollten
 sie selbst zum Angriff in den Hafen einlaufen. Jene nun fuhren ihnen weder
 entgegen, noch auch hatten sie zufällig die Einfahrten versperrt, wie sie doch
 beabsichtigt, sondern bemannten ihre Schiffe ganz ruhig am Lande und 
 machten sie fertig zum Gefecht, um dem Feind, wenn er einfahre, die Schlacht im
 Hafen zu liefern, der nicht klein ist^).

Als die Athener dieß merkten, so ruderten sie durch beide Einfahrten herein auf
 sie los, und da die Mehrzahl der Schiffe schon auf der Höhe des Hafens und zum
 Gefecht bereit war, so fielen sie dieselben an und jagten sie in die Flucht und
 beschädigten auf der Verfolgung viele, wie es bei den geringen Entfernungen
 nicht anders möglich war; fünf aber nahmen sie und darunter eines mit der ganzen
 Mannschaft. Die übrigen, die sich auf das Land geflüchtet hatten, griffen
 sie dort an. Einigen Schiffen, die eben erst bemannt wurden, stießen sie mit dem
 Schnabel die Wand ein, noch ehe sie auslaufen konnten; andere nahmen sie leer
 in's Schlepptau, da die Mannschaft davongelaufen war. Als die Lakedämonier (des
 Landheeres) dieß sahen, ergriff sie der bitterste Schmerz über das Unglück, da
 ja ihre Leute auf der Insel abgeschnitten waren. Sie liefen herbei und 
 stiegen schwer bewaffnet, wie sie waren, in's Meer und packten die Schiffe an,
 sie an's Land zu ziehen. Und so groß war da ihr Eifer, daß Jeder fürchtete, die
 Sache könne dort nur schlecht gehen, wo er selbst nicht die 
 
 
 Hand dabei hätte. Groß war das Geschrei um die Schiffe und beide Theile
 hatten dabei ihre Kampsart wieder ausgetauscht, denn die Lakedämonier, in ihrer
 Kampfwuth und Verzweiflung, lieferten so zu sagen vom Land aus einen
 Schiffskampf, und die Athener, die schon den Sieg in Händen hatten und ihr Glück
 aus's Aeußerste verfolgen wollten, kämpften von den Schiffen aus wie
 Landtruppen. Nachdem sie so einander viel Mühsal angethan und auf einander
 eingehanen hatten, daß der Wunden viele waren, schied sich der Kampf, und die
 Lakedämonier brachten die leeren Schiffe mit Ausnahme der Anfangs 
 genommenen in Sicherheit. Beide Theile gingen in ihr Lager, und die Einen
 stellten ein Siegeszeichen auf, lieferten die Todten auS und sammelten die
 Schiffstrümmer; und die Insel umkreuzten sie allsogleich und hielten Wache, da
 die Leute darauf abgeschnitten waren. Die Peloponnesier auf dem Festland aber,
 sammt denen, die ihnen bereits von allen Seiten zu Hülfe gekommen waren, blieben
 in ihrer Landstellung vor Pylos.

In Sparta aber, als das bei Pylos Vorgefallene dorthin gemeldet worden war,
 beschlossen sie, wie bei einem großen Unglücke, daß die Oberbeamten sich zum
 Heere begeben sollten, um allsogleich nach eigener Anschauung Beschluß zu
 fassen, wie ihnen gutdünke. Wie nun diese sahen, daß es unmöglich sei, ihren
 Leuten auf der Insel Hülfe zu bringen, nnd sie dieselben auch nicht in der
 Gefahr lassen wollten, entweder durch Hunger umzukommen, oder von der Mehrzahl
 bewältigt gefangen zu werden, so beschlossen sie, mit den Feldherrn der
 Athener, sosern diese einwilligten, für das Heer bei Pylos einen 
 Waffenstillstand abzuschließen und dann Gesandte nach Athen zu schicken, um
 einen Vergleich zu Stande zu bringen und Alles aufzubieten, ihre Leute sobald
 als möglich wieder frei zu machen.

Da nun die Feldherrn den Vorschlag annahmen, so wurde ein Waffenstillstand auf
 folgende Bedingungen geschlossen: die Lakedämonier sollten die Schiffe, mit
 welchen sie die Seeschlacht geliefert, und auch sämmtliche andere Kriegsschiffe,
 die in Lakonika vorhanden seien, den Athenern ausliefern und sie selbst nach
 Pylos bringen; die Verschanznng dürften sie weder von der Land-, noch von der
 Seefeite angreifen. Die Athener ihrerseits sollten gestatten, daß die 
 Lakedämonier vom Festland ihren Leuten auf der Insel ein bestimmtes und 
 schon zu Brod verbackenes Getreidemaß hinübershcickten, für den Mann
 
 zwei attische Ehömken Mehl, zwei Kotylen Wein und die Fleisch-, ration,
 und für einen Diener die Hälfte. Das aber sollten sie unter den Augen der
 Athener einführen, und kein Schiff sollte heimlich einlaufen dürfen. Unterdessen
 sollten gleichwohl die Athener die Insel überwachen, jedoch nicht auf ihr landen
 und das Heer der Peloponnesier weder zu Land, noch zu Wasser angreifen. Wenn
 Einer von beiden Theilen eine dieser Satzungen auch nur im Geringsten übertrete,
 so solle der Waffenstillstand als gebrochen angesehen werden; sonst aber
 solle er gelten, bis die lakedämonischen Gesandten von Athen wieder zurück
 gekommen seien. Hin und zurückbringen sollten dieselben aber die Athener auf
 einem ihrer Dreiruderer. Wären sie wieder zurück, so sollte der Waffenstillstand
 abgelaufen sein, und die Athener die Schiffe wieder zurückgeben, in gleichem
 Stande, wie sie dieselben übernommen. Auf diese Bedingungen hin kam die
 Waffenruhe zu Stand, die Schiffe, ungefähr sechzig an der Zahl, wurden 
 übergeben, und die Gesandten reisten ab. Angekommen zu Athen, sprachen sie, wie
 folgt:

„Hergesendet haben uns die Lakedämonier, um mit euch, ihr Athener, wegen der
 Männer auf der Insel zu unterhandeln und mit euch zu vereinbaren, waS nützlich
 für euch ist und zugleich ehrenvoll für uns, soweit dieß bei unserem Unfälle
 nach den gegenwärtigen Umständen möglich ist. Unsere Rede wird etwas lang
 ausfallen, was jedoch nicht gegen unsere Gewohnheit ist; vielmehr lieben wir eS,
 dort zwar wenige Worte zu machen, wo kurze Rede genügt, ziehen aber die
 längere vor, wo die Umstände die Erreichung des Zweckes in Aussicht stellen,
 wenn man in längerer Rede zeigen kann, was förderlich ist. Nehmt aber unsere
 Worte nicht feindselig auf und nicht so, als ob wir in euch Unwissende belehren
 wollten, sondern nehmt sie als eine Mahnung an Kundige, einen edlen Entschluß zu
 fassen. Denn eS steht jetzt bei euch, das Glück, daS euch eben zu Theil geworden
 ist, zu eurem Ruhme zu wenden, indem ihr behaltet, waS ihr jetzt besitzt, und
 noch Ehre und Lob dazu gewinnet; und ihr dürft nicht über euch herein­ 
 
 
 ziehen, was denen begegnet, die ein ungewohnter Glücksfall trifft und die
 nun voll guter Hoffnung immer nach Größerem trachten, weil auch das gegenwärtige
 Glück ihnen wider Verhoffen zugeflogen ist. Ueber wen aber schon mancher Wechsel
 gekommen ist, beides in Glück und Unglück, der thut wohl daran, erst recht
 mißtrauisch zu sein gegen Glücksgunst. In eurer Stadt sollte diese Ansicht in
 Folge eurer Erfahrung herrschen, und bei uns versteht es sich wohl von
 selbst."

„Davon mögt ihr euch überzeugen, indem ihr unser jetziges Unglück bedenkt. Denn
 wir, die unter den Hellenen am höchsten angesehen sind, kommen nun zu euch und
 glaubten doch früher, daß es vielmehr in unserem Willen stehe, euch das zu
 gewähren, weßwegen wir nun hier sind, um es von euch zu erbitten. Und doch hat
 uns das nicht betroffen aus Ungenügen unserer Kraft, oder weil wir der
 überlegenen Macht gegenüber die unsere hochmüthig überschätzt hätten, sondern im
 gleichen Besitz unserer alten Stärke haben wir eben die Rechnung ohne den
 Wirth gemacht, und das kann Alle gleicherweise betreffen. Es wäre also nicht
 Recht, wenn ihr wegen der jetzigen Macht eurer Stadt und eurer Bundesgenossen
 glauben wolltet, das Glück müsse euch immer günstig sein. Besonnene Männer sind
 die, welche ihre Sache ans alle Fälle sicher stellen — und solche möchten wohl
 auch einem Unglücksfall mit größerer Einsicht begegnen können — und die vom
 Kriege nicht die Meinung haben, als ob er Einem zu Willen sei, so wie man
 ihn grade machen wolle, kurz oder lang, sondern so wie das Glück die Zufälle
 lenkt. Und solche Männer, die am wenigsten Unglück trifft, weil sie nicht im
 Vertrauen auf einen Erfolg sich überheben, solche besonnene Männer sind wohl
 auch im Glücke am ehesten bereit, Frieden zu machen. Und so nun gegen uns zu
 handeln, wäre ruhmvoll für euch, ihr Athener, und ihr würdet dann nicht Gefahr
 laufen, später einmal, wenn ihr uns jetzt nicht folgt und dann ein Unglück
 erleidet, was doch oft vorkommt, in die Meinung zu kommen, daß auch eure
 jetzigen Vortheile nur dem Glück zu verdanken waren, während es jetzt, ohne
 weiter etwas zu wagen, bei euch steht, den Ruhm der Macht und der Einsicht auch
 für die Zukunft zu behalten."

„Die Lakedämonier fordern ench auf, Frieden zu schließen und dem Krieg ein Ende
 zu machen, und bieten euch ihrerseits Frie den und
 Bundesgenossenschaft und alle Freundschaft und Bereitwil- 
 ligkeit im gegenseitigen Verkehr. Dafür Melangen sie ihre Mannschaft ^ von
 der Insel, und sie glauben, daß es für beide Theile besser sei, nicht weiter das
 Waffenglück aus die Probe zu stellen, ob nun jene mit Gewalt sich befreien
 möchten, wenn günstige Gelegenheit zur Rettung sich darböte, oder ob sie
 vielleicht noch früher durch Einnahme der Insel in eure Hände sielen. Auch
 glauben wir, daß große Feindschaften nicht dadurch sichere Beseitigung finden,
 wenn Einer sich seines Gegners erwehrt hat und ihm im Kampfe weit überlegen
 geblieben ist und ihn nun mit Gewalt zwingt, einen Frieden unter unbilligen
 Bedingungen zu beschwören, sondern wenn er, trotzdem es in seiner Macht 
 stand, so zu handeln, in milder Denkart sich edeisinnig darüber erhebt und mit
 seinem Gegner selbst gegen dessen Erwarten ein billiges Abkommen trifft. Denn so
 fühlt der Gegner nicht mehr die Verpflichtung, wie Einer, dessen Recht
 niedergetreten wurde, sich zu rächen, sondern die, sich ebenso edelsinnig zu
 zeigen, und er ist aus Ehrgefühl viel bereitwilliger, die Bedingungen des
 Friedens zu halten; und die Menschen pflegen dieß bei größeren Feindschaften
 lieber zu thun, als bei unbedeutenderen Zwistigkeiten. Und sie sind so von Natur
 geartet, daß sie denen gegenüber, welche aus eigener Bewegung Milde walten 
 lassen, auch ihrerseits mit Freude nachgeben, den Hochmüthigen gegenüber aber
 lassen sie es selbst gegen bessere Einsicht lieber auf Kampf ankommen."

„Wenn jemals, so ist jetzt Aussöhnung für uns beide ehrenvoll, bevor noch ein
 Ereigniß zwischen uns tritt, das unheilbare Folgen hat, denn in diesem Falle
 müßten wir neben der Feindschaft des Staats auch ewigen Privathaß gegen euch
 hegen, und ihr würdet der Vortheile verlustig gehen, zu denen wir euch jetzt
 einladen. So lange es zwischen uns aber noch nicht zu dieser Entscheidung 
 gekommen ist, euch mit unserer Freundschaft Ruhm zu Theil wird und wir einen
 schimpflichen Ausgang durch mäßige Einbuße abwenden, sollten wir uns aussöhnen.
 Laßt uns selbst den Frieden statt des Krieges wählen und auch den andern
 Hellenen Ausrast von diesen Uebeln gewähren. Und dafür werden diese vorzugsweise
 euch Dank schuldig zu sein glauben; denn sie sind in den Krieg verwickelt, ohne
 klar zu wissen, wer von uns beiden ihn herbeigeführt hat. Tritt aber Friede 
 
 an seine Stelle, was jetzt mehr in eurer Willkür liegt, so werden sie den
 Dank darob euch wissen. Und faßt ihr diesen Beschluß, so steht es bei euch, ob
 ihr dann — mehr durch Güte, als durch Gewalt — die treue Freundschaft der
 Lakedämonier euch erwerben wollt; und sie selbst laden euch dazu ein. Bedeutet,
 welche Vortheile ganz gewiß damit verbunden sind, denn wenn wir und ihr eins
 sind, so wißt ihr, daß das übrige Hellenenthum, als der schwächere Theil, uns
 die höchste Ehre erweisen wird."

So nun redeten die Lakedämonier, im Glauben, die Athener hätten sich schon
 lange nach dem Frieden gesehnt und er sei nur durch ihre Unbereitwilligkeit
 gehindert worden; wenn jenen aber Friede geboten werde, so würden sie mit beiden
 Händen danach greifen und ihnen ihre Leute ausliefern. Die Athener aber dachten,
 der Friede sei ihnen jetzt, da sie die Mannschaft auf der Insel in ihrer Hand
 hätten, zu jeder Zeit sicher, wann sie ihn nur schließen wollten, und 
 trachteten nach größerem Vortheil. Besonders aber bestärkte sie hierin Kleon,
 des Kleänetos Sohn, zu jener Zeit unter den Demagogen der, welchem das Volk am
 meisten vertraute. Der überredete sie zu der Antwort: erst sollten die Leute auf
 der Insel die Waffen und sich selbst ausliefern und nach Athen schaffen lassen.
 Wären sie dort angekommen, so sollten die Lakedämonier Nisäa und Pegä und Trözen
 und Achaia herausgeben, welches sie nicht durch Krieg gewonnen hatten,
 sondern bei dem früheren Vergleich"), als die Athener, vom Unglück bedrängt und
 damals des Friedens sehr bedürftig, sich dazu herbeigelassen hatten, — dann erst
 sollten die Leute herausgegeben und ein Friede geschlossen werden, auf wie lange
 Zeit es beiden Theilen gefalle.

Auf diese Antwort nun erwiderten jene Nichts, sondern verlangten, es solle
 ihnen ein Beirath von Männern zugegeben werden, dann wollten sie in Ruhe durch
 Rede und Gegenrede über jeden einzelnen Punkt eine Vereinbarung treffen, sofern
 sie unter einander der Rede eins würden. Da aber schlug Kleon einen großen Lärm
 auf und sagte, er hatte von vorn herein gesehen, daß sie nichts Billiges
 im Sinne hätten, und jetzt liege es ganz klar aus der Hand, 
 
 sonst würden sie sich nicht scheuen, zum Volke zu reden, und sich nur
 
 mit wenigen Männern vereinbaren wollen. Hätten sie etwas Auf-! rechtes im
 Sinn, sagte er, so sollten sie es nur vor Allen vorbringen. Da nun die
 Lakedämonier sahen, daß sie nicht vor einer großen Volks- menge reden könnten,
 selbst wenn sie sich in der Bedrängniß zu etwas Weiterem verstehen wollten,
 damit sie nicht ihren Bundesgenossen zum Spott würden, als hätten sie Vorschläge
 gemacht und seien abgewiesen worden, noch auch, daß die Athener unter mäßigen
 Bedingungen aus ihre Vorschläge eingehen würden, so reisten sie unverrichteter
 Sachen wieder von Athen ab.

Sogleich nach ihrer Rückkunft wurde der Vergleich wegen Pylos aufgehoben, und
 die Lakedämonier forderten ihre Schiffe zurück, wie sie übereingekommen waren.
 Da erhoben aber die Athener Einspruch wegen eines vertragswidrigen Angriffs aus
 die Festung und anderer Dinge wegen, die unerheblich scheinen konnten, gaben die
 Fahrzeuge nicht heraus und steiften sich darauf, es sei ja ausgemacht 
 worden, daß der Vertrag als gebrochen betrachtet werden solle, wenn auch nur ein
 noch so geringfügiger Punkt übertreten worden. Dem widersprachen nun die
 Lakedämonier und nannten dieß Verfahren mit den Schiffen eine Ungerechtigkeit;
 dann gingen sie weg und begannen wieder die Feindseligkeiten. Von beiden Seiten
 wurde jetzt der Krieg um Pylos mit Anstrengung geführt. Die Athener umruderten
 die Insel bei Tag immer mit zwei Schiffen, die gegen einander fuhren, und
 zur Nachtzeit gingen sie rings um das ganze Eiland vor Anker, — nur nicht, wann
 es stürmte, gegen die offene See hin. Auch waren von Athen noch zwanzig Schiffe
 zur Überwachung zu ihnen gestoßen, so daß ihrer im Ganzen siebzig waren. Die
 Peloponnesier aber hatten ihr Lager aus dem Festland und bekannten die Vershcan-
 -znng und hätten Acht, ob sich eine Gelegenheit biete, ihre Leute zu 
 retten.

Während dieser Ereignisse führten aus Sieilien die Syrakusaner und ihre
 Bundesgenossen den Krieg von Messana auS, nachdem sie mit ihrer Flotte, die dort
 auf Wache stand, die andern Schiffe vereinigt, die sie noch ausgerüstet hatten.
 Am meisten drängten dabei die Lokrer aus Feindschaft gegen die Nheginer, wie sie
 denn auch selbst mit gesammter Macht in jener Gebiet eingefallen waren. Auch 
 
 hätten sie gern den Seekampf versucht, da sie sahen, wie wenig Schiffe den
 Athenern zur Hand seien, und zugleich erfahren hatten, daß sie mit einer
 zahlreichen Flotte kommen würden, die Insel zu blokiren. Denn hätten sie zur See
 gesiegt, so hofften sie Rhegium durch einen Angriff von der Land- und
 Wasserseite leicht zu nehmen, und dann würde .ihre Sache erst recht gut stehen,
 da Rhegium als Landspitze von Italien und Messana von Sicilien nahe bei einander
 liegen, und so könnten sich die Athener dort nicht mehr vor Anker legen und die
 Meerenge beherrschen. Diese Meerenge ist eben das Meer zwischen Rhegium
 und Messana, wo Sicilien den kürzesten Abstand vom Festland hat, und dieß Meer
 eben trägt den Namen der Charybdis, durch welche Odysseus gesegelt sein soll^).
 Wegen der Enge aber und weil aus den zwei großen Meeren, dem Tyrrhenischen und
 dem Sikelischen, das Wasser hier einströmt und mächtig sluthet, so wurde 
 sie mit Recht für gefährlich gehalten.

In dieser Meerenge nun wurden die Syrakusaner und ihre Bundesgenossen schon
 spät am Tage wegen eines Fahrzeuges, das durchsegeln wollte, mit etwas mehr als
 dreißig Schiffen in einen Seekampf gegen sechzehn Schiffe der Athener und acht
 Rheginische verwickelt. Besiegt von den Athenern, floh jeder Theil, wie er grad
 konnte, eiligst.nach seinem Standort, die Einen nach Messana, die Andern
 nach Rhegium, mit Verlust eines Schiffes. Die Nacht machte dem Treffen ein Ende.
 
 
 
 
 
 
 
 Danach zogen die Lokrer vom Gebiete der
 Nheginer ab, und die Schiffe der Syrakusaner und ihrer Bundesgenossen sammelten
 sich am Vorgebirge Peloris an der messenischen Küste und gingen dort vor
 Anker, während auch ihre Landmacht in der Nähe stand. Da ruderten nun die
 Athener und Rheginer heran, und als sie die Schiffe leer sahen, fielen sie
 darüber her und nahmen durch einen ausgeworfenen eisernen Haken ein Fahrzeug,
 dessen Bemannung sich jedoch durch Schwimmen rettete. Als nun die Syrakusaner
 ihre Schiffe bestiegen und selbe am Tau längs der Küste nach Messana 
 ziehen ließen, sielen die Athener sie wieder an; da aber jene einen Ablauf von
 der Küste nahmen Und dem Angriff zuvorkamen, so verloren sie wieder nur ein
 Schiff. So kamen die Syrakusaner, ohne auf der Küstenfahrt und in dem Scekampf
 geschlagen worden zu sein, glücklich in den Hafen von Messana. 
 Nun wurde gemeldet, daß Kamarina vom Archias und seiner Partei an die
 Syrakusaner verrathen werde, und die Athener schifften dorthin; zu gleicher Zeit
 zogen die Messenier mit ihrer Gefammtmacht zu Lande und zugleich mit den
 Schiffen gegen das Chalkidische Naxos zu Felde, das an ihr Gebiet anstieß. Am
 ersten Tage mm trieben sie die Naxier hinter ihre Mauern zurück und verwüsteten
 ihnen das Land, am folgenden Tage aber segelten sie mit den Schiffen um
 die Landspitze und verheerten das Land am Flusse Akesines; mit dem Landheer aber
 machten sie einen Einfall nahe gegen die Stadt hin. Da aber stiegen zur Abwehr
 die Sikuler in großer Zahl von den Höhen herab und fielen über die Messenier
 her. Als das die Naxier sahenso ermannten sie sich und sprachen sich einander
 Muth zu, daß die Leontiner und andere hellenische Bundesgenossen ihnen zu
 Hülfe heranzögen, sielen plötzlich aus der Stadt und griffen die Messenier an,
 schlugen sie in die Flucht und tödteten ihrer mehr als Tausend; die Andern
 retteten sich nur mit Mühe nach Hause, denn auch die Barbaren überfielen sie auf
 den Straßen und hieben die Meisten nieder. Auch die Schiffe, die vor Messana
 lagen, zerstreuten sich danach, ein Jeder in seine Heimath. Da zogen nun
 allsogleich die Leontiner und ihre Bundesgenossen mit den Athenern gegen das­
 
 
 
 
 
 bedrängte Messana heran, und die Athener griffen mit ihren Schiffen an und
 machten einen Versuch gegen den Hafen, das Landheer aber gegen die Stadt. Die
 Messenier nun und etliche Lokrer unter Demoteles, die nach jenem Unfall als
 Besatzung zurückgelassen worden waren, machten einen Ausfall, griffen
 unvermuthet jene an und schlugen den Haupttheil des Leontinischen Heeres in die
 Flucht und tödteten viele. Da die Athener dieß sahen, kamen sie von ihren
 Schiffen zur Hülfe herbei und trieben die Messenier wieder in die Stadt zurück,
 da sie dieselben in Unordnung überrascht hatten. Dann stellten sie ein 
 Siegeszeichen auf und gingen nach Rhegium zurück. Danach setzten die Hellenen
 auf Sicilien ohne die Athener den Krieg zu Lande gegen einander fort.

Vor Pylos nun hielten die Athener jene Lakedämonier auf der Insel noch
 eingeschlossen, und das Heer der Peloponnesier stand noch in seinem Lager auf
 dem Festland. Sehr mühselig aber war den Athenern die Überwachung aus Mangel an
 Lebensrnitteln und an Wasser; denn es gab dort keine Quellen, eine einzige 
 ausgenommen auf der Burg von Pylos selbst, und auch diese war nicht reich, 
 sondern die Meisten machten sich Gruben in dem Kiessand am Meere nnd tranken ein
 Wasser, wie man es da eben haben kann. Auf dem beschränkten Raume waren sie auch
 in der Lagerung beengt, und weil auch die Schiffe keinen guten Hafen hatten, so
 holten abtheilnngsweise die einen immer Lebensmittel vom Festland und die andern
 lagen auf offener See vor Anker. Am meisten Unlust aber erzeugte ihnen die
 lange Verzögerung, die ganz wider Erwarten eintrat; denn sie hatten gedacht, die
 Leute auf der wüsten Insel, wo sie nur salziges Wasser zu trinken hätten, binnen
 wenigen Tagen zur Uebergabe zu zwingen. Die Ursache aber hievon war, daß die
 Lakedämonier Je-den, der nur wollte, aufgefordert hatten, gemahlenes Getreide
 und Wein und Käse und andere Nahrungsmittel, wie sie für Belagerte 
 tauglich sind, auf die Insel zu fuhren, gegen eine große Geldbelohnung; und wer
 von den Heloten Solches einführe, dem versprachen sie die Freiheit. Und sowohl
 Andere wagten sich und führten zu, vorzüglich aber Heloten, indem sie bei guter
 Gelegenheit vom Peloponnes abfuhren und noch vor Tagesanbruch an der Seeseite
 der Insel landeten. Meistens aber paßten sie es ab, daß die Wind strömung sie dahin trug, denn sie konnten der Wachsamkeit der Drei­ 
 ruderer leichter verborgen bleiben, wenn der Wind von der offenen i See
 her blies, weil es da unmöglich war, rings herum vor Anker zu liegen; und jene
 achteten den Verlust ihrer Schiffe nicht, wenn sie nur an's Land kamen; vielmehr
 ließen sie ihre Fahrzeuge, die nach ihrem Geldwerth abgeschätzt waren, auf den
 Strand lausen, und die Schwerbewaffneten hielten schon Wache an den
 Landungspunkten. Die es aber bei stillem Wetter wagten, wurden abgefangen. Es
 schwammen aber auch von der Seite des Hafens Taucher unter dem Wasser
 hinüber, die an einein Tau in Schläuchen mit Honig gemischten Mohn und
 gestoßenen Leinsamen nach sich zogen, und Anfangs kamen diese auch unbemerkt
 durch, später aber traf man auch gegen sie Vorkehrungen. Kurz auf jegliche Weise
 zeigte man sich auf beiden Seiten erfinderisch, die Einen, Lebensmittel
 zuzuführen, die Andern, sich nicht hintergehen zu lassen.

In Athen nun, als dahin Nachricht kam, daß ihr Heer Noth leide und denen auf
 der Insel Lebensmittel zugeführt würden, war man in Verlegenheit und fürchtete,
 der Winter könne über der Einschließung herankommen; denn sie sahen, daß dann
 die Zufuhr des Nöthigen um den Peloponnes herum unmöglich sein werde, 
 zumal bei der Verödung des Landstrichs, da sie ja nicht einmal zur Sommerszeit
 im Stande seien, genügende Zufuhr zu liefern; auch würden sie in der hasenlosen
 Gegend keinen Landungsplatz finden, sondern die Männer würden entweder, wenn sie
 selbst in ihrer Wachsamkeit nachließen, sich dort leicht behaupten, oder auch
 einmal stürmisches Wetter abpassen und auf den Fahrzeugen, die ihnen 
 Lebensmittel zugeführt, davongehen. Am meisten aber fürchteten sie die
 Lakedämonier, denn sie glaubten, daß diese ihrer Sache ganz sicher sein müßten,
 weil sie ihnen keine Friedensvorschläge mehr machten, und darum reute es sie
 jetzt, sich nicht znm Vergleiche verstanden zu haben. Kleon aber, der sah, wie
 sich ihre Laune gegen ihn selbst wendete, weil er damals den Frieden
 hintertrieben, be- 
 
 
 
 hauptete, die, welche jene Meldung gebracht, sagten nicht die Wahrheit. Da
 aber die Leute, welche von Pylos gekommen waren, daraufdrangen, wenn man ihnen
 nicht Glauben schenke, so solle man einige Männer dahinsenden, sich mit eigenen
 Augen von der Lage zu überzeugen, so wurde er selbst und mit ihm Theagenes von
 den Athenern hiezu gewählt. Jetzt sah er für sich keine andere Wahl, als
 entweder bei seiner früheren Rede und Verläumdung stehen zu bleiben, oder sie
 zurückzunehmen und damit sich selbst als Lügner hinzustellen, und weil er sah,
 daß die Athener schon von sich selbst gestimmt seien, diese Kriegsunternehmung
 mit größerem Eifer zu betreiben, so forderte er sie auf, lieber Niemanden zur
 Untersuchung abzuschicken und nicht durch einen solchen Zeitverlust die günstige
 Gelegenheit vorbeigehen zu lassen; sondern, wenn sie schon der Meldung
 Glauben schenkten, so sollten sie eine Flotte gegen die Mannschaft auskaufen
 lassen. Damit wollte er aber dem Nikias, des Nikeratos Sohn, dessen Feind er
 war, eine Falle stellen; und arglistig meinte er, wenn man mit solcher Rüstung
 in See gehe, so wäre es gar leicht, die Leute aus der Insel abzufangen, sofern
 die Feldherrn nur Männer seien, und er selbst, wenn er das Kommando hätte, 
 wurde das ausführen.

Da nun die Athener gegen den Kleon schrieen, warum er denn nicht gleich in See
 gehe, wenn ihm das so gar leicht dünke, auch Nikias sah, daß es auf ihn gemünzt
 sei, so erklärte dieser, wenn Kleon sich eine beliebig große Macht nehmen und
 die Sache versuchen wolle, so sei ihm das erlaubt, so weit es die Feldherrn
 angehe. Und Kleon zeigte sich nun zuerst zwar bereit dazu, weil er glaubte,
 daß jener nur so leeres Gerede mache mit seinem freiwilligen Rücktritt;
 als er aber sah, daß ihm Nikias wirklich sein Amt überlassen wolle, so zog er
 wieder zurück und sagte, nicht seines Amtes sei es in's Feld zu ziehen, sondern
 Jenes; denn jetzt wurde ihm bange, und er hatte gar nicht geglaubt, daß es
 Nikias über sich gewinnen könne, ihm zu weichen. Da trat nun Nikias zum zweiten
 Mal mit seinem Antrag auf und legte für sich das Kommando für Pylos nieder
 und rief dabei die Athener zu Zeugen auf. Diese nun, — wie es ja der blinde
 Haufe zu machen pflegt — je mehr Kleon dem Seezug auszuweichen und für seine
 Versprechungen Ausflüchte suchte, 
 hießen den Nikias um so eifriger dem Kleon sein Amt überlassen 
 und schrieen diesem zu, er solle in See stechen. So wußte er znletzt > 
 nicht mehr, wie er sich seinem Versprechen entziehen sollte, übernahm den
 Seezug, trat aus und sagte, er fürchte sich vor den Lakedämoniern nicht, sondern
 werde in See gehen und nicht einmal dazu einen Bürger mitnehmen, sondern nur die
 anwesenden Lemnier und Jmbrier und die Leichtbewaffneten, die als Hülssvölker
 von Aenos und die Bogenschützen, die aus anderen Orten gekommen waren, an der
 Zahl vier Hundert. Mit dieser Macht, sagte er, und ihrer Mannschaft in
 Pylos wolle er innerhalb zwanzig Tagen die Lakedämonier entweder lebendig
 einbringen, oder am Platze in Stücke hauen. Die Athener lachten nun wohl über
 diese Windbeutelei, gleichwohl aber kam den Vernünftigen unter ihnen die Sache
 ganz erwünscht, denn sie rechneten, von zwei Vortheilen müsse der eine
 eintreffen, entweder den Kleon los zu werden was sie für das Wahrscheinlichere
 hielten, oder, wenn diese Erwartung sie täuschte, die Lakedämonier in ihre
 Gewalt zu bekommen.

Als er nun Alles Nöthige in der Volksversammlung bereinigt und die Athener ihm
 durch Abstimmung den Seezug übertragen hatten, gesellte er sich noch einen der
 Feldherrn bei Pylos, den Demotshenes, zu und segelte dann schnell ab. Den 
 Demosthenes hatte er sich aber deßhalb an die Seite genommen, weil er 
 unterdessen erfahren, daß dieser die Landung aus der Insel schon im Plan
 entworfen habe. Seine Soldaten nämlich, in Folge des Mangels am Platze, und eher
 selbst belagert, als belagernd, wünschten einen Handstreich zu wagen. Dazu
 vermehrte seine Vortheile der Umstand, daß die Insel in Brand gerieth. Anfangs
 nämlich, weil die Insel durchaus bewaldet und als ein von jeher unbewohnter
 Platz auch ganz unwegsam war, fürchtete er sich und war der Meinung, daß 
 diese Umstände eher den Feinden zu Statten kämen; denn diese 
 
 
 
 könnten einem zahlreichen Landungsheere durch Anfälle aus dem Hinterhalt
 großen Schaden thun, weil die Schwächen und die Rüstung der Feinde deS Waldes
 wegen ihm selbst nicht so sichtbar seien, während hingegen alle Fehler seines
 eigenen Heeres jenen offenkundig waren, so daß sie dasselbe unvermuthet
 überfallen könnten, an welchem Punkte sie nur wollten, denn der Angriff stünde
 ja bei ihnen. Wenn er aber hinwieder genöthigt würde, in der dichtverwahcsenen
 Gegend handgemein zu werden, so dachte er, sei auch eine Minderzahl, 
 kundig der Ortsgelegenheit, im Vortheil vor einer unkundigen Uebermacht, und es
 könne auch sein eigenes Heer trotz der großen Zahl aufgerieben werden, ohne daß
 er es merke, weil keine Umschau möglich war, an welchen Punkten Hülfe nöthig
 sei.

Sein Unglück in Aetolien welches zum Theil der waldigen Gegend zugeschrieben
 werden konnte, war nicht die geringste Ursache, daß ihm solche Ueberlegungen
 kamen. Da nun also seine Soldaten aus Mangel an Raum genöthigt waren, an den
 äußersten Vorsprüngen der Insel zu landen, um sich dort bei ausgestellten 
 Wachposten die Mahlzeit zu bereiten, zündete Einer ohne Absicht eine kleine
 Strecke des Gehölzes an, und als darauf noch ein Wind dazu kam, so brannte
 unversehens der größte Theil des Waldes nieder. Als er nun leicht sah, daß der
 Lakedämonier eine größere Zahl dort war, während er früher der Meinung gewesen,
 daß für eine geringere Anzahl daselbst Lebensmittel zugeführt würden, so dachte
 er jetzt, daß es sich schon der Mühe lohne, wenn die Athener größeren 
 Eifer zuwendeten, und rüstete sich zum Handstreich auf die Insel, — die überdieß
 auch leichter zugänglich geworden war, — indem er von den Bundesgenossen in der
 Nähe Truppen an sich zog und sonst Alles in Bereitschaft setzte. 
 Kleon, der durch einen vorausgesendeten Boten schon hatte anzeigen lassen, daß
 er mit den von ihm geforderten Truppen kommen werde, langte nun auch in Pylos
 an. Sogleich nachdem sie sich vereinigt, schickten sie zuerst einen Herold in
 das feindliche Lager vom Festland mit der Aufforderung, ob sie nicht ihrer
 Mannschaft auf der Insel befehlen wollten, ihre Waffen und sich selbst ohne
 weiteren 
 
 Kampf zu übergeben; wogegen diese in anständigem Gewahrsam 
 gehalten werden sollten, bis des Weiteren Uebereinkunft getros-g fen
 sei.

Da jene aber nicht annahmen, so ließen sie noch einen Tag verstreichen; am
 darauffolgenden Tag aber führten sie zur Nachtzeit sämmtliche schwerbewaffnete
 Mannschaft auf wenigen Fahrzeugen hinüber und landeten sie kurz vor Tagesanbruch
 auf beiden Seiten der Insel, von der Seeseite sowohl, wie von der des Hafens. Es
 waren ungefähr achthundert Schwerbewaffnete, und diese rückten im 
 Laufschritt gegen den ersten Wachposten auf der Insel an. Auf derselben nämlich
 waren die Leute so vertheilt: bei jenem ersten Posten standen ungefähr dreißig
 Schwerbewaffnete, in dem mittleren und flachsten Theil der Insel aber, wo auch
 Wasser vorhanden war, stand die Mehrzahl unter Führung des Epitadas, und ein
 geringer Theil der Mannschaft bewachte die äußerste Spitze gegen Pylos zu, 
 wo die Insel steil in's Meer abfällt und auch von der Landseite her am
 schwersten anzugreifen ist. Es befand sich dort nämlich auch ein altes Bollwerk,
 aus erlesenen Steinen aufgeführt, von dem sie Nutzen erwarteten, wenn sie
 allenfalls zu einem ungeordneten Rückzug gezwungen würden.

Auf diese Art waren sie vertheilt. Die Athener nun hie-ben die vorderste
 Wachmannschaft, gegen die sie Sturm liefen, sogleich nieder, denn diese war noch
 in ihren Schlafstätten und wollte sich erst waffnen. Die Landung hatten sie
 nicht gemerkt, da sie glaubten, daß die Schiffe, wie gewöhnlich, des Nachts nach
 ihren Ankerplätzen ruderten. Mit der Morgenröthe wurde niu auch der übrige
 Theil des Heeres gelandet, auf etwas mehr als siebzig Schiffen, Alle — mit
 Ausnahme der Ruderer auf dem Vordertheile — die Einen so, die Andern so
 gewaffnet, achthundert Bogenschützen und eine gleiche Zahl von
 Leichtbewaffneten, dazu die Hülsstruppen der Messenier und die übrigen Alle, die
 um Pylos standen, ausgenommen die Besatzung der Festung. Auf Anordnung des 
 Demosthenes vertheilten sie sich je zu zweihundert Mann und darüber, hie und da
 auch darunter, und besetzten die hervorragendsten Punkte, damit die Feinde in
 die größte Verwirrung geriethen und von allen Seiten umringt nicht wüßten, wo
 sie Widerstand leisten sollten, 
 
 sondern von der großen Zahl von beiden Seiten in den Schuß genommen
 würden: von denen in ihrem Rücken getroffen, wenn sie die vor sich angriffen,
 und von denen längs ihrer Front und dem Rücken Aufgestellten, wenn sie nach der
 Flanke ausfallen wollten. Wohin sie sich aber auch wendeten, immer sollten die
 leichten Schwärmer sie im Rücken belästigen, denen am schwersten beizukommen
 ist, weil sie mit ihren Pfeilen, Wurfspießen, Steinen und Schleuderkugeln aus
 der Ferne wirken, und ihnen etwas anzuhaben war unmöglich, da sie, selbst
 im Fliehen Schaden zufügten und dem Feind auf dem Rückzug augenblicklich wieder
 zusetzten. Auf diese Art hatte Demotshenes früher schon den Landungsplan
 entworfen, und so setzte er ihn auch in's Werk.

Als aber die um den Epitadas, welche die Hauptmasse aus der Insel waren, den
 ersten Wachposten niedergehauen sahen, und wie das Heer gegen sie anmarschire,
 so schlössen sie ihre Glieder und gingen auf die Schwerbewaffneten der Athener
 loS, um mit ihnen handgemein zu werden; denn diese standen in ihrer Fronte, die
 leichten Truppen aber auf den Flanken und im Rücken. Sie konnten aber an
 die Schwerbewaffneten nicht ankommen und hier ihre Geschicklichkeit zeigen, denn
 das leichte Volk umringte und beschoß sie von beiden Seiten, und jene rührten
 sich gar nicht gegen sie, sondern blieben ruhig stehen. Die Leichtbewaffneten
 freilich, wo sie am kecksten anliefen und drängten, trieben sie in die Flucht,
 aber diese vertheidigten sich im Weichen, da sie leicht gerüstet waren und bei
 der Rauheit des nie angebauten und darum ungleichen Bodens auf der Flucht
 leicht einen Vorsprung gewannen, während die Lakedämonier in ihrer schweren
 Rüstung nicht nachkommen konnten.

So beschossen sie denn eine kurze Weile einander aus der Entfernung; als aber
 die Lakedämonier, wo sie angegriffen wurden, nicht mehr scharf ausfallen
 konnten, und die leichten Truppen sahen, daß sie schon schwerfälliger zur Abwehr
 würden, auch besonders aus dem Anblick ihrer vielfach überlegenen Zahl Muth
 schöpften und sich schon mehr an den Anblick jener gewöhnt hatten, so daß sie
 ihnen nicht mehr so furchtbar erschienen — zumal ihnen auch nicht von
 jenen begegnet worden war, wie sie erwartet hatten, als sie noch eben erst bei
 der Landung durch die bloße Vorstellung, daß sie gegen 
 Lakedämonier kämpfen sollten, in Schrecken und Verwirrung gesetzt 
 waren, — so fingen sie an, jene zu verachten, erhoben ein Geichre, i und
 stürmten in Masse aus sie ein, Steine, Pfeile oder Wurfspieße schleudernd, wie
 sie gerade ein Jeder bei der Hand hatte. Da nun mit dem Angriff zugleich das
 Schlachtgeschrei ertönte, fiel Furcht die Leute an, die solcher Kampsart
 ungewohnt waren, und in dichten Wolken stieg die Asche des kürzlich
 niedergebrannten Waldes auf, und es war unmöglich, etwas vor Augen zu sehen vor
 der Menge der Geschosse und Steine, die von der großen Menshcenmasse
 geschleudert wurden, und dem Staube, der emporwirbelte. Jetzt wurde den 
 Lakedämoniern heiß, denn ihre Panzer schützten nicht mehr vor den Pfeilen, und
 die Wurfspeere brachen darin ab, wenn Einer getroffen wurde, und sie wußten sich
 gar nicht mehr zu helfen, da ihnen die Aussicht benommen war und sie vor dem
 lauteren Geschrei der Feinde die eigenen Kommandoworte nicht vernehmen konnten.
 Von allen Seiten umringte sie die Gefahr, und sie sahen keine Hoffnung mehr,
 sich irgendwie durch Abwehr zu retten.

Endlich, nachdem ihrer schon viele verwundet waren, weil sie sich immer aus
 demselben Fleck herumbewegten, schlössen sie sich eng aneinander und marschirten
 gegen das Bollwerk an der äußersten Spitze der Insel, das nicht weit entfernt
 lag, und zu der dortigen Besatzung. Als sie aber das Feld räumten, da wurden die
 Leichtbewaffneten erst recht keck und verfolgten sie mit noch lauterem 
 Geschrei. Und so viele der Lakedämonier auf dem Rückzüge gefangen wurden, die
 mußten aus dem Platze sterben; die Mehrzahl aber entkam noch in das Bollwerk und
 stellte sich mit der dortigen Besatzung am ganzen Umfang auf, um abzuwehren, wo
 angegriffen werden konnte. Die Athener folgten ihnen auf dem Fuße nach, hatten
 aber wegen der Stärke des Platzes keine Möglichkeit ihn zu umstellen und 
 abzuschließen, griffen also von vorn an und versuchten sie herauszuwerfen. Und
 so hielten lange Zeit und den größten Theil des Tages hindurch beide Theile mit
 den Beshcwerden des Kampfes auch noch den Durst und die Hitze der Sonne aus,
 indem die Einen sich abmühten, jene von der Höhe herab zu werfen, diese aber
 nicht vom Platze weichen wollten, doch fiel den Lakedämoniern die Abwehr
 leichter, als vorher, da sie die Flanken frei hatten.

Da aber so nichts ausgerichtet
 wurde, so ging der Anführer der Messenier zu Kleon und Demosthenes hin und
 sagte, daß ihre Mühe auf diese Weise verloren sei; wenn sie ihm aber eine 
 Abtheilung Bogenschützen und Leichtbewaffnete geben wollten, um jene im Rücken
 auf einem Pfade zu umgehen, den er suchen wollte, so gedenke er den Zugang zu
 erzwingen. Er erhielt, was er verlangte, und brach, um von den Feinden nicht
 gesehen zu werden, von einer ihren Blicken entzogenen Stelle aus, kletterte den
 Berg hinauf, wo nur immer der steile Abfall der Insel es erlaubte und die 
 Lakedämonier im Vertrauen auf die Festigkeit des Platzes kein Augenmerk hatten,
 umging sie so ungesehen, obgleich mit großer Mühe und Schwierigkeit, und setzte
 durch sein plötzliches Erscheinen auf der Höhe in ihrem Rücken diese, die daraus
 nicht gefaßt waren, in Schrecken und Verwirrung, während er jenen, die nun
 erfüllt sahen, was sie gehofft hatten, die Zuversicht erhöhte. Die Lakedämonier
 wurden nun von beiden Seiten beschossen und waren, um Kleines mit Großem
 zu vergleichen, in derselben Nothlage, wie die bei den Thermopylen, — denn jene
 wurden niedergehauen, nachdem die Perser sie auf dem Bergpfade umgangen hatten,
 und so ging es auch hier — die Lakedämonier, von zwei Seiten beschossen,
 leisteten keinen kräftigen Widerstand mehr, sondern in der Minderzahl gegen die
 Uebermacht fechtend und aus Mangel an Nahrung am Körper geschwächt, zogen
 sie sich zurück, und die Athener besetzten nun die Zugänge.

Als nun Kleon und Demosthenes sahen, daß jene, wenn sie auch nur noch einen Fuß
 breit weiter zurückwichen, von ihren Leuten würden niedergehauen werden, machten
 sie dem Kampf ein Ende und hielten die Ihrigen zurück, in der Absicht, jene
 lebend nach Athen zu führen, sofern sie aus den Heroldsruf hören, ihren 
 Sinn beugen und aus der Noth eine Tugend machen wollten, und ließen also durch
 den Herold fragen, ob sie die Waffen und sich selbst den Athenern auf Gnade oder
 Ungnade übergeben wollten.

Als nun jene dieß hörten, senkten die Meisten ihre Schilde und hoben die Hände
 in die Höhe, zum Zeichen, daß sie annähmen, was der Herold ausgerufen. Nun
 ruhten die Waffen, und es traten zu einer Unterredung zusammen Kleon und
 Demosthenes und von 
 jener Seite Styphon, Sohn des Pharax; denn von den früheren An- 
 führern war der erste. Namens Epitadas, gefallen, und der Hippa-, gret ^),
 der zum Ersatzmann gewählt war, lag für todt gehalten unter den Gebliebenen,
 obgleich er noch lebte, und als dritter war nach dem Gesetze eben jener gewählt
 worden, um das Kommando zu übernehmen, wenn den Andern etwas Menschliches
 zustieße. Styphon nun und die Seinigen sagten, sie wollten durch den Herold bei
 den Lakedämoniern aus dem Festland fragen lassen, was sie thun sollten.
 Und jene nun sandten zwar selbst keinen Herold ab, sondern die Athener riefen
 solche vom Festland, und nachdem zwei oder drei Mal hinüber und herüber gefragt
 worden war, brachte der Mann, welcher zuletzt von den Lakedämoniern auf dem
 Festland herüber kam, den Entscheid, sie sollten für sich selbst einen Entschluß
 fassen, aber ihre Ehre dabei wahren. Diese beriethen sich also unter einander
 und übergaben dann ihre Waffen und sich selbst. Denselben Tag noch und die
 folgende Nacht hielten die Athener sie in Gewahrsam, Tags daraus aber
 errichteten sie ein Siegeszeichen aus der Insel, bereiteten Alles zur Rückfahrt
 vor und vertheilten die Gefangenen zur Verwahrung an die Schiffskapitäne; die
 Lakedämonier aber schickten einen Herold um ihre Todten und holten sie dann
 ab. 
 Es fielen aber aus der Insel und lebendig gefangen wurden so viele:
 vierhundertundzwauzig Schwerbewaffnete im Ganzen waren hinüber gebracht worden;
 von diesen wurden lebend weggebracht dreihundert weniger acht, die Uebrigen
 waren gefallen. Unter den Ueberlebenden waren aber gegen hundertundzwanzig
 Spartiaten^). Von den Athenern waren nur Wenige gefallen; denn zu einer 
 eigentlichen Schlackt war es nicht gekommen.

Was nun die Länge der Zeit betrifft, während deren die Leute auf der Jusel
 abgesperrt waren, so verflossen von der Seeschlacht bis zu dem Gefecht auf der
 Insel zweiundsiebenzig Tage. Von diesen wurden sie die zwanzig Tage hindurch,
 während die Ge- 
 
 
 
 sandten wegen eines Vergleiches abwesend waren, verköstigt, die übrige Zeit
 hindurch erhielten sie sich von dem heimlich Eingeführten. Es war aber noch
 Getreide auf der Insel vorhanden, und auch anderer Speisevorrath fand sich noch
 vor; denn Epitadas, ihr Befehlshaber, hatte einem Jeden sparsamer verabreicht,
 als er gemußt hätte. 
 Die Athener und die Pelöponnesier zogen nun mit den Heeren von Pylos ab, ein
 Jeder nach Hause, und dem Kleon war sein Versprechen, so wahnsinnig es auch war,
 in Erfüllung gegangen; denn innerhalb zwanzig Tagen brachte er die Mannschaft
 ein, wie er sein Wort gegeben hatte 2"*).

Dieß Ereigniß war es, was von den Vorfällen dieses 
 Krieges den Hellenen am meisten unerwartet kam. Denn von La-, kedämoniern
 erwartete man, daß sie weder durch Hunger, noch durch irgend welche Noth
 bezwungen die Waffen auslieferten, sondern mit diesen fechtend sterben müßten,
 wie sie auch gekonnt hätten. Auch war man ungläubig, ob denn die, die sich
 ergeben hätten, von gleicher Art seien mit denen, die den Tod gefunden, und als
 später einmal von den athenischen Bundesgenossen Einer in kränkender Absicht
 einen der Kriegsgefangenen von der Insel fragte, ob ihre Gefallenen 
 wackere Leute gewesen, so erhielt er zur Antwort, das müßte ein rares Rohr —
 damit meinte er den Pfeil — gewesen sein, das die Tapseren hätte unterscheiden
 können, — womit jener sagen wollte, daß gefallen sei, wen grade die Steine und
 Pfeile zufällig getroffen hätten.

Als die Leute eingebracht waren, faßten die Athener Beschluß, sie in Banden
 verwahrt zu halten, bis ein Vergleich getroffen wäre; sollten aber die
 Peloponnesier früher noch einen Einfall auf ihr Gebiet machen, so wolle man sie
 hinausführen und hinrichten. Nach Pylos aber legten sie eine Besatzung, und die
 Messenier aus Naupaktos schickten in dieß ihr Vaterland, — denn Pylos gehört
 zu der ehemaligen Messenischen Landschaft, — die tüchtigsten Leute aus
 ihrer Mitte, welche Lakonika verwüsteten und sehr vielen Schaden anrichteten,
 zumal sie auch dieselbe Sprache redeten. Die Lakedämonier aber, die in früherer
 Zeit solche Verheerungs- und Raubzüge nicht erfahren hatten, zumal ihnen auch
 die Heloten zum Feind überliefen, und sie fürchten mußten, daß ihnen noch
 größere Verwirrung im Lande angerichtet werde, nahmen die Sache keineswegs 
 leicht, und obgleich sie den Athenern ihre Gedanken nicht verrathen wollten,
 schickten sie doch Gesandte zu ihnen und versuchten Pylos und ihre 
 
 
 Leute zurück zu erhalten. Die Athener aber wollten höher hinaus und
 schickten jene, so oft sie auch zukehrten, unverrichteter Sache zurück. Dieß
 waren die Ereignisse bei Pylos.

Bald danach, in demselben Sommer, unternahmen die Athener auf achtzig Schiffen
 und mit zweitausend Schwerbewaffneten aus der eigenen Bürgerschaft und
 zweihundert Reitern auf Fahrzeugen, die für Pferde eingerichtet waren, einen
 Feldzug gegen das Gebiet von Korinth. Von den Bundesgenossen zogen mit 
 Milesier^), Andrier^) und Karystier^). Anführer war selbdritt 
 
 
 
 Nikias, des Nikeratos Sohn. Mit Tagesanbruch segelten sie an 
 nnd landeten an der Küste zwischen der Halbinsel und Nheiton, in< jener
 Gegend, welche durch den Solygei'schen Hügel beherrscht wird, aus dem sich in
 alter Zeit die Dorier während ihres Krieges mit den äolischen Korinthern
 festgesetzt hatten ^). Jetzt liegt auf der Höhe das Dorf Solygea. Von dem Punkt
 der Küste nun, wo die Schiffe landeten, bis zu diesem Dorfe beträgt die
 Entfernung zwölf Stadien, bis nach der Stadt Korinth sechzig und bis zum Jsthmos
 hin zwanzig. Die Korinther hatten aber schon längere Zeit vorher von Argos aus
 Nachricht, daß die Athener gegen sie auszögen, und rückten deßhalb zur
 Abwehr gegen den Jsthmos mit gesammter Mannschaft vor, ausgenommen die, welche
 sich jenseits der Landenge befanden; auch in Amprakia und Leukadia waren
 fünfhundert Mann von ihnen als Besatzung abwesend; sonst aber waren Alle vereint
 und lauerten den Athenern auf, wo sie landen würden. Da jene aber noch
 nächtlicher Weile unbemerkt herangesegelt waren und den Korinthern nun die 
 Feuerzeichen gegeben wurden, so ließen sie die Hälfte ihrer Mannschaft in
 Kenchrea zurück für den Fall, daß die Athener gegen Krommyon marshciren sollten,
 und rückten in Eile zur Abwehr jenen entgegen.

Battos, der eine ihrer Anführer — denn eS waren deren zwei bei der Schlacht
 anwesend — nahm eine Abtheilung nnd marschirte nach dem Dorfe Solygea, um dies
 zu schützen, da es keine Mauern hatte; Lykophron aber mit den übrigen Truppen
 nahm das Gefecht an. Und zuerst nun griffen die Korinther den rechten 
 athenischen Flügel vorwärts der Halbinsel an, gerade, als diese eben an's Land
 gestiegen waren, dann auch die andern Abtheilungen. Der Kampf war hitzig und
 durchaus Mann gegen Mann. Der rechte Flügel der Athener und Karystier, — denn
 diese standen bei ihnen aus der äußersten Spitze des Flügels — empfing die
 angreifenden 
 
 
 
 
 Korinther und trieb sie, obgleich mit Anstrengung, zurück. Diese zogen sich
 weichend gegen eine Mauer, und da die ganze Gegend abschüssig ist, warfen sie von
 ihrer höheren Stellung herab mit Steinen; dann stimmten sie den Schlachtgesang an
 und gingen wieder zum Angriff, und da die Athener Stand hielten, kam es wieder
 zum Handgemenge. Da kam aber eine Korinthische Abtheilung ihrem linken 
 Flügel zu Hülfe, brachte den rechten der Athener zum Weichen und drängte sie bis
 an das Meer hin. Nun machten aber die Athener und Karystier bei den Schiffen
 wieder Kehrt und gewannen wieder Raum. Auf den übrigen Punkten kämpfte das Heer
 beiderseits ununterbrochen, besonders suchte sich der rechte korinthische Flügel
 unter Lykophron des linken der Athener zu erwehren, denn sie befürchteten, 
 derselbe möchte einen Versuch gegen das Dorf Solygea machen.

Lange Zeit hielten hier beide Theile Stand und keiner wollte dem andern weichen,
 dann aber, weil den Athenern die Mitwirkung ihrer Reiterei zu Statten kam,
 während jene nicht Ein Pferd hatten, flohen die Korinther und zogen sich nach dem
 Hügel, wo sie sich unter den Waffen aufstellten nnd nicht mehr herunter kamen,
 sondern ruhig stehen blieben. Bei dieser Niederlage des rechten Flügels
 fielen seitens der Korinther die Meisten und darunter auch Lykophron der
 Feldherr. Als der übrige Theil ihres Heeres, wie oben erzählt, geworfen winde,
 ohne gerade scharf verfolgt zu werden und schnell zu fliehen, zog er sich auch
 auf die Anhöhe und nahm dort Stellung. Die Athener aber, da jene das Gefecht
 nicht mehr aufnahmen, zogen den gefallenen Feinden die Waffenrüstung aus, 
 hoben ihre eigenen Todten aus und errichteten auch sogleich ein Siegeszeichen. —
 Jene Hälfte der Korinther nun, die zur Bewachung in Kenchrea zurückgeblieben war,
 damit die Athener nickt gegen Krommyon segelten, hatte wegen des Oneischen
 Gebirges von der Schlacht Nichts gemerkt; als sie aber den Staub aufsteigen
 sahen und Meldung erhielten, rückten sie sogleich zur Unterstützung heran. 
 Da nun die Athener diese gesammte Macht anrücken sahen und glaubten, es komme
 Zuzug aus den benachbarten peloponnesischen Städten, zogen sie sich in Eile auf
 ihre Schiffe zurück, indem sie die Waffenbeute und ihre Todten mit sich führten,
 ausgenommen zwei, die sie dort ließen, weil sie dieselben nicht hatten aufsinden
 können. Nachdem 
 sie sich eingeschifft, fuhren sie nach den naheliegenden Inseln und
 
 holten unter dem Schutze eines Waffenstillstandes die Todten, die sie 
 zurückgelassen, durch den Herold ab. Von den Korinthern waren in dieser Schlacht
 geblieben zweihundertundzwölf, von den Athenern etwas weniger als fünfzig
 Mann.

Von den Inseln aus gingen die Athener noch desselbigen Tages unter Segel gegen
 das Korinthische Krommyon, welches von der Stadt hundert und zwanzig Stadien
 entfernt liegt. Hier legten sie sich vor Anker, verwüsteten das Land und blieben
 die Nacht über da. Des folgenden Tags schifften sie längs der Küste zuerst gegen
 Epidauria, und nachdem sie dort eine Landung veranstaltet, nach Methone,
 das zwischen Epidauros und Trözen gelegen ist. Hier besetzten sie die Kehle der
 Halbinsel, auf welcher Methone liegt, und verschanzten sie. Dort ließen sie eine
 Besatzung und plünderten dann eine Zeit lang das Gebiet von Trözen und Halias
 und Epidauria. Als dann die Verschanzung ausgebaut war, ging die Flotte wieder
 nach Haus.

Um dieselbe Zeit, als dieß vorfiel, waren auch Eurymedon und Sophokles, nachdem
 sie mit den für Sicilien bestimmten Schiffen der Athener von Pylos abgefahren
 waren, in Kerkyra angekommen und mit den Kerkyräern aus der Stadt gegen die auf
 dem Berge Jstone Verschanzten ausgezogen, welche sich damals nach dem 
 Aus-bruch der Zwistigkeiten hier festgesetzt hatten und von da ans das platte
 Land beherrschten und vielen Schaden thaten. Deren Verschanzung nun nahmen sie
 durch Berennung; die Leute darin aber flüchteten sich Alle insgesammt auf einen
 hochgelegenen Punkt und ergaben sich dann unter der Bedingung, daß sie ihre
 Hülsstruvpen und ihre eigenen Waffen ausliefern sollten, über ihre eigenen 
 Personen aber sollte das Volk der Athener entscheiden. Unter dem Schutze dieses
 Vergleiches ließen die Feldherrn die Männer in ein Gewahrsam auf der Insel
 Ptychia bringen, bis sie dann nach Athen geschickt würden; wenn jedoch
 unterdessen auch nur Einer von ihnen aus einem Fluchtversuch ertappt würde, so
 solle der Vergleich Keinen mehr schützen. Nun fürchteten aber die Vorstände der
 Volkspartei in Ker­ 
 
 
 
 
 kyra, die Athener möchten jene vielleicht am Leben lassen, wenn sie erst
 dorthin gebracht wären, und setzten daher folgende List in's Werk. Sie
 überredeten einige von den Männern auf der Insel, indem sie ihnen befreundete
 Leute hinschickten, mit dem Auftrag, so zu thun, als ob sie aus Theilnahme für
 sie handelten: es sei für sie das Beste, so schnell als möglich zu entlaufen,
 wozu sie schon selbst ein Fahrzeug bereit halten würden; denn die athenischen
 Feldherrn seien Willens, sie der Volkspartei in Kerkyra auszuliefern.

Als sie sie nun wirklich überredet und ein Fahrzeug zur Stelle geschafft
 hatten, wurden sie im Davonfahren ausgegriffen, damit der Vertrag für gebrochen
 erklärt und sie Alle den Kerkyräern ausgeliefert. Es waren aber dabei die
 Feldherrn der Athener nicht in geringem Grade mitbetheiligt, so daß der Betrug
 sehr glaublich scheinen und die Erfinder des Planes um so unbesorgter zu Werke
 gehen konnten, denn sie wollten offenbar nicht, daß die Mannschaft von
 Andern, als ihnen selbst, in Athen eingebracht würde, weil sie ja selbst nach
 Sicilien segeln mußten, und so Andere die Ehre davon gehabt haben würden. 
 Nun übernahmen die Kerkyrä'er die Mannschaft, schloffen sie in einem großen
 Gebäude ein und führten sie später, je immer zwanzig Mann, zur Hinrichtung
 heraus, mitten durch zwei Reihen von beiden Seiten aufgestellter
 Schwerbewaffneten, aneinander gebunden und gestoßen und verwundet von den zur
 Seite Stehenden, wenn Einer grade seines Feindes ansichtig wurde. Dabei gingen
 auch noch Leute mit Geißeln nebenher, welche die langsamer Gehenden zur Eile
 trieben.

Aus diese Weise hatten sie schon gegen sechzig Mann herausgeführt und
 hingerichtet, ohne daß die im Gebäude befindlichen eS wußten; denn sie glaubten,
 man führe sie nur weg, um sie irgendwo anders unterzubringen. Als sie es aber
 merkten und ihnen auch Einer Mittheilung machte, so riesen sie die Athener an
 und forderten diese auf, sie selbst sollten sie tödten, wenn sie schon ihren Tod
 beschlossen hätten. Sie wollten nun nicht mehr aus dem Gebäude gehen und 
 sagten, sie würden auch Niemanden mehr gutwillig herein lassen. Die Kerkyräer
 machten nun auch gar keinen Versuch, die Thüren mit Gewalt zu erbrechen, sondern
 stiegen auf das Dach des Gebäudes, rissen die Wölbung aus und warfen mit
 Backsteinen und schoßen mit P seilen 
 herunter. Jene nun schützten sich dagegen, so gut sie konnten, die 
 Mehrzahl aber tödteten sich zu gleicher Zeit
 selbst, indem sie sich die, Pfeile in den Hals stießen, welche jene
 herabgeschossen hatten, oder sich an den Bettstellen erhängten, welche dort
 vorhanden waren, wobei sie sich aus den Bettgurten oder ihren eigenen
 Kleidungsstücken Schlingen machten. Indem sie so die ganze Nacht hindurch — denn
 diese war über der unheilvollen That eingebrochen — theils sich selbst 
 tödteten, theils von denen oben niedergestreckt wurden, kamen Alle um's Leben.
 Und als es Tag geworden war, warfen die Kerkyräer sie schichtenweise auf Wägen
 und führten sie vor die Stadt. Die Weiber, so viele ihrer in der Verschanzung
 gefangen worden waren, gaben sie in die Sklaverei. Auf diese Weise wurden die
 Kerkyräer von dem Berge durch die Volkspartei vernichtet, und der Bürgerkrieg,
 der so furchtbar ausgeartet, war damit — für die Zeit dieses Krieges 
 wenigstens — zn Ende; denn was von der aristokratischen Partei noch übrig blieb,
 war nicht mehr der Rede werth. — Die Athener aber segelten nach Sicilien, wohin
 sie von vorn herein bestimmt waren, und führten dort den Krieg in Verbindung mit
 den Buntesqenossen.

Die Athener in Naupaktos unternahmen, als der Sommer zu Ende ging, mit den
 Akarnanern einen Zug gegen die Korinthische Stadt Anaktorion, die an der Mündung
 des amprakischen Busens liegt, und nahmen sie durch Verrath. Die Akarnaner
 trieben die Korinther aus und besetzten die Stadt nnn selbst durch Ansiedler aus
 ihren sämmtlichen Städten. Damit ging der Sommer zu Ende.

In dem folgenden Winter glückte es dem Aristides, des Archippos Sohn, einem der
 athenischen Anführer, welche zur Steuererhebung bei den Bundesgenossen
 herumgesandt wurden, in der Stadt Eion am Strymonflusse den Perser Artaphernes
 in seine Gewalt zu bekommen, der in Sendung seines Königs nach Lakedämon reisen
 wollte. Er selbst wurde nach Athen gebracht und seine Papiere aus der
 Assyrischen Schrift^) verdolmetscht und von den Athenern gelesen. Unter vielem
 Andern, was darin geschrieben tsand, war das 
 
 
 
 Hauptsachlichste dieß: die Lakedämonier seien sich nicht klar, was sie 
 eigentlich wollten; denn von den vielen Gesandten, die herübergekommen seien,
 habe keiner dasselbe gesagt, wie seine Vorgänger; wenn sie nun ihre Absichten
 deutlich aussprechen wollten, so sollten sie mit dem Perser Leute an ihn
 absenden. Den Artaphernes ließen die Athener später auf einem Dreiruderer nach
 Ephesos bringen und mit ihm Gesandte abgehen. Als diese aber dort erfuhren, der
 König Artaxerxes, des Xerxes Sohn, sei kürzlich gestorben, — und in der 
 That war er um jene Zeit verschieden — so kehrten sie nach Haus zurück.

Im Laufe desselben Winters rissen die Chier^) auf Befehl der Athener ihre neu
 erbaute Mauer nieder, denn diese vermutheten, die Chier wollten ihr Verhältniß
 zu ihnen ändern. Doch schlössen die Chier mit den Athenern einen neuen Vertrag,
 durch den sie sich möglichst sicher zu stellen suchten, daß diese ihre
 Verfassung nicht umstürzen sollten. Nun ging der Winter zu Ende und damit das
 isebente Jahr des Kriegs, den Thukydides beschrieben hat.

Gleich zu Anfang des folgenden Sommers, zu einer Neumondszeit, trat eine
 theilweise Sonnenfinsterniß ein^), und im Anfang desselben Monats^) fand auch
 ein Erdbeben statt. Die Flüchtlinge der Mitylenäer und der übrigen Lesbier,
 welche in der Mehrzahl ihren Waffenplatz am Festland hatten und auch eine
 Hülfstruppe theils aus dem Peloponnes durch Sold gewonnen, theils aus der
 dortigen Gegend zusammengezogen hatten, nahmen Nhöteon weg. Danach aber 
 gaben sie es gegen eine Summe von zweitausend Phokäischen Statern wieder heraus,
 ohne Jemanden ein Leids gethan zu haben. Darauf zogen sie gegen Antandros und
 nahmen die Stadt mit Beihülfe von Verräthern. Ihr Plan war nämlich, auch die
 übrigen sogenann- 
 
 
 
 ten aktäischen Städte 3°), welche früher unter Mitylenäischer Verwal-
 
 tung den Athenern gehorcht hatten, zu befreien, vor allen andern aber 
 Antandros, und diese Stadt zu einem starken Platze zu machen; denn da es leicht
 war, hier Schiffe zu bauen, weil die Gegend Hölzer liefette, auch das Jdagebirge
 in der Nähe und sonstige Mittel bereit waren, so hielten sie es für leicht, von
 hier aus das naheliegende Lesbos zu gefährden und sich die Aeolifchen Städtchen
 auf dem Festland zu unterwerfen. Diese nun gingen daran, solche Dinge in's Werk
 zu setzen.

Im selben Sommer zogen die Athener aus sechzig Schiffen und mit zweitausend
 Schwerbewaffneten und einigen Reitern gegen Kythera aus. Von den Bundesgenossen
 führten sie Milesier mit und einige andere. Anführer waren dabei Nikias, des
 Nikeratos Sohn, Nikostratos, Sohn des Diotrephes, und Autokles, des Tolmäos
 Sohn. Kythera aber ist eine Insel und liegt vor Lakonika, Malea gegenüber. 
 Es wohnen darauf Lakedämonier aus der Klasse der Beisitzer, und jährlich kam von
 Sparta ein Oberbeamter herüber, der „Kytherodikes"; auch hielten sie dort
 beständig eine Besatzung von Schwerbewaffneten und trafen überhaupt mancherlei
 Vorsorge; denn dort legten die Frachtschiffe bei, welche von Aegypten und Libyen
 kamen; auch wurde dadurch die Möglichkeit beschränkt, daß Lakonika von der
 Seeseite her, wo dem Lande einzig beizukommen war, durch Seeräuber Schaden 
 litt; denn die Insel erstreckt sich vom Sikelischen bis zum Kretischen 
 Meere.

Als die Athener mit dem Heere gelandet waren, besetzten sie die an der See
 gelegene Stadt Skandeia mit zehn Schiffen und zweitausend Milefischen
 Schwerbewaffneten; das übrige Heer ließen sie an dem Küstentheil der Insel an's
 Land steigen, der Malea gegenüber liegt, und marschirten gegen die Stadt der
 Kytherier ^ebenfalls an der See gelegen^, und fließen sehr bald aus diese, die
 mit ihrer gestimmten Macht da lagerten. Als es zum Gefecht kam, hielten die
 Kytherisr zwar eine Weile Stand, dann aber wandten sie um und 
 
 
 flohen nach der obern Stadt 3Später gingen sie einen Vergleich mit Nikias
 und den andern Feldherrn ein, wonach sie die Entscheidung über sich den Athenern
 anheimstellten, nur todten dürften sie sie nicht. Es waren aber auch schon
 früher zwischen Nikias und Einigen der Kytherier Verabredungen getroffen worden,
 weßhalb auch sowohl für den Augenblick, als für die Zukunft die Vergleichssache
 schneller und vortheilhafter für sie abgemacht wurde; denn sonst hätten die
 Athener wohl die Kytherier von dort wegversetzt, weil sie Lakedämonier 
 waren und die Insel so dicht vor Lakonika lag. Nachdem der Vergleich 
 abgeschlossen war, und die Athener Skandeia, das Städtchen am Hafen, besetzt,
 wie auch eine Besatzung nach Kythera gelegt hatten, segelten sie gegen Asine und
 Helos und die meisten andern Plätze am Meer, machten Landungen, verblieben auch
 über Nacht, wo die Gelegenheit dazu war, und verwüsteten das Land ungefähr
 sieben Tage lang.

Obgleich nun die Lakedämonier sahen, wie die Athener Kythera besetzt hielten,
 und erwarteten, daß sie auch an ihrer Küste solche Landungen veranstalten
 würden, so stellten sie sich doch an keinein Punkte mit ihrer Gesammtmacht gegen
 sie auf, sondern vertheilten eine Zahl Schwerbewaffneter durch das Land, überall
 je nach Bedarf; und auch sonst waren sie sehr aus ihrer Hut und fürchteten, es
 möchte eine Umwälzung ihrer ganzen inneren Verhältnisse eintreten, da das 
 große und ganz unerwartete Unglück auf der Insel ^Sphakteria^ sie betroffen
 hatte, Pylos und Kythera im Besitz des Feindes waren und von allen Seiten die
 Gefahren plötzliches und unabwendbares Kampfes sie umdrohten. Daher errichteten
 sie auch gegen ihre Gewohnheit eine Truppe von vierhundert Reitern und
 Bogenschützen und waren, wenn irgend jemals, so jetzt im höchsten Grade
 widerwillig gegen Kriegsunternehmungen, da sie sich ganz gegen die hergebrachte
 Art 
 
 ihres Kriegswesens in einen Seekampf verwickelt sahen, und dazu 
 gegen Athener, welche in jedem nicht unternommenen Wagestück einen l 
 Abgang an Erfolg sahen, den sie nach ihrer Meinung hätten erreichen können. Auch
 hatten die in kurzer Zeit zahlreich und gegen alle Berechnung eingetretenen
 Unfälle sie in die größte Bestürzung versetzt, und sie waren immer in Furcht,
 daß wieder ein solches Unglück, wie das auf der Insel, über sie hereinbreche.
 Deßhalb war ihnen der Muth zum Kämpfen gesunken, und was sie nur angriffen,
 damit glaubten sie einen Mißerfolg zu haben, weil sie wegen ihrer früheren 
 Unbekanntheit mit schlimmen Erfahrungen jetzt in ihrer Meinung von sich selbst
 die Sicherheit verloren hatten, die das Gelingen verbürgt.

Gegenüber den Athenern, welche damals ihr Küstengebiet verwüsteten, verhielten
 sie sich meist unthätig, wo die Landung im Bereiche irgend eines
 Besetzungspostens geschah; denn diese hielten sich Alle für zu schwach an Zahl,
 zumal bei solcher Stimmung; nur eine Besatzung, die eben Kotyrta und Aphrodisia
 vertheidigte, jagte den zerstreuten Haufen der Leichtbewaffneten im Anlauf in
 die Flucht; als sich aber das schwere Volk ihnen entgegenstellte, wichen sie
 wieder zurück, und da ihnen einige Mann fielen und auch Waffen erbeutet 
 wurden, so stellten die Athener ein Siegeszeichen auf und fuhren wieder nach
 Kythera. Von dort aus kreuzten sie dann gegen das Limerifche Epidauros,
 verheerten einen Strich des Gebietes und gingen dann nach Thyrea, welches zu der
 sogenannten Landschaft Kynuria gehört und aus der Gränze zwischen Argos und
 Lakonika liegt. Die Lakedämonier, Herren des Landes, hatten es den
 ausgetriebenen Aegineten zum Bewohnen gegeben, weil ihnen diese zur Zeit des
 Erdbebens, das sie heimsuchte, und des Helotenaufstandes Freundschaftsdienste
 geleistet und sich, obgleich Unterthanen der Athener, doch immer ihrer Partei
 zugeneigt hatten

Während nun die Athener noch im Ansegeln begriffen waren, ließen die Aegineten
 das Bollwerk, mit dessen Ban sie eben beschäftigt waren, im Stich und zogen sich
 landeinwärts nach der Stadt zurück, in der sie wohnten und die ungefähr zehn
 Stadien vom Meere abliegt. Einer der Lakedämonischen Posten in der Gegend,
 welcher 
 
 
 auch an der Verschanzung bauen half, wollte, trotz der Bitte der 
 Aegineten, nicht mit in die Stadt ziehen, sondern es schien ihnen gefährlich, 
 sich hinter die Mauer sperren zu lassen. Sie zogen sich also auf die Anhöhen
 zurück und verhielten sich unthätig, da sie sich nicht stark genug glaubten, das
 Gefecht annehmen zu dürfen. Unterdessen waren die Athener schon gelandet,
 marshcirten sogleich mit ihrer ganzen Macht an, nahmen Thyrea, verbrannten die
 Stadt und plünderten, was darin war. Die Aegineten, soviel ihrer nicht im
 Handgemenge gefallen waren, führten sie nach Athen und mit ihnen auch den 
 lakedämonischen Stadthauptmann, der bei ihnen war, Tantalos, den Sohn des
 Patrokles, der verwundet gefangen genommen wurde. Auch aus Kythera führten sie
 einige Männer mit sich, die ihnen der Sicherheit wegen gut dünkte anderswo
 unterzubringen. Diese letzteren beschlossen die Athener zur Ueberwachung auf die
 Inseln zu geben, die übrigen Kytherier sollten aus ihrem Grund und Boden wohnen
 bleiben und eine Steuer von vier Talenten zahlen; alle gefangenen Aegineten
 aber beschlossen sie, wegen der von jeher vererbten Feindschaft, hinzu- 
 richten und den Tantalos bei den andern Lakedämoniern von der Insel (Sphakteria)
 in Ketten zu verwahren.

Desselbigen Sommers kam auf Sicilien zuerst zwischen denen von Kamarina und von
 Gela eine gegenseitige Waffenruhe zu Stande. Danach traten auch die andern
 Sikelioten, aus jeglicher Stadt Gesandte, in Gela zu Unterhandlungen zusammen,
 ob sie eine Aussöhnung zu Wege brächten. Es wurde nun gar manche Meinung 
 dafür und dawider ausgesprochen, indem die gegenseitigen Beshcwerden und
 Ansprüche dargelegt wurden, je nachdem Einer glaubte, daß er zu Schaden gekommen
 sei; Hermokrates aber, Sohn des Hermon, der Syrakusier, der auch sonst am
 meisten bei ihnen vermochte, hielt zu der allgemeinen Versammlung die folgende
 Rede:

„Ich trete hier auf, o Sikelioten, als Bürger einer Stadt, die weder zu den
 kleinsten gehört, noch auch im Kriege sehr im Nachtheil war, und will euch meine
 Meinung darlegen, wie ich glaube, daß sie für ganz Sicilien den größten
 gemeinsamen Nutzen einschließt. Wozu sollte nun Einer, um alle Leiden des
 Krieges abzuschildern, vor Männern, die das selbst wissen, viele Worte machen?
 Denn eS gibt unter uns weder solche, die sich aus Unkenntniß des Krieges dazu
 hin reißen, noch auch solche, die sich durch Furcht davon
 zurückhalten las- 
 sen, wenn sie dabei zu gewinnen glauben. Es kommt aber vor, daß Manche dem
 erwarteten Vortheil gegenüber die Gefahr unterschätzen, und daß Andere die
 Gefahren des Kriegs heraufbeschwören, um nur nicht einen augenblicklichen
 kleinen Nachtheil zu erleiden. Beides jedoch kann sehr zur Unzeit geschehen, und
 in diesem Falle können Aufforderungen zur Aussöhnung von Nutzen sein. Und auch
 für uns, wenn wir uns hievon überzeugen, möchte das das Vortheilhafteste sein.
 Weil wir ein jeder Staat seine eigene Sache auf'S Beste zu fördern 
 dachten, haben wir den Krieg begonnen, und aus demselben Grunde suchen wir jetzt
 durch Unterhandlungen eine Aussöhnung herbeizuführen, und wenn es nicht so
 ausgeht, daß sich Jeder seines billigen Rechtes theilhaftig geworden glaubt, so
 werden wir den Krieg fortsetzen."

„Aber, sofern wir klug sind, sollten wir gar nicht ein Jeder zu seinem eigenen
 Vortheil reden, sondern darüber, ob wir die ganze Insel Sicilien, die, wie ich
 glaube, von den Athenern gefährdet ist, noch vor ihnen retten können. Ihr müsset
 in den Athenern selbst einen viel zwingenderen Grund zur Versöhnung sehen, als
 in meinen Reden; sie sind eS, die unter allen Hellenen die größte Macht besitzen
 und mit einer Zahl von Schiffen bei uns den Brand schüren, indem sie ihre
 von Natur feindlichen Absichten beschönigend, sie mit dem Namen rechtskräftiger
 Bundesgenossenschaft bedecken und dabei ihren Vortheil erreichen. Denn wenn wir
 selbst den Bürgerkrieg begannen und sie herbeiriefen, Leute, die sich sonst
 nicht erst rufen lassen, sondern aus eigener Bewegung Andere bekriegen, und wenn
 wir uns nun mit eigenem Geld und Blut einander selbst weh thun und jene zugleich
 in ihrer Herrschaft fördern, so ist es ganz natürlich, daß, wenn sie uns 
 erst einmal aufgerieben sehen, sie mit einer größeren Flotte kommen werden, um
 sich hier Alles zu unterwerfen."

„Und wir sollten doch eigentlich, wenn wir klug sind, lieber solche
 Bundesgenossen herbeiführen, welche uns neuen Besitz erwerben, als solche, die
 uns am eigenen Besitz schädigen. Denn mit Solchen nehmen wir ja selbst die
 Gefahr in's eigene Haus. Wir müssen uns überzeugen, daß Bürgerkrieg die
 einzelnen Staaten sowohl, wie unsere ganze Insel am sichersten zu Grunde richte.
 Stellen wir Einwohner 
 
 Siciliens doch Alle einander nach und sind nach den einzelnen Städten 
 feindlich geschieden! Das sollten wir doch einmal einsehen und uns Bürger mit
 Bürger und Stadt mit Stadt aussöhnen und so ganz Sicilien zu retten suchen! Und
 Keiner soll sich einbilden, daß, wenn die Dorischer Herkunft unter uns von den
 Athenern bekriegt werden, die chalkidischer Abstammung der Ionischen
 Blutsverwandtschaft wegen in Sicherheit seien. Denn nicht gegen die
 Völkerschaften, weil sie der Abstammung nach gespalten sind, führen die Athener
 aus Haß gegen den einen Theil Krieg, sondern weil sie nach den Gütern Siciliens
 begehren, deren wir uns gemeinsam erfreuen. Das haben sie deutlich 
 gezeigt, als sie Seitens des chalkidischen Stammes angerufen wurden; denn
 Leuten, die ihnen niemals der Bundesgenossenschaft gemäß Zuzug geleistet hatten,
 haben sie ihrerseits die Bundespflicht über Erheischen des Vertrags hinaus
 bereitwilligst geleistet. Daß nun die Athener in solcher Art nach Vergrößerung
 streben und ihre Netze ausstellen, das verzeihe ich ihnen ohne Weiteres, und ich
 tadle überhaupt nicht die, welche Herrschaft wollen, sondern die, welche allzu
 bereitwillig sind, das Joch des Gehorchens auf sich zu nehmen. Denn die 
 Menschen sind nun einmal durchweg so geartet, daß sie sich den unterwerfen, der
 nachgibt, aber auch, daß sie sich gegen den Angriff schützen. Wir Alle nun, die
 dieß wissen und uns doch nicht nach Pflicht vorsehen, und Jeder, der hieher
 gekommen ist, ohne die Hauptsache darin zu sehen, daß Alle insgesammt die
 gemeinsame Gefahr zum glücklichen Ausgang zu wenden haben, der fehlt groß. Dem
 wäre aber schnell abgeholfen, wenn wir uns nur unter einander aussöhnen wollten;
 denn die Athener können den Krieg nicht von ihrem eigenen Gebiet aus
 führen, sondern nur vom Gebiete Solcher, die sie in's Land rufen. Und so würde
 nicht Krieg durch Krieg, sondern Zwiespalt durch Frieden ohne Mühe zu Ende
 gebracht, und die herbeigerufenen Fremden, die zwar inter wohlklingendem
 Vorwand, aber mit ungerechter Absicht gekommen sind, können mit Fug und Recht
 unverrichteter Dinge heimgeschickt werden."

„So groß ist der Vortheil, der uns aus emem vernunftigen Entschlüsse den
 Athenern gegenüber erwächst; warum sollten wir nun nicht aber auch das, was von
 Allen für das Vvrt heil hafte st e gehalten wird, den Frieden nämlich, unter uns
 selbst herstellen? Oder 
 glaubt ihr etwa, wenn jetzt noch Manches besteht, was dem Einen 
 zwar vortheilhast, dem Andern aber das
 Gegentheil davon ist, daß< nicht viel eher der Friede als der Krieg das
 Nachtheilige Beiden aus dem Wege räumen, das Vortheilhafte aber für Beide in
 gleicher Weise erhalten werde? Oder daß der Friede uns nicht Ruhm und 
 Glanz und was sonst Alles, wovon ich jetzt nicht viele Worte machen will, mit
 geringerer Gefahr gewähren werde? Das bedenket wohl und überseht nicht, was ich
 vorbringe, erwartet vielmehr von seiner Befolgung eure Rettung! Wenn aber Einer,
 mag er sich nun auf sein Recht, oder auf die Gewalt steifen, des Erfolges ganz
 sicher zu fein glaubt, so sehe er doch zu, daß er nicht bitter enttäuscht werde,
 und bedenke, daß schon gar Viele, die aus Rachegefühl ihren Beleidigern zu
 Leibe gingen, und Andere, die in ihrer Uebermacht Bürgschaft des Gewinns sahen,
 — die Einen nicht nur keine Rache fanden, sondern sogar selbst zu Grunde gingen,
 die Andern aber, anstatt zu gewinnen, ihr Hab und Gut verloren. Denn wer Rache
 sucht, hat nicht dem Rechte gemäß Erfolg, deßhalb, weil ihm Unrecht 
 geschehen ist; noch auch ist Macht deßhalb zuverläßig, weil sie die Hoffnung des
 Erfolgs hat, sondern der unberechenbare Wille der Zukunft entscheidet das
 Meiste, und obgleich dieser von allen Dingen das Betrüglichste ist, so bringt er
 doch auch sehr großen Nutzen mit sich; denn weil wir Alle in gleicher Furcht
 schweben müssen, so gehen wir mit um so größerer Vorsicht in den Kampf."

„Lassen wir uns also durch'die Furcht vor dieser dunkeln Macht, möge sie sich
 nun begründet erweisen, oder nicht, und durch die wirkiche Gegenwart der
 gefährlichen Athener gleicherweise abschrecken, und denken wir, daß dieß
 hinreichende Gründe sind, unsere unbefriedigten Wünsche zum Schweigen zu
 bringen, insofern wir vielleicht noch irgend Etwas zu unserem Vortheil
 durchzusetzen glaubten. Schicken wir die gefährlichen Feinde aus dem Lande und
 schließen wir lieber unter uns einen Frieden auf ewige Zeiten, oder wenn das
 nicht, doch einen Waffenstillstand auf möglichst lange Zeit, und lassen 
 unsere Zwistigkeiten ruhen bis auf ein ander Mal! Und überhaupt laßt uns
 überzeugt sein, daß, wenn ihr mir folgt, Jeder von uns eine freie Vaterstadt
 haben wird, in deren Besitz wir unserem Wohlthäter wie unserem Beleidiger
 Gleiches mit Gleichem vergelten können, wie 
 
 eS Männern geziemt. Glaubt ihr mir aber nicht, und geben wir Andern Gehör,
 so wird hinterdrein nicht mehr die Rede davon sein können, wie wir an Einem
 Rache nehmen können, sondern wenn es noch recht gut geht, werden wir uns mit
 denen vertragen müssen, die unsere größten Feinde sind, und gezwungen sein, die
 als Feinde zu betrachten, gegen die wir es am wenigsten sollten."

„Ich nun, der doch — wie ich schon am Anfange gesagt habe — eine sehr große
 Stadt vertritt, die eher angreifend, als vertheidigend verfahren könnte, bin
 doch in Voraussicht jener Gefahren zu Zugeständnissen bereit und denke nicht,
 man solle seinen Feinden so weh thun, daß man selbst den größten Schaden dabei
 hat, noch auch bin ich so thöricht und rechthaberisch, zu glauben, daß ich über
 das Glück, dessen ich doch nicht Herr bin, ebenso frei und nach Willkür
 verfügen kann, wie über meine eigenen Absichten, sondern daß ich nachzugeben
 habe, so weit es billig ist; und auch von euch Andern verlange ich, daß ihr
 dasselbe thut und euch lieber unter einander nachgiebig zeigt, ehe ihr gezwungen
 werdet, es dem gemeinsamen Feinde gegenüber zu thun. Denn es ist durchaus nichts
 Schimpfliches, wenn Stammverwandte sich gegen einander friedwillig zeigen,
 Dorier gegen Dorier und Chalkidier gegen Chalkidier. Sind wir doch Alle 
 Nachbarn, Bewohner Eines Landes, das überdieß noch ringsum durch das Meer
 abgeschlossen ist, und Alle tragen wir denselben Namen Sikelioten. Wir werden
 deßhalb auch in der Zukunft noch manchen Krieg führen, wenn Ursache vorhanden
 ist, und uns auch wieder versöhnen, nachdem wir unter uns gemeinsame Berathung
 gepflogen; gegen eindringende Fremde aber werden wir immer, wenn wir klug 
 sind, zur Abwehr vereint zusammenstehen; denn der Schaden, welcher den Einzelnen
 treffen würde, bringt uns Allen Gefahr. Fremde Bundesgenossen oder Vermittler
 unserer Streitigkeiten aber wollen wir in Zukunft niemals mehr in's Land rufen.
 Denn wenn wir so handeln, so werden wir auch jetzt nicht die Schuld auf uns
 laden, Sicilien zweier großen Wohlthaten zu berauben, nämlich der Erlösung von
 den Athenern und vom inneren Krieg, und werden für die Zukunft uns das
 Vaterland frei erhalten und den feindlichen Absichten Anderer weniger
 bloßgestellt."

Durch solche Worte des Hermokrates ließen sich die Sike lioten
 bestimmen, sich unter einander dahin zu einigen, daß dem Krieg 
 ein Ende gemacht werde. Ein Jeder solle behalten, was er in Hän-, den
 habe; nur solle den Kamarinäern auch Morgantina gegen Zahlung einer bestimmten
 Summe an die Syrakusaner zufallen. Die Verbündeten der Athener beriefen nun
 deren Oberbeamte und theilten ihnen mit, daß sie unter sich einen Vergleich
 schließen wollten, und daß dieser auch für sie gelten sollte. Da jene
 einstimmten, so wurde der Vertrag abgeschlossen, und danach segelten die Schiffe
 der Athener von Sicilien ab. Nach ihrer Rückkunft aber bestrasten die Athener
 die Feldherrn Pythodoros und Sophokles mit Verbannung, den Eurymedon aber
 um eine Summe Geldes, weil sie in der Lage gewesen wären, in Sicilien
 Eroberungen zu machen, durch Geld bestochen aber das Feld geräumt hätten. So
 überhoben sie sich in ihrem Glücke, daß sie beanspruchten, Nichts könne sich
 ihnen entgegenstellen, und das Schwierigere nicht weniger als das Mögliche müsse
 ihnen mit geringeren Mitteln so gut, wie mit großen gelingen. Ursache war 
 der unerwartete Erfolg in den meisten Unternehmungen, der ihre Hoffnung mächtig
 schwellte.

In demselben Sommer geschah es, daß die Megarer in der Stadt, bedrängt von den
 Athenern, die alljährlich zwei Mal mit ihrer gesammten Macht in das Gebiet
 einfielen, und zugleich von Pegä aus durch ihre eigenen Flüchtlinge, welche bei
 einem Aufruhr durch die Volkspartei waren ausgetrieben worden und nun durch
 Plünderungszüge lästig fielen, sich unter einander beriethen, man solle die
 Vertriebenen wieder aufnehmen, damit nicht die Stadt, von zwei Seiten
 bedrängt, in's Verderben gerathe. Als nun die Freunde der Flüchtlinge merkten,
 welcher Wind wehe, so drangen sie noch offener darauf, als früher, daß der
 Vorschlag in Ausführung komme. Da erkannten nun die Vorsteher der Volkspartei,
 daß unter den gegenwärtigen Uebeln daS Volk sich mit ihnen nicht werde behaupten
 können, und unterhandelten deßhalb aus Furcht mit den Feldherrn der 
 Athener, Hippokrates, dem Sohne des Ariphron, und Demosthenes, des Alkiphron
 Sohn, in der Absicht, ihnen die Stadt zu übergeben; denn sie meinten, dabei sei
 für sie eine geringere Gefahr, als wenn die von ihnen Ausgetriebenen
 zurückkehrten. Es wurde nun ausgemacht, daß die Athener zuerst die langen Mauern
 besetzen sollten, die sich in einer 
 
 Länge von ungefähr acht Stadien^) von der Stadt bis zu ihrem Hafen Nisäa
 erstreckten, damit nicht die Peloponnesier, welche in Nisäa allein die Besatzung
 bildeten, um der Megarer versichert zu sein, von dort zu Hülfe kommen könnten;
 dann wollten sie auch die Stadt selbst ihnen in die Hände zu spielen versuchen;
 denn wenn jenes vorangegangen, stand eher zu erwarten, daß die in der Stadt sich
 fügen würden.

Die Athener nun, nachdem beiderseits in Wort und Werk alle Vorbereitungen
 getroffen waren, segelten zur Nachtzeit gegen die Megarische Insel Minoa und
 setzten sich mit sechshundert Schwerbewaffneten, die Hippokrates anführte, in
 einem Graben fest, aus welchem der Letten zu den Mauerziegeln genommen wurde,
 und der nicht weit entfernt lag; die leichtbewaffneten Platäer aber und andere
 bewegliche Streitbare^) unter dem zweiten Feldherrn Demosthenes legten
 sich bei dem Arestempel in Hinterhalt, der noch weniger weit ablag; Niemand aber
 merkte etwas, ausgenommen die Männer, welche für diese Nacht davon in Kenntniß
 gesetzt werden mußten. Als eS nun eben Tag werden wollte, veranstalteten
 diejenigen unter den Megarern, welche die Stadt übergeben wollten, Folgendes:
 Sie hatten schon seit längerer Zeit für die Eröffnung des Thores vorgesorgt,
 indem sie gewöhnlich ein Boot mit Doppelrudern, um auf Seeraub auszugehen,
 auf einem Wagen zur Nachtzeit durch den Graben zum Meer brachten und dann
 ausliefen; dazu hatten sie den Befehlshaber sder peloponnesifchen Besatzung^
 überredet; und ehe eS noch Tag wurde, führten sie es wieder auf dem Wagen bis
 zur Mauer und dann zum Thor hinein, damit die Athener auf Minoa nicht wüßten, wo
 sie aufzupassen hätten, da ein Fahrzeug im Hasen nicht sichtbar war. 
 Damals stand nun der Wagen grade schon vor dem Thore, und als dieß, wie
 gewöhnlich, für das Boot geöffnet wurde, liefen die Athener, die dieß sahen, der
 Verabredung gemäß in vollem Laufe aus ihrem Hinter- 
 
 
 halt heran, um noch hineinzukommen, bevor das Thor wieder ge- 
 schlössen wäre, und so lange noch der Wagen, das Schließen hindernd, sich
 dazwischen befände. Mit ihnen gemeinsam hieben dann ihre Helfershelfer unter den
 Megarern die Wachen am Thore nieder. Zuerst drangen nun die Platäer und die
 leichten Streitbaren unter Demotshenes ein, dort, wo jetzt das Siegeszeichen
 steht; dann kam eS aber gleich innert der Thore zum Gefecht, da die zunächst
 stehenden Peloponnesier die Sache gemerkt hatten, und indem die Platäer die
 zu Hülfe eilenden zurückschlugen, hielten sie den anrückenden athenischen
 Schwerbewaffneten den Eingang frei.

Danach griffen die Athener, sowie immer Einer nach dem Andern hereingekommen
 war, die Mauer an. Die Peloponnesische Besatzung hielt Anfangs zum kleinen Theil
 Stand und wehrte sich, wie denn auch Etliche von ihnen fielen; die Mehrzahl aber
 wandte sich zur Flucht, im Schrecken über den nächtlichen Anfall der Feinde und
 weil auch die den Verrath betreibenden Megarer gegen sie fochten, weßhalb
 sie denn auch glaubten, die Megarer insgesammt hätten sie verrathen. Zufällig
 hatte nämlich auch der Herold der Athener aus eigener Bewegung ausgerufen, wer
 von den Megarern wolle, könne Gewehr bei Fuß zu den Athenern treten. Als jene
 dieß hörten, hielten sie nicht mehr Stand, sondern in dem festen Glauben, von
 Beiden bekämpft zu werden, flohen sie nach Nisäa hinab. 
 Mit Tagesanbruch, als die Mauer schon gewonnen war und die Megarer in der Stadt
 in Bewegung geriethen, sagten diejenigen, welche die Sache mit den Athenern
 eingefädelt hatten, und die Andern aus der Menge, die mit ihnen einverstanden
 waren, man solle die Thore öffnen und zum Kampf ausziehen. Sie hatten nämlich
 abgekartet, daß nach Eröffnung der Thore die Athener hereindringen 
 sollten; sie selbst wollten sich aber, damit ihnen kein Leids geschehe, dadurch
 kenntlich machen, daß sie sich mit Oel salbten. Es wurde aber jetzt noch
 gefahrloser für sie, die Thore zu öffnen; denn der Verabredung gemäß waren von
 Eleusis her viertausend athenische Schwerbewaffnete und sechshundert Reiter die
 Nacht durch marschirt und bereits angekommen. Als sie nun schon gesalbt am Thore
 standen, theilte Einer der Mitwissenden den Andern die Verrätherei mit, und
 diese wandten sich nun insgesammt um und sagten, man dürfe weder gegen 
 
 den Feind ausziehen — denn nicht einmal früher, bei größerer Macht, habe
 man das gewagt — noch auch die Stadt in so offenbare Gefahr stürzen; wenn aber
 Einer sich dem nicht fügen wolle, der werde es mit ihnen zu thun haben. Sie
 ließen aber Nichts merken, daß sie um die Verabredungen wußten, sondern stellten
 nur, als ob sie das Beste wollten, ihre Ansicht mit Nachdruck auf und blieben
 zugleich als Wache bei den Thoren, so daß die Verräther nicht durchsetzen 
 konnten, was sie Willens waren.

Da nun die Feldherrn der Athener sahen, daß irgend ein feindliches Hinderniß
 eingetreten sei und daß ihre Kraft nicht ausreichen werde, die Stadt im Sturme
 zu nehmen, so gingen sie sogleich daran, Nisäa mit Schanzen einzuschließen, weil
 sie dachten, wenn sie den Platz nehmen könnten, bevor ihm noch Zuzug käme, würde
 sich auch wohl Megara eher ergeben. Eiserne Werkzeuge und Steinmetzen und
 was sonst nöthig war, war aus Athen schnell zur Hand. Nun begannen sie bei den
 langen Mauern, die sie erobert hatten, zogen zwischen beiden gegen Megara hin
 eine Quermauer und dann von hier aus nach beiden Seiten hin eine Mauer bis zum
 Meer bei Nisäa. Graben und Mauerwerk vertheilte das Heer unter sich, indem sie
 Steine und Ziegel aus der Vorstadt nahmen und einzelne Bäume und
 Waldgehölz niedershclugen, um, wo es nöthig war, Verhaue herzustellen. Auch die
 Häuser der Vorstadt erhielten Brustwehren und konnten nun selbst als
 Verschanzungen dienen. Diesen ganzen Tag über blieben sie an der Arbeit, und als
 am folgenden Tage gegen Abend nur noch ein kleines Stück an der Mauer fehlte,
 geriethen die in Nisäa in Furcht wegen Mangels an Lebensmitteln — denn sie 
 erhielten dieselben immer nur für einen Tag aus der oberen Stadt — und da sie
 auch glaubten, daß die Peloponnesier ihnen nicht so bald zu Hülfe kommen würden,
 und sie auch die Megarer sich feindlich gesinnt wähnten, so schloßen sie mit den
 Athenern einen Vergleich. Sie wollten jetzt ihre Waffen ausliefern, und dann
 solle sich jeder einzeln um ein bestimmtes Geldstück loskaufen; über die
 Lakedämonier aber, den Anführer nämlich und wer sonst noch mit darin war,
 sollten die Athener nach Gutdünken verfügen. Auf diese Bedingungen ergaben 
 sie sich und zogen dann ab. Nun rissen die Athener die langen Mauern, 
 da, wo sie an Megara anstießen, nieder, nahmen Nisäa in Besitz und 
 trafen weiter ihre Anstalten.

Damals nun stand grade der Lakedämonier Brasidas, Sohn des Tellis, in der
 Gegend von Sikyon und Korinth, einen Feldzug gegen Thrakien vorbereitend. Als
 dieser die Wegnahme der langen Mauern erfuhr, fürchtete er für die Peloponnesier
 in Nisäa, wie auch, daß Megara genommen werden könnte, und schickte zu den 
 Böotiern mit der Aufforderung, ihm in aller Eile gegen Tripodiskos mit einem
 Heerhaufen entgegen zu ziehen — es ist dieß das Dorf dieses Namens aus dem
 Gebiet von Megaris, am Fuße des Geranischen Gebirges — und er selbst marschirte
 dahin mit zweitausend siebenhundert Sikyoniern, und wer sich sonst bereits um
 ihn geschaart hatte. Dabei glaubte er nämlich, Nisäa noch unerobert zu finden.
 Wie er aber den Stand der Dinge erfuhr — er war nämlich zur Nachtzeit
 gegen Tripodiskos ausmarshcirt — wählte er, bevor er noch ausgekundschaftet
 würde, dreihundert Mann aus seinem Heere und rückte unter die Mauern der
 Megarer, ohne daß die Athener es merkten, welche in der Küstengegend standen. Er
 wollte vorgeblich, und sofern es möglich wäre allerdings auch in der That, einen
 Versuch auf Nisäa machen, vorzüglich lag ihm aber daran, sich nach Megara zu
 werfen und sich diese Stadt zu sichern. Er verlangte nun, sie sollten ihn
 einlassen, vorgebend, er habe Hoffnung, Nisäa zurückzugewinnen.

Von den Parteien unter den Megarern fürchteten aber nun die Einen, er möchte
 ihnen die Flüchtlinge zurückführen und sie selbst austreiben, und die Andern,
 daß die Volkspartei eben in jener Besorgniß über sie selbst herfallen werde, und
 daß die Stadt, während sie unter sich selbst im Kampfe seien, von den in der
 Nähe auflauernden Athenern genommen würde. So ließen sie ihn also nicht 
 ein. sondern beschlossen, ruhig zuzusehen, was kommen werde; denn beide dachten
 auch, es werde zwischen den Athenern und denen, die zu ihrer Hülse ershcienen
 seien, zur Schlacht kommen, und so würden sie sich denen, welchen sie
 wohlwollten, wenn diese erst gesiegt hätten, mit mehr Sicherheit anschließen
 können. Brasidas aber, da er sie nicht zu überreden vermochte, zog sich wieder
 zu dem übrigen Heere zurück.

Mit Tages Anbruch waren auch die Böoter da. Sie hatten nämlich, schon bevor
 Brasidas Botschaft schickte, im Sinne gehabt, 
 
 
 
 Megara zu Hülfe zu ziehen, da die Gefahr sie auch anging, und tsanden
 schon mit gesammter Macht bei Platää. Als aber der Bote kam, beruhigten sie sich
 mehr und schickten zweitausend zweihundert Schwerbewaffnete und sechshundert
 Reiter ab; die Uebrigen gingen wieder nach Hause. Als nun das ganze Heer mit
 nicht weniger als sechstausend Schwerbewaffneten bei einander stand, während das
 schwere Volk der Athener um Nisäa und am Meere aufgestellt, ihre 
 Leichtbewaffneten aber über die Ebene zerstreut waren, so fielen die Böotischen 
 Reiter unversehens über die leichten Truppen her und trieben sie gegen das Meer
 hin. In den früheren Gelegenheiten war nämlich nie von irgend welcher Seite her
 den Megarern Hülse gekommen. Nun ritten aber auch die Athener dagegen an, so daß
 es zum Handgemenge kam; und lange dauerte dieß Reitergefecht, in welcbem beide
 Theile gesiegt haben wollen, denn dicht bei Nisäa hatten die Athener im 
 Anreiten den Reiterführer der Böoter und einige Andere — doch nicht viele —
 getödtet, der Waffen beraubt und die Leichname behalten, die sie dann unter dem
 Schutze eines Waffenstillstandes Heraus- gaben und ein Siegeszeichen
 aufstellten. Doch wurde bei dem ganzen Znsammenstoß nichts Entscheidendes
 ausgerichtet, und die Böoter zogen sich auf die Ihrigen, die Andern nach Nisäa
 zurück.

Danach rückte Brasidas mit seinem Heere naher an das Meer und die Stadt der
 Megarer, besetzte einen paffenden Platz und verhielt sich da ruhig, nachdem er
 sein Heer in Schlachtordnung aufgestellt, im Glauben, die Athener würden ihn
 angreifen, und wohl wissend, daß die Megarer nur abwarten wollten, für wen von
 Neiden sich der Sieg entscheiden werde. So glaubte er, daß er in beiderlei 
 Hinsicht am besten fahren würde, einmal, insofern er nicht zuerst den Kampf
 beginnen und seinerseits die Gefahr heraufrufeu wurde, während er doch deutlich
 gezeigt hätte, daß er zur Abwehr bereit sei, und so der Sieg, ohne daß er eine
 Hand rührte, doch mit Recht ihm zugeschrieben würde, und dann treffe es sich
 auch zugleich gut in Bezug auf die Megarer. Denn hätte er sich diesen gar nicht
 im Anmärsche gezeigt, so wäre der Ausgang für ihn gar nicht zweifelhaft gewesen,
 sondern er hätte, als wäre er besiegt worden, die Stadt natürlich 
 verloren. Nun könne eS sich aber auch treffen, daß die Athener aus freien
 Stücken gar nicht kämpfen wollten, und dann würde ihm ohne 
 Kampf das zufallen, weßhalb er gekommen sei. Und so kam es auch 
 wirklich. Denn da die Athener zwar auszogen und sich an den langen Mauern
 hin in Schlachtordnung aufstellten, aber, da jene nicht angriffen, sich
 ebenfalls ruhig verhielten, weil ihre Anführer der Meinung waren, daß für sie,
 denen bis jetzt das Meiste nach Wunsch ausgegangen, die Gefahr nicht gleich
 abgewogen sei, wenn sie selbst den Kampf gegen die Ueberzahl anfingen und
 entweder als Sieger Megara nähmen, oder als Besiegte um den besten Theil ihres
 schweren Volkes geschwächt würden, während bei jenen natürlich jeder Theil 
 der Gesammtmacht und der Anwesenden bereit sei, etwas zu wagen ^), so blieben
 sie eine Zeitlang ruhig stehen, und da von keiner Seite etwas unternommen wurde,
 so zogen zuerst die Athener wieder nach Nisäa ab und dann auch die Peloponnesier
 nach ihrem früheren Standort.

So öffneten denn die Megarer, welche zur Partei der Flüchtlinge gehörten,
 bereits zuversichtlicher geworden, dem Brasidas selbst und den von den Städten
 anwesenden Feldherrn ihre Thore, gleich als hätten diese gesiegt und als ob die
 Athener nicht weiter mehr fechten wollten, und traten, nachdem jene eingelassen
 waren, mit ihnen in Unterhandlung, während die, welche mit den Athenern 
 verhandelt hatten, bereits den Kopf ganz verloren. Danach, als die 
 Bundesgenossen nach ihren Städten entlassen waren, ging Brasidas selbst wieder
 nach Korinth und rüstete zum Zuge gegen Thrakien, wohin er von vorn herein
 gewollt hatte. Als nun auch die Athener wieder nach Hause abzogen, verließen
 auch diejenigen Megarer, welche sich an den Verhandlungen mit den Athenern am
 meisten betheiligt hatten, wohl wissend, daß dieß nicht unbemerkt geblieben sei,
 sofort heimlich die Stadt; die Uebrigen trafen gemeinsame Verabredung mit
 der Partei der Flüchtlinge und führten diese aus Pegä zurück, nachdem sie sich
 die heiligsten Eide geschworen hatten, keiner Beleidigung mehr zu gedenken,
 sondern fürder nur das gemeinsame Beste der Stadt im Auge haben zn wollen.
 Nachdem aber jene erst die Staatsämter in Händen hatten, veranstalteten sie eine
 Waffenmusterung, 
 
 
 
 ließen dabei die Abtheilungen aus einander treten, lasen ihre Feinde und
 diejenigen heraus, welche sich am meisten mit den Athenern eingelassen zu haben
 schienen, ungefähr hundert Personen, und nöthigten das Volk, über dieselben
 öffentlich abzustimmen, und richteten sie nach der Schuldigerklärung hin. Der
 Stadt gaben sie eine fast ganz oligarchische Verfassung, und diese
 Staatsumwälzung, welche in Folge der Parteistreitigkeiten nur durch sehr wenige
 Männer in's Werk gesetzt wurde, blieb eine sehr lange Zeit bestehen.

In demselben Sommer, als Antandros von den Müylenäern, wie sie im Plan hatten
 als Festung hergestellt werden sollte, befanden sich Demodokos und Aristides,
 die Oberbeamten der Athener, welche die Steuern zu sammeln hatten, in der Gegend
 des Hellespont — Lamachos, der dritte von ihnen, war mit zehn Schiffen in den
 Pontos ^schwarzes Meer^ eingesegelt. Da diese nun die Anstalten zur
 Befestigung der Stadt wahrnahmen und ihnen Gefahr zu fein schien, daß daraus ein
 Platz werde wie Anäa gegen Samos ^), wo sich die Flüchtlinge der Samier
 festgesetzt hatten und den Peloponnesiern Vorschub leisteten, indem sie ihnen
 Steuerleute für ihre Flotte schickten und die Samier in der Stadt beunruhigten
 und ihre Flüchtlinge aufnahmen, so sammelten sie also ein Heer von den 
 Bundesgenossen, gingen in See, besiegten die aus Antandros gegen sie Anrückenden
 in einer Schlacht und nahmen den Ort wieder. Nicht lange danach verlor Lamachos,
 der in den Pontos eingesegelt und im Gebiete von Heraklea in der Mündung des
 FlusseS Kalex vor Anker gegangen war, seine Schiffe, da sich ein Wolkenbruch
 ereignete und die Wassersluth ganz plötzlich hereinbrach. Er selbst und sein
 Heer kam aus dem Landwege durch das Gebiet der Bithynischen Thraker, 
 welche jenseits in Asien wohnen, nach Chalkedon an der AuSmündung des PontoS,
 einer Pflanzstadt der Megarer.

In demselben Sommer kam auch Demotshenes, Feldherr der Athener, mit vierzig
 Schiffen nach Naupaktos, sogleich nach dem Abzug aus MegariS, denn mit ihm und
 Hippokrates wurden in Betreff der Böotischen Verhältnisse Seitens einiger Männer
 auS den 
 
 
 Städten Verhandlungen gepflogen, welche die dortige Ordnung ab--' 
 ändern und in eine Demokratie, wie die Athener sie hatten, umwan- ( deln
 wollten, und besonders auf Eingeben des Ptöodoros, eines Flüchtlings aus Theben,
 wurden die folgenden Veranstaltungen eingeleitet 2?*). Das Städtchen Siphä
 sollte durch Einige übergeben werden. Siphä liegt aber am Meer auf Thespischem
 Gebiete im Busen von Krisa. Chäronea aber, welches, früher das Minyeifche, jetzt
 dasBöotische genannt, an Orchomenos Steuern zahlt, sollten Andere aus 
 Orchomenos übergeben. Die Flüchtlinge der Orchomenier waren dabei am meisten
 thätig und mietheten Leute aus dem Peloponnes; Ehäronea ist die äußerste Stadt
 Böotiens und stößt an die Phanotidische Landschaft in Phokis, und es waren auch
 einige Phokier Theilnehmer des Planes. Die Athener aber sollten Delion
 wegnehmen, welches dem Apollo geweiht ist und auf dem Gebiet von Tanagra, 
 Euböa zugewendet, liegt. Dieß Alles sollte an einem bestimmten Tage zu gleicher
 Zeit geschehen, damit nicht die Böotier vereinigt zur Abwehr heranziehen
 könnten, sondern jede Stadt mit sich selbst genug zu thun hätte. Und wenn der
 Versuch gelingen sollte und Delion befestigt wäre, so möchten, hofften sie, wenn
 auch nicht gleich für den Augenblick eine Umwälzung in den Böotischen
 Verfassungen stattfände, doch die Dinge im Lande leicht eine Veränderung
 erleiden, wenn jene Plätze besetzt gehalten und das Land verwüstet würde, 
 während sich auch Keiner weit von seinem Herde entfernen dürfte, und so könnten
 sie mit der Zeit die Sachen dort sich nach Wunsche einrichten, indem die Athener
 den Abgefallenen zu Hülfe zögen, und jene ihre Macht nie an einem Ort bei
 einander hätten.

Dieß war der entworfene
 Angriffsplan; Hippokrates selbst wollte zu gelegener Zeit mit dem Heere aus der
 Stadt gegen die Böotier ausziehen, den Demotshenes aber schickte er mit vierzig
 Schiffen nach Naupaktos, damit er aus jener Gegend unter den Akarnanern
 und übrigen Bundesgenossen ein Heer sammle und gegen Siphä segele, von dem man
 erwartete, daß es durch Verrath übergehe. Der Tag, an welchem Beides zugleich
 geschehen sollte, war unter ihnen verabredet. Demosthenes nun, als er ankam,
 fand Oeniadä durch sämmtliche Akarnaner genöthigt, dem Waffenbund der Athener
 beizutreten, und rief selbst die ganze Bundesmacht in jener Gegend unter
 die Waffen, und nachdem er zuerst gegen Salynthios und die Agräer ausgezogen war
 und sie unterworfen hatte, traf er die übrigen Anstalten, um zur bestimmten Zeit
 gegen Siphä zu ziehen.

Um dieselbige Zeit in diesem Sommer marschirte Brasidas mit taufend und
 siebenhundert Schwerbewaffneten gegen die diesseitige Gränzlandschaft von
 Thrakien, und als er in dem Trachinischen Hcraklea angekommen war und einen
 Boten an seine Freunde nach Pharsalos geschickt hatte, mit der Bitte, ihn und
 sein Heer durch das Land zu geleiten, kamen zu ihm nach dem Achaischen Melitia
 Panäros und Doros und Hippolochidas und Torylaos und Strophakos, der
 Staats-Gastfreund der Chalkidier, und dann setzte er seinen Marsch fort. Aber
 auch noch andere Thessaler und unter diesen Nikonidas aus Larissa, Freund des
 Perdikkas, gaben ihm das Geleite. Denn durch Thessalien ist auch sonst überhaupt
 nicht leicht durchzukommen ohne Geleitsmann, geschweige denn gar bewaffnet, wie
 denn auch bei sämmtlichen Hellenen sich Jeder wohl bedenken würde, fremdes
 Gebiet zu durchziehen, ohne die Erlaubniß dazu erwirkt zu haben; auch war die
 große Masse der Thessaler immer den Athenern zugeneigt. Wenn also bei den
 Thessalern im Lande nicht die Gewaltherrschaften in größerer Zahl bestünden, als
 Staaten mit Rechtsgleichheit für Alle, so wäre er gar nicht vorwärts gekommen,
 zumal sogar unter diesen Umständen Leute von der Gegenpartei seiner Freunde sich
 am EnipeuSflusse, seinen Marsch aufhaltend, in den Weg stellten und ihm 
 sagten, daß er Unrecht thue, so ohne Erlaubniß ihrer Oberbehörde 
 
 
 daherzumarfchiren. Seine Geleitsmänner gaben zur Antwort, sie 
 würden auch gegen den Willen jener gar nicht das Geleit übernom- y men
 haben, aber er sei ganz plötzlich erschienen, und so geleiteten sie ihn eben,
 weil sie seine Gastsreunde seien. AuchBrasidas selbst redete ihnen zu, er komme
 als ihr und Thessaliens Freund und trage die Waffen gegen seine Feinde, die
 Athener, und nicht gegen sie, und er wisse auch gar Nichts davon, daß zwischen
 Thessalern und Lakedämoniern Feindschaft herrshce, so daß Einer das Land des
 Andern nicht betreten dürfe; und auch jetzt wolle er seinen Marsch nicht gegen
 ihren Willen fortsetzen und er könne es auch nicht; doch erwarte er auch 
 nicht, daß sie ihn hindern wollten. Jene nun zogen, nachdem sie dieß gehört
 hatten, wieder ab, er aber setzte aus den Rath seiner Geleitsmänner, bevor ein
 neues größeres Hinderniß einträte, seinen Weg ohne Aufenthalt im Eilmarsch fort.
 An demselben Tage, an welchem er von Melitia aufgebrochen war, kam er auch noch
 bis PharsaloS, wo er sich am Flusse Apidanos lagerte, und von hier nach Phakion
 und von da weiter nach Perrhäbia. Hier gingen die Thessalischen 
 Geleitsmänncr wieder zurück, und nun brachten ihn die Petr heber, Unterthanen
 derThessaler, nach Dion im Gebiet des Perdikkas, einem Makedonischen Städtchen
 gegen die Thessalische Gränze hin am Fuß des Olumpos gelegen.

Auf diese Weise war Brasidas in aller Geschwindigkeit noch schnell genug durch
 Thessalien gekommen, bevor sich Jemand ihn zu hindern anschicken konnte, und kam
 zum Perdikkas und nach Ehalkidike. Die aus der Thrakischen Halbinsel von den
 Athenern Abgefallenen nämlich und Perdikkas hatten aus Furcht bei dem Glücke der
 Athener das Heer aus dem Peloponnes herangezogen, — die Chalkidier nämlich
 in der Meinung, daß die Athener sie zuerst sich zum 
 
 
 Ziele nehmen würden; und mit ihnen hatten auch die noch nicht abgefallenen
 Nachbarstädte sich heimlich bei der Herbeiziehung des Heeres betheiligt; —
 Perdikkas aber war zwar noch kein erklärter Feind, schwebte aber doch in Furcht
 wegen alter Streitpunkte mit den Athenern und wollte sich vor allen Dingen den
 Arrhibäos, König der Lynkester^), unterwerfen. Das damalige Mißgeschick der
 Lakedämonier traf sich nun für sie ganz glücklich, insofern sie jetzt leichter
 ein Hülfsbcer aus dem Peloponnes erhielten.

Da nämlich die Athener den Peloponnes und vorzugsweise ihr eigenes Gebiet
 bedrängten, so hofften die Lakedämonier, sich dieselben dadurch am Leichtesten
 vom Hals zu schaffen, wenn sie ihnen auch ihrerseits empfindlich weh thäten,
 indem sie ein Heer in das Gebiet ihrer Bundesgenossen schickten, zumal diese
 selbst erbötig waren, dasselbe auf eigene Kosten zu ernähren, und sie selbst zur
 Unterstützung ihres Abfalls herbeiriefen. Zugleich gewannen sie damit einen
 erwünschten Vorwand, einen Theil der Heloten auszusenden, damit diese 
 nicht unter den gegenwärtigen Umständen, wo Pylos in fremdem Besitz war, eine
 Umwälzung herbeiführten. Auch hatten sie, aus Furcht vor deren junger Mannschaft
 und großer Zahl, bereits Folgendes gegen sie in's Werk gesetzt: — denn von jeher
 hatten die meisten Maßregeln der Lakedämonier den Zweck, sich gegen die Heloten
 sicher zu stellen — Sie machten bekannt, wer unter ihnen recht tüchtig zu sein
 glaube, ihnen im Kriege zu dienen, der solle sich mustern lassen, gleich als
 wollten sie ihnen die Freiheit schenken, in der That aber, um eine Probe zu
 machen ; denn sie dachten, wer von jenen am meisten nach der Freiheit strebe,
 der werde auch in mannhaftem Ehrgefühl zuerst bereit sein, über sie 
 herzufallen. So wurden ihrer gegen zweitausend ausgelesen, die dann bekränztes
 Hauptes als Befreite in den Tempeln umherzogen; die Lakedämonier'aber ließen sie
 bald danach verschwinden, ohne daß irgend Jemand merkte, wie Jeder von ihnen
 nm's Leben kam. Auch jetzt ergriffen sie gern die Gelegenheit, ihrer
 siebenhundert, als Schwerbewaffnete ausgerüstet, dem Brasidas mitzugeben; die
 Uebrigen, die er mitführte, hatte er gegen Sold aus dem Peloponnes gedungen.

Den Brasidas grade hatten die Lakedämonier deßhalb 
 
 ausgesandt, weil er es selbst wünschte; auch hatten die Chalkidier ihn
 
 vorgezogen, als einen Mann, der in Sparta den Ruf hatte, daß er« zu jeder
 Unternehmung Geschick und Kraft besitze, und in der That erwies er sich bei
 diesem Zuge den Lakedämoniern höchst nützlich. Denn indem er sich von vorn
 herein als einen gerechten und mäßigen Mann zeigte, brachte er die meisten
 dortigen Ortschaften auf die Seite der Städte, andere nahm er durch Verrath, so
 daß die Lakedämonier für den Fall, daß sie einmal Frieden schließen wollten, was
 sie ja auch thaten, Plätze zum Austausch und zum Loskauf in Händen hatten,
 und überdieß ein Theil der Kriegslast von den Schultern der Peloponnesier
 genommen wurde. Und auch für den Krieg, welcher einige Zeit nach den sieilifchcn
 Ereignissen eintrat, bewirkte die damals erprobte Rechtschaffenheit und
 Verständigkeit des Brasidas vorzugsweise, daß die Bundesgenossen der Athener
 sich den Lakedämoniern zuwendeten, indem die Einen sie selbst erfahren hatten
 und die Andern nach dem, was sie hörten, daran glauben mußten. War er doch
 der Erste, der dorthin kam, und da er sich in allen Stücken als einen braven
 Mann zeigte, so ließ er die feste Voraussetzung zurück, daß auch die andern
 Lakedämonier Männer seines Schlages seien.

Als er nun damals in den Thrakischen Granzlandschasten angekommen war, und die
 Athener davon Kenntniß erhielten, so erklärten sie den Perdikkas als Feind, weil
 sie ihn für die Ursache des Zuges hielten, und sorgten für bessere Ueberwachung
 der dortigen Bundesgenossen. Perdikkas aber verstärkte sogleich seine eigene
 Macht durch den Brasidas und dessen Heer und zog gegen seinen Gränznachbar
 Arrhibäos, deS Bromeros Sohn, König der Lynkestischen Makedonien zu Felde, mit
 dem er Streit hatte, um ihn zu unterwerfen.

Als aber Perdikkas mit dem Heere schon beim Passe Lynkos stand, erklärte
 Brasidas, er wolle zuerst wo möglich durch gütliche Ueberredung den Arrhibäos
 als Bundesgenossen für die Lakedämonier zu gewinnen suchen, bevor man zu den
 Feindseligkeiten schreite. Arrhibäos hatte nämlich schon durch den Herold etwas
 davon merken lassen, daß er bereit sei, sich dem Schiedsgericht des Brasidas zu
 unterwerfen, und auch die anwesenden Chalkidischen Gesandten gaben ihm an
 die Hand, er solle doch dem Perdikkas nicht alle Schwierigleiten aus dem Wege
 räumen, damit er sich leichter herbeilasse, auch 
 
 zu ihrem eigenen Nutzen thätig zu sein. Auch hatten die Gesandten des
 Perdikkas in Lakedämon ein Versprechen der Art gegeben, als mache er sich
 anheischig, ihnen aus seinen Nachbarländern zahlreiche Bundesgenossen zu
 gewinnen, so daß Brasidas, sich daraus berufend, das Verhältniß zum Arrhibäos
 lieber vom Standpunkt der Gemeinsamkeit ordnen wollte. Perdikkas aber erklärte,
 er habe den Brasidas nicht zum Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten
 herbeigerufen, sondern damit er die Feinde unschädlich mache, die er ihm
 bezeichne, und es sei auch deßhalb ein Unrecht, mit dem Arrhibäos zu
 unterhandeln, weil er die Kosten der Ernährung des Heeres zur Hälfte trage. Aber
 auch gegen den Willen des Perdikkas und im Zerwürfniß mit ihm kam Brasidas
 mit jenem zusammen und wurde von ihm überredet, sein Heer zurückzuziehen, bevor
 er noch in sein Gebiet eingefallen war. Perdikkas aber, im Glauben, daß ihm
 Unrecht geschehe, bezahlte von jetzt an, anstatt der halben Unterhaltungskosten,
 nur den dritten Theil.

Bald danach, in demselben Sommer, kurz vor der Zeit der Weinlese, zog Brasidas
 mit Chalkidischen Hnlsstruppen gegen Manthos, eine Pflanzstadt der Andrier^'),
 zu Felde. Diese aber geriethen unter einander in Streit, ob sie ihn ausnehmen
 sollten, oder nicht; einerseits nämlich diejenigen, welche ihn im Einvernehmen
 mit den Chalkidiern herbeigerufen hatten, und die Volkspartei andererseits.
 Dennoch ließ sich das Volk, aus Furcht um seine Aernte, die noch auf den
 Halmen stand, bewegen, den Brasidas allein einzulassen, um nach Anhörung seiner
 Vorschläge Beschluß zu fassen. Er trat nun vor dem Volke auf — denn für einen
 Lakedämonier war er der Rede nicht unmächtig — und sprach so:

„Daß ich und dieß Heer von den Lakedämoniern ausgesandt worden sind, ihr
 Akanthier, ist zur Bethätigung dessen geschehen, was wir beim Beginne des
 Krieges erklärt haben, daß wir nämlich Krieg gegen die Athener führen, um Hellas
 frei zu machen. Wenn wir aber erst nach so geraumer Zeit hieher kommen,
 getäuscht in der aus den dortigen Kämpfen gewonnenen Ansicht, wonach wir der
 Athener allein, ohne euch mit in die Gefahr zu ziehen, in Bälde Meister zu
 werden hofften, so möge uns deßhalb Niemand tadeln. Denn jetzt, sobald es nur
 anging, sind wir wirklich da und werden mit euch ver­ 
 
 suchen, sie niederzuwerfen. Ich wundere mich aber, daß ihr die Thore
 
 vor mir verschließet und daß ich euch nicht erwünscht komme. Denn< wir
 Lakedämonier glaubten, zu Solchen zu kommen, die auch schon vor unserer
 wirklichen Ankunft uns wenigstens der Gesinnung nach Verbündete seien, und daß
 wir euch erwünscht kommen werden, und nur deßhalb haben wir die so große Gefahr
 eines vieltägigen Marsches durch fremdes Gebiet nicht gescheut und auch sonst
 allen Eifer aufgeboten. Solltet ihr aber etwas Anderes im Sinne haben, oder
 auch gar eurer und der andern Hellenen Freiheit in den Weg stellen wollen,
 so wäre das sehr schlimm; und zwar nicht allein, weil ihr selbst mir
 entgegentretet, sondern auch weil von denen, zu welchen ich noch komme, schon
 Mancher sich mir nicht so leicht anschließt, indem er ein Haar darin findet, daß
 ihr mich nicht aufgenommen habt, zu denen ich zuerst gekommen bin, und die ihr
 eine ansehnliche Stadt vorstellet und für verständige Leute geltet. Und ich
 wüßte dafür keinen andern triftigen Grund anzugeben, als entweder, daß ich euch
 eine Freiheit biete, die anzunehmen unrecht ist, oder daß ich zu schwach und
 ohnmächtig dastehe, um euch gegen die Athener zu schützen, wenn sie 
 angreifen sollten; obwohl die Athener nicht den Muth hatten, daSHeer, welches
 ich hier bei mir habe, als ich mit demselben Nisäa zu Hülfe zog, trotz ihrer
 Uebermacht anzugreisen; und es ist doch nicht wahrscheinlich, daß sie aus einer
 Flotte ein Heer gegen euch absenden werden, das zahlreicher ist, als das bei
 Nisäa!"

„Ich selbst bin nicht in schlimmer Absicht, sondern zur Befreiung der Hellenen
 hiehergekommen und habe zuvor die Obrigkeiten der Lakedämonier sich durch die
 schwersten Eide verpflichten lassen. daß die Bundesgenossen, welche ich etwa
 gewinne, ihre selbstständige Verfassung behalten sollen; auch bin ich nicht
 hier, um euch durch Gewalt oder List zum Waffenbunde mit uns zu bewegen, sondern
 im Gegentheil, um aus eurer Seite, die ihr von den Athenern geknechtet 
 seid, zu kämpfen. Ich erwarte nun auch, daß ich für euch nicht ein Gegenstand
 des Argwohns sei, nachdem ich die sichersten Bürgschaften gegeben habe,und daß
 ihr mich nicht für zu ohnmächtig zn euerem Schutze haltet, sondern
 vertrauensvoll aus meine Seite tretet. Wenn aber Einer aus persönlichen
 Rücksichten fürchtet, ich werde die Regierung eurer Stadt einer gewissen Partei
 in die Hände spielen, und wer deß- 
 
 halb Unlust empfindet, der darf von Allen am meisten voller Zuversicht
 sein. Denn ich bin nicht gekommen, um für eine Partei zu fechten, und denke auch
 nicht, eine zweideutige Freiheit anzubieten, wie wenn ich mit Beseitigung der
 hergebrachten Verfassung die Mehrzahl einer Minderzahl, oder die Minderzahl der
 großen Masse in die Hände liefern wollte. Denn ein solcher Zustand wäre
 drückender, als fremde Herrschaft, und wir Lakedämonier würden damit auch für
 unsere Mühe keinen Dank einärnten, vielmehr, anstatt Ruhe und Ehre, eher 
 Vorwürfe, und wir würden die Beschwerden, derentwegen wir gegen die Athener
 Krieg führen, offenbar noch in gehässigerer Art uns selbst zuziehen, als jene,
 die von vorn herein aus Rechtlichkeit keinen Anspruch machen. Denn dem, der für
 mächtig gilt, ist eS schimpflicher, unter ehrbarem Vorwand durch List, als durch
 offene Gewalt seinen Vortheil zu suchen. Im letzteren Falle greift man an, weil
 man sich im Besitze der Uebermacht fühlt, welche ein Geschenk des Schicksals
 ist, im ersteren aber mit der Arglist betrügerischer Gesinnung. So sehr 
 erwägen wir mit genauester Umsicht, waS uns srommt."

„Außer jenen Eidschwüren könnte euch Niemand eine stärkere Bürgschaft dafür
 geben, daß das, was er gesagt hat, auch wirklich nützlich ist, als wer durch
 seine Thaten, wenn solche mit seinen Worten zusammengehalten werden, sich
 Glauben erzwingt. Wenn ihr aber auf diese meine Anerbietungen antworten solltet,
 ihr sähet euch außer Stande dazu, und daß ihr bei eurer wohlwollenden 
 Gesinnung gegen uns glaubt, sie zurückweisen zu dürfen, ohne daß euch daraus
 Schaden erwachsen sollte, und die angebotene Freiheit erscheine euch nicht
 gefahrlos, und es sei passender, sie Solchen anzutragen, die in der Lage wären,
 sie annehmen zu können, auszwingen aber sollten wir sie Niemanden, so werde ich
 die Götter und Heroen dieses Landes zu Zeugen aufrufen, daß ich, mit guter
 Absicht hiehergekommen, euch nicht überreden konnte, und werde euch durch
 Verwüstung eures Landes zu zwingen suchen; und dabei werde ich die Ueberzeugung
 haben, kein Unrecht zu thun, vielmehr sehe ich meine Rechtfertigung in zwei
 zwingenden Gründen, einmal, so weit es die Lakedämonier angeht, damit sie,
 falls ihr bei all' eurer Wohlgesinntheit gegen uns euch doch nicht zum Beitritt
 bewegen lasset, durch eure Geldleistungen an die Athener nicht zu Schaden
 kommen, und — insofern es die Hellenen 
 betrifft — damit sie durch euch nicht gehindert werden, sich ihrer 
 Knechtschaft zu entledigen. Andere Beweggründe freilich würden uns, mit
 Unrecht zu solcher Handlungsweise veranlassen, und wir Lakedämonier haben auch
 keinen Beruf, Andere gegen ihren Willen frei zu machen, außer wenn ein
 gemeinsamer Vortheil es verlangt. Und wir streben auch gar nicht nach
 Herrschaft, sondern weil wir es uns zur Aufgabe machen, Andern die Lust zum
 Herrshcen zu benehmen, würden wir doch an der Mehrzahl Unrecht thun, wenn wir
 bei unserm Willen, Allen freie Verfassung zu gewähren, euren Widerstand 
 übersehen wollten. Darüber also fasset nun einen weisen Beschluß und setzt eine
 Ehre darein, die Erstlinge der Freiheit unter den Hellenen gepflückt zu haben
 und euch unvergänglichen Ruhm zu erwerben. So werdet ihr auch ein Jeder sein
 Eigenthum unbeschädigt bewahren und der ganzen Stadt den Kranz des ruhmvollsten
 Namens gewinnen."

So sprach Brasidas. Die Akanthier aber, nachdem zuerst viel dafür und dawider
 geredet worden war, stimmten heimlich ab, und weil die Worte des Brasidas sie
 gewonnen hatten und sie auch wegen der Feldfrucht fürchten mußten, so stimmte
 die Mehrzahl für den Abfall von den Athenern, und nachdem sie ihn auf die Eide
 verpflichtet hatten, welche die Obrigkeiten der Lakedämonier bei seiner 
 Absendung geschworen hatten, daß alle Bundesgenossen, die er gewinne, gewiß ihre
 freie Verfassung behalten sollten, so nahmen sie sein Heer in die Stadt auf. Und
 nicht lange danach fiel auch Stageiros, eine Pflanzstadt der Andrier, ebenfalls
 ab. Das waren die Ereignisse dieses Sommers.

Im folgenden Winter, sogleich nach dessen Anfang, als dem Hippokrates und
 Demotshenes, den Feldherrn der Athener, die Plätze in Böotien übergeben werden
 sollten, wozu Demotshenes mit den Schissen vor Siphä, jener aber bei Delion
 eintreffen sollte, fand ein Irrthum wegen der Tage statt, an welchen beide
 ausziehen sollten, indem zuerst Demotshenes mit Akarnanern und vielen dortigen
 Bundesgenossen auf seinen Schissen gegen Siphä segelte, aber Nichts 
 ausrichten konnte, weil der Plan von NikomachoS, einem Phokischen Manne aus
 Phanoteus, verrathen worden war, indem dieser den Lakedämoniern, diese aber den
 Böotern Mittheilung gemacht hatten. Da nun von sämmtlichen Böotern Hülfszuzug
 erfolgte, weil Hippokrates 
 
 noch nicht im Lande stand und ihnen gleichzeitig Schaden zufügte, so 
 wurden Siphä und Chäronea noch vorher rechtzeitig besetzt. Als aber die
 Anstifter des Verrathes dieß merkten, so ließen sie es in den Städten
 gleichfalls beim Alten und verhielten sich ruhig.

Hippokrates seinerseits rief die Athener insgesammt und, wie die Bürger, so
 auch die Beisitzer und was an Miethstruppen da war, unter die Waffen und kam
 etwas später vor Delion an, als die Böoter von Siphä sich bereits wieder
 zurückgezogen hatten. Er ließ dann sein Heer Stellung nehmen und befestigte
 Delion, das ein Heiligthum des Apollo ist, auf folgende Weise. Rings um den
 geweihten Ort und den Tempel zogen sie einen Graben, warfen den Schutt aus
 den Gruben anstatt einer Mauer auf, und schlugen neben demselben hin Pfähle ein.
 Den Weinberg ringS um das Heiligthum schlugen sie ans, um die Reben in die
 Pallisaden einzuflechten, und nahmen auch Steine und Ziegel aus den Ruinen der
 nahestehenden Häuser und suchten auf jede Weise den Wall in die Höhe zu bringen.
 Auch hölzerne Thürme errichteten sie, wo die Gelegenheit es erlaubte und
 vom Mauerwerk des HeiligthumS Nichts mehr vorhanden war; denn die Halle, welche
 früher dagestanden hatte, war eingestürzt. Am dritten Tage, nachdem sie von
 Hause ausgezogen, gingen sie an die Arbeit, und blieben daran diesen und den
 vierten Tag und auch am fünften noch bis zur Zeit des Frühmahls; danach, als der
 größte Theil der Arbeit gethan war, zog zuerst das Heer von Delion ab und 
 machte auf dem Weg nach Hause ungefähr zehn Stadien. Hier lagerten sich die
 Schwerbewaffneten, um auszuruhen, während die Mehrzahl der leichten Truppen
 sogleich weiter marschirte. Hippokrates aber blieb zurück und traf noch
 Anordnungen wegen der Besatzung und wie man das, was an der Befestigung noch
 fehlte, ausführen sollte.

In diesen Tagen sammelten sich aber die Böoter bei Tanagra, und als bereits von
 allen Städten Zuzug da war und sie merkten, daß die Athener bereits wieder aus
 dem Marsch nach Hause seien, und von den übrigen Böotarchen, deren Zahl eils
 ist, keiner sür eine Schlacht stimmte, weil die Feinde nicht mehr auf Böotifchem
 Gebiete stünden — denn die Athener, als sie sich lagerten, befanden sich
 ungefähr auf dem Gränzgebiet von Oropia — da trat Pagondas auf, des Aeoladas
 Sohn, der mit Arianthidas, dem Sohne des Lysi machidas, aus der
 Mitte der Thebaner, Bootarch war, — theils weil 
 er unter seinem Oberbefehl eine Schlacht liefern wollte, theils auch, weil
 er wirklich glaubte, es sei besser, die Waffen entscheiden zu lassen, — und rief
 dieAbtheilungen einzeln auf, damit sie nicht insgesammt die Aufstellung
 verließen, und redete den Böotern zu, die Athener anzugreifen und den Kampf zu
 wagen, indem er sprach :

„Es hätte, ihr Böotischen Männer, keinem unserer Feldherrn auch nur der Gedanke
 kommen dürfen, daß wir uns mit den Athenern, wenn wir sie nicht mehr auf
 Böotifchem Grund und Boden anträfen, nicht in eine Schlacht einlassen sollten.
 Denn sie sind aus dem Gränzland herübergekommen, haben auf unserem Gebiet eine
 Verschanzung erbaut und schicken sich an, Böotien zu verheeren. Sie sind
 doch wohl also unsere Feinde, an welchem Orte sie auch von uns getroffen werden,
 und woher sie auch gekommen sein mögen, um sich als Feinde zu betragen. Wenn
 aber jetzt Einer dafür halten sollte, daß jene Ansicht größere Sicherheit
 geweihre, so ändere er nur seine Meinung! Denn die Klugheit läßt bei denen,
 welchen ein Anderer zu Leibe geht, in Betreff des eigenen Landes nicht solche
 ängstliche Ueberlegung zu, wie bei demjenigen, der, im Besitze des eigenen 
 Grundes und Bodens, von Habgier getrieben, einen Andern aus freien Stücken
 angreist. Es ist aber von euren Vätern ererbte Weise, das Heer eines fremden
 Angreifers, sei es nun aus dem eigenen, oder auf fremdem Boden, wieder
 anzugreifen, und das muß den Athenern gegenüber, die dazu noch unsere
 Gränznachbarn sind, am allermeisten geschehen. Denn darauf, daß man seinen
 Nachbarn gewachsen ist, beruht sür Alle die Freiheit; und wie sollte man es
 gegenüber solchen, die nicht nur ihre Nachbarn, sondern sogar weit Abgelegene zu
 knechten trachten, im Kampfe nicht auf's Aeußerste ankommen lassen! Als 
 warnendes Beispiel haben wir das vor uns liegende Euböa, wie es da und auch im
 größten Theil des übrigen Hellas aussieht. Wir müssen einsehen, daß, während
 anderwärts Nachbarn um ihre Gränzgebiete sich Schlachten liefern, bei uns, wenn
 wir erst besiegt sind, für unser ganzes Land unwiderruflich Eine Gränze gesteckt
 ist; denn sind sie erst eingedrungen, so werden sie uns mit Gewalt Alles
 abnehmen. So viel größer ist die Gefahr, als anderwärts, die uns aus solcher
 Nachbarschaft droht! Wer, wie die Athener jetzt, im pochenden Ver- 
 
 trauen auf seine Macht Andere angreift, verpflegt denjenigen, der sich 
 nicht viel rührt und sich nur aus eigenem Boden zur Wehr setzt, um so
 ungescheuter mit Krieg zu überziehen, dagegen dem, der ihm über seine eigenen
 Gränzen entgegenrückt und, wenn die Gelegenheit es gibt, selbst angriffsweise
 verfährt, weniger kräftig zu widerstehen. Einen Beweis hievon haben wir grade an
 den Athenern. Denn dadurch, daß wir sie bei Koronea angegriffen und besiegt
 haben, damals, als sie bei unserer inneren Entzweiung die Herrn in unserem Lande
 spielten, haben wir dem böotischen Gebiete bis auf diese Tage Ruhe vor
 ihnen verschafft. In der Erinnerung daran sollen wir Aelteren unsern eigenen
 früheren Thaten wieder gleichkommen, die Jüngeren aber, als Söhne der Väter, die
 damals sich als Tapfere gezeigt, sollen streben, den Tugenden ihres eigenen
 Blutes keine Schande zu machen. Vertrauen müssen wir auch, daß der Gott auf
 unserer Seite stehen werde, dessen Heiligthum jene gegen göttliches Recht
 befestigt haben und wie in ihrem Eigenthume darin schalten, — vertrauen auch auf
 die heiligen Opferzeichen, die uns Glück verheißen, und so diese angreifen
 und ihnen zeigen, daß, wonach sie streben, sie sich anderwärts holen sollen, bei
 Solchen, die nicht zu fechten wissen; daß sie aber bei Männern, denen es ererbte
 Pflicht ist, für die Freiheit ihres eigenen Landes immer im Kampfe einzustehen,
 fremdes aber nicht mit Unrecht zu knechten, nicht ohne Kampf davonkommen."

Durch diese Worte der Aneiferung überredete Pagondas die Böoter zum Angriff auf
 die Athener, ließ das Heer aufbrechen und setzte es eilig in Marsch; denn es war
 schon spät in der Tageszeit. Als er aber in die Nähe des feindlichen Heeres
 gekommen war, ließ er die Seinigen an einer Stelle Halt machen, wo beide Theile
 eines dazwischen liegenden Hügels wegen einander nicht sehen konnten. Hier
 stellte er sein Heer in Schlachtordnung und bereitete Alles zum Gefecht vor.
 Hippokrates, der sich noch bei Delion befand, als ihm das Anrücken der Böoter
 gemeldet wurde, sandte seinem Heere den Befehl zu, sich in Schlachtordnung zu
 stellen, und kam bald darauf auch selbst herbei, nachdem er bei Delion ungefähr
 dreihundert Reiter zurückgelassen hatte, sowohl um den Ort gegen einen Angriff
 zu schützen, als auch um auf Gelegenheit zu lauern, während der Schlacht den
 Böotern in die Flanke zu fallen. Die Böoter aber stellten eine Abthei lung zur Abwehr gegen diese Reiter auf, und als bei ihnen Alles in 
 Ordnung war, erschienen sie über dem Kamme des Hügels und stell-i ten sich
 in der Linie auf, wie sie ihnen bestimmt worden war, an Zahl ungefähr
 siebentausend Schwerbewaffnete und über zehntausend Mann leichterTruppen, nebst
 tausend Reitern und fünfhundert leichten Schildträgern. Auf dem rechten Flügel
 standen die Thebaner und ihre Unterthanen, in der Mitte die von Haliartos und
 Koronea und Kopä und die Andern, die um den See wohnen, auf dem linken Flügel
 die Thespier und Tanagräer und Orchomenier. Die Reiterei und die leichten
 Truppen waren auf beide Flügel vertheilt. Die Thebaner standen fünf und zwanzig
 Mann hoch ^-), die Uebrigen, wie es bei ihnen grade anging. Dieß war die Stärke
 und die Aufstellung der Böoter.

Auf Seiten der Athener stand die ganze schwerbewaffnete Truppe acht Mann hoch,
 ihren Gegnern an Zahl gewachsen, die Reiter aus beiden Flügeln. Ordentlich
 ausgerüstete Leichtbewaffnete aber waren nicht zugegen, noch auch besaß die
 Stadt solche überhaupt. Die aber den Auszug damals mitmachten, waren viel
 zahlreicher, als die der Feinde, gingen jedoch meist ohne alle Waffen mit, da
 Alles, was an Fremden und Bürgern da war, sich an dem Zuge betheiligte. Da 
 sie aber bereits früher schon den Marsch nach Hause fortgesetzt hatten, so war
 ihrer nur noch eine geringe Zahl anwesend. Als nun beide Theile schon in
 Schlachtlinie aufgestellt und bereits im Begriff waren, auf einander loszugehen,
 da ermunterte noch Hippokrates, ihr Feldherr, längs der Abtheilungen
 hinschreitend, die Athener mit solchen Worten:

„Ihr Athener, meine Ermunterung ist nur kurz, vermag aber bei tapferen Männern
 gleich viel, und sie ist mehr Erinnerung, als Anspornung. Keinem von euch möge
 es bekommen, daß wir hier aus fremdem Boden uns ohne Noth leichtsinnig einer so
 großen Gefahr unterziehen; denn im Lande Dieser werden wir um unser eigenes
 kämpsen, und wenn der Sieg nns gehört, so werden die Peloponnesier nie
 mehr in unser Land fallen, da ihnen die böotifche Reiterei fehlt, sondern in
 Einer Schlacht werdet ihr dieß Land gewinnen und 
 
 
 
 
 die Freiheit eures eigenen erhöhen. Geht also in den Kampf mit diesen, wie
 eS würdig ist der Stadt, welche, als die erste unter den Hellenen, Jeder von
 euch sich rühmt zur Vaterstadt zu haben, — und würdig eurer Väter, welche unter
 Myronidas diese Männer bei Oenophyta^) besiegt und Böotien gewonnen haben!"

Während Hippokrates die Seinigen also aneiserte, war er bis zur Mitte des
 Heeres gekommen, fand aber jetzt nicht mehr Zeit, weiter zu gehen, denn die
 Böoter, welchen auch hier Pagondas mit kurzen Worten zugesprochen hatte,
 stürmten den Schlachtgesang anstimmend vom Hügel herab. Es gingen ihnen nun auch
 die Athener entgegen, und im Sturmlauf trafen beide aus einander. Auf beiden
 Seiten aber kamen die Flügel gar nicht zum Handgemenge, sondern auf beiden
 Flügeln traf es sich, daß Waldströme den Zusammenstoß hinderten; bei den übrigen
 HeereStheilen aber wurde heiß gekämpft und die Schilde prasselten auf einander.
 Den linken böotischen Flügel und die Ausstellung bis zur Mitte hin brachten die
 Athener zum Weichen und sie bedrängten hier besonders die Thespier. Denn da ihre
 Nachbarn in der Aufstellung bereits gewichen waren und sie selbst daher
 eng eingeschlossen wurden, so wurde hier eine große Zahl Thespier im Handgemenge
 fechtend zusammengehauen; aber auch einige Athener traf dieß Loos, da sie wegen
 ihrer durch die Umzingelung aufgelösten Ordnung einander mißkannten und sich
 gegenseitig tödteten. Aus dieser Seite also wichen die Böoter und zogen sich
 fliehend auf den noch kämpfenden Theil zurück. Ihr rechter Flügel aber, wo die
 Thebaner standen, war im Vortheil über die Athener und drängte sie Anfangs 
 Schritt vor Schritt vor sich her. Nun schickte auch Pagondas zwei Abtheilungen
 Reiter ungesehen um den Hügel herum, wo der linke Flügel in Bedrängniß war, und
 als sie hier plötzlich zum Vorschein kamen, glaubten die auf dem siegreichen
 Flügel der Athener, es komme da ein zweites Heer, und geriethen in Schrecken,
 und so riß auf beiden Flügeln, hier wegen dieses Ereignisses und dort wegen der
 nachdrängenden und schon durchbrechenden Thebaner, allgemeine Flucht im
 Heer der Athener ein. Einige flüchteten gegen Delion und das Meer zu, Andere
 nach Oropos, ein Theil auch nach dem Berge Par­ 
 
 nes und wieder Andere nach vershciedenen Seiten, wo grade ein Je- 
 der Rettung hoffte. Die Böoter aber verfolgten und hieben meder,, 
 besonders ihre Reiterei und die der Lokrer, welche grade, als die Flucht sich
 entschied, auf dem Schlachtfelde eingetroffen waren. Da die Nacht die Verfolgung
 abschnitt, so fand die große Masse der Fliehenden leichter Rettung. Am folgenden
 Tage wurden die aus Oropos und Delion, wo trotzdem zur ferneren Behauptung eine
 Besatzung blieb, auf Schiffen nach Hause geführt 44).

Die Böoter ihrerseits errichteten ein Siegeszeichen, hoben ihre Todten auf und
 plünderten die der Feinde. Dann zogen sie sich, zur Bewachung eine Abtheilung
 zurücklassend, auf Tanagra zurück und dachten, wie sie Delion bekennen
 möchten. 
 Aus Athen wurde ein Herold der Todten wegen abgeschickt. Der begegnete aber
 unterwegs einem böotischen Herold, der ihn umkehren hieß; denn er werde, sagte
 dieser, Nichts ausrichten, bevor er selbst nicht wieder zurück sei. Dieser trat
 dann vor die Athener und sagte ihnen im Namen der Böoter, sie handelten unrecht,
 daß sie die gemeinen Gesetze der Hellenen überträten; denn bei Allen gelte es,
 daß sie bei einem Einfall auf hellenisches Gebiet die dortigen Heiligthümer
 unberührt ließen. Die Athener aber hätten Delion verschanzt und sich darin
 festgesetzt, und es geschehe daselbst Alles, waS sonst Menschen auf ungeweihtem
 Boden thäten, und auch das Wasser, welches sie selbst unberührt ließen, außer
 zum Sprengen bei heiligen Handlungen, werde geschöpft und wie gemeines Wasser
 verbraucht. Der Gottheit und ihrer selbst wegen also forderten die Böoter bei
 den gemeinsamen Göttern und bei Apollo sie auf, aus dem Heiligsten abzuziehen
 und mitzunehmen, was ihnen gehöre.

Auf diese Forderung des Herolds schickten die Athener 
 
 
 
 einen ihrer Herolde an die Böoter und ließen sagen: „sie hätten sich an dem
 Heiligthume in Nichts vergangen und würden auch künftig mit Willen dasselbe nicht
 verletzen; denn sie seien ja auch von vorn herein nicht zu einem solchen Zwecke
 gekommen, sondern vielmehr, um von dort aus sich derer zu erwehren, die gegen sie
 Unrecht thäten. Gemeinsames Gesetz bei den Hellenen sei, daß, wer immer über
 eine Landstrecke, sei sie nun größer oder kleiner, die Macht habe, hiemit 
 auch die Heiligthümer besitze, um ihrer dem Herkommen und den eigenen Kräften
 gemäß zu warten; denn auch die Böoter und viele andere Stämme, so viele ihrer mit
 Gewalt Andere ausgetrieben, deren Land sie nun als eigen besäßen ^), hätten jetzt
 fremde Heiligthümer im eigenen Besitz, obgleich sie zuerst auch als Feinde in's
 Land gekommen seien. Und auch sie würden, selbst wenn sie im Lande jener
 noch weitere Eroberungen machen könnten, diese als rechtmäßiges Eigenthum 
 besitzen, und für jetzt würden sie von da, wo sie jetzt stünden, als von ihrem
 Eigenthum, nicht abziehen. Das Wasser zu berühren, habe die Noth sie gezwungen,
 und in diese Noth hätten sie sich nicht durch Uebermuth versetzt; sondern während
 ihrer Abwehr gegen jene, die zuerst ihr Gebiet angegriffen, seien sie genöthigt
 worden, sich desselben zu bedienen. Es sei aber ganz natürlich, daß eine That, zu
 der man durch Krieg oder Noth gezwungen worden, auch bei der Gottheit 
 Entschuldigung finde. Gewährten ja doch die Altäre sogar für freiwillige 
 Verbrechen Zuflucht. Frevel aber sei eine Bezeichnung für solche Vergehen, zu
 denen Einer nicht gezwungen gewesen sei, und nicht für solche, wozu Einer im
 Drang der Noth habe schreiten müssen. Wer aber, wie Jene, Todte gegen
 Heiligthümer auszuwehcseln begehre, der mache sich eines viel größeren Frevels
 schuldig, als die, welche um Tempel nicht erkaufen wollen, was nicht geziemt. Und
 ausdrücklich, befahlen sie, solle er ihnen sagen, sie würden nicht unter
 der Bedingung des Abzugs aus dem böotischen Gebiet — und es gehöre ja auch
 gar nicht mehr jenen, was sie selbst sich mit dem Schwerte erkämpft hätten —
 sondern nur nach hergebrachter Weise unter dem Schutze eines Waffenstillstandes
 ihre Todten abholen."

Die Böoter gaben hierauf zur Antwort: „wenn die Athe­ 
 
 ner auf Böotischem Gebiete stünden, so sollten sie abziehen und mit-
 
 nehmen, was ihnen gehöre; stünden sie aber auf eigenem Grund und« Boden,
 so müßten sie ja selbst wissen, was sie zu thun hätten." Damit gaben sie zu
 verstehen, daß die Oropische Landschaft, wo zufällig die Todten lagen, da die
 Schlacht auf den Gränzen stattgefunden hatte, dem Unterthanenverhältniß nach den
 Athenern gehöre, daß diese sich aber doch nicht wider ihren Willen der Todten
 bemächtigen würden, und sie könnten ja auch gar keinen Waffenstilltsandsvertrag
 über ein Gebiet abschließen, das ihnen nicht gehören solle. Jene Antwort aber,
 „daß sie gegen den Abzug aus Böotischem Gebiete das Verlangte erhalten
 könnten", hielten sie für ganz passend. Der Herold der Athener ging mit dieser
 Antwort unverrichteter Sache wieder zurück.

Die Böoter schickten nun sogleich um Speerschützen und Schleuderer vom
 Melischen Meerbuset, und da ihnen nach der Schlacht auch zweitausend
 schwerbewaffnete Korinther zu Hülse gekommen und auch die peloponnesische
 Besatzung aus Nisäa mit den Megarern zu ihnen gestoßen war, so zogen sie vor
 Delion und bekannten die Verschanzung. Unter Anderem, was sie versuchten,
 wendeten sie auch die folgende Erfindung an, durch die sie den Platz auch
 wirklich nahmen. Sie schnitten einen großen Stamm in der Mitte entzwei, höhlten
 ihn dann ganz durch und fügten ihn wieder sorgfältig an einander, wie eine
 Röhre; dann befestigten sie an das untere Ende des Stammes vermittels Ketten ein
 Becken, in welches man durch die Höhlung des Balkens ein Blasrohr herabgehen
 ließ, welches am sunteren^ Ende von Eisen war; auch sonst war der Balken zu
 einem großen Theil mit Eisen beschlagen. Nun führten sie das Ganze aus weiter
 Entfernung auf Wagen zu der Mauer heran, besonders da, wo Reben und
 Holzwerk in den Bau eingefügt waren, und so oft er nahe genug herangebracht war,
 setzten sie große Blasebälge in die ihnen zugekehrte Mündung des Balkens und
 setzten diese in Thätigkeit. Die Luft, die nun durch die enge Höhlung in das
 Becken blies, das mit glühenden Kohlen, Schwefel und Pech angefüllt war,
 entzündete eine mächtige Flamme und steckte die Verschanzung in Brand, so daß
 Niemand mehr dort aushalten konnte, sondern Alle sie im Stich ließen und davon-
 gingen, auf welche Art denn die Verschanzung genommen wurde. Von der
 Besatzung waren einige gefallen, zweihundert wurden gefangen 
 
 genommen, die Mehrzahl der Uebrigen schiffte sich ein und fuhr nach 
 Hause.

Als Delion am siebzehnten Tage nach der Schlacht genommen war, und nicht lange
 danach wieder der Herold der Athener der Todten wegen kam, jedoch in Unkenntniß
 dessen, was sich ereignet hatte, antworteten die Böoter nicht mehr wie das
 erstemal, sondern gaben die Todten heraus. Es waren aber von den Böotern in der
 Schlacht etwas unter fünfhundert gefallen, von den Athenern hingegen etwas
 unter tausend und darunter Hippokrates, ihr Feldherr, dazu aber noch eine große
 Zahl Leichtbewaffneter und vom Troß. 
 Kurz nach dieser Schlacht unternahm Demotshenes, da ihm sein Seezug zum Zwecke
 der Uebernahme von Siphä nicht nach Wunsch ausgegangen war, mit einem Heere von
 Akarnanern und Agräern und vierhundert athenischen Schwerbewaffneten eine
 Landung der Flotte auf das Gebiet von Sikyon. Noch eh' aber sämmtliche Schiffe
 landen konnten, eilten die Sikyonier zur Abwehr herbei, schlugen die 
 Gelandeten in die Flucht und verfolgten sie bis zu ihren Schiffen. Eine Anzahl
 von ihnen tödteten sie, Andere nahmen sie lebend gefangen. Dann errichteten sie
 ein Siegeszeichen und gaben unter einem Waffenstillstände jenen ihre Todten
 heraus. 
 Ungefähr in denselben Tagen, als bei Delion geschlagen wurde, verlor auch der
 Odryserkönig Sitalkes, auf einem Feldzuge gegen die Triballer in einer Schlacht
 besiegt, sein Leben. SeutheS, des Sparadokos Sohn, sein Neffe brüderlihcerseits,
 wurde nun König über die Odryser und das übrige Thrakien, das auch jener
 beherrscht hatte.

Im selben Winter zog Brasidas mit den Bundesgenossen auS den thrakischen
 Grenzlanden gegen die Stadt Amphipolis am Strymon-Flusse, einen Pflanzort der
 Athener. Eben denselben Platz, auf welchem die Stadt sieht, hatte schon früher
 der Milesier Aristagoras, als er vor dem König DareioS flüchtig war^), anzubauen
 versucht, war aber von den Edonern verdrängt worden. Danach, zwei und
 dreißig Jahre später^), hatten auch die Athener zehntausend Ansiedler aus ihrer
 Mitte und wer sonst wollte, dahingesendet, die aber bei DrabeskoS von den
 Thrakern aufgerieben wurden. Und 
 
 
 wiederum, im neun und zwanzigsten Jahre danach^), schickten die 
 Athener Ansiedler dahin unter Führung des Hagnon, Sohnes des Nikias. Diese
 vertrieben dann die Edoner aus der Gegend und gründeten diese Stadt an dem Orte,
 der früher Neunwege (EnneaHodoi) genannt worden war. Sie kamen aber damals
 flußaufwärts von Eion, das, an der Mündung des Flusses gelegen, ihnen als 
 Seehandelshafen diente und fünf und zwanzig Stadien von der Stadt entfernt ist,
 der Hagnon den Namen Amvhipolis (Ningstadt) gab, weil der Strymon sie im
 Halbkreis umfloß und er selbst vom einen Arme des Flusses zum andern eine lange
 Mauer gezogen hatte. Er baute sie aber so, daß sie über das Festland und das
 Meer weithin sichtbar ist.

Gegen diese Stadt nun, aufbrechend von Arnä auf Chalkidike, marfchirte Brasidas
 mit seinem Heere. Gegen Abend hatte er Aulon und BromiSkos erreicht, wo der See
 Bolbe seine Mündung in's Meer hat; dort ließ er abessen und marfchirte dann die
 Nacht durch weiter. Es war nämlich stürmisches Wetter und schneite ein 
 wenig, weßhalb er um so mehr vorwärts strebte, um von denen in Amphipolis
 unbemerkt zu bleiben, — die ausgenommen, welche daselbst mit Verrath umgingen.
 Es wohnten nämlich daselbst auch Argilier — Argilos ist ein Pflanzort von Andres
 — diese und einige andere arbeiteten im Einverständnisse mit Brasidas, wozu sie
 theils durch Perdikkas, theils durch die Chalkidier beredet worden waren — 
 vorzüglich aber wirkten die Argilier, die ganz in der Nähe wohnten und sich von
 jeher den Athenern verdächtig gemacht hatten und sich Amphipolis aufsäßig
 gezeigt hatten, da jetzt die Gelegenheit günstig war und Brasidas heranrückte,
 bei ihren in Amphipolis wohnenden Leuten dahin, daß die Stadt übergeben werden
 sollte. Jetzt nun nahmen sie den Brasidas in ihre Stadt auf, erklärten ihren
 Abfall von Athen und brachten noch in derselben Nacht vor Sonnenaufgang das
 Heer bis an die Flußbrücke. Die Stadt selbst liegt aber noch etwas weiter
 oberhalb der Brücke, und die Mauern zogen sich damals noch nicht so weit herab,
 wie jetzt, sondern es stand dort nur ein schwacher Posten, den Brasidas leicht
 bewältigte, einmal, weil auch hier Verrath 
 
 
 thätig war, dann auch wegen der stürmischen Witterung, und weil der 
 Uebersall ganz unerwartet geschah. Dann überschritt er die Brücke und nahm
 sogleich in der ganzen Gegend in Besitz, was den außerhalb der Stadt wohnenden
 Amphipoliten gehörte.

Da dieser Flußübergang denen in der Stadt ganz unerwartet kam, und von denen,
 welche außer der Stadt wohnten, viele gefangen wurden, Andere aber sich hinter
 die Ringmauern flüchteten, so geriethen die Amphipoliten in große Bestürzung,
 zumal sie sich auch unter einander nicht trauten. Und man behauptet, Brasidas
 habe die Stadt wohl nehmen können, wenn er, anstatt sein Heer mit 
 Plünderung zu beschäftigen, den Ort sogleich hätte angreifen wollen. Nun aber
 ließ er das Heer ein Lager schlagen und in der Umgegend ans Plünderung streifen,
 und da Seitens derer in der Stadt Nichts von dem geschah, woraus er wartete, so
 hielt er sich ruhig. Die Gegenpartei der Verräther aber, der Zahl nach
 überlegen, verhüteten, daß die Thore nicht sogleich geöffnet wurden, und
 schickten im Einvernehmen mit Eukles, dem Feldherrn der Athener, der zur
 Ueberwachung des Platzes da war, Boten zu seinem Mitfeldherrn an der thrakischen
 Küste, Thukydides, dem Sohne des Oloros, der diese Geschichte verfaßt hat
 und damals bei Thasos stand — welche Insel, eine Siedelung der Parier, von
 Amphipolis ungefähr eine halbe Seetagreise entfernt ist — mit der Aufforderung,
 ihnen zu Hülfe zu kommen; und dieser ging aus die Meldung hin mit sieben
 Schiffen, die zur Hand waren, sogleich unter Segel, in der Absicht, sich wo
 möglich noch nach Amphipolis zu werfen, bevor die Stadt übergehe, und wenn das
 nicht, so doch Eion noch zu besetzen.

Brasidas indessen, der sich sowohl wegen der von Thasos zu Hülse eilenden
 Schiffe fürchtete, als auch, weil er erfahren hatte, daß Thukydides das
 Nutznießungsrecht von Goldbergwerken in der dortigen Gegend Thrakiens besitze
 und deßhalb einer der einflußreichsten Männer des Festlandes sei, beeilte sich,
 die Stadt wo möglich noch vorher in seinen Besitz zu bringen, damit nicht die
 Mehrzahl der Amphipoliten, welche hofften, daß jener zur See Bundeshülse bringen
 und auch ein thrakisches Hülfsheer sammeln und sie so retten könne, nach
 seiner Ankunft die Uebergabe der Stadt von sich weisen möchten. Deßhalb stellte
 er mäßige Vcrgleichsbedingungen und ließ durch den 
 Herold verkünden, wer'von denen in der Stadt, ob nun Amphipolite, 
 oder Athenrr, damit einverstanden sei, der könne unter völliger Rechts- l 
 Gleichheit im Besitze des Seinigen bleiben; wer aber das nicht wolle, der könne
 binnen fünf Tagen abziehen und das Seinige mitnehmen.

Die Mehrzahl der Amphipoliten nun, als sie dieß hörten, wurden anderer
 Gesinnung, zumal sich auch nur wenige Athener unter den Bürgern fanden, vielmehr
 die meisten gemischtes Ursprungs waren. Auch wohnten in der Stadt viele
 Angehörige der vor den Mauern Gefangenen. Im Verhältniß zu dem, was sie
 gefürchtet hatten, schien ihnen des Brasidas Aufforderung gemäßigt: den
 Athenern, weil sie froh waren, hinauszukommen, da so die Gefahr für sie
 unvergleichlich geringer schien, und dann auch, weil sie Hülse so bald nicht
 erwarteten; dem übrigen Haufen, weil er nicht in gleicher Weise aus der 
 Stadt ausgetrieben wurde und sich wider Erwarten aller Furcht ledig sah. So
 traten denn auch die, welche mit Brasidas unter der Decke gespielt, bereits ganz
 offen auf und verfechten diese Ansicht, da sie sahen, wie auch die Menge jetzt
 anderer Meinung geworden war und dem anwesenden athenischen Feldherrn kein Gehör
 mehr schenkte. So wurde also der Vergleich abgeschlossen, und sie nahmen den
 Brasidas unter den von ihm verkündeten Bedingungen in die Stadt auf. — Diese
 nun übergaben die Sadt auf die angegebene Art, Thukydides aber mit feinen
 Schiffen segelte am Abend desselben TageS in Eion ein. Amphipolis hatte Brasidas
 bereits in Besitz und um eine Nacht hätte er auch Eion genommen; denn wären die
 Schiffe nicht schleunig zu Hülfe gekommen, so wäre am Morgen der Platz schon
 verloren gewesen.

Thukydides traf nun in Eion Vorkehrungen, sowohl um die Stadt für den
 Augenblick, wenn Brasidas angreifen sollte, als auch für die Zukunft zu sichern,
 und nahm diejenigen auf, welche aus der oberen Stadt, dem Vergleiche gemäß, zu
 ihm kommen wollten. Brasidas aber erschien plötzlich mit vielen Fahrzeugen den
 Fluß abwärts segelnd vor Eion, in der Absicht, wo möglich die von der 
 Verschanzung vorspringende Landspitze zu nehmen, um so die Einfahrt zu
 beherrschen; sowohl dieser Versuch aber, als auch der gleichzeitige zu Lande,
 wurden abgeschlagen, worauf er in Amphipolis die nöthigen Anstalten traf. Auch
 Myrkinos, eine Stadt der Edoner, trat zu ihm 
 
 über, nachdem der Edonerkönig Pittakos durch die Söhne des GoaxiS und
 dessen Gemahlin Brauro ermordet worden war; ebenso Galepsos und nicht lange
 danach auch Oesyme. Es sind dieß Pflanzorte der Thasier. Hicbei hatte auch
 Perdikkas mitgewirkt, der sogleich nach der Einnahme von Amphipolis herbeigeeilt
 war.

Wegen des Verlustes von Amphipolis geriethen die Athener in große Furcht, zumal
 ihnen auch die Stadt durch Lieferung von Schiffsbauholz und Steuerzahlung
 nützlich gewesen war, und weil die Lakedämonier ^bis jetzig zwar im Geleite der
 Thessaler gegen ihre Bundesgenossen bis an den Strymonfluß vorbringen konnten,
 aber, ohne den Brückenübergang in ihrer Gewalt zu haben, nicht weiter zu 
 kommen vermochten, weil sich von oben her längs einer großen Strecke des Flusses
 ein bedeutender Sumpf hindehnteund die Athener gegen Eion hin Kriegsschiffe zum
 Schutze aufgestellt hatten; jetzt aber, glaubten sie, sei jenen die Sache leicht
 gemacht. Auch fürchteten sie den Abfall der Bundesgenossen, denn Brasidas zeigte
 sich sowohl im Uebrigen gemäßigt und erklärte auch in seinen Reden überall, daß
 er ausgeschickt sei, um Hellas frei zu machen; und als die den Athenern
 unterthänigen Städte von der Wegnahme von Amphipolis hörten und welche
 Bedingungen jener anbiete und wie mild er sich zeige, so wurden sie sehr
 geneigt, ihre Lage zu ändern und schickten heimlich Herolde an jenen, mit der
 Aufforderung, bei ihnen zu erscheinen, und jede wollte zum Abfall die erste
 sein. Und sie glaubten dieß auch ohne Gefährde thun zu können; so sehr täuschten
 sie sich über die Macht der Athener, die sich hinterher viel größer zeigte; aber
 die Menschen beurtheilen ja die Dinge mehr nach ihren unklaren Wünschen, als mit
 untrüglicher Voraussicht, und sind gewohnt, in Betreff dessen, was sie 
 wünshcen, sich ganz und gar einer blinden Hoffnung hinzugeben, was sie aber
 nicht wünschen, mit willkürlicher Verstandesdeutung abzuweisen. Auch weil die
 Athener kürzlich in Böotien geschlagen worden waren, und Brasidas zwar
 Verführerisches, aber nicht der Wahrheit gemäß vorbrachte, als ob nämlich bei
 Nisäa, wo die Athener sich nicht zu schlagen wagten, er mit seinem Heere allein
 ihnen so furchtbar gewesen wäre — auch deßhalb also faßten die Städte Muth und
 ver-­ 
 
 trauten, daß niemals Jemand zur Ahndung gegen sie ziehen werde. 
 Der Hauptgrund war aber, weil es ihnen für den Augenblick erwunjckt war,
 und weil sieden ersten guten Eifer der Lakedämonier zu erproben dachten; dafür
 waren sie bereit, sich in jeder Weise Gefahren zu unterziehen. Als die Athener
 dieß merkten, schickten sie, so weit es sich in der Geschwindigkeit und der
 schlechten Jahreszeit wegen thun ließ, Besatzungen in die Städte; Brasidas aber
 sandte nach Lakedämon und verlangte dringend, ihm noch Truppen zuzuschicken,
 und traf selbst am Strymon Vorkehrungen zum Bau von Kriegsschiffen. Die
 Lakedämonier zeigten sich ihm jedoch nickt willfährig, theils weil die ersten
 Männer unter ihnen auf jenen neidisch waren, theils auch, weil sie mehr daran
 dachten, ihre Leute oon der Insel (Sphakteria) zurückzuerhalten und dem Krieg
 ein Ende zu machen.

In demselben Winter nahmen die Megarer ihre langen 
 Mauern wieder, welche die Athener besetzt hielten, und rißen sie bis, auf
 den Grund nieder, und Brasidas zog nach der Einnahme von Amphipolis mit den
 Bundesgenossen gegen die sogenannte (Halbinsel) Akte. Dieselbe erstreckt sich
 von dem Kanäle des Königs Ho) an einwärts (d. h. südlich), und der Athos, ein
 hoher Berg auf derselben, fällt in das Aegäische Meer hinaus ab. Von Städten
 sind dort Sane, eine Pflanzung der Andrier, am Kanale selbst liegend und
 gegen das Euböische Meer hingewendet, und außerdem Thyssos, Kleonä, Akrothooe,
 Olophyxos und Dion, deren Bewohner aus verschiedenen barbarischen
 Völkerschaften, welche beide Sprachen (barbarisch und hellenisch) reden,
 gemischt sind. Auch etwas Ehalkidisches Blut iii unter ihnen, meist aber sind es
 Pelasger vom Stamme der Tyrsener, welche früher einmal auch Lemnos und Athen
 besaßen, oder Bisalter und Krestoner und Edoner; die Städtchen aber, in denen
 sie wohnen, sind unbedeutend. Die Mehrzahl derselben nun trat zu Brasidas
 über, Sane und Dion aber leisteten Widerstand, weßhalb er mit seinem Heere dort
 stehen blieb und daS Gebiet verwüstete.

Da sie aber im Widerstand verharrten, wendete er sich plötzlich gegen das
 Chalkidische Torone, welches die Athener besetzt 
 
 
 hielten. Eine kleine Zahl Bürger, welche ihm die Stadt in die- Hände zu
 spielen bereit waren, riefen ihn herbei. Er kam an, als es noch dunkel war, aber
 der Morgen schon grauen wollte, und lagerte sich mit dem Heere bei dem Tempel
 der Dioskuren, der von der Stadt ungefähr drei Stadien entfernt ist. Die übrigen
 Bürger in Torone und die Athener der Besatzung merkten davon Nichts; von denen
 aber, die mit ihm unter der Decke spielten und von seinem Anmärshce 
 wußten, waren Einige heimlich hinausgegangen und hielten ihm den Zugang offen,
 und als sie ihn bereits angekommen sahen, brachten sie von-seinen Leuten sieben
 Mann Leichtbewaffnete mit Dolchen in die Stadt hinein — denn nur so viele von
 den zuerst dazu bestimmten zwanzig Mann fürchteten sicd nicht hineinzugehen;
 Lysistratos, der Olynthier, befehligte sie. Diese schlichen sich durch die dem
 Meere zugekehrte Verschanzung ein, erstiegen — die Stadt ist nämlich an 
 einem Hügel'hinausgebaut — den höchsten Punkt derselben, unbemerkt von der hier
 aufgestellten Wachmannschaft, stachen diese nieder und öffneten die Mauerpforte
 gegen Kanasträon hin.

Brasidas, der indessen etwas näher vorgerückt war, hielt sich mit dem übrigen
 Heere ruhig und sandte nur hundert leichte Schildträger vor, damit diese, wenn
 ein und das andere Thor geöffnet und das verabredete Zeichen gegeben würde,
 zuerst eindringen sollten. Diese waren, während zu ihrer Verwunderung längere
 Zeit verstrich, allmälig bis nahe an die Stadt gekommen. Indessen waren 
 jene Toronäer in der Stadt mit den Eingedrungenen nicht unthätig, und als jenes
 Pförtchen geöffnet und auch das Stadtthor beim Markte vermittelst Durchhauung
 deS Querbalkens gesprengt war, brachten sie zuerst einige um die Mauer herum
 durch das Pförtchen herein, damit sie durch ihr plötzliches Erscheinen im Rücken
 und auf beiden Seiten die Nichts ahnenden Toronäer in Verwirrung setzten; danach
 gaben sie das Feuerzeichen, wie verabredet war, und ließen nun auch die
 übrigen leichten Schildträger durch das Marktthor herein.

Als Brasidas das Zeichen sah, setzte er sein Heer in Bewegung und ließ es im
 Laufschritt unter allgemeinem Geschrei anstürmen, so daß die in der Stadt in die
 höchste Bestürzung geriethen. Einige drangen sogleich durch das Thor ein, Andere
 mit Hülse der viereckigen Balken, welche zufällig an den eingefallenen und in
 der 
 Ausbesserung begriffenen Mauerstellen zum Hinaufbringen der Steine 
 angelehnt waren. Brasidas und die Meisten mit ihm wendeten sich , sogleich
 auswärts nach den höheren Theilen der Stadt, um dieselbe ganz und zuverlässig in
 ihre Gewalt zu bekommen.. Der übrige Hause vertheilte sich gleicher Weise nach
 allen Richtungen.

Bei diesem Ueberfall ihrer Stadt gerieth die Mehrzahl der Toronäer, welche um
 Nichts gewußt hatten, in große Verwirrung; die aber, welche das Ganze
 eingefädelt hatten, und die, welchen das Ereigniß sonst nach Wunsch kam, machten
 sogleich mit den Eingedrungenen gemeinsame Sache. Von den Athenern aber — denn
 es übernachteten zufällig grade gegen fünfzig Schwerbewaffnete auf dem 
 Markte — fielen einige im Handgemenge, und die übrigen, als sie merkten, was
 vorging, flohen theils zu Land, theils aus die Schiffe, deren zwei auf Wache
 standen, und retteten sich in das Kastell Lekythos, welches sie im alleinigen
 Besitz hatten, und das nach der Meerseite hin auf einem hohen Punkte der Stadt
 gelegen und durch eine fchmale Landenge von derselben getrennt war. Hieher
 flüchteten sich zu ihnen auch diejenigen Toronäer, welche zu ihnen in näherer
 Beziehung standen.

Als es heller Tag geworden und Brasidas bereits im sicheren Besitze der Stadt
 war, ließ er den mit den Athenern geflüchteten Toronäern durch deu Herold sagen,
 wer wolle, der könne in sein Eigenthum zurückkehren und ohne Furcht in der Stadt
 wohnen; zu den Athenern aber sandte er einen Herold und forderte sie auf, Le-'
 > kythos unter dem Schutze eines Vergleiches und mit all ihrer Habe zu
 verlassen, denn es gehör? den Chalkidiern. , Die aber sagten, sie würden nicht
 weggehen, und verlangten, er solle ihnen einen Tag Waffenstillstand gewähren,,
 damit sie ihre Todten abholen.könnten. - Brasidas nun gewährte ihnen zwei Tage.
 Unterdessen befestigte er die .nahe liegenden Häuser, und ebenso thaten die
 Athener aus ihrer Seite. 
 Darauf hieß Brasidas die. Toronäer zusammenkommen, und redete zu ihnen
 Aehnliches wie in Akanthos: es wäre ungerecht, wenn sie diejenigen, welche
 ihm.die Einnahme der Stadt möglich gemacht hätten, deßhalb für schlechter oder
 für Verräther halten wollten, — -denn sie hätten nicht, um die Stadt in
 Knechtschaft zu bringen, noch auch durch Geld bestochen jenes gethan, sondern in
 guter Absicht und 
 
 um der Stadt die Freiheit zu geben, — sie sollten aber auch nicht glauben,
 daß diejenigen, welche sich daran nicht betheiligt, nun nicht auch gleiche
 Ansprüche hätten, denn er sei nicht gekommen, um irgend eine Stadt oder einen
 Bürger in's Unglück zu bringen. Und er habe deßhalb auch den zu den Athenern
 Geflüchteten den Antrag machen lassen, weil er glaube, daß sie trotz der
 Freundschaft mit jenen nicht schlechtere Bürger seien; auch würden jene, —
 glaube er — wenn sie erst die Lakedämonier aus Erfahrung kennen gelernt, keine
 geringere Neigung zu ihnen selbst fassen, vielmehr eine noch größere, je mehr
 sie ja auch selbst sich der Gerechtigkeit in höherem Grade befleißigten 
 (als die Athener); jetzt aber seien sie geschreckt, weil sie sie noch nicht 
 kennen gelernt hätten. Alle aber, verlangte-er, sollten sich bereit halten, sich
 als zuverläßige Bundesgenossen zu zeigen; denn von jetzt an würde ihnen bereits
 jedes Vergehen zur Anschuldigung gereichen. Durch das, was vergangen sei, wären
 sie, die Lakedämonier, nicht beleidigt worden, vielmehr sie, die Toronäer
 selbst, durch andere Mächtigere, und worin sie allenfalls den Lakedämonier»
 entgegengehandelt, das sei verziehen.

Durch solche Reden ermuthigte er sie, und als der Waffenstillstand vorüber war,
 unternahm er den Sturm auf Lekythos; die Athener aber wehrten sich aus ihrer
 schlechten Verschanzung und den Häusern, welche Brustwehren erhalten hatten. Und
 den ersten Tag hindurch trieben sie auch die Angriffe ab; Tags daraus aber, als
 seitens der Feinde eine Maschine gegen sie geführt werden sollte, von 
 welcher maii Feuer an ihre hölzernen Wehren zu bringen gedachte, und das Heer
 schon im Anmarsch war, errichteten sie da, wo nach ihrer Meinung jene ihre
 Maschine zuvörderst anwenden würden und der Platz am leichtesten anzugreifen
 war, auf einem Unterbau einen hölzernen Thurm, trugen viele Eimer und Fässer
 Wasser's und große Steine hinauf und erstiegen ihn auch selbst in großer Anzahl.
 Da aber der Bau eine zu große Belastung erhalten hatte, so brach er 
 plötzlich unter großem Gekrache zusammen, was bei den Athenern, die in der Nähe
 tsanden und Alles sehen konnten, mehr Aerger als Furcht erregte; die aber etwas
 entfernter und besonders die, welche am weitesten abstanden, glaubten dabei, der
 Platz sei schon genommen und wendeten sich fliehend dem Meere und den Schiffen
 zu.

Als nun Brasidas sah, wie sie die Brustwehren verließen, 
 und erkannte was vorging, griff er sogleich mit dem Heere an, nahm l die
 Verschanzung und hieb nieder, was er darin traf. Die Athener, welche auf die
 angegebene Art auf Last- und Kriegsschiffen den Platz verlassen hatten, wurden
 nach Pallene geführt. Brasidas aber, der beim Beginne deS Sturmes zufällig durch
 den Herold hatte ausrufen lassen, daß, wer zuerst die Mauer ersteige, von ihm
 dreißig Silberminen erhalten solle, glaubte jetzt, daß die Einnahme auf andere
 Art als durch menschliche Kraft erfolgt sei, und da auf Lekythos ein 
 Tempel der Athene steht, so legte er die dreißig Minen als Geschenk für die
 Göttin in dem Heiligthum nieder, ließ die Verschanzungen abtragen, Alles
 aufräumen und weihte das Ganze zu einem heiligen Bezirke. — Was vom Winter noch
 übrig war, verwendete er zur Einrichtung der Plätze, die er bereits besaß, und
 traf Anstalten gegen die noch übrigen. — Mit diesem Winter ging auch das achte
 Jahr dieses Krieges zu Ende.

Sogleich mit Frühlingsanfang des folgenden Jahres schloßen Lakedämonier und
 Athener einen Waffenstillstand auf ein ganzes Jahr; die Athener, weil sie
 dachten, Brasidas könne ihnen so weiter keine Städte mehr zum Abfall bewegen,
 bis sie sich in Ruhe gerüstet hätten; und wenn sie sich so in eine günstige Lage
 versetzt, würden sie auch weitere Friedensvereinbarungen treffen können;
 die Lakedämonier aber dachten sich, daß die Athener eben dergleichen
 Befürchtungen hegten, wie sie deren wirklich hatten, und wenn sie erst von
 Knegsübeln und Mühseligkeiten einige Ausrast verschmeckt hätten, würden sie sich
 noch mehr nach Frieden sehnen und unter Auslieferung ihrer Leute auch aus
 längere Zeit einen Vertrag schließen. Sie wünschten nämlich dringender ihre
 Leute zurückzuerhalten, während Brasidas noch in glücklichem Fortschreiten
 begriffen war, denn hätte er erst noch Größeres erreicht und den Athenern
 gegenüber wieder ein vollständiges Gleichgewicht hergestellt, so würden sie
 gewiß jener Leute verlustig gehen, und dann sei bei weiterem gefahrvollem 
 Kampf mit beiderseits gleicher Macht der Sieg doch noch ungewiß. Es wurde also
 zwischen den beiden Parteien und ihren Bundesgenossen folgender Waffenstillstand
 abgeschlossen:

„In Betreff des Tempels und Orakels des Pythischen 
 
 Apollo schlagen wir vor, daß Jeder, der da will, ohne Furcht und Gefahr
 nach der Weise der Väter daselbst Zutritt haben soll. Den Lakedämoniern dünkt
 dieß also genehm,-und so auch den anwesenden Bundesgenossen. Die Böoter und
 Phokier eben dazu durch Herolde zu vermögen, versprechen sie nach Möglichkeit.
 In Betreff des Tempeleigenthums werden wir nach Pflicht und Recht Sorge tragen,
 daß wir ausfindig machen, die daran gefrevelt haben, sowohl wir als auch
 ihr, und wer sonst von den Andern will, Alle nach den väterlichen Gesetzen. In
 Betreff der jetzigen Verhältnisse hat den Lakedämoniern und den andern
 Bundesgenossen genehm geschienen: wenn die Athener den Waffenstillstand
 eingehen, so sollen sich beide Theile innerhalb des Gebietes halten, welches sie
 jetzt besitzen, die Athener einerseits bei Koryphasion innerhalb Buphras und
 Tomeus, anderseits auf Kythera, ohne sich in die Bundesgenossenschaft
 einzumischen, weder wir in die ihrige, noch sie in die unsrige; — und die,
 welche bei Nisäa und Minoa stehen, sollen die Straße nicht überschreiten, welche
 von-dem Thore neben dem Nisostempel nach dem Heiligthum des Poseidon und
 von hier gerade auf die Brücke von Minoa zuführt; — aber auch die Megarer und
 ihre Bundesgenossen sollen die Straße nicht überschreiten; — und die Insel
 (Minoa), welche die Athener genommen haben, sollen sie behalten, ohne daß sich
 einer von beiden Theilen nach der andern Seite einmischt; — ebenso auch Alles,
 was sie jetzt im Trözenischen Gebiete besitzen, in der Art und Meise, wie 
 die Trözenier mit den Athenern vereinbart haben. Und zur See sollen sie sich in
 ihrem und ihrer Bundesgenossen Gebiet frei bewegen, die Lakedämonier aber und
 ihre Bundesgenossen sollen nicht mit Kriegsschiffen ausfahren, sondern allein
 mit Lastschiffen, die nur von Rudern getrieben werden und bis fünfhundert
 Talente führen. Für Herolde und Gesandtschaften mit ihrem Gefolge, so viel
 dessen nöthig dünkt, zum Zwecke der Beendigung des Krieges und der 
 Rechtsentshceidungen, sowohl nach dem Peloponnes, als nach Athen, soll freier
 Ab- und Zugang fein, sowohl, zu Land, als zu Wasser. Ueberläuser sollen während
 dieser Zeit nicht angenommen werden, 
 
 
 weder ein Freier, noch ein Sklave, weder von unserer, noch von eurer
 Seite Rechtsentscbeidnngen aber sollt ihr
 sowohl uns, als wir euch > gegenüber nach hergebrachter Weise obwalten lassen,
 so daß Streitigkeiten nach dem Recht ohne Kampf entschieden werden.- Dieß ist's,
 was die Lakedämonier und ihre:Bundesgenossen vorschlagen..Wenn ihr aber
 etwas Besseres und Gerechteres wißt als dieß, so kommt nach Lakedämon und theilt
 es mit; denn Nichts, was immer Gerechtes ihr vorbringen möget, werden sie
 abweisen, weder die Lakedämonier, noch ihre Bundesgenossen. Wer aber kommt-soll
 mit Vollmacht kommen, wie auch ihr von uns verlangt. i Der Waffenstillstand soll
 aber ein Jahr dauern." — 
 „Beschlossen hat das Volk (der Athener); der Akamantische Stamm führte den
 Vorsitz; Phainippos war Schreiber; NikiadeS war Vorsteher. LacheS stellte den
 Antrag ^): möge es Glück bringen den Athenern! — es, solle der Waffenstillstand
 abgeshclossen.werden unter den Bedingungen, welche die Lakedämonier und ihre 
 Bundesgenossen eingeräumt haben. Das Volk hat genehmigt, daß der Waffenstillstand
 ein Jahr dauern soll; ansangen aber soll er am heutigen Tage, am vierzehnten des
 Monats Elaphebolion In­ 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 dessen sollen Gesandte und Herolde zwischen ihnen bin und hergehen und
 unterhandeln, wie dem Krieg ein Ende 'gemacht werden könne! Die Feldherrn und
 Prytanen sollen-eine Versammlung berufen-und mit den Athenern zuerst ierat hen,
 unter welchen-Bedingungen eine Ge! sandtschaft wegen Friedensschlusses zulässig
 sei. Die anwesenden Gesandten.aber sollen sogleich vor dem Volke inter den
 heiligen Gebräuchen beschwören, daß sie-den einjährigen Waffenstilltsand-trVu^
 lich halten wollen."

Ueber diese Punkte vereinigten sich die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen
 mit den Athenern und deren Bundesgenossenschaft, und sie beschworen dieselben am
 zwölften des lakedämonischen Monats ^Gerastios. - Es verabredeten und beschworen
 den Vertrag Seitens der Lakedämonier diese: TauroS, Sohn des 
 EcketimidaS,"AtbenaioS, Sohn des Perikleidas, Philocbaridas, Sohn deS 
 Eryxida'l'das; SeitcnS der Konntder: Lineas, Sohn des^OkytoS/ EuphamidaS, Sohn
 des Aristonyinos;' Seitens der Sikyonier: ^DamotimoS, Sohn des Nankrates,
 Öuajunos, Sohn des Megäkles; von Seiten der MegarerNikasos^ des Kekalos Sobn,
 Menekiates, des,Ämphidoros Sohn; Seitens der Epidauriier:' Amphias / Sohn 
 des Eupa'l'das; — von Seiten der Athener aber die Feldherrn Nikostratos, Sohn
 des DiitrepheS, Nikias, Sohn des Nikeratos^Autokles, Sohn 'des Tolmäos. —
 Dieß'also war der Waffenstillstand, welcher zu''Stande kam, und während
 desselben unlerdandelten sie ununterbrochen durch Gesandtschaften wegen eines
 Hauptfriedensschlusses.

Um dieselbe Zeit, als in jenen Tagen die Gesandten zusammentraten, fiel Skione.
 eine Stadt auf Pallene, von den Athenern zum Brasidas ab. Die Skionäer sagen,
 sie seien Palleneer aus dem Peloponnes, und ans der Rückfahrt von Troja seien
 ihre Alten durch jenen Sturm, welcher die Achaier'übcrfiel, an dieß Land 
 verschlagen wörd.en'und, hätten sich da angebaut. Da sie abfallen wollten, fuhr
 BrasidaS zur Nachtzeit nach Stione hinüber, indem ein 
 
 
 
 befreundetes Kriegsschiff voraussegelte, welchem er selbst auf einem
 
 Boote in einiger Entfernung folgte, damit, wenn er auf ein feind-< 
 liches Schiff stoßen sollte, welches größer als sein Boot sei, daS Kriegsschiff
 ihn schütze; würde aber ein anderer Dreiruderer von gleicher Stärke wie das
 Kriegsschiff sich zeigen, so dachte er, werde derselbe nicht auf sein kleines
 Fahrzeug loSgehen, sondern auf daS große Schiff, und unterdessen könne er sich
 retten. Er kam übrigens hinüber, ließ die Skionäer zusammen kommen und sagte
 ihnen dasselbe; wie in AkanthoS und Torone, indem er hinzufügte, „daß sie 
 ihm'des größten Lobes würdig erschienendenn obgleich Pallene bei der Landenge
 abgesperrt.sei, weil die Athener Potidäa im Besitz hätten, und sie demnach sich
 in Nichts von Inselbewohnern unterschieden, seien sie doch aus freier Bewegung
 der Freiheit beigetreten und hätten nicht in feiger Unthätigkeit abgewartet, bis
 ein ihnen offenbar zukommendes Gut mit Gewalt ihnen aufgenötbigt würde, 
 und daS sei ein Beweis, daß sie auch unter anderen Umständen die größten
 Gefahren mannhaft bestellen würden. Wenn erst ihre Verhältnisse ganz nach ihren
 Wünschen geordnet seien, so werde er sie in Wahrheit für die treuesten Freunde
 der Lakedämonier halten und sie auch im Uebrigen zu ehren wissen."

Durch solcherlei Reden fühlten sich die Skionäer aufs Höchste-geshcmeichklt,
 und. Alle insgesammt, selbst auch die, welchen Anfangs die Unterhandlungen nicht
 behagt hatten, faßten Muth und gedachten den Krieg mit ausdauerndem Eifer zu
 tragen, und wie sie den Brasidas auch sonst ehrenvoll aufgenommen, so setzten
 sie ihm auch aus gemeinem Wesen einen goldenen Kranz au?, als dem, der 
 Hellas befreie, und auch aus eigener Bewegung besuchten ihn die Bürger und
 ehrten ihn mit Kränzen und Binden, wie einen Sieger im Wcttkampf. Er aber ließ
 ibnen für den Augenblick einige Mannschaft als Besatzung zurück und ging wuder
 weg; bald danach kam er mit zablieicheren Tiurpen wieder, um vereint mit jenen
 eimn Versuch aus Mente und Potidäa zu machen; denn er dachte, daß die 
 Athener der iniulaiischcn Lage wegen wohl mit einem Hülfeheere dorthin eilen
 winden, und er wollte idnen zuvorkommen; auch knüpfte er in diesen Städten
 Unterhandlungen wegen verräterischer Uebergabe derselben an.-

Und eben war er im Begriff, einen
 Handstreich auf diese Städte auszuführen, da kamen auf einem Dreiruderer
 diejenigen zu ihm, welche die Meldung vom Waffenstillstände überall hinzubringen
 hatten. Seitens der Athener Aiistonymos und von den Lakedämoniern 
 Athenäos. Diese setzten den Brasidas in Kenntniß von dem Vergleiche, und sein
 Heer ging nun wieder nach Torone zurück. Auch alle Bundesgenossen der
 Lakedämonier in den Thrakischen Gränzgebieten nahmen den Vertrag an. Aristonymos
 erklärte sich damit in Betreff aller Uebrigen einverstanden, die Skionäer aber,
 sagte.er, könnten in den Vertrag nicht mit eingeschlossen sein, denn durch 
 Berechnung der Tage hatte er gefunden, daß sie erst später abgefallen seien.
 Brasidas aber sprach Vieles dagegen und behauptete, eS sei früher geschehen, und
 gab die Stadt nicht heraus. Als nun Aristonymos hierüber Meldung nach Athen
 machte, waren die Athener sogleich bereit, gegen Skione zu Felde zu ziehen. Die
 Lakedämonier schickten nun Gesandte und ließen sagen, daß sie damit den Vertrag
 brechen würden, und hielten die Stadt fest, weil sie dem Brasidas Glauben
 schenkten; doch waren sie bereit, sich deßhalb einem Schiedsrichterspruch zu
 unterwerfen. Jene aber wollten es nickt erst auf einen NechtSspruch ankommen'
 lassen, sondern so schnell als möglich zu Felde ziehen, höchst erzürnt, daß nun
 schon sogar die auf den Inseln von ihnen abzufallen Lust hätten, im Vertrauen
 auf die hier doch ganz nutzlose Landmacht der Lakedämonier. Es war aber auch in
 Betreff der Zeit des Abfalls das Reckt in Wahrheit mehr auf Seiten der
 Athener, da die Skionäer zwei Tage später übergegangen waren. Von Kleon
 überredet, faßten sie also sogleich den Beschluß, Skione zu zerstören und die
 Einwohner zu todten; und hiezu rüsteten sie sich auch, indem sie alles Uebrige
 ruhen ließen.

Unterdessen fiel aber auch Mende von ihnen ab, eine Stadt auf Pallene und
 Pflanzort der Eretrier, und Brasidas nahm sie an, ohne damit Unrecht zu thun,
 wie er glaubte, da sie während deS Waffenstillstandes ganz offen zu ihm
 übertraten, und dann rückte er auch selbst den Athenern einige Punkte vor, worin
 sie den Vertrag gebrochen hätten. Um so eher wagten eS deßhalb auch die Mendäer,
 da sie den Brasidas ganz entschlossen und bereit fanden und sich auch 
 damit rechtfertigen konnten, daß er ja auch Skione nicht herausgebe, 
 und dann gab es auch hier Verräther, die nur in geringer Zahl 
 waren und, was sie einmal gewagt, nicht wollten rückgängig werden lassen,
 vielmehr aus Furcht, daß ihre Schuld an'S Licht kommen werde, die Mehrzahl gegen
 ihre Ueberzeugung mit ihnen zugehen zwangen. Die Athener, welche dieS sogleich
 erfuhren, gerietben nun noch mehr in Zorn und rüsteten gegen beide Städte.
 Brasidas aber, in Erwartung ihreS Ansegelns, brachte Weiber und Kinder der
 Skionäer und Mendäer nach dem Ehalkidischen Olymbos und sandte ihnen 
 selbst fünfhundert xeloponnesische Schwerbewaffnete und dreihundert ChaZkidische
 leichte Schildträger zu, Alle unter dem Befehle des Polydamidas; und diese
 trafen nun bei sich, in Erwartung daß die Athener bald erscheinen würden,
 gemeinsam Anstalten zur Vertheidigung...

Unterdessen zogen Brasidas und PerdikkaS vereint zum zweiten Mal nach Lynkos
 gegen den Arrhibäos. Der Eine führte die Macht der Makedonier in's Feld, über
 die er herrschte, nebst Schwerbewaffneten auS den dort wohnenden Hellenen: jener
 aber außer den ihm übrig gebliebenen Peloponnesiern noch Chalkidier und 
 Akanthier und aus den übrigen Städten nach Verhältniß ihrer Macht. Im Ganzen
 betrugen die schwerbewaffneten Truppen der Hellenen ungefähr dreitausend; Reiter
 seitens der Makedonier und Chalkidier zogen im Ganzen nahe an tausend Mann mit,
 und außerdem ein zahlreicher Haufe Barbaren. Im Gebiet des Arrhibäos 
 eingedrungen fanden sie die Lynkester bereits zu ihrem Empfange bereit im Feld
 stehen und schlugen selbst ihnen gegenüber ein Lager. Von beiden Seiten hatten
 die Fußvölker Hügel besetzt, zwischen denen eine Ebene lag. In diese ritt zuerst
 die Reiterei beider Theile hinab und lieferte sich ein Reitertressen, und als
 dann zuerst die Lynkestischen Schwerbewaffneten ihrer Reiterei nach vom Hügel
 herab eilten und sich zum Gefecht bereit zeigten, führten auch Brasidas und
 Perdikkas ihnen ihre Leute entgegen, stießen mit ihnen zusammen nnd trieben die
 Lyn-, kester in die Flucht, von denen sie viele niederhieben; die Uebrigen 
 flüchteten auf die Anhöhen und verhielten sich dort ruhig. Danach errichteten
 jene ein Siegeszeichen und blieben zwei oder drei Tage- ruhig liegen, wartend
 auf die Jllyrier, welche, vom Perdikkas um Sold gedungen, noch kommen sollten;
 daraus wollte Perdikkas gegen 
 
 die Dörfer des Arrhibäos ziehen und nicht mehr unthätig sitzen bleiben;
 Brasidas aber, der um Mende besorgt war, daß es, wenn die Athener zur See dort
 früher erschienen, unterliegen möchte, bezeigte dazu keine Lust, zumal auch die
 Illyrier nicht kamen, und wollte lieber zurückziehen.

Als sie nun hierüber nickt einig werden konnten, wurde gemeldet, daß auch die
 Illyiier den PerdikkaS verrathen und sich mit Arrhibäos vereinigt hätten, und
 nun hielten eS beide für daS Beste, den Rückzug anzutreten, weil sie jene als
 streitbare Manner fürchteten; doch wann man aufbrechen sollte, wurde ihrer
 Uneinigkeit wegen nicht ausgemacht, und als die Nackt einbrach, überfiel die
 Makedonier und die große Menge der Barbaren ein plötzlicher Schrecken, — wie es
 ja oft bei großen Heeren zu geschehen vflegt, daß sie ohne greifbaren 
 Grund in panischen Schrecken gerathen — und im Glauben, daß ihrer eine vielfach
 größere Zahl heranziehe, als wirklich gekommen waren, und daß sie jeden
 Augenblick über sie herfallen würden, suchten sie auf der Stelle das Weite und
 eilten der Heimatd zu; und so wurde auch Peidikkasder Anfangs davon Nichts
 merkte, als er dann erfuhr, waS vorging, genöthigt noch früher abzuziehen, als
 er den Brasidas sprechen knurrte, denn beide Lager waren durch einen 
 weiten Zwischenraum getrennt. Als Brasidas dann mit Tagesanbruch die Makedonier
 schon vorausgeeilt sah, und daß die Jllyrier und Arrhibäos sich zum Angriff
 anschickten, zog auch er seine Schwerbewaffneten in eine viereckige Ausstellung
 zusammen, nahm den leichten Haufen in die Mitte und gedachte so seinen Rückzug
 fortzusetzen. Um zur Abwehr auszufallen, wenn die Feinde wo angreifen sollten,
 bestimmte er die Jüngsten, und er selbst mit dreihundert Mann ausgewählter 
 Truppen wollte als der hinterste aus dem Rückzug den vordersten Feinden, wenn
 sie angreifen würden. Widerstand leisten und sie-zurückweisen. Und bevor noch
 die Feinde sich in der Nähe zeigten, sprach er seinen Soldaten mit solchen
 Worten Zuversicht ein:

„Wenn ich nicht vermuthen müßte, ihr peloponnesilchen Männer, daß ihr in
 Bestürzung seid, weil die Bundesgenossen euch im Stich gelassen haben und die
 Angreifer Barbaren und sehr zahlreich sind, so würde ich nicht, indem ich euch
 Muth einspreche, euch auch zugleich zu belehren suchen. So aber will ich in
 Anbetracht, 
 daß unsere Beistände aufgerissen sind und die Menge der Feinde groß
 
 ist,'in kurzer Erinnerung und
 Ermunterung das Wichtigste euch vor-l zuhalten suchen. Tapfer zu sein im Kampfe,
 geziemt euch.nicht wegen jeweiliger Anwesenheit von Bundesgenossen, sondern
 wegen der angestammten Mannhaftigkeit; und ihr'dürst euch vor keiner Menge 
 Fremder fürchten, denn ihr kommt ja auch nicht auS solchen Staaten wie diese,
 vielmehr aus solchen, in denen nicht Viele über Wenige herrshcen, sondern Wenige
 über Viele, und, auf keine andere Weise haben diese- Wenigen solche Herrschaft
 erlangt, als durch Sieg in der Schlacht." 
 „Was aber diese Barbaren betrifft, die ihr jetzt aus Unkunde fürchtet, so
 solltet ihr aus den Kämpfen, die ihr bereits mit barbarischen Makedoniern
 bestanden habt, wissen? daß sie unS nicht furchtbar werden können, und ich habe
 auch sonst Ursachen dieß zu schließen und weiß es auch von Ändern. Und wenn
 ein.Feind in der That Schwächen besitzt, welche den Anschein der Stärke haben,
 so wird Belehrung, welche über ihn die Wahrheit mittheilt, den Muth derer 
 erhöhen, welche sich seiner erwehren sollen; ist aber der Feind in der That
 tapfer, so geht man ihm wohl kühner zu Leibe, wenn man es nicht vorher weiß. Bei
 diesen nun ist ihre Erscheinung vor dem Angriff den Unkundigen furchtbar. Denn
 schon ihre Zahl ist dem Auge schreckhaft, und das Getöse ihres
 Schlachtgeschrei's ist entsetzlich, und das eitle Schwenken ihrer Waffen hat
 etwas furchtbar Drohendes. Im Handgemenge aber mit denen, welche jenes Alles
 aushalten, sind sie nicht mehr dieselben; denn sie halten keine Linie ein und
 finden keine Schande darin, gegenüber der Gewalt vom Platz zu weichen, und
 da Flucht und Angriff bei ihnen gleicherweise rühmlich sind, so bleibt ihre
 Mannhaftigkeit unerwicsen. Eine Kampfweise, wobei Jeder auf eigene Faust
 handelt, bietet wohl leicht einen ehrenhaften Vorwand, sich durch Flucht zu
 retten. Und sie halten es für sicherer, euch aus gefahrloser Entfernung Furcht
 einzujagen, als mit euch handgemein zu werden; denn sonst würden sie wohl dieses
 vor jenem thun: So seht ihr denn klar, daß der Schrecken, der vor ihnen 
 hergeht, in der That nur kurze Zeit taueit und nur Aug und Ohr trifft. Wenn ihr
 aber den Anprall dieser furchtbaren Dinge aushaltet und dann wieder zu rechter
 Zeit.euch in fester Ordnung langsam zurück­ 
 
 zieht, , daß dergleichen ungeordnete Haufen denen, welche den ersten
 Anprall aushalten, anstatt sie anzugreifen, nur durch prahlerische Drohungen aus
 der Ferne ihre Tapferkeit zeigen, denen aber, welche vor ihnen weichen, auf den
 Fersen hitzig folgend ihren Muth beweisen, indem sie selbst in Sicherheit
 ifnd."

Als Brasidas dieß zur Ermunterung gesprochen, ließ er das Heer den Rückmarsch
 antreten. Die Barbaren aber, da sie dieß sahen, drangen unter großem Geschrei und
 Lärm an, im Glauben, daß er fliehe und sie nur über ihn herzufallen brauchten um
 ihn zu vernichten. Da aber dort, wo sie angriffen, die Ausfallenden ihnen 
 die Stirne boten und Brasidas selbst mit seinen aueerlesenen Leuten ihrem Andrang
 Stand hielt, so wurde ihr erster Anprall wider Erwarten abgeschlagen, und auch
 weiter hin empsing man sie, wenn sie wieder angriffen, und wies sie zurück ;
 verhielten sie sich aber ruhig, so wurde der Rückzug fortgesetzt. Da ließ die
 Mehrzahl der Barbaren von den Hellenen des Brasidas in der Ebene ab, und es
 blieb nur eine Abtheilung zurück, um ihnen zu folgen und sie zu beunruhigen,
 die Uebrigen aber setzten im Lauf den flüchtigen Makedonien nach, erschlugen was
 sie noch erreichen konnten und besetzten vorauseilend den Paß, der als enge
 Straße zwischen zwei Bergen in das Land des Arrhibäos einführt; denn sie wußten,
 daß Brasidas keine andere Straße zum Rückzug habe; und als er sich bereits
 der schwierigen Stelle des Passes näherte, suchten sie ihn zu umringen, um
 ihn so abzufangen.

Er aber merkte ihre Absicht und befahl seinen dreihundert Mann, den Hügel,
 welchen er vornehmlich besetzen zu müssen glaubte, im Laufund ausgelöster
 Ordnung, so schnell Jeder könne, zu ersteigen und die schon gegen denselben
 anrückenden Barbaren wo möglich herabzuwerfen, ehe noch die zu ihrer Umzingelung
 bestimmte Mann-' schast heranrücke. Diese nun stürmten den Hügel hinauf und
 warfen die oben Stehenden, so daß das hellenische Heer seinen Marsch nach 
 demselben leichter fortsetzen konnte; denn die Barbaren waren durch ihre
 Vertreibung von der Anhöhe in Schrecken versetzt worden und folgten ihrem Marsche
 nicht weiter, zumal sie auch jene schon auf den Grenzen angekommen und in
 Sicherheit glaubten. Brasidas aber, 
 nachdem er erst die Höhen erreicht hatte, marschirte nun in größerer
 
 Sicherheit weiter und gelangte noch desselben TagS auf dem Gebiete, des
 Perdjlk.is zuerst nach Anissa. Seine Soldaten, selbst erzürnt über den
 voreiligen Rückzug der Makedonier, wann sie unterwegs deren Nindcrgespanne
 antrafen oder herausgefallene Gepäckstücke, wie. eS ja bei einem nächtlichen
 Rückzug, den der Schreck veranlaßt hat, nothwendig vorkommen muß, so spannten
 sie jene auS und hieben sie nieder, und eigneten sich diese als gute Beute an.
 Diese Vorfälle waren die erste Veranlassung, daß Perdikkas den Brasidas seitdem
 als seinen Feind ansah und von da an gegen die Peloponnesier einen Haß
 hegte, der seinen Absichten und seinem Verhältnisse zu den Athenern durchaus
 nicht entsprechend war; und im Widersprüche mit dem, was seine dringendsten
 Vortheile geboten, trachtete er, sich so geschwind als möglich mit Athen
 auszusöhnen und die Peloponnesier sich vom HalS zu schaffen.

Als Brasidas nach dem Rückzug aus Makedonien nach Torone kam, traf er die
 Athener bereits im Besitze von Mende, und da er sich nun nicht mehr für stark
 genug hielt nach Pallene überzusetzen und Hülfe zu gewähren, so blieb er in
 Torone ruhig liegen um diese Stadt zu decken. Um dieselbe Zeit nämlich mit den
 Ereignissen in LynkoS waren die Athener, wie sie sich ja auch hiezu gerüstet
 hatten, gegen Mende und Skione mit fünfzig Schiffen ausgesegelt, wovon 
 zehn den Chiern gehörten. AuS ihrer Bürgerschaft führten sie mit sich tausend
 Schwerbewaffnete, dazu sechshundert Bogenschützen, tausend geworbene Thraker und
 leichte Schildträger auS den dortigen Bundesgenossen. Feldherrn waren Nikias,
 Sohn deS Nikeratos, und ' Nikostratos, des DiitrepheS Sohn. Von Potidäa mit den
 Schiffen in See g'hend landeten sie beim Heiligthum des Poseidon und 
 marschirten gegen die Mendäer. Diese aber mit den dreihundert zu ihrer Hülfe
 anwesenden Skionäern und den Pelovonnesischen Hulsstruppen — im Ganzen
 siebenhundert Schwerbewaffnete — hatten sich außerhalb der Stadt unter ihrem
 Anführer Polydamidas auf einem Hügel festgesetzt, der eine starke Stellung
 gewährte. Ihnen suchte Nikias mit hünderlundzwanzig Leichtbewaffneten aus
 Methone nebst sechzig ausgewählten athenischen Geharnischten und sämmtlichen
 Bogenschützen auf einem Bergpfad beizukommen, wurde aber verwundet und konnte
 
 
 sie nicht bewältigen. Nikostratos erstieg mit dem gesammten übrigen Heere
 aus einem anderen Zugang und weiteren Umwege den äußerst schwer zugänglichen
 Hügel, wurde jedoch auch ganz in Unordnung gebracht; und wenig fehlte, so bätte
 das ganze.Heer der-Athener eine Niederlage erlitten. Für diesen Tag nun, da die
 Mendäer und ihre Bundesgenossen nickt wichen, zogen sich die Athener zurück und
 schlugen ein Lager, und die Mendäer gingen in der folgenden Nacht wieder
 nach ihrer Stadt.

Tags daraus segelten die Athener nach der Landschaft von Skione, nahmen die
 Vorstadt und verheerten den ganzen Tag über das Gebiet, während Niemand gegen
 sie auszog, da auch in der Stadt etwas von Unruhen stattfand ; jene dreihundert
 Skionäer zogen auch in der. folgenden Nacht nach Hause ab. Tags darauf suchte
 Nikias mit der Hälfte des Heeres die Gränzgebiete der Skionäer heim und
 verwüstete zugleich das Land; Nikostratos aber mit den übrigen Truppen lagerte
 sich dicht vor dem oberen Stadtthore (von Mende), da, wo man nach Potidäa
 zugeht. Polydamidas nun — denn an derselben Seite innerhalb der Mauer standen
 die Mendäer und ihre Hülfstruppen zufällig auch Gewehr bei Fuß — stellte die
 Mendäer in Schlachtordnung und forderte sie auf auszurücken und jene 
 anzugreifen. Da ihm aber Einer aus der Volkspartei widersprach — denn auch hier
 herrschte inneres Zerwürfniß und sagte, er werde nicht ausrücken und er ivisse
 nicht, weßhalb er kämpfen solle — so packte ihn jener mit der Hand und rüttelte
 ihn durcheinander. Da gerieth das Volk in Muth, ergriff die Waffen und fiel über
 die Peloponnesier und seine Gegner her, die es mit jenen gehalten hatten. 
 Und im ersten Anfall schlugen sie sie in die Flucht, theils weil der Angriff
 ganz unerwartet kam, theils auch weil'jene darüber in Schrecken geriethen, daß
 den Athenern die Thore geöffnet wurden; denn sie glaubten jetzt, man habe sie
 einer Verabredung gemäß überfallen. Wer von ihnen nicht auf dem Flecke
 niedergehauen wurde, flüchtete nach der Burg, die sie auch vorher schon besetzt
 gehalten hatten. Alle Truppen der Athener aber — denn auch.Nikias war 
 wieder zur Stadt zurückgekehrt, drangen jetzt in Mende ein, dessen Thore nicht
 in Folge eines Vergleiches geöffnet worden waren, und plünderten, als ob sie die
 Stadt im Sturm genommen hätten; und» 
 nur mit Mühe hielten die Feldherrn ihre Leute gzurück, daß sie nur der
 
 Menschenleben schonten. Danach
 erlaubten sie den Mendäern, den. Staat wieder nach hergebrachter Weise zu.ordnen
 und unter sich selbst zu Gericht zu sitzen, wenn sie den Einen oder den Andern
 als Ursache des Abfalls betrachteten. Die in der Burg aber sperrten sie ein,
 indem sie von beiden Seiten bis zum Meere hin eine Mauer zogen.und eine
 Trurpe zur Ueberwachung ausstellten. Nachdem iseMende so wieder gewonnen, zogen
 sie gegen Skione.

Die Skionäer aber und die Peloponnesier zogen ihnen selbst aus der Stadt
 entgegen und besetzten einen.vor derselben gelegenen starken Hügel, welchen die
 Gegner durchaus nehmen mußten, wenn sie die Stadt rings umschanzen wollten. Die
 Athener griffen hier kräftig an, warfen die ihnen entgegenrückenden Feinde
 fechtend herab, schlugen dann ein Lager, und nachdem sie ein Siegeszeichen 
 errichtet, schickten sie sich an, rings um die Stadt Schanzen auszuwerfen. Nicht
 lange danach, als sie bereits an der Arbeit waren, erschienen die in der Burg
 von Mende belagerten peloponnesischen Hülsstruppen, welche trotz der
 Beobachtungstruppen sich zur. Nachtzeit am Meere hin den Durchweg erzwungen
 hatten, kamen auch meist glücklich durch das Belagerungsheer vor Skione und
 gelangten in die Stadt.

Während noch an-der Einschließung von Skione gearbeitet wurde, sandte Perdikkas
 Herolde zu den athenischen Feldherrn und schloß einen Vertrag mit den Athenern
 ab, aus Haß gegen den Brasidas wegen des Rückzuges aus Lynkos, unmittelbar nach
 welchem er auch die Unterhandlungen begonnen hatte. Damals sollte nämlich
 auch der Lakedämonier Ischagoras dem Brasidas zu Lande ein Heer zuführen^
 Perdikkas aber, von Nikias nach dem Abschlüsse des Vertrags aufgefordert, den
 Athenern des Vertrauens halber,einen Beweis seiner Freundschaft zu geben,
 zugleich aber auch aus eigener Bewegung, da >er keine Peloponnesier mehr in
 seinem Lande sehen wollte, stiftete feine Gastfreunde in Thessalien, zu denen er
 nur die Mächtigsten im Lande wählte, dazu an, Heer und Rüstzeug der 
 Peloponnesier nickt durch ihr Land zu lassen, so daß jene nicht einmal einen
 Versuch gegen die thessalische Gränze machten. ZschagöraS aber und Ameinias und
 Aristeus kamen indessen selbst zum Brasidas, in Sendung der Lakedämonier, um die
 dortigen Verhältnisse in Augen­ 
 
 schein zu nehmen, und brachten aus Sparta, — was eigentlich gegen ihr
 Gesetz ist — jüngere Männer mit, um sie als Oberbeamte über die Städte zu setzen
 25) und diese nicht dem Ersten Besten anvertrauen zu müssen. Auch setzte
 Brasidas wirklich den Klearidas, Sohn deS KleonymoS, über Amphipolis, und den
 Pafitelidas, des HegesandroS Sohn, über Torone.

sIm selben Sommer rissen die Thebaner die Mauern der Thespier nieder unter dem
 Vorwurf, daß diese zu Athen hinneigten. Sie hätten dieß gern schon längst
 gethan, jetzt aber hatten sie dazu gute Gelegenheit, weil in der Schlacht gegen
 die Athener die Blüthe der jungen Thespier gefallen war 56). 
 In demselben Sommer brannte auch der Heratempel in Argos nieder, da die
 Priestenn ChryfiS ein brennendes Licht in die Nähe der Kränze gestellt hatte und
 dabei eingeschlafen war, so daß Alles unbemerkt in Brand gerieth und von den
 Flammen verzehrt wurde. Chryfis selbst floh noch in derselben Nacht aus Furcht
 vor den Argivern nach Phlius, und jene ernannten dem Gesetze gemäß eine 
 andere Priesterin NamenS PhaeiniS. Von diesem Kriege hatte Chrysis, als sie
 entfloh, acht Jahre erlebt und das neunte zur Hälfte 57). 
 Als der Sommer schon zu Ende ging, war die Einschließung von Skione ganz
 vollendet, und die Athener zogen, nachdem sie eine Besatzung dort
 zurückgelassen, mit dem übrigen Heere ab.

In dem nun folgenden Winter fiel des Waffenstillstandes wegen zwischen Athenern
 und Lakedämoniern Nichts vor; die Mantineer und Tegeaten^) aber und ihre
 beiderseitigen Bundesgenossen 
 
 
 
 
 lieferten sich eine Schlacht bei Laodikion in der Landschaft OresthiS,
 
 in welcher der Sieg unentshcieden blieb; denn beide Theile hatten einen der
 gegenüberstehenden Flügel in die Flucht geschlagen; auch errichteten beide Theile
 Siegeszeichen und sandten Waffenbeute nach Delphi. Nachdem nämlich aus beiden
 Seiten Viele gefallen waren und die Schlacht noch unentschieden geblieben, da die
 Nacht dem Kampf ein Ende machte, hatten die Tegeaten das Schlachtfeld die 
 Nacht über behauptet und sogleich ein Siegeszeichen aufgestellt, die Mantineer
 aber hatten sich nach Bukolion zurückgezogen und errichteten erst später ein
 Siegeszeichen.

Zu Ende desselben Winters und schon gegen Frühlings- 
 ansang machte Brasidas auch einen Versuch auf Potidäa Er näherte, sich
 nämlich der Mauer und legte eine Leiter an, was soweit unbemerkt blieb; denn
 wahrend die Glocke umgetragen wurde 69), und ehe der Soldat, der sie weiter zu
 geben hatte, wieder zurück kam, war bei dem leeren Posten die Leiter angelegt
 worden. Da man sie aber dann sogleich bemerkte, noch bevor sie die Mauer
 erstiegen hatten, führte er sein Heer alsbald in Eile zurück und wartete nicht,
 bis es Tag geworden. So ging der Winter zu Ende und mit ihm das neunte Jahr
 des Krieges, den Thukydideö beschrieben hat.

Im folgenden Sommer war der auf ein Jahr abgeschlos- 
 sene Vertrag erloshcen und galt nur noch für die Tage des Pythischen 
 Festes'). Noch während des Waffenstillstandes hatten die Athener die Delier von
 ihrer Insel abziehen heißen, weil sie dieselben irgend einer alten Schuld wegen
 nicht für rein genug hielten, dem Gotte geweiht zu bleiben. Dieß, dachten sie,
 fehle noch zu jener Reinigung, bei der sie mit Wegschaffung der Todtenfärge
 genug gethan zu haben glaubten, wie ich früher erzählt habe 2). Die Delier nun
 siedelten sich, sowie Einer nach dem Andern von dort ausgebrochen war, in
 Atramyttion in Asien an, welches ihnen Pharnakes angewiesen hatte.

Kleon aber hatte die Athener zu einem Zuge gegen die Thrakischen Gränzlande
 beredet und, nachdem der Waffenstillstand abgelaufen, segelte er dahin ab mit
 zwölfhundert Schwerbewaffneten und dreihundert Reitern aus den Athenern und
 einer noch größeren Zahl von Bundesgenossen, auf dreißig Schiffen. Zuerst
 landete er bei Skione, das noch belagert wurde, verstärkte aus den dortigen
 Belagerungstruppen seine Schwerbewaffneten und segelte dann nach dem Hasen
 der Kolophonier, der von der Toronäer Stadt nicht weit abliegt. Als er da von
 Ueberläufern erfuhr, daß weder Brasidas 
 
 
 
 
 
 
 in Torone anwesend sei, noch auch die drinliegende Besahung den Kampf mit
 ihm wagen könne, so marschirte er mit dem Heere zu Land gegen die Stadt und ließ
 zehn Schiffe um den Hafen kreuzen. Zuerst nun stieß er auf die Mauer, welche
 Brasidas um die Vorstadt gebaut hatte, um auch diese mit einzubeziehen; und da
 er zugleich auch den Theil der alten Mauer niedergerissen hatte, so war eine
 zusammenhängende Stadt hergestellt worden.

Diese Mauer nun zu vertheidigen eilten Pasitelldas, Anführer der Lakedämonier,
 und die noch anwesende Besatzung herbei und suchten die Athener abzuwehren. Da
 sie aber hart bedrängt wurden und auch die zur Kreuzung ausgesandten Schiffe im
 Hafen ershcienen, so fürchtete Pasitelidas, die Schiffe möchten ihm 
 zuvorkommen und die unbesetzte Stadt wegnehmen, und er selbst könnte bei der
 Erstürmung der neuen Mauer mit gefangen werden; deßhalb gab er diese auf und
 eilte im Laufschritt der Stadt zu. Derweilen hatten aber die Athener von den
 Schiffen Torone schon im ersten Anschrei genommen, und zugleich drang das
 nachrückende Fußvolk da ein, wo die alte Mauer niedergerissen war. Einen Theil
 der Peloponnesier und Toronäer tödteten sie im Handgemenge sogleich, die Andern
 nahmen sie gefangen und darunter Pasitelidas, den Anführer. Indeß rückte
 Brasidas zum Entsatz von Torone heran; da er aber unter» wegs die Einnahme der
 Stadt erfuhr, so zog er sich wieder zurück; er war aber nur um etwa vierzig
 Stadien zu weit entfernt,^ sonst hatte er die Eroberung noch hindern können.
 Kleon aber und die Athener stellten zwei Siegeszeichen auf, das eine beim Hafen,
 das andere an der neuen Mauer, und der Toronäer Weiber und Kinder machten
 sie zu Sklaven, sie selbst aber und die Peloponnesier und den einen oder anderen
 Chalkidier, die dabei waren, im Ganzen ihrer sieben Hundert, schickten sie nach
 Athen. Was von Peloponnesi ern darunter war, ging später beim Abschlüsse des
 Vertrags wieder in die Heimat, die Uebrigen wurden von den Olynthiern Mann 
 gegen Mann ausgetauscht und heimgeführt. — Um dieselbe Zeit nahmen auch die
 Böotier die athenische Gränzfestung Panakton durch Verrath. — Kleon nun, nachdem
 er in Torone eine Besatzung zurück­ 
 
 gelassen, ging wieder unter Segel und umschiffte den Athos, in der 
 Absicht, Amphipolis wiederzugewinnen. c

Um dieselbe Zeit ging auch Phäax, des Erasisiratos Sohn, in See, den die
 Athener stlbdritt als Gesandten für Italien und Sicilien mit zwei Schiffen
 abschickten. Es hatten nämlich, als damals nach dem Vertragsschluß die Athener
 aus Sicilien abgezogen waren, die Leontiner viele neue Bürger gemacht, und das
 Volk dachte das Land unter sich neu auszutheilen. Wie aber die Reichen das 
 merkten, riefen sie die Syrakusier herbei und trieben die Volkspartei ' aus der
 Stadt. Diese nun zerstreuten sich über das Land, der Eine dahin, der Andere
 dorthin; die Reichen aber trafen einen Vergleich mit den Syrakusiern, wonach sie
 ihre Stadt öde und leer ließen und sich mit dem Bürgerrecht in Syrakus
 ansiedelten. Nicht lange Zeit danach aber zogen Einige wieder aus Syrakus weg,
 weil es ihnen dort nicht gefiel, und besetzten Phokää, einen Platz dieses Namens
 im Stadtgebiet der Leontiner, und Brikinniä, eine Festung im 
 Leontinischen. Da kamen nun zu ihnen die Meisten von der Volkspartei, die damals
 ausgetrieben worden war, und führten aus diesen festen Stellungen Krieg ^gegen
 die Syrakusier^. Das hatten die Athener erfahren und schickten nun den Phäax
 hin, ob sie wohl ihre dortigen Bundesgenossen und wo möglich alle Sikelioten
 dazu bewegen könnten, insgemein gegen die Syrakusier zu Felde zu ziehen, weil
 diese die Obmacht anstrebten, und ob sie die Volkspartei der Leontiner auf
 diese Weise retten könnten. Nachdem Phäax dort angekommen war, gewann er für
 sich die Kamarinäer und Akragantiner, da er aber in Gela Hindernisse fand, so
 ging er weiter nicht zu den Andern, denn er merkte, daß sie sich nicht würden
 bereden lassen, sondern nahm den Rückweg durch das Land der Sikuler^) nach 
 Katana, und nachdem er im Vorbeireisen auch Brikinniä besucht und denen dort
 Muth eingesprochen hatte, schiffte er wieder heimwärts.

Auf der Ueberfahrt nach Sicilien und auch wieder auf seiner Rückfahrt hatte
 Phäax mit einigen Städten in Italien wegen 
 
 
 
 
 eines Freundschaftsbündnisses mit den Athenern unterhandelt, und er
 begegnete auch den Lokrischen Ansiedlern, die aus Messana ausgetrieben worden
 waren. Nach dem Friedensschluß der Sikelioten nämlich waren die Messanier unter
 sich zerfallen, und da die eine Partei die Lokrer herbeiries, so schickten diese
 Ansiedler dorthin und so war Messana eine Zeit lang lokrisch. Auf diese nun
 stieß Phäax, als sie nach ihrer Austreibung überfuhren, that ihnen jedoch kein
 Leides; denn eS waren zwischen ihm und den Lokrern Verabredungen wegen
 eines Vertrages mit den Athenern getroffen worden. Sie allein nämlich von allen
 Teilnehmern des Krieges hatten damals, als die Sikelioten sich aussöhnten,
 keinen Vergleich mit den Athenern abgeschlossen, und sie hätten es auch jetzt
 nicht gethan, wenn nicht der Krieg mit den Jtoniern und Meläern, ihren
 Gränznachbarn und Pflanzbürgern sie in Verlegenheil gebracht hätte. — Phäax
 selbst kam einige Zeit daraus nach Athen zurück.

Kleon aber, nachdem er damals von Torone gegen Amphipolis gesegelt war, setzte
 sich in E'l'on fest und machte von da aus einen Angriff auf Stageiros, eine
 Pflanzstadt der Andrier, nahm sie jedoch nicht; Galepsos aber, die Pflanzstadt
 der Thasier, nahm er mit Gewalt. Auch schickte er Gesandte an den Perdikkas, daß
 er der Bundespflicht gemäß mit einem Heere ershceine, und andere nach 
 Thrakien zum Odomanter-König Polles, daß er Thrakische Söldner in möglichster
 Zahl zuführe. Er selbst verhielt sich in der Gegend von E'l'on ruhig. Brasidas
 aber, als er hievon Kenntniß erhielt, nahm bei Kerdylion selbst eine Stellung
 gegen jenen. Dieser Platz gehört den Argiliern und liegt jenseits des Flusses
 auf einer Höhe, nicht sehr weit von Amphipolis entfernt, und von hier aus 
 konnte die ganze Gegend eingesehen werden, so daß es nicht unbemerkt hätte
 bleiben können, wenn Kleon mit dem Heere von dort aufgebrochen wäre. Brasidas
 erwartete nämlich, daß Kleon dieß wirklich thun und aus Geringschätzung ihrer
 unbedeutenden Zahl mit dem eben anwesenden Heere gegen Amphipolis ziehen werde.
 Zugleich 
 
 suchte er sich aber auch zu verstärken, indem er fünfzehn Hundert 
 Thrakische Söldlinge und alle streitbaren Edoner zu Hülfe rief, leichte
 Schildträger sowohl als Reiter. Auch von den Myrkiniern und Chalkidiern erhielt
 er zu den leichten Schildträgern, die er in Amphipolis hatte, noch Tausend
 andere. An Schwerbewaffneten hatte er im Ganzen gegen zwei Tausend
 zusammengebracht, Hellenische Reiter drei Hundert. Mit fünfzehn Hundert Mann
 dieser Truppen nun hatte Brasidas bei Kerdylion Stellung genommen, die
 Uebrigen standen unter dem Befehl des Klearidas in Amphipolis.

Eine Zeit lang nun hielt sich Kleon ruhig, dann wurde er aber doch genöthigt
 zu< thun, was Brasidas erwartet hatte. Seine Soldaten waren nämlich über das
 unthätige Stillsitzen unwirsch und stellten Vergleiche an, mit welchem
 Unverstände und welcher Mattherzigkeit gegenüber solcher Erfahrung und Kühnheit
 der Feldzug von Seiten des Kleon werde geführt werden; dazu waren sie schon von
 Haus aus nur widerwillig unter seiner Führung ausgezogen. Da er nun den
 Wind merkte und nicht wollte, daß sie sich durch längeres unthätiges Verweilen
 belästigt fühlten, so hieß er sie aufbrechen und führte sie aus Ei'on. Und auf
 dieselbe Art, die ihm bei Pylos so glückliche Früchte getragen hatte, — weßhalb
 er sich denn auch sehr klug dünkte — verfuhr er auch hier. Er glaubte nämlich
 gar nicht, daß Einer zur Schlacht gegen ihn ausziehen werde, sondern sagte, daß
 er nur ausziehe, um die Gegend in Augenschein zu nehmen. Er kam also und
 ließ sein Heer vor Amphipolis auf einem starken Hügel Stellung nehmen, während
 er selbst die Sumpfgegend des Strymon und die Lage der Stadt gegen Thrakien hin
 untersuchte. Er dachte aber, zu jeder Zeit, wann er nur wolle, ohne Kampf
 abziehen zu können; denn weder zeigte sich Jemand auf den Mauern, noch zogen
 welche zu den Thoren heraus, sondern es blieben diese alle geschlossen. 
 Deßhalb rechnete er es sich auch als einen Fehler an, daß er keine Maschinen von
 Athen mitgenommen habe; denn mit diesen, dachte er, hätte er die von
 Vertheidigern entblößte Stadt gewiß genommen.

BrasidaS aber, sobald er die Bewegungen der Athener wahrnahm, verließ sogleich
 auch seine Stellung bei Kerdylion und zog hinab in die Stadt. Dock unternahm er
 es nicht gegen die Athener auszuziehen und sich in Schlachtordnung aufzustellen,
 denn er scheute 
 
 den Zustand seiner Streitmacht, die er für schwächer hielt, nicht in 
 Hinsicht der Zahl, denn die hielt sich auf beiden Seiten so ziemlich das
 Gleichgewicht, sondern in Rücksicht des inneren Werthes — denn was von den
 Athenern mit ausgezogen war, waren ächte Kerntruppen, und so auch von Seiten der
 Lemnier und Jmbrier die Tüchtigsten. Er wollte also bei seinem Angriff List
 anwenden. Wenn er nämlich, dachte er, den Gegnern die Zahl und die nothdürftige
 Ausrüstung seiner Truppen zeigte, so werde ihm der Sieg wohl mehr 
 Schwierigkeit machen, als wenn jene sie vorher nicht mit Augen gesehen und aus
 Kenntniß ihrer wirklichen Zustände sie verachten gelernt hätten. Er wählte sich
 also hundert und fünfzig Schwerbewaffnete aus und theilte die Andern dem
 Klearidas zu, in der Absicht die Athener sogleich anzugreifen, bevor sie wieder
 abzögen; denn er dachte, daß sich ihm wohl eine ähnliche Gelegenheit, sie so
 vereinzelt zu treffen, nicht zum zweiten Mal bieten werde, wenn erst der 
 Zuzug sich mit ihnen vereinigt hätte. Er rief also sämmtliche Soldaten zusammen
 und redete zu ihnen, um sie zu ermuthigen und seine Absicht wissen zu lassen,
 wie folgt:

,,Ihr peloponnesischen Männer, es möge genügen, euch kurz zu erinnern, aus wie
 berühmtem Lande wir hieher gekommen sind, und daß unser Muth dasselbe immer frei
 erhalten hat; dann auch, daß ihr als Dorier gegen Jonier zu kämpfen im Begriff
 seid, die ihr immer zu besiegen gewohnt wäret. Ich will euch nun zeigen, auf
 welche Art ich den Angriff zu unternehmen gedenke, damit es euch nicht 
 unzureichend dünke, daß wir in geringer Zahl und nicht mit gesammter Macht
 ausziehen, und damit Keiner deßhalb muthlos werde. Ich vermuthe nämlich, daß die
 Feinde mit Verachtung unser hieher gegen die Stadt gerückt sind und wohl gar
 nicht darauf gerechnet haben, daß Einer zum Kampf gegen sie ausziehe; und jetzt
 glaube ich, daß sie sich ohne Ordnung und sorglos mit Untersuchung der Gegend
 beschäftigen. Wer aber solche Fehler seiner Gegner am besten durchschaut
 und zugleich nach dem Verhältniß seiner eigenen Macht den Angriff nicht sowohl
 ans offener Schlachtaufstellung unternimmt als vielmehr nach dem Vortheil, den
 der Augenblick bietet, der möchte wohl am meisten ausrichten. Und dergleichen
 erstohlene Erfolge gewähren den schönsten Ruhm; denn so täuscht Einer den Feind
 auf's 
 Gröblichste und nützt den Freunden am meisten. So lange sie also 
 noch unvorbereitet und in sorgloser Sicherheit mehr an unbemerktem Abzug
 denken, wie ich an ihnen wahrzunehmen glaube, als an's Standhalten, und so lange
 sie in ihrer Lässigkeit zu keinem Beschlusse kommen und bevor sie sich noch mehr
 besonnen haben, will ich sie mit meinen Leuten hier wo möglich überraschen und
 im Sturmschritt die Mitte ihres Heeres anfallen. Du, Klearidas, sollst später,
 wenn du mich schon im Gefecht und, wie zu erwarten steht, sie in Verwirrung
 bringen siehst, plötzlich die Thore öffnen lassen, deine Leute mit den 
 Amphipoliten und den übrigen Bundesgenossen hinausführen, aus jene anstürmen und
 so schnell als möglich handgemein zu werden suchen. Auf diese Weise haben wir am
 meisten Hoffnnng, Schreck und Verwirrung unter ihnen zu verbreiten; denn eine
 Abtheilung, welche später angreist, ist dem Feinde furchtbarer als die, mit der
 er bereits im Gefecht ist. So zeige dich also selbst als einen tapferen 
 Mann, wie du es sein mußt, denn du bist ein Spartaner, und ihr, waffenverbündete
 Männer, folgt muthig und denket, daß zu rühmlicher Kriegführung entschlossener
 Wille und Ehrgefühl und Gehorsam gegen die Oberen gehöre! Denkt auch, daß es
 heute sich entscheiden wird, ob ihr durch Tapferkeit die eigene Freiheit
 erwerbet und den Ruhm, der Lakedämonier Bundesgenossen genannt zu werden, oder
 die Schande Athenischer Knechtschaft; im letzteren Falle, — wenn es noch
 aus'S Beste abgeht, ohne daß ihr als Sklaven verkauft oder hingerichtet werdet,
 — habt ihr jedenfalls noch eine härtere Knechtschaft zu erdulden, als ihr sie
 bis jetzt ertrüget; für die andern Hellenen aber werdet ihr ein Hinderniß der
 Befreiung. Also zeigt auch euch nicht weibisch, da ihr seht, um wie große Dinge
 der Kampf sich dreht; und auch ich werde euch beweisen, daß ich es nicht besser
 verstehe, Andere zur Tapferkeit zu ermuntern, als selbst Hand an's Werk zu
 legen."

Nach diesen Worten schickte sich Brasidas selbst zum Ausfall an und stellte
 auch die Andern unter Klearidas beim sogenannten Thrakischen Thore auf, damit
 sie ipäter, wie ausgemacht worden war. herausbrechen sollten. Da nun sein Abzug
 von Kerdylion ganz offen geschehen war, und man sah, wie er in der Stadt, die
 von Außen her eingesehen werden konnte, beim Tempel der Athene opferte nnd 
 
 jene Anstalten traf, so wurde dem Kleon, der damals gerade auf Umschau
 sich genähert hatte, die Meldung gemacht, daß in der Stadt das ganze feindliche
 Heer auf den Beinen zu sehen sei, und daß man unter dem Thore durch die Fuße
 vieler Pferde und Menschen erblicken könne, als ob ein Ausfall geschehen solle.
 Auf diese Meldung ging jener näher hinzu, und da er sich mit eigenen Augen
 überzeugt hatte, aber doch keine entscheidende Schlacht liefern wollte, bevor
 nicht der Zuzug gekommen sei, und auch glaubte noch Zeit genug zum Rückzug
 zu haben, so befahl er den Abmarsch und hieß seine Leute, die Richtung auf den
 linken Flügel zu nehmen, wie es auch allein ausführbar war, und sich gegen Ei'on
 zurückzuziehen. Da ihm dieß aber zu langsam zu geheu schien, so ließ er selbst
 den rechten Flügel schwenfen, wodurch er dem Feinde die ungedeckte Flanke bot,
 und führte so das Heer zurück. In diesem Augenblick, als Brasidas die 
 dargebotene Gelegenheit sah, und wie das Heer der Athener sich bewegte, sagte er
 zu seiner Mannschaft und den Andern: „Diese Leute werden uns nicht Stand halten,
 das kann man an der Bewegung der Lanzen und der Köpfe sehen; denn wo einmal das
 vorkommt, da pflegt ein Angriff keinen Widerstand zu finden; also öffne mir
 Einer das bestimmte Thor, und dann laßt uns rasch und muthig über sie 
 herfallen!" 
 Er marfchirte also durch das Thor bei dem Psahlwerk, daS erste in der langen
 Mauer, wie sie damals war, heraus, schlug den geraden Weg nach der Gegend ein,
 wo jetzt an dem stärksten Punkt des Platzes das Siegeszeichen steht, fiel in die
 Athener, welche wegen ihrer eigenen Unordnung nicht weniger als über die
 Kühnheit jenes in Furcht geriethen, und drang nach der Mitte des Heeres vor. Und
 zugleich fiel auch Klearidas, wie verabredet war, durch das Thrakische 
 Thor heraus und stürzte sich auf das Heer los. So geriethen die Athener also
 durch den unerwarteten plötzlichen Angriff auf zwei Seiten in Verwirrung, und
 ihr linker Flügel, der mehr gegen Ei'on hin stand und bereits auch einen
 Vorsprung hatte, riß sich sogleich ab und lief davon. Da wird Brasidas, der sich
 beim Weichen dieses Flügels nun gegen den rechten wendete, verwundet und die
 Athe­ 
 
 ner zwar nahmen seinen Fall nicht wahr, die in seiner Nähe Stehen- 
 den aber hoben ihn auf und trugen ihn weg. Der rechte Flügel der Athener
 hielt länger Stand; Kleon zwar, der von vorn herein nicht an's Standhalten
 gedacht hatte, lief spornstreichs davon, wurde aber von einem Myrkinischen
 leichten Schildträger eingeholt und getödtet. Seine Schwerbewaffneten jedoch
 zogen sich nach dem Hügel zusammen und wehrten den Angriff des Klearidas zwei
 oder drei Mal ab, und nicht eher wichen sie, als bis die Myrkinische und
 Ehalkidische Reiterei und die leichten Schildträger sie umstellten und durch
 ihre Schüsse zur Flucht nöthigten. 
 So war also bereits das ganze Heer der Athener geschlagen, und nur mit Mühe und
 aus vielen Wegen flüchteten die über das Gebirge, welche nicht sogleich im
 Handgemenge geblieben oder von der Ehalkidischen Reiterei und den leichten
 Schildträgern getödtet worden waren. Die Uebrigen entkamen nach Ei'on. Die den
 Brasidas aufgehoben und aus dem Schlachtgetümmel gerettet hatten, brachten
 ihn noch athmend in die Stadt; daß die Seinigen gesiegt, hörte er noch; danach
 aber gab er rasch den Geist aus. Das übrige Heer, als es unter Klearidas von der
 Verfolgung zurückkehrte, zog den Todten die Waffenrüstung aus und stellte ein
 Siegeszeichen'aus.

' Danach begruben den Brasidas die Bundesgenossen, insgesammt in Waffen ihm das
 Geleit gebend, auf öffentliche Kosten in der Stadt vor dem Platz, wo jetzt der
 Markt ist; und die Amphipoliten zogen später eine Einfassung um sein Grabmal und
 opfern ihm in die Erde als einem Heros, und haben zu seinen Ehren 
 Kampfspiele und ähnliche Opfer eingeführt und legen ihm auch die Gründung ihrer
 Stadt bei, als habe er den Grund dazu gelegt; die HagnonishcenGebäude aber
 rissen sie nieder und machten dem Boden gleich, was sonst noch als
 Erinnerungszeichen an die Gründung der Stadt durch diesen Mann hätte dienen
 können; denn Brasidas, 
 
 
 
 glaubten sie, sei als ihr Netter erschienen; zugleich wollten sie auch 
 unter den gegenwärtigen Umständen aus Furcht vor den Athenern die
 Bundesgenossenschaft mit den Lakedämoniern recht warm halten und glaubten, daß
 bei der feindlichen Stimmung jener gegen Athen die Verehrung des Hagnon ihnen
 weder Nutzen bringen noch auch von jenen angenehm vermerkt werden möchte. — Die
 Todten verabfolgten sie an die Athener. Es waren aber von den Athenern 
 gegen sechs Hundert gefallen; von den Gegnern aber nur sieben, weil nicht von
 beiden Seiten aus gleicher Schlachtaufstellung, sondern unter so merkwürdigen
 Umständen und gegen einen bereits in Verwirrung befindlichen Feind gekämpft
 worden war. Nachdem die Todten gesammelt waren, schifften die Athener nach Haus
 zurück. Die unter Klearidas trafen in Amphipolis ihre Einrichtungen.

Um dieselbe Zeit gegen Ende des Sommers führten die Lakedämonier Namphias und
 Autocharidas und Epikydidas eine Hülsstruppe von neun Hundert Schwerbewaffneten
 nach den Thrakischen Gränzlanden, und als sie nach dem Trachinischen Heraklca
 '') kamen, änderten sie, was an den dortigen Verhältnissen ihnen nickt 
 gefallen wollte. Während sie nun hier verweilten, fiel jene Schlacht vor, und so
 ging der Sommer zu Ende.

Sogleich als der Winter eintrat zog die Truppe des Ramphias in Thessalien
 weiter und kam bis Pierion; da aber jetzt die Thessaler den Durchzug wehrten,
 und Brasidas, dem sie das Heer zuführen wollten, überdieß nicht mehr am Leben
 war, so marschirten sie wieder nach Hause zurück. Denn sie dachten, es sei jetzt
 nicht mehr der rechte Zeitpunkt, nachdem die Athener geschlagen und schon
 abgezogen wären; und sie hielten sich auch nicht für die Männer, um das 
 auszuführen, was jener im Plane hatte. Hauptsächlich aber marshcirten sie
 deßhalb zurück, weil sie wußten, daß die Lakedämonier zur Zeit ihres Ausmarsches
 mehr dem Frieden zugeneigt waren.

Es geschah aber sogleich nach der Schlacht bei Amphipolis und dem Rückzüge des
 Ramphias aus Thessalien, daß keiner von beiden Theilen mehr sich an
 Kriegsunternehmungen wagen wollte, sondern beide ihre Gedanken mehr auf Frieden
 wendeten; die Athener, 
 
 weil sie bei Delion und bald danach wieder bei Amphipolis hart 
 getroffen worden waren und nicht mehr das zuversichtliche Vertrauen 
 auf ihre Macht hatten, mit welchem sie früher den Vertrag von sich 
 gewiesen, weil sie bei ihrem damaligen Glücke die entschiedene Oberhand zu
 behalten geglaubt. Dann fürchteten sie auch, daß die Bundesgenossen durch ihre
 Niederlagen noch weiter zum Abfall angespornt würden, und es reute sie jetzt,
 daß sie nach den Ereignissen in Pylos, wo sich ein ehrenvoller Anlaß bot, nicht
 in die dargereichte Hand eingeschlagen hatten. Den Lakedämoniern auf der andern
 Seite kam der Verlauf des Krieges ganz wider Erwarten, denn sie hatten
 geglaubt, die Macht der Athener in wenigen Jahren zu Boden zu werfen, wenn sie
 nur ihr Land verwüsteten; nun aber hatte sie das Unglück auf der Insel
 (Sphakteria) betroffen, wie ein ähnliches der Stadt Sparta niemals zugestoßen
 war, und von Pylos und Kythera aus wurde ihnen das Land verwüstet. Auch die
 Heloten liefen über, und sie mußten immer erwarten, daß auch die 
 Zurückgebliebenen, auf den Beistand der auswärts Befindlichen bauend, ihnen, wie 
 schon früher geschehen IV, Unruhen erregen würden. Dazu kam noch, daß auch der
 dreißigjährige Friedensvertrag mit den Argivern seinem Ende nahe war, und einen
 neuen wollten die Argiver nicht eingehen, außer wenn man ihnen die Landschaft
 Kynuria wieder zurückgebe. Und unter solchen Umständen schien es unmöglich,
 gegen Argiver und Athener zugleich Krieg zu führen. Auch von den
 peloponneisschen Städten hatten sie einige im Verdacht, daß sie aus Seite der
 Argiver treten würden, waS denn auch wirklich eingetroffen ist.

Solche Ueberlegungen pflogen beide Parteien, und beide glaubten deßhalb, man
 solle einen Frieden abschließen. Auch hatten die Lakedämonier keine geringe
 Sehnsucht, ihre Leute von der Insel zurückzuerhalten; denn es waren darunter die
 vornehmsten Männer unter den Spartiaten und mit ihnen allen gleicherweise
 verwandt. Sie hatten darum auch sogleich nach ihrer Gefangennehmimg 
 ihretwegen zu unterhandeln angefangen, aber die Athener in ihrem Glücke wollten
 durchaus keinen Frieden abschließen, der beide Theile auf gleichem Fuße ließ.
 Nachdem diese aber bei Delion eine Schlacht ver­ 
 
 
 loren, dachten die Lakedämonier sogleich, daß sie schon eher nachgeben 
 würden, und schlössen den einjährigen Waffenstillstand ab, in dessen Annahme die
 Unterhandlung wegen eines längeren Friedens eingeschlossen war.

Als nun aber auch die Niederlage von Amphipolis die Athener betroffen hatte und
 Kleon und Brasidas nicht mehr am Leben waren, welche auf beiden Seiten dem
 Frieden am meisten entgegen- arbeiteten, — Brasidas, weil er glücklich war und
 der Krieg ihm Ruhm brachte, Kleon aber, weil er glaubte, daß nach
 wiedergekehrter Ruhe seine 'Schurkenstreiche eher an's Licht kommen und seine
 Verläumdüngen weniger Glauben finden würden; so konnten demnach in Athen
 wie in Sparta die beiden Männer, welche am eifrigsten den ersten Rang für sich
 erstrebten, nämlich Pleistoanax, des Pausanias Sohn, König der Lakedämonier, und
 Nikias, Sohn des Nikeratos, damals der glücklichste Feldherr, um so eifriger zum
 Frieden arbeiten. Nikias nämlich, der nie ein Unglück erfahren und hoch geehrt
 wurde, wünschte auch weiterhin sein Glück zu bewahren und für die Zukunft 
 sowohl selbst der Mühseligkeit überhoben zu sein, als auch seine Mitbürger davon
 zu befreien; auch wollte er der kommenden Zeit den Ruf hinterlassen, als ob er
 sein ganzes Leben hindurch dem Staate niemals einen Unfall veranlaßt habe; das
 aber, glaubte er, werde Einem in gefahrloser Zeit zu Theil, und wenn Einer sich
 den Launen des Glücks so wenig als möglich aussetze; Gefahrlosigkeit aber werde
 der Friede gewähren ^). 
 
 
 
 Pleistoanax hingegen wurde von seinen Feinden wegen seiner 
 Rückkehr aus der Verbannung verläumdet und mußte seinen Namen > den
 Lakedämoniern gegenüber von jenen immer gemißbraucht hören; denn so oft den Staat
 ein Unglück traf, hieß es immer, das komme von der gesetzwidrigen Zurückberufung
 des Pleistoanax. Sie beschuldigten ihn nämlich: er mit seinem Bruder Aristokles
 habe die Oberpriesterin in Delphi beredet, den Lakedämoniern, wann sie in
 heiliger Sendung kamen, lange Zeit immer wieder das Orakel zu geben: „des
 Halbgottes und Zeussohnes Samen sollten sie von fremder Erde in die heimische
 zurückführen, sonst würden sie mit silberner Pflugschaar pflügen müssen" und so
 habe er endlich die Lakedämonier dahin gebracht, ihn aus seinem Zufluchtsort,
 dem Lykäon IV, — wo er wegen seines vermeintlich durch Bestechung erkauften
 Rückzuges aus Attika in der Verbannung lebte und aus Furcht vor den Lakedämoniern
 damals in einem Hause wohnte, das zur Hälfte auf dem Grunde des Zeusheiligthums
 stand — nach 
 
 
 
 
 
 neunzehn Jahren mit denselben Chortänzen und Opferfeierlichkeiten nach
 Sparta zurückzuführen, mit denen die Gründer Lakedämons die ersten Könige
 eingesetzt hatten.

Diese Verläumdung nun war ihm sehr lästig und dazu glaubte er, daß wenn Frieden
 eintrete, den Staat kein Unglück mehr betreffen könne, und auch zugleich die
 Lakedämonischen Gefangenen zurückkommen würden, und dann wäre er seinen Feinden
 unantastbar; so lange aber Krieg sei, wären die hervorragenden Männer in 
 Folge von Unglücksfällen nothwendig immer der Verläumdung ausgesetzt; und
 deßhalb wünschte er eifrig den Frieden. Diesen Winter über nun wurde beiderseits
 verhandelt, und gegen den Frühling hin drohten bereits die Lakedämonier mit
 neuen Rüstungen, die sie durch die Städte ansagen ließen, gleich als
 beabsichtigten sie eine Belagerung, damit die Athener eher Gehör geben sollten.
 Bei den Verhandlungen nun wurden beiderseits viele Ansprüche vorgebracht, doch
 traf man 'eine Vereinbarung dahin, der Friede solle unter der Bedingung
 geschlossen werden, daß beide Theile, was sie durch Kampf gewonnen, zurückgäben.
 Nisäa aber sollten die Athener behalten; als diese nämlich die Herausgabe von
 Platäa verlangten, erklärten die Thebaner, sie hätten den Platz nicht durch
 Gewalt oder Verrath, sondern durch freiwillige Uebergabe seitens der Platäer in
 ihren Besitz gebracht, gerade wie die Athener Nisäa. Daraus riefen die 
 Lakedämonier ihre Bundesgenossen zusammen, und da mit Ausnahme der Böotier und
 Korinther nnd Eleer und Megarer, welche nicht einverstanden waren, die Andern
 für den Frieden stimmten, so schlössen sie den Vertrag ab und bekräftigten ihn
 gegen die Athener, wie diese gegen die Lakedämonier, durch Opfer und Eidschwur.
 Er lautete aber so:

„Es haben Frieden geschlossen die Athener und die Lakedämonier und ihre
 Bundesgenossen unter diesen Bedingungen, auf welche alle Städte geschworen
 haben: 
 „Was die gemeinsamen Heiligthümer betrifft, so mag opfern 
 
 und den Gott befragen und heilige Sendungen schicken nach väter- 
 licher Weise wer da will, zu Wasser und zu Lande, ungefährdet. Das, 
 Heiligthum aber und der Tempel des Apollo zu Delphi und Delphi selbst sollen
 ihr^ eigenen freien Gesetze haben und an Niemanden Steuer zahlen und eigene
 Gerichtsbarkeit haben, die Einwohner über sich selbst und ihr Land nach Weise
 der Väter" 18). 
 ,,Fünfzig Jahre soll der Friede bestehen zwischen den Athenern und den
 Bundesgenossen der Athener und den Lakedämoniern und den Bundesgenossen der
 Lakedämonier ohne Arglist und Gefährde zu Wasser und zu Lande." 
 „Waffen tragen zur Schädigung dürfen weder die Lakedämonier und ihre
 Bundesgenossen gegen die Athener und ihre Bundesgenossen, noch auch die Athener
 und ihre Bundesgenossen gegen die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen, auf
 keinerlei Art und Weise." 
 „Wenn sie aber unter einander eine Streitsache haben, so sollen sie des Rechts
 gebrauchen und Eide schwören, wie sie unter einander vereinbart haben." 
 „Die Lakedämonier und Bundesgenossen sollen den Athenern Amphipolis
 zurückgeben." 
 „In allen Städten, welche die Lakedämonier an die Athener zurückgeben, sollen
 die Einwohner ausziehen dürfen, wohin sie wollen, sie selbst sammt Hab und Gut.
 Die Städte sollen nur den von AristideS festgesetzten Beitrag leisten und ihre
 eigenen Versassungen behalten. Und vom Abschluß des Friedens an dürfen die 
 Athener und ihre Bundesgenossen die Städte, wenn sie ihre Steuer leisten, nicht
 mit gewaffneter Hand angreifen. Es sind aber diese Städte: Argilos, Stagciros,
 Akanthos, Skolos, Olynthos, Spartolos. Diese sollen neutral sein, weder den
 Lakedämoniern noch den Athenern verbündet. Wenn aber die Athener diese Städte
 überreden können, daß sie mit ihrem freien Willen in den Waffenbund der Athener
 treten, so soll ihnen das erlaubt sein." 
 
 
 
 
 „In Mekybernä und Sana und Singä sollen
 die Bürger dieselben Freiheiten haben wie die Olynthier und die Akanthier." 
 „Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen sollen den Athenern auch Panakton
 zurückgeben." 
 „Die Athener sollen den Lakedämoniern Koryphasion und Kythera und Methone und
 Pteleon und Atalante zurückgeben und dergleichen auch alle Männer, die den
 Lakedämoniern angehören und zu Athen oder sonstwo auf Athenischem Gebiet in
 Gewahrsam sind. Auch sollen sie die in Skione belagerten Peloponnesier sowie
 alle Bundesgenossen der Lakedämonier, die dort sind, freigeben und auch 
 Alle diejenigen, welche Brasidas dorthin geschickt hat, deßgleichen auch alle
 Bundesgenossen der Lakedämonier, die zu Athen oder sonstwo im Gebiet der Athener
 in Gewahrsam sind. Gleicher Weise sollen auch die Lakedämonier und ihre
 Bundesgenossen die bei ihnen gefangenen Athener und Bundesgenossen
 freigeben." 
 „Was aber die Skionäer und Toronäer und Sermylier betrifft, und welche Stadt
 sonst noch die Athener bereits genommen haben, über diese und die andern Städte
 sollen die Athener nach Gutdünken beschließen." 
 „Es sollen die Athener in allen Städten der Lakedämonier und ihrer
 Bundesgenossen den Eid schwören. Beide Theile sollen aber den Eid schwören, der
 nach der Landessitte der höchste ist, Männer aus jeder Stadt für sich. Der
 Schwur soll so lauten: „„Ich werde diesen Frieden und diese Verträge in Treuen
 und ohne Arglist beobachten." " Ebenso sollen auch die Lakedämonier und ihre
 Bundesgenossen den Athenern den Schwur leisten, und beide Theile sollen 
 jedes Jahr den Schwur erneuern." 
 „Denksäulensollen errichtet werden zu Olympia und Pytho und auf dem Jsthmos und
 zu Athen in der Stadt und zu Lakedämon im Amykläon" 2'). 
 „Wenn aber einer von beiden Theilen irgend etwas zu erwähnen vergessen hat, so
 soll es für Beide im Eide einbegriffen sein, daß sie unter rechtsgemäßem
 Verfahren Abänderungen treffen, wie sich beide Theile einigen, Athener und
 Lakedämonier."

„Es beginnt die Wirksamkeit des Vertrages unter dem 
 Ephoren Pleistolas am siebenten Tage des absteigenden Monds Artemisios,
 und unter dem athenischen Archonten Alkäos am fünften Tage des absteigenden
 Monds Elaphebolion ^). Die Eidschwüre und Opfer haben vollzogen von Seiten der
 Lakedämonier: Pleistoanax, Agis, Pleistolas, Damagetos, Chionis, Metagenes,
 Akanthos, DaVthos, Jschagoras, Philocharidas, Zeuxidas, Antippos, Tellis, 
 Alkinidas, Empedias, Menas, Laphilos, — von Seiten der Athener Lampon,
 Jsthmionikos, Nikias, Laches, Euthydemos, Prokles, Pythodoros, Hagnon, Myrtilos,
 Thrasykles, Theagenes, Aristokrates, Jolkios, Timokrates, Leon, Lamachos,
 Demosthenes."

Dieser Vertrag wurde geschlossen zu Winters Ende, mit Frühlingsanfang, sogleich
 nach dem städtischen Dionysosfeste ^), als, einige Tage auf- oder abgerechnet,
 gerade zehn Jahre verflossen waren, seit der erste Einfall in Attika geschah und
 damit dieser Krieg begann. Es möge aber der Leser nach den wirklichen Zeiten
 rechnen und nicht vielmehr der Aufzählung der Thatsachen nach den Namen 
 der jedesmaligen Archonten oder sonst eines Würdenträgers Glauben schenken,
 welche zur Feststellung der früheren Ereignisse dienen ^). Denn damit ist nicht
 genau bestimmt, ob eine Thatsache in den Anfang oder in die Mitte oder in sonst
 einen andern Zeitpunkt einer Amtsdauer fällt. Zählt man aber nach Sommern und
 Wintern, wie bei Abfassung dieses Werkes geschehen ist, so wird man finden, da
 jeder von diesen beiden Zeiträumen eine Jahreshälfte ausmacht, daß dieser
 erste Krieg die Dauer von zehn Sommern und eben so vielen Wintern hatte.

Die Lakedämonier aber — denn sie waren durch das Loos dazu bestimmt worden, mit
 Herausgabe dessen, was sie gewonnen 
 
 
 
 
 
 
 hatten, den Anfang zu machen — entließen sogleich die Kriegsgefangenen,
 welche sich in ihrer Hand befanden, und schickten in die Thrakischen Gränzlande
 als Abgeordnete den Jschagoras und Menas und Philocharidas mit dem Befehle an
 den Klearidas, Ainphipolis den Athenern zu übergeben, und daß auch die Andern
 den vereinbarten Friedensvertrag annehmen sollten. Die aber wollten nicht, weil
 sie die Bedingungen nicht für zureichend hielten, und auch Klearidas gab 
 den Ehalkidiern zu gefallen Amphipolis nicht heraus, vorgebend, es sei ganz
 unmöglich die Stadt gegen den Willen jener zu übergeben. Doch reiste er selbst
 mit Gesandten von dort in aller Eile nach Lakedämon, um sich zu
 vertheidigen,-wann ihn JSchagoras und dessen Begleiter des Ungehorsanis anklagen
 würden; zugleich wollte er auch sehen, ob an dem Vertrag Nichts zu ändern sei;
 da er ihn aber bereits rechtsgültig abgeschlossen fand, so reiste er in Sendung
 der Lakedämonier sogleich wieder zurück mit dem Befehle, den Platz wo 
 möglich zu überliefern; wenn aber nicht, so solle er mit allen Peloponnesiern
 von dort abmarshciren.

Da gerade die Bundesgenossen in Lakedämon anwesend waren, so forderten die
 Lakedämonier diejenigen unter ihnen, welche den Frieden nicht angenommen hatten,
 aus, sich demselben anzuschließen. Diese aber wiesen das Ansinnen unter
 demselben Vorwaiide zurück, wie auch das erste Mal, und weigerten sich dem
 Friedensschluß beizutreten, wenn man nicht billigere Bedingungen durchsetze. Da
 sie also kein Gehör gaben, so wurden sie von den Lakedämoniern entlassen,
 und diese schlössen nun ein Schutzbündniß mit den Athenern. Sie dachten nämlich,
 die Argiver, die schon bei Gelegenheit der Sendung des Ampelidas und Lichas den
 Frieden nicht hatten erneuern wollen, würden es zwar jetzt um so weniger wollen,
 seien aber ohne die Athener nicht zu fürchten, und der übrige Peloponnes werde
 sich wohl ruhig verhalten; erlaubten es freilich die Verhältnisse, so 
 würden sie (die Argiver) sich mit den Athenern verbünden. — Da nun Gesandte der
 Athener anwesend waren, so einigten sie sich nach vorangegangenen
 Unterhandlungen, und es wurde folgender Waffenbund beschworen:

„In Gemäßheit dieses sollen die Lakedämonier (und Athener) aus fünfzig Jahre
 Bundesgenossen sein. Wenn Einer das Land 
 
 der Lakedämonier feindlich angreift und den Lakedämoniern Schaden 
 zufügt, sollen die Athener den Lakedämoniern
 aus jede Weise helfen, und mit so kräftiger Unterstützung es ihre Mittel nur
 erlauben. Haben aber die Angreifer das Land verwüstet und ziehen dann ab, 
 so soll ihr Staat von den Lakedämoniern und Athenern als Feind betrachtet und
 von beiden gezüchtigt werden. Frieden sollen beide Staaten in Gemeinschaft
 schließen, und das Alles in Treuen und mit allem Eifer und ohne Arglist. Wenn
 aber die Sklaven aufstehen sollten, so müssen die Athener den Lakedämoniern nach
 ihren Mitteln mit ganzer Macht beistehen. Beschwören werden diesen Bund, von
 beiden Seiten diejenigen, welche auch den ersten Vertrag beschworen haben.
 Er soll aber aus jedes Jahr erneuert werden, indem die Lakedämonier zum
 Dionysossest nach Athen kommen, und die Athener zum Hyakinthossest nach
 Lakedämon. Beide Theile sollen eine Dcnksäule ausstellen, die eine zu Lakedämon
 neben der Bildsäule des Apollo im Amykläon, die andere zu Athen in der Stadt
 neben der Athene. Wenn es aber den Lakedämoniern und Athenern gut dünkt, 
 zu diesen Punkten Zusätze zu machen oder etwas davon zu thun, was es auch immer
 sei, so soll das für beide Theile im Eid einbegriffen sein."

Den Eid schwuren von Seiten der Lakedämonier diese: Pleistoanax, Agis,
 Pleistolas, Damagetos, Chionis, Metagenes, Akanthos, Dai'thos, Jschagoras,
 Philocharidas, Zeuxidas, Antippos, Alkinadas, Tellis, Empedias, Menas, Laphilos,
 — von Seiten der Athener: Lampon, Jsthmionikos, Laches, Nikias, Euthydemos,
 Prokles, Pythodoros, Hagnon, Myrtilos, Thrasykles, Theagenes, 
 Aristokrates, Jolkios, Timokrates, Leon, Lamachos, Demotshenes. 
 Dieser Waffenbund wurde nicht lange nach dem Friedensver-trage abgeschlossen,
 und die Athener gaben jetzt den Lakedämoniern die Leute von der Insel
 ^Sphakteria^ heraus, zur Zeit als der Somnier des eilsten Jahres anfing. 
 Hiemit ist der erste Krieg beschrieben, der ohne Unterbrechung zehn Jahre
 gedauert hat ^).

Nach dem Friedensvertrage und dem
 Waffenbunde der Lakedämonier und der Athener, welche zu Ende des zehnjährigen
 Krieges abgeschlossen worden waren, als Pleistolas Ephore in Lakedämon und
 Alkäos Archon in Athen war, herrschte zwar Friede zwischen denen, welche
 denselben angenommen hatten, die Korinthier aber und einige peloponnesifche
 Städte suchten den Vertrag zu erschüttern, und bald ergab sich auch noch
 weiteres Zerwürfniß zwischen Lakedämon und seinen Bundesgenossen. Aber auch den
 Athenern wurden die Lakedämonier im Verlaufe der Zeit verdächtig, denn sie
 erfüllten in einigen Punkten nicht, was vereinbart worden war. Sechs Jahre 
 zwar und zehn Monate enthielten sie sich feindlicher Einfälle in das 
 gegenseitige Gebiet, auswärts aber fügten sie sich unter trügerischer Waffenruhe
 einander großen Schaden zu, und später wurden sie dann genöthigt, den nach dem
 zehnjährigen Kampf geschlossenen Vertrag zu lösen und den offenen Krieg von
 Neuem zu beginnen.

Auch dieß hat derselbe Thukydides, Bürger von Athen, der Ordnung nach
 beschrieben, wie Alles auf einander gefolgt ist, nach Sommern und Wintern, bis
 die Lakedämonier und ihre Verbündeten der Oberherrschaft der Athener ein Ende
 machten und die langen Mauern und den Piräeus besetzten T Bis zu diesem
 Zeitpunkt hat der Krieg im Ganzen sieben und zwanzig Jahre gedauert. Wenn 
 aber Einer die dazwischen fallende Vertragszeit nicht auch zum Kriege 
 mitgerechnet haben möchte, so wird er nicht recht urtheilen. Er möge nur sehen,
 inwiefern jene Zeit sich durch die Thatsachen unterscheidet, und er wird sinden,
 daß sie mit Unrecht eine Zeit des Friedens genannt würde, da weder herausgegeben
 noch in Empfang genommen wurde, was der Vertrag vorschrieb. Dazu kam auch noch
 der Mantineische und der Epidaurische Krieg und andere Verstöße beiderseits.
 Auch verharrten die Bundesgenossen in den Thrakischen Gränzlanden nach wie
 vor in feindlicher Stellung, und die Böotier beobachteten nur einen
 Waffenstillstand, der von zehn zu zehn Tagen erneuert wurde. Mit dem
 zehnjährigen ersten Krieg also und der darauf fol- 
 
 genden zweideutigen Waffenruhe und dem aus derselben hervorgehen- 
 den späteren Kriege wird man, um wenige Tage auf oder ab 2 7), eben jene
 Zahl von Jahren finden, wenn man die Zeiten berechnet. Und denen, welche sich au
 Orakelsprüche halten, ist dieß allein richtig eingetroffen; denn ich erinnere
 mich, von Anfang des Krieges bis zu seinem Ende von Vielen immer gehört zu
 haben, daß derselbe dreimal neun Jahre dauern müsse. Ich selbst habe den ganzen
 Krieg mit erlebt, befand mich in einsichtigeren Jahren und habe ihm ernste 
 Aufmerksamkeit gewidmet, so daß ich Zuverlässiges darüber wissen kann; auch hat
 es sich mir ereignet, daß ich nach meinem Feldzug gegen Amphipolis zwanzig Jahre
 meine Vaterstadt meiden mußte, und so konnte ich in der Nähe der beiderseitigen
 Ereignisse, meiner Verbannung wegen nämlich auch der Peloponnesischen, in Ruhe
 den Gang der Dinge beobachten. 
 Nun will ich den nach den (ersten) zehn Jahren eingetretenen Zwist und die
 Auflösung des Vertrages erzählen, und was danach für Kriegsthaten geschehen
 sind.

Nachdem der fünfzigjährige Friedensvertrag nnd danahc der Waffenbund
 abgeschlossen waren, reisten die Gesandtschaften, welche zu diesem Zwecke
 berufen worden, wieder von Lakedämon ab; die Andern nun gingen nach Hause, die
 Korinther aber wendeten sich zuvor nach Argos und verabredeten mit einigen
 Argivern, die in Amt und Würden tsanden: weil die Lakedämonier nicht in 
 guter Absicht sondern zur Unterjochuug des Peloponnes Frieden und
 Bundessreuudschaft mit den Athenern geschlossen hätten, die doch vorher ihre
 erbittertsten Feinde gewesen seien, so sollten die Argiver zusehen, daß die
 peloponnesische Freiheit gerettet werde, und sie sollten beschließen, daß welche
 Stadt der Hellenen nur wolle, sofern sie nur ihre freie Verfassung habe und
 Allen gleiches Recht gewähre, mit den Argivern ein Waffenbündniß zum Schutz
 ihrer gegenseitigen Gebiete eingehen könnte. Und sie sollten dazu einige wenige
 Männer ernennen, die in Ansehung ihrer Gewalt ganz freie Hand hätten; vor 
 das Volk aber solle man die Verhandlungen nicht bringen, damit 
 
 
 wenn die Menge sich nicht überreden lasse, die Namen jener Männer nicht
 bekannt würden. Sie behaupteten auch, daß aus Haß gegen die Lakedämonier Viele
 sich ihnen anschließen würden. Nachdem die Korinther diese Maßregeln an die Hand
 gegeben, kehrten sie nach Hause zurück.

Die Beamten der Argiver aber hatten ihnen Gehör geschenkt, und als sie die
 Sache vor die Obrigkeit und die Volksversammlung brachten, nahmen die Argiver
 die Vorschläge durch allgemeinen Beschluß an und wählten zwölf Männer, mit
 welchen Wer von den Hellenen immer wolle, mit Ausnahme der Athener und 
 Lakedämonier, ein Waffenbündniß abschließen könne; von diesen beiden aber solle
 Keiner ohne die Entscheidung der Argivischen Volksversammlung dem Bunde
 beitreten können. Solche Vorschläge nahmen aber die Argiver hauptsächlich aus
 dem Grunde an, weil sie sahen, daß ihnen ein Krieg mit den Lakedämoniern
 bevorstehe; denn ihr Waffenstilltsandsvertrag mit denselben ging seinem Ende zu,
 und dann hofften sie auch, die Oberleitung des Peloponnes zu gewinnen, 
 denn um jene Zeit hatte der Ruf Lakedämons sehr gelitten und es wurde schon
 seiner Unfälle wegen über die Achsel angesehen; die Argiver andererseits tsanden
 sich aber damals von Allen am besten, weil sie an der Last des Attischen Krieges
 nicht mitgetragen hatten und als mit beiden Theilen im Frieden lebend ihre
 Einkünfte ungeschmälert genossen. Die Argiver also nahmen auf diese Weise in
 ihren Waffenbund auf, wer von den Hellenen nur wollte.

Zuerst traten zu ihnen die Mantineer^) und deren Bundesgenossen, ans Furcht vor
 den Lakedämoniern; denn die Mantineer batten sich noch während des Krieges gegen
 die Athener einen Theil Arkadiens unterworfen, und sie dachten nun, die
 Lakedämonier würden sie nicht ruhig darüber herrshcen lassen, wenn sie nur erst
 selbst Muße fänden. Es war ihnen deßhalb erwünscht, sich an Argos 
 anschließen zu können; denn sie hielten dieß für einen mächtigen Staat, der mit
 den Lakedämoniern von jeher in Feindschaft gelebt habe und wie sie selbst eine
 demokratische Verfassung besitze. Als die Mantineer abgefallen waren, begann
 auch im übrigen Peloponnes das 
 
 Gerede, daß man es ihnen nachthun müsse; denn man glaubte, jene 
 wüßten etwas mehr und seien darum abgefallen. Dann waren sie auch aus die
 Lakedämonier erbittert, sowohl aus andern Ursachen als auch weil es in dem
 Attischen Vertrage hieß, es solle dem Eid nicht schaden, wenn beide Staaten, die
 Lakedämonier und Athener, an dem Vertrage nach beiderseitigem Gutdünken etwas
 zu- oder abthun wollten. Diese Bestimmung machte im Peloponnes viel böses Blut
 und erregte den Verdacht, die Lakedämonier möchten in Verbindung mit den
 Athenern sie unterjochen wollen; denn es wäre gerecht gewesen, daß die Erlaubniß
 zu Abänderungen auf alle Bundesgenossen ausgedehnt worden wäre. Deßhalb also
 schwebten die Meisten in Furcht und waren geneigt, sowohl mit den Argivern als
 auch unter einander einen Waffenbund zu schließen.

Als die Lakedämonier nun merkten, daß solches Gerede durch den Peloponnes gehe
 und die Korinther hiezu die Weise angäben und auch für sich selbst
 beabsichtigten, mit den Argivern in Bund zu treten, so schickten sie Gesandte
 nach Korinth um dem vorzubauen, und beschuldigten sie, daß sie das Ganze
 angegeben hätten; und wenn sie von ihnen abfallen und der Argiver Bundesgenossen
 werden wollten, so würden sie damit ihre Eide verletzen. Und schon damit
 thäten sie Unrecht, daß sie den Vertrag mit den Athenern nicht annähmen, da doch
 ausgemacht worden wäre, daß für Alle verbindlich sei, was die Mehrzahl der
 Bundesgenossen beschließen würde,'es sei denn, daß von den Göttern oder Heroen
 ein Verbot käme. 
 Die Korinther nun in Gegenwart derjenigen Bundesgenossen, welche gleichfalls
 den Vertrag nicht angenommen hatten — sie hatten dieselben nämlich schon vorher
 selbst eingeladen — widersprachen den Lakedäinoniern. Doch sagten sie ihnen
 nicht gerade in's Gesicht, worin sie wirklich übervortheilt worden waren,
 nämlich daß sie von den Athenern weder Sellion noch Anaktorion zurück erhalten
 hätten, oder wodurch sie sonst benachtheiligt zu sein glaubten, sondern sie
 nahnien sich zur Ausrede, daß sie die Bundesgenossen in den Thrakischen
 Gränzlanden nicht verrathen wollten. Denn sie hätten denselben damals besondere
 Eide geshcworen, als sie mit den Potidäern ihren Abfall in's Werk setzten, und
 später noch andere. Sie verletzten also, sagten sie, damit die Eide gegen ihre
 Bundesgenossen nicht, 
 
 daß sie dem Vertrag mit den Athenern nicht beitreten wollten; denn nachdem
 sie ihnen bei den Göttern Trene zugeschworen, so wäre das ein schlechtes
 Eidhalten, wenn sie dieselben jetzt preisgeben wollten. Es sei ja vereinbart
 worden: „wenn nicht von den Göttern oder Heroen ein Verbot ausgehe", und das
 scheine ihnen eben ein göttliches Verbot zu sein. So viel sagten sie in Betreff
 der früheren Eidschwüre; über das Bündniß mit den Argivern, erklärten sie, 
 würden sie mit ihren Freunden Rathes pflegen und thun, was Recht sei. Damit
 kehrten dann die Lakedämonischen Gesandten nach Hause zurück. Es waren aber auch
 Abgeordnete der Argiver zu Korin^ anwesend, welche die Korinther aufforderten in
 ihren Bund einzutreten und nicht zu zaudern, worauf diese sie aufforderten sich
 zu der auf später bei ihnen anberaumten Versammlung einzufinden.

Es kam aber auch gleich damals eine Gesandtschaft der Eleer 29), schloß zuerst
 mit den Korinthern ein Bündniß und ging von da, wie ihnen daheim befohlen worden
 war, nach Argos, wo sie der Argiver Bundesgenossen wurden. Sie hatten nämlich
 Lepreon's wegen einen Span mit den Lakedämoniern. Denn es war einst 
 zwischen arkadischen Städten und den Lepreaten zum Krieg gekommen, worauf diese
 die Bundesgenossenschaft der Eleer anriefen mit dem Erbieten, ihnen den Ertrag
 ihres halben Gebietes zu überlassen. Die Eleer legten nun den Krieg bei,
 überließen aber das Land den Lepreaten selbst zur Benützung und legten ihnen nur
 ans, dem Olympischen Zeus (jährlich) ein Talent zu entrichten. Bis zum Attischen
 Kriege nun wurde dasselbe auch entrichtet, als aber dann die Lepreaten die
 Zahlung einstellten und den Krieg zum Vorwand nahmen, wurden sie von den Eleern
 dazu gezwungen, und nun wandten sich jene an die Lakedämonier. Die Sache wurde
 einem Lakedämonischen Schiedsgericht übergeben; da aber dann die Eleer
 vermutheten, wohl kein billiges Urtheil zu erhalten, so traten sie wieder zurück
 und ver­ 
 
 wüsteten das Gebiet der Lepreaten. Nichtsdetsoweniger aber gaben 
 die Lakedämonier den Entscheid, die Lepreaten sollten ganz frei sein< 
 und die Eleer hätten Unrecht; und weil diese ihren Beitritt zu ihrem 
 Schiedsgericht wieder zurückgenommen hatten, so legten sie eine Besatzung von
 Schwerbewaffneten nach Lepreon. Die Eleer aber sahen die Sache so an, als ob die
 Lakedämonier eine von ihnen abgefallene Stadt angenommen hätten, und beriefen
 sich aus den Vertrag, in welchem bestimmt war, daß was die Teilnehmer zu Anfang
 des Krieges besessen hätten, sie auch am Schlüsse desselben als Eigenthum 
 haben sollten; es sei ihnen also Unrecht geschehen; und deßhalb traten sie zu
 den Argivern über und schlossen, wie erzählt ist, auch ihrerseits den
 Waffenbund. Bald nach ihnen wurden auch die Korinther und die Thrakischen
 Chalkidier der Argiver Verbündete. Die Böoter aber und die Megarer, obgleich sie
 dieselbe Sprache führten, verhielten sich theilnahmlos, da die Lakedämonier
 überhaupt kein Augenmerk mehr auf sie hatten, und sie selbst der Argiver
 demokratische Verfassung ZU) ihren eigenen oligarchischen Einrichtungen weniger
 förderlich hielten als die Staatsverfassung der Lakedämonier.

Um dieselbe Zeit in jenem Sommer endete die Belagerung Skione's mit Eroberung
 der Stadt, und die Athener ließen die Erwahcsenen männlichen Geschlechts
 hinrichten, Weiber und Kinder aber verkauften sie als Sklaven und des Land
 überließen sie zur Benützung den Platäern. Die Delier führten sie wieder nach
 Delos zurück, weil sie sich ihre Niederlagen zu Gemüthe führten, und auch weil
 der 
 
 
 Gott in Delphi es befohlen hatte ^Damals begann auch der Krieg zwischen
 Phokiern und Lokrern.— Die Korinther und Argiver, die sich bereits verbündet
 hatten, gingen jetzt auch nach Tegea um diese Stadt den Lakedämoniern abwendig zu
 machen. Sie sahen nämlich, daß das Gebiet ein beträchtliches Stück Landes war,
 und wenn dasselbe auf ihrer Seite stünde, dachten sie, so würde der ganze 
 Peloponnes ihnen gehören. Als aber die Tegeaten zur Antwort gaben, daß sie
 nichts Feindliches gegen die Lakedämonier unternehmen 
 
 
 würden, so ließen die Korinther, die bis jetzt mit Leidenschaft in 
 diesem Sinne gearbeitet hatten, von ihrer Großmachtsucht in etwas > 
 nach und besorgten, es möchte von den Andern jetzt Niemand mehr zu ihnen treten.
 Gleichwohl gingen sie noch zu den Böotern und baten sie, ihre und der Argiver
 Bundesgenossen zu werden und auch sonst mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.
 Ferner verlangten sie, die Böoter sollten mit ihnen nach Athen gehen und ihnen
 einen eben solchen zehntägigen Waffenstillstand auswirken, wie er zwischen 
 Athenern und Böotern nicht lange nach dem fünfzigjährigen Friedensvertrage war
 abgeschlossen worden; wenn aber die Athener darauf nicht eingingen, so sollten
 sie diesen Waffenstillstand aufkündigen und dann künftig ohne sie keinen neuen
 Vertrag schließen. In Betreff des Bündnisses mit den Argivern nun gaben die
 Böoter auf das Ansuchen der Korinther zur Antwort, man solle ihnen noch etwas
 Zeit lassen. Nach Athen geleiteten sie die Korinther, konnten aber den
 zehntägigen Waffenstillstand für sie nicht erwirken, sondern die Athener gaben
 zur Antwort, es bestehe ja schon ein Bündniß zwischen ihnen und den
 Korinthern, sofern diese Bundesgenossen der Lakedämonier seien. Die Böoter aber
 kündeten deßhalb ihren zehntägigen Stillstandsvertrag nicht auf, so viel auch
 die Korinther baten und ihnen Vorwürfe machten, daß sie doch so übereingekommen
 seien; zwischen Korinthern und Athenern herrschte aber doch Waffenruhe, auch
 ohne besonderen Vertrag.

Die Lakedämonier unternahmen in diesem Sommer unter Führung ihres Königs
 Pleistoanax, Sohnes des Pausanias, mit ihrer gesammten Macht einen Zug in das
 Gebiet der Parrhasier in Arkadien, Unterthanen der Mantineer ^?), da diese sie
 innerer Unruhen wegen herbeiriefen; zugleich aber dachten sie auch die Festung
 Kypsela wo möglich zu schleifen, welche die Mantineer verschanzt und mit
 einer Besatzung versehen hatten. Dieselbe liegt im Parrhasischen Gebiet an der
 Gränze gegen die Skiritische Landschaft in Lakonien. Die Lakedämonier ihrerseits
 verwüsteten das «Gebiet der Parrhasier; die Mantineer aber überließen die
 Besatzung ihrer Stadt Argivern 
 
 
 und übernahmen selbst den Schutz ihrer Bundesgenossen. Sie konnten aber
 die Festung von Kypsela und die Parrhasischen Städte nicht zugleich decken und
 zogen deßhalb wieder ab. Nun gaben die Lakedämonier den Parrhasiern
 Unabhängigkeit, rissen die Festung nieder und zogen wieder ab nach Hause.

In demselben Sommer, als die mit Brasidas ausmarschirten Truppen, welche
 Klearidas nach dem Friedensschlüsse wieder abzuführen hatte, aus Thrakien
 zurückkamen, beschlossen die Lakedämonier, daß die Heloten, welche unter
 Brasidas gefochten hatten, frei sein sollten und sich ansiedeln könnten, wo sie
 wollten, und nicht lange danach, weil sie doch schon einmal mit den Eleern in
 Streit lebten, verpflanzten sie dieselben sammt den Neodamoden nach Lepreon an
 der Gränze von Lakonika und Eleia. Damals erklärten sie auch die 
 Spartiaten, welche sich auf der Insel gefangen gegeben und ihre Waffen
 ausgeliefert hatten, für ehrlos, obgleich einige von ihnen bereits wieder Aemter
 bekleideten. Sie fürchteten nämlich, dieselben möchten jenes Unfalls wegen
 glauben, sie müßten hinter den Andern zurückstehen, und deßhalb ans Neuerungen
 ausgehen, wenn man ihnen die Bürgerehre lasse. Ehrlos aber waren sie nur,
 insofern sie kein Amt verwalten und rechtsgültig weder etwas kaufen noch
 verkaufen konnten. Einige Zeit danach aber wurden sie wieder für ehrlich 
 erklärt 2»).

In demselben Sommer nahmen auch die Diktidier das 
 am Athos gelegene Thyssos, eine den Athenern verbündete Stadt. 
 Diesen ganzen Sommer durch verkehrten Athener und Peloponnesier friedlich unter
 einander; es hatten aber schon sogleich nach dem Friedensschlüsse Athener und
 Lakedämonier auf einander Argwohn, weil Keiner dem Andern die eroberten Plätze
 auslieferte. Die Lakedämonier hatte nämlich das Loos getroffen, mit der
 Uebergabe von Amphipolis den Anfang zu machen; sie hatten aber weder diese 
 Stadt noch auch die andern Plätze herausgegeben und verhielten auch weder die
 Bundesgenossen in den Thrakischen Gränzlanden noch auch die Böoter und Korinther
 zur Annahme des Vertrages, obgleich sie immer die Redensart im Munde führten,
 sie wollten jene, falls sie sich weigerten, mit den Athenern gemeinsam dazu
 zwingen, und sie bestimmten sogar auch einen gewissen Zeitpunkt, —jedoch ohne
 sich schriftlich zu verpflichten —, von welchem an diejenigen, die bis 
 dahin nicht beigetreten wären, von beiden Theilen als Feinde behandelt werden
 sollten. Als aber die Athener sahen, daß von Allem dem gar Nichts wirklich
 geschah, so fingen sie an zu argwöhnen, daß die Lakedämonier nichts Gutes im
 Schilde führten, und sie gaben deßhalb trotz der Forderung jener nicht nur Pylos
 nicht zurück, sondern es reute sie sogar, die Gefangenen von der Insel
 herausgegeben zu haben. Und auch die übrigen Plätze behielten sie und wollten
 abwarten, bis erst jene ihren Verpflichtungen nachkämen. 
 Die Lakedämonier hingegen behaupteten gethan zu haben, was in ihrer Macht
 stehe; denn sie hätten die bei ihnen gefangen gehaltenen Athener frei gelassen
 und ihre Truppen aus den Thrakischen 
 
 
 Gränzlanden weggezogen und sonst gethan, was ihre Macht erlaubte; über
 Amphipolis aber seien sie nicht in soweit Herr gewesen, daß sie es hätten
 übergeben können; die Böoter und Korinther würden sie immer noch zur Annahme des
 Friedensvertrages zu bewegen suchen, von ihnen auch Panakton herausfordern und
 alle in Böotien befindlichen Kriegsgefangenen der Athener ihnen
 zurückverschaffen. Pylos, verlangten sie, solle man ihnen zurückgeben, oder wenn
 das nicht, so doch wenigstens die Messenier und Heloten herausziehen, wie sie
 selber es in Thrakien gethan hätten; die Athener könnten ja den Platz
 selbst besetzen, wenn sie wollten. Nachdem nun im Laufe dieses Sommers oft und
 viel unterhandelt worden war, bewogen sie die Athener endlich dazu, die
 Messenier und die Uebrigen, Heloten nämlich und wer sonst aus Lakonika
 übergelaufen war, aus Pylos zu ziehen. Diese Leute erhielten dann Wohnsitze zu
 Krania auf Kephallenia. — Diesen Sommer also herrschte Ruhe, und beide Theile
 verkehrten unter einander.

Im folgenden Winter, — da schon andere Ephoren als die, unter welchen der
 Vertrag zu Stande gekommen war, die Negierungsgewalt hatten und unter ihnen auch
 einige Gegner des Friedens, — kamen Gesandte der Bundesgenossenschaft (nach
 Lakedämon) und auch Athener, Böoter und Korinther waren zugegen, und sie 
 verhandelten da viel unter einander, kamen aber zu keinem Ziel; als nun die
 Andern schon wieder abgereist waren, knüpften Kleobulos und Lenares, diejenigen
 unter den Ephoren, welche am meisten den Vertrag zu beseitigen wünschten, mit
 den Böotern und Korinthern besonders Unterhandlungen an und forderten sie auf,
 mit einander nur dasselbe Ziel im Auge zu haben; die Böoter sollten versuchen,
 zuerst für sich selbst Bundesgenossen der Argiver zu werden und dann sich
 selbst sammt den Argivern mit den Lakedämoniern zu verbünden; so würden sich die
 Böoter am besten davor schützen, zur Annahme des Attischen Vertrages gezwungen
 zu werden; denn die etwaige Feindschaft der Athener und eine Auflösung des
 Vertrages sei für die Lakedämonier nicht von der Bedeutung wie Freundschaft und
 Wassenbündniß mit den Argivern; sie wußten nämlich wohl, wie die 
 
 Lakedämonier von jeher den Wunsch hegten, es möge zwischen ihnen 
 und Argos auf ehrenvolle Weise ein freundschaftliches Verhältniß, 
 hergestellt werden, weil sie dafür hielten, daß in diesem Fall ein Krieg 
 außerhalb des Peloponnes ihnen weniger drückend falle. Was Panakton betrifft, so
 baten sie die Böoter, dasselbe an die Lakedämonier zu übergeben, damit sie wo
 möglich Pylos dafür eintauschen könnten, und so für den Krieg gegen die Athener
 um so besser gestellt wären.

Nachdem die Böoter und Korinther von Lenares und Kleobulos und deren Freunden
 jene Aufträge erhalten hatten, um sie ihren Staatsbehörden mitzutheilen, reisten
 beide Gesandtschaften wieder ab. Aus sie aber warteten von den Argivern zwei
 Mitglieder der höchsten Obrigkeit auf ihrem Heimwege und traten mit ihnen in
 Unterhandlung, ob nicht die Böoter sich ebenso mit ihnen verbunden wollten
 wie die Korinther und- Eleer und Mantineer; denn wenn das zu Stande käme, würden
 sie ihres Erachtens sowohl zu den Lakedämoniern als auch erforderliches Falles
 zu jedem Andern leicht in Kriegs- oder Friedensstand treten können, wenn sie
 wollten, da die Verbündeten ja mit ihnen gemeinsame Sache machen würden. Den
 Gesandten der Böoter behagten diese Anträge; denn zufällig ersuchten die
 Argiver eben um das, was die Freunde zu Lakedämon in Auftrag gegeben hatten, und
 als die Argivischen Männer sahen, daß jene ihnen Gehör gaben, so verabschiedeten
 sie sich mit dem Versprechen, Gesandte zu den Böotern schicken zu wollen. Die
 Böoter kamen zu Hause an und meldeten den Böotarchen, welche Aufträge man 
 ihnen von Lakedämon mitgegeben habe ind um was die Argiver ersucht, mit denen
 sie zusammengetroffen waren. Auch den Böotarchen gefielen diese Dinge, nnd sie
 gingen um so eifriger darauf ein, weil es sich von zwei Seiten so glücklich
 traf, daß ihre Freunde unter den Lakedämoniern dasselbe Anliegen hatten, auf
 welches auch die Argiver hinzielten. Nicht lange danach erschienen denn auch
 Argivische Gesandte, welche zur Annahme der Vorschläge aufforderten. Die 
 Böotarchen stimmten ihrem Ansuchen bei und entließen sie mit dem Versprechen,
 Gesandte nach Argos schicken zu wollen, um den Waffenbund zu betreiben.

Unterdessen beschlossen die Böotarchen und die Korinther sammt den Megarern und
 den Thrakischen Gesandten, sich zuerst 
 
 unter einander gegenseitig Eide zu schwören, im Fall der Noth treulich dem
 beizustehen, der es bedürfen solle, und weder Krieg zu führen noch Frieden zu
 schließen ohne gemeinsame Übereinkunft; und so sollten denn sogleich die Boöter
 und Megarer, — denn hier waltete Einstimmigkeit ob —, mit den Argivern den
 Vertrag abschließen. Bevor jedoch die Eide geshcworen wurden, machten die
 Böotarchen darüber Mittheilung an die vier Rathsbehörden der Böoter, welche
 in allen Dingen die oberste Entscheidung haben, und trugen darauf an, daß
 alle Städte den Schwur leisten sollten, welche sich ihnen zu gemeinsamem Nutzen
 eidlich verbinden wollten. Die im Rath der Böoter gingen aber darauf nicht ein
 aus Besorgniß, sie möchten etwas den Lakedämoniern Anstößiges thun, wenn sie
 Eidgenossen der Korinther würden, die von jenen abgefallen waren. Denn die 
 Böotarchen hatten ihnen nicht mitgetheilt, welche Nachrichten aus Lakedämon 
 mitgebracht worden waren, — daß nämlich die Ephoren Kleobnlos und Xenares und
 deren Freunde aufgefordert hatten, zuerst Bundesgenossen der Argiver und
 Korinther und dann mit diesen Verbündete der Lakedämonier zu werden —, in der
 Meinung, der Rath werde auch ohne diese Mittheilung nichts Anderes beschließen,
 als was sie selbst vorher ausgemacht und dann zum Beschluß empfohlen hatten.
 Da nun so ein Riegel vorgeschoben war, so reisten die Korinther und die
 von Thrakien gekommenen Gesandten unverrichteter Dinge wieder ab; die Böotarchen
 aber, welche, wenn sie erst damit durchgedrungen wären, beabsichtigt hatten, den
 Abschluß eines Waffen- bündnisses mit den Argivern zu versuchen, stellten jetzt
 gar keine Anträge mehr an die Nathsbehörden in Betreff der Argiver und 
 schickten nicht einmal die versprochene Gesandtschaft nach Argos, wie denn das
 ganze Geschäft nachlässig und schläfrig betrieben wurde.

In demselben Winter nahmen die Olynthier durch Ueberfall das von den Athenern
 besetzte Mekyberna. 
 Danach — denn immer noch wurden zwischen Athenern und Lakedämoniern
 Verhandlungen gepflogen der Plätze wegen, die sie noch Einer vom Andern in
 Besitz hatten — oachten die Lakedämonier, wenn die Athener erst Panakton von den
 Böotern zurückerhielten, so würden auch sie Pylos bekommen. Sie schickten also
 Gesandte an die Böoter mit dem Ansuchen, ihnen Panakton und die Athenischen 
 Kriegsgefangenen auszuliefern, damit sie PyloS dagegen eintaushcen 
 könnten. ^Dte Böoter. aber, gaben, zur Antwort, sie würden jen^S, unter
 keiner andern Bedingung herausgeben, als wenn die Lakedämonier mit ihnen ein
 besonderes Waffenbündniß, wie mit den Athenern, abschlössen. Die Lakedämonier
 wußten nun zwar, daß damit den Athenern Unrecht geschehe, weil ausgemacht worden
 war, daß ein Theil ohne den andern weder Krieg führen noch einen Vertrag
 schließen dürfe, sie wünschten aber gleichwohl, Panakton zu erhalten, um 
 Pylos dagegen einzutaushcen, und da auch diejenigen unter ihnen, welche den
 Vertrag zu lösen bestrebt waren, die Sache der Böoter eifrig betrieben, so
 schlössen sie mit denselben zu Ende des WinterS und gegen FrühlingS-Anfang das
 Waffenbündniß ab. Panakton 'wurde dann sofort dem Erdboden gleich gemacht. Damit
 ging das eilfte Jahr des Krieges zu Ende

Sogleich mit Frühlings-Anfang^im folgenden.-,Sommer, da die Gesandten nicht
 kamen, welche die Böoter zu schicken.versprohcen, und.die Schleifung von
 Panakton bekannt wurde, und daß zwischen Böotern und Lakedämoniern ein
 besonderes Waffenbündniß abgeschlossen worden sei, geriethen die Argiver in
 Furcht, sie möchten vereinzelt gelassen werden, und die ganze
 Bundesgenossenschast zu den Lakedämoniern übertreten.,? Sie ^dachten nämlich,
 die. Böoter^hätten sich von den Lakedämoniern überreden lassen/Panakton
 niederzureißen und dem Vertrage -mit den Athenern beizutreten,/und die Athener
 wüßten um Alles. ^Sie glaubten deßhalb, es sei jetzt nicht einmal mehr
 Zeit für sie, mit den Athenern ein Bündniß zu schließen, während sie früher bei
 dem Zwist beider Mächte gehofft hatten, daß ihnen jedesfalls daS.Bündnißmit? den
 Athenern offen stehe, wenn sieben Vertrag mit den Lakedämoniern nicht erneuern
 wollten.^..Das also setzte die Argiversin Verlegenheit, .und.da sie'fürchteten,
 mit...den Lakedämoniern, Tegeaten, Böotern und Athenern zugleich in Krieg 
 verwickelt'^ werden,. so schickten sie, —'die von den Lakedämoniern einen
 Vertrag nicht hatten, annehmen wollen sondern sich .im stolzen Traum der
 Herrschaft über-den; Peloponnes gewiegt,.—-so schnell sie nur.'konnten
 den.EustrophoS und. den. Aeson die als sehr befreundet mit den Lakedämoniern
 galten, als Gesandte nach Sparta, ent- 
 
 
 
 schlossen unter den gegenwärtigen Umständen um jeden Preis, möge es kommen
 wie es wolle, mit'de« Lakedämonietn einen Vertrag zu schließen/um nur Ruhe zu
 haben.­

diese Gesandten angekommen waren, unterhandelten sie-mit'den Lakedämoniern, auf
 welcbe ^Bedingungen hin'sie einen Vertrag erhalten könnten. Undczuerst
 verlangten die-Argiver,.. es solle'entweder eine Stadt 'oder ein einzelner Mann
 einen shciedsrichterlichen Spruch -in Betreff der Landschaft Kynuria fällen;
 wegen deren'sie' immer'? hadern; es ist dieß das Gränzgebiet zwischen 
 beiden Staaten, mit den Städten Thyrea und Antbene, und die Nutztileßüisg'davon
 haben die LakedänioNier. > Da" diese-aber-nicht erlauben-wollten, daß der
 Sache auch nur Erwähnung geschehe, jedoch sich "bereit erklärten/ unter den
 früheren Bedingungen'den Vertrag zu erneuern, wenn es ihnen genehm sei, so
 vermochten die Argivischen Gesandten'gleichwohl die Lakedämonier zu folgendem
 Zugeständnis Für' jetzt solle ein fünfzigjähriger Friede geschlossen werden, es
 solle aber beiden-Theilen frei stehen, zu'einer Zeit, wo weder Seuche noch 
 Krieg in Lakedämon und Argos herrsche, den andern herauszufordern, um über den
 Besitz jenes Landstriches die Waffen entscheiden zu lassen, Wie schon früher
 einmal geschehen sei,' wo-aber beide Theile sich den Sieg zuschrieben-35); es
 solle aber dann nicht erlaubt sein einander tveitel' als' bis zu" den'Gränzen
 °-von'->ArgoS und Lakedämon zu verfolgen.' Den'Lakedämoniern erschien dieser
 Vorschlag-zwar Anfangs als Verrücktheit, dann aber — weil sie auf jede Weise mit
 Argos Frieders haben wollten — fügten'sie sich der Forderung und faßten 
 den Vertrag schriftlich ab. Doch bevor er rechtskräftig würde, hießen siegle
 Gesandten nach Haus zurükckehren und ihn der Volksversammlung vorlegen, und wenn
 die zustimme) so sollten sie zum Fest der Hyakinthien wiederkommen, um die Eide
 zu leisten.' So reisten denn jene ab. ^ -

Zu derselben Zeit, während welcher die Argiver diese Unterhandlungen führten,
 kamen die Abgeordneten der Lakedämonier, Androckenes, PhädimoS und Antimenidas,
 welche Panakton und die Kriegsgefangenen von den Böotern übernehmen und den
 Athenern 
 
 aushändigen sollten, an und trafen Panakton bereits von den Böo- 
 tern selbst geschleift, unter dem Vorwand, daß zwischen Athenern und 
 Böotern von einem Streite her aus alter Zeit noch Eide rechtskräftig seien,
 wonach keiner von beiden Theilen den Platz allein bewohnen, sondern nur beide
 gemeinsam ihn beweiden dürften; die Kriegsgefangenen hingegen, welche die Böoter
 von den Athenern in Händen hatten, übernahmen Andromenes und seine Begleiter,
 brachten sie nach Athen und übergaben sie daselbst; was Panakton betreffe, 
 erklärten sie, so sei dasselbe geschleift, und damit meinten sie es zurück- 
 gegeben zu haben, denn es könne jetzt dort kein Feind der Athener mehr wohnen.
 Das nahmen aber die Athener sehr übel auf-und glaubten von den Lakedämoniern
 durch die Schleifung Panaktons übervortheilt worden zu sein, da sie ihnen den
 Platz in ordentlichem Stande hätten übergeben sollen, und dazu erfuhren sie
 jetzt auch noch, daß jene auch mit den Böotern ein besonderes Bündniß
 geschlossen hätten, während sie doch früher ihr Wort gegeben hatten, daß sie
 mit Athen gemeinsam die Andern znr Annahme des Friedensvertrages zwingen
 wollten. Auch die andern Bestimmungen des Vertrages, die noch zu erfüllen waren,
 suchten sie hervor und behaupteten betrogen worden zu fein, weßhalb denn auch
 die Gesandtschaft mit einer unwirschen Antwort abziehen mußte.

Diesen Zwiespalt unter den Lakedämoniern und Athenern suchte nun die Partei in
 Athen, welche den Friedensvertrag zu brechen wünschte, allsogleich festzuhalten
 und zu benutzen. Zu dieser gehörte unter Andern auch Alkibiades, des Kleinias
 Sohn, ein Mann, der in einem andern Staat damals noch für zu jung gegolten
 hätte, aber seiner vornehmen Abkunft wegen in Ansehen stand 27). - Derselbe
 
 
 
 
 glaubte nun zwar wirklich, daß es besser sei, sich mit den Argivern zu
 verbünden, daneben war es aber auch verletzter Stolz und Ehrgeiz, weßhalb er den
 Frieden bekämpfte, weil nämlich die Lakedämonier durch Vermittelung des Nikias
 und des Laches den Vertrag zu Stande gebracht, ihn selbst aber seiner Jugend
 wegen übersehen hatten. Auch war er von ihnen nicht so geehrt worden, wie er es
 gemäß dem Verhältniß der ehemals zwischen ihnen bestandenen 
 Staatsgastfreundschaft erwartete, die sein Großvater zwar aufgekündigt, er selbst
 aber durch Gefälligkeiten gegen ihre Kriegsgefangene von der Insel wieder
 zu erneuern gesucht hatte. So glaubte er auf alle Weise zurückgesetzt zu sein
 und hatte deßhalb schon Anfangs widersprochen, indem er behauptete, man dürfe
 den Lakedämoniern nicht trauen sondern sie suchten nur deßhalb den Frieden, um,
 wenn sie die Athener durch den Vertrag unschädlich gemacht, zuerst die Argiver
 zu überwältigen und dann gegen das vereinzelte Athen loszugehen; und als 
 nun-damals jener Zwiespalt dazu kam, schickte er sogleich in seinem eigenen
 Namen Leute nach Argos, mit dem Auftrag, jene sollten mit den Mantineern und
 Eleern so schnell als möglich kommen und um ein Bündniß ansuchen, denn jetzt sei
 der rechte Zeitpunkt dazu, und er selbst werde sie aus's Kräftigste
 unterstützen.

Die Argiver nun auf diese Meldung hin, und als sie auch erfuhren, daß jenes
 Bündniß mit den Böotern durchaus nicht im Einvernehmen mit den Athenern zu
 Stande gekommen, sondern daß vielmehr eine große Spannung mit den Lakedämoniern
 eingetreten sei, nahmen gar keine Rücksicht auf ihre Gesandten in Lakedäyion,
 welche dort>.eines Vertrages wegen unterhandelten, und richteten ihr 
 Augenmerk wieder mehr auf die Athener, deren Staat von jeher mit ihnen 
 befreundet gewesen und, wie ihr eigener, demokratisch regiert sei, auch eine
 große Seemacht besitze und deßhalb, wie sie glaubten, mit den Waffen für sie.
 einstehen werde, falls sie in einen Krieg verwickelt 
 
 würden. Sie schickten also sogleich Gesandte an die Athener eines 
 Waffenbundes wegen, und auch von den Eleern und Mantineern« gingen
 Abgeordnete mit. Es kam aber auch von den Lakedämoniern in aller Eile eine
 Gesandtschaft, und zwar Männer, die in Athen beliebt zu sein schienen,
 Philocharidas nämlich und Leon und Endlos. Jene fürchteten nämlich, die Athener
 möchten in ihrem Unwillen ein Bündniß mit den Argivern abschließen, zugleich
 aber wollten sie auch Pylos für Panakton verlangen und sich wegen des 
 Bündnisses mit den Böotern entschuldigen, daß sie es nicht zum Schaden Athens
 abgeschlossen hätten.

Als diese Gesandten nun vor der Rathsversammlung über diese Dinge sprachen und
 erklärten, daß sie bevollmächtigt seien, über alle strittigen Punkte eine
 Vereinbarung abzuschließen, so gerieth Alkibiades in Furcht, jene möchten, wenn
 sie auch vor der Volksversammlung also redeten, die Menge für sich gewinnen, so
 daß diese das Bündniß mit den Argivern von sich weise. Darum ersann er nun
 gegen sie folgende List: Er beredete die Lakedämonier und verpfändete ihnen sein
 Wort, wenn sie sich nicht vor der Volksversammlung als Bevollmächtigte erklären
 wollten, so werde er ihnen Pylos zurückverschaffen; dazu könne er die Athener
 eben so leicht überreden, wie er sie jetzt durch seinen Widerspruch davon
 abhalte, — und auch betreffs der übrigen Punkte werde er eine Aussöhnung zu
 Stande bringen. Dabei war aber seine Absicht, sie dem Nikias abwendig zu 
 machen und sie beim Volke in Mißachtung zu bringen, als ob sie nichts
 Aufrichtiges im Sinne hätten, da sie ja jetzt anders redeten als vorher, und auf
 die Weise dachte er das Bündniß mit den Argivern, Eleern und Mantineern
 durchzusetzen. Und so kam es auch wirklich. Denn als jene vor dem Volke auftraten
 und auf Befragen nicht Mehr wie früher vor der Rathsversammlung erklärten, daß
 sie mit Vollmacht gekommen seien, da hielten die Athener ihren Unwillen 
 nicht mehr zurück, sondern schenkten dem Alkibiades, der nun noch weit mehr
 Geschrei gegen die Lakedämonier erhob als früher, unbedingtes Gehör und erklärten
 sich bereit, die Argiver und die mit ihnen Gekommenen sogleich vorzulassen und
 mit ihnen ein Bündniß abzuschließen; da aber, bevor es noch zum gültigen Beschluß
 kam, 
 
 ein Erdbeben eintrat, so wurde diese Volksversammlung hinausgeschoben
 28).

In der folgenden Versammlung trat Nikias aus, und obgleich er in Betreff der
 verläugneten Vollmacht eben so wie die Lakedämonier selbst getäuscht worden war,
 so erklärte er gleichwohl, es sei besser, Freund der Lakedämonier zu bleiben.
 Man solle die Argiver einstweilen noch warten lassen und erst noch eine
 Gesandtschaft nach Lakedämon schicken, um ihnen ihrer eigentlichen Gesinnung
 wegen auf den Zahn zu suhlen. Wenn man jetzt den Krieg noch hinausschiebe,
 meinte er, so könne dabei i'.r eigener Ruhm nur wachsen, während jene noch mehr
 bloßgestellt würden. Denn für sie selbst, deren Angelegenheiten auf's Beste
 ständen, sei es bei Weitem das Vortheilhafteste, wenn man diesen glücklichen
 Zustand ruhig fortdauern lasse; für jene sei es aber in ihrer mißlichen Lage ein
 gefundener Handel, wenn ihnen so bald Gelegenheit geboten werde, wieder 
 den Kampf entscheiden zu lassen. Und wirklich überredete er sie, Gesandte, unter
 denen auch er war, abzuschicken, mit der Aufforderung an die Lakedämonier, wenn
 sie ehrliche Absichten hätten, so sollten sie Panakton in ordentlichem Stande
 und Amphipolis. übergeben und das Bündniß mit den Böotern wieder lösen, wenn
 diese nicht dem Friedensvertragc beitreten wollten, wie ja auch ausgemacht
 worden sei, daß kein Theil ohne den andern ein Bündniß eingehen solle. Und 
 hinzufügen sollten sie, wenn die Athener hätten Unrecht thun wollen, so würden
 sie die Argiver bereits zu ihren Bundesgenossen gemacht haben; denn diese
 befänden sich eben in dieser Absicht bei ihnen. Und auch ihre sonstigen
 Ansprüche gaben sie dem Nikias und den mit ihm Abgeschickten zu vertreten auf. /
 ' 
 Als nun jene dort angekommen waren und ihre Aufträge ausrichteten und zuletzt
 erklärten, wenn die Lakedämonier nicht'das 
 
 Bündniß mit den Böotern lösen, ^würden, falls diese nicht dem Frie­ 
 densvertrage beiträten,'so würden sie^selbst
 die. Argiver.und ideren, Freunde als Bundesgenossen annehmen;.-- da:
 setzten-der--Ephortz Xenares und die Uebrigen seiner Partei? es durch/ -daß i
 diezLakehämonier zur Antwort gaben, sie würden den Bund.mit den Bär-fern 
 nicht auflösen. Indeß erneuerten ^ sie auf Bitten des. Nikias, den Friedenseid;
 denn dieser fürchtete, wenn er ganz unverrihctejer-kDinge wieder zurückkäme, so
 werde er.beim Volk in Ungnade kommen,:.waH denn auch-wirklich eintrat, da,er als
 der eigentliche Stifter des Frie-' dcns mit den Lakedämoniern galt. Da er. also
 zurückkehrte und die. Athener hörten , es.'sei in. Lakedämon gar nichts
 ausgerichtet worden, so. loderte sogleich ihr Zorn wieder auf, und in der
 Meinung betrage?: worden zu.sein-, ließen .sie die. anwesenden Argiver und ihre
 Freunde durch den Alkibiades vorladen, und. shclössen, mit ihnen das folgende
 Bündniß ab:

„Einen Friedensvertrass .aufshundert-Jahre ihcÄ^n geschlossen die Athener, mit'
 den Argivern, Mantineern und?Meern/ beide theile .für sich, selbst und-für.die
 Bundesgenossen^die unte? ihnen stehen, shne Arglist und .Gefährde, zu Wasser und
 zu.Land.? ? 
 .„Waffen tragennn feindlicher Absicht ^sollen weder die, Argiver; Eleer
 und'Mantineer "und ihre..Bundesgenossen gegen. die,Athener und die von ihnen
 beherrschten Bundesgenossen, noch rauch die.Athe-ner und ihre Bundesgenossen
 gegen die Argiver, Eleer.und Ma.nt.i- neer und ihre Bundesgenossen, aus
 keinerlei Art und:Weise", ' „Unter folgenden Bedingungen soll ein Waffenbund sein
 zwi? schen den.Athenern und den Argivern,- Eleern und. Mantineern,. auf 
 hundert Jahre:" 
 „Wenn Feinde in das Gebiet der.Athener fallen, sollen Argiver,' Eleer und
 Mantineer nach Athen Züzug leisten, wieiihnen die Athener entbieten werden,^ so.
 stark..sie nur.immer können,'nach?b.estem Vermögen." 
 „Wenn aber die Angreifer-das Land verwüstet.haben.und dann wieder abziehen, so
 .soll ihr Staat von den-Argivern, Mantineern und Eleern und von den Athenern als
 Feind betrachtet und von allen diesen Staaten gezüchtigt werden, und.es
 soll-nicht einer einzelnen Stadt erlaubt sein mit dem feindlichen Staate Frieden
 zu schließen, 
 
 wenn es nicht Alle zusammen beschließen. Es sollen aber auch die Athener
 nach Argos und Mantinea'und Elis Zuzug leisten, wenn Feinde das Gebiet der Eleer
 oder Mantineer-angreisen, so wie diese Städte entbieten werden, so stark sie nur
 können, nach bestem Vermögen. Wenn die Angreifer aber das. Land verwüsten und
 dann wieder abziehen, so soll ihr Staat.von den Athenern und von den 
 Argivern, Mantineern und Eleern als Feind betrachtet und von all. diesen Städten
 gezüchtigt werden; und es soll nicht erlaubt sein, mit dem feindlichen Staate
 Frieden zu schließen; wenn nicht alle Städte insgesammt es beschließen." 
 ,,Kein Theil soll irgend Einem bewaffneten Durchzug zum Zwecke des Kriegs durch
 sein eigenes oder der unter ihm stehenden Bundesgenossen Gebiet erlauben, auch
 nicht zur See, wenn micht alle Staaten beschlossen haben, daß der Durchzug
 geschehen könne, Athener und Argiver, Mantineer und Eleer." 
 „Den Hülfstruppen soll diejenige Stadt, welche sie abschickt, Lebensmittel bis
 aus dreißig Tage liesern, von der Zeit an, wo.selbe das Gebiet derjenigen Stadt
 betreten, welche die Hülse verlangt hat; und-auf dem Rückzüge wieder ebenso.
 Sollten-jene Truppen aber länger gebraucht werden, so soll der Staat, welcher
 sie abgeschickt hat, ihnen auch den Lebensunterhalt liefern,- jedem
 Schwerbewaffneten und leichten-Soldaten und Bogenschützen drei Aeginetische
 Obolen für jeden Tag, den Reitern aber eine Aeginetische Drachme 39). 
 „Die Stadt, welche den Zuzug verlangt hat, soll auch die Anführung haben, wenn
 der Krieg aus ihrem eigenen Gebiete geführt wird. Wenn aber die Verbündeten
 beschlossen haben, irgendwohin einen gemeinsamen Feldzug zu unternehmen, so
 sollen an der Führung Alle in gleicher Weise Theil haben." 
 „Den Vertrag beschwören sollen die Athener für sich "und ihre Bundesgenossen;
 die Argiver?aber-und Mantineer und Eleer und deren Bundesgenossen sollen einzeln
 schwören, jede Stadt für sich. ES'soll aber jeder:Staat den Eid schwören,
 der.nah cdem heimischen Brauche bei ihnen -der höchste ist, mit makellosen
 Opfern. Der 
 
 Schwur soll aber so lauten: „„Ich will diesen Bund gemäß den 
 Verträgen wahrhaftig und in Treuen und ohne Arglist halten und, ihn aus
 keine Art und Weise übertreten."" Den Eid.leisten sollen:' zu Athen der Rath und
 die städtischen Oberbehörden, und den Eid abnehmen sollen die Prytanen; zu Argos
 der Rath und die Achtziger und die Artynen, den Eid abnehmen sollen die
 Achtziger; zu Mantinea die Volksoberen und der Rath und die übrigen
 Oberbehörden, den Eid abnehmen sollen die Theoren und die Kriegsobersten; in
 Elis die Volksoberen und die Beamten und, die Sechshunderter. den Eid
 abnehmen sollen die Volksobern und die Gesetzeswarte Zur Erneuerung des EideS
 sollen die Athener nach Elis und nach Mantinea und Argos kommen, dreißig Tage
 vor den Olympischen Spielen; die Argiver, Eleer und Mantineer sollen nach Athen
 kommen, zehn Tage vor den großen Panathenäen" ^ 
 „Den Friedensvertrag und den beschworenen Waffenbund sollen die Athener aus
 eine tseinerne Säule in ihrer Stadt schreiben, die Argiver aus dem Markte im
 Tempel des Apollo, die Mantineer im Tempel des ZeuS auf dem Markte, und auch zu
 Olympia sollen sie auf gemeinsame Kosten bei den nächsten Olympischen Spielen
 eine eherne Säule setzen." 
 „Wenn aber den verbündeten Städten gut dünken sollte, verbessernde Zusätze zu
 diesen Verträgen zu machen, so soll das erlaubt sein, wenn alle Städte nach
 gemeinsamer Berathung darüber Beschluß gefaßt haben."

Dieser Friedensvertrag und Waffenbund wurde abgeschlossen, ohne daß deßhalb der
 zwischen den Lakedämoniern und den Athenern von einem von beiden Theilen wäre
 aufgekündigt worden. Die Korinther aber, obgleich sie Bundesgenossen der Argiver
 waren, betheiligten sich nicht bei dem Vertrage; ja sie hatten sogar vordem
 nicht mitgeschworen, als Eleer, Argiver und Mantineer das Bündniß 
 
 
 
 schlössen, daß sie mit Einen und denselben Krieg führen und Frieden haben
 wollten, sondern vorgeschützt, es genüge das frühere Waffenbündniß, wonach sie
 einander Hülfe leisten sollten, ohne daß ein Theil den andern bei einem
 Angriffskrieg zu unterstützen brauchte. So entfernten sich die Korinther von
 ihren Bundesgenossen und näherten sich den Lakedämoniern wieder'

Die Olympischen Spiele^dieses Sommers waren diejenigen, bei welchen der
 Arkadier Androsthenes zum ersten Mal im Pankration siegte. Die Lakedämonier aber
 waren durch die Eleer vom Heiligthum ausgeschlossen worden, so daß'sie weder am
 Opfer'noch an'den'Weltkäwpsen Theil nehmen konnten, da sie die Buße nicht 
 bezahlt hatten, zu welcher.die Eleer nach dem'Olympischen Recht sie 
 verurtheilten, weil sie ihre Festung Phyrkos mit den Waffeivangegrissen^und in
 das ihnen gehörige Lepreon während der Olympischen Waffenruhe eine Besatzung
 Geharnischter gelegt hätten? Die Strafsumme betrug zwei Tausend Minen, zwei
 Minen für-jeden Geharnischten, wie das'Gesetz bestimmt^). Die Lakedämonier'aber
 ließen durch Gesandte Gegenbeschwerde führen und behaupteten, damals, als
 sie ihre Schwerbewaffneten ausschickten'/ sei die^ Waffenruhe noch nicht in
 Lakedämon angesagt gewesen. Die Eleer aber sagten, bei ihnen sei die Waffenruhe
 schon in Kraft' gewesen, — sie lassen dieselbe nämlich unter ihnen selbst zuerst
 ausrufen^ und während sie sich selbst ruhig verhielten'und, als im Schutze des
 Gottesfriedens, nichts Feindliches erwarteten, hätten jene ihnen hinterrücks
 Unrecht zugefügt. Dagegen nun führten die Lakedämonier an, wenn die Eleer
 geglaubt hätten, von ihnen bereits Unrecht erlitten zu haben, so sei eS ja
 überflüssig gewesen, noch den Frieden in Lakedämon ansagen zu lassen; aber doch
 hätten sie das gethan, weil sie eben jenes nicht geglaubt hätten, und
 sie'selbst'hätten auch seitdem nach keiner Seite mehr Feindseligkeiten gegen sie
 unternommen. Die Eleer aber blieben bei ihren ersten Worten und sagten, daß sie
 sich nicht überzeugen könnten, als hätten jene kein Unrecht gethan; würden sie
 
 
 ihnen aber Lepreon zurückgeben, so wollten sie ihnen ihren eigenen 
 Antheil an dem Strafgeld erlassen und'auch, was davon für den, Gott
 entfalle, selbst für sie bezahlen.

Als aber die Lakedämonier darauf nicht eingingen, so änderten sie ihre
 Forderung dahin, jene brauchten Lepreon nicht Herauszugeben, wenn sie nicht
 wollten, sie sollten aber an den Altar des Olympischen Zeus treten, wenn sie zum
 Feste zugelassen sein wollten, und im Angesicht aller Hellenen einen Eid
 sHwören, daß sie die Strafsumme später gewissenhaft erlegen würden. Da die 
 Lakedämonier aber auch hierauf nicht eingingen, so wurden sie von dem Feste
 ausgeschlossen und verrichteten das Opfer zu Hause; die übrigen Hellenen aber
 mit Ausnahme der Lepreaten waren durch Gesandtschaften vertreten. Gleichwohl
 waren die Eleer in Furcht, jene möchten den Zulaß zum Opfer mit Gewalt
 erzwingen, und ließen ihre junge Mannschaft unter Waffen Wache halten. Auch von
 Argos und Mantinea war Zuzug gekommen, Tausend Mann aus jeder Stadt, und
 auch von Seiten der Athener Reiter, welche, so lang das Fest dauerte, in Argos
 standen. Trotzdem schwebte die versammelte Menge in großer Furcht, die
 Lakedämonier möchten bewaffnet kommen, zumal auch Lichas, des Arkesilaös Sohn,
 der Lakedämonier, beim Wettkampfe von den Stabträgern Schläge erhalten hatte.
 Sein Gespann nämlich hatte den Sieg davon getragen, es wurde aber trotzdem
 das böotische Gemeinwesen als Sieger ausgerufen / da jener zur Theilnahme am
 Wettkampfe nicht berechtigt war. Da trat er nun auf den Kampfplatz hervor und
 bekränzte seinen Wagenlenkers um damit zu zeigen, daß daS Gespann ihm gehöret
 Darüber geriethen nun Alle noch mehr in Furcht und glaubten, es werde etwas
 Unerwartetes eintreten. Die Lakedämonier verhielten sich indessen ruhig,
 und so ging das Fest vorüber. Nach Korinth aber kamen nach den Olympien die
 Argiver und ihre Verbündeten mit dem Ersuchen, zu ihnen zu treten: Es waren auch
 von den Lakedämoniern Gesandte zugegen, und obgleich viel hinüber und herüber
 unterhandelt wurde, so kam eS doch zu keinem Ziel, sondern über ein
 eingetretenes Erd- 
 
 
 beben löste sich die Versammlung auf und Jeder ging nach Hause. Damit war
 der Sommer zu Ende.

In dem folgenden Winter kam es zum Kampfe zwischen den Herakleoten in der
 Trachinischen Landschaft und den Aenianen und Dolopern und Meliern und andern
 Thessalern. Denn diese Nachbarstämme waren der Stadt feindlich, da die
 Befestigung des Platzes nur gegen ihr Gebiet gerichtet war. Schon sogleich nach
 Gründung der Stadt hatten sie sich gegen dieselbe feindselig gezeigt, 
 indem sie ihr Schaden zufügten, wo sie nur konnten; und damals besiegten sie in
 der Schlackt die Herakleoten, und auch Xenares, des Knidis Sohn, der
 Lakedämonische Befehlshaber der Stadt, fiel und mit ihm viele andere
 Herakleoten. So ging der Winter und mit ihm das zwölfte Jahr dieses Krieges zu
 Ende.

Im folgenden Sommer, gleich zu Anfang,
 übernahmen die Böoter Heraklea, das durch diese Niederlage sehr herabgekommen
 war, und schickten den Lakedämonier Hegesippidas, weil er sein 
 Befehlshaöeramt schlecht verwaltet hatte, weg. Sie übernahmen den Platz aber
 deßhalb, weil sie bei der gefährdeten Stellung der Lakedämonier im Peloponnes
 befürchteten, die Athener möchten ihn vorweg nehmen. Gleichwohl nahmen ihnen die
 Lakedämonier dieß übel auf. 
 Im selben Sommer kam auch Alkibiades, des Kleinias Sohn, Feldherr der Athener,
 unterstützt von den Argivern und den Bundesgenossen, mit einer geringen Zahl
 Athenischer Schwerbewaffneten und Bogenschützen, wozu er noch von den dortigen
 Bundesgenossen einige Mannschaft nahm, in den Peloponnes und traf, indem er
 denselben durchzog, die nöthigen Einrichtungen in Betreff des Waffenbundes
 und überredete auch die Paträer, ihre Mauern bis an's Meer hinab zu verlängern.
 Auch hatte er selbst den Plan zu einer neuen Festung am Achaischen Rhion; allein
 die Korinther und Sikyonier und wem sonst die Befestigung zum Schaden gereicht
 hätte, eilten herbei und verhinderten dieselbe.

In demselben Sommer kam eS auch zum Kampfe zwischen den Epidauriern und den
 Argivern, angeblich wegen des Opfers für 
 
 den Pythischen Apollo, welches den Epidauriern für die Benützung 
 von Weidegeländen oblag, das sie aber nicht abgeführt hatten. Es l haben
 nämlich die Argiver das meiste Recht an den betreffenden Tempelz aber auch ohne
 diesen Vorwand hätte es wohl dem Alkibiades und den Argivern vortheilhaft
 geshcienen, Epidauros wo möglich an sich zu ziehen, einmal um die Korinther
 zwingen zu können, sich ruhig zu verhalten, und dann weil sie glaubten, daß es
 in diesem Falle den Athenern möglich wäre, von Aegina aus auf kürzerem 
 Wege Zuzug zu leisten als mit Umschiffung des Skylläischen Vorgebirges. Indessen
 rüsteten sich die Argiver, in ihrem eigenen Namen zur Eintreibunq des Opfers in
 Epidauros einzufallen.

Um dieselbe Zeit zogen aber auch die Laledämomer mit gesammter Macht zu Felde
 gegen Leuktra, das an der Gränze gegen das Lykäon zu liegt. Ihr König Agis, des
 Archidamos Sohn, führte sie an. Es wußte aber Keiner, wohin der Zug gehe, — auch
 die Städte nicht, welche Zuzug geleistet hatten. Da ihnen aber das Opfer
 an der Gränze nicht glücklich ausfiel, so zogen sie wieder nach Hause und sagten
 den Bundesgenossen an, sie sollten sich nach dem kommenden Monat, — dem Karneios
 nämlich, der bei den Donern ein heiliger Mond ist, — zu einem Feldzug bereit
 halten. Nach dem Rückzüge jener aber zogen die Argiver noch am vierten Tage vor
 dem Beginn des Karneios aus, rückten diesen Tag über vor und verwüsteten
 dann die ganze Zeit durch das Epidaurische Gebiet durch ununterbrochene
 Einfälle. Die Epidaurier riefen nun ihre Bundesgenossen zu Hülfe, allein die
 Einen schützten den (heiligen) Monat vor, und die Andern rückten zwar bis an
 die'Epidaurische Gränze/ verhielten sich dann aber unthätig^' ' '' ' 'i ' ^
 .

Während nun die Argiver im Epidaurischen tsanden, waren, von den'Athenern
 aufgefordert^ Gesandtshcaften der Städte in Mantinea zusammengetreten, und
 als'es'zum Reden kam, "erklärte der Korinther Euphamidas, „die Reden stimmten
 nicht zu den^Thaten; denn sie säßen dahier des Friedens wegen'bei einander, die
 Epidaurier'aber'mit ihren^Bündesgenossen und die Argiver stünden 
 sich'einander-in'Waffen gegenüber;" es wäre zuerst Pflicht^ daß von-beider? 
 Parteien Männer dorthin gingen und die Heere nach Hause schickten; dann könne
 man wieder vom Frieden reden." Damit fand.er Beifall, 
 
 und so gingen denn Abgeordnete hin und bewogen die Argiver zum Abzug aus
 Epidauria. Danach, kamen sie am selben Orte wieder zusammen, konnten aber auch
 jetzt Nichts vereinbaren, sondern die Argiver fielen wiederum in Epidauria ein
 und verwüsteten das Land. Es waren aber auch die Lakedämonier gegen Karyä
 ausmarschirt, da ihnen jedoch auch dießmal die Opfer an der Gränze nicht
 glücklich ausfielen, so zogen sie wieder nach Hause zurück. Die Argiver aber,
 nachdem sie ungefähr den dritten Theil von Epidauria verwüstet hatten,
 zogen wieder nach Hause ab. Auch von den Athenern war ein Zuzug von Tausend
 Schwerbewaffneten unter des Alkibiades Führung zu ihnen gestoßen; nachdem sie
 aber erfahren, daß die Lakedämonier ihren Feldzug beendigt, hätten. und daß man
 ihrer nicht mehr bedürfe, so gingen sie wieder heim. Und damit war dieser 
 Sommer zu Ende.

In dem folgenden Winter brachten die Lakedämonier, ohne haß die Athener darum
 merkten, aus dem Seewege drei Hundert Mann unter Anführung des Agefippidas als
 Besatzung nach Epidauros. Da schickten die Argiver nach Athen und führten
 Beschwerde, es sei ja im Vertrage bestimmt, daß kein Theil Feinden den 
 Durchzug durch sein Gebiet erlauben dürfe, und doch hätten sie jenen die 
 Seefahrt gestattet; wenn nun die Athener nicht die Messenier und Heloten zum
 Schaden der Lakedämonier nach Pylos brächten, so würden sie selbst glauben
 Unrecht erlitten zu haben. Die Athener nun, überredet von Alkibiades, schrieben
 auf die Lakonische Säule unten an:^ „Die Lakedämonier haben die Eide nicht
 gehalten", und brachten auch die Heloten von Krania nach Pylos um 
 Plünderungszüge zu unternehmen, sonst aber verhielten sie sich ruhig. 
 In diesem Winter dauerte der Krieg zwischen Argivern und Epidauriern fort, zu
 einer förmlichen Schlacht aber kam es nicht, sondern eS wurden nur Hinterhalte
 gelegt und Ueberfälle veranstaltet, bei welchen, wie eS sich gerade traf, von
 beiden Seiten Einige sielen. 
 
 Zu Ende des Winters, schon gegen
 Frühlings Anfang, erschie. nen die Argiver mit Sturmleitern vor Epidauros, in
 der Meinung die Stadt mit Gewalt nehmen zu können, da sie des Krieges wegen
 
 
 von Vertheidigern entblößt, sei; sie mußten aber unverrichteter Dinge
 
 wieder abziehen.- So. ging der Winter zu Ende und mit ihm das dreizehnte
 Jahr dieses Krieges.

'In der Mitte des daraus folgenden Sommers, da die verbündeten Epidanrier in
 Bedrängniß waren,.nnd der übrige Peloponnes theils schon abgefallen war, theils
 nicht in der besten Verfassung, so dachten die Lakedämonier, wenn sie nicht
 schnell Maßregeln treffen würden, so werde das Uebel noch größere Fortschritte
 machen, und zogen deßhalb selbst und mit den Heloten in gesaminter Macht-gegen
 Argos zu Aelde.' Anführer war Agis, des Archidamos Sohn, König der
 Lakedämonier. Mit ihnen zogen aus die Tegeaten und wer sonst von den?Arkadern
 mit den ^Lakedämoniern verbündet war.- Die Bundesgenossen vom übrigen Peloponnes
 und die von auswärts sammelten sich bei Phlius, von den Böotern nämlich fünf
 Tausend Geharnischte und ebensoviel? Leichtbewaffnete nebst fünf Hundert 
 Reitern, ein jeder mit einem Neitgenossen von den Korinthern aber zwei Tausend
 Geharnischte und die Uebrigen nach Vermögen; die Phliasier aber mit gesammter
 Macht, da dieß Heer in ihrem Gebiete stand.

Die Argiver ^abcr hatten schon von vorn herein von den Rüstungen der
 Lakedämonier Kenntniß Erhalten, und auch/daß diese jetzt gegen'Phlius
 marshcirten^ um sich dort mit den Andern zu'vereinigen, und so zogen auch-sie
 auS. Zu ihnen-waren gestoßen die Mantineer mit ihren Bundesgenossen und von den
 Eleern drei Tausend Schwerbewaffnete. Im Vorrücken nun trafen sie bei 
 Methydrion in Arkadien auf-'dle Lakedämonier, und beide Theile besetzten einen
 Hügel. Da schickten sich denn die Argiver an; den Lakedämoniern, da sie noch
 vereinzelt seien ,'eine Schlacht'zu liefern ; Agis aber ließ sein Heer in der
 Nacht aufbrechen und marschirte, ohne daß die Argiver eS gewahr wurden, nach
 PhliuS zu den andern Bundesgenossen. Als die Argiver das bei Tagesanbruch
 merkten, zogen sie sich zuerst nach Argos' zurück und besetzten dann die Straße
 nach Ne­ 
 
 
 mea, wo sie erwarteten, daß die Lakedämonier mit ihren Verbündeten 
 Herabkommen würden. Agis wandte sich aber nicht nach der Seite, wo jene ihn
 erwarteten, sondern befahl den Lakedämoniern, Arkadiern und Epidauriern, mit ihm
 einen andern schwierigeren Weg einzuschlagen, und stieg so in die Arglvische
 Ebene hinab. Die Korinther und Pelleneer und Phliasier nahmen einen andern, auch
 steilen Weg; den Böotern aber und Megarern und Sikyoniern war besohlen, auf
 der Straße nach Nemea hinabzusteigen, wo die Argiver Stellung genommen
 hatten, damit wenn die Argiver gegen die Lakedämonier in der Ebene rücken
 sollten, sie ihnen mit der Reiterei, in den Rücken fallen könnten.

Nachdem Agis diese Befehle ertheilt, fiel er in die Ebene hinab und verwüstete
 Saminthos und andere Ortschaften; die Argiver aber, als sie dieß erfuhren,
 rückten schon bei Hellem Tage zur Abwehr aus Nemea heran und stießen auch mit
 dem Heere der Phliasier und Korinther zusammen, wobei sie den Phliasiern einige
 Leute tödtetenwährend ihnen selbst von den Korinthern nicht eben viel mehr
 getödtet wurden.. Die Böoter nun und die Megarer und Sie kyonier marschirten,
 wie ihnen befohlen war, auf Nemea zu, trafen aber die. Argiver nicht mehr dort,
 da diese, als sie in die,Ebene gekommen und die Verwüstung ihres Gebietes sahen,
 sich dort in Schlachtordnung ausgestellt hatten. Gegen sie schickten
 sich^nun^auch die Lakedämoyjer.zum, Kampfe an. ^ Die Argiver fanden sich aber
 mitten unter Feinden.eingeschlossen; denn in der Ebene waren sie durch,
 die Lakedämonier von ihrer eigenen Stadt abgeschnitten? vom Gebirge aber durch
 die Korinther, Phliasier und Pelleneer, und von Nemea her zeigten sich die
 Böoter , Sikyonier und Megarer.. Pferde aber hatten sie selbst.keine, denn die
 Athener waren von allen Bundesgenossen allein noch..nicht erschienen^- Die große
 Menge der Argiver. und ihrer Verbündeten sah aber die .Lage, nicht sür so gar
 gefährlich an, sondern es schien ihnen, der Kampf werde für. sie günstig
 ausfallen, und sie hätten ja dieLakedämonier hier im eigenen Lande und dicht vor
 ihrer Stadt abgefangen. Zwei Männer indessen von den Argivern, Thrasyllos
 ^nämlich, einer der fünf.Feldherrn^ und Alkiphron,. ejn.TtaatSgästfrennd der
 Lakedämonier, gingen, als die Heere schon nahe am Zusammenstoß waren-,^ zum:Agis
 und.beredetea 
 ihn, es nicht zur Schlacht kommen zu lassen; denn die Argiver seien 
 bereit, Recht zu geben und zu nehmen, wie es billig und Allen gerecht sei,
 falls die Lakedämonier gegen die Argiver Beschwerde hätten, und für die Zukunft
 wollten sie ein Bündniß schließen und Frieden haben unter einander.

Die aber von den Argivern solche Anträge machten, redeten nur auf ihre eigene
 Verantwortung und nicht auf Befehl des Volkes, und auch Agis nahm die Vorschläge
 ganz auf eigene Hand an, ohne sich mit Mehreren zu berathen; vielmehr machte er
 nur einem der mit ausgezogenen Beamten davon Mittheilung und schloß einen
 Waffenstillstand aus vier Monate ab, binnen welcher Frist jene das Versprechen
 erfüllen sollten. Auch führte er das Heer sogleich zurück, ohne einem der
 übrigen Bundesgenossen etwas zu sagen, und die Lakedämonier und die Verbündeten
 folgten zwar auch seiner Führung aus Achtung vor dem Gesetz, allein unter sich
 ließen sie viele Beschuldigungen gegen den Agis laut werden, da sie glaubten,
 die Gelegenheit zum Schlagen sei für sie sehr günstig gewesen, und 
 obgleich die Feinde von allen Seiten von Reitern und Fußvolk eingeschlossen
 gewesen seien, so hätten sie selbst doch wieder abziehen müssen, ohne etwas
 solcher Rüstung Würdiges ausgeführt zu haben. Und in der That war dieß das
 schönste Hellenische Heer, das bis dahin vereinigt gewesen. Das war am besten zu
 sehen, so lange es in seiner ganzen Stärke in Nemea vereinigt stand, wo die
 Lakedämonier mit gesammter Macht erschienen und Arkader und Böoter und 
 Korinther und Sikyonier und Pelleneer und Phliasier und Megarer, und zwar alle
 mit ihrer auserlesensten Mannschaft, — zum Kampfe nicht allein den Argivischen
 Bundesgenossen gewahcsen ershceinend, sondern auch noch Andern dazu, wenn sie am
 Platze gewesen wären; — das Heer also zog unter solcherlei Anschuldigung gegen
 den Agis wieder ab und zerstreute sich dann,, ein Jeder in seine Heimat.. § 
 Die Argiver aber beschuldigten ihrerseits die noch viel härter, welche ohne
 Auftrag der Menge den Waffenstillstand abgeschlossen hatten, denn auch sie waren
 der Meinung, es hätte sich für sie die Gelegenheit gar nicht besser treffen
 können, und doch seien ihnen die Lakedämonier wieder entwischt; der Kampf würde
 ja ganz in der Nähe ihrer eigenen Stadt und im Beisein so vieler und trefflicher
 
 
 
 
 Bundesgenossen Statt gefunden haben. Auch fingen sie aus dem Rückzüge bei
 Charadron, wo von ihnen die Rechtshändel des Feldzuges vordem Eintritt in die
 Stadt abgemacht werden, an, den Thrasyllos mit Steinen zu bewerfen. Zwar gelang
 es ihm selbst sich zu retten, indem er zu dem dortigen Altar floh,, sein
 Vermögen jedoch wurde eingezogen.

Als danach auch aus Athen ein Zuzug von Tausend Geharnischten und drei Hundert
 Reitern unter Führung des Laches und Nikostratos ershcien, trugen die Argiver
 gleichwohl Bedenken, den Waffenstillstand mit den Lakedämoniern zu, brechen, und
 hießen jene wieder abziehen. Auch ließen sie sie nicht vor die Volksversammlung,
 wo jene ihre Sache vertreten wollten, bis die Mantineer und Eleer — denn
 diese waren noch anwesend — sie durch ihr Drängen dazu zwangen. Da sagten nun
 die Athener, bei denen Alkibiades als Gesandter war, vor den Argivern und ihren
 Bundesgenossen, es sei -Unrecht einen Waffenstillstand ohne die andern
 Verbündeten auch nur abzuschließen, und jetzt, wo sie selbst zu so gelegener
 Zeit erschienen seien, müsse man erst recht zum Kriege greisen. Mit solchen
 Worten überredeten sie die Bundesgenossen und marschirten sogleich Alle,
 mit Ausnahme der Argiver, gegen das Arkadische Orchomenos; denn obgleich sich
 auch diese hatten umstimmen lassen, so blieben sie doch Anfangs zurück; später
 indessen rückten auch sie nach. Nun setzten sie sich Alle insgesammt um
 Orchomenos und belagerten und bekannten die Stadt, denn sie hatten sowohl andere
 Gründe den Platz zu gewinnen, als auch weil die Arkadischen Geißeln hier von
 den Lakedämoniern waren untergebracht worden. Die Orchomenier nun
 fürchteten bei der Schwäche ihrer Mauern und der großen Zahl der Angreifer, und
 da auch Niemand ihnen zu Hülfe kam, sie möchten noch zuvor unterliegen, und
 ergaben sich deßhalb unter der Bedingung, daß sie in den Bund aufgenommen
 würden, für sich selbst Geißeln an die Mantineer stellten und die auslieferten,
 welche die Lakedämonier bei ihnen in Verwahrung gegeben hatten.

Danach nun, als sie Orchomenos gewonnen hatten, beraths schlagten die
 Bundesgenossen unter sich, gegen welche der übrigen Städte man zuerst ziehen
 solle. Die Eleer nun verlangten, gegen Lepreon, die Mantineer aber gegen Tegea,
 und Argiver und Athener 
 fielen den Mantineern zu. Da zogen nun die Eleer aus Zöi5n dar- 
 über,' daßijene nicht den Marsch gegen Lepreon beschlossen hatten, < 
 nach-Hause ab ,- die übrigen Verbündeten aber trafen in Mantinea ihre Anstalten
 zum Zuge gegen Tegea. Auch wären einige von den Tegeaten in der Stadt selbst
 bereit, ihnen dieselbe zu verrathen.

Die Lakedämonier aber,'als sie nach Abschluß des viermonatlichen
 Waffenstillstandes von Argos abgezogen waren, zürnten sehr auf Agis, daß er
 ihnen Argos nicht unterworfen habe, obwohl die Gelegenheit so günstig gewesen
 sei wie^ früher niemals; denn es sei nicht leicht, Tso viele und so treffliche
 Bundesgenossen'wieder zusammenzubekommen^ Als nun aber auch noch die Einnahme
 von Orchömenos gemeldet wurde, so erzürnten sie sich noch mehr und 
 beschlossen in ihrer Erbitterung gegen ihre Gewohnheit allsogleich man solle des
 Agis Haus niederreißen -und ihn um Hundert Tausend Drachmen 48) tsrafen. Doch
 wandte er durch seine Bitten noch ab, daß eins oder das-andere geschah, indem er
 verhieß, durch eine tapfere That im Feldzug die'Schuld wieder gut zu machen;
 wenn aber nicht, so könnten sie dann thun, was sie wollten. Darauf hin nun
 schoben jene die Geldstrafe und das Niederreißen seines Hauses aus, machten
 aber bei-diesem Anlasse ein Gesetz, wies es früher bei ihnen nie gegolten
 hatte: sie wählten.ihm nämlich zehn Spartiatische Männer zu Beiräthen, ohne
 deren Gutheißen er nicht die Besugniß"haben sollte, ein Heer aus'der Stadt zu
 führen.

Da kam ihnen nun Botschaft von ihren Freunden in Tegea, wenn sie nicht
 schleunigst erschienen, so werde Tegea zu den Argivern und deren Bundesgenossen
 übergehen, ja es sei fast schon so gut wie übergegangen. Nun fand in Uebereile
 ein Hülfszug der Lakedämonier Statt/mit gesammter Macht, sowohl von ihnen selbst
 als von den Heloten, wie früher nie'einer geschehen war. Sie marschirten aber
 gegen das Orestheion in der Mänalischen Landschaft und ließen ihren 
 Arkadischen Bundesgenossen ansagen, sie sollten sich sammeln und ihnen auf dem
 Fuße nach gegen Tegea ziehen. Sie selbst, als sie 
 
 
 
 
 mit gesammter Macht bis zum Orestheion gekommen waren, entließen von hier
 aus den sechsten Theil ihrer Truppen nach Hause, darunter die Aeltesten und die
 Jüngsten, um die Heimat zu bewachen; mit dem übrigen Heere rückten sie nach
 Tegea. Nicht lange danach erschienen auch die Arkadischen Bundesgenossen. Auch
 sandten sie Botschaft nach Korinth und zu den Böotern und Phokiern und Lokrern,
 mit der Aufforderung, schleunig gegen Mantinea zu Hülfe zu ziehen. Doch 
 kam diesen der Befehl zu plötzlich, und überdieß war es nicht leicht, das
 feindliche Gebiet zu durchziehen, wenn sie sich nicht erst sammelten und. auf
 einander warteten, denn dasselbe erstreckte sich in der ganzen Länge zwischen
 ihnen und den Lakedämoniern; gleichwohl beeilten sie sich möglichst. Die
 Lakedämonier indessen zogen die anwesenden Arkadischen Bundesgenossen an sich
 und machten einen Einfall in das Gebiet von Mantinea. Leim Herakleion schlugen
 sie ein Lager und verwüsteten das Land.

Die Argiver und die Verbündeten, als sie jener ansichtig wurden, besetzten
 einen festen, schwer zugänglichen Ort und stellten sich wie zur Schlacht auf.
 Die Lakedämonier gingen nun sogleich aus sie los, und schon waren sie ihnen bis
 auf Stein- oder Speerwurfsweite nahe gekommen, da rief.Einer von den Aelteren,
 als er sah, wie sie auf die starke Stellung losgingen, dem Agis zu: er denke
 ein Uebel durch ein anderes Uebel zu heilen, —^womit er sagen wollte, der
 jetzige unzeitige Eifer solle wohl den. getadelten Rückzug auS Argos wieder gut
 machen. , Und jener, sei es nun dieses Zurufs wegen, oder daß ihm von selbst
 plötzlich ein anderer Gedanke kaut,- führte, das Heer in Eile wieder zurück,
 bevor es zum Zusammenstoß gekommen war. Nun ging er wieder in das Gebiet, von
 Tegea und leitete das Wasser in das Mantineische hin ab.,j Wenn dieß nämlich
 geschieht, sei es nun, daß die Wasserströmung nach dem einen oder dem
 anderen Gebiet hin geleitet wird, so gerathen die Mantineer und Tegeaten
 jedesmal unter einander in Kampf, da,sehr viel Schaden angerichtet wird. Auf
 diese Weise wollte er die Argiver und ihre Verbündeten von dem Hügel
 herablocken, indem er dachte, sie würden zur Verhütung der Wasserableitung, wenn
 sie davon erführen, schon herunterkommen, und dann' wollte er die Schlacht in
 der Ebene lie^ fern. Diesen Tag über blieb er daselbst und leitete die Gewässer
 ab. 
 Die Argiver nun und ihre Verbündeten waren über den plötzlichen 
 Rückzug jener zuerst ganz betroffen und wußten nicht, was sie daraus, 
 machen sollten; dann aber, als jene im Rückmarsch ihnen bereits aus dem Auge
 kamen und sie selbst immer noch ruhig stehen blieben ohne zu verfolgen, so
 beschuldigten sie wieder'um^ihre Feldherren, sie'hätten früher schon bei Argos
 die Lakedämonier-so schön in der Falle gehabt und sie entwishcenlassen, und
 jetzt, wo sie von selbst davonliefen, verfolge sie Keiner,' sondern man lasse
 jene in aller Ruhe ihre Hautsalviren, während man'sie selbst verrathe. - Die
 Feldherrn nun geriethen darüber für-den Augenblick in Verlegenheit, danach aber
 führten sie das Heer von dem Hügel in die Ebene hinab und lagerten"isch dort,
 bereit den Feind anzugreifen.

Am folgenden Tag stellten sich die Argiver und ihre Verbündeten wieder in
 Ordnung auf, um jenen eine Schlacht-zu liefern, wenn sie auf sie stoßen sollten;
 die Lakedämonier aber marschirten von dem Wasser wieder nach ihrem alten Lager
 beim Herakleion, als sie plötzlich der Feinde ansichtig wurden, die vom Hügel
 her sich genähert hatten und alle schon in Schlachtlinie standen. Damals nun
 geriethen die Lakedämonier in die größte Bestürzung, deren sie sich 
 erinnern, denn in kürzester Frist mußten sie-ihre Anstalten treffen. Und
 sogleich stellten sie sich,in aller Eile in ihre hergebrachte Schlachtordnung,
 so wie Agis, der König, Alles dem Gebrauche gemäß anordnete. Denn wenn der König
 im,Felde anführt, gehen alle Verfehle ivon ihm aus: er sagt, was geschehen soll,
 den Unterfeldherrn (Polemarchen),.die den Obristen (Lochagen), die den
 Hauptleuten (Pentekonteren), die den Rottenweibeln (Enomotarchen) und diese
 endlich den Rotten (Enomotien) -Und auch mündliche°Anweisangen, wenn
 solche nöthig befunden werden, machen denselben Weg und kommen schnell an die
 Truppe; denn das Heer der Lakedämonier besteht fast ganz aus'Befehlshabern.über
 andere Befehlshaber, so daß die Sorge um das, was geschehen soll, sehr Vielen am
 Herzen liegt.

Damals nun standen auf ihrem linken Flügel die Skiriten, welche allein unter
 den Lakedämoniern immer diese Stellung haben; 
 
 
 nächst ihnen die Soldaten des Brasidas, die in den Thrakischen Gränzlanden
 gefochten hatten, und bei ihnen die Neubürger; danach hatten die Lakedämonier
 selbst ihre Schaaren der Reihe nach aufgestellt und neben ihnen, von
 den-Arkadern die Heräer, danach die Mänalier, und aus.dem rechten Flügel die
 Tegeaten, und eine geringe Zahl Lakedämonier an der Spitze des Flügels; die
 Reiterei war auf beide Flügel vertheilt. Dieß war die Aufstellung der
 Lakedämonier; bei den Gegnern aber standen auf dem rechten Flügel 
 die'Mantineer,weil auf ihrem Grund und Boden geschlagen wurde; neben ihnen die
 Bundesgenossen von den. Arkadern , danach die Tausend Mann Kerntruppen der
 Argiver, welche die Stadt seit langer Zeit auf öffentliche Kosten im Kriegswesen
 üben ließ 5"); an diese'reihten sich die übrigen Argiver und mit ihnen ihre
 Bundesgenossen, die Kleonäer und Orneaten, danach zuletzt an der Spitze des
 linken Flügels die Athener und bei ihnen ihre eigene. Reiterei.

Dieß war Aufstellung und Macht beider Theile; und das Heer der, Lakedämonier
 zeigte sich als das stärkere; die Zahl aber angeben, entweder wie viele auf
 jeder Seite, oder wie viele im Ganzen in's Gefecht kamen, könnte ich nicht mit
 Genauigkeit. Die-Zahl der Lakedämonier nämlich wußte Niemand, weil sie
 überhaupt-alle Staatssachen geheim halten, und den Angaben über die Zahl der
 Andern konnte ich hinwieder keinen Glauben schenken, weil die Menschen die
 Stärke.der eigenen Macht immer prahlerisch zu übertreiben pflegen. Doch kann
 Einer wohl aus der folgenden Berechnung auf die Zahl der Lakedämonier schließen,
 die damals bei-einander waren: Ohne -die sechs Hundert Skiriten nahmen an dem
 Gefecht Theil sieben Schaaren (Lochen), jede.Schaar hatte vier Haufen 
 (Pentekostyen), jeder Haufe vier Rotten (Enomotien). In jeder Rotte aber fochten
 im ersten Glied vier Mann; die Tiefe der Aufstellung war nicht bei Allen gleich,
 sondern hing von den Obristen ab; im Durchschnitt jedoch standen sie acht Mann
 hoch.'" Die Skiriten abgerechnet standen im Ganzen in der Front vier Hundert und
 acht und vierzig Mann.

Als es nun bereits zum Zusammenstoß kommen sollte, 
 wurde jegliche Abtheilung von ihren eigenen Feldherrn auf folgende, Weise
 ermuntert. Den Mantineern sagten sie, daß sie für das Vaterland kämpften, und es
 handle sich jetzt darum, ob sie die Herrschaft über Andere behalten oder selbst
 in die Knechtschaft fallen wollten; jene, die sie bereits genossen, sollten sie
 sich nicht entreißen lassen,, diese aber nie mehr vershcmecken wollen; — die
 Argiver wurden er-mahnt, sie dürften nicht dulden, daß sie ihrer alten
 Herrschaft über den Peloponnes und dann des gleichen Einflusses mit den 
 Lakedämoniern ganz und gar beraubt würden, und sie sollten jetzt auch an 
 feindlich gesinnten und ihre Stadt so nahe bedrohenden Männern für viele
 Beleidigungen Rache nehmen. Den Athenern sagten sie, wie ruhmvoll es sei, mit
 zahlreichen und tapferen Bundesgenossen in einer Reihe, zu fechten und hinter
 Keinem zurückzustehen; wenn.siemitten im Peloponnes die Lakedämonier besiegt
 hätten, so würden sie ihre Herrschaft stärken und erweitern, und es werde dann
 künftig! Keiner mehr in ihr Land einfallen. Den Argivern nun und ihren 
 Bundesgenossen wurde Solcherlei zur Ermuthignng gesagt; die Lakedämonier aber
 ermunterten Einer den Andern selbst, und mit den kriegerischen Gesängen, die sie
 unter sich lernen, ermähnten sie eingedenk zu sein, daß sie tapfere Männer
 seien, wohl wissend, daß, wo/ die Entscheidung schon so nahe steht, lange Uebung
 der That eher Rettung gewähre als Wortermunterung in zierlicher Rede

Danach'gingen beide Theile aus einander los, die Argiver rasch und in
 Aufregung, die Lakedämonier aber langsam und nach den Weisen zahlreicher
 Flötenbläser , die nicht des göttlichen Dienstes halber vom Gesetze aufgestellt
 sind, sondern damit Alle gleichmäßig im Takte vorrücken und die Schlachtlinie
 nicht zerrissen wird, wie es großen Heeren beim Anmarsch zum Kampf gern 
 geschieht.

Erst während schon beide Heere auf
 einander losgingen, entschloß sich der König Agis zu folgender Maßregel. Bei
 allen Heeren nämlich kommt es vor, daß beim Zusammenstoße die rechten 
 Flügel sich mehr in die Länge dehnen, und so Beide mit ihrem rechten Flügel über
 den linken der Gegner hinausreichen, weil Jeder aus Furcht seine ungedeckte
 (rechte) Seite dem Schilde seines Nebenmannes zur Rechten möglichst nahe zu
 bringen sucht, und weil Alle glauben, daß der gedrängte Anschluß den besten
 Schutz gewähre. Die erste Veranlassung hiezu gibt der Flügelmann des rechten
 Flügels, der immer seine Blöße dem Feinde zu entziehen sucht, und die
 Andern machen es ihm nach, weil Alle dasselbe fürchten. Damals nun überflügelten
 die Mantineer die Skiriten um Vieles, und noch mehr die Lakedämonier und
 Tegeaten die Athener, da ja auch ihr Heer zahlreicher war. Da besorgte nun Agis,
 sein linker Flügel möchte eingeschlossen werden, und in der Meinung, die
 Mantineer ragten zu weit über, befahl er den Skiriten und den Soldaten des
 Brasidas, weiter hinaus zu rücken und sich mit der Stellung der Mantineer 
 auszugleichen; und in die so entstandene Lücke befahl er zwei Unterfeldherrn vom
 rechten Flügel, dem Hipponoldas und dem Aristokles, mit ihren Abtheilungen
 einzurücken und sie auszufüllen; denn seinen rechten Flügel hielt er auch so
 noch für überlegen, und die Aufstellung gegenüber den Mantineern werde auf diese
 Weise sicherer sein.

Nun geschah es aber, daß Aristokles und Hipponoi'das, weil der Befehl mitten im
 Anmärshce und so ganz plötzlich gegeben wurde, sich weigerten, nach der andern
 Seite zu ziehen, weßhalb sie auch später angeklagt und aus Sparta verbannt
 wurden, weil man es ihnen als Feigheit auslegte. Da also die beiden Abtheilungen
 dem Befehle, sich auf die Skiriten hinzuziehen, nicht gehorchten, so fand
 der Anprall der Feinde eher Statt, als die Skiriten wieder an die Andern
 anrücken und die ganze Schlachtlinie sich wieder zusammenschließen konnte. Aber
 wie sehr nun auch nach aller Kriegserfahrung die Lakedämonier im Nachtheil
 waren, so zeigten sie jetzt doch, daß sie auch durch bloße Tapferkeit zu siegen
 wußten. Als sie nämlich mit den Gegnern handgemein geworden waren, so schlug der
 rechte Flügel der Mantineer auf ihrer Seite die Skiriten und die Soldaten
 des Brasidas, und die Mantineer mit ihren Bundesgenossen 
 und die Kerntruppen der Tausend Argiver drangen in die ungeschlos- 
 sene Lücke, hieben in die Lakedämonier ein, umringten sie und trieben, sie
 fliehend bis zu den Wagen, wo sie auch einige der dort aufgestellten älteren
 Soldaten tödteten. Auf dieser Seite also wurden die Lakedämonier geschlagen; bei
 den übrigen Heerestheilen aber und besonders in der Mitte der Stellung, wo der
 König Agis und um ihn die sogenannten drei Hundert Ritter tsanden, griffen sie
 die älteren Argivischen Truppen und die sogenannten fünf Schaaren und die
 Kleonäer und Orneaten an, und was von den Athenern bei jenen stand, und trieben
 sie in die Flucht, so daß die Meisten nicht einmal Stand hielten, bis es zum
 Handgemenge kam, sondern wie nur die Lakedämonier anrückten, sogleich Fersengeld
 gaben und Einige sogar niedergetreten wurden, weil sie sich dem Anprall der
 Feinde nicht rechtzeitig entziehen konnten.

Als nun hier das Heer der Argiver und Bundesgenossen gewichen war, war eS damit
 auch nach beiden Seiten von der Schlacht- ordnung losgerissen, und gleichzeitig
 umringte der rechte Flügel der Lakedämonier und Tegeaten mit ihrem überragenden
 Theile die Athener, so daß diese von'beiden Seiten Gefahr bedrohte, denn hier
 waren sie umringt, dort schon geschlagen; und sie hätten wohl von dem 
 ganzen Heere am meisten gelitten, hätte sich nicht ihre anwesende Reiterei 
 nützlich erwiesen. Und dazu kam noch, daß Agis, als er seinen linken Flügel
 gegenüber den Mantineern und den Tausend Argivern hart' bedrängt sah, dem ganzen
 Heere den Befehl gab, sich auf den geschlagenen Theil hinzuziehen. Als dieß nun
 geschah und das Heer sich entfernte und seitwärts von den Athenern abbog, so
 fanden diese und der bei ihnen stehende geschlagene Theil der Argiver Zeit sich
 zu retten. Die Mantineer aber mit ihren Bundesgenossen und die Kerntruppen
 der Argiver dachten weiter nicht mehr daran, dem Feind Stand zu halten, sondern
 als sie ihre eigenen Leute besiegt und die Lakedämonier anrücken sahen, wendeten
 sie sich zur Flucht. Von den Mantineern fiel die größere Zahl, von den Tausend
 Argivern aber retteten sich die Meisten. Flucht und Rückzug waren jedoch nicht
 bedrängt, 
 
 
 noch erstreckten sie sich weit. Denn die Lakedämonier pflegen die Schlacht
 selbst, bevor es (ihrerseits) zum Fliehen kommt, durch Standhalten langdauernd
 und hartnäckig zu machen; haben sie aber, erst den Feind geschlagen, so machen
 sie die Verfolgung nur kurz und nicht auf lange Strecken.

So, oder doch nahezu wie hier erzählt ist, verlief die Schlacht, und sie war
 die bedeutendste, welche seit langer Zeit zwischen Hellenen vorfiel, und zwar
 zwischen den mächtigsten Staaten. Die Lakedämonier aber häuften die Waffen der
 feindlichen Todten zusammen, errichteten sogleich ein Siegeszeichen und zogen
 die Leichname aus. Die ihrigen hoben sie auf und brachten sie nach Tegea, 
 wo sie auch begraben wurden; die der Feinde lieferten sie unter einem 
 Waffenstillstand aus.. Gefallen waren von den Argivern, Orneaten und Kleonäern
 sieben Hundert, von den Mantineern zwei Hundert und von den Athenern und
 Aegineten zwei Hundert, worunter auch die beiden Anführer. Die Bundesgenossen
 der Lakedämonier waren nicht so in's Gedränge gekommen, daß sie einen
 nennenSwerthen Abgang erlitten hätten, und in Betreff ihrer selbst war eS schwer
 die Wahrheit zu erfahren, doch wurde behauptet, daß ihrer gegen drei 
 Hundert gefallen seien.,

Als die Schlacht noch bevorstand, zog auch Pleistoanax, der andere König, mit
 der älteren und jüngeren Mannschaft zu Hülfe, und er war bereits bis nach Tegea
 gekommen, als er den Sieg erfuhr und wieder zurückmarfchirte. Auch den
 Bundesgenossen von Korinth und von jenseits der Landenge ließen die Lakedämonier
 absagen, und auch sie selbst, nachdem sie die Verbündeten entlassen hatten,
 zogen nach Hause um das Fest der Karneen zu feiern, welches gerade 
 eingetreten war...Den Vorwurf, den ihnen die Hellenen machten, daß sie seit dem
 Unglück auf der Insel feig, in allen Dingen rathlos und schwerfällig geworden
 seien, hatten sie so mit einem Male von sich gewälzt, und man hielt jetzt dafür,
 daß sie damals eben nur einen Unglückstag gehabt hätten, der wirklichen
 Gesinnung nach aber immer noch dieselben seien. 
 ES ereignete sich auch, daß am Tage vor dieser Schlacht die Evidaurier mit
 gesammter Macht in das von Vertheidigern entblößte Gebiet von Argos einfielen
 und viele Leute von den Besatzungen 
 niedermachten, welche.die ausrückenden Argiver zurückgelassen hatten.
 
 Als danach von,den Eleern drei Tausend Schwerbewaffnete nach, der Schlacht
 den Mantineern zu Hülfe kamen, und auch von den Athenern zu den früheren noch
 andere Tausend, so'zogen alle diese Bundesgenossen sogleich gegen Epidauros
 zu.Felde, so lange noch die Lakedämonier die Karneen ..feierten, und fingen an
 die Stadt mit Verschanzungen einzuschließen, indem sie die Arbeit unter sich
 vertheilten. Die Andern nun .wurden der Arbeit bald müde, die Athener aber 
 vollendeten rasch, wie, ihre Aufgabe gewesen war, die Befestigung der Anhöhe,
 welche das, Heraheiligthum bildet. Und in dessen Verschanzung ließen Alle eine
 gemeinsame Besatzung zurück und zogen dann wieder ab, Jeder in seine Heimat.
 Damit ging der Sommer zu Ende.

Im folgenden Winter, gleich zu dessen Anfang, unternahmen die Lakedämonier
 einen Heereszug, und als sie nach Tegea gekommen waren, ließen sie
 Friedensvorschläge an die Argiver abgehen. Schon früher nämlich zählten sie
 befreundete Männer in Argos, welche damit umgingen, die demokratische Verfassung
 zu stürzen, und seit die Schlacht vorgefallen, konnten sie das Volk um so
 leichter zu einem Vergleiche-bereden. - Ihr Plan war, zuerst einen 
 Waffenstillstand mit den Lakedämoniern abzuschließen und danach ein 
 Waffenbündniß/und dann wäre es an der Zeit, der Volkspartei zu Leibe zu' gehen.
 Es kam nun nach Argos der Staatsgastfreund der Argiver, Lichas/ des Arkesilaos
 Sohn, mit zweierlei Vorschlägen von Seiten der Lakedämonier, einem für den Fall,
 daß sie weiter noch Krieg führen, und dem andern, wenn sie Frieden wollten. Und
 obgleich nun Viel dagegen geredet wurde, — es war nämlich auch Alkibiades 
 anwesend—, so wagten die Männer, welche im Sinne der Lakedämonier wirkten, sich
 doch schon offen heraus und überredeten die Argiver, den Friedensvorschlag
 anzunehmen. ^ Es lautete derselbe aber also:

- „Unter diesen Bedingungen beschließt die Volksversamm-' lung der Lakedämonier
 Frieden'zu machen mit.denIrgivern." 
 „Sie sollen den Orchomeniern ihre Kinder und den Mäna-' 
 
 
 liern die Männer zurückgeben, und auch den Lakedämoniern die Männer, die
 in Mantinea sind. Und von Epidauros sollen sie abziehen und die Verschanzung
 niederreißen." 
 „Wenn aber die Athener von Epidauros nicht weichen wollen, so sollen sie der
 Argiver.und der Lakedämonier und der Lakedämonischen Bundesgenossen-und
 der-Argivischen Bundesgenossen Feinde sein." 
 „Wenn die Lakedämonier einen Mann in Händen-haben, so sollen sie ihn
 herausgeben, einer Stadt wie der andern." 
 „In Betreff des Opfers für den Gott wollen'sie den Epidauriern die
 Eidesleistung zuschieben, aber es auch gestatten, wenn die Argiver den Eid
 schwören wollen." - ^ ^ ' 
 „Die Städte im Peloponnes, kleine wie große, sollen alle frei sein, nach Weise
 der Väter." ... , - 
 „Wenn Einer von außerhalb des Peloponnes gegen Peloponnefisches Gebiet zieht in
 feindlicher Absicht, so sollen sie zu gemeinsamer Abwehr sich berathen, wie es
 den Peloponnesiern am besten scheint." 
 „So Viele außerhalb des Peloponnes der Lakedämonier Bundesgenossen sind, sollen
 ebenso gehalten werden wie die, welche den Lakedämoniern und Argivern verbündet
 sind, und sollen an denselben Dingen Theil haben." 
 „Dieß wird man den Bundesgenossen mittheilen, damit sie beitreten können, wenn
 es ihnen gut dünkt. Wenn aber die Bundesgenossen anderer Meinung sind, so soll
 man sie gehen lassen."

Diesen Vorschlag nahmen die Argiver zuerst an, und das Heer der Lakedämonier
 zog.von Tegea nach Hause zurück. Als nun so der freundliche Verkehr zwischen
 beiden Theilen wieder hergestellt war, so setzten nicht lange danach wieder eben
 dieselben Männer durch, daß die Argiver die Bundesgenossenschaft der Mantineer
 und Athener und Eleer fahren ließen und einen Vertrag und Waffenbund mit den
 Lakedämoniern abschlössen. Dieser lautete also:

„Unter diesen Bedingungen haben die Lakedämonier und Argiver beschlossen, daß
 Friede und Waffenbündniß sei zwischen ihnen aus fünfzig Jahre, mit völliger
 Gleichheit, indem sie Recht sprechen lassen zwischen sich nach Weise der Väter "
 
 
 „Die andern Staaten im Peloponnes sollen Theil haben an 
 dem Frieden und der Bundesgenossenschaft und ihre eigenen Gesetze
 und freie Verfassung behalten und im Besitz des Ihrigen verbleiben, indem
 sie nach väterlicher Weise Recht sprechen lassen mit völliger Gleichheit für
 Alle.? 
 „So Viele außerhalb des Peloponnes der Lakedämonier Bundesgenossen sind, sollen
 gleich gehalten sein wie die Lakedämonier selbst; und so sollen auch der Argiver
 Bundesgenossen gleich gehalten sein den Argivern, behaltend, was ihnen
 gehört." 
 „Wird einmal ein gemeinsamer Feldzug nöthig, so sollen Lakedämonier und Argiver
 darüber Beschlüsse fassen, in der Weise, daß sie allen Bundesgenossen nach
 Möglichkeit gerecht werden." 
 ..„Entsteht Streit zwischen den Städten, sei es innert oder außerhalb.des
 Peloponnes, sei es wegen der Gränzen oder aus einer andern Ursache, so soll im
 Wege Rechtens entschieden werden. Wenn aber von den Städten der Bundesgenossen
 eine mit der andern Streit hat, so sollen^ sie sich an eine Stadt wenden, welche
 ihnen beiden Theilen gegenüber unparteiisch zu sein scheint. Zwischen den
 Bürgern unter einander soll Recht gesprochen werden nach der Väter Weise.?!.

So lautete der Vertrag und der geschlossene Waffenbund. Was nun beide Theile im
 Kriege, einander abgenommen oder sonst im Besitz hatten, darüber verglichen sie
 sich. Und da sie nun alle ihre Angelegenheiten im gemeinsamen Wege abmachten, so
 beschlossen, sie, von den Athenern weder einen Herold noch Gesandtschaften 
 anzunehmen, wenn diese nicht aus dem Peloponnes abzögen und die Festungen
 räumten; und auch weder Frieden, schließen noch Krieg führen mit irgend Einem
 wollten He anders als gemeinsam..Und auch allem Uebrigen unterzogen sie sich mit
 Eifer, und schickten auch Beide Gesandtschaften nach den Thrakischen Gränzlanden
 und zum Perdikkas und beredeten diesen, zu ihrem Bunde zu schwören. Er fiel
 jedoch nicht sogleich von den Athenern ab, obwohl er den Entschluß schon 
 damals faßte, als er die Argiver es thun sah; er stammte nämlich von Alters her
 auch' aus Argos ab. Auch mit den Chalkidiern bekräftigten sie die alten
 Eide'bs^und schwuren ihnen neue dazu. Zu 
 
 
 den Athenern aber schickten die Argiver Gesandte und verlangten, sie
 sollten aus der Festung von Epidauros abziehen. >Da diese nun sahen, daß sie
 gegenüber der zahlreicheren Mitbesatzung im Nachtheil seien, so schickten sie
 den Demosthenes dahin >. um ihre Leute abzuführen. Der nun veranstaltete zum
 Schein bei seiner Ankunft ein Ringwettspiel außerhalb der Mauern,'und als die
 übrigen Besatzungstruppen deßhalb in's Freie strömten, so ließ er hinter
 ihnen'die Thore schließen, und später übergaben sie selbst die Festung an die
 Epidauriet, nachdem sie mit ihnen den Vertrag erneuert hatten. ' '

Nach dem Abfall der Argiver von der Bundesgenossenschaft sperrten sich zwar die
 Mantineer anfangs: da sie sich aber ohne die Argiver nicht halten konnten / so
 vertrugen auch sie sich mit den Lakedämoniern und gaben die Oberherrschast über
 ihre Städte auf. Dann unternahmen Lakedämonier und Argiver, Tausend Mann von
 jedem Theil, zusammen einen Feldzug und änderten in Sikyon, wohin die
 Lakedämonier selbst kamen, die Verhältnisse mehr im Sinne einer oligarchischen
 Verfassung;-und danach hoben beide zusammen in Argos die Volksregierung auf, und
 es trat an deren Stelle eine Oligarchie, wie sie den Lakedämoniern entsprechend
 war. Dieß ereig- 
 nete sich am Ende des Winters und gegen Frühlings-Anfang, und damit ging
 das vierzehnte Jahr des Krieges zu Ende.

Im folgenden Sommer gingen die Dur am Athos von den Athenern zu den Chalkidiern
 über; und die Lakcdämonier änderten in Achai'a die Verhältnisse, welche ihnen
 früher nicht nach Wunsche gewesen waren. Die Volkspartei der Argiver, die 
 allmälig sich wieder zu regen begonnen und Muth geschöpft hatte, machte einen
 Angriff auf die Oligarchen, wozu sie die Zeit abgewartet Hatte, wo die
 Lakedämonier die Gymnopädien feierten. Es kam darüber in der Stadt selbst'zu
 einem Gefecht, worin die Volkspartei siegte und ihre Gegner theils tödtete,
 theils auStrieb. Die Lakedämonier nun, während ihre Freunde um Hülfe sendeten,
 kamen zwar längere Zeit nicht, doch schoben sie endlich das Fest auf und rückten
 aus. Als sie aber in Tegea erfuhren, daß die Oligarchen unterlegen seien,
 wollten sie trotz der Bitten der Flüchtlinge nicht weiter vorrücken, sondern
 zogen wieder nach Hause ab und feierten die Gymnopädien. Danach, als sowohl aus
 der Stadt selbst wie auch von den 
 ausgetriebenen Argivern Gesandte kamen, so gaben sie zwar, nachdem 
 in Gegenwart der Bundesgenossen von beiden Seiten Viel hin- und hergeredet
 worden war, die Entscheidung, daß die in der Stadt im Anrecht seien, und es
 wurde auch der Feldzug gegen Argos beschlos-' sen; allein es traten Hemmnisse
 und Verzögerungen ein. Das Volk der Argiver unterdessen, welches aus Furcht vor
 den Lakedämoniern .sich wieder die Bundesgenossenschaft der Athener sicherte,
 von der es die größten Vortheile erwartete, baute lange Mauern bis zum Meere
 hin, damit, im Fall ihnen das Land abgesperrt würde, die Zufuhr der
 Lebensmittel zur See mit Hülse der Athener Erleichterung gewähre. Dieser
 Mauerbau geschah mit Gutheißen einiger andern peloponnesischen Städte, und die
 Argiver selbst arbeiteten daran mit ihrer ganzen Bevölkerung, Männern, Weibern
 und Sklaven, und auch aus Athen waren.ihnen Zimmerleute und Steinmetzen
 zugeschickt worden. So ging dieser Sommer zu Ende.

Im folgenden Winter zogen die Lakedämonier, als sie von dem Mauerbau gehört
 hatten, selbst und mit ihren Bundesgenossen, ausgenommen die Korinther, gegen
 Argos zu Felde. Auch in Argos .selbst wirkte eine kleine Partei für sie. Agis,
 des Archidamos Sohn, König der Lakedämonier, führte das Heer. Was man nun von
 der Mitwirkung jener in der Stadt erwartete, führte noch zu keinem 
 Erfolge; die neugebauten Mauern jedoch nahmen die Lakedämonier und rissen sie
 nieder, und dergleichen nahmen sie auch Hysiä/ einen Platz im Argivischen, wobei
 sie alle Freigebornen tödteten, die in ihre Gewalt sielen, und dann sich wieder
 in ihre Städte zerstreuten. Danach machten auch die Argiver ihrerseits einen Zug
 in das Gebiet von Phlius und zogen wieder ab, nachdem sie es verwüstet, weil
 dort ihre Flüchtlinge Aufnahme gefunden hätten; die Mehrzahl derselben 
 wohnte nämlich daselbst. 
 In demselben Winter hielten die Athener auch Makedonien blokirt. Grund war, daß
 Perdikkas zum Bündniß der Argiver und Lakedämonier geshcworen hatte. Auch hatte
 er, als die Athener einen Zug gegen die Ehalkidier in den Thrakischen
 Gränzlanden und gegen Amphipolis ausgerüstet, welchen Nikias, des Nikeratos
 Sohu, anführen sollte, nicht als Verbündeter gehandelt, wodurch er die
 Hauptursache wurde, daß dieß Heer ganz unverrichteter Dinge wieder auseinander 
 ging. Er galt also als Feind. So ging dieser Winter zu Ende und 
 damit das fünfzehnte Jahr dieses Krieges.

In dem folgenden Sommer segelte
 Alkibiades mit zwanzig Schissen nach Argos, hob unter den Argivern diejenigen
 auf, welche noch verdächtig waren und es mit den Lakedämoniern zu halten 
 schienen, — drei Hundert Männer an der Zahl, — und die Athener gaben dieselben
 auf die Inseln in der Nähe in Verwahrung, die unter ihrer Hoheit tsanden. 
 Danach gingen die Athener unter Segel gegen die Insel MeloS. Ihre Flotte,
 bestehend aus dreißig eigenen Schissen, fechsen der Chier und zweien der
 Lesbier, führte aus ihnen selbst zwölf Hundert Schwerbewaffnete, drei Hundert
 Bogenschützen und zwanzig berittene Pfeilschützen, und von den Bundesgenossen
 und Inselstaaten ungefähr fünfzehn Hundert Schwerbewaffnete. Die Melier aber
 sind ein Pflanzvolk der Lakedämonier und wollten sich nicht wie die andern 
 Inselbewohner den Athenern unterwerfen, sondern verhielten sich zuerst ganz
 ruhig, ohne eine der beiden Parteien zu ergreifen, dann aber, als die Athener
 sie zum Beitritt zwingen wollten, indem sie ihr Land verwüsteten, führten sie
 gegen diese offenen Krieg. Mit jener Macht also legten sich die Athener in ihr
 Gebiet; die Anführer Kleomedes, des Lykomedes Sohn, und Tisias, Sohn des
 Tifimachos, wollten jedoch, bevor sie das Gebiet schädigten, zuerst eS mit
 Unterhandlungen versuchen und schickten deßhalb Bevollmächtigte. Die Melier aber
 ließen dieselben nicht vor der Volksversammlung austreten, sondern 
 befahlen ihnen,' vor den Oberbehörden und den oligarchischen Machthabern
 auszurichten, wozu sie gekommen seien. Die Athenischen Gesandten nun sprachen,
 wie folgt: "

„Obgleich wir schon nicht vor dem ganzen Volke reden dürfen, — natürlich damit
 die Menge nicht in einer zusammenhängenden Auseinandersetzung VerlockendeS und
 Unwiderlegliches auf einmal zu hören bekomme und dadurch von unS hinter's Licht
 geführt werde, — denn wir sehen recht gut, daß unsere Vorladung vor die 
 Minderzahl der Reichen und Mächtigen eben daraus hinausläuft —, so habt ihr, die
 ihr dahier versammelt seid, euch noch weiter sicher gestellt. Denn auch ihr
 wollt nicht in zusammenhängender Rede, sondern aus jeden einzelnen Punkt, wenn
 er euch unrichtig gefaßt 
 scheint, sogleich einfallend eure Entscheidung abgeben.So sagt 
 denn zuerst; ob ihr an dem, was wir da sagen, etwas auszusetzen > 
 habt." 
 - Darauf gab die Versammlung der melischen Bevollmächtigten zur Antwort:

„Daß ihr durch eure Nachgiebigkeit es möglich gemacht habt, uns gegenseitig in
 Ruhe zu belehren,' kann nicht getadelt werden. Im Widerspruch damit aber stehen
 die kriegerischen.Anstalten, die-ihr bereits, schon getroffen habt und nicht
 erst von der Zukunft abhängig machen wollt. Wir sehen, daß ihr.gekommen- seid,
 um über das, was wir vorbringen werden,-selbst als Richter zu entscheiden; 
 und das, Ende davon wird sein, daß ihr uns den Krieg bringt, wenn uvir — wie
 natürlich in Vertretung unseres Rechtes hie obsiegen und eben, deßhalb auch
 nicht nachgeben' wollen,— lassen, wir, euch aber das Recht.-iso,bringt
 ihr.uns.Knehctschaft." v . '

Athener: -j,Wenn:ihr,denn also hier zusammengekommen seid, um argwöhnischen
 Vermuthungen'über das, was kommen kann, nachzuhängen, oder wenn euch irgend ein
 anderer Zweck hieher geführt hat als der: nach Maßgabe der wirklichen
 Verhältnisse, wie ihr sie vor-Augen seht, übet die Erhaltung eures Staates zu
 berathen, so können wir.gleich aufhören.^. Wollt ihr aber Nichts als dieses, .so
 können wir weiter reden.". i s

Melier: „Wenn man unter Umständen, wie die unsrigen jetzt sind, sich in Worten
 und Gedanken vielfach zu wenden und. zu drehen sucht, so ist das wohl natürlich
 und verzeihlich. Diese Zusammenkunst, ist aber.in der That auch unserer Rettung
 wegen geschehen, und die Unterredung möge, wenn es euch beliebt, auf die Art
 vor sich gehen? wie ihr vorschlagt." ' - - .s

Athener: „Gut! Und so wollen?denn auch wir nicht mit schönen,Worten eine
 lange.Rede halten,.die euch doch nicht überzeugen würde, wie z. B., daß wir die
 Herrschaft mit Recht besitzen, weil'wirken,Meder unschädlich gemacht haben, oder
 daß wir erlittenes,Unrechts wegen.euch zu Leibe gehen; dafür erwarten wir aber,
 daß auch ihr euch nicht der Täuschung ,hingebet,- uns mit solchen Dingen
 überreden zu können,- wie wennuhr vorbringt,.daß ihr ja Mit den 
 
 
 Lakedämoniern nicht zu Felde gezogen seiet, obgleich ihr von ihnen 
 abstammt, oder daß ihr uns ja Nichts zu Leide, gethan hättet. Sucht vielmehr nur
 das durchzusetzen, was nach Maßgabe von unser beider wirklichen Gesinnungen
 möglich ist. Ihr so gut wie wir wisset, daß nach menschlicher Denkart die
 Gerechtigkeit nur da in Betracht gezogen wird, wo auf beiden Seiten die
 Zwangsmittel sich die Wage halten; der Mächtige aber setzt durch, was
 durchzusetzen möglich ist, und der Schwache fügt sich."

Melier: „Wir unserseits halten für nützlich — denn ihr zwingt uns ja den Nutzen
 hervorzuheben, da ihr ihn mit Beseitigung der Gerechtigkeit zu eurem Grundsatz
 macht — wenn ihr das nicht aushebt, was für Alle gemeinsamer Nutzen ist. " Es
 versteht sich ja doch von selbst, daß wer immer in Gefahr ist, den Ändern 
 überreden darf, ihm auch wohl über das strenge Recht hinaus eine Begünstigung zu
 Theil werden zu lassen.. Und von euch erwarten wir .das um so mehr, als ihr ja,
 im Fall ihr überwunden werdet, für die Andern als ein Beispiel der furchtbarsten
 Bestrafung dienen würdet."

Athener: „Wenn auch unserer Oberherrschaft einmal ein Ende gemacht werden
 sollte, so fürchten wir die Folgen nicht. Denn solche,, die selbst über Andere
 herrshcen, — und zu denen gehören ja auch die Lakedämonier —, sind den Besiegten
 nicht furchtbar — und wir kämpfen ja hier nicht einmal gegen die Lakedämonier; —
 wohl aber sind Unterthanen zu fürchten, wenn sie ihre Herrshcer angreifen 
 und besiegen. Aber was das betrifft, so laßt uns diese Gefahr nur selbst
 bestehen. Wir wollen euch jetzt nur zeigen, daß wir zur Festigung unserer
 Herrschaft hier sind und daß wir, um euren Staat zu retten, mit euch
 unterhandeln. Wir wollen über euch herrshcen, ohne daß ihr uns die Sache schwer
 macht, und wünschen, daß ihr zu unser beider Nutzen erhalten bleibt."

Melier: „Wie könnte aber unS die Knechtschaft eben so nützlich sein, als euch
 die Herrschaft?"

Athener: „Weil euch die Unterwerfung daS furchtbarste Schicksal ersparen würde,
 und auch wir Gewinn davon hätten, wenn wir euch nicht zu Grunde richten
 müssen."

Ost. Melier: „Ihr würdet also nicht zufrieden sein, wenn wir euch aus Feinden
 Freunde würden und uns ruhig verhielten, 
 ohne uns an einen der kriegführenden Theile mit den Waffen anzu- 
 schließen?"

Athener: „Nein; denn eure Feindschaft kann uns nicht so viel schaden als diese
 Freundschaft, die nur unsern Unterthanen unsere Schwäche offenbaren würde,
 während euer Haß ein Beweis unserer Macht wäre."

Melier: „Haben also eure Unterthanen einen solchen Begriff von Recht, daß sie
 die, welche euch gar Nichts angehen, mit denen zusammenwerfen, welche meist eure
 Pflanzvölker find und, nachdem sie zum Theil abgefallen, wieder unterworfen
 wurden?"

Athener: „Sie. glauben wohl, daß Keiner von Beiden weniger Rechtsgründe habe
 als der Andere; wenn aber Einer sein? Unabhängigkeit wahrt, so denken sie,, daß
 er es nur seiner-Macht zu danken hat-und daß wir ihm nur aus Furcht nicht zu
 Leibe gehen. Wenn ihr euch also uns unterwerft, so, vermehrt ihr einmal die Zahl
 unserer Unterthanen, und gewährt uns auch größere Sicherheit, zu-: mal wir
 eine Seemacht sind, und ihr Inselbewohner und schwächer als Andere seid — es
 mußte denn sein, daß ihr den-Sieg davon-trüget!"

Melier: „Werdet ihr nun in dem Folgenden keine Siche-Z rung: eures Vortheils
 sehen? — denn da ihr uns die Berufung auf Rechlsgründe ganz abgeschnitten habt
 und uns anweist, nur eurem! Vortheil'zu dienen; so..müssen.wir euch jetzt wohl
 dadurch zu überreden suchen,- daß wir euch zeigen, worin unser Vortheil liegt,
 sofern' derselbe.nämlich mit dem eurigen zusammenfällt. Wie sollte es >wohl
 möglich.sein, -daß'ihr diejenigen, welche, es bis jetzt mit keiner von 
 beiden Parteien halten, nicht, in. eure-Feinde, verwandelt, wenn sie durch die
 Erfahrung unseres.Shcicksals zu der.Ueberzeugung kommen müssen, daß es
 eurerseits auch einmal an sie gehen wird? Was, thut ihr'also anders, als daß ihr
 eure schon vorhandenen Feinde vermehrt? und diejenigen, die nicht einmal daran
 denken eS>zu werden,, selbsti wider Willen dazu zwingt?"

Athener: „Wir halten eben nicht diejenigen für die. Gefährlicheren, die
 irgendwo auf-dem Festland wohnen und in ihrer-- Freiheit höchst, saumselige
 Vorkehrungen 5 zu,ihrer Sicherung gegen' uns treffen, sondern vielmehr die
 Inselbewohner, und zwar die unab-! 
 
 
 hängigen, wie ihr es seid, so gut wie diejenigen, welche schon durch den
 Druck der Herrschast erbittert sind. Denn solche möchten wohl am ehesten, auf
 eine falsche Schätzung ihrer Kräfte vertrauend, sich selbst und uns.in
 unzweideutige Gefahr tsürzen."­

Melier:: „Nun wohl dennwenn ihr selbst um eure Herrschaft nicht zu verlieren so
 Großes wagt, und die von euch schon. Unterworfenen, um sich-von derselben zn
 befreien, so wäre, es ja doch von uns, die wir noch frei sind,.g^oße
 Niederträchtigkeit und Feigheit,- wenn'wir^nicht lieber Alles wagen wollten, nur
 um nicht Knechte zu werden."

Athener: „Keineswegs, wenn.ihr eure Lage nur vernünftig anseht; denn, es
 handelt sich hier, nicht um einen, Kampf, durch. welchen ihr euch dem gleich
 tsarken Gegner gegenüber als tapfere Männer zeigen müßtet, um nicht Schande
 einzuärnten, sondern.ihr' habt.euch zu berathen, ob ihr euch dadurch retten
 wollt, daß ihr dem weit Ueberlegenen keinen Widerstand leistet."

Melier: „Wir.wissender auch, daß das Kriegsglück die Loose manchmal
 gleichmäßiger vertheilt, als nach der vershciedenen Stärke beider Theile zu
 erwarten wäre. Und uns, wenn wir euch jetzt sogleich nachgeben^ ist jede
 Hoffnung abgeschnitten;, handeln wir aber, so bleibt uns immer-noch die
 Hoffnung, uns aufrecht zu halten."

Athener: Freilich ist die Hoffnung Trost in der Gefahr.und diejenigen,'welche
 bei eigenen reichen Mitteln sich ihr hingeben, vernichtet sie nicht ganz, wenn
 sie ihneniauch Schaden bringt; aber doch ist sie:ihrer.Natur.nah
 cVerlust,-und.wer.sein.'Allts auf ihre Karte seht, der lernt sie erst
 kennen)-wenn.er,-enttäushctets,und. sie ihm.Nichts mehrlübrig gelassen-hat,
 in,dessen Besitzen künftig vor ihr/ der Erkannten, auf der Hut sein könnte. -
 Zhr nun seid- schwach und Alles steht für euch auf Einem Wurf;, wollet euch also
 njcht'jenes Schicksal zuziehen, und macht es.nicht wie-die große Menge,
 denen es anfangs möglich wäre, sich durch menschlihce Mittel noch zu retten;
 wenn!aber in der Bedrängniß die sichtbaren Hoffnungen .sie.vetlassen,. so.
 wenden sie. sich den unsichtbaren.zu;.der Wahr- sagerei und'den Orakeln, und.
 was dergleichen mehr unter fortdauernder Hoffnung den Menschen zu
 Grunde-richtet. "

Melier: „Auch wir, wisset das wohl, halten es für 
 schwierig gegen eure Macht und das Glück anzukämpfen,' wenn cS< seine
 Gunst nicht gleich vertheilen wird; gleichwohl vertrauen wir, das Glück, das von
 den Göttern kommt/werde nnS nicht unterliegen lassen, weil wir Nichtgerecbten
 gegenüber für das Heilige einstchen; was uns aber an Macht abgeht, glauben wir,
 werde uns durch die Bundeshülfe der Lakedämonier ersetzt werden, die, wenn auS
 keinem andern Grund, doch:schon der Verwandtschaft wegen und um Schande zu
 vermeiden,'uns zu Hülfe kommen müssen..- .Unser Vertrauen ist nicht so ganz und
 gar blind."

Athener: „Was das Wohlwollen der Götter betrifft, so glauben auch wir, daß wir
 nicht-im Nachtheil-sein werden; denn wir verlangen und thun Nichts, was. außer
 der menschlichen Art liegt, weder in Bezug auf den Glauben an die Götter, noch
 auch in dem, was die Menschen für sich selbst wünschen. Wir glauben, daß 
 die Gottheit nach menschlichem Dafürhalten regiere, wir wissen aber, daß die
 Menschen sichtlich aus. einem Zwange der Natur das beherrschen, worüber sie
 Macht gewinnen-können; dieß Gesetz haben wir weder.'selber gegeben, noch'
 auch-sind wir die Ersten,.die sich nach seinem Bestehen richten;-wir haben es
 bestehend vorgefunden und werden eS auch für .alle'Zeiten bestehend
 zurücklassen, und so handeln wir danach .und. wissen recht gut, daß auch ihr und
 jeder Andere, der gleiche Macht mit uns-erringt, ebenso.handeln würde. Was
 also die Götter betrifft, so sind wir ganz im Recht, wenn wir ihre Ungunst nicht
 besorgen; was aber nun.eure.Erwartung von den Lakedämoniern angeht, wonach, ihr
 vertraut, daß sie euch um ihre Ehre.zu wahren zu Hülfe kommen werden,
 so.wünschen wir euch zwar.Glück zu.einem solchen Vertrauen-auf.die Menschen,
 können aber doch euren Unverstand nicht beneiden. Die Lakedämonier handeln
 zwar unter sich und in Bezug aus ihre eigenen Einrichtungen meist nach den
 Gesetzen der Rechtlichkeit; was aber ihr Benehmen gegen Andere betrifft, da
 hätte. Einer viel zu reden, und will er sich kurz fassen, so kann er sie am
 besten schildern, wenn er sagt, daß sie nach unserem Wissen unter Allen
 diejenigen sind, welche am offensten das für ehrenvoll erklären, was ihnen
 angenehm ist, und das für gerecht, was ihnen Nutzen bringt. Und von einer
 solchen Gesinnung 
 
 laßt sich jetzt wohl für eure.so unwahrshceinliche Rettung Nichts 
 erwarten."

Melier: „Wir aber finden grade hierin den stärksten Grund des Vertrauens, daß
 sie nämlich eben ihres Vortheils willen ihr eigenes Pflanzvolk, die Melier,
 nicht werden verrathen wollen, um ihren Freunden unter den Hellenen Mißtrauen
 gegen sich einzuflößen, ihren Feinden aber zu nützen."

Athener: „Ihr glaubt also nicht, daß der Vortheil nur bei der Sicherheit ist,
 daß aber den Forderungen der Gerechtigkeit und der Ehre nur unter Gefahren
 Genüge geleistet werden kann? Dergleichen pflegen die Lakedämonier am wenigsten
 zu wagen."

Melier: „Wir aber.glauben, daß sie sich auch diesen Gefahren .um unsertwillen
 lieber unterziehen, und daß sie von uns um so mehr erwarten als von Andern, als
 wir zu thätigem Beistand nahe beim Peloponnes liegen und der Blutsverwandtschaft
 wegen für sie auch der Gesinnung nach zuverlässiger als Andere sind."

Athener: „Was aber denen, die im Kampfe den Andern beistehen sollen, Vertrauen
 einflößt, ist nicht die wohlwollende Gesinnung der Hülfesuchenden, sondern
 thatsächliche große Ueberlegenheit an Macht; und darauf sehen die Lakedämonier
 noch mehr als Andere. Im Mißtrauen auf ihre eigene Macht bedienen sie sich 
 sogar auch der Hülfe zahlreicher Bundesgenossen, wenn sie Andere angreifen, und
 es ist also nicht wahrscheinlich, daß sie auf eure Insel übersetzen werden,
 während wir die See beherrschen."

Melier: "„Sie könnten ja aber auch Andere herüber-schicken.' Und übrigens ist
 das kretische Meer groß, und es ist auf demselben selbst dem, der die Gewässer
 beherrscht, weniger leicht, einen Andern abzufangen, als für diesen sich zu
 retten, wenn er sich jenen entziehen will. Und wenn dieß fehlschlagen sollte, so
 könnten sie ja auch euer eigenes Land und eure andern Bundesgenossen 
 angreisen, die Brasidas nicht heimgesucht hat; und dann hättet ihr nicht um ein
 Land zu kämpfen, auf das ihr kein Recht habt, sondern um eines, das euch sehr
 nahe angeht."

Athener: „Nun von diesen Dingen könnte auch euch etwas treffen, und ihr babt
 darüber auch schon Erfahrung und wißt, wohl, daß die Athener auch nicht eine
 einzige Belagerung aus Furcht 
 vor Andern aufgegeben haben. Wir bemerken übrigens, daß ihr trotz 
 eurer Erklärung, ihr wolltet über die Art eurer Rettung berathen,, in
 dieser so langen Unterredung auch nicht das Mindeste vorgebracht habt, worauf
 die Menschen sonst Vertrauen setzen und die Hoffnung auf Rettung gründen; >
 sondern, worauf ihr am Meisten baut, das liegt noch im Reiche der Ungewißheit,
 und was euch wirklich zu Gebote steht, ist unzureichend um euch vor dem zu
 retten, was euch bereits kampfbereit gegenüber steht. Ihr werdet großen
 Unverstand beweisen, wenn ihr nicht-noch in euch geht und-einen klügeren
 Entschluß faßt. Denn ihr werdet euch doch nicht durch das Wort ..Ehre" bestimmen
 lassen, welches so oft die Menschen in der schimpflichsten Lage und den
 augenscheinlichsten Gefahren hat umkommen lassen! Wie Viele haben-shcon
 vorausgesehen, welchem Verderben sie in die Arme rennen, und doch, hingerissen
 durch die Macht des verführerischen Begriffs, der „Schande" heißt, überwältigt
 also von einem bloßen Worte, sich freiwillig in das wirklichste und
 unerträglichste Elend gestürzt, und mehr durch Unverstand als durch Unglück sich
 die schimpflichste Schmach zugezogen. Davor also, wenn ihr wohl berathen seid,
 hütet euch und haltet es nicht für schimpflich, euch vor einer so mächtigen
 Stadt zu beugen, welche die mäßige Forderung an euch stellt, ihre 
 zinsbaren Bundesgenossen zu werden, ohne von eurem Gebiete etwas zu verlieren.
 Wenn euch die freie Wahl anheimgegeben ist zwischen Krieg und ruhiger
 Sicherheit, so besteht nicht hartnäckig auf der schlechteren Wahl. Denn die
 kommen am Weitesten, die dem Gleichtsarken nicht nachgeben, dem Mächtigeren sich
 geziemend nähern und dem Schwächeren gegenüber Mäßigung üben. Nun bedenkt euch
 also wohl, wenn wir uns jetzt zurückziehen, und haltet eS euch immer im 
 Gedächtniß, daß es sich darum handelt, ob ihr ein Vaterland haben werdet! Ihr
 habt nur dieß Eine, und von Einem Entschlüsse hängt sein Untergang oder seine
 Rettung ab!"

Hiemit brachen die Athener die Unterredung ab und zogen sich zurück. Die Melier
 aber, nachdem sie unter sich einen Beschluß gefaßt hatten, wie er mit ihren
 Entgegnungen übereintsimmte,'gaben die folgende Antwort: „Weder sind wir jetzt
 anderer Meinung geworden, ihr Athener, als Anfangs, noch werden wir in so
 kurzer Frist unsern Staat, der schon sieben Jahrhunderte.besteht, 
 
 seiner Freiheit berauben lassen, vielmehr werden wir den Versuch zu 
 unserer Rettung machen, vertrauend, wie auf das Glück, das von den Göttern kommt
 und uns so lange erhalten hat, so auch aus die Hülse der Menschen und besonders
 der Lakedämonier. Wir erbieten uns, euch Freund werden zu wollen, .keinem Theil
 aber Feind, und ihr sollt dann anS unserem Gebiet-abziehen, nachdem ihr einen
 Vertrag mit uns geschlossen, der für beide Theile ersprießlich ist."

Das war die Antwort der Melier; die Athener aber hoben hiemit die
 Unterhandlungen auf und sagten: „Nun so seid ihr denn, wie uns nach eurem
 Entschlüsse scheint, die Einzigen, welche daS Zukünftige für sicherer halten,
 als was vor Augen liegt; was noch von Ungewißheit bedeckt ist, betrachtet ihr
 bereits als wirklich, weil ihr eS eben wünscht; aus Lakedämonier, Glück und
 Hoffnungen wälzt ihr eure Last ab, aber so groß euer Vertrauen auf sie ist, so
 groß wird eure Enttäuschung sein."

Die Gesandten der Athener begaben sich nun in.daS Lager zurück, und da die
 Melier in Nichts nachgaben, so gingen.die Feldherren ^ allsogleich zu
 Feindseligkeiten über und begannen die Melier ringsum durch Verschanzungen
 einzuschließen, indem siedle Arbeit nach den Städten unter sich vertheilten.
 Danach zogen die Athener mit dem größeren Theil des Heeres wieder ab/ nachdem
 sie aus ihren eigenen Soldaten und aus denen der Bundesgenossen eine 
 Beobachtungstruppe zu Land und zu Wasser zurückgelassen hatten.

Um dieselbe Zeil fielen auch die Argiver in das Gebiet von Phlins ein; es wurde
 ihnen aber von den Mliasiern und ihren eigenen Flüchtlingen-ein Hinterhalt
 gelegt, und sie, verloren dabei gegen achtzig Mann. —Die Athener nahmen vonOylos
 aus den Lakxdämoniern viele Beute ab; die Lakedämonier aber brachen selbst 
 deßhalb den Vertrag nicht und führten, keinen Krieg gegen sie, doch ließen sie
 bekannt machen: Wer bei ihnen-wolle, könne Naubzüge gegen die Athener
 unternehmen. — Auch die Korinther führten einiger eigenen,.Angelegenheiten wegen
 Krieg gegen die Athener; die übrigen Peloponnesier verhielten sich ruhig. 
 Die Melier indessen hatten durch einen nächtlichen Ausfall den Theil
 der-zAthenifchen Verschanzung genommen, der gegen den Lager- markt zu lag, und
 dabei einige Mann getödtet, und als sie dann 
 LebenSmittel und sonst brauchbare Dinge in möglichster Menge ein- 
 gebracht hatten, zogen sie sich wieder zurück und verhielten sich ruhig;- 
 die Athener trafen nun zu ihrer Ueberwachung bessere Vorkehrungen. Damit ging
 der Sommer zu Ende.

In dem folgenden Winter waren die Lakedämonier schonauf dem Wege, einen Feldzug
 in das Argivische zu machen, da ihnen aber an der Gränze das Opfer nicht günstig
 ausfiel, so kehrten sie wieder um. Dieses Vorhabens wegen faßten die Argiver
 Verdacht gegen Einige in der Stadt und nahmen auch Etliche davon gefangen, 
 die Andern entkamen ihnen. 
 Die Melier nun hatten um dieselbe Zeit zum zweiten Mal einen Theil der
 Athenischen Umschanzung genommen, wo die Wachen nur in geringer Stärke waren. Da
 aber dann nach diesem Ereigniß ein anderes Heer aus Athen kam, welches
 Philokrates, des Demeas Sohn befehligte, und die Belagerung nun mit voller Kraft
 betrieben wurde, wozu auch noch Verrath aus der Mitte der Melier selbst kam, so
 übergaben sie sich den Athenern auf Gnade und Ungnade. Diese nun tödteten
 von den Meliern alle Erwahcsenen männliches Geschlechtes, die in ihre Hände
 fielen, Weiber und Kinder aber verkauften sie als Sklaven. Danach schickten sie
 fünf Hundert Ansiedler dorthin und machten den Platz zu ihrer eigenen
 Niederlassung.

Im selbigen Winter wollten die Athener zum andern Mal und mit noch stärkerer
 Kriegsmacht als unter Laches und Eurymedon') aussegeln, um — wenn sie es
 vermöchten — Sicilien zu unterwerfen. Gleichwohl wußten die Meisten unter ihnen
 nicht, weder wie groß die Insel sei, noch wie zahlreich ihre Bewohner, an 
 Hellenen sowohl, als an Barbaren, und dachten nicht, daß sie sich damit in einen
 Krieg einließen, der nicht viel unwichtiger sei, als der gegen die
 Peloponnesier. Denn zur Umfahrt ulk Sicilien braucht ein Lastschiff nicht viel
 weniger als acht Tage, und daß es bei diesem Umfang nicht mit dem Festland
 zusammenhringt, bewirkt nur eine Meerenge von höchstens zwanzig Stadien.

Bewohnt war die Insel schon in alten Zeiten, und dieß ist die Zahl aller ihrer
 Völker: Im grauen Alterthum, sagt man, haben in einem Theile des Landes die
 Kyklopen und Lästrygonen gewohnt. Von wem diese abstammten, weiß ich nicht zu
 sagen, noch auch, von woher sie eingewandert, oder wohin sie weitergezogen sind.
 Genügen muß, was über sie von den Poeten gesagt worden ist, oder mag sich
 Jeder seine besondere Meinung machen. Zuerst nach jenen, scheint es, haben sich
 die Sikaner angesiedelt, die, wie sie selber sagen, gar noch vor ihnen im Lande
 waren, denn sie nennen sich Eingeborne; in Wahrheit aber sind sie Iberer und aus
 ihren alten Wohnsitzen am Fluß Sikanos^) in Jberien, von den Ligyern verdrängt,
 ausge- 
 
 
 
 
 wandert. Damals wurde auch die Insel nach ihnen Sikania genannt,
 denn vorher hatte sie Trinakria geheißen. Noch jetzt wohnen sie im westlichen
 Theil von Sieilien. Als dann Troja eingenommen war, sind einige Trojer,
 entgangen den Schiffen der Achäer, nach Sieilien gekommen und wurden, wie sie
 sich an den Gränzen der Sikaner anbauten, insgesammt Elymer genannt. Ihre Städte
 sind Eryx und Egesta^). Neben ihnen bauten sich auch einige Phokier an,
 von denen, welche von Troja damals durch den Sturm zuerst nach Libyen und von
 dort nach Sieilien verschlagen worden waren. Die Sikuler aber find aus Italien —
 denn dort wohnten sie vorher — vor den Opikern flüchtig nach der Insel
 herübergekommen. Wie erzählt wird und wie es auch am glaublichsten ist, sind sie
 aus Flößen übergesetzt, indem sie die günstige Strömung benutzten, während der
 Wind vom Festland herblies; vielleicht find sie aber auch auf eine andere
 Weise übergefahren. Es gibt aber auch jetzt noch Sikuler in Italien, und dieß
 Land hat sogar seinen Namen von einem Sikulerkönig, der JtaloS^) hieß. Sie kamen
 mit großer Macht an streitbarer Mannschaft nach Sieilien herüber, besiegten die
 Sikaner in einer Schlacht und drängten sie in die südlichen und westlichen
 Theile der Insel und bewirkten so, daß diese statt Sikania jetzt Sikelia genannt
 wurde. Sie besetzten die besten Theile des Landes und besaßen diese, als
 zuerst Hellenen nach Sicilien kamen^), fast schon dreihundert Jahre seit ihrer
 Ueberfahrt. Sie besitzen aber auch jetzt noch die mittleren und nördlichen
 Theile der Insel. Auch Phönikier siedelten sich an, welche ringsum die ganze
 Küste, die Vorgebirge am Meer und die vorliegenden kleinen Inseln besetzt hatten
 um des Handels willen mit den Sikulern. Als aber dann Hellenen in großer Zahl
 über's Meer herüberkamen, gaben die Phönikier die meisten dieser Punkte 
 aus und behielten nur in der Elymer Nachbarschaft Motye und Soloeis und
 Panormos?), im Vertrauen sowohl auf die Bundesgenos- 
 
 
 
 
 
 senschaft mit den Elymern, und dann auch, weil hier der kürzeste 
 Seeweg Karthago von Sieilien trennt. Dieß ist die Zahl der Barbaren auf Sieilien
 und so wohnten sie dort.

Von Hellenen kamen zuerst Chalkidier aus Euböa unter des Thukles Anführung
 über's Meer und gründeten Naxos^) und bauten dem Führer Apollon^) einen Altar,
 der jetzt außerhalb der Stadt steht und auf welchem die heiligen Sendboten'"),
 wann sie von Sicilien absegeln, vorher Opfer bringen. Ein Jahr darnach gründete
 Archias, ein Heraklide aus Korinth, Syrakus, nachdem er zuerst die Sikuler
 von der Insel") verjagt hatte, auf der jetzt, nicht völlig mehr von der See
 umflossen, die innere Stadt liegt; später wurde aber auch die äußere Stadt mit
 in die Mauer eingeschlossen, und die Bevölkerung wurde zahlreich. Thukles aber
 und seine Chalkidier von Naxos aus gründeten im fünften Jahr, nachdem Syrakus
 erbaut war, Leontini, nachdem sie die Sikuler im Kampf vertrieben hatten,
 und danach Katana. Die Katanäer aber machten für sich den Euarchos zum
 Gründer.

Um dieselbige Zeit'^) kam auch Lamis als Führer einer Kolonie von Megara nach
 Sieilien und gründete am Pantakyos- Flusse eine Niederlassung, TrotiloS'^) mit
 Namen. Darnah caber zog er aus von dort und schloß sich eine Zeit lang an die
 Gemeinde der Chalkidier in Leontini, und als ihn diese austrieben, gründete
 er Thapsos'4) und starb dann; seine Leute aber, aus Thapsos verjagt, und
 da auch der Sikulerkönig Hyblon die ganze Gegend aufgab, nahmen diesen zum
 Führer und gründeten Megara III, das das Hybläische genannt wird. Dort hatten
 sie zweihundert und fünsund. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 vierzig Jahre gewohnt, als Gelon, Tyrann der Syrakufier, sie aus 
 Stadt und Land vertrieb '6). Vor dieser Vertreibung aber, im hundertsten Jahre,
 nachdem sie Hybla gebaut, hatten sie den Pammilos ausgesandt und Selinus
 gegründet, denn dieser war aus Megara, ihrer Mutterstadt, zu ihnen gekommen und
 hals nun die neue Stadt gründen. Gela aber gründeten gemeinsam Antiphemos, der
 aus Rhodos, und Entimos, der aus Kreta Ansiedler herbeiführte, im 
 fünfundvierzigsten Jahr nach der Erbauung von Syrakus ^). Die Stadt selbst
 erhielt vom Flusse Gela ihren Namen; der Platz aber, wo jetzt die befestigte
 Stadt steht, und der auch zuerst ummauert wurde, heißt Lindii. Sie gaben sich
 aber Dorische Gesetze. Ungefähr hundertund acht Jahre nach ihrer eigenen
 Gründung bauten die Gelaner Akragas ^), welchen Namen sie der Stadt vom
 Akragas-Flusse gaben; zu Gründern machten sie den Aristonus und den Pystilos und
 nahmen die Gesetze der Gelaner an. — Zankle wurde zuerst durch See. räuber
 begründet, die von Kyme, der chalkidischen Stadt im Opiker- Lande^),
 herüberkamen; danach kam aber auch von ChalkiS und dem übrigen Euböa eine Zahl
 Volkes und theilte mit ihnen das Land. Ihre Gründer waren Perieres und
 Kratämenes, der eine aus Kyme, der andere aus Chalkis. Von den Sikulern wurde
 die Stadt zuerst Zankle genannt, weil der Platz von Gestalt sichelförmig ist und
 bei den Sikulern die Sichel Zanklon heißt.

Später aber wurden sie von Samiern und andern Joniern vertrieben, die, vor den
 Medern geflohen, in Sieilien landeten. Die Samier hinwieder vertrieb nicht lange
 danach Anaxilas, der Rheginer Tyrann, und führte in die Stadt eine gemischte
 Bevölkerung und nannte sie Messana nach seinem eigenen alten Vaterlande. Himera
 ist von Zankle aus gegründet worden durch Eukleides und Simos und Sakon;
 und das Volk in der Ansiedelung war meist chalkidisch; es zogen zu ihnen aber
 auch Vertriebene aus Syrakus, die man Myletiden nannte und die durch eine
 feindliche Partei besiegt worden waren. 
 
 
 
 
 
 Ihre Sprache bildete sich zu einem Gemisch von chalkidisch und 
 dorisch, doch galten die chalkidischen Gesetze. Akrä und Kasmenä wurden von
 Syrakusiern gegründet, Akrä siebenzig Jahre nach Syrakus, Kasmenä um zwanzig
 Jahre später als Akrä. Auch Kamarina wurde zuerst durch Syrakusier angelegt,
 gegen hundertundfünfunddreißig Jahre nach der Gründung von Syrakus. Gründer
 waren Daskon und MenekoloS. Als aber die Kamariner wegen ihres Abfalls von
 den Syrakusiern mit den Waffen ausgetrieben worden waren, und einige Zeit danach
 Hippokrates ^), Tyrann von Gela, das Land der Kamariner als Lösegeld für
 kriegsgesangene Syrakusische Männer erhielt, so wurde er zweiter Gründer und
 bevölkerte die Stadt von Neuem. Aber zum zweiten Mal wurden die Bewohner durch
 Gelon ausgetrieben, und die Stadt erhielt dann ihre dritte Bevölkerung 
 durch die Gelaner.

Dies sind die Völker hellenischer und barbarischer Abkunft, welche auf Sieilien
 wohnten, und so groß ist diese Insel, gegen welche die Athener den Kriegszug
 unternahmen. Der wahrhaste Grund dazu war, daß sie die ganze Insel sich zu
 unterwerfen gedachten, als glimpflichen Vorwand aber gebrauchten sie, daß sie
 ihren Blutsverwandten und neuen Bundesgenossen zu Hülfe ziehen wollten. Am 
 meisten zu diesem Zuge reizten sie die Egestaner, deren Gesandte anwesend waren
 und aus'S eifrigste anstachelten. Diese nämlich waren Nachbarn der Selinuntier,
 und einiger Heirathsgeschichten und eines streitigen Landstücks wegen mit ihnen
 in Krieg verwickelt, und die Selinuntier hatten die Syrakufaner als
 Bundesgenossen herbeigeholt und bedrängten jene feindselig zu Land und zu
 Wasser. Die Ege- 
 tsaner erinnerten also die Athener an ihre Bundesgenossenschaft mit den
 Leontinern^) in dem früheren (sikelifchen) Krieg unter Laches und baten, ihnen
 Schiffe zu Hülfe zu senden. Unter vielem Anderem, was sie zu diesem Zwecke
 vorbrachten, war der Hauptgrund: wenn erst die Syrakusaner die Freiheit der
 Leontiner ungestraft vernichtet und, nachdem sie dann auch die übrigen
 Bundesgenossen zu 
 
 
 
 Grunde gerichtet hätten, selber die Macht über ganz Sieilien besäßen, so
 sei Gefahr da, daß sie einmal als Dorier den Doriern, der Verwandtschaft gemäß,
 und auch als Pflanzvölker ihren peloponnesischen Mutterstaaten zu Hülse kämen
 und die Macht der Athener brechen hälfen. Darum gebiete es die Klugheit, in
 Verbindung mit den noch vorhandenen Bundesgenossen sich den Syrakusanern zu
 widersetzen, zumal sie selbst zu diesem Kriege ausreichende Geldmittel hergeben
 würden. Nachdem die Athener in den Volksversammlungen sowohl die
 Egestaner, die dergleichen oft vorbrachten, als auch ihre eigenen Mitbürger, die
 jenen zustimmten, angehört hatten, so beschlossen sie für's Erste Gesandte nach
 Egesta zu schicken, die wegen des Geldes sich überzeugen sollten, ob dessen so
 viel, wie jene sagten, im öffentlichen Schatz und in den Tempeln vorhanden sei,
 und zugleich untersuchen, wie es um ihren Krieg mit den Selinuntiern stünde.

Die Gesandten der Athener nach Sieilien wurden also abgeschickt; die
 Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen, mit Ausnahme der Korintber, zogen in
 diesem Winter gegen Argos zu Felde, verheerten einen kleinen Landstrich und
 führten Getreide auf mitgebrachten Wagen davon. Nachdem sie dann die Verbannten
 der Argiver 23) nach Orneä verpflanzt und zu deren Schutz auch einen Theil 
 ihrer übrigen Mannschaft zurückgelassen hatten, schloßen sie einen 
 Waffenstillstand aus einige Zeit ab, wonach die Orneaten und die Argiver
 einander unbehelligt lassen sollten, und gingen dann mit dem Heere nach Hause
 zurück. Als aber nicht lange danach die Athener mit dreißig Schiffen und
 sechshundert Schwerbewaffneten ankamen, so zog die ganze Mannschaft der Argiver
 mit den Athenern aus, und beide belagerten die in Orneä einen Tag lang. In der
 Nacht aber, während ihr Heer in einiger Entfernung lagerte, entwischten ihnen
 die aus Orneä. Als am folgenden Tag die Argiver dieß merkten, so
 zerstörten sie Orneä und kehrten nach Hause zurück, und deßgleichen später auch
 die Athener mit ihren Schiffen. 
 Auch nach Methone, welches an Makedonien gränzt, schickten die Athener zur See
 Reiter aus ihren eigenen Bürgern und die Ma­ 
 
 kedonischen Verbannten T die bei ihnen waren, und beschädigten das 
 Gebiet des Pcrdikkas. Da schickten die Lakedämonier den Chalkidiern an der
 thrakischen Küste, welche mit den Athenern einen Waffenstillstand hatten, der
 alle zehn Tage erneuert werden mußte 25), den Befehl zu, sie sollten dem
 Perdikkas in diesem Kampfe beistehen. Die aber wollten nicht. 
 So ging dieser Winter zu Ende und mit ihm das sechzehnte Jahr dieses Krieges,
 den Thukydides beschrieben hat.

Im nächsten Sommer zu Frühlingsanfang kamen die Gesandten der Athener aus
 Sieilien zurück und mit ihnen Egestaner, welche sechzig Talente ungemünzten
 Silbers mitbrachten als Sold für sechzig Schiffe auf einen Monat, um deren
 Zusendung sie bitten wollten. Die Athener hielten nun eine Volksversammlung,
 und nachdem sie von ihren eigenen Gesandten und den Egestanern sowohl
 anderes Verlockendes angehört hatten, welchem die Wahrheit nicht entsprach, als
 auch von dem vielen Geld, welches in Tempeln und in Staatskassen bereit läge, so
 beschloßen sie, sechzig Schiffe nach Sieilien zu schicken und als Feldherrn mit
 unumshcränkter Vollmacht den Alkibiades, Sohn des Kleinias, den Nikias, Sohn des
 Nikeratos, und den Lamachos, des Lenophanes Sohn. Diese sollten den 
 Egestanern gegen die Selinuntier Hülse leisten, und wenn der Krieg ihnen die
 Mittel dazu ließe, Leontini wieder neu gründen helfen und auch sonst diejenigen
 Einrichtungen in Sieilien treffen, die ihnen für die Athener die
 vortheilhaftesten schienen. Am fünften Tage danach wurde-wieder eine
 Volksversammlung abgehalten, wie man die Ausrüstung der Schiffe so rasch als
 möglich in's Werk setzen! könne, und um den Feldherrn zu bewilligen, was etwa
 noch zur Abfahrt nothwendig sei. Da trat Nikias auf, der gegen seinen Willen zum
 Feldherrn gewählt war und glaubte, der Staat habe sich nicht wohl 
 berathen, sondern unter einem nichtsnutzigen und nur scheinbaren Vorwande stürze
 man sich in ein so maßloses Unternehmen, wie die Eroberung von ganz Sieilien. In
 der Absicht, die Athener davon abzubringen, hielt er folgende Rede:

„Diese Volksversammlung ist zwar zu
 dem Zwecke berufen worden, um über die gArt und Weise der Rüstung zum Seezug
 nach Sieilien zu berathen; ich aber bin der Meinung, daß man erst die 
 Sache selbst noch wohl überlegen solle, ob es nämlich überhaupt wohlgethan ist,
 die Flotte dorthin zu senden. Wir sollten nicht nach einer so kurzen Berathung
 in Betreff so wichtiger Dinge ohne Weiteres auf die Reden fremder Männer
 eingeben und einen Krieg aufnehmen, der uns Nichts angeht. Ich zwar für meine
 Person soll dabei durch eine Ehrenstelle ausgezeichnet werden und dürfte also um
 mich selbst weniger zu fürchten haben, obwohl ich indeß der Meinung bin, daß
 auch der immer noch ein ebenso guter Bürger ist, wie Andere, der für seine
 Person und sein Vermögen einigermaßen besorgt ist 2^ da grade ein solcher um
 seiner eigenen Sicherheit willen wünschen muß, daß der Staat wohlbehalten
 bleibe. Gleichwohl habe ich weder in früherer Zeit aus Sucht nach Ehrenstellen
 jemals etwas gegen meine Ueberzeugung gesagt, noch auch werde ich es jetzt thun,
 sondern ich werde nach bestem Wissen und Gewissen reden. In Anbetracht eurer
 Denkart aber dürfte ich von meinen Worten wohl keinen Eindruck erwarten, 
 wenn ich euch nur auffordern wollte, auf Erhaltung eurer jetzigen Macht bedacht
 zu sein und das Gegenwärtige nicht um Unsicheres und Zukünftiges auf's Spiel zu
 setzen. Ich will euch darum überzeugen, daß euer Unternehmungseifer hier ganz
 zur Unzeit kommt und daß keineswegs so leicht zu erlangen ist, wonach ihr die
 Hände ausstreckt."

„Ich sage euch also, daß ihr hier sehr zahlreiche Feinde zurücklasset und
 trotzdem dorthin fahren wollt, um euch noch neue dazu in's Land herein zu
 ziehen. Vielleicht glaubt ihr, die mit euch geschlossenen
 Waffenstilltsandsverträge hätten Kraft und Bestand, aber die haben sie nur dem
 Namen nach und nur so lange, als ihr selber euch ruhig verhalten werdet — und
 daß dem so ist, daS haben Männer von hier28) und aus der Zahl eurer Feinde^)
 durchzusetzen gewußt — sobald eure Macht aber nur einen einigermaßen 
 beträchtlichen Verlust erlitten haben wird, werden eure Feinde ohne viel 
 
 
 
 Federlesens über euch herfallen, um so mehr, da sie nur in Folge ihrer
 
 Unglücksfälle und in weniger ehrenvoller Lage, als die unsrige, durch die
 Noth zum Vertrage bewogen wurden. Dann haben wir auch in diesem Vertrage selbst
 viel streitige Punkte, und es find sogar auch solche da, welche nicht einmal
 diesen Vertrag angenommen haben, und die find eben nicht die schwächsten,
 sondern die Einen führen offenen Krieg mit uns 2°), und die Andern werden durch
 einen Waffenstillstand, der alle zehn Tage erneuert werden muß, beschwichtigt,
 weil die Lakedämonier selbst sich noch ruhig verhalten. Sehen sie aber erst
 unsere Macht getrennt, was wir eben jetzt so eifrig und eilig thun wollen, 
 so werden sie uns ganz gewiß über den Hals kommen und fich mit den Sikelioten
 verbinden, welche sie sich schon in früherer Zeit vor vielen Andern als
 Bundesgenossen wünschten. Das also muß man wohl in's Auge fassen und nicht den
 Staat, der wie ein Schiff auf der Höhe der Wogen schwebt, der Gefahr des
 Untergangs aussetzen. Wir dürfen nicht nach neuer Herrschaft tsreben, so lange
 unsere jetzige nicht befestigt ist, — oder find etwa nicht die Chalkidier an der
 Thrakischen Gränze so viele Jahre im offenen Aufruhr gegen uns und noch
 immer nicht unterworfen, und steht es nicht auch mit Andern auf dem Festland
 sehr zweifelhaft? Freilich, den Egestanern, unsern Bundesgenossen, müssen wir
 mit allem Eifer zu Hülfe eilen, weil man ihnen Unrecht thut, aber die zu
 bestrafen, die uns selbst schon lange Zeit her durch ihren Abfall Schaden thun,
 zögern und zaudern wir."

„Und doch könnten wir diese leicht bewältigen und im Zaum halten, über jene
 aber, auch wenn wir sie besiegt hätten, könnten wir ihrer Entfernung und großen
 Zahl wegen eine Herrschaft nur mit großer Schwierigkeit ausüben. Es hat aber
 keinen Sinn und Verstand, gegen solche zu Felde zu ziehen, die man im Falle des
 Sieges nicht niederhalten kann, und zu denen man im Fall der Niederlage
 nicht mehr im gleichen Machtverhältniß steht, wie vor dem Angriff auf sie. Die
 Sikelioten aber, so wie es jetzt mit ihnen steht, scheinen mir keineswegs
 gefährlich für uns, und noch viel weniger, wenn einmal die Syrakusier sie alle
 beherrshcen sollten, womit uns 
 
 
 die Egestaner vorzüglich zu schrecken suchen. Denn nach dem jetzigen Stand
 der Dinge könnte wohl der eine oder andere Staat auf Sicilien aus Freundschaft
 den Lakedämoniern zu Hülse kommen, in jenem Falle aber ist es gegen alle
 Wahrscheinlichkeit, daß ein über Andere herrshcender Staat gegen seines Gleichen
 einen Krieg unternähme. Denn wie sie in diesem Falle unsere Herrschaft in 
 Verbindung mit den Lakedämoniern gestürzt hätten, ganz ebenso und von eben
 denselben ^ würde dann ihre Macht gestürzt werden müssen. Wir aber könnten die
 dortigen Hellenen am allerbesten in Furcht halten, wenn wir gar nicht hingingen,
 oder auch, wenn wir ihnen einmal unsere Macht aus der Nähe zeigten und wieder
 umkehrten. Blieben wir aber ihnen gegenüber im Nachtheil, so könnten sie uns
 leicht verachten und mit den hiesigen Feinden über uns kommen. Denn wir
 wissen ja Alle, daß immer das Entfernteste und was noch keine Gelegenheit
 gegeben hat, die Wahrheit seines Rufes zu erproben, am meisten bewundert wird,
 wie es ja auch in Bezug auf die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen ergangen
 ist. Weil ihr aber wider Erwarten über das gesiegt habt, was ihr anfänglich
 gefürchtet, so verachtet ihr sie jetzt schon und denkt an die Eroberung
 Siciliens. Man darf sich aber nicht wegen der Unfälle, welche die Feinde
 betroffen haben, überheben, sondern erst dann zuversichtlich sein, wenn man
 ihre ganzen Entwürfe zu nichte gemacht hat. Auch dürft ihr nicht glauben,
 daß die Lakedämonier auf irgend etwas Anderes sinnen, als, wie sie auch unter
 den jetzigen Verhältnissen auf irgend eine Weise durch unser Verderben ihren
 hohen Ruf wieder herstellen können, zumal sie ja auch alle Zeit her und vor
 Allem ihren Ruhm in die Tapferkeit setzen. Für uns also — sofern wir Verstand
 zeigen — ist jetzt die Aufgabe nicht, den barbarischen Egestanern auf Sieilien
 zu Liebe einen Krieg zu führen, sondern einen Staat scharf zu überwachen,
 der unter der Form einer Oligarchie verderbliche Pläne gegen uns schmiedet."

„Bedenken müßt ihr auch, daß wir erst seit Kurzem von einer großen Pest und dem
 Kriege uns ein wenig erholt und an Geld und Menschenzahl wieder zugenommen
 haben. Diesen Zuwachs an 
 
 Mitteln sollten wir aber gerechterweise nur zu unserm eignen Besten 
 und hier im Lande selbst aufwenden und nicht für diese vertriebenen Leute
 32), die uns um Hülse bitten, denen es Nutzen bringt, zuversichtlich zu lügen,
 auch auf die Gefahr des Andern hin, und die ihrerseits nur mit Worten aufwarten
 können und schließlich im Fall des Gelingens sich nicht dankbar erweisen, im
 Fall des Scheiterns aber auch ihre Freunde mit in's Verderben ziehen werden. 
 „Wenn aber Einer aus eurer Mitte, der zu seiner großen Freude zum Feldherrn
 gewählt worden ist, Euch zu dem Seezug räth, — Einer, der nur auf seinen eigenen
 Vortheil schaut und übrigens zum Feldherrn auch noch zu jung ist^), — Einer, der
 sich gern seiner schönen Pferde wegen bewundern läßt und wegen der
 Kostspieligkeit derselben aus der Feldherrnstelle seinen Profit herausshclagen
 will, so gestattet doch dem nicht, daß er auf die Gefahr des 
 Staatsbankerots mit seiner eigenen Person prachere, und denkt, daß dergleichen
 Menschen den Staat bestehlen und das Eigene durchbringen. Bedenkt, daß es sich
 um die wichtigsten Dinge handelt, die nicht danach find, daß junge Leute ihren
 unreifen Witz daran üben und sie mir Nichts dir Nichts in die Hand nehmen."

„Freilich muß ich mich vor denen fürchten, die ich da neben eben diesem Manne
 als seine Für- und Zusprecher sitzen sehe, und ich fordere deßhalb die Aelteren
 auf, nicht scheu zu sein, wenn Einer von diesen neben ihnen sitzt, und nicht zu
 fürchten, sie würden als feige erscheinen, wenn sie gegen den Krieg tsimmen, und
 daß sie sich ebensowenig durch verhängnißvolle Gier nach weit entfernten Dingen
 — denn die könnte auch sie noch ankommen — hinreißen lassen. Sie sollen
 bedenken, daß durch Leidenschaftlichkeit das Wenigste, durch kluge Vorsicht aber
 das Meiste erreicht wird. Ihr müßt also zur Rettung des Vaterlandes, welches
 jetzt mit der größten Gefahr spielt, die es je bedrohte, gegen den Zug stimmen
 und beschließen, daß die Sikelioten sich uns gegenüber in den bisherigen Grenzen
 zu halten haben, die auch wir genehm halten müssen, nämlich im Ionischen 
 Meer, wenn Einer längs der Küste hinschifft, und im Sikelischen, wer 
 
 
 
 über die hohe See fährt. Was sie haben, das sollen sie behalten und ihre
 Angelegenheiten unter sich austragen. Den Egestanern insbesondere aber sagt: da
 sie von vornherein, ohne die Athener zu fragen, den Krieg angefangen haben, so
 sollen sie ihn auch allein ausmachen. Und für die Zukunft nehmt nicht mehr, wie
 wir gewöhnlich thun, solche als Bundesgenossen an, die von uns nur Hülse 
 in ihrer Noth wollen, von denen wir aber, wenn wir selbst Hülse brauchten, keine
 erlangen könnten."

„Und du, Prytane^), sofern du es für deine Pflicht hältst, für das Staatswohl
 besorgt zu sein, und sofern du dich als guter Bürger zeigen willst, berufe die
 Athener zur Abstimmung und lege ihnen die Sache nochmals zur Berathung vor! Wenn
 du dich fürchtest, auf Abänderung des Volksbeschlusses anzutragen, so bedenke,
 daß die Aufhebung gesetzlicher Beschlüsse unter Theilnahme so vieler 
 Zeugen keine Anschuldigung begründen kann! Bedenke, daß du so an der Stadt, die
 jenen Beschluß gefaßt hat, wie ein Arzt handelst, und daß die rühmliche
 Verwaltung deines Amtes darin besteht, dem Vaterland so viel als möglich zu
 nützen, oder ihm doch wenigstens nicht mit Wissen und Willen zu schaden!"

So redete Nikias. Von den Athenern aber, die noch auftraten, forderten die
 Meisten zum Kriegszug aus, und man solle den gefaßten Beschluß nicht aufheben;
 Einige indeß sprachen auch dagegen. Am eifrigsten aber trieb zum Feldzug
 Alkibiades, des KleiniaS Sohn, einmal, weil er dem Nikias den Widerpart halten
 wollte, dessen Gegner er auch sonst in Staatssachen war, zumal er eben auch
 seiner ungünstige Erwähnung gethan, hauptsächlich aber, weil er die 
 Feldherrnwürde eifrig wünschte und in dieser Stellung Sieilien und Karthago zu
 erobern gedachte, was im Fall des glücklichen Gelingens auch ihn selbst an Geld
 und Ehren heben würde. Er stand in Ansehen bei den Städtern, stöhnte aber seinen
 Leidenschaften in Bezug auf Pferde und sonstigen Luxus über Vermögen, was denn
 auch später nicht die kleinste Ursache zum Untergang der Athenischen Macht
 wurde. Denn als die Meisten die Größe seiner Ueberhebung in Bezug aus 
 persönliche Lebensweise und die Großartigkeit seines Strebens, die er 
 
 
 in allen Geschäften zeigte, welche er in die Hand nahm, zu fürchten 
 begannen, so wurden sie ihm Feind, weil sie
 glaubten, er strebe nach Alleinherrschaft, und obwohl er das Kriegswesen zum
 besten Nutzen des Gemeinwesens trefflich leitete, so übertrugen sie, Jeder
 persönlich beleidigt durch sein Benehmen und seine Lebensweise, den Oberbefehl
 an Andere und richteten so den Staat binnen Kurzem zu Grunde. Damals nun
 trat Alkibiades auf und redete zu den Athenern Fol» gendes:

„In der That, ihr Athener, kommt mir ein Oberbefehl eher als Andern zu — denn
 hiemit muß ich beginnen, da Nikias mich angegriffen hat — und ich glaube
 desselben würdig zu sein. Weßhalb ich verschrieen bin, das grade brachte meinen
 Vorfahren und bringt mir Ruhm ein und dem Vaterland Nutzen. Beim Anblick 
 meines prächtigen Aufzuges zu Olympia mußten die Hellenen die Macht unserer
 Stadt noch für größer halten, als sie wirklich ist, nachdem sie zuvor sich
 geschmeichelt hatten, sie sei durch den Krieg zu Grunde gerichtet. Deßhalb habe
 ich sieben Wagen in die Rennbahn geschickt, was vor mir ein Privatmann nie
 gethan, und so habe ich den ersten und zweiten und vierten Preis gewonnen ^),
 und dieses Sieges würdig war mein übriger Aufwand. Schon nach dem Gesetz
 gewährt dieß Ehre, und nach dem Geleisteten bildet man sich eine Vorstellung von
 der Macht (des Staates). Mein sonstiger glänzender Aufwand in der Stadt, wenn
 ich Chorführer bin ^), oder bei Andern Gelegenheiten, erregt natürlich unter den
 Stadtbürgern Neid, für die Fremden aber entfaltet sich auch hierin die
 Staatskraft. Das ist doch fürwahr keine schädliche Thorheit, die auf eigene
 Kosten nicht nur sich selbst, sondern auch dem Staate nützt, und eS ist auch
 nicht ungerecht, daß Einer, der von sich groß denken darf, sich nicht mit 
 anderen auf eine Linie stellt. Findet doch auch der Unglückliche Keinen, der von
 seinem Unglück den gleichen Antheil auf sich nehmen will. Sondern wie uns im
 Unglück kein Mensch den Hof macht, so muß es sich Einer auch wohl gefallen
 lassen, wenn ihn die Glücklichen über die Achsel ansehen. Erst stelle er sich
 auch dem Unglücklichen gleich, 
 
 
 
 wenn er vom Glücklichen dasselbe verlangt. Ich weiß aber, daß Männer wie
 ich, und wer immer in einer Art sich auszeichnet, so lange sie leben, den Andern
 unangenehm find, und am meisten ihres Gleichen, dann aber auch den Andern, mit
 denen sie zusammen leben; bei den Nachkommenden aber erregen sie sogar den
 Wunsch, Ansprüche aufVerwandtschaft mit ihnen machen zu können, wenn diese auch
 keineswegs begründet find; und welchem Staate sie immer angehören, der 
 rühmt sich ihrer nnd will sie nicht einem andern überlassen, und betrachtet sie
 nicht als solche, die ihre Sache schlecht gemacht hätten, sondern als die
 seinigen und solche, die rühmlich gehandelt. Danach nun strebe ich, und wenn ich
 in meinem Privatleben vershcrien bin, so seht doch nur daraus, ob ich die
 öffentlichen Angelegenheiten etwa schlechter verwalte, als ein Andrer. Habe ich
 doch ohne große Gefahr und Kosten eurer Seits die mächtigsten Staaten des
 Peloponnes vereinigt und die Lakedämonier gezwungen, bei Mantinea ihre ganze
 Existenz auf das Kampsglück eines einzigen Tages zu setzen^). Und haben
 sie damals auch gesiegt, so find sie doch selbst heute noch nicht sicher und
 zuversichtlich."

„Solche Erfolge hat meine Jugend und Unverstand, der jenen über alle Gränzen zu
 gehen scheint, gegen die Macht der Peloponnesier durch angemessene Worte zu Wege
 gebracht. Mein Feuereifer flößte Zuversicht ein und überredete. So fürchtet also
 auch ihr jetzt diese Eigenschaften nicht, sondern so lange ich in ihrem Besitz
 der Jugendkraft genieße, und Nikias den Namen des Glücklichen wird 
 behaupten können^), so zieht möglichsten Nutzen vom Einen wie vom Andern! Und
 nehmt den beschlossenen Zug nach Sieilien nicht zurück, als ob derselbe gegen
 eine starke Macht gerichtet wäre. Denn die dortigen Städte haben eine zahlreiche
 Bevölkerung von sehr gemischten Massen^), und Umänderungen der Versassung und
 Aufnahme von Ncubürgern haben dort keine Schwierigkeit. Deßhalb ist dort
 aber auch Keiner für seine eigene Person mit Waffen gerüstet, als ob er ein
 eigenes Vaterland zu vertheidigen habe, noch auch gibt 
 
 
 
 es im Lande gesetzliche Vorkehrungen dazu. Sondern wie Einer 
 grade durch Überredungskunst oder durch Erregung von Bürger- zwietracht
 vom Gemeingute sich etwas aneignen kann, danach sieht er sich vor, und schlägt
 eS fehl, so weiß er, daß er sich anderswo ansiedeln kann. ES ist doch nicht
 wahrscheinlich, daß ein solcher Hause einem Antrag einmüthig Gehör schenke, oder
 sich gemeinsam zu irgend einem Unternehmen wende. Einzeln aber, wenn man ihnen
 nnr nach dem Sinn redet, werden sie leicht zu gewinnen sein, zumal sie sich
 einander in denHa aren liegen, wie wir erfahren. Aber sie haben auch nicht
 so viele Schwerbewaffnete, als sie sich rühmen, und haben sich doch nicht einmal
 die andern Hellenen so zahlreich in Waffen gezeigt, wie sie selber sich
 bezifferten, vielmehr hat sich Hellas über sich selbst höchlichst getäuscht und
 sich in diesem Kriege.^) kaum zur Noth gerüstet gezeigt. Die dortigen
 Verhältnisse aber werden sich nach dem, was ich höre, ebenso zeigen, und wir
 werden sogar noch leichter mit ihnen fertig werden, denn wir werden dort viele
 Barbaren finden, die aus Haß gegen die Syrakusaner aus unserer Seite fechten
 werden. In den hiesigen Verhältnissen aber werdet ihr auch kein Hinderniß 
 finden, wenn ihr nur gut zu Rathe geht. Denn unsere Väter haben eben dieselben,
 von denen man jetzt sagt, daß wir bei einem Seezug nach Sieilien sie als Feinde
 zurücklassen, und noch die Meder dazu als Feinde gehabt und haben doch die
 Herrschast errungen, ohne daß ihre Stärke anderSwo gelegen hätte, als in ihrer
 überwiegenden Seemacht. Und gerade jetzt find die Peloponnesier uns gegenüber so
 muthlos, wie sonst nie; und sollen sie noch so stark sein, sie sind immer nur im
 Stande, in unser Land einzufallen, und das können sie auch, wenn wir den
 Seezug nicht unternehmen; mit ihrer Seemacht aber können sie wohl nicht schaden,
 denn wir lassen immer noch eine Flotte zurück, die ihnen gewachsen bleibt."

„Mit welchen Gründen also könnten wir denn hier vor uns selbstuns
 entschuldigen, wenn wir das Unternehmen aus den Händen ließen? — mit welchen
 gegenüber unsern dortigen Bundesgenossen, 
 
 
 wenn wir ihnen nicht zu Hülfe kämen? Haben wir uns mit ihnen doch eidlich
 verbunden, und sind also verpflichtet, ihnen zu helfen, ohne ihnen vorzuhalten,
 daß wir von ihnen keine Hülfe erwarten könnten. Denn nicht, damit sie uns hieher
 Gegenhülfe leisten, haben wir sie in unsere Bundesgenossenschaft aufgenommen,
 sondern damit wir unsern dortigen Feinden Schaden thun und sie hindern, selber
 hieher zu kommen. Denn die Herrschaft haben sowohl wir, als wer sonst
 immer Herrschaft erlangt hat, dadurch gewonnen, daß wir bereitwilligst denen
 beisprangen, die unsere Hülfe anriefen, mochten sie nun Barbaren sein oder
 Hellenen; denn wenn Alle der Ruhe Pflegen, oder immer erst genau den
 Verwandtschaftsgrad untersuchen wollten, wenn es sich darum handelt, Einem
 beizuspringen, so würde unsere Herrschaft nur sehr unmerklich wachsen, und wir
 würden sie erst dadurch recht in Gefahr bringen. Denn wer einmal eine Uebermacht
 besitzt, gegen den ergreift man nicht nur dann die Waffen, wenn er Einem 
 zu Leibe geht, sondern man kommt ihm zuvor, damit er nicht angreisen kann. Und
 es steht auch nicht bei uns, abzumessen, wie weit wir unsere Herrschaft
 ausbreiten wollen, sondern da wir schon einmal auf dieser Stufe der Macht
 stehen, so zwingt uns die Nothwendigkeit, auf die Unterwerfung der Einen zu
 denken und die Andern sich unserer Herrschaft nicht entziehen zu lassen, denn
 wenn wir nicht selbst über Andere herrschen, so gerathen wir in die Gefahr, von
 ihnen beherrscht zu werden. Ruhige Unthätigkeit dürft ihr nicht mit denselben
 Augen ansehen, wie Andere, wenn ihr nicht zuerst die Grundsätze eures 
 Verhaltens nach der Art jener umwandeln wollt." 
 „Bedenken wir also, daß wir unsere hiesige Macht verstärken, wenn wir gegen
 jene zu Felde ziehen, und laßt uns den Seezug unternehmen, damit den
 Peloponnesiern ihr Hochmuth vergehet, wenn sie sehen, daß wir diese gegenwärtige
 Unthätigkeit verachten und sogar gegen Sieilien segeln. Und entweder werden wir
 aller Wahrscheinlichkeit nach über ganz Hellas herrschen, wenn wir auch die
 dortigen Staaten unterworfen haben, oder wir werden doch wenigstens den 
 Syrakusanern empfindlich schaden, und auch davon werden sowohl wir selbst, als
 unsre Bundesgenossen Nutzen haben. Sichere Bürgschaft des Verbleibens sowohl,
 wenn die Sache von Statten geht, als auch der Rückkehr, werden uns die Schiffe
 gewähren, denn auch 
 denn auch zur See werden wir aller Sikelioten Meister sein. Mögen 
 euch nicht die Worte des Nikias, die süße Ruhe empfehlen und zwischen
 Jungen und Aelteren Zwietracht zu stiften suchen, von der Sache abwendig machen,
 sondern in der hergebrachten gesetzlichen Weise und wie auch unsere Väter ihrer
 Zeit, als die Jungen durch gemeinsame Berathung mit den Alten den Staat zu
 seiner jetzigen Macht gehoben haben, so und auf dieselbe Weise sucht auch jetzt
 den Staat vorwärts zu bringen, in der Ueberzeugung, daß Jugend und Alter
 ohne einander Nichts vermögen, und daß die Mischung von Leichtsinn, Mittelschlag
 und übergenauer Berechnung wohl die meiste Kraft ergebe, — daß der Staat, wenn
 er in Unthätigkeit versinkt, sich in sich selbst verzehre, wie jedes andere
 Wesen, und daß auf diese Weise jede Geschicklichkeit in sich veraltere, daß aber
 durch Kampf der Staat immer zunehme an Erfahrung und die Selbstvcrtheidigung
 mehr durch die That als durch Worte immer in Uebung behalte. Ueberhaupt
 aber ist es meine feste Ueberzeugung, daß ein Staat, der bis dahin nie unthätig
 war, durch den Umschlag in die Unthätigkeit wohl am schnellsten seinem Verderben
 cntgegengeführt werde, und daß unter den Menschen Diejenigen ihre Existenz am
 meisten sichern, welche in der Staatsführung von den bestehenden Sitten und
 Gewohnheiten. wenn sie auch mangelhaft sein sollten, am wenigsten 
 abweichen."

So redete Alkibiades. Die Athener aber, nachdem sie ihn gehört hatten und nach
 ihm die Egestaner und etliche Leontinische Verbannte, welche bittend auftraten
 und mit Erinnerung an die Eidschwüre für sich um Hülfe flehten, da drangen sie
 noch viel stärker auf den Kriegszug, als vorher. Nikias nun sah wohl ein, daß er
 sie mit seinen Gründen nicht mehr auf andere Ansichten bringen würde, 
 dachte aber, daß er sie durch großen Umfang der Kriegsrüstungen, wenn er diese
 in hohem Maße von ihnen fordere, leicht anderes Sinnes machen werde. So trat er
 denn zum zweiten Male auf und redete, wie folgt:

„Da ich nun einmal sehe, ihr Athener, daß ihr auf jede Weise den Kriegszug
 wollt, so möge er uns denn gelingen, wie wir es wünschen! Was ich nun den
 Umständen gemäß für nöthig erachte, will ich angeben. Wir sind im Begriff gegen
 Staaten zu ziehen, 
 
 
 
 die — wie Ich ans mündlichem Berichte weiß — groß und von einander
 unabhängig find und sich durchaus nicht nach einer Ver. fassungSänderung sehnen,
 wie sie Einer wohl annehmen möchte, der aus harter Abhängigkeit gern in einen
 erleichterten Zustand übertritt, und die höchst wahrscheinlich wohl auch nicht
 ihre Freiheit mit unserer Herrschaft vertauschen mochten; und dann ist auch die
 Zahl der ^Hellenischen^ Staaten für diese Eine Insel sehr groß. Denn außer
 Naxos und Katana, die — wie ich hoffe — gemäß ihrer Verwandtschaft mit den
 Leontinern auf unsere Seite treten werden, find noch sieben 4') andere da,
 welche in jeder Art der Kriegsrüstung so versehen sind, daß sie sich mit unserer
 Macht so ziemlich vergleichen dürften, und gerade die unter ihnen sind es am
 besten, gegen welche unsere Flotte vorzüglich wirken soll. Selinus nämlich und
 SyrakuS; denn sie haben dort viele Schwerbewaffnete und Bogenschützen und 
 Speerschützen und viele Dreiruderer und Volks genug, sie zu bemannen. Geldmittel
 besitzen sie theils in den Privatvermögen, theils haben die Selinuntier solche
 auch in ihren Tempeln bereit liegen. Auch wird den Syrakusiern von einigen
 Barbaren eine Steuer von ihren Erzeugnissen entrichtet. Worin sie uns aber am
 meisten überlegen sind, das ist der Besitz zahlreicher Pferde, und daß sie
 Getreide im eigenen Land haben und nicht einzuführen brauchen^)."

„Gegenüber einer solchen Macht aber bedarf es nicht nur einer Flotte mit
 mittelmäßiger Bemannung ^), sondern es muß auch ein zahlreiches Landheer
 mitschiffen, wenn wir etwas ausrichten wollen, was unserem Vorhaben entspricht,
 und nicht durch ihre zahlreiche Reiterei uns an der Ausbreitung auf dem Lande
 wollen hindern lassen, besonders wenn die einzelnen Staaten aus Furcht vor uns
 sich mit einander vereinigen, und außer den Egestanern nicht noch einige
 andere sich mit uns befreunden und uns Reiterei stellen sollten, mit welcher wir
 uns jener erwehren könnten. Denn schimpflich wäre es, wenn wir zum Rückzug
 gezwungen würden oder hinterdrein Unterstützung müßten nachkommen lassen, weil
 wir bei der ersten Berathung 
 
 
 
 ohne Bedacht vorgegangen sind. Gleich jetzt von hier weg müssen 
 wir mit entsprechender Rüstung ausziehen und bedenken, daß wir> weit
 von der Heimath über See gehen wollen, und daß dieß kein solcher Feldzug werden
 wird, als wenn ihr hier im Lande (als Bundesgenossen eurer Unterthanen) Einen
 angreisen wolltet, wo das, was man etwa später noch bedarf, aus Freundesland
 leicht nachgeschafft werden kann; sondern ihr laßt die Heimath weit hinter euch
 und zieht in ein ganz fremdes Land, von wo zur Winterszeit sogar nicht
 einmal in vier Monaten ein Bote leicht zu euch gelangen kann."

„Ich halte also dafür, daß wir viele Schwerbewaffnete mitnehmen müssen, sowohl
 von unsern eigenen Bürgern, als von den Bundesgenossen und Unterthanen, und wo
 möglich auch Leute aus dem Peloponnes^) durch Ueberredung oder Sold gewinnen
 sollten. Auch Bogenschützen und Schleuderer brauchen wir in großer Zahl, 
 um sie der-Reiterei jener entgegenzustellen. Die Schiffszahl muß nun gar sehr
 groß sein, damit wir alles Nöthige leichter hinschaffen können, und von hier
 müssen wir Getreide auf Lastschiffen mitnehmen, Weizen und geröstete Gerste und
 dazu Mahl- und Backknechte, die aus den Mühlen nach Verhältniß der Sklavenzahl
 gegen Entgeld zwangsweise zu nehmen find^), damit unser Heer die nöthigen
 Lebensmittel habe, wenn wir irgendwo in unserer Fahrt aufgehalten werden
 sollten. Denn das Heer wird zahlreich, und nicht jede Stadt im Stande sein,
 es aufzunehmen. Auch im Uebrigen müssen wir so viel möglich Alles selbst
 herbeischaffen und uns nicht auf Andere verlassen, vor allen Dingen aber
 möglichst viel Geld von hier mitnehmen. Denn glaubt nur, daß die Summen, welche
 bei den Egestanern für uns bereit liegen sollen, wohl meist nur aus dem Papier
 in Bereitschaft tsehen."

„Denn selbst wenn wir von hier mit einer Macht ausziehen, die jenen nicht nur
 gewachsen ist — ausgenommen ihrer Macht an Schwerbewaffneten (worauf wir
 überhaupt verzichten müssen) — son­ 
 
 
 
 
 dern sie in allen andern Stücken auch noch überbietet, so werden wir kaum
 so im Stande sein, jene zu unterwerfen und zugleich unsere hiesige Macht zu
 erhalten. Ihr müßt euch vorstellen, als ob ihr hinginget, um einen ganz neuen
 Staat mitten unter Fremden und Feinden zu gründen; und wer das thun will, der
 soll bedenken, daß er gleich am ersten Tage bei der Landung? festen Fuß fassen
 oder gewärtig sein muß, Alles gegen sich zu haben, wenn dieß mißlingt. Das 
 Alles fürchte ich, und ich weiß zwar, daß ihr manchen guten Beschluß fasset, wie
 es sich gehört, daß aber noch viel mehr auf das Glück ankommt, wozu menschliche
 Wesen schwer etwas thun können, und darum will ich bei diesem Seezug mich so
 wenig als möglich auf den Zufall verlassen und nur mit einer Macht in See gehen,
 die menschs licher Berechnung nach Sicherheit verbürgt. Ein solches Vorgehen,
 glaube ich, ist sowohl für den gesammten Staat als für uns, die wir den
 Feldzug mitmachen wollen, das sicherste und heilsamste. Ist aber Einer anderer
 Meinung, dem trete ich meine Feldherrnstelle ab."

Nikias seinerseits sagte dieß Alles in der Absicht, die Athener entweder durch
 den großen Umfang der Kriegserfordernisse abzuschrecken, oder um aus diese Weise
 wenigstens mit größtmöglicher Sicherheit den Seezug antreten zu können, wenn er
 schon dazu genöthigt würde. Jenen aber war durch die Mannhaftigkeit der 
 Kriegsrüstungen keineswegs die Lust benommen worden, sondern sie wurden jetzt
 erst noch viel eifriger, so daß Nikias also gerade das Gegentheil erreicht
 hatte. Seine Aufforderung wurde gut geheißen, und erst damit schien die Sache
 vollends die rechte Sicherheit gewonnen zu haben. Und Alle in gleicher Weise
 ergriff die Begierde, mit auszuziehen. Die Aelteren hofften das Land zu
 unterwerfen, gegen welches sie zögen, oder doch bei so gewaltiger Kriegsmacht
 einer Niederlage nicht ausgesetzt zu sein; die jüngeres Alters sehnten 
 sich, entlegene Gegenden zu sehen und kennen zu lernen, und waren voll guter
 Hoffnung, wohlbehalten zu bleiben; der große Söldnerhaufe aber dachte sowohl für
 den Augenblick Geld zu gewinnen, als auch die Herrschaft Athens so zu erweitern,
 daß sie den immerwährenden Kriegssold zu erwarten hätten. Wenn nun Manchem auch
 das Alles nicht gefiel, so mußte er doch bei der allzugroßen
 Leidenschaftlichkeit 
 der Mehrzahl fürchten,, durch eine gegentheilige Abstimmung als 
 schlechtgesinnter Bürger zu ershceinen, und schwieg deßhalb.

Zuletzt trat Einer der Bürger auf, und sich an den Nikias wendend verlangte er
 von demselben, er solle ohne Zaudern und Bedenklichkeit hier vor Allen rund
 heraussagen, welche Kriegsmacht die Athener für ihn bewilligen sollten. Dieser
 antwortete, wiewohl halb unwillig, er würde sich darüber mit seinen 
 Mitfeldherrn in Muße berathen, so viel er aber schon für den Augenblick sehe, 
 dürfe man mit nicht weniger als hundert Kriegsschiffen in See gehen, dazu sei
 die Zahl der Athenischen Schiffe zum Uebersühren der Schwerbewaffneten zu
 bestimmen, und von den Bundesgenossen müsse man noch andere dazu kommen lassen.
 Die Zahl aller Schwabewaffneten aus den Athenern und den Bundesgenossen dürfe
 nicht weniger sein als fünftausend, wo möglich aber noch größer, und im 
 Verhältniß dazu müsse die übrige Kriegsmacht an einheimischen und Kretensischen
 Bogenschützen, sowie an Schleuderern, und was sonst noch von Nutzen erscheine,
 zur Mitfahrt ausgerüstet werden.

Als die Athener dieß gehört, beschlossen sie allsogleich, die Feldherrn sollten
 in Betreff der Heereszahl unumschränkte Vollmacht haben und überhaupt freie
 Verfügung in Allem, was den Seezug angehe, so wie sie dem Voitheil der Athener
 damit am besten zu dienen dächten. Und nun begannen die Rüstungen, und man
 schickte zu den Bundesgenossen und verfaßte auch die Dienstrollen für die 
 Einheimischen. Bereits hatte sich der Staat von den Folgen der Pest und des
 langwierigen Krieges erholt, sowohl an Menge der nachgewahcsenen jungen
 Mannschaft, als auch an Geldmitteln ^), die wegen des Waffenstillstandes
 gesammelt worden waren, so daß man um so leichter sich alles Nöthige verschaffen
 konnte. — Die Athener also waren in diesen Rüstungen begriffen.

Da geschah es, daß in Einer Nacht an den meisten Hermesbildern, die nach
 Landessitte in der Stadt Athen als viereckige Fignren aus Stein in großer Zahl
 sowohl an den Thoren der Privathäuser, als auch bei den Tempeln ausgestellt
 waren, die Gesichter 
 
 
 
 verstümmelt wurden. Die Thäter kannte Niemand, es wurde ihnen aber von
 Staatswegen unter Aussetzung großer Preise^) nachgeforscht, und man beschloß dazu
 noch, wenn Jemand sonst einen verübten Religionsfrevel wisse, der könne ihn ohne
 Furcht für seine Person anzeigen, sei er nun Bürger, oder Fremder, oder Sklave.
 Die Sache wurde für um so wichtiger gehalten, als darin ein Vorzeichen für
 den Seezug 49) zu liegen schien, und man in ihr zugleich das Werk einer
 Verschwörung sehen wollte, die auf Umwälzung der Ver- ' fassung und Umsturz der
 Volksregierung gerichtet sei.

Durch einige Beisassen und Sklaven wurde nun zur Anzeige gebracht, zwar nicht in
 Betreff der Hermen, aber doch anderer Götterbilder, daß einige derselben bereits
 früher von jungen Leuten aus Muthwillen und in der Trunkenheit verstümmelt worden
 seien, und zugleich, daß in gewissen Häusern die Mysterien 2°) durch freche
 
 
 
 
 Nachahmungen verhöhnt wurden. Beider Verbrechen beschuldigten 
 sie auch den Alkibiades Das ergriffen nun dessen Feinde mit beiden Händen,
 da er der Bevormundung des Volks durch sie selbst im Wege stand. Sie glaubten
 nämlich, wenn sie ihn ausgetrieben hätten, die Ersten im Staat zu sein, und
 vergrößerten drum die Sache und machten ein großes Geschrei, als ob die
 Verhöhnung der My sterien und die Verstümmelung der Hermen auf den Sturz der
 Volksregierung hinziele, und daß keines dieser Verbrechen ohne seine 
 Mitwirkung begangen worden sei, wobei sie als Beweis anführten, daß er auch
 sonst in seiner Lebensweise Mißachtung der Gesetze und der bürgerlichen
 Gleichheit zeige.

Alkibiades nun wußte sich für den Augenblick gegen diese Beschuldigungen zu
 vertheidigen und erklärte sich bereit, der gerichtlichen Untersuchung, ob er
 etwas dergleichen wirklich begangen habe, sich vor der Abfahrt zu stellen — denn
 die Rüstungen waren bereits vollendet — und würde er schuldig befunden, so wolle
 er seine Strafe leiden, wenn er aber freigesprochen werde, seine Feldherrnstelle
 weiter führen. Er beschwor auch die Athener, in seiner Abwesenheit den 
 Verläumdungen seiner Person keinen Glauben zu schenken, sondern ihn lieber
 gleich hinzurichten, wenn er ein Unrecht begangen habe, und daß es ihrerseits
 klüger gethan sei, vorher die gerichtliche Entscheidung eintreten zu lassen, als
 ihn mit einer derartigen Anklage belastet zu einem so wichtigen Unternehmen
 ausziehen zu lassen. Seine Feinde aber befürchteten, er möchte das Heer auf
 seiner Seite haben, wenn der Prozeß jetzt schon Platz greife, und auch das Volk
 möchte sich nachgiebig erweisen, indem es ihm deßhalb zu Willen sei, weil 
 die Argiver und ein Theil der Mantineer sich um seinetwillen dem Seezug
 angeschlossen hatten, und so hintertrieben sie es für jetzt und schoben es auf
 weiter hinaus, indem sie Andere als Redner anstifteten, welche sagten, er solle
 jetzt nur in See gehen und der Unternehmung -keinen Aufenthalt bereiten; nach
 seiner Rückkehr solle innerhalb der Frist einer bestimmten Anzahl Tage seine
 Sache vor Gericht abgemacht werden. Sie wollten aber nur zuvor noch größere
 Beschuldigungen gegen ihn anbringen, welche sie in seiner Abwesenheit leichter
 auszubringen hofften, und ihn dann zurückholen lassen und vor Gericht 
 stellen. Demnach wurde beschlossen, Alkibiades solle absegeln.

Danach — es war schon Mitte Sommers —
 erfolgte die Abfahrt nach Sieilien. Der Mehrzahl der Bundesgenossen war 
 angesagt worden, daß sie mit den Getreideschiffen und den leichten Fahrzeugen
 und was sie sonst an Kriegsrüstung zum Zuge stellten, sich vorher bei Kerkyra zu
 sammeln hätten, da von dort aus Alle vereinigt über den jonischen Meerbusen nach
 dem Japygifchen Vorgebirge hinsegeln wollten. Die Athener selbst und die von den
 Bundesgenossen in der Stadt anwesend waren, zogen am angesagten Tage mit der
 Morgenröthe zum PiräeuS hinab und bestiegen die Schiffe, um unter Segel zu
 gehen. Mit ihnen zog so zu sagen das-gesammte Volk hinab, was von Bürgern und
 Fremden in der Stadt war, indem die Einheimischen, ein Jeder den Seinigen, das
 Geleit gaben, die Einen ihren Freunden, die Andern ihren Verwandten oder Söhnen.
 Und sie begleiteten sie, getheilt zwischen Hoffnung und bangen Klagen, — 
 Hoffnung, jenes Land zu erobern, Bangigkeit, ob sie die Ihrigen jemals wieder
 sehen würden, wenn sie bedachten, wie weit von der Heimath weg sie über das Meer
 gehen sollten.

In diesem Augenblicke, wo sie im Angesicht der nahen Gefahr von einander
 Abschied nehmen sollten, leuchtete ihnen die Größe des Wagnisses mehr ein, als
 damals, als sieden Zug beschlossen. Gleichwohl aber faßten sie wieder Muth beim
 Anblick der Macht, die sich vor ihnen entfaltete, wenn sie die Fülle Alles
 Einzelnen betrachteten. Die Fremden aber und der andere Hause waren gekommen,
 um das, was so großartig und kaum glaublich erschienen war, mit eigenen
 Augen verwirklicht zu sehen. 
 Denn zum ersten Male bis auf diese Zeit ging aus einer einzigen Stadt und von
 Einer hellenischen Macht eine so kostspielige und prachtvoll ausgerüstete
 Unternehmung aus. Zwar war an Zahl der Schiffe und der Schwerbewaffneten auch
 diejenige nicht geringer, welche unter PerikleS gegen EpidauroS und danach unter
 Hagnon gegen Potidäa ging 2'); denn damals waren viertausend 
 Schwerbewaffnete von den Athenern und dreihundert Reiter und hundert 
 Dreiruderer, und von den LeSbiern und Ehiern fünfzig Fahrzeuge und dazu noch
 viele andere Bundesgenossen mitgezogen; aber sie waren 
 
 nur zu einem Unternehmen von kurzer Dauer und auch sonst nur mit 
 schwacher Rüstung ausgefahren. Dieser Zug aber war auf längere Dauer
 berechnet und in beiderlei Hinsicht, mit Schiffen nämlich und Landtruppen
 zugleich ausgerüstet, damit man sich nöthigen Falls der Einen wie der Andern
 bedienen könne, und die Flotte war mit großem Geldaufwand von Seiten der
 Schiffsherrn und des Staates hergestellt worden. Aus dem Staatssäckel nämlich
 erhielt Jeder von der Bemannung eine Drachme des TageS und der Staat hatte
 die leeren Schiffe^) gestellt, sechzig Schnellsegler und vierzig Lastschiffe für
 die Schwerbewaffneten^), und dazu die besten Ruderer; die Schisssherrn aber gaben
 der Mannschaft aus der obersten Ruderbank und den übrigen Ruderern zu der
 Staatslöhnung noch eine Zulage aus Eigenem und brachten auch sonst kostbare 
 Schiffsbildei und andere Ausstattungsstücke an, und jeder Einzelne machte die
 allergrößten Anstrengungen, damit sein Schiff sich durch Schönheit und
 Schnelligkeit am meisten auszeichne. Bei derAushebung des 
 
 
 
 
 
 
 
 LandheereS aber war man auf das Gewissenhafteste zu Werk gegangen 68), und
 in Bezug auf Waffen und Bekleidung des Körpers wetteiferte man unter sich mit der
 größten Anstrengung. Dazu kam noch unter den Einzelnen der Wettstreit in
 Ausführung der Dinge, über die ein Jeder gesetzt war, und gegenüber den andern
 Hellenen schien das Ganze mehr eine Schaustellung des Reichthums und der 
 Macht, als eine Kriegsrüstung gegen Feinde. Denn hätte Einer den öffentlichen
 Staatsaufwand und die besonderen Ausgaben der Mitschiffenden berechnet, wie viel
 nämlich der Staat bereits aufgewendet hatte und was er jetzt den Feldherren
 mitgab, und was jeder Einzelne für seine Person und jeder Schiffsherr für sein
 Schiff bereits ausgegeben hatte und noch auszugeben gewillt war, ganz
 abgesehen von dem, was natürlicher Weise außer dem öffentlichen Solde Jeder 
 
 
 an Reisegeld für einen so langdauernden Feldzug, oder was einzelne 
 Soldaten und Kaufleute zum Umsatz mitnahmen, so würde man finden, daß
 zusammen gar viele Talente aus der Stadt gewandert sind 29). Und dieser
 Kriegszug wurde nicht weniger berühmt durch die staunenswerthe Kühnheit des
 Wagnisses und durch Glanz und Pracht deS Schauspiels, als durch Ueberlegenheit
 an Truppenzahl über die, gegen welche er gerichtet war, und dadurch, daß nie ein
 Seezug auf so große Weite von der Heimat weg unternommen worden war, und
 nie mit so großer Hoffnung auf bevorstehende Vergrößerung der vorhandenen
 Macht.

Als nun die Schiffe bemannt waren und Alles an Bord gebracht, was man mitnehmen
 wollte, so wurde mit der Trompete das Zeichen zur Stille gegeben, und nicht aus
 jedem Schiffe einzeln, sondern Alle zugleich verrichteten dann die herkömmlichen
 Gebete vor der Abfahrt, wozu ein Herold die Worte vorsprach, indem man 
 zugleich längs der ganzen Heeresaufstellung den Wein in den Krügen mischte und
 Offiziere und Soldaten aus goldenen und silbernen Bechern spendeten. Das übrige
 Volk betete vom Land aus mit, sowohl die Bürger, als wer sonst anwesend und
 freundlich gesinnt war. Dann stimmten sie den Kriegsgesang an, und nachdem das
 Spendopser vollendet war, fuhren sie ab, Anfangs in langem Zuge segelnd 
 und bis Aegina hin in Schnelligkeit wetteifernd. — Diese also beeilten sich nach
 Kerkyra zu gelangen, wo auch die übrige Macht der Bundesgenossen sich
 sammelte. 
 Nach Syrakus aber kam Botschaft von vielen Seiten, daß die Flotte heransegele,
 aber lange wurde sie nicht geglaubt, sondern sogar in einer abgehaltenen
 Volksversammlung hörte man noch beiderlei Redner, sowohl solche, welche an den
 HeereSzug der Athener glaubten, als 
 
 
 auch solche, die das Gegentheil behaupteten. Auch Hermokrates, des Hennon
 Sohn, trat auf wie Einer, der die Wahrheit gewiß weiß. und redete, um sie
 anzuspornen, also: s

„Zwar werde ich bei euch, ebenso wie auch Andere, vielleicht keinen Glauben
 finden, wenn ich behaupte, daß in der That eine Flotte gegen uns ausgefahren
 ist, und ich weiß auch, daß die, welche unglaublich Scheinendes sagen oder
 melden, nicht nur keine Ueberzeugung erwecken, sondern sogar für Thoren gehalten
 werden. Aber wenn die Stadt in Gefahr ist, werde ich nicht aus Scheu vor 
 einem solchen Vorwurf schweigen, weil ich die Wahrheit weiß und deßhalb
 überzeugt bin, euch Zuverlässigeres sagen zu können, als ein Anderer. Was euch
 so wunderbar scheint, ist wahr: die Athener ziehen mit großer Land- und Seemacht
 gegen euch heran, indem sie ihre Bundesgenossenschaft mit den Egestanern und die
 Wiederherstellung von Leontini zum Vorwand nehmen, in der That aber aus 
 Begierde nach dem Besitze Siciliens, und vorzüglich nach dem eurer Stadt, im
 Glauben, leicht alles Andere erobern zu können, wenn sie die erst haben. Da sie
 nun bald hier sein werden, so seht zu, auf welche Weise ihr mit den vorhandenen
 Mitteln euch am besten ihrer erwehren könnt, damit ihr nicht wegen Verachtung
 der Gefahr ungerüstet überrascht werdet und in eurer Ungläubigkeit Alles 
 vernachlässigt. Wer aber jetzt glaubt, der darf darum wegen ihrer Kühnheit und
 Macht nicht Muth und Besinnung verlieren, denn sie werden nicht im Stande sein,
 uns mehr Schaden zu thun, als wir im Stande find, ihnen zuzufügen. Auch ist es
 sogar nicht ohne Nutzen für unS, daß sie mit so großer Macht heranziehen,
 vielmehr bringt uns dieß den übrigen Sikelioten gegenüber Vortheil, denn um so
 eher werden diese aus gleicher Furcht uns im Kampfe beistehen. Und wenn wir
 sie entweder überwältigen, oder doch wenigstens unverrichteter Dinge 
 heimschicken — denn ich fürchte durchaus nicht, daß sie ihre Absichten erreichen
 werden — so wird uns der Rubm der herrlichsten That zu Theil werden, und daß dem
 so sein wird, dessen bin ich meinestheilS voller Hoffnung. Denn nur wenige von
 so großen Feldzügen auf weite Entfernung vom eigenen Lande weg sind gelungen,
 weder von Seiten der Hellenen, noch auch der Barbaren. Denn sie kommen ja 
 auch nicht in größerer Zahl als die Einwohner dieser Stadt und ihre 
 Gränznachbarn — denn die Alle werden aus Furcht zu uns stehen — 
 und wenn sie aus Mangel an Lebensmitteln im fremden Lande em Unheil
 trifft, so werden sie gleichwohl uns, den Angegriffenen, einen ruhmvollen Namen
 zurücklassen, wenn sie auch an ihrem Unglück zum größten Theil selber Schuld
 sind. Grade so find ja auch eben diese Athener, damals als die Medifche Macht
 wider alle Berechnung so vielfaches Unheil traf, an Ruhm-gewahcsen, weil es eben
 hieß, daß der Zug gegen Athen gerichtet war, und ich habe gute Hoffnung, daß
 uns jetzt das Gleiche zu Theil werde."

„So laßt uns also Muth fassen und sowohl hier am Platz das Nöthige
 vorbereiten,.als auch zu den Sikulern schicken, um uns der Einen noch .mehr zu
 versichern und mit den Andern Freundschaft und Bundesgenossenschast zu schließen
 versuchen. Und in das übrige Sieilien wollen wir Gesandte schicken, um Alle zu
 belehren, daß die Gefahr gemeinsam ist, und nach Italien, um entweder ihre 
 Bundesgenossenschast zu gewinnen, oder doch zu bewirken, daß sie die Athener 
 nicht aufnehmen. Es scheint mir auch vortheilhaft zu sein, wenn wir nach
 Karthago schicken; denn die Sache kommt ihnen dort nicht unerwartet, sondern sie
 sind ununterbrochen in Angst, die Athener möchten einmal gegen ihre eigene Stadt
 heranziehen, und sie müssen leicht die Ueberzeugung gewinnen, daß wenn sie unser
 Schicksal übersehen, auch sie selbst wohl in Gefahr wären. Es ist also zu
 glauben, daß sie uns entweder heimlich oder offen oder auf irgend eine Weise
 zu unterstützen geneigt sind. Und die Macht dazu haben sie jetzt von Allen
 am meisten, wenn sie nur wollten; denn Gold und Silber, woraus, wie alles
 Andere, so auch der Krieg Nahrung und Gedeihen zieht, besitzen sie in der
 größten Menge. Aber auch nach Lakedämon und Korinth wollen wir Gesandte schicken
 und sie bitten, in aller Eile uns hieher zu Hülse zu kommen und dort im Lande
 den Krieg noch kräftiger zu führen." 
 „Was ich aber für das Allervortheilhafteste und Angenehmste halte, woraus ihr
 jedoch, weil ihr an beständige Ruhe gewöhnt seid, gleichwohl nicht sehr eifrig
 eingehen werdet, soll trotzdem gesagt werden. Denn wenn wir sieilische Griechen
 insgesammt, oder wenn schon das nicht, doch die Mehrzahl derselben im Anschlüsse
 an uns, mit allen vorhandenen Schiffen und Lebensmitteln auf zwei Monate 
 
 ausliefen und den Athenern nach Tarent und dem
 Japygischen Vorgebirge entgegen segelten und ihnen so zeigten, daß sie zuerst um
 die Uebersahrt über den Ionischen Busen zu kämpfen haben, bevor es zum
 Kampf um Sieilien kommt, so würden wir sie wohl am meisten in Schrecken setzen,
 denn so würden wir es ihnen einleuchtend machen, daß wir in einem befreundeten
 Gebiete — Tarent nimmt uns ja auf — als Wächter unserer Heimat einen Anker - und
 Waffenplatz finden, während sie selbst mit ihrer ganzen Schiffsmenge über ein
 weitgedehntes Meer fahren müssen, so daß eS ihnen schwer ist, bei der
 Länge der Fahrt in Ordnung zu bleiben, während das langsame und allmälige
 Anfahren ihrer Schiffe uns den Angriff sehr leicht macht. Wenn sie aber den
 schnellsegelnden Theil ihrer Flotte mehr zusammenhalten und nach Erleichterung
 der Schiffe uns angreifen sollten und sich dabei der Ruder bedienten, so könnten
 wir über sie herfallen, nachdem sie sich abgemüdet hätten; und sollten wir das
 nicht für gut finden, so können wir uns auch nach Tarent zurückziehen. Sie
 aber würden in diesem Fall, da sie nur mit wenig Lebensmitteln versehen, wie zur
 Seeschlacht übergefahren wären, in den verlassenen Gegenden Mangel leiden und,
 wenigste daselbst blieben, ^von unsern Schiffen^ eingeschlossen werden; oder
 wenn sie es versuchen sollten, längs der Küste hin weiter zu fahren, so müssen
 sie wohl ihre übrige Belastung zurücklassen und den Muth verlieren, da sie
 hinsichtlich der Städte nicht sicher wären, ob sie von denselben ausgenommen
 würden. Durch diesen Plan, glaube ich, würden sie sich zurückhalten lassen und
 wohl nicht einmal von Kerkyra absegeln, sondern sich lang hin und her berathen
 und Kundschafter ausschicken, um unsere Zahl und Standort zu erfahren, und so
 über die gute Jahreszeit hinaus bis zum Winter aufgehalten werden; oder sie
 werden aus Bestürzung über die unerwartete Hemmung die Fahrt ganz
 aufgeben, zumal auch der erfahrenste ihrer Feldherren, wie ich höre, nur ungern
 die Anführung übernommen hat und den Vorwand sehr gern ergreifen würde, wenn
 unserseits sich eine ansehnliche Macht zeigte. Auch weiß ich gewiß, daß die Zahl
 unserer Schiffe ihnen vergrößert berichtet wurde; die Meinungen der Menschen
 aber richten sich nach dem, was sie hören, und diejenigen werden immer 
 mehr gefürchtet, welche den Angreifenden zuvorkommen, oder ihnen 
 doch wenigstens schon vorher zeigen, daß sie sich zuwehren entschlossen
 
 sind, denn so erkennen jene doch, daß die Gefahr gleich getheilt ist. > 
 „Und das würde jetzt auch bei den Athenern der Fall sein. Denn sie ziehen so
 gegen uns daher, als ob wir uns gar nicht wehren wollten; und diese
 Geringschätzung haben wir von ihnen verdient, weil wir den Lakedämoniern nicht
 geholfen haben, ihre Macht zu stürzen. Wenn sie nun aber sähen, daß wir ganz
 wider ihr Erwarten uns kühn und wagend zeigen, so würden sie durch diese
 Ueberraschung in größere Bestürzung gerathen, als wie unsere wirkliche Macht sie
 verdiente. Folgt mir also und wagt vor Allem dieses! Wenn aber das nicht,
 so trefft so rasch als möglich alle sonstigen Vorkehrungen zum Krieg, und es
 glaube Jeder, daß die Verachtung gegen den Angreisenden sich in der
 Herzhaftigkeit der Vertheidigung zeigt; und in der Ueberzeugung, daß behutsame
 Gegenrüstung uns die meiste Sicherheit verbürgt, müssen wir es für das
 Nützlichste halten, sofort zu handeln, wie es bei drohender Gefahr geboten ist.
 Denn die Athener kommen wirklich, und ich weiß gewiß, daß sie schon auf der
 Fahrt begriffen sind, ja sie sind fast schon so gut wie da."

So redete Hermokrates; das Äolk der Syrakusier aber gerieth unter sich in
 großen Streit, denn die Einen meinten, daß die Athener unmöglich kommen könnten,
 und was Hermokrates gesagt habe, sei nicht wahr; die Andern aber sagten: und
 wenn sie wirklich kämen, was sie ihnen denn anthun könnten, ohne selber noch
 Größeres dafür leiden zu müssen. Noch Andere hielten die ganze Sache nicht 
 für des Redens werth und zogen sie in's Lächerliche. Einige Wenige aber glaubten
 dem Hermokrates und waren besorgt wegen der Zukunft. Da trat aber Athenagoras
 auf, der bedeutendste Führer der Volkspartei, welcher unter den damaligen
 Verhältnissen bei den Meisten das größte Vertrauen genoß, und redete also:

„Wer nicht selber wünscht, daß die Athener auf solche Thorheit verfallen,
 hieher zu kommen, um sich uns in die Hände zu geben, der ist entweder feig, oder
 meint es nicht gut mit der Stadt. Ueber die Keckheit derjenigen aber, welche
 euch dergleichen ankündigen, um euch recht Angst zu machen, wundere ich mich
 keineswegs, wohl aber über ihre Dummheit, wofern sie nämlich glauben, nicht
 durch- schaut zu werden. Wer nämlich für seine Person etwas zu fürchten 
 
 hat, der will sogleich den ganzen Staat in Furcht und Verwirrung setzen,
 um unter der allgemeinen Furcht die seinige zu verstecken, und ein anderer Kern
 ist denn auch hinter diesen Botschaften nicht zu suchen: sie sind keineswegs von
 selbst entstanden, sondern von Leuten erdichtet, welche von jeher in unsere
 Angelegenheiten Verwirrung bringen wollen. Ihr aber, sofern ihr euch gut zu
 berathen denkt, werdet nicht nach dem Gerede dieser Männer auf die
 wahrscheinliche Wahrheit schließen wollen, sondern nach dem, was so tüchtige und
 vielerfahrene Menschen, wie es die Athener meiner Meinung nach sind, wohl
 thun würden. Denn es ist nicht wahrscheinlich, daß sie die Peloponnesier im
 Rücken lassen und, ohne noch den dortigen Krieg aus eine für sie sichere Weise
 beendigt zu haben, aus freiem Entschluß zu einem andern, nicht unbedeutenderen
 Krieg ausziehen sollten. Ich bin vielmehr im Gegentheil der Meinung, daß sie
 recht froh find, wenn wir, ein Bund von so vielen und großen Städten, nicht
 gegen sie ziehen."

„Und wenn sie dennoch, wie man behauptet, wirklich kämen, so ist meiner Meinung
 nach Sieilien besser im Stande, als der Peloponnes, sie mit den Waffen gänzlich
 zu besiegen, da es ja in allen Stücken mit besseren Mitteln dazu versehen ist;
 ja diese unsere eigene Stadt für sich allein halte ich für weit überlegen,
 selbst wenn die Heeresmacht, die gegen uns im Anzug sein soll, noch einmal so
 stark wäre, als man sie angibt. Denn so viel ich verstehe, werden sie
 weder selbst Pferde mitbringen, noch sich solche von hier verschaffen können,
 außer einige wenige von den Egestanern; und auch die Schwerbewaffneten, die auf
 Schiffen mitkommen, können den unsrigen an Zahl nicht gewachsen sein. Denn eS
 wäre schon ein großes Ding, mit den Schiffen allein ohne die schwere Mannschaft
 eine so weite Fahrt hieher zu unternehmen, da ja auch die sonstige Rüstung 
 nicht gering ist, die man gegen eine so große Stadt doch mitnehmen muß. Und
 davon bin ich so fest überzeugt, daß ich sogar glaube, die Athener würden selbst
 dann kaum völliger Vernichtung entgehen, wenn sie noch eine zweite, ebenso große
 Stadt wie Syrakus, besäßen und hier im Land ansässig, als unsere Nachbarn, aus
 nächster Nahe den Krieg gegen unS führten, geschweige denn jetzt, wo sie ganz
 Sicilien sich feindlich gegenüber haben, — denn es wird zusammenhat ten gegen sie — und von ihrem Schiffslager mit Zeltchen und nur 
 notydurftlgem Gerathe sich unserer Reiter wegen nicht einmal weit 
 entfernen könnten. Ja, ich glaube überhaupt nicht einmal, daß sie sich nur am
 Lande werden behaupten können..Für so überlegen halte ich unsere Macht."

„Aber ich weiß wohl, daß die Athener recht gut.selber einsehen, was ich da
 sage, und das Ihrige zu erhalten suchen werden, und diese Leute aus unserer
 Mitte erfinden da Dinge, die weder wirklich sind, noch auch sein können, und ich
 weiß, daß sie nicht heute zum ersten Mal, sondern von jeher, mit ähnlichen und
 noch gefährlicheren Lügen, ja auch mit Thaten, die große Menge unter euch in
 Verwirrung setzen wollen, um die Zügel der Herrschast über unsere Stadt
 selber zu ergreifen. Ich fürchte nur, daß es ihnen bei.so vielfachen Versuchen
 endlich auch einmal gelingen werde. Wir aber sind Feiglinge, wenn wir uns nicht
 sicher vor ihnen stellen, bevor wir^noch in's Unglück gerathen sind, und ihnen
 nicht sogleich zu Leibe gehen, wenn wir hinter ihre Schliche kommen. Denn das
 sind ja die Ursachen/ weßhalb unsere Stadt so selten zur Ruhe kommt und. so viel
 Aufruhr und Kampf durchzumachen hat, nicht gegen die Feinde, sondern mehr
 in sich selber, und selbst schon Tyrannis und ungerechte Gewaltherrschaft
 Weniger. Ich meines Theils, sofern ihr mir folgen wollt, werde schon dafür
 sorgen, daß in unseren Tagen Nichts dergleichen unversehens über euch komme,
 indem ich euch, die ihr das Volk seid, belehre, und jene, die dergleichen im
 Schilde führen, züchtige, nicht nur, wenn sie aus offener That ertappt werden,
 denn es. ist schwer, ihnen beizukommen, sondern auch für das, was sie gern 
 möchten, aber nicht können. Denn seinen Feinden gegenüber muß man sich nicht nur
 vor ihren Thaten, sondern auch vor ihren Plänen im Voraus schützen. Wer sich
 nicht zuerst schützt; heißt es, der muß zuerst leiden. Die aber nach
 Adelsherrschast trachten, denen werde ich ihre Pläne offen aufdecken und ein
 wachsames Auge auf sie haben, oder sie zum Besseren bekehren; denn so glaube ich
 sie am besten von Uebelthaten abzuhaltend Und in der That — denn oft habe 
 ich darüber meine Gedanken gehabt — was wollt ihr denn eigentlich, ihr jungen
 Leute (Adelige)? Etwa schon Aemter und Würden? Das ist ja vom Gesetz nicht
 erlaubt, und das Gesetz ist mehr deßhalb. 
 
 
 
 gegeben worden, weil es euch für unfähig dazu hält, als weites euch trotz
 wirklicher Befähigung zurücksetzen wollte. Und warum wollt ihr denn nicht
 dasselbe Recht für euch, wie für das Volk? Wo bliebe denn'die Gerechtigkeit,
 wenn Bürger desselben Staates nicht dieselben Rechte hätten?" nsz

'„Nun wird der Ein6 oder der Andere sagen, Volksherrschaft habe weder Verstand,
 noch gewähre sie Gleichheit, und die Reichen seien zum gut Regieren am
 geschicktesten. Ich aber sage'für's Erste, daß unter dem Volke Alle einbegriffen
 sind, der Adel aber nur einen Theil bildet,'^— dann,, daß zwar die Reichen die
 Finanzen am besten leiten können, zum Berathen jedoch die Verständigen die 
 Besten sind, und zum Entscheiden das ganze Volk; nachdem es diese angehört hat.
 Und so haben alle Klassen im Ganzen wie im Einzelnen bei einer Volksherrschaft
 gleiche Rechte. Eine Adelsherrschast aber läßt zwar der Masse ihren Antheil an
 den Gefahren-vom Nutzen aber zieht sie nicht nur den größeren Theil, sondern
 sie. steckt ihn: gleich ganz und gar ein. Und das ist es auch, wonach ihr
 Reichen und ihr jüngeren Leute strebt, doch in einer großen Stadt ist das 
 nicht durchzusetzen. Aber wenn ihr dümmsten aller Menschen auch jetzt noch nicht
 einseht, daß ihr Unheilvolles herbeizuführen strebt, so entbehrt ihr entweder
 unter allen Hellenen, von denen ich weiß, am meisten jeder Einsicht, oder ihr
 seid die größten Schurken, sosern ihr nämlich mit Wissen solches wagt." .. i i
 '

„So nehmt also entweder bessere Einsicht an, oder geht in euch und laßt ab von
 euren Plänen und sucht das. Gemeinwohl des Ganzen zu heben. Bedeutet, daß ihr
 Vornehmeren Ms diese Weise, nicht nur den gleichen, sondern doch den größeren
 Antheil haben werdet, daß ihr aber Gefahr lauft, Alles zu verlieren; wenn 
 ihr andere Absichten verfolgt. Laßt ab von solchen Meldungen, denn ihr habt
 Männer vor euch, die eure Pläne merken und.nicht in die Falle gehen. Denn diese
 Stadt, wenn die Athener auch kommen sollten, wird sich ihrer erwehren, wie es
 ihrer würdig ist, und wir. haben Feldherren, welche diese Dinge in's Auge fassen
 werden. Und wenn, wie ich gar. nicht zweifle, Nichts von Alle dem wahr ist, so
 wird sich die Stadt durch eure Meldungen, nicht so.in Schreck setzen 
 lassen, um euch zu Befehlshabern zu wählen, und sich das Joch der 
 Knechtschaft selbst auf den Nacken zu legen; sie wird vielmehr selbst
 
 für sich sorgen und wird über diese eure Lügenworte, die so viel wie 
 Thaten wiegen, zu Gericht sitzen. Sie wird sich nicht auf solche Gerüchte hin
 der Freiheit berauben lassen, deren sie genießt, sondern sie zu behaupten
 suchen, indem sie sich durch die That schützt und euch nicht nach Belieben
 gewähren läßt."

So redete Athenagoras. Dann aber trat einer der Feldherren auf, indem er für
 dießmal jedem Andern das Wort entzog 6"), und sprach in Betreff des Vorliegenden
 Folgendes: 
 „Es ist weder klug gethan, wenn die Einen gegen die Andern Verläumdungen
 vorbringen, noch auch wenn die Zuhörer denselben Glauben beimessen, vielmehr muß
 man auf die eingelaufenen Meldüngen hin darauf sehen, wie wir Alle, jeder
 Einzelne wie der ganze Staat, uns rüsten sollen, um die nahenden Angreifer
 rühmlich abzu? wehren. Und wenn es schließlich doch nicht dazu kommt, so ist es
 ja kein Schade für das Gemeinwesen, wenn wir uns mit Pferden und Waffen
 und was sonst im Kriege Zuversicht gibt, auf's Beste versehen, — die Sorge
 dafür, sowie die Musterung, werden wir (Feldherren) selbst übernehmen, sowie
 auch für die Gesandtschaften nach den vershciedenen Orten, sowohl des
 Kundschaftens wegen, als auch wenn sonst etwas ersprießlich scheint. Zum Theil
 haben wir dafür schon Vorsorge getroffen, und was wir erfahren, das werden wir
 vor euch bringen." 
 Nachdem der Feldherr dieß gesprochen hatte, wurde die Volksversammlung der
 Svrakufaner aufgelöst.

Die Athener aber und ihre Bundesgenossen waren bereits Alle bei Kerkyra
 vereinigt. Und zuerst nun veranstalteten die Feldherren eine Nachmusterung und
 Einteilung des Heeres, in welcher Ordnung nämlich dasselbe vor Anker gehen und
 lagern sollte!, Sie machten drei Theile und verloosten diese unter sich, damit
 sie — je ein Geschwader einem Feldherrn zugetheilt — nicht bei, vereinter 
 Fahrt wegen des Wassers und der Hafenplätze und der Lebensmittel bei den
 Landungen in Verlegenheit geriethen und auch sonst in besse­ 
 
 
 
 rer Ordnung und leichter zu dirigiren wären. Dann schickten sie drei
 Schiffe nach Italien und Sieilien voraus, die in Erfahrung bringen sollten,
 welche Städte sie aufnehmen würden. Denselben war angesagt, der Flotte wieder
 entgegen zu steuern, damit diese ihren Berichten gemäß die weitere Fahrt
 einrichten könne.

Danach gingen die Athener sofort von Kerkyra aus unter Segel und traten die
 Ueberfahrt nach Sieilien an, und zwar im Ganzen mit einhundert und
 vierunddreißig Dreirude'rern und zwei Rhodifchen Fahrzeugen zu fünfzig Rudern.
 Davon gehörten den Athenern hundert, von denen wieder sechzig Schnellsegler, die
 andern Soldatenschiffe waren; die übrige Schiffszahl vertheilte sich unter 
 die Chier und die andern Bundesgenossen. An Schwerbewaffneten führten sie im
 Ganzen mit fünftausend einhundert. Darunter waren von den Athenern eintausend
 fünfhundert aus der Dienstrolle und siebenhundert Schiffssoldaten aus der
 untersten Büraerklasse ^die übrigen, welche noch mitzogen, waren von den
 Bundesgenossen, und zwar zum Theil von den Unterthanen — 2150 —, die andern
 aber von den Argivern — fünfhundert — und von den Mantineern und
 Miethlingen — zweihundert und fünfzig. Die Zahl aller Bogenschützen war
 vierhundert und achtzig, darunter sechzig Kretenfer; dazu noch siebenhundert
 Rhodische Schleuderer und einhundert und zwanzig Verbannte aus Megara, die als
 Leichtbewaffnete dienten, und ein Pferdeschiff mit dreißig Reitern.

So zahlreich war die erste Heeresmacht, die zum Kriege überschiffte, und ihr
 folgten die Lastschiffe, welche die nöthigen Bedürfnisse mitführten, und zwar
 dreißig mit Getreide beladen und mit den. Bäckern und Steinmetzen und
 Zimmerleuten und den übrigen Handwerkern, die zum Bau der Schanzen von Nutzen
 sind; dazu kamen noch hundert Fahrzeuge, von Staatswegen zur Begleitung 
 der Lastschiffe gepreßt, und noch viele andere Fahrzeuge und Lastschiffe, die
 des Handels wegen dem Heereszug freiwillig folgten. Alle diese 
 
 Schiffe fuhren damals von Kerkyra aus über den Ionischen Meer- 
 busen. Die ganze Flotte hielt auf das Japygische Vorgebirg zu und dann auf
 Tarent, und wie grade die einzelnen Schiffe es bewerkstelligen konnten; und so
 fuhren sie an der Italischen Küste hin, in-« dem die dortigen Städte sie weder
 zum Markt, noch in ihre Mauern zuließen, wohl aber das Ankern und Wasserholen
 gestatteten,— Tarent und Lokri aber nicht einmal dieß —, bis sie nach Rhegion
 gelangten, an der Spitze von Italien. Hier vereinigten sich alle wieder,
 und da die Stadt sie nicht aufnahm, so schlugen sie außerhalb derselben ein
 Lager beim Heiligthum der Artemis, wo man ihnen auch einen Markt gewährte; die
 Schiffe zogen sie an's Land und ruhten aus. Mit den Rheginern knüpften sie
 Unterhandlungen an und ließen ihnen sagen, als Chalkidier sollten sie eigentlich
 den Chalkidischen Leontinern Hülfe leisten. Diese aber antworteten, sie 
 wollten es mit keinem von beiden Theilen halten, sondern was die übrigen
 Jtalioten gemeinsam beschließen würden, das wollten auch sie thun. Die Athener
 aber überlegten jetzt, wie sie sich in Bezug auf die Verhältnisse in Sieilien am
 besten benehmen würden, und warteten, bis die vorausgeschickten Schiffe von
 Egesta zurückkämen, denn sie wollten auch wissen, wie sie in Betreff der
 Geldsummen daran seien, von denen die Gesandten zu Athen geredet hatten.

Den Syrakusanern war unterdessen bereits von. vielen Seiten und auch durch ihre
 Kundschafter als unzweifelhaft gemeldet worden, daß die Schiffe in Rhegion
 seien, nnd demgemäß trafen sie denn mit allem Eifer ihre Vorkehrungen und
 zeigten sich nicht länger ungläubig. Zu den Sikulern schickten sie theils Späher
 zur Beobachtung, theils Gesandte, und in die Kastelle im Land legten sie 
 Besatzungen und in der Stadt veranstalteten sie eine Musterung der Waffen und
 Pferde, ob Alles in gehörigem Zustande sei, und auch sonst trafen sie ihre
 Anstalten, wie zu einem nahe bevorstehenden und fast schon vorhandenen
 Krieg.

Die vorausgeschickten Schiffe aber kamen von Egesta zu den Athenern bei Rhegion
 und meldeten, daß nur dreißig Talente wirklich vorhanden seien, alle anderen
 Summen, welche jene,versprochen hätten, aber nicht. Da befiel nun die Feldherrn
 sogleich Muthlofigkeit, weil ihnen gleich von vorn herein das Erste wider
 Erwarten 
 
 feindlich ausgefallen war, und auch die Rheginer, bei denen sie ihre 
 UeberredungSkunst zuerst versucht, und von denen, als Verwandten der Leontiner
 und auch ihrer selbst, und sonst immer freundlich gesinnt, es doch am ersten zu
 erwarten gewesen wäre, nicht mit ihnen ziehen wollten. Dem Nikias zwar kam die
 Nachricht von den Egestanern ganz erwartet, die beiden Andern aber waren vor den
 Kopf gestoßen. Die Egestaner nämlich hatten sich damals, als die ersten
 Gesandten der Athener zur Beaugenshceinigung des vorhandenen Geldes zu 
 ihnen gekommen waren, die folgende List ausgedacht. Sie führten jene in das
 Heiligthum der Aphrodite auf dem Eryx und zeigten ihnen die Weihgeschenke,
 Schalen und Weinkannen und Rauchfässer und sonstiges Geräthe in Menge, welches
 alles von Silber war und den Schein eines Reichthums gewährte, dem der wirkliche
 geringe Geldwerth keineswegs entsprach. Auch veranstalteten sie in den 
 Bürgerhäusern Gastereien für die Schiffsmannschaft und hatten zu denselben die
 goldenen und silbernen Trinkgeschirre aus ganz Egesta gesammelt und aus den
 benachbarten Phönikischen und Hellenischen Städten sich ausgebeten und stellten
 sie nun bei diesen Schmausereien zur Schau, als ob es ihr Privateigenthum sei.
 Und da. sich fast Alle immer nur derselben Geschirre bedienten und dieselben
 demnach überall in großer Zahl zum Vorschein kamen, so erregten >sie bei den
 Athenern von den Schiffen großes Staunen, und als sie dann nach Athen
 zurückkamen, erzählten sie überall, daß sie viele Schätze gesehen hätten. Sie
 waren also selbst getäuscht worden und hatten Andere getäuscht; als aber jetzt
 die Nachricht kam, daß zu Egesta kein Geld vorhanden sei, mußten sie von den
 Soldaten viele Vorwürfe anhören.

Die Feldherren aber beriethen sich, was nun zu thun sei, und Nikias war der
 Meinung, man solle mit der ganzen Macht gegen Selinus steuern, zu welchem Zwecke
 sie ja auch hauptsächlich ausgeschickt worden seien, und wenn die Egestaner für
 das ganze Heer die nöthigen Geldmittel leisteten, so könne man sich dann weiter
 berathen; wenn aber nicht, so solle man von ihnen verlangen, daß sie die
 Erhaltungskosten für die sechzig Schiffe, um welche sie ja auch gebeten hätten,
 tragen sollten. So könne man bleiben und die Selinuntier entweder durch Gewalt,
 oder vermöge eines Vertrags, zum 
 Frieden mit jenen bewegen, und danach bei den andern Städten vor- 
 überfahren,' um ihnen die Macht des Athenischen Staates und dessen l Eifer
 zur Unterstützung seiner Freunde und Bundesgenossen zu zeigen, und dann wieder
 nach Haufe fahren, falls sie nicht binnen Kurzem durch irgend ein unerwartetes
 Ereigniß in den Stand gesetzt-würden, für die Leontiüer etwas zu thun oder
 einige der andern Städte auf ihre Seite zu ziehen. Der Staat dürfe aber nicht
 seine Macht/aus's Spiel setzen und dabei auch noch aus cigeNem.Säckel
 zahlen.

Alkibiades aber erklärte: nachdem man mit so großer Macht ausgefahren fei,
 dürfe man nicht so schimpflich und ganz unverrickteter Dinge l zurückkehren; man
 solle vielmehr Herolde an sämmtliche Städte mit Ausnahme von Selinus und Syrakus
 schicken und auch versuchen, die Sikuler theils zum Abfall von den 
 Syrakusanern zu bewegen, theils auch zu Freunden zu gewinnen, damit man Getreide
 und Zuzug an Mannschaft erhalte; vor Allem aber müsse man die Messenier zum
 Beitritt bewegen, denn diese seien-san der Meerenge und am günstigsten
 Landungspunkt auf Sieilien gelegen und' würden für das Heer einen Hasen und den
 günstigsten Ausgangspunkt zu Unternehmungen bieten. Habe man auf diese Weise
 die'Städtö gewonnen, und wisse nun / wen man im Krieg auf seiner Seite
 habe, dann solle man sofort Syrakus und Selinus angreifen, wemi diese Stadt sich
 nicht mit den Egestanern gütlich vertrage, und jene ihnen die Neugründung von
 Leontini nicht gestatte. P

Lamachos aber sagte, man müsse gradezu.auf Syrakus lossegeln und so rasch
 als'möglich dicht bei der Stadt die Schlacht herbeiführen,-so lange sie dort
 ungerüstet und noch in der ersten Bestürzung seien, öenn im Anfang sei jedes
 Heer am sfurchtbarsten; lasse man aber die Zeit vorübergehen und zeige sich
 nicht allfogleich, so fasse der Feind wieder Muth und verachte Einen, wenn man
 dann hinterdrein sich zeige. - Wenn sie aber jetzt rasch'und unversehens 
 angriffen, so lange jene noch in furchtsamer Erwartung seien, so würden sie auf
 diese Weise gewiß jene besiegen und in jeder Beziehung in Schrecken setzen,
 sowohl durch den Anblick, — denn jetzt würden die Athener noch iN, der größten
 Zahl erscheinen — als auch durch die Erwartung dessen, was sie von einem solchen
 Heere zu befahren hätteii) vorzüglich l aber durH-die unmittelbare Gefahr der
 Schlacht. 
 
 Und gewiß würden auch auf dem, Lande noch Viele abgefangen werden, weil
 man an ihr Kommen nicht glaube, und.da diese Leute dann eben damit beschäftigt
 wären, ihre-Habe nach der Stadt zu schaffen, so werde das Heer keinen Mangel an
 Geld leiden, wenn es siegreich sich bei der Stadt festsetze. Aus diese Weise
 würden auch die übrigen Sikelioten abgehalten, mit jenen Bundesgenossenschaft zu
 schließen, und vielmehr zu ihnen übertreten und nicht erst lange zaudern und
 ausschauen, welcher Theil siegen werde. Und wenn sie sich (von Syrakus)
 zurückgezogen und ihre Schiffe an's Land gebracht hätten, so müßten sie Megara,
 einen verlassenen Ort, der weder zur.See, noch auf dem Landweg weit von Syrakus
 entfernt sei, zur Flottenstation machen.. ' . - s ^

Lamachos also hatte zwar diese Meinung ausgesprochen, stimmte aber dann doch
 dem Alkibiades bei; und dieser fuhr daraus mit seinem eigenen Schiffe nach
 Messana hinüber und knüpfte mit ihnen Unterhandlungen wegen der
 Bundesgenossenschaft an. Er konnte sie jedoch nicht überreden, sondern kehrte
 mit der Antwort nach Rhegion zurück, daß man sie in die Stadt nicht aufnehmen
 werde, ihnen aber einen Markt außerhalb derselben gewähren -wolle. Nun
 bemannten die Feldherren sofort sechzig Schiffe aus allen Flottenabtheilungen,
 nahmen Lebensmittel ein und fuhren gen Naxos, das übrige Heer unter Einem der
 Ihrigen zurücklassend. Da die Naxier sie in die Stadt aufgenommen hatten, so
 schifften sie weiter an der Küste hin nach Katana. Als aber die Katanäer sie
 nicht aufnahmen, — denn, es gab in ihrer Stadt Männer, welche für die 
 Syrakusaner, gesinnt waren, — so steuerten sie weiter gegen den Fluß Terias zu,
 und nachdem sie daselbst eine Nacht zugebracht, segelten sie am folgenden Tage
 weiter gegen Syrakus, mit allen übrigen Schiffen in Einer Linie hinter einander;
 nur zehn Schiffe schickten sie voraus, welche in den großen Hasen einlaufen und
 sich überzeugen sollten, ob daselbst bereits eine Flotte auf dem Wasser sei. Es
 war ihnen auch befohlen, näher gegen die Stadt zu segeln-und durch einen
 Herold von Bord herab ausrufen zu lassen, sie seien Athener und gekommen, um die
 Leontiner in ihre Stadt zurückzuführen, gemäß ihrer Bundesgenossenschaft und
 Verwandtschaft, und wer von den Leontinern in Syrakus sei, der könne ohne Furcht
 zu den Athenern, 
 als zu Freunden und Beschützern, übergehen. Nachdem der Herold 
 dieß ausgerufen und sie die Stadt und die Häfen und das Land ringsum, wo
 sie zum Angriff festen Fuß fassen könnten, in Augen- schein genommen hatten,
 fuhren sie wieder nach Katana zurück.

Als nun in dieser Stadt eine Volksversammlung gehalten wurde, erklärten die
 Katanäer, sie würden zwar das Heer nicht aufnehmen, luden aber die Feldherren
 ein, in ihre Stadt zu kommen, wenn sie ihnen etwas zu sagen hätten. Während nun
 Alkibiades eine Rede hielt und die Bürger der Stadt der Volksversammlung 
 ihre Aufmerksamkeit zuwandten, erbrachen die Soldaten unbemerkt ein schlecht
 eingesetztes kleines Thor in der Mauer, drangen in die Stadt ein und erfüllten
 den Markt. Da überkam diejenigen unter den Katanäern,- welche eS mit
 den.,Syrakusanern hielten, als sie das Heer in der Stadt sahen, sogleich große
 Furcht und sie schlichen sich weg, ihrer nicht viel an der Zahl, die Andern aber
 beschlossen Bundesgenosjenschaft mit den Athenern-und hießen sie das übrige Heer
 aus Rhegion herüberbringen; und die Andern fuhren dann nach Rhegion
 zurück, gingen jetzt mit ihrer Gesammtmacht unter Segel nach Katana, und nachdem
 sie hier angekommen, richteten sie.eln Lager ein...

Nun kam auch von Kamarina Meldung, wenn sie kommen wollten,, würden sie zu
 ihnen übergehen, und daß die Syrakusaner eine Flotte bemannen. Da segelten sie
 mit der ganzen Macht an der Küste hin gegen Syrakus, als sie aber daselbst keine
 Schiffe bemannt fanden, steuerten sie weiter gegen Kamarina, legten am Gestade
 an und schickten den Herold zu ihnen. Die Kamarinäer aber nahmen sie nicht
 auf, sondern sagten, der geschlossene Vertrag laute nur, daß sie die Athener
 aufnehmen wollten, wenn sie mit Einem Schiffe erschienen, außer wenn sie selbst
 deren mehrere herbeiriefen. Die Athener fuhren demnach unverrichteter Sache
 wieder zurück, landeten auf dem Gebiet von Syrakus und plünderten. Als aber
 Syrakusische Reiter erschienen und einige der zerstreuten Leichtbewaffneten
 zusammenbieben, fuhren sie wieder nach Katana zurück.

Hier trafen sie das Schiff „Salaminia" IV, welches des 
 
 
 Alkibades wegen von Athen gekommen war, um ihn aufzufordern, zu seiner
 Vertheidigung'gegen die Staatsanklage zurückzukehren, und mit ihm einige andere
 Soldaten ans seiner- Umgebung/ gegen die wegen Verhöhnung der Mysterien', zum
 Theil auch wegen der Hermen' Anzeigen eingelaufen waren. Die Athener nämlich
 hatten nach Abgang der Flotte nichts destoweniger eine Untersuchung wegen^ der
 Mysterien und der Frevler an den Hermesbildern-angestellt,- und ohne die
 gemachten Anzeigen näher zu prüfen, gingen'sie in ihrem Argwohn ganz darauf ein
 und ergriffen und fesselten, auf das Wort schlechter Menschen hin, ganz
 untadelige Bürger. Sie hielten es für nützlicher, die Sache genau zu untersuchen
 und die Wahrheit herauszufinden, als wegen der Schlechtigkeit des Angebers-einen
 Angeschuldigten, auch wenn er ein braver Mann zu sein schien, ohne 
 Untersuchung durchkommen zu lassen. Denn das Volk wußte vom Hörensagen, wie
 drückend zuletzt die Zwingherrschaft des PeifistratoS und feiner Söhne geworden,
 und daß dieselbe auch keineswegs von ihnen selbst und-dem Harmodios, sondern von
 den Lakedämoniern gestürzt worden sei, und deßhalb war es beständig in Furcht
 und nahm Alles argwöhnisch aus/ ' - s '''

Das Wagestück des Aristogeiton und Harmodios war nämlich nur wegen einer
 zufälligen Liebesgeschichte unternommen worden, welche ich des Breiteren
 erzählen will, um zu zeigen, daß weder die Andern, noch auch die Athener selbst
 in Betreff ihrer Tyrannen und des damals Geschehenen die Wahrheit erzählen. Als
 nämlich PeifistratoS hochbejahrt als Zwingherr gestorben war, erhielt 
 nicht Hipparchos, wie die'Meisten'glauben, sondern'Hippias/weil et der Aeltere
 war, die Herrschaft. Nun'war damals Harmodios durch Blüthe der Jugendschönheit
 ausgezeihcnet/und Aristogeiton, ein Stadtbürger aus dem Mittelstand, war der
 bevorzugte Liebhaber. Harmodios wurde aber auch von Hipparchos, dem Sohn des
 Peisistratos, angegangen, ließ sich aber nicht bereden, sondern klagte es 
 dem Aristogeiton. Dieser nun, nach Art der Liebenden, wurde 'von heftigem
 Schmerz ergriffen, und da er bei der Macht des Hipparchos fürchtete, daß dieser
 den Jüngling mit Gewalt zwingen werde, ihm zu Willen zu sein, so richtete er —
 so weit dieß nach seinem Stande möglich war — allsogleich sein Dichten und
 Trachten auf den Sturz 
 der Zwingherrschaft. Indessen versuchte HipparchoS den Harmodios 
 neuerdings, richtete aber nicht mehr aus, als vorher, und er wollte nun
 zwar nicht mit Gewalt gegen ihn verfahren, dachte aber darauf, ihm' bei irgend
 einer nicht auffälligen Gelegenheit, als ob es eben nicht deßhalb wäre, einen
 Schimpf anzuthun, wie er denn auch sonst in der Regierung nicht gehässig gegen
 die große Masse verfuhr, sondern sich in derselben vorwurfsfrei zu benehmen
 wußte. Und überhaupt hat diese Familie in ihrer Zwingherrschast gerecht und
 einsichtsvoll gewaltet und von den Athenern nur den zwanzigsten Theil des 
 Erträgnisses erhoben, wofür sie auf eine sie ehrende Weise die Stadt 
 verschönerten, die Kriege durchführten und die Tempelopfer verrichteten.' Im
 Uebrigen regierte sich die Stadt selber nach ihren alten Gesetzen, abgesehen
 davon, daß jene immer dafür sorgten, Einen'aus ihrer Familie in den Oberämtern
 zu haben. So verwaltete unter Andern derselben auch PeisistratoS, des Zwingherrn
 Hippias Sohn, der den Namen seines Großvaters führte, das einjährige
 Archontenamt in Athen, und dieser ist es auch, der als Archont den Altar der
 zwölf Götter auf dem Markte und den des Apollo im Tempel dieses Gottes 
 geweiht hat. Bei dem auf dem Marktplatze fügte das Volk später einen größeren
 Anbau hinzu, wodurh cdie Inschrift vershcwand. Die auf dem Apollo-Altar ist aber
 jetzt noch sichtbar und besagt in schwer leserlichen Buchstaben das Folgende: '
 - " Hippias' Sohn, Peisistratos, hat dieß Denkmal als Archon Hier in des
 Pythischen Gotts heil'gem Bezirke geweiht,r

Daß aber Hippias, als der Aelteste, wirklich die Regierung hatte, das kann ich
 versichern, da ich es aus mündlicher Belehrung besser als Andere weiß, und es
 kann es auch Jeder leicht aus dem Folgenden schließen. Es zeigt sich nämlich,
 daß er allein von seinen ebenbürtigen Brüdern Kinder hatte, wie es der Altar
 beweist und so auch die Säule, welche zur Erinnerung an die ungerechte
 Herrschaft der Tyrannen anf der Akropolis von Athen errichtet wurde, und auf
 der weder dem Thessalos, noch dem HipparchoS Kinder zugeschrieben werden,
 dem Hippias aber fünf, die ihm von der Myrrhina, der Tochter des Kallias, des
 SohneS des Hyperechides, geboren worden waren; denn es war ja auch in der
 Ordnung, daß der älteste Bruder 
 
 zuerst heirathete. Auch ist er auf dieser Säule unmittelbar, als der Erste
 nach seinem Vater genannt, und auch das nicht ohne Grund, weil er eben der
 Aelteste nach seinem Vater war und von ihm die Zwingherrschaft übernahm. Es
 scheint mir auch gar nicht, daß Hippias ohne Weiteres so leicht die Tyrannis
 hätte fortführen können, wenn Hipparchos als Zwingherr den Tod gefunden und er
 selbst sie noch am nämlichen Tag angetreten hätte. Vielmehr waren die 
 Bürger von jeher gewohnt ihn zu fürchten, und bei der vortrefflichen Zucht
 seiner Söldner und den überreichlich vorhandenen Sicherungsmitteln seiner
 Herrfchaft konnte er sich in derselben leicht behaupten, und er zeigte in seiner
 Regierung auch durchaus keine Unsicherheit, wie etwa ein jüngerer Bruder, oder
 wie in einem Geschäfte, mit dem er nicht schon früher vertraut gewesen wäre.
 Hipparchos aber ist zufällig durch sein Unglück eine namhafte Persönlichkeit
 geworden, und so hat es später auch den Schein gewonnen, als ob er der 
 Zwingherr gewesen wäre.

Dem Harmodios also, der ihn als Versucher abgewiesen, that er wirklich einen
 Schimpf an, wie er sich vorgenommen hatte. Er ließ nämlich dessen Schwester,
 eine Jungfrau, auffordern zu erscheinen, um bei einem Festaufzug einen Korb zu
 tragen ^), und sie dann zurückweisen mit den Worten, man habe ja von vorn herein
 nicht um sie geschickt, da sie dessen nicht würdig sei. Harmodios nun
 fühlte sich dadurch sehr gekränkt, noch viel heißer aber entbrannte um
 seinetwillen der Zorn des Aristogeiton. Und bereits hatten sie alles Uebrige im
 Bund mit denen veranstaltet, welche mit Hand an's Werk legen sollten, und
 warteten nur noch auf das Fest der großen Panathenäen ^), als den einzigen Tag,
 an welchem sie keinen Verdacht erregen würden, da hier die Bürger, welche den
 Festzug geleiteten, bewaffnet und in Masse ershcienen. Es war abgeredet, daß sie
 selbst den Anfang machen, die Andern aber dann sogleich zu ihrer 
 
 
 Unterstützung über die Lanzentrabanten herfallen sollten. Der 
 Sicherheit wegen war die Zahl der Mitverschworenen nicht sehr groß, denn
 sie hofften, daß auch die, welche Nichts um die Sache wußten, bewaffnet, wie sie
 wären, allsogleich voll Freudigkeit zur Befreiung der Stadt mithandeln würden,
 wenn auch eine noch so geringe Zahl das erste Wagniß unternähme.

Als nun das Fest herangekommen war, traf Hippias, von seinen Lanzenträgern
 umgeben, außerhalb der Stadt im sogenannten Kerameikos die Anordnungen, wie beim
 Festzug jegliches vor sich gehen solle. Harmodios aber und Aristogeiton, schon
 den Dolch in der Hand, näherten sich zur That. Da sahen sie aber Einen ihrer
 Mitverschworenen vertraulich mit Hippias reden, wie denn dieser überhaupt
 für Alle leicht zugänglich war, und nun geriethen sie in Furcht und glaubten,
 sie seien verrathen und würden jeden Augenblick festgenommen werden. So dachten
 sie denn nun, wenn es möglich wäre, vorher noch an ihrem Beleidiger und um
 dessentwillen sie sich auch in dieses Wagstück eingelassen hätten, Rache zu
 nehmen, und stehenden Fußes eilten sie zum Thore hinein, trafen den 
 Hipparchos beim sogenannten Leokorion und sielen rasch und unversehens über ihn
 her, und, der Eine im Zorn der beleidigten Liebe, der Andere vom Stachel der
 Beschimpfung getrieben, trafen sie ihn mit ihren Dolchen und tödteten ihn. Und
 der Eine entkam für den Augenblick den Lanzenträgern, Aristogeiton nämlich, im
 Getümmel des Aufkaufs, wurde aber später gefangen und schlimm zugerichtet, 
 Harmodios aber wurde auf der Stelle niedergehauen.

Als die Meldung davon zum Hippias in den Kerameikos kam, begab er sich nicht
 auf den Schauplatz der That, sondern zu den schwerbewaffneten Bürgern, welche
 den Festzug geleiten sollten, bevor diese noch etwas erfahren würden, denn sie
 waren in ziemlicher Entfernung aufgestellt) und ohne durch seine Mienen von dem
 Vorfall etwas zu verrathen, befahl er ihnen, sich ohne die Waffen nach einem
 gewissen Platze zu begeben, den er ihnen zeigte. Diese, in der Meinung, er
 habe ihnen dort was zu sagen, gingen auch wirklich von ihren Waffen weg dorthin,
 und sofort befahl nun Hippias seinen Trabanten, die Waffen wegzunehmen, und
 suchte dann unter den Bürgern diejenigen aus, welche er für schuldig hielt, oder
 wer etwa 
 
 einen Dolch bei sich trug, denn nur mit Schild und Speer war man gewohnt
 den Festzug zu geleiten.

Aus diese Art wurde Liebesschmerz die Veranlassung zu der Verschwörung, und die
 Ausführung jenes unbesonnenen Wagnisses ging aus der plötzlichen Furcht hervor,
 die den Harmodios und Aristogeiton erfaßte. Für die Athener aber wurde die 
 Zwingherrschaft danach viel drückender, und Hippias, der jetzt schon in größerer 
 Furcht schwebte, tödtete Viele aus den Bürgern und schaute sich zugleich im
 Ausland um, ob er irgendwo für den Fall einer Umwälzung einen sicheren
 Zufluchtsort für sich finden könnte. Und so gab er denn auch dem Aiantidas, dem
 Sohn des HippokleS, des Tyrannen von Lampsakos, seine Tochter Archedike zur
 Frau, obgleich er ein Athener, jener ein Lampsakener war, denn er hatte
 erfahren, daß jene beim Perserkönig sehr viel vermochten. Archedike hat auch zu
 Lampsakos ein Denkmal, das folgende Inschrift trägt: Allhier ruhet der
 Staub der Archedike, Hippias Tochter, Der in hellenischem Volk mächtig einst
 ragte empor. Vater, Gemahl zwar und Brüder, wie Söhn' auch, erglänzten als 
 Herrscher, Aber zu frevelndem Sinn' hob sich ihr nie das Gemüth. Hippias
 behauptete die Zwingherrschaft über die Athener noch drei Jahre, und im vierten
 wurde er durch die Lakedämonier und die verbannten Alkmäoniden gestürzt und
 begab sich unter dem Schutze eines Vertrages nach Sigeion und Lampsakos zum
 Aiantidas und von da an den Hof des Königs Dareios, von wo er auch im 
 zwanzigsten Jahr danach, als er schon ein alter Mann war, mit den Medern den
 Feldzug nach Marathon mitmachte.

Diese Geschichten nun fielen den Athenern jetzt wieder ein, und man erinnerte
 sich an Alles, was man vom Hörensagen darüber wußte, und deßhalb war das Volk
 damals so schwierig und nahm die Anklage wegen der Mysterien, mit solchem
 Argwohn auf und glaubte, daß Alles mit einer Verschwörung zum Zweck der
 Herstellung einer Adelsherrschaft oder einer Tyrannis zusammenhänge. Wegen 
 dieser gereizten Stimmung des Volks waren schon viele und ansehnliche Bürger
 in's Gefängniß geworfen worden, und als die Sache 
 gar kein Ende zu nehmen schien, sondern die Erbitterung und Leiden-
 
 schaft von Tag zu Tag stieg.und immer mehr Menschen .eingezogen wurden, so
 ließ.sich, einer der Gefangenen, der von Allen der Schuldigste zu sein schien,
 durch einen Mitgefangenen bereden, ein Geständnis zu machen — ob wahr oder
 unwahr, , muß dahingestellt bleiben; Vermuthungen werden für..beide Meinungen
 aufgestellt, aber .die Wahrheit in Betreff der-wirklihcen Thäter konnte damals
 und kann auch.heute Niemand mit Gewißheit angeben.. Jener indeß überredete 
 den Andern,, indem er ihm sagte,, er selber werde sich Straflosigkeit erwirken,
 ob er nun der Thäter sei oder nicht, und den Staat werde er von der Gefahr des
 allgemeinen Mißtrauens befreien. Denn sein Leben werde er. eher erhalten, wenn
 er ein Geständniß mache, welchem Straflosigkeit zugesichert sei, als'wenn er bei
 seinem Läugnen beharre und sich dem Richterspruch unterwerfen müsse. Jener also
 machte sowohl gegen sich selbst, als auch gegen Andere die Anzeige, den 
 Frevel an den Hermen begangen zu haben. Das Volk aber nahm dieß Geständniß,
 welches es für wahrheitsgetreu hielt, um so lieber an, als es vorher sehr
 erzürnt , darüber gewesen war, daß man diejenigen nicht sollte herausbringen
 können, welche die Volksherrschaft zu stürzen trachteten. Sie gaben also den
 Anzeiger und mit ihm Alle die, welche er nicht mit angeklagt hatte, frei, über
 die Angeschuldigten aber hielten sie Gericht und tödteten diejenigen, die sie
 in Händen'hatten, die Entflohenen aber verurtheilten sie gleichfalls zum
 Tode und setzten für deren Mord, einen Preis aus. Indeß auch hiebei war es
 ungewiß, ob die Betroffenen nicht mit Unrecht bestraft würden, aber die übrige
 Stadt hatte.freilich unter jenen Umständen offenbaren Nutzen davon...< : ,
 i

Gegen den Alkibiades nun war das Volk, auf Betreiben seiner.Feinde, die auch
 schon vor der Abfahrt gegen ihn gewirkt hatten, sehr übel gestimmt, und da sie
 in Betreff des Hermenfrevels die Wahrheit zu wissen glaubten, so waren.sie.
 wegen der Mysterien, deren,Verhöhnung jener angeschuldigt.war, um so mehr
 überzeugt, daß.diese aus denselben geheimen Absichten und ebenfalls unter einer
 Verschwörung gegen die Volksherrschast von jenen ausgeführt worden sei.
 Zufällig war nämlich auch um dieselbe Zeit ein kleines Heer der Lakedämonier
 während dieser Wirren in Athen bis zum Jsthmos 
 
 vorgerückt, um im Einvernehmen mit den Böotiern irgend etwas zu 
 unternehmen. Man glaubte nun, dieselben seien auf Betreiben des Alkibiades und
 nach einer Verabredung mit ihm, keineswegs aber der Bootier wegen, gekommen, und
 wenn sie nicht in Folge jenes Geständnisses noch grade rechtzeitig sich der
 Schuldigen versichert hätten, so wäre die Stadt wohl verrathen worden. Eine
 Nacht hatten sie auch im TheseuStempel in der Stadt unter Waffen 
 geschlafen. Um dieselbe Zeit kamen auch die Gatsfreunde des AlkibiadeS zu Argos
 in den Verdacht, etwas gegen die Volksherrschaft im Schilde zu führen, und die
 Athener lieferten die Geißeln von Argos 65), die auf den Inseln lagen, damals
 dem Argivischen Volk aus, um sie dafür hinzurichten. Von allen Seiten also
 mehrte sich der Verdacht gegen den Alkibiades, demnah cwollten sie ihn vor 
 Gericht stellen und hinrichten, und schickten deßhalb das Schiff Salaminia nach
 Sieilien, um ihn und die mit ihm Angeklagten nach Athen zu bringen. Es war der
 Auftrag, ihm nur zu sagen, daß er zu seiner Vertheidigung mitgehen solle;
 gefangen setzen dürften sie ihn nicht. Man mußte nämlich aus die eigenen Truppen
 in Sieilien Rücksicht nehmen und durste auch bei den Feinden kein Aussehen 
 erregen; vor allen Dingen aber wünschte man, die Mantineer und Argiver, welche
 man durch jenen zur Theilnahme am Feldzug bewogen glaubte, bei der Armee zu
 erhalten. So ging also Alkibiades und die mit ihm Angeschuldigten auf seinem
 eigenen Schiffe von Sieilien mit der Salaminia ab, als wolle er wirklich nach
 Athen. In Thurii angekommen, gingen sie aber nicht weiter mit, sondern 
 verließen das Schiff und versteckten sich, weil sie sich fürchteten, so schwer
 verklagt und verläumdet sich vor Gericht zu stellen. Die von der Salaminia nun
 suchten zwar eine Zeitlang nach dem Alkibiades und seinen Genossen, da diese
 aber wie verschwunden waren, so gingen sie wieder unter Segel nach der Heimat.
 Alkibiades aber, der nun schon so gut wie ein Verbannter war, fuhr nicht lange
 danach auf einem Kauffahrer von Thurii nach dem Peloponnes hinüber, und
 die Athener verurtheilten ihn und seine Genossen-'als gesetzwidrig Abwesende zum
 Tode.

Danach theilten die beiden zurückgebliebenen Feldherrn der 
 Athener in Sieilien das Heer in zwei Theile und verloosten diese unter
 sich. Dann schifften sie mit der gesammten Macht gegen Selinus und Egesta, um
 sicher in Erfahrung zu bringen, ob die Egestaner das Geld hergeben wollten, und
 um die Verhältnisse der Selinuntier durch eigene Anschaung kennen zu lernen und
 sich über die Natur ihrer Streitsachen mit den Egestanern zu belehren. , Sie
 steuerten also an der Küste hin, Sieilien zur linken Hand lassend, d. h.
 die Seite der Insel, welche dem Tyrrhenifchen Meerbusen zugekehrt ist, und
 landeten bei Himera, der einzigen hellenischen Stadt in diesem Theile SicilienS;
 und da man sie.hier nicht aufnahm, so fuhren sie weiter. Im Vorbeifahren nahmen
 sie Hykkara, ein Titanisches Städtlein, das mit den Egestanern Feindschaft hatte
 und dicht am Meere lag. Die Athener machten die Einwohner zu Sklaven und
 übergaben den Platz den Egestanern, welche eine Reiter- abtheilung geschickt
 hatten. Sie selbst marschirten dann mit der Landmacht durch Sikulisches Gebiet,
 bis sie nach Katana kamen, wahrend ihre Schiffe mit den Sklaven die Fahrt um die
 Insel fortsetzten. Nikias selbst aber fuhr sogleich von Hykkara weiter an der
 Küste hin nach Egesta, verhandelte Verschiedenes mit ihnen, erhielt 
 dreißig Talente ausbezahlt und fand sich dann wieder beim Heere ein. Sie
 verkauften nun die Sklaven und lösten daraus hundert und zwanzig Talente, dann
 schifften sie weiter bei ihren Bundesgenossen unter den Sikulern herum und
 forderten sie auf, ihnen Zuzug an Mannschaft zu schicken. Mit der andern Hälfte
 ihrer Macht aber zogen sie gegen das Geleatifche Hybla, welches feindlich
 gesinnt war, konnten es aber nicht einnehmen. So ging der Sommer zu Ende.
 <

Im folgenden Winter rüsteten sich die Athener sofort, um den Syrakusanern zu
 Leibe zu gehen; aber auch die Syrakusaner schickten sich ihrerseits an, jene
 anzugreifen. Da nämlich die Athener sie nicht in ihrer ersten Furcht und
 angstvollen Erwartung allsogleich angegriffen hatten, so war ihnen mit jedem Tag
 Aufschub der. Muth mehr gewahcsen, und als jene dann nach den weit von ihnen
 abgelegenen Gegenden Siciliens gesegelt waren und jetzt auch Hybla mit 
 Gewalt zu nehmen versucht und doch nicht erobert hatten, so verachteten sie
 dieselben noch mehr, und wie denn der große Hause, wenn 
 
 
 
 ihm der Muth gewahcsen ist, zu thun pflegt, so verlangten sie von ihren
 Feldherren, sie gegen-Katana zu führen, da ja jene doch nicht gegen sie
 marschirten. Und ihre Reiter umschwärmten zur Beobachtung des athenischen Heeres
 dasselbe ununterbrochen aus der Nähe und riefen ihnen Spottreden zu, unter
 andern auch, ob sie nicht vielmehr gekommen seien, sich selbst in ihrer Nähe
 anzusiedeln, als um den Leontinern ihre Stadt wieder auszubauen? " - i ­

Die Feldherrn der Athener wußten dieß! und sie dachten nun, die ganze
 Streitmacht der Syraküsancr möglichst weit von ihrer Stadt wegzulocken, um
 gleichzeitig unter dem Schutze'der Nacht mit ihren Schiffen dorthin zu fahren
 und in aller Ruhe an einem passen-- den Punkte ein Lager zu schlagen. Denn sie
 wußten, daß dieß nicht eben so leicht-ginge; wenn'sie von ihren Schiffen im
 Angesicht eines kampfbereiten Heeres ihre Truppen'ausschiffen wollten, oder
 auch, wenn sie'unter den Augen jener zu Lande vorrückten, — denn ihren 
 leichtewTruppen und dem großen Haufen wurde die sehr zahlreiche Syrakusanische
 Reiterei, bei ihrem völligen Mangel an dieser Waffe,' großen Schaden zufügen; so
 aber würden sie einen Platz in Besitz nehmen, von wo sie leicht vorgehen
 könnten, 'ohne «durch die Reiterei erheblichen Schaden zu erleiden.
 Syrakusanische Verbannte nämlich, die dem Heere folgten, hatten sie über die
 Beschaffenheit der Oertlichkeit beim OlyMpieion des Näheren belehrt; welchen
 Platz sie dann auch wirklich einnahmen. Um diese Absicht nun zu erreichen, 
 setzten die Feldherren Folgendes in's Werk. Sie schickten einen ihnen ganz
 ergebenen Mann ab, der aber auch von den'Syrakusanischen Feldherren als ihrer
 Sache nicht weniger ergeben betrachtet wurde. Er war aber ein Katanäer und
 sagte, er komme von gewissen Männern aus Katana geschickt, die den
 Syrakusanischen Feldherren namentlich bekannt waren, und von denen man wußte,
 daß sie zu der den Syrakusiern treu gebliebenen Partei gehörten. ' Er berichtete
 nun, daß die Athener in einiger Entfernung von ihrem Waffenplatz die Nacht
 in der Stadt zuzubringen pflegten, und wenn jene an einem vorher bestimmten Tage
 mit ihrer ganzen Macht bei Sonnenaufgang das Lager angreifen würden, so wollten
 sie selbst die Athener in ihren 
 
 Mauern absperren und deren Schiffe in Brand stecken, und jene 
 konnten dann das Lager durch einen Angriff aus das Pfahlwerk lklcht i 
 einnehmen. Unter den Katanäern seien sehr Viele gesonnen, dabei mitzuhelfen und
 hätten schon Alles in Bereitschaft gesetzt, und er selbst sei von diesen
 hergesandt.

Die Feldherren der Syrakusaner nun, die überhaupt voller Zuversicht waren und
 auch außerdem schon die Absicht hatten, gegen Katana zu marshciren, glaubten
 darum dem Menschen um so unbedenklicher, redeten sogleich den Tag mit ihm ab,
 wann sie ershceinen wollten, und entließen ihn wieder. Darauf sagten sie der
 ganzen städtischen Macht der Syrakufier an, daß man ausmarshciren werde —
 denn schon waren auch von ihren Bundesgenossen die Selinuntier und einige andere
 ershcienen. Als sie nun mit allen Zulüftungen fertig und auch die Tage schon
 nahe waren, die sie für ihr Kommen verabredet hatten, so traten sie den Marsch
 gegen Katana an und übernachteten am Flusse Symaithos auf Leontintfchem Gebiet.
 Die Athener aber, als sie von ihrem Herannahen Kunde erhielten, nahmen ihr
 ganzes Heer und was von den Sikulern oder sonst woher zu ihnen gestoßen war,
 brachten Alle auf-die Kriegs- und Lastschiffe und fuhren in der Nacht nach
 Syrakus. Hier nun stiegen die Athener bei Tagesanbruch in der Gegend des
 Olympieions aus, um dort einen Lagerplatz in Besitz zu nehmen; bei den
 Syrakufanern aber eilten zuerst die Reiter gegen Katana vor, und als sie
 merkten, daß das ganze Heer abgezogen sei, wendeten sie um und meldeten es dem
 Fußvolk, und nun machten Alle Kehrt, um der Stadt so rasch als möglich zu
 Hülfe zu kommen.

Da aber der Weg, den sie machen mußten, sehr lang war, so schlugen unterdessen
 die Athener in aller Ruhe ihr Lager an einem passenden Platze, von welchem aus
 sie jeden Augenblick, wenn eS ihnen beliebte, angriffsweise vorgehen, und die
 Reiterei der Syrakusaner ihnen vor und in dem Kampf nur den geringsten Schaden
 zufügen konnte; denn von der einen Seite schloffen Mauern, Häuser, Bäume
 und ein See den Platz ab, und von der andern Seite steile Abhänge.. Auch hieben
 sie die in der Nähe stehenden Bäume ab, schafften sie an's Meeresufer und
 rammten davon ein Pfahlwerklbei ihren Schiffen ein: Auch erbauten sie bei
 Daskon, wo ein Angriff 
 
 
 Seitens der Feinde am leichtesten möglich war, in aller Eile ein Kastell
 aus erlesenen Steinen und Holzwerk, und brachen die Brücke über den .Anaposfluß
 ab. Während die Athener dieß betrieben, kam aus der Stadt Niemand, um sie daran
 zu hindern; zuerst erschienen dann die Reiter der Syrakusaner, und später
 sammelte sich auch ihr ganzes Fußvolk. Sie rückten nun zuerst nah an das
 Athenische Lager heran, dann aber, als diese in ihrem Lager sich nicht rührten,
 zogen sie sich wieder zurück, überschritten die helorische Straße und 
 lagerten die Nacht über im Freien.

Am folgenden Tag rüsteten sich die Athener und ihre Bundesgenossen zur Schlacht
 und stellten sich in folgender Weise auf. Den rechten Flügel hatten die Argiver
 nnd Mantineer, die Athener die Mitte, den andern Flügel die übrigen
 Bundesgenossen, Die eine Hälfte des Heeres war etwas vorgeshcoben, acht Mann
 hoch ausgestellt, die andere Hälfte blieb beim Schiffslager in einem Viereck,
 ebenfalls acht Mann hoch aufgestellt. Diesen war befohlen, sie sollten
 Acht haben und zu Hülse eilen, wo sie etwa einen Theil des Heeres in besonderer
 Bedrängniß sähen. Den Troß mit dem Gepäck stellten sie in die Mitte des Hinteren
 Vierecks. Die Syrakusaner aber stellten ihre Schwerbewaffneten sechzehn Mann
 hoch auf; eS war dieß die gesammte streitbare Mannschaft der Stadt mit den 
 erschienenen Bundesgenossen — es waren ihnen nämlich zu Hülfe gekommen vor Allen
 die Selinuntier mit der größten Anzahl, dann auch Reiter der Gelaner, im Ganzen
 gegen zweihundert, und von den Kamarinäern einige zwanzig Reiter und gegen
 fünfzig Bogenschützen. Die Reiter stellten sie an den rechten Flügel, zusammen
 nicht weniger als Tausend zweihundert, und neben sie auch die Speerschützen.
 Weil nun die Athener zuerst angreifen wollten, so durchschritt NiklaS die
 Reihen, und nach Volksstämmen und insgesammt ermuthigte er sie mit diesen
 Worten:

„Wozu bedarf es langer Ermunterung, ihr Männer? Zum Kampfe sind wir ja hier,
 und Alle zum selben Kampfe. Unsere Rüstung scheint mir geschickter, um Muth
 einzuflößen, als schöne Worte, die an ein schwaches Heer gerichtet würden. Wo
 Argiver und Mantineer und Athener und die Ersten der Inselbewohner zu 
 einander stehen, wie sollte da Einer mit solchen und so zahlreichen Bun» 
 desgenossen nicht große Zuversicht des Sieges hegen, zumal gegen- 
 über Leuten, die nur ihren Volkshaufen entgegenstellen können, und nicht
 so auserlesene Männer, wie wir, — und was noch mehr ist, gegenüber Sikelioten,
 die zwar meinen, uns verachten zu dürfen, uns aber nicht Stand halten werden,
 weil ihre Geschicklichkeit hinter ihrer Kühnheit zurückbleibt. Es habe aber auch
 Jeder vor Augen, daß wir weit von unserer Heimat entfernt sind und hier keinen
 befreundeten Boden haben, außer den ihr selber mit dem Schwert erkämpfen
 werdet. Und ich rufe euch das Gegentheil von dem zu, was die Feinde, wie ich
 wohl weiß, den Ihrigen sagen werden. Jene sagen, daß sie um ihr Vaterland
 kämpfen, — ich sage euch, daß ihr hier nicht im Vaterlande kämpft, sondern an
 einem Orte, wo ihr siegen müßt, wenn ihr nicht einen Rückzug unter großen
 Gefahren haben wollt. Denn zahlreiche Reiterei wird euch dann auf dem Hals
 fitzen. So gedenkt also eures eigenen Werthes, geht muthig an die Feinde 
 und seid überzeugt, daß die vorhandene Noth und Hülslofigkeit mehr zu fürchten
 find, als die Feinde."

Nachdem Nikias mit solchen Worten sein Heer ermuthigt hatte, führte er es grade
 auf den Feind los. Die Syrakufier waren aber in diesem Augenblicke noch nicht
 auf den Kampf gefaßt, und Einige von ihnen hatten sich sogar nach der Stadt
 begeben, die nahe war. Andere wieder kamen erst jetzt spornstreichs
 dahergelaufen, stellten sich aber noch da an, wo sie grade auf einen größeren
 Haufen stießen. Denn keineswegs ließen sie es an Eifer und Muth fehlen, 
 weder in dieser Schlacht, noch in den andern; aber wenn sie auch den Athenern an
 Mannhaftigkeit Nichts nachgaben, soweit eben ihre KriegSersahrung reichte, so
 mußten sie doch bei deren Mangelhaftigkeit ihren guten Willen vergeblich
 aufgewendet sehen. Gleichwohl hatten sie nicht erwartet, daß die Athener sie
 zuerst angreifen würden; und so zu raschester Gegenwehr gezwungen, ergriffen sie
 die Waffen und rückten schnell vor. Zuerst entstand nun ein Geplänkel 
 zwischen den beiderseitigen Steinwerfern ^), Schleuderern und Bogenschützen, und
 diese trieben sich auch gegenseitig in die Flucht, wie eS bei Leichtbewaffneten
 schon geht. Dann aber trugen die Wahr­ 
 
 
 sager die herkömmlichen Wahrzeichen der Opferthiere vor 6«), und die
 Trompeter der Schwerbewaffneten bliesen zum Angriff, und diese rückten vor, —
 die Syrakusaner, um für ihr Vaterland zu fechten, und jeder Einzelne um seine
 eigene Rettung in der Gegenwart und für die Freiheit in der Zukunft, — auf
 feindlicher Seite aber die Athener, um ein fremdes Land zu erobern und durch
 eine Niederlage das eigene Vaterland nicht in Schaden und Gefahr zu bringen, die
 Argiver aber und die freien Bundesgenossen, um jenen das feindliche Land
 erobern zu helfen und als Sieger ihre Heimath wiederzusehen; die unterthänigen
 Bundesgenossen aber zeigten vornämlich deßhalb großen Eifer, weil für jetzt nur
 vom Siege Rettung zu hoffen war, und daneben auch, weil ihr
 Unterthanenverhältniß sich wohl leichter gestalten würde, wenn sie den Athenern
 ein anderes Land hätten unterwerfen helfen.

Als es nun zum Handgemenge gekommen war, hielten sich beide Theile einander
 lange die Wage. Zufällig fielen auch einige Donnerschläge und Blitze und ein
 starker Regen, so daß für diejenigen. welche heute zum ersten Male fochten und
 am wenigsten Kriegs- vertrautheit hatten, auch dieß zur Vermehrung der Furcht
 beitrugt während die Erfahrenen zwar dachten, daß das Unwetter ganz der 
 Jahreszeit gemäß sei, aber doch in noch viel größere Bestürzung geriethen, daß
 ihre Gegner trotzdem nicht weichen wollten. Als nun die Argiver zuerst den
 linken Flügel der Syrakusaner, und danach die Athener, was ihnen gegenüberstand,
 zurückgedrängt hatten, so war bald auch die übrige Aufstellung durchbrochen, und
 die Syrakusaner flohen. Weit zwar verfolgten sie die Athener nicht, denn die
 zahlreiche und noch unbesiegte Reiterei der Syrakusaner hielt sie auf, sprengte
 in die Haufen der Schwerbewaffneten ein, die in der Verfolgung voran
 waren, und warf sie zurück. Die Athener drängten daraus in- geschlossener Linie
 so weit nach, als es ihre eigene Sicherheit erlaubte, kehrten dann wieder um und
 errichteten ein Siegeszeichen. Die Syrakusaner ihrerseits sammelten sich wieder
 bei der Elorischen Straße, stellten sich, so gut es eben anging, wieder in 
 Schlachtordnung, und schickten trotz ihrer Niederlage eine Besatzung nach dem 
 
 Olympieion, aus Furcht, die Athener möchten sich an den dort nie- 
 dergelegten Schätzen vergreifen. Die Andern zogen dann zurück nach der
 Stadt.' ^ ..

Die Athener indeß gingen nicht nach jenem-Tempel, sondern suchten ihre Todten
 zusammen, legten sie aus. einen.Scheiterhausen und lagerten die Nacht im Freien.
 Am folgenden Tag gaben He unter einem. Waffenstillstand d.en-Syrakusiern ihre
 Todten heraus —> von diesen.und ihren Bundesgenossen waren,aber gegen zwei
 hundert und sechzig, gefallen — sammelten die Gebeine.der Ihrigen^) — von
 ihnen.und ihrer Bundesgenossenschaft waren gegen fünfzig geblieben — und gingen
 dann mit der feindlichen Waffenbeute wieder unter Segel nach Katana, Es war
 ^nämlich schon Winterszeit,. und eS schien.ihnen nicht mehr möglich, von ihrer
 Stellung (am Olympieion) aus den Krieg fortzusetzen, bevor sie nicht Reiterei
 von Athen hätten, nachkommen lassen und bei den dortigen Bundesgenossen 
 gesammelt hätten, damit sie der feindlichen Reiterei gegenüber nicht so. ganz
 und gar im Nachtheil seien. Auch wollten sie aus Sieilien Geld sammeln und
 solches aus Athen kommen lassen, und auch einige Städte dachten sie für sich zu
 gewinnen, denn sie hofften, daß man nach dieser Schlacht ihnen mehr Gehör geben
 werde..Auch alles Sonstige, Getreide und, die andern Bedürfnisse, wollten sie
 sich verschaffen, um gegen das Frühjahr hin Syrakus wieder anzugreifen.

Mit. diesen Absichten also gingen die Athener ans ihren Schiffen nach Naxos und
 Katana zurück, um dort zu.überwintern; die Syrakusaner.aber, nachdem sie ihre
 Todten begraben hatten, beriefen eine Volksversammlung. Da trat nun Hermokrates
 aus, des Hermon Sohn, ein Mann, der überhaupt Keinem anMnsicht nach- stand
 und ein-erfahrner-und.tüchtiger Soldat und durch Tapferkeit ausgezeichnet war,
 Der nun richtete sie wieder auf und hieß sie-'sich des Geshcehenen wegen nicht
 schwach und nachgiebig zu zeigen; denn nicht ihr Eifer und Muth sei besiegt
 worden, sondern ihre Unordnung habe sie in? Schaden gebracht. Sie.seien nicht
 einmal in der-Weise Hintere.den Feinden zurückgeblieben, als man.hätte vermuthen
 sollen, 
 
 
 zumal sie den allererfahrensten Kriegsleuten unter den Hellenen 
 gegenübergestanden hätten, — sie, sozusagen nur Laien gegenüber Soldaten vom
 Handwerk. Sehr geschadet habe auch die große Zahl der Feldherrn und das
 Vielkommandiren — sie hatten nämlich fünfzehn Feldherrn — und dann die
 Unbändigkeit der großen Masse, die sich der Ordnung nicht fügen wolle. Wenn sie
 jetzt nur wenige, aber erfahrene Feldherrn wählten und den Winter über schweres
 Fußvolk ausbilden und denen, welche keine schwere Rüstung hätten, solche 
 verschaffen wollten, damit sie möglichst zahlreich wären, und sie überhaupt zu
 allen Kriegsübungen zwingen, so würden sie nach aller Wahrscheinlichkeit über
 ihre Feinde siegen, denn Tapferkeit hätten sie schon, und schöne Ordnung, wie
 man sie im Kampf brauche, werde auf diese Weise dazukommen. So würden sie in
 zweierlei Hinsicht gewinnen, indem ihre Disciplin durch Uebung unter Gefahren
 sich verbessere, und selbst ihr Muth in Folge des Vertrauens auf die 
 gewonnene Erfahrung sich noch stärke. Zu Feldherrn aber dürfe man nur Wenige
 machen und diesen unumschränkte Vollmacht geben und selber einen Eid leisten,
 daß sie jene nach ihrem besten Wissen ungehindert wollten schalten und walten
 lassen. Denn so werde das, was geheim gehalten werden müsse, leichter
 verschwiegen bleiben, und alles Uebrige der Ordnung gemäß und ohne Ausflüchte
 durchgeführt werden.

Die Syrakufaner nun, nachdem sie ihn angehört hatten, beschlossen Alles, so wie
 er gerathen hatte, und wählten zu Feldherrn den Hermokrates selbst und den
 Herakleides, des Lysimaches Sohn, und den Sikanos, Sohn des Exekestes, zusammen
 ihrer drei, und nach Korinth und Lakedämon schickten sie Gesandte, damit ihnen
 von dort Bundestruppen zu Hilfe kämen, und um die Lakedämonier zu 
 überreden, zu ihrem Schutz den Krieg gegen die Athener offen und mit größerer
 Entschiedenheit zu führen, damit diese entweder gezwungen seien,'ihr Heer von
 Sieilien abzuberufen, oder doch'weniger in der Lage wären, demselben
 Unterstützung nachzusendend r

Das Athenische Heer in Katana aber schiffte sogleich nach Messana, in der
 Hoffnung, diese Stadt werde ihnen durch Verrath übergeben werden. Die deßhalb
 angeknüpften Unterhandlungen führten jedoch den gewünschten Ausgang-nicht
 herbei. Alkibiades nämlich, als er, von seinem Kommando abberufen, in See ging
 und schon 
 recht gut wußte, daß er werde in die Verbannung gehen müssen, hatte
 
 der Syrakusanisch gesinnten Partei in Messana den Plan mitgetheilt, um den
 er wußte. Die Bürger von dieser Partei nun tödteten zuerst die Schuldigen,
 erregten einen Aufstand und setzten mit den Waffen in der Hand den Beschluß
 durch, daß die Athener nicht aufgenommen werden dürften. Diese blieben ungefähr
 dreizehn Tage vor der Stadt, und da sie vom stürmischen Wetter litten und keine
 Lebensmittel hatten, auch die Sache nicht von der Hand ging, so zogen sie wieder
 ab gen Naxoö, errichteten ein Pfahlwerk rings um ihr Lager und 
 überwinterten daselbst. Nach Athen, schickten sie einen Dreiruderer wegen des
 Geldes'und'der Reiter; damit diese mit Frühlingsanfang ihnen zugeschickt
 würden... s ^

Auch die Syrakusaner erbauten in diesem Winter Befesti- 
 gungSwerkt'bei ihrer Stadt. Sie zogen nämlich eine Mauer, die auch
 den-Temenites mit einschloß, längs der ganzen nach Epipolä zu gelegenen Strecke,
 damit sie bei geringerem Mauerumfang nicht leicht durch eine Gegenmauer
 eingeschlossen werden könnten, wenn sie allenfalls so weit in Nachtheil kämen.
 Auch aus Megara machten sie ein Kastell, und. ein zweites erbauten sie beim
 Olympieion, und am Meeresufer verpallisadirten sie alle Landungsplätze. Da sie
 auch wußten, daß die Athener in Naxos überwinterten, so unternahmen sie 
 mit ihrer gesammten Macht einen Zug gegen Katana, verwüsteten die Landschaft,
 steckten die Zelte der. Athener und ihr Lager in Brand und kehrten dann wieder
 nach Hause zurück. Da sie nun in Erfahrung brachten, daß die'Athener gemäß der
 alten unter Laches abgeschlossenen Bundesgenossenschaft durch Gesandte mit den
 Kamarinäern unterhandelten, um sie zum Uebertritt zu. bewegen, so schickten auch
 sie eine.Gegengesandschaft dorthin. - Sie hatten nämlich Verdacht, daß die
 Kamarinäer ihnen auch zu der ersten Schlacht die Hilfsmannschaft nur ungern
 geschickt hätten -und ihnen für die Zukunft überhaupt nicht mehr helfen wollten,
 seitdem sie die Athener in jener Schlacht siegreich gesehen hätten sondern sich
 durch die frühere Freundschaft bewegen lassen, zu ihnen überzugehen. Als nun von
 Seiten der Syrä» kusaner Hermokrates nebst einigen Andern, von den Athenern
 Euphemös und Andere nach'Kamarina gekommen waren,-so'wollte 
 HermokrateSfnachdem'eineiVolksversammlung der Kamarinäer berufen 
 
 worden war, den Athenern durch Anklagen zuvorkommen und redete, wie
 folgt:

„Nicht deßwegen, ihr Kamarinäer, haben wir zu euch Gesandte geschickt, weil wir
 fürchteten, daß ihr der Macht der Athener gegenüber'den Muth verlieren möchtet,
 sondern vielmehr, daß ihr euch durch ihre Reden könntet gewinnen lassen, wenn ihr
 nicht zuvor auch uns gehört. Unter welchem Vorwand sie nach Sieilien 
 gekommen find, habt auch ihr gehört; was aber ihr eigentlicher Plan dabei ist,
 können wir Alle vermuthen. Mir nun scheint es keineswegs, als ob sie die
 Leontiner in ihre Heimath zurückfuhremwollten,, sondern vielmehr, daß sie uns
 selbst der Heimath berauben wollen. Denn eS ist wohl nicht gar wahrscheinlich,
 daß sie dort Städte vernichten, hier aber Städte wieder aufbauen sollten, auch
 wohl-nicht, daß sie sich hier der Leontiner, als Chalkidischen Ursprungs, der
 Verwandtshcaft wegen annehmen, während sie die Chalkidier auf Euböa selbst,
 deren Pflanzvolk diese sind, in Knechtschaft halten. Viel wahrscheinlicher ist,
 daß sie mit demselben Verfahren,.wie sie dort ihre Herrschaft erlangt haben,
 dieselbe auch hier bei uns zu erlangen suchen.: Nachdem sie nämlich durch
 freiwilligen Entschluß der Joner, und wer sonst frei ihrer Bundesgenossenfchast
 sich angeschlossen hatte, Führer der Hellenen geworden waren, wie um an den
 Medern Rache zu nehmen, haben sie sich Alle unterworfen, indem sie die Einen
 anklagten, daß sie der Kriegspflicht nicht nachgekommen, die Andern, daß sie
 unter einander Krieg geführt, und so bei Allen und Jeden irgend eine
 Beschul? digung zum Deckmantel nahmen. Also haben weder diese für die 
 Freiheit der Hellenen, noch auch die Hellenen selbst um ihre eigene Freiheit
 gegen die Meder gekämpft, vielmehr die Athener nur, damit die Hellenen nicht dem
 Meder, sondern ihnen selbst unterthänig würden, und die Hellenen nur, um ihren
 Herrn mit einem neuen zu vertauschen, der freilich nicht so schwachköpfig war,
 aber doch nur zu ihrem eigenen Unglück schlauer."

„Aber wir sind ja nicht hieher-gekommen, um euch alle Gewaltthaten des
 Athenischen Staates zu enthüllen, welcher der Anklage so reichen Stoff bietet —
 denn ihr kennt,sie selber — vielmehr um uns selbst anzuklagen, die wir. trotz.der
 warnenden Beispiele, welche die Knechtung der dortigen Hellenen-uns bietet,- die
 sich zur 
 eigenen Vertheidigung nicht entschließen konnten, —- die wir trotz 
 Anwendung eben derselben verschmitzten Scheingründe — Zurückführung der
 stammverwandten Leontiner nnd Unterstützung der bundesgenösfischen Egestaner —
 doch zu träge find, unS zu vereinigen und ihnen zu zeigen, daß es dahier keine
 Joner gibt und keine Hellespontier oder Inselbewohner, die an's Sklavenjoch
 gewohnt find, ob sie nun den Meder zum Herrn haben, oder ihn mit irgend einem
 andern vertauschen, sondern daß wir freie Dorer find, die vom freien 
 Peloponnes aus sich in Sieilien Wohnfitze begründet haben. Oder wollen wir
 vielleicht warten, bis wir Alle, eine Stadt nach der andern, erobert find, da
 wir doch wissen, daß wir nur auf diese Weise besiegbar sind, und da wir sehen,
 daß sie selbst sich eben dieser Politik bedienen) die Einen von uns durch
 Vorspiegelungen mit den Uebrigen verfeinden, Andere wieder durch das Versprechen
 ihrer Bundesgenossenschaft dazu antreiben, sich gegenseitig zu bekriegen, und
 wie sie sonst eben Unheil ausstreuen können, indem sie Jedem etwas Verlockendes
 zu sagen wissen. Sollen wir glauben, daß, wenn der entferntere Nachbar vor
 uns zu Grunde gerichtet wird, die Gefahr nicht auch uns selbst über den Hals
 kommen werde, sondern uns einstweilen einbilden , daß der vor uns Leidende nur
 eben für sich das Unglück habe?"

„Und wenn sich Einer die Sache so vorstellt, als ob nur der Syrakusaner mit dem
 Athener im Krieg sei, er selbst aber nicht, — wenn Einer denkt, daß es thöricht
 sei, für mein Vaterland sich in die Gefabren des Kriegs zu begeben, so möge er
 bedenken, daß er nicht sowohl für meine Vaterstadt, sondern in der meinigen auch
 eben so gut für die seinige fechten wird, und zwar deßhalb mit um so mehr 
 Sicherheit, weil ich nicht bereits schon vor ihm vernichtet bin, und er also
 nicht allein, sondern in meiner Bundesgenossenschaft kämpfen wird. Er bedenke,
 daß der Athener nicht gekommen ist, um die Feindschaft des Syrakusaners gegen
 ihn (und seine sikelischen Bundesgenossen) zu bestrafen, sondern vielmehr, um
 auch seine eigene'Knechtschaft sicher vorzubereiten, unter dem Vorwande, daß es
 mir gilt. Wenn uns aber Einer beneidet, oder auch fürchtet — denn beidem 
 ist die überlegene Macht ausgesetzt — und deßhalb wünscht, daß Sy? rakus zwar
 durch Unglück gedemüthigt und bestraft werde, aber seiner eigenen Sicherheit
 wegen doch erhalten bleibe, so hofft er die Erfül­ 
 
 lung eines Wunsches, der über das Bereich menschlicher Kraft weit 
 hinausgeht. Denn es ist nicht möglich, daß Einer auf dieselbe Weise, wie seinen
 Wunsch, so auch das Glück beherrsche. Und wenn er dann wider Erwarten Alles
 anders kommen sieht, so wird er bald über sein eignes Unglück zu jammern haben,
 und würde dann vielleicht viel darum geben, wenn er unser Glück noch beneiden
 dürste, wie vorher. Aber das ist dann unmöglich, wenn er uns schon preisgegeben
 und nicht dieselben Gefahren hat mit uns theilen wollen, die zwar nicht 
 dem Namen, aber doch der That nach auch die seinigen sind. Denn scheinbar'hätte
 Einer unsere Macht retten zu helfen, in der That aber würde er für seine eigene
 Rettung handeln. Und vor allen Andern hättet ihr Kamarinäer, die ihr unsere
 Gränznachbarn und deßhalb zunächst nach uns bedroht seid, die Gefahr rechtzeitig
 in's Auge fassen sollen, und euch nicht als so lahme Bundesgenossen zeigen, wie
 ihr es jetzt thut; sondern wie ihr gewiß uns bittend um Hilfe angegangen
 hättet, wenn die Athener zuerst gegen das Gebiet von Kaniarina gezogen wären, so
 solltet ihr in gleicher Weise auch jetzt zu uns geschickt haben und uns
 auffordern, in Nichts nachzugeben. Aber weder ihr, noch auch die Andern habt
 dazu Anstalten gemacht."

„Vielleicht denkt ihr aber die Gerechtigkeit zum Deckmantel der Furchtsamkeit
 zu machen und weder für uns, noch für unsere Angreifer Partei zu nehmen, indem
 ihr vorschützt, suns gegenüber^ durch eure Bundesgenossenschaft mit den Athenern
 gebunden zu sein. Aber diese könnet ihr doch wohl nicht zum Nachtheil eurer
 Freunde geschlossen haben, sondern nur für den Fall, daß Einer euch angreift,
 oder um den Athenern zu Hilfe zu kommen, wenn sie angegriffen werden, und
 nicht, wie es jetzt der Fall ist, selber Andere ungerechter Weise angreifen.
 Haben doch nicht einmal die Rheginer, trotzdem sie Chalkidier sind, mithelfen
 wollen, um die Leontiner in ihre Stadt zurückzuführen, die doch auch Chalkidier
 sind! Und es stünde doch sehr schlimm, wenn jene hinter dem schönklingenden
 RechtSvorwand den Kern der Sache herausgesunden hätten, ohne in diesem Fall
 besonders zur Klugheit aufgefordert zu sein, während ihr eine scheinbare 
 AuSrede vorbringt, um euren natürlichen Feinden Hilfe zu leisten und die durch
 noch engere Bande der Natur mit euch Verwandten im Bunde mit ihren erbittertsten
 Feinden zu vernichten: Aber das stimmt 
 keineswegs mit der Gerechtigkeit, vielmehr solltet ihr uns beistehen.
 
 und die Rüstung jener nicht fürchten. Denn dieselbe ist keineswegs > 
 furchtbar, wenn wir Alle zusammenstehen, sondern nur eben dann, wenn wir
 umgekehrt zwiespältig handeln, und das ist'S grade, worauf jene mit allem Eifer
 hinarbeiten. Haben sie doch nicht einmal uns allein gegenüber ausgerichtet, was
 sie gewollt haben, obgleich sie uns in einer Schlacht besiegt, sondern mußten
 rasch wieder abziehen."

„Wir hätten also um so weniger Grund zur Furcht, wenn wir zusammenstünden, und
 sollten um so entshciedener Bundesgenossenschast schließen, zumal uns ja auch
 vom Peloponnes her Hilfe kommen wird, welche im Kriegswesen diesen in allen
 Stücken überlegen sind. Und glaube auch ja Keiner, daß jene vorsichtige 
 Neutralitat uns gegenüber das Recht nicht verletze und euch doch Sicherheit 
 verbürge, wenn ihr nämlich keinem von beiden Theilen Hilfe leistet, als mit
 beiden in Bundesgenossenschaft befindlich. Denn in der That wird damit nicht das
 Recht gewahrt, wie es den Worten nach scheint. Denn wenn durch Verweigerung der
 BundeShilse eurer Seits der Angegriffene unterliegen und der Gewaltthätige
 siegen wird, so habt ihr doch mit eurer Nichtbetheiligung nichts Anderes zu Wege
 gebracht, als die in's Verderben gestürzt, denen ihr hättet helfen können,
 und die Andern ein Verbrechen begehen lassen, die ihr daran hättet verhindern
 sollen. Es ist doch fürwahr ruhmvoller, sich mit den ungerechter Weise
 Angegriffenen, die zugleich Verwandte find, zu verbünden und die gemeinsame
 Sache SieilienS zu schützen und zugleich die Athener, wenn sie schon einmal
 Freunde sind, an einem Verbrechen zu hindern!" 
 „Sollen wir uns nun kurz fassen, so haben wir Syrakufaner Folgendes zu sagen:
 Euch die richtige Einsicht in die Sache beizubringen, dazu braucht'S keine große
 Anstrengung, bei euch so wenig, wie beiden Andern, denn ihr habt keine
 schlechter« Augen, als wir. Fruchtet aber unsere Ueberredung Nichts, so bitten
 und beschwören wir euch; bedenket, daß wir von Jonern, unseren Feinden von
 jeher, angegriffen werden, und daß wir durch euch verrathen sind, Dorer 
 durch Dorer! Unterwerfen uns die Athener, so haben sie den Sieg euren
 Entschlüssen zu danken; der Ruhm und die Ehre aber wird auf ihren Namen fallen,
 und als Preis des Sieges werden-sie grade 
 
 die einstecken, welche ihnen zum Sieg verholfen haben. Wenn.aber wir den
 Sieg gewinnen, so werdet ihr selbst die Strafe zu tragen haben, dafür, daß ihr
 so große Gefahr habt über uns kommen lassen. So sehet denn zu und wählt jetzt
 entweder die augenblickliche gesahrlose Knechtschaft, oder mit uns zu stehen und
 im Fall des Sieges die schimpfliche Herrschaft der Athener ^ind die Rache
 unserer Feindschaft zu vermeiden, die euch gewiß nicht verschonen würde."

So redete Hermokrates; nach ihm aber sprach Euphemos, der Athenische Gesandte,
 wie folgt:

„Wir sind hieher gekommen, um die früher bestandene Bundesgenossenschaft
 zu.erneuern; weil uns aber der Syrakusaner angreift, so bin ich gezwungen, auch
 über unsere Herrschaft zu reden, um zu zeigen, daß wir sie mit Recht besitzen.
 Den stärksten Vertheidigungsgrund hat er selber beigebracht, daß nämlich die
 Joner allezeit Feinde der Dorer seien. Und so ist es auch in der That. Wir 
 Athener nämlich, die wir Joner sind, mußten gegenüber den Peloponnesiern, die
 Dorer sind und, an Zahl überlegen, in unserer nächsten Nähe wohnen, nach Mitteln
 und Wegen suchen, um uns vor ihrer Herrschaft so sicher als möglich zu stellen,
 und als wir nach den Perserkriegen im Besitz einer Flotte waren, haben wir uns
 von der Herrschaft und Führung der Lakedämonier frei gemacht, da doch jene 
 durchaus nicht mehr berechtigt waren, uns zu befehlen, als wir ihnen, wenn sie
 nicht eben im Augenblicke die Stärkeren waren. So traten wir denn auf als Führer
 der Hellenen, die früher dem Perserkönig gehorcht, und haben unsere
 Staatseinrichtungen getroffen, von der Ueberzeugung ausgehend, daß wir vor der
 Herrschaft der Peloponnesier am sichersten seien, wenn wir selber die Macht
 besäßen, um sie abzuwehren. Und will man genau zusehen, so haben wir die Joner
 und Inselbewohner nicht einmal mit Unrecht uns unterworfen, obgleich die
 Syrakusaner sagen, daß wir sie trotz der Stammverwandtschaft mit Gewalt
 geknechtet hätten. Denn sie sind im Bunde mit den Medern gegen uns, ihren
 Mutterstaat, zu Feld gezogen und haben eS nicht gewagt abzufallen und ihr Haus
 und Gut preiszugeben, wie wir gethan, die unsere Stadt verließen, sondern die
 Knechtschaft zogen sie vor und wollten auch uns dieselbe aufzwingen."

„Dafür aber herrschen wir, als die Würdigsten, mit Recht, 
 denn wir haben die größte Flotte gestellt und für die Hellenische Sache
 
 den rücksichtslosesten Eifer gezeigt, während jene bereitwillig dem Meder
 folgten, um uns zu schädigen; und zugleich auch trachteten wir so in den Besitz
 der Macht zu gelangen, durch die wir den Peloponnesiern gewahcsen seien.
 Uebrigens beschönigen wir unser Verfahren keineswegs dadurch, als ob uns die
 Herrschaft gebühre, weil wir allein die Macht des Barbaren gebrochen, oder uns
 den Gefahren unterzogen hätten mehr um der Befreiung jener willen, als wegen der
 Freiheit Aller und damit auch unserer eigenen., Es kann ja Niemanden einen
 Vorwurf zuziehen, wenn er sich die gebührende Unabhängigkeit zu erwirken sucht:
 Und so find wir denn auch jetzt unserer eigenen Sicherheit wegen hieher gekommen
 und sehen auch, daß unser Vortheil zugleich' der'eure ist. Das bringen wir
 übrigens nur vor, weil diese grade hieraus den Stoff zu ihren Verläumdungen
 nehmen und auch ihr daraus mehr Furcht schöpft, als billig ist; denn wir 
 wissen, daß die mit großer Furcht und Argwohn Erfüllten sich zwar für den
 Augenblick durch gewinnende Rede, verlocken lassen?"), wenn es aber hinterdrein
 zur That kommt, doch nach ihrem wahren Vortheil handeln. Wir haben deßhalb
 gezeigt, daß wir unsere dortige Herrschaft aus Furcht für uns selbst erwerben
 mußten, und daß wir aus eben demselben Beweggrunde hieher gekommen sind, um im
 Bunde mit unsern Freunden auch die hiesigen Verhältnisse zu unserer 
 Sicherstellung zu gestalten, keineswegs aber, um Andere zu unterjochen, vielmehr
 um zu verhindern, daß uns selbst dieß durch Andere geschehe."

„Und denke auch Keiner, daß wir uns in eure Angelegenheiten mischen, ohne daß
 uns dieselben berühren. Bedenke er doch, daß, wenn ihr bleibt und den
 Syrakusanern mit euren nicht schwachen Mitteln den Widerpart haltet, diese viel
 weniger im Stande find, den Peloponnesiern'zu unserm Schaden eine Macht zu Hilfe
 zu schicken. Und insofern ist euer Interesse mit dem unfrigen sogar aüf's
 Engste verknüpft. Und deßhalb hat es auch die triftigsten Gründe, daß wir die
 Leontiner wieder in ihre Stadt zurückführen, nicht als unsre Unterthanen, wie
 ihre Stammverwandten aus Euböa, sondern daß wir sie vielmehr so mächtig, als nur
 möglich, machen, 
 
 
 
 damit sie von ihrem eigenen Gebiete aus als Gränznachbarn der Syrakusaner
 zu unserm Vortheil diesen so viel Schaden, als möglich, zufügen. Denn dort in
 unserer Heimath sind wir unseren Feinden selbst gewachsen, und man sagt zwar, eS
 habe keinen Sinn, daß wir den Chalkidier dort geknechtet hielten und den
 hiesigen befreien wollten, allein der dortige ist uns nützlicher, wenn er keine
 eigene Kriegsmacht besitzt und uns nur Geld beisteuert, hier aber ist eS unser
 Vortheil, wenn die Leontiner und unsere andern Freunde so frei und 
 unabhängig wie nur möglich sind." " ' ^

„Für einen Alleinherrscher, oder für eine Stadt, welche Herrschaft besitzt, ist
 keine Handlungsweise'ungereimt, die ihnen Nutzen bringt, und es gibt für sie
 keine Freundschaft, die nicht zugleich eine zuverlässige Stütze für sie ist. Mit
 allen Menschen muß man Feindschaft oder Freundschaft schließen je nach den
 Umständen, und für.- uns ist es hier nützlich, nicht wenn wir unsere Freunde
 schwächen, sondern wenn unsere Feinde durch die Macht unserer Freunde 
 unschädlich gemacht find. Zum Mißtrauen ist kein Grund vorhanden; denn auch mit
 unseren dortigen Bundesgenossen halten wir eö, wie wir grade von Jedem den
 meisten Nutzen erwarten; die Chalkidier und Methymnäer^ haben ihre eigene
 Verfassung behalten und stellen Schiffe; die Mehrzahl ist schon in größerer
 Abhängigkeit nnd zahlt Steuern; Andere behandeln wir als völlig freie
 Bundesgenossen, obgleich sie auf Inseln wohnen und leicht zu erobern wären, und
 zwar, weil sie in der Nähe des Peloponnes und günstig gelegen wohnen. Und
 so ist es auch natürlich, wenn wir die hiesigen Verhältnisse zu unserem Vortheil
 und, wie gesagt, zur Abschreckung der Syrakusaner einrichten. Denn sie streben
 nach der Herrschaft über euch, und wenn sie euch jetzt durch Verdächtigung
 unserer Absicht zum Bunde gegen uns bewogen haben, wollen sie dann,.wenn wir
 unverrichteter Dinge abziehen mußten, die Herrschaft über Sieilien an sich
 reißen, indem ihr entweder ihren Waffen unterlieget, oder ihnen wegen Mangels
 an Bundesgenossen preisgegeben seid. Und so muß es nothwendig kommen, wenn
 ihr jetzt zu ihnen übertretet, denn weder könnten wir es mit einer so großen
 vereinigten Macht leicht aufnehmen, noch auch werden diese euch gegenüber zu
 schwach sein, wenn wir erst nicht mehr hier sind." > ,

„Wem aber dieß nicht also zu sein scheint, den überführt 
 die That selbst. Denn als ihr uns das erste Mal") herbnneset, habt ihr uns
 nur das eine Schreckbild vorgehalten, daß wir selber in große Gefahr gerathen
 würden, wenn wir ruhig zusähen,.wie ihr von den Syrakusanern unterjocht würdet.
 ES wäre also nicht recht, wenn .ihr jetzt nicht denselben Grund für glaubwürdig
 hieltet, durch den ihr uns zu überreden suchtet, oder wenn ihr uns deßhalb mit
 Argwohn betrachten wolltet, weil wir mit überlegener Macht gegen diese
 hieher gekommen find; vielmehr müßt ihr diesen mißtrauen. Sind wir doch nicht
 einmal im Stand, ohne eure Hilfe uns hier zu behaupten; und selbst wenn wir zu
 Verräthern an euch würden und euch unterjochten, so wäre es uns ja doch wegen
 der weiten Schiff- fahrt und wegen Mangels an Besatzungstruppen unmöglich, uns
 gegen so große Städte zu halten, die eine Kriegsmacht besitzen, wie die 
 Städte des Festlandes. Diese fitzen euch aber dahier auf dem Nacken, und zwar
 nicht mit einem Feldlager, sondern mit ihrer Stadt, die größere Kriegsmittel
 besitzt, als wir solche mit uns gebracht haben; und stets schmieden sie
 verderbliche Pläne gegen euch, und wo immer sie die Gelegenheit erfassen können,
 lassen sie dieselbe nicht unbenützt — davon haben sie schon Beweise gegeben, und
 so auch gegen die Leontiner. Und nun wagen sie es gegen die, welche fie daran
 hindern wollen und bis jetzt die Unabhängigkeit Siciliens gegen sie 
 vertheidigt haben, euch zu Hilfe zu rufen, gleich als ob ihr ohne allen Verstand
 wäret. Zu viel gewisserer Rettung rufen wir euch dagegen auf, indem wir euch
 bitten, die Sicherstellung, welche beide Theile, ihr und. wir, uns gegenseitig
 gewährleisten, nicht auf's Spiel zu setzen, sondern überzeugt zu sein, daß
 diesen dahier ihrer großen Zahl wegen auch ohne Bundesgenossen der Weg zu eurer
 Stadt offen steht, daß sich euch aber die Gelegenheit nicht oft bieten werde,
 euch ihrer mit so bedeutender Hilfsmacht zu erwehren. Laßt ihr dieselbe aus
 irgend einem Argwohn entweder unverrichteter Dinge wieder abziehen, oder 
 gar eine Schlappe erleiden, so werdet ihr später schon in die Lage kommen, auch
 nur einen geringen Theil derselben herbei zu wünshcen, 
 
 
 
 dann nämlich, wenn Nichts mehr über die See zu euch herüber kommen
 wird."

„Aber weder ihr, o Karaminäer, noch auch die Andern dürft euch durch ihre
 Verläumdungen überreden lassen. Wir haben euch in Betreff der Verdachtsgründe,
 die gegen uns vorgebracht werden, die ganze Wahrheit gesagt, und wir wollen
 dieselben, um euch zu gewinnen, nochmals kurz zusammenfassen. Wir sagen also,
 daß wir die Hellenen dort unter unsere Herrschaft gebracht, um nicht 
 selber einem Andern unterthänig zu werden, daß wir aber dahier Freiheit und
 Unabhängigkeit herstellen wollen, um durch die hiesigen Verhältnisse nicht
 selber zu Schaden zu kommen; — ferner, daß wir genöthigt sind, vielerlei zu
 unternehmen, weil wir von vielen Seiten drohende Gefahr abwenden müssen, und daß
 wir jetzt sowohl, wie früher, als Bundesgenossen derjenigen unter euch
 erschienen find, denen dahier Unrecht geschehen ist, — und zwar nicht ungerusen,
 sondern dazu aufgefordert. Auch seid ihr nicht zu Richtern bestellt über 
 unsere Unternehmungen, noch auch dürft ihr versuchen uns zu schulmeistern und
 von unserm Vorhaben abwendig zu machen, was jetzt nicht mehr an der Zeit wäre.
 Vielmehr müßt ihr das, was immer an unserer vielseitigen Thätigkeit und an
 unserem Gebahren zugleich auch für euch vortheilhaft ist, herausnehmen und euch
 zu Nutzen machen; und seid überzeugt, daß dieß Gebahren nicht allen Hellenen in
 gleicher Weise schädlich wird, sondern noch viel mehreren derselben sogar
 Nutzen bringt. Denn Jeder und an jedem Orte, — auch wenn wir nicht nah zur Hand
 find, — wer immer glaubt Gewalt befürchten zu müssen, oder wer selbst an Andern
 Gewalt zu üben denkt, die werden beide, — der Eine, weil er hoffen darf, daß
 unsere Hilfe ihm bereit ist, der Andere, weil er von unserm Erscheinen Gefahr
 fürchten muß — in der Lage sein, — dieser, auch wider Willen sich zu 
 mäßigen, — jener, auch ohne sein Zuthun seine Unabhängigkeit zu retten. So
 stoßet also diese sichere Hilfe, die Jedem, der ihrer bedarf, und jetzt auch
 euch bereit ist, nicht von euch, sondern macht es wie die Andern, und anstatt
 immer nur vor dem Angriff der Syrakusaner auf der Hut zu sein, schließt euch
 dafür einmal in gleicher Weise an uns an, um ihnen zu Leibe zu gehen!"

So redete Euphemos. Mit der Gesinnung der Kamarinäer 
 aber stand es so. Den Athenern waren sie geneigt, allein sie sürch-
 
 teten, daß dieselben Sieilien sich wirklich unterwerfen wollten; mit den
 Syrakusanern hingegen waren sie als Gränznachbarn von jeher in Zwist, und sie
 fürchteten sich auch vor diesen, die sie'ganz in nächster Nähe hatten, falls
 diese nämlich auch ohne ihre Hilfe den Sieg davontragen sollten, weßhalb sie
 ihnen denn auch das erste Mal die geringe Zahl Reiter zu Hilfe geschickt hatten;
 und so beschlossen sie denn auch jetzt, fernerhin lieber die Syrakusaner durch
 thätige Hilfe zu unterstützen, jedoch mit so geringer Macht, als es eben nur
 angehe; — um aber auch den Athenern anscheinend nicht weniger gerecht zu 
 werden, zumal diese auch in der Schlacht gesiegt hatten, so wollten sie in
 Worten beiden Theilen denselben Bescheid geben. Und wie beschlossen, so
 ertheilten sie die Antwort; da beide Krieg führende Theile ihre Bundesgenossen
 seien, so erachteten sie es ihren Eiden gemäß, für jetzt keinem von beiden Hilfe
 zu leisten. So reisten denn die Gesandten beider Theile wieder ab. 
 Die Syrakusaner nun rüsteten ihrerseits zum Kampfe, die Athener aber lagerten
 bei Naxos und unterhandelten mit den Sikulern, um deren möglichst viele aus ihre
 Seite zu bringen. Von denjenigen Sikulern nun, welche mehr gegen die Ebene hin
 wohnten und Unterthanen der Syrakusier waren, gingen nicht viele zu ihnen über;
 dagegen hielten es die meisten Ortschaften derer im Binnenlande, die auch
 vorher allezeit unabhängig geblieben waren, nur Wenige ausgenommen, mit den
 Athenern und brachten Getreide für das Heer, und zum Theil auch Geld. Gegen die
 nicht Uebergetretenen zogen die Athener zu Feld und nöthigten auch Einige
 derselben zwangsweise, es mit ihnen zu halten, bei Andern aber wurden sie von
 den Syrakusanern, die Besatzungen und Hilfstruppen schickten,' daran 
 gehindert. Für den Winter aber gingen sie von Naxos zur See nach Katana zurück,
 stellten-das von den Syrakusanern verbrannte Lager wieder her und überwinterten
 daselbst. Auch schickten sie wegen eines Freundschaftsbündnisses einen
 Dreiruderer nach Karthago, ob sie vielleicht von dort Unterstützung erhalten
 könnten, und so auch Abgesandte in das Tyrrhenische Land^), wo einige Städte
 sich freiwillig zur 
 
 
 
 Kriegshilfe erboten hatten. Auch unter den Sikulern schickten sie 
 Botschaft umher, und auch nach Egesta Gesandte, mit der Aufforderung, ihnen
 möglichst viel Reiterei zu schicken, und zur Einschließung von Syrakus durch
 Mauern bereiteten sie Backsteine und Eisen, und was sonst Alles von Nöthen war,
 vor, um mit Frühlingsansang mit Eifer an den Krieg zu gehen. 
 Die Gesandten der Syrakusaner aber, welche nach Korinth und Lakedämon geschickt
 worden waren, suchten auch auf ihrer Fahrt an den Küsten Italiens hin die
 dortigen Städte zu überreden, daß sie doch den Unternehmungen der Athener nicht
 ruhig zusehen möchten, da ja auch sie selbst in gleicher Weise dadurch bedroht
 seien; und nachdem sie in Korinth angekommen waren, hielten sie daselbst ihren
 Vortrag und verlangten, daß man der Stammverwandtschaft gemäß ihnen zu
 Hilfe kommen solle. Und so beschlossen denn die Korinther zuerst für sich und
 allsogleich, ihnen mit allem Eifer beizustehen, und gaben den Syrakusiern auch
 ihrerseits Gesandte nach Lakedämon mit, um auch diese überreden zu helfen, daß
 sie den Krieg gegen die Athener im Lande selbst offen und entschieden betreiben
 und auch nach Sieilien eine Hilfsmacht schicken möchten. Als diese Korinthischen
 Gesandten nach Lakedämon kamen, war daselbst auch Alkibiades nebst seinen
 Mitflüchtlingen anwesend, der damals von Thuria aus sofort aus einem Lastschiffe
 zuerst nach Kyllene in Eleia und dann nach Lakedämon gekommen war, und zwar auf
 besondere Einladung und unter Ausbedingung persönlicher Sicherheit; denn er war
 nicht ohne Besorgniß vor ihnen, wegen seiner Betheiligung an den Mantineischen
 Ereignissen^). Und so traf es sich, daß in der Volksversammlung der
 Lakedämonier, die Korinther und Syrakusaner und Alkibiades zugleich dieselben
 Anträge stellten und die Lakedämonier zu überreden suchten. Und da die Ephoren
 und Behörden nur die Absicht hatten, Gesandte nach Syrakus zu schicken, um zu
 ermähnen, daß sie sich mit den Athenern nicht gütlich abfinden möchten, hingegen
 nicht gewillt waren, Hilfstruppen hinzusenden, so trat Alkibiades auf, um die
 La­ 
 
 
 tedämonier aufzureizen, und trieb mit folgenden Worten zum 
 Kriege:

«Nothwendig muß ich zuerst meiner eigenen Verunglimpfung wegen zu euch reden,
 damit ihr aus Argwohn gegen meine Person nicht etwa auch meine Ansichten über
 die Interessen des Staa» teS ungünstig anhöret. Nachdem also meine Vorsahren die
 Staatsgastfreundschaft mit euch^), irgend einer Beschwerde wegen, 
 aufgesagt hatten, habe ich, um dieselbe wiederum aufzunehmen, mich eurem 
 Vortheil dienstbar gezeigt, in vielen andern Stücken sowohl, als auch damals in
 dem Unglück von Pylos Während ich mich nun unausgesetzt freundlich und eifrig
 gegen euch erwies, habt ihr euch mit den Athenern wieder vertragen und bei
 dieser Gelegenheit meinen Feinden Macht und Ansehen verschafft, indem ihr die
 Unterhandlungen durch jene fuhren ließet, mir aber Unehre. Und so habt ihr euch
 meinerseits nur ganz gerechter Weise Schaden zugezogen, indem ich mich zu
 den Mantineern und Argivern hielt, und was ich sonst Alles zu eurem Nachtheil
 in's Wer? gesetzt habe. Und wenn nun auch damals, während ich euch schadete.
 Einer nicht mit Unrecht auf mich zürnen durfte, so möge er jetzt, nach Erwägung
 der wahrhaften Gründe, seine Stimmung gegen mich ändern. Oder wenn Einer, weil
 ich mehr aus die Seite des Volks neigte, mich deßhalb für schlechter 
 halten sollte, so darf man auch aus diesem Grunde mir nicht mit Recht zürnen.
 Denn von jeher find wir'^) Feinde der Tyrannen, und die Gesammtheit aller derer,
 die dem Alleinherrscher feindlich find, heißt eben Volk, und so ist uns denn von
 jenem Tyrannenhasse her die Vorsteherschaft der Bolkspaitei geblieben. Ueberdieß
 waren wir ja auch bei der meist demokratischen Einrichtung unseres StaatSwesens
 gezwungen, uns den bestehenden Verhältnissen zu fügen, doch waren wir
 bestrebt, uns in Staatsdingen gemäßigter zu zeigen, als die herrschende
 Zügellosigkeit es mit sich brachte. Hingegen waren eS in früherer Zeit, und find
 eS jetzt noch Andere, welche den großen Hausen zum Schlechter», anleiten, und
 diese eben haben auch meine Ver­ 
 
 
 
 bannung erwirkt. Wir aber haben an der Spitze des gesammten Staatswesens
 nach dem Grundsatze gehandelt, daß diejenige Versassung die beste sei, bei
 welcher der Staat die größte Macht besitze und die größte Freiheit genieße, und
 daß man das Ueberkommene festhalten müsse. Denn was im Uebrigen an der
 Demokratie ist, das wissen wir, die einige Einsicht haben, ja Alle, und ich
 nicht minder, als irgend ein Anderer, je mehr ich Grund hätte, sie zu schmähen;
 aber über etwas, was so allgemein als Thorheit anerkannt ist, möchte Einer
 so leicht nichts Neues vorbringen: und die Verfassung abzuändern, schien uns zu
 gefahrvoll, während ihr uns als Feinde aus dem Nacken saßet."

„Von der Art sind die Thatsachen, auf welchen die Verunglimpfungen meiner
 Person beruhen; und nun höret, was ihr in Berathung zu ziehen habt, und worüber
 ich euch, sofern ich genauere Kenntniß habe, einige Anweisung geben kann. Wir
 sind gegen Sieilien ausgefahren, um fürs Erste wo möglich die Sicilianer zu
 unterjochen, und nach diesen die Jtalioten, und um dann einen Versuch 
 gegen das Gebiet der Karthager und sie selber zu machen^). Und wenn dieß in
 allen Stücken, oder doch in der Hauptsache gelänge, so hatten wir im Sinne, den
 Peloponnes anzugreifen, wozu wir die gesammte uns von dort zugewachsene Macht
 der Hellenen mitgeführt und zahlreiche Barbaren in Sold genommen hätten, Iberer
 und Andere, welche heutzutage allgemein für die Tapfersten der dortigen 
 Barbaren gehalten werden. Und zu unseren vorhandenen Kriegsschiffen hätten wir
 noch viele andere gebaut, da Italien großen Reichthum an Holz besitzt, um mit
 denselben den ganzen Peloponnes ringsum abzusperren, und mit unserem Heere
 hätten wir durch Angriffe von der Landseite her die Städte theils mit Gewalt
 genommen, theils mit Schanzen eingeschlossen. Auf diese Weise hofften wir den
 Krieg leicht zu Ende zu führen und dann über die gesammte Hellenische Welt
 zu herrshcen. Und um diese Pläne leichter auszuführen, würden uns jene
 neugewonnenen Gebiete Geld und LebenSmittel in genügender Menge liefern, so daß
 wir die hiesigen Einkünfte nicht anzugreifen brauchten."

„Hiemit habt ihr gehört, mit welchen Absichten der neu-- 
 lich abgegangene Kriegszug in's Werk gesetzt wurde, und zwar von. Einem,
 der auf's Genaueste eingeweiht ist, und die andern Feldherrn werden diese
 Absichten auch in solcher und ähnlicher Weise durchzuführen suchen. Jetzt lasset
 euch belehren, daß Sieilien unterliegen muß, wenn ihr nicht Hilfe sendet. Die
 Sicilianer nämlich find viel zu unerfahren, obwohl sie auch so vielleicht noch
 Sieger bleiben könnten, wenn sie nur Alle einträchtig zusammenstünden. Aber die
 Syrakusier für sich allein haben schon mit ihrer gesammten Macht eine 
 Niederlage erlitten, und wenn sie nun auch durch die Flotte zur See 
 eingeschlossen werden, so find sie nicht im Stande, der dortigen Macht der
 Athener zu widerstehen. Und ist erst diese Stadt genommen, so ist auch schon
 ganz Sieilien gewonnen, und Italien wird dann bald, folgen, und die Gefahr, die
 ich euch eben vorgestellt habe, dürste dann nicht lang anstehen, auch über euch
 hereinzubrechen. So glaube also- Niemand, daß es sich in dieser Berathung blos
 um Sieilien handle, sondern auch um den Peloponnes, der selbst bedroht ist, wenn
 ihr nicht in Bälde das Folgende thut. Sendet auf Schiffen ein Heer in der
 Art hinüber, daß die, welche unterwegs die Ruderdienste versehen, dort sogleich
 als Schwerbewaffnete auftreten, und — was ich noch für ersprießlicher als ein
 solches Heer halte, — schickt einen Spartanischen Mann als Feldherrn mit, der
 die dort vorhandene Streitmacht organisire und die Unwilligen zum Beitritt
 zwinge. Denn aus diese Weise werden eure Freunde mehr Muth fassen und die noch
 Unschlüssigen um so furchtloser zu euch übertreten." .> .« ' ? 
 „Zugleich aber müßt ihr hier im Lande den Krieg mit Entschiedenheit beginnen,
 damit die Syrakusaner sich von eurer.Theilnahme überzeugen und um so kräftigeren
 Widerstand leisten, und die Athener umso weniger im Stande sind, den Ihrigen
 eine Hilfsmacht nachzuschicken. Ihr müßt Dekeleia auf Attischem Boden
 befestigen/ denn das ist es; was die Athener von jeher am meisten fürchten, und
 sie glauben, dieß sei die einzige Bedrängniß, die ihnen in diesem Kriege
 erspart geblieben sei. Auf die Weise kann Einer ja wohl seinen Feinden auf daS
 Sicherste schaden, wenn er in gewisse Erfahrung bringt, was jene am meisten
 fürchten, und ihnen dann grade dieß anthut. Denn es ist doch natürlich, daß Alle
 ihre schwachen, Seiten' 
 
 selber am besten kennen und für dieselben fürchten. Worin ihr aber durch
 diese Befestigung euch selber nützt und den Gegnern Abbruch thut, das will ich
 jetzt, um Vieles gar nicht zu erwähnen, nur m der Hauptsache anführen. Der
 meisten Hilfsmittel der Landschaft selbst werdet ihr euch theils mit Gewalt
 bemächtigen, theils werden sie euch von selbst in die Hände laufen^). Die
 Einkünfte von den Silbergruben in Laurion und, was sie jetzt sonst vom Lande und
 aus den Gerichten^) einnehmen, das werden sie sofort verlieren; am meisten 
 aber werden sie es an den Einkünften von den Bundesgenossen empfinden, die ihnen
 nicht mehr so zufließen werden, denn wenn diese erst die Ueberzeugung gewonnen
 haben, daß eurerseits der Krieg mit Entschiedenheit betrieben wird, so kümmern
 sie sich wenig mehr um die Athener."

„Daß nun etwas hievon rasch und mit dem gehörigen Eifer geschehe, das ist eure
 Sache, ihr Lakedämonier; daß es aber durchführbar ist, das glaube ich ganz
 zuversichtlich, und ich bin überzeugt, mich hierin nicht zu täuschen. — Zch
 wünsche aber auch deßhalb Keinem von euch als ein schlechterer Mann zu
 erscheinen; wenn ich, der einst für einen großen Freund meines Vaterlandes galt,
 jetzt, im'Bunde mit seinen erbittertsten Feinden, ihm so kräftig zu schaden
 suchez'und ich will auch nicht in den Verdacht kommen, als ob meine 
 Anträge nur der Leidenschaft des Flüchtlings entsprangen. Geflohen bin ich vor
 der Schlechtigkeit derer, die mich ausgetrieben haben, aber ich fliehe nicht den
 Dienst eures Vortheils, wenn ihr mir nur folgen wollt. Ich erachte diejenigen,
 welche ihren Feinden einmal geschadet haben, wie ihr, nicht so sehr als Feinde,
 als vielmehr diejenigen, die ihre Freunde zwingen, Feinde zu werden.
 Vaterlandsliebe empfinde ich nicht da, wo man mir Unrecht thut, sondern da, wo
 ich als Bürger in Sicherheit lebe. Auch glaube ich jetzt nicht sowohl ein 
 Land anzugreifen, das jetzt noch mein Vaterland wäre, als vielmehr ein solches
 wiederzugewinnen ^ welches eS jetzt nicht mehr ist.- Auch wird nicht derjenige
 mit Recht ein Freund des Vaterlandes genannt, 
 
 
 der dasselbe nicht angreist, obgleich er es ungerechter Weise verloren
 
 hat, sondern vielmehr; wer aus Sehnsucht nach demselben eS aus zede Art
 wieder zu gewinnen bemüht ist." . ^ ^ 
 „So verlange ich also, ihr Lakedämonier, daß ihr mich ohne alles Bedenken zur
 Theilnahme an den Gefahren und jeder andern Mühsal zulasset, und ihr kennt ja
 den Ausspruch, der in Aller Munde ist, daß, wenn ich euch als Feind sehr viel
 geschadet habe, ich als Freund auch viel nützen kann, da ich die Verhältnisse
 der Athener kenne und auch die eurigen richtig errathen habe ^). Und für euch
 selbst seid überzeugt, daß ihr jetzt um die allerwichtigsten Interessen 
 euch zu berathen habt und den Zug nach Sieilien, wie den nach Attika, nicht aus
 Bedenklichkeiten unterlassen dürft, damit ihr dort mit einem geringen Theil
 eurer Macht eine große rettet und der Athener jetzige und zukünftige Macht
 vernichtet, wonach ihr denn für euch selbst sicher wohnen und für ganz Hellas^
 das euch freiwillig folgt, ohne Gewaltmittel, nur im Wohlwollen die Führer sein
 werdet." l

-So redete Alkibiades; die Lakedämonier aber, die selber schon früher-im Plane
 gehabt hatten, einen Feldzug gegen Athen auszuführen, bis jetzt aber noch
 gezögert und abgewartet hatten, wurden nun viel muthiger/ da er ihnen über alle
 Punkte diese Ausschlüsse gab, denn sie waren überzeugt, das Alles aus dem Munde
 eines auf's Beste Unterrichteten gehört zu haben. Sie richteten.'also ihre
 Gedanken sogleich auf die Befestigung von Dekeleia und wollten auch sofort eine
 Hülfe nach Sieilien senden. Und Gylippos, des KleandridaS Sohn, den sie zum
 Anführer für die Syrakusaner bestimmten, sollte mit diesen und den Korinthern
 sich berathen und den Umständen gemäß solche Mittel ergreifen, daß jenen auf's
 Beste und Rascheste geholfen werde. Der befahl nun, daß ihm die Korinther 
 sofort zwei Schiffe nach^ Asien schicken sollten, und die übrigen, die sie zu
 senden gewillt seien,' ausrüsten, um bereit zu sein, wann-die günstige Zeit
 gekommen sei. Nachdem sie dieß vereinbart,:reisten die Korinthischen Gesandten
 wieder von Lakedämon ab. - c. ' 
 Es kam aber auch der Athenische Dreiruderer, den die Feld­ 
 
 
 Herren von Sicilien um Geld und Reiter abgeschickt hatten, zu Hause an,
 und die Athener, nachdem sie die Botschaft angehört, beschlossen, dem Heere die
 Verpflegungsgelder und die Reiter zu schicken.. 
 So ging der Winter zu Ende und mit ihm-das siebzehnte Jahr dieses Krieges, den
 Thukydides beschrieben hat.

Im folgenden Sommer aber, sogleich zu Frühlings-Anfang, brachen die Athener von
 Katana in Sieilien auf und segelten an der Küste hin gegen Megara auf Sieilien,
 welches die Syrakusaner, wie ich schon oben ZU) gesagt habe, unter dem Tyrannen
 Gelon. in Besitz genommen, nachdem sie die Einwohner vertrieben hatten. 
 Sie stiegen an'S Land und verwüsteten die Aecker und bekannten ein Kastell der
 Syrakusaner, welches sie jedoch nicht nehmen konnten. Danach marshcirten sie zu
 Lande und von den Schiffen längs der Küste begleitet zum Terms-Fluß, .zogen
 denselben aufwärts und verwüsteten das offene Land. Auch trafen sie auf eine
 kleine Schaar Syrakusaner und tödteten deren Einige, errichteten danach ein
 Siegeszeichen und gingen wieder auf ihre Schiffe. Sie fuhren nach Katana
 zurück, nahmen Lebensmittel ein und rückten dann mit gefammter Macht vor
 Kentoripa, ein, Städtchen der Sikuler) bewogen dieß durch Vertrag zum.Uebertritt
 und zogen dann wieder ab, indem sie das Korn auf den Feldern der Jnessäer und
 Hybläer verbrannten. Als sie in Katana wieder einrückten, trafen sie dort die
 zweihundert und. fünfzig Reiter, die eben von Athen angekommen waren,
 jedoch blos mit Reitzeug und ohne Pferde, — da man diese sich an der Stelle
 verschaffen könne, — sowie dreißig berittene Bogenschützen und dreihundert
 Talente Silbers ^^

Im selben Frühling zogen auch die Lakedämonier gegen Argos zu Felde, kamen aber
 nur bis Kleonä, denn hier trat ein Erdbeben ein und sie kehrten wieder nach
 Hause zurück. Danach fielen die Argiver ihrerseits in die Thyreatische
 Landschaft ein, welche an ihre Gränzen stößt, und nahmen den Lakedämoniern viele
 Beute ab, die um nicht weniger als fünfundzwanzig Talente verkauft wurde. 
 Nicht lange danach, im selben Sommer, machte die Volkspartei unter 
 
 
 
 den Thespierneinen Angriff aus die Herrschenden und jm Besitz 
 der StaatSämter Befindlichen, konnte jedoch Nichts ausrichten, sondern,
 als die Thebaner jenen zu Hülse kamen, wurden sie theils gefangen, theils
 flüchteten sie sich nach Athen. .

Jm selben Sommer, als die Syrakusaner erfuhren, daß die Athener Verstärkung an
 Reiterei erhalten hätten und sich eben zum Angriff auf sie anschickten,
 beschlossen sie, die Zugänge zu'der Höhe von Epipolä zu besetzen, damit die
 Feinde hier nicht unvermerkt eine Ersteigung ausführen könnten, denn sie waren
 überzeugt, daß die Athener selbst im Fall eines Sieges die Stadt nicht leicht
 würden einschließen können, wenn sie sich nicht zuvor in den Besitz von
 Epipolä, einer dicht hinter der Stadt gelegenen, abschüssiigen Höhe, gesetzt
 hätten. An einem andern Punkt, glaubten sie, würde jenen eine Ueberraschung wohl
 nicht gelingen können; denn die ganze übrige Gegend senkt sich von Epipolä
 abwärts und dacht sich gegen die Stadt hin ab und ist nach Innen zu ganz
 offen-einzusehen, und eben deßhalb hat der Ort von den Syrakusanern den Namen
 Epipolä (d. i. die Stadt überragend) erhalten, weil er höher liegt als das
 Uebrige. Die Syrakusaner zogen also bei Tagesanbruch mit ihrer ganzen
 Streitmacht zu der. Wiese am Fluß Anapos — denn zufällig hatten grade
 Hermokrates und seine Mitfeldherren ihr Amt angetreten — und hielten hier
 Waffenschau und wählten sür's Erste unter den Schwerbewaffneten sechshundert
 Mann Kerntruppen aus, welche Diomilos, ein Verbannter aus Andros, kommandirte.
 Diese sollten nämlich Epipolä besetzen und auch sonst, wenn es nöthig 
 würde, sich rasch zusammenziehen und zur Hand sein. -

Die Athener aber waren in eben der Nacht, welche dieser Musterung vorausging,
 ohne daß die Syrakusaner etwas davon erfahren hatten, mit ihrer gesammten Macht
 von Katana abgefahren und beim sogenannten Löwen gelandet, der sechs oder sieben
 Stadien von Epipolä entfernt ist. Hier ließen sie die Landtruppen aussteigen
 und gingen mit ihren Schiffen bei Thapsos vor Anker: ES ist dieß eine
 Halbinsel, die von einer schmalen Landenge aus sich in's'Meer 
 
 
 erstreckt und von der Stadt der Syrakusaner weder zu Wasser, noch zu Land
 weit entfernt. Das Schiffsheer der Athener verpallissadirte den engen Hals der
 Halbinsel Thapsos und verhielt sich auf derselben ruhig; das Landheer aber
 rückte sogleich im Laufschritt gegen Eptpolä und bestieg den Euryelos, bevor
 noch die Syrakusaner es merkten und von der Wiese und Musterung herbeikommen
 konnten. Trotzdem eilten sie Alle, so rasch Jeden seine Beine trugen, zur 
 Abwehr.herbei, und auch die sechshundert Mann des Diomilos. Sie hatten aber von
 der Wiese aus nicht weniger als fünfundzwanzig Stadien zurückzulegen,, bevor sie
 an die Feinde kamen. Da sie also nur in schlechter Ordnung angreifen konnten, so
 wurden die Syrakusaner in diesem Gefecht bei Epipolä besiegt und zogen sich nach
 der Stadt zurück. DiomiloS selbst war gefallen, und von den Andern gegen
 dreihundert. Danach errichteten die Athener ein Siegeszeichen und gaben den
 Syrakusanern unter dem Schutze eines Vertrages ihre Todten heraus. Am folgenden
 Tag rückten sie weiter gegen die Stadt herab; da aber jene ihnen nicht aus der
 Stadt entgegenrückten, so zogen sie sich wieder zurück und .erbauten eine
 Verschanzung aus dem Labdalon, auf dem höchsten Punkt von Epipolä und dicht
 am steilen Abhang, der gegen Megara hin schaut. Dieselbe sollte ihnen als
 Niederlage für ihr Gut und ihre Waffen dienen, wenn sie zum Gefecht oder zur
 Einschließung der Stadt vorrückten.

Nicht lange danach stießen aus Egesta dreihundert Reiter zu ihnen, und von den
 Sikulern und Naxiern und einigen Andern gegen-hundert. Die Athener hatten deren
 bereits zweihundert und fünfzig, für welche sie die Pferde theils von den
 Egestanern und Katanäern nahmen, theils kauften. Im Ganzen waren also 
 sechshundert und fünfzig Reiter zusammengekommen.. Die Athener ließen nun im
 Labdalon.eine Besatzung zurück und rückten vor gegen Syke ^), vor welchem
 Stadttheil sie sich festsetzten und die kreisförmige Einschließungsmaner rasch
 aufbauten. Die Schnelligkeit dieses Baues erregte Bestürzung bei den
 Syrakusanern und sie faßten deßhalb den Entschluß, dagegen auszurücken, und
 nicht ruhig zuzusehen. Als nun schon beide Theile einander in Schlachtlinie
 gegenüber tsan- l 
 
 den, da sahen die Syrakusanischen Feldherren, daß ihre Streithaufen
 
 sich von einander abgerissen hatten und nicht leicht wieder m Ordnung
 gestellt werden könnten, und deßhalb führten sie ihre Truppen wieder in die
 Stadt zurück, ausgenommen einen kleinen Theil der Reiter. Diese blieben
 außerhalb und hinderten die Athener, Steine herbeizuholen und sich aus weitere
 Entfernung zu zerstreuen. ^ Eine Stammabtheilung Es der Athenischen
 Schwerbewaffneten aber, von der gesammten Reiterei unterstützt, griffen die
 Syrakusanischen Reiter an und schlugen sie in die Flucht, auch tödteten sie
 einige derselben und stellten für dieß Reitergefecht ein Siegeszeichen auf. >
 > ? .

Am folgenden Tage arbeitete ein Theil der Athener.an dem gegen Norden
 gewendeten Theil der Einschließungsmauer, und die Andern trugen Steine und Holz
 herzu und schichteten dieselben in Hausen aus beim sogenannten Trogilos^), an
 welcher Stelle die Mauer vom großen Hafen bis zum jenseitigen Meere auf der
 kürzesten Strecke durchgeführt werden konnte. Die Syrakusaner aber, und 
 zwar hauptsächlich weil von ihren Feldherrn Hermokrates es so angab, wollten
 nicht mehr mit gesammter Macht den Athenern entscheidende Gefechte liefern,
 sondern hielten es für besser, wenn sie eine Quermauer errichteten, da, wo jene
 ihre Mauer vorbeiführen wollten, so daß sie dieselben abgeschnitten hätten, wenn
 sie noch rechtzeitig fertig würden. Sollten die Athener aber Truppen
 herschicken, um sie daran zu hindern, so könnten sie denselben einen Theil ihrer
 streitbaren Macht entgegensenden und würden unterdessen wohl noch 
 rechtzeitig mit der Verpsählung der leicht angreifbaren Stellen fertig werden,
 jene aber müßten dann von ihrem Bau ablassen und mit ihrer gesammten Macht sich
 gegen sie wenden. Sie zogen demnach aus der Stadt und bauten, von ihrer Stadt
 beginnend, unterhalb der Einshcließungsmauer der Athener eine Quermauer, hieben
 die Oelbäume des heiligen Haines um und setzten hölzerne Thürme 
 
 
 
 
 auf die Mauer. Die Schiffe der Athener waren damals aber noch nicht von
 der Halbinsel Thapsos bis in den großen Hafen herum- gesegelt, sondern die
 Syrakusaner beherrschten noch die Gegend am Meere, und die Athener führten ihre
 Bedürfnisse von Thapsos her auf dem Landwege zu. - ^ -

Als nun die Syrakusaner sahen, daß ihre Pallisaden und der Bau der Quermauer
 bereits weit genug vorgeschritten seien, und die Athener nicht erschienen, um
 sie daran zu verhindern, weil sie Nämlich fürchteten, daß jene mit größerem
 Vortheil kämpfen würden, wenn sie selbst ihre Macht theilten, und da sie
 zugleich auch mit ihrer eigenen Einschließungsmauer rasch' fertig werden
 wollten, so ließen die Syrakusaner eine Stammabtheilung zur Bewachung ihres
 ' Baues an Ort und Stelle und kehrten in die Stadt zurück. Die Athener
 aber zerstörten unterdessen die unterirdischen Leitungen, welche das Trinkwasser
 in die Stadt führten und warteten ab, bis die andern Syrakusaner zur Zeit der
 Mittagshitze in ihren Zelten ruhten und Einige auch nach der Stadt gegangen
 waren, während die beim Pfahlwerk die Wache nur nachlässig versahen. Sie hatten
 unterdessen dreihundert auserlesene Mann von ihren eigenen Truppen und 
 etliche ausgesuchte Leichtbewaffnete mit schwerer Rüstung vorangestellt und
 ließen sie jetzt ganz plötzlich gegen die Q-uermauer Sturm laufen; ihr übriges
 Heer aber theilten sie in zwei Theile, und der eine mit dem Einen der beiden
 Feldherren rückte gegen die Stadt, falls jene zur Abwehr ausrücken sollten, der
 andere aber unter dem zweiten Feldherrn gegen das Pfahlwerk bei dem kleinen
 Thore. Jene dreihundert nun nahmen die Pallisaden im Anlauf weg, und die 
 Besatzung ließ dieselben im Stich und floh in das Vorwerk beim Temenites. Mit
 ihnen aber drangen auch ihre Verfolger zugleich ein, wurden jedoch aus dem
 Innern mit Gewalt wieder hinausgeworfen, wobei etliche Argiver und einige wenige
 von den Athenern blieben. Nun zog sich das ganze Heer der Athener wieder zurück,
 machte die Quermauer dem Boden gleich, riß das Pfahlwerk nieder und trug
 die Pfähle mit sich fort, worauf sie denn auch ein Siegeszeichen aufstellten.

Am folgenden Tag besetzten die Athener, von der Ring­ 
 mauer ausgehend, den jähen Felsabhang oberhalb des Sumpfes, welcher auf
 dieser Seite von Epipolä gegen den großen Hasen hinschaut, und von wo aus sie
 ihre Einschließungsmauer abwärts durch die Ebene und den Sumpf 9") bis zum Hafen
 in der kürzesten Linie ziehen konnten. Aber auch die Syrakusaner zogen jetzt
 wieder aus und errichteten auch ihrerseits wieder ein Pfahlwerk, von ihrer Stadt
 anfangend mitten durch den Sumpf durch; und zugleich zogen sie einen
 Parallelgraben daneben, damit die Athener ihre Einschließungsmauer nicht bis zum
 Meer hinabführen könnten. Diese hingegen, als sie die Befestigung an dem
 Felsabhang vollendet hatten, machten wieder einen Angriff auf das Pfahlwerk und
 den Graben der Syrakusaner, nachdem sie den Schiffen befohlen hatten, von der
 Halbinsel Thapsos aus in den großen Hafen der Syrakusaner herumzusegeln.
 Sie selbst rückten beim Morgengrauen von Epipolä in die Ebene hinab und
 überschritten den Sumpf, da, wo der Boden mehr lehmig und etwas fester war,
 indem sie Thüren und breite Bretter überlegten. Mit Sonnenaufgang nahmen sie das
 Pfahlwerk, ein kleines Stück ausgenommen, und den Traben, und später auch den
 übrigen Theil. Auch kam es zum Gefecht, und es siegten dabei die Athener,
 wonach die Syrakusier des rechten Flügels gegen die Stadt hin flohen, die vom
 linken aber längs dem Fluß hin. Diese letzteren nun wollten die dreihundert
 athenischen Auserlesenen abschneiden, damit sie den Fluß nicht überschreiten
 könnten, und rückten deßhalb im Laufschritt gegen die Brücke. Dadurch wären die
 Syrakusaner, bei denen hier auch der größte Theil ihrer Reiterei war, in
 große Gefahr gerathen, sie rückten also den Dreihundert entgegen, trieben sie in
 die Flucht und brachen selbst in den rechten Flügel der Athener ein, so daß bei
 diesem Anprall auch die erste Abtheilung dieses Flügels mit in die Flucht
 gerissen wurde. Da dieß Lamachos sah, eilte er von seinem linken Flügel mit
 wenigen Bogenschützen zur Hülfe herbei, indem er auch die Argiver an sich nahm;
 als er aber einen Graben überschreiten wollte, wurde er mit einigen wenigen
 Begleitern allein gelassen, und dabei fiel er mit fünf oder sechs von 
 
 
 denen, die mit ihm waren. Diese nahmen die Syrakusaner noch rasch an sich
 und brachten sie jenseits des Flusses in Sicherheit und zogen sich dann selbst
 zurück, da jetzt auch die übrige Macht der Athener anrückte.

Als aber die von den Syrakusanern, welche zuerst nach der Sadt geflohen waren,
 diese Vorfälle sahen, so faßten sie wieder Muth und stellten sich wieder vor
 ihren Mauern in Schlachtordnung gegen die ihnen gegenüberstehenden Athener und
 schickten zugleich einen Theil der Ihrigen nach der kreisförmigen Mauer bei
 Epipolä, im Glauben, dieselbe unbesetzt zu finden und nehmen zu können. 
 Auch nahmen sie ein Vorwerk von zehn Plethren (1000 Fuß) Länge und zerstörten
 es, aber die Kreismauer selbst zu nehmen, hinderte sie Nikias, der zufällig
 krank daselbst zurückgeblieben war. Dieser befahlnämlich seinen Wärtern, die
 Maschinen und das Holz, das vor den Mauern aufgehäuft lag, in Brand zu stecken,
 da er einsah, daß sie bei ihrer Entblößung an Mannschaft auf andere Weise sich
 nicht aus der Noth helfen könnten. Und dieß hatte auch die beabsichtigte 
 Wirkung; denn des Feuers wegen drangen die Syrakusaner nicht weiter mehr vor,-
 sondern zogen sich wieder zurück. Und bereits war auch Hülfe im Anzug gegen die
 Kreismauer, von den Athenern unten in der Fläche, welche die Syrakusaner
 daselbst zurückgeschlagen hatten, und zugleich mit diesen erschienen auch die
 Schiffe, die von Thapsos her, wie befohlen war, in den großen Hafen einliefen.
 Als die von oben das sahen, zogen sie. sich schnell zurück in die Stadt, 
 und so auch das ganze übrige Heer der Syrakusaner. und sie, hofften jetzt nicht
 mehr mit ihrer gegenwärtigen Macht im Stande zu sein, die Einschließung bis an's
 Meer hinab verhindern zu können.

Danach stellten die Athener ein Siegeszeichen auf und gaben den Syrakusanern
 unter dem Schutze eines Vertrags ihre Todten heraus, wofür sie die Leichen des
 Lamachos und der mit ihm Gefallenen erhielten. Da jetzt ihre ganze Macht
 versammelt war, die Flotte sowohl, wie das Landheer, so schlossen sie, von
 Epipolä und dem Felsabhang angefangen, bis an'S Meer hinab die Syrakusaner
 mit einer doppelten Mauer ein. Die Bedürfnisse wurden dem Heer von allen
 Gegenden Italiens zugeführt. ES traten aber auch von den Sikulern Viele als
 Bundesgenossen zu den Athenern über, 
 welche sich früher abwartend verhalten hatten, und aus Tyrfenien 
 kamen drei Fünfzigruderer..Auch im Uebrigen.ging ihnen Alles so von
 Statten, daß sie die besten Hoffnungen fassen konnten. Die Syrakusaner
 ihrerseits glaubten ebenfalls nicht mehr/aus diesem Kriege siegreich
 hervorzugehen, da ihnen bis jetzt auch keine Hilfe aus dem Peloponnes gekommen
 war, und sowohl unter ihnen selbst, als auch gegen den Nikias wurde schon von
 Uebergabe geredet. Dieser nämlich befehligte mit dem Tode des Lamachos allein.
 Es kam zwar zu keinem festen Abschluß, aber es wurde doch mit Nikias viel 
 darüber geredet und mehr noch in der Stadt selber, wie es ja natürlich ist bei
 solchen Menshcen, die in Bedrängniß waren und enger eingeschlossen, als vorher.
 Aus den vorhandenen Uebeln entsprang auch eine gegenseitige Verdächtigung^ wie
 sie denn auch die Feldherren absetzten, unter deren Führung sie solches
 Mißgeschick erlitten, gleich als ob deren Unglück oder Verrätherei sie zu
 Schaden gebracht hätte. An ihre Stelle wählten sie Andere, den Herakleides
 nämlich und Eukles.und Tellias.. /

Um diese Zeit waren Gylippos, der Lakedämonier, und die von Korinth
 ausgelaufenen Schiffe bereits in Leukas und dachten, Sieilien so rasch'als
 möglich zu Hülfe zu kommen. Da aber so schlimme Nachrichten zu ihnen kamen, die
 zwar falsch waren, aber immer auf dasselbe hinausliefen, daß nämlich Syrakus
 bereits gänzlich eingeschlossen sei, so ließ Gylippos alle Hoffnung auf Sieilien
 fahren und dachte nur daran, wenigstens Italien zu retten, weßhalb er und
 der Korinther Python mit zwei Leukadischen und zwei Korinthischen Schissen so
 rasch als möglich über den Ionischen Meerbusen segelten, während die Korinther,
 die zu ihren zehn eigenen Fahrzeugen noch zwei Leukadische und drei
 Amprakiotische bemannt hatten, später nachfahren sollten.Gylippos schickte von
 Tarent aus zuerst Botschaft nach Thuria, indem er sie an das Bürgerrecht 
 erinnerte, welches sein Vater bei ihnen genossen er konnte sie jedoch nicht
 gewinnen und schiffte deßhalb weiter an der Küste hin um Italien herum.
 Unterwegs wurde er im Terinäischen Busen von einem 
 
 
 
 
 Sturm überfallen, welcher in dieser Gegend mit großer Heftigkeit ständig
 aus Norden weht, und in'S offene Meer hinaus verschlagen, und nachdem er auf das
 Heftigste herumgeshclendert worden war, lief er wieder in den Hasen von Tarent
 ein, wo er die Schiffe, die vom Sturm gelitten hatten, an's Land zog und
 ausbesserte. Nikias erfuhr zwar, daß er heransegele, aber er verachtete die
 geringe Zahl seiner Schiffe, wie auch die Thurier gethan; denn er glaubte, sie
 seien mehr in der Art von Seeräubern gerüstet ausgefahren, und ergriff 
 ihretwegen keine Vorsichtsmaßregeln.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer machten auch die Lakedämonier einen Einfall
 in Argolis, sie selbst sammt ihren Bundesgenossen, und verwüsteten den größten
 Theil des Gebietes. Die Athener aber kamen den Argivern mit dreißig Schiffen zu
 Hülfe, wodurch sie ihren Friedensvertrag mit den Lakedämoniern auf's 
 Unzweideutigste brachen. Vorher nämlich hatten sie zwar von Pylos aus Raubzüge
 unternommen und auch sonst die Argiver und Mantimer mit den Waffen unterstützt,
 allein sie waren dabei mehr auf den andern veloponnesischen Küsten gelandet, und
 nicht in Lakonien, und obgleich die Argiver sie oft aufgefordert hatten, mit
 ihnen bewaffnet auf Lakonischem Gebiet zu landen und auch nur einen noch 
 so kleinen Theil desselben zu verwüsten und dann wieder abzuziehen, so hatten
 sie nicht gewollt. Jetzt aber machten sie unter Führung des Pythodoros und
 Laispodios und Demaratos eine Landung beim Limerischen EpidauroS und Prasia und
 verwüsteten diese und andere Gegenden und gaben also damit den Lakedämoniern
 jetzt einen noch begründeteren Vorwand an die Hand, sich gegen sie vertheidigen
 zu müssen. Als die Athener von Argos auf ihren Schiffen wieder 
 zurückgekehrt waren, und ebenso auch die Lakedämonier, so sielen die Argiver in
 Phliasia ein, verwüsteten das Land, tödteten einige Mannschaft und kehrten dann
 wieder nach Hause zurück.

Gylippos aber und Pythen, nachdem sie ihre Schiffe in 
 guten Stand gesetzt, segelten von Tarent nach Lokri Epizephyrii. Da
 erfuhren sie denn bereits mit mehr Gewißheit, daß Syrakus noch nicht ganz
 eingeschlossen und es noch möglich wäre, bei Epipolä mit einem Heere in die
 Stadt zu kommen. So beriethen sie nun, ob sie die Insel Sieilien zur Rechten
 nehmen und die Einfahrt zu erzwingen wagen sollten/oder zuerst links gen Himera
 segeln und die Dortigen selbst und andere Mannschaft an sich ziehen, wen sie
 immer dazu überreden könnten, und dann zu Lande weiter ziehen. Beschlossen
 wurde, nach Himera zu segeln, zumal auch die vier attischen Schiffe noch nicht
 vor Rhegium erschienen waren, obgleich doch Nikias dieselben abgeschickt, sobald
 er erfahren hatte, daß jene in Lokri seien. Sie kamen auch diesen Wachschiffen
 zuvor, segelten durch die Meerenge, landeten bei Rhegium und Messana und kamen
 so nach Himera. Hier überredeten sie die Himeräer, auch den Krieg zu wagen und
 mit ihnen zu ziehen und den unbewaffneten Seeleuten auf ihren Schiffen 
 Waffen zu geben — sie hatten nämlich ihre Schiffe bei Himera an's Land gezogen.
 Auch schickten sie zu den Selinuntiern und hießen sie mit ihrer Mannschaft an
 einem bestimmten Punkte zu ihnen zu stoßen. Etliche Mannschaft versprachen ihnen
 auch die Getaner zu schicken, und so auch einige von den Sikulern, die jetzt
 schon viel eifriger waren ihnen beizutreten, da Archonidas kurz zuvor gestorben
 war, der König gewesen über einige Sikulerstämme in jener Gegend und nicht
 ohne Macht und den.Athenern befreundet, und weil auch von Lakedämon der Zug des
 Gylippos mit Eifer unternommen zu sein 
 
 
 
 schien. Gylippos nahm nun von seinen Mairosen und Seesoldatcn die
 wohlbewaffneten, ungefähr isebenhundert, und dazu schwer- und leichtbewaffnete
 Himeräer, beide zusammen tausend Mann, und hundert Reiter und einige
 Leichtbewaffnete und Reiter der Selinuntier sammt wenigen Gelanern, und von den
 Sikulern im Ganzen tausend, und marschirte so gegen Syrakus.

Die Korinther mit den andern Schiffen trachteten von LeukaS aus so schnell es
 ging nachzukommen, und Gongylos, einer der korinthischen Hauptleute, der mit
 Einem Schiffe zuletzt abgesegelt war, kam zuerst nach Syrakus, kurz vor
 Gylippos. Die Bürger der Stadt traf er, wie sie grade eine Versammlung halten
 wollten, um zu berathen, wie sie der Kriegsbedrängniß ledig würden. DaS 
 hieß er sie unterlassen und sprach ihnen Muth zu und sagte ihnen, daß noch
 andere Schiffe auf der Herfahrt seien und auch der Befehlshaber Gylippos, des
 Kleandridas Sohn, von den Lakedämoniern gesendet. Da faßten die Syrakusier
 wieder Muth und zogen sogleich mit gesammter Macht aus, um dem Gylippos
 entgegenzugehen, denn sie hatten schon vernommen, daß er in der Nähe sei. Dieser
 hatte unterwegs eine Festung der Sikuler, mit Namen Geta ), genommen und
 rückte in Schlachtordnung gegen Epipolä an. Dann erstieg er den Euryelos dort,
 wo auch die Athener das erste Mal hineingekommen waren, und rückte mit den
 Syrakusanern gegen die Belagerungsmauer der Athener. Es traf sich aber, daß er
 zu der Zeit kam, als die Athener ihre doppelte Mauer nach dem großen Hafen
 schon auf sieben oder acht Stadien Länge fertig hatten, und eS fehlte nur noch
 ein kleines Stück zum Meere, und daran bauten sie eben. Für den andern Theil der
 Ringmauer, gegen den Trogilos hin, nach dem Meere aus der andern Seite, lagen
 die Steine zum meisten Theil schon bereit, und zum Theil wurde die Arbeit 
 halbfertig, zum Theil auch schon ganz fertig im Stich gelassen. So nah war
 Syrakus an der äußersten Gefahr.

Die Athener, als Gylippos und die Syrakusaner so plötzlich gegen sie
 heranrückten, geriethen Anfangs in Verwirrung, stellten 
 
 sich aber doch in Schlachtordnung auf. Jener aber ließ in der Nähe 
 Halt machen und schickte einen Herold zu ihnen und ließ sagen:, wenn sie
 inner fünf Tagen von Sieilien abziehen wollten und das Ihrige mitnehmen, so
 wolle er einen Vertrag mit ihnen schließen. Die Athener verachteten dieß aber
 und gaben gar keine Antwort, und danach stellten sich beide Theile gegen
 einander auf wie zur Schlacht. Da aber Gylippos sah, daß die Syrakusaner in
 Verwirrung geriethen und nicht leicht in Ordnung zu bringen waren, so 
 führte er das Heer wieder etwas rückwärts, wo er mehr Raum hatte. Nikias aber
 führte seine Athener nicht nach, sondern blieb ruhig bei seiner Mauer stehen,
 und da Gylippos sah, daß sie nicht heranrückten, so führte er sein Heer auf die
 Temenitische Anhöhe, und dort blieben sie die Nacht über. Den folgenden Tag
 führte er den größten Theil seines Heeres hinab und stellte ihn nah gegen die
 Mauer der Athener in Schlachtordung, damit sie nicht anderwärts Hülse 
 schicken könnten, und unterdeß schickt er eine Abtheilung gegen den festen
 Posten Labdalon und nimmt ihn und läßt Alle niederhauen, die gefangen wurden.
 Dieser Platz lag aber den Athenern nicht im Gesicht. Und am selben Tage wurde
 den Athenern auch ein Dreiruderer von den Syrakusanern abgenommen, der im großen
 Hafen vor Anker lag.

Danach bauten die Syrakusaner und ihre Bundesgenossen eine einfache Mauer, von
 der Stadt angefangen landeinwärts durch Epipolä durch bis an die Quermauer,
 damit eS den Athenern, sofern sie das nicht hindern könnten, unmöglich würde,
 sie ganz mit ihrer Mauer einzuschließen. Auch die Athener rückten mit ihrem Bau
 schon landeinwärts, denn sie hatten die Mauer am Meer bereits vollendet.
 Eine Stelle der athenischen Mauer war aber schwach, und so bot Gylippos in einer
 Nacht sein Heer auf und rückte gegen diesen Punkt heran. Wie das aber die
 Athener merkten, denn sie hatten sich zufällig die Nacht über außerhalb
 gelagert, so marschirten sie ihm entgegen, und da jener dieß sah, so führte er
 die Seinigen rasch wieder ab. An dieser Stelle nun bauten die Athener ihre 
 Mauer noch höher und hielten daselbst Wache, und auch ihren Bundesgenossen
 wiesen sie an der übrigen Mauer die Stelle an, wo ein Jeder Wache halten sollte.
 
 
 
 Dem Nikias aber schien es gut, das sogenannte Plemmyrion zu befestigen. Es
 ist dieß ein Vorgebirg, der Stadt grade gegenüber, springt über den großen Hasen
 vor und verengt dessen Einfahrt. Wenn dasselbe befestigt würde, so schien es
 ihm, werde die nöthige Zufuhr leichter vor sich gehen, denn so würden seine
 Schiffe in größerer Nähe beim Hafen der Syrakusaner ankern, und wenn diese 
 etwas mit ihrer Flotte unternehmen sollten, so dürfte er nicht erst aus dem
 entfernten Winkel des Hafens sein Ansegeln gegen sie in's Werk fetzen. Und
 überhaupt dachte er sich jetzt mehr an den Seekrieg zu halten, da er sah, daß
 seit des Gylippos Ankunft der Krieg zu Lande wenig mehr versprach. So brachte er
 also sein Heer und die Schifft hinüber und erbaute drei Kastelle, in denen dann
 auch das Meiste von Geräthschaften aufbewahrt lag, und auch die großen 
 Schiffe gingen dort vor Anker und die Schnellsegler, weßhalb denn auch, wohl
 schon von jetzt an, die Schiffsmannschaft in eine schlimme Lage kam, denn es war
 nur wenig Wasser da und weither zu holen, und auch wenn die Schiffsleute zum
 Holzsammeln ausgingen, wurden sie von den Syrakusanischen Reitern, welche die
 Gegend beherrshcten, niedergemacht. Die Syrakufier hatten nämlich den dritten
 Theil ihrer Reiterei derer in Plemmyrion wegen bei dem Städtchen am 
 Olympieion aufgestellt. Nun erfuhr Nikias, daß auch die übrigen Schiffe der
 Korinther im Ansegeln seien, und schickte, ihnen aufzupassen, zwanzig von seinen
 Schiffen ab, denen befohlen wurde, in der Gegend von Lokri und Rhegium und an
 den fikelischen Landungspunkten auf der Lauer zu liegen.

Gylippos aber baute nicht nur an der Mauer durch Epipolä, indem er dazu die
 Steine verbrauchte, welche die Athener vorher für sich selbst herbeigeschafft
 hatten, sondern führte auch täglich die Syrakufier und die Bundesgenossen vor
 die Befestigungswerke und stellte sie in Schlachtordnung auf, und die Athener
 thaten ebenso. Da nun einmal dem Gylippos die Gelegenheit günstig schien, so
 begann er den Angriff, und als man handgemein geworden, kämpften beide
 Theile zwischen ihren Mauern, wo den Syrakusanern ihre Reiterei zu Nichts
 nützte. Als nun die Syrakufier und ihre Bundesgenossen besiegt worden waren und
 unter dem Schutz eines Vertrages ihre Todten aufgehoben und die Athener ein
 Siegeszeichen ausgestellt 
 hatten, berief Gylippos sein Heer zusammen und sagte, nicht an 
 ihnen läge die Schuld, sondern an ihm selber; denn da er die Schlachtlinie
 zu weit zwischen die Mauern hinein aufgestellt habe, so sei die Reiterei und die
 Speerschützen nicht in's Gefecht gekommen; jetzt wolle er sie aber wieder gegen
 den Feind führen, und sie sollten doch bedenken, daß sie an Kriegsrüstung nicht
 die Schwächeren seien, und was den Muth anbelange, so wäre es doch unerträglich,
 wenn sie als Dorier und Peloponnesier sich nicht getrauten, über Jopier, 
 Insulaner und zusammengelaufenes Volk Herr zu werden und sie auS dem Land zu
 jagen.

Und danach, als die Gelegenheit sich gab, führte er sie wieder gegen den Feind.
 Nikias aber und die Athener waren der Meinung, auch wenn jene nicht den Kampf
 zuerst beginnen wollten, so dürften sie doch nicht ruhig zusehen, wie jene ihre
 Mauer längs ihrer eigenen immer weiter führten — denn die Syrakusische Mauer
 war schon genau bis zum Ende der Athenischen gekommen, — und wenn sie über
 ihre eigene hinausgeführt werde, so hätten die Syrakusaner auch ohne die Waffen
 anzurühren bereits denselben Vortheil, als wenn sie in allen Gefechten siegten.
 Deßhalb gingen sie den Syrakusiern entgegen. Gylippos aber stellte feine 
 Schwerbewaffneten mehr außerhalb der Mauer auf, als das erste Mal, und nahm das
 Gefecht mit ihnen an, seine Reiter und Schützen aber stellte er den Athenern in
 die«Flanke aus offenem Feld, wo der Bau der beiderseitigen Mauern schon
 aufhörte. Im Gefecht nun warfen sich die Reiter auf den linken athenischen
 Flügel, der ihnen gegenüberstand, und trieben ihn in die Flucht, und somit wurde
 denn auch das übrige Heer von den Syrakusanern geschlagen und in die 
 Verschanzungen zurückgeworfen. In derselben Nacht aber kamen jene in 
 Weiterführung ihrer Mauer den Athenern zuvor, so daß sie von jetzt an nicht mehr
 von denselben gehindert werden konnten, und diese, selbst wenn sie siegten,
 durchaus nicht mehr die Möglichkeit hatten, jene mit ihrer Mauer zu
 umfassen.

Nach diesen Vorfällen kamen auch die andern zwölf Schiffe der Korinther,
 Amprakioten und Leukadier glücklich an, ohne daß die auflauernden Athener sie
 bemerkt hätten. Es befehligte auf ihnen der Korinther Erasinides, und sie halfen
 denn auch den Syrakusanern 
 
 weiter bauen bis zur Quermauer. GylippoS aber ging nach andern Gegenden
 SicilienS, des Zuzugs wegen, sowohl um See- und Landtruppen zu sammeln, als auch
 um diejenigen Städte zum Mithandeln zu bewegen, welche bis dahin sich wenig
 eifrig gezeigt oder ganz und gar vom Krieg ferngehalten hatten. Von den Andern
 aber, Syrakusanern und Korinthern, waren Gesandte nach Lakedämon und 
 Korinth geschickt worden, daß noch weitere Kriegsmacht überschifft würde, wie es
 immer anginge, aus Lastschiffen oder auf Kriegsschiffen, oder sonst wie, da auch
 die Athener ihrerseits um Verstärkung geschickt hätten. Die Syrakusaner
 bemannten nun aber auch ihre Schiffe und schickten sich an, mit denselben thätig
 aufzutreten, und zeigten sich auch sonst sehr rührig.

Nikias aber, als er dieß bemerkte und sah, wie die Macht der Feinde und seine
 eigene Verlegenheit von Tag zu Tag wuchs, schickte auch seinerseits Boten nach
 Athen, wie er denn auch sonst bei allen Gelegenheiten und Vorfällen Meldung
 that, und jetzt um so mehr, da er sich für sehr gefährdet hielt und an keine
 Rettung mehr glaubte, wenn nicht jene entweder seine Armee abholten oder 
 zahlreiche Verstärkung schickten. Weil er aber fürchtete, daß seine Abgesandten,
 sei es nun aus Mangel des Vortrags oder aus Vergeßlichkeit oder auch in der
 Absicht, dem Volke nach dem Munde zu reden, nicht den wahren Verhalt darstellen
 möchten, so schrieb er selbst einen Brief, in der Meinung, daß so die Athener
 ohne Entstellung von Seiten des Boten seine wirkliche Ansicht von der 
 Sachlage erfahren und einen der Wirklichkeit entsprechenden Beschluß fassen
 würden. Seine Abgesandten nun gingen mit diesem Briefe und den sonstigen
 Aufträgen ab, Nikias selbst aber nahm seine Pflicht wahr, indem er sich lieber
 mit aller Vorsicht im Lager hielt, als daß er seinerseits die Gefahr einer
 Schlacht gesucht hätte.

Als derselbige Sommer zu Ende ging, zog auch Euetion, Feldherr der Athener, mit
 Perdikkas und vielen Thrakern zu Felde gegen Amphipolis, und diese Stadt zwar
 nahm er nicht, doch brachte er einige Dreiruderer in den Strymon hinaus und
 belagerte die 
 
 Stadt von diesem Flusse aus. Himeraion war sein Wassenplatz. 
 So ging dieser Sommer zu Ende.

Im folgenden Winter kamen die Boten des Nikias nach Athen und richteten aus,
 was ihnen mündlich aufgetragen war, und wenn sie Einer sonst etwas fragte, so
 standen sie Rede und übergaben auch den Brief. Da trat der Staatsschreiber auf
 und las den Athenern den Brief vor, der also lautete:

„Was früher vorgefallen ist, ihr Athener, das wisset ihr aus andern Briefen;
 jetzt aber ist es nicht minder an der Zeit, daß ihr erfahret, wie die Dinge bei
 uns stehen, und danach eure Beschlüsse fasset. Nachdem wir in den meisten
 Gefechten die Syrakusaner, gegen die wir ausgeschickt wurden, besiegt und die
 Vershcanzungen erbaut hatten, in denen wir jetzt liegen, kam Gylippos, der
 Lakedämonier, mit einem Heere aus dem Peloponnes und einigen Städten Siciliens.
 Und zwar>in der ersten Schlacht ist er von uns besiegt worden, in der
 folgenden aber wurden wir durch seine zahlreichen Reiter und Schützen übermannt
 und mußten uns in unsere Vershcanzungen zurückziehen. Seitdem nun haben wir die
 Einschließung durch eine Mauer abbrechen müssen wegen der großen Zahl unserer
 Gegner und halten uns ruhig; denn wir könnten ja nicht das ganze Heer dazu 
 verwenden, da die Bewachung der Mauern einen Theil der Schwerbewaffneten in
 Anspruch nimmt; — jene aber haben längs der unsrigen auch eine einfache Mauer
 gebaut, so daß es nicht mehr möglich ist, sie einzuschließen, wenn man nicht
 vorher diese ihre Nebenmauer mit großer Macht angriffe und nähme. Es hat sich
 also so gewendet, daß wir, die wir Andere einzuschließen gedachten, jetzt
 vielmehr selber eingeschlossen sind, wenigstens zu Lande; denn wir können uns
 nach der Landseite der Reiterei wegen nicht weit hinauswagen."

»Sie haben aber auch Boten in den Peloponnes geschickt um Zuzug an Kriegsmacht,
 und Gylippos reist in den Städten Si­ 
 
 
 ciliens umher, theils die zur Theilnahme am Krieg zu bereden, die sich
 jetzt noch ruhig verhalten, theils auch, um wo möglich Landtruppen und
 Seerüstung beizuschaffen. Denn, wie ich erfahre, find sie Willens, zugleich
 unsere Mauern mit dem Landheer und zur See mit ihren Schiffen anzugreisen. Und
 möge sich Keiner von euch verwundern, daß auch ein Seeangriff beabsichtigt ist!
 Denn auch jene wissen gar wohl, daß Anfangs zwar unsere Flotte im besten Stand
 war, wegen der Trockenheit der Schiffe und der Gesundheit und 
 Vollzähligkeit der Bemannung; jetzt aber haben unsere Schiffe von der Nässe
 gelitten, da sie schon so lange in See sind, und die Mannschaft geht zu Grunde.
 Denn es ist nicht möglich, die Schiffe an's Land zu ziehen und austrocknen zu
 lassen, weil die an Zahl uns gewahcsene und sogar noch überlegene Flotte der
 Gegner uns beständig in Erwartung eines Angriffs hält, und eS sind auch alle
 Anzeichen da, daß ihrerseits ein Angriff vorbereitet wird. Ueberdieß können sie
 auch leichter ihre Fahrzeuge abtrocknen lassen, denn sie brauchen nicht vor
 Anker Andere zu überwachen."

„Wir selbst aber würden auch nicht einmal bei großer Ueberlegenheit an
 Schiffszahl des gleichen Vortheils genießen, selbst wenn wir nicht, wie es jetzt
 der Fall ist, gezwungen wären, mit sämmtlichen Schiffen Wache zu halten. Denn
 wenn wir auch nur um ein Geringes in unserer Wachsamkeit nachließen , so könnten
 wir uns den nöthigen Unterhalt nicht verschaffen-, den wir an der 
 feindlichen Stadt vorüber so nur mit Mühe beitreiben können. Von unserer
 Mannschaft ist schon ein gutes Theil verloren gegangen, und sie leidet noch
 weitere Verluste, da die Seeleute beim Holzholen und bei weiteren Streifungen,
 des Wassers oder des Beutemachens wegen, von den Reitern niedergehauen werden.
 Die Bedienungsmannschaft aber läuft über, seitdem die Wage zwischen uns
 gleichsteht, und die Miethstruppen, die zum Seedienst gepreßt worden sind, gehen
 bei der ersten Gelegenheit davon und zerstreuen sich in die Städte. 
 Diejenigen aber, welche sich Anfangs durch die hohe Löhnung gewinnen ließen und
 mehr an's' Geldmachen als an's Fechten dachten, die machen sich jetzt, wo sie
 wider Erwarten auf Seiten des Feindes eine 
 
 Flotte und sonstige Kriegsmacht sehen, so gut, wie Jeder kann, aus 
 dem Staube. Sleilien ist ja groß! Ja es gibt auch Solche, die sich 
 Hykkarische Sklaven 2) erhandelten und diese an ihrer Statt auf die Schiffe
 setzten, indem sie die Schiffshauptleute bestachen, und so ist die Ordnung und
 Pünktlichkeit des Seedienstes verschwunden."

„Ich wiederhole es euch, obgleich ihr eS selbst schon wisset, daß der
 treffliche Zustand der Flottenmannschaft nicht von langer Dauer war, und es find
 jetzt nur Wenige unter der Bemannung, die es verstehen, ein Fahrzeug in Bewegung
 zu setzen und das Rudern in Ordnung zu halten. Von dem Allem aber das Schlimmste
 ist, daß ich, der Feldherr, kein Mittel habe, dem zu wehren, und daß wir
 keine Quellen haben, um unsere Schiffsbemannung zu ergänzen, wozu unsern Feinden
 viele Wege offen stehen; sondern nothgedrungen muß das, was wir mitgebracht
 haben, sowohl die Erfordernisse des Augenblicks bestreiten, als auch zur
 Ergänzung der Verluste dienen; denn die jetzt mit uns verbündeten Städte, Naxos
 und Katana, haben keine Mittel. Sollte sich aber auch noch das Eine zu Gunsten
 unserer Gegner wenden, daß die Gegenden Italiens, welche uns nähren, —
 wenn sie sehen, wie es um uns steht, und daß ihr keine Hülfe schicket — zu jenen
 übertreten, so find wir durch Einschließung zur Uebergabe gezwungen, und der
 Krieg ist ohne weiteren Schwertstreich aus." 
 „Ich hätte euch zwar angenehmere Dinge, als diese, melden können, nützlichere
 jedoch nicht, sosern ihr bei genauer Kenntniß der hiesigen Lage eure Entschlüsse
 fassen wollt. Und da ich eure Art und Weise recht gut kenne, daß ihr nämlich
 immer das Angenehmste hören wollt, hinterdrein aber mit Anklagen kommt, wenn die
 Sache nicht nach Erwarten ausgeht, so hielt ich es für gerathener, die 
 Wahrheit darzulegen."

„Was nun den Zweck betrifft, zu dem wir zuerst hieher gekommen find, so seid
 überzeugt, daß sich Soldaten sowohl wie Führer in dieser Beziehung untadelig
 benommen haben. Da aber jetzt ganz Sieilien gegen uns zusammensteht und vom
 Peloponnes ein zweites Heer zu erwarten ist, so bedenket selbst, daß unsere
 gegen­ 
 
 
 wärtigen Mittel nicht einmal für den Augenblick genügen, sondern daß ihr
 entweder die Leute hier abholen oder eine zweite und nicht geringere Macht an
 Land- und Seetruppen herschicken müsset und dazu viel Geld und.auch für mich
 einen Nachfolger, da ich einer Nierenkrankheit wegen nicht im Stande bin, auf
 meinem Posten zu bleiben. Ich hoffe, daß mir von euch Nachficht geschenkt werde,
 denn so lange ich gesund war, habe ich euch als Führer viele gute Dienste 
 geleistet. Was ihr aber thun wollt, das thut gleich mit FrühlingsAnfang und
 schiebt Nichts auf, denn die Feinde werden sich die Verstärkung aus Sieilien
 rasch verschaffen, — die aus dem Peloponnes zwar nicht so bald, aber doch, wenn
 ihr nicht die Sache scharf in'S Auge fasset, werden sie theils eure
 Aufmerksamkeit täuschen, wie auch das erste Mal, theils euch zuvorkommen."

So lautete der Brief des Nikias; die Athener aber, nachdem sie denselben
 angehört, entbanden den Nikias nicht vom Oberbefehl, sondern gaben ihm, bis die
 andern gewählten Mitbefehlshaber ankämen, einstweilen zwei aus den dort
 Befindlichen, den MenandroS und den Euthydemos, damit er nicht bei seiner
 Krankheit die Beschwerden allein zu tragen habe; auch beschlossen sie, ein
 zweites Heer nachzusenden, See- und Landtruppen, aus der Dienstrolle der Athener
 sowohl, als aus den Bundesgenossen. Als Mitfeldherrn wählten sie, für ihn
 den Demotshenes, Sohn des Alkisthenes, und des Thukles Sohn Eurymedon. Und den
 Eurymedon schickten sie sogleich um die Zeit der Wintersonnenwende mit zehn
 Schiffen nach Sieilien und hundert und zwanzig 6) Talenten Silbers, und zugleich
 sollte er dort melden, daß Hülse käme und für Alles gesorgt werden solle.

Demotshenes hingegen blieb noch zurück und rüstete zur Abfahrt, um mit
 Frühlingsanfang unter Segel zu gehen, und schrieb Truppen aus unter den
 Bundesgenossen und brachte von der attischen Landschaft Geld ein und Schiffe und
 Schwerbewaffnete. Die Athener schickten aber auch zwanzig Schiffe in die
 peloponnefischen Gewässer, die Acht haben sollten, daß Niemand von Korinth und
 dem übrigen Peloponnes nach Sieilien überfahre. Die Korinther nämlich, da
 auch zu ihnen Boten kamen, welche die bessere Wendung der. 
 
 Dinge in Stellten meldeten, hielten dafür, daß die Absendung ihrer 
 ersten Schiffsabtheilung ganz vortheilhaft gewesen wäre, und machten nun
 noch größere Anstrengungen und rüsteten sich, auf Lastschiffen aus Eigenem
 Schwerbewaffnete nach Sieilien zu schicken, und deßgleichen thaten auch die
 Lakedämonier, um aus dem übrigen Peloponnes Truppen überzusetzen. Kriegsschiffe
 bemannten die Korinther fünfundzwanzig, um gegen das Athenische
 Beobachtungsgeschwader bei Naupaktos ein Seegefecht zu wagen, damit die dortigen
 Athener ihre Lastschiffe um so weniger am Aussegeln hindern könnten, indem
 sie ihre Aufmerksamkeit den ihnen gegenüberstehenden Kriegsschiffen zuwenden
 müßten.

Es rüsteten aber die Lakedämonier auch einen Einfall nach Attika, den sie
 selbst bereits früher beschlossen hatten, und wozu Syrakusaner und Korinther,
 als sie von dem HülfSzug der Athener gegen Sieilien erfuhren, dringend
 aufforderten, in der Meinung nämlich, daß dieser durch jenen Einfall verhindert
 werden könne. Und auch Alkibiades trat dem bei und gab ihnen an die Hand, sie
 sollten Dekeleia befestigen und nicht ablassen vom Krieg. Am meisten 
 Zuverficht aber erwuchs den Lakedämoniern aus.der Meinung, daß die Athener, von
 zwiefachem Kriege bedrängt, dem gegen sie selbst und dem gegen die Sieilianer,
 leichter zu bewältigen sein würden, und dann auch weil sie meinten, daß die
 Athener dießmal zuerst die Verträge gebrochen hätten; denn in dem früheren
 Kriege sei die Schuld eher auf ihrer Seite gewesen, weil die Thebaner noch
 während des Waffenstillstandes in Platäa eingefallen seien, und weil in den
 früheren Verträgen 8) ausgemacht war, nicht zu den Waffen zu greifen, wenn
 die eine Partei ein Schiedsgericht anbiete, welches letztere eben die Athener
 damals gethan hatten, ohne daß sie darauf hören wollten; und deßhalb, glaubten
 sie, habe sie das Mißgeschick mit Recht betroffen, denn das Unglück bei Pylos
 und was ihnen sonst dergleichen begegnet war, hatten sie sich sehr zu Gemüth
 genommen. Da aber dießmal die Athener mit dreißig Schiffen von Argos aus 
 
 
 
 
 einen Theil deS Gebiets von Epidauros und Prasiä, sowie auch andere
 Gegenden'verwüstet hatten und zugleich von Pylos aus Raubzüge unternahmen, und
 da auch, so oft wegen irgend eines nach den Verträgen streitigen Punktes ein
 Zwiespalt entstand und die Lakedämonier Schiedsgerichte vorschlugen, die Athener
 aus dieselben nicht eingehen wollten, so glaubten die Lakedämonier, wie früher
 die Schuld auf ihrer Seite gewesen, ebenso sei dieselbe jetzt auf Seiten
 der Athener, und so waren sie denn zu der Kriegführung um so eifriger. Und im
 Verlaufe dieses Winters noch schrieben sie unter den Bundesgenossen Lieferungen
 von Eisen aus und rüsteten auch sonst alles Geräthe zum Festungsbau. Und auch um
 denen in Sicilien auf Lastschiffen Unterstützung zuzusenden, schafften sie
 selber das Nöthige herbei und nöthigten zu Gleichem auch die andern 
 Pelovonnesier. 
 
 So ging der Winter zu Ende und mit ihm
 endete das achtzehnte Jahr dieses Krieges, den Thukydides beschrieben hat.

Sogleich als der folgende Frühling begann, fielen die Lakedämonier und ihre
 Bundesgenossen, so früh sie nur konnten, in Attika ein. Anführer war Agis, des
 Archidamos Sohn, König der Lakedämonier. Und zuerst verwüsteten sie das ebene
 Land und gingen dann an die Befestigung von Dekeleia, indem sie die Arbeit unter
 die einzelnen Städte vertheilten. Dekeleia ist aber von Athen selbst etwa
 hundert und zwanzig Stadien (gegen drei Meilen) entfernt, und ungefähr eben so
 weit oder doch nicht viel weiter von der Böotischen Gränze. Es war aber die
 Festung aus der Ebene selbst, und zwar in der fruchtbarsten Gegend erbaut worden
 und bis nach Athen hin sichtbar. Die Peloponnesier in Attika also sammt ihren
 Bundesgenossen arbeiteten an dieser Festung, die im Peloponnes aber 
 schickten um dieselbe Zeit auf Lastschiffen die Schwerbewaffneten nach Sieilien.
 Die Lakedämonier hatten hiezu von den Heloten und Neubürgern die Tüchtigsten
 ausgewählt, von beiden zusammen gegen sechshundert Schwerbewaffnete, unter dem
 Befehl des Spartaners EkkritoS, die Böoter aber dreihundert Schwerbewaffnete,
 welche die Thebaner Xenon und Nikon und der Thespier HegesandroS 
 anführten. Diese nun gingen zuerst ab, und zwar stachen sie in See von Tänaron
 in Lakonien aus. Nicht lange nach diesem schickten die 
 Korinther fünfhundert Schwerbewaffnete ab, zum Theil aus Korinth 
 selbst genommen, zum Theil aus Arkadischem Volk gemiethet, und, gaben
 ihnen den Korinther Alexarchos zum Anführer.- Zugleich mit den Korinthern hatten
 aber auch die Sikyonier ^") zweihundert Schwerbewaffnete abgeschickt, unter den
 Befehlen des Sikyoniers Sargeus; die fünf und zwanzig Korinthischen Schiffe
 aber, die schon im Winter bemannt worden waren, ankerten gegenüber den zwanzig
 attischen bei Naupaktos, bis jene Schwerbewaffneten auf den Lastschiffen vom
 Peloponnes abgefahren waren, wie es denn ja auch von vornherein die
 Absicht ihrer Bemannung gewesen war, die Aufmerksamkeit der Athener von den
 Lastschiffen ab auf diese Kriegsschiffe zu lenken.

Unterdessen hatten auch die Athener sogleich mit Frühlingsanfang, und als die
 Befestigung Dekeleia's begann, dreißig Schiffe nach dem Peloponnes geschickt,
 welche Charikles, des Apollodoros Sohn, befehligte. Diesem war befohlen, auch
 bei Argos an's Land zu gehen und, dem Bundesvertrag gemäß, von den Argivern
 Schwerbewaffnete für seine Schiffe zu verlangen. Auch den Demosthenes 
 hatten sie, wie beabsichtigt war, nach Sieilien absegeln lassen mit sechzig
 athenischen Schiffen und sünsen von Chios, und an Schwerbewaffneten hatten sie
 ihm mitgegeben aus der Dienstrolle der Athener zwölfhundert und von den Inseln,
 soviele eben überallher aufzutreiben waren, und so auch von den übrigen
 unterworfenen Bundesgenossen, was immer dieselben zum Kriege Brauchbares hatten.
 Es war ihm befohlen worden, zuerst mit dem Charikles zu kreuzen und mit 
 demselben gegen Lakonien kriegerisch vorzugehen. So war denn Demotshenes zuerst
 nach Aegina gesegelt, um dort abzuwarten, was von seiner Mannschaft etwa noch
 zurückgeblieben war, und bis Charikles die Argiver an sich gezogen habe.

In Sieilien war um dieselbe Frühlingszeit Gylippos nach Syrakus zurückgekehrt,
 aus den Städten, die er zum Beitritt beredet hatte, an Mannschaft mit sich
 führend, so viel er eben überallher hatte auftreiben können. Dann berief er eine
 Versammlung der Syrakusier und sagte ihnen, sie müßten möglichst viele Schiffe
 bemannen und eine Seeschlacht versuchen. Er verspreche sich davon für 
 
 
 diesen Krieg einen Erfolg, der das Wagniß lohne. Auch Hermokrates
 vornehmlih ctrat diesem Rathe bei und meinte, sie dürften sich nicht fürchten,
 mit den Schiffen etwas gegen die Athener zu unternehmen, denn auch diese, sagte
 er, hätten ihre Erfahrung zur See nicht von ihren Vätern überkommen und besäßen
 sie nicht von jeher, vielmehr seien sie gegen die Syrakusaner eher
 Festlandsbewohner zu nennen und nur von den Medern gezwungen worden, Seeleute zu
 werden. So kühnen Männern, wie die Athener seien, müßten gleichkühne am
 furchtbarsten erscheinen. Denn wie jene, ohne jedes Mal an Macht überlegen zu
 sein, Andere oft nur durch die Kühnheit ihres Angriffs in Furcht setzten, so
 könnten ja auch sie ihren Gegnern die gleiche Kühnheit bieten, und er sei
 überzeugt, sagte er, wenn die Shrakusaner es wagen würden, ganz wider Erwarten
 der Athenischen Flotte den Kampf anzubieten, so würden sie eher in Folge des
 Schreckens der Athener den Sieg davontragen, als diese mit ihrer 
 überlegenen Uebung die geringere Geschicklichkeit der Syrakusaner in Nachtheil
 bringen könnten. Drum sollten sie nur drauflosgehen und ein Seegefecht versuchen
 und nicht lange zaudern. Und so rüsteten sich denn die Syrakusaner, auf Anrathen
 des GylippoS und HermokrateS und auch wohl Anderer, zu einer Seeschlacht und
 bemannten ihre Schiffe. s

Gylippos nun, nachdem er die Flotte hatte kampfbereit machen lassen, führte
 selbst unter dem Schutze der Nacht sein ganzes Landheer gegen die Verschanzungen
 am Plemmyrion, um dieselben von der Landseite anzugreifen, während gleichzeitig
 nach Verabredung fünf und dreißig Schiffe aus dem großen Hafen heransegelten,
 die andern aber, fünf und vierzig an der Zahl, aus dem kleineren, wo auch
 die Schiffswerft war, herumfuhren, um sich mit denen im großen Hafen zu
 vereinigen und gegen Plemmyrion anzusegeln, damit die Athener von zwei Seiten
 in'S Gedränge kämen. Die Athener aber bemannten rasch sechzig Schiffe und nahmen
 mit fünf und zwanzig derselben das Gefecht gegen die fünf und dreißig der
 Syrakusaner im großen Hafen auf, während sie mit den andern den Schiffen ent.
 gegenfuhren, welche von der Werft her herumsegelten. Grade vor der 
 Einfahrt in den großen Hasen kam es zum Gefecht, und lange hiel ten
 sie einander die Wage, die Einen, um die Einfahrt zu erzwingen, 
 die Andern, um dieß zu verhindern. <

Gylippos nun, während die Athener von Plemmyrion gegen das Meer herabfliegen
 und ihre Aufmerksamkeit dem Seegefecht zuwandten, überrascht dieselben, indem er
 ganz unerwartet mit Tagesanbruch die Verschanzungen angreift und zuerst die
 größte, dann aber auch die zwei kleineren wegnimmt, da deren Besatzungen nicht
 Stand hielten, wie sie sahen, daß die größere so leicht genommen worden
 war. Aus der zuerst genommenen Verschanzung kam die flüchtige Mannschaft, so
 viel ihrer sich auf die Kriegsschiffe und ein Lastschiff retten konnten, mit
 knapper Noth noch glücklich in'S Lager"); denn weil zu der Zeit im großen Hafen
 die Syrakufaner im Seegefecht noch die Oberhand hatten, so ließen sie jene durch
 einen schnellsegelnden Dreiruderer verfolgen. Als aber die beiden andern 
 Kastelle eingenommen wurden, waren die Syrakusaner bereits geschlagen, und so
 konnten die Flüchtlinge aus diesen Vershcanzungen leichter an ihnen
 vorbeifahren. Es hatten nämlich die Schiffe der Syrakufaner vor der
 Hafeneinfahrt im Gefecht die Schiffe der Athener überwältigt, waren aber ohne
 Ordnung in deren Linie eingedrungen, hatten sich selbst einander in Verwirrung
 gebracht und spielten so den Sieg den Athenern wieder in die Hände, welche nicht
 nur diese eingedrungenen, sondern auch die im Hafen früher gegen sie siegreichen
 Schiffe in die Flucht jagten. Eilf Schiffe der Syrakufaner versenkten sie
 dabei und die Mehrzahl der Bemannung tödteten sie, ausgenommen die von drei
 Schiffen, welche sie zu Gefangenen machten; ihnen selbst waren drei Schiffe
 verloren gegangen. Nachdem sie dann die Schiffstrümmer der Syrakufaner an's Land
 gezogen und auf der kleinen Insel vor dem Plemmyrion ein Siegeszeichen
 ausgestellt hatten, zogen sie sich in ihr Lager zurück.

In der Seeschlacht also war es den Syrakusanern so ergangen, die Vershcanzungen
 auf dem Plemmyrion aber blieben in ihren Händen, und sie stellten dafür drei
 Siegeszeichen auf. DaS eine von den beiden zuletzt genommenen Kastellen rissen
 sie nieder, 
 
 
 
 die zwei andern aber setzten sie wieder in Stand und legten Mannschaft
 hinein. Bei der Erstürmung dieser Kastelle waren viele Leute gefallen oder
 gefangen worden und auch sämmtliche Vorräthe in Feindeshand gefallen; denn da
 die Athener sich dieser Verschanzungen als Magazine bedienten, so lagen dort
 viele Kaufmannswaaren und Getreide aufgestapelt, und auch viele Vorräthe der
 Schisssbefehliger, wie denn auch das Segelwerk für vierzig Dreiruderer und die
 übrigen Ausrüstungsgegenstände und auch drei an's Land gezogene 
 Dreiruderer dort verloren gingen. So wurde die Einnahme von Plemmyrion für das
 Heer der Athener zu einem der ersten und bedeutendsten Verluste; denn es war
 jetzt auch nicht einmal mehr die Einfahrt für die Zufuhren an Lebensmitteln
 gesichert, weil sich die Syrakusaner dort mit Schiffen vor Anker gelegt hatten,
 um die Zufuhr zu hindern, so daß man um dieselbe bereits fechten mußte; und auch
 sonst kam über das Heer Bestürzung und Muthlofigkeit.

Danach schickten die Syrakusaner zwölf Schiffe aus unter dem Befehl ihres
 Mitbürgers Agatharchos. Eines von diesen Fahrzeugen brachte Gesandte nach dem
 Peloponnes, welche melden sollten, daß sie guter Hoffnung seien, und dort zur
 Betreibung des Krieges noch mehr aneifern. Die andern eils segelten gegen
 Italien, da sie erkundeten, daß Schiffe der Athener mit Geld ankommen sollten.
 Und wirklich trafen sie auf diese Schiffe und zerstörten die meisten, und 
 verbrannten auch in der Kaulonitischen Landschaft die Vorräthe an
 Schiffsbauholz, welche dort für die Athener bereit lagen. Danach fuhren sie nach
 Lokri, und während sie hier vor Anker lagen, kam eines der Peloponnesischen
 Lastschiffe an, welches die Thespischen Schwerbewaffneten führte. Diese
 übernahmen die Syrakusaner auf ihre Schiffe und fuhren dann nach Haus zurück.
 Die Athener indessen hatten ihnen bei Megara mit zwanzig Schissen aufgelauert
 und nahmen ihnen ein Fahrzeug sammt der Bemannung weg, den andern aber
 konnten sie nichts anhaben, sondern dieselben entkamen nach Syrakus. 
 Es kam aber auch zu einem Wurf- und Schleudergefecht bei den Pallisaden
 innerhalb des Hafens, welche die Syrakusaner vor ihren 
 
 
 alten Schiffswerften") in die See eingerammt hatten, damit ihre 
 Fahrzeuge innerhalb derselben vor Anker
 liegen und die Athener durch feindliches Ansegeln ihnen nicht schaden könnten.
 Die Athener nun führten ein Schleppschiff von tausend Lasten, welches hölzerne
 Thürme und Brustwehren trug, gegen die Pallisaden und umwickelten 
 dieselben aus ihren Kähnen mit Stricken und hoben sie mit der Winde heraus, oder
 brachen sie ab, oder ließen sie durch Taucher absägen. Die Syrakusaner nun
 schleuderten Geschosse von ihren Schiffswerften, und die Athener schossen von
 ihrem Lastschiff hinüber, und schließlich vernichteten sie den größten Theil des
 Pfahlwerks. Die gefährlichste Verpallisadirung war aber die unterseeishce, denn
 es waren auch Pfähle so eingerammt, daß sie nicht über das Wasser empor- 
 ragten, so daß eS höchst gefährlich war anzusegeln, denn wenn Einer nicht auf
 der Hut war, so saß das Schiff fest, wie auf einer Klippe. Aber auch diese
 wurden durch Taucher abgesägt, die dafür belohnt wurden. Gleichwohl jedoch
 machten die Syrakusaner ein neues Pfahlwerk. Und auch sonst versuchten sie
 manches Andere gegen einander, wie es natürlich ist, wenn sich feindliche Heere
 so nahe gegenüber- stehen , und es kam zu manchem Geplänkel und sonstigen 
 Unternehmungen. 
 Die Syrakusaner schickten aber auch Boten in die Städte der Korinther und
 Amprakioten und Lakedämonier, welche die Einnahme von Plemmyrion meldeten, und
 daß sie in der Seeschlacht nicht sowohl durch die Ueberlegenheit der Feinde, als
 durch ihre eigene Unordnung in Nachtheil gekommen seien; und auch sonst sollten
 sie bekannt geben, daß sie voll guter Hoffnung seien, und sollten zum 
 gemeinsamen Zuzug auffordern, mitSchiffen sowohl, als mit Landmacht, da auch die
 Athener ein zweites Heer erwarteten, und wenn sie zuvor die jetzt dort
 befindliche Armee der Athener vernichten könnten, so habe es ein Ende mit diesem
 Krieg. — DaS war eS, was in Sieilien vorfiel.

Demotshenes aber, nachdem sich sein Heer gesammelt, mit dem er denen in
 Sieilien zu Hilfe ziehen sollte, lichtete die Anker und ging von Aegina nach dem
 Peloponnes und vereinigte sich mit Cha­ 
 
 
 
 rikles und den dreißig athenischen Schiffen; und nachdem sie auch von den
 Argivern Schwerbewaffnete aufgenommen hatten, segelten sie gegen Lakomen und
 verheerten zuerst einen Theil des Llmenjchen Epldauros, dann landeten sie an der
 Lakonischen Küste gegenüber der Insel Kythera, dort, wo der Tempel des Apollo
 ist, verwütseten einen Strich Landes und vershcanzten eine Landenge, damit die
 Heloten von den Lakedämoniern dorthin überlaufen und zugleich von da 
 Streifparteien, wie von Pylos aus, auf Beute ausgehen könnten. Und zwar ging wer
 er henes, sobald er den Platz hatte in Besitz nehmen helfen, gleich weiter nach
 Kerkyra unter Segel, um auch von dort Bundesgenossen aufzunehmen und dann so
 schnell als möglich die Ueberfahrt nach Sieilien zu machen. Charikles aber
 blieb, bis er den Platz ganz befestigt hatte, und nachdem er dort eine Besatzung
 gelassen, fuhr er danach selbst mit den dreißig Schiffen nach Hause zurück 
 und die Argiver mit ihm.

Es kamen in diesem Sommer auch leichte Schildträger von den Thrakern diakischen
 Stammes, die mit Schwertern bewaffnet sind, nach Athen, ein tauen drei hundert
 an der Zahl, die mit Demosthenes hätten nach Sieilien fahren sollen. Da sie nun
 aber zu spät gekommen waren, so dachten die Athener, sie wieder nach 
 Thraten zurückzuschicken, woher sie gekommen; denn sich ihrer für den Krieg
 gegen Dekeleia zu bedienen, erschien zu kostspielig, da der Mann täglich eine
 Drachme Sold erhielt. Dekeleia nämlich war im Laufe dieses Sommers zuerst von
 der ganzen Armee befestigt worden und wurde dann abwechselnd von Truppen der
 einzelnen Städte besetzt, welche das Land bedrängten und den Athenern großen
 Schaden thaten, vornämlich an Hab und Gut und durch Menschenverlust. Denn 
 während die früheren Einfälle immer nur kurze Zeit gedauert und für die übrigen
 Theile des Jahres die Benützung des Landes nicht gehindert hatten, so saßen
 ihnen die Feinde jetzt ununterbrochen auf dem Nacken und machten zuweilen
 Angriffe in größerer Zahl, oder es fiel die gewöhnliche Besatzung, von Noth
 gedrängt, in die Landschaft ein und raubte und plünderte; auch war der
 Lakedämonier König Agis anweend, der den Kr^g durchaus nicht als Nebensache be
 andelte, und so erlitten die Athener große Verluste. DaS ganze Land blieb
 ihrer Benutzung entzogen, und mehr als zwanzig tausend Skla nen,
 meist Handwerker, liefen zum. Feind über, und alle Schafe und 
 Lastthiere gingen zu Grunde. , Auch die Pferde, weil die Reiterei, täglich
 ausfallen und Dekeleia angreifen und das Land bewachen mußte, wurden auf dem
 rauhen Boden bei der beständigen Anstrengung zum Theil lahm, zum Theil aber
 verwundet. '

Die Zufuhr an Lebensmitteln aus Euböa, welche früher von Oropos aus zu Land über
 Dekeleia stattgefunden hatte, ging jetzt auf kostspielige Weise zur See um Sunion
 herum, und an allen Gegenständen der Zufuhr litt Athen Mangel, und aus einer
 Stadt war es jetzt zu einem Waffenplatz geworden. Denn während des Tags
 lösten sich die Bürger in der Bewachung der Basteien ab, des Nachts aber waren
 Alle, nur die Reiter ausgenommen, theils auf den Sammelplätzen, theils ans der
 Mauer, und Winters und Sommers war die Anstrengung gleich groß. Am meisten aber
 kamen sie in'S Gedränge, weil sie zwei Kriege zu gleicher Zeit zu führen hatten,
 und sie zeigten dabei eine wetteifernde Ausdauer, an die vorher so leicht
 Keiner geglaubt hätte, wenn er davon hätte erzählen hören. Denn obgleich sie
 selbst wie durch eine Einschließung von Seiten der Peloponnesier bedrängt wurden,
 so ließen sie doch nicht von Sieilien ab, sondern belagerten dort aus gleiche
 Weise Syrakus, eine Stadt, die für sich allein nicht geringer ist, als Athen,
 und um so unerwarteter zeigten sie den Hellenen eine so große Macht und Kühnheit,
 als beim Beginn des Krieges die Einen geglaubt hatten, wenn die 
 Peloponnesier in Attika einfielen, so würden es die Athener höchstens ein Jahr
 lang aushalten, Andere zwei Jahre, Keiner aber hatte ihnen mehr als drei Jahre
 gegeben. Nun aber waren sie im siebzehnten Jahre nach dem ersten Einfall gegen
 Sieilien ausgefahren, und obgleich durch den Krieg schon in jeder Art geschwächt,
 hatten sie damit einen neuen Krieg auf sich genommen, der keineswegs
 geringer anzuschlagen war, als der frühere Peloponnesische. Dafür gingen
 ihnen aber auch bei ihrer damaligen Bedrangniß durch Dekeleia und bei ihrem
 sonstigen großen Auswand die Geldmittel aus, und sie legten um diese Zeit ihren
 Unterthanen, anstatt des früheren Beitrags, den zwanzigsten Theil aller Aus- und
 Einfuhr zur See als Steuer auf'^), 
 
 
 
 indem sie so ihre Einnahmen zu vermehren glaubten. Denn die Ausgaben waren
 nicht mehr dieselben, wie früher, sondern um so höher b gestiegen, als der Krieg
 an Ausdehnung gewonnen und die Einkünfte abgenommen hatten.

Die für den Demotshenes zu spät gekommenen Thraker also schickten die Athener
 sogleich wieder zurück, da sie bei dem drückenden Geldmangel die Kosten für
 dieselben nicht bestreiten wollten. Das Kommando über dieselben auf dem Rückweg
 gaben sie dem DiitrepheS, dem sie zugleich auftrugen, auf der Fahrt — die durch
 den EuripuS ging — womöglich mit diesen Leuten dem Feind Abbruch zu thun.
 DiitrepheS nun ließ sie bei Tanagra landen und in der Eile etwas plündern. Von
 Chalkis auf Euböa fuhr er dann zur Abendzeit über den EuripuS, ließ seine Leute
 aus Böotischem Gebiet an'S Land steigen und führte sie gegen MykalessoS. Die
 Nacht über hielt er sich, ohne bemerkt worden zu sein, beim HermeStempel, der
 von Mykalessos gegen sechzehn Stadien entfernt ist; mit Tagesanbruch aber
 fiel er über die Stadt her, die nicht groß ist, und nahm sie ein, da man dort
 ganz sicher war und Niemand erwartete, daß jemals Einer einen so weiten Marsch
 vom Meer aus landeinwärts thun werde, um sie anzugreifen, wie denn auch die
 Mauer schwach, an einzelnen Stellen zerfallen, oder nur sehr niedrig war, und
 auch die Thore bei der allgemeinen Sicherheit offen standen. Die Thraker 
 nun, indem sie in MykalessoS eindrangen, verwüsteten die Heiligtümer und die
 Häuser und mordeten die Menschen, nicht das Alter verschonend und nicht die
 Jugend, sondern Alles, was ihnen in den Weg kam, tödteten sie, Kinder und Weiber
 und gar auch die Zugthiere, und was sie nur immer Lebendiges sahen. Denn das
 Volk der Thra- 
 
 ter gehört zu den mordlustigsten unter allen Barbaren, wenn sie sich
 
 sicher fühlen. Da trat denn die entsetzlichste Verwirrung vor die Augen
 und jedes Bild des Verderbens, und so fielen sie auch in eine Knabenschule ein,
 die größte im Orte, wo die Knaben eben grade eingetreten waren, und hieben sie
 alle nieder. So unerwartet und entsetzlich war der Schlag, der diese ganze Stadt
 traf, daß er vonkeinem ähnlichen übertroffen wurde.

Als die Thebaner hievon Kunde erhielten, eilten sie sogleich zur Hilfe herbei,
 trafen auf die Thraker, die sich schon eine kleine Strecke Wegs entfernt hatten,
 nahmen ihnen die Beute wieder ab und jagten sie fliehend vor sich her bis zum
 Euripus und an die See, wo die Kriegsschiffe, welche sie führten, vor Anker
 lagen. Und als die Thraker auf die Schifft zu kommen suchten, tödteten ihnen die
 Thebaner die meisten Leute, da jene deS Schwimmens nicht kundig waren, und
 die auf den Schiffen, als sie sahen, was am Lande vorging, die Fahrzeuge außer
 Schußbereich zurückzogen. Sonst hatten sich die Thraker bei diesem Rückzug
 gegenüber der Thebanifchen Reiterei, welche sie zuerst angriff, nicht
 ungeschickt gezeigt, indem Einzelne aus Reih und Glied vorstürmten und sich dann
 in ihrer üblichen Weise vereinigten und'so die Andern deckten; und dabei waren
 auch nur Wenige von ihnen gefallen. Ein Theil von ihnen war aber auch noch
 in der Stadt selbst beim Plündern ergriffen und zusammengehauen worden. Im
 Ganzen fielen von den tausend drei hundert Thrakern zwei hundert und fünfzig.
 Dagegen hatten sie den Thebanern und den Andern, welche mit diesen zur Hilfe
 ausgezogen waren, ungefähr zwanzig Reiter und Schwerbewaffnete getödtet und von
 den Thebanern auch den Skirphondas, einen der Böotarchen; von den 
 Mykaleffiern aber war eine große Zahl umgekommen. — Dieß Unglück traf die
 Mykalessier, verhältnißmäßig nicht weniger bejammernSwerth, als irgend ein
 anderes Ereigniß deS Krieges.

Demotshenes nun, der damals, nach Anlegung der Verfchanzung auf Lakonischem
 Gebiet, nach Kerkyra unter Segel ging, zerstörte unterwegs ein bei Pheia in EliS
 vor Anker liegendes Lastschiff, auf welchem die Korinthischen Schwerbewaffneten
 nach Sieilien übersetzen wollten; die Mannschaft aber, die entkommen war, fand
 später ein anderes Schiff und ging mit diesem in See. Danach kam 
 
 Demotshenes nach ZakynthoS und Kephallenia und nahm daselbst 
 Schwerbewaffnete auf und schickte auch um Zuzug zu den Messeniern in Naupaktos
 und ging in eigener Person nach dem gegenüberliegenden Festland von Akarnanien,
 nach Alyzia und Anaktorion, welches die Athener selbst besetzt hielten. Während
 er sich noch in diesen Gegenden aufhielt, traf er mit Eurymedon zusammen, der
 wieder auf der Heimfahrt von Sieilien begriffen war, wohin man ihn damals 
 im Winter mit einem Geldtransport an das Heer geschickt hatte. Der meldete ihm,
 was sonst vorgegangen war, und daß er aus der See erfahren habe, Plemmyrion sei
 von den Syrakusanern genommen. Dann kam zu ihnen auch Konon, der zu Naupaktos
 befehligte, und meldete, daß die fünf und zwanzig Korinthischen Schiffe, die
 ihnen gegenüber vor Anker lägen, immer noch kriegerische Absichten zeigten 
 und'eine Seeschlacht vorbereiteten. Er forderte sie nun auf, ihm Schiffe zu
 Hilfe zu schicken, da seine achtzehn nicht im Stande seien, den Seekampf gegen
 die fünf und zwanzig feindlichen aufzunehmen. Demotshenes und Eurymedon
 schickten deßhalb dem Konon die zehn besten Segler aus ihren eigenen Geshcwadern
 nach Naupaktos zu Hilfe. Sie selber aber beschäftigten sich mit der Sammlung von
 KriegSmannschaft, und zwar ging Eurymedon nach Kerkyra und befahl den
 Kerkyräern fünfzehn Schiffe zu bemannen, während er selber Schwerbewaffnete
 sammelte — er theilte sich nämlich seit seiner Rückkehr mit Demosthenes in den
 Oberbefehl, wie ihm dieß ja durch die Wahl zugefallen war; Demosthenes aber
 brachte aus den Akarnanischen Gegenden Schleuderer und Wurfspeerträger
 zusammen.

Die Gesandten der Syrakusaner nun, welche damals nach der Einnahme von
 Plemmyrion in die einzelnen Städte abgegangen waren, hatten solche zum Beitritt
 bewogen und waren eben im Begriff, die so gesammelten Truppen nach Syrakus zu
 führen, als Nikias davon noch rechtzeitig Kunde erhielt und Boten abordnete an
 die Sikuler; welche die Pässe besetzt hielten und den Athenern verbündet
 waren, die Kentoriper nämlich und Alikyäer und Andere, daß sie die Feinde nicht
 durchlassen, sondern sich zusammenthun und ihnen die Pässe verlegen sollten;
 denn einen andern Weg einzuschlagen, würden diese nicht einmal versuchen, da die
 Akragantiner den Durchzug durch ihr Land überhaupt nicht gestatteten. Während
 nun jene 
 auf dem Marsch waren, legten ihnen die Sikuler, wie die Athener sie
 
 gebeten, einen (dreifachen) Hinterhalt, fielen plötzlich über die 
 Unbehutsamen her und erschlugen ihrer gegen achthundert und dabei auch 
 sämmtliche Gesandte, mit Ausnahme des Korinthischen, der dann auch die
 Entkommenen, ungefähr fünfzehn hundert an der Zahl, nach Syrakus brachte.

In denselben Tagen kamen den Syrakusanern auch die Kamarinäer zu Hilfe, ihrer
 fünf hundert Schwerbewaffnete, drei hundert Speerträger und dreihundert
 Bogenschützen. Auch die Getaner schickten ein Geschwader von etwa fünf Schiffen
 und vierhundert Speerträger und zweihundert Reiter. Es war jetzt nämlich fast
 schon das ganze Sieilien, mit Ausnahme der Akragantiner — die es übrigens
 mit keiner von beiden Parteien hielten — sonst aber Alle mit den Syrakusanern
 zum Kampf gegen die Athener vereinigt, während sie früher unthätig den Gang der
 Dinge abgewartet hatten. 
 Die Syrakusaner nun, nachdem sie dieses Unglück im Gebiete der Sikuler
 betroffen hatte, enthielten sich für den Augenblick noch des Angriffs aus die
 Athener; Demosthenes aber und Eurymedon, als die Mannschaft von Kerkyra und dem
 Festlande ihnen bereit war, waren mit dem ganzen Heere über das Ionische Meer
 nach dem Japygischen Vorgebirg gefahren. Von dort, wo sie Anker geworfen, 
 gingen sie weiter nach den zu Japygien gehörigen Choiradischen Inseln, und
 nahmen einige hundert und fünfzig Japygische Speerträger aus dem Stamm der
 Meffapier aus ihre Schiffe, und als sie dann mit dem Dynasten Artas, der ihnen
 als solcher auch die Speerträger geliefert, ein altes FreundschaftSbündniß
 erneuert hatten, kamen sie nach Metapontum in Italien. Und nachdem sie auch die
 Metapontier beredet hatten, ihnen dem Bundesvertrag gemäß dreihundert 
 Speerträger mitzugeben und zwei Kriegsfahrzeuge, so übernahmen sie diese und
 schifften längs der Küste weiter nach Thuria. Hier kamen sie an, als eben kurz
 vorher die Thurier durch einen Aufstand die Feinde der Athener ausgetrieben
 hatten, und weil sie beabsichtigten, daselbst die ganze Mannschaft, welche sie
 jetzt noch unter sich hatten, zusammenzustellen und eine Heerschau zu halten,
 sowie auch die Thurier zu überreden, sie bei diesem Kriege mit allem Eifer zu
 unterstützen, und da sie nun einmal in dieser Lage seien, künftig die Feinde und
 Freunde 
 
 der Athener auch zu den ihrigen zn machen, so verweilten sie einige Zeit
 in der Thurischen Landschaft und setzten diese Absichten in'S Werk. "

Die Peloponnesier aber auf den fünf und zwanzig Schiffen, welche wegen der
 Ueberfahrt der Lastschiffe nach Sieilien der Athenischen Flotte bei Naupaktos
 gegenüber lagen, hatten sich um dieselbe Zeit zu einer Seeschlacht fertig
 gemacht und noch einige Fahrzeuge dazu bemannt, so daß sie an Schiffszahl nur um
 ein Geringes schwächer waren, als das athenische Geschwader, und gingen nun bei
 Erineon in Achaia, in der Rhypischen Landschaft, vor Anker. Und da die
 Küste, vor welcher sie ankerten, halbmondförmig war, so war auf beiden Seiten
 befreundetes Fußvolk von den Korinthern und den dortigen Bundesgenossen auf den
 vorspringenden Landspitzen aufgestellt, die Schiffe aber standen in
 geschlossener Schlachtlinie mitten inne. Befehlshaber über die Schiffe war der
 Korinther Polyanthes. Die Athener aber segelten von Naupaktos mit drei und
 dreißig Schiffen^) unter Kommando des Diphilos gegen sie heran. Die 
 Korinther nun ihrerseits verhielten sich Anfangs ruhig; als es ihnen aber der
 richtige Zeitpunkt schien und das Zeichen gegeben wurde, fuhren sie auf die
 Athener los und das Seegefecht begann. Eine beträchtliche Zeit hielten sich
 beide Theile die Wage. Den Korinthern wurden drei Schiffe in den Grund gebohrt;
 von den Athenischen Fahrzeugen wurde zwar keines versenkt, aber doch sieben
 seeuntüchtig gemacht, da sie von den Korinthischen Schissen am Vordertheil 
 getroffen und aufgerissen worden waren, da wo die Ruderreihen aufhören; denn
 jenen hatte man eben in dieser Absicht stärkere Sturmbalken gegeben. Demnach
 blieb der Seekampf zwar unentschieden, so daß beide Theile sich den Sieg
 zuschrieben, doch hatten sich die Athener der Schiffstrümmer bemächtigen können,
 weil der Wind dieselben seewärts trieb und die Korinther nicht weiter
 herausliefen. So gingen denn beide Theile aus einander, und es fand weder eine
 Verfolgung 
 
 
 Statt, noch auch wurden von irgend einer Seite Gefangene gemacht; 
 die Korinther und Peloponnesier, da sie ganz in der Nahe des Landes
 fochten, konnten sich leicht retten, und den Athenern war kein Schiff versenkt
 worden. Während nun die Athener nach Naupaktos zurückfuhren, stellten die
 Korinther sogleich ein Siegeszeichen aus, als ob sie gesiegt hätten, weil sie
 den Gegnern eine größere Zahl von Schiffen untüchtig gemacht, und weil sie sich
 aus eben dem Grund nicht für geschlagen hielten, aus welchem sich die Athener
 nicht den Sieg zuschrieben. Denn die Korinther hielten eS schon für Gewinn,
 wenn sie nur nicht gänzlich geschlagen wurden, und die Athener glaubten
 sich verkürzt, wenn sie nicht entscheidend gesiegt hatten. Als dann aber die
 Peloponnesier abgesegelt waren und das Landheer sich zerstreut hatte, stellten
 die Athener auch ihrerseits ein Siegeszeichen an der Achaischen Küste auf, als
 ob sie die Schlacht gewonnen hätten, ungefähr zwanzig Stadien von Erineon
 entfernt, wo die Korinther geankert hatten. So war dieser Seekampf
 ausgegangen.

Demotshenes aber und Eurymedon, als die Thurier dahin gebracht waren, sich
 ihnen mit siebenhundert Schwerbewaffneten und drei hundert Speerträgern
 anzuschließen, ließen die Schiffe an der Küste hin gegen das Krotoniatische
 Gebiet weiterfahren; sie selbst aber, nachdem sie zuerst am Sybarisflusse über
 dte ganze Armee Heershcau gehalten, führten dieselbe durch ThurischeS Gebiet
 weiter. Als sie aber an den HyliaSfluß kamen und die Krotoniaten ihnen die 
 Botschaft entgegenshcickten, daß sie mit ihrem guten Willen das Heer nicht durch
 ihr Gebiet ziehen ließen/so zogen sie sich nach der Küste hinab und lagerten die
 Nacht durch an der See und an der Mündung des Hylias. Eben dahin kamen ihnen
 auch die Schiffe entgegengefahren. Am folgenden Tag ließen sie das Heer die
 Schiffe besteigen und segelten längs der Küste weiter, bei den einzelnen
 Städten, Lokri ausgenommen, anhaltend, bis sie nach Petra im Gebiet von 
 Rhegium kamen.

Die Syrakusaner, die das Herannahen der feindlichen Flotte erfuhren, gedachten
 nun abermals sowohl mit ihren Schiffen einen Versuch zu machen, als auch mit der
 übrigen Macht an Landtruppen, welche sie eben zu dem Zweck gesammelt hatten, um
 noch vor der Ankunft jener eine Entscheidung herbeizuführen. Nicht nur hatten
 sie 
 
 auf ihrer Flotte sonst alle die Einrichtungen getroffen, von denen sie
 nach ihren Erfahrungen im ersten Seekampf größere Vortheile voraussahen, sondern
 auch die Vordertheile ihrer Schiffe verkürzt und sie dadurch stärker gemacht,
 sowie auch an den Vordertheilen dicke Stoßbalken angebracht und diese wieder
 außen wie innen durch sechs Ellen lange Strebebalken, die sich an die
 Schiffswandung stimmten, gestützt's), welche Einrichtung auch die Korinther vor
 Naupaktos mit ihren Schissen getroffen und dann in der Schlacht mit den 
 Vordertheilen den Angriff gemacht hatten. Hiedurch glaubten sich nämlich die
 Syrakusaner vortheilhast gegen die Schiffe der Athener gestellt zu haben, welche
 keine entsprechende Gegenvorrichtung, sondern nur dünne Vordertheile hatten,
 weil sie nicht sowohl Vordertheil gegen Vordertheil, als vielmehr vermittelst
 Umsegelung den Schnabelangriff in die Flanken zu machen pflegten. Auch
 berechneten sie, daß eine Seeschlacht innerhalb des großen Hafens, wo auf nicht
 großem Raume zahlreiche Schifft kämpfen würden, ihnen günstig ausfallen werde,
 denn mit dem Stoße Schnabel gegen Schnabel würden sie den Athenern das 
 Vordertheil aufreißen, da sie mit starken und dicken Schnäbeln auf hohle und
 schwache Stellen träfen. Die Athener aber hätten ausdem beengten Raume auch
 nicht die Möglichkeit zur Umsegelung oder zum Zwischendurchfahren,
 Geschicklichkeiten, auf welche sie sich am meisten verließen. Das
 Zwischendurchfahren wollten sie ihnen selbst nach Möglichkeit wehren, am
 Umsegeln aber werde sie schon die Beschränktheit des Raumes hindern. Was früher
 nur eine Ungeschicklichkeit der Steuerleute zu sein schien, das Zusammenstoßen
 mit den Vordertheilen nämlich, das wollten sie jetzt mit voller Absicht
 anwenden, denn grade davon würden sie den größten Vortheil haben. Den 
 Athenern nämlich, wenn sie aus ihrer Stellung verdrängt würden, bliebe kein
 anderer Rückzug, als der gegen das Land hin, und auch dieser ginge nur über
 einen schmalen Zwischenraum und auf einen beschränkten Raum am Land, nämlich
 längs ihrer eigenen Verschanzung; — 
 
 den übrigen Theil des Hafens würden sie selbst beherrschen — und 
 wenn jene irgendwie in's Gedränge kämen und sich dann auf einen 
 beschränkten Raum und Alle auf denselben Punkt zusammenziehen müßten, so würden
 sie mit den Schiffen an einander stoßen und sich selbst in Verwirrung bringen —
 und in der That waren die Athener in allen Seegefechten auf diese Art am meisten
 zu Schaden gekommen, da sie nicht, wie die Syrakusaner, sich nach allen Punkten
 des Hafens zurückziehen konnten — eine Umsegelung aber bis in die offene 
 See hinaus, während sie selbst die Zufahrt vom Meer her beherrschten und
 beliebig rückwärts fahren könnten, würden die Athener nicht durchzusetzen
 vermögend sein, zumal auch Plemmyrion sich ihnen feindselig erzeigen werde, und
 die Mündung des Hafens nicht groß sei.

Solches dachten sich die Syrakusaner nach bester Einsicht und Vermögen aus;
 auch war ihnen von dem früheren Seetreffen her die Zuversicht schon gewachsen,
 und so griffen sie mit der Landmacht und den Schiffen zugleich an. Es hatte aber
 Gylippos die Landmacht aus der Stadt selbst etwas früher ausrücken lassen und
 führte sie gegen die Mauer der Athener, und zwar gegen den Theil derselben,
 welcher nach der Stadt hin schaute, während gleichzeitig vom Olympieion
 aus was die Syrakusaner dort an Schwerbewaffneten, Reitern und leichtem Fußvolk
 hatten, gegen die andere Seite der Mauer anrückte. Sogleich danach segelten auch
 die Schiffe der Syrakusaner und der Bundesgenossen heran. Die Athener nun waren
 Anfangs der Meinung, jene wollten nur mit dem Landheer allein einen Versuch
 machen, als sie jetzt aber auch Plötzlich die Schiffe heransegeln sahen, 
 geriethen sie in Verwirrung. Ein Theil von ihnen stellte sich auf und vor der
 Mauer gegen die Anrückenden auf, ein anderer marschirte den vom Olympieion und
 den Punkten außerhalb der Stadt zahlreich heraneilenden Reitern und Schützen
 entgegen, Andere bestiegen die Schiffe und fuhren zur Hilfeleistung nach der
 Küste hin. Als alle Schiffe bemannt waren, fuhren sie, fünf und siebzig an der
 Zahl, den Feinden entgegen; die Syrakusaner hatten ihrer ungefähr
 achtzig'^).

Einen großen Theil des Tags nun steuerten sie gegen einander los und ruderten
 wieder rückwärts und suchten ihren Vortheil 
 
 
 an einander, aber kein Theil konnte etwas ausrichten, was der Rede werth
 war, außer daß die Syrakusaner ein oder zwei athenische Schiffe versenkten, und
 so schieden sich beide Theile von einander und auch das Landheer zog sich von
 den Vershcanzungen zurück. 
 Am folgenden Tag verhielten sich die Syrakusaner ruhig und ließen durchaus
 nicht merken, was sie weiter zu thun Willens waren; Nikias aber, da er sah, daß
 der Feind sich zur See ihm gewachsen zeigte, und ihrerseits einen neuen Versuch
 vermuthete, so zwang er die Schiffshauptleute, ihre Fahrzeuge auszubessern, wenn
 eines gelitten hatte, und legte Lastschiffe vor dem Pfahlwerk vor Anker, 
 welches er vor seinen eigenen Schiffen, als Schutzmittel anstatt eines 
 geschlossenen Hafens, im Meer hatte einrammen lassen. Diese Lastschiffe stellte
 er in Zwishcenräumen von je zwei Plethren^) von einander auf, damit ein
 bedrängtes Schiff hier eine sichere Zuflucht finden und wieder unbelästigt zum
 Angriff hinausfahren könne. Mit diesen Vorbereitungen brachten die Athener den
 ganzen Tag bis zum Einbruch der Nacht zu.

Am folgenden Tage griffen die Syrakusaner zu noch früherer Stunde, sonst aber
 ganz in derselben Weise, mit der Landmacht und der Flotte die Athener an, und
 die Schiffe standen wieder auf dieselbe Art einen großen Theil des TageS
 hindurch einander gegenüber und suchten sich Schaden zu thun. Da überredete
 Ariston, des PyrrichoS Sohn, ein Korinther, der beste Steuermann auf 
 Seiten der Syrakusaner, die Befehliger der feindlichen Flotte, sie sollten zu
 den städtischen Beamten schicken mit dem Befehl, allsogleich auf'S Schnellste
 den Markt an das Meer hin zu verlegen und die Leute zu zwingen, Alles, was sie
 an Eßwaaren hätten, zum Verkauf dorthin zu bringen, damit ihre
 Schiffsmannschaften an'S Land gehen und dicht bei ihren Schiffen die Mahlzeit
 halten könnten; dann solle man nach kurzer Zeit noch am selben Tag die Athener
 unvermuthet wieder angreisen.

Jene gingen darauf ein, schickten die Botschaft, und der Markt kam zu Stande.
 Da ruderten die Syrakusaner plötzlich rückwärts, fuhren gegen die Stadt hin,
 schifften sich rasch auS und be­ 
 
 stellten ihre Mahlzeit. Die Athener aber, in der Meinung, jene 
 segelten nach der Stadt zurück, weil sie sich für geschlagen hielten, 
 schifften sich gleichfalls in aller Ruhe aus, besorgten die übrigen Geschäfte
 und rüsteten auch die Mahlzeit, im Glauben, daß es für diesen Tag nicht mehr zu
 einem Seegefecht kommen werde. Plötzlich aber erstiegen die Syrakusier wieder
 ihre Schiffe und segelten gegen sie heran. Da geriethen sie denn in große
 Verwirrung und bestiegen, die Meisten noch ungegessen, ohne alle Ordnung die
 Schiffe und kamen kaum noch mit dem Auslaufen zu Stande. Eine Zeitlang nun
 hielten sie sich beobachtend in einer gewissen Entfernung von einander, dann
 aber wollte es den Athenern nicht gut bedünken, bei längerem Zögern durch die
 eigene wachsende Ermattung den Sieg dem Feinde in die Hand zu geben, sondern
 vielmehr so rasch als möglich anzugreifen, und so ruderten sie vorwärts und
 unter gegenseitigem ermunterndem Zuruf begannen sie die Seeschlacht. Die 
 Syrakusaner aber empfingen den Angriffs indem sie mit den Vordertheilen der
 Schiffe gegen sie hielten, wie sie sich's ja ausgedacht, und rissen mit ihren
 dazu angebrachten Sturmbalken meist den athenischen Schiffen da, wo deren Ruder
 aufhörten, die Seiten auf. Von den Verdecken herunter richteten ihre Schützen
 großen Schaden unter den Athenern an, und noch größeren diejenigen von den
 Syrakufiern, welche auf leichten Kähnen die feindlichen Schiffe umfuhren und
 sich theils unter das Ruderwerk eindrängten, theils auch an den 
 Schiffsseiten vorbeifuhren und auf die Rudermannshcaft schossen

Endlich gewannen die Syrakusaner, aus diese Weise mit aller Anstrengung
 kämpfend, den Sieg, die Athener aber machten Kehrt und zogen sich durch die
 Lastschiffe zu ihrem Ankerplatz zurück. Die Syrakufischen Schiffe verfolgten sie
 bis an die Lastschiffe heran; weiter vorzudringen hinderten sie hier die Balken,
 welche, an den Lastschiffen angebracht, über den Durchfahrtslücken schwebten und
 Delphine herabhängen ließen 22). Doch kamen zwei Syrakufische Schiffe 
 
 
 
 im Siegesrausch ganz dicht heran und wurden zu Grunde gerichtet. Das eine
 fiel sammt Bemannung in die Hände der Athener.. Die Syrakusaner nun, nachdem sie
 sieben Schiffe der Athener in den Grund gebohrt und viele kampfuntüchtig
 gemacht, auch viele Mannschaft gefangen oder getödtet hatten, zogen sich zurück
 und stellten wegen beider Seetreffen Siegeszeichen auf. Was sie früher gehofft,
 das glaubten sie nun zuversichtlich, nämlich auch zur See völlig überlegen
 zu sein, und so dachten sie denn auch der Landmacht Meister zu werden. In der
 That rüsteten sie sich auch auf beiderlei Weise zu erneuertem Angriff.

Da aber ershcienen Demotshenes und Eurymedon mit der Athenischen Verstärkung.
 Auf ungefähr dreiundsiebenzig^) Schiffen, eingerechnet die fremden, führten sie
 gegen fünftausend Schwerbewaffnete von den Athenern und den Bundesgenossen und
 eine nicht geringe Zahl von hellenischen und barbarischen Speerträgern und 
 Schleuderern und Bogenschützen und auch sonst hinreichende Zurüstung. Die
 Syrakusaner nun und ihre Bundesgenossen erschracken im ersten Augenblick nicht
 wenig, daß die gänzliche Befreiung aus der Gefahr noch nicht gekommen sein
 sollte. Denn sie sahen, daß trotz der Befestigung von Dekeleia nichts
 destoweniger ein fast gleich starkes Heer, wie das erste, herangekommen sei, und
 wie stark die athenische Macht sich nach allen Seiten hin zeige. Dem alten 
 athenischen Heer hatte sich der Muth wieder erhöht, soweit dies nach den 
 Unfällen möglich war. Demotshenes aber, als er sah, wie die Dinge standen,
 dachte, er dürfe nicht lange zaudern, wie Nikias, und sich nicht gleichen
 Schlägen aussetzen — denn bei seiner Ankunft hatte Nikias zuerst Schrecken
 verbreitet, als er aber Syrakus nicht sogleich angriff, sondern in Katana
 überwinterte, so fing man an ihn zu verachten, und Gylippos mit dem Heer aus dem
 Peloponnes überraschte 
 
 
 ihn durch seine Ankunft, da doch.die Syrakusaner wohl nicht einmal 
 nach diesem geschickt hätten, wenn jener sie sogleich angriff; denn dal 
 sie sich für hinreichend stark hielten, so hätten sie wohl lernen müssen, daß
 sie die Schwächeren seien, und wären eingeschlossen worden, so daß ihnen jener
 nicht einmal mehr so hätte nützen können, selbst wenn sie um ihn geschickt
 hätten; — diese Ueberlegungen nun machte Demosthenes, und da er einsah, daß in
 der gegenwärtigen Lage der Dinge auch er dem Gegner am ersten Tage am
 furchtbarsten sei, so wollte er die augenblickliche Furcht vor seinem Heere so
 rasch als möglich ausnützen. Nun sah er, daß die Gegenmauer der 
 Syrakusaner, durch welche sie die Athener an ihrer völligen Einschließung 
 gehindert hatten, nur einfach sei und leicht genommen wäre, wenn man sich erst
 des Abhangs bemächtigt hätte, der nach Epipolä hinauf führte^), und sodann des
 Lagers in diesem Orte selbst — denn dann werde man nicht einmal ihren Angriff
 abwarten — demnahc beeilte er sich, diesen Versuch zu unternehmen, der ihm den
 Krieg auf die kürzeste Weise zu beendigen schien; denn entweder, im Fall des
 Gelingens, werde er in den Besitz von Syrakus gelangen, oder werde er das
 Heer nach Haus zurückführen und die mit zu Felde gezogenen Athener und den
 ganzen Staat nicht vergeblich sich aufreiben lassen.

Zuerst nun machten die Athener Ausfälle und verheerten die Besitzungen der
 Syrakusaner am Anaposfluß und, wie früher, so hatten sie auch jetzt wieder mit
 ihrer Macht, sowohl mit den Landtruppen, als mit der Flotte, das Uebergewicht,
 und weder zu Land, noch zur See wagten es die Syrakusier sie anzugreifen,
 ausgenommen .mit der Reiterei und den Speerschützen von Olympieion. Danach 
 beschloß Demotshenes, zuerst mit Maschinen einen Versuch gegen die Mauer zu
 machen. Als ihm aber die Sturmmashcinen, welche er herbeigeführt hatte, von den
 feindlichen Vertheidigern der Mauer in Brand gesteckt und auch die vielfachen
 Angriffe seiner Heerhaufen abgeschlagen waren, so glaubte er, nicht länger mehr
 zögern zu dürfen. Demnach gewann er den Nikias und die andern Mitfeldherren für
 seinen Plan und setzte den Angriff anf Epipolä in's Werk. -Am Tage nun
 schien es unmöglich, sich unbemerkt zu nähern und die 
 
 
 Höhen zu ersteigen, daher befahl er, Lebensmittel auf fünf Tage zu 
 vertheilen, und nahm alle Steinmetzen und Zimmerleute mit und was man an
 Werkzeug brauchte, um im Fall des Sieges Vershcanzungen zu errichten. Er selbst
 nebst Eurymedon und MenandroS, zur Zeit der ersten Nachtruhe, nahm das ganze
 Heer und rückte gegen Epipolä an; Nikias blieb in den Verschanzungen zurück. Als
 sie nun schon nahe bei Epipolä waren, in der Gegend des Euryelos, da, wo
 auch das frühere Heer zuerst den Ersteigungsversuch gemacht hatte, so erstiegen
 sie unbemerkt von den Syrakusischen Wachposten die dortige Verschanzung der
 Syrakusaner und hieben einen Theil der Besatzung nieder. Die Mehrzahl aber
 entkam und floh eiligst nach den drei Standlagern, welche bei Epipolä
 aufgeschlagen waren, das eine von Syrakufiern, das andere von Sikelioten und das
 dritte von Bundesgenossen. Diesen meldeten sie den Angriff und machten auch
 den sechshundert Syrakusanern Mittheilung, welchen auf dieser Seite von
 Epipolä gleich von vorn herein^) die Bewachung übertragen worden war. Die eilten
 nun rasch heran, und Demosthenes und seine Athener stießen auf sie und trieben
 sie trotz ihrer Gegenwehr in die Flucht. Rasch rückten sie dann weiter vor, um
 bei diesem Gewaltsversuch, den Zweck ihrer Herkunft mit einem Schlag zu
 erreichen, sich nicht langsam sinden zu lassen. Andere nahmen die von dem ersten
 Angriff her bekannte Vormauer der Syrakusier, wo die Besatzung keinen
 Widerstand leistete, und rissen die Brustwehren nieder. Die Syrakusaner aber mit
 den Bundesgenossen und Gylippos eilten jetzt auS den Verschanzungen herbei, und
 von Schreck verwirrt, wie sie waren, da das Wagestück in der Nacht diesen ganz
 unerwartet kam, stießen sie auf die Athener, wurden aber von ihnen geworfen und
 wichen für'S Erste zurück. Während aber jetzt die Athener, gleich als ob
 sie schon gesiegt hätten, bereits mehr in Unordnung vordrangen und die ganze
 noch nicht in'S Gefecht gekommene Macht der Gegner so rasch als möglich völlig
 durchbrechen wollten, damit diese sich nicht zum gemeinsamen Widerstand ordnen
 könnten, während sie im Angriff nachließen, so stellten sich ihnen die Böotier
 zuerst in den Weg, schlugen sie beim Zusammenstoß und trieben sie in die Flucht.

Und von diesem Augenblick an geriethen die Athener 
 bereits in'große Verwirrung und Rathlostgkeit. Wie eS dabei zuging und auf
 welche-Art von beiden Seiten Jegliches geschah, war so leicht nicht zu
 erfahren.' Was am hellen Tage geschehen ist, wissen die Betheiligten zwar schon
 besser, aber auch hiebei nicht das Ganze der Ereignisse, sondern ein Jeder nur,
 was ihn selbst betrifft; mit einiger Genauigkeit; bei einem Nachtkampf aber, wie
 dieser, — dem einzigen in diesem Kriege zwischen großen Heeresmassen, — wie
 hätte man da irgend etwas genau erkennen mögen? Denn es war zwar Heller
 Mondschein, aber man sah sich einander doch nur, wie es im Mondschein eben nicht
 anders ist, wo man zwar die Körpergestalt vor Augen sieht, aber doch'nicht gewiß
 weiß, ob man einen Freund vor sich hat. - Von den Schwerbewaffneten wurden in
 dem Gedränge beiderseits nicht wenige niedergeworfen. Von den Athenern war ein
 Theil bereits geworfen, während Andere noch im ersten Anlauf vordrangen,
 ohne gelitten zu haben. Ein großer Theil ihres übrigen Heeres hatte eben erst
 die Höhen erstiegen, ein anderer war noch im Ansteigen begriffen, so daß sie
 nicht wußten, welchem Trupp sie sich anschließen sollten. Denn bei den
 Vordersten, nachdem sie zurückgeworfen waren, befand sich bereits Alles in der
 größten Verwirrung, und vor lauter Geschrei war es schwer, etwas zu
 unterscheiden. Die siegreichen Syrakusaner nämlich und ihre Bundesgenossen
 ermunterten sich einander mit lautem Geschrei, zumal eS bei der Nacht auch nicht
 möglich war, auf andere Art Kommando's zu geben, indem sie zugleich den
 Anrückenden die Spitze boten; die athenischen Abtheilungen aber mußten sich
 einander suchen, und Alles, was von der feindlichen Seite her kam, auch wenn es
 Freunde von den schon wieder fliehend Umkehrenden waren, hielten sie für
 feindlich. Auch machten sie unter sich selbst großen Lärm, indem sie einander
 häufig nach der Losung fragten, weil auf andere Weise eine Erkennung nicht 
 möglich war, und zwar Alle zugleich, und machten so auch die Feinde mit dem
 Losungswort bekannt.- Sie selber aber erfuhren die der Feinde nicht, da diese,
 siegrcich'und nicht zerstreut, wie sie waren, sich gegenseitig gut erkennen
 konnten.. Wenn also die Athener selbst in überlegener Zahl auf Feindliche
 trafen, so entgingen ihnen diese, weil sie ihre Losung kannten; blieben aber die
 Athener, die Antwort 
 
 
 
 schuldig, so wurden sie niedergehauene Das größte Unheil aber verursachte
 der Schlachtgesang, denn da derselbe auf beiden Seiten fast gleich war, so
 entstand daraus große.Verwirrung. Du Argiver und Kerkyräer und was sonst
 Dorischen Stammes, aus Seiten der Athener war, wenn sie den Schlachtgesang
 anstimmten, erweckten bei den Athenern selber Furcht, und die Feinde ebenso.
 Endlich, da die Verwirrung überHand genommen, stießen an vielen Punkten ihre
 eigenen Abtheilungen gegen einander, Freund gegen Freund und Mitbürger 
 gegen Mitbürger, und es kam nicht nur zum bloßen Schrecken, sondern sie wurden
 auch wirklich handgemein und konnten, nur mit^Mühe auseinander gebracht werden.
 Vom Feind verfolgt, stürzten sich Viele die.Abhänge hinunter und fanden ihren
 Tod, denn der Weg von Epipolä herab ist eng. Von denen, die sich, indeß
 glücklich in die Ebene hinab gerettet hatten, .entkam die Mehrzahl in das Lager,
 zumal die vom frühern Heere, welche die Gelegenheit deS Ortes besser
 kannten; von den später Herabgekommenen aber verfehlte ein Theil den Weg und.
 irrte in der Gegend umher; diese sind, nachdem es Tag geworden, von der
 streifenden Reiterei der Syrakusaner niedergehauen worden. i .

Am folgenden Tag stellten die Syrakusaner zwei Siegeszeichen.auf, das eine bei
 Epipolä, dort, wo der Zugang herausführte, und das andere an dem Fleck, wo die
 Böoter zuerst Widerstand leisteten. Die Athener brachten unter dem Schutze eines
 Vertrags ihre Todten ein. Von ihnen sowohl wie von den Bundesgenossen war 
 eine große Zahl gefallen; die Zahl der Verlornen Schilde war aber größer, als
 die der Todten, denn von denen, welche gezwungen waren, die Abhänge
 hinabzuspringen, und dabei zu ihrer Erleichterung die Schilde weggeworfen
 hatten, war nur ein Theil umgekommen und die Andern hatten sich gerettet.

, Nach diesem Ereigniß, als nach einem ganz unerwarteten Gelingen, wuchs den
 Syrakusanern wieder der Muth, wje auch schon früher und sie sandten den Sikanos
 mit fünfzehn Schiffen gegen Akragas, wo Aufruhr, herrschte, damit er diese
 Stadt-wo möglich unterwerfe. Gylippos aber ging zum zweiten Mal zu Land in 
 
 
 die andern Gegenden SicilienS, um noch weitere Heeresmacht auf­ 
 zubringen, denn er hoffte jetzt, auch die Verschanzungen der Athener mit
 Gewalt zu nehmen, nachdem es ihm bei Epipolä so erwünscht gegangen. >

Die Feldherren der Athener beriethen nun, was nach dem geshcehenen Unglück und
 bei der gänzlichen Entmuthigung deS Heeres zu thun sei. Mit ihren Unternehmungen
 — das sahen sie ein — war daS Glück nicht, und die Soldaten murrten über
 längeres Dableiben. Denn sie waren auch von Krankheiten heimgesucht, und 
 zwar aus zwei Gründen, einmal, weil es überhaupt die Jahreszeit war, in welcher
 die Menschen den meisten Krankheiten unterworfen sind, und dann weil die Gegend,
 in welcher sie lagerten, sumpfig und ungesund war. Aber auch in jeder andern
 Beziehung erschien ihre Lage hoffnungslos. Demosthenes war deßhalb der Meinung,
 man dürfe nicht länger bleiben, sondern wie er auch schon bei dem 
 entscheidenden Versuche gegen Epipolä, falls derselbe fehlschlüge,'im Sinne
 gehabt, so, meinte er, müsse man abziehen und nicht länger zögern, so lange die
 Seefahrt noch offenstehe und sie wenigstens mit den Truppen der
 zuletztgekommenen Schiffe den Feind im Schach halten könnten. Auch sei eS
 ersprießlicher für den Staat, sagte er, gegen die Feinde Krieg zu führen, die
 sich in ihrem eigenen Lande daheim verschanzt hätten, als gegen die Syrakusaner,
 die man so leicht nicht mehr bemustern könne; und außerdem habe eS auch 
 keine Vernunft, dahier sitzen zu bleiben und so viel Geld ganz vergeblich
 aufzuwenden. > ' '

Das war die Ansicht des Demosthenes, Nikias aber glaubte zwar auch, daß es
 schlecht um sie stünde, jedoch wollte er nicht in offener Rede ihre'Lage als
 gefährlich hinstellen und durch öffentlichen Beschluß des, Abzugs die Feinde
 selbst davon in Kenntniß setzen; denn in diesem Falle würde die Ausführung des
 Beschlusses, wenn sie ihn schon fassen wollten, viel schwerer geheim gehalten
 werden. Dann waren ihm auch gewisse Dinge über die Lage der Feinde 
 bekannt, die er mehr als die Andern durchschaute, aus welchen er die Hoffnung
 ableitete, daß es mit den Syrakusanern noch schlimmer 
 
 
 
 aussehen werde, als mit ihnen selbst, wenn sie nur die Belagerung 
 beharrlich fortsetzten; sie selbst würden jene durch Geldmangel ganz aufreiben,
 zumal sie mit den jetzt zu Gebote stehenden Schiffen das Meer aus größere
 Ausdehnung hin beherrschten, als früher. Auch war unter den Syrakufanern selbst
 eine Partei, welche den Athenern daS Ruder in die Hände geben wollte und geheime
 Botschaft an Nikias sandte, die vom Abzug abrieth. Bei dieser Kenntniß war er
 in der That schwankend und verhielt sich abwartend, öffentlich und laut
 aber erklärte er damals, er werde für den Abzug des Heeres nicht stimmen, denn
 er wisse gar wohl, daß die Athener eS von ihnen nicht so.hinnehmen würden, daß
 sie ohne Volksbeschluß ihrerseits abgezogen-seien. Denn zu Athen seien es nicht
 sie selbst, die über sich selbst abstimmen würden, und nicht solche, welche die
 Sachen ansähen wie sie selbst, würden dort, ohne auf die Vorwürfe Anderer 
 zu hören, über sie entscheiden, sondern solche, die sich leiten lassen von,dem
 ersten Besten, der seine Anklagen in schöne Worte zu fassen wisse. Selbst von
 den hier anwesenden Soldaten würden viele, oder sogar die meisten, welche jetzt
 ein Geschrei erhüben über ihre gefährliche Lage, wenn sie erst in Athen
 angekommen wären, dort das entgegengesetzte Geschrei anstimmen, als ob die
 Feldherren, durch Geld bestochen, abgezogen wären. Er kenne die Art der Athener
 zu gut und wolle für seine Person lieber fechtend von der Hand der Feinde
 sterben, wenn es schon sein müsse, als wegen einer schimpflichen Anklage
 ungerechter Weise durch die Athener zu Grunde gehei. Die Lage der Syrakusier,
 sagte er, sei immer noch schlimmer als ihre eigene. Denn jene hätten aus ihrem
 Säcke! fremde Miethssoldaten zu ernähren und den Aufwand für die Festungen zu
 bestreiten und müßten jetzt schon ein ganzes Jahr lang die große Flotte 
 erhalten, und so seien sie jetzt schon in Verlegenheit und würden sich bald
 nicht mehr zu rathen und zu helfen wissen. Denn zwei tausend Talente hätten sie
 schon ausgegeben und dazu .noh cviele Schulden gemacht. Wenn sie aber, um an den
 Atzungskosten zu sparen, ihre Macht auch nur um ein Geringes verminderten, so
 würden sie sich dadurch der Vernichtung preisgeben, da ihre Macht mehr auf 
 HülfSvolk beruhe, als aus Zwangspflichtigen, wie bei den Athenern. Man müsse
 also die Belagerung noch fortsetzen und sich, bei ihrer thatsäch­ 
 
 lichen großen Ueberlegenheit, nicht durch die Furcht vor den Geld­ 
 ausgaben zum Abzug bestimmen lassen. , : E

Bei dieser Meinung blieb Nikias feststehen, da er von den Verhältnissen in
 Syrakus und dem dortigen Geldmangel genau unterrichtet war, auch eine Partei
 daselbst den Athenern daS Regiment in die Hände spielen wollte, die ihn durch
 Botschaften aufsordem, er möge nicht abziehen, und weil er außerdem, obgleich
 beisegt/mehr als früher auf seine Schiffe vertraute. Demosthenes aber war'-mit
 dem längeren Verbleiben vor der Stadt in keiner Weise einverstanden; wenn
 man schon ohne einen Volksbeschluß der Athener das Heer-nicht zurückführen
 dürfe, sondern bleiben müsse, so solle man wenigstens nach Thapsos oder Katana
 abziehen, von wo auS-sie mit der Landmacht auf weite Strecken hin daS Gebiet der
 Feinde plündern .und",sich selber Unterhalt verschaffen und dem Gegner Schaden
 thun könnten; und mit der Flotte könnten sie dann auf offenem Meer 
 Gefechte liefern, also nicht auf beschränktem Raum, wo der Vortheil mehr auf
 Seiten des Feindes sei, sondern in offener See, wo ihre eigene größere Erfahrung
 ihnen erst von Nutzen wäre, und sie zurück- weichen und. angreisen könnten, ohne
 in Angriff oder Landung nur auf einen kleinen und von allen Seiten beengten'Raum
 angewiesen zu sein.Kurz, in gar keiner Hinsicht, sagte er, gefalle eS ihm, noch
 länger da zu bleiben, sondern so rasch als möglich und'ohne alles Zaudern
 solle man aufbrechen. Ganz ebenso redete auch Eurymedon; da aber Nikias im
 Widerspruch beharrte, so kam eine gewisse Unsicherheit und Zögerung in die
 Sache, zumal man auch vermuthete, Nikias müsse mehr-wissen, daß er so fest auf
 seiner Meinung beharre. Auf diese Weise also zögerten die Athener, und blieben
 in ihrer Stellung. ^ - ' - r g "

Gylippos. aber und Sikanos waren'indeß wieder.nach Syrakus zurückgekehrt. Zwar
 hatte SikanoS seine Absicht wegen Akragas verfehlt, denn während er noch in Gela
 war hatte sich dort die syrakusisch gesinnte Partei mit ihren Gegnern wieder
 ausgesöhnt; Gylippos aber hatte sowohl sonst viel Truppen aus SicilieNz mit.
 gebracht und außerdem auch die im Frühling auf Lastschiffen vom Peloponnes
 abgesegelten Schwerbewaffneten, die von der Afrikanischen Küste nach Selinus
 herüber gekommen waren.,. Sie.waren 
 
 nämlich nach Afrika verschlagen worden, und die Kyrenäer hatten ihnen zwei
 Dreiruderer und Lotsen für die Fahrt gegeben, und während sie an der Küste
 hinfuhren, hatten sie den von Libyern belagerten Euhesperiden Kampfhilfe
 geleistet und die Libyer besiegt. Von da waren sie weiter an der Küste hin bis
 Neapolis, einem Handels- platz der Karthager, gefahren, von wo aus man in
 kürzester Fahrt in zwei Tagen und einer Nacht nach Sieilien gelangt, und von dort
 aus hatten sie das Meer gekreuzt und waren nach Selinus gekommen. Die
 Syrakusaner nun, sobald ihnen diese Hilfe gekommen, rüsteten sich sogleich, um
 mit beiderlei Macht die Athener wieder anzugreifen, mit der Flotte sowohl, als
 mit den Landtruppen; die Feldherren der Athener aber, da sie sahen, daß jenen ein
 neues Heer als Unterstützung gekommen und daß es gleichwohl mit dem ihrigen sich
 nicht zum Bessern wenden wolle, vielmehr von Tag zu Tag die Schwierigkeiten
 wuhcsen, besonders aber Seuchen ihre Leute bedrängten, bereuten es jetzt, nicht
 schon früher abgezogen zu sein, und da auch Nikias nicht mehr so zuversichtlich
 widersprach, wie früher, sondern eS nur nicht über sich zu bringen schien, ihnen
 offen beizutreten, so ließen sie Allen so heimlich als möglich'die Abfahrt auS
 dem Lager ansagen, und auf das erste Zeichen solle man sich bereit halten. 
 Während sie aber im Begriff find, die Abfahrt auszuführen, denn AlleS war schon
 bereit, so tritt eine Mondsfinsterniß ein eS war nämlich grade Vollmond. Da
 verlangten die Mehrzahl der Athener, die Feldherren sollten Aufschub eintreten
 lassen; denn sie nahmen sich das Zeichen zu Herzen, und Nikias, denn er gab auf
 göttliche Zeichen und dergleichen nur allzuviel, behauptete, man dürfe nicht,
 einmal darüber berathen, ob früher abzufahren sei, bevor nicht dreimal neun 
 Tage verflossen wären, — so nämlich hatten die Wahrsager gedeutet. Deßhalb also
 waren die Athener nach langem Zaudern wieder geblieben. . '

"Die Syrakusaner, die ihrerseits auch von all dem Kunde erhalten, paßten nun
 noch viel mehr auf, um die Athener nicht entwischen zu lassen, da diese nun auch
 selbst eingesehen hätten, daß sie 
 
 ferner weder mit den Schiffen, noch mit der Landmacht ihnen über­ 
 legen seien — denn sonst wurden sie sich nicht zur Abfahrt entschlossen 
 haben.'- Dann wollten sie aber auch nicht, daß diese sich anderswo in Sieilien
 festsetzen sollten, wo sie nur um so schwerer zu bekämpfen wären, sondern hier
 am Platze, wo der Vortheil auf ihrer Seite sei, wollten sie sie zur'Seeschlacht
 zwingen. Daher bemannten sie ihre Schiffe und stellten' durch einige'Tage, bis
 es ihnen genug dünkte, mit denselben Uebungen an. Als es ihnen aber an der Zeit
 schien, griffen sie Tags vorher die Mauer der Athener an, und als eine nicht
 sehr große Zahl von Schwerbewaffneten und Reitern aus einigen Thoren gegen
 sie ausfiel, schnitten sie einige Schwerbewaffnete ab und die Andern schlugen
 und verfolgten sie/und da die Schanzenthore sehr eng waren, so verloren die
 Athener hiebei siebenzig Pferde und etliche Schwerbewaffnete. . ' ' H! /

An diesem Tage hatte sich das Heer der Syrakusaner wieder zurückgezogen; am
 folgenden Tag aber liefen sie mit ihren Schiffen, sechs und siebenzig an der
 Zahl; aus und rückten zugleich mit dem Landheer gegen die Vershcanzungen an.'Die
 Athener fuhren ihnen mit'sechs und achtzig Schiffen entgegen,'stießen'auf sie
 und begannen die Seeschlacht.'- Den Eurymedon,-welches den rechten Flügel
 der Athener befehligte und die Schiffe der Gegner umsegeln wollte und dabei dem
 Land zu nahe gekommen war, schnitten die Syrakusaner und ihre Bundesgenossen,
 nachdem sie bereits schon die Mitte der Athener besiegt hatten, in der inneren
 Hasenbucht ab und tödteten ihn selbst und versenkten seine Schiffe. Endlich war
 es so weit gekommen, daß sie die ganze athenische Flotte vor sich her jagten
 und gegen das Land hin trieben.

Gylippos aber, da er die Schiffe der Feinde besiegt und außerhalb ihres
 Pfahlwerks und Standlagers umhertreiben sah, wollte die an's Land Steigenden in
 die Pfanne hauen und den Shrakusanern das Wegziehen der Schiffe vom User, wenn
 sie dieß durch Freunde'besetzt sähen, erleichtern? und eilte mit einem Theile
 seines Heeres gegen den Uferrand. Die Tyrfener aber, die'athenischer Seits 
 hier die Wache hielten, als sie jene ohne Ordnung herankommen sahen, eilten
 ihnen rasch entgegen, stießen mit den'Vordersten zusammen/ schlügen ise'und
 trieben sie in den See, der Lysimeleia heißt: 
 
 Als aber dann von Seiten der Syrakusaner und ihrer Bundesgenossen mehr
 Truppen erschienen, so rückten auch die Athener, um ihre Schiffe besorgt,
 eilends gegen jene heran, nahmen den Kampf mit ihnen aus, schlugen und
 verfolgten sie. Dabei tödteten sie ihnen auch etliche Schwerbewaffnete. Von
 ihren Schiffen hatten sie zwar den größeren,Theil gerettet und nach dem
 Standlager zurückgebracht, aber die Syrakusaner und ihre Bundesgenossen
 hatten.ihnen doch achtzehn abgenommen und, die ganze Bemannung derselben
 getödtet. Um die übrigen athenischen Schiffe in Brand zu steckens füllten sie
 ein altes Lastschiff mit Reifig und Kienholz, warfen Feuer hinein und 
 ließen eS treiben, denn der Wind war dazu günstig und wehte gegen die Athener
 hin. Diese nun geriethen in große Furcht, trafen aber Löschanstalten und
 entgingen der Gefahr, indem sie das brennende Schiff löschten und seine
 Annäherung verhinderten. ?

Danah cstellten die Syrakusaner ein Siegeszeichen auf wegen der Seeschlacht und
 weil sie die Schwerbewaffneten bei der Mauer, abgeschnitten, wobei sie auch die
 Pferde genommen hatten; die Athener aber, weil die Tyrsener das Fußvolk in den
 See getrieben und sie selber das übrige Heer in die Flucht geschlagen
 hatten.

Da die Syrakusaner nun auch zur See einen glänzenden Sieg erfochten hatten —
 früher aber hatten sie sich vor den mit Demotshenes neu angekommenen Schiffen
 gefürchtet — so. versanken die Athener jetzt in die tiefste Entmuthigung. Groß
 war ihre Enttäuschung, viel größer noch die Reue über den ganzen Kriegszug.
 Jetzt nämlich waren sie zum ersten Mal an Staaten gerathen von derselben
 Beschaffenheit, nämlich vom Gemeinwesen regiert, wie sie selber, und die auch
 Schiffe und Reiterei und sonst großartige Mittel besaßen. Hier konnten sie nicht
 durch Umwandlung des Staatswesens den Zankapfel unter sie werfen, wodurch sie
 sie sonst; wohl gewonnen hätten, noch auch waren sie an Kriegsrüstung weit 
 überlegen, sondern vielmehr meist im Nachtheil geblieben. Und drückte sie vorher
 schon Verlegenheit, so war dieß jetzt noch-vielmehr der Fall, nachdem sie auch
 zur See geschlagen worden, denn daS hätten sie nie geglaubt.. , s.

Die Syrakusaner aber segelten von da an ganz furchtlos am Hasen vorbei und
 beabsichtigten, dessen Mündung zu.verschließen, 
 damit die Athener, auch wenn sie wollten, nicht äunbemerkt herauS- 
 fahren konnten. Denn von jetzt an richteten sie ihre Gedanken schon > 
 nicht mehr blos auf die eigene Rettung, sondern dachten auch jenen das Entkommen
 zu verhindern, und ganz richtig meinten sie, daß es nach der jetzigen Lage der
 Dinge, mit ihnen viel besser stehe; als mit den Athenern, und wenn sie diese
 sammt ihren Bundesgenossen zu Land und zu Wasser besiegen könnten, so, werde vor
 den Hellenen aus diesem Kampfe großer Ruhm auf-sie fallen. Denn die übrigen
 Hellenen würden dann zum Theil sogleich sich frei machen, theils-der 
 Furcht ledig werden; denn waS dann-noch, übrig bliebe von der Macht der Athener,
 werde nicht mehr im Stande, sein, noch weiteren Krieg zu bestehen. Und sie
 selbst, dachten sie, als die Urheber von diesen Dingen, würden in großer
 Bewunderung stehen bei den andern Menschen und den Künftigen Und in der That war
 der Kamps aus diesen Gründen ein würdiger, und nicht bloß deßhalb, sondern auch,
 weil sie nicht allein die Athener besiegten, sondern auch die andern 
 zahlreichen Bundesgenossen derselben, und auch hier wiederum nicht selbstsüchtig
 für sich handelten, sondern in Gemeinschaft mit ihren Bundesgenossen, so daß sie
 an der Korinther.und. Lakedämonier Seite Führer jd^r Hellenen wurden und im.
 Vorkampf für dieselben ihr eigenes Staatswesen daranwagten und dabei auch in
 ihrem Seewesen ein gutes Stück vorwärts kamen. Denn zum Kampfe gegen diese 
 Eine Stadt wären zahlreiche Völkerschaften zusammengetreten, --ganz abgesehen
 dabei von der Gesammtmasse derjenigen, welche sich in diesem Kriege an den.Staat
 der Athener, oder den der Lakedämonier anschlössen. ,

Dies nämlich ist die Zahl der Völker, welche um und für Sieilien auf beiden
 Seiten den Syräkusischen Krieg mitmachten ,'--^ die Einen gekommen, um das Land
 erobern, die. Andern, um.es vertheidigen zu helfen. Und nicht des Rechtes wegen
 oder nach Stamm- verwandtshcaft hielten sie mit einander, sondern wie Jeden
 grade zufällig der Nutzen oder Zwang dazu vermocht hatte. Die Athener 
 selbst zuerst, als Joner, gegen die Syrakusaner, als Dorer, waren aus eigener
 Bewegung gekommen, und mit ihnen waren, gleicher Sprache und gleicher Verfassung
 sich bedienend, ausgezogen ihre Pflanzvölker, die Lemnier und Jmbrier und
 Aegineten, — hie näm- 
 
 lich, welche damals 3") Aegina bewohnten, — und so auch die Hestiäer,
 welche Hestia auf Euböa inne hatten. Die Uebrigen waren theils Unterthanen,
 theils Bundesgenossen mit eigener Verfassung, theils auch machten sie durch
 Löhnung sgedungen den Krieg mit. Unterthanen und Zinspflichtige waren die
 Eretrier und' Chalkidier und Styreer und Karystier, sämmtlich von Euböa; von den
 Jnselli aber die Keer und Andrier und Taster, aus Jonien die Milefier und 
 Samier und Chier.> Die Chier jedoch waren nicht als Zinspflichtige gefolgt,
 sondern hatten ihre eigene Verfassung und mußten nur Schiffe stellen 2'). Diese
 Alle waren der Hauptmasse^) nach Joner uud Pflanzvölker der Athener, mit
 Ausnahme der Karystier, und ihre Unterthanen und folgten aus Zwang, immerhin
 jedoch als Joner gegen Dorer. Dazu kamen Aeolischen Stammes die Methymnäer,
 weiche, obgleich Unterthanen,nicht steuerplfichtig ^'waren, sondern 
 Schiffe zu stellen hatten, und die Tenedier und'Aenier als ZinSpflichtige. Diese
 Aeoler kämpften aus Zwang gegen die Aeolischen Böotier, ihr Muttervolk, die auf
 Seiten'der Syrakusaner fochten; gegenüber aber kämpften unter allen Boötiern nur
 die Platäer gegen Böotier, was bei ihrer Feindschaft natürlich ist. Ferner die
 Rhodier und Kytherier, beide Dorischer Abkunft; diese, die Kythetier, ein
 Pflanzvolk der Lakedämonier, fochten'also gegen die'Lakedämonier.unter Gylippos
 auf Seiten der Athener; lind die Rhodier^ von den Argivern abstammend, fochten
 gezwungen gegen die Dorischen Syrakusaner und gegen die Getaner, ihr eigenes
 Pflanzvolk, die auf Syrakufischer Seite kämpften. Von den Inseln um den 
 Peloponnes folgten den Athenern die Kephallener und die Zakynther, die zwar ihre
 eigene Verfassung hatten, aber doch, ihrer Lage als Insulaner wegen, so gut wie
 gezwungen waren, weil die Athener'die See beherrshcten. Die Kerkyräer aber, die
 nicht nur Dorer, sondern auch allbekanntermaßer Korinther waren, fochten gegen
 die Korinther, deren Pflanzvolk, und gegen die Syrakusaner, deren Verwandteste
 
 
 
 
 waren, — wie sie deS Anstands halber sagten, gezwungen, in der 
 That aber recht gern, wegen ihrer Feindschaft gegen die Konnther"). l Auch
 die jetzt nur sogenannten Messenier aus Naupaktos und Pylos, welches damals im
 Besitz der Athener war, waren zum Kriege zugezogen worden. Auch Verbannte aus
 Megara, obgleich nicht in großer Zahl, fochten ihrer unglücklichen Lage halber
 gegen die Megarenfischen Selinuntier. Bei den Uebrigen war die Betheiligung am
 Kampf mehr freiwillig. Denn die Argiver waren den Athenern nicht sowohl
 wegen des Bundesverhältnisses gefolgt, als vielmehr aus Feindschaft gegen die
 Lakedämonier und des augenblicklichen Nutzens wegen für die einzelnen Gemeinden,
 und fochten so auf Seiten der Joner als Dorer gegen Dorer. Die Mantiiieer aber
 und andere Arkadier waren überhaupt gewohnt, als Miethlinge gegen die zu
 ziehen, die ihnen als Feinde bezeichnet wurden, und sahen des Gewinnes wegen
 auch die damals mit den Korinthern ausgezogenen, Arkader nichts destoweniger als
 Feinde an: Ebenso folgten auch Kreter und Aetoler um des Soldes willen, und bei
 den Kretern fügte eS sich, daß sie Gela gegenüber, welches sie im Verein mit den
 Rhodiern selbst gegründet hatten, des Soldes halber aus eigenem Ent<« 
 schluß nicht für, sondern gegen ihr Pflanzvolk kämpften. Auch von den Akarnanern
 hatten einige, wohl zugleich um Sold, die Mehrzahl aber aus Freundschaft für den
 Demotshenes und aus Wohlwollen gegen die Athener bundesgenössischen Zuzug
 geleistet. Dieß waren die Völkerschaften diesseits des Ionischen Meeres. Von den
 Jtalioten hielten, gezwungen durch die Noth jener Zeit voll innerer Unruhen
 und Parteikämpfe, die Thurier und Metapontier mit den Athenern, von den
 Sikelischen Griechen aber die Naxier und Katanäer, und von den Barbaren die
 Egestaner, welche auch die Mehrzahl der Sikuler dafür gewannen, und von
 außerhalb SieilienS Einige der Tyrsener wegen einer MißHelligkeit mit Syrakus,
 und gedungene Japyger.

Dies waren die Völkerschaften, welche mit den Athenern hielten. Den
 Syrakusanern hingegen, waren zu Hülfe gezogen die Kamarinäer, ihre
 Gränznachbarn, und die Getaner, welche an jene anstießen, und weiterhin — da die
 Akragantiner neutral blieben — 
 
 
 die weiter jenseits wohnenden Selinuntier. Diese find es, welche den Theil
 SicilienS bewohnen , der. gegen Afrika hingewendet ist. Von dem Theil.aber,
 dernach dem Tyrsenischen Meere hin liegt, halfen allein die Himeräer, s welche
 auch die einzigen Hellenen find, die nach jener Seite wohnen. Dies find die
 Hellenischen Völker von Sieilien, welche auf ihrer Seite kämpften, alle Dorer
 und mit eigener Verfassung; von Barbaren aber nur diejenigen Sikuler, welche,
 nicht auf die Seite der Athener übergetreten waren. Von den Hellenen 
 außerhalb SicilienS gaben die Lakedämonier Einen Spartiatcn.als Feldherrn, sonst
 aber nur Neubürger und Heloten -7-. Neubürger aber ist, wer. eben erst die
 Freiheit erlangt hat; die Korinther; die allein mit Schiffen und Landtruppen
 gekommen.waren, und die Leukadier und Amprakioten als Stammverwandte; Arkadische
 Söldlinge, von den Korinthern gesendet, und die Sikyonier, gezwungen 
 mitziehend; von außerhalb'des. Peloponnes die Böotier., Im Verhältniß hatten zu
 dieser Hülfsmacht die ficilischen Griechen in allen Truppengattungen selbst die
 größere Zahl gestellt; da sie volkreiche Städte hatten; denn sowohl viele
 Schwerbewaffnete, als auch Schiffe und Pferde und der sonstige Haufe waren
 zahlreich zusammen gekommen; und unter diesen Allen wieder hatten die
 Syrakusaner, kann man wohl sagen, verhältnißmäßig das Meiste geleistet, wegen
 der Größe ihrer Stadt und weil für sie die Gefahr am größten war. i

DaS waren die Hülfsvölker, welche auf. beiden Seiten zusammen kamen, und damals
 waren sie bereits alle zu beiden Theilen gestoßen, und Keiner erhielt dann
 später mehr neuen Zuzug. — 
 Die Syrakusaner nun und .ihre Bundesgenossen hielten es mit Recht für eine
 ruhmvolle Kampfthat, wenn sie nach dem gewonnenen Seefieg die ganze Heeresmacht
 der Athener, so gewaltig sie sei,- vernichteten und dieselbe auf keinem Element,
 weder zu Land noch zu Wasser, ihnen entkommen könne. Sie verschlossen nun
 sogleich den großen Hasen, dessen Mündung ungefähr acht Stadien weit ist 
 (4300'), mit quer gestellten Dreiruderern und Lastschiffen und Booten, die sie
 vor Anker legten, und trafen auch sonst Vorkehrungen, 
 
 falls die Athener noch ein Seegefecht wagen sollten, und etwas Ge- 
 ringes gedachten sie in keiner Weise zu thun.

Den Athenern nun, als sie die Sperrung deS Hafens sahen und auch die sonstigen
 Absichten der Syrakusaner merkten, schien eS hohe Zeit, einen Beschluß zu
 fassen. Demnach traten ihre Feldherren und die Hauptleute zusammen, und in
 Rücksicht-ihrer Verlegenheit in andern Dingen, und weil sie auch nicht einmal
 für den Augenblick genügende LebenSmittel mehr hatten — denn sie hatten
 Botschaft nach Katana geschickt, als wollten sie absegeln, und die Zufuhr
 abgesagt — und solche auch für die Zukunft sich nicht verschaffen konnten, wenn
 sie nicht zuvor eine Seeschlacht gewannen, so beschlossen sie, die landeinwärts
 IV) gelegene Verschanzung zu verlassen und dicht bei den Schiffen selbst einen
 Raum von möglichst geringem Umfang, wie er für das Gepäck und die Kranken eben
 genüge, mit einer Mauer einzufassen und durch eine Besatzung zu schützen,
 mit dem ganzen übrigen Heere aber sämmtliche Schiffe, sowohl die dienstfähigen,
 als auch die weniger seetüchtigen, zu bemannen und eine Seeschlacht zu wagen.
 Siegten sie, so wollten sie nach Katana fahren, wo nicht, die Schiffe in Brand
 stecken und in Schlachtordnung zu Lande abmarschiren. wo immer sie zunächst an
 einem befreundeten Platz einen Haltpunkt finden würden, sei er nun 
 hellenisch oder barbarisch. Und wie beschlossen war, so thaten sie: von den
 Verschanzungen landeinwärts rückten sie in aller Stille ab und bemannten
 sämmtliche Schiffe, indem sie Jedermann nöthigten, an Bord zu gehen, wer nur
 immer dem Alter nach tauglich und wie immer brauchbar schien. So wurden alle
 Schiffe voll, ungefähr hundert und zehn an der Zahl. Auch Bogenschützen und
 Speerträger von den Akarnanern und andern Söldnern schifften sie, in großer
 Zahl ein, und auch die sonstigen Anstalten trafen sie, soweit es in so 
 bedrängter Lage und bei ihrem verzweifelten Vorhaben möglich war. Nikias aber,
 als das Meiste schon in Bereitschaft war und er sah, wie die Soldaten durch die
 ganz' ungewohnten wiederholten Schlappen zur See muthlos waren und wegen des
 Mangels an LebenSmit- 
 
 
 teln so rasch als möglich den Entscheidungskampf wünschten, rief Alle 
 zusammen und dachte durch folgende Rede ihren Muth zu erwecken.

„Ihr Knegsleute von den Athenern und von den andern Bundesgenossen! Der Kampf,
 der bevorsteht, ist für uns Alle in gleicher Weise ein Kampf um Leben und
 Vaterland, und nicht weniger ist er es für die Feinde. Denn siegen wir mit
 diesen Schiffen, so mag Jeder von uns seine Vaterstadt wiedersehen. Wir dürfen
 aber nicht muthlos sein und uns benehmen, wie nur die allerunerfahrensten
 unter den Menschen es thun, die, wenn sie in den ersten Kämpfen im Nachtheil
 waren, immer nur voll Furcht gleiches Unheil erwarten. Vielmehr müßt ihr Athener
 alle, die ihr die Erfahrung so vieler Kriege habet, und so auch ihr alle von den
 Bundesgenossen, die ihr ja immer mit uns ausgezogen seid, euch an die
 unerwarteten Zufälle, des Krieges erinnern, und mit der Hoffnung, daß das Glück
 auch einmal auf unsere Seite treten werde, schickt euch an, die erlittenen
 Scharten wieder auszuwetzen, wie es die Ehre eines so zahlreichen Heeres
 verlangt, wie ihr euch dahier beisammen seht."

„Alle Vorkehrungen, von denen wir bei der Enge des Hasens und bei dem
 bevorstehenden Gedränge der Schiffe, sowie gegen die Anstalten der Feinde auf
 ihren Schiffsverdecken, durch die wir früher zu Schaden gekommen sind, Abhilfe
 erwarten konnten, haben wir im Einvernehmen mit den Steuerleuten unserer Lage
 gemäß in'S Auge gefaßt und in's Werk gesetzt. Denn sowohl zahlreiche 
 Bogenschützen und Speerträger werden die Schiffe besteigen, als auch sonst viel
 Volk, welches wir bei einer Schiffsschlacht im offenen Meer wohl nicht zugezogen
 hätten, weil sie durch Belastung der Schiffe die Naschheit der geschickten
 Bewegung hemmen könnten; in diesem Schiffskampfe aber, der nothgedrungen zu
 einer Landschlacht werden muß, sind sie von Vortheil. Was Alles an unseren
 Schiffen vorgekehrt werden mußte, zumal auch gegen die dicken Sturmbalken der
 Feinde, durch die wir am meisten in Nachtheil kamen, das haben wir 
 ausfindig gemacht, nämlich eiserne Greifarme, welche das.anprallende Schiff
 verhindern werden, sich wieder zurückzuziehen, sofern unsere Bemannung sich
 dabei nur geschickt erweist. Denn dazu find wir gezwungen, daß wir von den
 Schiffen , gleichsam eine Landschlacht liefern, und es scheint unser Vortheil,
 daß wir weder selbst zurück^ 
 weichen, noch auch jene es thun lassen, zumal uns ja auch das Ufer 
 feindlich ist, außer was davon unser Landheer besetzt hält."

.Daran müßt ihr denken und nicht ablassen vom Kampf mit der äußersten
 Anstrengung eurer Kraft, und euch.nicht an's Land drängen lassen, sondern wenn
 Schiff mit Schiff zusammengestoßen ist, dürft ihr euch nicht eher dazu
 verstehen, es loszulassen, als bis ihr vom feindlichen Verdeck die
 Schwerbewaffneten hinabgestürzt habt. Und das sage ich unseren Schwerbewaffneten
 nicht weniger als der Schiffsmannschaft, zumal ja.das auch mehr die Arbeit der
 vom Verdeck herab Kämpfenden ist; es soll uns also auch hier zu Theil 
 werden, daß wir im Kampf meist mit den Landtruppen siegen. Dem Schiffsvolk aber
 rufe ich zugleich zu und bitte es, unserer Schlappen wegen nicht gar zu sehr den
 Muth zu verlieren, zumal wir ja jetzt auch auf den Verdecken bessere
 Borkehrungen und die größere Schiffszahl haben. Ihr aber,.die ihr bis jetzt für
 Athener gehalten wurdet, ohne es zu sein, die ihr euch unserer Sprache bedientet
 und unsere Sitten nachahmtet und dafür bewundert wurdet in ganz Hellas, die
 ihr von unserer Herrschaft hinsichtlich eures Nutzens den gleichen 
 Vortheil hattet, und deßgleichen auch hinsichtlich des gefürchteten Ansehens bei
 den Unterthanen und der Sicherstellung bei jeder Beleidigung, bedenket wohl, wie
 sehr es der Anstrengung würdig ist, euch den Genuß jener Vorzüge zu wahren. Als
 solche, die allein als Freie an unserer Herrschaft theilnehmen, dürfet ihr
 gerechter Weise sie nicht verrathen; verachtet vielmehr die Korinther, die ihr
 so ost besiegt habt, wie die Sikelioten, von denen, so lange unsere Seemacht
 blühte, auch nicht Einer es nur gewagt hätte, sich uns gegenüber zu 
 stellen. Treibet sie ab und zeiget, daß trotz Schwächung und Mißgeschick eure
 Geschicklichkeit der vom Glück gehobenen Stärke Anderer überlegen ist."

.Die Athener unter euch erinnere ich aber auch daran, daß ihr auf euren Werften
 zu Haus keine solchen Schiffe zurückgelassen habt, wie diese, noch auch einen
 Stamm solche: Schwerbewaffneten Bedeutet: wenn uns etwas Anderes bevorstehen
 sollte, als der Sieg, so werden die Feinde dahier allsogleich dorthin segeln,
 und unsere in der Heimat Zurückgebliebenen werden nicht im Stande sein, sich der
 Feinde im Land und dieser hinzugekommenen zu erwehren. Ihr da- 
 
 hier werdet in die Hände der Syrakusaner fallen, und ihr wißt doch selbst,
 in welcher Absicht ihr sie angegriffen'habt; die dort aber find den
 Lakedämoniern auf Gnade und Ungnade hingegeben. Wenn jemals, .so habt also jetzt
 Muth, denn ihr werdet in diesem Kampf der Entscheidung für Beide einstehen; und
 bedenket Alle und Jegliche, daß die, welche jetzt dahier in die Schiffe steigen,
 der Athener ganze Land- und Seemacht sind, und daß auch der übrige Staat und
 der große Name Athens aus euch ruht. Und im Kampfe für diese Güter zeige
 Jeder, was er an Geschicklichkeit oder Muth vor dem Andern voraus hat, denn es
 kommt keine andere Gelegenheit, in der es Einer sich selbst mehr zum Vortheil
 thun könnte und der Gesammtheit mehr zur Rettung!" ' - '

Nikias nun, nachdem er die Seinigen so ermuthigt hatte, befahl-sogleich die
 Schiffe zu besteigen. Gylippos aber und die Syrakusaner konnten leicht merken,
 daß die Athener eine Seeschlacht wollten, zumal sie die Zurüstung selber sahen;
 auch waren sie vorher schon benachrichtigt worden vom Anbringen der eisernen
 Fangarme, und,wie im Uebrigen so trafen sie auch hiegegen ihre Vorkehrungen.
 Sie bekleideten nämlich die Vordertheile und weiterhin ein gutes Stück des
 Schiffes mit Leder/damit der Fangarm, wenn er aufgeworfen würde, abglitte und
 Nichts zu fassen fände. Und als Alles > bei ihnen in Bereitschaft war, da
 traten ihre Feldherren auf und auch Gylippos und ermunterten sie mit solchen
 Worten :

„Daß ruhmvoll ist, was wir schon gethan, und daß auch weiterhin der Kampf ein
 solcher für ruhmvolle Dinge ist, o ihr Syrakusaner und Bundesgenossen, das
 scheinen die Meisten von euch zu wissen, denn sonst hättet ihr euch nicht mit
 solchem Eifer an dieser Sache betheiligt; wenn aber Einer vielleicht die ganze
 Größe der Sache noch nicht erkennt, so wollen wir ihn ausklären. Die Athener
 nämlich, die in dies Land gekommen sind," um zuerst Sieilien zu knechten,
 und danach, wenn sie dies glücklich erreicht, auch den Peloponnes und das übrige
 Hellas, und die schon jetzt bereits von den früheren Hellenen und den jetzigen
 die größte Herrschaft erlangt haben, denen seid ihr von allen Menschen zuerst
 mit einer Seemacht entgegengetreten, durch welche jene Alles beherrschten, und
 habt sie in zwei.Seeschlahcten, bereits schon besiegt, undnhr werdet gewiß auch 
 diese gewinnen. Denn wenn erst die Menschen in einer Sache, in 
 der sie den Vorrang beanspruchen, einen Stoß erlitten haben, so ist dann
 für die Folge ihre eigene Meinung von sich noch schlechter, als die Wirklichkeit
 es erlaubte, und sie halten sich für schwächer, als sie thun würden, wenn sie
 von vornherein jene hohe Meinung von sich nie gehabt hätten, und wie sie früher
 in ihrer kecken Zuversicht zu ihrem Schaden zu weit gingen, so zeigen sie sich
 dann unter dem wirklichen Grad ihrer Macht muthlos. Und das muß jetzt bei den
 Athenern der Fall sein."

„Unsere frühere Kriegsmacht, mit der wir trotz unserer Unerfahrenheit das
 Wagniß kühn bestanden, ist jetzt stärker geworden, und da jetzt auch die
 Ueberzeugung dazu gekommen ist, daß wir die Tapfersten sind, da wir ja die
 Tapfersten besiegt haben, so hat sich die Zuversicht eines Jeden verdoppelt.
 Meist erzeugt aber bei solchen Unternehmungen die größte Zuversicht auch den
 größten Eifer. An die Schiffsvorrichtungen, mit denen sie nun ihrerseits uns
 bedrohen, sind wir nach unserer Kampfweise schon gewohnt, und auf Alles, 
 was damit verbunden ist, werden wir uns wohl gerüstet zeigen. Wenn aber bei
 ihnen gegen allen Gebrauch viele Schwerbewaffnete auf den Verdecken sind, und
 viele Akarnanifche Speerschützen, so zu sagen nur Landratten, und Andere, welche
 die Schiffe mit bestiegen haben, und die bei ihrer zusammengeduckten Stellung
 nicht einmal die Möglichkeit haben werden, ihre Geschosse zu schleudern, wie
 sollten sie da ihre eigenen Schiffe nicht in Gefahr bringen, und die ganze
 Bemannung, da Keiner sich seiner Gewohnheit gemäß frei bewegen kann, nicht in
 die größte Verwirrung gerathen? Denn auch die größere Zahl ihrer Schiffe wird
 ihnen keinen Vortheil bringen, wenn vielleicht Einer oder der Andere von Euch
 deßhalb in Furcht sein sollte, weil der Seekampf nicht zwischen gleich starken
 Flotten statt- finden wird. Denn'auf dem beschränkten Raume werden ihre 
 zahlreichen Schiffe viel langsamer in der Ausführung ihrer Pläne sein, und um so
 leichter durch unsere Veranstaltungen zu beschädigen. Erfahret nun aber auch,
 was von allen Nachrichten, die wir als sicher erhalten haben, die allerwahrste
 ist. Da das Unheil ihnen ganz über den Kopf gewachsen ist, und auf's Höchste
 bedrängt, wie sie sind, von ihrer augenblicklichen Noth, sind sie in die
 Verzweiflung 
 
 
 
 umgeschnappt und denken, nicht sowohl im Vertrauen auf ihre Rüstung, als
 vielmehr, um das Glück, so gut es geht, zum letzten Male zu versuchen, entweder
 für ihre Schiffe die Ausfahrt zu erzwingen, oder danach zu Lande-den Abzug
 anzutreten, da es ja doch nicht schlechter kommen könne, als wie es jetzt mit
 ihnen steht."

„Auf diese Verwirrung nun und auf das an sich selbst verzweifelnde Glück
 unserer ärgsten Feinde laßt uns mit Zorn erfüllt den Angriff machen! Halten wir
 nur fest, daß vollkommen rechtmäßig handelt, wer zur Bestrafung des Angreifers
 den ganzen Grimm seines Muths an ihm ausläßt, und daß es uns so auch zu Theil
 werde, an den Feinden Rache zu nehmen, was ja dem Sprüche nach das süßeste
 ist. Daß sie aber unsere Feinde und erbittertsten Feinde sind, das wißt ihr
 Alle, sie, die ja in unser Land gekommen sind, um es zu knechten! Und wäre es
 ihnen gelungen, fürwahr, sie hätten den Männern das Schmerzlichste angethan, und
 den Namen der ganzen Stadt hätten sie unehrlich gemacht. Dafür aber darf auch
 Keiner sich erweichen lassen, oder eS schon für einen Gewinn halten, wenn
 wir sie, ohne weitere Gefahr zu wagen, entkommen lassen, denn das wird ihnen
 ohnehin zn Theil, wenn sie den Sieg davontragen. Ergeht es ihnen aber so, wie es
 zu erwarten ist und wir es wünshcen, daß sie nämlich gezüchtigt werden und
 SicilienS altgewohnte Freiheit durch uns noch fester begründet wird, so war der
 Kampf ein erhabener. Unter allen Wagnissen sind die die seltensten, aus welchen
 im Fall des Mißlingens nur geringer Schaden, im Fall des Gelingens aber so
 unendlicher Vortheil erwächst."

Nachdem also auch die Feldherren der Syrakusaner und Gylippos mit solchen
 Worten ihre Soldaten ermuthigt hatten, so bemannten sie auch ihrerseits rasch
 die Schiffe, als sie die Athener das Gleiche thun sahen. Nikias aber, wegen der
 Lage der Dinge verwirrt, und sehend, wie groß und nah die Gefahr bereits sei, da
 man eben fast schon im Begriff war auszukaufen, glaubte, wie es bei 
 Kämpfen von so entscheidender Wichtigkeit meist der Fall zu sein pflegt, es
 fehle überall noch etwas und auch geredet sei noch nicht genug, und so berief er
 denn die einzelnen Schiffshauptleute, indem er Jeden mit seines Vaters und
 seinem eigenen Namen und nach seinem Stamme anredete, und forderte sie aus, daß
 Keiner, was er 
 selbst an Ruhm erworben, heute in die Schanze schlagen, noch auch 
 die Tugenden, durch welche ihre Vorfahren geglänzt, verdunkeln lassen
 sollte. Er erinnerte sie an das Vaterland, das selbst der herrlichsten Freiheit
 genieße und jedem Einzelnen schrankenlose Freiheit gewähre, seine Lebensweise zu
 gestalten. Dieß und Anderes sagte er, wie eS Menschen in solcher Lage eben
 vorzubringen pflegen, ohne sich daran zu stoßen, daß es Einem veraltet
 erscheinen könne,' da ja in allen Fällen immer dasselbe vorgebracht wird: Weib
 und Kind und: die vaterländischen Götter; aber man hält es in so verzweifelten
 Umständen eben für wirksam, und so ruft man sich's einander zu." Nikias
 nun, nachdem er nicht sowohl Genügendes, als vielmehr nur das Nothwendigste
 gesagt zu haben glaubte, ^brach auf und führte das Landheer an's Meer hinab und
 stellte es da in möglichst ausgedehnter Linie auf, um hieraus zur ErmuthigunK
 derer sauf den Schiff fen möglichsten Vortheil zu ziehen; Demosthenes aber und
 MenandroS und Euthydemos — denn diese hatten als Feldherren die Schiffe der
 Athener bestiegen — setzten.sich von ihrem Standlager aus in Bewegung und
 fuhren grade auf die Sperrung des Hafens und den noch offen gelassenen Raum los,
 um sich die Ausfahrt zu erzwingent

Die Syrakusaner aber und ihre Bundesgenossen.waren ungefähr mit der gleichen
 Schiffszahl wie früher bereits ausgelaufen und bewachten mit einem Theil
 derselben die Ausfahrt, sowie auch die übrigen Theile des Hafens rings herum,
 damit sie die Athener von'allen Seiten zugleich angreifen und auch ihre
 Landtruppen ihnen' zu Hilfe kommen könnten, wo immer ihre Schiffe an's Land
 getrieben würden. Auf der Flotte der Syrakusaner befehligten Sikanos und 
 Agatharchos, Jeder auf einem Flügel; Pythen und die Korinther hatten die Mitte.
 Als nun die Athener auf die Verfperrung stießen, siegten sie beim ersten Anlauf
 über die dort aufgestellten Schiffe und suchten die Sperrung zu durchbrechen;
 als aber dann von allen Seiten die Syrakusaner und Bundesgenossen auf sie
 losstürzten, so kam eS nicht blos bei der Sperrung zum Gefecht, sondern auch im.
 ganzen Hafen selbst, und es wurde hitziger gekämpft, als je vorher. Denn 
 auf beiden Seiten herrschte bei der Rudermannshcaft der größte Eifer zum
 Ansegeln, wenn der Befehl dazu ertheilt wurde; die Steuerleute wetteiferten
 gegenseitig, sich in ihrer Kunst überlegen zu zeigen, und 
 
 
 die Schiffssoldaten thäten ihre Sache; wenn Schiff auf Schiff stieß, damit
 die Leistungen vom Verdeck nicht hinter der Geschicklichkeit der^ Andern
 zurückblieben.' Jeder beeiserte sich, in dem, was ihm befohlen war, sich als der
 Erste zu zeigend Als aber nun auf dem engen Raum viele Schiffe zusammenstießen —
 denn es war dieS die größte Schiffszahl, die je auf so winzigem Raume gefochten
 hatte, da, beide Flotten zusammengenommen, wenige an zweihundert fehlten'^) —
 so fanden sehr wenig Angriffe mit den Vordertheilen statt, weil man stich
 weder zum Anlauf zurückziehen, noch zwischendurch fahren konnte; Enterangriffe
 von der Seite aber, wie grade zufällig ein Schiff im Fliehen oder beim Angriffe
 eines andern auf ein drittes stieß, kamen häufiger vor. So lange ein Schiff noch
 im Heranrudern war, schütteten die vom Verdecke Wurfspeere, Pfeile und Steine in
 Menge über dasselbe aus; waren aber beide Schiffe zusammengestoßen, so wurden'
 die Soldaten handgemein und suchten Jeder das Schiff des Gegners zu
 besteigen. Es traf sich auch an vielen Punkten, daß wegen des Gedränges die
 Einen ein Schiff enterten und auf der andern Seite selber geentert würden, sowie
 auch, daß zwei oder mehr Schiffe im Gewühle sich an eines anklammerten und so
 die Steuerleute die Aufgabe hatten, sich der Einen zu erwehren und die Andern
 anzugreifen, nicht Eines nach dem Andern, sondern Vieles zugleich und nach allen
 Seiten.. Zugleich erhob sich ein großes Getöse von so vielen 
 zusammenstoßenden'Schiffen und hinderte, verbunden mit dem Schrecken, daß die
 Stimmen der Befehliger gehört werden konnten. Denn vielfältiger Zuruf und
 Geschrei erschallte beiderseits von den Befehlshabern, wie es theils ihre
 Amtspflicht erheischte, theils der augenblickliche Wetteifer hervorrief. Den
 Athenern riefen die Ihrigen zu, sie sollten die Durchfahrt erzwingen und jetzt
 oder nie die Rückkehr in das Vaterland mit aller Anstrengung sich erkämpfen, —
 den Syrakusanern und ihren Bundesgenossen, wie ruhmvoll es sei, wenn sie 
 jene' am Entkommen verhindern und so Jeder seines Vaterlandes Ruhm durch den
 Sieg erhöhen würde. Und die Feldherren selbst auf beiden Seiten, wenn sie Einen
 rückwärts tseuern sahen ohne dringenden Grund, riefen den Schiffshauptmann mit
 Namen an, und 
 
 die Athener fragten dabei, ob sie sich vielleicht zurückzögen, weil sie
 
 das Land ihrer erbittertsten Feinde für sicherer hielten, als das Meer, 
 dessen Herrschaft sie mit so vieler Anstrengung sich erkämpft hätten — die
 Syrakusaner aber, ob sie denn vor den Athenern, von. denen sie so gewiß wüßten,
 daß sie nur auf jede Weise zu entfliehen suchten, selber feig fliehen
 wollten.

, 'Die Landtruppen am Ufer aber, während die Seeschlacht unentschieden
 schwankte, erlitten beiderseits gewaltigen Kampf und Aufregung des Gemüths. Die
 Einheimischen in schon wachsendem Ehrgeiz wünschten noch ruhmvollere Thaten, die
 Partei der Angreifer fürchtete,, daß die Dinge für sie noch schlechter kommen
 könnten. Denn da alle Hoffnung der Athener, nur auf ihren Schiffen beruhte,
 so konnte ihre Furcht wegen des Kommenden mit Nichts verglichen werden,
 und deßhalb waren die Blicke derer vom Lande an den Seekampf gefesselt, dessen
 Verlauf sehr ungleichartig'war. Denn da der Schauplatz unter ihren Augen lag und
 nicht Alle zugleich nach derselben Stelle blickten, so wuchs den Einen der Muth,
 wenn sie irgendwo die Ihrigen siegreich sahen, und wendeten sich zur 
 Anrufung der Götter, sie möchten sie doch nicht der Heimkehr berauben; die aber,
 welche eine Niederlage erblickten, wehklagten nnd erhoben Jammergeschrei und
 wurden' durch den Anblick des Geschehenden mehr entmuthigt, als die, welche
 selbst am Kampf betheiligt waren. Andere hinwiederum, die nach einer Seite
 hinschauten, wo das Seegefecht unentschieden schwankte, erlitten die
 schmerzlichste Aufregung wegen der langen'entfcheidungslosen Dauer des^Kampfes,
 indem sie dazu mit dem ganzen Körper Zeichen und Winke gaben, wie die 
 höchste Angst sie. nach ihrer Auffassung des Geschehenden ihnen eingab; denn
 immer lag nur Haares Breite zwischen Entrinnen oder Verderben.. So war im Heere
 der Athener, so lange der Kampf ohne Entfcheidung'währte, Alles zugleich zu
 hören: Klage, Geschrei, Siegesjubel, Wehruf der Geschlagenen und was sonst für
 vielgestaltige Laute ein' gewaltiger Kampf großen Heeren abzwingt. Fast ebenso
 ging es bei denen auf den Schiffen selbst, bis denn endlich die 
 Syrakusaner und ihre Bundesgenossen, nachdem die Wage der Seeschlacht lange hin
 und her geschwankt, die Athener zum Fliehen brachten, schon mit der Gewißheit
 deS Sieges nachdrängten und unter lautem 
 
 Geschrei und Zuruf an's Land hin verfolgten. Da sprang denn die 
 Schiffsmannschaft, so viel ihrer nicht bereits auf der See gefangen worden
 waren, der Eine hier, der Andere dort an s Land und liefen dem Lager zu; die
 Landtruppen aber, jetzt nicht mehr schwankend und getheilt in der Stimmung,
 sondern von gleichem Drang bewegt, jammernd .und wehklagend Alle, in
 Verzweiflung ob des Geschehenen, eilten die Einen.den Schiffen zu Hilfe, die
 Andern zur Vertheidigung der Schanzen/ was davon noch übrig war; noch Andere,
 und zwar die Meisten, schauten sich nur nach eigener Rettung um. In diesem 
 Augenblick war die Verwirrung so entsetzlich, wie sonst niemals, und die Athener
 hatten nun Aehnliches erlitten, wie das, was sie selber den Feinden, in Pylos
 angethan. Denn nachdem dort die Schiffe der Lakedämonier vernichtet waren,
 gingen ihnen auch noch die Leute verloren, "welche auf die Insel übergesetzt
 hatten. Nun blieb auch den Athenern keine Hoffnung, sich zu Lande zu retten,
 wenn nicht ganz Unerwartetes eintrat.' . ' » .

Nach diesem gewaltigen'Seekampfe, in welchem beide Theile viele Schiffe^) und
 Menschen verloren hatten, sammelten die siegreichen.Syrakusaner und ihre
 Bundesgenossen die Schiffstrümmer ..und die Todten und segelten dann nach der
 Stadt und errichteten ein Siegeszeichen; die Athener aber dachten wegen der
 Größe der augenblicklichen Gefahr nicht einmal daran, um die Auslieferung ihrer
 Todten oder Schiffstrümmer zu bitten, sondern faßten den Beschluß, 
 sogleich in" der folgenden Nacht abzuziehen. Demosthenes seinerseits kam zu
 Nikias und meinte/ise sollten die noch übrigen Schiffe bemannen und wo möglich
 mit Tagesanbruch die Durchfahrt erzwingen, denn', sagte er, sie selbst hätten
 mchr'seetüchtige Schiffe übrig behalten, als die Feinde. Es waren nämlich den
 Athenern deren gegen sechzig /übrig geblieben, den Gegnern'aber nicht einmal
 fünfzig. Nikias nun trat seiner Meinung bei; als sie aber die Schiffe 
 bemannen wollten, so weigerten sich die Männschaften, sie zu besteigen; so 
 entnmthi'gt waren sie durch die Niederlage und so sehr verzweifelten sie, je
 wieder einen Sieg zu gewinnen. Demnach also vereinigte sich Aller Meinung dahin,
 daß man. zu Lande abziehen wolle.

Hermokrates aber, der Syrakusier, vermuthete ihre Ab- 
 ficht, und da er es für sehr gefährlich hielt, wenn ein so zahlreiches 
 Heer zu Lande sich zurückziehe und, sich irgendwo auf Sieilien festsetzend, von
 Neuem den Krieg gegen sie beginne, so ging er zu den Behörden und hielt ihnen
 vor, daß man nicht ruhig zusehen dürfe, wenn jene zur Nachtzeit abzögen;
 vielmehr, sagte er in Darlegung feiner Ansicht, sollten sämmtliche Syrakusaner
 und die Bundesgenossen ausziehen und die Wege verbauen und die Engpässe noch
 vorher rechtzeitig besetzen und bewachen. Jene nun waren auch schon für
 sich derselben Meinung und hielten dafür, man sollte dieß Alles thun; aber,
 meinten sie, die Leute, die jetzt nach der großen Seeschlacht froh wären sich
 ausruhen zu können, würden nicht gern gehorchen wollen, zumal auch ein Festtag
 sei — es wurde nämlich am selben Tag ein Heraklesopser gefeiert. 
 In ihrer großen Freude über den Sieg hätten sich die Meisten an dem festlichen
 Tage zu Trinkgelagen gewendet und würden sich eher zu allem Andern verstehen,
 als augenblicklich die Waffen zu ergreifen und auszuziehen. Da nun den Behörden
 die Sache aus diesen Ueberlegungen unthunlich erschien, so redete ihnen
 Hermokrates nicht weiter zu, sondern setzte ans eigene Faust die folgende List
 in's Werk. Weil er fürchtete, die Athener möchten während der Nacht in aller
 Stille einen Vorsprung gewinnen und die schwierigsten Stellen hinter sich
 bringen, so schickte er einige seiner Genossen, von Reitern begleitet, als es
 anfing zu dunkeln, zum Lager der Athener. Diese ritten so nahe heran, daß man
 sie hören konnte, und riesen einige Leute an, als ob sie Freunde der Athener
 wären — denn Nikias hatte unter den Syrakusanern seine Zuträger — und befahlen
 ihnen, dem Nikias zu sagen, er solle das Heer nicht zur Nachtzeit abführen, da
 die Syrakusaner die Wege besetzt hielten, sondern ruhig seine Anstalten treffen
 und bei Tage abziehen. Jene, nachdem sie dieß ausgerichtet, ritten wieder
 davon, und die sie gehört hatten, meldeten es den Feldherrn der Athener, die
 denn auch auf diese Meldung hin die Nacht über stehen blieben, indem sie an
 einen Betrug nicht glaubten.

Da es aber auch so nicht so rasch zum Abzug kam, so beschlossen sie auch noch
 den nächsten Tag zu bleiben, damit die Soldaten das Nöthigste so gut wie möglich
 zusammenpacken und alles 
 
 Andere zurücklassen könnten, indem sie nur mitnähmen, was für die 
 leiblichen Bedürfnisse das Ersprießlichste sei, um dann aufzubrechen. Die
 Syrakusaner aber und Gylippos kamen ihnen mit dem Landheere zuvor und
 versperrten die Wege im Lande, welche die Athener nothwendig passtren mußten,
 besetzten die Furten der Bäche und Flüsse, und stellten sich, wo es ihnen
 passend schien, auf, um das Heer der Feinde zu empfangen und am Weitermarsch zu
 hindern. Ihre Schiffe aber fuhren heran und zogen die Fahrzeuge der Athener vom
 User herab; einige wenige hatten die Athener ihrem Vorhaben gemäß 
 verbrannt, die übrigen nahmen sie in aller Ruhe, ohne daß Jemand sie hinderte,
 wo grade jedes an's Land getrieben war, in's Schlepptau und brachten sie nach
 der Stadt.

Danach, als dem Nikias und Demosthenes Alles hinreichend vorbereitet schien,
 erfolgte endlich der Aufbruch des Heeres am dritten Tag nach der Seeschlacht. Es
 war aber ein jammervoller Auftritt aus mehr als einer Ursache. Nicht nur zogen
 sie jetzt ab, nachdem sie alle ihre Schiffe verloren hatten, und anstatt der
 Erfüllung ihrer großartigen Hoffnungen schwebten jetzt sie selber und ihr 
 ganzer Staat in größter Gefahr, sondern es bot sich auch beim Verlassen des
 Lagers dem Auge eines Jeden Schmerzliches und den Sinn Verwundendes. Denn die
 Todten lagen unbegraben, und wenn Einer einen Angehörigen daliegen sah, so
 ergriffen ihn Schmerz und Furcht zugleich, und die, welche lebend zurückgelassen
 wurden, verwundet oder krank, waren den Ueberlebenden ein noch schmerzlicherer
 Anblick, als die Todten, und weitunglükclicher, als die Gefallenen. Denn 
 sie streckten flehend die Hände aus und wehklagten und brachten sie zur
 Verzweiflung, indem sie baten, man möge sie doch mitnehmen. Und wenn Einer wo
 einen Freund oder Angehörigen sah, so riefen sie Jeden beim Namen an, und wenn
 ihre Zeltgenossen sich in Marsch setzten, so klammerten sie sich fest an sie und
 folgten ihnen, so weit sie konnten, und wenn Einen dann die Kraft verließ und
 die Glieder ihnen versagten, so blieben sie unter Beshcwörungen und Wehgeheul
 liegen, so daß das ganze Heer in Thränen unter diesem Widerstreit der
 Gefühle nur schwer abzog, obgleich sie Feindes Land verließen und sie selber
 schon Unheil erlitten hatten, das mehr als beweinenswerth war, und von der
 ungewissen Zukunft solches noch befürchten 
 mußten. Dazu herrschte unter ihnen auch Beschämung und Selbst- 
 anklage, denn ihr Zug glich ganz und gar der flüchtigen Bevölkerung einer
 eroberten Stadt, und zwar einer nicht kleinen, denn nicht weniger als vierzig
 tausend Mann war die gesammte Masse stark, die sich in Marsch setzte. Und von
 diesen trugen nicht nur die Andern, was Jeder Brauchbares mitnehmen konnte,
 sondern sogar auchdie Schwerbewaffneten und die Reiter trugen zu ihren Waffen
 auch ihre Lebensmittel, theils aus Mangel an Waffenknechten ^), theils auch aus
 Mißtrauen; denn die Meisten derselben waren schon früher oder eben jetzt
 zu den Feinden übergelaufen. Gleichwohl hatten sie auch so nicht das Genügende
 zum Mitnehmen, da kein Brod mehr im Lager war. Das übrige Elend und die gleiche
 Betheiligung Aller an dem Unglück, die doch sonst bei einer großen Zahl von
 Mittragenden Erleichterung gewährt, wurde in der gegenwärtigen Lage deßhalb doch
 um nichts leichter genommen, zumal man von solchem Glanz und so 
 großartigen Versprechungen des Beginnens zu solchem Ende und solcher
 Erniedrigung herabgekommen war. Denn eS war dieß der größte Glücksumschlag, den
 je ein Hellenisches Heer erlitten. Gekommen, um Andern Knechtschaft zu bringen,
 mußten sie nun abziehen in der Furcht, daß ihnen selber dieß Schicksal
 bevorstehe; anstatt glückverheißender Wünsche und Kriegsgesänge, in deren Geleit
 sie von , der Heimath abgesegelt waren, brachen sie jetzt unter den
 entgegengesetzten Zurufungen auf; aus Seeleuten waren sie Landsoldaten geworden,
 und anstatt Schiffsdienst zu thun, marshcirten sie jetzt als 
 Schwerbewaffnete. Und doch schien ihnen selbst dieß Alles noch erträglich gegen 
 die Gefahr, die noch drohend über ihren Häuptern schwebte.

Als nun Nikias das Heer so muthlos und ganz umgewandelt sah, so durchschritt er
 die Reihen, um sie zu ermuthlgen und zu trösten, so gut es anging, und wie er
 von den Einen zu den Andern vorschritt, steigerte er die Gewalt seiner Stimme,
 theils im Eifer, theils um möglichst weithin gehört zu werden und zu nützen:
 ^

„Auch in dieser unserer Lage, ihr Athener und Bundesgenossen, dürfen wir die
 Hoffnung nicht sinken lassen.. Schon Manche find aus noch schlimmeren Lagen, als
 diese ist, gerettet worden! 
 
 
 Macht euch auch nicht allzuviel Vorwürfe wegen der Niederlagen und des
 jetzigen ganz unverdienten Unglücks. Ich selbst bin ja nicht kräftiger, als
 Einer von euch — denn ihr seht ja, wie mich die Krankheit zugerichtet hat; und
 obgleich ich in meinem Privatleben und in anderer Beziehung vom Glück nicht
 weniger begünstigt schien, als irgend Einer, so schwebe ich nun doch in
 derselben Gefahr, wie der Allerletzte. Und doch habe ich immer in frommer
 Verehrung der Götter ihrem Dienst eifrig obgelegen und gegen die Menschen
 gerecht und ohne Gehässigkeit gehandelt. Aber grad darum ist mein Blick in die
 Zukunft auch voller Zuverficht, und unser Unglück schreckt mich nicht, wie
 es sonst wohl könnte. Leicht dürste es jetzt bald fein Ende haben! Denn das
 Glück der Feinde hat schon sein Maß voll gemacht, und wenn unser Kriegszug
 vielleicht den Neid einer Gottheit erregt hat, so sind wir schon hinlänglich
 geschlagen. Es haben ja auch schon Andere solche Kriegszüge gegen Andere
 unternommen und find für ihr menschliches Thun nur erträglich gezüchtigt worden;
 und so dürfen auch wir hoffen, daß die Gottheit uns jetzt gnädiger sein werde,
 denn wir sind jetzt schon mehr ihres Mitleids würdig, als des Neides. 
 Schaut doch nur auf euch selber, wie trefflich gerüstet und wie zahlreich ihr da
 in geschlossener Ordnung marschirt! So fürchtet euch also nicht zu sehr, und
 bedenket, daß ihr für euch schon eine Stadt bildet, wo immer ihr euch festsetzen
 werdet, und daß kein anderer Staat auf Sieilien weder euren Angriff leicht
 aushalten, noch auch, wenn ihr euch wo festgesetzt hättet, euch verjagen könnte.
 Daß der Marsch so sicher und geordnet als möglich sei, dafür müßt ihr selber
 sorgen, und Jeder soll denken, daß der Platz, auf dem er zu fechten 
 gezwungen wird. nur durch seinen Sieg ihm Vaterland und Festung wird. Wir müssen
 aber eilen und Nacht wie Tag marschiren, denn wir haben nur wenige Lebensmittel,
 und erst wenn wir einen befreundeten Platz der Sikuler erreicht haben, die aus
 Furcht vor den Syrakufanern noch treu zu uns halten, dürft ihr glauben in
 Sicherheit zu fein. Es find schon Leute an sie vorausgeschickt, daß sie uns
 entgegenkommen und LebenSmittel mitführen sollen. Ueberhaupt aber, ihr
 Soldaten, müßt ihr bedenken, daß ihr euch als tapfere Männer erzeigen müsset,
 denn kein Platz ist in der Nähe, in den ihr in muthloser Flucht euch retten
 könntet; und wenn ihr euch jetzt durch die 
 Feinde durchschlagt, so werdet ihr Andern das wiedersehen, wonach 
 eines Jeden Herz sich sehnt, und ihr Athener werdet die große Macht 'eurer
 Vaterstadt, wenn sie auch herabgesunken ist, wieder aufrichten; denn Männer sind
 der Staat, und nicht Mauern oder Schiffe ohne Männer." '

. Mit diesen ermunternden Worten schritt Nikias längs des Heeres hin, und wenn
 er irgendwo zerstreute Leute sah, die nicht in der Ordnung marshcirten, so
 stellte er sie an ihren Platz, und ebenso that Demosthenes, indem er zu den
 Seinigen eben Solches undAehnlicheS redete. Voran marschirte der Haufe des
 Nikias im länglichen Viereck; hinterdrein kam die Abtheilung des Demotshenes.
 Die Gepäckträger und den meisten Troß hatten die Schwerbewaffneten in die 
 Mitte genommen. Als sie nun bei der Furt des Anaposflusses anlangten, so fanden
 sie daselbst Truppen der Syrakusaner und ihrer Bundesgenossen aufgestellt,
 jagten diese aber in die Flucht, bemächtigten sich der Furt und marshcirten
 weiter. Die Syrakusaner aber umshcwärmten sie mit ihren Reitern, und auch ihre
 Leichtbewaffneten setzten ihnen mit Speerschüssen zu. Nachdem sie an diesem Tage
 gegen vierzig Stadien vorgerückt waren, brachten die Athener die Nacht bei
 einem Hügel zu; des folgenden Tags in der Frühe brachen sie wieder auf und
 marshcirten gegen zwanzig Stadien und kamen dann in eine Ebene und lagerten
 daselbst, in der Absicht, aus den Gehöften daselbst Lebensmittel zu nehmen —
 denn die Gegend war bewohnt — und von hier auch Wasser mit sich zunehmen, denn
 weiterhin in der Gegend, durch die sie ziehen wollten, war es auf viele Stadien
 weit nicht reichlich genug vorhanden. Die Syrakusaner waren ihnen 
 aber.unterdessen schon zuvorgekommen und hatten weiter vorwärts den Durchgang
 durch eine Mauer gesperrt. Es war dieß nämlich ein starker Hügel, der zu beiden
 Seiten abschüssige Schluchten hatte. Man nannte ihn den Akräischen Felsen. 
 Am folgenden Tag marschirten die Athener weiter; und die Reiter und
 Speerschützen der Syrakusaner und ihre Bundesgenossen in großer Zahl hinderten
 ihren Marsch auf beiden Seiten, indem sie sie umshcwärmten und Speere schossen
 Die Athener kämpften lange, 'dann zogen sie sich wieder in ihr alteS Lager
 zurück. Jetzt fanden sie 
 
 aber die nöthigen Bedürfnisse nicht mehr so, wie vorher, deim der Reiter
 wegen war es nicht möglich, von der Stelle zu gehen.

Mit Tagesanbruh csetzten sie sich wieder in Marsch, um den vershcanzten Berg
 mit Gewalt zu nehmen. Da fanden sie vor sich jenseits der Schanzmauer das
 Fußvolk in starker Tiefe aufgestellt, da der Raum sehr eng war. Die Athener
 stürmten an und kämpften um die Vershcanzung, aber vom steilen Abhang des Hügels
 herab von vielen Geschossen getroffen — denn die von oben trafen besser —
 konnten sie die Verschanzung nicht bezwingen und zogen sich wieder zurück und
 ruhten aus. Zufällig traten zu gleicher Zeit auch einige Donnerschläge ein und
 Regen, wie es eben um diese Jahreszeit — es war schon gegen den Spätherbst — zu
 geschehen pflegt; die Athener aber wurden darüber noch muthloser und glaubten,
 das Alles ziele aus ihr Verderben ab. Während sie nun ausruhten, schickten 
 Gylippos und die Syrakusaner einen Theil ihres Heeres ab, um jene auch in ihrem
 Rücken, da wo sie hergekommen waren, durch eine Verschanzung abzuschneiden. Aber
 auch die Athener schickten einen Theil ihrer Leute dagegen aus und verhinderten
 es. Danach zogen sie sich mit ihrem ganzen Heer rückwärts noch mehr in die Ebene
 hinab und blieben daselbst die Nacht über. Am folgenden Tag marfchirten sie
 weiter, und die Syrakusaner fielen sie rings von allen Seiten an und 
 verwundeten Viele ; und wenn die Athener angriffen, so wichen sie zurück; wenn
 jene sich aber zurückzogen, so setzten sie ihnen zu, indem sie besonders die
 Hintersten angriffen, um durch Niederlagen im Kleinen das ganze Heer in
 Verwirrung zu bringen. Auf diese Weise leisteten die Athener lange Zeit
 Widerstand, dann, nachdem sie fünf oder sechs Stadien weiter vorwärts gekommen
 waren, ruhten sie in der Ebene aus, und auch die Syrakusaner ließen von ihnen
 ab-und zögen sich in ihr Lager.

In der Nacht beschlossen Nikias und Demosthenes, da eS um ihr Heer bei dem
 Mangel an allen Dingen so schlecht stand und in den zahlreichen Angriffen der
 Feinde sehr viele Leute schwer ,verwundet worden waren, man solle möglichst
 viele Lagerfeuer anzünden und das Heer abmarsckiren lassen, aber nicht mehr
 denselben Weg, den sie Anfangs im Sinne hatten, sondern nach der 
 entgegengesetzten Seite, als da, wo die Syrakusaner ihnen aufpaßten, nämlich 
 gegen das Meer hin. Es führte aber dieser Weg das Heer nicht nach 
 Katana, sondern nach der andern Seite von Sieilien gegen Kamanna und Gela
 und die dortigen hellenischen und barbarischen Städte. Nachdem sie nun viele
 Feuer angezündet, marschirten sie ab. Wie eS nun bei allen, besonders aber bei
 den größten Heeren zu gehen pflegt, daß panische Furcht und Schrecken sie
 ergreift, zumal beim Marsch in der Nacht und in feindlichem Land, wo die Feinde
 selbst nicht weit entfernt find, so fiel auch über sie Schreck und Verwirrung.
 Das Heer des Nikias zwar, wie es an der Spitze marshcirte, blieb zusammen
 und gewann einen bedeutenden Vorsprung, von dem des Demotshenes aber kam
 ungefähr die Hälfte oder noch mehr außer Fühlung mit den Andern und zog in
 Unordnung einher. Gleichwohl erreichten sie mit Tagesanbruch das Meer und
 schlugen hier die Straße ein, welche die Elorinische heißt, und marschirten so
 weiter, um am Flusse Kakyparis, wenn sie denselben erreicht hätten, aufwärts
 gegen das Binnenland zu ziehen, denn sie hofften daselbst auf die Sikuler zu
 treffen, nach denen sie geschickt hatten. Als sie aber bei diesem Flusse 
 ankamen, so fanden sie auch hier eine Truppe der Syrakusaner, welche im Begriff
 war, Vershcanzungen aufzuwerfen und die Furt durch Pallisaden zu sperren. Sie
 warfen dieselbe jedoch, überschritten den Fluß und marshcirten dann gegen einen
 andern Fluß, den Erineos; denn dazu riethen ihnen die Wegweiser.

Als es nun Tag geworden war und die Syrakusaner und ihre Bundesgenossen sahen,
 daß die Athener entwischt seien, so beschuldigten die Meisten von ihnen den
 GylippoS', er habe sie absichtlich entkommen lassen. Doch machten sie sich
 allsogleich zur Verfolgung auf, und da leicht zu sehen war, wo jene marschirt
 seien, so trafen sie um die Zeit des Frühmahls auf sie. Als sie nun mit den
 Leuten des Demosthenes zusammenstießen, welche die Nachhut hatten und
 langsamer und unordentlicher marschirten, da sie in der Nacht in Verwirrung
 gerathen waren, so fielen sie dieselben allsogleich mit den Waffen an, und die
 Reiterei der Syrakusaner schloß sie mit leichter Mühe ein, da sie von den
 Vorderen getrennt waren, und trieb sie auf einen Platz zusammen. Das Heer des
 Nikias indeß hatte einen Vorsprung von fünfzig Stadien (1Meile), denn Nikias
 führte sie in größerer Schnelle, indem er glaubte, ihre Rettung liege jetzt
 nicht 
 
 darin, freiwillig Stand zu halten und zu fechten, sondern darin, möglichst
 rasch weiter zu ziehen und sich nur so weit in Gefechte einzulassen, als man
 durchaus dazu gezwungen werde. Demostyenes aber hatte größere und
 ununterbrochene Anstrengungen gehabt, da er die Nachhut bildete und die Feinde
 über ihn zuerst herfielen, und als er jetzt sah, daß die Syrakusaner ihn
 verfolgten, so stellte er sich, anstatt weiter zu marshciren, in
 Schlachtordnung, bis er über diese Verzögerung von jenen ganz eingeschlossen
 wurde und nun mit sammt seinen Athenern in die größte Bestürzung gerieth. Sie
 sahen sich nämlich abgeschnitten und auf einen Platz zusammengedrängt, den 
 ringsum eine Mauer einschloß, mit Ausgängen aus beiden Seiten, und der mit
 vielen Oelbäumen bepflanzt war, und von allen Seiten wurden sie beschossen.
 Solcher Angriffe nämlich bedienten sich die Syrakusaner anstatt des Kampfes Fuß
 an Fuß, und mit Recht, denn einen Nahkampf mit verzweifelten Menschen zu wagen,
 mußte eher zum Nutzen der Athener ausfallen, als zum ihrigen; und dann 
 wollten sie auch, weil sie schon ganz entschieden im Glück waren, ihre Leute
 schonen und nicht noch zu guter Letzt aufreiben lassen, da sie ohnehin auf diese
 Art die Athener gänzlich aufreiben und in ihre Gewalt bringen würden.

Nachdem sie nun den ganzen Tag über die Athener und ihre Bundesgenossen von
 allen Seiten beschossen hatten und dieselben durch Wunden und die andern Uebel,
 bereits gänzlich erschöpft sahen, so ließen ihnen Gylippos und die Syrakusaner
 sammt Bundesgenossen durch den Herold zuerst kund thun, wer von den 
 Sikeliöten zu ihnen übertreten wolle, der könne es frei und ohne Gefahr, thun.
 Auf dieß trat die Mannschaft einiger Städte zu ihnen über. Danach kam auch mit
 der gesammten übrigen Mannschaft des Demosthenes eiu Vergleich zu Stande, wonah
 csie die Waffen abliefern mußten, aber Keiner von ihnen getödtet werden dürfe,
 weder durch gewaltsame Hinrichtung, noch im Gefängniß, noch durch Entziehung
 der nöthigen Nahrung. So ergaben sich denn Alle, ihrer sechstausend an der
 Zahl. Das Geld, welches sie hatten, mußten sie abgeben, indem sie eS in
 umgekehrte Schilde warfen, deren vier davon angefüllt wurden. Diese nun brachten
 sie sogleich nach der Stadt, Nikias aber 
 und die Seinigen kamen desselbigen Tages noch zum Erineosfluß, 
 den sie überschritten und dann aus einer Anhöhe sich lagerten.

Die Syrakusaner aber holten ihn TagS darauf ein und ließen ihm sagen, daß die
 unter Demosthenes sich ergeben hätten; auch er solle dasselbe thun. Da er ihnen
 aber nicht glauben wollte, so bedung er sich aus, einen Reiter hinzusenden, um
 sich davon zu überzeugen. Als dieser nun zurückkam und meldete, daß Jene sich
 ergeben hätten, so ließ er dem Gylippos und den Syrakusanern sagen, er sei
 bereit im Namen der Athener einen Vergleich zu schließen: was die Syrakusaner an
 Geld aus den Krieg verwendet hätten, das solle ihnen zurückgezahlt werden unter
 der Bedingung, daß man ihn und sein Heer frei ziehen lasse; bis das Geld bezahlt
 sei, wolle er aus den Athenern Geißeln stellen, je einen Mann für ein Talent.
 Die Syrakusaner aber und Gylippos gingen aus diese Bedingungen nicht ein, 
 sondern griffen ihn an und umstellten ihn von allen Seiten und beschossen auch
 ihn bis zum Abend. Auch hier litten die Athener durch Mangel an Brod und andern
 Bedürfnissen; gleichwohl aber dachten sie die Stille der Nacht abzuwarten, um
 dann weiter zu ziehen. Als sie da aber die Waffen ergriffen, merkten es die
 Syrakusaner und stimmten den Schlachtgesang an. Nun sahen die Athener, daß sie
 entdeckt seien und legten die Waffen wieder nieder, außer ungefähr 
 dreihundert Mann; diese öffneten sich mit Gewalt den Weg durch die Posten der
 Feinde und marschirten in der Nacht weiter, wo sie kein Hinderniß fanden.

Als es Tag geworden war, führte Nikias sein Heer weiter; die Syrakusaner und
 ihre Bundesgenossen aber setzten ihnen auf dieselbe Weise zu, indem sie von
 allen Seiten schossen und Wurfspeere schleuderten. Die Athener eilten nach dem
 Flusse Assinaros, theils durch die von allen Seiten angreifende zahlreiche
 Reiterei und den übrigen Hausen nach diesem Flusse gedrängt, nach dessen 
 Überschreitung sie überdieß Erleichterung hofften, zum Theil aber auch aus 
 Erschöpfung und Begierde zu trinken. Als sie am Fluß angekommen waren, stürzten
 sie sich ohne alle Ordnung hinein; Jeder wollte nur zuerst hinnberkommen, und
 die nachdrängenden Feinde erschwerten bereits den Uebergang. Denn da die Athener
 in einem Haufen dicht bei einander zu marshciren genöthigt waren, so stürzte
 Einer über den 
 
 Andern, und man trat sich gegenseitig nieder. Viele stürzten in die Lanzen
 und blieben sogleich todt, Andere verwickelten sich in das Gepäck und wurden vom
 Strom mit fortgerissen. Die herangekommenen Syrakusaner aber schossen vom andern
 Ufer des Flusses aus die Athener herab, — denn das Ufer war steil, — während die
 Meisten derselben mit Gier tranken und in der tieseingeshcnittenen Bettung des
 Flusses wie in einen Knäuel verwickelt waren; die Peloponnesier aber 
 stiegen ihnen nach in den Fluß hinab und tödteten vorzüglich die noch in
 demselben Befindlichen, so daß das Wasser schnell verunreinigt war. Trotzdem
 aber wurde es, mit Schlamm und Blut vermischt, wie es war, getrunken, und die
 Masse raufte sich noch darum.

Endlich nun, als die Leichname schon in großer Zahl^) und über einander gehäuft
 im Flusse lagen, und das Heer theils am Flusse selbst, theils auch, was
 weiterhin entkam, von den Reitern zusammengehauen war, ergab sich Nikias dem
 Gylippos, weil er diesem eher traute, als den Syrakusanern. Ueber ihn selbst,
 sagte er, solle Jener und die Lakedämonier verfügen, wie sie wollten, nur
 sollten sie aufhören, die andern Soldaten niederzumetzeln. Da befahl 
 dennGylippoS, sie lebendig gefangen zu nehmen, und so brachte man die Uebrigen,
 außer die, welche sie selbst versteckten, deren Zahl sehr groß war, lebendig
 ein, und auch gegen die dreihundert, welche zur Nachtzeit die Wachen
 durchbrochen hatten, schickten fie Leute zur Verfolgung und wurden ihrer
 habhaft. Was auf diese Weise vom Heere als Gefangene für das Gemeinwesen
 zusammenkam, war nicht viel ^'), dagegen war die Zahl der heimlich auf die Seite
 Gebrachten groß, und ganz Sicilien war später voll davon, da sie nicht, wie die
 unter Demotshenes, in Folge eines Vergleichs gefangen worden waren. Eine
 bedeutende Zahl war aber auch gefallen ^); denn es war da ein großes Schlachten
 gewesen, und nicht geringer, als bei irgend einer Gelegenheit während dieses
 Krieges^). Und auch bei den andern Angriffen, die während dieses Zuges zahlreich
 vorkamen, waren 
 
 
 
 
 Viele geblieben; Viele hingegen entkamen auch, theils bei dieser Ge-
 
 legenbeit selbst, theils später, indem sie nach längerer Sklaverei 
 entliefen. Diesen war Katana Zufluchtsort.

Nachdem die Syrakusaner und ihre Bundesgenossen sich gesammelt und von den
 Kriegsgefangenen so viele als möglich sammt der Waffenbeute mitgenommen hatten,
 zogen sie nach der Stadt zurück. Die Uebrigen von den Athenern und deren
 Bundesgenossen, so viele sie in Händen hatten, sperrten sie in die Steinbrüche,
 welche sie für den sichersten Gewahrsam hielten, den Nikias aber und 
 Demotshenes tödteten sie gegen den Willen des Gylippos. Dieser nämlich glaubte,
 es werde für ihn selbst die ruhmvollste Leistung sein, wenn er zu den Andern
 auch seine Gegenseldherrn den Lakedämoniern nach Hause bringen könne. Zufällig
 traf es sich auch, daß der eine der beiden, Demotshenes nämlich, für ihren
 ärgsten Feind galt, wegen der Ereignisse auf der Inselund bei Pylos, während der
 andere bei eben dieser Gelegenheit sich ihnen sehr hilfreich erzeigt hatte.
 Nikias nämlich hatte mit allem Eifer für die Freilassung der auf der Insel 
 gefangenen Lakedämonier gewirkt, indem er die Athener zu dem Friedensvertrag
 beredete, wofür ihm hinwiederum die Lakedämonier geneigt waren, was denn auch
 der Hauptgrund war, weßhalb er sich dem Gylippos voll Vertrauen ergeben hatte.
 Aber, wie jchon erzählt wurde, gab es unter den Syrakufanern Einige, die sich
 wegen der mit ihm gepflogenen Verhandlungen zu fürchten hatten, er möchte 
 durch ein Geständniß auf der Folter ihnen das jetzige Glück verderben; Andere
 aber, und darunter besonders die Korinther, fürchteten, daß er bei seinem
 Reichthum Einige durch Geld bestechen und ibnen so entwischen könnte, um dann
 von Neuem gegen sie aufzutreten. Diese also überredeten die Bundesgenossen, und
 so wurde er getödtet. AuS diesen oder doch ganz ähnlichen Ursachen mußte er das
 Leben verlieren, obgleich er von allen Hellenen meiner Zeit am wenigsten ein
 so unglückliches Schicksal verdiente, denn in seiner ganzen LebenSund
 Handlungsweise hatte er sich dessen beflissen, was für tugendhaft und recht
 galt.

Die Leute in den Steinbrüchen behandelten die Syraku­ 
 
 
 
 saner in den ersten Zeiten sehr hart. In dem tief eingeschnittenen und
 engen Raum waren sie in Menge zusammengepfercht, und Anfangs quälte sie die
 Sonne und die erstickende'Hitze, da der Ort nicht überdacht war,'und die
 darauffolgenden kalten Herbstnächte hinwiederum verursachten durch den starken
 Unterschied Krankheiten. Da sie des beschränkten Raumes wegen alle Verrichtungen
 an demselben Orte vornehmen mußten und dazu noch die Leichname derer auf 
 einander gehäuft dalagen, welche an ihren Wunden, oder wegen des 
 Temveraturwechsels, oder aus ähnlichen Krankheitsursachen starben, so waren die
 Gerüche unerträglich, und zugleich wurden sie durch Hunger und Durst gepeinigt.
 Jeder-Mann nämlich erhielt acht Monate^) hindurch eine Kotyle Wasser auf den Tag
 und zwei Kotvlen Mehl^). Auch von allem Andern, was an einem solchen Orte
 Eingesperrte zu leiden haben, blieb ihnen nichts erspart. Einige siebzig Tage
 mußten sie auf diese Weise zusammengesperrt aushalten; dann wurden, außer
 den Athenern und den Sikelioten und Jtalioten, die etwa den Krieg mitgemacht
 hatten, die Uebrigen als Sklaven verkauft. Die Gesammtzahl der Gefangenen, die
 indeß nur schwer mit Genauigkeit anzugeben wäre, betrug gleichwohl nicht unter
 siebentausend. 
 Auf diese Weise hat sich das allerwichtigste Ereigniß in diesem Kriege, nach
 meinem Dafürhalten aber auch das Wichtigste von Allem, was wir ans den
 Geschichten der Hellenen wissen, zugetragen, — für die Sieger das glorreichste,
 für die Besiegten das unheilvollste. Denn in jeder Beziehung waren sie ganz und
 gar geschlagen, und in keinem Stück hatten sie etwa nur geringe Verluste
 erlitten, sondern mit Stumps und Stiel, wie man zu sagen pflegt, war Alles zu
 Grunde gegangen, und Nichts war übrig von Heer nnd Flotte. Nur Wenige von
 den Vielen kamen wieder nach Hause zurück. 
 Das ist es, was sich irr-Sieilien zugetragen hat.

Als diese Nachrichten nach Athen gekommen waren, wollte qiz man lange nicht
 glauben, daß Alles so durchaus verloren sei, nicht ^hr. einmal den angesehensten
 Kriegsleuten, die aus dem Kampf selber entronnen waren und zuverlässige Meldung
 thaten. Als sie aber endlich die Wahrheit erkannten, geriethen sie in Zorn gegen
 die Redner, die zu dem Seezug mitgerathen hatten, als ob sie nicht selber 
 dafür gestimmt hätten, und auch auf die Zeichendeuter und Wahrsager-zürnten sie
 und auf Alle, welche damals durch Götterzeichen' die Hoffnung in ihnen angeregt
 hatten, daß sie Sicilien nehmen würden. In. jeder Beziehung und von allen Seiten
 bedrängte sie Bekümmerniß, und Furcht und höchste Bestürzung überkam sie wegen
 des Geschehenen. Denn sowohl jeder Einzelne für sich hatte Verlust 
 erfahren, und auch der Staat sah sich so vieler Schwerbewaffneter und Reiter und
 junger Mannschaft beraubt, für die kein neuer Ersatz-vorhanden war. Dann sahen
 sie auch auf den Werften keine Schiffe in genügender Zahl, noch Geld im
 Staatsschatz, oder Rudermann-schaft für die Schiffe, und so verzweifelten sie
 unter solchen Umständen an ihrer, Rettung und glaubten, die Feinde würden mit
 der Flotte von Sicilien aus grade auf den Piräeus lossegeln, da sie einen
 so gewaltigen Sieg erfochten hätten. Und ihre Feinde in Griechenland selbst, die
 damals in aller Hinsicht doppelt stark gerüstet waren, würden jetzt mit aller
 Macht zu Land und zu Wasser über sie herfallen, und mit ihnen ihre eigenen
 Bundesgenossen. Gleichwohl glaubten sie, so weit die vorhandenen Mittel
 erlaubten, nicht nachgeben zu dürfen, und beschlossen eine Flotte zu rüsten und
 Holz und 
 
 
 
 Geld dazu von wo immer aufzutreiben, und sich ihrer Bundesgenossen zu
 versichern, vor allen Dingen aber Euböa's. Zn ihrem städtischen Wesen wollten
 sie der Ersparungen halber sich einschränken und eine Behörde von älteren
 Männern wählen, welche über die Vorkommnisse nach Zeit und Umständen vorberathen
 sollten. In allen Dingen waren sie der augenblicklichen Furcht halber bereit,
 die schönste Ordnung einzuführen, wie es eben das Volk zu thun Pflegt. Und wie
 sie beschlossen hatten, so thaten sie auch, und damit ging der Sommer zu
 Ende.

In dem nun folgenden Winter waren durch das große Unglück der Athener in
 Sicilien alle Hellenen sofort in große Erregung versetzt worden. Diejenigen von
 ihnen, welche sich bis dahin keiner Partei angeschlossen hatten, glaubten sich
 nicht länger mehr des Krieges enthalten zu dürfen, auch wenn Niemand sie dazu
 auffordere, sondern aus eigenem Antrieb müsse man gegen die Athener losgehen.
 Denn sie glaubten, wenn die Athener nur in Sicilien gesiegt hätten, so
 würden sie dann auch über jeden von ihnen ohne Ausnahme hergefallen sein, und
 jetzt, dachten sie, könne der Krieg nur mehr kurze Zeit dauern, und gleichwohl
 sei es ehrenvoll, sich noch daran zu betheiligen. Die Genossen der Lakedämonier
 ihrerseits zeigten jetzt noch größeren BundeSeiser als früher, um sich so rasch
 als.möglich von so großer Bedrängniß zu befreien; vor Allem aber waren die 
 Unterthanen der Athener selber bereit, abzufallen, ohne Berechnung ihrer eigenen
 Mittel, da sie Alles nur nach ihrer Leidenschaft beurtheilten und nicht einmal
 so viel Ueberlegung behielten, um daran zu.denken, wie sie auch nur für den
 folgenden Sommer sich zu halten im Stande wären. Der Staat der Lakedämonier aber
 gewann auS all diesen Umständen neuen Muth, zumal da auch wohl die 
 Bundesgenossen aus Sicilien, nachdem ihnen die Noth zu einer Flotte verholfen,
 bei Frühlingsanbruch mit großer Macht zu ihnen stoßen würden. Da sie so von
 allen Seiten in zuversichtlicher Hoffnung waren, so gedachten sie, sich ganz
 rücksichtslos dem Krieg zu widmen, indem sie überlegten, daß sie nach dessen
 glücklicher Beendigung für die Zukunft auS einer so großen Gefahr befreit sein
 würden, wie Seitens der Athener sie ihnen gedroht hätte, wenn diese die
 Sikelische Macht zu der ihrigen gewönnen hätten, und daß sie, wenn jene erst 
 gestürzt seien, die Obmacht über ganz Hellas ganz sicher in der 
 Hand haben wurden.

Sogleich nun mit Winters Anfang zog ihr König Agis mit einer Truppe von
 Dekeleia aus, sammelte unter den Bundesgenossen Geld für die Flotte, und sich
 gegen den Melischen Busen hinwendend nahm er, gemäß der alten Feindschaft '),
 den Oetäern viel Beute 2) ab, die er zu Geld machte, und zwang die Phthiotischen
 Achäer und die übrigen Thessalischen Unterthanen in dortiger Gegend, trotz
 Scheltens. und Einspruchs von Seiten der Thessaler, Geißeln und Geld zu geben,
 und versuchte? sie für die Bundesgenossenschaft der Lakedämonier zu gewinnen.
 Die Geißeln gab er nach Korinth in Gewahrsam. Die Lakedämonier schrieben bei den
 Städten den Bau von hundert Schiffen aus, sich selbst und den Böotern schrieben
 sie je fünfundzwanzig zu, den Phokensern und Lokrern fünfzehn und auch den
 Korinthern fünfzehn, den Arkadern und Pelleneern und Sikyoniern zehn, den
 Megarensern und Trözeniern und Epidauriern und Hermioneern zehn. Auch
 veranstalteten sie alle sonstige Rüstung, um sogleich gegen das Frühjahr hin den
 Krieg zu beginnen.

Es'betrieben aber auch die Athener in eben diesem Winter ihrem Vorhaben gemäß
 den Schisssbau, indem sie Holz herbeischafften, und Sunion befestigten sie,
 damit ihre Kornschiffe dort ungefährdet herumsegeln könnten ^). Die Verschanzung
 in Lakonien, welche sie bei der Ueberfahrt nach Sicilien erbaut hatten, gaben
 sie auf, und auch sonst, wo etwas ohne entsprechenden Nutzen Aufwand erheischte,
 schränkten sie sich der Ersparungen halber ein; vor Allem aber faßten sie
 die Verhältnisse der Bundesgenossen in's Auge, damit diese nicht abfallen
 könnten.

Während nun beide Theile diese Dinge betrieben und in der Rüstung zum Krieg
 noch nicht über den ersten Anfang hinaus- gekommen waren, schickten zuerst in
 diesem Winter die Euböer Botschaft zum Agis wegen ihres Abfalls von den
 Athenern. Dieser nun ging auf ihre Vorschläge ein und schickte nach Lakedämon um
 den 
 
 
 
 
 
 Älkamenes, des SthenelaidaS Sohn/und deinMelantho's^ die das Unternehmen
 wegen Euböa's anführen sollten. Diese kamen an und brachten von-den Neubürgern
 gegen dreihundert Mann mit, und Agis dachte'eben ihre Ueberfahrt in'S Werk zu
 setzen. "Da^ kamen aber auch Leute^von LeSboS, 'die gleichfalls von Athen 
 abfallen'wollten^'Sa nun die Euböer-die Sache der Leöbier unterstützten, so ließ 
 sich Agis'bereden, wegen Euböa'S noch zu warten/ und traf die Anstalten fürsden
 Abfall der LeSbier.' Als Statthalter "(Harmostes) gab er ihnen den Älkamenes,
 der nach Euböa hätte segeln >sollen/Und zehn'Schiffe versprachen ihnen
 die-Böotier und'zehn AgiS.- DaS Alles geschah-ohne'Befragung des Lakedämonischen
 Gemeinwesens, denn-für die-ganze Zeit, welche Agis mit-seiner Macht Dekeleia
 besetzt hielt, hatte er'freie Verfügung,- sowohl Truppen irgendwohin zu
 schicken, wenn'er wollte, als auch solche zu'samme'ln und Geld einzutreiben-,-ja
 es waren für diese ganze Zeit die'Bundesgenossen, so zu sagen; mehr an seine
 Person'gewiesen, als an das Staatswesen der Lakedämonier) denn da'er! eine
 bedeutende'Truppenmacht hatte und überall rasch-zur Hand war, so flößte er
 Furcht ein. Die Sache der Lesbier also betrieb er selber, die Chier aber
 und.'Erythräer, die ebenfalls zum! Abfall bereit waren, «wendeten sich nicht.an
 den Agis, sondern nach/Lakedämon.Und zugleich.mit diesen war daselbst>auch
 ein Gesandten des Tissaphernes. erschienen, der für den König DareioS/des
 Artaxerxes. Sohn, Statthalter war über die an'der Seelüfte.'
 Dennauch.Tissaphernes suchte die Peloponnefier.zu gewinnen und
 versprach:-ihnenNahrungsmittel zu liefern. Er war nämlich kürzlich gemahnt
 worden-vom. Könige wegen der Steuern aus seiner Statthalterschaft, mit denen er
 noch rückständig« wat,."da-er,sie der Athener-wegen von,den hellenischen Städten
 nicht einziehen konnte. Wenn er-aber die Athener, schwächte, so, dachte er diese
 Abgaben leichter, eintreiben-zu-können ^und zugleich die. Lakedämonier dem 
 .Könige, als Bundesgenossen zu.gewinnen und auch iden Amorges, einen unächten
 Sohn des Pissuthnes, der im Karischen,Lande Aufruhr trieb, todt oder lebendig
 einliefern zu können, wie der König eS befohlen. ^ ,

Die.Chicr also und Tissaphernes betrieben gemeinsam, die. 
 selbe Sache. Kalligeitos aber, der Sohn des Laophon, uns. Megara und
 Timagoras,.des Athenagoras Sohn, aus KyzikoS, die, beide aus ihrer
 Heimak'verbannt. bei Pharnabazos, dem Sohne des Pharnakes, wohnten, kai^en',,von
 Pharnabazos gesendet,, um dieselbe Zeit nach . Lakedämon ,/um hier zu bewirken,
 daß^Schiffe nach dem Hellespont gesendet würden. Dabei hatte
 Pharnabazos,dieselben Gedanken wie TissapherneS, nämlich, wenn er könnte, die
 Städte in seiner Statthalterschaft den Athenern abwendig zu.machen, der Steuern
 wegen, und durch seine Bemühung dem Könige die Bundesgenossenschaft der 
 Lakedämonier zu verschaffen. Da aber beide Theile, die Gesandten des Pharnabazos
 nämlich und die des Tissaphernes, ihre Sache gesondert betrieben,-' so entstand
 in Lakedämon unter ihnen em großer Streit, da die Einen zuerst nach Jonien und
 Chios, die Ändern nach dem Hellespont Schiffe und. Truppen geschickt haben
 wollten. ^Die Lakedämonier selbst aber unterstützten vielmehr das Anliegen der
 Chier und des'Tissapherneö', denn es war für diese auch Alkibiades thätig,
 der mit dem damaligen Ephoren Indios von den Vorfahren her in engster
 gastfreundlicher.Beziehung stand, daher ^denn auch die Glieder ihres Hauses eben
 dieser Gastfreundschaft wegen einen Lakonischen Namen erhielten: Endios nämlich
 hieß Sohn des AlkibiadeS 5). "/Gleichwohl sandten die Lakedämonier zuerst einen
 Kundschafter nach,Chios. den Phrynis, einen Mann^aus den Beisitzern,-5 ob
 sie nämlich.wirklich so viel Schiffe hätten,-wie fie?sagten, und ihr 
 Gemeinwesen.auch, sonst so mächtig wäre, wie der Rufvon ihnen ging. Als nun
 dieser zurückmeldete,, daß in Wahrheit eS sich so verhalte, wie jene gesagt, so
 nahmen sie die Chier und Erythräer all-; sogleich als Bundesgenossen auf und
 beschlossen^ ihnen vierzig Schiffe zu senden, da nach dem, was die Chier sagten,
 bei ihnen selbst nicht weniger als sechzig vorhanden. wären. Und^für's.Erste
 wollten sie selbst deren zehn absenden und, dazu den Mela^kridas,- ihren 
 Flottenbesehliger; als aber dann ein Erdbeben eintrat 6), so schickten sie an 
 
 
 des Melankridas Statt den Chalkideus ?), und rüsteten anstatt der zehn
 Schiffe'nür fünf auf Lakonischem Gebiete aus.. ^ ^ ^ -

So ging dieser Winter zu Ende und mit ihm- das neunzehnte Jahr dieses Krieges,
 den Thukydides beschrieben hat. '' 
 
 Da aber mit Anfang des folgenden
 Sommers die Chier allsofort die Absenkung der Schiffe betrieben, weitste auch
 fürchteten, daß die Athener von ihren Absichten^ etwas merken möchten — denn
 alle hatten ihre Botschaften vor den Athenern zu verheimlichen gewußt — so
 schickten die Lakedämonier drei spartiatische Männer nach Korinth, welche dafür
 sorgen sollten, daß die Schiffe vom jenseitigen Meer so rasch als möglich über
 die Landenge nach dem Meer'auf der Athenischen Seite gezogen würden und dann
 sämmtlich nach Chios unter Segel gingen, sowohl die, welche Agis für
 Lesbosausrüstete, als auch die andern. Es waren aber alle Schiffe der 
 Bundesgenossen, die dort zusammen kamen, an Zahl neununddreißig. '

Kalligeitos nun und Timagoras, in Vertretung des Pharnabazos, nahmen am Zuge
 gegen Chios keinen Antheil und gaben auch das Geld nicht her, welches sie zum
 Zweck der Bchiffssendung mitgebracht hatten, — fünfundzwanzig Talente, — sondern
 sie gedachten später für sich mit einer eigenen Flotte unter Segel zu gehen.
 Agis aber, als er sah, daß die Lakedämonier zuerst'an die Unternehmung auf
 Chios dachten, widersprach dem für feine Person nicht, und so kamen denn die
 Bundesgenossen in Korinth zusammen zur Berathung, und sie beschlossen, zuerst
 gegen Chios'zu segeln, unter Anführung des Chalkideus, welcher in Lakonien jene
 fünf Schiffe ausrüstete, und dann gegen Lesbos unter dem Oberbefehl des 
 Alkamenes, den auch Agis dafür bestimmte, und zuletzt nach dem Hellespont zu
 fahren, für welchen Klearchos, des Rhamphias Sohn/zum Befehlshaber bestimmt war.
 Ueber die Landenge solle man zuerst nur die Hälfte 6) der Schiffe ziehen und
 diese dann allsogleich unter Segel gehen lassen, damit die Athener nicht ihre
 Aufmerksamkeit mehr 
 
 
 
 auf die absegelnden, als auf die noch über die Landenge zu ziehenden
 
 richten möchten. Denn jenen Seezug veranstalteten sie ganz offenkundig, da
 sie die Ohnmacht der Athener verachteten, weil sich nirgends eine ansehnliche
 Schiffsmacht derselben zeigte. Wie sie beschlossen hatten, brachten sie dann
 auch allsogleich einundzwanzig Schiffe über die Landenge. ' '

Die Korinther aber, obgleich jene auf Beschleunigung der Abfahrt drangen,
 wollten nicht mitschiffen, bevor sie nicht die Isthmischen Spiele, welche damals
 grade einfielen, zu Ende gefeiert hätten. Agis nun war zwar darin mit ihnen
 einverstanden, daß der Waffenstillstand wegen der Jsthmien nicht gebrochen
 werden dürfe,, wollte aber doch den Seezug auf eigene Faust unternehmen ^). Da
 aber die Korinther auch dem nicht zustimmten und so vielmehr eine 
 Verzögerung eintrat, so erfuhren die Athener schon mehr von den Absichten der
 Chier und schickten einen ihrer Feldherren hin, den Aristokrates, der ihnen
 deßhalb Vorwürfe machen sollte. Da nun aber die Chier läugneten, so verlangte
 er, daß sie als Bürgschaft der Treue Schiffe zur bundesgenössischen Flotte
 sollten stoßen lassen; und jene schickten deren auch sieben. Die Ursache dieser
 Sendung von Schiffen war, daß die Mehrzahl der Chier um die ganzen 
 Verhandlungen nicht wußten, und daß die wenigen Eingeweihten sich die Menge
 nicht zu Feinden machen wollten, bevor sie nicht selbst einen sicheren
 Hinterhalt hätten, und daß sie jetzt kaum noch an die Ankunft der Peloponnesier
 glaubten, weil diese zauderten.

Unterdessen wurden die Jsthmischen Spiele gefeiert, und auch die Athener — wie
 sie denn dazu geladen waren — schickten ihre Festgesandtschaft und erfuhren hier
 noch mehr um die Pläne der Chier. Sobald sie nun wieder nach Hause zurückgekehrt
 waren, rüsteten sie allsogleich, damit die Schiffe nicht unbemerkt von ihnen
 aus Kenchreä auSlaufen könnten. Diese aber steuerten nach dem Feste,
 einundzwanzig Segel stark, wirklich in See gen Chios, unter dem Oberbefehl des
 Alkamenes. Die Athener nun hielten Anfangs mit der gleichen Anzahl von Schiffen
 nahe auf sie zu und zogen sich 
 
 
 dann mehr in die offene See hinausDa aber die Peloponnesier nicht weit
 folgten, sondern wieder gegen die Küste abfielen, so kehrten auch die Athener
 nach Haus zurück. Sie hatten nämlich auch jene sieben Schiffe der Chier in ihrer
 Zahl einbegriffen, denen sie nicht trauten. Als sie dann aber andere sieben,^und
 dreißig^ Schiffe bemannt hatten, verfolgten sie wieder jene, die an der Küste.
 Hinsegelten, und trieben sie gegen Piräon auf Korinthischem Gebiet Es ist
 dieß ein verlassener Hafen und der letzte gegen das Epidaurische Gebiet hin. Eins
 ihrer Schiffe verloren die Peloponnesier noch auf hoher See, die andern aber
 vereinigten sie und bargen sie vor Anker. Da aber die Athener mit ihren Schiffen
 von der See her sie bedrängten und zugleich auch an's Land stiegen, so entstand
 großer Lärm und Verwirrung, und die Athener beschädigten dabei die Mehrzahl
 der feindlichen Schiffe am Lande und tödteten auch den AlkameneS. Auch von ihnen
 selbst fielen einige. ' . ^

Nachdem dann beide Theile von einander geschieden waren, stellten die Athener
 eine hinlängliche Zahl Schiffe aus, um jene zu beobachten, und gingen mit den
 übrigen bei einem Jnselchen'^) vor Anker, wo sie — da es nur eine kleine Strecke
 entfernt lag — ein Standlager errichteten und nach Athen um Verstärkung'
 schickten. Am folgenden Tag nämlich waren peloponnesischcr Seits auch 
 Korinther erschienen und Andere aus der Nachbarschaft, um ihren Schiffen.Hilfe
 zu leisten. Da sie aber sahen, wie schwierig die Bewachung derselben in der
 verlassenen Gegend war, so geriethen sie in Verlegenheit und dachten erst daran,
 die Schiffe zu verbrennen, dann aber beschlossen sie, dieselben ganz auf
 trockenes Land zu ziehen und mit Landtruppen dabei Wache zu halten, bis . sich
 eine günstige.Gelegenheit zum Entkommen für dieselben zeigen würde. Auch Agis,,
 der davon erfuhr, schickte ihnen einen Spartiaten, den Thermon, / Die 
 Lakedämonier aber hatten zuerst die Meldung erhalten, daß die Schiffe.vom Jsthmos
 aus unter Segel gegangen seien — es war nämlich dem AlkameneS von den Ephoren
 befohlen gewesen, in diesem 
 
 
 
 
 Falle ihnen einen Reiter zuzuschicken,-- und sie wollten dann sofort
 
 ihrerseits die fünf Schiffe unter 'dem Oberbefehl des Chalkideus ab-) 
 senden, dem auch Alkibiades beigegeben war. Dann aber, als dme sich schon zur
 Abfahrt fertig gemacht hatten, wurde ihnen die Flucht jener andern Schiffe nach
 dem Piräon gemeldet, und nun, darüber muthloS geworden, daß ihr erstes
 Unternehmen im Ionischen Kriege ihnen fehlgeschlagen wäre, wollten sie nicht nur
 keine Schiffe mehr von ihrem Gebiet auslaufen lassen, sondern sogar auch die
 schon früher ausgelaufenen zurückrufen. , -j.

Als aber Alkibiades dies erfuhr, machte er sich wieder, an den Endlos und die
 andern Ephoren und überredete sie, den Seezug doch nicht aus Säumigkeit zu
 unterlassen, indem er sagte, sie würden mit ihren Schiffen noch rechtzeitig
 ankommen, bevor die Chier von jenem Unglück zur See gehört hätten, und daß er
 selbst, wenn er erst in Jonien gelandet sei, die dortigen Städte leicht zum
 Abfall bewegen werde, indem er ihnen die Schwäche der Athener schildere und den
 Eifer der Lakedämonier; denn ihm würden sie darin mehr Glauben schenken,
 als Andern. Dem Endios aber stellte er besonders vor, wie ruhmvoll.es ihm sei,
 wenn Jonien durch ihn zum Abfall gebracht und der König als Bundesgenosse der
 Lakedämonier gewonnen werde, und daß dieser Preis nicht dem Agis zufallen dürfe.
 Zwischen ihm und Agis nämlich bestand ein Zwiespalt. So überredete er den 
 Endios und die anderen Ephoren und ging mit den fünf Schiffen unter des
 Lakedämoniers Chalkideus Anführung in See, und-die Ueberfahrt ging rasch von
 Statten..

ES kamen aber um dieselbe Zeit auch die sechzehn Schiffe von Sicilien zurück,
 welche dort unter Gylippos den Krieg hatten beendigen helfen. Sie wurden bei
 Leukadia von den siebenundzwanzig Attischen Schiffen unter Hippokles, des
 Menippos Sohn, überrascht, welche auf die von Sicilien heimkehrenden Schiffe
 lauerten, und arg mitgenommen; jedoch entkamen den Athenern alle bis auf 
 eines und liefen in den Hafen von Korinth.

Chalkideus und Alkibiades hielten alle Schiffe, die sie auf ihrer Fahrt trafen,
 fest, damit sie nicht verrathen würden, und landetcn zuerst bei KorykoS auf dem
 (asiatischen) Festlande. Hier ließen sie die gefangenen Schiffe frei, und
 nachdem sie zuvor mit einigen 
 
 Chiern. die für ihre Partei wirkten,- eine Zusammenkunft gehabt, kund
 diese sie aufgefordert hatten , ohne sich vorher anzusagen, nach ihrer Stadt zu
 schiffen, so erschienen- sie daselbst plötzlich und den Chiern ganz unerwartet.
 Der große Haufe derselben war voll Verwunderung und Bestürzung. Mit den
 Oligarchen aber war abgeredet worden, daß zur selben Zeit wie zufällig der Rath,
 versammelt war, und da nun Chalkideus und Alkibiades vorstellten, daß noch viele
 andere Schiffe im Ansegeln seien, von der Einschließung ihrer Schiffe bei
 Piräon aber keine Erwähnung thaten, so erklärten die Chier und danach auch die
 Erythräer ihren Abfall von den Athenern. Darauf fuhren sie mit drei Schiffen
 nach Klazomenä und bewogen auch diese Stadt zum Abfall. Die Klazomenier aber
 setzten allsogleich nach dem Festland über und befestigten Polichna, um für den
 Fall der Noth von ihrer Insel, auf der sie'wohnten, dort eine Zuflucht suchen
 zu können. Auch die andern Abgefallenen alle waren mit Erbauung von
 Befestigungen und den Zurüstungen zum Kriege beschäftigt.

Nach Athen aber kam rasch Botschaft wegen Chios. Da sie nun die Gefahr für groß
 und bereits sehr dringend erkannten, und glauben mußten, daß nach dem Abfall der
 größten Stadt auch die übrigen Bundesgenossen sich nicht ruhig verhalten würden,
 so hoben sie in ihrer augenblicklichen Bestürzung allsogleich die Strafen auf,
 welche dem angedroht waren, der davon reden und dafür stimmen würde, jene
 tausend Talente anzugreifen, welche sie während der Dauer des ganzen Kriegs
 nicht zu berühren gewünscht hatten "), und faßten danach den Beschluß, dieses
 Geld anzugreifen und eine große Zahl von Schiffen zu bemannen. Von denen, welche
 bei Piräon vor Anker lagen, wollten sie die acht, welche sich von der 
 Bewachungsflotte getrennt und die Schiffe unter Chalkideus verfolgt hatten, aber
 wieder zurückgekehrt waren, nachdem sie jene nicht getroffen, sofort absenden —
 es befehligte dieselben aber Strombichides, des Diotimos Sohn — und nicht lange
 danach sollten zwölf andere unter Thrasikles zu ihrer Verstärkung folgen, welche
 gleichfalls die Aufstellung bei Piräon verlassen mußten. Die sieben Schiffe der
 Chier aber, welche daselbst mit den übrigen die der Feinde eingeschlos­ 
 
 sen hielten, führten sie gleichfalls weg und setzten die Sklaven auf
 
 denselben in Freiheit, die Freien-aber legten sie in Ketten. Zum Ersatz
 für'äll diese abgegangenen Schiffe bemannten sie rasch andere und schickten sie
 - zur weiteren Einschließung der Peloponnesier dorthin, und beabsichtigten, noch
 weitere dreißig zu bemannen.- Und groß war ihr Eifer und in keinem Stuck waren
 ihre Rüstungen zum Auszug gegen Chios unbedeutend.

Unterdessen war Strombichides mit seinen acht Schiffen nach Samos gekommen,
 nahm hier noch ein SamischeS Schiff zu sich und steuerte dann nach Teos, wo er
 die Einwohner aufforderte, sich ruhig zu verhalten. Aber auch Chalkideus kam von
 Chios mit dreiundzwanzig Schiffen nach TeoS, und'zugleich marschirte die 
 Landmacht der Klazomenier und Erythräer an der Küste her ftie Flotte 
 begleitend^. Strombichides aber erhielt vorher Kunde und fuhr auf die hohe See
 hinaus, und als er hier die vielen Schiffe von Ehios herkommen-sah, floh er nach
 Samos; jene aber'setzten hinter ihm drein. Das Fußvolk hatten die Tejer anfangs
 nicht aufnehmen wollen, als aber die Athener flohen, so holten sie eS selber auf
 die Insel. Eine Zeit lang hielten sich diese Truppen ruhig und warteten
 auf die Rückkehr des Chalkideus von der Verfolgung; als dieser aber ausblieb, so
 rissen sie aus eigene Hand daS Kastell nieder, welches die Athener vor der Stadt
 der Tejer, dem Festland gegenüber, erbaut hatten. Dabei half ihnen auch eine
 kleine Sckaar von Persern, welche Stag'es, des Tissaphernes Untnfeldherr,
 befehligte.

Chalkideus aber und Nlkibiades,'nachdem sie den Strombichides bis nach Samos
 verfolgt hatten, nahmen die Matrosen aus ihren peloponnesischen Schiffen, gaben
 ihnen schwere Bewaffnung und ließen sie in Chios zurück ^); ihre Schiffe
 bemannten sie dafür, mit Chiern, und noch zwanzig andere dazu, und segelten
 gegen Milet: um die Stadt zum Abfall zu bewegen. Alkibiades nämlich, der mit
 den Stadtvorstehern von Milet befreundet war, wollte'den vom Pelöponnes
 abgegangenen Schiffen zuvorkommen und die Stadt selber zum Beitritt bewegen, um
 für die Chiet'und sich selbst und den Chal­ 
 
 
 kideus und zugleich auch für den Endlos, der ihn abgeschickt hatte, seinem
 Versprechen gemäß, den Ruhm , zu gewinnen ^ eine möglichst große Zahl von
 Städten mit der Macht der Chier und des, Chalki? deuS zum Abfall von den
 Athenern gebracht zu haben. Ohne bez merkt zu werden, legten sie den größeren
 Theil der Fahrt zurück und kamen um ein Kurzes dem Strombichides und Thrasykles
 zuvor, welcher eben von Athen aus mit zwölf Schiffen erschienen war und 
 mit jenem die Verfolgung antrat, und brachten so Milet zum Abfall. Die Athener
 mit neunzehn Schiffen kamen ihnen dicht aus der Ferse nach; als aber die
 Milesier sie nicht aufnahmen, so gingen sie bei der nahliegenden Insel Lade vor
 Anker. Sogleich nach dem Abfall Milets kam durch Vermittelung des TissapherneS
 und des ChalkideuS der erste Bundesvertrag zwischen dem Perscrkönig und den
 Lakedämoniern zu Stande. Derselbe lautete: , .

„Unter diesen Bedingungen haben mit dem König und Tissaphernes die Lakedämonier
 und ihre Verbündeten eine Bundesgenossenschaft abgeschlossen. Alles Land und
 alle Städte, welche der König im Besitz hat und die Vorfahren des Königs im
 Besitz hatten, sollen des Königs sein. Und wenn aus diesen Städten den Athenern
 Geld oder anderer Werth zufloß, so sollen der König und die Lakedämonier
 und ihre Bundesgenossen in Gemeinschaft verhindern, daß die Athener Geld oder
 andere Dinge von dort erhalten. Und den Krieg gegen die Athener sollen der König
 und die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen in Gemeinschaft führen. Und Frieden
 zu schließen mit den Athenern soll nicht erlaubt sein, wenn nicht beide 
 Theile es beschließen, der König und die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen.
 Wer aber von dem König abfällt, der soll auch Feind der Lakedämonier und, ihrer
 Bundesgenossen sein, und wer von den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen
 abfällt, der soll auch gleicher Maßen Feind des Königs sein."

Unter diesen Bedingungen wurde der Waffenbund geschlossen. Sogleich danach aber
 bemannten die Chier zehn andere Schiffe und fuhren nach Anäa '?), um zu
 erfahren, wie eS um Milet stehe, 
 
 
 und zugleich auch, um die Städte zum Abfall zu bewegen. Als ihnen 
 NUN Botschaft von Chalkideus kam, sie sollten wieder nach Hause schiffen)
 und daß Amorges mit einem Heere zu Land erscheinen werde,' so steuerten sie
 gegen den Tempel des Zeus hin. Hier kamen lhnen^sechzehn Schiffe in Sicht, mit
 welchen Diomedon dem ThrasykleS von Athen aus nachgefahren war. Als sie diese
 erblickten, flohen sie mit Einem Schiffe nach EphesoS mit den übrigen gegen
 TeoS. Vier Schiffe nahmen ihnen die Athener weg, aber leer, da die 
 Bemannung sich noch rechtzeitigan's Ufer gerettet hatte; die andern Schiffe 
 entkamen glücklich nach der Stadt der Tejer. Die Athener fuhren nun nach Samos
 zurück/die Chier aber, nachdem sie mit ihren übrigen Schiffen wieder in See
 gegangen waren, und das Landheer längs der Küste sie unterstützte, brachten
 LebedoS zum Abfall und danach Erä. Darauf gingen Alle wieder nach Hause zurück,
 dasLand- Heer sowohl, als die Schiffe.' ' . - " .

Um dieselbe Zeit liefen die zwanzig peloponnesischen Schiffe bei Piiäon,'welche
 damals hieher verfolgt worden waren und von einer'gleich starken Schiffszahl der
 Athener eingeschlossen gehalten wurden,'plötzlich gegen diese aus, siegten im
 Seegefecht, nahmen vier Schiffe-der Athener und gingen dann in Kenchreä vor
 Anker, um sich von Neuem zur Fahrt nach Chios und Jonien zu rüsten. Als 
 Befehlshaber wurde ihnen aus Lakedämon Astyochos geschickt, der von jetzt an
 auch den Oberbefehl über die ganze Seemacht führte ^/Z 
 Nachdem die Landtruppen sich von TeoS zurückgezogen hatten, erschien auch
 Tissaphernes selber mit einem Heere, ließ das Kastell auf Teils; soweit noch
 etwas davon übrig war, gänzlich der Erde gleich machen, und kehrte dann wieder
 zurück. Nicht lange danach, als dieser abgezogen wär, kam auch Diomedon mit zehn
 Athenischen Schiffen und schloß einen Vertrag mit den Tejern, wonach diese auch
 sie aufnahmen. Dann schiffte er längs der Küste^gegen Erä und griff die
 Stadt an; er konnte sie aber nicht nehmen und segelte wieder ab.

Zu jener Zeit brach auch, mit
 Unterstützung der Athener, auf Samos ein Ausstand der Volkspartei gegen die
 Mächtigen aus. Die Athener lagen nämlich grade mit drei Schiffen im Hafen. Das
 Volk der Samier tödtete gegen zweihundert Männer, alle aus der Zahl der
 Vornehmen, und vierhundert straften sie mit Verbannung und theilten Landbesitz
 und Häuser derselben unter sich. Da ihnen nach diesem Ereigniß die Athener als
 solchen, auf die sie sich nun ganz sicher verlassen könnten, eigene^freie
 Verfassung bewilligten, so richteten sie alles Uebrige in ihrer Stadt nach ihrem
 Belieben ein, ohne den Besitzern draußen auf dem Lande an irgend einem Rechte
 Antheil zu geben, oder ihnen auch nur zu erlauben, in die Familien der
 demokratischen Städter, oder aus denselben zu heirathen.

Nach diesen Ereignissen, noch im selbigen Sommer, zeigten sich die Chier, — in
 dem Eifer, mit dem sie das Werk begonnen, durchaus nicht nachlassend — auch ohne
 Theilnahme der Peloponnesier überall mit großer Macht, um die Städte zum Abfall
 zu bewegen, zugleich auch in der Absicht, sich für den Fall der Gefahr 
 möglichst viele Genossen zu gewinnen, und so fuhren sie auch.mit dreizehn 
 Schiffen gegen Lesbos, wie ihnen denn von den Lakedämoniern besohlen worden war,
 zunächst gegen diese Insel zu ziehen, und von dort dann nach dem Hellespont.
 Gleichzeitig rückte die Landmacht der anwesenden Peloponnesier und der
 asiatischen Bundesgenossen an der Küste hin nach Klazomenä und Kyme. ES
 befehligte dieselbe der Spartiate Eualas, aus den Schiffen aber Deiniadas, ein
 lakedämonischer Beisaße^). Diese Schiffe nun brachten auf ihrer Fahrt 
 zuerst Methymne zum Abfall, bei welcher Stadt vier von ihnen zurück- blieben;
 die übrigen bewirkten dann den Abfall von Mytilene.

Astyochos aber, der Admiral der Lakedämonier, segelte, wie beabsichtigt war,
 mit vier Schiffen von Kenchreä ab und kam nach Chios. Am dritten Tage nach
 seiner Ankunft daselbst fuhren fünf und zwanzig Attische Schiffe, von Leon und
 Diomedon befehligt, nach Lesbos; Leon nämlich war später mit zehn Schiffen von
 Athen zur Unterstützung nachgefahren. 
 
 

 Am selben Tage gegen Abend ging auch Astyochos wieder in 
 See, nachdem er noch ein Schiff der Chier.mitgenommen, und segelte gegen
 Lesbos, um dort wo möglich von Nutzen zu fein. Er kam nach Pyrrha und von da am
 folgenden Tag nach Eresos. Hier erfuhr er, daß Mytilene von den Athenern auf den
 ersten Anschrei genommen worden sei. Die Athener nämlich waren mit vollen
 Segeln, wie sie angefahren kamen, ganz unerwartet in den Hafen eingelaufen,
 hatten sich der Schiffe der Chier bemächtigt^) und, nachdem sie an's Land 
 gegangen, die hier Widerstand Leistenden geschlagen> und damit die Stadt
 gewonnen. Astyochos erfuhr dieß von den Eresiern und von den Schiffen der Chier
 unter Eubulos, die, damals in Metbymne zurückgelassen und nach der Einahme von
 Mytilene flüchtig, jetzt zu ihm stießen, ihrer drei an der Zahl, — denn Eines
 war von den Athenern genommen worden. Er setzte deßhalb die Fahrt nach 
 Mytilene nicht mehr fort, sondern, nachdem er die Erefier zum Abfall bewogen und
 bewaffnet hatte, schickte er die Soldaten von seinen Schisfen unter den Befehlen
 des Eteonikos zu Land an der Küste hin gegen Antissa und Methymne. Er selbst
 fuhr mit seinen drei Schiffen und den dreien der Chier der Küste entlang, in der
 Hoffnung, die Methymnäer würden bei ihrem Anblick wieder Muth fassen und bei dem
 Abfall von Athen beharren. Da ihm aber in Lesbos Alles gegen Wunsch ging,
 so nahm er seine Soldaten wieder auf die Schiffe und fuhr nach Chios zurück.
 Auch die Landtruppen von den Schiffen, welche nach dem Hellespont hätten fahren
 sollen, gingen wieder auseinander, ein Jeder in seine Stadt. Darauf stießen noch
 sechs von den bundesgenössischen Schiffen der Peloponnesier aus Kenchreä. zu
 denen bei Chios. 
 Die Athener aber stellten auf Lesbos die alte Ordnung wieder her, gingen dann
 wieder unter Segel und eroberten Polichna, das Kastell der Klazomenier auf dem
 Festland. Die Bewohner desselben versetzten sie wieder in die Stadt auf der
 Insel, ausgenommen die Urheber des Abfalls, welche sich nach Daphnus geflüchtet
 hatten. So trat denn Klazomenä wieder zu den Athenern über.

In demselben Sommer machten die Athener vor Milet, 
 
 
 welche mit zwanzig Schiffen.bei der Insel Lade vor Anker lagen, eine
 Landung bei PanormoS aus Milefischem Gebiet, tödteten dabei den Chalkideus, den
 Lakedämönischen Feldherm/der mit weniger Mannschaft zur Hilfe herbeigeeilt war,
 und kamen dann am dritten Tage'wieder herüber'gefahren und errichteten ein
 Siegeszeichen, welk ches jedoch die Milesier wieder niederrissen, weil eS
 errichtet worden wäre, ohne daß sich jene in Folge eines Siegs im Besitz des
 Landes befunden hätten. Leon und Diomedon setzten mit ihrer Flotte den 
 Krieg gegen'Chios fort/nachdem sie sich mit den Athenischen Schiffen von Lesbos
 vereinigt hatten. Sie stützten sich dabei auf die Oeiiussischen Inseln, welche
 vor Chios liegen, sowie auf ihre Kastelle Sidussa und Pteleon im Erythräischeu
 Gebiet und auf Lesbos selbst. Die Bemannung ihrer Schiffe bestand aus
 Schwerbewaffneten aus der Dienstrolle, die zwangsmäßig^) ausgehoben worden
 waren. Sie machten Landungen bei Kardamyle und Bolissos, schlugen hier die 
 zu Hilfe geeilten Chier, tödteten deren viele und zerstörten jene Orte. 
 Einenzweiten'Sieg gewannen sie darauf bei Phanä und einen dritten bei Leukonion.
 Nach diesen Niederlagen nahmen die Chier keinen Kampf mehr an / die Athener aber
 verwüsteten das gut angebaute Land, welches seit den Perserkriegen bis zu jener
 Zeit Nichts zu leiden gehabt hatte. - 
 Die Chier nämlich waren meinem Urtheil nach außer den Lakcdämoniern die
 Einzigen, welche reich geworden waren und sich doch zugleich gemäßigt und klug
 benahmen, und in dem Maße, wie der Wohlstand ihres Staates zunahm, gaben sie
 ihren Verhältnissen schönere Ordnung und größere Sicherheit. Und auch diesen
 Abfall, wenn sie hierin vielleicht mit zu wenig Rücksicht auf ihre
 Sicherstellung gehandelt zu haben scheinen sollten, wagten sie gleichwohl nicht
 früher in'S Werk zu setzen, als bis sie auf zahlreiche und starke 
 Bundesgenossen als Theilnehmer des Wagnisses rechnen konnten und schon sahen,
 daß die Athener nach dem Unglück in Sicilien selbst nicht mehr läugneten, daß es
 mit ihren Angelegenheiten ganz entschieden sehr schlecht stehe. Wenn sie aber
 durch die wider alle Berechnung 
 
 eintretenden Wechselfälle menschlicher Dinge zu Schaden kamen, so 
 theilten sie ihren Irrthum doch mit vielen Andern, die ebenso der 
 Ueberzeugung gewesen waren, daß es mit den Athenern bald ganz aus sein werde..
 Als sie sich nun zur See abgeschlossen und ihr Randgebiet verwüsten sahen,
 machten Einige von ihnen den Versuch, ihren Staat wieder den Athenern
 zuzuwenden. Die Behörden merkten dieß wohl, verhielten sich aber ruhig und
 ließen den Admiral Astyochos mit vier Schiffen, die er bei sich hatte, von
 Erythrä herbeikommen, und überlegten, wie sie auf die gemäßigtste Weise,
 entweder durch Wegsührung von Geißeln, oder sonst auf eine andere Art, dieß
 Unternehmen ersticken könnten. Hiemit also ging man dort um.

AuS Athen aber gingen zu Ende desselben Sommers tausend Schwerbewaffnete der
 Athener und tausend fünfhundert von den Argivern — fünfhundert von diesen
 nämlich, die auS Argos als Leichtbewaffnete gekommen waren, hatten die Athener
 schwere Rüstung gegeben — und dazu noch tausend Bundesgenossen auf acht und
 vierzig Fahrzeugen, worunter auch Lastschiffe für die Schwerbewaffneten 
 waren, unter dem Kommando des PhrynichoS und Onomakles und Skironidas nach Samos
 unter Segel, fuhren von dort nach Milet hinüber und schlugen daselbst ein Lager.
 Die Milesier nun rückten gegen sie aus mit achthundert Schwerbewaffneten aus
 ihrer eigenen Bürgerschaft, den Peloponnesiern, die mit Chalkideus gekommen
 waren, und einer Hilfstruppe von Söldnern unter Tissaphernes selbst, der
 auch seine Reiterei mitgebracht hatte. Diese Macht nun stieß aus die Athener und
 ihre Bundesgenossen. Die Argiver gingen auf ihrem Flügel zu weit über die
 Schlachtlinie hinaus,- aus Verachtung des Feindes nämlich, da es ja nur gegen
 Joner gehe, die auch ihrem ungeordneteren Anmarsch nicht Stand halten würden;
 deßhalb wurden sie von den Milefiern besiegt, und es fielen ihrerseits nahe an
 dreihundert Mann. Die Athener hingegen hatten zuerst die Peloponnes fier
 besiegt und dann die Barbaren und den übrigen Hausen zurückgeworfen, mit den
 Milefiern aber wurden sie nicht handgemein, sondern diese hatten sich nach der
 Flucht der Argiver in ihre Stadt zurückgezogen, als sie den übrigen Theil ihres
 Heeres besiegt sahen. Die Athener rückten demnach als Sieger dicht vor die Stadt
 der Milesier und setzten sich hier fest.. In dieser Schlacht traf es sich zu-
 
 
 
 
 fällig, daß auf beiden Seiten die Joner über die Dorer siegten: die 
 Athener nämlich schlugen die ihnen gegenüberstehenden Peloponnesier, und die
 Milesier die Argiver. Nachdem nun die Athener ein DiegeSzeichen aufgestellt,
 schickten sie sich an, die Stadt durch eine Mauer zu umschließen, da der Platz
 die Gestalt einer Halbinsel hatte. Sie glaubten nämlich, wenn sie erst Milet
 genommen hätten, würde alles Uebrige ihnen leichter zufallen.

Da wird ihnen nun schon spät am Abend gemeldet, daß die fünf und fünfzig
 Schiffe von Sicilien und dem Peloponnes schon in nächster Nähe seien. Unter den
 Sicilianern nämlich hatte vor Allen der SyrakusanerHermokrates dahin gewirkt,
 daß man bis zum gänzlichen Sturz der Athenischen Macht vereint gegen sie kämpfen
 solle, und so schickten die Syrakusaner zwanzig, die Selinuntier zwei 
 Schiffe, und Peloponnesischer Seits kamen die in der Ausrüstung begriffenen
 Fahrzeuge, welche bereits seesertig waren. Der Lakedämonier Theramenes erhielt
 den Befehl, beide Geschwader dem Admiral AstyochoS zuzuführen. Sie waren nun
 zuerst nach Leros gesegelt, der Insel vor Milet, und als sie hier hörten, daß
 die Athener Milet bedrohten, fuhren sie zuerst nach dem Jasifchen Meerbusen, um
 genau zu erfahren, wie es um Milet stehe. Da kam nun Alkibiades zu Pferd 
 nach Teichiuffa auf Milesischem Gebiet, denn bei diesem Orte am Meerbusen hatten
 sie angelegt, um die Nacht da zuzubringen, und von diesem erfuhren sie die
 näheren Umstände des Gefechts, denn AlkibiadeS war selber dabei gewesen und
 hatte auf Seiten der Milesier und deS Tiffaphernes gekämpft. Zugleich forderte
 er sie auf, wenn sie nicht wollten, daß Jonien verloren gehe und ihr ganzer Plan
 zu nichte würde, so sollten sie so rasch als möglich Milet zu Hilfe eilen 
 und nicht ruhig zusehen, daß die Stadt eingeschlossen werde.

Sie faßten also den Entschluß > mit dem nächsten Morgen den Milesiern zu
 Hilfe zu kommen. PhrynichoS aber, der Athenische Feldherr, als er von Leros aus
 über die Flotte genaue Nachricht er. halten hatte und seine Mitfeldherrn
 wünschten, man solle bleiben und eine Seeschlacht entscheiden lassen, erklärte,
 er aus seine Verantwortung werde das nicht thun, und auch weder ihnen, noch
 irgend einem Andern die Erlaubniß dazu geben. Denn wo die Möglichkeit 
 vorhanden sei, nachdem man genaue Erkundigungen darüber eingezogen, 
 mit wie vielen feindlichen Schiffen man es zu thun habe^ und auch 
 wisse, wie viele eigene man ihnen entgegenstellen könne, sich genügend und
 in aller Ruhe-zu rüsten Und den Kampf ersd später entscheiden zu lassen 7 da
 werde er niemals aus bloßer Furcht vor dens Vorwurf schimpflicher Feigheit
 blindlings Alles aufs Spiel setzen. Es sei keineswegs schimpflich, wenn
 Athenische Schiffe sich zurückziehen; wo es ihrVortheil gebiete, vielmehr sei es
 viel schimpflicher, wenn sie den Kampf annähmen und geschlagen würden , möchten
 die Verhältnisse nun sein, wie sie wollten. Ihre Stadt würde sich dadurch nicht
 nur .Schimpf und Schande zuziehen, sondern-auch in die größte Gefahr
 gerathen, welcher sie nach den erlittenen Unglücksfällen kaum im Besitze ganz
 sicherstellender Rüstung sich freiwillig unterziehen dürfte, oder doch.höchstens
 im Fall der dringendsten Noth es wagen könnte, zuerst anzugreifen; wie sollte
 man also jetzt ohne Drang und Zwang sich in selbstgewählte Gefahren stürzen? Er
 befahl daher; so schnell als möglich die Verwundeten, sowie die Landtruppen und?
 was sie anGeräthschasten mitgebracht hatten, auf die Schiffe zunehmen, alle
 Beute aus dem feindlichen Land aber zurückzulassen^ um so die Schiffe zu
 erleichtern und dann nach Samos zu fahren. Dort könne man sämmtliche Schiffe
 zusammenziehen und dann bei günstiger Gelegenheit zu neuen Angriffen aussegeln.
 Mit dieser Ansicht drang er durch und brachte auch Alles so zur Ausführung; und
 nicht nur jetzt und in diesem Falle, sondern auch später und bei allen andern
 Gelegenheiten zeigte sich Phrynichos als ein verständiger Mann. Gegen 
 Abend also segelten die Athener nach unvollendetem Siege von Milet ab, die
 Argiver aber fuhren von Samos aus schnell und in schlechter Laune nach Hans
 zurück. ' .1 ^ .....

Die Peloponnesier nun brachen mit Sonnenaufgang von Teichiussa auf und landeten
 bei Milet. Sie verweilten hier einen Tag, nahmen am folgenden auch die Chiifchen
 Schiffe zu sich, die zuerst mit denen deS ChalkideuS verfolgt worden waren, und
 wollten dann wieder nach Teichiussa zurückfahren, um das Gepäck Und' die 
 Gerätschaften^) wieder einzunehmen,, welche sie dort gelandet hat- 
 
 
 
 ten. Als sie hier angekommen waren, erschien Tissaphernes mit dem Land
 Heere und überredete sie, gegen JasoS zu segeln; wo sein Feind Amorges sich
 hielt. Sie griffen also JasoS ganz plötzlich an. und da man dort nichts.Anderes
 vermuthet hatte,, als daß die Schiffe den Athenern gehörten, so wurde die Stadt
 genommen, wobei sich die Shrakusaner das größte Lob errangen. Den Amorges, der
 ein unächter Sohn des PissuthneS und vom König abgefallen war, fingen,die 
 Peloponnesier lebendig und lieferten ihn dem Thissaphernes aus, damit er ihn,
 wenn er wolle, dem Könige zuschicke, wie dieser ihm befohlen. Jasos plünderten
 sie, und.daS Heer fand dort sehr reiche Beute, denn der Ort war schon von alter
 Zeit her reich. Die Hilfstruppen des Amorges zogen sie zu sich herüber, ohne
 ihnen etwas zu Leide zu thun, und nahmen sie.in ihre Reihen aus, da sie meist
 vom Peloponnes her waren. Das Städtchen und sämmtliche Gefangene, Sklaven wie
 Freie, überließen sie dem TissapherneS, und empfingen von ihm, wie 
 ausgemacht war, einen Dareiken-Stater 2«) für den Kopf..Danach zogen , sie sich
 aus Milet zurück, und da die Lakedämonier ihnen den Pedaritos, des Leon Sohn, ,
 als Befehlshaber für Chios zugesandt hatten, so schickten sie denselben mit dem
 Hilfsvolk des Amorges zu Land bis Erythrä, und über Milet selbst setzten sie den
 Philippos. — So ging der Sommer zu Ende.. - ' '

Im folgenden Winter kam Tissaphernes, nachdem er Jasos zu einem festen Posten
 gemacht hatte,'.nach Milet und^ zählte, wie er zu Lakedämon versprochen hatte,
 sämmtlichen Schiffen den monatlichen Sold aus, eine attische Drachme auf den
 Mann; für später aber wollte er nur drei Obolen'geben, , bis er erst beim-König
 angefragt hätte. Würde der zustimmen, so wolle er ihnen die Drachme ganz
 zahlen. Dem widersprach aber Hermokrates, der Syrakufanische Feldherr —
 Theramenes nämlich war nicht als Befehlshaber der Flotte da, sondern nur
 mitgekommen, um die Schiffe dem Astyochos zu übergeben, und zeigte sich in
 Betreff des SoldeS'nachgiebig — und so kamen sie denn doch überein, daß auf
 jeden Mann mehr als drei Obolen gezahlt werden sollten. Auf je-fünfSchiffe gab
 
 
 nämlich Tissaphernes drei Talente monatlich, und so auch im Ver« 
 hältniß den übrigen Schiffen, um welche jene Zahl überstiegen wurde

In demselben Winter stießen zu den-Athenern aufSamos noch, andere fünf und
 dreißig Schiffe von Haus unter den Feldherrn Charminos, Strombichides und
 Euktemon. Danach zogen.sie auch die Schiffe von Chios und sämmtliche übrigen an
 sich und.wollten dann unter sich loosen, um mit einem Theil der Flotte Milet
 anzugreifen und gegen Chios sowohl Schiffe, als auch die.Landtruppen zu 
 schicken.!.Und also thaten sie auch: Strombichides nämlich und Onomakles und
 Euktemon, mit dreißig Schiffen und einem Theil der für Milet bestimmten tausend
 Schwerbewaffneten ans Transportschiffen, erloosten für sich Chios und gingen
 dahin unter Segel, die Andern^) blieben mit vier und siebzig Schiffen bei Samos
 zurück, kreuzten.in jenen Gewässern mit überlegener Macht und versuchten
 Angriffe auf Milet.

Astyochos aber, welcher .-sich damals auf Chios befand, um,des zu befürchtenden
 Verrathest wegen Geißeln auszuheben, hielt damit inne, als er hörte, daß die
 Schiffe unter Theramenes angekommen seien und es jetzt besser um ihre
 Bundesgenossenschast stehe, nahm die zehn Peloponnesischen und zehn Ehiische
 Schiffe und machte einen Angriff aus Pteleon. Er konnte jedoch diesen Platz
 nicht nehmen und segelte dann an der Küste hin gegen Klazomenä. Hier befahl er ,
 die athenisch gesinnte Partei solle -sich weiter landeinwärts in DaphnuS 
 ansiedeln und die Andern sollten zu ihm übergehen/ Auch TamoS, der
 Unterstatthalter in Jonien, rieth ihnen dazu. Da jene aber kein Gehör gaben, so
 machte er einen Angriff auf die Stadt, die keine Mauern hatte, konnte sie aber
 nicht nehmen, und so segelte er selbst bei starkem Winde gegen Phokäa und Kyme,
 die andern Schiffe aber gingen bei den kleinen Inseln vor Anker, welche vor
 Klazomenä liegen, Marathussa, Pele und Drymuffa. Hier blieben sie der Stürme
 wegen acht Tage liegen, und was die Klazomenier an Hab und Gut hither in
 Sicherheit gebracht hatten, das raubten sie theils und zehr- 
 
 
 ten es auf, theils luden sie's auf ihre Schiffe und fuhren dann nach .
 Phokäa 28) und Kyme zum Astyochos......

Während dieser sich hier aufhielt, kamen Gesandte von den Lesbiern, die wieder
 von den Athenern abfallen wollten^), und ihn selbst zwar wußten sie zu gewinnen,
 aber die Korinther und,die andern Bundesgenossen waren dazu unlustig wegen der
 früheren Schlappe, und so.lichtete er die Anker und steuerte gen EhioS. Die
 Schiffe wurden/unterwegs durch Stürme.verschlagen, und erst später kamen sie
 bei Chios-zusammen, das. eine daher, das andere dorther. Darauf setzte
 auch Pedaritos, der eben damals zu Land von Milet aus in Erythrä angekommen war,
 mit seinem Heere nach Chios über. Er hatte nämlich auch gegen fünfhundert Mann
 mit schwerer Rüstung bei sich, welche von den fünf Schiffen unter Chalkideus
 übrig waren.- Da nun wieder einige Leebier Antrage wegen ihres Abfalls machten,
 so that-Astyochos dem Pedaritos und den Chiern den Vorschlag, sie sollten
 mit den Schiffen hinfahren und den Abfall von Lesbos bewirken. Denn entweder
 würden sie so ihre Bundesgenossen vermehren, oder doch den Athenern, selbst wenn
 sie ihren Zweck nicht erreichten. Schaden thun. Die Chier aber gaben kein Gehör
 und auch Pedaritos sagte, er könne ihm die Chiischen Schiffe nicht
 überlassen.

So nahm also Astyochos die fünf Korinthischen Schiffe und dazu ein sechstes aus
 Megara und ein HermionischeS zu den Lakonischen, die er selbst mitgebracht
 hatte, und fuhr nach Milet ab, um daselbst das Flottenkommando zu übernehmen,
 indem er gegen die Chier viele Drohungen auSstieß, daß er ihnen, gewiß, nicht
 helfen werde, wenn sie ihn einmalbrauchten. BeimIorgebirge Korykos aus dem
 Gebiet von Erythrä ging er an's^Land, um da die Nacht zuzubringen. Die Athener
 von Samos aber, welche auf der Fahrt gegen ChioS begriffen waren, gingen mit
 ihrer Macht auf der andern Seite vor Anker, so daß nur der Berg zwischen ihnen
 lag. Sie merkten aber gegenseitig Nichts von einander. Als nun bei Anbruch der
 Nacht von Pedaritos ein Schreiben kam, daß kriegsgefangene erythräische 
 Männer von Samos nach Erythrä zurückgekommen seien, von den 
 
 
 Athenern zu dem Zweck abgeschickt, ihnen ihre Vaterstadt durch Ver­
 
 rath in die Hände zu liefern, so ging Astyochos sogleich wieder unter 
 Segel nach Erythrä, und es fehlte nur wenig, so wäre er aus die Athener
 gestoßen. ES kam nun auch Pedaritos von Chios zu ihm herüber gefahren, und sie
 untersuchten die Sache wegen des angeblichen VerrathS, fanden aber, daß die
 Männer daS Alles nur zum listigen Vorwand genommen hatten, um nur von Samos
 wegzukommen, und so sprachen sie dieselben von dem Verdacht frei und fuhren
 wieder ab, der Eine nach Chios zurück, der Andere nach Milet, wie er 
 beabsichtigt hatte.

Unterdessen war auch die Macht der Athener, als sie mit ihren Schiffen um
 KorykoS herumfuhren, bei ArginoS auf drei Kriegsschiffe der Chier gestoßen, und
 gaben denselben Jagd, sobald sie ihrer ansichtig wurden. Es brach aber ein
 gewaltiger Sturm los, und die Fahrzeuge der Chier entkamen mit knapper Noth in
 den Hafen, von denen der Athener aber wurden drei, welche am weitesten 
 vorgegangen waren, arg mitgenommen und bei der Stadt der Chier an die Küste
 geschleudert, ihre Mannschaft theils gefangen, theils getödtet; die übrigen
 flüchteten sich in den Hafen Phoinikus am Fuß des MimasgebirgeS. Von da fuhren
 sie dann nach Lesbos, wo sie vor Anker gingen und sich zur Belagerung
 anschickten.

Vom Peloponnes ging in demselben Winter der Lakedämonier Hippokrates mit zehn
 Thurischen Schiffen, welcheDorieus, des Diagoras'Sohn, selbdritt befehligte,
 dazu einem Lakonischen und einem Syrakusanischen in See und fuhr nach Knidos
 Dieser Staat war aber auf Anstiften des Tissaphernes bereits abgefallen. 
 Als die in Milet die Ankunft jener erfuhren, befahlen sie ihnen, mit der Hälfte
 der Schiffe Knidos zu bewachen, mit den übrigen aber, die bei Triopion Stellung
 hatten, die von Aegypten ansegelnden Lastschiffe 2') zu kapern. Dieß Triopion
 ist nämlich ein Vorgebirg auf dem Küstengebiet, von Knidos mit einem Tempel des
 Apollo. Die Athener aber erhielten davon Kundschaft, kamen von Samos 
 herbeigefahren und nahmen die bei Triopion auflauernden sechs Schiffe 
 
 
 
 weg, deren Mannschaft die Fahrzeuge im Stich gelassen hatte. Darauf
 segelten sie gegen Knidos, machten einen Angriff auf die Stadt, die keine
 Besestigungswerke hatte, und hätten sie um ein Kleines genommen. Am folgenden
 Tag griffen sie von Neuem an, jene aber hatten sich über Nacht besser geschützt,
 und auch die flüchtige Mannschaft der Schiffe von Triopion hatte sich in die
 Stadt geworfen, und so konnten die Athener ihnen nicht mehr so leicht etwas
 anhaben. Sie ließen also-von der Stadt ab, verwüsteten das Gebiet der 
 Knidier und segelten nach Samos zurück.

Als um dieselbe Zeit Astyochos zur Flotte nach Milet gekommen war, hatten die
 Peloponnesier in ihrem Lager noch Alles in Fülle. Denn es wurde ihnen genügender
 Sold ausgezahlt und die Soldaten zehrten auch noch von der in JasoS gemachten
 reichen Beute, und auch die Milesier lieferten die Kriegsbedürfnisse
 bereitwilligst. Gleichwohl schien den Pelovonnesiern der von Chalkideus mit dem
 TissapherneS abgeschlossene erste Vertrag mangelhaft und nicht sehr zu
 ihrem Vortheil zu sein, und sie schloßen deßhalb, während Theramenes noch
 anwesend war, einen neuen ab; — derselbe lautete also:

„Vertrag der Lakedämonier und ihrer Bundesgenossen mit dem König Dareios und
 den Söhnen des Königs und TissapherneS, daß Friede und Freundschaft gehalten
 werde unter diesen Bedingungen: 
 „Alles Land und alle Städte, welche dem König DareioS gehören, oder seinem
 Vater oder seinen Vorfahren gehörten, gegen die dürfen weder die Lakedämonier,
 noch die Bundesgenossen der Lakedämonier in kriegerischer oder sonst schlimmer
 Absicht ausziehen, und auch Abgaben dürfen weder die Lakedämonier, noch die
 Bundesgenossen der Lakedämonier aus diesen Städten eintreiben. Auch dürfen 
 weder Dareios, noch die, über welche er als König herrscht, gegen die 
 Lakedämonier oder deren Bundesgenossen, in kriegerischer oder sonst schlimmer
 Absicht ausziehen. Wenn aber die Lakedämonier oder ihre Bundesgenossen, den
 König um etwas angehen, oder der König die Lakedämonier oder ihre
 Bundesgenossen, so soll das zu thun statt­ 
 
 haft sein, worin sie gütlich übereinkommen. Den Krieg gegen die 
 Athener und deren Bundesgenossen sollen beide gemeinsam führen; wenn sie
 aber Frieden schließen, so sollen beide denselben gemeinsam schließen. Für alle
 Truppen aber, welche auf des Königs Einladung in dessen Gebiet sind, soll der
 König die Kosten tragen. Wenn aber einer der Staaten, welche mit dem König
 Verträge geschlossen haben, das Land des Königs angreisen sollte, so sollen die
 Andern es hindern und dem König nach Kräften beistehen; und wenn Einer von denen
 im Gebiet des Königs, oder über welche der König Oberherr ist, das Land
 der Lakedämonier oder ihrer Bundesgenossen angreisen sollte, so soll der König
 es hindern und jenen, nach Kräften beistehen."

Nach dem Abschluß dieses Vertrags übergab Theramenes dem Astyochos die Schiffe,
 bestieg selbst einen Schnellsegler, der in See ging,, und ist seitdem spurlos
 verschwunden^). Die Athener von Lesbos aber waren unterdeß bereits mit ihrer
 Macht nach Chios übergeschifft, hatten zu Land und zu Wasser die Obmacht und
 befestigten Delphinion, einen Platz, der von der Landseite ohnedieß schon 
 fest war und Häfen hatte und von der Stadt der Chier nicht weit ablag. Die Chier
 aber, die schon in vielen früheren Gefechten sehr empfindlich geschlagen worden
 waren und auch sonst unter sich nicht in der besten Eintracht lebten, sondern
 von gegenseitigem Argwohn erfüllt waren, da schon Tydeus und Ion und die Männer
 ihrer Partei wegen Athenischer Gesinnung von Pedaritos waren hingerichtet 
 worden, und die übrige Bürgerschaft nur durch Zwang im Gehorsam gegen die
 Oligarchen erhalten werden konnte, legten die Hände in den Schooß, und unter
 diesen Umständen schienen sie weder sich selbst, noch auch die Hilfstruppen
 unter Pedaritos stark genug, um den Kampf zu wagen.- Sie schickten indeß nach
 Milet'und ließen den Astyochos bitten, ihnen zu Hilfe zu kommen. Da dieser aber
 kein Gehör gab, so schrieb Pedaritos seinetwegen nach Lakedämon, daß er
 seine Pflicht nicht thue. Bei Chios nun stand es mit den Athenern also; ihre
 Schiffe von Samos aber machten unterdessen Versuche gegen die in Milet; da diese
 aber nicht zum Kampfgegen sie ausführen, so kehrten sie wieder nach Samos zurück
 und hielten sich ruhig.

Vom Peloponnes fuhren in
 demselben Winter auch die sieben und zwanzig Schiffe ab, welche durch
 Vermittelung des KalligeitoS aus Megara und des KyzikenerS Timagoras von den
 Lakedämoniern für Tissaphernes ausgerüstet worden waren, und segelten zur 
 Zeit der Sonnenwende gegen Jonien. Als Befehlshaber fuhr mit der Spartiate
 Antisthenes. Zugleich schickten die Lakedämonier auch eilf'spartanische Männer
 als Nathgeber mit für AstyochoS. Deren Einer war Lochas, des ArkefilaoS Sohn.
 Diesen war befohlen, wenn sie nach Milet gekommen wären, sowohl im Uebrigen
 dafür Sorge zu tragen, auf welche Art Alles auf's Beste einzurichten wäre, und
 eben dieselben Schiffe, oder auch mehr oder weniger nach dem HelleSpont zu
 PharnabazeS zu schicken, wenn sie es für gut fänden, und den KlearchoS, deS
 RhamphiaS Sohn, der mit ihnen abfuhr, über diese Schiffe zu setzen; den
 AstyochoS aber solle man, wenn es den Eilfmännern so gut schiene, des Kommando's
 über die Flotte entheben und an seiner Statt den AntistheneS einsetzen. Denn in
 Folge der Briefe deS Pedaritos hatten sie gegen jenen Verdacht geschöpft. Diese
 Schiffe nun segelten von Malea aus über die hohe See und landeten bei
 MeloS. Hier trafen sie auf zehn Athenische Schiffe und nahmen deren drei ohne
 die Mannschaft und verbrannten sie. Danach nun fürchteten sie, daß die von Melos
 entkommenen Schiffe der Athener denen in Samos ihre Fahrt melden würden, wie
 denn das auch wirklich geschah, und deßhalb fielen sie ab gegen Kreta zu und
 machten einen Umweg und landeten bei Kaunos in Asien. Daselbst hielten sie 
 sich für sicher und schickten Botschaft zu der Flotte bei Milet, daß man sie mit
 Geleit abhole.

Die Chier aber und Pedaritos schickten um dieselbe Zeit, obgleich AstyochoS
 sich so unwillig zeigte, trotzdem Boten an ihn und verlangten, er solle ihnen in
 ihrer Einschließung mit sämmtlichen Schiffen zu Hilfe kommen und nicht unthätig
 zusehen, wie die größte der bnndeSgenössifchen Städte in Jonien vom Meere
 abgeschnitten und zu Lande durch Raub und Plünderung geschädigt würde. Die 
 Sklaven der Chier nämlich, die dort in sehr großer Zahl und nach Lakedämon
 vielleicht in der größten Zahl vorhanden sind und zugleich wegen ihrer Menge für
 alle Vergehungen sehr streng bestraft werden, waren größtentheils allsogleich zu
 den Athenern übergelaufen, als de ren Macht sich in einer starken
 Verschanzung festgesetzt hatte, und da 
 sie die Landesgelegenheit sehr gut kannten, so fügten sie den Chiern den
 größten Schaden zu. Dem Astyochos also ließen die Chier sagen, er müsse ihnen zu
 Hilfe kommen, so lange noch Hoffnung und die Möglichkeit vorhanden sei, die
 Athener an der Befestigung von Delphinion, die noch nicht vollendet war,- zu
 hindern, und während die Feinde auch mit den größeren Schanzen um ihr Feld- und
 Schiffslager noch nicht fertig geworden wären. Astyochos nun, obgleich er 
 wegen feiner damaligen Drohung eigentlich nicht sehr willig war, schickte sich
 doch an, ihnen zu Hilfe zu kommen, weil er auch die Bundesgenossen dafür
 gestimmt sah.

Jetzt kam aber die Botschaft von Kaunos an, daß die sieben und zwanzig Schiffe
 und seine Lakedämonischen Rathgeber angekommen seien, und da er der Ansicht war,
 daß Alles zurückstehen müsse gegen die Gelegenheit, so viele Schiffe zur
 Befestigung ihrer Herrschaft in jenen Gewässern zu vereinigen, und gegen die
 Pflicht, den Lakedämoniern, die doch zu seiner Beaufsichtigung gekommen 
 waren, sicheres Geleit zu geben, so gab er den Plan wegen Chios allsogleich auf
 und segelte ab gen Kaunos. Im Vorbeifahren ging er bei dem Meropischen Kos^)
 an's Land und plünderte die Stadt, welche keine Mauern hatte und durch das
 gewaltigste Erdbeben seit Menschengedenken in Trümmer gefallen war, da die
 Bewohner sich in die Berge geflüchtet hatten. Auch weiter über das Land hin ließ
 er streifen und Beute machen, wobei er nur die Freien verschonte, die er
 wieder frei gab. Von KoS kam er noch zur Nachtzeit nach Knidos, ließ sich aber
 durch die Bitten der Einwohner bewegen, seine Mannschaft nicht an's Land gehen
 zu lassen, sondern sofort gegen die zwanzig Athenischen Schiffe loszugehen, mit
 welchen Charminos, einer der Feldherrn von Samos, jene sieben und zwanzig vom
 Peloponnes angesegelten Fahrzeuge beobachtete, die eben auch Astyochos
 aufsuchte. Sie hatten nämlich in Samos von Melos her Botschaft erhalten, daß
 jene ansegelten. und'CharminoS hatte die Bewachung der Gegend von Syme und
 Chalke und Rhodos und Lykien übernommen, denn er wußte bereits, daß jene schon
 in Kaunos waren.

Astyochos segelte also, wie er war,
 gegen Syme, bevor noch seine Ankunft verrathen würde, um vielleicht die'Schiffe
 auf hoher See zu überraschen. Aber Regen und Nebel'verurfachten, daß seine
 Schiffe in der Dunkelheit den Weg verloren und in Unordnung geriethen. Bei
 Sonnenaufgang war daher sein Geschwader zerstreut, und als ein Theil desselben,
 der linke Flügel-nämlich, den Athenern in Sicht kam, während der andere noch-in
 der Nähe der Insel herumirrte, so fuhren Charminos und die Athener rasch auf
 dieselben los, jedoch nicht mit all ihren zwanzig Schiffen, da sie glaubten, es
 seien jene die Schiffe von Kaunos, denen sie auflauerten. Und gleich im
 ersten Anlauf versenkten sie drei derselben und beschädigten andere sehr stark,
 so daß sie also soweit siegreich waren, bis ganz unerwartet auch die größere
 Zahl der Schiffe erschien und sie von allen'Seiten eingeschlossen waren. Nun
 wendeten sie sich zur Flucht und verloren dabei sechs Schiffe.; mit den übrigen
 entkamen sie nach der Insel Teutlussa, und von: da nach Halikarnaß.. Die
 Peloponnesier liefen dann in Knidos ein, wo sie sich mit den sieben und zwanzig
 Schiffen aus Kaunos vereinigten, segelten mit allen zusammen aus und 
 errichteten ein Siegeszeichen aus Syme, worauf sie wieder bei Knidos vor Anker
 gingen. ' ... - ' ^

Die Athener nun in Samos, als sie von dem Seegefecht Nachricht erhielten,
 fuhren mit sämmtlichen Schiffen gegen Syme auS, machten aber keinen Angriff auf
 die Flotte in Knidos, wie auch diese nicht auf sie, sondern nahmen nur das
 Schiffsgeräthe^) auf Syme weg, machten einen Angriff auf Bryma am Festland und
 segelten dann wieder nach Samos zurück. 
 Sämmtliche Peloponnesische Schiffe vor Knidos setzten sich jetzt wieder in
 guten Stand, wo Ausbesserung nöthig geworden war, und die Eilsmänner der
 Lakedämonier verhandelten unterdessen mit TissapherneS, — denn dieser war
 angekommen — sowohl über das bereits Geschehene, .falls ihnen etwas nicht
 gefiel, als auch über die weitere Kriegführung, auf welche Weise nämlich
 dieselbe für beide Theile auf's'Beste und Vortheilhafteste eingerichtet werden
 könnte. Vor Allen war es Lichas, der das Geschehene scharf in's Auge faßte und
 
 
 auch erklärte, daß keiner der beiden Verträge, weder der des Chalki­
 
 deus, noch der des Theramenesj.aufweine.'ihrer Ehre entsprechende Weise
 "abgefaßt sei; vielmehr sei es sehr bedenklich, wenn der König den Anspruch
 erhebe, auch jetzt noch über, all das Land zu herrschen, über welches er und.
 seine Vorfahren früher einmal geherrscht hätten. Denn darin liege, daß auch
 sämmtliche Inseln und Thessalien und die Lokrer und das Land bis zu den Böotern
 hin^) wiederum'der Knechtschaft verfallen sollten,- und auf diese Weise würden
 die Lakedämonier den Hellenen, anstatt der Freiheit,'die Medische Herrschaft
 bringen. Er verlangte demnach, daß andere verbesserte Verträge 
 abgeschlossen, oder wenigstens die bestehenden außer Kraft gesetzt würden; und
 auch eines Unterhaltes auf solche Bedingungen hin bedürften sie durchaus nicht.
 Tissaphernes aber ward darüber unwillig und reiste erzürnt ab, ohne daß es zu
 einer Vereinbarung gekommen wäre..

Die Peloponnesier faßten nun den Plan, gegen Rhodos zu segeln, denn
 die'mächtigsten Männer daselbst luden sie ein zu kommen, und sie hofften, diese
 Insel ihrem. Bunde zu gewinnen, die sowohl an Menge der Seeleute, als an
 Landmacht nicht schwach war, und glaubten dann in ihrer, Bundesgenossenschaft
 selbst stark genug zu sein, um den Tissaphernes nicht mehr angehen zu müssen,
 daß er den Unterhalt für ihre Flotte bestreite. Sie segelten also sofort in
 demselben Winter von Knidos ab und landeten zuerst mit vier und neunzig
 Schiffen bei KameiroS auf Rhodos. Hierüber gerieth daS Volk daselbst in^roßen
 Schrecken, denn sie hatten um die Verhandlungen Nichts gewußt, und Alles floh,
 zumal auch die Stadt unbefestigt war. Darauf beriefen die Lakedämonier diese,
 sowie die Bürger der beiden Städte Lindos und JalysoS.zusammen und überredeten
 die Rhodier, von den Athenern abzufallen.' Und so trat Rhodos zu den
 Peloponnesiern über. Um dieselbe Zeit .segelten auch die Athener, die von der
 Sache Wind bekommen hatten, mit ihren Schiffen von Samos ab, um jenen noch
 zuvorzukommen; sie erschienen auch auf hohem Meer, > waren aber um wenige
 Zeit zu spät gekommen und schifften sogleich wieder nach Chalke- und von da nach
 Samos zurück und setzten darauf.den Kampf fort, indem sie von Chalke und KoS
 
 
 
 und Samos aus Angriffe auf Rhodos machten. Die Peloponnefier aber erhoben
 von den Rhodiern an Beisteuer gegen zwei und dreißig Talente und blieben
 daselbst achtzig Tage ruhig liegen, nachdem sie ihre Schiffe an's Land gezogen
 hatten: >., ?

In derselben Zeit aber und auch schon bevor sie gegen Rhodos aufgebrochen
 waren, geschah das Folgende.- Alkibiades war nach dem Tode des Chalkideus und
 der Schlacht bei Milet denPeloponMsiern verdächtig geworden, und als von ihnen
 aus Lakedämon ein Brief an den Astyochos kam, daß man ihn todten solle — er war
 nämlich auch mit Agis verfeindet und schien überhaupt unzuverlässig — so
 entfloh er zuerst aus Furcht heimlich zu Tissaphernes, und wirkte dann bei
 demselben nach Kräften zum Schaden der Peloponnefier, indem er ihm alle jene
 Maßregeln an die Hand gab, wie er ihn denn auch veranlaßte, den Sold zu
 beschneiden, so daß, anstatt einer attischen Drachme, nur drei Obolen^), und'die
 nicht einmal immer, gegeben wurden. Hiebei rieth er dem Tissaphernes, jenen zu
 sagen, daß ja auch die Athener, die doch schon seit längerer Zeit im 
 Seewesen Erfahrung hätten, ihrer Schiffsmannschaft nur drei Obolen gäben, und
 zwar nicht sowohl aus Geldmangel, als vielmehr, damit diese im Ueberfluß nicht
 übermüthig würden und entweder ihre Körperkraft schwächten, indem sie das Geld
 aus Dinge verwendeten,' welche Krankheit zur Folge haben, oder von ihren
 Schiffen entliefen) ohne sich aus dem pfandweise zurückgehaltenen Guthaben an
 ihrer Löhnung viel zu machen. Auch lehrte er ihn, die Schiffshauptleute 
 und die Feldherrn der einzelnen Städte durch Geld zu bestechen, so, daß sich ihm
 diese in der That hierin gefügig zeigten, nur die Syrakufaner nicht. Denn von
 diesen that Hermokrates, ihr Feldherr, im Namen der ganzen BundeSgenoffenschast
 Einspruch..Auch wies er auf eigene Hand im Namen des Tissaphernes diejenigen
 Staaten zurück, welche Geldunterstützung verlangten, indem er die Chier schalt,
 sie seien unverschämte Leute, daß sie, die Reichsten unter allen Hellenen
 und doch nur durch Hilfe Anderer gerettet, jetzt verlangten, daß die Andern
 nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr Geld in die Schanze schlagen sollten um
 ihrer Freiheit willen. Und den andern 
 
 Städten sagte er, sie thäten Unrecht, wenn sie vor ihrem Abfall den
 
 Athenern Abgaben gezahlt hätten und jetzt nicht eben so viel, oder noch
 mehr, zu ihrem eigenen Besten beisteuern wollten.'Tissaphernes, sagte er, müsse
 jetzt aus eigenem Säckel Krieg führen, und es sei deßhalb sehr begreiflich, daß
 er spare; wenn aber erst die VerpflegungSgelder vom Könige angekommen wären, so
 werde er ihnen den Sold schon ohne Abzug auszahlen und auch den einzelnen
 Staaten alle Unterstützung gewähren, die füglich erwartet werden könne.

Dem Tissaphernes redete er zu, er solle sich doch nicht allzusehr beeilen, den
 Krieg zur Entscheidung zu bringen, und nicht durch Herbeirufung einer
 Phönikischen Flotte, welche er ausrüsten ließ, oder durch Soldzahlungen an noch
 mehr Hellenen einer und derselben Hellenischen Macht die Obmacht zu Land und zu
 Wasser absichtlich in die Hände spielen; er möge vielmehr zwischen beiden 
 Parteien die Herrschaft gleich getheilt sein lassen; denn so habe der König
 immer die Möglichkeit, wenn der eine Theil ihm lästig werde, den andern gegen
 jenen aufzuhetzen. Würde aber die Herrschaft zu Land und zu Wasser in Einer Hand
 vereinigt, so werde er in Verlegenheit sein, mit .wessen Mithilfe er die
 Herrschenden bezwingen könne; er müßte denn mit großen Kosten nnd unter großen
 Gefahren selber auftreten und wieder einmal einen Entscheidungskampf wagen
 wollen. Viel einfacher sei es, mit einem geringen Theil desselben Aufwandes
 und zugleich mit vollkommener eigener Sicherheit die Hellenen sich unter
 einander aufreiben zulassen. Vortheilhafter für den König sei eS aber, wenn die
 Athener Theilhaber an seiner Herrschaft würden; denn sie strebten weniger nach
 Eroberung des festen Landes, und der ausgesprochene Zweck und die Art ihrer
 Kriegführung stimmten besser zum Vortheil der Perser. Denn sie gingen darauf
 aus, sich selbst einen Theil der Inseln zu unterwerfen und damit zugleich auch
 dem Tissaphernes diejenigen Hellenen, welche in des Königs Gebiet wohnten;
 jene aber seien im Gegentheil als Befreier gekommen, und eS habe doch keine
 Wahrscheinlichkeit für sich, daß die Lakedämonier jetzt Hellenen von der
 Herrschaft der Athener, die doch auch Hellenen seien, befreien, und nicht auch
 von der der Barbaren freimachen, wenn nicht gar einmal deren ganze Macht
 vernichten wollten. Er rieth ihm also sür's Erste, beide Theile sich schwächen
 zu lassen und beide mög- 
 
 lichst zu verkürzen, bis er schließlich auch die Peloponnefier selbst 
 wieder heimschicken könne. Und in der That stimmte dieß Alles zu den Absichten
 des Tissaphernes,sofern wenigstens aus dem wirklich Geschehenen darauf zu
 schließen ist. Er glaubte deßhalb auch, daß AlkibiadeS in diesen Dingen ihm den
 besten Rath ertheilt habe, und im Vertrauen auf ihn lieferte er den
 Peloponnesiern die Verpflegung nur kärglich und ließ eS nicht nur nicht-zu einer
 Seeschlacht kommen, sondern schadete ihnen auch dadurch, daß er fälschlich
 vorgab, die Pbönikischen Schiffe würden kommen, und sie würden so mit 
 überlegener Macht kämpfen. Auf diese Weise benahm er der peloponnesischen
 Seemacht/die bereits einen so großen Aufschwung genommen hatte, die Möglichkeit,
 sich auf's Glänzendste zu entwickeln, und auch im Uebrigen war seine lässige
 Theilnahme am Kriege viel zu ausfallend, als daß es nicht hätte bemerkt werden
 sollen..

Solcherlei Rathschläge gab Alkibiades, nicht nur, weil er sie dem TissapherneS
 und dem Könige, bei denen er sich aufhielt, am vortheilhastesten erachtete,
 sondern auch, weil er damit zugleich sich selbst die Rückkehr in'S Vaterland
 anzubahnen dachte, denn er wußte wohl, daß er einmal durch Ueberredung seine
 Rückkehr werde durchsetzen können, wenn er jetzt Athen vor dem gänzlichen Sturze
 bewahre. Die Möglichkeit zu dieser Ueberredung glaubte er aber 
 vorzugsweise in einem freundlichen Verhältnisse zu TissapherneS zu besitzen, wie
 sich dieß denn auch wirklich so gezeigt hat. Denn als die Athener auf Samos
 hörten, daß er bei jenem so viel vermöge, und zugleich auch Alkibiades selbst
 mit den angesehensten Männern unter ihnen Unterhandlungen anknüpfte und sie
 ersuchte, bei den Vornehmsten und Mächtigsten seiner zu gedenken, daß er zum
 Zweck der Einsetzung einer oligarchischen Regierungsform, keineswegs aber um die
 schlechte Pöbelherrschaft zu stützen, die ihn selbst aus der Stadt 
 vertrieben habe, nach Athen zurückkehren und mit ihnen an der Regierung Theil
 nehmen wolle, wofür er ihnen die Freundschaft des TissapherneS mitbringe, so
 begannen theils auf diese Anträge hin, noch mehr aber aus eigener Bewegung, die
 Schiffsberrn und Vornehmsten der Athener auf Samos am Sturz der Demokratie zu
 arbeiten.

Zuerst wurde die Sache beim Heere selbst in Anregung gebracht; und später
 pflanzte sich die Bewegung von hier nach der 
 Stadt? über. Auch gingen Einige von Samos zum Alkibiades hin- 
 über und-hatten Unterredungen mit -ihm,- und da er sich anheischig machte,
 ihnen zuerst den Tissaphernes und dann den König selbst zu Freunden zu machen
 >'wenn sie die Demokratie unter sich nicht länger mehr bestehen ließen, —
 denn so werde der König mehr Vertrauen gewinnen,' —- so faßten die Vornehmen
 große Hoffnungen, nicht nur, daß dies-Leitung der Geschäfte ihnen zufallen
 würde> die jar auch die meisten Lasten zu tragen hätten,'sondern daß sie auch
 ihre Feinde zu Boden drücken könnten. Nach Samos zurückgekehrt^ veranlaßten sie
 eine Verschwörung unter den ihnen befreundeten Männern und erklärten auch
 vor der Menge ganz öffentlich, daß der König ihnen Freund werden- und
 Hilfsgelder zahlen wolle, wenn Alkibiades zurückkehrte und die Demokratie-ein
 Ende nähme. " ' 
 Der große Haufe nun; wenn er, auch im ersten Augenblick diese Pläne in
 gehässigem Lichte sah;' gab sich doch zur Ruhe wegen der verlockenden Aussicht
 auf den königlichen Solds die Befördernder Oligarchie aber, nachdem sie der
 Menge Mittheilung gemacht; beriet then die-Anträge des Alkibiades - nochmals
 unter sich und mit dem weiteren Kreis ihrer Parteigenossen.''Allen Uebrigen nun
 erschienen dieselben leicht ausführbar und zuverlässig, dem PhrynichoS aber,
 ihrem Feldherrn, wollten sie keineswegs gefallen.? Er meinte vielmehr, dem
 Alkibiades läge, wie dieß denn auch wirklich der Fall war, genau so wenig an der
 Aristokratie, wie an der Demokratie, und er denke überhaupt auf nichts
 Anderes,'als. wie er die jetzt bestehende Ordnung des Staates umstürzen!
 möchte,'um. sich dann von-seinen Genossen zurückrufen zu lassen; sie aber müßten
 vor Allem grade darauf am Meisten schauen, daß keine Revolution stattfände; auch
 liege eS keineswegs im Interesse des Königs, jetzt, wo die Peloponnesier 
 zur See sich den -Athenern gewachsen zeigten und zugleich auf seinem Landgebiet
 viele Städte, und zwar nicht die unbedeutendsten, in ihrer Gewalt hätten,' sich
 auf die Seite der Athener zu schlagen, denen er mißtraue,' und sich so in eine
 schlechte Lage zu bringen, während eS doch ganz bei ihm stehe, die
 Pcloponnesier, - von denen er nie etwas Schlimmes befahren, sich zu Freundenzu
 machen. Was aber die verbündeten Städte betreffe, denen sie oligarchische
 Regierungsformen versprechen wollten, weil auch sie selbst die Demokratie
 aufzuheben 
 
 
 
 gedächten, so wisse erfrecht Wohl, daß-deßhalb weder die bereits. 
 Abgefallenen eher zu.'ihnen, zurücktreten,.noch auch die jetzt noch bei ihnen 
 aushielten, um so zuverlässigensein würden..Denn diese würden doch wohl.nicht
 die Knechtschaft;ob nun unter einem oligarchischen ,. oder einem demokratischen
 Staate, der Freiheit.vorziehen, .möchten sie derselben .nun lunter der.einen
 oder-der andern.Negierungsförm theilhaftig werden.i/s.Auch würden sie wohl nicht
 glauben, daß die sogenannten Trefflichen und Guten ihnen weniger würden
 zu.schaffeir machen, als die.Volksvartei, da jene doch nur dem Volke gegenüber
 die Vermittler und Lehrmeister zu allem Schlechten abgäben/woraus'sie 
 selbst :-den größeren Nutzen zögen. Stünde es.bei jenen, >so würden höchst
 wahrscheinlich, die .Hinrichtungen unter ihnen 'ohne- gerechten Richterspruch
 und noch viel gewaltsamer stattfinden ^ während jetzt das^Volk ihre.Zuflucht sei
 und jene,zur Mäßigung-zwinge. Und daß bei den einzelnen Staaten wirklich diese
 Ueberzeugung herrsche, daS wisse .er" ganz genau-, zumal.sie auch durch
 die.Thatsachen gewitzigt seien?' weßhalb er sich denn auch unter?den
 gegenwärtigen Umständen mit-dem Vorschlagen ^s Alkibiades durchaus nicht
 befreunden könne.

Die versammelten Theilnehmer. der Verschwörung gingen jedoch, ihrer
 früheremÄnsicht entsprechend, auf die Vorschläge des Alkibiades ein-und trafen
 Anstalt, den Peisandros und Andere als Gesandte nach^Athen zu schicken, um dort
 die Rückkehr des Alkibiades -und. den Sturz der Demokratie.zu betreiben und
 zwifchen-Tissa? phernes-.und den.Athenern Freundschafdzu.stiften.,..

Als nun Phrynichos erfahren hatte, daßnvegen der!Rückberufung> des
 Alkibiades Anträge.gestellt'und das Volk dieselben, genehmigen würde, so
 fürchtete er, jener.'möge, wenn er wirklich zurück? gekehrt sei!, ihm, weil er
 gegen seine Anträge den Widerpart gehalten, als seinem Gegner, Verderben zu
 bereiten suchen , weßhalb er sich,zu folgender List wendete. Er schickte
 heimlich zum.Aflyochos,! dem Lakedämonischen .Flotten-Admiral-, der damals noch
 bei-Milet lag,- und schrieb ihm, daß.AtkibiadeA der Sache
 .der'Peloponnesier-großen Schaden thue, indem er den Tissaphernes mit den
 Athenern zu befreunden suche; und auch alles Uebrige theilte er ihm in seinem
 Briefe 
 
 genau mit. Ihm selbst, meinte er, müsse man es wohl verzeihen, 
 wenn'er einen ihm.feindlich gesinnten Mann auch zum Nacht-heil seiner
 eigenen Vaterstadt ln, Schaden zu bringen suche. - Astyochos aber hatte
 keineswegs im Plan, am Alkibiades seine Rache auszulassen, zumal er ihn auch
 nicht mehr so im Bereich seiner Macht hatte, sondern er reiste zu ihm und dem
 Tissaphernes nach Magnesia, theilte ihnen das. aus Samos Geschriebene mit und
 ward so zum Verräther, nnd gab sich, wie man sagt, durch Geld bestochen, in die,
 Pflicht des Tissaphernes, um sowohl in diesem Fall,, als auch im Uebrigen mit
 ihm gemeinsame.Sache zu machen, wie er sich denn auch^,aus eben diesem
 Grunde gelegentlich desSoldabzugs nur sehr schwach 
 widersetzt'hatte.'."AlkibiadeS aber schickte sogleich eine Anklage gegen den 
 Pbrynichos an die Behörden in Samos, enthüllte, was er gethan, und 
 verlangte'seinen.Tod. Phrynichos gerieth hierüber in die größte 
 Bestürzung,,da'er durch diese.Anzeige in die äußerste Gefahr kam und schickte
 sogleich^eine zweite Botschaft an den Astyochos, indem er.ihn tadelte, daß die
 erste nicht mit der gehörigen Sorgfalt geheim gehalten, worden „fei.
 'Dazu.schrieb er, daß ersetzt bereit sei., die'ganze Macht der Athener auf Samos
 ihm in die Hände.zn liefern,'so,daß er sie vernichten.könne, indem er im
 Einzelnen angab/wie die.Sache uss Werk zu setzen sei, da Samos unbefestigt war.
 Und ihm selber hürfe es^einen Tadel zuziehen, wenn er jetzt, um fein Leben aus
 der Gefahr zu retten, lieber dieß und.alles Andere, thue, als von den 
 Händen seiner erbittertsten Feinde den^Tod zu leiden.'^ AstyochoS'aber theilte
 auch dieß dem Alkibiades mit. "

St. Araber.Phrynichos noch vorher Wind bekam, daß jener sein Verderben
 bereite,,und daß jeden Augenblick ein Schreiben des Alkibiades über:diese Dinge
 eii^aufen könne, so kam er ihm selbst zuvor und zeigte dem Heere an, daß die
 Feinde im Begriffe seien, einen Angriff, auf ihr Lager, zu machen, weil Samos
 unbefestigt und auch nicht? sämmtliche Schiffe gegenwärtig seien; er habe
 darüber ganz genaue.Kundschaft, und man müsse Samos so rasch als, möglich 
 befestigen .und auch alles Uebrige.der.Sicherheit gemäß vorkehren. -Er 
 war-nämlich Feldherr und bevollmächtigt, dieß zu thun. Man begann demnach, die
 Befestigung, und aus diesem Anlaß kam Samos um, so rascher.HU.festen Werken, die
 eSiohnedieß hatte erhalten sollen.. Der 
 
 
 Brief des Alkibiades kam denn auch bald an und meldete, das Heer sei von
 Phrynichos verrathen, und die Feinde würden es überfallen. Weil man aber von der
 Zuverlässigkeit des Alkibiades eine schlechte Meinung hatte, so glaubte man, daß
 er, in Kenntniß vom Plan der Feinde, aus Feindschaft gegen den Phrynichos,
 diesem ein Einverständniß mit dem Feinde fälschlich zur Last lege, und so hatte
 dieser keinen Schaden davon, vielmehr gereichte die Meldung des AlkibiadeS
 seiner Aussage zur Bestätigung. - '

Danach bearbeitete Alkibiades den Tissaphernes und suchte ihn zu überreden, daß
 er den Athenern Freund werde. Dieser fürchtete zwar die Peloponnesier, weil sie
 mit einer zahlreicheren Flotte in der Nähe waren, als die Athener, hätte aber
 doch gern dem Alkibi'a- des gefolgt, wenn es nur irgend möglich war, besonders,
 seitdem er sich in Knidos von der üblen Stimmung der Peloponnesier wegen 
 des Vertrages des Theramenes überzeugt hatte — denn dieß Alles war schon früher
 geschehen, als um die Zeit, wo die Peloponnesier bereits auf Rhodos standen —
 und damals in Knidos hatte er auch die frühere Angabe des Alkibiades, daß die
 Lakedämonier an der Befreiung aller Städte arbeiteten, aus dem Mund des LichaS
 bewahrheitet gefunden, der'es für unerträglich erklärte, wenn es im Vertrag
 heiße, daß der König über die Städte herrschen solle, welche er selbst 
 oder'seine Vorfahren einmal beherrscht hätten. Alkibiades nun, da der Kampf um
 so wichtige'Dinge ging, strengte allen Eifer an', um im Dienste deS Tissaphernes
 auf denselben Einfluß zu üben.

Die Athenischen Gesandten, welche von Samos aus mit Peisandros abgesendet
 worden, waren unterdessen in Athen angekom^ men und hielten Reden vor dem Volke,
 indem sie unter vielen andern Unterstützungsgründen hauptsächlich betonten, daß
 es bei ihnen stünde, den König als Bundesgenossen zn gewinnen und der
 Peloponnesier Herr zu werden, wenn sie den Alkibiades zurückberiefen und die
 demokratische Regierung abändern wollten. Dem widersprachen aber viele
 Andere im Namen der Volksherrschast, und auch die Feinde des Alkibiades erhoben
 ein Geschrei, wie gefährlich eS wäre, wenn dieser Mensch die Verfassung
 vergewaltigen und^o feine Rückkehr durchsetzen sollte; dazu erklärten auch die
 vom Geschlechte des Eumolpos und 
 Keryx 39) im Namen der Mysterien, derentwegen er ja auch verbannt 
 worden war, feierlichst, nnd beschworen das Volk bei allen Göttern, jenen
 nicht zurückzurufen. Gegen diesen zahlreichen Widerspruch und das Zetergeschrei
 trat aber Peisandros auf und nahm Jeden der Widersprechenden .bei Seite und
 fragte ihn, ob er denn noch Hoffnung habe, daß die Stadt sich retten könne,
 während die Peloponnesier eine nicht geringere SchiffSzahl, als sie selbst,
 kampfbereit in See hätten und mehr verbündete Staaten/und der König und
 TissapherneS ihnen auch noch Hilfsgelder zahlten, während ihre eigenen Kassen
 leer seien? Die'einzige Hoffnung sei, den König als Bundesgenossen zu gewinnen.
 Wenn ihm nun die Gefragten Recht geben mußten, so sagte er ihnen ganz
 unverblümt: Nun. das durchzusetzen ist uns aber nicht möglich, wenn wir nicht
 eine gemäßigtere Verfassung annehmen-und die Staatsämter wenigeren Männern in
 die Hände geben, damit der König Vertrauen zu:uns gewinne; und unter den
 obwaltenden Umständen berathen wirnicht sowohl über die VerfassungSform, als
 vielmehr über die Rettung des.Staates — später können wir ja die Sache wieder
 abändern, wenn uns Eins oder das Andere daran nicht gefällt —7 und den
 Alkibiades müssen wir zurückrufen, denn der ist von Allen, die jetzt leben, ganz
 allein im Stande, die Sache für uns durchzusetzen."

DaS Volk nun hörte Anfangs diese Anträge aus oligarchifche Verfassung sehr
 unwillig an; aber von Peisandros auf einleuchtende Weisebelehrt/daß, kein
 anderer Weg zur Rettung vorhanden sei, fügte es sich'schließlich, theils aus
 Furcht, theils in der Hoffnung, daß doch wieder einmal ein Umschwung eintreten
 werde. Sie beschlossen demnach: Peisandros und zehn Andere mit ihm 
 sollten.abreisen und mit Tissaphernesund Alkibiades die Unterhandlungen 
 anknüpfen, wie sie eS eben für'S Beste hielten. Da aber Peisandros auch den
 Phryntchos in ein schlechtes Licht gestellt hatte, so enthob das Volk zugleich
 auch diesen und seinen Mitfeldberrn'Skironides des Kommando's und schickte an'
 ihrer 'Statt, den Diomedon und Leon als Führer zu der Flotte. Den Phrynichos
 hatte nämlich Peisandros verläumdet, Jasos und den Amorges verrathen zu haben
 4°); denn er 
 
 
 
 war überzeugt, daß derselbe sich bei den Unterhandlungen mit Alkibiades
 gewiß nicht gefügig zeigen werde. Auch besuchte Peisandros sämmtliche
 geheimeKlubs^')/ welche früher in der Stadt zu dem Zwecke bestanden, um aus.
 Rechtssachen und die Aemterwahlem Einfluß zu üben,' und forderte sie auf/ ihre
 Kräfte zu vereinen-und gemeinsam den Sturz der Volksregierung herbeizuführen: '
 Auch trittUebrigen traf er zu diesen Zwecken alle Vorkehrungen, so daß sofort
 .zur That geschritten werden konnte, und trat dann mit den zehn Männern-die
 Seereise zum Tissaphernes an. ? ?! '> <

Leon aber und Diomedon, welche zuriAthenischen,Flotte abgegangen
 waren/unternahmen noch in . demselben Winter einen Angriff auf Rhodos. Die
 Schiffe der Peloponnesier trafen.sie'aus's Land gezogen/machten deßhalb selbst
 eine'Landung)-schlugen.die zur Abwehr-herbeigeeilten Rhodier in-einem Gefecht,
 und zogen dann wieder nach Chalke zurück, um lieber von hier aus, als von
 Kos,'den Krieg weiter zu führen. Die Ueberwachung war ihnen nämlich von 
 hier aus viel leichter,-für den Fall, daß die Peloponnesische Flotte 
 irgend.'wohin in See'gehen sollte. ^ 
 Es kam ' aber nach Rhodos auch der Lakonier Kenophantidasi von Pedaritos aus
 Ehios hergesandt, mit der Botschaft, daßzdie Belägerungswauer der Athener schon
 vollendet und Chios ^gänzlich verloren sei, wenn sie nicht mit allen Schiffen zu
 Hilfe'kämen. Diese faßten nun den Entschluß zur Hilfeleistung. Indessen machte
 Peda4 ritos selbst mit den mitgebrachten HilfStruppen und der.gesammten 
 Macht der Chier einen Angriff aus den Wall, den die Athener um ihre Schiffe
 gezogen, und nahm einen Theil desselben und. bemächtigte sich auch tiniger an's
 Land gezogenen Schiffe. Als/aber die Athener 
 
 verstärkt-.- herbeieilten "undDersttdie-Cl)ier -zurückgedrängt
 hatt«n,wm­ Chr. dendann auch die
 Truppen deS Pedaritos'besiegt, und'er selbst sammt vielen Chiern kam dabei
 ilm/undnuch viele Waffen? wurden^erbeutet.

' Seitdem wurden ^die''Chier>zu'Land und.>zu Wasser .noch enger
 eingeschlossen, als?früher,? und die Hungersnoth'lwar'daselbst, sehr
 drückend. 
 Die Gesandten der Athener 'mit Peisandros waren indeß zu Tissaphernes gekommen
 und' unterhandelten wegenteines Vertrags. Alkibiades nun ,' da erder Zustimmung
 von-Seiten des Tissaphernes . nicht brecht sicher war/ weil dieser die
 Peloponnesier doch-mehrfürchtete und auch jetzt noch lieber beide Theile
 schwächen wollte,wie et ja auch von-jenem selbst belehrt-worden wär —"'nahin.'
 seine'Zuflucht zu? folgender Auskunft. ? Er veranlaßte den Tissaphernes,. so
 große Forderungen:-an die Athener-zustellen, >daß der Vertrag nicht zu
 Stande kommen konnte: Es.scheint mir aber, daß eben dieß auch in^der,Absicht des
 Tissaphernes gelegen habe; und zwar eben wegen jener.Furcht. Alkibiades aber ,-
 Hals, er sah, daß jener ohnehin keine Lust nqchz einem Vertrag Habe, wollte doch
 nicht den Athenern gegenüber ^so dastehen, als ob er ihnnicht.überreden könne,
 sondern,gab der Sache -das. Ansehen, -als, ob Tissaphernes ^bereits^gewonnen
 zsei und zu,den Athenern übertreten wolle , diese aber nicht genügende 
 Zugeständnisse machten. Indem er nämlich im Namen des anwesenden Tissaphernes
 sprach, steigerte er die.Anforderungen^der.Art.' daß die Athener, obgleich sie?
 auf viele seiner Forderungen eingingen, dennoch selber die Schuld zu tragen
 schienen. / Er und Tissaphernes «verlangten nämlich, daß ganz Jonien »abgetreten
 würde, und-dann wieder die nahe liegenden Jnseln und Anderes, und als die
 Athener sich dem nicht.widersetzten, «zuletzt bei der dritten Zusammenkunft, aus
 Furcht, eS möchte seinegänzliche tzinflußlosigkeit, an denTag kommen, stellte
 er-dit' Forderung,- dem König.sei die -BefngniH zuzugestehen, -eine Flotte
 zu -bauen und. mit, jeder-beliebigen Schiffszahl alle Küsten ihres eigenen
 Gebietes zu befahren.? Damit yber war es aus: die Athenev erklärten das für
 unmöglich und glaubten sich von Alkibiades hinter? Licht geführt; und so reisten
 sie erzürnt ab und fuhren nach,Sam?s.zurück.

Tissaphernes .aber erschien sogleich dayach. und >noch, in 
 
 demselben Winter zu Kaunos'/'in''der-Abficht, die Peloponnesier 
 wieder.nach Milet zu bringen und nach.. Abschließnng seines neuen Vertrags'/so
 günstig er ihn eben erlangen könNe, ihnen, wieder die Verpflegung zu
 liefern,'damit er--sich.nicht ganzund-gar Mit ihnen verfeinde. "Er fürchtete
 nämlich;: daß sie'wegen Mangels an Unter, halt für so viele Schiffe sich
 genöthigt sehen könnten, den Athenern eine Seeschlacht zu liefern,', und. dabei
 geschlagen-würden, oder daß die Mannschaft - ihre Schiffe im! Stiche, lassen
 > l und die Athener so^ihren Zweck ohne sein Zuthun «erreichen würden. Am
 allermeisten aber fürchtete er, sie möchten, um Lebensunterhalt izu finden,
 das Festland plündern. In Berechnung und Voraussicht aller dieser 
 Dinge,-und.cwie es-denn überhaupt seine Absicht war«,, unter den Hellenen ein
 Gleichgewicht der Macht herzustellen, ließ er die Peloponnesier zu sich
 einladen, gewährte ihnen die Verpflegung!und schloß mit ihnen den folgenden
 dritten Vertrag abj . > > > 1 i)

,,Jm dreißigsten Jahre der königlichen'Regierung des Dareios, als zu LakedäiNon
 Alexippidas Ephore'war) ist'in'der Ebene des Flusses Mäander zwischen den
 Lilkedämoniern'und ihren Bundesgenossen einerseits'und Tissaphernes/'Hieramenes
 und den Söhnen des Pharnakes andrerseits, in Sachen des Königs, der 
 Lakedämonier und ihrer Bundesgenossen'der folgende Vertrag geschlossen'worden^
 !?.' - 
 „Alles Land des Königs/soweit es in Asien liegt,' soll ihm verbleiben, und über
 sein eigenes Land soll der König'verfügen' nach Gutdünken^ Die'Lakedamonier und
 ihre Bundesgenossen sollen nicht in irgend welcher feindlichen Absicht gegen das
 Land des Königs ziehen', noch'auch der König gegen das Land der Lakedämonier
 oder ihrer Bundesgenossen in irgend einer feindlichen Absicht! Wenn aber 
 von' den Lakedämoniern oder ihren Bundesgenossen Einer in feindlicher Absicht
 gegen-das Land des Königs ziehen sollte) so solleti^die Lakedämonier und ihre
 Bundesgenossen es hindern; und wenn Einer aus dem Lande des Königs in
 feindlicher Absicht gegen die Lakeda^ monier oder ihre Bundesgenossen auSzieheu
 sollte) so soll derMnig 
 
 es hindern. Den jetzt, gegenwärtigen Schiffen soll Tissaphernes, dem
 
 Vertrage gemäß^die Verpflegung liefern, bis die Schiffezdes Königs ^ 
 kommen werden. Den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen sollieS; wenn^die
 Schiffe des Königs angekommen sind, freistehen, ihre Schiffe, wenn; sie ^wollen,
 in eigene Verpflegung zu nehmen. Wenn sie aber.von Tissaphernes dje.Verpflegung
 nehmen wallen, so !>' soll Tissaphernes sie liefern, und, die Lakedämonier.
 und ihre. Bundes- i'z genossen-sollen dann nach Beendigung :des Krieges dem
 Tissaphernes das Geld zurückzahlen,- soviel »sie ^erhalten haben. Wenn aber.die
 Schiffe des Königs ^?).gekommen .sind, so sollen die, Schiffe ,der 
 Lakedämonier und ihrer^ Bundesgenossen und die des-Königs.>den Krieg
 gemeinsam führen, so wie eS dem Tissaphernes und den Lakedämoniern'und ihren
 Bundesgenossen gut dünken wird; und.wollen sie mit den Athenern Frieden
 schließen, so soll dieß unter den gleichen Bedingungen geschehen? , >

Unter diesen Bedingungen-wurde der Vertrag abgeschlossen, und darnach traf
 Tissaphernes Anstalten, sowohl um die Phönikischen Schiffe herbeizuholen, wie
 verabredet war, als auch-sonst, seinen Versprechungen-nachzukommenwenigstens
 betrieb erjabsichtlich diese Anstalten vor Aller Augen, z . - ^ ^ ^

'.Als dieser Winter bereits-zu Ende ging, nahmen-die Böoter durch Verrath die
 Stadt Oropos, wo die Athener, eine Besatzung liegen hatten. ES hatten dabei
 Männer auS den Eretriensern und den Oropiern selber mitgewirkt, welche auf den
 Abfall Euböa's hinarbeiteten. Denn da jener Platz sehr nah bei Eretria lag, so
 war eS nicht zu verhindern, daß die Athener, so lange sie im Besitz 
 desselben waren, sowohl- Eretria .vie dem ^übrigen -Euböa,großen Schaden
 zufügten. Einmal-im Besitz von Oropos, schickten die?Eretrienser sogleich
 nach'Rhodos,x.um die Peloponnesier nach Euböa zu rufen. Diese aber
 hatten>mehr'im.Plan, dem bedrängten.ChioS zu Hülfe/zu kommen, stachen mit
 allen Schiffen in See unh fuhren-von Rhodos.ab. Auf der Höhe von
 Triopion-angelangt, bekamen sie die Athenischen Schiffe auf-.hohem Meer in
 Sicht/ die von Chalke her ansegelten-, und da kein, Theil. Miene zum Angriff
 machte, so kamen 
 
 
 dieMhener ?chSämoS die Peloponnefier. nach Mllet, und diese saMmlN'ein daß
 eS'nicht möglich wäret; Chios zu'Hülfe°-zu kom me'üohne vorher eine Seeschlacht
 zu liefern, 
 So ging dieser Winter zu Ende.'"und-damit^das^zwanzigste Jahr'dieses Krieges,
 den'Thukydides beschrieben hat." ^ .'n

Im folgenden-Sommers sogleich
 mit Frühlings-Anfang, wurde der Spartiate DerkylidaS mit^'geringev Mackt zu
 Land<nach dem HelleSpont geschickt um den Abfall von Abydos zu'bewirken.
 Die Einwohner dieser Stadt sind ein Pflanzvolk der Milesier.' Und 
 gleichzeitig sahen sich die Chier, während AstyochoS unschlüssig war, ob'er
 ihnei?zu2Hülfe kommen solle, durch die Noth-dcr Belagerung gezwungen, eine
 Seeschlacht zu wagen.''Sie hatten nämlich, während Aftyöch'os noch in Rhodos
 stand, von Milet her den Leon/einen Spärtiaten^, der'Mit dem Antisthenes als
 Schiffssoldat gekommen war, nach des Pedaritos Tod zum Anführer , erhalten und'
 -mit ihm zwölf Schiffe'^'welche grade vor Milet die Wache'hatten. Darunter 
 waren fünf Thurifche, vier Syrakusanlsche ein Ana'ltischeS. ein Mile'sisch^s und
 Eines gehörte dem Leon selbst.^ Die Chier"ficlen'mit gesammter Macht auS>
 besetzten einen« festen Punkt, und'gingen gleichzeitig mit sechsunddrcißig
 Schiffen den zweiunddreißig athenischen entgegen und lieferten ihnen eine
 Seeschlackt.,"Der Kampf war sehr erbittert, und'die Chier und ihre
 Bundesgenossen zogen sich erst spät am Abend nach ihrer Stadt zurück, ohne im
 Nachtheil.gewesen zu sein.

Danach, sogleich als Derkylidas von Milet her zu Lande erschienen war, fiel
 Abydos am HelleSpont zu DerkylidaS und Pbar« nabazoS ab, und zwei Tage später
 auch Lampsakos. Als Strömbi>chides dieß erfuhr, eilte er von Chios mit
 vierundzwanzig athenischen Schiffen rasch'herbei / unter denen-auch Lastschiffe?
 waren, welche Schwerbewaffnete führten, und'.da'die 
 Lampsakener'gegen.ihn'auszogen, besiegte-'er sie im Gefecht und nahm daS unbefestigte
 LampsakoS im ersten Anlauf. Bewegliche Habe und Sklaven-nahm er als Beute 
 mit, die Freien aber setzte er wieder in ihre Häuser und zog dann ab gegen
 AbydoS/ Da diese'Stadt^fich-aber'weder ergab, noch er sie 
 
 trotz wiederholter Angriffe nehmen konnte, so fuhr er nach der Küste
 
 gegenüber von Abydos, legte eine Besatzung-nach SestoS, det Stadt ans dem
 Chersonnes, welche früher die Meder-iN Besitz gehabt/Und machte dieselbe zum
 Beobachtungsplatz für den ganzen'Helleöpont.i b

Durch diesen Zwischenfall wurden aber die Chier und die in Milet wieder mehr
 Meister in ihren'Gewässern^ und AstyochöS', als er die Nachricht von der
 Seeschlacht und von der Abfahrt, der Schiffe unter Strombichides erhielt, faßte
 jetzt Muth! 'Er fuhr also mit zwei! Fahrzeugen'nach Chios, vereinigte hier'alle
 Schiffe und machte mit denselben'einen Angriff auf-Samos/ 'Weil aber-die 
 Athener-gegeneinander selbst Argwohn-hatten, so gingen-sie ihm mit ihren
 Schiffen nicht entgegen',' und .'so'fuhr er wieder nach Milet zurück. 
 .1 Um dieselbe Zeit nämlich und noch früher wurde die Athenische Demokratie
 aufgehoben. Denn nachdem die Gesandten mit Peisan^ droS vom Tiffaphernes nach
 Samos zurückgekommen waren, faßten sie im Heerlager'selbst die Zügel fester! in
 die Hand', da sogar die Samier, obgleich sie zum Sturze ihrer-"eigenen
 Oligarchie deinen Aufstand erregt hatten, die Vornehmen und Mächtigen unter-den
 Athenern aufforderten, mit ihnen die Einführung einer-Oligarchie zu
 versuchen; und auch unter sich selbst-beschloffcn die Athener-auf Samos, welche
 hierin gemeinsame Sache gemacht'hätten, den Älkibiades/ da er nicht mitthun
 wolle, aus dem Spiel zulassen- —''zuMäl er auch nicht der rechte Mann schien-,
 um unter'die Oligatchen'auft genommen zu werden —''und'nur für sich'selbst, weil
 sie bereits das Gefahrvolle gewagt, zuzusehen/auf'wclche'Art
 die'Leitung'de^'Dinge ihren Händen nicht entschlüpfendkönne,' und zugleich
 wollten? finden Krieg kräftig fortführenund dazu aus'eigenen Mitteln Geld und
 was sonst nöthig würde, eifrig beisteuern, da sie'von jetzt an auch nicht-inehr
 für Andere, sondern nur für'sich'selbst Mühe und BtschwÄden'auf sich
 nähmen.'" " 7. ' in nur."-

Nachdem sie sich aus diese Weise in ihren Plänen bestärkt hatten,' schickten^
 sie? sofort den PeisandroS und die Hälfte'der Gesandten nach Haufen-um dort die
 Sache in's Werk zu setzen,'nnd trugen denselben zugleich auf, unterwegs in
 'allen' unterthänigen Städten^'bet-'denen sie anlanden würden, -oligarchische
 Verfassung 
 
 einzuführen; die andere Hälfte verschickten sie nach, den andern 
 unterthänigen Plätzen, den Einen hierhin, den Andern dorthin; und den
 Diotrephes, der vor Chios stand, jetzt aber zum Befehlshaber an den Thrakischen
 Gränzen ernannt worden war, schickten sie dorthin zur Uebernahme des Kommando'S.
 Als dieser nach Thasos kam, hob er daselbst die Demokratie auf. Aber ungefähr im
 zweiten Monat, nachdem er sie wieder verlassen, befestigten die Thafier ihre
 Stadt, da sie jetzt einer aristokratischen Regierung im Bund mit den 
 Athenern nicht mehr bedurften, vielmehr jeden Tag ihre Befreiung durch die
 Lakedämonier erwarten konnten. Es waren- nämlich einige ihrer durch die Athener
 verbannten Mitbürger zu den Peloponnesiern geflohen i und diese in..Verbindung
 mit ihren Angehörigen in der Stadt arbeiteten kräftigst dahin, eine Flotte vor
 Thasos zu bringen und-den Abfall der Insel zu bewirken. Diesen war nun grade
 das, was sie wünschten, zu Theil geworden, daß nämlich ihr Staat ohne 
 Gefahr für sie selbst in die rechte Verfassung gesetzt und die Herrschaft der
 Volkspartei, die sich ihnen widersetzt haben würde, gebrochen worden war. Bei
 Thasos also hatten die Athener, welche die Oligarchie einführten, grade den
 entgegengesetzten Erfolg, und wie mir scheint, auch bei vielen andern
 Unterthanen. Denn als die Städte eine verständigere und gemäßigte Regierungsform
 und Freiheit der. Bewegung erhalten hatten, strebten sie sofort nach 
 entschiedener.Unabhängkeit, weit entfernt, die verdächtigt, von den Athenern 
 gebotene freie Verfassung, vorzuziehen. -

Die mit Peisandros Abgesandten schifften indeß an der Küste^hin und hoben; wie
 beschlossen war, in den einzelnen Städten die Volksregierung auf und nahmen aus
 einigen derselben auch Schwerbewaffnete zu ihrer Unterstützung mit nach Athen.
 Hier? fanden sie bereits daS Meiste durch ihre .Genossen vorgearbeitet. Es
 hatten nämlich Einige der Jüngeren,sich verbunden und den AndrokleS, einen 
 Hauptanführer der Volkspartei, heimlich getödtet, der auch des AlkibiadeS
 Verbannung hauptsächlich durchgesetzt hatte, und zwar hatten sie grade ihn um so
 eher auS dem Wege geräumt, weil bei ihm zweierlei zusammentraf: einmal, weil er
 Demagoge war, und dann weil sie damit dem Alkibiades einen Gefallen zu thun
 glaubten, der zurückkehren und ihnen die-Freundschaft des
 Tissaphernts.-mitbringen 
 sollte. Auf dieselbe Weise schafften sie auch einige Andere heimlich
 
 bei Seite, die ihnen im Wege standen. Oeffentlich aber hatten-sie den
 Antrag vorbereitet, daß außer denen, die am Kriegsdienste Theil nähmen, sonst
 Niemand mehr Sold erhalten^), und daß nicht mehr als fünftausend Bürger an der
 Verwaltung Theil haben sollten, und zwar die, welche im Stande wären, durch
 Besitz und Kriegsdienst dem Staate am meisten zu nützen. ^ ' - - ' , - .

Dieß war aber nur ein Deckmäntel gegenüber der Menge, da ja doch nur -eben
 diejenigen die Stadtregierung erhalten sollten; welche die Verfassung
 umzustürzen wünschten. Gleichwohl wurde das Volk, sowie auch der durch'S
 Bohnenloos erwählte Rath^), immer noch versammelt. Es kam jedoch nicht nur Nichts
 zur Berathung, außer was-den Verschwörern gefiel, sondern auch die
 auftretenden Redner'gehörten nur dieser Partei an, und^es war bereits vorher 
 abgekartet, was sie vorbringen sollten. Von den Andern aber widersprach bereits
 Niemand mehr, weil Jeder sich fürchtete; da ersah, wie groß die Macht der
 Verschworenen-sei. Wenn aber ja Einer zu widersprechen wagte, so wurde -er sofort
 auf geschickte Weise aus dem'Wege geräumt, und den Thätern wurde weder
 nachgespürt) noch auch fand Bestrafung Statt, wenn gegen Einen Verdacht
 vorlag; und das Volk verhielt sich so ruhig und war so eingeschüchtert, daß 
 man es schon für Gewinn hielt; nur an der eigenen Person keine Gewalt zu
 erleiden, wenn man 'auch-schweigen mußte. Da sie die Zahl der Verschworenen
 überdieß noch-für viel größer hielten; als sie wirklich war, so hätten sie um so
 mehr den Muth verloren.. Auch war man bei der Größe der Stadt und wegen
 gegenseitiger Unbekanntschast nicht im Stande, der Verschwörung genau auf den
 Grund zu kommen, und eben deßhalb war es auch unmöglich, seine Besorg­ 
 
 
 
 nisse, por einemAndern auszuschütten, um sich dann der Angriffe gemeinsam
 zu erwehren, denn entweder- wäre man.mit seiner Mitthei-lung" an-einen
 Unbekannten gerathen, oder, wenn auch an einen Bekannten, doch.vielleicht,-an
 einen Unzuverlässigen. - Denn Alle von d^Volksparjei! behandelten
 sich-gegenseitig mit dem größten Argwohn, als,.ob Jeder an dem betheiligt sein
 könne, was im Plan war. Und in der That gab es auch viele Leute darunter >
 von denen Niemand'je.vermuthet Hätte, daß-sie zur Oligarchie,übergehen°wnrden.
 Und gerade solche erregten cunter der Menge daS größte gegenseitige 
 Mißtrauen und.verhalsen den Oligarchen am meisten zu ihrer Sicherheit, indem
 sie. das gegenseitige Mißtrauen in der Volkspartei unüberwindlich machten. - !.
 X ' c

Während die Dinge nun so standen, kam Peisandros mit seinen/Genossen an und^
 legte sogleich Hand .-an das, was. noch, zu thun übriA^war.^ .'Zuerst
 versammelten sie das Volk und stellten den Antrag,? zehn
 Männer-mit-unumschränkter Vollmacht zum Entwurf einer neuen Verfassung zu
 wählen; diese sollten an einem bestimmten Tag-ihre Vorschläge vor das Volk
 bringen, auf welche Weise der Staat am besten verwaltet werden könne.. Danach,
 als der.angesagte.Tag gekommen war, beriefen, sie.die Volksversammlung.in den
 beschränkten Raum??) nach Kolonos —- welches ein Heiligthum des Poseidon
 ist, ^außerhalb der Stadt und etwa zehn.Stadien entfernt -77-7 und jene zehn
 Männer, wußten da vor allen Dingen vorzuschlagen) daß es jedem.Athener.erlaubt
 sein solle,-jeden beliebigen Antrag zu stellen, und für den Fall, daß
 Einer'einen Redner-wegen gesetzwidriger, Vorschläge anklagen, oder, ihn
 aus.irgend eine andere Art zu Schaden bringen sollte,-.sehten sie schwere
 Strafen-fest.:' Darauf wurde dann sogleich ganz unverblümt gesagt, daß keine
 Behörde nach der alten Verfassung mehr zu amtiren oder Gehalt zu beziehen habe,
 und daß fünf Männer als Vorsitzer zu wählen seien; die sollten wieder
 hundert Männer wählen, und von diesen Hundert Feder sich.drei Andere
 beigesellen. Diese, also zusammen vierhundert, sollten vom RathhauS.. Besitz
 ergreifen und mit unumschränkter Vollmacht, nach 
 
 bester, Einsichtregieren und die fünftausend versammeln,, wann eS 
 ihnen gut dünke.

Diesen /Antrag brachte.PeisandroS selbst^ein, und auch im Uebrigen zeigte.er
 sich ganz offen als d^en.eifrigßen Mitw Sturz der Demokratie..?-- Wer aher dies.
 gflnze.zSache .so eingefädelt und geleitet hatte, .«daß.sie soweit gedieh,,und.
 schon-seit.langer Zeit daraus hingearbeitet Hatte , das war Antiphon, ein, Mann,
 der unter den. Athenern,, seiner Zeit, an Tüchtigkeit Keinem nachstand, von-,der
 stärksten Einsicht und ausgezeichneter Beredtsamkeit.^Vor dem Volke 
 zwar.pflegte er nicht au/zutreten, noch auch ließ er.sich sonst freiwillig in
 Nechtshändel'tin, eber daSzBolk betrachtete ihn wegen des NufeS ft.iner,'
 RedeLMglt-.Mit- .Mißtraue^;. wer. aber;eine Rechtssache vor Gericht oder.vor
 -.der.VoDversamujlun^Kattedem könnte er besser als. irge.nd. Einer rath/n und
 nutzen. Auch hat^cr.für sich selbst, als später die Vierhundert durch eine
 Gegenrevolution gestürzt, und von der Volkspartei verfolgt, worden,, und er
 selber.beschuldigt wurde, ,zu deren Einsetzung mitgewirkt zu-haben,^in eben
 diesem. Prozeß^unter Allen bis auf-meine Zeit die.beste Verheidigungsrede, gegen
 eine^Anklage auf Hinrichtung gehalten^f). Aber auch Phrynichos zeigte sich 
 auf eine, vor. Allen hervorragende^eise^ sehr eifrig wirksam-für.die Oligarchie,
 aus Furcht-vor^Alkibiades nämlich ; und.weil er wußte, daß diesem bekannt sei,
 was er.von Samos aus mit Astyöchos^verhandelt,hatte,-und weil er glaubte, daß
 derselbe aller Wahrscheinlichkeit nach,unter einer oligarchischen Regierungsform
 nicht zurückkehren könne;.und nachdem^er einmal.dasür eingestanden war,
 zeigte.er,sich auch sonst-in diesem gefahrvollen Unternehmen äls.der
 Zuverlässigste. Auch.TherameneS, Sohn des Hagnou, swar,einer,der Ersten,/^welche
 am Sturz f der-Demokratie arbeiteten, ^» Mann, der^weder an Beredtsamkejt,
 noch an Einsicht, unbedeutend.war. »So.lst eS also erklärlich,, daß dieß
 Unternehmen trotz seiner Größe glücklichen.Erfolg hatte, da es von vielen und
 einsichtsvollen Männern in's Werk gesetzt wurde. Denn eS war eine, schwere Sache
 , dem^Volke der Athener seine Freiheit zu-,nehmen, da es.dieselbe seit.
 Vertreibung der Tyrann nen schon nah? an. hundert.-Jahre besaß und nicht nur.
 Nichts von 
 
 
 Gehorchen wußte, sondern sogar'über'die'Hälfte jener Zeit selbst über 
 Andere zu herrschen gewohnt war. ^ > >i

Als nun in der Volksversammlung sich kein Wideispruch erhob,' vielmehr die
 Anträge durchgingen und die Versammlung sich danach auslöste, so" führte man
 sofort die Vierhundert auf folgende Weise in das Rathhaus ein. Ein Theil der
 Athener war beständig als Besatzung auf den Mauern und ein anderer 'unter den
 Waffen in Ordnung ausgestellt, der Feinde-in Dekeleia wegen. ^ An jenem 
 Tage nun ließ man diejenigen, welche'um den Plan Nichts wußten, wie gewöhnlich
 ausziehen,' den Mitverschworenen aber würde-angesagt, sich ohne alles Aufsehen
 nicht auf den Waffenplätzen selbst, sondern'in einiger Entfernung davon'
 aufzustellen" und abzuwarten, ob sich Widerstand gegen das Unternommene zeige/
 in diesem Fallt aber die Waffen zu ergreifen und Gewalt mit G^wält abzuwehren?
 Es waren aber auch dreihundert Mann von Ändros , Te'oS ulid Kärystos und
 Einige von den Aeginetischen Pflanzbürgern, welche die Athener dorthin verseht
 hatten, zu'eben diesem Zwecke'bewaffnet ge-' kommen; denen gleichfalls jener
 Beseht gegeben wurde.' Als diese nun auf die angegebene Weise aufgestellt waren,
 kämen die Vierhundert,'Heder mit einem versteckten Dolche, und mit ihnen die
 hundert und zwanzig Jünglinge^), deren sie sich bedienten, wenn es 
 irgendwo der Gewalt bedurfte, traten in das Räthhäüs,'wo die durch daS 
 Bohn'enlöos gewählten Rathsherren wären, und sagten ihnen, sie sollten ihren
 Gehalt'nehmen und fortgehen. Sie hatten ihnen nämlich ihren ganzen Sold auch für
 die noch übrige Zeit mitgebracht und gaben ihnen denselben beim'Hinausgehen auf
 die Hand. ^ " '

Da nun so der Rath ohne Einspruch zu erheben sich da; vondrückte und auch die
 andern Bürger sich'nicht rührten, sondern gaNz ruhig verhielten, so loosten die
 Vierhundert, nachdem sie'daS Nathhaus in Besitz genommen, aus ihrer Mitte die
 Prytanen auS 
 
 
 und traten, nach Verrichtung der üblichen Gebete und Opfer an die 
 Götter, ihr Amt an. Später aber änderten sie Vieles in den unter der
 Demokratie geübten Verwaltungs- und Regierungsmaßregeln, nur die Verbannten
 riefen sie, des Alkibiades wegen, nicht zurück. Sonst aber verwalteten sie den
 Staat in gewalthaberischem Sinne. Einige, von denen es zweckmäßig schien, daß
 sie aus dem Wege geräumt würden, ließen sie hinrichten, Andere warfen sie in'S
 Gefängniß und Etliche wußten sie zu entfernen. Zu Agis, dem König der 
 Lakedämonier, der in Dekeleia stand, schickten sie den Herold und ließen ihm
 sagen, daß sie sich vergleichen wollten, und es sei billig zu erwarten, daß er
 mit ihnen eher einen Vertrag schließe, als mit der jetzt gestürzten
 unzuverlässigen Volksregierung.

Agis aber dachte, das Volk werde die alte Freiheit nicht so leichten Kaufs
 preisgeben und wenigstens, wenn eS ein großes feindliches Heer vor sich sähe,
 einen Aufstand erregen, und selbst für den Augenblick wollte er nicht daran
 glauben, daß es so ohne alle Unruhen hergehe. Deßhalb gab er den Abgesandten der
 Vierhundert auch keine versöhnliche Antwort, sondern ließ bald danach eine 
 bedeutende, Verstärkungsmacht aus dem Peloponnes kommen und rückte mit dieser
 und seiner eigenen Besatzung von Dekeleia bis dicht vor die Mauern der Athener,
 in der Hoffnung, daß sie bei ihren inneren Unruhen sich entweder seinem Begehren
 um so leichter fügen würden, oder daß die Stadt vielleicht sogar beim ersten
 Anlauf genommen werden könne, wegen der, wie zu erwarten stand, von Innen und
 Außen zugleich erregten Verwirrung. Die langen Mauern zu nehmen, könne
 ihm, so meinte er, weil sie unbesetzt seien, gar nicht fehlen. Als er aber nahe
 genug herangekommen war, und die Athener an ihren inneren Zustand auch nicht im
 Mindesten rührten oder rüttelten. vielmehr ihre Reiterei gegen ihn ausschickten,
 die ihm von seinen Schwerbewaffneten und Leichten und Bogenschützen, die sich zu
 nahe heranwagten, viele Leute niederwarfen und auch einige Rüstungen und
 Todte abnahmen, so besann er sich eines Bessern und führte fein Heer wieder
 zurück. Er selbst mit seinen eigenen Leuten blieb im Lande in Dekeleia stehen,
 die Neuangekommenen aber schickte er wieder nach Hause zurück, nachdem sie
 wenige Tage im Lande verweilt hatten. Danach unterließen eS aber die Vierhundert
 nicht, 
 
 
 
 weitere Botschaften an den Agis.zu senden, und jener lieh ihnen jetzt 
 schon ein geneigteres Ohr. und auf seine Aufforderung schickten sie auch
 Gesandte nach Lakedämon wegen eines Vertrags; denn sie wollten Frieden haben. ^
 ^

Auch nach Samos sandten sie zehn Männer ab, welche das dortige Heer
 beschwichtigen und belehren sollten, daß die Oligarchie keineswegs zu Schaden
 und Gefahr für die Stadt und die Bürger eingeführt worden sei, sondern zur
 Rettung des Ganzen, und daß ja fünftausend, nicht bloß vierhundert die Regierung
 in Händen hätten, während doch sonst niemals in Athen, der Feldzüge und 
 auswärtigen Geschäfte wegen, zu keinem so wichtigen Geschäfte, fünftausend
 Bürger zur Berathung zusammengekommen wären 2"). Dieß und anderes Sachgemäße
 trugen sie ihnen auf zu sagen und schickten sie damit sogleich nach ihrem
 Regierungsantritt ab, weil sie ^fürchteten, das Schiffsvolk möchte sich eine
 oligarchische Verfassung nicht gefallen lassen wollen und von dort aus beginnen,
 ihren Sturz herbeizuführen,- was denn auch wirklich eintrat. " '

Es wurde nämlich bereits damals schon auf.Samös am Sturz der Oligarchie
 gearbeitet, und ungefähr um eben die Zeit,'als die Vierhundert zusammentraten,
 geschah daselbst Folgendes. Diejenigen Samier, welche früher^) als Anhänger
 der'Demokratie gegen ihre oligarchischen Machthaber aufgestanden waren, drehten
 sich jetzt herum und schlossen, von Peisandros, als er damals gekommen 
 war, > und von den Athenischen Verschwornen auf Samos überredet, einen
 gefchwornen Bund von etwa dreihundert Männern, um auf die Uebrigen, als
 Demokraten, > loszugehen. Auch ließen sie einen gewissen Hyperbolos aus Athen
 hinrichten, einen schlechten Menschen, der nicht etwa aus Furcht vor seiner
 Macht oder seinem Ansehen; sondern wegen seiner Schlechtigkeit, weil er der
 Stadt Schande, machte, durch das Scherbengericht verbannt worden war; und zwar
 thaten sie dieß dem Charminos, einem det Feldherrn, und einigen andern
 Athenern, die bei ihnen waren, zu Gefallen, um ihnen dadurch ein Pfand zu geben,
 und so halfen sie ihnen auch manches An­ 
 
 
 dere der Art durchführen; der Demokratie aber schickten sie sich an
 
 zu Leibe zu gehen. Die von der Volkspartei aber merkten es und zeigten das
 Vorhaben dem Leon und dem Diomedon an, welche unter den Feldherrn der Oligarchie
 sich nur unwillig fügten, weil sie bei der Volkspartei in Ansehen standen, und
 zugleich auch dem Thrasybulos, der einen Dreiruderer führte, und dem Thrasyllos,
 der als Schwerbewaffneter mitdiente, und noch einigen Andern, welche den 
 Verschwornen am meisten abgeneigt schienen. Sie sagten, man solle nicht ruhig
 zusehen, während sie zu Grunde gerichtet und Samos den Athenern entfremdet
 würde, durch welches allein ihre Macht sich bis dahin gehalten hätte. Jene aber
 gaben ihnen Gehör und nahmen die Soldaten einzeln bei Seite und forderten sie
 aus, nicht ruhig zuzusehen; vor Allen aber die Paralier, lauter Athener und
 freie Männer ^2), die von jeher der Oligarchie, auch wenn sie nicht grade 
 herrschend war, Feindschaft geschworen hatten; und Leon und Diomedon ließen
 ihnen jedesmal, wenn sie wohin fuhren, einige Schiffe zur Bewachung zurück. Als
 nun die Dreihundert ihren Schlag führen wollten, eilten jene Alle zu Hilfe,
 besonders aber die Paralier, und so blieb die Volkspartei Meister. Etwa dreißig
 von den Dreihundert tödteten sie dabei, die drei Haupträdelsführer bestraften
 sie mit Verbannung, die Andern aber ließen sie, ohne des Geschehenen 
 weiter zu gedenken, ruhig unter sich leben und behielten ihre demokratische
 Verfassung.

Das Schiff Par'aloS mit dem Chaireas, des Archestratos Sohn, einem Athener, der
 zum Sturz der Oligarchen eifrig mitgewirkt hatte, schickten nun die Samier und
 die Athenischen Soldaten sofort nach Athen, um das Geschehene zu melden; denn
 sie wußten ' noch nicht, daß die Vierhundert sich der Regierung bemächtigt
 hatten. Als sie zu Athen ankamen, ließen die Vierhundert sogleich zwei oder
 drei der Paralier in Ketten legen, die Uebrigen nahmen sie von ihrem 
 Schiffe weg und versetzten sie auf ein anderes Soldatenlastschiff welches sie in
 den Euböischen Gewässern stationirten. ChaireaS aber, 
 
 
 
 
 als er sah, wie die Dinge standen, wußte sich auf irgend eine Weise 
 durchzuschleichen, kam nach Samos zurück und berichtete dem Heere, waS zu Athen
 geschehen war, indem er Alles mit grellen Farben in'S Schlimmere ausmalte: wie
 die Machthaber Alle mit Schlagen bestraften und Niemand ihnen widersprechen
 dürfe, daß ihre eigenen Weiber und Kinder mißhandelt würden, und daß jene
 Willens seien, die Angehörigen aller Soldaten des HeereS aus Samos, die nicht
 ihrer Partei angehörten, zu ergreifen und einzusperren, um sie 
 hinzurichten, wenn sie selbst sich nicht unterwerfen würden. Dergleichen 
 erzählte er und noch vieles Andere, was er dazu log.

Als sie dieß hörten, wollten sie zuerst gegen die Haupträdelsführer der
 Oligarchie losschlagen und gegen die, welche an den andern Vorfällen Schuld
 waren, dann aber ließen sie sich durch die, welche keiner von beiden Parteien
 angehörten, zurückhalten und belehren, daß man nicht Alles auf's Spiel setzen
 dürfe, während die Schiffe der Feinde kampfbereit in der Nähe lauerten, und so
 beruhigten sie sich. Darauf ließen ThrasybuloS, des Lykos Sohn, und 
 Thrasyllos, — denn diese hatten sich bei der Entscheidung am meisten betheiligt,
 — in der Absicht, die Verfassung von Samos auf das Entschiedenste nach den
 Grundsätzen der Demokratie einzurichten, alle Soldaten die heiligsten Eide
 schwören, und auch die, welche am meisten oligarchisch gesinnt waren, daß sie
 gewiß und wahrhaftig die Demokratie aufrecht erhalten und einträchtig bleiben
 wollten und den Krieg gegen die Peloponnesier mit allem Eifer fortführen, den
 Vierhunderten aber Feind sein und auch keinen Verkehr durch den Herold mit
 ihnen haben. Denselben Eid schwuren auch sämmtliche Samier mit, die das gehörige
 Alter hatten, und so schloß also das Heer mit den Samiern eine Gemeinschaft
 aller Dinge und des ErfolgS aller Kämpfe und Gefahren, im Glauben, daß weder
 diese, noch sie selbst eine rettende Zuflucht hätten, sondern untergehen müßten,
 ob nun die Vierhundert siegten oder die Feinde bei Milet. -

So widerstrebten sich also um diese Zeit beide Parteien um die Wette, die
 Einen, um ihre Vaterstadt zur Demokratie zu zwingen, die Andern, um das Heer zur
 Unterwerfung unter die Oligarchie zu nöthigen. Die Soldaten hielten nun auch
 sofort eine ^Versammlung ab, in welcher sie die früheren Feldherrn und die ihnen 
 verdächtigen Schiffsführer absetzten und andere Feldherrn und Schiffs-
 
 führer an ihrer Statt wählten, und unter diesen auch ThrasybuloS und
 Thrasyllos. Auch traten Einige unter ihnen auf und ermuthigten das Heer in
 anderer Weise, und daß man den Muth nicht verlieren dürfe, wenn auch die Stadt
 der Demokratie untreu geworden sei. Die Abgefallenen seien ja nur die
 Minderzahl, sie selbst aber bildeten die Mehrzahl und hätten zu Allem die
 größeren Hülfsmittel in Händen. Denn da sie ja die ganze Flotte hätten, so
 könnten sie die andern Städte eben so gut zum Entrichten der Steuern zwingen,
 als wenn sie aus dem Hafen von Athen ausliefen; die Stadt Samos, die
 keineswegs schwach sei, sondern damals im Kriege die Athenische Seeherrschaft um
 ein Geringes an sich gerissen hätte, stehe ihnen ja zur Verfügung, und ihrer
 Feinde hätten sie sich aus derselben Stellung zu erwehren, wie auch früher. Auch
 seien sie im Besitz der Flotte besser im Stande, sich alles Nöthige zu
 verschaffen, als die zu Hause in der Stadt. Und nur, weil sie selbst durch ihre
 Aufstellung bei Samos die in der Heimat deckten, hätten sich dieselben bis
 jetzt die Einfahrt in den Piräens frei halten können ^), und wenn sie ihnen
 jetzt nicht die demokratische Verfassung wieder- geben wollten, so stehe die
 Sache so, daß sie selbst viel leichter jene von der See abschneiden, als von
 ihnen abgeschnitten werden könnten. Was die Stadt ihnen bis jetzt an Mitteln zur
 Ueberwindung der Feinde geleistet habe, sei unbedeutend und nicht der Rede
 werth, und sie hätten also Nichts verloren, da man ihnen weder Geld schicken
 könne, welches sie vielmehr sich selbst verschaffen müßten, noch auch 
 einen guten Anschlag geben, wodurch sonst eine Stadt vor Armeen im Vortheil sei.
 Aber auch in dieser Hinsicht hätten jene durch Umsturz der väterlichen Gesetze
 jetzt gefehlt, sie selbst aber hielten diese aufrecht und wollten nun versuchen,
 auch jene wieder zu denselben zurückzuzwingen, so daß also aus ihrer Seite auch
 die besseren Rathgeber seien. Auch werde ihnen Alkibiades, wenn sie ihm
 Sicherheit und freie Rückkehr gestatteten, gern die Bundesgenossenschaft des
 Königs verschaffen. Das Allerwichtigste aber, selbst wenn alles Andere
 fehlschlüge, sei, daß sie, im Besitze einer so großen Flotte, 
 
 
 viele Zufluchtsorte hätten, wo sie Städte und Land finden würden.

Dergleichen wurde in der Versammlung zur gegenseitigen Ermuthigung vorgetragen,
 und die Rüstungen zum Kriege betrieben sie mit ungeschwächtem Eifer fort. Die
 Abgesandten der Vierhundert nach Samos aber, jene zehn Männer nämlich, als sie
 diese Vorfälle schon in Delos erfuhren, blieben daselbst ruhig zurück.

Um dieselbe Zeit aber beklagten sich die Soldaten aus der Flotte der
 Peloponnesier vor Milet laut unter sich, daß durch des Astyochos und des
 Tissaphernes Schuld es mit ihnen immer schlechter werde, indem jener weder
 früher eine Seeschlacht habe wagen wollen, als sie selbst noch stärker und die
 Flotte der Athener noch klein war, noch auch jetzt, wo dieselbe, wie man sage,
 unter sich uneinS und auch ihre Schiffe noch nicht an Einem Orte vereint seien;
 statt dessen sitze man ruhig da und warte auf die Phönikischen Schiffe des This^
 saphernes, die ja nur dem Namen nach, aber nicht in der That vorhanden
 wären, und so sei Gefahr da, daß sie sich selber aufrieben. TissapherneS
 hinwiederum lasse jene Schiffe nicht kommen und beeinträchtige ihre Flotte,
 indem er den Sold weder ohne Unterbrechung, noch auch voll auszahle. Man dürfe
 jetzt nicht länger mehr zaudern, sagten sie, sondern müsse eine Seeschlacht
 liefern. Am allermeisten aber drängen die Syrakusaner darauf.

Da nun die Bundesgenossen und Astyochos das Gerede vernahmen und danach in
 einer Versammlung beschlossen hatten, eine entscheidende Seeschlacht zu liefern,
 weil ihnen nämlich auch die unruhigen Zustände auf Samos gemeldet worden waren,
 so gingen sie mit allen Schiffen unter Segel, zusammen einhundert und zwölf,
 befahlen den Milesiern, zu Lande an der Küste hin nach Mykale zu 
 marschiren, und fuhren auch selbst gegen diese Stadt. Als aber die Athener von
 Samos, welche mit zweiundachtzig Schiffen bei Glauke in der Gegend von Mykale
 vor Anker lagen — hier, gegen Mykale hin, ist nämlich die Insel Samos vom
 Festland nur wenig entfernt — die Flotte der Peloponnesier ansegeln sahen, zogen
 sie sich nach Samos zurück, da sie sich nicht für stark genug halten, um es
 gegenüber einer so großen Zahl auf eine Alles entscheidende Schlacht ankommen zu
 lassen. Auch wollten sie den Strombichides abwarten, der vom 
 Hellespont her-mit den von Chios nach Abydos gegangenen Schiffen 
 ihnen zu Hilfe kommen sollte, — sie hatten nämlich bereits aus Milet her
 erfahren, daß jene die Absicht hätten, eine Seeschlacht zu liefern, und eS war
 deßhalb ein Bote an den Strombichides abgefertigt worden. Sie also zogen sich
 nach Samos zurück, die Peloponnesier aber steuerten wieder nach Mykale und
 bezogen daselbst ein Lager, und so auch das Landheer der Milesier und ihrer
 Nachbarn. Als sie am folgenden Tag im Begriff waren, Samos anzugreifen,
 erhielten sie die Meldung, daß Strombichides mit den Schiffen vom Hellespont
 bereits angekommen sei, und fuhren deßhalb sogleich wieder nach Milet
 zurück. - Nun aber steuerten dle Athener, durch jene Fahrzeuge verstärkt, mit
 hundert und acht Schiffen auf Milet loS, um eine Seeschlacht zu liefern; da
 ihnen aber Niemand entgegenfuhr, so gingen sie wieder nach Samos zurück.

' In demselben Sommer, sogleich nach diesen Ereignissen^ entschlossen sich die
 Peloponnesier, — da sie sich der vereinigten Schiffsmacht der Feinde nicht
 gewachsen fühlten, auch nicht gegen dieselbe ausgelaufen waren, um die
 angebotene Schlacht anzunehmen, und sich nun in Verlegenheit fanden, woher für
 so viele Schiffe das Geld« nehmen, zumal auch Tissaphernes den Sold nur
 ungenügend auszahlte, — den Klearchos, des RhamphiaS Sohn, mit vierzig 
 Schiffen an den PharnabazoS zu senden, wie ihnen auch von vornherein vom
 Peloponnes befohlen war. PharnabazoS nämlich hatte sie aufgefordert zu kommen
 und war bereit, ihnen Sold zu zahlen; und zugleich hatte auch Byzanz durch
 Gesandte erklärt, daß es bereit sei, von Athen abzufallen. Diese vierzig
 peloponnesischen Schiffe steuerten nun, um auf ihrer Fahrt von den Athenern
 nicht bemerkt zu werden, auf die hohe See hinaus und wurden hier vom Sturm 
 überfallen, der die meisten derselben mit Klearchos nach der Insel Delos trieb,
 von wo sie später wieder nach Milet zurückkehrten — Klearchos reiste dann zu
 Lande- nach dem Hellespont und übernahm daselbst den Oberbefehl — während die
 zehn übrigen unter Helixos, dem Feldherrn der Megarenser, glücklich nach dem
 Hellespont kamen und den Abfall von Byzanz bewirkten. Als die Athener auf Samos
 hievon Kenntniß erhielten, schickten sie eine Anzahl Schiffe zur Abwehr
 und Beobachtung nach dem Hellespont, und es-fand auch 
 
 vor Byzanz ein unbedeutendes Seetreffen Statt, acht Schiffe gegen
 acht.

Die Vorsteher auf Samos aber und vor Allen Thrasybulos hielten seit dem
 bewirkten Umschwung der Dinge immer-noch dafür, daß man den Alkibiades
 zurückrufen solle, und zuletzt gewann denn auch ThrasybuloS in einer Versammlung
 die große Masse der Soldaten durch seine Ueberredung, und als diese den Beschluß
 gefaßt hatten, Alkibiades könne sicher zurückkehren, so fuhr er selbst zu 
 Tissaphernes und brachte den Alkibiades nach Samos herüber; denn er hielt eS für
 den einzigen Weg zur Rettung, wenn dieser den TissapherneS von den
 Peloponnesiern auf ihre Seite herüberziehe.. Als nun eine Versammlung abgehalten
 wurde, machte ihnen Alkibiades Vorwürfe wegen seiner Verbannung und bejammerte
 dieß Unglück, sprach viel über die politischen Verhältnisse, erregte bei ihnen
 nicht geringe Hoffnungen für die Zukunft und stellte prahlerisch übertrieben
 seinen Einfluß auf den Tissaphernes dar. damit die oligarchischen 
 Machthaber zu Hause sich vor ihm fürchten nnd die Ve " vörungen auslösen
 möchten, und die auf Samos ihn mehr in Ehren hielten und auch für sich selbst
 mehr Muth faßten, die Peloponnefier aber mit dem Tissaphernes möglichst
 verfeindet und so um ihre Hoffnungen betrogen würden. Mit der größten Prahlerei
 gab nun Alkibiades die Versicherung, Tissaphernes habe sich gegen ihn
 verpflichtet: so lange er nur selbst noch etwas besitze, und wenn er nur erst
 Vertrauen zu den Athenern fassen könne, sollte es ihnen ganz gewiß an Nichts
 fehlen, und wenn er zuletzt sein Bettzeug versilbern müsse; und die 
 Schiffe der Phöniker, die schon vor Aspendos stünden, werde er den Athenern und
 nicht den Peloponnesiern zuführen. Vertrauen dürfe er aber den Athenern erst
 dann, wenn Alkibiades zurückgerufen würde und ihm Bürgschaft leisten könne.

Jene, nachdem sie dieß und vieles Andere angehört hatten, wählten ihn sogleich
 zum Feldherrn zu den schon vorhandenen und übertrugen ihm die oberste Leitung
 des Ganzen. In diesem Augenblick würde wohl Keiner von ihnen seine Hoffnung auf
 Rettung und Rache an den Vierhundert um irgend etwas in der Welt verkauft 
 haben, und sie gingen für den Augenblick schon so weit, die nahen Feinde in
 Folge jener Reden zu verachten, und wollten gegen den 
 PiräeuS. schiffen. Alkibiades aber setzte sich mit aller Kraft dawider,
 
 daß man an einen Angriff auf den Piräeus denke und die näheren Feinde sich
 im Rücken lasse, obgleich Viele darauf drangen. Zuerst, sagte er, lägen ihm die
 Erfordernisse des Krieges ob, da man ihn einmal zum Feldherrn erwählt habe, und
 deßhalb müsse er zu TissapherneS fahren, um mit diesem hierüber zu unterhandeln.
 Auch reiste er unmittelbar nach dieser Versammlung ab, damit es den Anschein
 gewinne, als ob er Alles in Gemeinschaft mit jenem betreibe, und zugleich
 auch, um demselben mehr Achtung vor seiner Persönlichkeit einzuflößen und ihm zu
 zeigen, daß er bereits zum Feldherrn gewählt sei und die Mittel besitze, ihm zu
 nützen und zu schaden. So hatte es also Alkibiades einzurichten gewußt, daß er
 die Athener mit dem Tissaphernes, und den Tissaphernes mit den Athenern
 schrecken konnte.

Als nun aber die Peloponnesier bei Milet die Zurückberufung des Alkibiades
 erfuhren, so mußten sie jetzt, wenn sie dem TissapherneS schon früher.mißtraut
 hatten, mit demselben jetzt noch viel mehr zerfallen. Dazu war noch gekommen,
 daß seit dem Erscheinen der Athener vor Milet, damals, als sie selbst nicht
 gegen sie auSlaufen wollten, um die Seeschlacht anzunehmen, Tissaphernes im
 Auszahlen des SoldeS sich noch viel unzuverlässiger zeigte und ihnen 
 demnach schon vor diesem Ereigniß mit Alkibiades noch mehr Grund zum Haß gegeben
 hatte. Die Soldaten traten, wie auch früher schon, unter sich zusammen, und
 sonst Einige der angesehenen Personen, und beschwerten sich, daß man ihnen
 niemals den Sold voll ausgezahlt habe, daß das, was sie an Geld erhielten,
 unzureichend sei und trotzdem nicht einmal ohne Unterbrechung bezahlt werde.
 Wenn man nicht entweder eine Seeschlacht liefere oder anderswohin gehe,
 von wo man sich verproviantiren könne, so würde die Mannschaft von ihren
 Schiffen davonlaufen; und an dem Allem sei Astvochos Schuld, der aus
 persönlichem Eigennutz um die Gunst des TissapherneS buhle.

Während nun dergleichen Reden durch das Heer gingen, ereignete sich auch mit
 AstyochoS noch folgender Lärm. Die Syrakusanische und Thurische
 Schiffsmannschaft bestand zum allergrößten Theil aus lauter freien Männern, und
 um so kecker gingen sie ihm zu Leibe und verlangten ihren Sold von ihm. Er aber
 geberdete sich 
 
 in seiner Antwort herrisch, stieß Drohungen gegen sie auS, und gegen den
 DorieuS, der seinen Leuten das Wort redete, hob er sogar den Stock, auf. Als
 aber der große Haufe der Soldaten dieß sah, so drangen sie, wie schon Seeleute
 eS zu machen pflegen, mit Geschrei auf den AstyochoS ein und schlugen nach ihm;
 er aber war auf der Hut. und flüchtete sich zu einem Altar. Verwundet wurde er
 jedoch nicht, sondern beide Theile wurden auseinander gebracht. 
 Auch nahmen die Milesier die Zwingburg weg, welche TissapherneS in ihrer Stadt
 erbaut hatte, indem sie dieselbe unversehens überfielen. Die Besatzung derselben
 trieben sie auS. Den übrigen Bundesgenossen gefiel dieß, und vor Allen auch den
 Syrakusanern; LichaS aber wollte eS nicht gutheißen, sondern erklärte, die
 Milesier und die Andern in des Königs Land müßten in Allem, was billig sei,
 dem Tissaphernes dienen und ihm bis zu glücklicher Beendigung des Krieges
 behülslich sein. Die Milesier aber wurden sowohl deßwegen, als auch auS andern
 ähnlichen Ursachen gegen ihn erbittert, und als er später an einer Krankheit
 starb, ließen sie nicht zu, daß er da begraben wurde, wo die anwesenden
 Lakedämonier eS haben wollten..

Während nun ihre Angelegenheiten wegen des Zerwürfnisses mit dem Astyochos wie
 mit dem Tissaphernes also standen, kam von Lakedämon Mindaros als Nachfolger des
 Astyochos im Flottenkommando an und übernahm den Oberbefehl; AstyochoS aber
 schiffte sich.nach Hause ein. Mit ihm schickte Tissaphernes einen der 
 Seinigen, den Karer GauliteS, der beide Sprachen redete, als Gesandten ab.
 Dieser sollte nämlich die Milesier deS Kastells wegen verklagen und zugleich ihn
 selbst vertheidigen, denn er wußte, daß auch die Milesier, um ihn zu verklagen,
 eine Gesandtschaft dorthin schickten, und mit dieser besonders den HermokrateS,
 welcher den wahren Sachverhalt darstellen sollte, wie nämlich Tissaphernes im
 Bunde mit AlkibiadeS die Macht der Peloponnesier zn Grunde richte und auf beiden
 Achseln trage. Diesem Manne war nämlich Tissaphernes von vorn herein Feind
 geworden wegen der Art und Weise der Soldzahlung, und als schließlich
 HermokrateS auch aus Syrakus verbannt wurde, und andere Feldherrn für die
 Syrakusischen Schiffe nach Milet kamen, PotamiS nämlich und Myskon und
 DemavchoS, so verfolgte Tissaphernes den HermokrateS als Verbannten erst recht,
 und brachte 
 allerlei Beschuldigungen gegen ihn auf, und unter andern auch, der-
 
 selbe habe einmal Geld von ihm verlangt, und weil er eS nicht bekommen, so
 habe er einen Haß auf ihn geworfen. Astyochos also und die Milesier mit
 HermokrateS gingen nach Lakedämon ab, AlkibiadeS aber war unterdessen vom
 Tissaphernes wieder nach Samos zurückgekommen.

Während der Anwesenheit des Alkibiades kamen auch von Delos her die Abgesandten
 der Vierhundert, welche sie damals abgeschickt hatten, um die in Samos zu
 beruhigen und eines Bessern zu belehren, und versuchten in einer Versammlung,
 sich Gehör zu verschaffen. Die Soldaten aber wollten sie Anfangs nicht anhören,
 sondern schrieen, man solle die todten, welche die Volksregierung gestürzt
 hätten, und nur mit Mühe gaben sie sich endlich zur Ruhe und hörten sie an.
 Diese berichteten nun, daß der Verfassun'gSwechsel keineswegs zum Verderben des
 Staates, sondern zu dessen Rettung vorgenommen worden sei, und nicht um den
 Staat an die Feinde zu verrathen, — denn das hätten sie ja bereits thun können,
 da jener feindliche Angriff schon während ihrer neuen Regierung stattgefunden
 habe — und in die Zahl der Fünftausend würden der Reihe nach Alle
 aufgenommen werden; auch würden ihre eigenen Angehörigen keineswegs mißhandelt,
 wie ChaireaS böswillig berichtet hätte, vielmehr nicht im Geringsten belästigt,
 sondern Jeder wohne ruhig in seinem Besitzthum an Ort und Stelle. Dieß und noch
 vieles Andere brachten sie vor, aber man wollte trotz Allem nicht darauf hören;
 es zeigte sich die alte Erbitterung, und während der Eine dieß, der Andere
 jenes vorschlug, waren die Meisten darin Eins,-daß man gegen den Piräeus segeln
 solle. Hier nun erschien Alkibiades als der, welcher zuerst und nicht weniger
 als irgend ein Anderer als Ret-« ter des Staates auftrat; denn während die
 Athener auf Samos die Absicht hatten, zum Kampf gegen ihr eigenes
 Vaterland''auszuführen, in welchem Falle die Feinde ohne allen Zweifel sofort
 Jonien und den HelleSpont in Besitz genommen hätten, war er derjenige, welcher
 dieß verhinderte. Und in jenem Augenblicke wäre wohl auch kein Anderer
 fähig gewesen, die Masse zurückzuhalten; er aber hielt sie von der Abfahrt
 zurück und schreckte auch die Einzelnen, die sich in ihrem Zorn an den Gesandten
 vergreifen wollten, durch Scheltworte 
 
 davon ab. Er selbst entließ die Gesandten mit der Antwort, daß er Nichts
 dagegen habe, wenn die Fünftausend die Regierung führten, aber die Vierhundert
 müßten sie beseitigen und den alten Rath wieder einsetzen, den der Fünfhundert
 nämlich. Wenn übrigens durch sie Ersparungen erzielt worden wären, so daß die
 Soldaten im Feld ihre Verpflegung um so leichter erhielten, so lobe er das sehr.
 Uebrigens sollten sie tapfer Stand halten und den Feinden in Nichts 
 nachgeben. Denn wenn die Stadt sich nur aufrecht erhalte, so sei schon große
 Hoffnung vorhanden, daß mit ihnen selbst eine Aussöhnung stattfinden werde; wenn
 aber einer von beiden Theilen unterliege, sei es nun der auf Samos oder jene zu
 HauS, so sei nicht einmal Einer mehr da, mit dem man sich aussöhnen könne. 
 ES erschienen aber auch Gesandte der Argiver, welche der Volkspartei der
 Athener auf Samos ihrerseits Hülfe ankündigten. Alkibiades lobte sie deßhalb,
 sagte ihnen, sie sollten erscheinen, wenn man sie rufe, und entließ sie damit.
 Die Argiver waren aber mit den Paraliern gekommern, welche damals von den
 Vierhundert aus ein Soldatenlastschiff versetzt und beauftragt worden waren, um
 Euböa zu kreuzen, und als sie dann die Abgesandten der Vierhundert nach
 Lakedämon, den LaiSpodias und Aristophon und Melesias, zu führen hatten, und
 eben auf Argos lossteuerten, ergriffen sie diese Gesandten und lieferten sie den
 Argivern aus als solche, die am Umsturz der Volksregierung vorzüglich
 mitschuldig seien; sie selbst aber kehrten nicht mehr nach Athen zurück, sondern
 kamen jetzt mit ihrem Dreiruderer nach Samos und brachten die Gesandten von
 Argos mit.

Um eben dieselbe Zeit in jenem Sommer, als die Peloponnesier sowohl aus den
 andern Gründen, als auch wegen der Rückkehr des Alkibiades aus den Tissaphernes
 sehr erzürnt waren, da er es bereits ganz offen mit den Athenern halte, so
 wollte dieser, wie eS wenigstens scheint, diese Anklagen zum Schweigen bringen
 und schickte sich an, zu den Phönikischen Schiffen nach Aspcndos zu gehen.
 Den Lichas erbat er sich als Begleiter. Dem Heere, sagte er, wolle er den TamoS
 beigeben, seinen Unterstatthalter, der ihnen während seiner eigenen Abwesenheit
 die Verpflegung liefern solle. ES wird nun über diese Sache nicht
 übereinstimmend berichtet, und 
 man kann auch nicht leicht wissen, welche Absicht er dabei hatte, daß
 
 er nach Aspendos ging und die Schiffe doch nicht mitbrachte. Denn daß
 hundert und siebenundvierzig Phönikische Schiffe wirklich bis nach Aspendos
 gekommen sind, daS ist gewiß; weßhalb sie aber nicht weiter gingen, darüber
 bestehen verschiedene Vermuthungen. Die Einen nämlich sagen, er habe durch seine
 Abwesenheit, wie denn dieß auch in seinem Plane lag, die Peloponnesier noch mehr
 schwächen wollen — und Tamos, dem die Sache aufgetragen war, lieferte dem 
 Heere die Verpflegung allerdings um Nichts besser, sondern noch nachlässiger; —
 Andere sagen, er habe die Phöniker bis nach Aspendos kommen lassen, um für ihre
 Entlassung von ihnen Geld zu erpressen — denn benützt würde er sie in keinem
 Falle haben; — Andere wieder, er habe eS nur der Anklagen wegen gethan, die über
 sein Benehmen nach Lakedämon gedrungen seien, damit man sagen müsse, daß
 er doch seine Sache thue und sich wirklich zu der in der That kriegsbereiten
 Flotte begebe. Mir dünkt es am allerwahrscheinlichsten, daß er, um die Hellenen
 aufzureiben und hinzuhalten, eS unterlassen hat, jene Flotte herbeizuführen;
 denn geschwächt wurden sie, während er dort abwesend war und zögerte, und
 dadurch, daß er keinen von beiden Theilen durch seinen Beitritt zum überlegenen
 machte, erreichte er, daß zwischen beiden ein Gleichgewicht der Macht 
 erhalten blieb; hätte er nämlich den Krieg zur Entscheidung führen wollen. so
 konnte gar kein Zweifel sein; denn wenn er die Schiffe den Lakedämoniern
 zuführte, so gab er ihnen damit unzweifelhaft den Sieg, da dieselben sogar unter
 den gegenwärtigen Umständen ihren Gegnern an SchiffSmacht eher gleichstanden,
 als nachstanden. Deutlich überführt ihn auch der Vorwand, mit welchem er das
 Nicht- mitbringen der Flotte zu entschuldigen suchte. Er sagte nämlich, die
 Schiffe seien in geringerer Zahl zusammengekommen, als der König eS
 befohlen hätte. In diesem Falle aber hätte er beim König eher noch Gunst
 erlangt, da er ihm Geld erspart und mit geringen Mitteln doch Dasselbe
 ausgerichtet hätte. Nach Aspendos indessen kam Tissaphernes wirklich, in welcher
 Absicht es auch immer geschah, und traf daselbst die Phöniker, und die
 Peloponnesier schickten auf seine Aufforderung den Philippos, einen
 Lakedämonier, jener Schiffe wegen mit zwei Dreiruderern mit.

Alkibiades aber, als er erfuhr,
 daß Tissaphernes nach AspendoS gehe, nahm dreizehn Schiffe und fuhr ebenfalls
 dahin, indem er denen auf Samos ganz sichere und große Vortheile verhieß —
 denn entweder werde er selbst die Phönikischen Schiffe den Athenern zuführen,
 oder doch verhindern, daß - sie zu den Peloponnesiern stießen — höchst
 wahrscheinlich wohl, weil er die Absicht des TissapherneS schon seit länger
 kannte, daß er die Schiffe nämlich in keinem Falle mitbringen werde, und weil er
 den Tissaphernes seiner Freundschaft zu ihm und den Athenern wegen mit den
 Peloponnesiern möglichst verfeinden wollte, damit er dadurch um so mehr
 genöthigt werde, sich ihnen anzuschließen. Er ging also in See und richtete
 seinen Lauf ostwärts gegen Phaselis und Kaunos.

Als nun die von Samos zurückkehrenden Abgesandten der Vierhundert den Bescheid
 des Alkibiades zu Athen meldeten, daß er sie ausfordere, den Krieg beharrlich
 fortzuführen und den Feinden in Nichts nachzugehen, und daß er große Hoffnung
 habe, das Heer mit ihnen auszusöhnen und die Peloponnesier zu besiegen, so wurde
 die Mehrzahl der an der Oligarchie Betheiligten, die schon seit einiger 
 Zeit sehr gern auf irgend eine Weise der Sache los und ledig geworden wären,
 wenn es nur mit ihrer Sicherheit anginge, in dieser ihrer Absicht noch viel mehr
 bestärkt. Schon hielten sie Zusammenkünfte und beklagten und tadelten die
 Verhältnisse, und an der Spitze standen dabei die Angesehensten unter den
 Feldherrn und höheren Beamten, wie TherameneS, Sohn des Hagnon, und
 AristokrateS, des SkelliaS Sohn, und Andere, welche mit an der Spitze der
 Geschäfte standen, jetzt aber, wie sie sagten, das Heer auf Samos fürchteten und
 den Alkibiades, und diejenigen unter den Oligarchen, welche Gesandte nach
 Lakedämon schickten: daß dieselben nämlich ohne Zuziehung der Mehrzahl etwas zum
 Unheil der Stadt unternehmen möchten, und zwar nicht in dem Sinne, daß die
 allzuschars ausgesprochene Oligarchie aufgegeben werden solle. Aber man müsse
 jetzt die Fünftausend nicht nur dem Namen nach, sondern auch in der That
 einführen und die Regierungsgewalten mehr nach dem Recht der Gleichheit 
 Aller vertheilen. Dieß war aber nur ein Deckmantel, den sie in > ihren
 Reden.brauchten, um die Bürger zu gewinnen; in der That aber gab sich die
 Mehrzahl unter ihnen aus persönlichem Ehrgeiz 
 solchen Bestrebungen hin, durch welche fast jede Oligarchie, die aus
 
 der Demokratie hervorgegangen ist, sich selbst zu Grunde richtet. Denn vom
 ersten Tag an will Keiner nicht nur nicht mehr den Andern gleich, sondern sogar
 vor allen Andern der Erste sein 5 bei Mahlen aber-, die nach.demokratischen
 Gesetzen stattfinden, erträgt Einer leichter das Ergebniß, da er ja von seines
 Gleichen nicht zurückgesetzt. werden kann. Am meisten beunruhigte sie aber
 offenbar die gesicherte Macht des Alkibiades auf Samos, und daß sie selbst 
 keinen Glauben an den Bestand der Oligarchie hatten, und deßhalb eben suchte
 Jeder dem Andern den Rang abzulaufen, um nur ja der erste Vorsteher einer
 demokratischen Regierung zu werden.- " '

Hingegen hatten diejenigen unter den Vierhundert', welche einer solchen
 Gestaltung der Verhältnisse am meisten feindselig waren und jetzt die oberste
 Leitung in Händen hatten, — PhrynichoS nämlich, welcher damals als Feldherr aus
 Samos sich mit dem Alkibiades zerworfen hatte, und AristarchoS, einer der
 entschiedensten und erbittertsten Gegner der Demokratie, und Peisandros und
 Antiphon und Andere der Vornehmsten, —, schon früher unmittelbar nach ihrem
 Regierungsantritt und als die auf Samos zur Demokratie übertraten,
 Abgesandte nach Lakedämon geschickt und eifrig eine Aussöhnung erstrebt und auch
 , das Kastell in der sogenannten Eetioneiä gebaut,'—und jetzt, da ihre Gesandten
 von Samos zurückgekehrt waren und sie auch den größten Theil ihrer für treu
 ergeben gehaltenen Anhänger, umschlagen, sahen, betrieben sie daS Alles
 noch.viel entschlossener. Den.Antiphon und PhrynichoS mit noch zehn Andern 
 schickten sie in ihrer Furcht vor den Zuständen in Athen.und auf Samos in aller
 Eile nach Sparta/und trugen ihnen auf, unter jeder nur irgendwie annehmbaren
 Bedingung mit den Lakedämoniern einen Vergleich abzuschließen, und betrieben
 unterdeß den Bau in der Eetiöneia noch viel eifriger. Ihre Absicht bei diesem
 Festungsbau war, wie Theramenes und seine Partei sagten, keineswegs die, im
 Stande zu sein, die von Samos, wenn sie einen gewaltsamen Angriff 
 versuchen sollten, am Einlaufen in den Piräeus verhindern zu können, sondern
 vielmehr die Feinde, wenn eS ihnen beliebte, mit Land- und Seemacht aufzunehmen.
 Die Eetioneia ist nämlich der Hafendamm des Piräeus, und unmittelbar bei
 demselben ist die Einfahrt. Der 
 
 Bau auf diesem Damm wurde nun mit der schon vorher auf dem Festlande
 gezogenen Mauer in der Art verbunden, daß man mit einer Besatzung von einer
 Handvoll Leuten die Einfahrt beherrschte. Denn bei dem einen der beiden Thürme
 an der engen Hafeneinfahrt endigte sich die alte Mauer nach dem Festland und
 zugleich auch die neue, innerhalb am Meer aufgebaute. Sie bauten daselbst auch
 ein gischlossenes Lagerhaus von sehr großem Umfang und unmittelbar bei 
 dieser Befestigung im Piräeus, dessen Verwaltung sie selbst vorstanden. Sie
 nöthigten nämlich Jeden, alles vorhandene oder zugeführte Getreide in dasselbe
 zu bringen und eS beim Verkauf wieder aus demselben zu entnehmen.

Daß sie solche Absichten verfolgten, hatte Theramenes schon seit längerer Zeit
 zu verbreiten gewußt, und als nun die Gesandten aus Lakedämon zurückkehrten,
 ohne etwas ausgerichtet zu haben, was für Alle annehmbar gewesen wäre, so
 behauptete er, diese Befestigung könne sogar den Untergang der Stadt
 herbeiführen. Um eben dieselbe Zeit nämlich lagen zweiundvierzig Schiffe, welche
 sich die Euböer vom PeloponneS erbeten hatten, und unter denen auch Italische
 aus Tarent und Lokri und einige Sicilianische waren, bereits bei Las in
 Lakonien vor Anker und rüsteten sich zur Fahrt nach Euböa. ES befehligte
 dieselben der Spartiate AgesandridraS, deS Agesandros Sohn. Theramenes
 behauptete nun, diese Schiffe sollten nicht sowohl denen auf Euböa, als vielmehr
 denen, welche die Eetioneia befestigten, zu Hülfe kommen, und eS sei die höchste
 Zeit, daß man sich vorsehe, sonst werde man sich plötzlich vom Verderben
 überrascht sehen. Und in der That war auch von Seiten derer, welche diese
 Beschuldigung traf, etwas der Art im Werk, und die Anklage war nicht blos leeres
 Gerede. Denn freilich hätten sie von vorn herein am liebsten als 
 Oligarchen auch über die Bundesgenossen geherrscht, und wenn schon das nicht,
 doch wenigstens im Besitz der Flotte und der Festungen nach eigenem Belieben
 regiert; war aber auch das nicht mehr möglich, so hätten sie, um nur nicht vor
 Andern die ersten Opfer der wiederhergestellten Demokratie zu werden, selbst
 auch die Feinde herbeigeführt und auch mit Preisgebung der Festungen und Flotte
 sich mit ihnen verglichen, um nur — auf welche Weise eS auch immer 
 sei — die Stadt in ihrer Macht zu behalten, wenn sie nur für ihre 
 eigene Person sicher blieben.

Aus diesen Gründen also bauten sie so eifrig an dieser Befestigung, welche auch
 kleine Pforten und Einlaßgänge für die Feinde hatte, und gedachten mit derselben
 noch rechtzeitig fertig zu werden. Anfangs nun ging jenes Gerede nur zwischen
 Wenigen hin und her und mehr im Geheimen; als aber Phrynichos, von der 
 Gesandtschaft nach Sparta zurückgekehrt, von einem Manne aus der Landwehr bei
 vollem Markte und nicht weit vom Rathhause, aus dem er eben wegging, nach einem
 verabredeten Plane verwundet wurde und augenblicklich den Geist aufgab, entkam
 zwar der Mörder selbst, aber sein Mithelfer, ein Argiver, wurde ergriffen und
 auf Befehl der Vierhundert auf die Folter gelegt. Er gab jedoch weder den 
 Namen eines Anstifters, noch sonst etwas an, sondern behauptete nur zu wissen,
 daß in der Wohnung des Anführers der Landwehr und in andern Häusern viele Leute
 Versammlungen zu halten pflegten. 
 Als nun auf diese Begebenheit die Vierhundert nichts Entscheidendes vornahmen,
 so gingen Theramenes und Aristokrates und wer sonst von den Vierhundert oder von
 den Andern zu ihrer Partei gehörte, bereits entschiedener an die That.
 Gleichzeitig waren nämlich auch die Schiffe von Las herumgesegelt, hatten sich
 bei EpidauroS vor Anker gelegt und bis vor Aegina gekreuzt, und Theramenes
 sagte: wenn diese Schiffe nach Euböa segeln sollten, so habe eS doch keinen
 Sinn, daß sie bis in die Bucht von Aegina hereinkämen und dann wieder bei
 Epidauros vor Anker gingen, wenn sie nicht vielmehr eben in der Absicht
 herbeigerufen seien, deren er jene immer beschuldige. Da dürfe man jetzt nicht
 mehr ruhig zusehen. Endlich, nachdem viele aufreizende und verdächtigende Reden
 gefallen, ging man an's Werk. Die Schwerbewaffneten im Piräeus, welche an dem
 Bau auf der Eetioneia arbeiteten, und unter denen auch Aristokrates als 
 Hauptmann und Anführer seiner Stammabtheilung sich befand, ergriffen nämlich den
 AlexikleS, einen Feldherrn aus den Oligarchen, der seinen Genossen sehr ergeben
 war, brachten ihn in ein HauS und hielten ihn hier eingesperrt. Dabei half ihnen
 unter Andern auch 
 
 
 
 
 Hermon, Anführer der nach Munychia kommandirten Landwehr; und was das
 wichtigste ist, der große Haufe der Schwerbewaffneten war damit einverstanden. '
 , " 
 Als dieß den Vierhundert gemeldet wurde — sie hatten eben zufällig Sitzung im
 Rathhaus — so waren sie mit Ausnahme derer, welche mit dem Stand der Dinge
 unzufrieden waren, augenblicklich bereit, zu den Waffen zu greifen, und stießen
 Drohungen aus gegen den Theramenes und seine Genossen. Der aber wies die 
 Beschuldigungen von sich und erklärte: wie er dastehe, sei er ganz bereit, mit 
 ihnen zu gehen und den Alexikles befreien zu helfen. Er nahm auch einen der
 Feldherren mit, der mit ihm einverstanden war,-und ging nach dem Piräeus. Auch
 Aristarchos und junge Leute von den Rittern eilten dahin. Es entstand nun ein
 großer und panischer Schrecken; denn die in der Stadt glaubten, der Piräeus sei
 schön besetzt und der Gefangene ermordet, und die im Piräeus meinten, daß
 man aus der Stadt jeden Augenblick gegen sie anrücken werde. Die älteren Leute
 indeß suchten die in der Stadt Umherläufenden und zu den Waffen Eilenden
 zurückzuhalten, und auch der Pharsalier Thukydides Staatsgastsreund der Athener,
 der grade anwesend war, rief voller Eifer den Einzelnen, wie sie ihm grade in
 den Weg kamen, zu, sie möchten doch nicht, während die Feinde in der Nähe
 lauerten, ihre Vaterstadt selbst in's Verderben stürzen;- und so beruhigten sie
 sich und ließen von einander ab. ' 
 . Theramenes nun kam in den.PiräeuS — er war nämlich auch Feldherr — und schrie
 die Schwerbewaffneten laut an und thah als ob er ihnen zürnte; Aristarchos aber
 und die Gegner (des Volks) waren wirklich voll Zorn und Wuth. Doch der größte
 Theil der Schwerbewaffneten trat zusammen wie zum Kampf und 
 zeigte'keineswegs Reue; und den Theramenes fragten sie, ob er denn glaube, daß
 die Befestigung in guter Absicht erbaut worden sei, und ob es nicht besser sei,
 sie niederzureißen. Da erklärte dieser: nun, wenn es ihnen gut dünke, sie
 einzureißen, so sei er auch der Meinung. Und nun erstiegen allsogleich die
 Schwerbewaffneten und viele von den Leuten im Piräeus die Mauern und rissen sie
 nieder. Dem Volks- Hausen rief man zu: wer wolle, daß die Fünftausend
 herrschten, anstatt ter Vierhundert, der solle-nur mit Hand anlegen. Demnach 
 versteckte man sich hinter den Namen der Fünftausend, und wer die 
 Volksherrschaft wünschte, wagte es nicht geradezu herauszusagen, ans 
 Furcht, die Fünftausend könnten wirklich schon erwählt sein, und man könne sich
 in Unkenntniß dessen leicht durch ein Wort verrathen Die Vierhundert hatten aber
 grade eben deßwegen weder gewollt, daß die Fünftausend erwählt würden, noch
 auch, daß es bekannt werde, sie seien noch nicht gewählt, da sie die Einsetzung
 so vieler Mitbeteiligten gradezu als eine Volksregierung betrachteten, und 
 auf der andern Seite die Gewißheit von ihrem NichtVorhandensein unter den
 Bürgern Furcht erregen mußte.

Am folgenden Tage kamen die Vierhundert trotz ihrer Bestürzung gleichwohl im
 Rathhause zusammen, die Schwerbewaffneten im Piräeus aber ließen den Alexikles,
 den sie eingesperrt hatten, frei und zogen, nachdem sie die Befestigungen
 abgetragen hatten, nach dem Dionysos-Theater im Piräeus gegen Munychia hin und
 hielten hier, Gewehr bei Fuß, eine Berathung, in der beschlossen wurde, in 
 die Stadt zu marschireu, was sie auch sofort thaten und im Anakeion 56) sich
 bewaffnet aufstellten. Hier kamen nun Einige aus den Vierhundert, die man dazu
 gewählt hatte, zu ihnen, gingen die Einzelnen an und beredeten diejenigen, die
 sie zugänglicher sahen, sich für ihre eigene Person ruhig zu verhalten und so
 auch die Uebrigen zu beschwichtigen. Sie sagten dabei: man werde die Fünftausend
 bezeichnen und aus diesen der Reihe nach, wie die Fünftausend selber 
 beschließen würden, die Vierhundert auswählen: indeß solle man ja nicht den
 Staat in's Verderben stürzen und den Feinden in die Hände liefern. Auf dieß
 viele Zureden von vielen Seiten zeigte sich denn auch der ganze Haufe der
 Schwerbewaffneten milder als Anfangs, und es trat bei ihnen jetzt mehr die
 Beforgniß für die Erhaltung des ganzen Gemeinwesens in den Vordergrund, und so
 gaben sie denn nach, unter der Bedingung, daß zur Herstellung des 
 gänzlichen Einvernehmens an einem bestimmten Tag eine VolkSverfamm-. lung im
 Dionysion gehalten werde.

Als nun der Tag für diese Versammlung gekommen, und im Heiligthum des Dionysos
 fast Alles schon beisammen war, 
 
 
 
 kam Plötzlich die Nachricht, daß Agesandndas mit den zweiundvierzig 
 Schiffen von Megara her an Salamis vorübersegele, und nun glaubte Jeder von der
 Volkspartei, daß jetzt eben das eintreffe, was von Theramenes und seinen
 Genossen schon längst vorausgesagt worden war, daß nämlich die Schiffe zu der
 Befestigung heransegelten, und es erschien nun als sehr heilsam, daß man
 dieselbe niedergerissen habe. Vielleicht kreuzte nun auch Agesandndas wirklich
 in Folge einer Verabredung um Epidauros und in den dortigen Gewässern; es ist
 aber auch möglich, daß er sich wegen der augenblicklichen inneren Unruhen 
 unter den Athenern dort aufhielt, in der Absicht, im günstigen Falle bei der
 Hand zu sein. Die Athener aber, sobald diese Botschaft ankam, rückten sogleich
 mit gesammter Macht im Laufschritt nach dem Piräeus, in der Meinung, daß eben
 jetzt ihr innerer Krieg stärker hervortrete, als der von den Feinden drohende,
 und daß er nicht in der Ferne seinen Sitz habe, sondern in-ihrem Hafen selbst.
 Die Einen stiegen auf die schon bereit liegenden Schiffe, Andere zogen die
 übrigen in's Wasser, und wieder Andere eilten zur Abwehr aus die Mauern und an
 die Mündung des Hafens.

Die Schiffe der Peloponnesier fuhren aber vorüber, umsegelten Sunion und gingen
 zwischen Thorikos und Prasia vor Anker; später gingen sie bis Oropos. Die
 Athener waren genöthigt, sich in der Eile auch ungeübter Schiffsmannschaft zu
 bedienen, da die Stadt in innerem Zwiespalt lag, und sie so rasch als möglich
 einer solchen Lebensfrage wegen sich zur Abwehr stellen wollten — denn bei
 der Absperrung Attika's war Euböa jetzt ihr Alles — und so schickten sie den
 ThymochareS als Anführer mit Schiffen nach Eretria, welche, mit dem schon früher
 bei Euböa stationirten Geschwader vereinigt, sechsunddreißig Segel ausmachten.
 Dieselben wurden auch sofort zu einem Seegefecht gezwungen. AgefandridaS 
 nämlich ließ seine Leute das Frühmahl nehmen und kam dann von OropoS her
 angesegelt, welches von der Stadt der Eretrier ungefähr sechzig Seestadien
 entfernt liegt. Als er nun heransteuerte, befahlen auch die Athener sogleich
 ihre Schiffe zu bemannen, im Glau­ 
 
 ben, daß ihre Mannschaft sich in der Nähe der Fahrzeuge aufhalte. 
 Diese hatten aber, als sie nach Lebensmitteln ausgingen, auf dem Markte
 Nichts zu ihrer Mahlzeit gefunden — die Eretrier hatten es nämlich so
 veranstaltet, daß hier Nichts zum Kauf geboten wurde — sondern nur in den
 entlegensten Häusern der Stadt, damit die Athener ihre Schiffe nur langsam
 bemannen könnten, während die Feinde sie bereits anfielen und nöthigten, zum
 Kampfe anszulaufen, wie sie gerade waren. Den Feinden war auch von Eretria aus
 ein Zeichen nach OropoS gegeben worden, wann sie auslaufen sollten. So schlecht
 gerüstet also fuhren die Athener aus und nahmen den Seekampf vor dem Hafen
 der Eretrier an. Gleichwohl hielten sie eine ziemliche Zeit Stand, dann aber
 wurden sie zur Flucht gezwungen und gegen das Land hin verfolgt. Und die von
 ihnen, welche sich nach Eretria, als in eine befreundete Stadt, flüchteten,
 zogen sich das schmählichste Schicksal zu, denn sie wurden von den Eretriern
 ermordet. Die sich aber in das Kastell der Stadt warfen, welches die Athener
 besetzt hielten, retteten sich, und so auch diejenigen Schiffe, welche nach
 Chalkis entkamen. Die Peloponnesier hatten aber zweiundzwanzig Schiffe der
 Athener genommen und die Mannschaft theils getödtet, theils gefangen genommen
 und stellten dann ein Siegeszeichen auf. Und nicht lange danach hatten sie den
 Abfall von ganz Euböa, nur Oreos ausgenommen, bewirkt — diese Stadt nämlich
 hielten die Athener noch besetzt — und auch alles Umliegende unter sich 
 gebracht.

Der Athener aber, als die Nachricht von diesen Ereignissen bei Euböa in die
 Stadt kam, bemächtigte sich die allergrößte Bestürzung, so wie sie früher nie
 dagewesen. Denn weder das Unglück auf Sicilien, obgleich es damals hoch genug
 angeschlagen wurde, noch sonst irgend ein anderer Unfall hatte sie so in Furcht
 und Schrecken gesetzt. Das Heer auf Samos war von ihnen abgefallen, andere 
 Schiffe waren nicht mehr da, noch auch Leute zur Bemannung; sie selbst waren
 unter sich zwiespältig, und keinen Augenblick war man sicher, ob es nicht unter
 ihnen selbst zum Losschlagen käme; und nun war noch ein solches Unglück
 dazugekommen, durch welches sie ihre Schiffe und, was das Wichtigste war, Euböa
 verloren, woher sie mehr Nutzen gehabt hatten, als aus Attika; — wie hatten sie
 da 
 
 also nicht den Muth verlieren sollen? Am allermeisten beunruhigte sie aber
 die in nächster Nahe drohende Gefahr, wenn die siegreichen Feinde es wagen
 würden, sogleich gegen den Piräeus loszusegeln, der von Schiffen ganz entblößt
 war, und jeden Augenblick glaubte man, sie müßt«-« erscheinen. Und in der That
 hätten die Feinde dieß leicht durchgesetzt, wenn sie nur etwas kühner gewesen
 wären; und entweder hätten sie, wenn sie die Stadt blokirten, das Zerwürsniß in
 derselben noch erweitert, oder wenn sie sich festsetzten und dieselbe
 belagerten, die athenischen Schiffe von Jonien, trotz deren Feindschaft gegen
 die Oliga-rchie, herbeizukommen gezwungen, um den eigenen Angehörigen und
 dem Gesammtstaat Hülfe zu leisten; und in diesem Falle wäre der Hellespont und
 Jonien und die Inseln und alles Land bis Euböa hin, und sozusagen die ganze
 Herrschaft der Athener ihnen in die Hände gefallen. Aber nicht nur bei dieser
 Gelegenheit allein zeigten sich die Lakedämonier den Athenern als Feinde, deren
 Kriegführung den Vortheil auf ihrer Seite ließ, sondern auch in vielen anderen.
 Schon im Charakter beider Theile lag der größte Gegensatz; sie selbst 
 waren rasch, jene langsam, — sie unternehmend, jene bedenklich; und hierin lag
 besonders für die Erhaltung ihrer Seeherrschaft der größte Nutzen. DaS haben
 besonders die Syrakusaner gezeigt, die dem Charakter nach den Athenern am
 nächsten standen und sie auch mit dem besten Glück zu bekämpfen wußten.

Auf jene Nachricht hin bemannten die Athener gleichwohl zwanzig Schiffe und
 beriefen eine Volksversammlung, und zwar jetzt zum ersten Male auf die
 sogenannte Pnyx, wo sie auch sonst zu tagen gewohnt waren, setzten die
 Vierhundert ab und beschlossen, die Staatsgeschäfte den Fünftausend zu übergeben
 — unter dieselben wählbar sollte Jeder sein, der als Schwerbewaffneter diente —
 und keinerlei Amt und Behörde sollte Gehalt empfangen; und falls Einer sich dem
 nicht fügen wollte, so legten sie den Fluch darauf. Es wurden auch noch
 weitere zahlreiche Versammlungen abgehalten, in deren Folge Gesetzgeber gewählt
 und auch sonst die nöthigen Beschlüsse für die Verwaltung gefaßt wurden. Und
 gewiß ist in der ersten Zeit Athen, soweit meines Lebens Erfahrung reicht, auf's
 Beste regiert worden; denn es fand eine maßvolle Mischung der oligarchischen und
 demokratischen Regierungsgrundsätze Statt, und das war es auch, waS 
 den Staat aus dem Unglück zuerst wieder emporbrachte. Es wurde 
 auch beschlossen, daß Alkibiades und Andere mit ihm zurückkehren durften,
 und an ihn selbst, sowie an das Heer aus Samos schickte man Botschaft, daß sie
 sich an der Staatsführung wieder betheiligen sollten.

Während dieser Umwandlung der Verfassung gingen gleich Anfangs die Genossen des
 Peisandros und AlexikleS, und wer sonst bei der Oligarchie zumeist betheiligt
 war, heimlich davon und nach Dekeleia über. Nur Aristarchos allein raffte
 schnell einige der wildesten Kerle unter den barbarischen Bogenschützen
 zusammen, denn zufällig war er auch Feldherr, und rückte vor Oenoe. Dieß war ein
 Kastell der Athener auf der Gränze gegen Böotien, welches damals die
 Korinther belagerten, weil sie durch die Besatzung desselben ein Unglück
 erlitten, die nämlich ihre von Dekeleia zurückmarschirende Mannschaft
 zusammengehauen hatte. Auf ihre Einladung hatten sich auch die Böotier
 freiwillig angeschlossen. Mit diesen Belagerern nun machte Aristarchos
 gemeinsame Sache und täuschte auch die in Oenoe, indem er ihnen vorlog, die
 Athener in der Stadt hätten sich mit den Lakedämoniern verglichen, und unter
 Andern sollten auch sie den Platz den Böotiern übergeben, denn das sei "auch in
 dem Vertrage bestimmt. Jene aber glaubten ihm, da er Feldherr war, und sie 
 selbst der Belagerung wegen von Nichts Kenntniß hatten, und verließen den Platz
 gegen freien Abzug. Auf diese Weise nahmen die Böotier Oenoe in Besitz, und auf
 die erzählte Art fand die oligarchische Regierung und die Parteiung in Athen ihr
 Ende.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer geschah mit den Peloponnesiern vor Milet
 Folgendes. Von denen, welche Tissaphernes bei seiner Abreise nach Aspendos dazu
 eingesetzt hatte ^8), lieferte ihnen Keiner die Verpflegung, und weder die
 phönikischen Schifft, noch auch Tissaphernes wollten sich blicken lassen;
 Philippos aber, der mit jenem abgeschickt worden war, und ein anderer
 spartiatischer Mann, Namens Hippokrates, welcher sich damals zu PhaseliS
 aufhielt, hatten an Mindaros den Admiral, geschrieben, daß die Schiffe 
 
 
 
 nicht erscheinen würden und daß Tissaphernes sie in Allem und Jeglichem zu
 ihrem Schaden betrüge. Gleichzeitig nun hatte sie auch Pharnabazos eingeladen,
 der sich eifrig darum bemühte, ihre Schiffe an sich zu ziehen und ebenfalls so,
 wie Tissaphernes, die noch übrigen Städte in seinem Gebiete zum Abfall von den
 Athenern zu bringen, in der Hoffnung, davon einigen Vortheil zu haben. So ging
 denn Mindaros in bester Ordnung, und nachdem er den Befehl dazu erst im
 letzten Augenblick ertheilt hatte, damit die Athener auf Samos Nichts merkten,
 mit dreiundsiebenzig Schiffen von Milet unter Segel nach dem Hellespont. Es
 waren aber in demselben Sommer schon früher sechzehn Schiffe dorthin gegangen,
 welche auch einen Theil der Küsten des Hellespont verheert hatten. Er selbst
 indeß wurde vom Sturm überfallen und genöthigt, bei Ikaros vor Anker zu gehen,
 wo er wegen der Unsee fünf oder sechs Tage liegen blieb und dann nach
 Chios ging.

Thrasyllos aber, sobald er erfahren hatte, daß jener von' Milet abgefahren sei,
 ging ebenfalls sogleich von Samos mit fünfuudfünfzig Schiffen in See und beeilte
 sich, um wo möglich noch vor jenem in den Hellespont einzufahren. Als er aber
 hörte, daß jener zu Chios sei, so stellte er, in der Meinung, derselbe werde
 dort länger verweilen, auf Lesbos und dem gegenüberliegenden Festland 
 Späher auf, damit eS ihm nicht entgehe, wenn die feindlichen Schiffe irgendwohin
 steuern sollten; er selbst aber fuhr nach Methymne und befahl, hier Mehl und die
 anderen Lebensmittel in Bereitschaft zu halten, damit er, falls längere Zeit
 verginge, von Lesbos aus Angriffe auf Chios machen könne. Zugleich wollte er
 auch vor Eresos auf Lesbos segeln, welche Stadt abgefallen war, um sie wo
 möglich einzunehmen. Es hatten nämlich Verbannte der Methymnäer, welche zu
 den Reichsten und Vornehmsten gehörten, von Kyme gegen fünfzig freiwillige
 Schwerbewaffnete herübergebracht und auf dem Festland Mannschaft in Sold
 genommen, Alle zusammen gegen dreihundert. Unter Führung des Thebaners
 AnaxandroS, welcher der Stammverwandtschaft wegen 6") zu ihnen gekommen, machten
 sie zuerst einen Angriff auf Methymne. Bei diesem Versuche aber wurden sie durch
 
 
 die Athener, welche schon vorher von Mytilene als Besatzung gekom- 
 men waren, zurückgeworfen und dann nochmals auf offenem Felde geschlagen,
 worauf sie sich durch das Gebirg zogen und Eresos zum Abfall brachten.
 Thrasyllos erschien nun mit sämmtlichen Schiffen . vor dieser Stadt und dachte
 sie zu erstürmen. Vor ihm war aber auch sehon Thrasybulos mit fünf Schiffen von
 Samos her daselbst erschienen, als ihm jene Ueberfahrt der Verbannten gemeldet
 worden war. Da er aber schon zu spät kam, so war er dann vor Eresos 
 gegangen und hielt die Stadt blokirt. Auch vom Hellespont her stießen zwei
 Schiffe zu ihnen, die auf der Heimfahrt begriffen waren, und dazu noch die der
 Methymnäer. Im Ganzen waren siebenundsechzig Schiffe versammelt, mit deren
 Mannschaft sie unter Anwendung der Maschinen und aller anderen Mittel Eresos
 kräftigst zn bestürmen gedachten, um es wo möglich zu nehmen.

Mindaros und die peloponnesischen Schiffe hatten sich unterdessen in zwei Tagen
 aus Chios verproviantirt, wozu noch jeder Mann drei Vierzigstel-Stücke von den
 Chiern erhielt, wie sie daselbst in Gebrauch sind, und gingen am dritten Tag
 schnell von Chios in See, indem sie, um den Zusammenstoß mit den Schiffen 
 vor Eresos zu vermeiden, nicht aus's hohe Meer hinaushielten, sondern, Lesbos
 links lassend, gegen das Festland hinschifften. Auf dem Phokäischen Gebiet
 landeten sie im Hasen von Karteria, nahmen hier das Frühmahl ein, segelten dann
 weiter an der Küste von Kyme hin und hielten das Spätmahl bei Argennusä auf dem
 Festland, gegenüber von Mytilene. Von dort segelten sie weiter, als es noch
 tiefe Nacht war, und kamen nach Harmatus am Festland, Methymne gegenüber,
 wo sie das Frühmahl nahmen und dann, weiter an der Küste hin rasch bei Lekton
 und Larissa und Hamaxitos und den an» dern dortigen Städten vorüber schiffend,
 bei Rhoiteion, schon am HelleSpont, etwas vor Mitternacht anlangten. Einige der
 Schiffe gingen auch vor Sigeion und andern Plätzen jener Gegend vor Anker.

Die Athener aber, welche mit achtzehn Schiffen vor Sestos lagen, als ihnen ihre
 Späher die Feuerzeichen gaben ^), 
 
 
 
 und fie auch an den feindlichen Küsten plötzlich die vielen Feuer 
 erblickten, erkannten daraus, daß die Peloponnesier in den Hellespont 
 eingelaufen seien, und zogen sich noch in derselben Nackt, so, wie sie waren, in
 aller Eile mehr gegen den Cbersonnes und fuhren längs der Küste gegen Elaius
 hin, um auf offenem Meere den feindlichen Schiffen zu entkommen. Und wirklich
 entgingen sie auch den sechzehn Schiffen bei Abydos, obgleich diesen schon
 vorher von den ansegelnden Freunden anbefohlen worden war, gute Wacht zu halten,
 wenn jene hinaussegeln wollten. Mit Sonnenaufgang aber kamen sie den 
 Schiffen des Mindaros in Sicht und wurden von diesen sogleich in Jagd genommen.
 Zwar entkamen sie nicht alle, aber doch konnten sich die meisten nach JmbroS und
 Lesbos flüchten : die vier aber, welche zuhinterst segelten, wurden bei Elaius
 genommen. Eins davon, welches beim Tempel des Protesilaos auf deu Strand lief,
 nahmen die Feinde, mit sammt der Mannschaft, zwei andere, ohne die
 Bemannung, und eines leer bei Jmbros, welches sie in Brand steckten.

Danach vereinigten sich die Peloponnesier mit den sechs Fahrzeugen von Abydos
 und den übrigen und belagerten, in Allem sechsundachtzig Segel stark, während
 desselben ganzen TageS ElaiuS, und fuhren dann, da die Stadt nicht überging,
 nach Abydos zurück. 
 Die Athener aber, die sich in ihrem Vertrauen aus die ausgestellten Späher
 betrogen sahen und gar nicht geglaubt hätten, daß die feindlichen Schiffe
 unbemerkt vorüberfahren könnten, sondern in aller Sicherheit nur die Bestürmung
 der Mauern im Auge hatten, verließen jetzt, als sie die Nachricht erhielten,
 sogleich Eresos, um in aller Eile dem Hellespont zu Hülfe zu kommen. Auch nahmen
 sie zwei Schiffe der Peloponnefier, welche in allzu kühner Verfolgung sich
 zu weit in die offene See gewagt hatten und jetzt unter fie geriethen. Tags
 darauf kamen sie an und gingen bei ElaiuS vor Anker; dann zogen sie die nach
 JmbroS geflüchteten Schiffe an sich und rüsteten sich durch fünf Tage zur
 Seeschlacht.

Danach kam es denn auch zum Seekampf, und eS ging dabei also her. Die Athener
 stellten sich in Eine Linie und steuerten dicht an der Küste hin gegen Sestos,
 und die Peloponnefier, als sie dies bemerkten, kamen ihrerseits von Abydos
 hergesegelt. Als man 
 nun beiderseits sah, daß es zum Kampfe kommen werde, dehnten die 
 Athener ihre Linie am Ehersonnes hin aus, so daß dieselbe, 
 sechSundsiebenzig Segel stark, von Jdakos bis Arrhiana reichte; die 
 Peloponnesier aber, achtundsechzig Segel stark, reichten von Abydos bis 
 Dardanos. Den rechten Flügel der Peloponnesier hatten die Syrakusaner inne, den
 andern Mindaros und die besten Segler unter seinen Schiffen. Bei den Athenern
 befehligte auf dem linken Flügel Thrasyllos, aus dem rechten Thrasybulos, und
 die andern Feldherrn,' wie sie dazwischen eingetheilt waren. Die Peloponnesier
 beeilten sich nun, mit dem Angriff zuvorzukommen, dem rechten Flügel der 
 Athener, den sie mit ihrem linken überragten, wo möglich die Ausfahrt auS der
 Meerenge zu verschließen und ihre Mitte gegen das Land hin zu drängen, das nicht
 weit entfernt war. Die Athener merkten dieß aber und dehnten da, wo die Gegner
 sie abzusperren gedachten, ebenfalls ihre Linie weiter aus und kamen ihnen an
 Schnelligkeit zuvor. Ihr linker Flügel aber überragte schon das Vorgebirge,
 welches Kynos-Sema genannt wird. In ihrem Centrum standen in Folge dessen
 die Schiffe in schwächerer und weit auseinander gezogener Linie, zumal sie hier
 auch an Zahl der Fahrzeuge im Nachtheil waren, wozu noch kam, daß das Vorgebirge
 Kynos-Sema einen spitzwinkeligen Vorsprung bildet, so daß man nicht sehen
 konnte, waS auf der andern Seite vorging.

Die Peloponnesier griffen nun in der Mitte an, trieben die Schiffe der Athener
 auf'S Ufer und verfolgten sie sogar auf dem Lande, waren also hier bei Weitem im
 Vortheil; die vom rechten Flügel unter Thrasybulos konnten wegen der Menge der
 sie bedrängenden Schiffe ihrem Centrum nicht zu Hülfe kommen, und die vom 
 linken Flügel unter Thrasyllos eben so wenig, da Kynos-Sema deS Vorgebirges
 wegen von ihnen nicht gesehen werden konnte, und zugleich auch die Syrakusaner
 und die übrigen, die in nicht schwächerer Zahl ihnen gegenüber standen, sie sehr
 in die Enge trieben. Zuletzt aber wurden die Peloponnesier, weil sie siegreich
 waren, sorglos und fingen an, die Einen dieß, die Andern jenes Schiff zu
 verfolgen, wodurch ein Theil ihrer Flotte in Unordnung gerieth. Als die unter
 Thrasybulos ihrerseits merkten, daß die feindlichen Schiffe eben angreifen
 wollten, so hielten sie in der weiteren Ausdehnung ihres Flü- 
 
 gels inne, machten die halbe Wendung gegen den Feind, schlugen gleich den
 ersten Angriff desselben zurück und trieben ihn in die Flucht. Dann trafen sie
 auf den siegreichen Theil der peloponnesischen Schiffe, der in Verwirrung
 umherfuhr, stießen sie mit ihren Schnäbeln an und jagten die meisten ohne
 Schwertstreich in die Flucht. Auch die Syrakusaner waren ihrerseits schon vor
 denen unter Thrasyllos gewichen und eilten jetzt um so mehr davon zu kommen,
 da sie auch die andern fliehen sahen.

Während die Peloponnesier nach entschiedener Niederlage zuerst meist nach dem
 Meidios-Fluß und dann nach Abydos flohen, nahmen ihnen die Athener zwar nur
 wenige Schiffe ab — denn der schmale Hellespont gewährte den Feinden in nächster
 Nähe Zufluchtsörter — aber doch war ihnen dieser Sieg zur höchsten und 
 gelegensten Zeit gekommen. Denn während sie bis dahin die Seemacht der 
 Peloponnesier wegen der kleinen Schlappen, die sie erlitten, und wegen des
 Unglücks auf Sicilien gefürchtet hatten, durften sie jetzt aufhören, sich selbst
 in ihrer Meinung herabzusetzen und die Feinde für berufen zur Seemacht zu
 halten. Von den Schiffen der Gegner hatten sie acht Chiische, fünf Korinthische,
 zwei Amprakiotische und zwei Böotische. und von denen der Leukadier,
 Lakedämonier, Syrakusaner und Pelleneer je eins genommen; sie selbst hatten
 fünfzehn der ihrigen verloren. Nachdem sie auf dem Vorgebirge, wo Kynos- 
 Sema liegt, ein Siegeszeichen aufgestellt, die Schiffstrümmer gesammelt und den
 Gegnern unter dem Schutze eines Vertrages ihre Todten herausgegeben hatten,
 schickten sie auch einen Dreiruderer nach Athen als Boten des Sieges. Als dieß
 Schiff ankam und die zu Hause das ganz unverhoffte Glück vernahmen, so faßten
 sie nach den eben erlittenen Niederlagen bei Euböa und den gefahrvollen 
 Ereignissen während ihres inneren Zerwürfnisses wieder viel mehr Muth, und sie
 glaubten jetzt wieder, daß sie doch noch im Stande seien, den Sieg
 davonzutragen, wenn sie nur mit Eifer an'S Werk gingen.

Am vierten Tage nach der Seeschlacht, als die Athener ihre Schiffe bei Sestos
 in aller Eile wieder in Stand gesetzt hatten, gingen sie in See gegen das
 abgefallene Kyzikos, und als sie bei Harpagion und Priapos die acht Schiffe von
 Byzanz vor Anker liegen sahen, steuerten sie darauf los, besiegten die an'S Land
 Gegan genen in einem Gefecht und nahmen die Schiffe weg. Danach er-
 
 schienen sie vor Kyzikos, das keine Mauern hatte, bewogen es wieder zum
 Uebertrltt und legten ihnen eine Geldzahlung aus. Zu gleicher Zeit segelten die
 Peloponnesier von Abydos nach Elaius, nahmen diejenigen von ihren Verlornen
 Schiffen, die noch seetüchtig waren, mit — die übrigen hatten die Elaiusier
 verbrannt — und schickten den Hippokrates und den Epikles nach Euböa, um die
 Schiffe von dort herüberzubringen.

Um eben diese Zeit war auch Alkibiades mit den drei-, zehn Schiffen von Kaunos
 und Phaselis nach Samos zurückgekehrt und meldete, daß er die Vereinigung der
 Phönikischen Schiffe mit denen der Peloponnesier abgewendet und den
 Thiffaphernes noch mehr für die Athener gewonnen habe als vorher. Dann bemannte
 er zu seinen Schiffen noch neun andere, trieb von der Stadt Haltkarnaffos
 viel Geld ein und befestigte Kos. Hieraus und nachdem er einen Statthalter auf
 Kos eingesetzt, schiffte er gegen den Spätherbst wieder nach Samos zurück. 
 Tissaphernes nun, als er hörte, daß die Schiffe der Peloponnesier von Milet
 nach dem HelleSpont abgesegelt seien, brach von Aspendos aus und eilte nach
 Jonien. Während die Peloponnesier noch im Hellespont waren, hatten die
 Antandrier, welche Aeolischer Abstammung sind, von Argos her auf dem Landweg
 über das Jda- Gebirg Schwerbewaffnete kommen lassen und dieselben in ihre Stadt
 gebracht, da sie von dem Perser Arsakes, des Tissaphernes 
 Unterstatthalter, bedrückt wurden. Derselbe hatte nämlich auch den Deliern,
 welche sich in Adramyttion,angesiedelt hatten, als sie damals durch die Athener
 der Reinigung von Delos wegen vertrieben worden waren als seinen Freunden und
 Bundesgenossen, ihre besten Männer aus der Stadt gelockt, indem er Krieg gegen
 einen geheimzuhaltenden Feind vorgab. Er hatte dann abgewartet, bis sie ihr
 Frühmahl bereiteten, sie dabei von seinen Leuten umstellen und mit Speeren
 zusammenschießen lassen. Jene fürchteten nun wegen dieser That, daß er auch
 gegen sie etwas Gottloses im Schilde führe, und weil er ihnen auch sonst
 unerträgliche Lasten aufgebürdet, so verjagten sie seine Besatzung aus der Burg.

Als nun Tissavhernes auch von
 dieser That der Peloponnesier Nachricht erhielt, zu dem, was bereits in Milet
 und Knidos geschehen war — denn auch hier waren seine Besatzungen verjagt 
 worden — so glaubte er, bei ihnen sehr schlecht angeschrieben zu sein, und da er
 befürchtete, daß sie ihm auch sonst noch Schaden thun möchten, und eS ihn
 zugleich auch sehr gekränkt hätte, wenn PharnabazoS in der viel kürzeren Zeit,
 seitdem er die Peloponnesier an sich gezogen, und mit geringerem Geldaufwand
 einen besseren Erfolg gegen die Athener erzielen sollte, so entschloß er sich,
 zu ihnen nach dem HelleSpont zu reisen, um sie wegen des zu AntandroS 
 Geschehenen zu tadeln und sich gegen die Beschuldigungen der Phönikischen 
 Schiffe und anderer Dinge wegen aus die möglichst glaubwürdige Weise zu
 rechtfertigen. Und zuerst brachte er, zu EphesoS angekommen, der Artemis ein
 Opfer ^). der Winter, der auf diesen Sommer folgt, abgelaufen sein wird, so ist
 das einundzwanzigste Jahr erfüllt^ 65).